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Schwärzer als Weiß

Psychothriller

von Ursula Großmann (Autor)

2015 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Schmerzende Erinnerung und neue Begegnung, Vergangenheit und Zukunft. Als Svenja zum zehnjährigen Klassentreffen aufbricht, ahnt sie nicht, dass dieser Abend ihrem Leben eine schicksalhafte Wendung geben wird. Sie begegnet dort nicht nur ihrer Jugendliebe Philipp, dessen Anblick alte Wunden wieder aufreißt, sondern lernt auch den attraktiven Unternehmensberater Dennis kennen. Selbstbewusst und charmant bringt er die Schmetterlinge in Svenjas Bauch im Nu zum Flattern.

Sehr zum Missfallen Philipps entwickelt sich zwischen Svenja und Dennis eine Liebesbeziehung, die kaum glücklicher sein könnte. Doch der Schein trügt. Hinter der Maske des reichen Strahlemanns verbirgt sich etwas Rätselhaftes, zu dem Svenja keinen Zugang findet. Schon bald wird das junge Glück überschattet von dunklen Geheimnissen, der feindseligen Haltung seines Elternhauses und einer perfiden Intrige, deren Netz aus längst vergangenen Geschehnissen sich immer enger zieht. Zu spät erkennt Svenja die reale Gefahr, die alle hineinreißt in einen Strudel des Verderbens, aus dem es kein Entrinnen gibt …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juni 2020

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-94529-828-2

Covergestaltung: Rose & Chili Design
Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Prolog

Erinnerungen. Sie können schön sein. Sie können quälen. Sie können verloren gehen.

Aus verquollenen Augen fleht ihr Blick ihn an, ihr die Erinnerungen zurückzugeben.

Sein Blick ist starr. Hilfe suchend streckt sie ihm die Hand entgegen. Keine Reaktion.

Er sieht nur emotionslos zu, wie sie ermattet ihre Hand wieder sinken lässt. Mühsam, kaum vernehmbar formen ihre Lippen drei Worte. „Was ist passiert?“

Kurz flackert Hoffnung in seinen Augen auf, Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist.

Zögernd tritt er an sie heran und setzt sich neben sie. Er will, nein er muss wissen, wie viel Erinnerung ihr noch geblieben ist.

Nach einigen Fragen, die sie mit verzweifeltem Kopfschütteln beantwortet, lehnt er sich im Stuhl zurück. Dabei lässt er sie keine Sekunde aus den Augen.

Irritiert bemerkt sie, wie sich sein Gesichtsausdruck ändert. Er wirkt jetzt plötzlich entspannter, fast erleichtert. Sie findet keine Erklärung für diesen rätselhaften Wandel.

Angst beschleicht sie, eine Angst, die sie ebenfalls nicht einordnen kann. Entmutigt wendet sie sich ab und schließt erschöpft die Augen, bis er nach einiger Zeit ihre Hand nimmt.

Und dann beantwortet er ihre, zum zweiten Mal mühsam formulierte Frage nach dem Geschehenen. Ihr Blick ist auf sein Gesicht fixiert. Während er redet, wächst ihr Unbehagen. Das Gehörte lässt ihre Augen immer weiter werden. Als er mit seinen Ausführungen am Ende ist, beobachtet er neugierig ihre Reaktion.

In ihren Augen spiegelt sich nur ein einziger Wunsch wider. Der Wunsch, dass er ihr niemals eine Antwort gegeben hätte.

1 – Der Blick zurück

Eigentlich widerstrebte es Svenja, zu diesem Treffen zu gehen. 10-jähriges Abiturjubiläum!

Vor zwei Monaten hatte sie die Einladungsmail des Stufensprechers erhalten und ihr erster Gedanke war gewesen, auf keinen Fall daran teilzunehmen. Nicht die zu erwartenden unzähligen Smalltalks mit Leuten, die sie damals schon nicht hatte leiden können, waren es, die ihren Widerwillen erregten. Es war vielmehr die Erinnerung an das Geschehen in jener Nacht, die sich mit aller Macht Bahn brach. Sie schmerzte, sie machte ihr Angst. Wie sollte sie den anderen gegenübertreten? Einsam würde sie sich fühlen, reden und doch sprachlos sein.

Nur noch eine Station mit der Straßenbahn. Noch kann ich es mir ja überlegen, dachte sie, verwarf diese Überlegung jedoch sofort wieder. Ihr Fernbleiben wäre auch keine Lösung. Also entschloss sie sich, sich der Situation zu stellen, ganz gleich was kommen würde.

Der Bus fuhr mit Schwung an die Haltestelle und bremste so scharf, dass sie sich an der Stange festhalten musste, um nicht hinzufallen. Sie stieg mit ein paar anderen Fahrgästen aus und machte sich auf den Weg in die Augsburger Innenstadt zum vereinbarten Lokal.

Je näher sie ihrem Ziel kam, desto langsamer wurden ihre Schritte. Wie sollte sie die obligatorische Frage „Und, was machst du?“ beantworten? Am liebsten gar nicht.

Sie müsste nämlich sagen, dass sie zwar auf Lehramt für Gymnasium studiert hatte, aber nicht gut genug gewesen war, um in absehbarer Zeit eine Anstellung zu bekommen. Sie müsste erzählen, dass sie sich als Lehrerin in einer Nachhilfeorganisation ein Jahr lang knapp über Wasser gehalten hatte, bis sie es schließlich geschafft hatte, mit einer ehemaligen Kommilitonin eine eigene Nachhilfeschule, inklusive Hausaufgabenbetreuung, zu eröffnen. Dafür muss ich mich nicht schämen. Schließlich habe ich ein Unternehmen gegründet und durchgehalten, dachte sie trotzig. Die massiven Anlaufschwierigkeiten ihres Lernclubs „Funny Learning“ waren inzwischen überwunden und sie konnte sich sogar über allmählich steigende Nachfrage freuen. Svenja bog in die Gasse ein, in der sich das Lokal befand. Sie trat in einen Hauseingang, zog einen Spiegel, Kamm und Lippenstift aus ihrer grauen Ledertasche und kämmte die kinnlangen, schwarzen, in Bobform geschnittenen Haare.

Nervös zog sie sich die vollen Lippen mit karminrotem Lippenstift nach und überprüfte noch mal das Make-up ihrer mandelförmigen, braunen Augen. Ihre kleine Narbe am Kinn, die sie sich als Kind bei einem Sturz zugezogen hatte, war ein kleiner Makel in ihrem ansonsten als schön zu bezeichnendem Gesicht. Doch mithilfe eines hautfarbenen Abdeckstiftes gelang es ihr immer, diese beinahe unsichtbar werden zu lassen. Ein mulmiges Gefühl begleitete sie auf den restlichen Metern bis zum Lokal.

Es war zwar Anfang Mai, aber wie üblich viel zu kühl für diese Jahreszeit, weshalb die Veranstaltung nicht im angrenzenden gemütlichen Wirtsgarten stattfinden konnte. Im Gastraum hatten sich schon etliche Klassenkameraden eingefunden, die sich angeregt unterhielten. Sie atmete einmal tief durch und steuerte dann auf eine Gruppe zu.

„Hallo Svenja. Mann, du bist keinen Tag älter geworden!“, rief Hannes, ihr ehemaliger Sitznachbar im Französischleistungskurs.

„Ich nehme das mal als Kompliment, Hannes. Dann wird die Veranstaltung erträglicher“, meinte sie lachend und begrüßte dann die anderen reihum. Leider bemerkte sie zu spät, dass sich auch Mark in dieser Gruppe befand. Er sieht aus wie damals. Immer noch die gleiche halblange Lockenfrisur, immer noch dieselbe schlaksige Figur, dachte sie, als er auf sie zuging. Er reichte ihr die Hand und zeigte sein typisch schiefes Lächeln.

„Na, wie geht es dir?“, kam auch gleich darauf die Frage.

Und immer noch dieses Spöttische in seiner Stimme und in den Augen, stellte sie ernüchtert fest. Obwohl er damals augenfällig Interesse für sie gezeigt hatte, war er ihr dennoch immer mit überlegenem Gehabe begegnet, hatte keine Gelegenheit ausgelassen, sie ob ihrer nicht immer glänzenden Leistungen mit beißendem Spott zu überziehen. Er war ihr mit seiner überheblichen, besserwisserischen Art so zuwider gewesen, dass sie ihm, so gut es ihr eben gelang, immer aus dem Weg gegangen war. Und ausgerechnet er sollte hier einer der ersten sein, mit dem sie Smalltalk führen würde? Und womöglich noch ihre Lebensgeschichte unterbreiten sollte?

„Man lebt.“

„Wow, sehr informativ! Noch genauso gesprächig wie damals!“, meinte er mit vor Sarkasmus triefender Stimme.

Das fängt ja schlimmer an als befürchtet , dachte sie und zuckte nur kurz mit den Schultern. „Svenja?!“, rief eine männliche Stimme und erlöste sie aus der misslichen Lage. Sie drehte sich um und sah in ein lachendes, immer noch jugendliches Gesicht.

„Hey Philipp! Das ist ja toll, dass du auch kommen konntest!“, rief sie ehrlich erfreut und umarmte ihn spontan.

„Hallo! Mensch, wie schön dich zu sehen! Zehn Jahre sind ja eine halbe Ewigkeit.“

Er hob sie in die Höhe, und drehte sich einmal um die eigene Achse, bevor er sie wieder absetzte.

„Pfff, alte Liebe rostet nicht, was?“, schnaubte Mark verächtlich.

„Hey Mark, alter Kumpel!“, rief Philipp und boxte ihn leicht auf den Oberarm. „Bist wohl immer noch neidisch, dass ich damals das Rennen gemacht habe, bei der heißesten Frau im ganzen Umkreis.“

„Die dich aber nicht geheiratet hat, sondern gleich nach dem Abi das Weite suchte!“, meinte Mark und grinste dabei hämisch.

Philipps Blick verdüsterte sich.

„Du bist doch das gleiche arrogante, sarkastische Ar…“

Svenja zog ihn schnell an seinem Jackenärmel ein Stück beiseite.

„Komm schon, du wirst dich doch nicht nach zehn Jahren immer noch von ihm provozieren lassen“, wisperte sie und bugsierte ihn schnell zu einer anderen Gruppe, mit hohem weiblichen Anteil. Im Gespräch mit den wesentlich netteren Exemplaren aus dem Kreise der Ehemaligen, entspannte er sich bald. Während er Anekdoten aus der Schulzeit zum Besten gab und die weibliche Anhängerschaft damit zum Lachen brachte, betrachtete sie ihn verstohlen von der Seite. Er hatte sich nicht viel verändert. Die Gesichtszüge waren zwar männlicher geworden, bargen aber dennoch eine gewisse Lausbubenhaftigkeit in sich. Von seiner dunkelblonden Lockenpracht hatte er bisher nicht viele Haare eingebüßt und in puncto Figur hatte sich auch nichts geändert. Immer noch diese groß gewachsene, schlanke Erscheinung, mit relativ schmalen Schultern und flachem Bauch. Damals hatte sie ihn attraktiv gefunden, war verliebt gewesen, doch wenn sie ihn jetzt betrachtete, konnte sie diese Empfindungen nicht mehr nachvollziehen. Jene Nacht hatte alles verändert. Sie hatte sich verändert. Svenja fragte sich, wie es Philipp seither ergangen war. Nach der Trennung hatten beide den Kontakt abgebrochen und keiner hatte je den ersten Schritt gewagt, ihn wieder aufzunehmen. Als könnte er ihre Blicke spüren, wandte er sich plötzlich zu ihr und zog sie lachend an der Hand zu sich heran.

„Komm Svenja-Schatz, jetzt wird Wiedersehen gefeiert!“ Er winkte einem Kellner und bestellte eine Runde Sekt. Sie bemühte sich zu lächeln und verfluchte Philipp gleichzeitig. Jetzt würden sich die ehemaligen Klassenkameradinnen gleich wie die Hyänen mit Fragen, was sie denn in den letzten zehn Jahren gemacht hatte, auf sie stürzen. Und genau so kam es. So selbstbewusst wie möglich, stillte sie deren Neugier. An den zurückhaltenden Reaktionen konnte sie erkennen, wie sich die meisten insgeheim daran ergötzten, dass sie nicht die große Karriere aufzuweisen hatte. Anja, die Staatsanwältin geworden war und noch vorhatte zu promovieren, verpasste ihr den größten Dämpfer.

„Willst du dich nicht doch noch für den Schuldienst bewerben? Ist auf Dauer bestimmt sicherer als Selbstständigkeit.“

Schon in Schulzeiten war Anja ihr zuwider gewesen. Immer strebsam, immer Bestnoten, immer Lehrerliebling und immer im Clinch mit ihr, der lebenslustigen und beim männlichen Volk beliebten Svenja.

„Ach wieso, ich bin mein eigener Herr und es läuft inzwischen prima. Schuldienst! Das ist bei näherer Betrachtung auch nicht optimal. Du strampelst wie blöde, kommst aber kaum vom Fleck. Bei mir ist das anders. Je mehr Energie ich reinhänge, desto mehr Erfolg sehe ich“, antwortete sie selbstbewusst.

„Aha. Na ja, ist wohl Ansichtssache“, meinte Anja etwas von oben herab und wandte sich dann demonstrativ von ihr ab, um sich mit Simone zu unterhalten. Svenja musste mühsam den aufkeimenden Ärger unterdrücken und hätte am liebsten Stufensprecher Stefan dafür geküsst, dass er alle mit lauter Stimme aufforderte, sich einen Platz zu suchen.

Philipp wich nicht von ihrer Seite und setzte sich, ohne zu fragen, neben sie. Es machte ihr nichts aus. Im Gegenteil. Philipp gehörte zu jenen, mit denen sie heute Abend gerne zusammen war. In der Art wie sie miteinander redeten und lachten, war deutlich die alte Verbundenheit spürbar. „Ist hier noch frei?“, unterbrach eine Männerstimme ihr tiefer gehendes Gespräch. Es war Mark, der ohne eine Antwort abzuwarten, einen Stuhl nach hinten schob und sich darauf setzte. Svenja verdrehte innerlich die Augen, sagte aber nichts, sondern nickte nur mit gezwungenem Lächeln. Sie verspürte wenig Lust, den gesamten Abend mit jemandem zu verbringen, den sie nicht leiden konnte und um des lieben Friedens willen ständig Freundlichkeit heucheln musste.

„Ich störe hoffentlich nicht eure traute Zweisamkeit“, sagte er in seiner unnachahmlich ironischen Art. Bevor einer der beiden eine passende Antwort geben konnte, ertönte das laute klingelnde Geräusch einer an ein Glas klopfenden Gabel, das alle im Raum schnell zum Verstummen brachte. Stefan hatte sich für seine Begrüßungsrede Gehör verschafft.

„Guten Abend, ich heiße euch ganz herzlich willkommen zu unserem zehnjährigen Jubiläum. Wenn ich mich so umsehe, haben es die meisten von euch geschafft zu kommen, was mich wirklich sehr freut. Herzlich begrüßen darf ich auch unseren damaligen Rektor Herrn Hummel und Herrn Seitz vom Matheleistungskurs.“

Lautes Gejohle und Klatschen brandete auf, als sich die Genannten kurz erhoben und „Guten Abend“ in die Runde nickten.

Stefan fuhr schließlich mit seiner Rede fort, in die er ein paar lustige Anekdoten eingeflickt hatte und erntete dafür großen Beifall. Doch dann kam der Moment, vor dem sie sich am meisten gefürchtet hatte. Stefans Lächeln erstarb. Mit belegter Stimme erinnerte er an das Unglück, das einen Schatten über die eigentlich glückliche Abiturzeit der Anwesenden gelegt hatte. „Aber bei allem Spaß, den wir hier haben, möchte ich auch an unsere liebe Klassenkameradin Maren erinnern, die leider nicht mehr bei uns sein kann.“ Er hielt kurz inne. „Lasst uns mit einer Schweigeminute ihrer gedenken.“

Er senkte den Kopf und alle taten es ihm gleich. Bedrückende Stille breitete sich im Raum aus, nur das Gemurmel der Gäste und das Geräusch von klapperndem Geschirr und Besteck drangen aus dem Nebenraum herüber.

Philipp nahm Svenjas Hand und drückte sie sachte. Das Unaussprechliche war gesagt worden. Erdrückend, schmerzend war die Erinnerung an das tragische Ereignis, an den Schockmoment, als sie von dem Unfall erfahren hatten. So spürbar waren jetzt die Gefühle, als wäre es gestern geschehen. Einen Abend lang hatte man sich zusammen gefunden, um den Schulabschluss fröhlich zu feiern und auf eine chancenreiche Zukunft anzustoßen. Ein unbedachter Moment hatte die Katastrophe ausgelöst. Keiner hatte je begreifen können, warum dieses hoffnungsvolle, junge Leben jäh an einem Baum enden musste.

Dankbar für sein Mitgefühl, drückte sie ebenfalls seine Hand. Ihre Blicke trafen sich und sie verstanden einander.

2 – Begegnungen

Mark wischte sich mit der Serviette über den Mund, nahm einen kräftigen Schluck von seinem Weizenbier und hatte danach sichtbar Mühe, einen lauten Rülpser zu unterdrücken.

„Aaah! Es geht doch nichts über einen original bayerischen Schweinebraten! Immer wieder gut!“, sagte er.

„Sprach der Arzt! Deine Cholesterinwerte freuen sich bestimmt auch …“, stichelte Svenja. Mark gab ein Stöhnen von sich.

„Die Spaßbremse hat gesprochen! Ärzte sind auch nur Menschen und Männer werden nun mal nicht satt von ein paar Salatblättchen, zwischen denen sich – 

Ei, wo sind sie denn? – Putenstreifen verstecken. Wir haben nicht so ein kleines Piepmatzmägelchen vom Grünfutter wie du, liebste Svenja!“

Eigentlich sollte es lustig klingen, doch so sehr sich Mark auch bemühte witzig zu sein, es kam beim Gegenüber dennoch als Spott an.

„Mensch Mark, kannst du eigentlich auch mal was Nettes zu deinen Artgenossen sagen?“, schnauzte Philipp ihn an und stand gleichzeitig auf. „Ich hole kurz Zigaretten und gehe dann eine rauchen. Kommst du auch nach draußen, Svenja?“

„Ja, ich komme gleich nach.“

Als Philipp verschwunden war, beugte sich Mark zu Svenja hinüber.„Sag mal, welche Laus ist denn dem über die Leber gelaufen?! Versteht auch gar keinen Spaß.“

„Deine sogenannten Späße sind auch schwer verdaulich, mein Lieber. Deine Galle produziert eindeutig zu viel Gift. Lass sie dir am besten entfernen. Obwohl, du als Chirurg kannst das ja im Do-it-yourself-Verfahren machen.“

Mark klatschte in die Hände, während Svenja sich erhob.

„Respekt! Auf den Mund gefallen bist du jedenfalls nicht. Da fällt sogar mir Schandmaul nichts mehr ein.“

Sie nickte ihm mit triumphierendem Grinsen zu, schnappte ihren Mantel und begab sich dann nach draußen. Einige Gäste standen in Grüppchen herum. Auf der Suche nach Philipp ließ Svenja ihren Blick über sie hinwegschweifen. Er war noch nicht hier.

„Entschuldigung, darf ich bitte vorbei?“, erklang eine tiefe Männerstimme hinter ihr.

Sie drehte sich um und blickte in zwei braun-grüne Augen.

„Natürlich, Entschuldigung.“

Svenja trat einen Schritt beiseite ohne den Blick abzuwenden. Ein dunkel gelockter, großer, schlanker Mann schob sich an ihr vorbei und auch er ließ sie dabei nicht aus den Augen. Beide lächelten sich an und keiner wusste warum.

„Von so einer hübschen Dame wird man allerdings gerne blockiert“, meinte er galant und blieb stehen. Svenja hatte keine Chance ihm zu antworten, denn irgendjemand rief: „Dennis, wir sind hier hinten!“

Er drehte sich um. „Komme gleich zu euch!“, rief er und sagte an Svenja gewandt: „Gehören Sie zu dem Klassentreffen?“

„Ja, zehnjähriges Jubiläum.“

„Tja, dann wünsche ich noch einen schönen Abend.“

„Gleichfalls!“

Neugierig sah sie ihm nach, wie er sich an den Grüppchen vorbei zu seinen Bekannten schlängelte. Die dunklen, in Stufen geschnittenen Locken reichten ihm bis in den Nacken und bedeckten den Kragen seiner dunkelgrauen Lederjacke, die er zu einer schwarzen Jeans trug. Er schien beliebt zu sein, denn er wurde mit großem Hallo und Gelächter empfangen.

Zwei Hände legten sich auf ihre Schultern.

„Jetzt musst du keine Löcher mehr in die Luft starren. Ich bin wieder da.“

Philipp trat neben Svenja und zündete sich eine Zigarette an. Seine Finger zitterten ein wenig.

„Rauchst du immer noch oder wieder?“

„Letzteres. Wenn man Stress hat, ist man dafür sehr anfällig.“

„Womit hast du denn Stress?“, fragte sie, während sie Ausschau nach Dennis hielt.

„Mit meiner Softwarefirma.“ Er fing an, seine Lebensgeschichte zu erzählen und gewann damit Svenjas uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Anfangs war es mit der Firma einigermaßen gut gelaufen, bis sein Partner wegen Unstimmigkeiten aussteigen wollte und dies in kürzester Zeit in die Tat umsetzte. Daraufhin ging es bergab. Philipp kaufte ihm seine Anteile ab, war aber alleine überfordert. Sein Partner hatte immer erfolgreich die Aufträge an Land gezogen, jedoch gehörte dies nicht gerade zu Philipps Stärken. Deshalb beauftragte er in seiner Not einen Unternehmensberater, um ihm und seiner Firma wieder auf die Beine zu helfen, doch dessen Arbeit brachte nicht den gewünschten Erfolg.

„Viel investiert, wenig gewonnen. Jetzt halte ich mich gerade so über Wasser.“

Er warf den glimmenden Zigarettenstummel auf den Boden und trat ihn mit der Fußspitze aus. Die vehemente Art, in der er dies tat, zeugte für Svenja von mühsam unterdrückter Wut. Es war sichtlich schwer für ihn, sich sein Beinahe-Scheitern einzugestehen.

Bilder aus der Vergangenheit tauchten vor ihr auf; Bilder, in denen sie zusammen Händchen haltend auf dem Rasen im Augsburger Freibad nebeneinander lagen, in den strahlend blauen Himmel schauten und sich in Zukunftsszenarien verloren. Alles erschien möglich damals, ein knappes Jahr vor dem Abitur.

Sie wollten die weite Welt jenseits des Elternhauses erobern. Philipp träumte von einer Karriere à la Bill Gates. Er hatte in scherzhaften Fantasien davon gesprochen, dass Svenja mit dem riesigen Vermögen ihres Gatten Philipp eine eigene Privatschule, für gut Betuchte natürlich, gründen könnte. Als Schulleiterin würde sie sich die Freiheit nehmen, nur exklusive Stunden in Kunst zu geben. Viel gelacht hatten sie über diese Visionen und doch hatte jeder insgeheim den Traum vom großen Erfolg geträumt.

Aber die Widrigkeiten des Lebens hatten sie eingeholt, schneller als sie es verkraften konnten. Die Scheidung von Philipps Eltern am Beginn seines Studiums hatte ihn in Windeseile in eine Zwangslage gehievt. Alleine auf sich gestellt, weil „die Alten“ (wie er seine Eltern seitdem despektierlich nannte) zu sehr mit ihrem Zerwürfnis und neuen Liebschaften beschäftigt gewesen waren, hatte er alle Entscheidungen ohne den elterlichen Rückhalt treffen müssen. Dazu hatte sich ein finanzieller Engpass gesellt, den eine Scheidung unweigerlich mit sich brachte. Kurzum, er hatte ums nackte Überleben gekämpft, hatte sich nebenher mit Jobs in Kneipen und einer Werbefirma über Wasser gehalten. Zwangsweise war sein Studium dabei ins Hintertreffen geraten, mit dem Ergebnis eines nicht glanzvollen Abschlusses, der die Chancen auf eine feste Anstellung enorm geschmälert hatte.

„Worüber denkst du denn nach?“, fragte er.

„Über die Vergangenheit. Und die geplatzten Träume.“

„Ja, manchmal frage ich mich auch, wie das Leben wohl aussähe, wenn wir zusammen geblieben wären. Besser? Was denkst du?“

„Vermutlich nicht. Und du weißt warum.“

Er nickte nachdenklich mit dem Kopf.

„Vielleicht haben wir uns aber auch zu wenige Chancen für eine gemeinsame Zukunft gegeben.“

Der Gesprächsinhalt begann für Svenja unangenehm zu werden. Unwillkürlich wandte sie ihren Blick von Philipp ab und ließ ihn über die anderen Gäste schweifen. Sie entdeckte den Schwarzlockigen und bemerkte, dass er sie gerade interessiert ansah. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen. Ohne es zu wollen, verzog sie den Mund zu einem Schmunzeln und blickte dann verlegen zu Boden.

„Bist du eigentlich liiert?“, fragte Philipp.

„Nein, schon seit einem halben Jahr nicht mehr. Mein Ex war ein toller Mensch, lieb und rücksichtsvoll, aber leider wollte er zu wenig vom Leben. Irgendwann hat er aufgehört sich Ziele zu setzen, hatte zuletzt das Temperament einer Schlaftablette, um es mal krass auszudrücken. Es hat einfach nicht funktioniert.“

Sie scharrte mit dem rechten Fuß imaginären Dreck beiseite. Es fiel ihr nicht leicht, über das Thema zu reden und sie hoffte, Philipp würde nicht mehr weiterfragen.

„Du hast ihn einfach so in die Wüste geschickt? Oder hast du ihm noch eine Chance gegeben, sich zu ändern?“

„Natürlich habe ich das, aber wie gesagt, es gab keine Gemeinsamkeiten mehr. Und jetzt Themawechsel, sonst frage ich dich über dein Liebesleben aus.“

„Schon gut … Schade, es hätte mich schon interessiert, schließlich bin ich auch so ein ausrangierter Lover von dir.“

„Themawechsel!“

Grinsend zog er eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie an. Svenja riskierte ihrerseits einen Blick in Richtung des Schwarzlockigen. Irritiert und erfreut zugleich registrierte sie, dass dieser sie wieder in Augenschein genommen hatte, und ihre Reaktion mit einem amüsierten Lächeln quittierte. Svenja musste ebenfalls wegen ihres pubertären Verhaltens schmunzeln.

„Wem lächelst du denn zu?“

Philipp sah interessiert in Svenjas Blickrichtung und zog gleich darauf verärgert die Augenbrauen zusammen.

„Was macht der denn hier?“

„Wer?“

„Dennis Lettmann. Der Letzte, dem ich heute begegnen wollte.“

„Meinst du etwa den da vorne mit der Lederjacke?“

„Ja, verdammt. Schau nicht so auffällig hin!“

„Warum? Was hast du denn mit ihm zu tun?“, fragte Svenja neugierig.

„Das ist der Unternehmensberater, der für mich tätig war, als die Geschäfte den Bach runtergingen. Ich habe dir doch vorhin von ihm erzählt. Seine Arbeit war mies, es lief danach kaum besser, aber er behauptete natürlich, dass ich seinen Masterplan nicht richtig umgesetzt hätte, dieses Ar…!“

„Philipp, nicht schon wieder diesen netten Titel!“, unterbrach sie ihn schnell.

„Ist doch wahr. Ich bezahle einen Haufen Geld, und was kommt dabei heraus? Nichts. Und dieser Mistkerl gibt dann auch noch mir dafür die Schuld!“

Svenja wusste nicht, was sie dazu sagen sollte, schließlich kannte sie die genauen Hintergründe nicht.

