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Tödliches Erwachen

von D.P. Lyle (Autor) Dorothee Scheuch (Übersetzung)

2021 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Privatdetektiv Jake Longley und seine Exfreundin Nicole Jamison fahren auf Bitten von Nicoles Onkel, dem bekannten Filmproduzenten Charles Balfour, nach New Orleans. Der Grund: Moviestar Kirk Ford erwachte in seinem Hotelbett mit der Leiche von Kristi Guidry, einer College-Studentin. Ein Skandal! Ford, der sich für Dreharbeiten in New Orleans aufhält, kann sich an den Abend und die tödlichen Ereignisse nicht erinnern. Als sich herausstellt, dass Kristi die Nichte eines hiesigen Mafiabosses ist, der ihren Tod um jeden Preis rächen will, tickt die Uhr. Umgeben von glitzernden Hollywood-Stars und eingeschüchtert von zwielichtigen Unterweltfiguren, stoßen Jake und Nicole auf jede Menge Hindernisse. Doch sie setzen alles daran, den wahren Mörder zu finden. Schließlich ist Jake der coolste Detektiv der Westküste und sollte den Fall knacken …

Impressum

dp Verlag

Deutsche Erstausgabe März 2021

Copyright © 2021 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96817-012-1

Copyright © Dezember 2017 by Oceanview Publishing
Titel des englischen Originals: A-List

Übersetzt von: Dorothee Scheuch
Covergestaltung: Buchgewand
unter Verwendung von Motiven von
depositphotos.com: © benjaminlion
stock.adobe.com: © evannovostro, © jason chen/EyeEm
shutterstock.com: © inLite studio
Korrektorat: KoLibri Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

 

 

 

Für meinen verstorbenen Vater Victor Wilson Lyle, der mir alles beigebracht hat. Vor allem, dass zuerst die Arbeit kommt und dann das Vergnügen. Immer. Er liebte New Orleans. Es vergeht kein Tag, an dem du nicht schmerzlich vermisst wirst.

Danksagung

Mein Dank geht an meine wunderbare Agentin und Freundin Kimberley Cameron von Kimberley Cameron & Associates. KC, du bist die Beste.

An Bob und Pat Gussin und all die mit Hingabe arbeitenden Menschen bei Oceanview Publishing. Danke für eure Freundschaft und eure Unterstützung, die aus meinen Büchern das Beste herausholen.

An meine Autorengruppe, die mir geholfen hat, damit diese Geschichte funktioniert. Danke an Terri, Barbara, Craig, Donna, Sandy und Laurie.

Kapitel eins

Ich mag viele Dinge. Meinen 1965er Mustang. Burgunderrot mit Black-Pony-Interieur. Captain Rocky’s Surf and Turf, meine Bar, die am Strand von Gulf Shores lag. Das Leben an der Golfküste, wo ich bisher die meiste Zeit verbracht habe. Das ist auch ziemlich cool. Und dann sind da noch die Erinnerungen an ein paar epische Spiele während meiner Karriere als Major-League-Pitcher für die Texas Rangers. Das war ich. Jake Longly. Baseballprofi. Fastballs, die über neunzig Meilen pro Stunde erreichten, und genügend Effet hatten, dass die Schlagmänner sich in den Boden schrauben mussten. Doch das war in einem anderen Leben gewesen, das lange vorbei war. Hinfortgeblasen an einem kalten Abend in Cleveland von einer gerissenen Rotatorenmanschette. Nur wenige Pitcher erholen sich von so etwas. Ich sicher nicht.

Doch ganz oben auf der Liste der Dinge, die ich mochte, stand einer großartigen, fast nackten Frau dabei zuzusehen, wie sie sich auf dem Fußboden herumrollte. Es war eher ein Drehen, Dehnen und Strecken in einer Art Pilates oder Yoga oder so. Ich konnte diese Dinge nicht auseinanderhalten. Aber wie auch immer es heißen mochte, es sah sicher besser aus als Liegestütze im Wechsel mit Strecksprüngen.

Die Frau, um die es ging, war Nicole Jamison. Meine aktuelle Freundin. Ich denke, das war sie. Obwohl wir einander erst wenige Wochen kannten, erschien es mir länger. Als wären wir schon immer zusammen gewesen. Bisschen gruselig. Definitiv nicht normal für mich, denn bisher war es eher eine Aneinanderreihung von One-Night-Stands gewesen. Ja, ich weiß, nicht korrekt, aber wenigstens bin ich damit ehrlich.

Jeder konnte sehen, warum ich mich mit ihr abgab. Ich meine, atemberaubend traf es nicht ganz. Diese blonden Haare, das perfekte Lächeln und diese Augen. Oh ja. Blauer als blau. Tief, lebhaft und intelligent. Und natürlich dieser Körper. Oh mein Gott.

Warum sie mich akzeptierte, war eine komplett andere Geschichte. Ich konnte ein wenig schwierig sein. Meinte sie jedenfalls. Meine Ex-Frau Tammy würde ihr von ganzem Herzen zustimmen und eine Reihe handverlesener Schimpfwörter hinzufügen. Nicht unverdient natürlich, doch unser Experiment einer harmonischen Ehe war vor Jahren zusammengebrochen. Man könnte meinen, dass sie mittlerweile sanft geworden wäre, doch Tammy wurde nicht sanft.

Wahrscheinlich sollte ich mich gemeinsam mit Nicole auf die Matte begeben und dieselben Übungen machen, aber nie im Leben könnte ich meinen Körper in die Positionen bringen, die sie dort einnahm. Nicht jetzt. Und noch nicht einmal, als ich ein junger Baseballprofi gewesen war.

Sie trug einen pfirsichfarbenen Sport-BH und schwarze Shorts, die auf ihre festen Hüften gemalt zu sein schienen. Bei ihr sah alles so einfach aus. Für das Auge zumindest. Meine Güte.

Statt einen dauerhaften Rückenschaden und einen Besuch beim Orthopäden zu riskieren, lümmelte ich auf dem Sofa herum, schlürfte Kaffee und gab vor die Zeitung zu lesen, wobei ich in Wahrheit jede ihrer Bewegungen beobachtete.

„Hör auf mich anzugaffen“, sagte Nicole.

„Angaffen?“

„Gut, sabbern.“ Sie rollte sich auf ihre Schulterblätter und fuhr mit ihren Beinen in einer Geschwindigkeit Fahrrad, dass diese Tour-de-France-Typen neidisch geworden wären. Ein feiner Schweißfilm glänzte auf ihrem perfekten Gesicht.

„Das würde ich niemals tun.“

Sie lächelte. „Das hört sich aber anders an als das, was du letzte Nacht gesagt hast.“

Da hatte sie recht. Die letzte Nacht war gut in den neuen Tag übergegangen. Um zwei Uhr nachts, wenn ich mich richtig erinnere. Natürlich war meine Erinnerung an die letzte Nacht bestenfalls fragwürdig. Wir hatten mit Rum im Captain Rocky’s angefangen, sind dann bei Nicole zu Hause im Whirlpool zu Tequila übergegangen und haben im Bett noch einen Blunt geraucht. Gefolgt von all diesem Sex, der mit Nicole ein sportliches Ereignis war. Mein Hirn war mehr oder weniger Haferbrei. Das konnte sie anrichten. Wenn man all das zusammenzählt, ist klar, dass ich Probleme hatte so früh in Gang zu kommen.

Ich faltete die Zeitung zusammen, legte sie auf den Beistelltisch und massierte mir die Schulter.

„Immer noch steif?“, fragte sie.

„Ein bisschen.“

Es war erst vor einer Woche gewesen, dass wir mitten in der Nacht aus einer Höhe von dreißig Fuß vom Deck der Sea Witch gesprungen waren, der Hundert-Fuß-Megajacht, die dem verstorbenen Victor Borkov gehört hatte. Direkt ins kalte, dunkle, vom Sturm zerwühlte Wasser des Golfs. Wir sind nicht freiwillig gesprungen, so viel steht fest. Aber es war entweder das oder wir wären hineingeworfen worden, und zwar gefesselt an einen massiven Eisenring, der uns in den Schlick gezogen hätte, der sich mehrere hundert Fuß unter jeglicher Frischluft befand. Das war offenbar Borkovs bevorzugte Methode sich derjenigen zu entledigen, die sich ihm entgegenstellten oder ihm einfach missfielen. Wie die Wilbanks-Brüder. Unsere Reise auf den Grund des Golfs wäre Borkovs Killern Joe Zuma und Frank Boyd zu verdanken gewesen. Diese beiden konnten nun auch unter der Kategorie „verstorben“ abgelegt werden. Die drei befanden sich nun beim Leichenbeschauer des Escambia County drüben in der 9th Avenue in Pensacola.

Aus dreißig Fuß auf aufgewühltes Wasser zu treffen ist kein Vergnügen. Ich hatte mir eine Schulter gezerrt und meinen Rücken verrenkt; Nicole hatte sich die Hüfte geprellt und den Hals verstaucht. Unmittelbar danach ist es uns nicht aufgefallen, weil das Adrenalin unsere Gedanken auf unser Überleben gerichtet hatte. Die Schmerzen waren erst am nächsten Tag gekommen. Doch alles in allem haben wir es überstanden.

„Deshalb solltest du mit mir hier unten sein und dich dehnen“, sagte sie. „Arbeite die Schmerzen weg.“

„Mit dir in diesem Outfit könnte das gut zu etwas anderem führen.“

Sie schaukelte sich in eine sitzende Position und rieb ihr Gesicht mit einem Handtuch ab. „Zeit für eine Dusche.“ Sie stand auf. „Komm mit und wir werden sehen, ob etwas anderes passiert.“

Selbst um halb acht morgens klang das nach einem Plan. Mein Hirn mochte Haferbrei sein, aber der Rest von mir funktionierte ganz gut.

Dazu kam es jedoch nicht. Ihr Mobiltelefon klingelte. Sie nahm es vom Küchentresen und meldete sich.

„Onkel Charles?“ Sie runzelte die Stirn. „Ich kann dich kaum hören. Warte kurz.“ Sie durchquerte das Wohnzimmer und ging hinaus auf die Terrasse.

Onkel Charles musste ihr Onkel Charles Balfour sein. Berühmter Filmproduzent, Regisseur und was sonst noch so ganz oben auf der Liste stand. Ein Regiment von Oscars und eine Armee weiterer Auszeichnungen.

„Jetzt ist es besser“, sagte sie und kickte die Terrassentür zu.

Ich ging in die Küche, füllte meinen Kaffeebecher auf, lehnte mich gegen den Tresen und sah ihr dabei zu, wie sie mit dem Telefon am einen Ohr und ihrem Finger im anderen auf und ab lief. Dieses Haus gehörte Onkel Charles. Ein massiver Pfahlbau auf dem Sand von The Point, einem Reichenviertel in Perdido Beach an der Golfküste von Alabama. Ich wusste, dass er sich an einem fernen Ort in Europa aufhielt und einen Film mit riesigem Budget drehte. Ich nahm an, dass sie ihn deshalb so schlecht verstehen konnte.

In den nächsten Minuten sah ich ihr zu. Ihre Miene und ihre Körpersprache sprangen zwischen Sorge und Schock hin und her. War ihm etwas passiert?

Als sie wieder hereinkam, sagte sie einfach: „Los, komm.“

„Wohin?“

„Zu Ray.“

Ray war Ray Longly. Mein Vater. Longly Investigations. Die Privatdetektei, die Ray von seinem Zuhause in Gulf Shores aus führte. Nicht weit vom Captain Rocky’s und meinem eigenen Haus entfernt.

„Warum?“

„Ich habe einen Auftrag für uns“, sagte Nicole.

„Einen Auftrag? Für uns?“

„Nun, eigentlich für Ray. Aber, ja, für uns.“

„Wir arbeiten nicht für Ray“, sagte ich.

„Sicher tun wir das. Ich habe meinen Dienstausweis noch, den Pancake für mich gemacht hat. Das macht es offiziell.“

Meine Güte.

„Okay, Mata Hari, worum geht es bei dem Auftrag?“, fragte ich.

„Kirk Ford.“

„Der Schauspieler?“

„Der megareiche Schauspieler, der ganz oben auf jeder Liste steht.“

„Was hat der alte Kirk ausgefressen?“

„Wurde wegen Mordes verhaftet. Offenbar wurde ein Mädchen aus der Gegend heute Morgen erwürgt in seinem Bett gefunden.“

„Ich hasse es wirklich, wenn das passiert.“

„Sein kein Klugscheißer und beeil dich.“

Kapitel zwei

Das Duschen war nicht annähernd so spaßig wie es hätte sein können. Ich hoffte auf „etwas anderes“, aber Nicole war zu beschäftigt. Mehr als einmal schlug sie meine Hände fort. Zumindest ließ sie mich ihren Rücken waschen.

Wir zogen uns also an, stiegen in ihren neuen Mercedes SL und machten uns auf den Weg. Für Nicole bedeutete „sich auf den Weg machen“ mit Warp-Geschwindigkeit aus dem Wohngebiet und auf den Highway zu schießen, sehr zum Missvergnügen anderer Fahrer. Hupen und ausgestreckte Mittelfinger begleiteten uns.

Ihr alter SL, den Victor Borkovs Schläger Zuma und Boyd mit ihrem riesigen SUV geschrottet hatten, war rot gewesen; dieser hier, der Ersatz, den sie von ihrer Versicherung bekommen hatte, war weiß mit einem gesetzten, hellgrauen Interieur.

Ich hoffte, dass die weniger aggressive Farbe sie beruhigen würde. Ein Traum, der zum Scheitern verdammt war. Nicole hatte nur eine Geschwindigkeit.

Trotzdem überlebten wir die Fahrt.

Als wir auf den Parkplatz fuhren, sah ich Rays schwarzen Pick-up unter den Stützpfeilern stehen. Nicole stellte den Wagen ab. Wir stiegen die Außentreppe in den ersten Stock hinauf. Wie üblich saß Ray an seinem Terrassentisch unter dem Sonnenschirm und hatte seinen Laptop, das Telefon und eine Mountain-Dew-Limonade in Reichweite.

„Was führt euch beide so früh hierher?“, fragte er.

„Ich habe einen Fall für uns“, sagte Nicole.

„Uns?“, fragte Ray.

„Du weißt schon – du, ich, Jake.“

„Ah, dieses ‚uns‘.“ Ray sah mich an und dann wieder Nicole. „Ihr arbeitet also noch für Longly Investigations?“

Nicole: „Ja.“

Ich: „Nein.“

Nicole ignorierte mich. „Ja, das tun wir. Ich habe sogar meinen Dienstausweis dabei.“ Sie zog ihn aus der Gesäßtasche ihrer Jeans und hielt ihn hoch.

„Schwer zu widerlegendes Argument“, sagte Ray.

Nein, überhaupt nicht, dachte ich. Und wollte gerade genau das sagen, aber Ray fuhr bereits fort. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah mich an. „Bist du dabei?“

„Ja, ist er“, sagte Nicole.

Ich nahm an, dass mir in diesem Familienstück keine Sprechrolle zugefallen war.

„Er wird mir folgen, wo immer ich auch hingehe“, fügte sie hinzu.

Würde ich das? Natürlich würde ich.

Ray lachte. „Ich schätze, das stimmt wohl.“

Ich wollte eine scharfsinnige Antwort geben, doch mir fiel keine ein.

„Also, worum geht’s?“, fragte Ray. „Hast du deine Brieftasche verloren?“

Sie sah zuerst ihn und dann mich böse an.

Mich? Ich habe gar nichts gesagt. Und da Ray und ich nur selten einer Meinung waren, konnte ich keine Schuld wegen Verbrüderung tragen. Oder? Offenbar schon. Nicole schüttelte den Kopf. „Der Apfel fällt nicht weit vom Baum. Ihr seid beide Blödmänner.“

Ray lachte. „Sorry. Ich konnte nicht widerstehen.“ Er nahm einen Schluck Limonade.

„Also, erzähl schon.“

Nicole setzte sich in den Stuhl Ray gegenüber. „Kirk Ford ist heute Morgen wegen Mordes verhaftet worden.“

„Der Schauspieler?“

Sie nickte. „Er ist in New Orleans und dreht gerade seinen neuesten Space-Quest-Film. Mein Onkel, Charles Balfour, ist einer der Produzenten dieser Reihe. Er rief mich an und bat mich, mir das einmal anzusehen.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Eigentlich bat er mich dich zu bitten dir das einmal anzusehen.“

Ray starrte sie einen Augenblick lang an. „Woher kennt er mich?“

„Ich habe ihm von dir erzählt“, sagte sie. „Wegen dieser ganzen Borkov-Sache und wie du uns aus dem Golf gerettet hast.“

„Ich dachte, das sei ich gewesen“, sagte ich.

Sie tätschelte lächelnd meinen Arm. „Du auch.“

„Warum tut dein Onkel das nicht selbst?“, fragte Ray.

„Er ist immer noch in Europa. In der Nähe von Paris. Dreht dort einen anderen Film.“

Ray breitete seine Hände auf dem Tisch aus. „Was wisst ihr bis jetzt?“

„Sieht so aus, als hätte sich Kirk mit einem Mädchen aus der Gegend eingelassen. Heute Morgen lag sie tot in seinem Bett. Onkel Charles sagt, dass die Polizei meint, sie sei erdrosselt worden.“

„Macht er daraus jetzt eine Gewohnheit?“

Nicole starrte ihn an. „Woraus? Frauen zu erdrosseln?“

„Nein“, sagte Ray. „Mädchen aus der Gegend aufzureißen, wenn er irgendwo ist.“

„Er ist Schauspieler. Die tun das nun mal.“

„So lese ich es in den Schlagzeilen im Laden.“ Ray leerte die Mountain-Dew-Dose und zerquetschte sie in seiner Hand, bevor er sie in den nächsten Mülleimer warf.

„Aber Kirk? Macht er das oft?“

Nicole nickte. „Er ist ein Frauenheld, sagt man. Hat einen Haufen gebrochene Herzen in seinem Fahrwasser.“

„Du kennst ihn also?“

„Seit vielen Jahren.“

„Und?“

„Er ist eigentlich ein netter Kerl. Er vögelt herum, ohne Zweifel, aber er ist dabei nicht böswillig. Zumindest denke ich das.“

„Sonst noch irgendwas?“, fragte Ray.

Sie schüttelte den Kopf. „Das ist alles, was ich weiß.“

„Ich nehme an, dass dein Onkel unser Auftraggeber ist?“

Nicole nickte.

„Ist die Polizei nicht an dem Fall dran?“

„Onkel Charles vertraut ihnen nicht. Zumindest nicht, wenn es darum geht, eine schnelle und sorgfältige Ermittlung zu führen. Der Fokus liegt auf schnell.“ Sie warf ihr Haar über ihre Schulter zurück. „Ein Filmdreh an einem Ort außerhalb des Studios kann schnell Millionen verbrennen. Wenn Kirk eingesperrt wird, muss die Produktion angehalten werden, bis er wieder herauskommt.“

„Dein Onkel Charles, kennt er unser Honorar?“

„Ja. Er sagt, er zahlt das Dreifache. Wenn nötig mehr.“

„Das gefällt mir.“ Ray hob eine Augenbraue. „Aber reagiert er nicht ein wenig über?“

Nicole stützte ihre Ellbogen auf den Tisch. „Weißt du, wer Kirk Ford ist?“

„Ja, er ist ein Schauspieler, der irgendwelche albernen Weltraumfilme macht.“

Sie schüttelte den Kopf. „Albern? Die Space-Quest-Reihe hat bisher fast zwei Milliarden Dollar eingespielt.“

Ray pfiff durch die Zähne. „Das ist ein Haufen Geld.“

„Er dreht gerade den sechsten Film. Es soll der größte und beste werden. Aber wenn Kirk von der Bildfläche verschwindet – Wortspiel nicht beabsichtigt – fällt das ganze Ding in sich zusammen.“

Ray massierte seinen Nacken. „Okay, warum fahrt ihr zwei nicht rüber nach New Orleans. Schaut euch um. Ich rufe Pancake an und wir wühlen ein bisschen herum.“

Sie stand auf. „Wir sind dran.“

Dran? Sie klang sogar wie eine Privatermittlerin.

Ray sah mich an. „Wollt ihr fliegen oder fahren?“

Fliegen kam mir in den Sinn, aber bevor ich es sagen konnte, sprach Nicole.

