Zusammenfassung
Tierische Weihnachtswunder und jede Menge Herzklopfen
Der winterliche Liebesroman vor der Kulisse der verschneiten Rocky Mountains
Clarissa Miller wagt gemeinsam mit ihrer Hündin Ami einen Neuanfang in der verschlafenen Kleinstadt Clarcton um dort ihren eigenen Laden für Tierzubehör zu eröffnen. Sie hat alle Hände voll zu tun und denkt trotz der romantischen Winterlandschaft in den Rocky Mountains gar nicht daran sich zu verlieben. Doch als ein attraktiver Feuerwehrmann in ihren Laden schneit und ihr kurzerhand seine Hilfe bei den Renovierungsarbeiten anbietet, droht Clarissa ihr Herz nicht nur an Clarcton zu verlieren …
Matthew Biggs ist Feuerwehrmann aus Leidenschaft, doch die Brandnarbe in seinem Herzen wird niemand heilen können. Nach dem tragischen Verlust seiner Frau lebt er mit seiner Tochter Riley im Nachbarort von Clarcton. Als er unerwartet auf die lebensfrohe Clarissa trifft, hat er das erste Mal seit langem wieder Schneegestöber im Bauch. Doch er hat auch ein Geheimnis, das alles verändert …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Clarctons Petshop – Auf vier Pfoten ins Glück von Melody Rose.
Alle Bände der Verliebt in Clarcton-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
Erste Leser:innenstimmen
„Ein wunderbares Wiedersehen mit Clarcton. Die Bewohner muss man einfach ins Herz schließen.“
„Wortwörtlicher Wohlfühlroman, am besten eingekuschelt lesen!“
„Zuckersüße, weihnachtliche Liebesgeschichte.“
„Romantische Story, locker-leichter Schreibstil und dann auch noch süße Hunde, einfach perfekt!“
Leseprobe
Inhaltsverzeichnis
Über dieses E-Book
Clarissa Miller wagt gemeinsam mit ihrer Hündin Ami einen Neuanfang in der verschlafenen Kleinstadt Clarcton um dort ihren eigenen Laden für Tierzubehör zu eröffnen. Sie hat alle Hände voll zu tun und denkt trotz der romantischen Winterlandschaft in den Rocky Mountains gar nicht daran sich zu verlieben. Doch als ein attraktiver Feuerwehrmann in ihren Laden schneit und ihr kurzerhand seine Hilfe bei den Renovierungsarbeiten anbietet, droht Clarissa ihr Herz nicht nur an Clarcton zu verlieren …
Matthew Biggs ist Feuerwehrmann aus Leidenschaft, doch die Brandnarbe in seinem Herzen wird niemand heilen können. Nach dem tragischen Verlust seiner Frau lebt er mit seiner Tochter Riley im Nachbarort von Clarcton. Als er unerwartet auf die lebensfrohe Clarissa trifft, hat er das erste Mal seit langem wieder Schneegestöber im Bauch. Doch er hat auch ein Geheimnis, das alles verändert …
Dies ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits erschienenen Titels Clarctons Petshop – Auf vier Pfoten ins Glück von Melody Rose.
Alle Bände der Verliebt in Clarcton-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
Impressum

Überarbeitete Neuausgabe November 2022
Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98637-754-0
Taschenbuch-ISBN: 978-3-98778-171-1
Copyright © 2021, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2021 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Clarctons Petshop – Auf vier Pfoten ins Glück (ISBN: 978-3-96817-910-0).
Covergestaltung: Anne Gebhardt
unter Verwendung von Motiven von
stock.adobe.com: © Stekloduv, © VVadi4ka, © Natalia, © Sensvector, © sljubisa
shutterstock.com: © Phatthanit
depositphotos.com: © Cundrawan703
elements.envato.com: © aarleykaiven, © GranzCreative
Lektorat: SL Lektorat
E-Book-Version 31.01.2025, 21:58:27.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Auf vier Pfoten ins Weihnachtsglück
Für all diejenigen, die Narben auf ihren Seelen haben.
Ihr werdet gesehen. Ihr seid nicht allein.
Vorwort
Liebe Leserinnen,
liebe Leser,
ein Vorwort zum zweiten Band der Verliebt in Clarcton-Reihe – unglaublich. Auch wenn das Schreiben des Buches schon ein Jahr zurück liegt, erinnere ich mich gerne an die Reise.
Als der dp Verlag auf mich zukam, ob ich Lust hätte, noch einmal nach Clarcton zu reisen, da wusste niemand, dass die Idee zu dem kleinen Petshop schon auf meinem Laptop schlummerte und nur darauf wartete, in die Welt entlassen zu werden. Das Schreiben hat unfassbar viel Spaß gemacht, und das Wiedersehen mit der Cakery war für mich auch einfach Gold wert.
Ich habe jeden Augenblick genossen und bin dankbar für die erneute Reise in meine Lieblingskleinstadt.
Clarcton ist eine Kleinstadt, in der alle Menschen willkommen sind. Wir können dahin reisen, wenn es uns nicht gut geht. Wenn wir die Augen schließen, dann sehen wir die Cakery vor uns, hören das Bellen der Hunde und die Sirenen der Feuerwehrautos.
All das und noch so viel mehr ist Clarcton.
Nun darf ich euch viel Spaß wünschen mit Clarissa und Matthew.
Und natürlich den tierischen Begleitern, die uns alle verzaubern, denn gemeinsam mit ihnen sind wir auf dem Weg ins Glück.
Eure Melody Rose
September 2022
Kapitel 1 – Clarissa
Ami zieht an ihrer Leine, und schon liege ich auf dem eisigen Gehweg. Der Karton, den ich zuvor im Arm gehalten habe, springt auf, und der Inhalt verteilt sich auf dem schneebedeckten Boden. Augenblicklich wird ein Teil durchweicht. Darunter auch der dunkle Spitzenslip, den ich vor Jahren gekauft habe. Nicht, dass er je im Einsatz war. Ami, meine französische Bulldogge, rennt auf mich zu und leckt mich ab, als würde sie fragen, ob alles in Ordnung ist. Ihr Name ist einfach perfekt gewählt – das französische Wort für Freund, denn genau das ist sie. Meine beste Freundin in jeder Lebenslage.
Zum Glück tut mir nichts weh, als ich mich aufrappele und meine Klamotten aufhebe. Ich lege sie, egal ob nass oder trocken, zurück in die Kiste. Zum Glück gibt es in der neuen Wohnung bereits eine Waschmaschine. Nach wenigen Minuten bin ich angekommen und sehe auf.
Ich stehe vor einem älteren Gebäude. Die Wände sind rot, beziehungsweise sie waren es mal. Die Farben sind verblasst, aber das tut meiner Freude keinen Abbruch, denn das Schönste befindet sich direkt vor mir: die Glasfront, an der noch der Schriftzug meiner Vorgängerin klebt. Es sind nur noch einzelne Buchstaben übrig, sodass ich mir nicht sicher bin, wie der Name ihres Geschäftes lautete. Aber nun wird es meines sein, mein Traum, den ich mir erfülle, und das ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl. Eine einzelne Freudenträne läuft mir die Wange hinab.
Viele Jahre habe ich nach dem passenden Gebäude für meinen Laden gesucht. Ich habe das Internet durchforstet, bin viele hundert Meilen gefahren und habe mir unzählige Angebote angesehen, bis es klick gemacht hat.
Ausgerechnet in einer Kleinstadt namens Clarcton, mitten in den kanadischen Rocky Mountains, bin ich fündig geworden. Hier gibt es nicht einmal tausend Einwohner, und es wird wahrscheinlich nicht einfach, ein Business zu starten, aber das Angebot war unschlagbar. Und das Schönste ist: Direkt über dem Geschäft liegt meine Wohnung, in die ich nun ziehen werde.
Mein Schlüssel, den ich bei der Übergabe bekommen habe, passt, und im Laden lasse ich erst einmal Ami von der Leine. In den kommenden Wochen stehen die Renovierungsarbeiten an, und ich bin gespannt, wie alles wird. Doch das Wichtigste ist: Dieser Laden gehört mir ganz allein.
Zwei Stunden später sitzen Ami und ich auf dem Boden, da ich noch keine Couch habe. Die Luftmatratze für die erste Nacht ist aufgepumpt, und die Müdigkeit durch die lange Autofahrt und das Kistenschleppen steckt mir in den Knochen. Ich kraule Amis Köpfchen und sehe, wie ihre Lider immer schwerer werden. Müde kaue ich an dem Bagel, den ich heute Mittag an einer Tankstelle gekauft hatte. Ich habe eine Mikrowelle, aber der Elan, noch irgendetwas einzukaufen, war einfach nicht da.
„Wollen wir schlafen gehen, hm?“, murmele ich Ami zu. Sie sieht mich müde an, was ich als ein Ja deute. Also gehen wir ins Schlafzimmer. Es gibt hier noch keine Lampen, die Handytaschenlampe zeigt mir den Weg. Schnell entledige ich mich meiner Klamotten bis auf das Shirt und kuschele mich dann unter die Fleecedecke.
Wenigstens funktioniert die Heizung, denke ich, bevor ich in den ersten Schlaf im neuen Heim gleite.
Irgendetwas kratzt an meinem Arm. Ich höre ein leises Winseln und schlage die Augen auf: Ami. Die Sonne scheint bereits in das Zimmer und kämpft sich durch den leichten Schneefall vor dem Fenster. Ami muss raus, das zeigt sie mit Kratzen und Winseln, also stehe ich auf, ziehe mir frische Klamotten an und setze eine Mütze auf. Ich sollte dringend duschen. Da heute Sonntag ist, habe ich den Tag für die Planungen, bevor ich morgen die Telefonate durchführen kann. Ich muss mit meinen Lieferanten reden, ihnen mitteilen, dass ich nun vor Ort bin. Außerdem muss ich recherchieren, ob es doch die Möglichkeit eines günstigen Handwerkerservices gibt, der mich unterstützen kann. Es stehen noch unzählige Dinge auf meiner To-do-Liste, aber das Wichtigste ist, dass ich hier bin.
