Zusammenfassung
Ein Neuanfang auf einem idyllischen Landgut
Der sommerliche Feel-Good-Liebesroman, der ans Herz geht
Dank einer Erbschaft erfüllt sich Annas größter Traum: ein Leben fernab vom Großstadtrummel. Mit viel Leidenschaft beginnt sie, ein altes Haus im Brandenburger Niemandsland zu renovieren und macht das, was sie schon immer machen wollte – mit vielen Hunden arbeiten und leben. Ein Mitbewohner stand allerdings nicht auf ihrem Plan. Und schon gar nicht Eddi Markgraf, Sänger der Rockband Damn Silence. Trotzdem nimmt sie ihn bei sich auf und wie befürchtet gestaltet sich das Zusammenleben alles andere als einfach, denn Eddi kommt mit einem Haufen Probleme im Gepäck. Durch ihre liebenswürdige Art schafft es Anna nach und nach näher an Eddi heranzukommen – bis die beiden der Anziehungskraft zwischen sich nicht mehr widerstehen können. Als Annas Traum allerdings zu platzen droht, werden die beiden auf eine harte Probe gestellt …
Dies ist die Neuauflage der beliebten Bestseller-Reihe Rockstar Sommer.
Erste Leserstimmen
„Die Geschichte eines ganz besonderen Sommers für Anna und Eddi – einfach traumhaft!“
„Zum Dahinschmelzen schöner Liebesroman!“
„Hunde, Musik und große Gefühle, was möchte man mehr? Ich wurde von diesem Roman bestens unterhalten.“
„locker, leicht und liebevoll erzählt“
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
Kurz vorab
Willkommen zu deinem nächsten großen Leseabenteuer!
Wir freuen uns, dass du dieses Buch ausgewählt hast und hoffen, dass es dich auf eine wunderbare Reise mitnimmt.
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Über dieses E-Book
Dank einer Erbschaft erfüllt sich Annas größter Traum: ein Leben fernab vom Großstadtrummel. Mit viel Leidenschaft beginnt sie, ein altes Haus im Brandenburger Niemandsland zu renovieren und macht das, was sie schon immer machen wollte – mit vielen Hunden arbeiten und leben. Ein Mitbewohner stand allerdings nicht auf ihrem Plan. Und schon gar nicht Eddi Markgraf, Sänger der Rockband Damn Silence. Trotzdem nimmt sie ihn bei sich auf und wie befürchtet gestaltet sich das Zusammenleben alles andere als einfach, denn Eddi kommt mit einem Haufen Probleme im Gepäck. Durch ihre liebenswürdige Art schafft es Anna, nach und nach näher an Eddi heranzukommen – bis die beiden der Anziehungskraft zwischen sich nicht mehr widerstehen können. Als Annas Traum allerdings zu platzen droht, werden die beiden auf eine harte Probe gestellt …
Dies ist die Neuauflage der beliebten Bestseller-Reihe Rockstar Sommer.
Impressum

Überarbeitete Neuausgabe Oktober 2021
Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-96817-202-6
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96817-213-2
Copyright © 2016, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2016 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Rockstar Sommer (ISBN: 978-3-96087-102-6).
Covergestaltung: Anne Gebhardt
unter Verwendung von Motiven von
shutterstock.com: © Zerbor, © Paul Maguire, © Robert Petrovic, © Ksenia Raykova, © jular seesulai, © tgavrano, © Artiste2d3d, © Anton Ogorodov
Lektorat: SL Lektorat
E-Book-Version 30.06.2025, 08:30:05.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Playlist
Choose To Be Me – Sunrise Avenue
Welcome To My Life – Sunrise Avenue
Stormy End – Sunrise Avenue
Before You Go – Lewis Capaldi
Not Again – Sunrise Avenue
Oh My Love – Rea Garvey
Satellite – Rise Against
Memories – Maroon 5
Dancing On My Own – Calum Scott
Control – Zoe Wees
Reasons I Drink – Alanis Morissette
Forever Yours – Sunrise Avenue
Thinking out Loud – Ed Sheeran
Perfekt – Ed Sheeran
Eraser – Ed Sheeran
Speeding Cars – Walking On Cars
Let Her Go – Passenger
Hier geht’s zur Spotify-Playlist. Viel Spaß beim Hören :)
1. Kapitel
Seit mehr als zehn Minuten hatte Anna nichts anderes gesehen als Wälder und Wiesen. Kein Feld, kein Haus, kein Weg deutete darauf hin, dass in der Nähe Menschen wohnten. Doch sie musste richtig sein. Die Wegbeschreibung, die sie vor einer Viertelstunde in Milmersdorf erhalten hatte, war eindeutig gewesen. Sie konnte sich nicht verfahren haben. Bisher war sie an keiner Kreuzung, Querstraße oder Einfahrt vorbeigekommen. Da war nur diese eine Straße, die sich endlos durch den Wald wand.
Und hier sollte irgendwo das Haus stehen, das sie von ihrer Tante geerbt hatte? So langsam glaubte Anna schon nicht mehr daran. Andererseits war Tante Elisa eine Eigenbrötlerin gewesen. Soweit Anna wusste, hatte sie nie jemanden wirklich an sich herangelassen und war ihrer Familie weitestgehend aus dem Weg gegangen. Deswegen hatte Anna sie auch nur ein einziges Mal gesehen. Nun war Tante Elisa tot und Anna im Besitz eines Grundstücks in der Nähe von Milmersdorf. Nähe war in diesem Fall allerdings irreführend.
Im Radio sang Eddi Markgraf von der Rockband Damn Silence gerade davon, dass er sich entschieden hatte, seinen eigenen Weg zu gehen und endlich er selbst zu sein. Das Lied ließ Anna lächeln. Sie mochte die Band und hatte einige Lieblingslieder, doch dieser Song hatte es ihr besonders angetan. Es war, als wäre er nur für sie geschrieben worden.
Außerdem hatte er ihr in letzter Zeit Glück gebracht.
Als sie vor vier Monaten einen Anruf von Tante Elisas Anwalt erhalten hatte, kam der Song gerade im Radio. Ein paar Tage später, auf dem Weg zur Testamentseröffnung, lief er auf ihrem MP3-Player in Dauerschleife. Dann war schließlich das Unglaubliche passiert: Zum Erstaunen ihres Vaters und ihrer empörten Tante Lisbeth war sie zur Alleinerbin von Elisas Vermögen erklärt worden. Niemand konnte sich den Grund erklären. Am wenigsten Anna selbst. Ihr Vater und Tante Lisbeth hätten ein viel größeres Anrecht gehabt. Tante Elisa war die älteste Tochter von Annas Oma väterlicherseits gewesen und stammte aus deren erster Ehe. Annas Vater und Tante Lisbeth waren also Elisas Halbgeschwister. Ihr Vater hatte sich nie besonders für seine älteste Schwester interessiert. Zu groß waren der charakterliche und auch der Altersunterschied gewesen. Deshalb hatte Anna ihre Tante erst so spät kennengelernt.
Tante Lisbeth war stinksauer gewesen, das hatte Anna ihr angesehen, auch wenn ihr Vater sofort versuchte, seine ältere Schwester zu beruhigen. Er bedachte Anna nur mit fragendem Blick, bevor er Lisbeth aus dem Raum begleitete.
»Sind Sie sicher, dass Tante Elisa wirklich mich gemeint hat?«
Der Anwalt lächelte milde und nickte.
»Aber warum?«
»Ihre Tante war wohl der Auffassung, Sie könnten sich am besten um das Grundstück kümmern.«
Anna horchte auf. »Wie meinen Sie das?«
Er blickte auf die Dokumente in seiner Hand, nickte, dann sah er sie über seine Brille hinweg an. »Oh, das hatte ich vorhin ganz vergessen zu erwähnen: Sie bekommen das Grundstück nur unter der Auflage, alles instand zu halten, und dürfen es mindestens zehn Jahre lang nicht verkaufen.«
»Heißt das, ich muss dort wohnen?«
Anna dachte an ihre Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg, die sie mit ihrem Freund Marco bewohnte, und an ihren Job als Projektleiterin bei LifeStyle, einem Unternehmen, das sich auf das Marketing bei Pharmafirmen spezialisiert hatte. Eine Beförderung war ihr bereits in Aussicht gestellt worden. Sie hatte keine Zeit, sich um ein Haus außerhalb der Stadt zu kümmern. Zumindest war ihr Kopf dieser Meinung. Ihr Herz sah das ganz anders: Als der Anwalt ihre Frage bejahte, begann es, freudig erregt zu klopfen. »Wissen Sie, in welchem Zustand sich das Haus befindet?«
Der Anwalt wiegte bedächtig den Kopf hin und her. »Nun ja. Es war alles in Ordnung, als ich vor ein paar Jahren dort war.«
In Annas Gedanken war bei seinen Worten das Bild eines malerischen Bauernhauses entstanden, umgeben von weiten Wiesen. Sie meinte sogar, den frischen Geruch gemähten Grases wahrzunehmen und Vögel zwitschern zu hören. Sie hatte den Wunsch, in der Natur und mit Tieren zu leben und zu arbeiten, schon beinahe vergessen. Das Leben in Berlin entsprach der Vorstellung ihrer Eltern sowie Marcos. Es war eine Vernunftentscheidung gewesen, nach dem Studium ihre Träume hintenanzustellen, die von Marco vermittelte Stelle als Projektleiterin anzunehmen und erst einmal Geld zu verdienen, wie sich ihr Vater auszudrücken pflegte. Ein Haus auf dem Land konnte ihre Chance sein, endlich das Leben zu leben, das sie sich immer vorgestellt hatte. Sie wollte als Verhaltenstherapeutin für Hunde arbeiten. Dafür hatte sie Biologie studiert und nebenher den erforderlichen Sachkundenachweis gemacht. Die Erbschaft erschien wie ein Wink des Schicksals, endlich den Weg zu gehen, den sie von Anfang an hätte einschlagen sollen.
Leider war ihr Vater alles andere als begeistert gewesen, als er nach dem Termin erfahren hatte, dass sie vorhatte, das Erbe mit allen Bedingungen anzunehmen.
»Bist du von allen guten Geistern verlassen?« Sein Zorn traf Anna gänzlich unerwartet. Sprachlos ließ sie seine Schimpftirade über sich ergehen. »Bisher dachte ich eigentlich immer, du bist vernünftig. Du kannst doch nicht dein ganzes Leben einfach aufgeben! Für ein Hirngespinst.«
Sie hatte sich nicht entmutigen lassen. Im Gegenteil. Letztlich war es seine vehemente Reaktion gewesen, die den Ausschlag gab. »Egal, was du davon hältst. Ich weiß, dass es die richtige Entscheidung ist.«
»Du wirst schon merken, wohin dich dein Eigensinn führt. Komm aber nicht zu mir oder deiner Mutter, wenn du Hilfe brauchst! Wir sind sehr enttäuscht von dir. Ich hoffe nur, dass Marco dir diesen Unsinn ausreden kann.« Er hatte sich umgedreht und war ohne ein Wort des Abschieds gegangen.
Auch Marco hatte anders reagiert als erwartet. Ihre Beziehung hatte in den letzten Monaten sowieso schon stark gelitten. Sie war so sehr in ihre Arbeit eingebunden gewesen, dass sie abends spät nach Hause kam und nur noch müde ins Bett fallen konnte. Sie hatten nur noch nebeneinander her gelebt. Als er von der Erbschaft erfahren hatte, hatte Marco sofort begeistert Pläne geschmiedet, was sie mit dem vielen Geld machen konnten. Er redete von einer größeren Wohnung und von Reisen nach Neuseeland, Südamerika oder Alaska, alles Länder oder Gegenden, die er schon immer hatte sehen wollen. Das Haus war ihm egal gewesen. »Na und? Wir fahren alle paar Monate mal hin und sehen nach dem Rechten, und nach ein paar Jahren kannst du es verkaufen. Dann kräht kein Hahn mehr nach diesen komischen Bedingungen. Es wird schon keiner nachprüfen, ob du wirklich dort wohnst.«
Anna war entsetzt gewesen. Ihre Idee, als Verhaltenstherapeutin zu arbeiten, hatte er mit einem hochmütigen Lachen abgetan und wollte nichts weiter hören. Sie hatten sich so heftig gestritten, dass Anna noch am selben Abend zu ihrer besten Freundin Suzi gezogen war.
Entschlossen schob Anna die Erinnerungen an die vergangenen Wochen beiseite und sang lautstark den Refrain mit. Auch heute sollte der Song ihr Glück bringen. Während die letzten Takte erklangen, fuhr Anna an einem verbeulten Maschendrahtzaun vorbei, der ein großes Stück Wald von der Straße abgrenzte. Von dort erspähte sie auch schon die Einfahrt. Oder vielmehr ein rostiges Tor, das halb in den Angeln hing. An der Seite wuchsen Narzissen und winzige Wiesenblumen. Ein schmaler Lichtstreif fiel durch die hohen Bäume auf das Metall. Ein malerisches Bild, das Anna lächeln ließ.
Sie hielt an und stieg aus. Es war kühl im Wald, mehrere Grad kälter als in der Stadt. Sie nahm ihre Jacke und holte den Schlüsselbund, den sie von Tante Elisas Anwalt erhalten hatte, aus dem Handschuhfach. Wie sich jedoch herausstellte, konnte man das Tor einfach aufschieben. Anschließend fuhr sie langsam den Schotterweg entlang und sah dabei nach links und rechts. Das alles gehörte nun ihr, jede einzelne hohe Kiefer und die dichten Sträucher. Es war ein komisches Gefühl, berauschend, aber auch angsteinflößend.
Nach etwa zweihundert Metern lichtete sich der Wald und gab den Blick auf ein unscheinbares Haus mit graubraunem, bröckelndem Putz frei. Es wirkte abweisend und hatte rein gar nichts mit dem aus ihrer Vorstellung gemein. Selbst die Frühlingssonne konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie schäbig es wirkte.
An der rechten Seite schloss sich ein weiteres Gebäude an, zwischen ihnen befand sich ein schmaler Durchgang.
Anna parkte und atmete tief durch. Im Rückspiegel sah sie das Gepäck auf der Rückbank. Sie seufzte. Ihr ganzes bisheriges Leben befand sich in diesem Auto. Entschlossen stieg sie aus. Sie fröstelte, was nicht nur an der Kühle des Waldes lag.
Sie drehte sich einmal um sich selbst, um alles in sich aufzunehmen, und ging dann zielstrebig zwischen den beiden Gebäuden hindurch. Kurz darauf betrat sie einen gepflasterten Hof, der an drei Seiten vom Wohnhaus und zwei Anbauten umgeben war. Der Zustand der Gebäude konnte nur als jämmerlich bezeichnet werden. Gegenüber dem Wohnhaus lag eine Wiese mit hohem Gras und knorrigen Bäumen, die in voller Blüte standen. Das Gebäude rechts war früher ein Stall gewesen, vermutete Anna, da neben jeder der drei horizontal geteilten Türen ein Ring zum Anbinden von Tieren angebracht war.
Sie öffnete die obere Hälfte einer Stalltür und sah hinein. Es handelte sich um eine Box mit Heuraufe und Wassertrog. Alles war dreckig und voller Spinnweben. Überall bröckelte der Putz von den Wänden. Im Dach waren mehrere Löcher, und der Boden war uneben und ebenfalls löchrig. Hier hatte schon lange kein Tier mehr gestanden. Jedenfalls hoffte Anna das, es hätte ihr sonst leidgetan. Insgeheim war sie überzeugt davon, dass sie mit Tieren besser umgehen konnte als mit Menschen. Vor allem ihr einjähriges Praktikum im Tierheim hatte ihr gezeigt, wo ihre Stärken lagen und ihr letztlich den Weg in ihr Biologiestudium gewiesen.
Anna schloss die Tür zum anderen Nebengebäude auf. Sie quietschte widerstrebend und ließ sich nur mit Mühe aufschieben. Das Dach hier schien dicht zu sein. Wie der Boden aussah, ließ sich nicht beurteilen, da der Raum bis unter die Decke mit Krempel vollgestellt war. Anna verließ der Mut. Worauf hatte sie sich nur eingelassen? Schnell schloss sie die Tür wieder und wandte sich dem Wohnhaus zu. Der Zustand der Nebengebäude ließ ihre Hoffnung schwinden, dass es sich in einem besseren Zustand befand.
Es gab einen zweiten Eingang vom Innenhof aus. Der passende Schlüssel war schnell gefunden. Es war der einzige, der nicht komplett verrostet war. Anna kniff die Augen zusammen und drehte ihn im Schloss. Die Tür bewegte sich leise knarrend und erstaunlich leichtgängig. Anna wertete das als gutes Zeichen, verbannte jedes negative Gefühl und betrat das Haus. Es roch muffig, als wäre hier drin ewig nicht gelüftet worden, deshalb ließ sie die Tür weit offenstehen.
Die Dielen knarrten unter ihren Füßen, als sie durch das Treppenhaus und ein kleines Zimmer voller verstaubter Bücherregale in eine geräumige Küche ging. Alles machte einen zwar alten, aber zum Glück gut erhaltenen Eindruck. Wunderschöne Messinggriffe zierten die nussbraunen Holzmöbel. Als Anna den Wasserhahn an der Spüle betätigte, lief klares, kaltes Wasser. Der Kühlschrank sah auf den ersten Blick ebenfalls funktionstüchtig aus. Weitere elektrische Geräte fand Anna nicht.
Die Küchenzeile wurde an vier Stellen von Türen unterbrochen. Nebenan gab es eine Abstellkammer. Zwei Türen führten in einen winzigen Flur mit Außentür, an den sich ein noch winzigeres Badezimmer anschloss, und in ein Esszimmer, das von einem großen Holztisch mit sechs Stühlen beherrscht wurde. Annas Finger fuhren langsam über die rissige Oberfläche, greifbar gewordene Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Leider lenkte der Tisch nicht von den grauenhaften Tapeten ab. Entweder war Tante Elisa ein großer Fan von Blumenmustern gewesen oder sie war auf ihre alten Tage blind geworden. Anna schüttelte sich und ging schnell weiter.
Vom Esszimmer aus gelangte man zunächst in ein Wohnzimmer mit einem geblümten, antik aussehendem Sofa und einem Holzofen, dann in ein Schlafzimmer.
Sieben Räume und zwei Flure zählte Anna allein im Erdgeschoss. Alles war hoffnungslos altmodisch und alles andere als einladend. Sie konnte sich nicht vorstellen, sich in dieser Umgebung jemals wohlzufühlen.