„Sollen wir hineingehen?“, fragte sie deshalb nur.

„Nein, ich will erst zu Ende rauchen. Weißt du, sein Dad, stinkreich, besitzt eine große Unternehmensberaterfirma, bei der er sein Söhnchen selbstverständlich in leitender Position angestellt hat, obwohl er nichts taugt. Immer dasselbe und ich muss es jetzt büßen. Fuck!“

Svenja konnte sich nicht erinnern, dass sich Philipp früher auch dieser Vulgärsprache bedient hätte. Sie sah ihm zu, wie er an seiner Zigarette zog und den Rauch nach einem tiefen Lungenzug heftig durch Mund und Nase ausstieß.

„Schone deine Lungen und lass uns hineingehen“, schlug sie vor, um ihn abzulenken.

Als er nicht gleich reagierte, nahm sie ihm kurzerhand die Zigarette weg, warf sie zu Boden und drehte den verdutzten, „Hey, was soll das?“ rufenden Philipp in Richtung Eingangstür.

Jemand schob sich knapp an ihr vorbei und blieb vor Philipp stehen.

„Hallo, Herr Schulte! Wie geht es Ihnen denn? Sie wollten sich doch noch einmal bei mir melden.“

Es war Dennis Lettmann, der ganz offensichtlich nicht primär am Wohlergehen von Philipp interessiert war, denn er sah hauptsächlich Svenja an und lächelte dabei.

„Wie soll es mir schon gehen, nachdem ich ganz knapp einem Insolvenzantrag entgangen bin, dank Ihrer stümperhaften Arbeit!“, giftete Philipp ihn an.

„Herr Schulte, ich habe Ihnen erklärt, woran es gelegen hat. Sie hätten meinen Geschäftsplan eins zu eins umsetzen müssen und nicht noch selber herumdoktern dürfen, dann hätte es hundertprozentig funktioniert.“

„Jetzt ist der falsche Zeitpunkt das zu besprechen, denken Sie nicht auch? Ich melde mich demnächst bei Ihnen. Einen schönen Abend noch, Herr Lettmann“, blaffte Philipp zurück und wollte sich an ihm vorbeischieben.

„Wo sind Ihre guten Manieren geblieben? Sie haben mir Ihre nette Begleitung noch nicht vorgestellt.“

Ungläubig, mit zusammengekniffenen Augen, nahm Philipp ihn ins Visier. Seine Gesichtsmimik spiegelte eindeutig seinen Kampf um Beherrschung wider. Svenja beobachtete ihn mit wachsendem Unbehagen und versuchte mit einem fröhlichen „Also, das kann ich auch selbst machen. Ich bin Svenja Grothe, ehemalige Klassenkameradin und Freundin von Philipp“ die Situation zu retten.

Sie reichte ihm dabei die Hand und zauberte ihr schönstes Lächeln auf das Gesicht.

„Dennis Lettmann, angenehm. Sehr angenehm sogar!“, meinte er mit einem charmanten Lächeln.

„Bfff“, schnaubte Philipp leise. „Ich geh jetzt wieder hinein, kommst du mit, Svenja?“

Sein Blick verriet, dass die Frage rein rhetorisch war und vielmehr die Aussage Du wirst dich doch nicht ernsthaft weiterhin mit diesem Kerl unterhalten wollen enthielt.

Natürlich konnte Svenja ihn verstehen, andererseits wollte sie sich nicht vorschreiben lassen, mit wem sie sich unterhalten durfte und mit wem nicht. „Geh schon mal voraus, ich möchte noch eine rauchen.“

Philipps Augenbrauen verschwanden vor Erstaunen unter seinen Stirnfransen. Noch vor einer Stunde hatte sie ihm stolz verkündet, dass sie es vor drei Jahren geschafft hatte, damit aufzuhören.

„Du enttäuschst mich“, meinte Philipp nur und ging wieder ins Lokal hinein.

„Ihr Freund scheint …“

„Ex-Freund“, berichtigte Svenja sofort.

„Okay, Ex-Freund. Er scheint jetzt beleidigt zu sein. Darf ich Ihnen eine Zigarette anbieten?“

Svenja zögerte. Wenn sie ablehnte, wusste er, dass sie nur seinetwegen draußen geblieben war, andererseits wollte sie deswegen aber auch nicht rückfällig werden.

Schließlich wusste sie ja nicht, ob dieser Kerl es überhaupt wert sein würde. Die meisten Bekanntschaften hatten sich in letzter Zeit beim ersten Schein als prachtvolle, aber beim genaueren Abklopfen, als extrem hohle Nüsse entpuppt.

„Vielen Dank, aber Ihre Sorte ist mir zu stark. Ich rauche lieber meine eigenen.“

Sie ließ eine Hand in ihrer Tasche verschwinden und tat so, als ob sie suchen würde.

„Also so was Blödes. Ich habe sie tatsächlich vergessen. Na macht nichts, ich will sowieso aufhören.“

Ungeniert und ohne rot zu werden, lächelte sie ihn trotz dieser faustdicken Lüge an.

Er erwiderte ihr Lächeln, doch Svenja vermochte nicht zu sagen, ob er ihr glaubte. In seinen Augen lag ein rätselhaftes Funkeln, das sie nicht deuten konnte.

3 – Vergangenheit und Zukunft

Eine halbe Stunde später gab Svenja die Hoffnung auf, mit Herrn Lettmann eine tiefer gehende Konversation führen zu können. Das lag allerdings nicht daran, dass es ihnen an Gesprächsthemen gemangelt hätte, sondern vielmehr an den permanenten Unterbrechungen. Immer, kaum dass sie ein paar Sätze gewechselt hatten, kam jemand von Svenjas ehemaliger Klasse zum Rauchen oder Luftschnappen nach draußen. Und jedes Mal entdeckte dieser Jemand Svenja mit einem lauten Hallo. Natürlich freute sie sich über die Aufmerksamkeit und die netten Gespräche. Zu ihrer großen Erleichterung hatte sich ihre ursprüngliche Befürchtung, es könnte Unangenehmes zur Sprache kommen, nicht bewahrheitet. Inzwischen wurde es ihr jedoch beinahe zu viel des Guten.

Die Krönung war schließlich Katjas inquisitorische Frage: „Hast du eigentlich schon Kinder?“ So etwas konnte ja nur von ihr kommen. Nur weil diese ihren Sandkastenfreund, mit dem sie im zarten Alter von fünfzehn eine Beziehung angefangen hatte, mit einundzwanzig geheiratet und in den folgenden sechs Jahren in gleichmäßigen Abständen drei Babys bekommen hatte, berechtigte es sie noch lange nicht, so derb mit der Tür ins Haus zu fallen.

„Kinder? Gott bewahre! Dafür war noch keine Zeit. Außerdem braucht man dazu erst mal den richtigen Partner. Samenbankbabys eignen sich nicht gerade für ein nettes Familienalbum.“

Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte sie, dass Dennis sie ansah. Wenigstens weiß er jetzt, dass ich noch solo bin, dachte sie nicht ohne Genugtuung.

„Ja, wie meine Mutter schon sagte, viele Verehrer, kein Bewerber!“, bemerkte Katja spitz.

Ihr begleitendes, gackerndes Lachen verlangte Svenja viel Selbstbeherrschung ab.

„Tja, nicht jeder hat eben so viel Glück in der Liebe wie du, Katja“, antwortete Svenja mit leicht bissigem Unterton.

„Du sagst es!“, entgegnete diese schnippisch und zog sich zur Freude Svenjas gleich darauf zurück.

„Die gehörte bestimmt nicht zum engeren Freundeskreis“, meinte Dennis schmunzelnd.

„Wahrlich nicht! Wahrscheinlich ist sie nur neidisch. Schließlich stelle ich es mir nicht gerade aufregend vor, in jungen Jahren nur mit Windeln wechseln, Breichen füttern und Kinderkrankheiten beschäftigt zu sein. Wenn ich da an meine wilde Studentenzeit mit Reisen und vielen neuen Freunden denke … Das möchte ich nicht missen.“

„Oh ja, das stimmt“, pflichtete Dennis ihr bei und fing an, lustige Geschichten aus seinem Studium zu erzählen. Als sich Svenja gerade eine Lachträne aus dem Auge wischte, sah sie über Dennis Schulter hinweg Philipp und Mark in der Eingangstür stehen.

Fuchtelnd gaben sie ihr zu verstehen, sie möge zu ihnen kommen. Ausgerechnet jetzt! Svenja ignorierte sie geflissentlich. Sie würde ganz bestimmt nicht das amüsante Gespräch unterbrechen wegen zwei Männern, die ihr aus unersichtlichem Grund wie zwei Fluglotsen auf dem Flugfeld zuwinkten und sie zum Einfliegen bewegen wollten.

„Ihr Ex-Freund langweilt sich wohl ohne Sie!“, meinte Dennis mit Blick zur Eingangstür.

„Sein Problem! Es gibt ja noch mehr Klassenkameradinnen hier, mit denen man sich nett unterhalten kann, wie man in der letzten halben Stunde mitbekommen hat.“

Beide mussten lachen. Er verstand ihren versteckten Humor und das fand Svenja äußerst sympathisch. Sie musste Philipp und Mark unbedingt loswerden und gab den beiden mit einem eindeutigen Kopfschütteln zu verstehen, dass sie nicht mehr belästigt werden wollte. „Wie lange waren Sie denn mit Philipp zusammen?“

„Zwei Jahre. Als wir zu studieren anfingen, trennten wir uns“, antwortete sie knapp. Es widerstrebte ihr, sich mit Dennis über ihren Ex-Freund zu unterhalten.

„Kann es sein, dass er wieder Interesse an Ihnen hat?“

„Wie kommen Sie denn darauf? Philipp freut sich nur, mich nach so langer Zeit wiederzusehen, mehr nicht“, sagte sie etwas pikiert.

Sie hoffte, dass Dennis das Signal verstand, nicht weiter zu bohren.

„Na, ich dachte nur, weil er wie ein Anhängsel an Ihnen klebt“, meinte er und verzog seinen Mund zu einem leichten Grinsen. „Übrigens ich bin Dennis, lassen wir doch das förmliche Siezen.“

„Gerne. Ich heiße Svenja.“ Sein warmer Händedruck war sanft und dennoch bestimmt. Er hielt ihre Hand ein paar Sekunden länger als nötig und sah ihr dabei lächelnd in die Augen.

Plötzlich stellte sich jemand dicht neben sie. „Sag mal Svenja, bist du jetzt zum Klassentreffen gekommen oder nicht? Jetzt komm doch endlich wieder mit rein“, riss Philipps Stimme sie erbarmungslos aus der Versunkenheit des Augenblicks.

Sie verspürte nicht die geringste Lust in den Gastraum zurückzugehen. Am liebsten hätte sie Philipp gesagt, er solle sich alleine auf der Versammlung der Altvorderen vergnügen. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Willst du etwas gelten, mach dich selten, kam es ihr in den Sinn. Ein Spruch, den ihre Omi ihr mit auf den Weg gegeben hatte, als sie dieser im zarten Teenageralter von den ersten Annäherungsversuchen des anderen Geschlechts erzählte. Sicherlich verfehlte diese Empfehlung auch in ihrem Alter nicht die Wirkung.

„Ja, gut, mir wird sowieso langsam kalt. Dennis, es hat mich gefreut, dich kennenzulernen. Vielleicht sieht man sich mal wieder.“

Es fiel ihr schwer nicht zu zeigen, wie sehr es ihr widerstrebte, sich verabschieden zu müssen. Insgeheim hoffte sie, dass er sie nach ihrer Handynummer fragte.

„Ja, hat mich auch gefreut. Dann noch viel Spaß heute Abend!“

Er legte kurz seine Hand auf ihre Schulter und ging dann zu seinen Bekannten.

„Komm endlich!“, sagte Philipp ungeduldig.

„Jetzt hör auf mich zu drängen, ich komme ja!“ Leicht zerknirscht warf sie noch einen Blick hinter Dennis her, der sich den Weg zu seinen Bekannten bahnte und folgte dann Philipp. Es wurmte sie, dass dieser aufgetaucht war und ihre Zweisamkeit gestört hatte. Vielleicht hätte sie ihn doch einfach wegschicken und sich mit Dennis weiter unterhalten sollen. Jetzt war er weg und wer weiß, ob sie ihn je wiedersehen würde.

„Also ein bisschen mehr Feingefühl hättest du schon zeigen können … Hast du eigentlich nicht gesehen, wie gut wir uns gerade unterhalten haben? Und jetzt habe ich nicht einmal seine Handynummer!“, maulte sie.

Philipp drehte sich zu ihr um. „Aber hallo! Du willst doch nicht ernsthaft mit diesem Deppen etwas anfangen!“

„Warum nicht? Du musst dein persönliches Problem mit ihm nicht auf mich projizieren. Ich fand ihn sehr nett. Aber leider war das Vergnügen, dank dir, nicht von langer Dauer.“

Philipp erwiderte nichts und ging mit mürrischem Gesichtsausdruck weiter. Als sie wieder am Tisch saßen, kam auch gleich Marks unverblümte Frage, warum Svenja so schlecht gelaunt sei. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und schluckte den Ärger hinunter, um nicht das Bild eines schmachtenden Teenagers abzugeben.

„Wie kommst du darauf, dass ich schlechte Laune habe? Mir ist nur entsetzlich kalt und ich hasse es zu frieren. Wenn ich aufgetaut bin, kann ich auch wieder lachen“, sagte sie mit einem versöhnlichen Augenzwinkern.

Mark kommentierte die Erklärung mit einem gebrummten „Aha“.

Philipp hingegen schloss aus ihrem Verhalten, dass seine Störaktion keine Nachwirkungen hatte und war erleichtert. Ab diesem Zeitpunkt war er überaus liebenswürdig zu Svenja. Sie ließ es geschehen, lachte über seine Witze, schweifte aber gedanklich immer wieder zu Dennis ab.

„Ich muss mal kurz zur Toilette, aber nicht verschwinden“, sagte Philipp und stand auf.

Mark hatte sich inzwischen an einen anderen Tisch gesetzt, sodass ihr ein Gespräch mit ihm erspart blieb. Stattdessen unterhielt sie sich mit Tanja und Steffi, die vorbeikamen und an ihrem Tisch stehenblieben.

„Hey Philipp, alles gut?“, rief Tanja fröhlich, als dieser schließlich wieder zurückkam.

Scheint nicht so, dachte Svenja, denn sie sah ihm sofort an, dass etwas nicht stimmte. In seinem Blick lag Nervosität.

„Ja klar … Und? Schon genug auf das Wiedersehen angestoßen?“, erwiderte er verkrampft lächelnd. Nach ein paar belanglosen Floskeln gingen die beiden wieder an ihren Tisch zurück und Philipp setzte sich mit einem Stoßseufzer neben Svenja.

„Bist du okay?“

Er gab einen Brummlaut von sich und nuschelte etwas in der Art ja, warum fragst du, ohne sie dabei anzusehen.

„Nun sag schon, ich sehe doch, dass dich etwas beschäftigt“, drängte Svenja, unruhig geworden.

„Ich hätte zu Hause bleiben sollen“, sagte er leise, „alles kommt wieder hoch.“

Svenja nickte bestätigend. „Mir geht es genauso.“ Mitfühlend streichelte sie seinen Arm. „Gibt es einen Grund, warum es dich jetzt plötzlich so sehr belastet?“, fragte sie vorsichtig nach.

„Jetzt ist genau das passiert, was ich immer vermeiden wollte“, platzte es aus ihm heraus. Er wirkte fast verzweifelt.

„Was meinst du damit?“

„Mir ist auf der Toilette Felix gegenüber eine Bemerkung herausgerutscht, ganz ungewollt.“

„Wie bitte? Was hast du denn gesagt?“ Svenja war alarmiert.

„Nichts Konkretes, nur eine vage Andeutung. Höchstwahrscheinlich hat er gar nicht verstanden, um was es genau geht.“

„Na hoffentlich! Mensch, Philipp, das ist …“

Sie konnte ihren Satz nicht beenden, denn Stefan trat an ihren Tisch und setzte sich unaufgefordert an Marks frei gewordenen Platz. Man sah, dass Philipp diese Ablenkung willkommen war, ganz im Gegensatz zu Svenja. Sie hätte gerne noch mehr über Philipps Begegnung mit Felix erfahren. So musste sie sich aber geschlagen geben und sich gezwungenermaßen auf die Unterhaltung mit Stefan einlassen.

Als sie ein Kribbeln in der Nase verspürte, kramte sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch und bemerkte dabei gar nicht, dass jemand hinter sie getreten war.

„Svenja, wir gehen noch woandershin. Ich wollte mich nur verabschieden“, sagte eine dunkle Stimme. Sie drehte sich um und hatte Mühe, ihren freudigen Schreck nicht zu offen zu zeigen, als sie in Dennis lächelndes Gesicht sah.

„Aha, ihr stürzt euch also noch ins Augsburger Nachtleben! Viel Spaß bei der Suche nach nicht hochgeklappten Bürgersteigen.“

Er grinste. „Ja, werden wir haben. Wenn ich mal wieder in Augsburg bin, könnten wir uns ja treffen. Verrätst du mir deine Handynummer?“

Es durchströmte sie warm vor Freude. Mit aufgesetztem Pokerface kritzelte sie ihre Nummer auf einen kleinen Zettel und reichte ihn Dennis, der sich mit angedeuteter Verbeugung dafür bedankte.

Für einen seligen Moment vergaß sie alle Probleme, die ihr auf der Seele lasteten. Sie konnte ja nicht ahnen, dass heftige Stürme sie erwarteten.

4 – Alles auf Anfang

„Hast du die Neuanmeldungen schon gesehen? Es sind zwei dabei, die Einzelunterricht wollen. Ich glaube, wir müssen noch mehr Nachhilfelehrer einstellen, wenn das Geschäft weiterhin so brummt!“, meinte Vera und stapelte einige Blätter raschelnd aufeinander. Keine Antwort. Sie hob den Kopf, wobei sie sich ein paar ihrer langen, schwarz-braunen Haarsträhnen hinter das Ohr klemmte, und sah besorgt zu Svenjas Schreibtisch hinüber. Schon seit mehreren Tagen hatte sie bemerkt, dass ihre Geschäftspartnerin und Freundin immer in sich gekehrter geworden war, aber den Grund dafür hatte sie ihr, trotz Nachfragen, nicht entlocken können.

„Mensch Svenja, das kann ja niemand mehr mit ansehen, wie du leidest. Da steckt hundertpro ein Mann dahinter, habe ich recht?“

Svenja gab einen kurzen Stoßseufzer von sich und klappte den Deckel ihres Laptops geräuschvoll zu.

„Ja, ertappt. Es ist wieder einmal das übliche Spiel. Du lernst jemanden kennen, er fragt dich nach deiner Handynummer, weil er sich wieder melden will, um ein Date auszumachen. Und was ist das Ergebnis? Ich warte immer noch, seit verdammten zwei Wochen!“

Es klang ziemlich wütend. „Weißt du, langsam habe ich es satt. Immer wenn man meint, jetzt kann man bald einen Prinzen küssen, verwandelt er sich in einen Frosch, bevor man es überhaupt getan hat. Vielleicht hätte ich ja doch mehr um die Beziehung mit Christoph kämpfen müssen. Wenn er nur ein bisschen mehr Power gehabt hätte. Warum habe ich ihn nicht zu mehr Action gezwungen, vielleicht wäre unsere Beziehung wieder in Schwung gekommen.“

Vera schüttelte verständnislos den Kopf.

„Aber das hast du doch und es hatte sich nichts geändert, gar nichts. Schon vergessen, wie du dich ständig abgemüht hast, ihn für irgendwelche Aktivitäten zu gewinnen? Fang jetzt bloß nicht an, dir etwas schönzureden. Eure Trennung war die logische Folge eures Zerwürfnisses und nichts hätte dies verhindern können. Schau lieber nach vorne, das bringt mehr.“

Svenja stand auf und ging zum Fenster, wo sie dem geschäftigen Treiben auf der Straße zusah. Vera konnte ihre Zerrissenheit natürlich nicht nachvollziehen, denn diese hatte das Glück, schon seit ihrer Studentenzeit in einer gut funktionierenden Beziehung leben zu können. Florian war immer hilfreich an ihrer Seite gewesen. Er hatte ihr beigestanden, als sie wegen ihrer enormen Prüfungsangst fast durch die Klausuren gefallen war, als sie in der Referendarzeit deswegen durch die Hölle ging, als sie keine Anstellung bekommen hatte und daraufhin den Entschluss fasste, eine Nachhilfeorganisation zu gründen. Immer stand er ihr mit Rat und Tat zur Seite. Mehr Liebe konnte man von einem Mann nicht bekommen.

„Ja, wahrscheinlich hast du recht. Aber das Schlimme ist, dass ab dreißig der Markt schon ziemlich ausgedünnt ist. Was bleibt denn übrig außer Geschiedenen, Beziehungsgeschädigten, Beziehungsunfähigen oder einfach nur Deppen? Die besten Männer jenseits dreißig sind meistens schon in festen Händen. Sei froh, dass du deinen Florian hast.“

„Eine Dauerbeziehung kann auch langweilig sein. Genieß doch dein aufregendes Singleleben. Für dich stehen noch sämtliche Türen offen, die für mich für immer verschlossen sind. “

Auf Svenjas Handy ertönten die eingespeicherten Jazzklänge und störten die Debatte darüber, ob das Leben nun mit oder ohne Partner lebenswerter war, empfindlich. Philipp ruft an, las Svenja auf dem Display und verdrehte gleich darauf die Augen. Warum meldeten sich immer die Falschen? Schon viermal hatte sich Philipp bei ihr gemeldet, um ein Treffen zu vereinbaren. Bisher war es ihr jedes Mal gelungen, ihn mit einer Ausrede abzuwimmeln, doch das konnte sie auf Dauer nicht durchhalten. Es hatte sie gefreut, ihn beim Abiturjubiläum wiedergetroffen zu haben. Sie hatten in schönen und weniger schönen Erinnerungen geschwelgt, hatten einen Abend lang miteinander gelacht und Spaß gehabt. Mehr nicht. Doch in Philipp musste es mehr ausgelöst haben, was ihn dazu brachte, Svenja ständig zu kontaktieren. Und sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Einerseits fand sie es schön, wieder Kontakt zu ihm zu haben, andererseits wollte sie nicht, dass er sich mehr erhoffte. Mit ihm würde die Vergangenheit erneut aufleben und den Blick nach vorne verstellen.

Sie überlegte, ob sie das Gespräch überhaupt annehmen sollte, kam aber zu dem Schluss, dass es das Problem Philipp nur zeitlich verschieben würde und hob ab.

„Hallo Philipp, wie gehts?“

„Hi Svenja! Gut, aber noch besser würde es mir gehen, wenn du mitkämst zum Kabarettabend in der „Kresslesmühle.“

Was hätte sie ihm antworten sollen? Dass sie zwar Kabarett liebte, aber lieber mit einer anderen Person dorthin gegangen wäre? Dass das nicht ging und sie deshalb lieber zu Hause bliebe? Dass für sie diese verkrampfte Suche nach dem idealen Partner ein verdammter Mist war? Natürlich nicht. Es wäre zwar die ehrlichste, aber nicht gerade die klügste Antwort gewesen.

„Na gut, für Kabarett bin ich immer zu haben. Wann wäre das?“, hörte sie sich fragen und konnte im selben Moment nicht glauben, dass sie ihm gerade zugesagt hatte.

„Super! Nächsten Samstag. Ich schreib dir eine Mail, wo und wann genau, und die Karten besorge ich auch schon mal. Mensch, das freut mich, dass du mitgehst! Also bis dann!“

„Ja, bis dann.“

Sie warf das Handy wie etwas Ekliges auf den Schreibtisch und ließ sich in den davor stehenden Bürosessel plumpsen.

„Sag bitte, dass es nicht wahr ist. Ich habe tatsächlich ein Date mit Philipp ausgemacht! Ich muss ganz schön verzweifelt sein!“

„Ja, allerdings. Vielleicht meldet sich Dennis ja doch noch“, meinte Vera verwundert.

„Ach Unsinn. Ich habe dieses Warten auf Godot inzwischen so satt! Dennis kann mir gestohlen bleiben, sag ich dir. Ich habe ihn in die Kategorie Deppen eingeordnet, die nicht wissen, was sie wollen.“

Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, öffnete sich die Tür zu ihrem Büro und der eben Genannte trat ein. Sie konnte kaum glauben, dass er es wirklich war. Mit großen Schritten und einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, durchquerte er den Raum und blieb vor der verdutzten Svenja stehen. Er sah noch besser aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Es musste daran liegen, dass seine schwarzen Locken jetzt in die Stirn fielen, was ihn jünger erscheinen ließ als sechsunddreißig. Zum dunkelgrauen Jackett trug er ein weiß-grau gestreiftes Hemd und eine schwarze, gepflegte Stoffhose im Five-Pocket-Stil. Sein Anblick ließ unwillkürlich die Schmetterlinge in ihrem Bauch aktiv werden.

„Hallo, Svenja. Es tut mir echt furchtbar leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich musste kurzfristig ins Ausland und habe in der Hektik leider den Zettel mit deiner Handynummer nicht mitgenommen.“ Er hob mit schuldbewusster Miene die Schultern. „Ich bin erst gestern Nacht zurückgekommen. Ich dachte, ich nutze den heutigen Termin in Augsburg gleich, um persönlich bei dir vorbeizuschauen. Voilà, hier bin ich.“

Sein Lächeln wirkte ehrlich und ungekünstelt und ließ ihren Ärger über ihn, den sie noch vor einer Minute empfunden hatte, verfliegen.

Sie fragte sich, wie viel er von ihren letzten Sätzen wohl gehört hatte, machte sich aber darüber nicht weiter Sorgen. Es konnte schließlich nicht schaden, wenn er wusste, wie sie über sein Verhalten dachte.

„Hallo, Dennis! Mit dir habe ich gar nicht mehr gerechnet!“, sagte sie und deutete zu Vera hinüber. „Darf ich vorstellen? Das ist Vera, meine Geschäftspartnerin, Dennis Lettmann.“

Er trat auf Vera zu und schüttelte ihr ebenfalls die Hand. Man konnte ihrem Gesichtsausdruck entnehmen, dass diese von seiner Erscheinung mehr als positiv überrascht war.

„Sehr erfreut“, sagte er und ließ dabei einen Blick durch den Raum schweifen. „Hier wird also ausgeheckt, wie man lernfaule Schüler wieder auf die Spur setzt.“

„Sprichst du etwa aus eigener Erfahrung?“, meinte sie in scherzhaftem Ton.

„Ja, erwischt. Mein Vater hat mir während der Schulzeit des Öfteren vermittelt, wie faul ich doch sei und mir als Konsequenz stinklangweilige, professionelle Nachhilfe aufgebrummt.“

Er verdrehte dabei kurz die Augen.

„Dann verstehe ich deine Aversion natürlich. Das macht mich jetzt hoffentlich in deinen Augen nicht total unsympathisch!“, entgegnete sie augenzwinkernd.

„Wäre die Nachhilfelehrerin damals nur halb so nett und hübsch wie du gewesen, dann hätte ich wahrscheinlich ein Einser-Abi mit Sternchen geschafft!“ Alle drei mussten über seine angeblich verpasste Chance lachen.

„Aber jetzt mal ganz ernsthaft. Es steckt nicht immer nur Faulheit dahinter, wenn die Zensuren schlecht ausfallen. Oft sind es auch familiäre Konflikte oder eine längere Krankheit.“

„Dann entschuldige bitte meine flapsige Bemerkung. Hast du übrigens heute Abend Zeit mit mir essen zu gehen?“

Svenja fühlte sich überfahren. Bis vor ein paar Minuten hatte sie geglaubt, wieder einmal einem Windhund, der seine Avancen nicht ernst gemeint hatte, aufgesessen zu sein, und jetzt stand er hier und fragte nach einem Date. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Vera hingegen schon.