Ich lege Ami ihr Geschirr und die Leine an, dann gehe ich an die frische Luft. Eiseskälte schlägt mir ins Gesicht, und ich atme tief ein. Daran muss ich mich wirklich gewöhnen.
Ich laufe in Richtung des kleinen Ortskerns, um mehr von der Umgebung zu erkunden.
Die Gehwege sind von leichtem Schnee bedeckt; für Anfang Oktober reicht mir die Menge allerdings vollkommen aus. Auch wenn ich nie ein großer Winterfreund gewesen bin, fühlt es sich hier anders an. Der Schnee passt zur Umgebung, die eiskalte Luft ist angenehm. Es kommen mir nur wenige Menschen entgegen, und dann finde ich ein Schild, das auf einen Park verweist. Das sollte genau das Richtige für mich und Ami sein! Also gehe in die Richtung, die der Pfeil mir zeigt.
Ami entdeckt viele neue Gerüche und schnuppert an jeder Ecke. Zum Glück haben wir heute Zeit. Es gibt da nur eine Sache, die sich bemerkbar macht: Hunger. Ich sollte dringend etwas essen.
Ich lasse Ami von der Leine, nachdem mich ein Schild darüber informiert, dass das erlaubt ist.
Sofort rennt sie los und erkundet alles. Ich lächele vor mich hin und setze mich auf eine überdachte Bank. Kurz zücke ich mein Handy, um ein Foto zu machen.
Das ist die neue Wahlheimat: Clarcton. Ich kann das alles noch gar nicht fassen.
Ich bin so begeistert von Ami, die sich gerade durch den Schnee buddelt, als wäre sie ihn gewohnt. Es ist das erste Mal, dass sie welchen sieht, und sie scheint es zu lieben. Mein Magen knurrt erneut. Ich muss sie jetzt wirklich schnappen und mir etwas zu Essen suchen, außerdem sollte ich mich noch an die weitere Planung setzen. In einem dicken Ordner habe ich sämtliche Zeichnungen, Artikelnummern und weitere Informationen rund um den Shop zusammengetragen. Aber ich habe noch nichts bestellt und muss noch renovieren. „Ami!“, rufe ich, und sie dackelt auf mich zu. „Lass uns nach Hause gehen.“ Sie wedelt mit dem Schwanz, und ich leine sie an.
Wir nehmen einen anderen Weg zurück in der Hoffnung, eine Bäckerei oder Ähnliches zu finden. Ich hätte vielleicht einkaufen sollen, bevor ich losgefahren bin.
Ich bleibe vor einem Laden stehen, an dem ein blasslilafarbenes Geöffnet-Schild baumelt. Clarctons Cakery steht darauf, und es sieht direkt einladend aus. Cakery. Ich schmunzle. Was ein tolles Wortspiel. Da werde ich bestimmt etwas finden. Mein Spiegelbild schimmert mir von der Glasfront des Ladens entgegen und ich lächele mir selbst zu. Die kurzen Haare, die ich mir vor der Reise habe schneiden lassen, betonen mein schmales Gesicht. Die kastanienbraune Farbe ist ein guter Kontrast zu meinem leicht gebräunten Teint. Schnell mache ich Ami vor dem Laden fest und betrete ihn. Sofort steigt mir eine Mischung verschiedener Gerüche in die Nase. Mein Magen meldet sich erneut. Wir sind hier richtig, Mädchen, scheint er zu flüstern.
An der Theke steht eine Frau. Sie hat rötliche Haare und lächelt mich an, ihr Babybauch ist nicht zu übersehen. „Herzlich willkommen – was darf ich dir bringen?“
Ich erwidere ihr Lächeln und betrachte die Auslage. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Die Auswahl ist groß. Verschiedene Gebäckarten strahlen mir entgegen, unter anderem Cupcakes und Cheesecake, aber auch belegte Bagels. „Ich nehme den Bagel mit Käse und den Cupcake.“ Ich zeige auf einen.
„Gute Wahl.“
„Honey?“ Ein Mann kommt in die Backstube, und die Frau dreht sich zu ihm um. Auf den ersten Blick sieht er grimmig aus, aber dann wird sein Blick liebevoll, als sie ihn anlächelt. „Du sollst dich hinsetzen. Die Babys mögen keine große Aktivität mehr.“
Sie streckt ihm die Zunge entgegen, und er legt liebevoll die Hand auf ihren Babybauch und streicht darüber. Mein Herz zieht sich schmerzlich zusammen. Die Liebe, die in dieser Geste liegt, ist fast greifbar. Wie sehr wünsche ich mir auch einen Menschen, der mir so viel gibt.
„Ich werde es ja wohl noch schaffen, meine Köstlichkeiten zu verkaufen.“ Der Mann führt sie zu einem Stuhl, nachdem er sich vergewissert hat, was ich bestellt habe, und packt mir meine Sachen ein. „Diese Frau treibt mich in den Wahnsinn“, lacht er.
„Zwillinge?“
„Genau. Wir dachten lange, es wäre nur eins, und irgendwann kam die Überraschung. Aber wir freuen uns riesig.“
Die Frau zieht die Brauen hoch. „Ich platze bald! Die Freude ist etwas getrübt!“ Ich lache, denn ich sehe ihr breites Grinsen, das pure Glückseligkeit ausstrahlt. „Bist du neu in Clarcton?“, fragt sie nun, und ich nicke.
„Ich habe hier ein Geschäft gekauft und bereite es nun auf. Ich bin erst seit gestern hier.“
Der Mann packt ein Stück Cheesecake mit ein. „Kleines Willkommensgeschenk. Du wirst hier dein Zuhause finden, das habe ich auch.“
Ich bedanke mich und zahle. „Was eröffnest du denn für einen Laden? Benötigst du Hilfe?“
Ich lächele, denn das erste Mal werde ich es laut aussprechen. „Es wird ein Shop für Tierzubehör – also keine Modeaccessoires, sondern nützliche Dinge wie beispielsweise wärmende Sachen für Hunde. Alle sind willkommen.“
„Das ist eine schöne Idee! Wird es bei dir auch Tiere zu kaufen geben?“
Ich schüttele den Kopf. „Nein. Das ist erst einmal nicht geplant, immerhin kann ich noch nicht wissen, wie der Laden laufen wird.“
„Hast du denn schon einen Namen?“
„Leider nicht.“ Worüber ich ein wenig traurig bin.
Die Frau lächelt. „Kleiner Tipp: Suche dir zwei Begriffe, die zu deinem Laden passen, und mische sie. Das hat mein Tick-Tack-Grandpa auch so gemacht.“
„Tick Tack?“
„Er hat die Bezeichnung Uropa gehasst“, schmunzelt sie. „Wenn du Hilfe brauchst, melde dich bei uns. Wir sind Amelia und Jeremia. In Clarcton sind wir alle eine große Familie.“
Mein Herz wird warm, und ich strahle: Genau das habe ich seit Jahren gesucht.
„Danke, das ist sehr lieb. Ich bin Clarissa, aber alle nennen mich Ria.“
Die zwei verabschieden mich, und ich gehe hinaus, wo Ami wartet. Zum Glück trägt sie eines meiner wärmenden Outfits, das ich extra für sie angefertigt habe. „Lass uns nach Hause gehen, dort gibt es etwas zu Futtern.“
Kapitel 2 – Matthew
Der Alarm geht los, und kurz runzele ich die Stirn, öffne aber dennoch die Augen. Das kann nur ein Fehlalarm sein, immerhin hatten wir seit Wochen keine Einsätze mehr. Die Wache ist für mehrere Kleinstädte verantwortlich, sonst würden mir wohl die Füße einschlafen. Als ich noch in der Großstadt war, bevor sich alles verändert hat, war ich immer auf Tour.
Wohnungsbrand steht auf dem Funkmeldeempfänger, und ich springe auf und ziehe mich an. Fast bin ich aufgeregt, habe seit bestimmt zwei Monaten den Adrenalinkick nicht mehr gespürt, der nun durch meine Adern fließt.
Trotzdem habe ich auf der Wache übernachtet.
„Matt – bist du fertig?“
Ich nicke und steige zu meinen Kollegen in das Fahrzeug. Wir alle sind angespannt, wissen bei Wohnungsbränden nie, was auf uns zukommt. Vielleicht müssen wir nur löschen; im schlimmsten Fall sind noch Menschen im Gebäude. Die zickzackförmige Narbe auf meinem Bauch schmerzt. Manchmal ignoriert man alle Sicherheitsmaßnahmen, versucht, Menschen zu retten, und verliert sie dennoch.
„Wo müssen wir hin?“
„Nach Clarcton.“
Die Kollegen sehen genauso aus wie ich: aufgeregt und angespannt zugleich. Was wird uns erwarten?
Wir sind innerhalb von sieben Minuten am Einsatzort und steigen aus. Es sind keine großen Flammen von hier zu erkennen. Auch keine Rauchbildung.
Eine Frau kommt auf uns zu. „Das Gartenhaus!“
Ich nicke, sehe meine Kollegen an. „Kann es losgehen?“ Als Einsatzleitung gebe ich die Kommandos und bin derjenige, der die Kontrolle behalten muss. Ich gehe in den Garten. Das Häuschen dort qualmt ein wenig, es brennt nicht lichterloh. Die Anzeigen kommen von der Leitstelle. Rauchbildung steht darauf. Die Mitarbeiter dort geben uns die Information immer so weiter, wie die Betroffenen sie schildern. Fast bin ich enttäuscht und rüge mich sofort innerlich selbst. Natürlich ist es gut, wenn etwas nicht lichterloh brennt.