Dafür, die obere Etage auch zu erkunden, fehlte ihr im Moment die Kraft. Zuerst musste sie das, was sie schon gesehen hatte, verdauen. Also ging sie zurück in den Innenhof und setzte sich auf die Stufe vor der Eingangstür. Dort legte sie ihren Kopf auf die Knie und atmete tief durch. Sie spürte, wie sich die Panik, die sie bisher erfolgreich in Schach gehalten hatte, langsam an die Oberfläche kämpfte.
Was machte sie hier? Was wollte sie sich selbst und der ganzen Welt mit dieser verrückten Idee beweisen, ihr bisheriges, sicheres Leben aufzugeben? Sie hatte alles hinter sich gelassen. Ihre Wohnung war bereits neu vermietet, der Job gekündigt, und die Sache mit Marco war endgültig vorbei. Sie war unendlich euphorisch gewesen, hatte geglaubt, Bäume ausreißen zu können. Zumindest hatte sie nicht eine Sekunde lang gezweifelt. Stattdessen war sie mit Suzi auf Konzerten und im Kino gewesen, hatte in angesagten Klubs getanzt und sich elegante Theateraufführungen angesehen.
Hätte sie die Zeit doch bloß besser darauf verwendet, über die Konsequenzen eines solchen Neuanfangs nachzudenken!
Anna spürte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Sie zitterte und konnte nur mit Mühe ein Schluchzen unterdrücken. Sie schlang ihre Arme um ihren Körper und krümmte sich zusammen, in der Hoffnung, sich selbst ein wenig Wärme und Zuversicht zu schenken.
Aber alle Tränen der Welt würden ihr jetzt auch nicht weiterhelfen. Sie setzte sich aufrecht hin und wischte die Augen trocken. Sie allein hatte die Entscheidung getroffen, ihr bisheriges Leben aufzugeben. Und sie allein würde sich der Herausforderung stellen. Sie würde sich selbst und ihrem Vater beweisen, dass sie auf eigenen Füßen stehen konnte. Die Renovierung eines alten Bauernhauses war ihr Traum gewesen, seit sie als Kind mithelfen durfte, ihr Elternhaus umzubauen. Nur war ihr Traumhaus in ihrer Vorstellung viel weniger verwahrlost und verfallen gewesen. Nun glaubte sie, einer unlösbaren Aufgabe gegenüberzustehen.
Anna schluckte schwer und rappelte sich mühsam hoch. Sie straffte die Schultern, atmete tief durch und ging um das Haus herum zu ihrem Auto. Für einen kurzen Moment war sie versucht, einfach einzusteigen und zurück in die Stadt zu fahren. Doch sie unterdrückte den Impuls und öffnete stattdessen die Beifahrertür.
Als Erstes suchte sie in ihrer Handtasche nach dem MP3-Player. Sie setzte die Kopfhörer auf und schaltete das Gerät ein. Augenblicklich war Eddi Markgraf bei ihr und sang sich mit seiner tiefen Stimme direkt in ihre Gedanken. Mit jedem Ton entspannte sie sich mehr. Im Moment lief Life changes, ein Song, den Eddi über seinen Durchbruch geschrieben hatte, über seine Dankbarkeit, aber auch über seine Sorgen, dass der Erfolg alles verändern würde. Anna hatte Damn Silence erst nach diesem Durchbruch entdeckt. Sie war bei einer Fernsehshow auf den blonden Sänger aufmerksam geworden. Eddi war mit Mitte Dreißig nur wenig älter als sie, hatte aber schon alles erreicht, was er mit seiner Musik erreichen wollte. Sechs Jahre nach der Gründung stand die Band plötzlich in den Charts ganz oben. Anna wusste nicht, ob sich Eddis Sorgen hinsichtlich seines Erfolgs letztlich bewahrheitet hatten, aber zumindest machte er in Interviews und auf Konzerten nicht den Eindruck, als ob sein Leben sich verschlechtert hätte. Der Gedanke an Eddis Lebensweg gab ihr neuen Mut. Nun war sie bereit, auch das obere Geschoss des Hauses zu erkunden.
Im Takt der Musik schritt sie die Treppe hoch in den ersten Stock. Staub tanzte in der Luft. Sie betrat einen großen Flur, dann ein Badezimmer, und warf einen Blick in fünf weitere Zimmer mit abgedeckten Möbeln. Das ganze Stockwerk sah aus, als wäre es bereits seit mehreren Jahren nicht mehr betreten worden. Es fühlte sich seltsam an, hier oben zu sein, wie eine Reise in eine längst vergangene Zeit.
Wieder unten angekommen, ging sie zu ihrem Auto. Stück für Stück trug sie ihre Koffer und Taschen in die große Küche.
Als das Auto leer war, knurrte ihr Magen bereits vernehmlich. Da sie nicht daran gedacht hatte, Vorräte mitzubringen, musste sie zurück ins Dorf fahren.
2. Kapitel
»Wie schön, dass Sie mich so schnell wieder besuchen kommen. Gefällt Ihnen das Haus?«
Anna hatte gerade erst den Laden betreten und brauchte einen Moment, um sich zu fassen. »Äh, ja, danke. Es ist ziemlich groß.«
Sie wusste nicht so recht, was sie sonst sagen sollte. Sie konnte der Ladenbesitzerin, auch wenn sie nett war, schließlich nicht all ihre Zweifel offenbaren. Doch die hatte offenbar gehört, was sie hören wollte.
»Es muss riesig sein. Sie hätten vor Jahren hier sein sollen. Damals, als es Ihrer Tante noch gut ging … Alle, die mal dort waren, haben geschwärmt, wie schön es gewesen ist. Ich selbst war nie da, aber die Frau Lichtenbühler, die hat für die alte Elisa die Wäsche gemacht und mir immer alles genau erzählt.«
Anna versuchte, den Redefluss der alten Dame zu unterbrechen, indem sie sie nach dem Preis für eine Packung Würstchen fragte. Sie hatte keine Chance.
»Später dann, als es ihr schlechter ging, freilich, da blieb ihr nur noch der alte Karl, ihr Stallbursche. Aber der hat immer zu ihr gehalten und sich um alles gekümmert – ein Euro fünfundneunzig Cent, heute im Angebot.« Die Dame nickte zu der Packung in Annas Hand. Ach ja, die Würstchen.
»Hat Tante Elisa auch bei Ihnen eingekauft?«, fragte Anna neugierig. Nebenbei packte sie ein Brot, etwas Butter, die Würstchen und eine Flasche Ketchup in ihren Einkaufskorb.
»Was? Nein. Der alte Karl hat für sie eingekauft. Wenn Sie mich fragen, war der nicht nur ihr Angestellter, der hat sich noch für ganz andere Dinge interessiert. Der war in Elisa verschossen, sag ich Ihnen.« Theatralisch fasste sich die Dame an die Brust. »Anders kann man das gar nicht erklären, was der alles für sie gemacht hat.«
Dieser Karl weckte Annas Interesse. Vielleicht konnte er ihr mehr über ihre Tante erzählen und lüftete sogar das Geheimnis, warum ausgerechnet sie als Erbin eingesetzt worden war.
»Wohnt Karl in der Nähe?«
»Wollen Sie ihn besuchen? Da freut er sich bestimmt! Ist ganz leicht zu finden. Fahren Sie einfach bei sich die Straße weiter. Nach zwei oder drei Kilometern kommen Sie automatisch zu seinem Haus. Brauchen Sie eine Tüte?«
Die abrupten Themenwechsel brachten Anna aus dem Konzept. Sie blickte auf ihren vollen Einkaufskorb. Mittlerweile lagen noch Eier, Quark und ein paar Brötchen darin. Sie packte eine Salami dazu und eine Packung Würfelzucker. Dann trug sie alles zur Kasse.
Während die Ladenbesitzerin die Einkäufe in die erstaunlich moderne Kasse eintippte, erzählte sie weiter. Annas Tante war wohl eine kleine Berühmtheit hier in Milmersdorf gewesen.
Als Anna aus dem Laden in die untergehende Sonne trat, summten ihr die Ohren, und ihr Magen grummelte erneut. Um ihn zu beruhigen, aß sie auf der Fahrt ein Brötchen und ein kaltes Würstchen.
Eine Viertelstunde später brachte sie die Einkäufe ins Haus und setzte einen Topf mit Wasser für einen Tee auf. Mit einem belegten Brötchen und ihrer Tasse setzte sie sich nach draußen auf die Treppe. Sie genoss die Stille, den wärmenden Tee in ihrer Hand und das Gefühl, endlich etwas im Magen zu haben. Dann wappnete sie sich innerlich für die letzten Aufgaben des heutigen Tages: Sie musste ihre Eltern und Suzi anrufen.
Zuerst der schwierigere Part, beschloss sie, und wählte die Nummer ihrer Eltern. Seit sie sich am Tag der Testamentseröffnung im Streit getrennt hatten, herrschte Funkstille zwischen ihr und ihrem Vater. Ihre Mutter hielt zwar weiterhin den Kontakt, Anna wusste jedoch, dass die Situation sie stark belastete.
Es klingelte ein paarmal, dann ging ihre Mutter an den Apparat. Anna konnte sich lebhaft vorstellen, was gerade bei ihren Eltern abgelaufen war. Ihr Vater war zum Telefon gegangen, da normalerweise er die Anrufe annahm, hatte ihre Nummer gesehen und den Apparat an ihre Mutter weitergereicht.
»Hallo, Kleines, schön, dass du dich meldest!«
»Hallo, Mama, ich wollte nur sagen, dass ich in Tante Elisas Haus angekommen bin.«
Stille am anderen Ende. Was hatte ihre Mutter erwartet? Dass sie es sich doch noch anders überlegt hatte?
»Das ist schön. Und? Ist es so großartig, wie alle sagen? Tante Elisa muss unheimlich reich gewesen sein und einen Palast besessen haben.«
Anna runzelte die Stirn. Wenn man sich das Haus ansah, hatte Tante Elisa in den letzten Jahren nicht viel Geld in dessen Instandhaltung gesteckt.
»Es ist zumindest sehr groß«, antwortete sie zurückhaltend. Es widerstrebte ihr, ihrer Mutter die Wahrheit zu sagen.
Nachdem sie ein paar Belanglosigkeiten ausgetauscht hatten, beendete Anna das Gespräch. Sie seufzte traurig. Früher waren sie wie beste Freundinnen gewesen. Damals hatte Anna allerdings auch getan, was von ihr erwartet wurde. Da sich der Wunsch ihres Vaters nach einem Jungen nicht erfüllt hatte, hatte er Anna alles beigebracht, was ein Mann seiner Meinung nach hätte können müssen. Es hatte ihr Spaß gemacht, unter seiner Anleitung Leitungen zu verlegen, Paneele an die Decke zu nageln oder einen Brunnen für den Garten zu bohren. Sie hatte diese Jahre als sehr harmonisch in Erinnerung. Erst als sie anfing, selbstständig zu entscheiden und zu handeln und sich so immer weiter von den Idealen ihres Vaters entfernte, verschlechterte sich ihr Verhältnis. Ihre Entscheidung, das Erbe anzutreten, war der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Ihre Mutter fühlte sich gezwungen, Position zu beziehen. Auch wenn sie es nachvollziehen konnte, war Anna enttäuscht von ihrem Verhalten. Sie hoffte, ihr Vater würde irgendwann einsehen, dass auch ein anderer Weg als der seine richtig sein konnte. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, sich aufzuheitern, indem sie Suzi anrief. Die hieß mit Nachnamen Fröhlich und machte dem alle Ehre. Aus Spaß nannte Anna sie oft Suzi Sonnenschein.
Sie trank ihren letzten Schluck Tee und wählte Suzis Nummer. Ihre Freundin nahm gleich nach dem zweiten Klingeln ab. »Hey, Anna-Schatz, endlich! Hab mir schon Sorgen gemacht! Und? Wie ist es?«
Annas Stimmung hellte sich sofort auf, als sie Suzis Stimme hörte. »Na ja, ziemlich verwahrlost.« Bei ihrer Freundin konnte sie ehrlich sein. »Aber es ist riesig und es hat echt Potenzial. Stell dir vor, hier gibt es sogar einen Stall.«
Suzi quietschte begeistert auf. »Wirklich? Dann kannst du dir ein Pferd kaufen. Genug Geld hast du ja jetzt. Mensch, ich beneide dich total!« Suzi war ein Pferdenarr.
»Mal langsam! Das Geld ist für die Instandsetzung des Hauses vorgesehen«, versuchte Anna, ihre Freundin zu bremsen. Doch da war nichts zu machen.
Suzi lachte. »Wer braucht denn so viel Geld für ein paar Renovierungsarbeiten? Da bleibt bestimmt genug für dich übrig.«
Anna musste nun auch lachen. Das war typisch Suzi. Von so viel positivem Denken würde sie sich gern eine Scheibe abschneiden. »Ich befürchte, mit der Renovierung allein ist es nicht getan. Eher mit einer Grundsanierung.« Sie verdrehte die Augen bei dem Gedanken an die viele Arbeit.
»Hey, wer wird denn gleich schwarzmalen? Du holst dir einfach jemanden, der sich mit alten Häusern auskennt, und lässt dir erklären, was gemacht werden muss. Dann hast du einen Plan und kannst loslegen. Das wolltest du doch immer tun. Und wenn es eine kann, dann du. Aber mal was anderes: Lust auf ein Konzert? Ich hab Karten.«
Suzi hatte es mal wieder geschafft: In Nullkommanichts hatte sie Anna aufgeheitert. Ein Konzert mit Suzi war ein Erlebnis, das sie sich auf keinen Fall entgehen lassen wollte.
»Damn Silence?«, fragte sie wider besseres Wissen hoffnungsvoll.
»Mensch, Anna«, seufzte Suzi. »Du weißt doch, dass die Konzerte seit Ewigkeiten ausverkauft sind. Und die VIP-Tickets waren auch alle sofort weg. Da hatte ich keine Chance.«
Suzi arbeitete bei Universal Music und hatte die besten Beziehungen und Möglichkeiten. Manchmal bekam sie sogar VIP-Tickets, die einem Zugang zu allen Bereichen verschafften. Aber Damn Silence waren zu berühmt, und Suzi betreute die Band auch nicht direkt, sodass sie praktisch keine Chance hatte, an begehrte VIP-Tickets zu kommen. Trotzdem war Anna ein bisschen enttäuscht.
»Hey, ich hab aber trotzdem zwei echte Schätze hier, fast so gut wie Damn Silence«, versuchte Suzi, sie mit ihrer Begeisterung anzustecken.
»Niemand ist so gut wie Damn Silence«, warf Anna ein.
»Klar. Aber fast so gut. Rate!«
»O Suzi. Ich hasse das. Das weißt du!«, stöhnte Anna.
»Rate trotzdem!«
Anna stellte sich vor, wie Suzis Augen vor Aufregung leuchteten, also tat sie ihrer Freundin den Gefallen. »Die Beatles?«
»Anna! Die gibt es nicht mehr!«
Anna kicherte und machte weiter. »Bon Jovi.«
Das war Suzis Lieblingsband. Es war ihr Traum, eines Tages auf ein Bon-Jovi-Konzert zu gehen. Bisher hatte sie die wenigen sich bietenden Gelegenheiten verpasst, weil sie immer arbeiten musste.
»O Anna, das war echt gemein!«
»Dann sag mir doch einfach, wohin du gehen willst.«
»Du meinst, wohin wir gehen wollen«, korrigierte Suzi sie. Das Wir betonte sie dabei besonders.
Anna musste lachen. Ihre Freundin war unglaublich. Doch schließlich rückte Suzi mit der Sprache raus: »Ich habe Karten für Silbermond!«
Silbermond war Annas Lieblingsband gewesen, bevor sie auf Damn Silence aufmerksam geworden war. »VIP-Tickets?«
»Leider nicht. Tut mir leid.«
Anna lächelte. »Kein Problem. Ich freue mich auf das Konzert. Wann gehen wir?«
»Übernächsten Freitag. Ich dachte, du kommst am besten zeitig her und übernachtest danach hier. Dann machen wir beide uns mal wieder einen schönen gemeinsamen Tag.«
Sie redeten noch eine Weile über dies und das, hauptsächlich über Suzis Arbeit. Nachdem sie aufgelegt hatte, fühlte sich Anna beschwingt. Sie war voller Tatendrang und hätte am liebsten sofort mit dem Renovieren angefangen. Stattdessen ging sie in die Küche und holte ihren Laptop aus dem Gepäck. Sie wollte sich zunächst eine Liste mit allen anstehenden Aufgaben und dem benötigten Material machen. Sie musste auf jeden Fall jemanden finden, den sie wegen der notwendigen Umbaumaßnahmen am Haus fragen konnte. Und sie brauchte Internet.
Anna lebte nach der Philosophie, dass das Internet auf alle Fragen eine Antwort kannte. Das kam also gleich ganz oben auf die Liste: einen Internetanschluss besorgen. Sie wollte sich als erstes ein Arbeitszimmer, das Wohnzimmer und ein Schlafzimmer herrichten. Auch die Küche musste wieder in Schuss gebracht werden, ebenso eines der Badezimmer.
Sie setzte Dinge, die sie für die Einrichtung dieser Zimmer brauchen würde, auf ihre Liste und überlegte, ob sie Tante Elisas Bett behalten sollte. Sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, darin zu schlafen.
Sie notierte Bett und weitere Möbel.
Es war schon spät, als sie den Laptop zuklappte. Ihr schwirrte der Kopf, aber sie fühlte sich immer noch gut, wenn auch total erschöpft. Also nahm sie ihr Zahnputzzeug und ein Handtuch mit ins Bad und wusch sich notdürftig. Dann fiel sie auf das Sofa und wickelte sich in ihren Schlafsack.
Obwohl sie müde war, konnte sie nur schlecht einschlafen. Zu viele Gedanken wirbelten durch ihren Kopf. Die fehlenden Stadtgeräusche, die fremden Gerüche und vor allem die Dunkelheit machten ihr zu schaffen, in ihrer Wohnung in Berlin hatte eine Straßenlaterne direkt in ihr Schlafzimmer geschienen. Es dauerte ewig, bis sie endlich in unruhigen Schlaf fiel.
Am nächsten Morgen brauchte sie einige Augenblicke, um zu realisieren, wo sie war und warum. Als es ihr einfiel, beschloss sie, noch eine Weile liegenzubleiben. Sie konnte tun, was sie wollte. Niemand drängelte sie, sie hatte keine Termine. Selbst wenn sie den ganzen Tag auf dem Sofa blieb, würde niemand sie schief angucken. Aber dann dachte sie an ihre Pläne, das Haus zu renovieren, und stand schließlich doch auf.
Barfuß und frierend tapste sie ins Bad. Es war zwar schon Mai, aber über Nacht kühlte es noch stark ab. Der kleine Heizkörper war kalt, obwohl der Regler voll aufgedreht war. Sie musste unbedingt herausfinden, wie man die Heizung anstellte.