„Du kannst ruhig ausgehen. Ich mache heute Abend die Buchhaltung.“

„Wo darf ich dich abholen?“, fragte er, doch Svenja reagierte nicht.

Schnell kritzelte Vera die Adresse auf einen Notizzettel und gab ihn Dennis.

„Super, vielen Dank. Ich muss jetzt leider zu einem Termin. Also ich hole dich um acht Uhr zu Hause ab. Ich freue mich, bis dann!“, sagte Dennis jovial, ohne Svenjas Antwort abzuwarten und verließ schnurstracks das Büro.

Sie sah ihm ungläubig nach.

„Gehts noch? Habt ihr gerade über meinen Kopf hinweg ein Treffen vereinbart oder träume ich?“

„Also jetzt freu dich doch! Vorhin hast du dich noch über den leergefegten Männermarkt beklagt, und jetzt kannst du mit diesem Traummann essen gehen. Das ist ja wirklich ein Sahneschnittchen. Und selbstbewusst! Wenn ich noch Single wäre, dann würde ich keine Sekunde überlegen!“, meinte sie und kicherte albern wie ein Teenager.

Svenja, mit allen Wassern gewaschen, war etwas skeptischer.

„Mag ja sein, aber er scheint mir ein bisschen zu selbstbewusst zu sein. Man wartet doch zumindest eine Antwort ab. Aber er verschwendet nicht mal einen Gedanken daran, dass ich nein sagen könnte. Eigentlich sollte ich ihm aus Prinzip absagen.“

Vera gab einen stöhnenden Laut von sich.

„Weißt du, was dein Problem ist? Du denkst zu viel nach und analysierst einen neuen Typen solange, bis er dir absolut unsympathisch ist, obwohl es nicht der Realität entspricht. Geh mit ihm aus, alles andere ergibt sich von selbst.“

Nachdem sie das fünfte Oberteil wieder ausgezogen und auf ihr Bett geworfen hatte, ärgerte sie sich über sich selbst.

Du benimmst dich wie die überdrehten Hauptfiguren in diesen schrillen Komödien, die auf der Suche nach dem passenden Outfit für das erste Treffen mit dem Traumprinzen ihren gesamten Kleiderschrank umdrehen , fluchte sie in Gedanken.

Sie war schon perfekt geschminkt und frisiert, doch bei der Kleidung hatte sie ständig etwas auszusetzen. Zu fein, zu leger, zu brav, zu bunt, zu fad. In einer halben Stunde würde er läuten und sie stand noch in Dessous vor ihrem Spiegelschrank! Nach weiteren fünf Minuten Überlegung, entschloss sie sich endlich zu einer schwarzen, schmal geschnittenen Jeans, einem schwarz-weiß gemusterten T-Shirt mit raffiniertem Ausschnitt und einem schwarzen Blazer. Ihre hochhackigen, schwarzen Pumps passten ideal dazu. Zufrieden lächelte sie ihrem Spiegelbild zu. Nichts deutete darauf hin, dass sie für dieses Ergebnis mehr als eine Stunde verbraten hatte.

Lächerlich, dachte sie. Wenn er nun gar nicht kam? Oder sich als Mogelpackung entpuppte? Dann wäre dieser ganze Aufwand umsonst gewesen.

Eigentlich dachte ich, dass ich diese Phase mit Ende der Pubertät überwunden hätte. Aber wenn die Hormone anfangen zu tanzen, gibt es anscheinend keine Altersgrenze für idiotisch verliebtes Verhalten , überlegte sie.

Aus dem Untergeschoss drangen diverse Geräusche nach oben. Sie vermutete, dass ihre Eltern vom Einkauf zurückgekehrt waren. Jetzt wäre es nicht zu vermeiden, dass sie die Ankunft von Dennis mitbekamen. Wie satt sie es hatte, immer unter Beobachtung zu stehen. Ihr Vater, Filialleiter eines Supermarktes, war nicht begeistert gewesen von den Plänen Svenjas, sich selbstständig zu machen. „Warte doch lieber ab, bis du in den Schuldienst kommst. Wenn du mal verbeamtet bist, dann passiert dir nichts mehr. Dann kannst du auch in Ruhe Babypause machen, deine Stelle ist dir trotzdem sicher und deine Altersversorgung auch“, hatte er gepredigt. Doch er hatte gegen ihre Argumente keine Chance. Sie legte ihm dar, dass die Wartezeit bis zur Einstellung als Lehrerin einige Jahre dauern würde und sie deshalb ohnehin irgendeinen anderen ungeliebten Job übernehmen müsste. „Da ist es doch viel besser, wenn ich meine Energie gleich in dieses Projekt stecke“, war ihr Credo, das ihn schließlich umstimmte. Svenja rechnete es ihm hoch an, dass er sie trotz einiger Vorbehalte unterstützt hatte, indem er sie gegen eine geringe Mietzahlung im Dachgeschoss ihres bescheidenen Einfamilienhauses wohnen ließ. Es hatte ihr sehr geholfen, denn die Mietkosten und der Ausstattungskredit für ihre Nachhilfeeinrichtung, ließen ihr anfangs keinerlei finanziellen Spielraum. Sie hatte es auch abgelehnt, dass ihre Mutter, die als Verwaltungsangestellte in der Stadtklinik mit einem Teilzeitvertrag arbeitete, von ihrem kleinen Gehalt etwas abgab.

Inzwischen liefen die Geschäfte jedoch so gut, dass sie daran denken konnte, sich eine eigene Wohnung zu mieten. Dann müsste sie sich auch nicht mehr ständig erklären. Warum sie schlecht drauf war, warum sie bis spät in die Nacht arbeitete, wer der nette junge Mann war, der sie besucht hatte oder warum sie keine Lust hatte, mit ihnen Kaffee zu trinken. Sie brauchte mehr Freiraum, so gerne sie ihre Eltern auch hatte. Bei der nächsten Gelegenheit würde sie jedenfalls ausziehen.

Was würde Dennis darüber denken, dass sie noch im Haus ihrer Eltern wohnte? Dieser Gedanke war ihr plötzlich sehr unangenehm. Sie fragte sich bange, ob es seine Meinung über sie beeinflussen würde.

Es klopfte an ihrer Wohnungstür.

„Schatz, wir sind wieder da. Isst du mit uns?“, fragte ihre Mutter. Svenja verdrehte die Augen und ging zur Tür, um sie zu öffnen.

„Hallo Mama. Nein, danke. Ich gehe heute aus.“

„Ah, deswegen bist du so schick. Kennen wir ihn?“

Morgen würde Svenja als Erstes die Mietanzeigen studieren.

„Nein, er ist ganz frisch reingekommen, wie das Gemüse in Papas Supermarkt“, sagte sie in scherzhaftem Ton. „Entschuldige Mama, ich habe jetzt leider keine Zeit für eine längere Unterhaltung. Wir reden morgen, okay?“

Die Enttäuschung war ihrer Mutter, der sie, abgesehen von den Spuren des Alters, fast zum Verwechseln ähnlich sah, deutlich anzusehen, doch ihr Bemühen war groß, sich nichts anmerken zu lassen.

„Gut, dann störe ich nicht länger. Morgen musst du mir aber alles erzählen. Viel Spaß heute Abend.“ Sie gab ihrer Tochter einen Wangenkuss und ging dann wieder die Holztreppe hinunter.

Svenja wusste genau, was ihre Mutter jetzt tun würde. Sie würde sich am Küchenfenster, das sich neben der Haustür befand, postieren, um einen Blick auf ihren Besucher zu werfen. Solange ihre Mutter es unterließ in den Flur zu gehen, um Dennis persönlich zu begegnen, konnte es ihr gleichgültig sein, denn es war nun mal nicht zu ändern.

5 – Enthüllungen

„Das Tagesmenü ist sehr zu empfehlen“, sagte der elegante Ober zu Svenja gewandt, die immer noch unschlüssig in der überdimensional großen Speisekarte blätterte. Er goss schon zum zweiten Mal Mineralwasser in ihr Trinkglas und stellte die Flasche auf den Tisch. Das hätte ich auch selbst tun können, dachte sie.

Wenn sie noch länger für die Entscheidung bräuchte, dann würde Dennis merken, wie verunsichert sie war und dass sie die meisten Gerichte gar nicht kannte. Sie bestellte deshalb das empfohlene Tagesmenü und bereute es gleich wieder. Der Preis war so astronomisch hoch, er würde ihr Budget fast sprengen. Doch jetzt konnte sie nicht mehr zurück, sie wollte sich vor Dennis keine Blöße geben. Nicht bei der ersten Verabredung.

Eigentlich hatte sie angenommen, sie würden in eine gemütliche Pizzeria gehen, aber Dennis war zielgerichtet zu einem Feinschmeckerlokal gefahren. Dass er sie in einem Porsche dorthin entführte, war der erste Schock an diesem Abend gewesen, und die Preisgestaltung der Speisekarte der zweite, höchst unangenehme. Für Leute wie Dennis war das ganz normal, wie ihr schien. Er verlor kein Wort wegen der hohen Preise.

Sie beobachtete ihn verstohlen über den Kartenrand hinweg, wie er souverän irgendein Gericht in französischer Sprache mit einer exotischen Vorspeise bestellte. Er hatte auch eine genaue Vorstellung, welchen Wein er dazu trinken wollte. Man sah, dass es für ihn nichts Außergewöhnliches war, in solchen Lokalen zu verkehren.

Er kommt aus einer ganz anderen Welt, dachte sie. Hoffentlich merkt er nicht, dass das alles Neuland für mich ist. Ich will mich auf keinen Fall gleich beim ersten Date blamieren.

„Gefällt es dir hier nicht?“, fragte Dennis etwas besorgt.

„Was? Nein, ja, doch natürlich, warum?“

„Ach, weil du so nachdenklich wirkst.“

„Entschuldige, aber heute ist mir klar geworden, dass ich unbedingt bei meinen Eltern ausziehen muss. Es nervt mich nur noch, diese ewige, gutgemeinte Fragerei, ob man mitessen will oder wer der Besuch war.“

Dennis grinste. „Heute Abend gibt es demnach wieder Gesprächsstoff für deine Eltern.“

„Ja, Klein-Svenja wird von einem gutaussehenden Mann in einem Porsche abgeholt. Die Nachbarn ringsum haben sich bestimmt die Nasen platt gedrückt, so unüberhörbar wie dieses Gefährt ist.“

Dennis zuckte mit den Schultern.

„Ist doch auch bloß ein Auto mit einem Lenkrad und vier Rädern.“

„So reden nur Leute, die noch nie einen fünfzehn Jahre alten Kleinwagen fahren mussten. Immer mit einem Ohr nach draußen gerichtet, um zu hören, ob der Auspuff noch dran ist“, hielt Svenja dagegen.

„Sorry, ich hoffe du hältst mich jetzt nicht für arrogant. Weißt du, mein Vater hat mich materiell immer verwöhnt, aber ich musste auch Gegenleistung bringen.“

„Und wie sah die aus?“

„Studieren, einen guten Abschluss machen, in die Firma einsteigen und lukrative Aufträge an Land ziehen.“ In der Art wie er es sagte, schwang eine gewisse Verachtung mit.

„Dem Auto und Lokal nach zu schließen, ist dir das bestens gelungen. Weißt du eigentlich noch wie eine Pizzeria von innen aussieht?“, neckte sie ihn.

Er lächelte etwas gezwungen, entgegnete aber nichts, da der Kellner die Vorspeise brachte. Ein rosafarbener schaumiger Klecks schmiegte sich an eine Art Gebäck, das aus verschiedenen Gemüsesorten zu bestehen schien. Eine grüne Soße, die kunstvoll darüber getröpfelt war, vervollständigte die Kombination, die auf dem riesigen Teller etwas verloren aussah. „Sieht … sehr interessant aus“, meinte sie nach einigen ungläubigen Sekunden und ließ ihre Hände über dem Besteck kreisen. „Von außen nach innen, stimmts?“ Sie sah Dennis fragend an, der leise in sich hineinlachte.

„Du bist echt süß. Soll ich dir mal etwas verraten? Manchmal nervt mich dieses ganze Klimbim auch. Das nächste Mal darfst du das Restaurant aussuchen.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, sagte sie und schob einen Bissen in den Mund.

Dennis nahm einen Löffel zur Hand und begann ebenfalls zu essen. „Vorhin dachte ich schon, du willst eine Diskussion über die soziale Schere in unserem Land führen, du kleine Rebellin“, sagte er und tupfte sich mit der Stoffserviette den Mund ab.

„Keine Angst. Ein Drei-Sterne-Restaurant ist vielleicht nicht gerade der geeignete Ort, um dich empört mit Austern zu bewerfen, auf den Tisch zu springen und sozialistische Parolen zu brüllen. Das hätte uns schließlich den Appetit verdorben. Und dafür ist das Essen viel zu köstlich“, erwiderte sie verschmitzt.

Er lachte. „Du bist witzig! Das gefällt mir. Weißt du, nicht alle Frauen sind so locker drauf.“

„Inwiefern?“

Dennis Miene wirkte nachdenklich, als er antwortete: „Die meisten gaben mir bisher das Gefühl, nicht an mir, sondern an meiner reichen Herkunft interessiert zu sein. Welcher Mann will sich schon über seinen Vater und das, was dieser erreicht hat, definieren?“

„Kann ich nachvollziehen. Hast du schon mal daran gedacht, dich beruflich von ihm zu lösen?“

Dennis gab ihr keine Antwort. Sein Blick wirkte abwesend. Er schien gedanklich sehr weit von ihr entfernt zu sein.

„Hallo! Erde an Mars.“ Sie berührte kurz seine Hand, worauf er zusammenzuckte.

„Entschuldige, was sagtest du?“

Sie wiederholte die Frage. Dennis seufzte. „Das ist leichter gesagt, als getan. Familienbande, wenn du verstehst.“

Svenja nickte. „Ja, klar. Ich kann ein Lied davon singen. Mein Kampf in die Unabhängigkeit war auch nicht leicht.“

Der Kellner kam und schenkte einen Schluck Rotwein in Dennis Glas ein, den dieser kostete und dann nickte. Nachdem beide Gläser gefüllt waren, prostete Dennis Svenja zu.

„Auf dein Wohl! Ich schätze selbstbewusste Frauen mit Widerhaken, es dürfen nur nicht zu viele sein.“

„Gut zu wissen! Auf dein Wohl!“

Drei kulinarische Gänge später legte Svenja beide Hände auf den Bauch.

„Ich muss ja zugeben, dass ich so etwas Gutes noch nie gegessen habe. Aber am Abend bin ich es nicht gewöhnt so viel zu essen, obwohl die Portionen schon übersichtlich waren, bei den hohen Preisen. Die verdienen sich ja dumm und dämlich!“

Nach zwei Gläsern Wein, hatte sich Svenjas Zunge ziemlich gelockert.

Dennis schüttelte schmunzelnd den Kopf und drehte sich kurz nach hinten, um zu sehen, ob jemand diese Bemerkung gehört hatte.

„Möchtest du vielleicht noch einen Espresso oder eine Tasse Kaffee? Oder einen Schluck Likör? Obwohl, ich glaube du hast genug getrunken.“

„Nein danke, ich möchte lieber gehen, damit ich wieder in normaler Lautstärke sprechen kann, hicks.“

„Luft anhalten und bis zehn zählen.“

Dennis grinste, sah sich noch einmal um und gab dem Ober ein Zeichen, dass er zahlen wollte.

„Fang jetzt bitte keine Diskussion an, wenn ich die Rechnung zahle. Ich mache das gerne und du musst dich deswegen auch zu nichts verpflichtet fühlen. In Ordnung?“

„Nein, ist es nicht. Ich sagte doch, ich liebe die Unabhängigkeit und dazu gehört auch, dass ich mein Essen selbst bezahle, hicks. Verdammter Schluckauf!“

„Hier ist es aber nicht üblich, dass man getrennt zahlt. Du kannst mich ja noch auf ein Bierchen in eine Bar einladen.“

Der Ober stand plötzlich neben ihnen und legte die Rechnung vor Dennis auf den Tisch.

Als Svenja den Mund öffnete, um zu protestieren, sah Dennis sie beschwörend an, worauf sie verstummte. Es lag eine Entschiedenheit in seinem Blick, die keinen Widerspruch duldete. Alle Sanftheit war für einen Moment aus seinen Augen gewichen, doch als er sah, dass sie klein beigab, verschwand diese Härte sofort wieder. Svenja nahm ihre Umhängetasche von der Stuhllehne und zog den Blazer an. Dieses Chamäleon der Gefühle in seinen Augen hatte sie verunsichert.

Während sie schweigend zum Auto gingen, überlegte sie, ob es klug wäre, noch in ein anderes Lokal mit ihm zu gehen. Eine innere Stimme sagte ihr, den Abend hiermit zu beenden.

„Es ist erst zehn Uhr. Wollen wir noch in den ,Pantheon Club gehen?“, fragte er, während er ihr galant die Autotür aufhielt. Sein gekonnt eingesetzter Hundeblick machte jeglichen rationalen Gedanken zunichte.

„Na gut. Das ist sozusagen mein zweites Wohnzimmer.“

Nach einer lustigen Autofahrt, bei der Dennis den Motor bei jeder Ampel extra laut aufheulen ließ, um sie zu ärgern, waren alle Zweifel wie weggewischt und sie war bester Laune, als sie das Lokal betraten. Doch diese sollte nicht von langer Dauer sein.

Während die beiden in der gut besuchten und spärlich beleuchteten Bar an ihren Cocktails nippten, stellte Dennis einige Fragen nach ihrem Elternhaus, die sie nur unwillig beantwortete. Sie war mit ihm ausgegangen, um der Käseglocke, die ihre Eltern unabsichtlich mit ihrer fürsorglichen Art über sie stülpten, zu entkommen. Und jetzt sollten ausgerechnet sie der Gesprächsinhalt sein!

Nur zögerlich erzählte sie ihm ein wenig von ihrer Familie. „Bei meinem Vater bricht immer wieder der Alt-68er durch, das hat mich wohl auch mitgeprägt.“

„Ja, das Elternhaus hat immer einen großen Einfluss, ob im Positiven oder Negativen. Da benötigt man eine enorme Willenskraft, um sich davon zu lösen.“

„Wenn man genügend Geld hat, ist das doch bestimmt viel einfacher, oder?“

Dennis drehte sein Glas wortlos in seinen Händen. „Manchmal ein Irrglaube“, sagte er nach einer Weile beinahe emotionslos. Svenja wippte unruhig mit den Füßen. Obwohl sie genau spürte, dass sie das Thema besser vorerst ad acta legen sollte, konnte sie nicht anders, als in Angriffsstellung zu gehen. „Aber Tatsache ist, dass man nicht ständig um die nackte Existenz kämpfen muss. Seit ich selbstständig bin, weiß ich erst, was Geldmangel bedeuten kann. Anfangs stand mir das Wasser bis zum Hals. Zum Glück haben mich meine Eltern unterstützt.“

„Womit du dich von ihnen abhängig gemacht hast, obwohl du sagtest, du liebst die Unabhängigkeit“, konterte Dennis. „Gilt das also nur in Bezug auf Männer?“

„Ich hatte keine Wahl“, antwortete sie trotzig, „und bei Eltern ist das sowieso etwas ganz anderes. Wie ist denn das Verhältnis zu deinen alten Herrschaften?“

Dennis sah sie mit unbewegter Miene an und sagte dann in einer vollkommen ausdruckslosen Art, so als würde er eine Bemerkung übers Wetter machen: „Ich habe meine Mutter getötet.“

Leise vor sich hin pfeifend ging Philipp auf den Eingang des „Pantheon Clubs" zu. Seine Laune war prächtig, denn heute hatte er endlich die ersehnte Zusage Svenjas bekommen, ihn zum Kabarettabend zu begleiten. Seit dem Klassentreffen musste er ständig an sie denken. Als er sie gesehen hatte, mit ihrem bezaubernden Lächeln und ihrer unerschrockenen Art, waren die alten, verdrängten Gefühle wieder wach geworden. Ihm war auf einmal bewusst geworden, wie viel sie miteinander verband. Schwungvoll stieß er die Tür auf und trat ein. Lautes Stimmengewirr schlug ihm entgegen. Er fragte sich, ob sein ehemaliger Studienkollege schon hier wäre und blickte sich suchend um.

Tatsächlich entdeckte er ihn in der hinteren Ecke des Raumes. Zielstrebig steuerte er auf ihn zu, als er im Augenwinkel sah, dass jemand aufgeregt winkte. Svenja! Was machte sie denn hier? Svenja saß zwei Tische weiter und war halb von ihrem Stuhl aufgestanden. Ihr Begleiter war ein dunkelhaariger Mann, der sich in diesem Moment verwundert nach ihm umwandte. Spontaner Ärger stieg in ihm hoch. Dennis Lettmann! Sie hatte sich also tatsächlich auf ihn eingelassen! Und für ihn war nie Zeit übrig. Für einen Moment war er im Begriff sie zu ignorieren, doch etwas in ihrem Gesichtsausdruck hielt ihn davon ab. Ihr Blick wirkte alles andere als gelöst, irgendwie bestürzt, entsetzt. Er musste wissen, was das zu bedeuten hatte und ging auf sie zu. Sofort sprang Svenja auf, während Dennis nach ihrer Hand griff, um sie zurückzuhalten.

„Hey, um Himmels willen, das …“, hörte Philipp ihn noch sagen. Svenja schüttelte schnell Dennis' Hand ab und umarmte Philipp.

„Wie schön dich zu sehen“, rief sie ehrlich erfreut.

„Hallo, freut mich auch! Alles in Ordnung?“ Er löste die Umarmung und sah sie forschend an. Sie zögerte kurz, bevor sie „Soweit, so gut. Komm setz dich zu uns“ sagte.

Philipp nickte dem finster dreinblickenden Dennis zu und setzte sich.

„Eigentlich sollte ich ja sauer sein. Jedes Mal wenn ich mich mit dir verabreden wollte, hattest du keine Zeit oder schon etwas anderes vor, aber dich mit Herrn Lettmann zu treffen ist wohl kein Problem“, meinte Philipp in gespielt schmollendem Ton.

„Aber Sie scheinen ein Problem damit zu haben. Ich denke, es geht Sie nichts an, mit wem Svenja sich trifft.“

Philipps Lächeln verschwand. Mit zu Schlitzen verengten Augen fixierte er Dennis und konnte nur mühsam seine aufkommende Aggression gegen diesen Mann unterdrücken.

„Letzteres gilt auch für Sie. Nächsten Samstag geht Svenja jedenfalls mit mir aus, nur zu Ihrer Information“, antwortete er in giftigem Ton.

„Philipp, lass das. Bist du öfter hier?“, fragte Svenja, um Deeskalation bemüht. Es galt zu vermeiden, dass er gleich wieder verschwand, denn um nichts in der Welt wollte sie den Rest des Abends mit Dennis alleine verbringen, der ihr gerade ohne mit der Wimper zu zucken gesagt hatte, er hätte seine Mutter umgebracht. Was für einen Psychopathen hatte sie da aufgegabelt? Wie durch einen Nebel hörte sie Philip sprechen.

„Ziemlich oft, seit ich wieder in Augsburg bin. Wir können nächsten Samstag nach dem Kabarett hierher gehen. Ich habe dir übrigens alle Informationen per Mail geschickt. Also wir sehen uns dann!“

Er stand auf und gab ihr ein Küsschen auf die Wange.

„Du gehst schon?“ Svenja geriet in Panik.

„Ein ehemaliger Studienfreund wartet auf mich. Ich bin doch hier sowieso nur der Störenfried. Also, bis Samstag!“

Sie hatte große Mühe nicht dem Impuls nachzugeben, ihn am Ärmel festzuhalten. Hilflos musste sie zusehen, wie er sich immer weiter entfernte und sie ihrem Schicksal überließ.

„Ich muss mal für kleine Mädchen“, sagte sie und erhob sich. Dennis hielt sie am Arm fest und zwang sie, sich wieder zu setzen.

„Jetzt hör doch mal zu – ich bin kein Mörder. Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben.“

Sie sah ihn kopfschüttelnd an. Sollte sie lachen, weinen oder sich ganz einfach für ihre Überreaktion schämen? Wieso hatte er dieses grausame Schicksal in einem einzigen fatalen Satz ausgedrückt? Was war das nur für ein Typ, der offensichtlich noch Scherze damit machte, um sein Gegenüber zu schockieren? Oder zu prüfen? Oder um sich selbst vor Verwundungen zu schützen?

„Das ist ja furchtbar! Aber hättest du mir das nicht schonender beibringen können? Ich dachte schon, ich hätte es mit einem Psychopathen zu tun.“

„Entschuldige, es ist mir so herausgerutscht. Weißt du, wenn man sein Leben lang spürt, dass die eigene Existenz schuld ist an der Vernichtung einer anderen, macht einen das zum Zyniker.“ Er lehnte sich zurück und sah sie an. In seinem Blick war nichts Zynisches zu finden, nur Traurigkeit. „Aber du hast vollkommen recht. Das war wirklich nur blöd, es dir so mitzuteilen. Entschuldige bitte.“ Seine ehrlich gemeinten, reuevollen Worte besänftigten sie.

„Woran ist deine Mutter gestorben?“

„Sie war herzkrank und als es Komplikationen gab, mussten sie sofort einen Kaiserschnitt machen. Aus der Narkose ist sie nicht mehr aufgewacht. Mein Vater muss mich gehasst haben.“

„Aber nein, das glaube ich nicht.“ Svenja war erschüttert.

„Er hat mich sofort in die Obhut seiner Schwester gegeben, die schon drei Kinder hatte. Das ist doch Beweis genug.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass es Hass war, eher grenzenlose Überforderung“, sagte sie leise. Sie war zutiefst berührt von diesem Schicksal und nahm wortlos seine Hand in ihre. Zu mehr war sie in diesem Moment nicht fähig. Ein plattes „Das tut mir so leid“ würde ihm sicherlich nicht weiterhelfen. Dankbar für ihr Mitgefühl sah er sie an und erzählte, dass seine Tante im Laufe der Zeit an ihre Grenzen gestoßen war. „Als ich drei Jahre alt war, nahm er mich wieder zu sich, nachdem er meine Stiefmutter geheiratet hatte.“

Sie nickte nur. Was sollte sie auch dazu sagen? Na siehst du, es hat sich doch alles zum Guten gewendet? Sie wusste ja nicht, wie es für Dennis gewesen war, mit wechselnden Ziehmüttern aufzuwachsen, wie das Verhältnis zu seiner Stiefmutter jetzt aussah. Sie wollte ihm nicht mit unpassenden Fragen zu nahe treten. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er auch nicht gewillt, weiter darüber zu sprechen.

Die immer lauter werdenden, durcheinander schwirrenden Stimmen und das Gelächter, in der inzwischen dicht bevölkerten Bar, ließen die Situation bizarr erscheinen. Alle waren hier, um sich zu amüsieren, um den Alltag und die Sorgen für eine Weile zu vergessen. Svenja dagegen saß hier mit einem Vorzeigemann, der auf den ersten Blick gesehen, auf der Sonnenseite des Lebens zu stehen schien, was sich aber als Trugbild herausgestellt hatte. Er tat ihr leid. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, fühlte sich hilflos. Beide richteten ihren Blick auf die Menschen im Raum, beide schwiegen, beide überlegten angespannt, wie sie die Situation wieder auflockern könnten. Dennis sprach als Erster.