„Fahren“, sagte sie. „Dann sind wir schneller da.“

Oh Gott. Ich sah Geschwindigkeit und Angst in meiner Zukunft. Vielleicht ein Herzstillstand. Was mich zu einem weiteren Punkt führte. Warum setzte ich mich immer wieder ihrem Fahrstil aus? Ich sah sie an. Enge Jeans, Trägertop, wunderbare feste Bauchmuskeln. Nun, deshalb.

„Ich buche euch irgendwo ein Zimmer“, sagte Ray.

„Schon erledigt. Onkel Charles hat Marty Ebersole angerufen. Er ist der Regisseur. Wir haben eine Suite im Monteleone. Und Onkel Charles kommt, sobald er einen Flieger erwischt.“

Ray nahm den Telefonhörer auf. „Dann fahr los. Ich rufe Pancake an.“

„In Ordnung“, sagte sie.

„Und seid vorsichtig“, fügte Ray hinzu. „Ich habe auf der Seite des Wetterkanals gesehen, dass in New Orleans ein Sturm wütet, der auf dem Weg hierher ist.“

Ausgezeichnet. Nasse Straßen und Nicole im Rennfahrermodus.

Kapitel drei

Wir brauchten zwei Stunden, um allein aus Gulf Shores herauszukommen. Unser erster Halt war das Captain Rocky’s. Ich sprach mit Carla Martinez, meiner Managerin, und sagte ihr, dass ich ein paar Tage fort sein und sie die Verantwortung übernehmen würde.

Ihre Antwort: „Ich habe immer die Verantwortung. Dir gehört der Laden nur.“

Und sie hatte recht. Sie leitete den alltäglichen Betrieb. Aber ich könnte es selbst tun, wenn nötig. Doch das würde meine Freizeit beschneiden. Und Freizeit war wichtig. Natürlich sah Ray das anders. Für ihn war Freizeit verschwendete Zeit. Er hielt es sogar für unsinnig, dass ich eine Bar besaß. Er meinte, ich sollte mich ihm anschließen und Privatermittler sein. Ja, als wenn das je passieren würde.

Doch während Carla mir einen Abriss über die Einnahmen und Ausgaben sowie die Essens- und Getränkebestellungen der letzten Woche gab und während ich nickte, als würde ich tatsächlich zuhören, dämmerte mir, dass Ray mich einmal mehr in seinen Dunstkreis gezogen hatte. Hier war ich, auf dem Weg nach New Orleans. Um für Ray zu arbeiten. Wie zur Hölle war das passiert?

Dann warf ich Nicole einen Blick zu. Durch die Fenster. Sie war auf der Terrasse, lehnte sich ans Geländer und starrte auf den Golf hinaus. Das erklärte alles. Ich meine, man musste sie sich nur ansehen.

Ich ließ in der Küche ein paar Burritos zum Frühstück und eine Thermoskanne Kaffee einpacken. Dann fuhren wir zuerst zu mir und dann zu Nicole nach Hause, um ein paar Sachen zu holen. Ich brauchte zwanzig Minuten; Nicole zehn. Ich habe nie eine Frau so schnell und effizient packen sehen.

Wir rasten aus The Point heraus und schossen zwanzig Minuten später auf der I-10 nach Westen. Warp-Faktor 4. Nicole ließ die 429 Pferde unter der Haube arbeiten. Ich klammerte mich fest und hielt die Klappe. Für eine Weile zumindest.

„Was gibt es zu Kirk Ford noch zu sagen?“, fragte ich, als wir durch ein ländliches Gebiet fuhren. Es hatte zu nieseln begonnen und der Horizont sah dunkel und bedrohlich aus. Wunderbar.

„Nur, was ich gesagt habe. Er ist eine große Nummer. Bringt dem Studio einen Haufen Geld.“

„Durch diese Filmreihe.“

„Richtig. Die Space-Quest-Reihe beginnt mit Verborgene Welt. Darin geht es um einen verborgenen Planeten, der einen Krieg mit einem Nachbarn anzettelt.“

„Ich hasse es, wenn das passiert.“

„Es hat über dreihundert Millionen gebracht.“

„Ich schätze, es bringt einen Haufen Geld verborgene Planeten zu erobern.“

„Kirk und seine Mannschaft sind dort gelandet und haben alle gerettet. In allen anderen Episoden ebenso.“ Sie flog an einem Konvoi aus fünf Sattelschleppern vorbei.

„Irgendwie habe ich es verpasst sie mir anzusehen“, sagte ich.

„Du gehörst auch nicht zur Zielgruppe. Bei den Highschool- und College-Kids ist es sehr beliebt. Sehr treue Fangemeinde.“

„Das könnte eine Rolle spielen. Ob er schuldig ist oder nicht, meine ich.“

„Das ist natürlich Onkel Charles’ Sorge. Er hat viel Geld in dieses Projekt investiert.“

„Worum geht es in der aktuellen Folge?“, fragte ich. „Kleine grüne Männchen, die den Palast des Kommandanten angreifen?“

Sie lachte. „Nein. Es heißt Sumpfkrieg. Deshalb sind sie in New Orleans. Dort haben sie einen Haufen Sümpfe zur Auswahl.“

„Also, wie gut kennst du ihn genau? Kirk Ford?“

„Wir sind ein paarmal zusammen ausgegangen.“

„Und?“

„Und was?“ Sie sah mich an.

„Wart ihr zwei ein Paar?“

Sie lachte. „Niemals. Natürlich haben die Klatschblätter versucht es so darzustellen. Selbst das People-Magazin hat ein Foto von uns beiden abgedruckt, als wir auf dem roten Teppich standen.“

„Bei der Oscarverleihung?“

„Nein, bei einer kleineren Auszeichnung. Ich weiß nicht mehr, welche.“ Sie hob eine Braue. „Eifersüchtig?“

„Er ist ein verdammter Superstar.“

„Genau wie du.“ Sie lachte.

„Ich hasse ihn trotzdem.“

„Du kennst ihn nicht einmal.“

„Na und? Ich kann ihn trotzdem hassen. Wir leben in einem freien Land.“

Sie verdrehte die Augen. Ich wünschte, sie täte das nicht, während sie mit fünfundachtzig Meilen pro Stunde auf einem regennassen Highway dahinraste.

„Zwischen uns stimmte die Chemie nicht“, sagte sie. „Er ist ein netter Kerl, aber zu hübsch.“

„Hübsch? Ich bin nicht sicher, dass das ein angemessenes Wort für einen Kerl ist.“

„Für ihn schon. Er ist eher hübsch als gut aussehend.“ Sie überholte einen weiteren Laster. „Und kein Mädchen möchte einen Freund haben, der hübscher ist als sie.“

„In deinem Fall nicht möglich.“

„Versuchst du für die Suite später Punkte zu sammeln?“

„Es schadet nie vorauszuplanen.“

„Du bist so ein guter Pfadfinder.“

„Darauf wollte ich hinaus.“

Sie schüttelte ihren Kopf. „Falls du es vergessen hast, ich bin unkompliziert.“

„Dabei möchte ich es auch belassen.“

„Natürlich willst du das.“ In schneller Folge zog sie an einer Corvette, einem Lexus und einem aufgemotzten SUV vorbei.

„Du sagtest, Ford ist ein netter Kerl?“

„Ja. Das ist er.“

„Nett genug, um seine Geliebte zu töten?“

„Nicht der Kirk, den ich kenne.“ Sie seufzte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er das getan hat.“

„Liebe und Sex verleiten Menschen zu schrecklichen Dingen.“

Sie nickte. „Stimmt.“

Irgendwie verpasste ich Mississippi. Den gesamten Staat. Schien nur ein paar Herzschläge zu dauern, oder in meinem Fall ein paar Millionen davon, den Staat zu durchqueren und nach Louisiana zu gelangen. Als wir an der Ausfahrt nach Slidell vorbeiflogen und auf den Sturm zujagten, trieb Nicole die Pferde weiter an. Schnell waren wir draußen über dem See Pontchartrain, wo der Wind das Wasser zu Schaum aufschlug und ein paar der Wellen sahen aus, als würden sie gleich über die Straße schwappen. Regen stürzte aus einem niedrigen Winkel auf die Windschutzscheibe und die Scheibenwischer wurden kaum damit fertig. Nicole störte das nicht. Sie fuhr mit einer Hand am Steuer, während die andere mit einer Strähne ihres Haares in der Nähe ihres linken Ohrs spielte. Ich hätte es lieber gesehen, wenn sie beide Hände am Steuer gehabt hätte, auf zehn und zwei Uhr natürlich, war aber schlau genug, um in diesem Punkt meinen Mund zu halten.

Der Sturm war mächtig aber kurzlebig. Als wir ins French Quarter abfuhren, war der Regen zu einem Nieseln geworden. Im Westen konnte ich sogar Stücke blauen Himmels sehen.

Ein paar Kurven, Abbiegungen und wütende Fahrer später kam Nicole schlitternd vor dem Monteleone zum Stehen. Das Gebäude war weiß mit goldenen Dekorationen und lauter Schnörkeln auf der Fassade. Sehr französisch. Sehr wie eine Hochzeitstorte. Ist das ein guter Vergleich? Egal, es ist eine gute Beschreibung.

Ein Diener und zwei ordentlich gekleidete Pagen erschienen. Der Diener stieg in den Mercedes und fuhr ihn um die Ecke auf die Tiefgarage zu, während unser Gepäck auf einem Rollwagen durch die Eingangstür gefahren wurde. Wir folgten.

Drinnen sah die Hochzeitstorte auch ziemlich cool aus. Die Lobby des Monteleone erschien eher wie die eines Palastes an der Côte d’Azur. Gewölbte Decken, Kronleuchter, Parkettboden. Hinter dem Empfangstresen stand eine attraktive junge Dame, deren Namensschild sie als Katrina auswies. Nicht wie der Hurrikan, nicht windzerzaust oder deplatziert. Auch sie war ordentlich gekleidet und lächelte uns einladend an.

Sie brauchte eine Minute, um uns zu erzählen, dass unsere Suite fertig war, und weitere fünf Minuten, bis ein Page die Tür zu unserem Zimmer öffnete. Auch dieses gehörte in einen französischen Palast. Onkel Charles hatte sich Mühe gegeben. Sehr große Mühe.

Während wir auspackten, rief Nicole Marty Ebersole an. Er sagte, er würde uns in dreißig Minuten an der Bar treffen. Nicht lange genug für ein Nickerchen, eine Dusche oder „etwas anderes“, also beschlossen wir, schon früher hinunterzugehen. Ein Drink oder zwei konnten nur helfen, oder?

Kapitel vier

Die Carousel Bar des Monteleone, die über die Grenzen der Stadt hinaus berühmt war, zog Touristen an wie auf einem Tresen verstreuter Zucker die Ameisen. Heute war keine Ausnahme. Jeder Sitzplatz war besetzt, Gäste sammelten sich lachend im Umkreis und die Barkeeper arbeiteten in einem chaotischen aber effizienten Rhythmus, um dem Strom der Getränkebestellungen Herr zu bleiben. New Orleans und Alkohol waren praktisch Synonyme. Besonders das French Quarter, in dem die Leute sich nächtlich in Stumpfsinn, Wut oder Blödheit tranken. Hielten das NOPD auf Trab, schätze ich.

Karnevalslichter, Spiegel und aufgemalte Mardi-Gras-Figuren zierten die kreisrunde Bar und die sie umgebenden Stühle, von denen jeder eine handgeschnitzte Rückenlehne besaß, auf der Großwild abgebildet war. Löwen, Tiger und Elefanten. Wie ein richtiges Karussell drehte sich das gesamte Gebilde um sich selbst und brauchte dabei fünfzehn Minuten für eine Runde. Ich war nicht sicher, ob Alkohol und eine rotierende Bar eine gute Kombination waren. Ich überprüfte die Stühle auf Sicherheitsgurte, sah jedoch keine. Auch keine Airbags.

Wir gingen an dem Karussell vorbei und begaben uns in eine normalere Ecke der Bar, wo wir uns in bequeme Ledersessel setzten, die um ein paar Kaffeetische mit dicken Glasplatten standen. Hier rotierte nichts, die Möbel wackelten jedoch ein wenig auf dem alten Fußboden.

Einen Augenblick später kam eine freundliche Bedienung namens Tracey. Nicole bestellte ein Bier; ich einen Maker’s Mark auf Eis. Im Handumdrehen kam Tracy mit unseren Getränken zurück. Keine Bar in diesem Viertel erlaubte ihren Gästen lange auf dem Trockenen zu sitzen.

Eine Touristenfamilie setzte sich an einen Tisch in der Nähe. Ein Paar und drei Kinder im frühen Teenageralter, schätzte ich. Jeder trug eine vollgestopfte Plastiktüte. Die Kinder redeten aufgeregt über einen Straßenkünstler, den sie gesehen hatten. Offenbar einen dieser Statuen-Typen. Dieser war von Kopf bis Fuß silbern angemalt und stand reglos auf einer umgedrehten Metallbüchse, wie ich hörte. Der Vater der Familie sah aus, als hätte er während seines Aufenthalts in New Orleans keine Mahlzeit ausgelassen. Vielleicht hatte er das noch nie in seinem Leben. Er verschlang Nicole mit seinen Blicken. Perverser. Doch auf der anderen Seite kann ich mir das auch vorwerfen.

Ich rief Ray an und sagte ihm, dass wir angekommen waren und nun auf Marty Ebersole warteten. Ray und Pancake saßen auf seiner Terrasse. Er sagte, er hätte ein paar Dinge ausgegraben.

„Das Opfer ist Kristi Guidry“, sagte Ray, „neunzehn.“

„Du machst Witze. Neunzehn?“

Nicole wollte etwas sagen, doch ich hob einen Finger. Sie runzelte die Stirn. „Ich fürchte, ja“, sagte Ray. „Sie stand kurz vor dem Abschluss ihres ersten Semesters an der Tulane. Viel mehr weiß ich noch nicht über sie, aber Pancake sucht weiter. Ich bin sicher, dass er noch etwas findet. Der verantwortliche Detective ist ein Typ namens Troy Doucet. Ich habe ihn angerufen und warte auf einen Rückruf. Ich habe mit einem der Polizisten gesprochen, die am Tatort waren. Klang wie ein Neuling oder zumindest wie jemand mit nicht allzu viel Erfahrung. Wusste allerdings genug, um seinen Mund zu halten und den Zorn seiner Vorgesetzten nicht auf sich zu ziehen. Alles, was ich herausbekommen habe, war, dass er meinte, Ford stecke tief in der Scheiße.“

„Das ist gelinde ausgedrückt.“

„Pancake und ich bleiben dran und lassen euch wissen, was wir ausgraben.“

„Hoffentlich kann Ebersole ein paar Lücken füllen.“

„Bis später“, sagte Ray und legte auf.

„Was hat der Boss gesagt?“, fragte Nicole.

„Der Boss?“

„Okay, Ray.“

„Nicht viel. Das Mädchen war neunzehn. Eine Studentin im ersten Semester.“

Nicole seufzte und schüttelte den Kopf. „Kirks Schwanz wird noch sein Ende sein.“

„Wenn er es noch nicht ist.“

Ich sah einen Mann, der um das Karussell herumging, sich im Raum umsah, Nicole entdeckte und auf uns zukam. Ebersole, nahm ich an.

Er war es. Nicole stellte uns vor und er setzte sich. Er war klein, dünn und drahtig und hatte rostfarbenes Haar in kleinen Löckchen, das wie eine Duschhaube aussah, und eindringliche blaue Augen. Und wenn wir gerade von eindringlich sprechen – er schien immer in Bewegung. Ein Knie wippte, sein Blick schoss von hier nach da und fixierte sich nie auf etwas, als würden seine Netzhäute zu verbrennen drohen, wenn seine Augen einen Moment lang stillstünden. Er trug Jeans, ein blaues Hemd mit offenem Kragen und eine schwarze Lederjacke. Schien ein bisschen warm für das Wetter, sah aber cool aus. Und da er ein Hollywood-Typ war, nahm ich an, dass cool alles übertraf. Er sah sehr regisseurmäßig aus. War das ein Wort?

„Also, irgendetwas Neues?“, fragte Nicole.

Er schüttelte seinen Kopf. „Die Zwillinge und ich waren bei der Polizei und haben Kirk besucht.“ Nicole musste die Frage gespürt haben, die mir in den Kopf kam. „Die Zwillinge sind Tara und Tegan James. Kirks Kameradinnen in Space Quest.“

Ich hätte wissen müssen, wen er meinte. Ich meine, ihre blonden Haare und schlanken Körper zierten jedes Space-Quest-Plakat, das ich je gesehen hatte. Jedes Boulevardblatt im Land gar nicht zu erwähnen. Ich glaubte mich erinnern zu können, dass ich einen Artikel gelesen habe, in dem stand, dass eine von ihnen von einem Alien aus dem Weltraum befruchtet worden war. Und das war eine der glaubhafteren Geschichten über die beiden.

Ich nickte. „Ah, ja.“

„Übrigens“, fuhr Ebersole fort, „haben sie uns nicht mit ihm sprechen lassen. Sagten, er würde immer noch verhört.“ Er verdrehte die Augen. „Wirklich? Er ist seit acht Stunden dort. Entweder sind sie die langsamsten Menschen der Welt oder sie verarschen mich einfach.“

„Wann können wir ihn besuchen?“, fragte Nicole.

„Morgen früh. Er wird dann vernommen und hat um zehn eine Anhörung.“

„Das ist schnell“, sagte ich.

„Ben Kornblatt. Der Anwalt des Studios. Er hat ein paar Anrufe getätigt und eine lokale Größe auf den Fall angesetzt.“ Sein Bein hörte auf zu vibrieren und der Finger, der auf sein Knie geklopft hatte, lag für eine Sekunde still. Er blickte zur Decke, als würde er sich an etwas erinnern. „Mir fällt sein Name nicht ein.“ Alle Bewegungen setzten wieder ein. „Kornblatt kommt heute Abend mit dem Flieger.“

Tracey, die Kellnerin, erschien. Ebersole bestellte einen Manhattan und Nicole und ich noch einmal dasselbe wie zuvor.

„Was ist mit dem Mädchen?“, fragte Nicole. „Was weißt du über sie?“

„Neunzehn.“ Er schüttelte den Kopf. „Kirks übliche Tändelei.“

„Und?“

„Was meinst du mit ‚und‘? Sie ist tot.“

Nicole sah in stirnrunzelnd an. „Ich wollte wissen, wer sie ist.“

„Ihr Name ist Kristi Guidry. Hat morgens drüben im Café du Monde gearbeitet. Dort hat Kirk sie getroffen.“

„Wann?“, fragte ich.

„Vielleicht vor einer Woche. Seitdem war sie praktisch täglich bei ihm.“ Ich nahm an, dass er damit Kirks Hotelzimmer meinte.

Unsere Getränke kamen.

„Sonst noch etwas?“, fragte Tracey.

Ebersole hob sein Glas. „Ich brauche in einer Minute noch einen hiervon.“

Lächelnd ging sie davon.

Ebersole nahm einen Schluck von seinem Drink. „Die beiden älteren Brüder des Mädchens machen Radau. Reden mit jedem Nachrichtenreporter, den sie finden können. Sagen, Kirk sei ein Raubtier. Diese Art von Dingen.“

Nun, auf eine Art war er das auch, dachte ich. Ich sagte das nicht laut. Aber ich wusste, wie das lief. Hollywood und Major League Baseball hatten das gemeinsam. Junge Frauen folgten dem Team und tauchten in beträchtlicher Anzahl in den Bars und Restaurants auf, in denen die Spieler sich aufhielten, während sie von Stadion zu Stadion reisten. Ich hatte meinen Teil gehabt. Aber das war eine andere Geschichte. Fast ein anderes Leben. Ein Teil von mir vermisste das. Das meiste von mir tat das nicht.

„Ich kann nicht sagen, dass ich ihnen das übel nehme“, sagte Nicole. „Große Brüder beschützen kleine Schwestern nun mal.“

Ebersole zuckte mit den Schultern. „Stimmt.“ Er nahm einen weiteren Schluck Martini. „Gerüchten zufolge ist ihr Onkel, also auch Kristis Onkel, ein knallharter Typ.“ Er schüttelte den Kopf. „Bei meinem Glück ist er wahrscheinlich ein Gangster oder Drogendealer oder ein mit Meth vollgepumpter Motorradfahrer.“

Bei seinem Glück? War es nicht Kirk, der wegen Mordes im Gefängnis saß?

Ebersole leerte sein Glas im selben Augenblick, in dem das nächste erschien. Er lächelte und nickte Tracey, der Kellnerin, dankend zu. Sie nahm das leere Glas und ging zurück zur Bar.