Beim Frühstück fiel ihr wieder ein, was die Frau aus dem kleinen Laden über den Stallburschen von Tante Elisa gesagt hatte. Ein Problem mit der Heizung erschien ihr als gute Entschuldigung, bei ihm vorbeizuschauen.
Nach dem Frühstück stieg sie in ihr Auto in der Hoffnung, diesen Karl trotz der mehr als dürftigen Wegbeschreibung zu finden. An der Straße bog sie rechts ab. Der Weg schlängelte sich weiter durch den Wald. Es machte nicht den Eindruck, als würden noch andere Menschen in der Gegend leben. Nach etwas über zwei Kilometern tauchte tatsächlich ein völlig mit Efeu bewachsenes Haus hinter den Bäumen auf. Anna parkte am Straßenrand und ging die kurze Zufahrt entlang. K. Lehmann stand handgeschrieben über der altertümlich anmutenden Klingel. Sie läutete, doch nichts rührte sich. Ein schmaler Weg führte links am Haus vorbei. Zögerlich setzte sie sich in Bewegung und rief laut nach Herrn Lehmann.
Hinter dem Haus erstreckte sich, ganz ähnlich wie bei Tante Elisa, ein kleiner, gepflasterter Innenhof. Auf der rechten Seite befand sich ein Gebäude, das an einen Schuppen erinnerte und in dem Anna es klappern hörte.
»Hallo? Herr Lehmann?«
Ein alter, grauhaariger Mann steckte den Kopf aus der halb offenstehenden Tür. »Ja?«
Anna ging lächelnd und mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Ihr Gegenüber war nur so groß wie sie und sehr schmächtig, doch seine Augen blitzten lebenslustig. Er trug eine abgetragene blaue Hose und ein rostfarbenes Holzfällerhemd, beides staubig und voller Tierhaare. Den Grund dafür hörte sie im Nebengebäude wiehern.
Karl Lehmann kam ihr entgegen und schüttelte Anna etwas erstaunt dreinblickend die Hand.
»Hallo Herr Lehmann, ich bin Anna Diemer, die Nichte von Elisa Reichert.«
Sofort lächelte er erfreut. »Ach, du bist die Anna? Elisa hat mir von dir erzählt. Wie kann ich dir helfen?«
Anna beschloss, über das vertrauliche Du hinwegzusehen. Viel merkwürdiger fand sie, dass Tante Elisa mit ihm über sie gesprochen hatte. Sie hatten sich doch kaum gekannt. »Die Besitzerin des kleinen Ladens in Milmersdorf hat mir gesagt, dass Sie bei meiner Tante gearbeitet haben und sie gut kannten. Ich komme mit der Haustechnik noch nicht ganz klar und hoffe, Sie können mir helfen.«
Der alte Mann nickte und lächelte versonnen. Dann bot er Anna einen Kaffee an. Sie folgte ihm ins Haus und setzte sich dort auf den ihr angebotenen Stuhl.
Während er sich an der alten Kaffeemaschine zu schaffen machte, schwieg Herr Lehmann. Erst als er sich mit zwei dampfenden Tassen in der Hand zu ihr setzte, fing er an zu erzählen. »Ich habe viele Jahren bei Elisa gearbeitet. Erst als Stallbursche, später habe ich mich um alles gekümmert, was anfiel. Weißt du, in den letzten Jahren war deine Tante nicht mehr bei guter Gesundheit. Ich habe für sie sauber gemacht und eingekauft und mich um ihre Tiere gekümmert. Zum Schluss konnte sie gar nichts mehr machen, da sollte ich alle Tiere verkaufen. Nur Mona habe ich behalten.« Sein Blick driftete in die Ferne.
»Mona? Das Pferd, das ich vorhin gehört habe?«
Lehmann nickte. »Ja, sie war Elisas Liebling. Sie lebte bei ihr, seit sie ein Fohlen war. Jetzt ist sie auch schon alt, aber noch sehr fit. Willst du sie mal sehen?«
Anna nickte. Als der Alte aufstehen wollte, hielt sie ihn zurück. »Ich dachte, Sie könnten mir vorher vielleicht etwas über meine Tante erzählen. Wissen Sie, ich habe sie nicht so gut gekannt.«
Er lächelte. Die Falten um seinen Mund und seine Augen vertieften sich und ließen ihn unheimlich sympathisch wirken. Er dachte eine Weile nach, nahm einen Schluck Kaffee, dann räusperte er sich.
»Deine Tante war eine sehr schöne, gebildete Dame mit den besten Manieren. Und sie hatte ein großes Herz für alle, denen es nicht so gut ging – Menschen und Tiere. Früher war in ihrem Haus stets Leben, sie hatte über viele Jahre Pflegekinder, die in einem Heim nicht klargekommen wären. Und sie nahm jedes kranke, alte oder verletzte Tier auf. Es gab immer viel zu tun bei deiner Tante. Aber ich glaube, gerade das hat den Kindern dabei geholfen, wieder ins Leben zu finden. Soweit ich weiß, führen alle heute ein gutes und selbstständiges Dasein abseits von Drogen und Kriminalität. Etwas anderes hätte Elisa auch nie geduldet. Selbst nachdem alle bei ihr ausgezogen waren, besuchte sie sie regelmäßig oder lud sie zu sich ein. Und wehe dem, der dann nicht brav zur Arbeit ging oder seine Ausbildungsstelle besuchte. Dem las Elisa die Leviten. Ja, ohne Elisa wäre die Welt ein ganzes Stückchen schlechter gewesen.«
Anna hörte erstaunt zu. Ob ihr Vater davon gewusst hatte? Jedenfalls hatte er nie etwas gesagt. Elisa hatte sich also um Kinder und Tiere gekümmert, die niemand mehr wollte? Das erklärte zumindest die vielen Zimmer in ihrem Haus.
Als der Kaffee ausgetrunken war, gingen sie zu dem Nebengebäude, aus dem der Alte vorhin gekommen war. Es dauerte eine Weile, bis Annas Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, doch dann sah sie, dass ein Teil notdürftig mithilfe einer Stellwand abgetrennt war. Dahinter kam ein weißer Pferdekopf zum Vorschein.
»Hallo, Mona, weißt du, wer uns heute besuchen kommt? Das ist Anna, die Nichte von Elisa.« Während er sprach, kraulte der Mann die Stirn des Pferdes, das genießerisch die Augen schloss.
Anna kam langsam näher und streichelte vorsichtig die weiche Nase. Mona prustete sie an.
»Sie mag dich«, kam es unvermittelt von dem alten Mann. »Sollen wir sie rausholen?«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, nahm er ein Halfter von der Wand und legte es Mona um. Dann öffnete er die Stellwand und zog die Stute nach draußen. Er band sie nicht an, trotzdem blieb sie in der Sonne stehen und ließ sich bewundern. Man sah deutlich, dass sie nicht mehr die Jüngste war. Die Knochen stachen an einigen Stellen hervor, und auch das Fell war nicht mehr so glänzend, wie es einst gewesen sein musste. Dennoch strahlte sie eine Würde und Haltung aus, die sie um viele Jahre jünger wirken ließen.
»Dürfte ich sie vielleicht einmal putzen?«, rutschte es Anna heraus. Der Gedanke war ihr einfach durch den Kopf geschossen, und sie wurde rot, als sie merkte, dass sie ihn laut ausgesprochen hatte. Das klang ja so, als fände sie, er würde die Stute nicht richtig pflegen.
Doch Herr Lehmann schien sie nicht falsch zu verstehen, denn seine Miene hellte sich weiter auf, und er ging in den Schuppen, um wenige Augenblicke später mit einem Eimer voller Putzsachen herauszukommen. »Da freut sie sich sicher. Sie liebt es, geputzt zu werden. Du kannst sie auch gern reiten, wenn du willst. Sie ist sehr brav.«
Anna freute sich über das Angebot, sie hatte nach ihrem Studium keine Gelegenheit mehr gehabt, reiten zu gehen. Sie nahm einen Striegel und rieb damit in großen Kreisen über den Hals der Schimmelstute. Sie war so versunken in die Arbeit, dass sie das Schweigen des alten Mannes erst nach einer Weile bemerkte. Als sie ihn ansah, wirkte er traurig. Als ob ihm etwas auf dem Herzen lag, das er sich nicht traute, laut auszusprechen. Auf ihren Blick hin gab er sich offenbar einen Ruck, hustete und sagte dann mit leiser Stimme: »Du kannst sie gleich mitnehmen, wenn du willst.«
Anna blinzelte erstaunt. »Wen, die Stute? Warum?«
»Sie gehört dir. Ich habe mich nur um sie gekümmert, weil Elisa es nicht mehr konnte. Ich würde das auch gern weiter tun, aber ich sehe ja, dass du Pferde liebst. Du möchtest sie bestimmt haben, oder?« Das letzte Wort flüsterte er beinahe.
Jetzt verstand Anna. Er hatte Angst, dass sie ihm seine geliebte Mona wegnehmen könnte. Klar, es wäre natürlich prima, jetzt schon ein eigenes Pferd zu haben. Aber selbst wenn Mona rechtlich gesehen ihr gehörte, konnte sie den alten Mann doch nicht einfach von ihr trennen. Das würde ihm das Herz brechen. Für ihn war Mona wahrscheinlich so etwas wie eine lebende Erinnerung an Elisa. Sie überlegte, wie sie ihn beruhigen könnte.
»Ähm, Herr Lehmann …«
»Nenn mich doch bitte Karl und sag du zu mir. Das machen alle. Sonst komme ich mir so alt vor.« Er zwinkerte ihr verschmitzt zu.
»Okay, also Karl.« Sie räusperte sich. »Ich würde mich freuen, wenn S… du dich weiter um Mona kümmern würdest.«
Er blickte sie erst ungläubig und dann sehr erfreut an. »Wirklich?«
»Es stimmt schon, ich hätte gern ein Pferd.« Sie dachte über eine möglichst glaubwürdige Erklärung nach. »Aber ich bin gestern erst angekommen, und im Haus ist noch so viel zu tun. Außerdem glaube ich, dass Mona gern bei dir bleiben würde.«
Jetzt strahlte Karl über das ganze Gesicht. Dann trat er dicht an Mona heran und flüsterte ihr ins Ohr: »Siehst du, altes Mädel, du kannst doch hierbleiben. Bei mir. Freust du dich?«
Mona schnaubte. Die beiden waren wirklich ein Traumpaar.
Anna schmunzelte und bürstete weiter. Nach einiger Zeit kam sie auf ihr ursprüngliches Anliegen zurück und fragte Karl, ob er sich mit der Heizung auskannte und einen Tipp hatte, wen sie wegen notwendiger Sanierungsarbeiten um Rat fragen könnte.
»Ich kann meinen Sohn anrufen und ihn bitten, sich das mal anzusehen. Er hat schon viele Häuser gebaut und kann dir sicher sagen, was getan werden muss. Außerdem kennt er das Haus. Er hat Elisa oft geholfen, wenn etwas zu reparieren war.«
»Das wäre nett. Ich gebe dir nachher meine Handynummer. Anders bin ich zurzeit leider noch nicht erreichbar. Huf«, sagte sie bestimmt zu Mona, nahm den bereitwillig dargebotenen Vorderhuf und kratzte den Schmutz heraus. Karl setzte sich auf einen Stein und sah ihr zu. Diesmal wirkte sein Schweigen zufrieden.
Ihr fiel ihr noch etwas ein. »Du hast vorhin gesagt, dass du für meine Tante eingekauft hast. Bist du dazu immer nach Milmersdorf gefahren?«
»Was sollte ich denn da?«, fragte er erstaunt. Dann dämmerte es ihm. »Ach, du meinst den Laden von der alten Erika? Nein, da bekommt man ja nichts. Ich war meistens in Gerswalde. Da gibt es einen Supermarkt und einen Baumarkt. Ist gar nicht weit weg von hier. Du musst nur die Straße immer weiter fahren. Nach einer Viertelstunde kommt eine Kreuzung. Da biegst du links ab und dann ist der Supermarkt schon ausgeschildert.«
Seine Definition von gar nicht so weit weg war ungewohnt für Anna, die es von Berlin kannte, alles zu Fuß zu erreichen. In diesem Einkaufzentrum wollte sie später auf jeden Fall vorbeisehen. Sie bot Karl an, ihm etwas mitzubringen.
Er lächelte erfreut. »Oh, das wäre gut! Dann bräuchte ich nicht mehr selbst zu fahren. Mein Auto ist nicht mehr das jüngste, über eine Pause freut es sich sicher. Elisa hat recht gehabt. Du bist die Richtige für ihr Haus!«
Der letzte Satz kam so unvermittelt, dass Anna ein paar Sekunden brauchte, um zu realisieren, was er da gesagt hatte.
»Woher wollte sie das wissen? Wir kannten uns kaum. Wir haben uns nur einmal gesehen.«
Karl lächelte sie verschmitzt an. »Elisa war eine gute Menschenkennerin. Sie hat gesagt, dass du ihr Vermächtnis weiterführen würdest, da war sie sich sicher. Du bist ein guter Mensch und liebst Tiere.«
Das war so lieb und rührend, dass sich Annas Augen mit Tränen füllten. Schnell wandte sie den Blick ab und räumte das Putzzeug zurück in den Eimer. Das Angebot, Mona zu reiten, lehnte sie für heute ab. Sie hatte noch viel vor.
Sie gingen ins Haus zurück, wo er ihr eine sehr kurze Einkaufsliste schrieb. Er lachte, als sie sich erkundigte, ob das wirklich alles war. »Wir Alten brauchen nicht mehr viel zum Leben. Außerdem habe ich eigenes Gemüse und eine große, gut gefüllte Tiefkühltruhe. Du musst dir also um mich keine Sorgen machen.«
Er bot ihr noch einen Kaffee an, den sie aber ablehnte. Sie gab ihm ihre Handynummer und verabschiedete sich. Er versprach ihr, gleich seinen Sohn anzurufen.
3. Kapitel
Auf dem Weg zum Einkaufszentrum fand Anna Hinweisschilder zu mehreren anderen Geschäften, auch zu einem Möbelhaus. Dahin wollte sie zuerst.
In der Schlafzimmerabteilung stand in einem Seitengang ein Bett mit weiß lackierten, leicht verschnörkelten Gitterstäben. So eines hatte sie sich schon immer gewünscht. Die Möbel in ihrer Berliner Wohnung hatte Marco ausgesucht. Er bevorzugte klare Linien ohne Schnickschnack.
Doch sie zögerte. Sie hatte heute eigentlich nicht vorgehabt, etwas zu kaufen. Doch dann fand sie auch noch eine passende Kommode sowie zwei Nachtschränkchen, und die Entscheidung war gefallen.
Sie hatte Glück. Sämtliche Möbelstücke waren auf Lager und konnten in drei Tagen geliefert werden.
Im Supermarkt brauchte sie zwei Stunden, bis sie alles für sich und Karl gefunden hatte. Der Wagen war bis obenhin voll, dafür besaß sie nun zumindest eine Grundausstattung für die Küche samt Toaster, Wasserkocher und Handmixer.
Als sie am frühen Abend endlich zuhause war, ließ sie sich erschöpft auf die Couch fallen. Einkaufen konnte wirklich anstrengend sein.
Nach einem reichhaltigen Essen setzte sie sich, gegen den frischen Wind in eine dicke Jacke eingemummelt, auf die Treppe vor dem Eingang. Sie packte ihren MP3-Player aus, steckte sich die Ohrstöpsel in die Ohren und schaltete Damn Silence ein.
So ließ es sich aushalten. In ihrem eigenen Garten und Eddi Markgraf so nah. Besser ging es eigentlich nicht. Sie stellte sich vor, er würde vor ihr stehen und singen. Ein absurder Gedanke. Jemand wie Eddi Markgraf würde sich auf dem Land nie wohlfühlen.
Sie liebte seine tiefe Stimme, die ihr wie dunkler Honig vorkam, und auch seinen Humor, den er in der Öffentlichkeit an den Tag legte. Er nahm sich selbst nicht allzu ernst. Außerdem war er ein richtiger Rebell. Zum Beispiel sein Name, Eddi. Anna wusste, dass er eigentlich Alexander hieß. Irgendwann hatten seine Klassenkameraden seinen Zweitnamen Edmund herausgefunden und ihn deswegen gehänselt. Seitdem nannte er sich aus Trotz Eddi. Anna gefiel diese Geschichte sehr. Vor allem, weil ihr Opa auch Edmund geheißen hatte.
Sie hatte Damn Silence bisher zweimal live gesehen, und natürlich kannte sie Interviews und Konzertmitschnitte aus dem Internet. Auch wenn es natürlich schön wäre, ihn mal persönlich zu treffen, war sie auf der anderen Seite froh, dass ihr Bild von Eddi nicht durch die Realität getrübt wurde. Vielleicht war er in Wirklichkeit gar kein solcher Sonnyboy, sondern durch den Erfolg arrogant und zynisch geworden, und überspielte das gekonnt. Außerdem hatte er angeblich eine Freundin, ein Model namens Caroline.
Die nächsten zwei Tage verbrachte sie damit, die Küche gründlich zu säubern und das Esszimmer auszuräumen. Den großen Holztisch wollte sie am liebsten in der Küche aufstellen. Dann hätte sie im Esszimmer Platz für ihr Büro gewonnen und gleichzeitig eine Sitzmöglichkeit in der Küche geschaffen. Leider widersetzte sich der Tisch ihren Bemühungen, denn er war viel schwerer, als er aussah. Außerdem passte er nicht durch die Tür.
»Wie hat Tante Elisa dich hier rein bekommen?«, überlegte sie laut. Noch während sie ihren Gegner skeptisch beäugte, klingelte es an der Tür. Draußen stand ein hünenhafter Mann, der den Türrahmen fast vollständig ausfüllte. Anna bemerkte erst nach ein paar Sekunden, dass eine zweite Person hinter ihm stand: Karl. Der drängelte sich an dem jüngeren Mann vorbei und schüttelte ihr die Hand.
»Hallo Anna, ich dachte, ich komme gleich mal mit Thomas, meinem Sohn, hier vorbei, dann kann er sich alles ansehen.«
Anna gab auch Thomas die Hand und bat die beiden Männer herein. Verstohlen musterte sie ihre Gäste. Es hätte keinen größeren Unterschied zwischen ihnen geben können. Thomas war riesig und breitschultrig. Seine dunklen Haare lockten sich wild und auf seinem Gesicht war ein Bartschatten zu sehen. Anna fand ihn nicht unattraktiv.
Ohne Scheu liefen Thomas und Karl durch alle Räume. Die Führung hatte Karl übernommen. Während sie nach oben gingen, machte Anna erst einmal Kaffee. Sie wurde ja im Moment nicht gebraucht.