„Bry! Du gehst rein und sicherst.“ Mein Schützling, der Auszubildende, nickt und geht voraus. Ich muss ihm dringend mehr zutrauen, deshalb lasse ich ihn bei leichten Einsätzen vorausgehen und seine Erfahrungen sammeln. Er beendet seine Ausbildung bald. Ich bin stolz auf ihn, schon jetzt. Mit seinen zarten neunzehn Jahren zur Feuerwehr zu gehen ist wirklich etwas Besonderes. Normalerweise entscheiden sie sich erst ein paar Jahre später für den Job. Man beginnt meist mit der freiwilligen Feuerwehr und dann geht es zur Berufsfeuerwehr. Sein Vater ist der Captain, wahrscheinlich ist er deshalb unter Druck, aber er macht es gut. Ich beobachte, wie Bry, der eigentlich Bryan heißt, auf das Häuschen zugeht. Er kniet sich hin und tastet die Tür erst ab, um die Temperatur abschätzen zu können, bevor er sie langsam öffnet. Genau so habe ich es ihm beigebracht.
„Was siehst du?“, rufe ich ihm zu. Er soll es beschreiben, damit ich die Maßnahmen einleiten kann.
„Kleine Flammenbildung am Boden, dennoch sollten wir schnell handeln. Es ist Holz.“
Und in diesem Moment sehe ich die Stichflamme, die Bry nach hinten wirft. „Fuck! Gas geben! Wir brauchen den Pulverlöscher!“
Das kann nur Benzin gewesen sein. Das weiß ich aus meiner Erfahrung, und die Stichflamme ist das Anzeichen dafür. Ich ziehe mir die Maske auf, renne nach vorn und zerre Bry zurück. „Ist alles okay?“ Er nickt, sein Gesicht ist schmutzig. Auf den ersten Blick erkenne ich keine ernsthaften Brandwunden. „Geh zum Einsatzwagen.“
„Nein, ich bleibe hier.“ Ein strenger Blick reicht, und er gehorcht resigniert.
Die Männer rücken an, und gemeinsam bekämpfen wir die Flammen.
Es dauert nicht lange, immerhin ist es kein großer Brand, dennoch ärgere ich mich, dass ich Bry vorgeschickt habe. Das darf nicht wieder passieren. Als alles erledigt und gesichert ist, gehe zu der Frau, die uns gerufen hat. „Wir haben den Brand gelöscht. Können Sie mir sagen, wie er zustande gekommen ist?“
„Mein Mann raucht immer heimlich in dieser Hütte, er hat Demenz.“
Ich nicke, und in diesem Moment kommen die Kollegen mit einem Zigarettenstummel zurück.
„Wenn Sie davon wissen, sollten Sie zumindest einen Aschenbecher bereitstellen. In Gartenhäusern gibt es oft Benzinstellen, beispielsweise durch den Rasenmäher. Das hätte übel ausgehen können.“
Die Frau nickt. Tränen laufen ihr über die Wangen, und sie tut mir leid. „Bitte betreten Sie das Gartenhaus für einige Tage nicht. Wir sehen in fünf Tagen nochmal vorbei, um es zu kontrollieren, ob es einsturzgefährdet ist.“ Ich gebe ihr unsere Visitenkarte. Ein Nachbarschaftsdienst – den man so nur von unserem Departement bekommt – für die Bewohner der Gegend.
„Vielen Dank. Es tut mir so unendlich leid, Mister.“
Ich winke ab. „Das ist unser Job, passen Sie auf sich und Ihren Mann auf.“
Damit verabschieden wir uns und setzen uns wieder ins Fahrzeug.
„Bry, alles okay?“ Ich sehe ihn besorgt an.
„Du hättest mich nicht gleich in den Wagen schicken müssen! Es geht mir gut!“ Er ist sauer auf mich, und ich kann es nachvollziehen.
Ich bin vorsichtiger geworden seit damals. „Ich habe dich geschützt und musste erst einmal die Lage checken. Sei nicht so frech, dein Vater bringt mich um, wenn dir etwas zustößt.“
Er schnaubt nur, hält aber den Mund. Er hasst es, der Sohn zu sein, und ich verstehe es. Aber es liegt an mir, mein Team zu schützen und nicht ein weiteres Mal in meiner Laufbahn zu versagen.
Ein paar Stunden später hat der Schichtwechsel ohne nennenswerte Ereignisse stattgefunden, und ich freue mich auf zuhause. Ich wohne, je nach Schneeaufkommen, zehn Minuten von der Wache entfernt. Aktuell ist es zum Glück noch nicht schlimm. Vor zwei Jahren hat es einen riesigen Schneesturm gegeben, der durch alle Medien ging.
An der Tür trete ich meine Schuhe ab, bevor ich sie öffne. Sofort rennt mir Luckey entgegen. Zum Glück wohne ich in einem Haus mit meiner Tante Mags, die sich um meinen Hund und natürlich um Riley kümmert.
„Luckey“, lache ich, als er an mir hochspringt. Er ist erst ein knappes Jahr alt, deshalb noch sehr verspielt und aktiv. Luckey ist ein Siberian Husky. Sein Name ist an Lucky angelehnt – glücklich. Er war der Balsam für meine Familie. Ich habe versucht, den Teil, der uns genommen wurde, irgendwie zu ersetzen. Für Riley. Ich werde niemals ihre Mutter ersetzen können, weil einfach niemand Maya ersetzen kann, dennoch hat ihr Luckey sehr geholfen.
„Daddy!“ Mein Wirbelwind rennt auf mich zu. Ich breite die Arme aus und hebe meine wundervolle Tochter hoch.
„Du stinkst!“
„Bekomme ich dann keinen Begrüßungskuss?“, schmolle ich. Sofort drückt sie mir einen dicken Schmatzer auf, und ich lasse sie hinunter. Sie schmiegt sich an Luckey. „Ich gehe kurz duschen und komme dann hoch, in Ordnung, mein Engel?“
„Komm Luckey, Daddy muss sich erst mal waschen.“
Ich lache und nicke, dann gehen die zwei die Treppen hinauf. Riley wird so schnell groß. Gefühlt war es gestern, als ich dieses kleine Bündel in meinen Armen gehalten habe und wusste, dass sie mein ganzes Leben lang von mir behütet werden wird.
Die Liebe, die in einem solchen Augenblick durch die Adern strömt, ist unfassbar. Man würde sofort aufhören zu atmen, um das kleine Wesen zu beschützen. Sie war so klein, kam über sechs Wochen zu früh auf die Welt. Mit zweiunddreißig Zentimetern und eintausendfünfhundert Gramm war sie winzig. Ich erinnere mich gerne daran, wie wir sie damals mit auf die Wache genommen haben.
Die großen Männer, die sonst herumgrölen und in der Wache feiern, wenn kein Einsatz anstand, sind auf einmal still geworden. Sie waren die besten Onkel, die sich ein Kind wünschen könnte.
Unter der Dusche erlaube ich mir einen kurzen Augenblick der Ruhe. Das Wasser prasselt auf mich herab, und ich atme tief durch. Wir brauchten nach Mayas Tod einen Neuanfang und vor allem Unterstützung. Mags hat uns sofort aufgenommen, und auch wenn sie bereits dreiundsechzig Jahre alt ist, gibt sie ihr Bestes, um jeden Tag alles für Riley und mich zu tun.
Ich schlüpfe in ein Shirt und eine Jogginghose und gehe dann nach oben. Mags steht in der Küche und rührt gerade in einem Topf herum, es riecht himmlisch.
„Hey, Mags.“ Ich drücke sie kurz an mich. Meine Tante ist klein, ein wenig rundlich, und ihre grünen Augen blitzen meist vergnügt. Sie hat stets ein Lächeln auf den Lippen. Ich erinnere mich noch an die Tage meiner Kindheit, als ich hier gespielt habe und hingefallen bin. Sie hat immer gepustet und dann gesagt: „Das Leben ist zu kurz, um zu weinen, und Narben gehören dazu. Nun los, renn weiter und sammle so viele Augenblicke wie möglich.“
Mags zeigt mit dem Kochlöffel auf den Topf. „Hast du Hunger?“
Ich nicke und setze mich an den Tisch. Riley kommt zu mir und sieht mich an, also nehme ich sie auf den Schoß und drücke sie an mich.
„Jetzt riechst du nicht mehr nach Rauch, Dad.“ Ich lächle, weiß genau, wie sehr sie es hasst, wenn ich von der Arbeit komme. Vor allem, seit sie damals selbst im Feuer saß und ich mich entscheiden musste, ob ich sie oder Maya rette.
Tante Mags stellt einen deftigen Eintopf auf den Tisch, und mir knurrt der Magen. „Du bist einfach die Beste, Mags.“
Riley setzt sich auf ihren Platz. „Zum Glück hat Dad nicht gekocht“, lacht sie. Ich kneife ihr spielerisch in die Seite und muss lächeln, denn eigentlich hat sie recht. Kochen gehört zu den Dingen, die ich nicht beherrsche. Ich kann super Brote schmieren, und auch ein Rührei bekomme ich noch hin. Aber spätestens, wenn es um Töpfe geht, hört meine Fähigkeit schon auf. „Ich vermisse Mommys Pancakes.“
Ich schlucke, diese Momente hat sie in letzter Zeit immer öfter. Sie wird nun bald fünf und begreift, dass Maya nicht mehr zurückkehrt. Wir haben lange überlegt, wie wir ihr beibringen, dass Mommy jetzt ein Engel ist, und ihr klarmachen, dass die Situation sich nicht mehr ändern wird. Dass Maya nie mehr zurückkommt und trotzdem in ihrem Herzen weiterleben soll. „Ich auch. Sollen wir morgen Pancakes machen? Da habe ich frei.“
Sie sieht mich schockiert an, und sofort löst sich der Knoten in meinem Bauch. „Bitte nicht. Tante Mags, machst du uns welche?“
„Aber natürlich, mein Engel.“
Auch wenn Mags Maya nie kennengelernt hat, schimmert die Traurigkeit in ihren Augen. Sie war mein Ventil, als ich gedroht habe zu explodieren. Demnach hat sie sich viele Erinnerungen, die ich an Maya habe, anhören müssen. Oft habe ich die Tränen nicht mehr zurückhalten können und meine Stimme hat dadurch versagt. Trotzdem war sie geduldig und hat mich immer wieder in den Arm genommen.