„Will Philipp etwas von dir?“

Sie hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit so einer Frage.

„Das glaube ich nicht. Er will sich nur mal mit mir treffen. Warum interessiert dich das?“

Er lächelte charmant. „Warum wohl.“

Sein Blick war plötzlich so weich, so liebevoll, aller Kummer wie ausgelöscht. Zärtlich legte er seine Finger unter ihr Kinn und zog sie sachte zu sich heran. Sein Gesicht war jetzt ganz nah, sie konnte seinen Atem spüren. Im nächsten Moment lagen seine weichen, vollen Lippen auf ihren, verschmolzen förmlich mit ihnen. Sie nahmen nichts mehr wahr, nicht das Stimmengewirr, nicht die Musik. Es gab nur sie beide. Jemand streifte beim Vorbeigehen versehentlich Svenjas Schulter und beendete diesen magischen Moment. Nur ungern lösten sie sich voneinander. Sie sagten nichts, lächelten sich nur an. Dennis nahm dabei ihre Hände in seine und streichelte sie. In seinem Blick lag ein Ausdruck von Glück und Sehnsucht.

Arm in Arm durchquerten sie eilig die große, mondän ausgestattete und, angesichts der späten Stunde, ruhigen Eingangshalle des Fünf-Sterne-Hotels, in dem Dennis nächtigte. Leise lachend blieben sie vor dem Fahrstuhl stehen und drückten gleichzeitig auf den Knopf. Sofort öffnete sich die Tür und kaum, dass diese sich hinter ihnen geschlossen hatte, küsste er sie zärtlich, aber dennoch begehrend. Sie konnte gar nicht genug davon bekommen. Wie aneinander gekettet, betraten sie den Flur und taumelten unterdrückt kichernd ein paar Meter zu seiner Zimmertür. Er fasste in seine Jackentasche und zog die Schlüsselkarte heraus, während er gleichzeitig ihren Hals mit zarten Küssen bedeckte. Svenja, von dem wohligen Gefühl der Erregung überrollt, ließ sich widerstandslos zum Bett manövrieren und darauf legen. Mit geschickten, schnellen Handbewegungen zog er ihr das T-Shirt aus und streifte ihre Hose über die langen Beine. Dann riss er seine eigenen Kleider in Rekordzeit förmlich vom Leib und warf sie neben das Bett. Über ihr kniend verharrte er für einen Augenblick und sog Svenjas Anblick ein, deren Bauchdecke sich vom hektischen, erregten Atmen deutlich hob und senkte. Ihr erwartungsvoller, auffordernder Blick, weiterzumachen, steigerte sein Verlangen ins Immense. Zittrig, aber zielsicher entledigte er sie ihrer sorgfältig gewählten Dessous. Ein wohliges Stöhnen entkam ihrer Kehle, als er den Slip abstreifte. Sie drängte ihm begehrlich ihren Körper entgegen und hatte nur noch den Wunsch mit ihm zu verschmelzen, eins mit ihm zu werden. Dieses überbordende Gefühl war neu. Die Sanftheit, mit der er sie überall küsste, seine Liebkosungen, die schönen leise gemurmelten Worte, seine hingebungsvolle Art, sie zu lieben, versetzten sie in einen wahren emotionalen Höhenrausch.

Glücklich und erschöpft schmiegte sie sich danach in seine Arme. Es war wie ein Traum, beinahe unwirklich. Sie befürchtete aufzuwachen und alles als Illusion erkennen zu müssen.

Seine Hand fuhr zärtlich über ihre Wange.

„Du bist wunderschön.“

Sie lächelte und küsste ihn. Es war kein Traum.

„Bleibst du die ganze Nacht bei mir? Oder warten deine Eltern bis das Töchterchen nach Hause kommt?“, sagte er leise und küsste sie hinter dem Ohr.

„Was denkst du wohl? Natürlich bleibe ich bei dir. Meine Eltern gehen irgendwann zu Bett, schließlich wissen sie auch, dass ich inzwischen erwachsen geworden bin. Hier bringt mich jedenfalls nichts weg“, antwortete sie lächelnd und schmiegte sich noch näher an seine Brust. Er zog sie fester in seine Arme und gab einen Stoßseufzer von sich.

„Lass uns noch ein bisschen schlafen. Bis zum ersten Hahnenschrei ist es nicht mehr lang.“

„Hier schon, denn hier kräht kein Hahn nach uns.“

„Witzig! Schlaf gut.“

Wohlig in seine Arme gebettet, fiel sie in einen tiefen traumlosen Schlaf und erwachte erst wieder, als die Sonne ihr auf das Gesicht schien. Sie tastete mit der rechten Hand nach Dennis, doch sie fühlte nur das zerwühlte Bettlaken. Schlaftrunken setzte sie sich auf und sah sich blinzelnd um. Am Ende des Raumes stand Dennis, komplett angekleidet, und hielt etwas in der Hand.

„Dennis, du bist schon angezogen?“, krächzte sie mit belegter Stimme.

Er zuckte kurz zusammen und ließ den Gegenstand fallen.

Flink bückte er sich, um ihn aufzuheben.

„Guten Morgen, Süße. Du hast noch so tief geschlafen, ich wollte dich nicht wecken“, sagte er fröhlich und legte ein Handy neben das andere, das auf dem Tisch lag, bevor er zu Svenja ging, um sie in seine Arme zu schließen. Sie schmiegte sich an ihn und fand, dass der Tag nicht besser beginnen konnte als hier in seinen Armen. Keinen Augenblick zweifelte sie daran, dass es sein Handy war, das er fallen gelassen hatte. Mit ihren, vom Schlaf verklebten, Augen hatte sie nicht erkennen können, dass es ihr eigenes war.

6 – Überraschungsbesuch

Nervös sah Svenja schon zum fünften Mal auf ihre Armbanduhr. Sie erwartete Dennis und je länger es dauerte, desto größer wurde ihre Angst, dass er nicht kommen würde. Dabei gab es keinen Grund, solche Zweifel zu hegen. Vier Tage waren vergangen seit dieser Nacht im Hotel, vier Tage in denen sie sich nach ihm gesehnt hatte. Die Telefonate und seine Nachrichten waren voller Zärtlichkeit und Herzenswärme, wie sie es noch bei keinem anderen Mann erlebt hatte. Es war ihm gelungen, ihren Gefühlspanzer aufzubrechen. Sie verspürte eine wundersame Wandlung, sie konnte das rationale Denken beiseiteschieben und wieder tiefer gehende Empfindungen zulassen. Auch Vera war ihr Gemütswandel nicht entgangen, denn sie musste Svenja im Büro öfter aus ihren Gedanken reißen.

„Denkst du wieder daran, wie Dennis Sekt aus deinem Bauchnabel geschlürft hat?“, fragte sie einmal und bekam gleich darauf ein zerknülltes Blatt Papier an den Kopf geworfen.

„Sei nicht so indiskret. Das muss man nicht zum Thema machen.“

„Dann behalte solche Geschichten für dich und träum nicht in der Gegend herum!“

Ihre irrationalen Bedenken waren wie weggewischt, als er zehn Minuten später freudestrahlend den Geschäftsraum betrat. Er zog einen bunten Blumenstrauß hinter dem Rücken hervor und umarmte sie stürmisch, als sie hinter dem Schreibtisch hervorkam. Außer Acht lassend, dass sie sich nicht alleine im Raum befanden, gab er ihr einen langen innigen Kuss.

„Ich habe dich so vermisst“, sagte er leise und küsste sie noch einmal.

„Muss Liebe schön sein!“, säuselte Vera und räusperte sich kurz.

„Entschuldigung, wie unhöflich. Hallo Vera, wie geht es dir?“

Dennis ließ Svenja los und begrüßte Vera per Handschlag, den diese mit breitem Lächeln entgegennahm.

„Wie gut, dass du auftauchst, Svenjas Geistesabwesenheit wegen dir hat allmählich geschäftsschädigende Formen angenommen. Was hast du bloß mit ihr angestellt?“

Sie lächelte ihn über das ganze Gesicht strahlend an, für Svenjas Geschmack einen Tick zu strahlend, um noch unverfänglich zu sein.

Wie dumm von ihr, mich als über beide Ohren verknallten Teenager hinzustellen, auch wenn es nicht ganz gelogen ist! Aber das muss Dennis ja nicht unbedingt wissen. Was soll er denn jetzt von mir denken?, dachte sie verärgert. Das Beste ist, wenn er gleich wieder geht, bevor sie noch mehr Peinlichkeiten von sich gibt.

„Darf ich dir eine Tasse Kaffee anbieten?“, flötete Vera indessen, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

„Sehr gerne!“, sagte er, bevor Svenja eingreifen konnte. Vera holte eifrig eine Tasse und begann am Kaffeevollautomaten zu hantieren. Svenja war ein wenig genervt von Veras übergriffiger Art, doch sie wollte nicht als Spaßbremse fungieren und bot Dennis einen Stuhl an. Während der Kaffeeautomat mit lautem Getöse die braune Flüssigkeit in die aufgeschäumte Milch rinnen ließ, räumte sie kurz ihren Schreibtisch auf.

Zu dritt saßen sie schließlich mit ihren dampfenden Cappuccinos an dem kleinen Tisch und unterhielten sich, wobei Vera das Herz auf der Zunge trug. Sie redete wie ein Wasserfall, blickte fast ausschließlich Dennis an und lachte ab und zu aufdringlich laut. Demonstrativ sah Svenja auf ihre Armbanduhr und wandte sich dann an Dennis.

„Du hast meines Wissens erst um elf Uhr deinen Termin, bis dahin könnten wir zusammen in der Innenstadt bummeln gehen. Vera, ist es für dich in Ordnung, wenn du heute meinen Kurs übernimmst und ich dafür deinen nächste Woche?“, fragte sie und blickte Vera dabei eindringlich an. Leicht verstimmt brummte diese „Geht klar“, während Svenja in ihren Mantel schlüpfte und sich die Handtasche schnappte.

Dennis Porsche fuhr langsam durch die geöffnete Schranke und schlängelte sich bis in die oberste Etage hoch.

„Täuscht es mich oder bist du nicht gut drauf?“, fragte er und bog in einen Parkplatz ein. Ihm war aufgefallen, dass Svenja sich während der Fahrt ziemlich wortkarg gegeben hatte.

„Och, mich hat nur Veras Dauergequassel ein wenig genervt. Warum wolltest du auch noch unbedingt einen Kaffee trinken! Eigentlich hatte ich vor, gleich mit dir wegzugehen.“

Sie stiegen aus und warfen fast gleichzeitig die Autotüren ins Schloss, Svenja mit etwas mehr Nachdruck als Dennis.

„Ich wusste ja nicht, dass du Zeit hattest, um mit mir in die Stadt zu gehen. Übrigens liebe ich es nicht, wenn man mir sagt, was ich zu wollen habe.“

Für einen kaum wahrnehmbaren Moment verschwand das Lächeln aus seinen Augen, was Svenja jedoch nicht entging. Sie verstand die Botschaft. Dennis war kein Mann, der sich von einer Frau etwas diktieren ließ, auch nicht, wenn er sie innig liebte.

Das könnte Probleme geben , überlegte sie, wischte aber sofort den Gedanken beiseite, um sich den Tag nicht noch mehr verderben zu lassen. Sie ließ ihre verliebten Gefühle wieder die Oberhand gewinnen und lief mit ihm Händchen haltend durch die Fußgängerzone, drückte sich an manchem Schaufenster die Nase platt und tätigte ein paar kleinere Einkäufe. Schließlich gönnten sich beide ein Eis.

„Schade, ich muss jetzt leider zu meinem Termin“, meinte er.

„Ein wichtiger Kunde?“

„Du kennst ihn. Philipp Schulte.“

Vor Überraschung hätte sie sich beinahe verschluckt.

„Philipp? Wieso sagst du mir das erst jetzt?“

„Ich hatte keine Lust, mich mit dir in unserer knapp bemessenen, gemeinsamen Zeit ausgerechnet über deinen Ex zu unterhalten.“

„Das ist natürlich ein eminenter Grund. Aber trotzdem interessiert es mich, warum er sich jetzt doch wieder mit dir trifft. Die letzte Begegnung in der Bar war ja ziemlich feindselig.“

„Ich konnte seine Behauptung, dass ich ihn beinahe in den Ruin getrieben hätte, nicht auf mir sitzen lassen, weil es so nicht stimmt. Deshalb werde ich ihm noch mal einen Geschäftsplan aufstellen und ihm gleichzeitig zeigen, was er falsch gemacht hat. Er wertet mein Entgegenkommen im Moment natürlich als Eingeständnis meines Versagens. Aber er wird bald seine Meinung ändern.“

Er konnte einen gewissen Triumph in seinen Augen nicht verbergen, als er sie anlächelte.

„Schön, dass du ihm noch einmal helfen willst und er sich helfen lässt. Er hat mir schon leidgetan, als er mir von seinen Schwierigkeiten erzählte.“

Dennis schob den Rest seiner Eiswaffel in den Mund und sagte nichts. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie am Moritzplatz ankamen.

„Tja, dann werde ich auch mal wieder meinen Pflichten nachgehen.“ Wehmütig blickte sie auf ihre Uhr. „Ich habe heute zwei Englischgruppen und muss noch etwas vorbereiten“, sagte Svenja.

„Ich fahre dich.“

„Danke, lieb von dir, aber die Straßenbahn kommt jeden Moment. Du kannst gleich zu Philipp fahren. Richte ihm einen lieben Gruß von mir aus.“

Zärtlich nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie.

„Werde ich machen. Ich rufe dich später wegen heute Abend an.“

Als sie fünf Minuten später in der Straßenbahn saß, bereute sie es, dass sie nicht mit Dennis gefahren war. „Hallo, wen haben wir denn da?“, sagte eine keuchende Männerstimme neben ihr. „So ein Glück, dass ich die Tram noch erwischt habe.“ Svenja blickte auf und sah Mark, der sich auf den Platz ihr gegenüber fallen ließ.

„Hallo Mark! Du pumpst ja wie ein Maikäfer. Tja, wer zu spät kommt, den bestraft bekannterweise das Leben.“

„Ich war im Rathaus und typisch Behörden, einer weiß vom anderen nicht Bescheid. Das bringt den Terminplan ziemlich durcheinander. Und du, Shoppingtour beendet?“, fragte er mit Blick auf ihre Einkaufstüten.

„Ja, ich muss jetzt wieder arbeiten.“

Noch zwei Stationen musste sie überstehen, bis sie ihn los sein würde.

„Aaah, du fährst also zu deiner Paukinstitution. Ich habe neulich deine Homepage angeklickt. Den Laden würde ich mir gerne mal ansehen. Am besten jetzt gleich.“

Svenja verkniff es sich, die Augen zu verdrehen.

„Hast du ein Kind oder mehrere zum Anmelden?“

„Weder eheliche noch uneheliche – aber was nicht ist, kann ja noch werden.“ Er grinste sie auf anzügliche Art an.

„Dann ist es wohl auch nicht nötig, dir meinen Laden anzusehen. Außerdem habe ich jetzt keine Zeit. Komm doch ein anderes Mal.“

„Oh, bei Frau Wichtig muss man sich einen Besichtigungstermin geben lassen!“, sagte er bissig. Nachdem Svenja nicht darauf reagierte, fragte er: „Hast du samstags schon etwas vor? Da könnten wir zwei Hübschen etwas unternehmen, wenn ich schon mal dienstfrei habe.“

Svenja fragte sich, wie Mark auf die Idee kam, sie hätte auch nur eine Sekunde nach einer Verabredung mit diesem Charmebolzen gelechzt.

„Ich bin mit Philipp verabredet.“

„Mit Philipp? Was willst du denn von diesem Loser! Du hast Besseres verdient.“

„Dich etwa?“

„Zum Beispiel.“

Svenja schnaubte verächtlich.

„Bescheidenheit war noch nie eine Tugend von dir. Philipp ist kein Loser, außerdem will ich nichts von ihm und last but not least, es geht dich nichts an.“

Marks schiefes Lächeln verschwand.

„Warum so giftig? Ich habe dich nur harmlos um ein Date gebeten.“

„Das fragst du noch? Dein Zynismus bringt mich jedes Mal auf die Palme. Du hast dich kein bisschen geändert in den letzten zehn Jahren, es ist eher noch schlimmer geworden. Und du merkst es nicht einmal.“

Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als er sie ansah.

„Du führst dich auf wie der Moralapostel vom Dienst. Ich meine das doch alles gar nicht so ernst, aber du stellst mich hin, als wäre ich das letzte Charakterschwein.“

Svenja begriff in diesem Moment, dass es keinen Zweck hatte ihn zu belehren, geschweige denn ändern zu wollen. Sie hatte den Eindruck, er gehörte zu den Menschen, die so von sich eingenommen waren, dass es unmöglich war, sie zur Einsicht zu bewegen. Nur noch eine Station.

„Jemanden als Loser zu bezeichnen, ist kein Spaß“ hakte sie trotzdem nach.

„Er hat seine Firma fast in den Sand gesetzt, braucht für teures Geld Hilfe von außen. Ich bin Assistenzarzt an einer Klinik, mit Aussichten auf Karriere. Loser ist also nur eine Zustandsbeschreibung, ohne moralische Wertung.“

Für Svenja war es fast unerträglich, diesem überheblichen Kerl gegenüberzusitzen und seine abfälligen Äußerungen anhören zu müssen. Sie schüttelte verärgert den Kopf und hörte erleichtert die Ansage zur nächsten Haltestelle.

„Ich dachte immer, Frauen stehen auf erfolgreiche Männer.“

Die Bahn hielt an.

„Ja, aber nur die netten. Denk mal darüber nach“, sagte sie schnippisch und stand auf. Ohne sich umzudrehen, verließ sie leichtfüßig die Straßenbahn. Erst nach ein paar Schritten bemerkte sie entsetzt, dass Mark ebenfalls ausgestiegen war und sie einholte. Sie blieb stehen.

„Mark, was soll das? Du kannst mir nicht weismachen, dass du zufällig in dieselbe Richtung musst.“

„Ich möchte mir nur dein Unternehmen ansehen, ohne Hintergedanken.“

„Ich sagte doch, dass ich keine Zeit habe.“ Eiligen Schrittes setzte sie ihren Weg fort.

„Nur für fünf Minuten, ich lass mich nicht häuslich nieder, versprochen.“ In seinem Lächeln war erstaunlicherweise nicht ein Hauch von Spott erkennbar.

„Na gut, wir sind gleich da, aber ich warne dich. Nur fünf Minuten.“

Vera zeigte sich über Svenjas Begleitung sehr erstaunt.

„Heute ist wohl der Tag der offenen Tür für deine Verehrer“, sagte sie, mit Blick auf Svenja, als sie Mark begrüßte.

„Rede keinen Unsinn. Wir haben nur zusammen Abi gemacht. Mark will sich unsere Einrichtung ansehen und entscheiden, ob sie für seinen zukünftigen Kindersegen geeignet ist.“

„Haha, witzig“, sagte er. „Das Büro sieht schon mal gut aus. Und wo werden die Kinder unterrichtet und betreut?“

Svenja zweifelte daran, dass er dies aus ehrlichem Interesse fragte. Die Heuchelei musste einen tieferen Sinn haben.

„In den drei anderen Räumen. Ein Zimmer ist nur für Hausaufgabenbetreuung vorgesehen. Komm mit.“

Im Schnelldurchlauf riss sie jede Zimmertür auf und Mark hatte jeweils nur ein paar Sekunden Zeit, um einen Blick hinein zu werfen.

„So, jetzt hast du alles gesehen. Meine Schüler kommen in knapp einer halben Stunde und ich sollte noch etwas vorbereiten. Also dann.“ Sie wies mit der Hand in Richtung Ausgangstür.

Marks missmutiger Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes.

„Mir wirfst du vor, ekelhaft zu sein, aber du bist auch alles andere als charmant.“

„Ich habe dich gewarnt, fünf Minuten, nicht mehr.“

„Schon gut, ich gehe. Irgendwann kommt die Retourkutsche, da kannst du Gift drauf nehmen“, meinte er in seiner üblichen, zweideutigen, schleimigen Art und verließ ohne Gruß das Büro. Mit einem mulmigen Gefühl blickte Svenja ihm nach. Hatte sie übertrieben? Ach egal, versuchte sie ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Zumindest ist jetzt klar, dass ich kein Interesse an weiterem Kontakt habe.

„Besonders höflich war das aber nicht. Darf man fragen warum?“, fragte Vera.

„Sei mir nicht böse, aber ich möchte jetzt nicht darüber reden. Ich muss mich noch vorbereiten“, antwortete sie, das unliebsame Thema Mark vermeidend, und eilte mit energischen Schritten in Richtung Unterrichtsraum davon.

An jenem Tag hatte ihr Dennis zu allem Ärger auch noch eine Absage erteilt. Sein Vater hatte ihn wegen eines spontanen Geschäftstermins nach München beordert und Sklave Sohn war sofort hingeeilt. Ihre Enttäuschung war ziemlich groß gewesen. Nach der unliebsamen Begegnung mit Mark und einem anstrengenden Arbeitstag, hatte sie sich sehr auf den Abend mit Dennis gefreut. Nur ein einziger Satz hatte diese Vorfreude vernichtet. Er teilte ihr mit, dass er sie am Wochenende auch nicht treffen konnte, da er als Trauzeuge an den Hochzeitsfeierlichkeiten seiner Cousine teilnehmen musste. Polterabend, Standesamt, kirchliche Trauung, Sektfrühstück am Tag danach, das komplette Programm eben, ob er wollte oder nicht.

„Dann sieh dir das Spektakel genau an, falls du einmal den Fehltritt wagen solltest“, versuchte sie zu scherzen, um sich ihre Ernüchterung nicht anmerken zu lassen. Sie war enttäuscht, dass er sie nicht zur Hochzeit mitnahm.

„Ja, das will allerdings gut überlegt sein, bei der heutigen Scheidungsrate! Aber es soll auch rare Exemplare geben, bei denen es tatsächlich klappt.“

Sie konnte ein leises Klopfen im Hörer wahrnehmen.

„Svenja ich muss leider auflegen, ein wichtiger Kunde ruft an. Also, ich melde mich am Montag wieder. Der Stadtbummel mit dir war übrigens schön, vor allem war das Eis gut“, sagte er lachend.

Svenja lächelte, als sie auflegte. Sie liebte seinen Humor und sehnte sich schon jetzt nach dem nächsten Treffen. Die Zeit bis dahin vertrieb sie sich mit Arbeit, Joggen, Einkaufen, Internetsurfen und dem Kabarettabend mit Philipp. Sie war ihm nachträglich dankbar für diese Idee, denn die Veranstaltung war sehr inspirierend, ein Feuerwerk an gesellschaftlicher und politischer Satire. Als sie nach der Veranstaltung mit Philipp in ihrem Stammclub saß, redeten sie noch angeregt darüber. Sie verstand sich mit ihm, sie hatten dieselbe Wellenlänge, sie lachten über dieselben Sachen und dennoch wünschte sie sich, ihn mit einem magischen Augenzwinkern in Dennis verwandeln zu können. Es fehlte das unergründliche Knistern zwischen zwei Personen, ein Gefühl, das das Zusammensein so spannend macht.

„Bist du jetzt eigentlich mit Dennis zusammen?“, fragte er plötzlich, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

„Ja, aber wir sehen uns aus Zeitmangel nicht so oft. Warum fragst du?“

„Och, nur so.“ Er spielte verlegen mit einem Bierdeckel und sah sie dabei nicht an. „Man muss doch schließlich wissen, was so läuft“, fuhr er fort. „In drei Wochen bin ich übrigens bei Dennis eingeladen. Privat! Was sagst du dazu?“

„Privat?“, fragte sie erstaunt. „Wie kommst du denn zu dieser Ehre?“

„Ich glaube, ich konnte ihn überzeugen, dass er in der verdammten Pflicht ist, mir zu helfen. Er ist plötzlich sehr bemüht um mich. Tja, wie schön, dass solche Geldhaie auch noch so eine Art Gewissen besitzen. Zum Wohl!“

Er hob sein Weinglas, prostete ihr zu und nahm einen großen Schluck.

„Zum Wohl!“ Nachdenklich setzte sie das Glas an und nippte am Chardonnay. Wieso hatte Dennis ihr nichts davon erzählt? Als sie vor Kurzem wissen wollte, wie das Treffen mit Philipp gelaufen war, hatte sie nur die knappe Antwort „Ganz gut“ erhalten. Vermutlich wollte er Geschäftliches von ihr fernhalten, doch in Bezug auf Philipp verstand sie dieses Verhalten nicht. Es handelte sich schließlich um ihren Jugendfreund, nicht um irgendeinen uninteressanten Geschäftspartner.

„Passt dir das etwa nicht?“ Philipp sah sie verwundert an.

„Nein, wieso?“

„Dein Blick war so skeptisch. Gibt es etwas, das ich über ihn wissen müsste? Ich möchte nicht noch einmal auf ihn hereinfallen.“

„Nein, Quatsch. Ich wundere mich nur. Sag mal, hast du noch Kontakt zu Mark? Der ist mir heute in meinem Institut auf die Pelle gerückt und ich habe ihn ziemlich direkt wieder hinaus komplimentiert. Obwohl er ziemlich sauer darüber war, hat er mir heute Abend auf Facebook eine Freundschaftsanfrage geschickt. Also ich verstehe diesen Kerl nicht.“

„Ich habe ihn nur einmal getroffen, aber ich werde auch nicht schlau aus ihm. Irgendwie habe ich das Gefühl, er macht nichts ohne Hintergedanken. Seine Sympathiewerte sind seit der Schulzeit nicht unbedingt gestiegen. Na ja, manche ändern sich eben nie.“

„Wie wahr. Ich werde den Freundschaftsantrag jedenfalls nicht bestätigen. Er soll nichts von meinem Privatleben mitbekommen. Und seines interessiert mich auch nicht.“

Philipp nickte bestätigend mit dem Kopf.

„Ja, mach das nicht. Sonst klebt er dir ständig an der Backe.“

Von Philipps Meinung bestätigt, klickte sie, zu Hause angekommen, sofort noch einmal ihre Facebookseite an und drückte auf Anfrage löschen. In der virtuellen Welt war das Leben einfach. Mit einem einzigen Tastendruck konnte man unliebsame Mitmenschen von seinem Leben fern halten. Im realen Leben existierte dafür keine Taste.

7 – Bedrohlich nah

Das helle Morgenlicht, das durch die Rollladenschlitze hindurchblitzte, ließ Svenja aufwachen. Sie räkelte sich genüsslich und ließ dann eine Hand zur Seite gleiten, wo Dennis auf dem Bauch liegend, noch tief und fest schlief. Liebevoll sah sie ihn an, strich mit den Fingerspitzen durch seine schwarzen Locken und war unfassbar glücklich.