Als der Kaffee durchgelaufen war, hörte sie die beiden draußen auf dem Hof. Sie fand sie im Stall; beide blickten zum Dach und diskutierten, wie man es am besten abdichten könnte.
Annas Einladung zum Kaffee nahmen sie gern an und folgten ihr in die Küche. Nachdem alle versorgt waren, ergriff Thomas das Wort. »Sie haben Glück, Frau Diemer, viel ist nicht zu tun. Zumindest, wenn Sie alles lassen wollen, wie es ist. Die Grundsubstanz ist gut, keine Feuchtigkeit, kein Schimmel.«
»Bitte nennen Sie mich Anna.«
Er nickte freundlich und hielt ihr erneut die Hand hin. »Gerne, Thomas. Möchten Sie denn etwas verändern?«
»Ich möchte das Bad unten vergrößern, wenn das geht. Im Obergeschoss sollen der Boden und eine Wand raus und ich möchte das Badezimmer sanieren.«
Thomas sah sie an, dann Karl, der fast unmerklich nickte, und räusperte sich. »Wie wäre es, wenn ich mir dazu Gedanken machen würde? In ein paar Tagen kann ich Ihnen meine Ideen vorstellen.«
Karl mischte sich ein. »Thomas hat Talent, Anna. Du kannst ihm vertrauen. Was er sich überlegt, hat immer Hand und Fuß.«
Anna blickte von einem zum anderen und ließ sich Thomas’ Vorschlag durch den Kopf gehen. Das klang eigentlich ganz gut.
»Sind Sie Architekt?« Die Frage war ihr so herausgerutscht. Verlegen senkte sie den Blick.
Thomas lachte. »Nein, leider nicht. Ich bin Maurer.«
Nach dem Kaffee gingen sie noch einmal zu dritt durch das Haus. Thomas machte sich Notizen. Im Esszimmer wies Anna auf den Tisch.
»Den würde ich gern in die Küche stellen, bekomme ihn aber nicht aus dem Zimmer.« Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. Wieder verständigten sich Karl und Thomas ohne Worte, packten den Tisch und drehten ihn auf die Seite. So war es kein Problem, ihn aus der Tür zu bugsieren. Beschämt sah Anna zu und ärgerte sich, dass sie nicht selbst auf diese naheliegende Lösung gekommen war.
»Vielen Dank«, murmelte sie verlegen. Thomas winkte nur ab und Karl grinste sie an. Dann verabschiedeten sich die beiden herzlich von ihr.
Anna stand im nun leeren Esszimmer und überlegte, wie sie es in ein Büro verwandeln konnte. Sie brauchte einen Schreibtisch, einen Rollcontainer, Regale und Schränke. Aber wie wollte sie die Wände gestalten? Die großflächig gemusterten Tapeten wollte sie auf keinen Fall behalten.
Der Dielenboden gefiel ihr dagegen ganz gut. Nur leider sah man deutlich, wo die Schrankwand gestanden hatte. Und auch der Tisch und die Stühle hatten Kratzer hinterlassen. Vielleicht konnte man das Holz abschleifen und neu lackieren. Sie schrieb die Idee gleich auf den Einkaufszettel für den Baumarkt. Dort konnte ihr hoffentlich jemand helfen.
Nach einem kurzen Abendbrot und einem erholsamen Bad ging Anna zeitig schlafen. Ihr letzter Gedanke galt dem Bett, das am nächsten Tag geliefert werden sollte.
Zwei Tage später saß sie mit Thomas bei Tee und Keksen vor einigen Zetteln in der Küche. Thomas schlug vor, dass sie den alten Gasofen durch ein neues Brennwertgerät ersetzte, das deutlich effektiver arbeitete. Er erklärte ihr auch, wie sie die Heizung bedienen konnte. Außerdem schlug er vor, die vordere Haustür zuzumauern und die Wand zwischen Flur und Badezimmer einzureißen. Dann wäre es noch immer nicht riesig, aber eine schönere Badewanne und eine Dusche würden locker hineinpassen.
Anna war begeistert von seinen Vorschlägen. Thomas hatte als Maurer gute Kontakte zu vielen Baufirmen und versprach ihr, in der nächsten Zeit Angebote für sie einzuholen.
Voller Euphorie fuhr Anna am Nachmittag zum Baumarkt.
Es dauerte ewig, bis sie Tapete, Kleister und Farbe zusammen hatte. Sie hatte nicht mit der riesigen Auswahl gerechnet. Vermutlich könnte sie all ihre Räume weiß streichen und sie trotzdem mit unterschiedlichen Tapeten-Farben-Kombinationen ausstatten.
Als Nächstes suchte sie nach einer Möglichkeit, den Dielenboden abzuschleifen. Sie musste sehr hilflos wirken, als sie vor all den unterschiedlichen Schleifmaschinen stand, denn ein Baumarkt-Mitarbeiter fragte sie höflich, ob sie Hilfe bräuchte. Das war ihr in ihrem ganzen Leben noch nie passiert.
Mit einem Leih-Schleifgerät, passendem Lack, ihren Tapeten-Kleister-Farben-Einkäufen und Damn Silence im MP3-Player fuhr sie fröhlich singend zurück zu ihrem Haus.
Zwei Tage später war sie fest davon überzeugt, dass Tapezieren die schrecklichste Arbeit beim Renovieren war. Noch schrecklicher als die winzigen Reste der alten Tapete mit den Fingernägeln von der Wand zu kratzen. Die eingeweichte Tapete war schwer und unhandlich und riss dauernd ein. Sie klebte grundsätzlich nur dann an der Wand, wenn sie es nicht sollte, und klappte von oben wieder weg, wenn Anna den unteren Teil andrückte. Mehr als einmal war sie dabei auf ihrem Kopf gelandet, sodass ihre Haare mittlerweile schleimig vom Kleister waren.
Nach einer qualvollen Wand hatte sie eine gewisse Routine entwickelt und kam einigermaßen voran. Man sah zwar, an welcher Seite sie angefangen hatte – dort klafften Lücken zwischen den Tapetenbahnen –, doch sie hoffte, dass das nach dem Streichen nicht mehr sichtbar war. Und wenn doch, würde sie einen Schrank davorstellen.
Das Malern zwei Tage später ging im Gegensatz zu den Vorarbeiten einfach vonstatten. Zum Glück hatte sie gute Farbe bekommen, sodass nach zwei Anstrichen das Zimmer und auch Anna in hellem Weiß erstrahlten. Glücklich drehte sie sich einmal um die eigene Achse und bewunderte ihre Arbeit. Es war all die Anstrengung wert gewesen.
Am folgenden Tag machte sie sich daran, den Boden zu schleifen. Auch das hatte sie sich leichter vorgestellt. Sie musste die schwere und unhandliche Maschine aus dem Baumarkt gleichmäßig über den Boden bewegen. War sie zu schnell, erzeugte das Schleifpapier lediglich Kratzer im Boden. War sie zu langsam, schliff sie zu viel weg. Außerdem atmete sie Tonnen von Staub ein.
Als sie nach zwei Tagen endlich fertig war und ihr Werk mit höllischen Rückenschmerzen betrachtete, musste sie beinahe heulen. Ihre ehemals weißen Wände waren von bräunlichem Staub bedeckt und der Boden hatte vorher auch besser ausgesehen. Erschöpft und desillusioniert schleppte sie sich nach draußen und ließ sich auf die Treppe fallen.
Warum musste das alles so schwer sein? Warum wurden ihr immer wieder Steine in den Weg gelegt? Was hatte sie verbrochen?
Sie atmete mit geschlossenen Augen tief die frische Luft ein. Sie roch den feuchten Waldboden und hörte das Rauschen des Windes, der durch die Baumwipfel fuhr. Langsam klärte sich ihr Kopf.
Als sie die Augen öffnete, dachte sie zum ersten Mal nicht nur an die Arbeit, die noch zu tun war, sondern stellte sich vor, wie schön es einmal sein würde. Im Geiste sah sie Pferdeköpfe in den Stalltüren, Katzen, die im Hof in der Sonne lagen, und Hunde, die über die Wiese tollten. Ganz von selbst schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Mit frischem Elan machte sie sich wieder ans Werk, staubte die Tapete sorgsam ab und saugte dann den Boden. Zum Glück ließ sich der Holzstaub problemlos entfernen. Und nachdem sie zwei Schichten Lack auf die Dielen aufgetragen hatte, sah das Zimmer endlich so aus, wie sie es sich vorgestellt hatte. Jetzt konnte sie sich nach der passenden Einrichtung umsehen.
Am Abend packte sie ihre Tasche für den Besuch bei Suzi in Berlin. Sie freute sich auf morgen. Es war trotz allem schön, einen Tag lang etwas anderes zu tun, als am Haus zu arbeiten oder einkaufen zu gehen.
4. Kapitel
Kurz nach zehn am nächsten Morgen stand sie vor Suzis Wohnung. Sie war früh aufgestanden und direkt nach dem Frühstück aufgebrochen. Es war seltsam gewesen, nach Berlin zu fahren; vor genau drei Wochen war sie in umgekehrter Richtung unterwegs zu ihrem neuen Leben gewesen. Doch je näher sie der Stadt gekommen war, desto mehr Vorfreude hatte sie verspürt, und auch ein Gefühl der Heimatverbundenheit hatte sich breitgemacht.
»Anna-Schatz! Es ist so schön, dich zu sehen. Mir kommt es vor, als ob du schon Jahre weg wärst.« Suzi nahm sie in die Arme und drückte sie fest.
»Ich freue mich auch, hier zu sein. Mir kommt es auch länger vor als drei Wochen.«
Suzi hielt sie eine Armlänge von sich entfernt und musterte sie von oben bis unten.
»Gut siehst du aus!«, meinte sie ein bisschen verwundert.
Anna wurde rot. Mit Komplimenten konnte sie nicht umgehen. Sie machten sie verlegen. »Witzbold! Du hättest mich gestern sehen sollen mit Dreck und Farbspritzern in den Haaren. Da hab ich gut ausgesehen.« Sie lachte, um ihre Unsicherheit zu überspielen.
»Nein, das meine ich absolut ernst.« Suzi drehte Anna einmal im Kreis. »Du siehst total erholt aus! Nein, das trifft es nicht. Du siehst … glücklich aus. Genau! Richtig glücklich und zufrieden. Was ist passiert?«
Suzis Kompliment verwirrte Anna. Sie sah nicht anders aus als früher, oder doch? Zur Sicherheit warf sie einen Blick in Suzis großen Wandspiegel. Ihr lächelte eine junge Frau in Jeans und T-Shirt mit schulterlangen, hellbraunen Haaren und vereinzelten Sommersprossen auf der Nase entgegen. Das war doch sie, so wie immer!
Aber da war etwas, das auch für Anna neu war. Ihre grau-grünen Augen blitzten und lächelten mit ihrem Mund um die Wette. Der angestrengte Zug und die kleine Denkfalte auf der Stirn waren komplett verschwunden. Die Frau im Spiegel sah wirklich glücklich aus.
Während Suzi sie fröhlich plappernd in die Küche zog und Teewasser aufsetzte, überlegte Anna, woran das liegen konnte. Klar, es war viel passiert in den letzten drei Wochen. Aber sie hätte eher gedacht, dass die Arbeit und die Gedanken um ihre Zukunft sie gestresst hatten. Andererseits hatte sie nicht einmal an die unschöne Zeit mit ihrem Ex-Freund Marco denken müssen oder an ihre frühere Arbeit.
Stattdessen war sie so vereinnahmt von den Ereignissen der Gegenwart, dass sie diese stressige Zeit komplett hinter sich gelassen hatte.
Sie saß auf Suzis Küchenstuhl und grinste ihre Freundin glücklich an. Suzi hatte die ganze Zeit wie ein Wasserfall geredet und hielt nun inne. »Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?«
Immer noch lächelnd schüttelte Anna den Kopf.
Suzi prustete los. »Na, du bist mir ja ein Schätzchen! Wohnst du jetzt auf einem anderen Stern oder was? Muss der Rest von dir erst noch ankommen?« Sie goss das Teewasser ein. »Mensch Anna, sei froh, dass wir heute Abend zu Silbermond gehen und nicht zu Damn Silence!«
»Warum das?«
Soweit Anna wusste, sollte Damn Silence heute ein Konzert in Süddeutschland spielen und nicht in Berlin.
Suzi machte eine dramatische Pause. Dann eröffnete sie in verschwörerischem Tonfall: »Die haben das Konzert heute abgesagt, stell dir vor! Eine offizielle Begründung gibt es noch nicht …«
»Aber du als Universal-Mitarbeiterin weißt sicher mehr, oder?«, vollendete Anna den Satz.
Suzi nickte. »Eigentlich darf ich es gar nicht wissen. Ich habe zufällig in Toms Büro gestanden, als er einen Anruf vom Manager der Band erhalten hat. Du weißt ja, Tom ist nicht so gut darin, Geheimnisse zu bewahren.« Sie hob vielsagend die Augenbrauen.
»Und ich weiß auch, dass du deine Methoden hast, ihm seine Geheimnisse zu entlocken«, fügte Anna hinzu, wohl wissend, dass Tom auf Suzi stand. »Nun lass dir nicht alles aus der Nase ziehen! Was ist passiert? Ich glaube, sie haben noch nie ein Konzert ausfallen lassen, oder?«
Suzi hatte einen Sinn für Dramatik, also trank sie erst einmal in Ruhe einen Schluck Tee, bevor sie antwortete. »Eddi hat sich angeblich eine Lebensmittelvergiftung eingehandelt. Ha! Wenn du mich fragst, war das eher eine Alkoholvergiftung, jedenfalls nach dem, was man so hört. Es soll so schlimm gewesen sein, dass er nun für einige Tage im Krankenhaus liegt.«
Anna war bestürzt. Sie hatte vor Jahren eine Lebensmittelvergiftung gehabt. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie sich stundenlang die Seele aus dem Leib gekotzt hatte. Danach war ihr noch tagelang flau gewesen. Wenn Eddi gleich ins Krankenhaus gekommen war, musste es bei ihm noch schlimmer sein als bei ihr damals.
»Warum hat eigentlich Tom diese Nachricht bekommen? Ich dachte, Johanna kümmert sich zurzeit um die Band?«, fragte Anna erstaunt.
Johanna war Suzis Erzfeindin bei Universal und der Hauptgrund dafür, dass sie so schlecht an Karten für die Band herankam.
Suzis Grinsen wurde diabolisch. »Leider weiß ich nichts Genaueres, aber ich glaube, dass ihre Tage bei Universal gezählt sind. Zu Recht, wenn du mich fragst. Sie muss neben Damn Silence noch zwei andere Bands an Tom abgeben. Dabei hat er genug zu tun, also hat sie irgendeinen Bockmist gebaut. Bisher habe ich noch nicht herausgefunden, was es war. Entweder weiß Tom es wirklich nicht oder er hält diesmal dicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! Jedenfalls verspricht es gerade, spannend zu werden.«
»Weil Damn Silence zum ersten Mal ein Konzert ausfallen lassen?« Anna spielte mit ihrer Tasse und versuchte, den erneuten Themenwechsel nicht allzu offensichtlich werden zu lassen.
»Nein, ich meine, ob Johanna gehen muss oder nicht. Und was dann passiert. Vielleicht suchen sie ja schon bald einen anderen Betreuer für Damn Silence. Ich würde mich jedenfalls zur Verfügung stellen. Bei der Band selbst ist alles geklärt. Soweit ich Tom verstanden habe, fällt nur das Konzert heute Abend aus. Danach hätten sie sowieso ein paar Tage frei gehabt, das nächste findet also wieder wie geplant statt.«
Das Konzert am Abend war ein voller Erfolg. Weil Suzi und Anna zeitig da waren, standen sie im vorderen Drittel der Halle. Sie tanzten und sangen, was das Zeug hielt. Nach dem Konzert fuhren sie durchgeschwitzt, müde und glücklich zurück zu Suzis Wohnung.
Am nächsten Morgen beim Frühstück berichtete Anna von ihren Fortschritten. »Der Hof ist ideal für meinen Plan, schwierige Hunde und ihre Besitzer bei mir zuhause zu therapieren.«
Suzi nickte, sie wusste um diese Pläne, da Anna in den letzten Wochen kaum ein anderes Thema gekannt hatte.
»Ich erzähle ja schon lange davon, aber jetzt ist die Erfüllung meiner Träume quasi zum Greifen nah. Ich habe sogar schon ein Büro. Bei der Berufsgenossenschaft habe ich mich auch angemeldet. Jetzt kann ich eigentlich damit anfangen, mich nach den ersten Kunden umzusehen. Ich habe mir überlegt, dass ich, so lange der Umbau noch läuft, bei den Leuten zuhause mit den Hunden zu arbeiten. Ich werde eine Website erstellen. Dafür habe ich Ideen und auch schon Material. Aber ich fürchte, das reicht nicht. Irgendwie muss ich die Leute auf mich aufmerksam machen.« Sie verzog das Gesicht. »Du kennst mich, ich bin nicht so der Verkaufstyp. Und Fremde ansprechen liegt mir überhaupt nicht.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich hatte gehofft, dass du mir vielleicht helfen könntest?«
Suzi lächelte erfreut. »Na klar helfe ich dir. Mit Marketing kenne ich mich schließlich aus.« Sie deutete eine leichte Verbeugung an.
Erleichtert biss Anna in ihr Brötchen. Jetzt, wo sie auf Suzis Hilfe zählen konnte, schmeckte das Frühstück doppelt so gut.
»Wie wäre es, wenn du Flyer druckst und sie auslegst, zum Beispiel beim Tierarzt?«
Weil Anna einen großen Bissen Brötchen im Mund hatte, konnte sie nicht gleich antworten, also fuhr Suzi fort: »Wenn du mir eine Vorlage schickst, kann ich die Flyer bei uns drucken lassen, das fällt bei der Menge, die wir ohnehin produzieren, nicht weiter auf.«
Anna zwang sich, den Bissen hinunterzuschlucken. »Das wäre echt prima! Du bist ein wahrer Schatz!« Sie deutete einen Kuss an.
»Klar, kein Problem. Schick mir einfach deinen Entwurf per Mail, dann bekommst du die Flyer zwei Tage später per Post.«
Anna hustete, weil sie sich an ihrem Kaffee verschluckt hatte. Es war aber auch zu aufregend. Ihr Traum nahm Gestalt an. Sie brannte plötzlich darauf, nach Hause zu fahren und die Flyer und die Website zu entwerfen.
Nach Hause, wie seltsam das klang.
