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GRIMMSTEIN (Gesamtausgabe)

Kriminalroman

von Joost Renders (Autor)

2015 240 Seiten

Leseprobe

1

Eine dunkle Wolke hatte sich vor den Vollmond geschoben, als der Gipfel erreicht war. Aber trotzdem: Der Blick, den man von hier oben, vom Grimmen Stein aus, über die Stadt und das Umland hatte, war schon unbezahlbar, da hatten die Einheimischen nicht gelogen. Ein erhabener Ort, ohne Zweifel, ein Ort, an dem man sich stark fühlen konnte.

Es war still, von ganz weit her waren Verkehrsgeräusche zu hören, ansonsten nur der Wind und das Rauschen der Bäume. Unter einem die große Stadt und hinten, so als hätte man die perfekte Rückenstütze, die schneebedeckten Gipfel der Sankt Isidor Gebirgskette, deren höchster Gipfel es immerhin auf 1800 Meter Höhe brachte.

Philip Kappelhoff sah auf die Lichter der Stadt hinunter und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Es waren wohl sicher 200 Meter, die sich der Grimme Stein über die Stadt erhob, die nach diesem Ort benannt worden war: Grimmstein.

 

Das war also sein neues Zuhause, hierhin war er mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern gezogen, um endlich Karriere zu machen. An seinem vorherigen Wirkungsort, der Hauptstadt der Republik waren zu viele Hindernisse gewesen, die ein Weiterkommen beschwerlich gemacht hätten. Hier war alles etwas chaotischer, dafür aber offener, sicher unverbindlicher und vermutlich auch gefährlicher.

Allein die Fahrt über die enge Serpentinenstraße, die er eher in einem unwegsamen Hochgebirge erwarten würde, war ein Abenteuer, welches er so in der geordneten Hauptstadt nicht erlebt hatte. Er hatte sich auch gewundert, wie schnell es immer höher ging. Sollte das etwa ein Synonym für seine Karriere sein? Er hoffte es.

 

Grimmstein war zweifelsohne die Metropole dieser doch ziemlich abgelegenen Gegend, zwar keine Millionenstadt, aber gar nicht so weit davon entfernt. Es fehlten noch ungefähr 150.000 Einwohner, dann wäre der Pott voll. Allerdings konnte sich keiner vorstellen, dass diese Situation in voraussehbarer Zukunft eintreffen würde. Die Zeiten, in denen die Stadt Einwanderer in Massen anzog, waren lange vorbei. Damals, als die Kohle hier aus der Erde geholt wurde, die Fabriken brummten und die Produktivität ungeahnte Ausmaße annahm, wuchs die Stadt rasend schnell. Das ganze Tal wurde hoffnungslos vollgebaut, bis auf den letzten Quadratmeter. Das hatte sich bis heute im Stadtbild erhalten; weite Flächen waren selten zu finden, es war eng. Auch die städtischen Grünanlagen waren eher dürftig zu nennen, doch wer in die Natur wollte, konnte ja in die Berge gehen, davon gab es in der Umgebung von Grimmstein mehr als genug.

Aber der Bergbau wurde wieder eingestellt und mit der Industrie war es daraufhin schwer bergab gegangen, auch wenn einige der Fabrikschornsteine immer noch qualmten. Man setzte jetzt auf Chemie. Nicht ganz so erfolgreich wie geplant, aber es hatte sich immerhin etwas getan. Allerdings galt Grimmstein im Rest des Landes schon lange nicht mehr als aufstrebende Wirtschaftsmetropole, diese Orte lagen am anderen Ende des Landes. Trotzdem, wenn man sich in diesem Chaos durchbeißen konnte, war eine Karriere auch im Rest des Landes möglich. Denn dann war man so hart wie der Grimme Stein, dieser steile Felsen aus schwarzem Granit.

 

Philip Kappelhoff stand am Geländer und sah erst einmal hinunter auf das Gitter, das sie unterhalb des Geländers angebracht hatten, um den Sturz der zahlreichen Selbstmörder, die dieser Ort natürlich anzog, abzumildern. So brachen sie sich höchstens ein paar Knochen. Hatte er erst mal über diesen doch etwas trüben Ausblick hinüber gesehen, lag die Stadt unter ihm. Von hier oben wirkte sie, als könne man sie mit Füßen treten, was sicher auch schon viele getan hatten.