„Wir haben heute nicht gedreht“, sagte Ebersole. „Ein Sturm ist durchgezogen.“

„Das wissen wir“, sagte ich. „Nicole ist hindurchgeflogen.“

„Geflogen? Ich dachte, ihr wäret gefahren.“

„Ein Wortspiel“, sagte ich.

Sie schlug mich fest auf den Arm.

„Verstehe“, sagte Ebersole lächelnd. „Ich vergaß. Ich bin einmal mit ihr durch LA gefahren.“

Ich sah sie selbstgefällig an. „Siehst du? Ich bin nicht der Einzige.“ Sie verdrehte ihre Augen. „Waschlappen.“

„Das Wichtigste ist, dass er morgen auf Kaution rauskommt.“ Ebersole massierte seine Schläfe, während er sprach. „Wir können es uns nicht leisten herumzuhängen, während die Mühlen des Gesetzes mahlen.“ Er seufzte. „Kornblatt muss seine Magie wirken und Kirk zurück ans Set kriegen, und zwar pronto.“

„Ich wette, die Kaution wird hoch sein“, sagte ich. „Wenn die Möglichkeit überhaupt besteht.“

„Wie hoch sie ist, spielt keine Rolle. Wir können sie bezahlen.“

Ich nahm an, dass ein Zwei-Milliarden-Franchise das erlauben würde. Ich fragte mich darüber hinaus, wie viel Einfluss ein glatter LA-Anwalt hier unten im Big Easy haben würde. Ich stellte mir einen glänzenden dreiteiligen Anzug vor, der einem ernsten Richter gegenüberstand, der unter seiner schwarzen Robe Jeans, ein T-Shirt und eine Fünfundvierziger trug. Könnte eine verdammt gute Show werden.

„Es ist hier passiert?“, fragte ich. „In diesem Hotel, richtig?“

Wieder stoppten Ebersoles Bewegungen abrupt und er nickte. „Kirks Zimmer ist auf demselben Flur wie eures, ein paar Räume weiter.“ Sein Knie begann wieder zu wippen. „Wollt ihr es sehen?“

Das konnte nicht hinkommen. Weniger als zwölf Stunden waren vergangen, seit das Verbrechen angezeigt worden war. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Polizei und die Forensiker den Tatort bereits freigegeben hatten. Ich sagte das zu Ebersole.

„Kein Problem“, sagte er. „Ich habe einen Schlüssel.“

„Tatsächlich?“, fragte Nicole.

„Natürlich. Ich bezahle den Raum.“ Er lächelte. „Das Hotel hat ihn mir heute gegeben.“

Ich konnte es nicht glauben. „Sie haben dir den Schlüssel zu einem Tatort gegeben?“

Er zuckte mit den Schultern. „Die Cops haben Kirks Schlüssel mitgenommen und ich wollte nicht ausgesperrt sein, um es so zu sagen. Das Zimmer läuft auf meinen Namen und ich nehme an, dass das Mädchen am Empfang die Nachricht über den Mord an Kristi Guidry noch nicht bekommen hatte. Wie auch immer, sie hat mir einen Schlüssel gegeben.“

„Trotzdem bin ich nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, einen Tatort zu kontaminieren“, sagte ich.

„Dann fasst eben nichts an.“ Er leerte seinen Drink und winkte Tracey, die Kellnerin, heran.

Zehn Minuten später standen wir vor der Tür zu Kirks Suite. Sie war nicht mit diesem gelben Band abgesperrt, auf dem „Tatort“ stand. Es gab nur ein einfaches Schild mit der Aufschrift „außer Betrieb“. Ich schätze, das Monteleone hatte einigen Einfluss. Wollten die Gäste nicht beunruhigen und ein Tatort-Schriftzug hätte genau das getan.

Ebersole öffnete die Tür und wir traten ein. Drinnen zögerte ich. Der Begriff „einbrechen und unbefugt betreten“ erschien mir angemessen. Wenn wir erwischt wurden, würden wir gemeinsam mit den feinsten Schurken von New Orleans in einer Zelle sitzen. Ebersole und Nicole schien dieser Gedanke allerdings nicht zu stören.

Kirks Suite war eine exakte Kopie der unsrigen. Zwei Räume: ein weitläufiger Wohnbereich und durch ein paar Glastüren abgetrennt das Schlafzimmer. Es hatte sogar dieselben grünen Vorhänge, das cremefarbene Sofa und die mit Blumen bedruckten Sessel um einen eisernen Kaffeetisch mit Glasplatte.

Natürlich war in unserer Suite kein Pulver zur Sicherstellung von Fingerabdrücken auf der Eingangstür und ihrem Rahmen. Und unser Bett war auch nicht abgezogen und die Matratze lag nicht schief auf dem Bettgestell. Ein Mülleimer stand auf dem Schränkchen neben dem Fernseher und darunter befand sich der Kühlschrank, geöffnet und leer. Mehr Pulver befand sich auf der Tür zum Bad.

„Die Cops haben die Bettwäsche und die Kleider von Kirk und dem Mädchen mitgenommen. Sie lagen auf dem Sofa.“ Er deutete in den Wohnbereich. „Sie haben zwei leere Weinflaschen und ein paar Kondome im Abfalleimer gefunden und zwei Weingläser neben dem Bett. Dazu noch drei Joints, einer davon halb geraucht. All das haben sie auch mitgenommen.“

„Das Mädchen wurde erwürgt, richtig?“, fragte ich.

Ebersole nickte. „Als Kirk anrief und mir erzählte, was passiert ist, kam ich gerannt. Das Mädchen lag im Bett. Ihr BH war um ihren Hals gewickelt.“

Nicole schluckte hart. „Was hat Kirk gesagt?“

„Dass er sich an nichts erinnert. Sie waren hier drinnen und haben getrunken, geraucht und Sex gehabt. Danach sind sie eingeschlafen. Als er erwachte, lag sie so neben ihm. Tot. Kalt.“

„Sie hatten keinen Streit oder etwas in der Art?“, fragte ich.

„Er sagte, sie hätten eine gute Zeit gehabt. Vielleicht eine zu gute.“

Nicole ging um das Bett herum. „Und er erinnert sich an nichts?“

Ebersole schüttelte den Kopf. „Nichts. Er sagte, er muss der Bewusstlosigkeit nahe gewesen sein. Er hat heute Morgen den Kater seines Lebens gehabt.“

Ich nahm an, dass eine tote Neunzehnjährige neben einem im Bett das wohl verursachen konnte. Mein Kopf begann zu hämmern. Was hatte Ray erwähnt, dass der Polizist ihm erzählt hatte? Dass Kirk tief in der Scheiße saß. Aus meiner Sicht stimmte das hundertprozentig.

Kapitel fünf

Als er Kirks Zimmer wieder abschloss, erklärte Ebersole, dass er um halb acht Essen für uns bestellt hatte. Das hieß, dass wir noch ungefähr eine Stunde totschlagen mussten. Nicole und ich schlenderten den Flur hinunter zu unserer Suite. Sie beschäftigte sich damit, Nicole-Sachen zu machen und ich streckte mich mit einem Buch auf dem Bett aus, während im Fernsehen auf kaum wahrnehmbarer Lautstärke Sports Center lief.

„Was liest du?“, fragte Nicole.

„Ein Buch über Selbstverteidigung, das Ray mir gegeben hat. Er sagte, ich müsste abgebrühter sein. Seine Worte.“

Sie setzte sich auf die Bettkante und zerzauste mein Haar. „Armer Schatz.“

„Ich bin abgebrüht.“

Sie lachte. „Jake, du bist ein Liebhaber und kein Kämpfer.“

Ich versuchte zu schmollen, aber es klappte nicht.

„Aber ich muss zugeben“, fuhr sie fort, „dass du mit Borkovs Schlägern gut fertiggeworden bist. In dieser Nacht auf dem Schiff.“

Das stimmte. Ich hatte noch immer einige Fastballs in mir und in dieser Nacht hatte ich ein paar echte Schönheiten geworfen. Ich hatte das überraschte Gesicht von Joe Zuma noch vor Augen, als sich zuerst ein Ball und dann der nächste mit achtzig Meilen pro Stunde genähert hatten. Der erste traf ihn an der Stirn, der zweite an der Kehle. Zwei perfekte Würfe.

„Also muss ich nur immer ein paar Baseballs dabeihaben.“ Sie hob eine Braue. „Ich denke, du hast auch so schon genug in der Hose.“

„Witzig. Aber ich nehme es als Kompliment.“

Sie lächelte. „So war es auch gemeint.“ Sie blickte auf das Buch. „Lernst du etwas daraus?“

„Nur, wo Menschen am verletzlichsten sind. Wie man sie außer Gefecht setzt, wenn es nötig ist.“

„Kronjuwelen“, sagte Nicole. „Das funktioniert immer.“

„Außer es handelt sich um eine Frau.“

„Was, hast du Angst vor Frauen?“

„Ich habe Angst vor dir.“ Das stimmte. Sie konnte kickboxen. Ich habe sie ein paarmal beim Training an einem Sandsack gesehen. Was ich dort beobachtet habe, verriet mir, dass diese langen, wunderschönen Beine tödlich sein konnten.

„Das ist auch richtig so.“ Sie lachte. „Also, wenn dein Gegner eine Frau ist, was machst du dann?“

„Die Augen. Hier steht, dass ein kleiner Schnipp mit dem Finger ins Auge jeden aufhält.“

„Also empfiehlt Rays großes dickes Selbstverteidigungsbuch jemanden mit einem Finger anzustupsen?“

„Nicht stupsen. Schnippen. Und ins Auge.“

„Hört sich immer noch weicheimäßig an.“

„Solange es nicht dein Auge ist.“

„Du liest besser noch ein paar Kapitel.“ Sie lächelte. „Später.“ Sie schälte sich aus ihrem Top und ihrer Jeans und streifte den schwarzen Stringtanga ab. Nackt stand sie vor mir und sah mich an. „Bereit für eine Dusche?“

Ich betrachtete sie von Kopf bis Fuß. „Wenn du es so sagst.“ Ich rollte mich aus dem Bett. Ich liebte duschen. Besonders, wenn es sich in „etwas anderes“ verwandelte.

Danach schlüpften wir in die Bademäntel, die das Hotel zur Verfügung gestellt hatte, und streckten uns auf dem Bett aus.

Nicole schaltete auf Fox News und ich nahm mein Selbstverteidigungsbuch zur Hand. Ich schaffte eine ganze Seite, bevor mein Handy klingelte. Es war Ray.

„Okay“, sagte er. „Dieser Detective, Troy Doucet, hat angerufen. Schien recht nett zu sein. Nicht zu schüchtern, um sich mit mir zu unterhalten.“

„Wirklich?“

„Nun, ich habe meinen Mann im örtlichen FBI-Büro gebeten ihn anzurufen. Damit er weiß, dass wir legal sind.“

„Was haben sie?“

„Mal sehen. Ford fand das Mädchen tot in seinem Bett. Die Tür war abgeschlossen. Nur die beiden waren im Raum. Er hat Doucet erzählt, dass er nicht mehr viel von dem Abend weiß.“

„Ebersole sagte, Kirk sei nahezu bewusstlos gewesen. Wein und Marihuana. Sagte Doucet etwas von weiteren Drogen?“

 

Nicole stellte den Fernseher lautlos und rollte sich auf die Seite. Fragend sah sie mich an.

„Ford hat Wein und Marihuana zugegeben, aber nichts Härteres“, sagte Ray. „Die Toxikologie wird ein paar Tage brauchen.“

Ich hielt das Telefon an mein anderes Ohr. „Kirk muss eine unglaubliche Menge Wein getrunken haben.“

„Ich nehme an, die Labortypen werden uns das sagen. Jedenfalls gibt es morgen eine Anklageerhebung und eine Option auf Freilassung gegen Kaution.“

„Ja, wissen wir. Um zehn.“

„Seid dort“, sagte Ray.

„Das werden wir.“

„Doucet sagte, er will sich später mit euch treffen.“

„Großartig. Und Kirks Anwalt – eigentlich der des Filmstudios -ein Kerl namens …“ Mir fiel der Name nicht mehr ein.

„Ben Kornblatt“, sagte Ray.

„Ja, Kornblatt. Er kommt mit dem Nachtflug und wird ebenfalls da sein. Er hat eine lokale Größe als weiteren Anwalt hinzugezogen.“

„Walton Greene“, sagte Ray. „Er arbeitet für eine der großen Firmen in New Orleans.“

Verdammt, Ray war gut. Wahrscheinlich eher Pancake. Hört sich nach etwas an, das er ausgegraben hatte.

„Klingt, als wäre Kirk gut vertreten“, sagte ich.

„Das Beste, was man für viel Geld bekommen kann.“

„Glaubst du, die lassen ihn auf Kaution raus? Nach einer Mordanklage? Und als jemand, der nicht von hier ist?“

„Nicht zu erwähnen, dass der Richter als harter Hund bekannt ist“, fügte Ray hinzu.

„Wer ist er?“

„Mal sehen.“ Ich hörte, wie Ray ein paar Papiere auf dem Tisch umherschob. „William Booth. Ist seit fast zwanzig Jahren Richter. Hüter von Recht und Ordnung.“

„Hört sich nicht gut an“, sagte ich.

„Schätze, das wird sich zeigen. Ihr zwei geht morgen dorthin. Pancake gräbt in der Welt des Mädchens herum. Ich lasse euch wissen, was wir finden.“

„Eine Sache noch“, sagte ich. „Die beiden Brüder des Mädchens stiften Unruhe. Erzählen der Presse, wie böse Ford ist.“

„War zu erwarten.“

„Und ihr Onkel ist angeblich irgendein harter Brocken. Das hat zumindest Ebersole gehört.“

„Ich sehe mal nach.“

„Okay.“

„Bleibt cool.“ Er unterbrach die Verbindung.

Kapitel sechs

Nicole und ich kamen ein paar Minuten zu spät an Mr B’s Bistro an. Nicole war daran schuld. Sie hatte sich dreimal umgezogen. Ich habe dabei unschuldig in schwarzen Boxershorts auf der Bettkante gesessen und mir die Show angesehen. Ich meine, echt jetzt, wie hätte ich das nicht tun können? Sie wand sich in verschiedenfarbige Jeans hinein und wieder heraus, bevor sie sich schließlich für eine weiße entschied, über der sie eine dunkelgrüne Seidenbluse trug. Sie drehte sich vor dem Spiegel um sich selbst, wandte sich dann an mich und fragte: „Gehst du so?“

„Vielleicht.“

„Vielleicht ein paar Hosen?“

„Das hast du vorhin nicht gesagt.“

Sie quittierte das mit einem Kopfschütteln. Doch sie hatte recht. Jeans, ein schwarzes Golfshirt, Sneakers – fertig. Zu Mr B’s zu kommen war einfach, denn es lag direkt auf der anderen Straßenseite. Wir traten durch die Glastüren und wurden von einer Empfangsdame begrüßt. Sie war jung – sie sah aus wie zwölf – und attraktiv in ihren schwarzen Hosen und einer engen weißen Bluse und blickte uns freundlich an.

„Willkommen bei Mr B’s“, sagte sie und lächelte warm und ehrlich. „Wie kann ich euch helfen?“

„Ich glaube, die Reservierung läuft auf Martin Ebersole“, sagte Nicole.

„Ja. Die anderen sind bereits da. Bitte folgen Sie mir.“

Sie führte uns zu einem mit grünem Leder ausgekleideten Separee im hinteren Teil des Restaurants, wo Ebersole bereits mit den James-Zwillingen Tara und Tegan saß und Wein trank. Nicole umarmte die Mädchen und stellte mich dann vor.

„Sorry, wir sind zu spät“, sagte Nicole und setzte sich. „Jake hatte Probleme mit dem Anziehen.“

Wirklich? Ich erwog mich zu beschweren, weil ich abgelenkt worden war, entschied mich aber zu schweigen. Ich lächelte einfach und setzte mich.

„Du siehst gut aus“, sagte Tegan. Oder war es Tara?

Ich sah gut aus. Cool sogar. Meine bescheidene Meinung.

„Und heiß“, fügte ihre Schwester hinzu. „Wie Nicole gesagt hat.“

„Hat sie das?“, fragte ich.

Nicole zuckte mit den Schultern und lächelte. Unser Kellner tauchte auf, reichte Nicole und mir die Speisekarte und nahm unsere Getränkebestellung auf.

„Irgendwas Neues von Ray?“, fragte Ebersole.

Ich schüttelte meinen Kopf. „Nichts, was du nicht schon weißt, aber er und Pancake arbeiten an ein paar Dingen.“

„Pancake?“, fragte Tara. Oder war es Tegan?

Ich erklärte das Unerklärliche. Tommy Jeffers, auch bekannt als Pancake. Groß, rothaarig und einen ganzen Haufen schlauer als die meisten Menschen auf den ersten Blick für möglich hielten. Sah aus wie ein großer dummer Sportler, doch seine Computerskills waren legendär. Grub sich in Bereiche vor, die den meisten nicht zugänglich waren. Und man wollte ihn in einer Schlägerei auf seiner Seite haben. Breite Brust, dicke Arme, große Fäuste. Wenn es sein musste, konnte er definitiv Schmerzen zufügen.

„Klingt irgendwie süß“, sagte Tara/Tegan.

Süß war kein Wort, das ich je in Bezug auf Pancake gehört hatte. Charmant? Sicher. Selbst freundlich war in Ordnung. Manchmal passte angsteinflößend besser.

„Meiner“, sagte ein Zwilling.

„Auf keinen Fall“, feuerte ihre Schwester zurück. „Ich bin an der Reihe.“

„An der Reihe?“, fragte ich.

Die beiden lachten. Der Zwilling auf der linken Seite erklärte. „Wir haben eine Abmachung.“

„Nicht wirklich“, sagte die andere.

„Wohl.“

„Das sagst du immer.“

Der linke Zwilling nahm einen Schluck Wein. „Weil es stimmt.“

Die Zwillinge waren atemberaubend. In Fleisch und Blut noch mehr als auf den Plakaten und Klatschblättern. Glatte blonde Haare wie Nicole, blaue Augen wie Nicole und feste Körper wie Nicole. Und sie waren so verstörend identisch. Selbst ihre komplett schwarzen Klamotten und die schlichten Goldketten waren gleich. Ich war ein paar eineiigen Zwillingen begegnet, aber es hatte immer subtile Unterschiede gegeben. Nicht nur in der Kleidung oder dem Benehmen, sondern im Gesicht. Kleine Unterschiede, an denen man sie unterscheiden konnte. Doch Tara und Tegan sahen so aus, bewegten sich, sprachen und lachten, als wäre die eine das Spiegelbild der anderen.

„Sorry“, sagte ich. „Aber wer von euch ist wer?“

Ein weiteres einstimmiges Lachen.

„Ich bin Tara“, sagte der linke Zwilling. „Und Tegan ist meine jüngere Schwester.“

„Ungefähr eine Minute jünger“, sagte Tegan.

„Eher drei Minuten.“

„Wie auch immer.“

Okay, also Tara links, Tegan rechts. Wenn sie sich nicht bewegten, wäre ich sicher. Der Kellner kehrte mit Nicoles Wein und meinem Whiskey zurück. Er fragte, ob wir bereit wären zu bestellen, doch Ebersole sagte, dass wir noch nicht einmal einen Blick in die Speisekarten geworfen hätten. Er nickte, sagte, dass er in Kürze wiederkäme, und ging.

„Keine Angst“, sagte Tara. „Niemand kann uns auseinanderhalten.“

„Und wir nutzen das die ganze Zeit aus“, sagte Tegan.

Tara: „Haben unsere Lehrer in den Wahnsinn getrieben.“

Tegan: „Die Jungs auch.“

Tara: „Oh ja.“

„Also datet ihr zwei dieselben Typen?“, fragte ich.

Tegan: „Manchmal, und sie …“

Tara: „… merken nie den Unterschied.“

Tegan: „Fast nie.“

Tara: „Nie.“

Tegan: „Nun, da war dieser Jimmy Wie-hieß-er-noch-gleich?“

Tara: „Er hat es nicht gemerkt.“

Tegan: „Schon irgendwie.“

„Schon irgendwie?“, fragte ich.

Tegan: „Tara ist mit diesem Möchtegernschauspieler ausgegangen. Jimmy … äh … irgendwer.“

Tara: „Kann mir seinen Nachnamen einfach nicht merken.“

Tegan: „Ich auch nicht.“

„Ich wette, er wäre völlig aus dem Häuschen, wenn er wüsste, dass er einen solchen Eindruck gemacht hat“, sagte ich.