Drei Wochen lagen hinter ihr. Drei Wochen vollkommenen Glücks. In der ersten Woche hatte Dennis sie vier Tage lang in einem Augsburger Nobelhotel eingemietet. Jeden Abend waren sie ausgegangen, ins Kino, ins Theater, zum Tanzen in einen Club. Die Nächte hatten sie in seinem Hotelzimmer verbracht, wo sie die Minibar plünderten, sich liebten und bis zum Morgengrauen quatschten. Für die folgenden zwei Wochen hatten sich beide Urlaub genommen, um es sich bei Svenja zu Hause gemütlich zu machen. Sie sollte sich um die Blumen und die Post kümmern, da ihre Eltern sich auf einer dreiwöchigen Kreuzschifffahrt befanden. Ein Geburtstagsgeschenk zum Sechzigsten ihrer Mutter. Doch Dennis überredete Svenja, mit ihm für eine Woche nach Portugal zu fliegen. Sie war so verliebt, dass sie umgehend die überraschten Nachbarn zum Housesitting nötigte und die Koffer packte. Es war so befreiend, ihr spießiges Umfeld, das ihr in letzter Zeit immer mehr zuwider wurde, eine Weile verlassen zu können. Es gab nur Dennis, sie und ihre verliebten Gefühle. Wie in einem Rauschzustand war sie mit ihm durch die warmen, portugiesischen Tage und Nächte geschwebt, hatte alles hinter sich gelassen, den Augenblick gelebt, als gäbe es kein Morgen mehr. Dennis erweckte in ihr eine eigenartige, wohltuende Lebendigkeit. Und gleichzeitig ergriff sie eine unbestimmte Angst, die Angst, dass dieses Glück nicht von Dauer sein könnte. Sie hatte eines gelernt im Erwachsenwerden. Das wahre Leben war nicht berechenbar. Es könnte nur ein schöner Traum sein, aus dem sie irgendwann aufwachen würde.

Als sie am letzten Abend bei einem Glas Wein in einem kleinen romantischen Strandcafé saßen, dem postkartenmäßigen Sonnenuntergang über dem Meer zusahen und das Rauschen der sanften Wellen auf sich wirken ließen, ergriff sie eine melancholische Stimmung. Heimlich betrachtete sie ihn von der Seite. Seine Gesichtszüge waren so entspannt und zeugten von einer Daseinsfreude, wie sie es seit ihrem Kennenlernen noch nicht bei ihm gesehen hatte. Es würde nicht immer so sein, und sie wünschte sich plötzlich nichts sehnlicher, als die intensiven Gefühle der vergangenen Woche für immer konservieren zu können.

Er drehte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.

„Schön hier, nicht wahr?“

Sie nickte nur.

„Und morgen um diese Zeit, darfst du Geranien gießen“, meinte er in scherzhaftem Ton.

„Du bist fies, erinnere mich doch nicht daran!“

Er tätschelte ihre Hand.

„Wir machen das Beste daraus.“

Und er sollte recht behalten. Die Woche war amüsanter geworden, als sie gedacht hatte.

Als sie das Haus alleine zur Verfügung hatte, wurde Svenja erst bewusst, wie süß die Unabhängigkeit und Freiheit schmeckte. Sie konnte tun und lassen was sie wollte und war niemandem eine Rechenschaft schuldig. Dennis hatte sich auch sichtlich wohl gefühlt, sich in Boxershorts zum Frühstückstisch gesetzt und beim Autorennen im Fernsehen die Füße auf den Couchtisch gelegt. „So etwas könnte ich zu Hause bei meiner Schicki-micki-Stiefmama niemals bringen“, sagte er lachend.

„Vielleicht solltest du dir mal eine eigene Bleibe suchen“, meinte Svenja. Dennis zuckte nur mit den Schultern. „Das Haus ist groß genug, um sich aus dem Weg zu gehen.“

Sie wusste wohl, dass ihr Elternhaus bestimmt mindestens dreimal in die Villa seines Vaters passte, das Inventar würde bei ihm zu Hause höchstens als Hobbyraumausstattung verwendet werden, aber Dennis hatte sich neutral verhalten, nie eine abfällige Bemerkung gemacht. Er hatte ihr keinen Anlass gegeben sich klein zu fühlen und das schätzte sie an ihm. Für sie war es die reinste Freude gewesen zu sehen, wie sehr er die Zwanglosigkeit genoss.

Selbst im Schlaf wirkt er tiefenentspannt und glücklich, dachte sie jetzt und hauchte zärtlich einen Kuss auf seine Stirn. Dennis brummte leise und blinzelte ein wenig.

„Du bist ja wie ein Murmeltier im Winterschlaf – einfach nicht wachzukriegen!“, flüsterte sie und hauchte ein paar Küsse auf seinen Rücken. Mit einem Ruck drehte er sich plötzlich um, schnappte mit beiden Armen nach Svenja und umklammerte sie fest. Quiekend ließ sie sich in seine körperliche Gefangenschaft nehmen.

„Das Murmeltier nimmst du zurück, schöne Frau!“ Er küsste sie auf den lachenden Mund. „Hast du gut geschlafen?“

„Wie ein Baby. Schade, heute ist unser letzter Urlaubstag. Was hältst du davon …“, sie küsste ihn flüchtig auf den Mund, „wenn du noch zwei Tage verlängerst. Meine Eltern kommen erst in drei Tagen zurück.“

„Das geht nicht“, sagte er ohne einen Augenblick zu zögern.

„So definitiv ausgeschlossen?“, fragte Svenja frappiert.

„Ja, leider.“ Er löste sanft die Umarmung und setzte sich auf. „Du müsstest doch am besten wissen, dass man sich als Selbstständiger kaum Urlaub leisten kann. Ich war fast drei Wochen abwesend, mehr geht beim besten Willen nicht. Wir haben ja noch den heutigen Tag.“

Sein Handy klingelte. Er hob ab und stand gleichzeitig auf. Während er telefonierend im Zimmer auf und ab ging, beobachtete Svenja ihn. Sie betrachtete seinen schlanken sehnigen Körper, seine geschmeidigen Bewegungen und sein Mienenspiel, aus dem sie schloss, dass der Inhalt des Gesprächs nichts Erfreuliches war. Er sprach nicht viel, hörte zu und beschränkte sich auf zustimmende Brummlaute, wobei die steile Stirnfalte zwischen seinen Augenbrauen immer tiefer wurde.

„Verdammt!“ Er warf das Handy übelgelaunt auf die Bettdecke.

„Ich muss um drei Uhr in München sein. Das heißt also, spätestens um ein Uhr sollte ich hier wegfahren.“ Er sah sie mit einer entschuldigenden Geste an.

„Och nein, bitte nicht. Ich wollte noch gemütlich mit dir essen gehen und dann die Fuggerei besuchen. Was gibt es denn so Wichtiges, dass du mit wehenden Fahnen Augsburg verlassen musst?“, monierte Svenja enttäuscht.

„Wichtige Termine, die sich nicht aufschieben lassen.“

„Aber so plötzlich. Wieso erfährst du das so kurzfristig?“

„Das liegt an den kurz entschlossenen Kunden. Ich kann es nicht ändern, also hör bitte auf zu jammern“, sagte er mit leicht gereiztem Unterton. Doch ihr verunsicherter Gesichtsausdruck verscheuchte seinen Ärger augenblicklich.

„Komm schon, lächle wieder. Wir können uns noch oft sehen und in die Fuggerei gehen wir ein anderes Mal. Immerhin ist sie die älteste Sozialsiedlung der Welt und wird auch noch eine Weile erhalten bleiben. Was hältst du von einem gemütlichen Brunch? Es ist erst zehn Uhr, also bleibt uns noch ein wenig Zeit, bis ich losfahre.“

Svenja zuckte resigniert mit den Schultern und nickte. Was hätte sie auch dagegen sagen sollen? Der Termin war augenscheinlich so unumstößlich, dass ihr gar nichts anderes übrig blieb, als zuzustimmen. Ziemlich verstimmt verließ sie das Bett, schnappte im Vorbeigehen ihre Kleidung und verschwand im Bad. Wortlos sah er ihr dabei zu und zuckte kurz zusammen, als die Tür geräuschvoll ins Schloss fiel.

Gegen den Frust, der in ihr bohrte, konnte sie sich nicht wehren. So hatte sie sich diesen letzten gemeinsamen Tag nicht vorgestellt. Sie versuchte es zu akzeptieren, aber verstehen konnte sie diesen Termin, der wie ein Blitz zwischen sie gefahren war, dennoch nicht.

Als sie mit einem Duschtuch umwickelt wieder aus dem Bad kam, saß Dennis, immer noch nackt, auf dem Bett und tippte etwas in sein Smartphone. Er legte es zur Seite und stand auf. „Ich gehe auch noch duschen“, sagte er nur und verschwand gleich darauf im Bad.

Was für ein ernüchterndes Ende dieser schönen gemeinsamen Tage, dachte sie enttäuscht, holte Klamotten aus dem Schrank und zog sie an. Nachdem sie ein paar herumliegende Kleidungsstücke aufgeräumt hatte, ging sie nach unten. Sie öffnete die Terrassentür im Wohnzimmer und ging dann in die Küche, wo sie stehengebliebenes Geschirr vom Tisch abräumte, um es in die in die Spülmaschine zu schichten.

Von nebenan ertönte plötzlich ein kreischender Jammerlaut. Vor Schreck ließ sie beinahe ein Glas fallen. Fast gleichzeitig hörte sie Dennis aufschreien. Eilig rannte sie ins Wohnzimmer und sah als Erstes Minka, die Nachbarskatze. Mit gesträubten Haaren und einem Katzenbuckel stand sie in der offenen Terrassentür und fixierte Dennis.

„Was ist denn passiert? Bist du etwa über Minka gestolpert?“, fragte sie lachend.

„Ja, schaff sie hier weg, sofort“, antwortete er mit belegter Stimme, den Blick starr auf das Tier gerichtet. Sein Gesicht war kalkweiß.

„Dennis, was hast du denn? Das ist doch nur unsere Nachbarskatze. Ab und zu kommt sie uns besuchen, gell du Süße!“, sagte sie und ging mit ausgestrecktem Arm auf sie zu.

„Schaff sie einfach weg!“, wiederholte er kaum hörbar, die Katze immer noch im Visier, als könnte sie ihn jederzeit anfallen.

Svenja streichelte Minka und hob sie auf den Arm, was diese sich widerstandslos gefallen ließ. „Sie ist das friedlichste Miezchen, das ich kenne. Du …“

„Mag ja sein, aber ich kann Katzen nicht ausstehen, also bring sie jetzt bitte raus!“, unterbrach er sie mit gepresster Stimme. Es klang absolut, keine Widerrede duldend. Kopfschüttelnd ging Svenja in den Garten und hob die Katze über den Zaun. Als sie zurückkam, stand er immer noch wie versteinert da, den Blick in den Garten gerichtet.

„Was war das denn? Hast du etwa eine Katzenphobie?“, fragte sie verwundert.

Er wandte seinen Kopf und sah sie mit seltsam ausdrucklosem Blick an.

„Ja, so etwas Ähnliches. Wie lange brauchst du noch?“

„Wir können in fünf Minuten gehen“, sagte sie, irritiert von seinem offensichtlich bemühten Ablenken vom Thema.

„Gut, ich gehe schon mal zum Auto, die Scheibe putzen. Kannst du mir bitte einen Eimer mit Wasser und Schwamm geben?“ Svenja holte wortlos das Gewünschte aus dem Spülschrank und gab es ihm. Nachdenklich sah sie ihm hinterher, als er zur Tür hinausging.

Kurze Zeit später saßen sie in einem Café am Moritzplatz, das berühmt war für sein gutes Frühstück. Bei sommerlichen Temperaturen ließ sich kein einziges Wölkchen am blauen Himmel blicken, gut gelaunte Menschen flanierten leicht bekleidet an ihnen vorbei.

„Es waren herrliche drei Wochen“, schwärmte Svenja und gab Dennis einen Kuss. Lächelnd nahm er ihre Hand und nickte. Er war wieder ganz der Alte. Man merkt ihm nicht an, dass er gerade ein Schockerlebnis hatte, dachte Svenja verwundert, aber auch erleichtert. „Übrigens, ich kann wahrscheinlich bald umziehen. Die Wohnung ist in der Nähe meiner Lernstube. Philipps Bekannter zieht aus und hat mich als Nachmieterin vorgeschlagen. Jetzt muss nur noch der Vermieter zusagen, aber das ist so gut wie sicher.“

„Super! Wie gut, dass Philipp an dich gedacht hat. Das gibt ein neues Gefühl von Freiheit! Darauf müssen wir anstoßen.“

Er winkte die Bedienung herbei und bestellte zwei Glas Sekt.

„Spinner! Mitten am Tag Sekt schlürfen! Aber du hast recht, man sollte den Augenblick genießen, ganz nach dem Motto Savoir-vivre.“

Der Kellner stellte die Gläser auf den Tisch und sie prosteten sich lächelnd zu. Als sie das Glas wieder absetzte, bemerkte sie, wie ein blonder Mann mittleren Alters, der ein paar Tische von ihnen entfernt saß, sie dabei beobachtete. Er wandte seinen Blick nicht sofort ab, sondern ließ ihn länger auf ihr ruhen, als ihr lieb sein konnte. Schließlich nahm er eine Zeitschrift in die Hand und fing an, darin zu blättern. Kurz darauf sah er wieder in ihre Richtung. Svenja wandte sich schnell Dennis zu.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Dort hinten starrt mich ein Typ so seltsam an. Ich mag das nicht. Aber dreh dich jetzt nicht um.“

Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, drehte Dennis seinen Kopf prompt in besagte Richtung. Der Blonde hob kurz den Blick und vertiefte sich sofort wieder in seine Lektüre, als er sich ertappt fühlte.

„Der ist mir gestern im Kaufhaus schon aufgefallen, weil er dich so interessiert musterte. Das ist wahrscheinlich so ein Typ, der die platonische Liebe auslebt. Aber ich bin ja da, um dich zu beschützen.“

Liebevoll streichelte er ihre Hand und sah dann auf seine Uhr.

„In einer halben Stunde muss ich gehen.“

„Ja, Mist verdammter. Der Tag hätte noch so schön werden können.“

Ihr Blick wanderte wieder zu dem Blonden, der gerade mit einem Mobiltelefon herumhantierte und sie dabei kurz ansah.

„Dieser Typ ist wirklich seltsam. Kannst du deinen Termin wirklich nicht absagen?“, fragte sie mit bittendem Blick und wusste gleichzeitig, dass es zwecklos sein würde.

Dennis tätschelte ihre Wange.

„Mach dir keine Sorgen. Das ist doch nur ein Verehrer, der dich aus der Distanz bewundert, weil er genau weiß, dass er null Chancen bei dir hätte.“

„Solche sind am gefährlichsten. Man weiß nie, was sie sich in ihren verqueren Gehirnwindungen so zusammenspinnen und zurechtlegen. Bitte bleib.“

Dennis lehnte sich zurück und sagte nichts. Doch sein Gesichtsausdruck sprach Bände. Eine gewisse Gereiztheit spiegelte sich darin wider. Sie hatte den Bogen eindeutig überspannt.

„Es geht nicht, okay? Du musst das jetzt akzeptieren“, sagte er in entschlossenem Ton.

Von der Liebenswürdigkeit, die er in den vergangenen drei Wochen gezeigt hatte, war nichts mehr zu erkennen. Offensichtlich war ihm Kleinmädchengetue zuwider. Sie hätte sich gewünscht, dass er mehr auf ihre Ängste einging, aber anscheinend gehörte er zu den Männern, die sich nicht in Gefühlsduselei verloren. Ich werde jetzt nicht anfangen, darüber nachzudenken, ob er mich genug liebt, dachte sie und spülte mit einem großen Schluck Sekt ihren Frust hinunter.

„Bitte zahlen!“, rief Dennis mit erhobener Hand.

„Jetzt schon?“

„Ich möchte nur pünktlich hier wegkommen und nicht ewig auf den Kellner warten. Der Kunde will vom Flughafen abgeholt werden.“

„Das muss ja ein wichtiger Kunde sein!“ Sie konnte einen Anflug von Spott in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

„Tja, es geht dabei um viel Geld.“

„Geld regiert die Welt, verstehe.“

„Ohne läuft aber auch nichts. Du willst mir hoffentlich zum Abschied keine Thesen von Karl Marx überstülpen.“ Er grinste sie verschmitzt an.

„Keine Angst. Es ärgert mich nur, dass der Kunde mir den Tag vermiest, ansonsten kannst du so viel Kohle scheffeln wie du willst. Schließlich hat das auch nicht zu leugnende Vorteile.“

„Kluges Mädchen!“ Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie so innig, dass ihre latente Verstimmung umgehend verflog. Viel zu spät bemerkten sie, dass der Kellner inzwischen zu ihnen gekommen war. Mit einem lauten Räuspern versuchte dieser, sich bemerkbar zu machen.

Mit einem augenzwinkernden Lächeln reichte er Dennis die Rechnung, der daraufhin seinen Geldbeutel aus der Hosentasche zog. Svenja ließ indessen ihren Blick noch einmal in die Richtung des Blonden schweifen und sah diesen seinen Geldbeutel auf den Tisch legen. Es war, als könnte er spüren, dass Svenja ihn im Visier hatte, denn urplötzlich hob er den Kopf und starrte sie zielgerichtet an. Erschrocken wandte sie sich ab. War es Zufall, dass er auch zahlen wollte? Sie war so in Gedanken, dass sie darüber vergaß, ihre Zeche selbst zu zahlen.

„Liebling, wir sollten zum Auto gehen, damit ich rechtzeitig in München ankomme. Ich muss mich noch rasieren und in Schale werfen.“ Er fuhr sich mit der Hand über den Dreitagebart. „Mann, das Lotterleben mit dir war wirklich schön. Übrigens, es freut mich, dass ich endlich einmal deine Rechnung bezahlen durfte.“

„Oh nein, das habe ich gar nicht registriert. Das nächste Mal lade ich dich ein.“

„Du bist ganz schön hartnäckig, Superemanze“, sagte er lachend und schlug mit ihr händchenhaltend die Richtung zum Parkhaus ein. In ihrer Verliebtheit entging ihnen, dass sie nicht die einzigen waren, die diesen Weg einschlugen. Ein Mann verfolgte sie in großem Abstand. Er war blond.

 

Mit Schwung warf Dennis sein Gepäck in den Kofferraum seines Wagens und schlug den Deckel zu. Svenja, die daneben stand, hatte Mühe, ihren Abschiedsschmerz nicht allzu deutlich zu zeigen, denn er nahm es augenscheinlich etwas lockerer.

„Ich melde mich, sobald ich kann. Es war wirklich ein toller Urlaub mit dir“, sagte er und nahm sie in den Arm. Nach einem langen Kuss stieg er ins Auto mit offenem Verdeck und winkte mit erhobener Hand, bis er um die Straßenecke bog. Traurig sah sie ihm nach und schlich dann ins Haus. Eine bedrückende Stille umfing sie dort und ließ sie die große Leere in ihrem Inneren noch schmerzlicher empfinden. Um sich abzulenken, fing sie an aufzuräumen und staubzusaugen. Unablässig erschienen ihr dabei Bilder der vergangenen, unbeschwerten Tage. Svenja hätte alles dafür gegeben, wenn sie sie hätte zurückholen können. Lustlos nahm sie ihr Kopfkissen, um es aufzuschütteln, als plötzlich etwas klirrend zu Boden fiel. Neugierig bückte sie sich nach dem kleinen Drahtgeflecht neben ihrem Fuß und betrachtete es genauer. Der ursprüngliche Sektflaschenverschluss war zu einem windschiefen Herz gebogen worden. Lächelnd drehte sie ihn zwischen ihren Fingern hin und her. Hätte er ihr eine Diamantkette hingelegt, wäre ihre Freude bestimmt nicht so groß gewesen wie über diese spontan gebastelte Liebeserklärung.

Der Trennungsschmerz bohrte ab diesem Zeitpunkt noch erbarmungsloser in ihr, und die Einsamkeit in dem Haus wurde unerträglich für sie. Kurz entschlossen fuhr sie deshalb wieder mit dem Bus in die belebte Stadt und durchkämmte einen Laden nach dem anderen.

Sie nahm gerade ein Paar schwarze Sandaletten aus dem Regal, als sie eine Hand auf ihrer Schulter fühlte. Dennis? Sie drehte sich um und blickte in Philipps strahlende Augen.

„Na, frönst du wieder einmal dem Konsum? Schön, dich mal wiederzusehen!“

Er umarmte sie spontan.

„Hallo Philipp! Ja, das habe ich heute gebraucht.“

„Gibt es einen besonderen Grund? Liebeskummer etwa?“

Seine Augen leuchteten erwartungsvoll.

„Nein, ganz im Gegenteil.“ Sie stellte den Schuh zurück ins Regal und zog den enttäuschten Philipp mit nach draußen. Kurz erzählte sie ihm von den vergangenen drei Wochen und versuchte möglichst alle verliebten Details auszusparen, doch das Strahlen in ihren Augen war nicht zu übersehen.

„Na, dich scheint es ja ziemlich erwischt zu haben“, meinte er, als sie sich an einen Tisch vor einer Bar setzten, „dabei hatte ich dich doch davor gewarnt, dich mit diesem Deppen einzulassen.“

„Er ist kein Depp. Dir will er immerhin aus der Patsche helfen, obwohl er nicht dazu verpflichtet wäre.“

„Das sehe ich anders. Er schuldet mir sehr wohl noch Hilfe, aber reden wir doch über erfreulichere Themen. Du fängst am Montag wieder zu arbeiten an?“

„Erfreulich nennst du das? Erinnere mich bloß nicht daran. Dafür sind die vergangenen drei Wochen zu schön gewesen.“

Der Kellner trat mit Blöckchen und Stift bewaffnet auf sie zu und notierte ihre Bestellung.

Bei Wein und Tunfischsalat gelang es Philipp wider Erwarten, sie erfolgreich vom Thema Dennis abzulenken. Sie führten intensive Gespräche über ernste und weniger ernste Themen und beim Abschied musste sie ihm versprechen, sich ab und zu auch für ihn Zeit zu nehmen.

Es war schon dunkel, als sie gut gelaunt in den Bus stieg. Schnell setzte sie sich auf den nächsten freien Platz. Philipp ist ein toller Mensch, e r schafft es immer einen aufzumuntern, dachte sie, während sie die Menschen beobachtete, die nacheinander den Bus bestiegen. Als letzter Fahrgast stieg ein Mann ein, bei dessen Anblick ihr ein gewaltiger Schreck durch die Glieder fuhr. Sie erkannte ihn sofort wieder. Es war der Blonde von heute Morgen.

Er warf ihr einen durchdringenden Blick zu und setzte sich auf einen Platz schräg gegenüber dem ihrigen. Svenja war äußerst unbehaglich zumute. An einen Zufall mochte sie jetzt nicht mehr glauben, nicht nachdem er sie immer wieder eindringlich anstarrte.

Fieberhaft überlegte sie, was sie tun sollte, wenn er ebenfalls an ihrer Station aussteigen würde. Um diese Zeit waren kaum mehr Leute unterwegs. Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche und gab vor, jemanden anzurufen.

„Hallo Philipp! Ich komme in zehn Minuten an. Komm mir schon mal entgegen, dann können wir einen schönen Spaziergang machen, okay?“ Sie legte eine künstliche Sprechpause ein. „Gut, bis gleich!“, sagte sie laut, damit der Blonde es garantiert mitbekam.

Während der Fahrt vermied sie es krampfhaft, in seine Richtung zu blicken, klickte ihre Facebookseite an und wartete gleichzeitig gebannt auf die Durchsage ihrer Straße.

„Nächster Halt …“ Sie musste aussteigen. Schnell ließ sie das Smartphone in ihre Tasche fallen, drückte den Halteknopf und stand auf. Sie ging zur Hintertür und wagte es nicht, in seine Richtung zu blicken. Ignoranz sollte ihn davon abhalten, ebenfalls auszusteigen. Der Bus fuhr rechts heran und gleich darauf öffnete sich die automatische Tür. Ohne sich umzudrehen, verließ sie mit einer Frau den Bus und ging hastig die menschenleere Straße entlang. Sie hörte plötzlich entfernt Schritte hinter sich.

Die Frau, die mit ihr ausgestiegen war, konnte es nicht sein, denn sie hatte die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Svenja drehte sich um und erkannte den Blonden. Angsterfüllt beschleunigte sie die Schritte, wollte am liebsten losrennen. Es waren nur noch etwa hundert Meter, aber in dieser bedrohlichen Situation kamen sie ihr wie hundert Kilometer vor. Während sie immer schneller ging, kramte sie nach ihrem Hausschlüssel. Ein Päckchen Papiertaschentücher fiel ihr dabei aus der Tasche, doch sie bückte sich nicht danach, sondern hetzte weiter. Der Schlüssel! Wo war der verdammte Schlüssel? Sie verfluchte ihre Beuteltasche, in der alle Utensilien durcheinander lagen und sie deshalb ständig die gleichen Dinge zu fassen bekam, nur nicht das Gesuchte.

Die Schritte klangen jetzt schon ziemlich nah. In ihrer großen Angst gab sie dem Fluchtreflex nach und rannte wie ein gehetztes Tier los. Nur kurz drehte sie sich um und sah, dass der Blonde auch zu laufen begann. Panik stieg in ihr auf. Sie sah sich schon von ihm zu Boden gerissen und ins Gebüsch gezerrt und … Sie wollte den schrecklichen Gedanken nicht zu Ende denken, zerrte aufgeregt am Reißverschluss ihrer Innentasche und bekam endlich ihren Schlüssel zu greifen. Nur noch drei Häuser! Irgendwie schaffte sie es, im Laufen ihre Pumps auszuziehen und in einen Vorgarten zu schleudern.

Der Selbsterhaltungstrieb ließ sie so schnell rennen wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Endlich erreichte sie ihr Elternhaus. Sie sah, dass sie ihren Verfolger etwas abgehängt hatte. Mit einer Hand stützte sie sich an der Gartenmauer ab und schwang sich mit beiden Beinen über das niedrige Gartentor. Während sie den Weg zur Haustür lief, drehte sie sich nach ihrem Verfolger um. Er befand sich jetzt auf der Höhe des Nachbarhauses. Sie stolperte die drei Stufen zur Haustür hoch und verlor dabei den Schlüssel. Der Blonde war jetzt fast bei ihrem Haus angelangt.

Schwer keuchend schnappte sie den Schlüssel, steckte ihn ins Schloss und sperrte eilig auf. Dabei sah sie sich noch einmal gehetzt um und wurde von einem grellen Lichtblitz geblendet. Sie stürmte hinein und schlug die Tür zu. Heftig atmend lehnte sich mit geschlossenen Augen für ein paar Sekunden dagegen und warf ihre Tasche zu Boden. Goldene Sternchen tanzten vor ihrem Augeninneren herum. Was hatte der Verrückte getan? Sie fotografiert? Warum? Was hatte das zu bedeuten? Am ganzen Körper zitternd, spähte sie vorsichtig aus dem kleinen Flurfenster neben der Tür. Es war niemand zu sehen.

Alles sah, vom sanften Mondlicht beschienen, friedlich aus wie immer: der Garten, die Straße, das gegenüberliegende Haus. Sie hoffte so sehr, dass er verschwunden war. Mit bebenden Fingern schloss sie die Haustür ab und rannte in den Keller, um auch diese Tür abzusperren. Als sie wieder nach oben ging, glaubte sie ein Geräusch zu hören. Wie angewurzelt blieb sie stehen. Nichts. Die Einbildung musste ihr einen Streich gespielt haben. Voller Angst lief sie in ihr Zimmer und schloss hinter sich ab. Vollkommen erschöpft ließ sie sich auf ihrem Bett nieder. Ziemlich lange hockte sie regungslos, die Arme um die Beine geschlungen, in der Dunkelheit und horchte ängstlich auf jedes Geräusch. Doch es war alles ruhig und friedlich. Irgendwann kam sie zu der Erkenntnis, dass der Blonde verschwunden war. Ermattet kramte sie ihr Smartphone aus der Tasche und berichtete Dennis in einer langen Mail von ihrem Erlebnis. Sie wartete vergeblich auf eine Antwort.

8 – Man begegnet sich immer zweimal im Leben

Svenjas Innenleben sah genauso düster und grau aus wie der bedeckte Himmel, als sie am nächsten Morgen aus ihrem Fenster blickte. Albträume hatten die Nacht zur Qual werden lassen. Der Unbekannte, der sie am Abend zuvor verfolgte hatte, war ihr im Traum erschienen, hatte sie mit brutaler Gewalt überfallen und beinahe umgebracht.