So hatte sie Elisas Haus gerade zum ersten Mal genannt, wenn auch nur in Gedanken. Aber es fühlte sich gut an. Deshalb probte sie es gleich noch einmal laut: »Wenn du willst, kannst du mich bald bei mir zuhause besuchen kommen und dir alles vor Ort ansehen.«
»Supergerne. Aber nur, wenn ich nicht streichen muss oder sowas. Körperliche Arbeiten liegen mir nicht. Ich helf dir aber gern beim Verteilen der Flyer. Das kann bin ich dafür umso besser.«
Anna grinste. Sie konnte sich Suzi in dreckigen Klamotten beim Tapete abkratzen oder Bodenschleifen nur schwer vorstellen. Ihre Freundin hatte im wahrsten Sinne des Wortes zwei linke Hände, was das anging. Sie war eher künstlerisch begabt und konnte gut mit Menschen umgehen. Etwas, das Anna auch gerne gekonnt hätte. Es fiel ihr schwer, auf andere zuzugehen. Deshalb war Suzis Angebot umso verlockender. Die Vorstellung, fremde Leute fragen zu müssen, ob sie ihre Flyer bei ihnen auslegen durfte, behagte Anna gar nicht.
Nach dem Frühstück packte sie ihre Sachen und verabschiedete sich. Suzi musste, obwohl Samstag war, noch arbeiten. Es hatte eben nicht nur Vorteile, wenn man bei einer großen Plattenfirma beschäftigt war.
Schon bald darauf ließ Anna die Großstadt hinter sich und fuhr nach Norden in Richtung Wandlitz und Schorfheide. Die knapp anderthalb Stunden im Auto verbrachte sie damit, sich den Text für ihren Flyer zu überlegen. Als sie durch das Tor auf ihr Grundstück fuhr, hatte sie in Gedanken schon alles ausformuliert. Sie hielt sich nicht groß mit Auspacken auf, sondern setzte sich sofort an den Laptop. Sie feilte an ihren Ideen, fügte Bilder ein und testete verschiedene Schriftarten. Als ihr Entwurf stand, erstellte sie eine Website. Es dauerte eine Weile, bis sie eine Domain fand, mit der sie zufrieden war. Dann testete sie verschiedene Layouts und erstellte die Struktur, die sie sich vorher überlegt hatte. Die Seiten mit Inhalt zu füllen, ging dann wie von selbst. Sie war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie nicht bemerkte, wie die Zeit verflog. Erst, als sie das Licht ihrer Schreibtischlampe einschalten musste, weil sie die Tasten auf dem Laptop fast nicht mehr erkennen konnte, blickte sie beiläufig auf die Uhr und bemerkte erstaunt, dass es bereits nach neun abends war. Ihr Magen knurrte und ihre Glieder waren vom langen Sitzen ganz steif. Außerdem schmerzte ihr Rücken.
Das alles war nebensächlich. Sie betrachtete stolz ihre Homepage und den Flyer-Entwurf. Sie wollte beides am nächsten Tag noch einmal überarbeiten und die Datei an Suzi schicken. Wenn alles gut lief, würde Anna die Flyer schon am Dienstag in den Händen halten.
Am nächsten Tag setzte sie sich als Erstes an den Computer. Sie war immer noch sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Sie änderte im Flyer noch zwei Bilder und die Schriftgröße für den Begleittext, dann schickte sie den Entwurf per E-Mail an ihre Freundin. Um sich zu belohnen, surfte sie ein wenig im Internet. Als sie den Suchbegriff Eddi Markgraf eingab, wurde sie förmlich von Nachrichtenmeldungen überschüttet. Sämtliche Zeitungen Deutschlands schienen sich ihre Gedanken gemacht zu haben, warum das Konzert nicht stattgefunden hatte. Die jüngsten Meldungen sprachen allerdings von der besagten Lebensmittelvergiftung, also schien das Management inzwischen eine Stellungnahme herausgegeben zu haben.
Eine Schlagzeile machte Anna neugierig.
Eddi postet Bilder aus dem Krankenhaus
stand da. Sie klickte sie an. Die Meldung bezog sich auf ein Foto, das Eddi bei Facebook gepostet hatte. Also öffnete sie seine Facebook-Seite und fand es gleich an oberster Stelle. Es war ein Selfie im Krankenhausbett. Eddi sah schon wieder fit aus und grinste in die Kamera.
Nie wieder Shrimp-Cocktails
hatte er dazugeschrieben. Über vierhundert Kommentare hatte das Bild jetzt schon, hauptsächlich Genesungswünsche, obwohl es erst vor knapp drei Stunden gepostet worden war.
Anna klappte den Laptop zu, machte sich eine Tasse Tee und ging damit hinaus auf den Hof. Es war ein wunderschöner Sonntag, der seinem Namen alle Ehre machte. Trotzdem sah sie die abblätternde Farbe an den Stalltüren, die fleckige, graue Fassade und die Löcher im Dach, durch die die Sonne in die Boxen schien und den tanzenden Staub sichtbar machte. Ein Sonnenstrahl fiel auf ein größeres Loch im Boden – so als sollte ihr deutlich vor Augen geführt werden, dass sie auch hier noch einiges zu tun hatte. Außerdem musste sie das Nebengebäude entrümpeln. Vielleicht konnte sie dort eine Unterkunft für andere Tiere schaffen; für Hunde, deren Besitzer sie nicht mit auf ihr Zimmer nehmen wollten vielleicht.
Sie lief weiter zur Wiese, die dringend gemäht werden musste. Mit dem Rasenmäher kam man wahrscheinlich nicht mehr durch, sie würde eine Sense benötigen. Dennoch war die Wiese traumhaft. Wildblumen blühten in den verschiedensten Farben, umschwärmt von Insekten. Die vereinzelt stehenden Obstbäume präsentierten sich in frischem Hellgrün.
Hinter dem Nebengebäude befand sich ein kleines Beet. Es war voller Unkraut, sodass sie es vorher nicht entdeckt hatte. Hier könnte sie Gemüse und Kräuter anpflanzen. Das musste unbedingt auf ihren Notizzettel.
Es gab so viel, was man tun konnte, um hier alles schön und bewohnbar zu machen. Anna trank entschlossen ihren Tee aus und ging zurück ins Haus. Sie wollte keine Zeit vertrödeln. Jetzt war das Wohnzimmer dran.
Sie arbeitete den ganzen Tag wie eine Besessene. Auch wenn ihr wieder der Rücken schmerzte, war es das Ergebnis wert.
Abends surfte sie noch eine Weile im Internet.
Suzi hatte ihr geschrieben. Die Flyer hatten ihr sehr gut gefallen, sie schlug zwei Änderungen vor und hatte den neuen Entwurf gleich mitgeschickt. Außerdem bot sie an, sie am Mittwoch persönlich vorbeizubringen, weil sie da frei hatte. Das nahm Anna natürlich gerne an und bestätigte ihrer Freundin auch die beiden Änderungen.
Ein paar Damn-Silence-Konzertvideos später verschwand sie unter die Dusche und dann im Bett. Keine fünf Minuten später war sie eingeschlafen.
5. Kapitel
Als Suzi am Mittwoch zu Besuch kam, hatte Anna das Wohnzimmer soweit fertig, dass sie die Möbel einräumen konnte. Dazu wollte sie die Hilfe ihrer Freundin in Anspruch nehmen. Die würde sich zwar beschweren, aber Anna hatte mittlerweile solche Rückenschmerzen, dass sie sich nicht zutraute, das schwere Sofa noch einmal allein anzuheben.
Als sie hörte, wie Suzi mit ihrem Käfer durch den Wald gerollt kam, lief Anna ihr entgegen. Die beiden jungen Frauen fielen sich quietschend um den Hals, als hätten sie sich wochenlang nicht gesehen.
Suzi nahm ihren Rucksack aus dem Auto, öffnete ihn und präsentierte die ersehnten Flyer: druckfrisch und wunderbar glänzend. Stolz strich Anna mit dem Daumen über das Papier.
»Wunderschön. Hoffentlich klappt es«, murmelte sie gedankenverloren.
Suzi war schon durch den schmalen Durchgang zwischen Haus und Nebengebäude verschwunden. Anna fand sie bei dem Krempel, den sie bereits aus dem Nebengebäude getragen hatte.
»Wow, eine alte Stehlampe … und eine Schreibmaschine. Wahnsinn! So einen Schaukelstuhl hatte mein Opa auch.«
Anna musste beim Anblick ihrer Freundin lachen, die ein Stück nach dem anderen zur Seite schob, um sich alles genau anzusehen. Sie ließ Suzi machen und stellte einen alten Stuhl in die Sonne, um ihre neuen Flyer eingehend betrachten zu können.
Ihr Hund ist aggressiv, besonders ängstlich oder zeigt übermäßiges Jagdverhalten? Anna Diemer, diplomierte Hunde-Verhaltenstherapeutin, hilft Ihnen, das Leben mit Ihrem Liebling angenehmer zu gestalten. Rufen Sie an!
Darunter waren ihre Kontaktdaten sowie Zusatzinfos zu ihrem Angebot aufgelistet. Ausgedruckt sah das Ganze professionell aus und noch schöner als auf dem Computer.
Ob sie damit wirklich an Kunden kommen würde? Im Moment hatte sie aufgrund der Erbschaft keine Probleme, aber das Geld würde nicht ewig reichen.
Mitten in ihre Überlegungen hinein stolperte Suzi, die über und über mit Spinnenweben und Staub bedeckt war. Triumphierend hielt sie eine alte Milchkanne hoch. »Brauchst du die? Wenn nicht, kann ich sie haben? Die würde super neben meine Garderobe passen!«
Anna musste lachen. »Klar. Die Spinnenweben und der Staub sind übrigens gratis. Die kannst du gern auch mitnehmen«, fügte sie gespielt ernst hinzu.
Suzi streckte ihr die Zunge heraus und schüttelte sich. Ihre neue Errungenschaft brachte sie gleich ins Auto. Eine halbe Minute später war sie wieder da. »Und, wann fahren wir los?«
Anna sah Suzi fragend an.
»Na, die Flyer bringen dir hier nichts. Die müssen unter die Leute! Ich habe zuhause Adressen von Tierärzten in der Nähe und von einem Tierheim rausgesucht. Damit solltest du anfangen. Später kannst du auch in Berlin auf Kundensuche gehen.«
Anna schüttelte den Kopf über Suzis Tatendrang. Aber sie war auch froh. Sie würde sicher noch Wochen brauchen, bis sie genug Mut gesammelt hatte, die Flyer zu verteilen.
»Das Haus hat Potenzial. Ich beneide dich echt um dein Glück!«, sagte Suzi später zu Anna.
Sie waren auf dem Weg zu einer Tierarztpraxis in Gerswalde. Danach wollten sie Richtung Mittenwalde weiterfahren. Zwischen den beiden Dörfern lag ein Tierheim und in Mittenwalde gab es zwei Tierärzte.
Die erste Praxis war leicht zu finden. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch ging Anna hinter Suzi her zum Empfangstresen. Sie überlegte noch, was sie sagen sollte, da quatschte Suzi schon drauflos. »Schönen guten Tag, mein Name ist Suzanne Fröhlich und das hier ist Anna Diemer, eine der besten Verhaltenstherapeutinnen für Hunde in Deutschland. Sie ist kürzlich in die Nähe gezogen. Frau Diemer möchte ihre Dienste nun auch hier im Umfeld anbieten, nachdem sie in Berlin schon sehr erfolgreich war.«
Angesichts dieser schamlosen Lügen wurde Anna ganz heiß, und sie spürte, wie sie rot wurde. Das verstärkte sich, als die Helferin sie interessiert ansah. »Was genau machen Sie denn?«
Anna überlegte, wie sie aus der Sache herauskommen konnte, ohne ihr Gesicht zu verlieren, aber ihr fiel nichts Brauchbares ein, also druckste sie herum. »Äh, ich … na ja. Also ich arbeite mit verhaltensauffälligen Hunden.« Als ob die ersten Worte den Bann gebrochen hatten, wusste sie plötzlich, was sie sagen wollte. »Ich möchte, dass die Besitzer ihre Tiere besser verstehen und durch dieses Verständnis besser mit ihren Lieblingen zurechtkommen.«
Das klang gut.
Die Helferin zeigte sich entsprechend beeindruckt. Sie wollte offenbar noch mehr fragen, doch Suzi unterbrach sie, indem sie einen kleinen Stapel Flyer auf den Tresen legte. »Wenn jemand Frau Diemers Hilfe benötigt, können Sie gern ihre Kontaktdaten weitergeben. Wir lassen Ihnen einige Flyer da. Vielen Dank für Ihre Zeit. Wir müssen jetzt weiter. Frau Diemer muss gleich zu ihrem nächsten Kunden.«
Das fand Anna ziemlich dick aufgetragen, aber es wirkte. Die Frau nickte, und sie hatten auch die Aufmerksamkeit der Wartenden auf sich gezogen, die ihnen interessiert nachblickten.
»Suzi, du spinnst doch«, flüsterte Anna, sobald sie draußen waren.
Die lachte nur. »Wenn du was werden willst, musst du etwas darstellen und Interesse wecken. So funktioniert es im Musikgeschäft. Also warum nicht auch hier?«
Sie fuhren weiter in Richtung Mittenwalde. Kurz vor dem Ortseingang fanden sie ein Hinweisschild zum örtlichen Tierheim. Anna bremste abrupt und bog scharf nach rechts ab. Sie folgten der holprigen Straße, bis sie vor einem großen, schmiedeeisernen Tor standen. Tierheim Mittenwalde stand in geschwungenen Buchstaben auf dem überdimensionalen Schild darüber.
Wieder war Suzi die Erste, die hineinging. Anna blickte sich aufmerksam um. Am liebsten hätte sie sich alles in Ruhe angesehen und vor allem die Tiere besucht, doch Suzi stand schon vor einem kleinen Gebäude, an dessen Tür Büro mit Kreide geschrieben stand. Anna beeilte sich, ihr zu folgen.
Drinnen zog Suzi dieselbe Show ab wie beim Tierarzt. Doch die Dame hier ließ sich nicht so leicht beeindrucken. Sie lächelte bei Suzis Worten nur milde und musterte Anna skeptisch.
»Sie sind also eine erfolgreiche Verhaltenstherapeutin? Ich hätte gleich mal einen Fall für Sie. Wir haben einen Hund, der schon seit einem halben Jahr nicht vermittelbar ist. Er ist aggressiv und knurrt und bellt jeden an, der auch nur in die Nähe seines Zwingers kommt. Ich muss mich sogar selbst um ihn kümmern, weil sich meine Angestellten nicht mehr in seine Nähe trauen. Haben Sie Interesse, sich unseren Pino mal anzusehen?«
Damit hatte Anna nicht gerechnet. Sie bemerkte aus dem Augenwinkel, wie Suzi abwinken wollte, doch ihr Interesse war geweckt. Ein erster richtiger Fall! Den wollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Schnell legte sie ihrer Freundin die Hand auf den Arm und nickte. »Diesen Hund würde ich mir gern ansehen.«
Die Frau lächelte nun deutlich freundlicher und stand auf. Dann brüllte sie nach hinten, dass sie jemanden am Empfang brauche.
Was für eine laute Stimme! Ihre Angestellten zitterten sicher vor ihr, wenn sie schrie. Sie war kräftig gebaut und ziemlich klein. Mit ihrem praktischen Kurzhaarschnitt und ihren Arbeitssachen wirkte sie eher maskulin. Sie schritt vor Suzi und Anna her in Richtung der Hundezwinger, ging dann aber daran vorbei bis ans Ende der Gebäudereihe.
Suzi fragte leise, ob sie sich das wirklich zutraute, doch Anna schüttelte lediglich den Kopf. Als die Frau die Tür zum letzten Gebäude öffnete, schallte ihnen von drinnen ein tiefes, böses Bellen entgegen. Suzi, die ein wenig Angst vor Hunden hatte, blieb zurück, aber Anna folgte der Frau ins Innere.
»Hier leben unsere hoffnungslosen Fälle«, brüllte die Frau gegen das Gebell an. Sie konnte von der Lautstärke her locker mit den beiden Hunden mithalten.
In dem Zwinger weiter vorn drückte sich ein magerer Schäferhund mit gesträubtem Fell ans Ende seines kleinen Bereiches und knurrte sie argwöhnisch und mit gefletschten Zähnen an. Im hinteren Zwinger rannte ein großer Schatten am Gitter hin und her. Man konnte nichts Genaueres erkennen, so wild gebärdete er sich. Die Frau deutete darauf und brüllte: »Das ist Pino.«
Je näher sie dem Hund kam, desto wilder wurde er. Anna blieb an der Tür stehen. Der Hund hatte genügend Stress durch die Anwesenheit der Frau, und auch dem anderen war es sicher lieber, wenn sie sich zurückhielt.
Kurze Zeit später kam die Frau zurück zur Tür und winkte Anna mit sich nach draußen. »Und, was denken Sie?«
Anna musste nicht lange überlegen. »Die beiden tun mir leid. Sie haben Angst und wissen sich nicht anders zu helfen.«
Die Frau nickte. Sie sah traurig aus. »Wir wissen nicht viel von Pino. Er kam zu uns, weil seine Besitzer ihn misshandelt haben. Damals war er erst sieben Monate alt. Diese Erfahrung hat ihn geprägt. Keine Ahnung, ob man ihn nochmal hinbekommt. Er muss in ein paar Monaten einen Wesenstest bestehen, aber da sehe ich schwarz. Dagegen hatte es Rex, der Schäferhund, direkt gut. Er hat sein bisheriges Leben in einem Zwinger verbracht, bis er eines Tages nach seinem Besitzer geschnappt hat, als dieser ihn herausholen wollte. Am nächsten Tag war er hier.« Sie sah Anna herausfordernd an. »Und? Trauen Sie sich immer noch zu, mich von Ihrem Können zu überzeugen?«
Hoffnungslose Fälle, so hatte die Frau die Hunde bezeichnet. Hier im Tierheim bestand tatsächlich nur wenig Hoffnung für sie. Aber Anna hatte neben dem Studium bereits einige Erfahrungen gesammelt. Sie hatte einen befreundeten Hundetrainer begleitet, als dieser mit einem ähnlichen Fall wie Pino gearbeitet hatte. Es war schwer, aber nicht unmöglich.
»Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich werde mit Pino arbeiten und ihn auf den Wesenstest vorbereiten. Um den Schäferhund kann ich mich auch kümmern, wenn Sie wollen. Ich verlange nichts dafür. Wenn es klappt und die beiden wieder vermittelt werden können, empfehlen Sie mich dafür an Ihre Kunden weiter. In Ordnung?«
»Also, wenn Sie das schaffen«, antwortete die Frau mit ungläubigem Unterton, »dann empfehle ich Sie nicht nur an meine Kunden weiter. Dann sorge ich dafür, dass man Ihnen die Bude einrennt, das kann ich Ihnen versichern!« Sie lachte dröhnend.