Auch Riley habe ich abends an ihrem Bett oft etwas von ihrer Mom erzählt, und nach und nach gemerkt, dass die Geschichten kürzer werden. Irgendwann sind mir keine weiteren Details mehr eingefallen. Es fühlt sich an, als wäre es gestern gewesen, dabei sind es nun auch schon fast zwei Jahre. Seit mehr als fünfhundert Tagen versuche ich, das Loch in meinem Herzen zu stopfen, und weiß nicht, ob ich es je schaffe. Dann sehe ich meiner Tochter ins Gesicht, sehe ihre Augen, die denen ihrer Mutter so ähneln, und schöpfe Hoffnung. Für dieses Wesen lohnt es sich, jeden Tag weiterzukämpfen.
Und dann genießen wir den Eintopf, als würde die Wolke der Trauer nicht über uns schweben und anfangen zu nieseln.
Kapitel 3 – Clarissa
Wir kommen zuhause an. Zuhause. Es klingt komisch in meinem Kopf. Ich schütte Hundefutter in Amis Napf, und sie stürzt sich darauf, als würde sie kurz vor dem Hungertod stehen. Mein Magen meldet sich. Ich werde ebenfalls bald verhungern.
Ich breite meinen Einkauf vor mir auf dem Boden aus, nachdem ich mich im Schneidersitz niedergelassen habe. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich habe die Qual der Wahl. Cheesecake, Cupcake oder Käsebagel?
Alles!, schreit mich mein Magen an, und ich lasse meine Vernunft siegen. Erst einmal etwas Ordentliches, denke ich und schnappe mir den Bagel. Ich beiße genüsslich hinein. Heilige …! Wie kann etwas Einfaches so unfassbar gut schmecken? Es scheint eine Art Kräuterbutter darauf zu sein sowie knackig frischer Salat. Der Käse ist würzig, aber nicht zu stark. Das ist einfach unfassbar. Ich verputze den Bagel schneller, als ich Gaumensex sagen kann. Das letzte Stück Käse gebe ich Ami, die schon die ganze Zeit mit wedelndem Schwanz vor mir steht. Ich kann dieser Hündin einfach nichts abschlagen, was echt unglaublich ist. Wenn ihre Knopfaugen blitzen und sie dann noch ihr Köpfchen schief legt, dann bin ich einfach machtlos.
Der Cupcake folgt – ich muss ihn einfach noch probieren, auch wenn ich bereits von dem Bagel satt bin. Es thront eine kleine Kirsche darauf, und er ist mit Schokosplittern überzogen. Das Icing ist dunkelrot, der Muffin an sich aus dunklem Teig. Allein die Optik überzeugt wahrlich – das ist ein Kunstwerk.
Auf die Geschmacksexplosion, die schon beim ersten Bissen meinen Gaumen prickeln lässt, bin ich nicht vorbereitet. Wow. Das ist wie ein purer Orgasmus, wobei … vielleicht sogar besser. Wie kann solch eine Kleinigkeit so unglaublich sein?
Der Teig schmeckt nach dunkler Schokolade. Normalerweise bin ich kein Fan davon, doch der Cupcake ist mit einer Frischkäsecreme gefüllt. Sie ist nicht besonders süß, steht aber in wundervollem Kontrast zum Teig. Das Icing schmeckt nach Kirschen, doch mit einer säuerlichen Note, was das Ganze wirklich interessant macht.
Amelia scheint eine wahre Göttin des Backens zu sein. Ich sehe Ami an, die weiter bettelt. „Schokolade ist nichts für dich.“ Als würde sie meine Worte verstehen, dreht sie sich um und geht beleidigt in die Ecke, wo sie sich niederlässt. Ihr Körbchen ist einer der wenigen Gegenstände im Raum. Aktuell liegt hier noch Teppichboden, was dringend geändert werden muss. Die Decken sind hoch und die Wände kahl. Es muss Leben hier reingebracht werden. Das Herzstück wird der Laden werden. Trotzdem möchte ich mir einen gemütlichen Rückzugsort schaffen.
Schon jetzt fühlt es sich wie ein Zuhause an. Ich kann es kaum erwarten, bis sich die Räume mit Leben füllen und ich Erinnerungen sammeln kann. Der Neuanfang ist notwendig, weil ich lange genug meinem Traum hinterhergerannt bin. Jetzt, wo Dad allerdings Li hat und glücklich ist, habe ich es geschafft, an mich selbst zu glauben und vor allem an mich zu denken.
Mein Telefon klingelt. Ich lächele, als ich Dad darauf lese, und nehme ab.
„Ria. Du solltest dich melden, wenn du ankommst.“
„Tolle Begrüßung, Dad. Tut mir leid – es war gestern so spät, ich wollte dich nicht wecken.“
„Ich habe vor Sorge kein Auge zugetan.“ An dem Grinsen in seinen Worten erkenne ich die Lüge.
„Du schläfst immer wie ein Stein – oder muss ich etwa Li fragen?“ Li ist die neue Lebensgefährtin meines Dads. Nachdem damals die Ehe mit meiner Mutter in die Brüche ging, habe ich mich gefragt, ob ich ihn je wieder lächeln sehen würde. Dann kam Li in sein Leben, und auf einmal wurde aus einem verzweifelten, alten Mann ein junger Vogel, der noch einmal die Flügel ausbreitet, um die Liebe zu spüren.
„Nein, lass es lieber. Spaß beiseite: Wie geht es dir?“
Die Frage ist schwierig. Ich weiß nicht so wirklich, was ich darauf antworten soll. „Es geht mir gut, aber ich bin sehr nervös.“
Mein Vater schnaubt. „Das wäre doch auch komisch wenn nicht, oder Clary? Du hast all deine Sachen gepackt, um einen Laden zu eröffnen, für den du noch nicht einmal Waren hast.“
Ich schlucke. Er war schon immer der Beste darin, mir den Spiegel der Realität vor Augen zu halten, ohne dabei anmaßend zu klingen. „Ich weiß, aber es war eine einmalige Gelegenheit.“
„Meinst du nicht, dass du auch etwas in unserer Nähe gefunden hättest? Ich könnte dich unterstützen.“ Nun höre ich die Trauer in seiner Stimme, den Verlust. Immerhin bin ich seine einzige Tochter, und auch wenn er Li hat, ist es schwer für ihn.
„Du weißt, dass ich nicht bleiben wollte.“
Er seufzt, doch ich bin überzeugt, dass er es versteht. „Wenn du Hilfe bei den Renovierungen brauchst, dann melde dich bitte. Soll ich dir noch Geld schicken?“
„Nein, bitte nicht, Dad. Ich versuche, selbstständig zu sein, und du weißt genau, dass ich genug gespart habe.“
„Nur weil du selbstständig ist, bedeutet es nicht, dass ich nicht mit offenen Armen hinter dir herlaufe, falls du fällst.“
Ich seufze. „Manchmal muss ein Mensch aber fallen, um wieder fliegen zu können. Vertrau mir, Dad. Ich schaffe das.“
Das Telefonat endet mit getrockneten Tränen auf meinen Wangen. Niemals hätte ich erwartet, dass er unter meinem Umzug leidet. Er wird klarkommen, doch ich weiß nicht, was ich erwartet habe. Ich vermisse ihn auch, immerhin sind wir seit sechsundzwanzig Jahren unzertrennlich. Er ist derjenige, der mich aufgefangen hat. In allen Momenten, in denen ich traurig war, hat er meine Wangen geküsst und somit Bäche von Tränen aufgehalten. Als ich damals Mom verlor, die gnadenlos unterging und die Rettungsringe nicht annahm, war er für mich da.
Meine Mutter war spielsüchtig, hat das ganze Geld, welches mein Vater verdient hat, verzockt. Dann ist sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgehauen und nie zurückgekehrt.
Er hat die Liebe seines Lebens verloren, mir aber seinen Schmerz nie gezeigt. Er hat lieber einem kleinen Mädchen Geschichten von Hunden erzählt, die Schlitten ziehen, und von Sternen am Himmel.
Ich liebe meinen Dad, wirklich. Aber dieser Schritt war notwendig, und es fühlt sich einfach richtig an, hier in Clarcton zu sein, auch wenn es viele Meilen von Halifax weg ist.
Ich sitze auf meiner Luftmatratze und habe den Laptop auf meinem Schoß. Zum Glück konnte ich den Vertrag des Vorbesitzers übernehmen und habe wenigstens WLAN, um mein Business ordentlich starten zu können. Es war waghalsig, ohne jedwede Produkte einfach herzukommen und in die Selbstständigkeit zu starten. Als die Lieferanten mir allerdings in vorherigen Telefonaten schon zugesagt haben, dass sie pünktlich liefern, konnte ich nicht mehr warten. Ich habe mit dem Produktionsteam gesprochen und alles hat gepasst. Ich designe Kleidung für Tiere, vor allem Hunde, seit ich ein kleines Mädchen bin. Spielzeuge für Vierbeiner habe ich entworfen, als ich gerade einmal Buchstaben schreiben konnte. Das ist meine Passion. Irgendetwas in mir sagt, dass das hier ein holpriger Weg, aber sich die Reise lohnen wird.
Was wäre das Leben denn ohne ein wenig Risiko? Also habe ich in den vergangenen Jahren hart gearbeitet, habe erste Prototypen erstellt und mich stets weiterentwickelt. Am Anfang sahen die Klamotten für Hunde und Katzen noch absolut schäbig aus, waren zu eng und nicht komfortabel. Mittlerweile ist das natürlich nicht mehr so. Zur selben Zeit habe ich bis zu fünfundvierzig Stunden pro Woche in einer Marketingagentur gearbeitet, um mir die Basics anzueignen. Eigentlich war ich dort die Idiotin für alles, und es hat mich nicht erfüllt, aber der Verdienst war gut. Und auch wenn der Chef ein riesiger Idiot war, war es in Ordnung. Es hat seinen Zweck erfüllt, und jetzt weiß ich, wie man Plakate richtig erstellt, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken.