Der Vollmond hatte sich wieder von den Wolken befreit und so schien er auf diese einzigartige Szenerie. Das langgestreckte Gefunkel im Tal. Wie ein dunkles Band zog sich die Seume durch die Stadt, der Fluss, der weder ein Strom, noch ein Bach war. Er war gerade mal schiffbar, aber kaum befahren. Leicht rechts befand sich die Innenstadt, die sich um den alten Stadtkern gebildet hatte. Philip Kappelhoff konnte die beleuchtete, riesige Turmuhr erkennen, die den hohen Turm des Rathauses zierte. Sein Arbeitsplatz. Ein seltsamer Bau, der vor mehr als hundert Jahren errichtet worden war, als die Herren von Grimmstein dachten, ihnen gehöre die Welt. Der Rathausturm war auf jeden Fall die Grimmsteinsche Version des Big Ben. Links davon, nicht weit entfernt, war angestrahlt der Dom zu sehen, dessen schwer abgeblätterte barocke Pracht sich mächtig und nicht besonders prächtig über die alten Häuser der Altstadt erhob. Hinter der Altstadt, deren beleuchtete Ringstraße gut zu erkennen war, der Bahnhof, ein ebenso prachtvolles, wie skurril anmutendes Gebäude, ähnlich dem Rathaus vermutlich derselbe Architekt. Irgendwie wirkten beide Gebäude, als hätte sich ihr Schöpfer das Märchenschloss im Disneyland angeschaut, das Ganze verinnerlicht und dann im sturzbetrunkenen Zustand versucht, so etwas Ähnliches zu bauen, was natürlich schiefgegangen war.

Etwas weiter rechts hinter dem Bahnhof ragte am gegenüberliegenden Hang ein beleuchtetes Hochhaus empor, angeblich das höchste Gebäude der Stadt, abgesehen von den Fabrikschornsteinen. Das Grandhotel Katmandu, trotz des poetischen Namens ein grauer Klotz, der dringend eine Sanierung gebrauchen konnte. Aber mit Sanierung hatten sie es nicht so in Grimmstein.

Zur Linken stieg Qualm auf, der kam aus den unzähligen Schornsteinen der riesigen Chemiefabriken, die in einem engen Nebental angesiedelt waren. Glücklicherweise wurde der Großteil der Stadt nicht so arg von diesen Dämpfen belästigt, die zogen eher in die direkte Nachbarschaft, die sogenannte „Schlucht der Nutzlosen“, ein von grauen und schlichten Hochhäusern beherrschtes Armenviertel das er soeben gestreift hatte, da von dort aus die Serpentinenstraße zum Grimmen Stein emporführte.

 

Und hier oben, da war es wirklich schön, ja das machte vieles wett, was Philip Kappelhoff in den letzten Wochen an Unannehmlichkeiten zu ertragen gehabt hatte. Diesen Schlendrian, den er im Rathaus ertragen musste, war er aus der Hauptstadt nicht gewöhnt. Auf der anderen Seite schien es in der Grimmsteiner Verwaltung schon menschlicher zuzugehen. Und korrupter. Aber das war ihm eigentlich mehr oder weniger egal. Korruption gab es in der Hauptstadt genauso gut. Allerdings war sie dort versteckter, die Grimmsteiner Verwalter gaben sich hingegen nicht die geringste Mühe zu verbergen, wie korrupt sie waren. Philip Kappelhoff hatte auch schon die Hand aufgehalten. Gleich am dritten Arbeitstag. Ein zur Grimmsteins Hautevolee gehörender Unternehmer wollte ganz offensichtlich Fördergelder für sozial Schwache abgreifen, um damit ein defizitäres Projekt auszugleichen. Kein Problem, konnte er haben. Philip Kappelhoff hatte schnell begriffen, wo der Hase lang lief und so ging es munter weiter. Heute kam der, morgen der!

Noch wohnten sie in einer Dienstwohnung, eine Altbauwohnung nahe des Opernrings. Die strahlte zwar diesen wunderbar morbiden Charme aus, für den Grimmstein so berühmt war, aber ein Eigenheim am schicken Kranenberg, das war der Hang auf der gegenüberliegenden Seite der Innenstadt, sollte es in mindestens einem Jahr schon sein. Und dabei waren einem eben die oberen Zehntausend Grimmsteins behilflich. Schließlich wollten sie ihre Transaktionen auch von offizieller Seite abgesegnet wissen. Und der Chef, der über allem schwebte und eine eiserne Institution genannt werden konnte, ließ seine Leute nur machen.