Tegan: „Er hat sich nicht beschwert. Aber Tara hatte keine Lust mehr auf ihn.“

Tara: „Nach zwei Dates.“

Tegan: „Aber ich fand ihn süß …“

Tara: „… als er mich also das nächste Mal ausführen wollte …“

Tegan: „… bin ich gegangen.“

Ich nickte. „Und er hat es nie erfahren?“

Tara: „Nö.“

Tegan: „Aber er hat bemerkt, dass der Sex besser war.“

Tara: „Das sagst du immer.“

Tegan: „Ich sage nur, wie es war.“

Tara: „Weil du die größere Schlampe bist.“

Tegan: „Ja, richtig.“

Ich war froh, dass wir das geklärt hatten, bevor der Kellner zurückkehrte. Wir bestellten. Er sammelte unsere Speisekarten ein und ging.

„Ich habe gehört, ihr wart im Gefängnis und habt Kirk besucht?“, fragte Nicole.

Tegan: „Sind nicht besonders weit gekommen.“

Tara: „Das waren Idioten.“

Tegan: „Der Süße nicht.“

Tara: „Auf eine blonde, blauäugige …“

Tegan: „… heißer Körper …“

Tara: „… Art und Weise.“

Tegan: „Die Uniform nicht zu vergessen.“

Tara: „Sehr cool.“

Mein Hirn fühlte sich wie nach einer Contrecoup-Verletzung an, weil mein Kopf sich hin und her bewegte. Diese Mädchen hatten es zu einer Kunstform erhoben die Sätze der jeweils anderen zu beenden.

„Die Zwillinge haben ihre Magie an diesem jungen Polizisten gewirkt und hätten es beinahe geschafft“, sagte Ebersole. „Ich denke, er hätte uns vorgelassen. Sein Sergeant war allerdings eine andere Geschichte.“

Tara: „Kein Sinn für Humor.“

Tegan: „Keinen.“

„Lasst mich euch Mädels was fragen“, sagte ich. „Ihr kennt Kirk gut, nehme ich an?“

Tegan: „Seit wir vierzehn waren.“

Tara: „Als die Space-Quest-Reihe begann.“

„Was denkt ihr?“, fragte ich. „Könnte er es getan haben?“

„Niemals“, sagten sie im Einklang.

Tara: „Kirk würde niemals …“

Tegan: „… etwas Derartiges tun.“

„Ich nehme an, ihr kanntet auch das Mädchen? Kristi Guidry?“

Sie nickten in perfekter Synchronität. Die Tänzerinnen der Rockettes wären neidisch gewesen.

„Und?“

Tara sah ihre Schwester an, zögerte und sagte dann: „Wir mochten sie.“

„Hübsch, klug und witzig“, fügte Tegan hinzu.

„Irgendwelche Spannungen zwischen den beiden?“, fragte ich.

Tegan schüttelte den Kopf, während sie sich eine lose Strähne ihres perfekten blonden Haars hinters Ohr strich. „Sie mochte Kirk. Das ist sicher.“

„Ich glaube, sie war verliebt“, sagte Tara. „Das ist nie gut, wenn es um Kirk geht.“

„Wieso?“, fragte ich.

„Gebrochene Herzen“, sagte Tegan. „Kirk lässt sich nie auf eine ein. Er sucht nur vorübergehende Zerstreuung. Die Frauen, die er aufreißt, glauben jedes Mal, dass sie mehr als nur eine Affäre sind, aber Kirk verliebt sich nie wirklich.“

„Es ist eher Lust“, fügte Tara hinzu.

„Sehe ich das richtig, dass das quasi seine Gewohnheit ist? Jemanden aufzureißen, während er sich an einem Drehort befindet?“

„Das tut er nun einmal“, sagte Tegan. „Aber andererseits tun das alle Schauspieler.“

„Aber versteh das nicht falsch“, sagte Tara. „Daran ist nichts Böses. Wenn Kirk eines ist, dann charmant.“

Tegan nickte zustimmend. „Und gut aussehend. Und heiß. Und absolut cool.“

Ich lächelte. „Hört sich an, als wäret ihr Mädels scharf auf ihn.“

Tara: „Auf jeden Fall.“

Tegan: „Auf eine geschwisterliche Art und Weise. Er ist wie der große Bruder, den wir nie hatten.“

Tara: „Er passt wirklich auf uns auf.“

Tegan: „Manchmal übertreibt er es.“ Sie leerte ihr Weinglas.

„Mehr als einmal hat er Typen weggejagt, mit denen wir rumhängen wollten. Wenn er dachte, sie seien schlechte Schauspieler.“

Tara: „Stimmt. Und meistens hatte er recht.“

Tegan: „Besonders bei den Typen, die du aufreißt.“

Tara: „Ja, weil du das ja nie machst.“

Tegan sah ihre Schwester mit gespieltem Stirnrunzeln an. „Aber was ich meine, ist, dass die Mädchen normalerweise nur einen oder zwei Tage bleiben. Dass Kristi eine ganze Woche da war, heißt, dass er sie wirklich gemocht hat.“

„Also war sie anders als seine üblichen Mädchen?“, fragte ich.

Tegan starrte mich an. „Ich glaube, das war sie.“ Sie warf Tara einen Blick zu. „Sie war die Erste, an die ich mich erinnern kann, die ihn wirklich hätte stehlen können.“

„Ihn stehlen?“

„Von uns“, sagte Tara.

„Wir beschützen ihn auch sehr gut“, sagte Tegan. Sie lächelte. „Ihn als unseren großen Bruder.“

Tara nickte. „Absolut.“

„Klingt, als stündet ihr euch sehr nahe“, sagte ich.

Tegan schwenkte den Wein in ihrem Glas und nahm einen Schluck. „Wir lieben ihn ganz schrecklich.“

Unser Essen wurde gebracht und sah großartig aus. Natürlich hatte ich in New Orleans noch nie schlecht gegessen. Besonders nicht im Mr B’s. Während wir aßen, sprachen wir über die bevorstehende Anklageerhebung. Ebersole sagte, wir sollten früh dort aufkreuzen. Er erwartete einen Presserummel und einen Haufen Fans, fügte aber hinzu, dass Kornblatt Plätze für uns direkt hinter der Verteidigung besorgt hätte. Gute Plätze für das große Ereignis.

Kapitel sieben

Café du Monde. Es gibt keinen vergleichbaren Ort. Ich war noch nie in New Orleans gewesen, ohne es mindestens einmal besucht zu haben, um die Beignets und den Zichorienkaffee zu genießen. Der Duft dieser beiden Dinge hing schwer unter der grünen Markise, die den Innenhof bedeckte, ebenso der Lärm der Unterhaltungen. Es war erst kurz nach acht und der Laden war voll wie immer, doch Nicole und ich schafften es einen Platz am Geländer zu ergattern. Draußen auf dem Bürgersteig bastelte ein Straßenkünstler, der angezogen war wie ein Clown, komplett mit bemaltem Gesicht, Tiere aus Luftballons, die er einem aufgeregten Kind nach dem anderen in die Hand drückte. Eltern warfen Münzen in den kleinen Alueimer zu seinen Füßen.

Unsere Bedienung, deren Namensschild sie als Patty auswies, kam auf uns zu und hatte Block und Stift gezückt. Wir bestellten. Nach nur wenigen Minuten kehrte sie zurück und stellte eine Platte mit gezuckerten Beignets und zwei Tassen mit dampfendem Kaffee auf den Tisch. Im Café du Monde ging alles sehr schnell. Glatt, höflich, freundlich, aber schnell. Damit das Geld effektiv floss. Patty fragte uns, ob wir sonst noch etwas brauchten. Nachdem wir ihr versichert hatten, dass wir zufrieden waren, tanzte sie davon.

Es gab keinen Weg Beignets zu essen, ohne seine Klamotten mit Puderzucker zu bestäuben. Unmöglich. Nicole gelang es besser als mir und trotzdem sah ihr dunkelgrüner Pullover nach Weihnachten aus.

„Soll ich den Zucker von deiner Brust entfernen?“, fragte ich.

„Nur, wenn du ihn ablecken willst.“

Alles in allem keine schlechte Idee. Aber vielleicht nicht hier. Stattdessen verdrehte ich meine Augen.

„Ich dachte, ich schlage es mal vor“, sagte sie. Die Frau war böse. Wir hatten noch etwas mehr als eine Stunde, bevor wir uns mit Kornblatt und Ebersole trafen und mit der Limo zum Gericht fuhren, um der Anklageerhebung gegen Kirk beizuwohnen. Kornblatt würde um Freilassung auf Kaution bitten. Natürlich waren die Speisen Grund genug das Café du Monde zu besuchen, aber ich hatte die Hoffnung, dass wir uns mit jemandem unterhalten könnten, der Kristi Guidry gekannt hatte. Sie hatte hier gearbeitet, also musste sie Freunde unter den Angestellten haben. Als unsere Kellnerin zurückkam, fragte ich sie, ob sie Kristi gekannt hatte.

Sie zögerte und sagte dann: „Ich habe gehört, was passiert ist. Ich meine, das hat jeder. Einfach furchtbar. Sie war so nett.“ Sie blickte auf die Straße hinaus. „Ich kann es immer noch nicht glauben.“

„Sie kannten sie also?“, fragte Nicole.

„Ja. Nicht gut, aber ich kannte sie.“

„Kannte irgendjemand hier sie besser?“, fragte ich.

„Warum fragen Sie?“

„Wir untersuchen den Mord“, sagte ich.

Wieder zögerte sie. „Sie sehen nicht wie Polizisten aus.“

„Wir sind keine“, sagte Nicole. „Wir sind Privatermittler.“

Privatermittler. Es kam ihr so leicht über die Lippen. Als hätte sie es schon eine Million Mal gesagt. Sie begeisterte sich wirklich für diesen Privatermittlerkram. Ray hatte ein Monster erschaffen.

„Oh“, sagte Patty, als hätte das ihre Frage beantwortet. „Vielleicht sprechen Sie mit Gloria. Sie war eng mit Kristi befreundet.“

„Ist sie heute hier?“

Sie sah sich um. „Ja. Irgendwo. Ich suche sie und schicke sie her.“

„Danke.“

Als wir mit den Beignets fertig waren und gerade den Puderzucker von unserer Kleidung klopften, erschien Gloria. Sie war klein und dünn, hatte volle Wangen, ebenholzfarbene Haut und dunkle Augen, die lebendig und ausdrucksvoll blickten.

„Patty sagte, Sie möchten mit mir sprechen.“

Ich stellte Nicole und mich vor.

„Ist dies ein guter Ort und eine gute Zeit für eine Unterhaltung?“

„Nicht wirklich, aber es wird ausreichen.“

An einem anderen Tisch winkte ein Paar, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie hob einen Finger und sagte: „Nur eine Sekunde.“

Patty kam vorbei und tätschelte Glorias Schulter. „Ich kümmere mich darum.“

„Danke.“ Gloria richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf uns. „Sie sind also Privatermittler, richtig?“

„Das sind wir“, sagte Nicole.

„Und Sie möchten über Kristi sprechen?“, fragte Gloria.

„Wir haben nur ein paar Fragen“, sagte Nicole. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Für wen arbeiten Sie?“

„Für meinen Onkel. Er ist der Produzent des Films, der hier gedreht wird.“

„Also sind Sie hier, um diesem Arschloch zu helfen, das Kristi getötet hat?“

„Nicht wirklich“, sagte ich. „Wir wollen nur herausfinden, was passiert ist.“

„Scheiße, das kann ich Ihnen sagen. Er hat sie umgebracht.“

„Vielleicht“, sagte ich. „Und wenn es so war, dann wollen wir das herausfinden. Und warum er es getan hat ebenfalls.“ Sie sah mich aus zusammengekniffenen Augen an. „Kristi war ein guter Mensch. Sie hat nichts von alldem verdient.“

Ich nickte. „Das haben wir bereits gehört.“

„Glauben Sie es. Sie war bodenständig. Komplett bodenständig.“ Tränen traten ihr in die Augen. „Was möchten Sie wissen?“

„Haben Sie Kirk Ford je getroffen?“

„Sicher. Er war hier, hat mit Geld um sich geschmissen, gelacht und gut ausgesehen. Die Menschen haben ihn umschwärmt. Wie einen gottverdammten Filmstar. Klar, das ist er wohl, schätze ich.“

„Was haben Sie bis gestern von ihm gehalten?“, fragte ich.

„Ja, nun, das war früher. Jetzt ist jetzt.“

Ich schwieg. Sie seufzte und wischte mit dem Handrücken über ihre Augen. „Eigentlich hat er auch mich in seinen Bann gezogen. Ich meine, er ist ein gut aussehender Typ. Und er schien nett zu sein.“

„Was war mit Kristi?“, fragte Nicole. „Wie hat sie über ihn gedacht?“

„Sie war schwer verliebt. Ich glaube, sie hielt es für wahre Liebe.“

„Vielleicht war es das.“

Gloria stieß ein kleines explosives Lachen aus. „Dann hat er eine merkwürdige Art das zu zeigen, oder?“

„Was war mit ihm?“, fragte ich. „Was glauben Sie, wie er in Bezug auf Kristi gefühlt hat?“

„Das weiß ich nicht sicher. Aber er schien sich schon für sie zu begeistern. Ich meine, sie saßen da drüben“ – sie machte eine Geste in die Richtung – „an diesem Ecktisch. Haben sich verliebt angesehen und rumgeknutscht. Ein bisschen peinlich, wenn Sie mich fragen.“

„Keine Streitereien? Probleme?“

„Ich habe zumindest keine gesehen. Und Kristi sagte, er habe sie wie eine Königin behandelt. Natürlich warnte ich sie, dass er das wahrscheinlich mit allen Mädchen macht.“ Ein leichtes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen und sie senkte den Blick, als würde sie an etwas denken. „Sie wollte davon nichts hören. Meinte, er sei nicht so.“

„Drogen?“, fragte ich. „Hat Kristi welche genommen?“

Gloria schüttelte den Kopf. „Nein. Nie.“

Ich warf Nicole einen schnellen Blick zu. „Was ist mit ihrer Familie? Wie ich höre, begehren ihre Brüder auf?“

„Würden Sie das nicht? Wenn Ihre kleine Schwester ermordet worden wäre? Würde Sie das nicht auf die Palme bringen?“

Ich lächelte. „Sicher.“

„Nun, Robert und Kevin sind keine Typen, mit denen man sich anlegen möchte. Sie sind nicht besonders hell, aber sie sind große böse Jungs.“

Der Clown mit den quietschenden Ballons und die Menge der kreischenden Kinder, die ihn umgab, machten es schwer sich zu konzentrieren. Anfangs war es süß gewesen, doch der Lärm wurde schnell belastend. Nicole schien er jedoch nicht zu stören.

„Und ihre Eltern?“, fragte sie.

„Tot. Ihre Mutter ist gestorben, als Kristi noch ein Kind war. Fünf oder sechs vielleicht. Ich glaube, sie hatte Krebs. Hat nicht viel darüber gesprochen. Hat sie nur sehr vermisst. Als sie auf der Highschool war, starb ihr Vater bei einem Autounfall mit irgendeinem Betrunkenen. Am frühen Morgen, auf dem Weg zur Arbeit.“ Sie schüttelte den Kopf. „Die Leute hier trinken dauernd. Morgens, mittags, abends, es spielt keine große Rolle.“ Sie wischte ihre Hände an dem Handtuch ab, das sie unter ihre Schürze geklemmt hatte. „Danach kümmerte sich zuerst ihr Onkel um sie und dann ihre Brüder.“

„Wer ist ihr Onkel?“, fragte ich.

Sie sah mich an als wäre ich blöd. „Für ein paar Privatermittler wissen Sie nicht viel, nicht wahr?“

„Darum stellen wir Fragen.“ Ich lächelte wieder.

Das schien sie ein wenig zu besänftigen. „Sorry. Das ist alles zu viel für mich.“

„Das verstehen wir. Ich habe meine Mutter auch verloren, als ich noch sehr jung war.“

Wieder glitzerten ihre Augen. „Nun, ihr Onkel ist Tony Guidry. Und Sie möchten nicht in seiner Nähe sein, wenn er schlechte Laune hat.“

„Sie sind schon die Zweite, die uns das sagt“, sagte Nicole.

„Glauben Sie es. Es ist wahr.“

„Was meinen Sie mit schlecht?“, fragte ich.

„Er ist wahrhaftig. Kein Blender, soweit ich gehört habe. Soll Verbindungen haben.“

„Verbindungen?“

„Sie wissen schon. Die Mafia.“

„Mafia?“, sagte Nicole. „Ich dachte, die gehört der Vergangenheit an.“

Ein weiteres kurzes Auflachen. „Wo zur Hölle glauben Sie, dass Sie sind? Das ist New Orleans. Glücksspiel, Alkohol, Drogen, Tittenbars. All der ganze Kram, in dem die Mafia ihre Finger hat.“

„Und Onkel Tony hat seine Finger in alldem?“, fragte ich.

„Ich habe keine Ahnung, wo überall er seine Finger drin hat, und selbst wenn ich es wüsste, würde ich es nicht ausplaudern. Ich bin nicht blöd.“ Sie schwieg kurz. „Hören Sie, ich muss zurück zur Arbeit.“

„Danke, dass Sie mit uns gesprochen haben“, sagte Nicole. „Sie haben uns sehr geholfen.“

„Dessen bin ich mir nicht so sicher. Aber wenn ich Sie wäre, würde ich mich von ihren Brüdern und Tony und seinen Leuten fernhalten. Sie könnten denken, dass Ihre Ärsche gut den Mississippi runterschwimmen würden.“

Welch erbaulicher Gedanke.

Sie wollte gerade gehen, doch ich hielt sie auf, indem ich fragte: „Hat sich Kristi noch mit jemand anderem getroffen? Während oder kurz bevor Kirk aufgetaucht ist?“

Sie wandte sich zu mir um. „Ja. Owen Vaughn. Guter Kerl. Ich dachte, er und Kristi würden für immer zusammenbleiben. Sie waren seit Jahren ein Paar.“

„Aber?“

„Er tat, was Männer eben tun. Hat sie betrogen. Also hat sie ihn sitzen lassen.“

„Wann war das?“

Sie blickte nach oben, als versuchte sie sich zu erinnern. „Vor ein paar Monaten.“

„Wie hat er es aufgenommen?“, fragte Nicole.

„Nicht gut. Er kam her und hat sie angebettelt ihm zu vergeben. Sagte, es sei ein blöder Fehler gewesen. In dem Punkt stimmte sie ihm zu. Aber sie wollte ihn nicht zurück.“ Sie seufzte. „Trotzdem kam er immer wieder vorbei und versuchte sie zurückzugewinnen.“

„War er verärgert?“, fragte ich. „Wütend? Etwas in der Art?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich wütend. Owen ist kein wütender Typ. Am ehesten war er zerknirscht.“

„Er hat sie also nicht bedroht oder so?“, fragte Nicole.

„Nicht Owens Art.“

„Was ist seine Art?“

„Sie wissen schon, still, ruhig. Sehr höflich. So empfinde ich ihn jedenfalls. Natürlich habe ich mich in Kirk Ford ebenfalls geirrt.“

„Wissen Sie, wie wir ihn erreichen können?“, fragte ich. „Owen?“

„Seinem Dad gehört eine Autowerkstatt. Drüben an der Esplanade. Vaughn’s Motorenwerkstatt oder etwas in der Art. Owen arbeitet dort.“

Nicole berührte Gloria am Arm. „Es tut mir wirklich leid, dass Sie Ihre Freundin verloren haben.“

Sie kniff die Augen zusammen, um die Tränen zurückzuhalten, und schniefte. „Ja, das Leben ist manchmal eine große alte Schlampe.“ Sie drehte sich um und ging zwischen den Tischen hindurch zurück in die Küche.

Kapitel acht

Der Regisseur Marty Ebersole erwartete einen Menschenauflauf vor dem Gericht. Er bekam einen. Einen riesigen.

Das Gerichtsgebäude nahm einen gesamten Block in der Tulane Avenue ein. Es lag nördlich des Pontchartrain Expressways in einer Gegend, in der hauptsächlich ortstypische Einfamilienhäuser standen. Eine Reihe korinthischer Säulen verlieh ihm eine gewisse Noblesse, die sich in den von der Zeit dunkel gefärbten Doppeltüren wiederfand, durch die man das Gebäude betreten konnte. Die Presseleute mit ihren Kameras, ihrer Videoausrüstung und ihrer professionellen Kleidung kämpften mit schätzungsweise tausend anderen um die besten Plätze.