Sie verabredeten, dass Anna in den nächsten Tagen wiederkommen und mit den Hunden arbeiten würde, nachdem sie sich zuvor im Büro gemeldet hatte.
»Damit wir Sie retten können, falls die Hunde Sie anfallen«, meinte die Frau augenzwinkernd. Anna war klar, dass das nicht als Scherz gemeint war. Doch sie fühlte sich der Herausforderung gewachsen.
Suzi konnte auf der Fahrt zu den Tierärzten in Mittenwalde gar nicht genug betonen, wie professionell und mutig Anna gewirkt hatte. »Wenn das klappt, spricht es sich bestimmt total schnell rum und du kannst dich wahrscheinlich nicht mehr retten vor Kunden. Die haben hier doch alle einen an der Waffel, warum sollten deren Tiere nicht genauso verrückt sein?«
Anna knuffte ihre Freundin freundschaftlich in die Seite, und Arm in Arm traten sie in der ersten Mittenwalder Tierarztpraxis ein. Diesmal wusste Anna, wie Suzi vorgehen würde, und spielte brav mit. Sie ließen ihre Flyer da und verabschiedeten sich. Der zweite Tierarzt war im Urlaub, da musste Anna später noch einmal alleine hin. Zufrieden fuhren sie zurück. Suzi konnte leider nicht über Nacht bleiben, weil sie am nächsten Tag arbeiten musste.
Sie nutzten die verbleibende Zeit, um über alles Mögliche zu reden und zu planen, wie Anna ihren Traum verwirklichen konnte. Suzi half ihr außerdem, die schwere Couch in das Wohnzimmer zu tragen und das Nebengebäude fertig auszuräumen. Nicht ganz uneigennützig, wie Anna vermutete, denn als sie nach Hause fuhr, hatte Suzi außer der Milchkanne noch eine alte Kamera und eine Waage samt Gewichten im Auto, die wunderbar als Deko in ihre Wohnung passten, wie sie behauptete.
Anna gab ihr die Sachen gern. Suzi hatte ihr stets geholfen. Sie hatte sich alles verdient, was sie gern haben wollte.
Als ihre Freundin gefahren war, überfiel Anna ein Gefühl der Einsamkeit. Sie wurde sich schlagartig bewusst, dass sie ganz allein war. Seltsam, das war ihr bisher nie aufgefallen.
Wenn etwas passieren würde … niemand würde es merken und niemand könnte ihr helfen.
Woher die negativen Gedanken plötzlich kamen, wusste sie nicht. Es war, als wäre die positive Energie des Tages mit Suzi verschwunden. Dabei gab es keinen Grund, sich schlecht zu fühlen. Sie wollte sich bald Tiere anschaffen. Vielleicht fand sie in dem Tierheim ein passendes Haustier.
Am nächsten Vormittag fuhr Anna wieder dorthin. Sie gab kurz im Büro Bescheid, dass sie da war und eine Weile mit Rex und Pino arbeiten würde. Die unbekannte junge Dame dort nickte und sagte, dass Anna sich bitte auch abmelden sollte, wenn sie wieder fuhr.
Bewaffnet mit einer Tüte voller Wurststückchen machte sich Anna auf den Weg ins letzte Gebäude. Schon als sie sich der Tür näherte, veranstalteten die beiden Hunde drinnen den gleichen Lärm wie am Tag zuvor. Für den Moment begnügte sich Anna damit, die Tür zu öffnen.
Es dauerte eine Weile, bis die Hunde bemerkten, dass nichts weiter passierte, und sich beruhigten. Erst dann trat Anna durch die Tür. Wie erwartet setzte das Bellkonzert sofort wieder ein. Anna hockte sich auf den Boden, den Blick von den Hunden abgewandt, und wartete.
Diesmal beruhigten sich die beiden schneller. Zehn Minuten später lag Rex hinten in seinem Zwinger und hatte die Augen halb geschlossen. Pino stand direkt am Gitter; sie sah nur das Hinterteil. Er war ziemlich groß und muskulös mit lockigem, schwarzen Fell.
Nach weiteren fünf Minuten geschah dann, was sich Anna erhofft hatte: Der Schäferhund stand auf und kam vorsichtig nach vorn. Dabei hielt er die Nase in die Luft. Bestimmt hatte er die Würstchen gerochen, die in Annas Schoß in der offenen Tüte lagen. Sie griff vorsichtig hinein, doch sie konnte nicht verhindern, dass es raschelte. Rex machte sofort einen Schritt rückwärts, verschwand aber nicht mehr bis ganz hinten.
Es dauerte ein paar Minuten, bis er genug Mut gesammelt hatte, um wieder näherzukommen. Sein Schwanz war zwar eingeklemmt und seine Nackenhaare gesträubt, aber sein Blick war nicht aggressiv, sondern hatte einen eher bettelnden Ausdruck.
Anna warf ihm das Wurststückchen in den Zwinger. Der Hund stürzte sich sofort auf das begehrte Leckerli und schlang es mit einem Happs herunter. Dann kam er erneut vor ans Gitter. Anna sah, dass er seine abwehrende Haltung teilweise aufgegeben hatte.
»Na, mein Süßer, du brauchst keine Angst zu haben«, sagte sie mit leiser, betont tiefer Stimme. Der Hund antwortete mit einem leichten, angedeuteten Schwanzwedeln. Ein riesiger Erfolg. Er hörte ihr zu.
Mit einem Stück Wurst in der Hand näherte sie sich ihm behutsam. Zuerst wich er zurück, kam dann wieder näher und nahm das Leckerchen vorsichtig auf.
»Brav, mein Kleiner«, lobte sie den Hund und sah nach links, ob Pino sie beobachtete. In der Tat – er ließ sie nicht aus den Augen. Mit dem breiten Kopf sah er aus wie eine Mischung aus Wolf und Grizzlybär. Vermutlich hatten ein Neufundländer und ein Rottweiler in seinem Genpool mitgemischt. Sein Fell war stumpf und fleckig, doch mit dem richtigen Futter und ein wenig Training konnte aus ihm eine eindrucksvolle Schönheit werden. Seine Augen waren klar und seine Ohren zeigten in ihre Richtung. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen.
Anna beschloss, ihr Glück auf die Probe zu stellen und noch einen kleinen Schritt weiterzugehen, also warf sie auch ein Stück Wurst in seine Richtung. Es prallte allerdings am Gitter ab und blieb davor liegen. Mist!
Doch Pino wusste sich zu helfen. Mit einer Pfote angelte er nach der begehrten Leckerei und zog sie zu sich heran. Die Wurst war schnell verputzt. Als Anna sich ihm weiter zuwandte, stellte er sein Nackenfell auf und knurrte sie mit gebleckten Zähnen an. Keine Frage, er meinte es ernst.
Also beschäftigte sich Anna weiter mit dem Schäferhund. Nebenbei erzählte sie den beiden Hunden leise, was sie von ihnen wollte und dass sie für heute fertig war, aber die nächsten Tage öfter herkommen wollte.
Um die beiden nicht unnötig zu erschrecken, krabbelte sie genauso vorsichtig nach draußen, wie sie hereingekommen war. Dann stand sie auf, schloss leise die Tür und ging fröhlich vor sich hin pfeifend ins Büro, um sich abzumelden. Die junge Frau dort wünschte ihr lediglich einen schönen Tag und widmete sich wieder ihrem Computer.
Als sie später im Bett lag, ließ sich Anna den Tag noch einmal durch den Kopf gehen. Sie dachte an Pino und Rex, der am Ende ihrer kleinen Trainingseinheit schon viel zugänglicher geworden war.
Sie hatte das Gefühl, er Erfüllung ihres Traumes heute einen großen Schritt näher gekommen zu sein. Lächelnd schlief sie ein.
Die nächsten Tage waren für Anna sehr anstrengend. Sie mähte die Wiese wie geplant mit einer Sense, die ihr Karl geliehen hatte, was ihr einen gehörigen Muskelkater einbrachte. Sie entrümpelte das Nebengebäude, empfing mehrere Handwerker zur Besprechung und fuhr jeden Tag zu den Hunden. Gefühlt waren die Fortschritte winzig, doch so langsam zahlte sich ihre Geduld aus. Zwar bellten die Hunde nach wie vor, sobald die Tür aufging, aber Rex wedelte mittlerweile schon, wenn er sie sah, und auch Pino knurrte nur noch selten, wenn sie ihm zu nahe kam. Auch wenn er regelmäßig so tat, als würde er sich nicht für Anna interessieren, ließ sie sich nicht täuschen: Er beobachtete genau, was sie machte und wartete auf seinen Anteil der Leckerchen.
Heinz war erstaunt, als Anna ein paar Tage später das erste Mal darum bat, eine Leine und ein Halsband für Rex zu bekommen. Sie wollte einen kleinen Spaziergang auf dem Tierheimgelände mit ihm wagen.
Es war kein Problem, Rex das Halsband anzulegen. Sobald sie die Tür zu seinem Zwinger öffnete, drängte er wie erwartet zu ihr nach draußen. Sie hatte dafür die Leckerchen-Tüte extra ein Stück zur Seite gelegt. So konnte sie ihm gleich das Halsband überziehen.
Leine und Halsband waren für Rex offenbar nichts Bedrohliches. Die Welt da draußen allerdings schon. So lange sie sich in dem kleinen Gebäude aufhielten, war er interessiert an allem, vor allem an der Tüte, die Anna wohlweislich gut verschlossen hatte. Sobald sie jedoch leicht an der Leine zog und mit ihm nach draußen wollte, stemmte er sich dagegen.
So ging das nicht. Anna konnte nicht glauben, dass Rex generell nicht hinaus wollte. Sie hatte eher den Verdacht, dass er Angst vor dem Unbekannten hatte. Sie musste jetzt aufpassen, dass sie seine Furcht nicht unbewusst verstärkte, indem sie der Sache zu viel Bedeutung beimaß.
Also straffte sie die Schultern und zog den sich wehrenden Hund einfach mit sich nach draußen. Er war zwar stark, aber sie schaffte es, ihn halb schlitternd über den Fliesenboden zu ziehen.
Kurze Zeit später stand Rex draußen und blickte sich ängstlich um. Den Schwanz hatte er tief unter seinen Bauch geklemmt und er zitterte leicht.
Der Spaziergang war kurz und es sah nicht aus, als ob Rex seine Freude daran hatte. Aber immerhin schien er ihr zu vertrauen, denn er orientierte sich an ihr und drückte sich gegen ihre Beine. Die Mitarbeiter des Tierheims hielten sich zum Glück fern.
Nach zehn Minuten drehte Anna um. Zu ihrer Überraschung drängte Rex nicht zurück in seinen Zwinger. Im Gegenteil, sie musste ihn quasi ins Haus ziehen. Er wollte lieber bei ihr bleiben, doch sie schob ihn in seinen Zwinger und machte sofort die Tür zu, auch wenn ihr das sehr leidtat. Die Leine klickte sie von außen durch das Gitter ab. Das Halsband konnte er erst einmal behalten. Er bekam zur Belohnung noch die restlichen Würste, die er gierig verschlang.
Auf dem Rückweg dachte Anna über Rex nach. Sie konzentrierte sich im Moment eher auf ihn, schon um Pino zu zeigen, dass von ihr keine Gefahr ausging. Wenn der schwarze Riese neugierig geworden war, würde sie auch intensiver mit ihm arbeiten, aber noch beließ sie es dabei, ab und zu mit ihm zu sprechen und ihm Würstchen zuzuwerfen.
Rex war ein armer Kerl. Er brauchte jemanden, an dem er sich orientieren konnte. Am besten wäre vermutlich ein anderer Hund, dem er sich anschließen und von dessen Verhalten er lernen konnte. Durch seine Ängstlichkeit würde es schwer werden, einen Hund zu finden, der nicht gleich auf ihn losging. Rex war das geborene Mobbing-Opfer.
Im Briefkasten trudelten weitere Angebote ein und Anna vereinbarte fleißig Termine. Schon morgen würde eine Firma kommen und im Obergeschoss den Boden und die vier markierten Wände herausreißen. Den Samstag legte sie als Termin für die Fußbodenheizung fest. Schon am Montag sollte der Estrich eingebracht werden.
Thomas und Karl kamen einige Male vorbei, um das Dach im Stall zu reparieren. Bei der Gelegenheit konnte sie mit Thomas alle Angebote durchsprechen und mit einigen wenigen von ihm vorgeschlagenen Änderungen annehmen.
Am Donnerstagabend war das Dach dicht. Anna, Karl und Thomas standen feierlich darunter und blickten andächtig nach oben. Jetzt konnte das Wetter dem Stall nichts mehr anhaben, und es wurde Zeit, mit den Innenarbeiten zu beginnen. Auch dafür boten Karl und Thomas ihre Hilfe an, doch sie lehnte ab. Mehr konnte sie ihnen nun wirklich nicht zumuten, und die paar Ausbesserungsarbeiten würde sie auch allein schaffen.
6. Kapitel
Für den Freitag hatte sich Anna vorgenommen, im Nebengebäude weiter aufzuräumen.
Nach dem Frühstück kamen wie angekündigt einige kräftige junge Männer für die Abrissarbeiten. Sie redeten nicht viel, sondern legten sofort los.
Bei einem Rundgang durch das obere Geschoss sah Anna wenig später, dass die Arbeiten schon erstaunlich weit fortgeschritten waren. Wenn es so weiterging, würden sie wie versprochen bis zum Abend fertig werden.
Sie wollte gerade zum Tierheim fahren, als ihr Telefon klingelte. Suzi war am anderen Ende und klang hektisch. »Hallo, Anna-Schatz. Bitte reiß mir nicht gleich den Kopf ab, aber ich glaube, ich habe etwas ziemlich Dummes gemacht! Oder vielleicht auch was Gutes, kommt ganz darauf an, wie du es siehst.«
Anna war alarmiert. Sie kannte Suzi und ihren Hang zu Dummheiten. »Suzi? Was ist los?«
»Na ja, weißt du, ich … nein, ich fange besser von vorn an!«
Suzi druckste herum. Kein gutes Zeichen. Anna wusste, wenn sie ihre Freundin drängte, würde sie nie erfahren, was passiert war.
Suzi schwieg ein paar quälende Sekunden. »Erinnerst du dich noch, als du bei mir warst und ich dir erzählt habe, dass Damn Silence ihr Konzert abgesagt haben?«
Damn Silence, der Name verursachte bei Anna sofort Schmetterlinge im Bauch. Dass die Band irgendwie in Zusammenhang mit Suzis angeblicher Dummheit stand, war beunruhigend.
Anna riss sich zusammen. »Ja?«
»Jedenfalls hatten sie vorgestern wieder ein Konzert, in Leipzig. Direkt danach ist Eddi wohl zusammengeklappt.«
Anna horchte auf.
Suzi redete zum Glück gleich weiter. »Sie haben ihn ins Krankenhaus gebracht. Der Arzt hat etwas von Überlastung oder so gesagt. Genau weiß ich es nicht. Aber Tom war da.« Sie machte eine dramatische Pause. »Es war wohl nicht das erste Mal, dass Eddi zusammengeklappt ist.«
Die Überraschung hielt sich bei Anna in Grenzen. In letzter Zeit hatte es einige Meldungen gegeben, die auf seinen schlechten Gesundheitszustand hingedeutet hatten. »Also war es das letzte Mal doch keine Lebensmittelvergiftung«, mutmaßte sie.
»Nein! Das haben sie uns damals nur weismachen wollen. Aber diesmal konnten sie es nicht vertuschen, es war ja jemand von Universal dabei.«
Gut, das war alles schlimm, erklärte aber noch nicht Suzis angebliche Dummheit.
»Suzi, jetzt rück endlich raus mit der Sprache: Was hast du angestellt?«
Suzi holte tief Luft. »Heute Morgen waren die Jungs von Damn Silence bei uns. Es gab ein großes Meeting wegen des Vorfalles und ich durfte auch dabei sein. Sie brauchten jemanden zum Kaffeeholen und Protokollschreiben.« Suzi kicherte.
Anna schwante Böses. »Suzi, was hast du gemacht?«
»Gar nichts! Jedenfalls nicht sofort«, wiegelte Suzi ab. »Sie haben die ganze Zeit darüber geredet, was der Arzt Eddi geraten hat. Angeblich soll er sich für eine Weile von dem ganzen Rummel zurückziehen. Genauer gesagt: Er soll sich von allem, was mit der Band zu tun hat, fernhalten. Keine Konzerte, keine Interviews, keine Studioarbeit und keine Autogrammstunden mehr. Unser Oberboss war nicht glücklich, das kann ich dir sagen. Aber er hat eingesehen, dass Eddi sich erholen muss. Weil sie ihn in gesundem Zustand brauchen.«
»Alles schön und gut, aber was hat das mit dir zu tun? Hast du einem von denen Kaffee über die Klamotten geschüttet?«
»Nee, also wirklich! Als ob mir sowas passieren würde«, lachte Suzi.
Doch, genau so etwas würde ihr ähnlich sehen, dachte Anna. Aber sie schwieg in der Hoffnung, Suzi würde endlich auf den Punkt kommen.
Endlich fuhr ihre Freundin fort: »Eddi wollte von all dem nichts wissen. Er meinte, die Band und alles, was damit zu tun hat, wären sein Lebenstraum. Das würde ihm keinen Stress verursachen. Er wollte einfach so weitermachen wie bisher.« Suzi kicherte.
Anna rollte mit den Augen. Sie fand das nicht lustig. »Und was ist dann passiert?«
»Na ja …« Suzi zögerte erneut. »Als der Oberboss erwähnt hat, dass Eddi mal etwas anderes machen sollte, musste ich irgendwie an dich denken.«
»An mich?«, fragte Anna verwundert. »Warum das denn?«
»Ganz einfach: Seitdem du dieses Haus hast und es renovierst, hast du dich zum Positiven verändert. Du bist glücklich und wirkst zufrieden. Du hast ein neues Ziel. Der ganze Stress der letzten Monate, den man dir auch angesehen hat, ist weg.«
Anna wusste nicht, worauf Suzi hinauswollte. Sie ahnte nur, dass es ihr nicht gefallen würde.
Ihre Freundin fuhr fort. »Sie haben darüber geredet, wohin Eddi könnte, um abzuschalten und eben was anderes zu machen. Und da ist mir wohl rausgerutscht, dass dein Hof der perfekte Ort wäre.«
»Waaas?«
Annas Gedanken rasten. Wie kam Suzi auf so etwas? Und was bedeutete das für sie? Sie traute sich gar nicht nachzufragen. Doch das tat sie natürlich doch. Und Suzi bestätigte ihr, dass die Herren von Universal wohl ganz angetan von der Idee waren. Und weil die anderen Jungs von der Band einverstanden waren, hatten sie entschieden, die nächsten Konzerte zu verschieben. Eddi sollte ein paar Wochen von der Bildfläche verschwinden.