Social Media ist meine größte Waffe, auch wenn ich mir noch nicht sicher bin, wie wichtig Internetwerbung hier in Clarcton ist. Ich werde wohl eher mit Flyern durch die Straßen ziehen müssen, aber auch das ist absolut in Ordnung.
Ich habe mir in den vergangenen drei Monaten, in denen ich mich auf das hier vorbereitet habe, etliche Listen erstellt. Ich habe mit ein oder zwei Lieferanten gesprochen, die ich nun persönlich kennenlernen werde.
Mein Vater hat nicht Unrecht mit dem, was er sagt. Vielleicht hätte ich noch mehr vorbereiten können. Natürlich, das kann man immer – es ist jederzeit möglich, mehr herauszuholen und aus sich zu machen. Trotzdem war es gut, ins kalte Wasser zu springen. Ich spüre es einfach. Und eins ist klar: Mein Laden wird am ersten Dezember eröffnen, ob er komplett fertig ist oder nicht.
Die Leute lieben es, in der Winterzeit einzukaufen, und ich weiß genau, wie schwer es ist, das richtige Geschenk für den Vierbeiner zu finden. Tiere sind Teil der Familie, und während man Menschen beispielsweise Schmuck schenken kann, wenn einem nichts einfällt, bleiben für Tiere kaum Möglichkeiten. Genau dafür bin ich da – und ich kann es kaum erwarten.
Noch ein Monat und achtzehn Tage. Aktuell ist es Mitte Oktober, und wenn mir der Winter hier keinen Strich durch die Rechnung macht, klappt das auch mit den Lieferanten. Immerhin habe ich mit ihnen alles besprochen, und es wurde mir versichert, dass eine einmonatige Produktions- und Lieferzeit durchaus ausreicht. Es wird doch wohl machbar sein, in dieser Zeit zu renovieren. Von der Ausstattung mal ganz zu schweigen. Der Plan ist also da, und das ist der Strohhalm, an den ich mich klammere.
„Ein wenig verrückt sind wir schon, nicht wahr?“, murmele ich und streichle Amis Ohren.
Kapitel 4 – Matthew
„Dad? Darf ich bei dir schlafen?“ Als Riley mich mit ihren tiefgrünen Augen ansieht, erinnert sie mich so sehr an ihre Mom. Es schmerzt augenblicklich in meiner Brust, das Stechen ist unerträglich. Ja, es ist schon besser geworden, aber immer öfter stelle ich mir die Frage, ob es irgendwann aufhört.
„Natürlich.“ Die Müdigkeit des Tages steckt in meinen Knochen. Es mag komisch klingen, aber ein Einsatz ist in unserer Wache eine wirkliche Seltenheit. Doch genau das habe ich gebraucht, nachdem die Vorfälle mich damals in Ottawa fast um den Verstand gebracht haben. Ich war so unter Dauerstrom, bin von einem Einsatz zum nächsten gerannt, und das ist auf Dauer fast unmöglich durchzustehen. Es ist eine Großstadt, demnach kann man das nicht mit unseren Einsätzen hier im Bereich rund um Lakery und Clarcton vergleichen. Und dann kam der Einschnitt in meinem Leben, der alles verändert hat. Die eigene Adresse auf dem Funkgerät zu sehen, ist der Albtraum jeder Rettungskraft. Niemals werde ich den Augenblick vergessen, als mein Herz stehengeblieben ist und ich wusste, dass meine Frau und meine Tochter im Haus sind. Rauchbildung.
Als wir ankamen, wäre ich am liebsten ohne Ausrüstung losgerannt. Der Captain hat einen kühlen Kopf bewahrt, doch als sie dann etwas von einsturzgefährdet gemurmelt haben … Noch nie in meinem Leben bin ich so schnell gerannt, trotzdem bin ich zu spät gekommen. Ich konnte nur eine Person retten.
Diese starrt mich gerade an. „Gucken wir noch eine Folge Paw Patrol?“ Ich kann diese Hunde nicht mehr sehen.„Aber klar doch.“ Ich streiche ihr über die Haare.
Eine halbe Stunde später liegen wir aneinander gekuschelt im Bett, und ich merke, dass der Riss in meinem Herzen in jeder Sekunde, die ich mit meiner Tochter habe, mehr heilt.
Wir haben uns umgezogen, Riley liegt in ihrem Paw-Patrol-Pyjama da. Manche Menschen würden wohl sagen, das
Modell wäre für Jungen, doch davon halte ich nichts. Das Strahlen, als sie endlich einen Schlafanzug gefunden hat, auf dem ein riesiges Feuerwehrauto und Marshall – der Feuerwehrhund – zu sehen sind, war es mir wert. Egal, ob in Dunkelblau oder Pink. Wir müssen dringend damit aufhören, Kindern Stempel aufzudrücken.
Ich trage eine Schlafhose und ein Shirt, obwohl ich nachher zu Mags gehen werde, sobald dieses wundervolle Wesen eingeschlafen ist. Wonach es aktuell nicht aussieht. „Daddy? Marshall ist genauso ein Held wie du.“
Ich drücke sie enger an mich, und gemeinsam sehen wir uns die Folge an, die ich mittlerweile mitsprechen kann. Wann kommt wohl endlich die Phase, in der auch andere Sendungen interessant werden?
Diese komischen Rettungshunde ziehen sich nun schon seit zwei Jahren durch unser Leben. Wenn man sich Rileys Kinderzimmer ansieht, könnte man gar meinen, es wäre ein Museum für Paw-Patrol-Spielzeug.
„Was genau findest du denn toll an der Serie?“, frage ich sie zum wiederholten Mal, als die aktuelle Folge vorbei ist und Riley endlich herzhaft gähnt.
„Sie erinnert mich an meinen Daddy.“
Mein Herz stolpert. Ich schalte den Fernseher aus, und Riley kuschelt sich in das große Kissen. „Erzählst du mir noch eine Geschichte über Mommy?“
Ich nicke. Natürlich. Jeden Abend gibt es eine Erzählung über ihre Mutter, und sie endet immer mit denselben Worten.
Die Erinnerung an unser erstes Treffen prasselt auf mich ein, und ich verpacke sie in eine Geschichte.
Wir dürfen sie niemals vergessen.
Es hat aus allen Wolken geregnet, kein leichter Nieselregen, sondern einer, der einen frieren lässt. Ich war gerade auf dem Weg nach Hause, es war eine lange Schicht. Damals war ich auch schon Feuerwehrmann, allerdings in der Ausbildung. Es hat mich geschafft und war manchmal mühselig, aber es hat sich in jedem Augenblick gelohnt. An der Bushaltestelle war nichts, wo ich mich unterstellen konnte. Normalerweise hatte ich immer eine Jacke mit Kapuze dabei. Heute nicht. Als am Morgen die Sonne warm schien, hätte ich nie mit Regen gerechnet.
Dann kam sie auf mich zu, und in diesem Moment fühlte es sich an, als würde der Regen für einen kurzen Moment aufhören. Sie war wunderschön. Ihre blonden Locken klebten nass an ihrem Gesicht. Ohne auch nur einen Moment zu überlegen, ging ich auf sie zu. Ich zog meine Jacke aus und hielt sie schützend über ihren Kopf.
Die Jacke war klatschnass und brachte wahrscheinlich gar nichts, aber sie fing lauthals an zu lachen. „Hoffentlich löschen Sie besser Feuer, als fremden Frauen helfen zu wollen und sie dabei noch nasser zu machen, als sie ohnehin schon sind.“
Ich wurde knallrot.
„Ich – äh also, ich bin noch in Ausbildung.“ Dieser Fakt hatte sie nicht interessiert, denn sie lächelte einfach weiter.
Der Bus kam. Eigentlich hätte ich einsteigen müssen, doch ich konnte nicht. Gefesselt von ihren Augen, ihrem Strahlen und allem, blieb ich. Es sollte eine Stunde dauern, bis der nächste kam, aber all das war in diesem Moment vergessen.
„War das Ihr Bus?“ Ich nickte nur und schämte mich nicht dafür, wegen ihr dageblieben zu sein. Noch immer hielt ich die Jacke über ihren Kopf. Mittlerweile war mir eiskalt. „Er ist gerade weggefahren.“
„Ich kann warten.“ Sie lachte erneut, und in diesem Moment verliebte ich mich in sie. Zuvor hatte ich noch nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt, doch jetzt wusste ich, dass es sie gab.
Es war klar, dass sie eines Tages die Mutter meiner Kinder werden würde. Natürlich würde sie zuvor in einem weißen Kleid vor mir stehen und mich zum glücklichsten Mann der Welt machen.
Mein Herz gehörte ihr ab der Minute, in der ich sie sah. Und es gehört ihr bis heute.
„Gute Nacht, Mommy. Wir lieben dich. Danke, dass du mein Engel bist.“
Das sind die Worte, mit denen jede Geschichte endet. Mit dem Gute-Nacht-Sagen meiner kleinen Tochter. Dann streichen wir gemeinsam über den Traumfänger, den Maya damals angefertigt hat.
Riley gleitet in den Schlaf, und ich sehe aus dem Fenster. Die Sterne sind klar, trotz des leichten Schneefalls heute.
Manchmal wünsche ich mir, dass ich Maya sehen könnte. Was würde ich dafür geben, sie dort oben sitzen zu sehen! In manchen Momenten tut der Verlust so weh, dass ich mich zusammenreißen muss. Ich weiß dann nicht mehr, wie Atmen funktioniert. Die Psychologen haben etwas von fünf Phasen der Trauer geredet, aber ich halte das für Schwachsinn. Sie ist nicht in Abschnitte unterteilt – nein. Der Schmerz macht die Trauer aus, und noch immer brennt sie in mir und erinnert mich jeden Tag daran, was wir verloren haben.