Ein perfektes Arbeitsverhältnis.

 

Alles stimmte, es war herrlich, Philip Kappelhoff genoss den Augenblick. Es war kein Fehler gewesen, diesen Sprung nach Grimmstein zu wagen. So schnell kam man nirgends im Lande mittenrein. Er beschloss, diesen Moment in sich zu speichern und ihn wieder abzurufen, wenn er irgendwann die Aussicht von der Terrasse seines Eigenheims am Kranenberg über die Stadt zu den schneebedeckten Gipfeln des St. Isidor Gebirges genießen wird. Am liebsten hätte er die ganze Stadt umarmt, und kein Ort schien dafür perfekter zu sein, als der hier oben auf dem Grimmen Stein.

Aber er sollte nicht mit seinen Glücksgefühlen alleine bleiben. Ein Motorengeräusch hinter ihm ließ ihn zusammenfahren. Da kam sicher noch einer, die Einzigartigkeit dieses Ortes zu genießen. Damit hätte er eigentlich rechnen können, aber um diese Zeit? Es war fast halb elf. Philip Kappelhoff drehte sich um. Das Auto hielt auf dem Schotterparkplatz an, der Motor wurde ausgemacht. Gerade schob sich wieder eine Wolke vor den Vollmond und dieser Zustand dunkelte den Parkplatz hinter dem Aussichtsort ab.

 

Kaum hatte er sich wieder der prächtigen Aussicht zugewandt, da hörte Philip Kappelhoff jemanden aus dem Auto aussteigen. Etwas neugierig drehte er sich doch um. Und plötzlich blinzelte er in einen Lichtkegel. Der kam wohl aus einer sehr starken Taschenlampe, die die Person aus dem Wagen eingeschaltet hatte.

„Herr Kappelhoff?“, rief eine männliche Stimme. „Philip Kappelhoff?“

„Ja!“ Philip Kappelhoff ging zwei Schritte auf die grell leuchtende Taschenlampe zu. „Und wer sind Sie?“

Es kam keine Antwort. Die Taschenlampe strahlte ihn erbarmungslos an und er ging ein paar Schritte auf den anderen Mann zu. War etwa etwas mit seiner Frau oder den Kindern?

„Was ist denn los? Ist irgendetwas passiert?“

Keine Reaktion von der anderen Seite der Taschenlampe. Nicht, dass das wieder eine besonders originelle Idee war, ihn zu schmieren. Aber so einen Aufwand hatten sie in Grimmstein eigentlich nicht nötig. Auch wenn er geblendet wurde, Philipp Kappelhoff ging noch ein paar Schritte weiter auf den Lichtstrahl zu.

„Was wollen Sie?“

Der Mann hinter der Taschenlampe schwieg.

„Hallo?“, rief Philip Kappelhoff verunsichert. „Wer sind Sie?“

Es kam keine Antwort.

„Hallo!“

Von links und rechts hörte er jetzt auch Geräusche, so als würde sich von da ebenfalls jemand langsam nähern.

„Hallo!“, rief er immer unsicherer. „Wer ist denn da, bitteschön?“

Es blieb still, aber es war klar, dass sich ihm mehrere Personen näherten. Philipp Kappelhoff bekam es mit der Angst zu tun.

 

2

Es fröstelte an diesem Oktobermorgen, als Dr. Francisk Bschließmayr, Chefinspektor der Grimmsteiner Polizei an den Fundort einer frischen Leiche kam. Er ärgerte sich ein wenig, er hätte diesen Morgen lieber in seinem gemütlichen Büro verbracht und über das Schlechte in der Welt und in Grimmstein im Besonderen meditiert. Als oberster Ermittler der „Abteilung Entleibung“ hatte er in erster Linie nur noch Entscheidungen abzusegnen und höchstens ab und zu, wenn ein Fall besondere Brisanz versprach, wurde er hinzugezogen. Ansonsten beschränkten sich seine Aktivitäten darauf, den überhöhten Ehrgeiz mancher seiner Untergebenen zu bremsen und auf seine Pensionierung zu warten. In zwei Jahren sollte es soweit sein.