Sie wünschte sich verzweifelt Dennis Nähe herbei. Hoffnungsvoll nahm sie ihr Smartphone zur Hand, doch der Blick darauf stürzte sie in noch größere Verzweiflung. Keine Nachricht, kein verpasster Anruf, nichts. Dennis ignorierte sie und sie konnte es sich nicht erklären. Wie sie solche Unzuverlässigkeit hasste! Frustriert ging sie in die Küche, kochte sich eine Tasse Tee und kramte eine Scheibe Knäckebrot aus dem Schrank. Nach zwei Bissen warf sie das trockene Gebäck appetitlos auf den Teller zurück und machte sich auf den Weg zur Nachhilfeschule.

Lustlos stieg sie die Treppen empor und sperrte die Tür auf. Aus ihrem Büro drang leise Musik, begleitet von Veras Summen. Wie wenig ihr im Moment der Sinn nach lockerer Konversation stand! Am liebsten wäre sie auf der Stelle wieder nach Hause gefahren, um sich im Bett zu verkriechen. Es kostete sie enorme Überwindung, aber irgendwie schaffte sie ein schiefes Lächeln, als sie die Tür zum Büro öffnete.

„Hallo Vera! Alles klar bei dir?“

„Ah, hallo, schön, dass du wieder da bist. Wie war der Urlaub? Besonders erholt siehst du ja nicht gerade aus!“, meinte Vera, die auf sie zuging und dann herzlich umarmte.

„Schlecht geschlafen, aber das wird schon wieder. Irgendetwas Besonderes?“

„Ein paar Anmeldungen, zwei Abmeldungen, eine neue Lernsoftware. Willkommen im Club!“, sagte sie und schaltete die Kaffeemaschine ein. „Du kannst jetzt sicher gleich einen Muntermacher vertragen, so wie du aussiehst. Ist wirklich alles in Ordnung, außer dass du schlecht geschlafen hast? Ärger mit Dennis?“

„Ja, leider!“ Svenja hängte ihre Jacke an den Kleiderständer, warf ihre Tasche auf den Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Es war so schön im Urlaub, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Aber irgendwie werde ich auch nicht so recht schlau aus ihm.“

„Wieso?“ Vera stellte zwei Kaffeetassen auf den Tisch und setzte sich auf die Tischkante.

„Weil er zwei Seiten hat, eine zärtliche, liebevolle und eine unzugängliche. Manchmal baut er so eine unsichtbare Wand zwischen uns auf und ich weiß nicht warum. Bin gespannt, wann er sich wieder meldet, nachdem was mir gestern passiert ist.“

Auf Veras fragenden Blick hin, erzählte sie von ihrem unheimlichen Verfolger.

„Was war das denn für ein Irrer. Und dass er dich auch noch fotografiert hat. Gruselig!“

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Svenja gab einen leisen Stoßseufzer von sich und rief dann „Herein!“

Die Tür öffnete sich. Eine schlanke brünette Schönheit, mit schulterlangen glatten Haaren und bekleidet mit einem hellen Hosenanzug, ging sicheren Schrittes auf Svenja zu.

„Guten Tag, mein Name ist Kirsten Mahle. Sind Sie Frau Grothe?“, sagte sie forsch und hielt ihr lächelnd die gepflegte Hand entgegen. Ihre grünbraunen, perfekt geschminkten Augen, die durch den schräg geschnittenen Pony zusätzlich betont wurden, lächelten nicht mit, sondern taxierten Svenja von oben bis unten.

„Ja, ich bin Svenja Grothe. Sie wollen Ihr Kind anmelden?“, sagte sie und schüttelte ihre Hand.

„Natürlich, was sonst. Man hat mir Ihre Nachhilfeschule empfohlen. Es geht um meine Tochter. Sie ist in der sechsten Klasse Gymnasium und braucht Hilfe in Französisch.“ Während sie redete, sah sie sich im Raum um, als würde sie nach etwas suchen.

„Wollen Sie Einzel- oder Gruppenunterricht?“

Der verächtliche Blick, den diese Frau Svenja zuwarf, war Antwort genug.

„Natürlich Einzelunterricht, sonst kann man es ja gleich lassen.“

Arroganz ist mein zweiter Vorname , dachte Svenja und hatte große Mühe, weiterhin Höflichkeit zu bewahren. Der teuren Kleidung und dem Diamantschmuck, den diese Frau am Finger und um den Hals trug, nach zu urteilen, gehörte sie zur reichen Klientel und zwar zu der Sorte Menschen, die denkt, sich aufgrund ihres vielen Geldes alles erlauben zu können. Solche Kunden schätzte sie gar nicht, denn die Probleme waren schon vorprogrammiert, wenn der Nachwuchs nicht sofort Einsteinsche Fähigkeiten durch die Nachhilfe erreichte.

Svenja zog ein Formular aus einer Schublade und hielt es ihr mit süßsaurem Lächeln hin. „Wenn Sie das bitte ausfüllen würden. Sie können es auch gerne online machen, wenn Ihnen das lieber ist.“

Mit einer ungeduldigen Bewegung strich sich die Kundin, die Svenja auf Mitte dreißig einschätzte, eine Haarsträhne aus dem attraktiven Gesicht. „Ja, allerdings. Papierformulare sind inzwischen doch ziemlich antiquiert, finden Sie nicht? Und auch nicht umweltgerecht. Wie lange haben Sie dieses Unternehmen eigentlich schon?“, fragte sie herablassend.

Was für eine unverschämte Frage, dachte Svenja und überging sie einfach, indem sie dieser unsympathischen Kundin ein Kärtchen hinhielt. „Darauf steht unsere Internetadresse, wo Sie auch das Formular finden. Sie können gerne jederzeit anrufen, wenn Sie Fragen dazu haben.“

Ihre Hoffnung, dass diese Frau sich eine andere Nachhilfeorganisation suchen würde, erfüllte sich nicht, denn sie bat Svenja allen Ernstes, ihr die Lernräume und das Unterrichtsmaterial zu zeigen. Der Kunde ist König, sagte sich Svenja, stand auf und bat die Dame mit ihr zu kommen. Während sie Frau Mahle die Räumlichkeiten zeigte, wollte diese alles haargenau über die Organisation wissen. Es war wie ein Verhör. So ein penetrantes Auftreten hatte Svenja bisher noch nicht erlebt und sie hoffte inbrünstig, sie würde sich gegen ihre Lernschule entscheiden. Svenjas Smartphone klingelte. Veras Name erschien auf dem Display.

„Sie entschuldigen, eine Kundin!“, sagte sie in Richtung brünette Schönheit und hob dankbar für diese Ablenkung ab. „Svenja Grothe!“

„Na, wie geht es dir mit dieser Nervensäge? Soll ich dir helfen, sie loszuwerden?“

Svenja beobachtete, wie Frau Mahle alles inspizierte und schließlich ein Buch in die Hand nahm.

„Das ist gut, dass Sie mir das mitteilen. Hätten Sie einen Vorschlag, wie wir das ändern könnten?“, antwortete sie.

„Mal überlegen. Es soll ja schließlich nicht unseren Ruf schädigen.“

„Richtig, das sollten wir noch gründlich überdenken, bevor wir handeln.“ Was für eine Komödie! Svenja musste an sich halten, um nicht zu lachen und drehte sich kurz weg.

„Ich habs“, meinte Vera. “Gleich kommt doch unser Student mit dem Charakterkopf voller Rasta Locken. Ein ideales Abschreckgespenst für diese Kundin, obwohl er unser bestes Pferd im Stall ist! Wir stellen ihn ihr als Französischnachhilfelehrer vor, was meinst du?“

Svenja wandte sich wieder um und erschrak über den durchdringenden Blick, den ihre Kundin auf sie gerichtet hatte. Augenscheinlich war es dieser Person nicht einmal peinlich, beim Anstarren erwischt worden zu sein, denn ohne eine Miene zu verziehen vertiefte sie sich wieder in das Lehrbuch.

„Das ist sehr gut. Wir werden das gleich in die Wege leiten“, sagte Svenja. Es gab kein Überlegen mehr. Diese Frau war ihr nicht geheuer und Probleme unbekannten Ausmaßes, würde es irgendwann unweigerlich geben. Angesichts dieser drohenden Gefahr verzichtete sie lieber auf eine zahlungskräftige Kundin.

„Gut, du musst sie nur noch ein wenig aufhalten. Matthias kommt jeden Moment, sofern er mal pünktlich sein sollte.“

„Geht in Ordnung. So machen wir es. Vielen Dank und auf Wiederhören.“

Mit einem lauten Knall fiel das Buch, das Frau Mahle in der Hand gehalten hatte, auf den Boden. Svenja zuckte erschrocken zusammen.

„Oh Verzeihung. Es ist mir aus der Hand gerutscht.“ In sehr femininer Art ging sie in die Hocke, hob das Buch auf und warf es dann achtlos auf einen Tisch.

„Es zeugt nicht gerade von Professionalität, geschäftliche Gespräche in Anwesenheit eines Kunden zu führen. Das Lehrbuch scheint mir auch nicht von hoher Qualität zu sein“, monierte sie und sah Svenja dabei hochnäsig an. Diese schluckte schwer. Sie musste sich sehr beherrschen, um ihr nicht ihre Meinung ins sorgfältig geschminkte Gesicht zu schleudern. In diesem Moment hörte man eine Männerstimme auf dem Flur und gleich darauf öffnete sich die Tür. Mit breitem Grinsen kam Matthias hereingestürmt.

„Hallo Svenja! Heute bin ich mal mehr als pünktlich, was sagst du dazu?“ Er nahm sie bei den Schultern und drückte ihr zuerst links dann rechts ein Küsschen auf die Wange.

„Aaah, eine neue Kundin! Guten Tag, ich bin Matthias Klein, Lehramtsstudent für Französisch und Deutsch an Gymnasien. Ich hörte, Sie suchen einen geeigneten Nachhilfelehrer für Ihre Tochter, hier bin ich!“ Freudestrahlend streckte er ihr seine Hand entgegen, doch sie reichte ihm nur ihre Fingerspitzen. Dabei ließ sie mit angewidertem Gesichtsausdruck ihren Blick von Kopf bis Fuß über ihn gleiten. Sein Kleiderstil, bestehend aus einem rot-blau-gelb kariertem Hemd und einer verwaschenen, mit ein paar Rissen versehenen, ausgebeulten Jeans, entsprach eindeutig nicht ihrer Vorstellung von kompetentem Lehrpersonal.

„Sie wollen also Lehrer werden. Ich glaube kaum, dass Sie ein geeignetes Vorbild für die Jugend sein können. Aber an den staatlichen Schulen wird wohl jeder eingestellt, wenn er nur den nötigen Notendurchschnitt hat. Unglaublich! Zum Glück gibt es Privatschulen. Da hätten Sie kaum eine Chance.“

Matthias Lächeln erlosch augenblicklich. Finster blickte er sie an und öffnete den Mund, um Kontra zu geben, doch Svenja kam ihm zuvor.

„Ich glaube es steht Ihnen nicht zu, solche Vorurteile hier zu verbreiten. Mein Personal lass ich mir jedenfalls nicht beleidigen, deshalb denke ich, wäre eine Entschuldigung angebracht.“

Frau Mahle bedachte sie mit einem eiskalten Blick.

„Denken Sie, was Sie wollen. Ich habe genug gesehen. Mein Kind melde ich auf gar keinen Fall hier an. Einen schönen Tag noch“, sagte sie mit ebenso eiskalter Stimme und verließ den Raum. Gleich darauf hörten sie, wie die Eingangstür laut krachend ins Schloss fiel.

Matthias blies kurz die Backen auf und ließ dann geräuschvoll die Luft herausströmen. „Meine Nerven! Was war denn das gerade für ein Auftritt? Die spinnt ja wohl komplett! Aber wenigstens habe ich eure Mission zu hundert Prozent erfüllt.“

„Ja, danke. Du hast uns wirklich sehr geholfen. Stell dir nur mal vor, wie viel Ärger uns mit dieser Frau Hochnäsig noch ins Haus gestanden wäre!“

Beide gingen zu Vera ins Büro hinüber, die ihnen erwartungsvoll entgegenblickte.

„Dem lauten Abgang nach zu schließen, ist eine Anmeldung wohl kaum zu erwarten. Wusste gar nicht, dass du so einen hohen Abschreckfaktor für solch spezielle Kunden besitzt, Matthias!“, meinte sie fröhlich. Dieser schnappte sich ein Blatt Papier von Svenjas Schreibtisch, zerknüllte es in Sekundenschnelle und bombardierte Vera damit. Während sie alle lachten, entfaltete Svenja das Blatt wieder. „Zum Glück nur das Anmeldeformular für Frau Hochnäsig“ gluckste sie amüsiert.

Ihr Smartphone klingelte und sie nahm ab. Es war Philipp, der sich mit ihr zum Mittagessen verabreden wollte. Für einen Moment zögerte sie, sagte dann aber spontan zu. Ein verständnisvoller Gesprächspartner kam ihr wie gerufen, nachdem Dennis sich immer noch nicht gemeldet hatte. Bei dem Gedanken an ihn sank ihre Laune rapide. Dieses unzuverlässige Verhalten ärgerte sie. Das Schlimmste war, dass sie es sich nicht erklären konnte, nicht nach dieser schönen gemeinsamen Zeit im Urlaub.

Der Kellner brachte für Svenja eine Schüssel griechischen Salat mit Baguette und an Philipps Platz deponierte er eine wagenradgroße Pizza.

„Wenn du die verputzt hast, bist du aber nicht mehr nüchtern!“, bemerkte Svenja und verdrehte die Augen. „Wie kann man sich bloß so vollstopfen und dabei auch noch dünn bleiben!“

„Weiß auch nicht“, meinte Philipp und schnitt sich eifrig eine Pizzaecke heraus. „Ist aber okay für mich. Guten Appetit!“

Während des Essens, bei dem Philipp über die Schwierigkeiten in seiner Firma sprach, überlegte Svenja, wie viel sie ihm erzählen sollte. Das Erlebnis mit dem Typen, der sie verfolgt hatte, konnte und wollte sie nicht mehr für sich behalten, aber Thema Dennis würde bestimmt nicht gut ankommen, so wenig wie Philipp von ihm hielt.

„Wie geht es dir denn so? Läuft der Laden?“

„Ja, ganz gut, zum Glück kommen nicht jeden Tag solche Kundinnen wie heute Morgen zu uns.“ Sie berichtete von der Begegnung mit Frau Mahle und anschließend von ihrem nächtlichen Verfolger.

„Das war so unheimlich, sag ich dir, ich dachte mein letztes Stündlein würde schlagen!“, meinte sie und ließ ihren Blick zur Eingangstür schweifen, die sich gerade öffnete.

„Du meine Güte, Svenja! Unglaublich, welche Spinner manchmal herumlaufen! Pass bloß auf dich auf. Und du bist dir ganz sicher, dass du ihm noch nie begegnet bist? Svenja? Was machst du denn unter dem Tisch? Suchst du etwas?“ Er beugte sich zu ihr hinunter und sah, wie sie ihm andeutete, nicht so laut zu sein.

„Was ist denn los? Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er kopfschüttelnd mit gedämpfter Stimme.

„Siehst du die langhaarige Brünette und den großen Mann? An welchen Tisch setzen sie sich?“, wisperte sie, während sie vorgab, etwas auf dem Boden zu suchen.

Philipp richtete sich wieder auf und ließ suchend seinen Blick durch den Raum schweifen. Er entdeckte die Genannten und beobachtete, wie die beiden auf einen Tisch im hinteren Eck des Raumes zusteuerten und sich setzten. Kurz beugte er sich wieder hinunter und sagte leise: „Du kannst wieder aus der Versenkung auftauchen. Das ist doch bloß Mark mit Begleitung. Außerdem hat er uns nicht entdeckt und die beiden sitzen ziemlich weit weg von uns.“

Svenja kroch unter dem Tisch hervor, sah sich kurz im Raum um und setzte sich dann wieder auf ihren Stuhl.

„Was war das denn jetzt für eine Aktion?“ Philipp sah sie zweifelnd an.

„Das ist die besagte Frau Mahle, und ausgerechnet sie kennt meinen Liebling Mark. Deswegen bin ich abgetaucht.“

Philipp lachte. „Du bist echt verrückt. Take it easy.“

Beherzt biss er ein großes Stück von seiner Pizza ab und kaute es genussvoll, während Svenja in ihrem Salat herumstocherte. Immer wieder warf sie einen Blick zu Mark und der aufgebrezelten Frau Mahle. Die zwei waren in ein Gespräch vertieft und sie fragte sich, wie lange sie sich schon kannten. Sie hoffte inständig, nicht entdeckt zu werden. Auf deren Gesellschaft konnte sie gerne verzichten.

„Können wir nicht lieber gehen? Lass dir die Pizza einpacken“, drängte Svenja.

„Jetzt entspann dich“, meinte er kauend und dementsprechend schwer verständlich. „Hunde, die bellen, beißen nicht.“

„Ignorant!“ Svenja verdrehte die Augen und schob resigniert mit der Gabel etwas Hirtensalat in den Mund. Während sie sorgfältig kaute, beobachtete sie Mark und Frau Mahle. Ihrer Gestik und Mimik nach zu schließen, schien diese Frau jetzt wesentlich charmanter und freundlicher zu sein, als sie es noch im Umgang mit Svenja und ihrem Personal gewesen war. Was hatte sie sich von ihrem arroganten Auftritt eigentlich versprochen? Hatte sie ernsthaft erwartet, alle würden im Kreis springen, um ihr bedingungslos zu Diensten zu sein?

Mark gestikulierte lebhaft und zeigte dabei ab und zu sein ansprechendstes Lächeln. Das war sehr ungewöhnlich für ihn.

„Noch mal zu diesem Typen, der dich verfolgt hat. Hast du ihn noch nie vorher gesehen? Vielleicht ein Vater einer deiner Schüler?“, fragte Philipp, bevor er sich ein weiteres Stück Pizza genehmigte.

„Nein, ich kannte ihn nicht. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, wann ich schon einmal näheren Kontakt mit ihm gehabt hätte. Wahrscheinlich war das so ein komischer Typ, der Vergnügen daran findet, Frauen zu erschrecken. Ich hoffe, ich begegne ihm nie wieder.“

„Wahrscheinlich hast du recht. Wenn er dir noch einmal zu nahe kommt, gehst du zur Polizei. Wie läuft es übrigens mit Dennis? Ich bin nächste Woche bei ihm eingeladen. Neuen Businessplan entwerfen. Ich hoffe nur, der ist besser als der letzte.“

Als Dennis Name fiel, verdüsterte sich Svenjas Blick.

„Erinnere mich bloß nicht an ihn. Wir hatten so eine schöne Zeit miteinander und jetzt meldet er sich nicht, obwohl ich ihm von dem unheimlichen Verfolger geschrieben hatte. Keine Ahnung, was mit …“ Svenjas Augen, die auf die Eingangstür gerichtet waren, weiteten sich plötzlich vor blankem Entsetzen.

 

Es konnte nur eine schreckliche Vision sein. Sie konnte einfach nicht glauben, wen sie das Lokal ganz unbekümmert betreten sah. Es war der blonde Mann, der sie verfolgt hatte! Er ließ die Tür hinter sich zufallen und drehte den Kopf in ihre Richtung. Blitzschnell schnappte sich Svenja die Eiskarte, die auf dem Tisch lag und hielt sie sich vor das Gesicht.

„Svenja, alles in Ordnung?“ Philipp wollte die Karte herunterbiegen, um ihr in die Augen zu sehen.

„Lass das!“, zischte sie und rutschte ein Stück auf ihrem Stuhl nach unten. „Der blonde Mann, der gerade hereingekommen ist, siehst du ihn? Sieht er noch zu mir her?“

„Ähm, nein, er geht in die andere Richtung. Sag mal, leidest du an Sozialphobie? Versteckst dich vor jedem, der hier hereinkommt.“

Svenja lugte vorsichtig über den Kartenrand. Gebannt beobachtete sie, wie der Mann den Raum durchquerte und zielstrebig auf einen Tisch zuging. Ihr blieb vor Schreck fast das Herz stehen, als sie Frau Mahle lächelnd aufstehen und ihn mit zwei Küsschen begrüßen sah.

„Das gibt es doch nicht!“ Die Karte immer noch wie ein Schutzschild vor sich haltend, sah sie Philipp entgeistert an. „Aber das kann doch nicht sein!“ Verzweiflung ergriff sie, als ihr klar wurde, welch unbegreiflichem Komplott sie in diesem Moment womöglich auf die Spur gekommen war.

„Was ist denn los? Kennst du den Typen etwa?“, fragte Philipp eindringlich.

„Nein, ja … was geht da vor? Wieso sind die so vertraut miteinander? Das kann doch kein Zufall sein! Oder doch?“ Sie sah ihn verwirrt und verzweifelt, nach einer Antwort suchend, an.

„Was faselst du da? Könntest du mal konkreter werden, ich verstehe nämlich nur Bahnhof.“ Svenja antwortete nicht. Wie versteinert beobachtete sie über den Kartenrand hinweg die irreale Szenerie, die sich ihr bot. Der Fremde setzte sich neben Frau Mahle und redete mit ihr, wobei er sie ab und zu anlächelte. Schließlich bestellte er etwas bei der herbeigeeilten Bedienung. Nichts deutete auf ein konspiratives Treffen zwischen den beiden hin, sie bezogen Mark ins Gespräch ein, lachten miteinander. Alles ganz normal von außen betrachtet. Niemand könnte vermuten, dass der Blonde sie nur einen Tag zuvor verfolgt und zu Tode geängstigt und die Frau sie am nächsten Morgen mit ihrer Arroganz beruflich in die Enge getrieben hatte. Und jetzt saßen sie hier im Restaurant, als wäre nichts geschehen. Konnte es sein, dass diese Frau nichts von den Ereignissen der vergangenen Nacht ahnte, dass sie nur einen guten Bekannten hier getroffen hatte? Zufällig? Oder verabredet? Svenja hätte gerne daran geglaubt.

Philipp nahm ihr mit einer etwas unsanften Bewegung die Eiskarte weg, doch Svenja riss sie sofort wieder an sich. „Spinnst du, ich will nicht, dass sie mich sehen“, zischte sie empört und hielt sie sich wieder vor das Gesicht.

„Also, wenn du mir jetzt nicht endlich sagst, was los ist, dann gehe ich auf der Stelle. Die Rechnung kannst du dann zahlen.“ Philipps Ankündigung klang alles andere als scherzhaft.

„Schon gut, der Blonde ist mein Verfolger von gestern Nacht“, sagte sie schnell.

Philipp, der gerade etwas Bier getrunken hatte, verschluckte sich und hustete nach Luft ringend so laut, dass sich sämtliche Gäste umdrehten. Mit der einen Hand die Karte krampfhaft vor ihr Gesicht haltend, schlug Svenja mit der anderen heftig auf seinen Rücken.

„Gehts auch ein bisschen leiser?“ Svenja wurde ganz heiß, wenn sie daran dachte, dass sie jetzt entdeckt werden könnte.

„Wie denn, Scherzkeks!“, krächzte Philipp und hustete noch ein paar Mal kräftig.

„Wir zahlen jetzt besser und verlassen dann das Lokal so schnell es geht“, drängte sie ihn.

„Ja, das wird das Beste sein! Hallo, bitte zahlen“, rief er mit ziemlich belegter Stimme. Sein begleitendes Hüsteln ließ Svenja immer nervöser werden. Hastig zog sie ihren Mantel an und beugte sich über ihre Handtasche, um das Smartphone hineinzustecken. Als sie sich wieder aufrichtete, bemerkte sie mit Entsetzen, dass jemand neben ihr stand.

„Hey ihr beiden, wollt ihr euch schon verdrücken? Ihr habt mich wohl nicht gesehen, ich sitze dort hinten in der Ecke.“ Es war Mark. Svenja verfluchte sich, dass sie nicht sofort nach dem Auftauchen von Frau Mahle das Lokal verlassen hatte. Sie setzte ihr freundlichstes Lächeln auf. „Na so was, wir haben dich tatsächlich nicht gesehen. Leider muss ich ganz schnell weg. Termine, Termine.“

„Immer diese viel beschäftigten Unternehmerinnen! Und du Philipp, hast du auch noch wichtige Termine?“

Svenja wusste zwar, dass Philipp nicht erpicht darauf war, sich mit Mark zu unterhalten, aber sie musste ihn dazu bringen, es dennoch zu tun. Auf diese Weise könnte sie mehr über den Blonden und diese Frau erfahren. Bevor er etwas erwidern konnte, antwortete sie an seiner Stelle.

„Nein, hat er nicht. Zu mir sagtest du jedenfalls, du hättest heute viel Zeit. Setz dich ruhig an Marks Tisch und unterhalte dich gut“, meinte sie gezwungen fröhlich und zwinkerte ihm dabei verstohlen zu. Philip verstand. Er bedachte sie mit einem Blick, in dem stand: Gut, ich machs. Ungern, aber weil du es bist …

„Tschüss, Mark, bis irgendwann.“ Sie warf ihre Handtasche über die Schulter und strebte mit eingezogenem Kopf in Richtung Ausgangstür. Ein unbezwingbarer innerer Drang verleitete sie dazu, kurz nach dem Blonden zu sehen. Ihre Blicke begegneten sich. In seinen Augen spiegelte sich ein Hauch von Triumpf wider.

9 – Dunkle Wolken am Horizont

Zwei Stunden später fiel die Tür zu Svenjas und Veras Büro laut krachend ins Schloss. Erschrocken zuckte Svenja, die alleine war, zusammen und drehte sich um. Sie sah Philipp mit zerknirschtem Gesichtsausdruck auf sich zukommen.

„Sag mal, gehts noch?“, sagte er ohne Umschweife. „Du kannst mich doch nicht einfach mit Mark allein lassen! Du weißt ganz genau, wie sehr er nervt!“

„Aber das war eine Notlage. Du solltest doch herausfinden, wer dieser Blonde ist und wie er zu dieser Frau Mahle steht!“, verteidigte sich Svenja.

„Warum hast du das nicht selbst gemacht? Er hat dich massiv bedroht, da hast du wohl das Recht, mal nachzufragen, was das Ganze soll.“

„Das sagst du so einfach. Glaubst du denn ernsthaft, er hätte es zugegeben? Niemals! Er hätte alles abgestritten, sich auf eine Verwechslung berufen und sich lauthals darüber empört, dass ich ihn in aller Öffentlichkeit beschuldige. Und an die Reaktion von Frau Mahle will ich gar nicht denken.“

„Das kann dir doch egal sein, wie die feine Dame reagiert. Sie ist schließlich nicht bedrängt worden.“ Philipp ließ sich auf Veras Schreibtischstuhl plumpsen und zog seine Jacke aus.

„Du hast ja gar keine Ahnung! So wie ich sie kennengelernt habe, würde sie mich fertigmachen. In Internetzeiten ist nichts einfacher als das. Ich kann mir peinliche, aufsehenerregende Auftritte nicht erlauben, es geht um meine berufliche Existenz. Kaffee und Kekse?“, fragte sie um einen versöhnlichen Ton bemüht.

„Das ist das Mindeste, was du mir schuldest.“ Philipp konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Svenja setzte die Kaffeemaschine in Gang und stellte eine Schale mit Schokokeksen vor ihn hin. „Hast du etwas herausgefunden? Über den Blonden und die Frau?“

Philipp schob einen Keks in den Mund und zuckte mit der Schulter. „Nein, Mark blieb bei mir sitzen. Er hat mir die ganze Zeit ins Ohr gelabert, bis ich es nicht mehr aushielt und ging.“

„Was? Du hast nichts erfahren? Gar nichts?“ Sie wollte es nicht glauben.