Die Menge verstopfte die breite Eingangstreppe und die Grasflächen zu beiden Seiten. Mehrere uniformierte Polizisten erhielten am Straßenrand eine Linie aufrecht, die die Menge daran hindern sollte auf die Fahrbahn zu quellen. Sie hatten nur bedingt Erfolg. Der Verkehr um Tulane herum kam ins Stocken, weil die Autos den Fußgängern ausweichen mussten, die über die Straße rannten. Viele kamen weiteren gedankenverlorenen Gaffern gefährlich nahe. Unsere Limo kroch mit den anderen Autos voran.

„Was für ein Durcheinander“, sagte Nicole.

„Das stimmt wohl.“

„Wie sollen wir da durchkommen?“

„Kopf runter, geradeaus und Augenkontakt vermeiden.“

Sie lachte. „Ich bin nicht sicher, dass das funktioniert.“ Sie blickte aus dem Fenster. „Erinnert mich an den Menschenauflauf vor Frankensteins Schloss. Fehlen nur noch Fackeln und Mistgabeln.“

Da war etwas Wahres dran. Die Bürger schienen in zwei Lager gespalten zu sein. Einige hielten Schilder hoch, die Kirk unterstützten. Sein lächelndes Gesicht war auf vielen davon zu sehen. Andere schwenkten Plakate, auf denen er aller möglichen Dinge beschuldigt wurde. Sie nannten ihn einen Pädophilen, ein Raubtier und Mörder. Es gab nichts Besseres als einen Aufsehen erregenden Mord, um eine Stadt zu teilen. Besonders, wenn es auch um einen Hauch von Sex ging. Ich hoffte, dass die geschrienen verbalen Beleidigungen nicht in Tätlichkeiten übergehen würden. Besonders, weil wir durch die Menge hindurchgehen mussten.

Als die Limo anhielt, kletterten wir hinaus und folgten Ebersole und den Zwillingen durch die Lücke, die von ein paar NOPD-Beamten geschaffen wurde, durch die Menge und die Treppe hinauf. Rufe und Pfiffe folgten uns. Einige riefen nach Tegan und Tara, hielten ihnen Zettel und Notizblöcke hin und bettelten um Autogramme. Andere bedachten uns mit bösen Blicken und wütenden Rufen, als wären wir wegen unserer Verbindung zu Kirk schuldig. Ich hielt Nicole fest am Arm, bis wir die Eingangstür passiert hatten.

Drinnen war es ruhiger. Ein Dutzend NOPD-Beamte und vier Typen, die aussahen wie von einem Sondereinsatzkommando – mit automatischen Waffen, wachem Blick, ohne jedes Lächeln -, führten uns zu einem Tisch, hinter dem zwei Männer in Uniform saßen. Sie überprüften unsere Identität und glichen unsere Namen mit denen auf einer Liste ab. Ich fragte mich, ob unsere Namen es auf die Liste geschafft hatten, oder ob wir gleich in Handschellen wieder hinausgeführt oder erschossen werden würden. Es sah so aus, als wäre alles möglich. Zu sagen, dass alle angespannt waren, wäre der Situation nicht gerecht geworden. Jeder der Polizisten bemühte sich ruhig und lässig auszusehen, aber ihr scharfer, eindringlicher Blick verriet ihre Spannung. Nun, einer von ihnen schien abgelenkt. Sein Blick glitt über die Zwillinge und Nicole. Ich wollte ihm sagen, dass er aufhören sollte zu gaffen, aber da er bewaffnet war, verwarf ich den Gedanken.

Glücklicherweise schafften wir es durch die Sicherheitskontrolle und den Metalldetektor. Wir wurden abgetastet und unsere Taschen wurden durchsucht. Anschließend wurden wir einen langen Flur hinunter in den Gerichtssaal geführt. Bevor wir ihn betraten, klingelte Nicoles Handy. Sie nahm den Anruf entgegen, ging ein paar Schritte von uns weg und hielt sich das Telefon ans Ohr. Das Gespräch dauerte ein paar Minuten, dann schob sie das Gerät wieder in ihre Tasche und kehrte zu uns zurück.

„Onkel Charles“, sagte sie. „Wollte ein Update. Hat auch gesagt, dass er so bald nicht hier sein wird.“

„Ach ja?“, fragte ich.

„Irgendein großes Theater drüben in Europa. Offenbar droht der Eigentümer des Grundstücks damit sie rauszuwerfen. Onkel Charles denkt, dass es nur um mehr Geld geht.“

„Ah, Geld.“

„Jedenfalls steht die gesamte Produktion still, bis er das geregelt hat.“

„Ah, die Franzosen.“

Sie lächelte. „Ganz genau.“

„Ich wette, er ist nicht allzu glücklich. Ich meine, zwei Produktionen, bei denen es Probleme gibt.“

„Während die Rechnungen weiter ins Haus flattern.“

Als wir den bereits vollen Gerichtssaal betraten, in dem das leise Summen vieler Stimmen die Luft erfüllte, richteten sich aller Augen auf uns. Nun, hauptsächlich auf Nicole und die Zwillinge.

Ben Kornblatt begrüßte uns, schüttelte Ebersole und mir die Hand und umarmte die Mädchen über die Absperrung hinweg, die die Zuschauer vom eigentlichen Gerichtsbereich trennte. Er war groß, hatte dichtes schwarzes Haar und trug einen dunkelblauen Anzug, der ihm auf den Leib geschneidert worden war – Armani oder etwas ähnlich Teures -, ein weißes Hemd und eine rote Krawatte. Macht und Selbstvertrauen. Kornblatt war ein Spieler, ohne Zweifel.

Er stellte uns seinem örtlichen Vertreter Walton Greene vor. Der war dünn und drahtig, hatte braunes Haar, das einen Kamm hätte vertragen können, und trug einen braunen Anzug, der ihm ein wenig zu groß und nicht so flott war wie der seines Kollegen.

Die Staatsanwältin, eine attraktive Frau, lehnte mit durchgestreckten Armen an der Absperrung hinter ihrem Tisch und unterhielt sich mit drei Männern. Zwei davon waren jünger, sehr groß, mit sehr ernsten Gesichtern. Wahrscheinlich die Brüder. Der dritte Mann war kleiner, stämmiger und älter. Er hatte dunkles Haar, das an den Schläfen ergraute, und trug einen dreiteiligen marineblauen Anzug mit feinen Nadelstreifen. Tony Guidry, der Onkel. Er musste es sein.

Obwohl er die Staatsanwältin direkt ansah und mit ihr sprach, beschlich mich der Eindruck, dass viel seiner Aufmerksamkeit auf uns lag. Er blickte nicht in unsere Richtung, doch ich hatte das Gefühl, dass er uns abschätzte. Ich nahm weiterhin an, dass er all das war, was Gloria, die Kellnerin aus dem Café du Monde, über ihn gesagt hatte. Gefährlich. Sein Gesicht war entspannt und er hatte seine Hände ruhig in seinem Schoß gefaltet. Er sah aus als hätte er alles unter Kontrolle. Den gesamten Gerichtssaal. Ich fragte mich, ob das auch den Richter einschloss, der noch nicht erschienen war.

Die beiden Brüder waren eine andere Geschichte. Sie sahen uns mit verschleiertem Blick und zusammengebissenen Zähnen an. Ohne Zweifel waren sie der Feind. Als bräuchten sie kein Verfahren, um Kirk Ford schuldig zu sprechen. Sie würden ihn einfach mitnehmen und an den nächsten Baum hängen und jeder, der ihn auch nur annähernd unterstützte, wäre Freiwild.

Ihr Starren richtete sich von uns auf eine Tür links von der Bank, die sich gerade öffnete. Kirk schritt hindurch, begleitet vom Gerichtsdiener. Er trug einen braunen Anzug und ein blaues Hemd, keine Krawatte. Zumindest hatte er keine Gefängniskleidung an und auch keine Handschellen. Er begegnete Nicoles Blick und lächelte schwach.

Sie beugte sich zu mir herüber. „Er sieht eingeschüchtert aus“, flüsterte sie.

Und das tat er. Sein Gesicht war angespannt, die Zähne zusammengebissen und die Augen groß und beinahe glasig. „Schöner Anzug.“

„Darauf hat sicher Kornblatt bestanden“, sagte sie. „Vielleicht wegen des Richters.“

„Möglich. Diese Gefängnisoveralls lassen jeden schuldig aussehen.“

In einem hatte Nicole recht. Trotz der Umstände und seiner offensichtlichen Angst war Kirk hübsch. Kein anderes Wort schien zu passen.

Ich meine, ich hatte sein Gesicht in Filmen und auf den Titelseiten von Zeitschriften gesehen, doch nichts davon wurde ihm gerecht. Er hatte dieses gewisse Etwas. Diese charismatische Ausstrahlung, die aus ihm den Superstar machte, der er war. Ich fragte mich, ob die Jury das gegen ihn verwenden oder seinem Charme erliegen würde, wenn es so weit kam. Den Fakten nach zu urteilen, die wir bisher ausgegraben hatten, hoffte Kirk besser auf Letzteres.

Er ging hinter den Tisch, schüttelte Kornblatt und Greene die Hände und setzte sich auf seinen Platz, wo er seinen Kragen richtete, damit er glatt lag. Er würdigte die Anklagebank keinen Blickes.

„Erheben Sie sich“, bellte der Gerichtsdiener. Der Richter in der schwarzen Robe, der ehrenwerte William Booth, betrat den Raum, kletterte auf das Podium, setzte sich und sagte: „Bitte nehmen Sie Platz.“

Die Show hatte begonnen.

Nach dem ganzen üblichen Geplänkel bat der Richter die Staatsanwältin ihre Anklage zu erheben. Sie stellte sich als Melissa Mooring vor und begann direkt damit Kirk herabzuwürdigen. Nur er und das Mädchen waren im Raum gewesen, die Tür verschlossen, niemand sonst hatte Zugang.

Nun, das stimmte nicht ganz. Ebersole hatte eine Schlüsselkarte. Allerdings hatte er sie eigenen Angaben zufolge erst später am Tag erhalten, nachdem sich das Fingerabdruckpulver gelegt hatte, sozusagen. Und natürlich hatten die Bediensteten des Hotels Zutritt. Sonst noch jemand? Konnten diese Dinger nicht kopiert werden? Ich beschloss Ray danach zu fragen. Vielleicht wusste er das. Pancake wusste es sicher.

Mooring fuhr fort und schilderte detailliert, wie das Opfer brutal zu Tode gewürgt worden war. Dass sie jung und naiv gewesen und gerade erst zur Frau geworden war. Dass sie ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt hatte. Dass sie dem Superstar erlegen und von diesem „Raubtier“, das für ein derartiges Verhalten bekannt war, in sein Bett gelockt worden war. Dass Kirks fehlende „Erinnerung an dieses schäbige Ereignis“ „zweckdienlich“ war. Sie ritt auf dem Punkt herum, dass verminderte Schuldfähigkeit und teilweiser Gedächtnisverlust seine einzige Verteidigung waren. Sie schloss damit, dass Kirk über unbegrenzte finanzielle Mittel verfügte, nicht von hier stammte, des Mordes angeklagt wurde und definitiv fluchtgefährdet war. Sie forderte, dass der Richter ihn nicht auf Kaution freilassen sollte.

Staatsanwältin Melissa Mooring verstand ihr Fach.

Verdammt, Kirk hörte sich wirklich schuldig an. War das nur eine Empfindung oder die Realität?

Nun war Kornblatt an der Reihe.

Er konterte jeden Punkt schnell und effizient. Kein Getue, kein Drama – er war ruhig und professionell. Kirk war unschuldig. Er hatte unter Drogen gestanden oder war zu betrunken gewesen, um jemanden umzubringen. Er und das Opfer waren beide erwachsen gewesen und waren eine einvernehmliche Affäre eingegangen. Der Gerichtsmediziner müsste die Todesursache erst noch feststellen und die Behauptung, dass es sich um Strangulation handelte, wäre Spekulation. Kirk wäre nicht fluchtgefährdet, da sein Gesicht sowieso auf der ganzen Welt bekannt war. Er verglich ihn mit Elvis Presley und Muhammad Ali. Kirk konnte nirgendwohin gehen, ohne eine Menschenmenge anzuziehen. Die Versammlung vor dem Gerichtsgebäude bewies das. Kirk war als Profi hier und arbeitete jeden Tag am Filmset, das der Stadt Geld gebracht hatte und das noch weiterhin tun würde. Er war unschuldig und hatte nicht die Absicht vor einer Situation fortzulaufen, die er so schnell wie möglich geklärt haben wollte. Er bat um Kirks Freilassung auf eigene Anerkenntnis und falls es dazu nicht käme, zumindest um eine angemessene Kaution.

Der Richter nahm seine Brille ab, rieb sich mit dem Fingerknöchel im Auge und setzte sie wieder auf. Er blätterte ein paar Seiten durch, die er vor sich liegen hatte, sah dann auf und blickte mit grimmigem Gesicht über seine Brille hinweg, die nun weit unten auf seiner Nase saß.

„Ich habe sowohl die Schrift der Anklage als auch die der Verteidigung durchgelesen und beiden klaren und prägnanten Plädoyers zugehört.“ Zögernd blickte er sich im Raum um. „Dies ist ein schwieriger Fall. Und einer, der offenbar das öffentliche Interesse geweckt hat. Ich würdige die Position der Anklage. Dies ist ein Mordprozess. Der Angeklagte hat nahezu unbegrenzte Ressourcen. Und das würde normalerweise eine Fluchtgefahr darstellen. Ich bin mir auch absolut darüber im Klaren, wer der Angeklagte ist. Wie bekannt er ist. Und ich stimme zu, dass das eine Flucht unwahrscheinlich macht. Ich verstehe auch, dass seine weitere Gefangenschaft nicht nur der Produktionsfirma, sondern auch den vielen Menschen, die hier in unserer schönen Stadt mit dem Filmdreh beschäftigt sind, Schaden zufügen könnte.“ Wieder ordnete er die Seiten vor sich, nahm seine Brille ab und stützte seine Ellbogen auf den Tisch. „Ich verfüge eine Kaution in Höhe von drei Millionen Dollar. Mr Ford wird seinen Pass aushändigen und ihm wird nicht erlaubt die Stadt zu verlassen.“ Er lehnte sich zurück. „Irgendwelche Einwände?“

Ich sah, wie Kirks Schultern sich sofort entspannten und sein Kopf nach vorn fiel. Ich fragte mich, ob er weinen würde. Hübsche Jungs machten sich nie gut im Gefängnis. Besonders dann nicht, wenn sie berühmt waren. Es gab immer einen Gorilla, der sich selbst profilieren wollte, indem er solche Jungs verdrosch. Oder Schlimmeres mit ihnen anstellte.

Kornblatt antwortete sofort. „Wir akzeptieren Ihren Erlass, Euer Ehren.“

Mooring zögerte und sah sich dann um. Onkel Tony nickte kaum wahrnehmbar. Sie richtete ihren Blick wieder auf den Richter. „Wir stimmen zu, Euer Ehren.“

Sieh an, sieh an. Onkel Tony war definitiv dick im Geschäft. Ich fragte mich, wie weit in die Staatsanwaltschaft oder das gesamte Rechtssystem seine Finger reichten.

Ich dachte noch einmal an das, was Gloria über ihn gesagt hatte. Dass wir ihm nicht begegnen wollen würden, wenn er schlechte Laune hatte. Und dass er Verbindungen hatte. Was die Frage aufwarf, warum er den vermeintlichen Mörder seiner Nichte nicht im Gefängnis sehen wollte. Wollte er ihn auf der Straße haben, damit er verletzlich war?

Ich nahm an, dass Tony ihn auch im Gefängnis erreichen könnte. Draußen hätte er nur mehr Möglichkeiten. Das konnte sehr hässlich werden.

Aber würde er einen internationalen Star umlegen lassen? Jemanden, der durch Kristi eine direkte Verbindung zu ihm hatte? Schien mir, als würde das die Cops direkt zu ihm führen. Aber gerade, als ich sein ruhiges, entspanntes Verhalten betrachtete, spürte ich, dass Tony wahrscheinlich schon Schlimmeres getan hatte. Und offenbar war er damit davongekommen.

Kapitel neun

Nachdem der Richter die Verhandlung vertagt hatte, folgten wir den anderen Zuschauern auf den Korridor. Kornblatt ging von uns und der Menschenmenge fort, um „ein paar Anrufe zu tätigen“. Ich spürte eine Präsenz hinter Nicole und mir, drehte mich um und fand mich den beiden Brüdern gegenüber. Im Gerichtssaal hatten sie groß ausgesehen, doch nun, da sie vor uns standen, sahen sie noch größer aus. Zumindest kräftiger. Beide waren um die eins achtzig groß und damit immer noch gute zehn Zentimeter kleiner als ich, aber jeder von ihnen wog schätzungsweise hundertfünfundzwanzig Kilo. Zweihundertfünfzig Kilo gegen meine fünfundneunzig – gut, vielleicht ein bisschen mehr nach dem gestrigen Abendessen im Mr B’s. Wo war Pancake, wenn ich ihn brauchte?

„Ihr gehört also zu dem Mörder“, sagte einer von beiden. Ich glaubte nicht, dass es eine Frage gewesen war. Trotzdem erwartete er irgendwie eine Antwort.

„Hängt davon ab, wie ihr das meint“, sagte ich.

„Auch solche Hollywood-Typen.“

Nicole war an meine Seite getreten und ich konnte sehen, dass sie sich für eine Offensive rüstete. Ihr Kinn war hochgereckt, die Schultern nach hinten geschoben und diese wunderbaren Augen sprühten vor Elektrizität. Als würde sie gleich einen Blitz aus ihnen abschießen und die Brüder verdampfen. Ich berührte sie sanft am Arm, um ihr zu signalisieren, dass das nicht die beste Zeit war, um den beiden die volle Dosis Nicole zu verabreichen.

„Habe ihn nie getroffen“, sagte ich.

Er zögerte kurz. Das hatte er nicht erwartet. Er legte seinen Kopf schief. Als er sich wieder gefangen hatte, fragte er: „Warum seid ihr hier?“.

Bevor ich antworten konnte, kam ein hart aussehender Kerl auf uns zu und tippte dem Bruder, der gesprochen hatte, auf die Schulter. Er trug Jeans, ein weißes Hemd mit offenem Kragen und einen sportlichen blauen Mantel. Und eine Sonnenbrille.

„Tony möchte dich sehen“, sagte der Mann. „Jetzt.“

Der Mann würdigte uns keines Blickes und schien auch nicht wahrzunehmen, dass wir überhaupt existierten. Sein Gesicht war ausdruckslos, er runzelte nicht die Stirn und lächelte auch nicht. Erinnerte mich an Rays „sei cool“-Einstellung.

Die Brüder bedachten uns mit einem wütenden Blick und folgten dann dem Mann zu Tony hinüber, der sich mit einem anderen Mann unterhielt. Tony starrte mich mit ausdrucksloser Miene an. Der Blickkontakt blieb einen Herzschlag lang bestehen, bevor er sich mit zusammengebissenen Zähnen und schmalen Augen den Brüdern zuwandte. Er sah nicht glücklich aus.

Nicole und ich gingen zu Kornblatt hinüber, der an der Wand lehnte und sein Telefon am Ohr hatte. Er wies gerade jemanden an Kirks Pass abzuholen. Er sei in der oberen linken Schublade von Kirks Schreibtisch bei ihm zu Hause und müsse zum LAPD in Verwahrung gebracht werden. Er sagte weiterhin, dass „das Geld für die Kaution am besten gestern“ da sein und die Papiere fürs Gericht vorbereitet werden sollten, damit „wir Kirk da raus und wieder an die Arbeit kriegen“.

Prioritäten eben.

Als Kornblatt auflegte, bemerkte ich, dass Tony eine offenbar hitzige Unterhaltung mit seinen Neffen führte, die mit dem Rücken zur Wand vor ihm standen. Es war keine richtige Unterhaltung, denn nur Tony redete, hob mehr als einmal drohend den Finger und stieß erst den einen und dann den anderen seiner Neffen vor die Brust. Sein Gesicht war versteinert und seine Wut fast greifbar.

Interessant. Ein guter alter Familienstreit.