»Und wahrscheinlich wird er das bei dir tun«, fügte Suzi abschließend hinzu.
Jetzt war die Katze aus dem Sack.
Anna hielt sich fassungslos die Hand vor den Mund. Die Aktion war so typisch für Suzi. Sie meinte es gut und wollte allen helfen, aber sie dachte dabei selten nach. Und in diesem Fall hatte sie vergessen, vorher zu fragen, ob ihre Freundin einverstanden war.
»Suzi«, sagte Anna eindringlich. »Sag denen, du hättest dich geirrt! Dass mein Haus noch gar nicht fertig ist und ich niemanden aufnehmen kann. Das stimmt ja auch.«
»Das habe ich ihnen gesagt«, rechtfertigte sich Suzi. »Sie meinten, das sei kein Problem. Außerdem ist es doch eine tolle Gelegenheit für dich, deinen Eddi persönlich kennenzulernen.«
Anna schüttelte frustriert den Kopf.
»Er ist nicht mein Eddi«, antwortete sie patzig. »Wäre er woanders nicht viel besser aufgehoben? Vielleicht in Hamburg? Da sind doch seine Familie und seine Freundin. Da kann er sich sicher viel besser erholen.« Wie zur Bestätigung ihrer Worte nickte Anna heftig, obwohl Suzi sie nicht sehen konnte.
»Das hat Eddi auch gesagt. Aber der Arzt meinte, dass er in Hamburg, wo ihn jeder kennt, auf keinen Fall abschalten kann.«
Anna überlegte. »Dann soll er doch mit seiner Freundin noch mal nach Australien fahren. Da war er doch anscheinend so glücklich.«
»Hat er die überhaupt noch? Außerdem war er doch schon ein Vierteljahr dort. Und was hat es ihm geholfen? Nichts! An der Charité gibt es einen Spezialisten, der ihn behandeln soll, und da ist es ideal, wenn er in der Nähe von Berlin ist. Nah genug, damit dieser Arzt Hausbesuche machen kann, aber vor allem weit genug von allem weg, um nicht erkannt zu werden und Abstand zu gewinnen.« Suzi klang sehr überzeugt.
»Und was sagt Eddi zu der Idee, die nächsten Tage bei einer Wildfremden zu verbringen? In einer Gegend, die er nicht kennt? In einem Haus, das er noch nie gesehen hat? Ich meine, du weißt, wie es hier aussieht. Will er das? War er auch so begeistert wie alle anderen?«
Suzi antwortete nicht sofort. »Ich weiß es ehrlich gesagt nicht«, begann sie zögernd, um dann voller Überzeugung fortzufahren: »Aber sein Manager hat zugestimmt. Demnächst wird jemand von Universal bei dir auftauchen, um alles zu besprechen und irgendwelche Verträge mit dir durchzugehen.«
Anna stöhnte auf. Was hatte ihr Suzi da wieder eingebrockt?
Wie sollte sie sich denn in der Gegenwart von Eddi Markgraf auf ihre Renovierungen und die Therapiearbeit mit den Hunden konzentrieren? Klar wäre es irgendwie schön. Es war Eddi Markgraf, und der war ihr absoluter Traumtyp mit seinen blonden, verwuschelten Haaren und seinen blauen Augen.
Aber genau das war auch das Problem. Sie würde sich in seiner Nähe bestimmt die ganze Zeit Gedanken machen, wie sie und alles um sie herum auf ihn wirken würden und was er von ihr hielt. Dann müsste sie ständig darauf achten, wie sie aussah und dass sie nichts Falsches oder Dummes sagte.
Bevor Suzi auflegte, weil sie wieder arbeiten musste, versuchte sie, Anna zu beruhigen: »Warte doch erst mal ab, vielleicht klappt es ja gar nicht. Vielleicht befinden meine lieben Kollegen deinen Hof als ungeeignet.«
Auch wenn Suzi ihre Worte sicher gut gemeint hatte, wusste Anna nicht, welche Möglichkeit die Schlimmere wäre: Wenn ihr Hof nicht als gut genug angesehen würde oder wenn Eddi tatsächlich herkam.
Mittlerweile waren die Bauarbeiter schon wieder fleißig. Der Lärm von oben war ohrenbetäubend. Um sich abzulenken, machte Anna eine kurze Bestandsaufnahme vom Stall.
Mit Zettel und Stift bewaffnet stand sie in einer der drei Boxen und sah sich um. Es fehlte eine Wasserleitung für eine automatische Tränke, wie sie heute in Reiterhöfen üblich war. Außerdem brauchte sie einen Platz für Heu, Stroh und Kraftfutter sowie eine Sattelkammer.
Der Platz auf ihrem kleinen Zettel reichte bald nicht mehr aus. Alles würde sie sowieso nicht auf einmal schaffen, also beschloss sie, sich auf die dringendsten Sachen zu konzentrieren und den Rest nach und nach abzuarbeiten.
Bis sie fertig war, war es schon nach vier.
Sie wollte gerade ins Auto steigen, als direkt hinter ihr ein schicker, roter BMW hielt. Heute dachte das Schicksal wohl nicht daran, sie hier wegzulassen. Das Auto sah teuer aus, ein Sportmodell. Auf jeden Fall wirkte es mitten im Wald und neben ihrem verdreckten, alten Golf ziemlich fehl am Platz.
Aus dem Auto schälte sich mühsam eine junge Frau in einem hellgrauen Kostüm. Sie trug ihre blonden Haare in einem strengen Dutt und versuchte allen Ernstes zu vermeiden, ihre hochhackigen Schuhe beim Aussteigen zu beschmutzen. Das Unterfangen war, wie Anna aus eigener Erfahrung wusste, von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Die Dame hatte es endlich geschafft und stöckelte mit angewidertem Gesichtsausdruck zu Anna. Die konnte sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Sie hoffte, dass es wie ein Lächeln wirkte, als sie der Frau ihre Hand entgegenstreckte. Die blickte zwar kurz darauf, beließ es aber bei einem kurzen Gruß, ohne ihr die Hand zu geben.
»Hallo.« Sie musterte Anna abschätzig. »Sind Sie die Besitzerin hier?«
Anna nickte und wunderte sich gleichzeitig, wie jemand ihr so schnell dermaßen unsympathisch sein konnte. Jetzt bekam sie eine Visitenkarte unter die Nase gehalten.
»Ich bin Frau Schneider von Universal Music«, fuhr die Frau mit arroganter Stimme fort.
Hielt sie sich allen Ernstes für etwas Besseres, nur weil sie bei Universal arbeitete?
»Ich bin hier, um mir Ihr Anwesen anzusehen und zu entscheiden, ob es für unsere Zwecke geeignet ist.«
Was genau unsere Zwecke waren, darüber ließ sie Anna im Unklaren und stöckelte an ihr vorbei auf das Haus zu. Anna zuckte mit den Schultern und sah Frau Schneider zu, wie sie versuchte, die verschlossene Tür zu öffnen. Als Einbrecherin hätte sie wohl versagt. Da sie keine Anstalten machte, Anna zu fragen, ob sie ins Haus gehen durfte, wollte sie es ihr nicht allzu leicht machen.
Und hatte sie nicht bei einem kurzen Blick auf die Visitenkarte den Namen Johanna gelesen? Handelte es sich etwa um Suzis legendär-verhasste Kollegin?
Während Frau Schneider an der Türklinke rüttelte, schütteten die Bauarbeiter eine Ladung Schutt aus dem Fenster in den Container. Eine riesige Staubwolke stieg daraus auf und erwischte auch Frau Schneider, die aufgrund des plötzlichen Lärms zusammengezuckt war und schützend die Hand über den Kopf hielt. Hilfe suchend blickte sie sich zu Anna um, die allerdings keine Anstalten machte, irgendetwas zu unternehmen.
Frau Schneider, jetzt deutlich staubiger als vorher, richtete sich auf und ging entschlossenen Schrittes um das Haus herum. Anna lief ihr nach. Mit einem Gesichtsausdruck, der zwischen Unglauben und Abscheu schwankte, sah sich Frau Schneider die Gebäude und den Hof an.
Anna musste zugeben, dass der Eindruck, den ihr Hof im Moment machte, nicht gerade vorteilhaft war. Auch wenn ihr Frau Schneider unsympathisch war, sie machte ja auch nur ihren Job. Also konnte sich Anna auch zusammenreißen und ihr behilflich sein. Falls sie den Hof als ungeeignet empfand, umso besser. Dann hatte Anna wenigstens in Zukunft ihre Ruhe.
Sie entschloss sich, nett zu sein, trat direkt vor Frau Schneider und hielt ihr erneut die Hand hin. »Irgendwie bin ich bisher nicht dazu gekommen, mich vorzustellen«, sagte sie mit fröhlichem Grinsen, während Frau Schneider jetzt doch verdattert die ihr hingehaltene Hand drückte. »Ich bin Anna Diemer. Das Haus habe ich vor ein paar Wochen geerbt und bin jetzt dabei, alles zu renovieren. Möchten Sie sich drinnen umsehen? Aber ich warne Sie, ich habe erst drei Räume fertig, der Rest wird zum größten Teil gerade umgebaut.«
Auch wenn sich Frau Schneider kein Lächeln abringen konnte, versuchte Anna, ihre gute Laune beizubehalten und ging voraus zur Haustür, ohne eine Antwort abzuwarten. Sie hörte aber, wie sie ihr hinterherstöckelte.
Zuerst führte sie ihre Besucherin durch das Erdgeschoss. Da sie auf ihre Arbeit im Büro und im Wohnzimmer besonders stolz war, zeigte sie diese Räume zuletzt. Das Schlafzimmer ließ sie aus, das war Privatsache. Danach ging es ins Obergeschoss. Anna hörte, wie Frau Schneider scharf die Luft einsog, als sie den aufgestemmten Boden sah. Die Handwerker grüßten und machten dann mit ihrer Arbeit weiter. Der Staub in der Luft kitzelte in der Nase und brannte in den Augen, aber Frau Schneider bestand trotzdem darauf, alles anzusehen. Besonders lange hielt sie sich in dem hinteren Zimmer auf, das direkt über Annas Schlafzimmer lag und in dem gerade eine Wand herausgebrochen wurde. Dadurch wurde ein großzügiger, heller Raum geschaffen mit Fenstern nach zwei Seiten. Außerdem gab es einen direkten Durchgang zum neuen, modernen Bad. Das war zwar bisher nur mit viel Fantasie als solches zu erkennen, aber Frau Schneider stellte entsprechende Fragen, und Anna erklärte ihr genau, was sie geplant hatte.
Den angebotenen Kaffee schlug Frau Schneider aus, aber sie setzte sich kurz mit Anna an den Küchentisch. »Ich muss schon sagen, Frau Diemer, Ihr Haus ist in katastrophalem Zustand. Unseren Informationen nach sollten Sie schon viel weiter sein.«
Anna sah sie skeptisch an. Suzi war doch erst vor Kurzem dagewesen und hatte alles mit eigenen Augen gesehen. Aber vermutlich hatte sie es viel schöner dargestellt, optimistisch wie sie war.
Frau Schneider unterbrach Annas Gedanken. »Am geeignetsten für unsere Zwecke erscheint mir das Zimmer oben, das direkt an das neue Bad grenzt. Das müsste aber schon innerhalb der nächsten zwei Wochen fertiggestellt werden, ebenso wie das Bad selbst. Ansonsten müssen wir das Ganze leider vergessen. Wenn Sie zusagen, erhalten Sie einen finanziellen Zuschuss von Universal, um Ihre Mehrausgaben für die Beschleunigung der Angelegenheit auszugleichen.«
Anna brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, was Frau Schneider in ihrer gestelzten Art gesagt hatte. »Wie viel Geld würde ich denn dafür bekommen, dass das alles so schnell gehen soll?«
Frau Schneider überlegte. Musste sie jetzt nachrechnen? Immerhin hatte sie noch nicht einmal erklärt, wie genau das Anliegen von Universal aussah. »Dreißigtausend Euro«, rückte sie schließlich mit der Sprache heraus.
Anna nickte. Um die Umbauaktion zu beschleunigen, war das ein gutes Angebot. Sie hatte zwar keine Ahnung, wie sie das alles bewerkstelligen sollte, aber sie konnte es zumindest versuchen.
»Okay, ich sehe, was sich machen lässt.«
Mit Annas Zustimmung war Frau Schneiders Job anscheinend erledigt, denn sie stand auf und verabschiedete sich. Dann schob sie Anna die Visitenkarte zu, die sie ihr vorher nur hingehalten hatte. Als sie gegangen war, warf Anna einen Blick darauf. Sie hieß tatsächlich Johanna mit Vornamen. Da musste sie gleich mal Suzi anrufen und nachfragen.
»Waas? Sie haben echt Johanna zu dir geschickt?« Suzi rastete fast aus, als Anna ihr von ihrem seltsamen Besuch erzählte. »Das tut mir echt leid!« Suzis Stimme überschlug sich. »Wie hat sie sich benommen? War sie genauso zickig und affig wie immer? Und hat sie gesagt, ob Eddi kommen wird?«
Anna lachte über Suzis Fragenbombardement. Weil sie nicht wusste, worauf sie zuerst antworten sollte, schilderte Anna ihrer Freundin den Besuch in allen Einzelheiten. Suzi war erst entsetzt, dann prustete sie bei der Erwähnung von Johannas Schuhen im Matsch plötzlich los und stöhnte, als Anna von der Einschätzung des Hofes als katastrophalem Zustand erzählte.
»Sie hat jedenfalls nicht gesagt, dass Eddi kommen wird«, schloss Anna ihre Erzählungen.
»Och, schade. Mensch, ich hätte mich so für dich gefreut. Hat sie gesagt, warum nicht?«
»Sie hat eigentlich gar nicht gesagt, warum sie da war, sie hat immer nur von unseren Zwecken gesprochen und nie von Eddi. Aber sie hat sich schon ein Zimmer für ihn ausgesucht und das Bad oben gleich dazu. Ich soll alles so schnell wie möglich renovieren lassen und bekomme dafür einen Zuschuss.«
Suzi war sprachlos. Anders konnte sich Anna die Stille am anderen Ende der Leitung nicht erklären. Mit einiger Verzögerung fragte ihre Freundin: »Und? Machst du’s?«
»Ich habe es vor.«
Jetzt quietschte Suzi. »Echt? Das ist ja der Wahnsinn! Eddi Markgraf wird demnächst auf deinem Hof residieren. Dann kannst du ihn jeden Tag sehen. Live und in Farbe. Du musst mich jeden Tag anrufen. Oder nein, ich komme dich einfach immer nach der Arbeit besuchen. Dann habe ich auch mal die Chance, ihn halb nackig durch dein Haus laufen zu sehen.«
Anna schüttelte amüsiert den Kopf. Was sich Suzi gleich vorstellte! »Also erstens ist noch gar nicht klar, ob er kommt. Zweitens schaffst du es niemals, nach deinen Zehn-Stunden-Tagen zu mir rauszufahren. Aber bitte, komm gern! Dann kannst du mir beim Renovieren helfen. Und drittens wird Eddi bestimmt nicht ohne Klamotten durch mein Haus laufen.«
Dennoch konnte Anna nicht vermeiden, sich diese Szene bildlich vorzustellen. Zum ersten Mal dachte sie in freudiger Erwartung an die bevorstehende Zeit. Falls Eddi wirklich kommen würde.
Einige Minuten später beendeten sie das Telefonat, weil Suzi zu einem Meeting gerufen wurde.
Anna setzte sich nach draußen in die warme Nachmittagssonne. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und dachte nach. Für einen Besuch im Baumarkt war es bereits zu spät. Und für die Hunde war sie zu aufgewühlt. Vielleicht sollte sie die Wiese fertig mähen. Die körperliche Arbeit war genau das Richtige, um sich wieder zu beruhigen.
Vorher musste sie allerdings herausfinden, wie sie die Bauarbeiten im Obergeschoss beschleunigen konnte. Sie beschloss, Thomas anzurufen.
Er klang abgehetzt. »Lehmann?«
»Hallo Thomas, ich bin es, Anna Diemer.«
»Oh, hallo Anna, schön, dass du anrufst. Womit kann ich dir helfen?« Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. Er schien sich aufrichtig zu freuen. Deshalb fiel es ihr nicht schwer, ihn um Hilfe zu bitten.
Thomas erklärte sich sofort bereit, die betreffenden Handwerker zu kontaktieren. Außerdem plante er, am Samstag vorbeizukommen und mit ihr zusammen durchzugehen, wie genau die beiden Räume gestaltet werden sollten.
Dann druckste er plötzlich herum. »Äh, Anna, was ich noch fragen wollte …«
»Ja?« Anna wunderte sich. Eben hatte er doch noch ganz geschäftsmäßig geklungen.
»Nun … also ich … würdest du … möchtest du vielleicht danach mit mir essen gehen?«
Das hatte sie nicht erwartet. Thomas war ein Mann Mitte vierzig. Sie hatte angenommen, dass er verheiratet war und Familie hatte. Vor Schreck vergaß sie zu antworten.
»Na ja, also wenn du nicht möchtest …«
»Doch, klar«, beeilte sie sich zu sagen. Sie wusste zwar nicht, ob sie das wirklich wollte, doch er war nett und vielleicht war das ja gar kein Annäherungsversuch. Vielleicht wollte er sie einfach nur privat besser kennenlernen. Es wäre gut, hier einen Freund zu haben.
»Schön!« Thomas klang erleichtert. »Wenn es dir recht ist, komme ich so gegen vier? Dann haben wir genügend Zeit, um alles zu besprechen. Und danach können wir in die Stadt fahren und etwas Schönes essen.«
Anna war sich nun beinahe sicher, dass die Einladung zum Essen keinerlei Hintergedanken hatte. Er war einfach nur unsicher gewesen.
Doch als sie später mit schmerzenden Händen und Oberarmen auf der Wiese stand und das Stück mähte, dass sie beim letzten Mal nicht mehr geschafft hatte, zweifelte sie erneut. Wie sollte sie reagieren, wenn Thomas doch mehr von ihr wollte? Er war nicht ihr Typ. Und nach ihren Erfahrungen mit Marco hatte sie von der Liebe erst einmal genug.