„Nur, dass Mark diese Frau erst heute kennengelernt hat.“ Sein Griff nach den Keksen ging ins Leere, denn Svenja hatte die Schüssel wieder an sich genommen.

„Hey, was soll das? Keine Info, keine Kekse, oder wie? Sei nicht albern! Was sollte ich denn machen?“

„Du hättest dir eine Ausrede einfallen lassen müssen!“ Unsanft setzte sie die Schüssel auf dem Schreibtisch ab. „Du hättest sagen können, dass du lieber am Fenster sitzt oder dass er dich der Brünetten vorstellen soll oder etwas in der Art, Mann!“

Sie holte die gefüllten Kaffeetassen und reichte Philipp eine.

„Also entschuldige, aber du hast dich zuerst seltsam benommen, nichts gesagt und mir plötzlich in einem einzigen Satz eröffnet, dass sich dein Verfolger im Raum befindet. Und dann nötigst du mich zum Detektivspielen. Da musst du mir schon zugestehen, dass ich ein wenig überfordert war.“

„Ja, ich weiß, tut mir leid, aber ich war so durcheinander. Der Typ war mir so unheimlich und dass er diese Frau auch noch kennt! Als ich hinausging, hat er mich mit so einem seltsamen Ausdruck angesehen. Mir lief es eiskalt den Rücken hinab, sag ich dir.“ Sie erhob sich vom Stuhl und ging nervös auf und ab. „Irgendetwas führt er doch im Schilde. Ich habe Angst Philipp.“

Philipp stand auch auf, setzte seine Tasse ab und nahm Svenja in die Arme. „Komm, beruhige dich. Wenn er dich noch einmal belästigt, dann zeigst du ihn bei der Polizei an. Ich begleite dich. Versprochen.“

Dankbar für seine tröstenden Worte schmiegte sie sich kurz an ihn. Es hätte Dennis Schulter sein sollen, an die sie sich vertrauensvoll lehnte, es hätten seine beruhigenden Worte sein sollen, die an ihr Ohr drangen. Der Schmerz darüber, dass er sie ignorierte, dass er nicht das kleinste Lebenszeichen sandte, obwohl es in dieser vernetzten Welt genügend Möglichkeiten dafür gab, übermannte sie plötzlich. Heftig brachen die Tränen aus ihr heraus, ließen sie laut aufschluchzen, sodass Philipp sie erschrocken an sich drückte.

„Hey, was ist denn los“, sagte er leise. In diesem Moment wurde ihr bewusst, was den Unterschied zu Dennis ausmachte. Philipp war ehrlich und zuverlässig, die Basis jeder guten Partnerschaft. Bei ihm müsste sie nie zweifeln, ob er sie genug liebte.

Seine Hände hatten sich um ihr Gesicht gelegt. Zärtlich fing er an, ihre Tränen weg zu küssen. Alles in ihr erstarrte. Sie wurde förmlich hineingerissen in einen Strudel vergangener Gefühle. Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit als Paar holten sie mit erschreckender Intensität ein. Schöne Erinnerungen, quälende Erinnerungen. Es sollte die Tragik ihres Lebens sein, Philipps liebevolle Annäherung nicht erwidern zu können.

Sie wand sich aus seiner Umarmung, wischte mit einer schnellen Bewegung die Tränen vom Gesicht und trat einen Schritt zurück. Unfähig, ihre zwiespältigen Gefühle auszudrücken, ignorierte sie Philipps fragenden Blick und nahm willkürlich einen herumliegenden Ordner zur Hand.

„In einer Stunde kommt meine Französischgruppe zum Unterricht und ich muss noch etwas vorbereiten“, sagte sie in entschuldigendem Ton und ging hinter ihren Schreibtisch.

„Alles klar. Ich geh dann mal.“ Philipps große Enttäuschung über den plötzlichen Gesinnungswandel war nicht zu überhören. Entnervt schnappte er sich seine Jacke und schlüpfte hinein.

„Ruf mich an, wenn dir danach ist“, brummte er und verließ fluchtartig den Raum. Kurz darauf hörte Svenja den Knall, als er die Haustür zuschlug, und zuckte zusammen. Natürlich war ihr bewusst, dass sie ein übles Spiel mit ihm trieb. Sie musste aufhören, ihn als Beschützer auszunutzen. Es weckte nur ungeahnte Gefühle in ihm, Gefühle, die sie nicht erwidern konnte.  

Seufzend schaltete sie den Computer ein, um ihre E-Mails abzurufen. Sie überflog alle neuen Eingänge und ertappte sich dabei, dass sie nur nach einem einzigen suchte, aber vergeblich. Dennis blieb verschollen. Enttäuscht klickte sie den geschäftlichen Account an und durchforstete die neuen Mails. Wieder nichts. Dann klickte sie die Rubrik gelesen an, um zu sehen, was Vera schon bearbeitet hatte. Sie traute ihren Augen kaum, als sie Dennis Namen las. Dennis Lettmann an Sie vor 3 Stunden. Zittrig vor Freude öffnete sie die Mail.

Liebste Svenja,

was muss ich da hören, kaum dass man dich allein lässt! Welcher Verrückte hat dich denn da verfolgt? Ich habe die Nachricht leider erst heute Früh gelesen, da ich gestern noch lange geschäftlich unterwegs war und mein Smartphone im Büro liegen ließ. Ich komme sobald ich kann, meine Süße.

Innige Küsse, Dennis

Svenja lehnte sich zurück und schloss beglückt die Augen. All die dunklen Gedanken, der Groll, den sie gegen ihn gehegt hatte, verflogen in Überschallgeschwindigkeit. Er hatte sie nicht ignoriert, er war nicht der eiskalte Macho, für den sie ihn gehalten hatte. Die Erklärung für sein destruktives Verhalten war so simpel wie einleuchtend. Dummerweise hatte er die Geschäftsmailadresse benutzt. Vor drei Stunden hatte er die Nachricht geschickt. Ihr beglücktes Lächeln erlosch von einer Sekunde zur anderen. Sie schluckte schwer. Wieso hatte Vera die Mail nicht als neu behalten und ihr verschwiegen, dass Dennis geschrieben hatte? Es war umso befremdlicher, als sie ja gewusst hatte, wie sehnlichst sie auf eine Nachricht von ihm gewartet hatte. Was war los mit ihr? Svenja konnte nicht glauben, dass sie ihr das Glück mit Dennis nicht gönnte und deshalb torpedierte. Nicht Vera, die sich so mit ihr gefreut hatte, als sie mit Dennis zusammengekommen war.

In diesem Augenblick kam diese zur Tür herein.

„Hallo, du bist schon wieder da?“, rief sie fröhlich, während sie ihre Jacke auszog und über den Kleiderständer warf.

„Ja, Mark war aufgetaucht und ich hatte keine Lust mich mit ihm zu unterhalten. Sag mal, wieso öffnest du eine Mail von Dennis und sagst es mir nicht mal! Du hättest mir viel Kummer ersparen können“, fragte sie ohne zu zögern.

Vera war auf diese direkte Konfrontation nicht gefasst. Ihr Lächeln verschwand augenblicklich und machte einer schuldbewussten Miene Platz.

„Ja, ähm, ich öffnete es aus Versehen, weil es sich bei den geschäftlichen befand. Ich wollte es dir natürlich sagen, aber dann kam doch diese Frau Mahle und in der Aufregung habe ich es wohl vergessen“, meinte sie verlegen. Svenja konnte die Lüge fast körperlich spüren. Es war nicht Ärger, sondern grenzenlose Enttäuschung, die sie ob Veras Verhalten empfand. Aber sie wusste auch, dass es sinnlos wäre, weiter in sie zu dringen. Eine ehrliche Antwort würde sie ohnehin nicht bekommen.

„Na ja, trotzdem hättest du es mir sagen müssen. Es war kein angenehmes Gefühl zu denken, Dennis sei es vollkommen egal, was mir passiert ist.“

Ohne sie weiter zu beachten, setzte sie sich an den Schreibtisch und vertiefte sich in ihre Unterlagen. Liebend gern hätte sie Vera von dem aufregenden Restaurantbesuch erzählt, aber das Vertrauen zu ihr war aufgrund ihres Schweigens ein Stück weit verloren gegangen.

Es gelang ihr kaum, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, denn die Sehnsucht nach Dennis nagte plötzlich gewaltig an ihr. Der Wunsch, ihm alles, was sie bewegte mitzuteilen, wurde immer größer. In Gedanken sah sie sich an ihn schmiegen, sah, wie er ihr zärtliche Küsse gab, sah sich mit ihm eng umschlungen und angeregt unterhaltend durch die Straßen ziehen.

Die Vision sollte nur einen Tag später Wirklichkeit werden.

Morgens hatte er ihr angekündigt, abends zu ihr zu kommen und die Nacht in Augsburg zu bleiben. Den Vorschlag, bei ihr zu übernachten, lehnte er mit der Begründung ab, dass ihm der Gedanke, zusammen mit ihren Eltern unter einem Dach zu sein, etwas unangenehm wäre. Für einen kurzen Augenblick war sie enttäuscht über seine Reaktion, dachte jedoch nicht länger über sein Verhalten nach. Bald würde sich das Problem von alleine lösen, da sie in einer Woche die neue Wohnung beziehen konnte.

„Hast du mich vermisst?“, fragte er neckisch, als er abends zu ihr ins Büro kam und sie ihm vor Freude förmlich in die Arme flog.

„Ja, ein bisschen“, meinte sie scherzhaft und schlang die schlanken Arme um seinen Hals.

„Dann sorge ich dafür, dass du mich das nächste Mal richtig schrecklich vermisst.“

Er küsste sie leidenschaftlich, begehrend, fast gierig, wie ein Verdurstender, der endlich die lebensrettende Flüssigkeit in sich aufsaugen durfte. Svenja erschrak fast über diesen emotionalen Ausbruch, ließ sich aber von der Woge der Leidenschaft mitreißen. Sie küssten sich so heiß und innig, als gäbe es kein Morgen mehr. Seine Hände, die am Rücken ihren Pullover nach oben schoben, wieder auf ihrer Haut zu spüren, ließ sie wohlig erschauern. Er lehnte sie gegen den Schreibtisch und öffnete gekonnt den Verschluss ihres BHs. Zärtlich ließ er die Hände über ihren Rücken gleiten und schließlich ihre Brüste sanft umfassen. Lustvoll stöhnte sie auf und nur ein winziger Restverstand befahl ihr, das Ganze zu stoppen.

„Nicht, Dennis, nicht hier“, keuchte sie um Beherrschung bemüht.

„Ich kann nicht warten“, raunte er heiser und küsste sachte ihre Brust. Tief einatmend schloss sie ihre Augen und wusste nicht, wie sie sich gegen das Verlangen, ihn zu verschlingen, wehren sollte. Sie spürte, wie er den Knopf ihrer Jeans öffnete und langsam den Reißverschluss herunterzog, während er sie am Hals küsste. Wie aus weiter Ferne drang ein klopfendes Geräusch an ihr Ohr, doch in ihrer erregten Umnebelung ignorierte sie es. Sie schlüpfte aus ihren hochhackigen Pumps, während Dennis sie wild küsste und eine Hand am Po in ihren Slip gleiten ließ. Zu spät registrierte sie, dass dieses klopfende Geräusch immer näher kam und plötzlich verstummte. Gleich darauf öffnete sich die Tür und jemand betrat den Raum. Svenja fuhr erschrocken zusammen und sah, über Dennis Schulter blickend, direkt in Marks Augen. Peinlichst berührt stieß sie Dennis reflexartig zurück, sodass er kurz ins Taumeln geriet. Fast gleichzeitig zog sie hastig ihren Pullover nach unten und den Reißverschluss ihrer Jeans nach oben.

„Mark, was machst du hier?“, rief sie empört und verlegen zugleich.

„Ich sah Licht. Wenn ich natürlich gewusst hätte, dass du noch so wichtige nächtliche Kundschaft hast …“ Sein spöttischer Ton ließ den Inhalt seiner Worte vor Sarkasmus triefen. Svenjas Verlegenheit machte einer unbändigen Wut über diesen unverschämten Kerl Platz.

„Wieso platzt du auch einfach so herein. Es steht doch ganz groß neben der Tür: Bitte klingeln! Gibt es irgendetwas Wichtiges? Das hoffe ich nur für dich!“, fauchte sie entnervt, und warf Dennis einen kurzen Seitenblick zu. Dieser erwiderte verunsichert ihren Blick und fuhr sich dann mit einer Verlegenheitsgeste durch die Haare, bevor er zum Besuchertisch ging und sich dort auf einem Sessel niederließ.

„Ich wollte nur mit dir reden. Aber ich möchte dich auf keinen Fall davon abhalten, deine Kundschaft zu bedie…“

„Hör auf damit, es ist schon alles peinlich genug! Besser, du gehst jetzt“, herrschte sie ihn an.

„Schon verstanden. Dann verschwinde ich eben wieder. Einen heißen Abend wünsche ich noch“, sagte er mit dreistem Grinsen, drehte auf dem Absatz um und verschwand durch die Tür. Für einen kurzen Moment war sie versucht ihm nachzulaufen. Sie hätte gerne gewusst, was er ihr zu erzählen hatte, doch die Wut auf ihn war zu groß und die Situation zu prekär, als dass sie eine normale Unterhaltung mit ihm hätte führen können.

„Was war denn das für ein Auftritt?“, fragte Dennis halb verärgert, halb verwundert.

Svenja gab einen Laut des Unmutes von sich und ließ sich auf den zweiten Sessel, Dennis gegenüber, fallen.

„Das war Mark, ein ehemaliger Klassenkamerad und mein spezieller Liebling. Wir konnten uns damals schon nicht leiden. Er war übrigens auch beim Klassentreffen dabei. Ich brauche jetzt einen Schluck Wasser auf diesen Schreck, du auch?“, fragte sie und ging zur Küchenecke.

„Ja, danke. Und dann lass uns in mein Hotel gehen, dort sind wir ungestört.“

Svenja kam mit zwei vollen Gläsern zum Tisch zurück und setzte sich wieder.

„Ich wollte es nicht so weit kommen lassen, aber du hast ja einfach weitergemacht.“

Gierig trank sie das halbe Glas leer und beobachtete dabei, wie Dennis Blick sich verdüsterte.

„Viel Gegenwehr habe ich jedenfalls nicht gespürt. Ich finde das ganz schön fies, mir jetzt die Schuld in die Schuhe zu schieben“, sagte er in harschem Ton.

Svenja zuckte erstaunt zurück. So eine heftige Reaktion hatte sie nicht erwartet. Es war noch keine halbe Stunde her, dass sie sich wieder verliebt in den Armen gelegen hatten und jetzt fuhr er sie so rüde an. Sie schob es auf den beruflichen Stress, in dem er ständig steckte. „Dennis, bitte, lass uns nicht streiten. Das ist es doch nicht wert. Wir gehen ins Hotel und vergessen das Ganze“, meinte sie versöhnlich und kroch auf seinen Schoß. Er schloss sie in die Arme und sie kuschelte sich an ihn.

„Ja, du hast recht. Tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe, aber ich bin gerade ziemlich im Stress“ sagte er mit sanfter Stimme und küsste sie auf die Stirn.

„Ich habe schon so etwas vermutet. Wir lassen uns jetzt aber den Abend nicht durch Marks Auftauchen verderben. Wann gehen wir in dein Hotel?“

„Am liebsten gleich. Ich bin noch immer ganz heiß auf dich“, flüsterte er und bestätigte das Gesagte mit einem innigen Kuss.

Zwei Stunden später lagen sie eng umschlungen und nackt, nach einem erotischen Höhenritt, auf dem Hotelbett. Dennis strich mit den Fingerspitzen ihren Rücken entlang und entlockte ihr damit einen wohligen Seufzer. „Schade, dass du morgen schon wieder nach München musst. Wann sehen wir uns denn dann wieder?“

„So schnell nicht. Ich muss für ein paar Tage geschäftlich nach Hamburg, am Wochenende bin ich in St. Gallen und dann geht es nach England. Willst du noch einen Schluck Champagner?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, löste er die Umarmung und setzte sich auf, um die Gläser aufzufüllen. Mechanisch nahm sie das hingehaltene Glas. Eigentlich wollte sie nichts trinken. Sie wollte wissen, wann sie sich wiedersehen konnten, wollte wissen, ob sie eine Chance auf eine gemeinsame Zukunft hatten. Doch sie verkniff sich die Fragen, denn sie war sich fast sicher, dass Dennis sich eingeengt fühlen würde.

„Du hast mir noch gar nichts erzählt von deinem Erlebnis neulich Abend“, meinte er und stellte das Glas am Beistelltisch ab.

„Wann auch, wir waren ja zu sehr mit uns selbst beschäftigt, aber das ist auch wesentlich erfreulicher.“ Sie gab ihm einen Schubs, sodass er lachend wieder zum Liegen kam und schmiegte sich an ihn. Zärtlich streichelte er ihren Rücken und sagte: „Erzähl, Süße.“

„Ich bin von dem Typen verfolgt worden, den ich dir im Café schon gezeigt hatte. Erinnerst du dich?“

Dennis nickte. „Ja, du hast ihn dort schon als komisch empfunden. Ab wann hat er dich verfolgt?“

Svenja erzählte ihm, wie er in die Straßenbahn eingestiegen war, sie bis zum Haus verfolgt und fotografiert hatte.

„Fotografiert? Wieso sollte er das tun?“

„Keine Ahnung, vielleicht ist er ein Stalker, ein kompletter Spinner. Aber das Tollste kommt noch. Ich habe ihn gestern im griechischen Restaurant gesehen!“

„Was? Das gibt es doch gar nicht. Hast du ihn angesprochen?“

„Nein, ich war so erschrocken, dass ich nicht wusste, was ich machen sollte. Ich wollte nur noch weg, zumal er auch noch mit dieser Frau Mahle zusammengesessen hatte.“

„Was für eine Frau Mahle?“ Seine Hand hatte aufgehört über ihren Rücken zu streichen.

„Ach, eine Kundin, die ihre Tochter bei uns anmelden wollte.“ Sie erzählte von dem furiosen Auftritt dieser seltsamen Frau, während sie an Dennis spärlicher Brustbehaarung herumzupfte. Regungslos hörte er ihren Ausführungen zu. Svenja bereute es beinahe, ihm so viel erzählt zu haben, denn der Zauber der letzten Stunde war verflogen. Er wirkte plötzlich angespannt, jegliche Unbefangenheit war von ihm abgefallen.

„Was ist los? Machst du dir etwa Sorgen? Süß von dir, aber das musst du nicht. Ich hoffe, dass er mich jetzt in Ruhe lässt. Morgen werde ich versuchen, von Mark mehr zu erfahren, schließlich saß er mit ihnen an einem Tisch. Ansonsten kann ich nichts anderes tun als abwarten.“

„Ich frage mich, ob diese Frau von seinem Stalking weiß.“

„Das glaube ich nicht. Es gibt Menschen, die im Verborgenen Dinge tun, von denen man nicht die leiseste Ahnung hat. Die benehmen sich im normalen Leben ganz unauffällig. Das ist ja das Fatale.“

„Ja, aber seltsam ist das Ganze schon. Pass bloß auf dich auf!“ Dennis stand auf und zog sich Shorts über.

„Was machst du?“

„Eine rauchen.“ Wortlos ging er auf den kleinen Balkon und zündete sich eine Zigarette an. Svenja beobachtete ihn, wie er heftig daran zog und den Rauch durch Mund und Nasenlöcher ausstieß.

Wie ein fauchender Drache, dachte sie. „Hast du schon mal daran gedacht, dieses Laster aufzugeben?“

„Schon x-mal. Irgendwann schaffe ich es!“, sagte er und nahm einen weiteren tiefen Zug, was seine Aussage konterkarierte. Svenja schlüpfte schnell in sein herumliegendes T-Shirt und ging zu ihm hinaus. Verliebt umschlang sie ihn von hinten und schmiegte das Gesicht an seinen Rücken. „Wir haben viel zu wenig Zeit miteinander“, seufzte sie mit geschlossenen Augen.

„Ja, allerdings.“ Er drehte den Kopf zur Seite und warf ihr über die Schulter einen Luftkuss zu, den sie hörbar erwiderte. Schweigend standen sie noch eine Weile als verschmolzene Einheit auf dem Balkon, bis Svenja sich mit einiger Überwindung von ihm löste.

„Ich dusch mich jetzt“, sagte sie und ging hinein.

„Mach schnell, ich habe jetzt schon Sehnsucht nach dir!“, rief er ihr hinterher, während er die Zigarette ausdrückte.

Nachdem sie die Badezimmertür hinter sich geschlossen hatte, lehnte sie sich kurz dagegen und lächelte. Der Gedanke, dass Dennis sich augenscheinlich Sorgen um sie machte, bereitete ihr ein Wohlgefühl, ein Gefühl geliebt zu werden, das ihre Welt wieder in Ordnung erscheinen ließ. Gut gelaunt stieg sie in die Dusche und bemerkte, dass sie ihren Haargummi vergessen hatte. Leichtfüßig sprang sie wieder hinaus und lief ins Zimmer zurück. Dennis, der auf dem Bett saß und eine Nachricht auf seinem Smartphone schrieb, zuckte zusammen. „Musst du mich so erschrecken, du Wirbelwind“, brummte er halb scherzhaft, halb verärgert.

„Entschuldige, aber ich suche mein Haarband – ach, da ist es ja. Du hast doch nicht etwa Geheimnisse vor mir?“, sagte sie lachend und verschwand im Bad, ohne auf seinen skeptisch-fragenden Blick zu reagieren.

10 – Zwischen Frust und Euphorie

Lautes Scheppern aus ihrer neuen Küche drang schmerzlich an Svenjas Ohr. Gleich darauf ertönte ein entsetztes „Um Gottes willen, Philipp, passen Sie doch auf! Das Kaffeegeschirr ist neu und war auch nicht ganz billig!“ von ihrer Mutter. Mit aller Macht beherrschte sie sich, nicht hinüberzugehen und sich einzumischen, denn ihr Nervenkostüm war in den letzten zwei Wochen sehr dünn geworden. Wände streichen, Böden putzen, Möbel schleppen, Kisten packen, hatten sie zunehmend Kraft und Nerven gekostet. Der einzige Lichtblick war Dennis, der heute von seiner Geschäftsreise nach England wieder zurückkam. Er hatte ihr versprochen gleich am selben Abend zu ihr zu kommen, um auf ihre neue Bleibe anzustoßen. Der Gedanke, die erste Nacht in ihrem eigenen Zuhause mit ihm verbringen zu können, ließ sie alle Strapazen leichter ertragen. Zwei lange Wochen hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Die Sehnsucht nach ihm nagte wie ein hungriges Tier an ihrer Seele, und sie konnte es kaum mehr bis heute Abend erwarten. Den Vorfall von der Verfolgungsjagd hatte sie zu ihrer Erleichterung verdrängen können, da sie den Blonden seitdem nicht mehr gesehen hatte, ebenso wenig wie Frau Mahle.

„Hey, Svenja, ich mach Kaffee, du willst doch sicher auch eine Tasse!“, rief Philipp ihr aus der Küche zu.

„Ja, gerne, aber nimm die alten Tassen, du scheinst heute etwas zittrig zu sein, wie ich vorhin mitbekommen habe“, antwortete sie mit einem Lachen in der Stimme.

„Geht klar!“ Pfeifend machte er sich am Kaffeeautomat zu schaffen, während ihre Mutter geräuschvoll das Geschirr in die Schränke räumte. Svenja packte inzwischen ihren Kleiderkoffer aus und breitete die Klamotten auf ihrem Bett aus, um sie sortieren zu können.

Sie freute sich darüber, dass Philipp wieder bessere Laune hatte. Nach dem Beinahe-Kuss hatte er sich tagelang nicht mehr gemeldet. Ihr schlechtes Gewissen hatte sie daraufhin so sehr geplagt, dass sie ihn schließlich nach einiger Überwindung anrief.

„Hallo Philipp, wie gehts dir?“, hatte sie ihn gespielt ungezwungen begrüßt.

„Gut und selber?“ Ein einsilbiges Brummen.

„Bist du noch böse wegen letztem Mal?“

„Passt schon.“ Pause.

„Es würde nicht mehr funktionieren, Philipp. Das muss dir doch auch bewusst sein, oder? “

„Vermutlich hast du recht. Wir sollten nur Freunde bleiben, also reden wir nicht mehr davon.“ Leise Resignation hatte in seinen Worten mitgeschwungen.

Am liebsten hätte sie in diesem Moment etwas Versöhnliches gesagt, um ihn wieder aufzumuntern. Aber sie hatte schweren Herzens geschwiegen, um ihm nicht noch einmal falsche Hoffnungen zu machen.

Jäh wurde Svenja aus ihren Gedanken gerissen, als ihre Mutter den Kopf zur Schlafzimmertür herein streckte. „Ich muss jetzt leider gehen. Dein Vater und ich müssen noch dringend Besorgungen machen“.

„Ja, ist gut! Und vielen Dank für deine Hilfe!“

Nachdem sie ihre Mutter mit einer herzlichen Umarmung verabschiedet hatte, ging sie zu Philipp in die Küche und setzte sich an den kleinen Tisch, auf dem zwei volle Tassen standen.  

„Sag mal, du warst doch letztes Wochenende bei Dennis in St. Gallen. Ich hatte noch gar keine Gelegenheit zu fragen, wie es eigentlich war“, sagte sie und nahm einen Schluck.

„Oh ja, das habe ich dir noch gar nicht erzählt. Ganz gut, zumindest am Anfang.“

„Was soll das heißen? Ist etwas passiert?“

„Ich weiß nicht so recht. Nein, eigentlich nicht, aber …“

Svenja sah ihn zweifelnd an. „Er beliebt in Rätseln zu sprechen. Du musst doch wissen, was dort passiert ist!“ Sie schob ihm einen Teller mit kleinen Donuts hin.

„Anfangs unterhielten wir uns ganz gut und er hat mir auch einen grandiosen Geschäftsplan ausgearbeitet. Danach haben wir darauf angestoßen und dann … na ja …“

„Was dann?“

„Dann weiß ich nichts mehr. Filmriss!“ Er schob einen Donut in den Mund.

„Hast du so viel gesoffen?“

„Schon möglich. Ich kann mich nur ganz dunkel daran erinnern, dass er mich ziemlich viel fragte und ich ziemlich viel redete. Ich hoffe nur …“

„Was?“ Svenja hörte auf zu kauen und sah ihn beschwörend an.

„Na ja, dass ich nicht zu viel gesagt habe.“

„Worüber habt ihr denn geredet?“

„So genau weiß ich das nicht mehr.“

„Versuch dich verdammt noch mal zu erinnern. Was wollte Dennis wissen?“

Mit fest zusammengepressten Lippen, was er immer machte, wenn er angestrengt nachdachte, sah er zur Decke. Svenja beobachtete ihn und wartete gespannt auf das Erkenntnis verheißende Blitzen in seinen Augen. Er zuckte nur mit den Schultern.

„Ich glaube, … ach, ich habe keine Ahnung.“

Svenja stöhnte. „Um was ging es? Denk nach!“

„Jetzt frag mir kein Loch in den Bauch, mein löchriges Erinnerungsvermögen reicht mir vollkommen.“ Philipp schob zwei Donuts nach.

„Mich würde aber schon interessieren was du Quasselstrippe …“,

Sie wurde von den Pieptönen ihres Smartphones unterbrochen. Schnell las sie die Nachricht.