Schließlich schüttelte Tony den Kopf, drehte sich auf dem Absatz um und ging in Richtung Ausgang. Seine beiden Rowdys bewegten sich, als könnte niemand ihnen etwas anhaben. Sie schälten sich von der Wand, an der sie gelehnt hatten, und gingen rechts und links von Tony. Die Neffen folgten mit hängenden Schultern und gesenkten Köpfen. Sie passierten die Sicherheitskontrolle und verschwanden durch den Ausgang.

Kornblatt beendete sein Telefonat. „Okay, die Mühlen mahlen. Meine Arbeit hier ist erledigt. Fürs Erste zumindest. Ich gehe jetzt raus und rede mit der Presse. Dann fliege ich nach LA zurück.“

„Sie verlassen uns?“, fragte Nicole.

Er lächelte. „Ist gerade nicht viel mehr zu tun. Jedenfalls nichts, was meine körperliche Anwesenheit erfordert. Wir werden an Kirks Verteidigung arbeiten, aber ich gehe davon aus, dass die Verhandlung erst in vielen Wochen oder eher Monaten stattfinden wird. Die Polizei hat noch einen Haufen Arbeit zu erledigen, bevor die Staatsanwaltschaft etwas in den Händen hat. Wir haben Zeit. Und Kirk ist auch nicht der Einzige, um den ich mich aktuell kümmere.“

„Wir werden Sie nach draußen begleiten“, sagte Tara.

Heute war es leicht die beiden zu unterscheiden, denn Tara trug eine grüne Bluse und Tegan eine blaue. Wenn ich es mir richtig gemerkt habe. Vielleicht hatte ich sie auch verwechselt. Ich sollte mir derlei Dinge aufschreiben.

Kornblatt sah die Zwillinge an und sagte: „Das gefällt mir. Dass Kirks schöne junge Kameradinnen ihn unterstützen, hilft vielleicht zumindest eine kleine Brücke zur Öffentlichkeit zu schlagen.“

„Das dachten wir auch“, sagte ich.

Er nickte. „Lasst uns gehen.“

„Nicole und ich werden uns noch mit Detective Doucet unterhalten“, sagte ich. „Ich glaube, er erwartet uns hier.“

Kornblatt nickte und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Geht nur schon vor“, sagte ich. „Wir nehmen ein Taxi zurück ins Hotel.“ Ein weiteres Nicken von Kornblatt. Nicole und ich sahen zu, als er mit den Zwillingen das Gebäude verließ.

„Mr Longly?“

Die Stimme kam von hinten. Ich drehte mich um und sah mich einem Mann in seinen Dreißigern gegenüber, der Jeans, ein schwarzes T-Shirt und einen blauen Blazer trug. Das Wort „Cop“ stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Er war klein, durchtrainiert und hatte schütteres blondes Haar und hellblaue Augen. Ein goldenes Abzeichen hing an seinem Gürtel.

„Ich bin Detective Troy Doucet.“

Ich schüttelte seine Hand und stellte Nicole vor. „Nennen Sie mich Jake“, bot ich an.

„Sie sind Ray Longlys Sohn? Der Baseballspieler?“

Ich nickte. „Ehemaliger Spieler.“

Doucet lächelte kurz. „Ich sagte Ray, dass wir uns unterhalten würden, also unterhalten wir uns.“

Kein Unfug. Das gefiel mir. Er führte uns einen Korridor entlang und bog um eine Ecke, hinter der sich gegenüber eines geschlossenen Gerichtssaals eine Bank befand. Wir setzten uns.

„Ich erinnere mich, dass Sie für die Rangers geworfen haben. Sie waren fantastisch.“

„Danke. Hielt nur leider nicht lang.“

„Aber Sie hatten es echt drauf.“

„Das hat er immer noch“, sagte Nicole mit einem hinterhältigen Grinsen. Doucet sah sie an und lachte, bevor er sich wieder an mich wandte. „Ray ist ein Privatermittler drüben in Gulf Shores?“

„Das stimmt.“

„Ich kenne ihn nicht, aber er muss gute Verbindungen haben.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich meine, ich kriege nicht jeden Tag einen Anruf vom Regionaldirektor des FBI.“

„Er hat Freunde dort.“

„Und er ziert sich nicht sie um Hilfe zu bitten.“

Ich lächelte. „Sich zieren und Ray sind Gegensätze. Als ich noch jung war, hat er das FBI angerufen, wenn ich zu spät nach Hause kam.“

Das entlockte Doucet ein Lächeln. Er schien sich ein wenig zu entspannen.

„Was kann ich Ihnen erzählen?“

„Was denken Sie, wie das alles passiert ist?“, fragte ich.

Er holte tief Luft, hielt einen Augenblick den Atem an und stieß ihn dann langsam wieder aus. „Wir sprechen normalerweise nicht über laufende Ermittlungen. Schon gar nicht in Details.“

„Verstehe.“

„Warum erzählen Sie mir nicht, was Sie wissen, und ich werde sehen, ob ich etwas davon bestätigen kann.“

„Das klingt gut“, sagte ich. „Ein Pärchen in einem abgeschlossenen Raum, allein. Das Mädchen, Kristi Guidry, erdrosselt. Kirk Ford erinnert sich an nichts. Richtig?“

„So weit, so gut.“

„Das ist alles, was wir wissen.“

Doucet starrte mich an, sagte aber nichts.

„Ich nehme an, Sie wissen mehr als das?“, fragte ich.

„Nicht viel.“

Ich nickte. „Sehen Sie, wir sind hier, um zu helfen.“

„Helfen? Auf welche Weise?“

„Wir wollen die Wahrheit erfahren.“

Er verdrehte seinen Hals, als würde er eine Verspannung lösen wollen. „Ich habe noch nie einen Privatermittler als hilfreich empfunden. Eigentlich eher das Gegenteil.“ Er lächelte. „Das trifft übrigens auch auf das FBI zu.“

„Ich verstehe.“ Ich ließ meine Antwort in der Luft stehen und wartete ab.

Schließlich sprach Doucet. „Mr Fords Erinnerungsverlust ist für ihn sehr zweckmäßig. Auf den ersten Blick sieht es nicht gut für ihn aus.“

„Auf den ersten Blick?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich mache diesen Job schon lange genug, um zu wissen, dass die einfache Antwort meistens die richtige ist. Aber ich weiß auch, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie zu sein scheinen.“

„Sie haben Zweifel?“

„Nicht wirklich. Ich halte ihn für schuldig. Aber es ist immer klug sich nicht festzulegen.“

Das gefiel mir ebenfalls. Zumindest verfolgte der leitende Beamte auch andere Möglichkeiten. Selbst wenn ich gerade keine anderen Optionen sah.

„Gibt es irgendwelche anderen Verdächtigen?“

„Ihr Ex-Freund. Einer meiner Männer hat mit ihm gesprochen. Er bezweifelt, dass er involviert ist. Offenbar ist er ziemlich mitgenommen.“

„Aber er ist zumindest ein möglicher Verdächtiger, richtig?“, fragte Nicole.

„Sicher.“ Doucet kratzte sich am Ohr. „Wir sind immer noch am Anfang der Ermittlung, also ist jeder mit einer Verbindung zu Kristi oder Mr Ford verdächtig.“

„Es gab keinen Hinweis auf ein anderes Trauma?“, fragte ich.

„Abgesehen von den Würgemalen? Kein Kampf oder Gerangel? Etwas in der Art?“

„Nein. Aber Ford sagte, sie seien beide wie erschlagen gewesen – seine Worte.“

„Wein und Marihuana, habe ich gehört?“

„Sieht so aus. Wir haben ein paar leere Flaschen und drei Joints gefunden. Nur einer davon war geraucht. Zur Hälfte zumindest.“

„Hört sich nicht nach dem Rezept für einen Blackout an“, sagte ich.

„Stimmt. Im Labor tun sie, was sie können. Suchen nach etwas, das sonst noch eine Rolle gespielt haben könnte.“ Er verdrehte wieder seinen Hals. „Das dauert noch eine Weile. Mindestens ein paar Tage.“

„Gibt es keinen Hinweis darauf, dass noch jemand anders dort war?“

„Kein erzwungener Zutritt oder sowas. Und an einem mehr oder weniger öffentlichen Ort wie einem Hotelzimmer sind Fingerabdrücke schwer zuzuordnen. Die Techniker haben mehrere Dutzend verschiedene Fingerabdrücke gefunden. Die meisten davon gehören vermutlich den Angestellten.“

„Es ist nie leicht, nicht wahr?“, fragte ich.

„Fast nie.“

„Noch etwas?“

„Ja. Kirk hatte Kratzer auf seinem Rücken und seinen Armen.“

„Tatsächlich?“, fragte Nicole.

„Ja. Einige sahen aus, als wären sie schon ein paar Tage alt, aber ein paar waren neueren Datums. Er sagte, er habe sie sich am Set zugezogen. Draußen im Sumpf, wo sie gedreht haben.“ Er zuckte mit den Schultern. „Könnte sein. Aber der Gerichtsmediziner wird Kristis Fingernägel untersuchen, um herauszubekommen, ob seine DNS auftaucht.“

Darüber hatte ich bereits nachgedacht. Na und? war der Schluss, zu dem ich gekommen war. „Aber sie hatten Sex. Selbst wenn sie ihn gekratzt hätte, könnte das dazugehört haben.“

Doucet legte seinen Kopf schräg. „Das ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen.“

„Sorry, ich habe nur laut gedacht.“

Er lächelte. „Ich mache nur Spaß.“

„Was ist mit ihrem Onkel? Tony Guidry?“

„Als Verdächtiger?“, fragte Doucet.

„Nein. Ich meine, wie er sich dort drinnen verhalten hat, lässt mich annehmen, dass er seine Finger in den Gerichtsangelegenheiten hat.“

„Tony Guidry hat seine Finger überall drin. Er ist mit Staatsanwältin Mooring befreundet.“

„Befreundet?“

„Belassen wir es einfach dabei.“

„Da steckt eine Geschichte dahinter“, sagte Nicole.

Doucet zuckte mit den Schultern. „Steckt nicht hinter allem eine Geschichte?“

„Uns wurde gesagt, dass er ein böser Bube ist“, sagte ich. „Mit Verbindungen.“

„Tony Guidry ist ohne Zweifel mächtig und einige halten ihn für verdorben bis ins Mark.“

„Halten Sie ihn für verdorben?“

Doucet zögerte, sah sich im Korridor um und sagte dann: „Ich denke, Tony hat weder Bremsen noch Grenzen. Aber zitiert mich nicht.“

„Könnte er den Fall manipulieren?“, fragte ich.

„Es wäre nicht das erste Mal. Er hat arrangiert, dass Melissa Mooring die Anklage vertritt.“

„Arrangiert?“, fragte Nicole. „Das hat er getan?“

Doucet zuckte mit den Schultern. „Ich bin nicht sicher, ob es etwas gibt, in das er keinen Weg hinein findet. Wir konnten ihm noch nie etwas anhängen, aber wir haben überall nachgesehen. Bestechung, Erpressung, Beeinflussung von Zeugen. Selbst ein paar Morde.“

„Wirklich?“, fragte Nicole.

Wieder ein Schulterzucken. „Wie ich sagte, nichts, was wir je hätten beweisen können.“ Er beugte sich vor und stützte seine Unterarme auf die Knie. „Aber wenn ich Sie wäre, würde ich nicht in seiner Welt herumschnüffeln. Das ist nicht gesund.“

„Sie sind nicht der Erste, der uns das rät“, sagte ich.

„Dann hören Sie darauf.“
„Was ist mit ihren Brüdern?“, fragte ich.

„Die laufen nicht auf allen Pötten, wenn Sie verstehen. Nicht allzu hell. Und sie stehen Tony nicht besonders nah.“

„So sah es auch aus“, sagte ich.

„Er besorgt ihnen Arbeit. Meist in einem seiner Clubs. Man hört, sie seien nicht wirklich zu was zu gebrauchen. Klar, Tony hat sie nach dem Tod ihrer Eltern aufgenommen, aber es war Kristi, um die er sich wirklich gekümmert hat. Die zwei scheint er nur zu tolerieren.“

„Familiendrama“, sagte Nicole. „Es gibt nichts Besseres.“

„Sollten wir sonst noch etwas wissen?“, fragte ich.

Doucet stand auf. „Das ist alles, was wir aktuell haben. Aber wie ich bereits sagte, haben wir gerade erst angefangen.“ Er blickte auf seine Uhr. „Ich muss mich jetzt beeilen, aber ich bin sicher, dass wir uns bald wieder sprechen werden.“

Ich stand ebenfalls auf und schüttelte seine Hand. „Danke, dass Sie uns eingeweiht haben.“

„Ich hoffe, ich bedaure es nicht, dass Sie beide in meinem Fall herumschnüffeln.“

„Das werden Sie nicht. Wir geben alles an Sie weiter, was wir herausfinden.“

Er nickte zögernd. „Passen Sie nur auf. Wenn Sie mich fragen, hat Tony seine eigenen Vorstellungen davon, wie diese Geschichte laufen sollte.“

„Denken Sie, er wird versuchen Kirk etwas anzutun?“, fragte Nicole.

„Bei Tony Guidry ist alles möglich.“

Kapitel zehn

Robert Guidry Jr. hatte es kommen sehen. Sicher, Onkel Tony hatte ihnen vor dem Gerichtssaal die Hölle heiß gemacht, aber er war noch nicht mit ihnen fertig. Daran bestand kein Zweifel. So war Tony. Wie ein Hai. Zuschlagen, Schaden anrichten, abhauen und bis zum nächsten Schlag warten. Das Opfer ein wenig bluten lassen, warten, bis es den Kampfgeist und den Willen zur Flucht verlor. Meist geschah das im übertragenen Sinn, doch bei Tony konnte es sich auch buchstäblich so abspielen.

Robert wusste, dass sein Bruder es ebenso spürte, als er sah, wie Kevin den Sitz der Limo umklammerte. Wie sollte er auch nicht? Sie waren schon so oft das Ziel der Wut ihres Onkels gewesen. Sie kannten die Zeichen. Zusammengebissene Zähne, das Kinn leicht gehoben, gespannte Schultern – wie ein Serengeti-Löwe, der sich an eine arglose Gazelle heranschleicht.

Einer von Tonys Robotern, Reuben Prejean, saß am Steuer. Robert und Kevin saßen im Fond der Limousine mit Blick nach vorn. Der andere Roboter, Johnny Hebert, saß auf der seitlichen Bank gegenüber der gut bestückten Bar. Tony selbst saß mit dem Rücken zum Fahrer und sah sie an. Er hatte das Kommando. Wie immer. Er war der König des irren New-Orleans-Dschungels.

Tony hielt sein Mobiltelefon an sein Ohr und sprach davon in jemandes Leben herumzuschnüffeln. Sein Blick ruhte jedoch auf Robert und Kevin und hatte diesen dunklen, gefährlichen Ausdruck, den Onkel Tony von einem Moment auf den anderen jedem zuteil werden lassen konnte.

Natürlich hatte er sie nach dem Tod ihrer Eltern aufgenommen, hatte ihre Ausbildung bezahlt, ihnen Arbeit besorgt und war selbstverständlich auch für Kristis College aufgekommen. Er konnte es sich leisten. Daran bestand kein Zweifel. Robert wäre für all das dankbar gewesen, wenn Tony nicht so ein Ekel wäre. Kevin und ihm gegenüber jedenfalls. Nicht zu Kristi. Niemals.

Tony hatte keine Kinder. Vielleicht wollte er keine, aber Gerüchten zufolge schoss Tony mit Platzpatronen. Vielleicht lag es auch an Tante Anita. Robert zog es vor anzunehmen, dass das Problem bei Tony lag. Wäre das nicht ein Lacher? Der große böse Onkel Tony mit einem leeren Magazin? Irgendwie würde das seinen ganzen Mist erträglicher machen. Meistens jedenfalls.

Zuerst ergab Onkel Tonys Telefonat für Robert keinen Sinn, doch dann sagte er: „Ja. Dieser große gut aussehende Typ und eine sehr attraktive Blondine. Sie waren heute im Gerichtssaal. Kamen mit Fords Anwalt herein. Sind vielleicht nur Freunde oder so Hollywood-Typen. Aber vielleicht auch nicht. So oder so weiß ich nicht, wer all diese Leute heute waren. Ich möchte nicht, dass jemand den Plan versaut.“ Er hörte wieder zu. „Lass mich wissen, was du herausfindest.“

Er unterbrach die Verbindung und starrte Robert an. „Irgendwelche Fragen zu dem, was ich gesagt habe?“, fragte er.

Robert schüttelte den Kopf.

„Sicher? Ich will nicht, dass ihr zwei das hier versaut.“

„Sie war unsere Schwester“, sagte Kevin.

Tonys Augen wurden zu Schlitzen. „Und meine Nichte.“

Robert wäre dabei beinahe aufgesprungen, blieb jedoch ungerührt. Es bestand kein Zweifel daran, dass Onkel Tony Kevin und ihn nur tolerierte. Vielleicht aus irgendeinem Pflichtgefühl ihrem Vater gegenüber, der sein Bruder gewesen war. Doch Kristi hatte er geliebt. Und daraus machte er kein Geheimnis. Sie hatte nichts falsch machen können und Robert und Kevin nichts richtig. Kristi hat auch nie etwas falsch gemacht. Nicht einen Fehltritt hatte sie sich geleistet. Bis jetzt zumindest. Aber Kevin und er schienen Onkel Tony immer zu verärgern.

„Ich sage es noch einmal“, sagte Tony. „Ich möchte nicht, dass ihr zwei eure Klappen aufmacht. Nicht der Presse gegenüber und zu niemandem sonst. Nähert euch niemandem, der mit Kirk Ford in Verbindung steht, und niemandem, der auch nur beiläufig mit dem Mord an Kristi zu tun hat. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Robert sah ihn an. Er wusste, dass er besser nicht antwortete, aber irgendwie konnte er sich nicht zurückhalten. „Wir haben jedes Recht herauszufinden, was mit ihr passiert ist, und ihren Mörder und seine Freunde zu treffen.“

„Und dann? Ihr verscheucht sie nur. Zieht vielleicht die Aufmerksamkeit der Polizei auf euch. Und wozu?“

Darauf wusste Robert keine Antwort.

„Ich werde mich darum kümmern.“ Tony beugte sich vor, wobei seine Augen tiefer unter seine Brauen zurückzukriechen schienen. „So wie ich mich um alles kümmere. Das Gericht wird sich um Mr Ford kümmern. Er wird das Tageslicht nie wieder sehen. Und wenn er durch ein Wunder wieder herauskommt, werde ich mich auch darum kümmern.“

Und da war es wieder. Tony kümmerte sich um alles. Manipulierte das Rechtssystem, und wenn das nicht klappte, ging er auf alle los, die ihn schief ansahen. An diesem Punkt kamen Johnny und Reuben ins Spiel, deren Spezialgebiet die Selbstjustiz war.

Kirk Ford tat ihm fast leid. Nicht viel, aber ein bisschen. Robert dachte, dass Kirk in Sicherheitsverwahrung weniger gefährdet wäre als draußen auf der Straße. Selbst wenn das bedeutete, dass ein hübscher Junge zusammen mit Raubtieren in einem Käfig wäre. Wer weiß, vielleicht würde der Richter ihn in das Höllenloch von Angola werfen. Selbst das wäre besser als sich mit Tonys Wölfen abzugeben.

Kapitel elf

Nicole und ich verabschiedeten uns von Detective Troy Doucet und dankten ihm noch einmal nicht nur für seine Zeit, sondern auch dafür, dass er uns gegenüber so offen gewesen war. Schulterzuckend sagte er, dass das in zwei Richtungen funktionierte und wir ihn auf dem Laufenden halten sollten, falls wir etwas herausfänden. Würden wir machen.

„Ich mag ihn“, sagte Nicole.

„Ich auch“, antwortete ich. „Scheint mir ziemlich geradeheraus.“ Wir standen auf dem Korridor und sahen ihm zu, wie er auf den Hinterausgang zuging, der auf den abgesperrten und bewachten Parkplatz führte. Er hatte sein Handy am Ohr und bewegte sich zielgerichtet.