Kapitel 5 – Clarissa
Der Tag gestern ging mit Recherchen schnell vorbei. Am Abend habe ich mich mit Ami auf die Luftmatratze gekuschelt und noch auf Netflix gestöbert. Nun ist es bereits neun Uhr, Ami und ich waren bereits eine Runde Gassi. Es schneit nur ein bisschen, darüber bin ich froh.
Die Liste mit Möbelhäusern steht bereit – heute wird erst einmal Geld ausgegeben. Clarcton ist ein kleiner Ort, hier gibt es nichts, wo ich für den Laden einkaufen kann. Das ist der Nachteil vom Dorfleben – das bin ich nicht gewöhnt. In meiner alten Heimat in Ottawa war ich innerhalb von zehn Minuten an den wichtigsten Orten – zu Fuß.
Ich parke meinen Pick-up vor der Cakery – nachdem ich mir gestern Abend noch die Sünde des Cheesecakes einverleibt habe, werde ich der kleinen Bäckerei treu bleiben. Und es gibt doch kein besseres Frühstück als einen kleinen Cupcake.
„Clarissa! Schön dich wiederzusehen.“ Die herzliche Begrüßung, als ich reinkomme, sorgt für ein heimatliches Gefühl in meiner Brust. Wie kann man sich so schnell an einem fremden Ort so gut fühlen?
„Hallo Jeremia. Wo hast du denn deine Frau gelassen?“
„Verlobte“, murrt er, und ich kann ihm den Unmut ansehen. Ich ziehe die Augenbrauen hoch.
„Wir schaffen das vor der Geburt nicht – sie wünscht sich eine kleine gemütliche Hochzeit und ich auch, aber dass sie nicht in ihr Traumkleid passt und daher erst später heiraten will, ist einfach unfassbar!“
Fast muss ich lachen, denn sein verzweifelter Ausdruck ist wirklich komisch. Irgendwie ist es seltsam, mit einem fremden Menschen über so private Dinge zu sprechen, doch hier fühlt es sich fast normal an, seine Probleme und Sorgen offen zu teilen. „An diesem Tag möchte eben jede Frau die wunderschönste auf der Welt für ihren Mann sein. Man strahlt wie die Sonne und untermalt das mit dem Outfit.“
„Sie ist an jedem einzelnen Tag die hübscheste und attraktivste Frau der Welt.“
Ich nicke. „Das ist Liebe.“
Er lächelt. „Vielleicht kannst du ja einmal mit ihr reden? Ich bin echt verzweifelt.“
Eine fremde Frau davon überzeugen, noch vor der Geburt ihrer Kinder vor den Altar zu treten? Nichts leichter als das! Männer denken wirklich immer, wir könnten alles miteinander klären.
„Klar, bestimmt“, murmele ich. Irgendwie möchte ich das nicht, aber traue mich nicht, es laut auszusprechen.
„Du kannst uns gerne deine Nummer hierlassen. Natürlich nicht nur wegen meiner Verlobten, sondern vor allem, falls wir dich beim Laden unterstützen sollen.“
Ich nicke strahlend. „Das wäre toll – vielen Dank!“
„Gerne. Und was darf es zum Frühstück sein?“
„Ich würde einen Cupcake nehmen. Empfiehl mir einen.“
„Blaubeer–Marzipan. Magst du das?“
Die Mischung klingt gewöhnungsbedürftig, doch diesem Mann würde ich wohl alles abkaufen. „Klar.“
Also packt er ihn ein. „Schade, dass ihr nicht auch was für Tiere im Angebot habt“, sage ich.
Er runzelt die Stirn. Super, jetzt denkt er wohl, ich wäre durchgeknallt. „Das ist gar keine schlechte Idee. Ich rede mal mit Amelia, ob wir da nicht was für deinen Laden tun können.“
Damit zwinkert er und gibt mir mein Wechselgeld raus. Wie können Menschen nur so nett sein? Schnell schreibe ich noch meine Nummer auf den Zettel, den er mir herüberschiebt, verabschiede mich und gehe zurück zum Auto. Ami liegt gemütlich auf ihrer Decke auf der Rückbank. Diese Hündin ist beim Fahren zum Glück die Ruhe selbst.
Der Himmel klart immer weiter auf; heute ist wirklich ein wunderschöner Wintertag. Das wird sich noch ändern, zumindest habe ich das in zahlreichen Foren über die Rocky Mountains gelesen. Ich fahre den Bergen entgegen, und gleichzeitig sehe ich welche in meinem Rückspiegel. Ein Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Dies ist meine neue Heimat. Ich bin überglücklich, aber auch fokussiert auf mein Ziel. Die Eröffnung am ersten Dezember. Der Weg wird holprig, aber was wäre das Leben ohne große Herausforderungen?
Es dauert fast eineinhalb Stunden, bis ich beim ersten Möbelhaus ankomme. Es ist von einem schwedischen Hersteller und weltbekannt. Ich habe mir zuvor aufgezeichnet, wie ich mir die Ladeneinrichtung vorstelle: eine Mischung aus Gemütlichkeit und Professionalität. Ich weiß nicht, wie viele Skizzen im Müll gelandet sind, bis ich zufrieden war. Zudem muss ich noch einige Möbel für die Wohnung finden, unter anderem eine Kommode für meine Kleidung, und hoffen, dass sie es mir so schnell wie möglich liefern. Vor allem ein Bett ist ein absolutes Muss – viele weitere Nächte auf der Luftmatratze wird mein Rücken mir nicht verzeihen.
Ami wartet im Auto auf mich. Es ist noch nicht zu kalt, und da sie eine Decke hat, ist es in Ordnung. Das Fahrzeug kennt sie, im Gegensatz zur Wohnung, da würde sie sich viel unwohler fühlen.
Ein Mitarbeiter kommt auf mich zu, nachdem ich ihm zugewunken habe um zu zeigen, dass ich Hilfe brauche. „Kann ich Ihnen weiterhelfen?“ Er ist groß und trägt einen roten Bart. Irgendwie erinnert er mich an einen Wikinger, nur das gelbe Hemd mit den blauen Streifen passt nicht ganz dazu.
Ich muss grinsen. „Ich glaube, ich werde Ihre Zeit länger in Anspruch nehmen.“ Wenn ich an all die Sachen denke, die ich auf meiner Liste habe, tut mir der Mann jetzt schon leid.
„Dann zeige ich Ihnen einfach, wo Sie die Sachen finden, und wenn Sie sich entschieden haben, melden Sie sich.“
Es dauert zwei Stunden, bis ich eine Schlafzimmereinrichtung gefunden habe, die mir gefällt. Wenn mein Bauchgefühl dagegen ist, dann kann ich es nicht guten Gewissens kaufen. Ich entscheide mich letztlich für graue Holzoptik. Die Bretter sind in unterschiedlichen Farbnuancen gehalten, und ich kann es nicht erwarten, bis sie ankommen.
„Das Bett hat aktuell eine Lieferzeit von sieben Tagen.“ Ich habe mir den Mitarbeiter wieder geschnappt, damit er meine Bestellung aufnehmen kann.
Ich nicke – das muss ich verkraften. „Wann kommen die anderen Artikel?“
„In ungefähr zwei Wochen.“
Puh.
Ich verlasse den Laden mit einem Kaufvertrag für das Schlafzimmer, eine Couch und einen Fernsehschrank. Um die anderen Dinge kümmere ich mich später. Die Büroeinrichtungen haben mir hier gar nicht gefallen. Ich benötige Regale, die schick sind und mich umhauen. Ich möchte einen rustikalen Stil, weil es irgendwie zu Clarcton passt.
Die Erschöpfung steckt mir in den Knochen, dennoch raffe ich mich auf und hole erst einmal Ami aus dem Auto. Hier in der Stadt ist die Luft nicht so klar wie in Clarcton. Heftig, dass mir das bereits nach wenigen Tagen auffällt. Der Verkehrslärm wirkt fast ohrenbetäubend. Wir gehen ein Stück, und ich entdecke einen kleinen Laden für Dekoartikel.
Er wirkt ulkig, ein bisschen heruntergekommen und gleichzeitig einladend. Zwischen den vielen Designershops geht er beinahe unter. Vielleicht zieht er mich deshalb magisch an.
„Nehmen Sie Ihren Hund gerne mit rein. Bei mir ist jeder willkommen.“ Ein älterer Mann mit gebeugtem Rücken öffnet die Tür, und ich lächele ihm zu.
„Vielen Dank, das ist sehr lieb.“ Er erwidert mein Lächeln und führt mich hinein.
Der Laden ist wunderschön, und ich verliebe mich im ersten Augenblick in die detailreiche Atmosphäre. Der Mann setzt sich in einen Ohrensessel. Ami möchte ihm folgen, und schnell halte ich sie an der Leine fest.
„Sehen Sie sich in Ruhe um, ich kümmere mich um die junge Dame.“
Als ich die Leine loslasse, läuft Ami zu ihm. Er zögert und streckt dann eine Hand aus, um meine Hündin hinter den Ohren zu kraulen. Schon fühle ich mich noch wohler.
Ich drehe mich um. Der Laden bietet alles Mögliche an. Ich streiche vorsichtig über eine Schneekugel, in der ein Kinderkarussell zu sehen ist.
Als kleines Mädchen habe ich es geliebt, mit meinem Dad auf Jahrmärkte zu gehen. Wenn wir gemeinsam auf dem Karussell gefahren sind, dann war die Welt in Ordnung. Alles andere war ausgeblendet: die Probleme in der Schule, Mom. Es gab nur mich, meinen Dad und das Fahren im Kreis. Alle Gedanken waren ruhig, ich habe jeden Augenblick genossen. Mit Rodeo konnte ich dagegen nie viel anfangen, auch wenn mein Dad einer der besten Reiter war. Er hat sich ewig auf den Tieren gehalten, doch sie taten mir immer leid. Wahrscheinlich habe ich schon damals eine gewisse Verbundenheit mit ihnen gespürt.
Die Schneekugel muss auf jeden Fall mit.