„Mark will sich mit mir treffen. Das ist jetzt schon die vierte Anfrage in vierzehn Tagen. Ich habe so langsam keine Ideen mehr für eine Ausrede.“

„Wieso triffst du dich nicht mit ihm? Vielleicht erfährst du dabei etwas über den ominösen Blonden.“ Philipp stand auf und ging zum Spülbecken, wo er seine Tasse unter laufendem Wasser ausschwenkte.

„Schon möglich, aber ich konnte mich einfach nicht dazu überwinden. Wahrscheinlich hast du recht. Nur so kann ich Näheres erfahren.“

„Und wegen meines Filmrisses … könntest du nicht versuchen, Dennis etwas darüber zu entlocken, aber nicht zu auffällig“, meinte er, während er seine Hände am Küchentuch abwischte.

„Gut, ich werde es versuchen. Musst du etwa schon gehen?“ Er trat auf sie zu, beugte sich hinunter und drückte ihr ein Küsschen auf die Wange. „Ja, leider, die Arbeit ruft.“

„Na dann, viel Spaß noch und lass wieder von dir hören!“ Sie begleitete ihn bis zur Haustür und setzte sich dann noch mal an den Küchentisch. Nachdenklich nahm sie einen Schluck kalt gewordenen Kaffees. Zwei Fragen bohrten in ihrem Inneren und schrien nach Antworten. Was hatte Dennis mit seiner Fragerei erreichen wollen und was wusste Mark über Kirsten Mahle und deren Begleiter.

Um sich aus der Gedankenspirale zu befreien, begann sie das Geschirr abzuwaschen, aber Mark wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Nach einiger Überwindung bat sie ihn schließlich in einer Nachricht um ein Treffen in ihrem Büro. Sie wollte keine Verabredung in Privatsphäre. Allein der Gedanke, mit ihm in irgendeinem Lokal stundenlang zu sitzen und seine unvermeidlichen Zudringlichkeiten abwehren zu müssen, verursachte ihr eine Gänsehaut. In ihrem Büro konnte sie ihn jederzeit fortschicken, mit der Ausrede noch Termine wahrnehmen zu müssen.

Während sie das restliche Geschirr in die Schränke räumte, kam schon seine Antwort. Svenja empfand die schnelle Reaktion fast schon beängstigend. Er war wie eine Spinne im Netz, die nur darauf lauerte, bis sich ein Opfer darin verfing.

Wie erwartet sagte er zu. Ihre sorgenvollen Gedanken, wie das Treffen verlaufen könnte, wurden durch die ertönende Türklingel unterbrochen. Dennis! Voll freudiger Erwartung lief sie in den Flur, öffnete die Tür und drückte gleichzeitig auf den Knopf daneben, um die Haupteingangstür zu entriegeln. Sie konnte schwere Männerschritte im Treppenhaus hören. Eilig huschte sie zum Flurspiegel, um ihr Äußeres kurz zu überprüfen und ihre Lippen nachzuziehen. Die Schritte waren inzwischen vor der Tür angelangt. Achtlos warf sie das Lipgloss in ihre Tasche und drehte sich mit strahlendem Lächeln nach Dennis um, doch es erlosch augenblicklich, als sie geradewegs in Marks Augen blickte. Dieser betrat schnell die Wohnung und schloss die Tür hinter sich, bevor sie reagieren konnte.

„Mark, was … was machst du hier?“ Sie trat reflexartig einen Schritt zurück und ließ ihn keine Sekunde aus den Augen.

„Na, du hast mich doch um ein Treffen gebeten. Und hier bin ich. Das ist also deine neue Wohnung.“ Alles genau inspizierend durchschritt er den Flur und betrat dann ungefragt das Wohnzimmer. Svenja lief hinter ihm her und hoffte, dass Dennis bald auftauchen würde.

„Ich wollte dich morgen sehen, in meinem Büro. Woher weißt du überhaupt, wo ich wohne? Und wieso warst du so schnell hier?“

„Ich war zufällig in der Nähe und sah Philipp aus dem Haus kommen. Ich habe ihn gefragt, was er hier macht. Er faselte etwas von einem Kumpel, den er besucht hat. Weißt du, ich habe gleich gemerkt, dass das nicht stimmt. Und das Türschild hat mich bestätigt. Sieht übrigens ganz nett aus, muss ich sagen.“ Unaufgefordert ließ er sich in einen ihrer weißen Kunstledersessel fallen und sah sie provokant lächelnd an.

Fieberhaft überlegte sie, wie sie ihn möglichst schnell wieder loswerden könnte.

„Wieso bist du mit so viel Freizeit gesegnet? Hast du keinen Job mehr?“, fragte sie.

„Ich habe Urlaub. Übermorgen fahre ich für ein paar Tage in die Toskana. Was willst du von mir?“

Ihre Aufregung hatte sich inzwischen gelegt, weshalb sie gleich in medias res ging.

„Ich wollte von dir wissen, woher du Kirsten Mahle kennst und wer ihr Begleiter im griechischen Restaurant war.“

Er antwortete nicht, sondern sah sie für einige Augenblicke mit unbeweglicher Miene an und Svenja fragte sich, ob er sie damit verunsichern wollte. Schließlich löste er sich aus der Starre und sagte in herablassendem Ton: „Warum interessiert dich das überhaupt?“

„Ich habe meine Gründe, also wer sind die beiden?“

„Du erträgst es wohl nicht, wenn dir jemand wie Kirsten Mahle Inkompetenz vorwirft.“ Sein begleitendes geringschätziges Lächeln ließ Wut in ihr aufsteigen.

„Wie kommst du denn auf so etwas? Hat sie dir das erzählt? Und ihr Begleiter – was hat der mit ihr zu tun?“

Sein Lächeln war verschwunden. „Was soll das? Sind wir hier in einem Verhör? Wenn das der einzige Grund ist, weshalb du mich sehen wolltest, dann tut es mir leid. Ich werde dir nichts erzählen, und dafür habe ich auch meine Gründe.“ Er erhob sich und ging, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, in Richtung Wohnzimmertür. Reflexartig hielt sie ihn am Ärmel fest, bevor er den Flur betreten konnte.

„Du kannst doch jetzt nicht einfach so verschwinden. Sag mir, was du weißt“, sagte sie bittend.

„Sorry, aber ich muss jetzt gehen.“

„Warum bist du überhaupt gekommen?“

„Ich wollte dich sehen. Wenn ich natürlich gewusst hätte, dass dich nur dieses eine Thema interessiert …“ Er schob mit einer unwirschen Bewegung ihre Hand weg und betrat den Flur. Sie folgte ihm in der Hoffnung, ihr Ziel noch erreichen zu können. In diesem Moment klingelte es. Für einen Augenblick sahen sie sich an. Dann grinste er wieder in seiner unsympathischen Art und meinte: „Kann es sein, dass du wieder Männerbesuch erwartest? Dann verschwinde ich besser. Deine Nachbarn werden sich bestimmt so ihre Gedanken machen, dass sich gleich am Einzugstag die Männer reihenweise die Klinke in die Hand geben. Philipp, ich und jetzt …“

„Verschwinde, du unverbesserlicher Zyniker!“, zischte sie und öffnete mit Schwung die Tür.

Mit einem gemurmelten „Tschüss“ stürmte Mark hinaus und wäre um ein Haar mit Dennis, der einen großen Blumenstrauß in der Hand hielt, zusammengestoßen. Mark bedachte ihn mit einem durchdringenden undefinierbaren Blick. War es Eifersucht, Verachtung oder unergründbare Antipathie gegenüber Dennis?

Mark eben, dachte sie und zog den verdutzten Dennis in den Flur. Während sie der Tür mit dem Fuß einen Stoß versetzte, sodass sie laut ins Schloss fiel, umarmte sie ihn stürmisch und küsste ihn leidenschaftlich.

„Anscheinend hast du mich vermisst!“, murmelte er zwischen zwei Küssen.

„Und wie! Willkommen in meiner neuen Bleibe“, hauchte sie in sein Ohr und küsste ihn wieder.

„Die Blumen …“, keuchte er zwischendurch, worauf sich Svenja widerwillig von ihm löste, um eine Vase zu besorgen. Dennis blickte sich interessiert um, während er ihr in die Küche folgte. „Hübsch, deine Wohnung. Die ersten Besucher hast du auch schon empfangen. Wer war das?“

„Mark, von dem hatte ich dir schon erzählt. Ein unsympathischer Typ“, antwortete sie und ließ Wasser in die Vase laufen. „Ein wunderschöner Strauß! Gerbera, meine Favoriten, vielen Dank!“, sagte sie lächelnd, während sie die Blumen hineinstellte.

„Was wollte er denn bei dir?“

„Das weiß ich eigentlich auch nicht so genau. Ich wollte nur Näheres über diese Kirsten Mahle und Begleiter erfahren, aber er ist wie zugenagelt.“ Sie zog ihn an der Hand ins Wohnzimmer und schubste ihn lachend auf die Couch. Rittlings setzte sie sich auf seinen Schoß. Sie wollte jetzt nicht reden, nicht über Mark, nicht über ominöse Personen, nicht über ihren Einzug. Sie wollte sich ihm nur nahe fühlen. Noch kein Mann zuvor hatte solch intensive Gefühle in ihr ausgelöst.

Seine Erwiderung ihrer Gefühle ließ alles Rationale in ihrem Denken zunichtewerden. Nichts war in diesem Moment mehr wichtig. Ihn zu spüren, ihn zu berühren, sich von ihm in einen emotionalen Ausnahmezustand tragen zu lassen, mit ihm zu einer körperlichen Einheit zu verschmelzen, nur das zählte. War das nun die berüchtigte große Liebe? Sie weigerte sich, weiter darüber nachzudenken und ließ sich von der Woge heftigster Leidenschaft tragen.

Schwer atmend und einen tiefen wollüstigen Seufzer ausstoßend schmiegte sie sich schließlich an seinen nackten, schlanken Körper. „Ich bin so glücklich“, hauchte sie mit drei zärtlichen Küssen auf seine Brust, die sich im Rhythmus tiefer Atemzüge hob und senkte. Er erwiderte nichts und sie sah zu ihm hoch. Sein Blick hatte etwas Verschleiertes an sich, doch seine Lippen umspielte ein unmerkliches Lächeln. Das war Antwort genug für sie. Er war auch glücklich.

„Deine neue Couch hätten wir schon mal würdig eingeweiht“, meinte er schließlich grinsend und kraulte sanft ihren Rücken.

„Allerdings. Das nächste Mal schaffen wir es hoffentlich bis ins Schlafzimmer.“ Mit geschlossenen Augen legte sie den Kopf auf seine Brust und lauschte dem schnellen Herzschlag, der sich allmählich normalisierte. Sie ließ ihre Finger langsam seinen Arm hinabgleiten. „Wie ist es dir in den letzten zwei Wochen ergangen?“

„Es war ziemlich stressig. Mein Vater denkt, er müsse mich nonstop beschäftigen. Ich weiß auch warum. Er will mich testen.“

„Testen?“

„Ja, ob ich auch ein würdiger Nachfolger für sein Firmenimperium bin. Zu irgendetwas muss die Existenz seines Juniors ja gut sein.“ Es klang verbittert. Mit sanften Bewegungen ließ sie ihre Hand auf seiner Brust auf und ab gleiten, so als könnte sie damit seine Frustration wegstreicheln.

„Du denkst, er liebt dich nicht und nützt dich nur aus? Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Du kennst meinen Vater eben nicht. Er hat keine Gefühle – die sind irgendwann verloren gegangen, sofern er je welche besessen haben sollte.“

„So schlimm? Glaubst du nicht, dass du das etwas überspitzt siehst? Kein Vater hasst sein Kind, auch deiner nicht. Dass deine Mutter bei deiner Geburt gestorben ist, war ein Schicksalsschlag, aber er gibt sicherlich nicht dir die Schuld dafür. Ich weiß, dass du so denkst, aber so ist es ganz bestimmt nicht“, sagte sie beschwörend.

„Ich möchte jetzt ehrlich gesagt nicht mehr darüber sprechen. Soll ich dir erzählen, wo ich in den letzten zwei Wochen war?“, versuchte er abzulenken.

Svenja fand es schade, dass er bei diesem Thema blockierte. Sie hätte gerne mehr über das Verhältnis zu seinem Vater gewusst. Aber sie konnte ihn nicht verurteilen. Im Leben vieler Menschen gab es nun mal Dinge, über die man nicht gerne redete, da konnte sie sich selbst auch nicht ausschließen. 

Also hörte sie geduldig zu, was er von seinen Geschäftsreisen zu berichten hatte.

Sie wartete einen günstigen Augenblick ab und lenkte wie nebenbei das Gespräch auf Philipps Besuch in St. Gallen. Belustigt erzählte sie von dessen Filmriss und Dennis bestätigte, dass Philipp zu viele Cocktails und Schnäpse getrunken hätte und sich irgendwann nicht mehr alleine auf den Beinen halten konnte. Nur mit Mühe hatte er es geschafft, ihn ins Bett zu schleifen.

„Du meine Güte, so schlimm? Kein Wunder, dass er sich nicht mehr daran erinnern kann, über was ihr alles geredet habt. Das Einzige, was er noch weiß, ist, dass du ihm eine Menge Fragen gestellt hast. Was wolltest du denn wissen?“

Dennis lockerte seine liebevolle Umarmung. „Na ja, was man eben so wissen will, familiärer Background, Motivation für sein Studium etc., aber warum fragst du?“

„Och, er will es einfach nur wissen, weil ihm dieser Quasiblackout höchst unangenehm ist.“

Er lachte kurz auf. „Ja, manche Menschen täten wirklich gut daran, wenn sie ihren Alkoholkonsum im Griff hätten“, meinte er mit leicht spöttischem Unterton, setzte sich auf und zog eine Zigarettenschachtel aus seiner Jackentasche.

„Kann ich?“

„Ganz ehrlich? Nein.“

„Spießerin!“

„Nikotinjunkie!“

Lachend gab sie ihm einen sanften Stoß, sodass er wieder zum Liegen kam und legte sich auf ihn.

„Sei lieber süchtig nach mir. Das ist weniger schädlich.“

„Denkst du?“, raunte er und gab ihr einen langen, hungrigen Kuss.

11 – Nacht und Schatten

Für Anfang Juli war es erstaunlich heiß. Svenja, die auf dem Marienplatz in München auf Vera wartete, wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

Geduld zählte nicht zu ihren Stärken, weshalb sie die Warterei mitten in der dampfenden Großstadt, in der es nicht den Hauch eines Luftzugs zu geben schien, ziemlich aufregte. Sie fragte sich, ob es richtig gewesen war hierher zu kommen, um Dennis zu überraschen.

Eine Woche war vergangen, seit er sie besucht hatte. Er war über Nacht bei ihr geblieben und morgens hatten sie noch gemütlich miteinander gefrühstückt, bevor er nach München gefahren war. Sein, beim Abschied zärtlich ins Ohr gehauchtes Versprechen, sie bald wieder zu besuchen, hatte sie motiviert an ihre Arbeit gehen lassen. Doch schon nach zwei Tagen war die Absage gekommen, dass er es in dieser Woche nicht mehr schaffen würde, wegen geschäftlicher Termine. Wie üblich. Ihre Enttäuschung war sehr groß. Trotz Bemühens, sich diese nicht anmerken zu lassen, war es ihr nicht gelungen, den plötzlichen Stimmungsumschwung zu verbergen.

„Was ist los? Ärger mit Dennis?“, hatte Vera den folgerichtigen Schluss gezogen, nachdem sie auf eine harmlose Frage eine patzige Antwort erhalten hatte.

„Ach, langsam reicht es mir, dieses ewige Auf und Ab. Wenn wir zusammen sind, ist es der Himmel auf Erden, und gleich danach werde ich wieder vertröstet, wegen Geschäftsterminen. Soll das immer so weitergehen?“, hatte Svenja missmutig geantwortet. Daraufhin hatte Vera vorgeschlagen einen Ausflug nach München zu unternehmen und Dennis bei der Gelegenheit einen überraschenden Besuch abzustatten. In ihrer Verärgerung hatte sie sofort zugestimmt, weshalb sie jetzt schwitzend und Eis schleckend im Trubel der Großstadt auf Vera wartete, bis diese ihre Augentropfen beim Optiker gekauft hatte.

Gedankenverloren sah sie den, mit Einkaufstüten beladenen, flanierenden Menschen zu. Je länger sie über den Anlass für diesen Ausflug nachdachte, je näher der Zeitpunkt rückte, ihr Vorhaben Dennis zu überraschen in die Tat umzusetzen, desto mehr rückte sie von der Realisierung ihres Plans ab. Es erschien ihr plötzlich so kindisch. Sie war sich auf einmal ziemlich sicher, dass Dennis kein Verständnis dafür zeigen würde. Er hätte vielmehr das Gefühl, kontrolliert zu werden und würde ihr das auch entsprechend zeigen. Womöglich würde sie wegen dieses Affronts sogar ihre Beziehung gefährden. Sie konnte jetzt nicht mehr verstehen, wie sie überhaupt auf diesen Vorschlag hatte eingehen können.

Jemand tippte sie an die Schulter. „Da bin ich wieder! Zum Glück habe ich die gewünschte Marke bekommen.“ Es war Vera, die ihr eine kleine Apothekertüte vor die Nase hielt. „Jetzt können wir den Überraschungscoup landen. Wie sollen wir das Ganze angehen?“

„Gar nicht.“

„Wie bitte? Wieso denn nicht?“, rief Vera erstaunt.

Svenja erklärte ihr den Beweggrund und hoffte auf deren Verständnis, doch Vera sah sie mit zusammengezogenen Augenbrauen zweifelnd an. „Also weißt du, wozu dann der ganze Aufwand! Wieso sollte er denn sauer auf dich sein, wenn du ihn mit einem Besuch überraschst? Er liebt dich doch. So langsam könnte man schon den Eindruck bekommen, dass eure Beziehung nicht sehr gefestigt ist.“

„Ach, so siehst du das. Vielleicht stimmt es sogar, aber womöglich freut dich das auch noch“, entfuhr es ihr spontan.

„Was soll das jetzt heißen?“ Vera sah sie in ungläubigem Erstaunen an.

„Na ja, glaubst du ich habe nicht gemerkt, wie du ihn jedes Mal angehimmelt hast, wenn er ins Büro kam? Einmal dachte ich schon, wenn du deinen Florian nicht hättest, würdest du glatt versuchen ihn mir auszuspannen.“

Vera lachte kurz und schrill auf, sodass sich manche Passanten nach ihnen umdrehten.

„Sag mal spinnst du? Ich fass es nicht, dass du so über mich denkst! Ich hoffe nur, es liegt an der Hitze“, schnaubte sie kopfschüttelnd.

„Wenn du dich mit deinem Florian langweilst, dann such dir einen anderen und hör auf, mir Dennis zu missgönnen. Du kannst ruhig zugeben, dass er dir gefällt“, rutschte es ihr raus.

„Ja, natürlich gefällt er mir, allen Frauen gefällt er. Ein schöner Mann gehört dir nie allein. Aber ich gönne ihn dir von Herzen. Auf so einen unzuverlässigen Typen kann ich nämlich gerne verzichten. Dein Problem ist, dass du in deiner Torschlusspanik nicht mehr klar denken kannst, dich an diesen Windhund hängst und sogar mich als Bedrohung siehst. Du weißt ganz genau, dass ich das niemals tun würde. Wir sind doch Freundinnen, dachte ich zumindest bis heute.“

„Torschlusspanik, Windhund?!“, wiederholte Svenja wutschnaubend. Sie musste kurz die Augen schließen und tief durchatmen, um ihre aufgekratzten Nerven zu beruhigen. Es war schrecklich! Mitten in München lieferten sie sich den schönsten Zickenkrieg, nur weil sie sich nicht beherrschen konnte! Was war nur in sie gefahren? Sie hatte plötzlich Gewissensbisse, dass sie Vera so massiv angegangen war. Der Streit musste sofort beendet werden, bevor das Ganze eskalierte. Es könnten noch mehr unnötig verletzende Dinge gesagt werden, die zum Bruch ihrer Freundschaft führen könnten.

„Okay, ich glaube, wir sind gerade beide emotional auf der falschen Schiene. Es tut mir ehrlich leid, was ich zu dir gesagt habe, Vera. Und wahrscheinlich hast du sogar recht. Wenn ich mir seiner Liebe sicher sein könnte, würde ich schon gar nicht auf so schräge Gedanken kommen, dass du ihn mir ausspannen wolltest“, versuchte Svenja in versöhnlichem Ton einzulenken. Unsicher, mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie Vera an. Diese erwiderte nichts, kämpfte mit sich, auf den Versöhnungskurs einzuschwenken, und sah betreten zu Boden.

„Vera, bitte, verzeih mir!“, sagte Svenja leise bittend.

Nach einem tiefen Seufzer meinte Vera schließlich: „Na gut, ich war ja auch gemein zu dir. Wahrscheinlich liegt es an der Hitze, die unsere Hirnleitungen angeschmort hat. Am besten wir vergessen das Ganze. Aber eines muss ich noch richtigstellen. Ich langweile mich nicht mit Florian.“

Svenja war so erleichtert, dass sie ihre Freundin spontan umarmte.

„Da habe ich wohl ganz schönen Blödsinn geredet, was?“, sagte sie lachend und ließ Vera wieder los. Diese lächelte sie versöhnlich an: „Allerdings, aber Schwamm drüber. Und, was machen wir jetzt? Hat sich Operation Dennis tatsächlich für dich erledigt?“

„Ja, ich mache mich nicht gerne zum Affen, das ist mir heute klar geworden. Komm, lass uns in den Englischen Garten gehen und beim Chinesischen Turm ein kühles Bier zischen.“

„Na gut. Bei diesem Wetter habe ich sowieso keine Lust mehr, mich in den Geschäften zu verkriechen“, antwortete sie fidel und hakte sich bei Svenja unter, über alle Maßen froh, dass der Zwist so schnell beigelegt werden konnte.

Angeregt plaudernd machten sie sich auf den Weg zum Englischen Garten. Dort angekommen, umfing sie sofort die von diesem Ort ausgehende heimelige Atmosphäre.

Sie sahen viele Menschen, die im Schatten der großen Bäume nach Abkühlung suchten und es sich auf mitgebrachten Decken gemütlich gemacht hatten.

Junge Leute spielten auf den ausgedehnten Wiesen Frisbee oder ließen sich in der prallen Sonne bräunen. Vereinzelt befand sich ein Gitarrenspieler darunter, der mit seinen fröhlichen Klängen für zusätzlich gute Stimmung sorgte. Väter und Mütter spielten mit ihren Kindern Federball oder tollten fröhlich lachend mit dem Familienhund herum.

Svenjas und Veras Laune besserte sich zunehmend in dieser beschaulichen Atmosphäre. Von ihrer vorangegangenen Missstimmung war nichts mehr übrig geblieben. Angeregt plaudernd, das bunte Treiben der vielen Menschen beobachtend, gingen sie in Richtung Chinesischer Turm. Plötzlich blieb Svenja wie angewurzelt stehen. Ihre Gesichtszüge wirkten so erstarrt, dass Vera erschrocken „Was hast du denn?“ ausrief.

„Das – das glaube ich jetzt nicht. Oh mein Gott, Vera!“ Sie legte ihre Hand wie eine Klammer um deren Handgelenk und starrte weiterhin geradeaus.

„Was ist denn los, um Himmels willen? Jetzt sag schon!“

„Da vorne …“ Unfähig, sich in ihrer Schockstarre zu äußern, deutete sie nur mit dem Zeigefinger auf das Unfassbare, das sie erblickt hatte. Vera sah in diese Richtung und war ebenfalls schockiert, als sie begriff, was Svenja meinte.

Alles erschien Svenja unwirklich. Es war nicht sie, die zum Chinesischen Turm ging, im überbevölkerten Biergarten nach einem Platz suchte und sich hinsetzte. Es war eine Person, die automatisch funktionierte, wie ein Roboter ohne Innenleben.

Vera hängte ihre Handtasche über die Lehne und beobachtete dabei Svenja, die regungslos mit leerem Blick dasaß. Vera brachte nicht den Mut auf, sie anzusprechen, nicht solange Svenja offensichtlich in Ruhe gelassen werden wollte. Nach geraumer Zeit kam eine gehetzte Bedienung vorbei, die ihre Bestellung, Wurstsalat und Radler, aufnahm und gleich darauf wieder verschwand.

Svenja beobachtete schweigend und teilnahmslos das rege Treiben ringsum. Es schien so, als würden die sommerlichen Temperaturen auch die Stimmung der Menschen anheben, denn sie sah überall nur fröhliche Gesichter und die Geräuschkulisse wurde von lautem Gelächter und lärmenden Kindern, die zwischen den Tischen Fangen spielten, dominiert.

Doch Svenja war nicht zum Lachen zumute. Trotz strahlendem Sonnenschein, hatte sich für sie die Szenerie extrem verdüstert. Der Schock, als sie vor zehn Minuten die drei Gestalten zusammenstehen und reden gesehen hatte, saß ihr immer noch in den Knochen. Kirsten Mahle, der Blonde, und – was sie immer noch nicht realisieren konnte – Dennis!

Sie verstand die Welt nicht mehr! Damals, im Hotel, hatte sie ihm von dieser Frau erzählt, ihren Namen sogar genannt, und er hatte nicht reagiert. Kein Wort davon, dass er sie kannte, nur etwas einsilbig und nachdenklich war er geworden. Und sie Schaf hatte es in ihrer Verliebtheit als Sorge um sie gewertet. Dabei war alles ganz anders. Hatte er eine andere Frau? Eine harmlose Bekannte hätte er niemals verschwiegen. War diese Kirsten seine Freundin, Lebenspartnerin, Verlobte, Ehefrau? Aber was spielte das jetzt noch für eine Rolle? Tatsache war, dass er sie schamlos belogen hatte.

Aber das Schlimmste und Unerklärlichste war dabei die Rolle des blonden Unbekannten. Sie sah die Szene ganz deutlich vor sich, wie sie Dennis im Café auf ihn aufmerksam gemacht hatte. Seine Reaktion war vollkommen neutral gewesen. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass er ihn kannte. Auch sein Entsetzen, als sie ihm von der Verfolgungsjagd berichtet hatte, schien authentisch gewesen zu sein. Nie im Leben hätte sie vermutet, dass er etwas damit zu tun haben könnte.

Es gab auch keine vernünftige Erklärung dafür, warum er sie hätte beschatten lassen sollen. Kirstens Motiv dagegen war nachvollziehbar. Irgendwann hatte sie wohl gemerkt, dass sie betrogen wurde, und ließ daraufhin nachforschen, wer ihre Nebenbuhlerin war. Falls Kirsten seine Freundin wäre, würde das auch ihren arroganten Auftritt in ihrem Büro erklären. Von Hass getrieben war sie zu ihr gekommen, nur mit dem Ziel, sie fertigzumachen.

„Gehts wieder?“ Veras mitfühlende Frage riss sie aus ihren Gedanken.

„Ich kann es einfach nicht glauben. Was für ein Mistkerl!“, sagte sie mit schwacher Stimme und schüttelte den Kopf. „Warum bin ich nur auf ihn hereingefallen?“

„Aber das konntest du doch nicht ahnen.“

„All die angeblichen Geschäftsreisen! Erstunken und erlogen! Er war bestimmt bei ihr, während ich mich vor Sehnsucht nach ihm verzehrte.“ Sie kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen an.

„Und wer ist der Blonde? Dennis kennt ihn! Damals im Café kannte er ihn bestimmt auch schon. Aber Dennis hat so getan, als hätte er ihn noch nie gesehen.“

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783945298282
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v312343
Schlagworte
Klassentreffen Thriller Psychothriller Am Ende das Nichts Ursula Großmann

Autor

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    Ursula Großmann (Autor)

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Titel: Schwärzer als Weiß