Die Beziehung zwischen Cops und Privatermittlern war immer kompliziert. Und zerbrechlich. Ray hatte seine Meinung zu dem Thema oft genug zum Besten gegeben. Seine Ansicht? Abzeichen machten aus manchen Menschen Agenten der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der amerikanischen Lebensart. Andere hingegen wurden einfach nur aggressive Arschlöcher. Sie eigneten sich eine bestimmte Attitüde an, ob sie sie verdient hatten oder nicht. Natürlich arbeiteten Cops und Privatermittler auf dasselbe Ziel hin – herauszufinden, was wirklich passiert war -, aber jeder hatte seine eigenen Regeln, Methoden und Grenzen. Privatermittler schienen den Cops ihren Zugang zu Informationen und Beweisen übel zu nehmen, während Polizisten sich oft über die Fähigkeit eines Privatermittlers die Regeln zu beugen und zu ignorieren ärgerten oder sie darum beneideten. Das konnte zu epischen Zusammenstößen führen. Aber so war mir Doucet nicht vorgekommen. Er schien seinen Blick auf das Ziel gerichtet zu haben – die Wahrheit – und sich nicht darum zu kümmern, wer die Beweise ans Tageslicht beförderte. Ich hoffte, meine Einschätzung war korrekt.

„Was jetzt?“, fragte Nicole.

„Lass uns von hier verschwinden. Ich muss Ray anrufen. Dann schnappen wir uns ein Taxi und holen dein Auto ab. Vielleicht unterhalten wir uns noch mit ihrem Freund. Owen Wie-hieß-er-noch-gleich?“

„Vaughn. Owen Vaughn.“

„Ja, genau.“

„Was ist mit dem Onkel? Tony Guidry?“

„Das ist eines der Dinge, über die ich mit Ray sprechen will.“

Wir verließen das Gerichtsgebäude. Von Kornblatt und den Zwillingen war keine Spur mehr zu sehen.

Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg zum Flughafen, damit Kornblatt nach Westen reisen und sich um seine anderen Fälle kümmern konnte. Nun stand Staatsanwältin Melissa Mooring vor den Kameras und erzählte ihre Sicht der Geschichte. Ich fragte mich, wie viel von ihrer Rede von Tony Guidry geschrieben worden war. Sie bedachte uns mit einem kurzen ausdruckslosen Blick, als wir uns durch die Menge bewegten, die Treppe hinabstiegen und Richtung Tulane davongingen.

Nicole hakte sich bei mir unter. „Das wird ein richtiger Medienauflauf, nicht wahr?“

„All das und noch mehr.“

„Hoffentlich wird es nicht allzu schlimm.“ Sie stieß mich mit ihrer Hüfte an.

Wir überquerten die South Broad, ließen die Menge hinter uns und blieben vor einer Reihe ortstypischer Shotgun-Häuser stehen. Es waren schmale, lange Gebäude, in denen die Räume nicht von einem Flur abgingen, sondern alle hintereinander lagen. Ihre Türen befanden sich häufig in einer Linie, die so gerade war wie der Lauf eines Gewehrs. Machte das Leben interessant. Ich meine, der Weg von der Küche ins Bad führte vielleicht durch ein oder zwei Schlafzimmer. Privatsphäre war hier ein Fremdwort.

Ich rief Ray an.

„Was gibt’s?“, fragte Ray sofort. Offenbar hatte er auf dem Display gesehen, dass ich es war, der anrief.

„Er ist auf Kaution raus. Drei Millionen.“

Das entlockte Ray einen leisen Pfiff. „Ich hatte erwartet, dass die Kaution hoch sein würde. Ich nehme an, dass Ford sie zahlen kann?“

„Das Studio zahlt. Sie wollen ihn so schnell wie möglich zurück am Set.“

„Ja. Nicht, dass der Produktionsplan aus dem Ruder läuft.“

„Zeit ist Geld.“

„Stimmt“, sagte Ray. „Und hier geht es um viel Geld, kann ich mir vorstellen.“

„Kornblatt kratzt das Geld zusammen und veranlasst, dass Kirks Pass zum LAPD gebracht wird. Das ist eine weitere Bedingung für seine Freilassung. Der Richter sagte, sobald das LAPD den Pass hat und das Geld da ist, kommt Kirk raus.“

„Standardprozedur. Wie lange wird das dauern?“

„Kornblatt meinte, ein paar Stunden.“

„Klingt gut.“

„Noch etwas“, sagte ich. „Kristis Onkel war da. Ein Typ namens Tony Guidry. Scheint einen gewissen Einfluss auf die Staatsanwältin zu haben. Vielleicht auch auf den Richter. Eine Freundin von Kristi sagte, er sei mit der Mafia im Bunde. Vielleicht hat sie übertrieben, aber das hat sie gesagt.“

„Da liegt sie nicht falsch“, sagte Ray.

„Was?“

„Pancake und ich sind euch ein ganzes Stück voraus. Wir haben begonnen in Kristis Leben zu graben und sind sofort auf Tony gestoßen. Es scheint, dass er Verbindungen zur Dixie Mafia hat.“

„Ich dachte, all diese Clowns wären tot.“

„Die meisten. Oder sie sitzen im Knast. Aber ein paar laufen noch herum. Wie dem auch sei, Tony ist ein böser Junge. Macht offenbar keine Gefangenen. War in alles von Bestechung und Erpressung über Drogen und Mädchenhandel bis hin zu Einflussnahme verwickelt. Offenbar wurde ihm nie etwas nachgewiesen.“

„Das sind ein Haufen guter Neuigkeiten, die du da hast.“

Er lachte. „Dafür bin ich da.“

„Was ist mit ihren Brüdern? Sie waren auch da. Wollten Nicole und mich einschüchtern, aber Tonys Kumpane sind eingeschritten.“

„Ja. Robert und Kevin. Zwei Dummköpfe. Gehören definitiv nicht zu Tonys Plan. Tatsächlich glaube ich nicht, dass sie Tony irgendetwas bedeuten.“

Wie zur Hölle hatten Ray und Pancake all das herausgefunden? Ich sollte es gewohnt sein – sie fanden immer alles heraus – aber in dieser Geschwindigkeit war das schon beeindruckend, selbst für die beiden. Also fragte ich.

„Pancake hat ihre Facebook-Seiten und Twitter-Accounts und so durchsucht. Sie waren zumindest klug genug nichts offen zu sagen, aber wir haben das Gefühl, dass sie keine großen Fans von Tony sind.“

„Sah für mich auch so aus“, sagte ich. „Tony hat sie zusammengeschissen, bevor sie das Gerichtsgebäude verlassen haben.“

„Tony hat irgendetwas mit Kirk vor und will nicht, dass diese beiden Clowns es ihm versauen oder unerwünschte Aufmerksamkeit wecken.“

„Was soll das bedeuten?“, fragte ich.

„Sie haben mit der Presse gequasselt. Haben allen möglichen Mist über Ford erzählt. Drohungen ausgestoßen. Das ist nicht im Sinne von Tony Guidry. Er möchte unter dem Radar bleiben und hinter den Kulissen seine Magie wirken.“

„Wie zum Beispiel eine Staatsanwältin kontrollieren und vielleicht einen Richter bestechen?“

„Genau. Und wenn irgendetwas davon ans Licht kommt, möchte er allein dastehen, damit er es womöglich abstreiten kann. Wenn seine Neffen da draußen Wellen schlagen und Leute bedrohen, lässt das Tony vielleicht nicht so unschuldig aussehen.“

„Ergibt Sinn.“

„Und Tonys Jungs, Johnny Hebert und Reuben Prejean, sind noch einmal eine ganz andere Nummer. Wenn Tony tatsächlich Leute zusammenschlagen lässt, was die meisten von ihm glauben, dann sind diese zwei diejenigen, die es tun.“

„Sie erschienen … wie soll ich sagen … professionell.“

„Davon kannst du ausgehen“, sagte Ray. „Deswegen kommen Pancake und ich auch rüber.“

„Wirklich?“

„Wir können euch doch nicht den ganzen Spaß überlassen. Wir sind schon halb durch Mississippi durch. Wir sehen uns in ein paar Stunden.“

„Cool.“ Ich legte auf und schob das Handy in meine Tasche. Dann sagte ich zu Nicole: „Die Kavallerie rückt an.“

Kapitel zwölf

Nicole winkte ein Taxi heran. Darin war sie aus offensichtlichen Gründen viel besser als ich. Zehn Minuten später waren wir im Monteleone. Weitere zehn Minuten vergingen und wir fanden uns in ihrem Wagen wieder, den sie im Zickzack durch die Ausläufer des Viertels lenkte, die Regionen, in die Touristen selten vordrangen. Sie blieben lieber in der Bourbon, der Royal und ein paar anderen Straßen, in denen es reichlich Bars, Restaurants, Geschäfte und Musik gab. Zu schade. In diesen weniger befahrenen Gegenden gab es schöne Häuser, kleine Hotels und gemütliche Frühstückspensionen.

Schließlich führte uns das Herumgekurve zu Vaughn’s Motorenwerkstatt. Dort sah es genauso aus wie ich es erwartet hatte. Unordentlich, heruntergekommen, verwittert. Ein Ort, der ums Überleben kämpfte. Es war ein langes, niedriges Gebäude aus Holz und rostigem Metall mit sechs Hebebühnen. In vieren davon standen Autos. Zwei davon befanden sich auf jeweils einer Hebebühne, während sich darunter Männer zu schaffen machten. Der Parkplatz war gekiest und das Büro befand sich in der linken Ecke. Unser Auto kam knirschend vor dem Eingang zum Stehen und wir betraten das Gebäude.

Ein Mann mittleren Alters, der ein Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt hatte, stand hinter einem Tresen, der mit Zetteln und Aktenordnern überfüllt war. Ein Computer stand zu seiner Linken und ein Kaffeebecher in der Nähe seiner rechten Hand. Auf der Brusttasche seines fleckigen blauen Hemds war „Carl Vaughn“ eingestickt. Der Boss.

Er blickte auf und nickte, während er weiter telefonierte. „Ja, die haben wir auf Lager. Sollte nicht mehr als ein paar Stunden dauern sie einzubauen.“ Er hörte eine Minute lang zu und sagte dann: „Klingt gut. Wir sehen uns gegen drei.“ Er legte auf und sah mich an. „Was kann ich für Sie tun?“

„Sie sind der Eigentümer, nehme ich an?“

„Der bin ich.“

„Wir möchten mit Owen sprechen, wenn er hier ist.“

„Worüber?“

„Kristi Guidry.“

Er kniff die Augen zusammen. „Verstehe.“

„Es dauert nur ein paar Minuten.“

Er legte seine Handflächen mit gespreizten Fingern auf den Tresen. Seine Nagelhäute waren ölfleckig und auf einem Knöchel trug er ein schmutziges, zerrissenes Pflaster. Die Hände eines Arbeiters. Seine massiven Schultern wölbten sich, als er sich nach vorn beugte. „Owen hat schon mit der Polizei gesprochen. Und Sie haben mir immer noch nicht gesagt, wer Sie sind und was Sie hier wollen.“

Ich stellte Nicole und mich vor. „Wir sind Privatermittler“, sagte ich. „Wir versuchen herauszufinden, was passiert ist.“

„Das ist einfach. Dieser Hollywood-Schönling hat Kristi getötet. Eine wunderbare junge Dame. Das ist die Wahrheit.“

„Wenn das so ist, werden wir das herausfinden.“

„Es gibt nichts herauszufinden. Das ist ein Fakt. Also sind wir hier fertig, würde ich sagen.“

„Mr Vaughn“, sagte Nicole. „Wir haben keine Hintergedanken.“

Er richtete sich auf und verschränkte seine Arme vor der Brust. „Ach nein? Ist er derjenige, der Sie bezahlt? Ford?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht wirklich.“

Er stieß ein kurzes Lachen aus, das eher wie ein höhnisches Schnauben klang. „Wie ich sagte, wir sind hier fertig.“

„Wir versuchen nicht Owen irgendwelche Schwierigkeiten zu machen“, sagte ich. „Wir möchten uns nur ein Bild von Kristi machen. Mehr über sie herausfinden und warum ihr das passiert ist.“

„Sagte ich nicht, dass sie eine feine junge Dame war? Viel mehr gibt es nicht zu wissen.“

„Das haben wir gehört. Aber ich glaube, dass Owen sie wahrscheinlich besser kannte als jeder andere. Vielleicht hat er ein paar Gedanken, die uns helfen könnten.“

Er schüttelte zögernd den Kopf. „Owen hat deshalb eine schwere Zeit hinter sich. Er und Kristi waren seit Jahren ein Paar. Eigentlich seit ihrer Kindheit. Also werden Sie verstehen, dass das keine gute Zeit ist, um sich mit ihm zu unterhalten.“

„Es ist in Ordnung“, sagte ein junger Mann, der hinter Carl durch einen Vorhang trat. „Ich spreche mit ihnen.“

Carl drehte sich um. „Das musst du nicht.“

„Ich weiß. Aber vielleicht hilft es.“

Carl zuckte kurz mit den Schultern. „Deine Sache.“

Ein Mann, der sich seine öligen Finger an einem blauen Tuch abwischte, trat durch die Tür, die von der Werkstatt ins Büro führte. „Boss, ich habe eine Frage zu dem alten Plymouth.“

„Bin gleich da.“ Carl sah seinen Sohn an.

„Es ist in Ordnung“, sagte Owen. „Ich hab das im Griff.“

Ein weiteres Nicken und Carl folgte dem Mechaniker durch die Tür.

„Was möchten Sie wissen?“, fragte Owen.

Ich blickte mich um. „Gibt es vielleicht einen weniger öffentlichen Ort?“

Er zögerte und sagte dann: „Hier entlang.“

Wir folgten ihm hinter den Vorhang und einen kurzen Flur hinunter, auf dessen linker Seite sich zwei Badezimmer befanden, während rechts eine offene Lagerfläche voller Kisten mit Autoteilen war. Wir traten auf den rückwärtigen Parkplatz. Er war ebenfalls mit Kies bedeckt. Ein Dutzend Autos stand dort in keiner erkennbaren Ordnung. Einige davon gehörten den Angestellten; andere warteten darauf, dass eine Hebebühne frei wurde, nahm ich an.

Owen zog ein Päckchen Marlboros aus seiner Hemdtasche, schüttelte eine heraus und klemmte sie sich zwischen die Lippen. Er öffnete ein Zippo, entzündete es und nahm einen tiefen Zug. Er lehnte sich an den Kotflügel eines roten Mustangs.

„Es tut uns leid wegen Kristi“, sagte Nicole.

„Es tut allen leid. Sie war etwas Besonderes.“

„Das haben wir bereits gehört“, sagte ich.

„Glauben Sie es.“ Er nahm einen weiteren Zug. Rauch quoll zwischen seinen Lippen hervor, als er sprach. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass das wirklich passiert ist.“

Sein Gesicht, sein ganzes Wesen schien traurig und zerknirscht, so als könnte er unter dem Gewicht des Ganzen kaum stehen.

Er seufzte. „Ich habe der Polizei alles gesagt, was ich weiß. Und das geht gegen null.“

„Wie lange waren Sie und Kristi ein Paar?“, fragte Nicole.

„Wir kennen uns, seit wir eingeschult wurden. Aber seit ungefähr fünf Jahren haben wir uns regelmäßig verabredet.“

„Aber sie hat vor Kurzem Schluss gemacht?“, fragte ich.

„Vor ein paar Monaten.“ Seine Augen glitzerten. „Ich habe etwas Dummes gemacht.“ Er sah mich an. „Eine Kleine, die ich in einer Bar getroffen habe. Eine einmalige Sache. Hat mir nichts bedeutet.“

„Und Kristi hat es herausgefunden.“

Er senkte den Blick und scharrte im Kies herum. Dann sah er sie wieder an. „Ich hab’ es ihr erzählt.“

Ich hob eine Augenbraue.

„Dumm. Zumindest erscheint es mir jetzt so. Hätte meinen Mund halten sollen. Dann wäre vielleicht nichts davon je passiert.“ Wieder scharrte er im Kies. Wieder zog er an der Zigarette.

„Die Schuld hat mich zerfressen. Ich dachte, wenn wir ewig zusammenbleiben wollten, wäre Ehrlichkeit das Beste.“

„Ich nehme an, sie war nicht glücklich“, sagte Nicole.

„Das könnte man so sagen. Aber wütend träfe es eher. Verletzt und wahrscheinlich gedemütigt. Ich kann es ihr nicht übel nehmen.“

„Also machte sie Schluss“, sagte Nicole.

„Ja.“

„Wie haben Sie sich damit gefühlt?“

„Schockiert. Ich dachte, sie würde meine Ehrlichkeit schätzen.“

Nicole legte eine Hand auf seinen Arm. „Frauen nehmen solche Dinge normalerweise nicht so leicht wie Männer. Zumindest die meisten nicht.“

„Kristi auf jeden Fall nicht.“ Er sah in den wolkenlosen Himmel hinauf. „Ich war so dämlich.“ Er blickte Nicole an. „Ich wusste sofort, dass es falsch war. Ich wusste, dass das Mädchen, an dessen Namen ich mich seltsamerweise nicht erinnern kann, mir nichts bedeutete. Und dass das alles versauen könnte. Und trotzdem habe ich es getan.“ Er holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus, wobei er seine Backen aufblies. „So dumm.“

„Waren Sie wütend, als Kristi Schluss gemacht hat?“, fragte ich.

„Nicht wirklich. Hauptsächlich traurig. Auf jeden Fall schockiert.“ Er rauchte die Zigarette mit einem letzten Zug auf, warf den Stummel auf den Boden und trat darauf. „Ich hätte nie gedacht, dass sie es so auffassen würde.“

„Ich nehme an, Sie haben der Polizei vom Ende Ihrer Beziehung erzählt?“, fragte ich.

„Sicher. Ich habe ihnen auch gesagt, dass mir klar ist, dass ich als ihr Ex-Freund zu den Verdächtigen zähle. Aber das ist nicht wahr. Ich hätte das niemals tun können.“

Ich glaubte ihm. Ich bin kein Psychiater, kein Vernehmungsbeamter oder etwas in der Art, aber ich kannte die Menschen. Wenn man eine Bar besitzt, tut man das. Alkohol macht manche Menschen glücklich, lustig, gesellig und andere düster, schwermütig, wütend und gefährlich. Körpersprache und Stimmungen zu lesen kann viele Probleme im Keim ersticken. Jeder Barbesitzer oder Barkeeper kann das bestätigen.

Als ich Owen ansah, sah ich einen niedergeschmetterten und zerstörten Mann. Er war nicht wütend, versuchte sich nicht zu verteidigen oder uns auszuweichen. Er tat nichts, was auch nur den geringsten Anschein von Schuld erwecken konnte. Mir war auch klar, dass sein Leben sich für immer verändert hatte. Von diesem Punkt an würde er sein irdisches Leben in die Zeit vor Kristis Tod und die danach teilen. Ich nehme an, dass die Erinnerungen an die Zeit davor freundlicher und glücklicher waren. Manche Menschen erholten sich nie von solchen Tragödien, sondern wurden wie durch Treibsand in ein tiefes Loch gezogen, das sie schlussendlich erdrückte. Egal wohin sie das Leben führte, die Dunkelheit würde sie für immer begleiten. Ich hoffte, dass Owen nicht zu diesen gehörte. Ich hoffte, dass die Zeit seine Wunden heilen würde. Aber ich glaubte es nicht.

„Sie wussten, dass sie sich mit Kirk Ford traf, oder?“, fragte Nicole.

Er nickte.

„Wie denken Sie darüber?“

„Es verwirrte mich. Wie ich bereits sagte, ich hätte nicht gedacht, dass sie mich wegen eines einzigen Ausrutschers verlassen würde. Das habe ich wohl falsch eingeschätzt.“ Er schüttelte den Kopf. „Was Kirk Ford anbelangt, war Kristi vollkommen geerdet. Sie hatte nie für Stars geschwärmt. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, dass sie sich mit ihm traf.“

„Haben Sie mit ihr darüber gesprochen?“

„Einmal. Sie sagte, es wäre nichts. Ich war mir nicht so sicher. Sie war so aufgeregt. Nicht jeder hat das gesehen, aber mir ist es aufgefallen.“ Er sah Nicole an. „Ich kannte sie besser als jeder andere.“ Er zog eine weitere Zigarette hervor und zündete sie an. „Es war, als wollte sie ihre wahren Gefühle verbergen. Als würde sie mich nicht verletzen wollen.“

„Das ist möglich“, sagte Nicole.