„Darf ich der Dame ein wenig Futter geben? Ich hatte selbst bis vor kurzem einen Hund und es sind noch einige Leckerli da.“
Ich nicke. „Natürlich.“ Wie aufmerksam dieser Herr ist. Ami scheint sich pudelwohl zu fühlen, und ich habe noch mehr Zeit, um mich umzusehen. Und dann entdecke ich es: In einer Ecke steht eine alte Hundehütte in Form eines Campingwagens. Das Holz ist schon ein wenig angeschlagen. Ich muss sie haben. „Steht die zum Verkauf?“ Sie ist nicht so schön hergerichtet wie die anderen Sachen hier, daher bin ich nicht sicher.
„Nein, tut mir leid, junge Dame.“
Ich bin enttäuscht; das wäre das Highlight im Schaufenster geworden. „Dann würde ich die Schneekugel gerne mitnehmen.“ Die Enttäuschung in meinen Worten ist deutlich zu hören. „Darf ich fragen, was sie mit der Hundehütte machen würden? Sie sahen aus, als hätten Sie schon eine konkrete Idee.“
Und dann platzt die ganze Geschichte meines Ladens aus mir heraus; ich erzähle ihm jedes Detail und hole zwischendrin nur kurz Luft. Dabei spüre ich, wie mich die Einsamkeit übermannt. Es ist so schön, mit jemandem zu reden und ihm von meinen Ideen zu erzählen. Zuhause habe ich in den vergangenen Jahren keine Freunde gehabt, ich habe mich so in meine Geschäftsidee verrannt, dass ich niemanden an mich herangelassen habe. Meine Intension? Ich möchte den Leuten einen Tiershop präsentieren, in dem sie Geschenke für ihre Fellknäule finden können, aber auch nützliche Dinge. Ich möchte ein Zuhause bieten für alle Menschen mit ihren Tieren, damit sie sich wohlfühlen und dabei noch etwas Gutes für ihr Tier erwerben können. Als ich Ami bekommen habe, da musste ich so viel selbst für sie anfertigen, weil ich nie ganz zufrieden war. Ich möchte die erste Anlaufstelle für Haustieren in der Gegend werden.
Er verurteilt mich nicht, als mein Redeschwall nach gefühlten Stunden endet. „Und deshalb möchte ich diesen Laden unbedingt.“
„Nehmen Sie die Hütte mit. Ich denke, sie wird einen guten Platz bei einer so wundervollen Frau haben.“
Kapitel 6 – Matthew
Ich wache mit kleinen Füßen im Gesicht auf. Wenn man mit dieser Raupe im Bett schläft, muss man sich vor jedem einzelnen Körperteil in Sicherheit bringen.
Gestern Abend habe ich noch zwei Stunden mit Mags zusammengesessen, und während sie sich ein Glas Rotwein genehmigte, habe ich mich für Ginger Ale entschieden. Wir haben uns lange unterhalten, und ich habe es genossen. Oft fehlt mir die Zeit dafür.
Die Sonnenstrahlen fallen durchs Fenster; langsam geht der Oktober zu Ende. Dann startet die Wintersaison hier in den Rocky Mountains.
Was soll ich heute nur mit meiner Kleinen unternehmen?
Gedankenverloren streiche ich ihr über die Haare. Sobald genug Schnee liegt, werden wir auf jeden Fall wieder Schlitten fahren gehen. Das liebt sie. Ich auch, wenn ich ehrlich bin.
Am liebsten bin ich in der Natur unterwegs, ohne ein Handy in der Tasche. Dabei brauche ich keinen Plan, kein genaues Ziel. Wenn ein Wasserfall auf der Strecke ist – Tag perfekt. Leider sind diese Ausflüge in den vergangenen Jahren immer weniger geworden, immerhin habe ich nun Riley, und die kann ich nicht wirklich von langen Wanderungen überzeugen.
Aber mir kommt eine Idee.
Wir sind aufgestanden, nach einer ausgiebigen Kuscheleinheit und einer gähnenden Tochter, die, sobald sie die Sonne entdeckt hat, hellwach war. Mags hat bereits mit den Pancakes angefangen. Es ist ein wundervoller Montagmorgen. Bei anderen beginnt nun die Woche, bei mir geht es erst morgen los. Der Rhythmus als Feuerwehrmann ist einfach ein anderer. Auch jetzt ist das Funkgerät an meinem Gürtel angebracht, bei Notfällen besteht dauerhafter Bereitschaftsdienst. Das gehört nun mal dazu, und jeder, der einen Nine-to-five-Job will, ist bei uns fehl am Platz.
„Was habt ihr zwei Hübschen heute vor?“, fragt Mags, während sie einen riesigen Berg Leckereien vor uns auf den Tisch stellt.
Riley sieht mich mit großen Augen an, als ich ihr einen Pancake auf den Teller lege. „Ja, was denn? Was denn?“ Sie hibbelt nervös auf und ab, und ich freue mich auf den Tag mit ihr. Die Zeit habe ich viel zu selten.
„Lass dich überraschen!“ Mein Grinsen ist geheimnisvoll, und Mags tätschelt mir die Schulter.
„Aber Dad!“ Riley protestiert, und ich muss lachen.
„Jetzt lass uns doch erst mal frühstücken. Ahornsirup?“
Ich ernte ein Augenrollen meiner Tochter, als hätte ich eine sinnlose Frage gestellt. Natürlich schwimmt kurz darauf ihr Teller in Sirup.
Auch ich nehme mir einen Pancake und stöhne nach dem ersten Bissen genüsslich auf, als sich das Vanillearoma in meinem Mund ausbreitet. „Die sind wunderbar, Mags. Vielen Dank.“ Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie wichtig sie mir ist. Wie oft hat diese Frau mir schon eine Last von den Schultern genommen, von der ich gar nicht wusste, dass sie dort war?
„Gerne doch.“
Wir frühstücken, und als Riley ins Bad rennt mit verschmierten Händen und einem Sirupgesicht, bleibe ich noch einen Moment sitzen und atme tief durch.
„Dad – Luckey muss an die frische Luft. Beeil dich!“ Geduld hat Riley auf jeden Fall nicht. Schnell ziehe ich mir eine Jacke über und Schuhe an. Als ich sehe, wie sich Riley eine Schleife ganz allein bindet, bin ich unfassbar stolz und werde melancholisch. Sie wird so schnell groß. „Super gemacht, mein Schatz.“
„Tante Mags hat es mir gezeigt“, antwortet sie stolz. Ich sehe zu Mags und forme lautlos Danke mit den Lippen, doch sie winkt nur ab.
Ich nehme Luckey an die Leine und Riley an die Hand. Heute schneit es nicht, die Sonne zeigt uns noch einmal ihre schönste Seite, und ich genieße die leichte Wärme. „Was machen wir denn?“, fragt Riley ungeduldig, die sich eindeutig mehr auf den Rest des Tages freut.
„Jetzt gehen wir eine große Runde Gassi.“ Ich ernte Augenrollen und frage mich, woher sie das neuerdings hat. Dieses Kind wird wirklich immer frecher.
„Und danach? Danach?“
Ich muss lachen, denn die Euphorie bei ihr ist groß. Durch meine Arbeit habe ich nicht so viel Zeit für sie, wie ich gerne hätte. „Wir machen einen Ausflug. Mags passt dann auf Luckey auf, da kann er leider nicht mit“
„Ausfluuug“, kreischt sie. Es ist still heute, die meisten Leute sind arbeiten, und deshalb ist im Park nicht viel los. Menschen sitzen vereinzelt auf Bänken und starren auf Laptops oder Handys. Man mag sich kaum vorstellen, dass vor einiger Zeit keiner dieser Gegenstände zum Alltag dazugehörte. Manchmal ist es verrückt, wie schnell sich alles verändert.
Luckey schnuppert an jeder Ecke und genießt die etwas größere Morgenrunde. Meist mache ich vor der Schicht mit ihm einen zweistündigen Spaziergang. Mags und Riley lassen ihn in den Garten, und ich weiß auch, dass Mags mit ihm größere Runden läuft. Aber sie hat mit Rheuma zu kämpfen und kann deshalb nicht mehr so, wie sie möchte.
An manchen Tagen nehme ich Luckey einfach mit auf die Arbeit. Er wäre ein toller Feuerwehrhund geworden, aber der Chief hat den Antrag abgelehnt. Trotzdem hat niemand etwas dagegen, wenn der kleine Kerl zu Besuch kommt und uns beschäftigt.
„Dad, ich möchte jetzt wirklich gerne wissen, wo wir hingehen. Bitte, bitte.“
Drei Stunden später sehe ich in die großen, strahlenden Augen meiner Tochter und kann mir ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen. „Schlittschuhfahren!“, kreischt sie und klatscht freudig in die Hände. Dann schmiegt sie sich an meine Beine. „Kannst du das, Daddy?“
Das würde ich so nicht behaupten. Das letzte Mal stand ich in dem Alter auf dem Eis, in dem Riley jetzt ist. Vielleicht ein oder zwei Jahre später. Während viele meiner Freunde damals mit Eishockey angefangen haben, konnte ich nie etwas damit anfangen. Ich habe für mein Leben gerne Basketball gespielt, und auch wenn ich darin kein sonderliches Talent aufweisen konnte, habe ich es sehr genossen.
Wir leihen uns Schlittschuhe aus und gehen in die Umkleidekabine. Riley trägt ihre rosafarbenen Treter über der Schulter und sieht sehr stolz aus. Zuerst ziehe ich ihr die Schuhe aus, und sie wackelt erfreut mit den Füßen.
„Weißt du Dad, es ist gar nicht schlimm, wenn du das nicht so gut kannst.“
Ich runzele die Stirn. „Ich weiß, immerhin kann man alles lernen und muss nicht in allem Profi sein.“
Sie nickt. „Du bist der Held beim Feuerlöschen, und andere sind super im Eislaufen.“
Wann ist dieses kleine Mädchen nur so weise geworden? „Das stimmt. Das letzte Mal Schlittschuhlaufen ist bei mir sehr lange her.“
Sie kichert. „Hat es da noch Dinos gegeben?“
Für wie alt hält sie mich? Ich schüttele lachend den Kopf, doch als ich den ersten Schritt aufs Eis wage, da fühle ich mich so, als wäre ich zuletzt wirklich in der Zeit der Dinosaurier gelaufen. War das immer schon so rutschig?