Endlich war es geschafft, der letzte Grashalm lag auf dem Boden und konnte nun in der Sonne trocknen. In wenigen Tagen würde sie das Heu auflockern und umdrehen müssen. Aber für den Moment konnte die Natur ihr Werk tun. Glücklich über die getane Arbeit legte sich Anna auf die frisch gemähte Wiese. Sie nahm einen der Halme in die Hand und rollte ihn geistesabwesend zwischen Finger und Daumen hin und her. Die Augen hielt sie geschlossen, sodass die letzten Sonnenstrahlen ihr Gesicht wärmen konnten. Ihre Gedanken ließ sie treiben.
7. Kapitel
Am nächsten Morgen riss Annas Handy sie unsanft aus dem Schlaf. Am anderen Ende war ein Mann von der Heizungsfirma. Er wollte wissen, ob sie wirklich heute, am Samstag, schon die Fußbodenheizung verlegen könnten. Dann würden sie in der nächsten halben Stunde bei ihr auftauchen.
Anna schleppte sich aus dem Bett, obwohl ihr von gestern alles wehtat. Sie hatte keine Ahnung, ob die Arbeiter im Plan lagen. Nach einem unfreiwilligen Schläfchen draußen auf der Wiese hatte sie nicht mehr die Kraft aufgebracht, nachzusehen.
Als sie die Treppe hochging, erlebte sie eine kleine Überraschung.
Es war nicht nur alles geschafft, es war richtig sauber. Die Arbeiter hatten jedes Staubkörnchen beseitigt. Die Schutt-Rutsche und der LKW mit dem Container waren auch weg. Also gab Anna dem Heizungsinstallateur am Telefon das Okay für die Verlegung der Fußbodenheizung.
Noch während sie sich Frühstück machte, hörte sie das Handwerker-Kommando anrollen. Sie öffnete ihnen die Tür und beendete danach in Ruhe ihr Frühstück. Heute wollte sie zu den Hunden und auf dem Rückweg zum Baumarkt fahren. Dann wäre sie rechtzeitig hier, wenn Thomas eintraf. Wieder wurde ihr mulmig bei dem Gedanken daran, dass er mit ihr essen gehen wollte. Sie fürchtete sich am meisten davor, ihm sagen zu müssen, dass sie kein Interesse an ihm hatte. So etwas konnte man einfach nicht diplomatisch ausdrücken. Es verletzte den anderen zwangsläufig. Warum hatte sie nur zugestimmt?
Auf dem Weg zu den Hunden wurden diese Gedanken von einer anderen Sorge verdrängt. Würden die Leute von Universal Music wirklich Eddi Markgraf zu ihr schicken? Nur weil diese Johanna schon ein Zimmer ausgesucht hatte, hieß das noch nichts. Sie war sicher nicht in der Position, irgendetwas zu entscheiden. Aber was wäre, wenn tatsächlich Eddi Markgraf vor ihr stehen würde? Er war dafür bekannt, sehr offen und direkt zu sein. Würde sie damit umgehen können und überhaupt ein Wort herausbringen? Wahrscheinlich würde sie sich bis auf die Knochen blamiert haben, noch bevor sie überhaupt etwas gesagt hatte.
Anna wurde immer aufgeregter. Ihr Herz klopfte wild und ihre Handflächen waren feucht. Wenn sie schon bei der bloßen Vorstellung, ihren Lieblingssänger vor sich zu sehen, so reagierte, wie würde es erst sein, wenn es wirklich so weit war?
Stopp! Keine Panik mehr verbreiten! Am besten nicht mehr daran denken. Es würde ja doch nichts ändern.
Sie dachte immer noch darüber nach, als sie am Tierheim parkte. Dass sich etwas Grundlegendes geändert hatte, bemerkte sie erst, als sie die Tür zum Hundehaus öffnete. Diesmal hatte sie nicht gewartet, bis die Hunde ruhig waren. Ganz in ihre Gedanken versunken, war sie einfach hineingegangen … und es herrschte Stille. Die Tiere sahen sie aus ihren Zwingern heraus interessiert an.
Hatten sie überhaupt gebellt? Anna wusste es nicht.
»Hallo, ihr beiden Süßen«, begrüßte sie die Hunde freundlich.
Sie glaubte ein leichtes Wedeln bei Pino wahrzunehmen und machte probehalber einen Schritt auf ihn zu. Sofort wich er zurück und stellte die Nackenhaare auf. Immerhin knurrte er nicht.
Sie wandte sich Rex zu. Der wedelte.
Sie musste unbedingt anfangen, stärker mit Pino zu arbeiten. Und bei Rex war jetzt wichtig, ihn an Ausflüge und generell an neue Situationen zu gewöhnen und vor allem Gehorsamkeitstraining mit ihm zu machen.
Zuerst setzte sich Anna in die Nähe von Pinos Zwinger. Er protestierte zwar kurz, als sie ihm so nahe kam, beruhigte sich aber schnell wieder. Kaum war er einigermaßen entspannt, redete Anna mit ihm. Wann immer er zu ihr sah, warf sie ihm ein Bröckchen Wurst hin, als direkte Belohnung für erwünschtes Verhalten. Verhielt er sich abwehrend, reagierte sie nicht.
Erst nach einer halben Stunde ließ sie es gut sein. Pino hatte sich gut darauf eingelassen und sie wollte ihren Erfolg nicht gefährden, indem sie es übertrieb.
Sie stand auf und ging zu Rex hinüber. Der hatte sich hingelegt, als er bemerkte, dass es nicht um ihn ging, und döste mit halb geschlossenen Augen. Als Anna sich seinem Zwinger näherte, sprang er auf. Man sah ihm an, dass er mit sich kämpfte.
Er entschied sich näherzukommen, lief aber geduckt. Zur Belohnung bekam er ein Stückchen Wurst. Die Leine war schnell angebracht und Anna bugsierte den sich sträubenden Hund nach draußen. Zum Glück ließ er sich heute schneller davon überzeugen, dass dort keine hundefressenden Ungeheuer lauerten.
Sie blieb mit ihm im hinteren Bereich, da sich vorn Besucher tummelten und sie ihn nicht überfordern wollte. Sobald er sich entspannte, übte sie einfache Kommandos mit ihm: Sitz, Platz, Fuß und Komm. Er kannte die Signale und führte sie eifrig aus.
Da er so konzentriert war, ließ er sich auch nicht davon ablenken, dass einer der vorbeilaufenden Tierpfleger stehenblieb, um ihnen zuzusehen. Irgendwann ging er weiter, kam aber gleich darauf mit Heinz zurück. Als Anna in ihre Richtung blickte, hob sie den Daumen. Sogar die Andeutung eines Lächelns war zu sehen.
Anna arbeitete noch eine Weile weiter mit Rex, nachdem beide gegangen waren. Er machte enorme Fortschritte. Wenn das weiter so gut lief, konnte Heinz ihn bald vermitteln. Er würde zwar nie ein einfacher Hund werden, aber jemand mit Hundeerfahrung sollte gut mit ihm zurechtkommen.
Thomas stand pünktlich vor Annas Tür. Sie hatte gerade ihre Einkäufe aus dem Auto geräumt und keine große Lust, irgendetwas mit ihm zu besprechen oder zu unternehmen. Lieber hätte sie sich gleich an die Arbeiten im Stall gemacht. Aber nun war er da, und wegschicken wollte sie ihn nicht.
Sie gingen durch die beiden Räume, die für Eddi bestimmt waren. Die Heizungsmechaniker waren schon wieder weg. Auf dem gesamten Boden schlängelten sich dicht an dicht die Heizungsschläuche für die Fußbodenheizung. Da konnte am Montag direkt der Estrich aufgetragen werden.
Im Badezimmer begann die eigentliche Planungsarbeit. Wollte Anna eine Badewanne hier oben haben? Und eine Dusche? Natürlich. Am besten ebenerdig. Wie viele Waschbecken wurden benötigt? Sie sprachen über Designs und Farben. Thomas schrieb alles genau auf und versprach, einen Installateur zu finden, der alles schnell umsetzen konnte.
Später fuhren sie nach Mittenwalde, wo er einen Tisch bei einem Italiener reserviert hatte.
Überraschenderweise genoss Anna den Abend. Sie war erstaunt, als sie erfuhr, dass Thomas nicht Karls leiblicher Sohn war. Er hatte als Kind bei Tante Elisa gelebt und war von Karl adoptiert worden. Er verdankte ihrer Tante viel.
Das erklärte natürlich einiges, vor allem, warum Karl und er sich so wenig ähnelten.
Thomas war ein guter Gesprächspartner und machte zum Glück während des ganzen Abends keinerlei Annäherungsversuche. Dennoch vermied Anna alle Signale, die er vielleicht falsch hätte verstehen können. Sie sah ihm nicht in die Augen, wenn sie lachte, sie achtete auf ihre Gesten und machte auch keine zweideutigen Bemerkungen. Hätte sie sich mehr entspannen können, wäre der Abend perfekt gewesen.
Später, vor ihrem Haus, verabschiedete sie sich freundlich von ihm und umarmte ihn sogar spontan. Sie war erleichtert, dass er so zurückhaltend gewesen war.
Hoffentlich versteht er die Umarmung nicht falsch, dachte sie, als sie ihm hinterherwinkte.
Am Sonntag wachte Anna gut gelaunt auf. Heute wollte sie sich dem Stall widmen, damit sie der Erfüllung ihres Traumes von eigenen Pferden einen Schritt näherkam.
Bis zum Nachmittag kümmerte sie sich um die Löcher in den Wänden und im Stallboden, danach nahm sie sich die maroden Heuraufen vor. Sie hatte es gerade geschafft, das erste durchgefaulte Brett zu ersetzen, als sie ein Auto hörte. Das Dröhnen des Motors kam viel zu schnell näher. Anna stürzte nach draußen zu ihrem Wagen, den sie auf dem Waldweg geparkt hatte. Zum Glück bremste das andere Auto – ein schwarzer Sportwagen – kurz vorher ab. Der Schlamm spritzte nur so nach hinten weg.
Zwei Männer stiegen aus.
Annas Herz machte einen erschrockenen Sprung, als sie den Fahrer erkannte.
Er trug eine dunkle Sonnenbrille, die einen Großteil seines Gesichts verbarg, aber seine Statur – er war über einen Meter neunzig groß und sehr gut gebaut – und die blonden Haare hätte sie überall erkannt: Eddi Markgraf stand mitten auf ihrem Waldweg und musterte zuerst das Haus, dann ihr Auto. Er sah gut aus mit seinem schwarzen Shirt und den verwaschenen Jeans. Mit der Hand fuhr er sich durch die Haare und brachte seine Frisur noch weiter in Unordnung. Dann fiel sein Blick auf Anna.
Schlagartig wurde sie sich ihres Äußeren bewusst. Ihr Zopf hatte sich zum größten Teil aufgelöst. Sie schwitzte und hatte sich mit den staubigen Händen mehr als einmal ins Gesicht gefasst. Wahrscheinlich war es voller Schmutzstreifen. Wobei das sicher nicht groß auffallen würde, weil ihre Hose und ihr T-Shirt mittlerweile nicht nur staubig waren, sondern auch viele Mörtelflecken aufwiesen. Ihr Puls erhöhte sich schlagartig, als Eddi auf sie zukam.
»Hi, ich bin Eddi Markgraf«, stellte er sich vor. Sein Händedruck war fest und warm. »Arbeitest du hier?«
Ohne ihre Antwort abzuwarten, drehte er sich zu dem anderen Mann um, den Anna bisher nicht richtig wahrgenommen hatte, und blaffte ihn an. »Das soll wohl ein Witz sein! Das ist doch keine Klinik! Eher eine Ruine! Johanna hatte also doch Recht.«
Anna schnappte empört nach Luft. Wie konnte er ihr so nett die Hand geben, trotz all des Drecks, und einen Augenblick später dermaßen abfällig über ihr Haus reden?
Der andere Mann war mittlerweile nähergekommen und begrüßte Anna ebenfalls. Er war mittelgroß und schlank. Am auffälligsten an ihm war sein gut geschnittener, dunkelgrauer Anzug. Er lächelte sie freundlich an. Eddis Einwurf ignorierte er. »Guten Tag. Sind Sie Anna Diemer? Entschuldigen Sie bitte, dass wir Sie unangekündigt an einem Sonntag überfallen. Mein Name ist Stephan Brandt. Ich arbeite bei Universal Music. Ich bin hier, weil wir mit Ihnen noch einige Verträge und Formalitäten durchgehen müssen. Und unser Eddi hier …« Er blickte sich um. Anna ebenfalls. Doch von Eddi war nichts mehr zu sehen. Stephan Brandt lachte gezwungen. »Eddi wollte sich das Haus ansehen. Hören Sie nicht darauf, was er sagt. Er hat heute schlechte Laune.«
Anna zog die Augenbrauen hoch. Schlechte Laune entschuldigte kein unhöfliches Benehmen. Und als solches erachtete sie es, wenn man ungefragt in das Eigentum anderer Leute eindrang, das galt auch für jemanden wie Eddi Markgraf. Sie war so zornig, dass sich ihre Faszination für Eddi in Luft auflöste.
Auch im Hof war Eddi nicht. Dafür stand die Haustür offen. Er war also dort schon auf Entdeckungstour. Ganz allein, ohne auf eine Einladung zu warten. Na, der würde oben eine Überraschung erleben, wenn er schon von außen gedacht hatte, das Haus wäre eine Ruine.
Er war tatsächlich oben. Sie hörten ihn irgendetwas sagen, es klang nicht nett. Dann stürmte er die Treppe hinunter, vorbei an Anna und seinem Begleiter und nach draußen. Er hatte sein Handy am Ohr und sprach aufgebracht hinein.
Stephan Brandt zuckte entschuldigend mit den Schultern. »Wollen wir reingehen? Dann kann ich Ihnen die Verträge zeigen.«
Er tippte auf die Aktentasche, die er unter den Arm geklemmt hatte. Anna war zwar alles andere als angetan, doch ihre gute Erziehung siegte. »Möchten Sie einen Tee oder Kaffee?«
»Kaffee wäre toll.« Er lächelte sie an. Dann brüllte er nach draußen zu Eddi: »Kaffee?«
Der winkte ab und redete weiter ins Telefon.
Stephan Brandt folgte Anna in die Küche. Die Tür zu ihrem Büro stand offen. Er machte einen Schritt darauf zu. »Darf ich?«
Anna nickte. Wenigstens jemand, der es nicht als selbstverständlich ansah, sich ungefragt umzusehen.
Er ging in das Büro. Kurz darauf kam er zurück. »Nett haben Sie es.«
Anna lachte auf. »So? Das sieht Ihr Begleiter aber anders.«
»Sie müssen ihn entschuldigen. Eddi ist sonst nicht so. Zurzeit ist er ziemlich verärgert, weil wir einige Konzerte absagen mussten aus gesundheitlichen Gründen.«
»Sie können mir gegenüber ruhig offen sprechen. Ich weiß, dass er schon zwei Zusammenbrüche hatte.«
Stephan Brandt sah sie verwundert an. »So?«
Anna versuchte, sich zu erinnern, ob die Information öffentlich bekannt war. Sie wollte Suzi keinen Ärger bereiten. Den Leuten von Universal war sicher klar, woher sie interne Informationen bekommen haben könnte.
Während der Kaffee durch die Maschine lief, breitete Stephan Brandt einige Unterlagen auf dem Küchentisch aus.
»Was sind das für Verträge?«, fragte Anna, während sie Tassen aus dem Schrank holte und zusammen mit Zucker und Milch auf den Tisch stellte.
Er zeigte auf die Dokumente. »Nun, hier geht es zum Beispiel um die dreißigtausend Euro, die Sie von uns für die Renovierung erhalten. Wir brauchen noch Ihre Bankverbindung und Ihre Unterschrift. Und hier«, er holte einen anderen Stapel hervor, »haben wir die Vereinbarung zur Unterbringung. Sie stellen ein Schlafzimmer und ein Bad zur Verfügung und sorgen für die Verpflegung, dafür erhalten Sie eine wöchentliche Aufwandsentschädigung in Höhe von siebenhundert Euro.«
»Ich soll für ihn kochen?«, fragte Anna entgeistert.
Stephan Brandt schmunzelte. »Nur wenn Sie möchten. Sie können auch einen lokalen Caterer beauftragen. Falls die Aufwandsentschädigung zu niedrig ist, sagen Sie Bescheid, dann stocken wir die Summe entsprechend auf.«
Anna musste erst einmal durchatmen. Plötzlich war alles so real. Sie redete darüber, wie viel Geld sie dafür erhalten würde, dass sie Eddi Markgraf bei sich aufnahm. Etwas, wofür sie vor Kurzem wahrscheinlich sogar Geld bezahlt hätte. Wenn sie jedoch an den unhöflichen Kerl da draußen dachte, fand sie die Aufwandsentschädigung gerechtfertigt. Er war so ganz anders als in ihrer Vorstellung.
»Etwa zweimal die Woche wird ein Arzt aus Berlin herkommen und Eddi behandeln.« Er lächelte sie an. »Wir können wirklich von Glück reden, dass Sie uns diese Unterbringung anbieten. Ihr Hof liegt nah an Berlin und trotzdem im Niemandsland.«
Das klang nicht nach einem Kompliment, obwohl er es wahrscheinlich so gemeint hatte. Aber Annas Meinung nach hatte sie als Einzige von ihnen dreien das Recht, die Gegend hier als Niemandsland zu bezeichnen. Um ihren aufkommenden Ärger hinunterzuschlucken und vom Thema abzulenken, fragte sie nach dem Arzt, den Stephan Brandt erwähnt hatte.
»Professor Laikkonen ist ein anerkannter Spezialist der Psychosomatik. Er ist auf Fälle wie Eddi spezialisiert. Es ist für Eddi von absoluter Wichtigkeit, dass er keinerlei Stress ausgesetzt wird. In einer Großstadt, in der er alle paar Meter erkannt und um Autogramme und Fotos angebettelt wird, kommt er nicht zur Ruhe. Aber hier? Ich glaube kaum, dass die Eichhörnchen und Rehe auf Autogramme von ihm aus sind.« Er lachte über seinen Witz.
»Auch wenn Sie es kaum für möglich halten«, meinte Anna schärfer als beabsichtigt, »auch hier im Niemandsland leben Menschen, die Eddi erkennen könnten.«
»Womit wir gleich beim nächsten Thema wären«, antwortete Stephan Brandt geschäftsmäßig und zog einige zusammengeheftete Seiten aus dem Stapel hervor. »Die Verschwiegenheitserklärung.«
Er legte sie vor Anna auf den Tisch. Unbeeindruckt stand sie auf, um den Kaffee einzuschenken. »Milch? Zucker?«
»Beides bitte.«
Details
- Seiten
- Erscheinungsform
- überarbeitete Neuauflage
- Erscheinungsjahr
- 2021
- ISBN (eBook)
- 9783968172026
- ISBN (Paperback)
- 9783968172132
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2021 (Oktober)
- Schlagworte
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