„Aber tief in meinem Innern wusste ich, dass es mehr als nur eine Affäre war. Für sie zumindest.“

„Hat sie irgendetwas gesagt, das Sie das glauben ließ?“

„Nicht wirklich. Ich meine, sie sagte, er wäre nett und höflich. Und schien ein guter Kerl zu sein. Aber das hat sie nicht gesagt. Es war eher, wie sie von ihm gesprochen hatte. Sie hatte dieses Leuchten. Das, das sie immer hatte, wenn sie glücklich war.“ Tränen glänzten in seinen Augen. „Dabei habe ich dafür gelebt, diesen Ausdruck auf ihr Gesicht zu zaubern.“ Er seufzte tief. „Ich kann nicht glauben, dass ich das nie wieder sehen werde.“

Das Leben ist seltsam. Und manchmal ein Arschloch. Unvorhersehbar. Definitiv unfair. Ich nahm an, dass Owen, dem die Schuld so deutlich ins Gesicht geschrieben stand, das alles für seinen Fehler hielt. Er sah das so. Und ich konnte ihm da nicht widersprechen. Kein One-Night-Stand, kein Schlussmachen. Kein Schlussmachen, kein Kristi und Kirk. Sie wäre am Leben und würde mit Owen ihre Zukunft planen. Dieses Gewicht würde er für immer tragen müssen.

„Sie haben keine Spannungen zwischen ihnen mitbekommen?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. „Wie ich sagte, ich habe nur einmal mit ihr darüber geredet.“

„Haben Sie Kirk je getroffen?“

„Nein. Ich wollte nicht so wirklich.“ Ein weiterer Zug an der Zigarette. „Aber jetzt würde ich es gern.“

„Warum?“

Er sah mich an. „Um ihn genau das zu fragen. Warum er es getan hat.“ Ich nickte. „Etwas, das wir auch gern wissen würden. Ich meine, wenn er es getan hat.“

Er nahm seine Schultern zurück. „Wer sonst? Nach allem, was ich gehört habe, waren sie allein im Hotelzimmer. Ich glaube nicht, dass jemand anders es hätte tun können.“

„Wir haben noch nicht mit ihm gesprochen, aber wie ich hörte, waren sie beide nahezu bewusstlos“, sagte Nicole. „Er erinnert sich an nichts.“

„Bequem.“

„Was ist mit Drogen?“, fragte ich. „Hatte Kristi damit irgendetwas zu tun?“

Er starrte mich leicht verwirrt an. „Warum fragen Sie?“

„Es wurden leere Weinflaschen und ein bisschen Marihuana in dem Raum gefunden.“

„Sehen Sie, Kristi hat kaum je getrunken. Und Drogen waren definitiv nicht ihr Ding. Sie war auf unserer Highschool sogar im Anti-Drogen-Programm aktiv. Wenn in diesem Raum irgendwelche Drogen gefunden wurden, müssen sie von ihm gekommen sein.“

Das warf bei mir ein paar Fragen auf. Waren die Joints, die im Hotelzimmer gefunden worden waren, nur für Kirk gewesen? Hatte Kristi mitgeraucht? Hatte Kirk sie in diese Welt entführt? Natürlich kannte ich Kristi nicht, aber das Bild, das sich von ihr in meinem Kopf formte, war das einer netten, naiven, unbedarften jungen Frau, die sich leicht von einem Hollywoodstar hätte beeinflussen lassen. Ich nahm mir vor Kirk diese Fragen zu stellen.

„Ich nehme an, Sie kennen ihren Onkel? Tony?“, fragte ich.

„Sicher.“

„Was halten Sie von ihm?“

„Ich mag ihn. Schon immer. Ich weiß, dass er einen schlechten Ruf hat.“ Er sah mich an. „Sicher haben Sie die Gerüchte gehört.“

„Haben wir.“

„Er war immer gut zu mir. Und er betete Kristi an. Als wäre sie die Tochter, die er nie hatte.“

„Und ihre Brüder?“

Er lächelte. Es war abgesehen von Traurigkeit das erste Gefühl, das ich auf seinem Gesicht sah.

„Robert und Kevin sind in Ordnung. Nicht die Hellsten und nicht übermäßig motiviert etwas Sinnvolles zu tun. Aber ihre Hingabe gegenüber Kristi war ehrlich.“

„Tony hat die drei aufgenommen, nachdem ihre Eltern gestorben waren?“

„Ja, das hat er. Und Gott weiß, er hat versucht Robert und Kevin zum Arbeiten zu bewegen. Er wollte, dass sie sich auf etwas fokussieren. Irgendetwas. Schob sie von Job zu Job. In seinen ganzen Betrieben. Aber sie schafften es immer zu versagen. Legten sich mit den falschen Leuten an. Solche Sachen.“ Er schnippte Asche auf den Boden. „Diese beiden kriegt man schwer mobilisiert. Ich glaube, Tony toleriert sie mehr als alles andere.“

„Wie ich gehört habe, kann Tony Dummköpfe nicht gut leiden.“

Das entlockte Owen ein weiteres kleines Lächeln. „Nicht einmal annähernd. Wenn sie nicht zur Familie gehören würden, hätte er sie schon längst rausgeschmissen.“ Er ließ den Zigarettenstummel fallen und trat ihn aus. „Sagen wir einfach, Tony ist niemand, den man in den Arsch …“ Er hielt inne und sah Nicole beschämt an.

„Ich habe es schon einmal gehört“, sagte sie.

Er nickte. „Tony Guidry ist niemand, mit dem man sich anlegen sollte.“

Kapitel dreizehn

Nicole und ich ließen Owen an den Mustang gelehnt stehen. Er rauchte seine dritte Zigarette. Als Nicole losfuhr, drehte ich mich um und sah einen gebrochenen Mann mit hängendem Kopf und Schultern. Das Gewicht der Ungerechtigkeit des Lebens hing über seinem ganzen Wesen. Ich hatte entschieden ihn zu mögen. Guter Junge. Harter Arbeiter, wie es schien. Keine Flausen im Kopf. Und nun musste er mit einem Schmerz umgehen, den niemand je tragen sollte. Ich wusste, dass seine Schuld über das Geschehene, die eher eingebildet als real war, ihm für Jahre den Schlaf rauben würde. Vielleicht für immer.

Man konnte Owens Welt nicht verlassen, ohne zu denken, dass das eigene Leben ziemlich gut lief.

Nicole schien meine innere Verzweiflung zu spüren. Vielleicht war es keine Verzweiflung, aber auf jeden Fall ein Haufen Traurigkeit.

„Was ist?“, fragte sie, als sie ungeduldig darauf wartete, dass eine Ampel grün wurde. Sie trommelte mit ihren Fingern aufs Lenkrad.

„Ich beneide Owen nicht.“

„Er scheint es sehr schwer zu nehmen.“

„Und das wird er für immer.“

„Oder er spielt“, sagte sie.

„Was?“

„Ich meine, er wäre nicht der erste Mörder, der lügt.“

„Dagegen kann ich nichts sagen.“

„All das traurige Getue könnte eine Deckung für etwas Dunkleres sein.“

„Du bist nicht besonders mitleidsvoll.“

„Ich sage nur, dass er sie liebte, sie mit ihm Schluss gemacht und sich einen berühmten Schauspieler geangelt hat. Ich habe von Mordfällen aus geringeren Motiven gehört.“

„Nicole Jamison, Mordermittlerin. Oder Kriminal-Profilerin?“

Sie warf mir einen bösen Blick zu und lächelte dann. „Nein, nur Privatermittlerin.“

„Ach ja, richtig. Das hatte ich vergessen.“

„Soll ich dir meinen Dienstausweis zeigen?“, fragte sie. „Denn ich habe einen und du nicht. Ich bin also offizieller als du.“

„Na und?“

„Ich denke, das macht mich zu deinem Boss.“

„Es ist nicht der Ausweis, der aus dir einen Boss macht.“ Ich betrachtete sie von oben bis unten. „Es ist all das andere.“

„Du bist so unkompliziert.“ Sie lachte. „Das mag ich.“

Die Ampel schaltete auf grün und wir waren wieder unterwegs.

„Was hast du jetzt vor?“, fragte ich.

„Wann kommen Ray und Pancake an?“

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. „In einer Stunde oder so.“

„Vielleicht können wir eine Weile durch das Viertel spazieren?“

„Oder uns im Bett herumwälzen?“

„Du Tier.“

„Beschwerst du dich?“

Sie lachte. „Nein. Aber ich muss ein wenig laufen.“

Das war also geklärt. Sie fuhr vor den Eingang des Monteleone und wir stiegen aus. Ein Page erschien, setzte sich hinters Steuer und verschwand mit dem SL. Wir spazierten zur Bourbon Street und wandten uns von dort in Richtung Jackson Square.

Viele amerikanische Städte haben ikonische Straßen. Die Peachtree in Atlanta. Der Sunset Strip in LA. Der Broadway und die Madison Avenue in New York. Keine davon war auch nur im Entferntesten wie die Bourbon.

Abhängig von der Tageszeit hatte die Bourbon Street drei Gesichter. Die Nacht ist die Zeit, die die meisten Menschen mit ihr verbinden, denn dann wird sie zu einer einzigen großen Straßenparty. Zwischen Canal Street und Jackson Square leuchten die Neonlichter, der Alkohol fließt und aus allen Bars tönt die beste Musik der Welt. Die Stripclubs gar nicht erst zu erwähnen. Diejenigen, die allen Überzeugungen gerecht werden. Abgesehen von Mord war nur wenig verboten. Natürlich geschehen auch in diesem Viertel genügend Verbrechen.

Am Tag ist die Bourbon eine gänzlich andere Erfahrung. Sicher möchte man sie nicht bei Sonnenaufgang sehen. Dann riecht es nach Abfall und schalem Alkohol, den Überbleibseln der letzten Nacht. Wie eine verwesende Leiche. Müllmänner und Straßenkehrer verrichten ihre Arbeit und bereiten die Straße auf den nächsten Ansturm vor.

Doch gegen Mittag ist der Müll fort, die Bürgersteige trocknen wieder, nachdem sie zuvor mit einem Schlauch abgespritzt worden waren, und der Gestank verschwindet auf magische Weise.

Menschen erscheinen, Straßenkünstler nehmen ihre Positionen ein und Musik beginnt zu spielen.

Der Lebenskreislauf im Big Easy.

Wir schlenderten über den Jackson Square, sahen uns die Kunstwerke an, die an dem Zaun hingen, der ihn umgab, und hielten an, um den verschiedenen Straßenmusikern zuzuhören. Da war eine fünfköpfige Dixieland-Band und ein Typ mit glatten Haaren und einem tief ins Gesicht gezogenen Cowboyhut, der auf einer alter Gibson einen akustischen Blues spielte. Mein Favorit war ein schlaksiger schwarzer Junge, der nicht älter als sechzehn gewesen sein konnte. Er hatte Dreadlocks bis zur Mitte seines Rückens und spielte großartigen Jazz auf seiner Klarinette. Ich warf einen Fünfer in die Zigarrenkiste zu seinen Füßen. Er nickte, ohne einen Ton zu verfehlen. Er konnte mit seinem Instrument umgehen.

Während wir unsere Runde auf dem Jackson Square abschlossen, dachte ich noch einmal über Owen nach.

„Du glaubst nicht wirklich, dass Owen irgendwie in das Ganze verwickelt ist, oder?“, fragte ich.

„Nein. Ich schließe nur Möglichkeiten aus.“

„Wusste er überhaupt, wo Kirk sich aufhielt? Und wenn ja, wie hätte er in das Zimmer kommen sollen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

„Er sieht jedenfalls ganz sicher nicht aus wie ein Ninja-Mörder. Und er verhält sich auch nicht so.“

„Nein, das tut er nicht.“

„Also sind wir uns einig? Owen war’s nicht?“

„Wahrscheinlich nicht.“ Sie nahm meine Hand. „Lass uns einkaufen gehen.“

Ja. Gehen wir.

Wir besuchten mehrere Antiquitätenläden und Klamottengeschäfte entlang der Royal. In einem davon kaufte Nicole eine antike Brosche. Sie sah hübsch aus. Überteuert, aber hübsch. Natürlich war ich klug und hatte vielleicht ein klein wenig Angst ihren Zorn auf mich zu ziehen. Deshalb sagte ich ihr, dass die Brosche perfekt und geradezu ein Schnäppchen gewesen war.

Einen Block weiter begegneten wir der Zigeunerin. Sie war keine richtige Zigeunerin, aber sie war wie eine angezogen. Ein grelles Kleid mit Blumenmuster, einen Haufen bunter Perlenketten um den Hals und lange, schwarz lackierte Fingernägel. Ihre tiefliegenden dunklen Augen passten zu ihrer Erscheinung.

Sie war Wahrsagerin und ihr Name war Madam Theresa. Ich weiß das, weil auf dem Schild über ihrer Tür Madam Theresa, Wahrsagerin, Tarotleserin stand. So etwas fällt mir auf.

Ich war geneigt ihre Aufforderung hereinzukommen zu ignorieren, aber Nicole hielt an.

„Tretet ein“, sagte die Wahrsagerin. „Und findet heraus, was die Zukunft für euch bereithält.“

Nicole fasste mich am Arm und zog mich nach drinnen.

Der Raum war klein und schwach beleuchtet. Schwere Vorhänge hingen an den Wänden und ein runder Tisch stand in der Mitte. Es lag ein Hauch von Moder in der Luft und alles sah alt und mysteriös aus. Die Frau war ebenfalls mysteriös, aber nicht alt. Wahrscheinlich nicht mal über dreißig. Ich fragte mich, ob sie eine Schwindlerin war. Ich meine, brauchte man nicht Jahrzehnte, um das Wahrsagen zu erlernen? Vielleicht hat sie früh angefangen. Mit fünf oder so.

Wir saßen ihr gegenüber. Der Tisch war übersät mit Karten, Würfeln und etwas, das aussah wie Hühnerknochen. Ich hoffte zumindest, dass es Hühnerknochen waren. Sicher hatte sie keine Menschenknochen. Aber sie sahen aus wie Fingerknochen. Unheimlich. Ich wollte gehen, aber Nicole hatte dieses Funkeln in ihren Augen.

Bevor sie in die Mysterien des Lebens eintauchte, kümmerte die Wahrsagerin sich ums Geschäft. „Das macht vierzig Dollar.“ Sie streckte eine Hand aus. Ich dachte darüber nach ihre Hand zu nehmen und ihr zu sagen, dass sie eine lange Lebenslinie hatte, sehr alt werden würde und zu Reichtum und Glück käme, aber ich war nicht sicher, dass sie den Humor verstehen würde. Und ich hatte das ungute Gefühl, dass sie mich vielleicht einfach mit einem Voodoo-Fluch belegen würde. Ich meine, es wäre möglich. Schließlich waren wir in New Orleans. Ich legte ihr also zwei Zwanziger in die Hand. Sie faltete sie und steckte sie in ihr Kleid.

Sie langte über den Tisch und nahm Nicoles Hände, schloss die Augen, atmete tief und langsam und zog konzentriert die Brauen zusammen.

„Ich spüre viel Liebe in dir“, sagte sie. „Für viele Menschen. Für den jungen Mann hier neben dir.“

Ich sah Nicole an und lächelte. Sie warf mir einen spöttischen Blick zu.

Die Frau fuhr fort. „Und großen Erfolg. Deine Zukunft wird lang und strahlend sein.“

Das hätte ich ihr auch sagen können.

Die Frau öffnete die Augen, ließ Nicoles Hände los, nahm die Karten auf und mischte sie kurz. Nun deckte sie sie eine nach der anderen auf. Sehr theatralisch. Sie war gut.

„Die Karten sagen, dass du gesund und glücklich bist. Du bist im Einklang mit deiner Welt.“ Sie deckte zwei weitere Karten auf. Ihr Gesicht spannte sich an. „Aber es ziehen dunkle Wolken auf.“

„Ja?“, fragte Nicole.

„Nicht für dich. Für einen Freund. Ein Freund, der in Schwierigkeiten steckt. Gibt es so jemanden?“

Nicole seufzte. „Unglücklicherweise ja.“

Zwei weitere Karten. „Die Schwierigkeiten dieser Person sind noch schlimmer als es den Anschein hat.“

„Wirklich?“

Die Frau nahm die Knochen in die Hände. Ich hatte gehofft, sie seien nur Dekoration, doch sie schüttelte sie in ihren Händen und warf sie auf den Tisch zurück. Klackernd fielen sie über die Karten. Sie fuhr mit ihrem Daumen einen der Knochen entlang und wiederholte das Vorgehen bei fünf weiteren Knochen.

„Dieser Freund ist ein Mann. Er wird einer abscheulichen Tat angeklagt.“

Ich spürte, wie Nicole sich anspannte und schnell Luft holte.

Die Wahrsagerin nahm einen der Knochen auf und schloss ihre Hand darum. Mit geschlossenen Augen legte sie ihre Faust an ihre Stirn. „Aber er ist es nicht gewesen. Sie waren es. Nicht er.“

„Wer sie?“, fragte Nicole.

Die Frau öffnete ihre Augen und legte den Knochen auf den Tisch zurück. „Das kann ich nicht sagen.“ Sie wählte einen weiteren Knochen aus und wiederholte den Prozess. „Doch dein Freund ist in Gefahr. Nicht durch die Tat, die er nicht begangen hat, sondern durch andere.“

„Durch jene, die den Mor- die Tat begangen haben?“, fragte Nicole.

„Vielleicht. Aber ich denke nicht. Es gibt Mächte, die sich gegen deinen Freund verbünden. Starke Mächte.“

„Was kann er tun, um sich zu schützen?“

„Vielleicht nichts. Vielleicht ist sein Schicksal besiegelt. Doch vielleicht auch nicht.“ Die Frau beugte sich vor, starrte Nicole an und tippte mit einem schwarzen Nagel auf den Tisch. „Es ist möglich, dass du seine Rettung bist.“

Nicole sah zuerst mich an und dann wieder die Frau. „Was? Wie?“

Sie seufzte. „Ich fürchte, das sind Fragen, die nur du beantworten kannst.“

Komm schon. Vierzig Mäuse und sie hatte nicht einmal eine Vermutung? Ich fühlte mich betrogen und wollte etwas sagen, aber Nicole kam mir zuvor.

„Danke. Das hilft mir weiter.“

Tat es das?

Die Frau lächelte kurz und blickte dann wieder ernst. „Ich gebe dir nicht nur Hoffnung, sondern auch eine Warnung. Sei vorsichtig.“

Kapitel vierzehn

Wenn ich an derlei Dinge geglaubt hätte, hätte die Zigeunerin mir eine Heidenangst eingejagt. Ich meine, Knochen, um Himmels willen. Ich fragte mich noch immer, ob es Menschenknochen gewesen waren. Sicher nicht. Aber wir waren im Big Easy. An einem Ort, an dem Voodoo und Geister und ein Haufen anderes verrücktes Zeug an der Tagesordnung waren. Es gab ein paar Friedhöfe in New Orleans und jeder davon war noch gruseliger als die Zigeunerin mit ihren Knochen. Wenn es Geister gab, wären diese von hohen Mauern umgebenen Begräbnisstätten der ideale Ort für sie. Mitternächtliche Post-Mortem-Tanzclubs. Und diese Grüfte konnte man sicher leichter verlassen als ein unterirdisches Grab, vermutete ich. Sie waren schon am Tage unheimlich. Wer nach Sonnenuntergang hinging, verdiente was auch immer passierte. Ich habe das genau einmal getan und nie wieder.

Doch die Zigeunerin hatte Nicole Angst eingejagt. Daran bestand kein Zweifel. Als wir sie verließen und sie im Türrahmen ihres Zeltes der Vorhersage stehen blieb wie eine Spinne, die darauf wartete die nächste achtlose Seele in die Falle zu locken und ihr Geld herauszupressen, gingen wir schweigend zwei Blocks weiter. Nicole fasste meine Hand und hielt ihren Blick nach vorn gerichtet, als wäre sie tief in Gedanken versunken. Ich bin nicht sicher, ob sie auf dem ganzen Weg auch nur einmal blinzelte.

Schließlich sprach sie. „Was denkst du?“

„Worüber?“

Sie sah mich böse an.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich denke, sie hat gerade vierzig Mäuse verdient.“

Nicole schüttelte den Kopf und ließ meine Hand los. „Sei nicht so doof.“

„Das kann ich aber am besten.“

„Daran besteht kein Zweifel. Aber was meinst du zu dem, was sie gesagt hat?“

„Was genau? Dass du in mich verliebt bist?“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2021
ISBN (eBook)
9783968170121
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1001034
Schlagworte
USA-Thriller-Krimi-Roman Undercover-Agent-Polizist-in Privatdetektiv-in-Thriller-Roman Mafia-Thriller-Krimi Humor-voll-e-r-thriller-krimi Film-star-hollywood-schauspieler Hardboiled-Ermittler-Thriller

Autoren

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    D.P. Lyle (Autor)

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    Dorothee Scheuch (Übersetzung)

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Titel: Tödliches Erwachen