Kaum stehe ich mit beiden Beinen auf dem Eis, wackele ich umher und rutsche mit den Kufen nur so über die aalglatte Fläche. Riley lacht vom Rand aus. Immerhin habe ich ihr gesagt, dass sie noch kurz dort warten soll. Ich konzentriere mich. Das ist bestimmt wie Fahrradfahren, und ich habe den Bogen gleich wieder raus.
Zehn Minuten später bin ich mir sicher, dass man Schlittschuhfahren durchaus verlernen kann. Das hier war eine miserable Idee, aber zumindest komme ich ein paar Meter vorwärts, um wenigstens meine Tochter abzuholen. Ich habe ihr eine kleine Stütze in Form eines Pinguins besorgt.
„Mach schön langsam und halte dich gut fest.“ Ich frage mich, ob man für Erwachsene nicht einen Eisbären hätte hinstellen können. Es wäre mir vollkommen egal, wie bescheuert ich damit aussehen würde. „So, und jetzt bewegst du einfach ein Bein nach dem anderen.“
Und dann staune ich nicht schlecht.
Meine kleine Tochter läuft wie ein Profi. Ich bekomme den Mund nicht zu und frage mich, wo genau sie das gelernt hat. Sie fährt mit dem Pinguin eine Runde nach der anderen, während ich verzweifelt versuche, ihr zu folgen. Ich höre die Menschen um uns herum tuscheln. „Seht ihr das kleine Mädchen?“
Ich bin stolz, strecke die Brust heraus und wackele schon wieder. Mist.
Mags hat vorhin gesagt, dass sie die Idee mit dem Ausflug auf die Eisbahn toll findet. Sie hat dabei so komisch gegrinst, und jetzt weiß ich auch wieso. Als Riley nach der gefühlt achten Runde bei mir stehen bleibt, strahlt sie mich an.
„Die Jungs im Kindergarten spielen Eishockey, und manchmal darf ich mitspielen. Außerdem haben wir letzte Woche erst einen Ausflug auf die Eisbahn gemacht, Dad. Aber auch du wirst es noch lernen.“
Dann fährt sie weiter, und ich bleibe stehen, bevor ich noch auf den Hintern fliege. Ich bin total verdutzt, amüsiert und gleichzeitig wahnsinnig stolz.
Kapitel 7 – Clarissa
Ich muss dringend noch einkaufen. Bisher habe ich nur den Cupcake gegessen. Die Kombination klang so gewöhnungsbedürftig, doch es war einfach himmlisch. Ich frage mich allmählich, ob diese kleinen Törtchen von dieser Erde sind oder Amelia eine Göttin ist.
Am späten Nachmittag kehren Ami und ich nach Clarcton zurück. Sie hat die ganze Fahrt verschlafen; mit ihrem vollen Magen war das wahrscheinlich auch das kleinste Problem. Auf der Ladefläche meines Pick-ups befindet sich leider nur die Hütte, weil ich den Rest ja nicht sofort mitnehmen konnte. Enttäuscht bin ich darüber schon ein wenig, obwohl ich es nicht anders erwartet habe. Morgen früh habe ich eine Telefonkonferenz nach der anderen und bin wahnsinnig aufgeregt. Ich möchte mit rund fünf eigenen Produkten starten, die sich momentan in der Produktion befinden. Ich habe gute regionale Produzenten gefunden, die meine Ideen genauso toll finden wie ich. Eine Weste für Hunde für die kalten Tage, ein Halsband mit Klingel für Katzen, das sich automatisch öffnet, wenn sie irgendwo hängen bleiben. Außerdem habe ich für Hamster eine Art neues Hamsterrad entwickelt, das beruhigende Töne von sich gibt. Und mein letztes Produkt, mit dem ich an den Start gehen will, sind besondere Hundeleinen aus einem weichen Material, das nahezu reißfest ist. Normalerweise werden sie aus Paracord geflochten, das wollte ich nicht. Es fühlt sich nicht so schön an. Ich habe mich für Biothane entschieden, es besteht aus einem Polyestergewebe, das in meinem Fall mit Polyvinylchlorid umwickelt wird. Es ist eine Art Lederimitat und überzeugt mit derselben Haptik wie Leder. Biothane ist jedoch langlebiger, sodass die Tierhalter sich keine Gedanken machen müssen, in einem Jahr eine neue Leine erwerben zu müssen.
Ich möchte auch Tierfutter verkaufen sowie nach und nach den Shop mit eigenen Produkten ausstatten. Am Anfang ist es aber einfach unmöglich, all meine Ideen umzusetzen. Daher habe ich noch eine Konferenz mit Partnern geplant, sodass sich mein Shop auch mit ihren Produkten füllt – diese können dann bei mir erworben werden. Ein Laden mit fünf Produkten würde wohl doch ein wenig klein wirken und unorganisiert, das versuche ich zu vermeiden. Im Laufe der Jahre werde ich dann immer mehr meiner eigenen Ideen und irgendwann nur noch diese anbieten.
Ich parke den Wagen und trage die Hütte hinein. Bisher ist sie das Einzige, was im Laden steht. Nach den Konferenzen morgen werde ich mich nach Regalen umsehen und alles für die Renovierung besorgen. Erst muss ich mit der Produktion sprechen und danach habe ich ein Gespräch mit möglichen Lieferanten.
Ich gehe mit Ami nach oben in die Wohnung, und sie sieht mich müde an. Die Botschaft ist klar: Bitte bring mich heute nirgendwo mehr hin und lass mich einfach schlafen. Der Besitzer des wunderschönen kleinen Ladens hat sie so gefüttert, dass sie keine Lust mehr auf Bewegung hat.
„Ich gehe noch eine Kleinigkeit einkaufen.“ Ich verabschiede mich mit einem Kopfkraulen von ihr. Heute möchte ich die kleine Küche einweihen, vielmehr die Mikrowelle. Mehr gibt es dort ja noch nicht, abgesehen vom Kühlschrank. Aber die Küche hat jetzt einfach keine Priorität. Der Gedanke daran, dass ich noch keine Lastenregale für den Shop habe, geschweige denn einen Verkaufstresen, macht mich nervös.
Mein Telefon klingelt, als ich gerade meinen Wagen erreiche. Die Nummer ist unbekannt. „Hallo?“
„Mrs Miller, hier ist Scout von Schiller Industries.“ Sofort weiß ich Bescheid. Das ist die Produktionsstätte meiner Produkte. Scout ist neunzehn Jahre alt und der Auszubildende der Firma, dennoch hat er ein solches Talent, dass ich bei unserem ersten Gespräch wirklich sehr begeistert gewesen bin. Seitdem ist er mein Ansprechpartner, natürlich alles in Absprache mit seinem Chef, den ich beim Gespräch auch kennengelernt habe.
„Hallo Scout. Wie geht es Ihnen?“ Ich versuche, mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Hoffentlich gibt es gute Neuigkeiten.
„Mir geht es hervorragend, und ich bin mir sicher, Ihnen ebenfalls. Spätestens nach den guten Neuigkeiten, die ich habe.“ Seine Stimme klingt nicht ironisch.
„Na dann. Was sind das denn für Neuigkeiten?“
„Wir beenden diesen Freitag die Produktion Ihrer Bestellungen. Sie können also mit Ihrem Lieferanten alles Weitere klären.“
Ich kann ein kurzes Jubeln nicht unterdrücken und werde von Spaziergängern komisch angesehen, immerhin stehe ich noch immer vor meinem Auto. „Das ist wunderbar. Schreiben Sie mir eine Mail mit der Information als Bestätigung, ich habe später noch ein weiteres Telefonat und melde mich dann bei Ihnen.“
Da der Anruf nun früher kam als erwartet, drehe ich noch einmal um und gehe zurück in die Wohnung, um mit den Lieferanten zu sprechen. Alles geht schneller als erwartet, und ich finde jemanden, der sogar für nächste Woche noch freie Zeitfenster für die Lieferungen hat, weil ihm ein Kunde abgesprungen ist. Das ist einfach ein wunderbarer Tag! Ich bin so unfassbar glücklich, mein Herz pocht vor Aufregung. In diesem Moment sind alle Gedanken vergessen, alles Negative ist weg, und ich bin einfach nur zufrieden. Ich steige endlich in meinen Pick-up, und die Euphorie, die durch meine Adern fließt, ist ein willkommener Motivationsschub.
Es ist schon dunkel, als ich vom Einkauf nach Hause komme. Ich habe weitaus mehr in den Wagen geworfen, als nötig gewesen wäre. Vielleicht hätte ich zuvor eine Kleinigkeit essen sollen. Aber alles klang so unfassbar verführerisch, und wenn ich im Nachhinein drüber nachdenke, sind die meisten Käufe wahrscheinlich nur aus Lust und vor allem Hunger zustande gekommen. Immerhin habe ich dem Drang widerstanden, mir etwas in einem Restaurant zu holen. Clarcton hat keinen Lieferdienst, und ich hatte jetzt wirklich keinen Nerv, einen Umweg zu fahren. Aber nun habe ich ja genug Auswahl. Zuhause trage ich die zwei Einkaufstaschen hoch. Ami scheint so müde zu sein, dass sie mich nicht einmal begrüßt.
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- 251
- Erscheinungsform
- überarbeitete Neuauflage
- ISBN (eBook)
- 9783986377540
- ISBN (Paperback)
- 9783987781711
- Sprache
- Deutsch
- Erscheinungsdatum
- 2022 (November)
- Schlagworte
- Wohlfühlroman;Rocky Mountains;Feuerwehrmann;Liebesroman;Winter;Weihnachten;Hunde