 

Der heutige Leichenfundort lag unterhalb des Grimmen Steines, auf einem kleinen Plateau, achtzig Meter über der Stadt gelegen, ein beliebter Ort, wenn man mal kurz aus dem Talkessel Grimmsteins hinaus, aber nicht ganz hinauf auf den Fels wollte. Es gab dort die Möglichkeit, die Aussicht zu genießen, spazieren zu gehen oder Ausflugslokale aufzusuchen. Der „Grimme Stein Light“ sozusagen. Für das Wohl der Kleinen war auch gesorgt, es gab einen schönen großen Spielplatz, direkt unter dem hoch aufragenden Felsen.
Dort war der Tote nach seinem Sturz von oben wohl gelandet. Zuerst war er auf der Rutschbahn aufgekommen, hatte dann auf dem elastischen Rutschblech noch mal einen Hüpfer gemacht und war schließlich im Sandkasten gelandet. Die Rutschbahn war hinüber, der Sandkasten ließ sich reinigen.

Es war noch ein ziemlich junger Mann, der sich da im Sandkasten ausgebreitet hatte. Für die vielen Meter, die er vom Grimmen Stein hinabgestürzt war, sah er noch ganz gut aus. Gepflegtes Äußeres, schicke Markenkleidung, teure Schuhe und kein Dreck unter den Fingernägeln. Zirka drei Meter entfernt lag eine edle Designerbrille im blutigen Sand.

Der altgediente Polizeiarzt Dr. Vincent M’Pese nahm Bschließmayr in Empfang. Den beruhigte das fast ein wenig, er mochte M’Pese sehr, sie hatten in ihrer über dreißig Jahre dauernden, gemeinsamen Dienstzeit manchen Fall gelöst und manchen Abend zusammen trinkend und philosophierend verbracht. In fünf Jahren würde für M’Pese auch Schluss sein. Aber demnächst stand für M’Pese ein Urlaub in der Heimat seiner afrikanischen Ahnen an. Zwar nur vier Wochen, aber eine Tatsache, die Bschließmayr melancholisch werden ließ. So viele Freunde hatte er im Polizeiapparat nicht und Bschließmayr freute sich immer wieder auf einen Schwatz mit dem lieben Kollegen.

„Er wird von dort oben hinuntergestürzt sein“, rief der alte Polizeiarzt und zeigte in Richtung obere Aussichtsplattform. „Über Hundert Meter tief!“

„Sicher?“, fragte Bschließmayr.

„Sicher“, antwortete M’Pese.

„Ich denke, da oben ist diese neue Sicherheitsvorrichtung, die Selbstmörder sanft auffängt?“
„Mit ordentlichem Schwung kann man einen Menschen leicht über dieses Gitter hinweg werfen.“

Bschließmayr nickte seufzend.

„Aber ich bin ja nur der Doktor und ich darf nur die Schäden nach der Ankunft hier unten feststellen“, seufzte M’Pese fast resigniert. „Und da ist es egal, ob es ein Selbstmörder ist oder nicht.“

„Doktor, kommen Sie mal?“, rief eine sehr verschnupft klingende Stimme. Es war ein Assistent, der irgendwas für M’Pese hatte. Der klopfte Bschließmayr auf die Schulter und entschwand. Wahrscheinlich, um dem vom Schnupfen Geplagten ein Mittelchen zu verschreiben.

Bschließmayr war allein und fror.

Also gut, ein eventueller Selbstmord, dachte Bschließmayr. Na wenigstens den guten alten Doktor gesehen, aber sonst? Warum ruft man mich dann überhaupt?

Seine Gedanken wurden durchschaut. Ein Mann von der Spurensicherung, Bschließmayr kannte seinen Namen nicht, hatte ihn aber schon das ein oder andere Mal gesehen, trat an ihn heran und klärte ihn auf.

„Bei dem Toten handelt es sich um einen gewissen Philip Kappelhoff, vierunddreißig Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, wohnhaft am Opernring 134a. Er arbeitete in der Städtischen Kämmerei und gehörte zum inneren Kreis um Dr. Horodenka.“

Bschließmayr zog eine Augenbraue hoch, so wie es seine Art war, wenn er etwas Bemerkenswertes erfuhr. Und diese Information war durchaus bemerkenswert. Dr. Gernot Horodenka war seit vielen Jahren der oberste Stadtkämmerer von Grimmstein, ihm wurde mehr Macht zugeschrieben, als dem Oberbürgermeister. Der wechselte ohnehin ständig, aber Dr. Horodenka blieb. Und hier hatte es also einen von Horodenkas Kettenhunden erwischt.
Aber Selbstmord?

Bschließmayr nickte dem Spurensicherer, dessen Namen er nicht kannte freundlich und dankend zu, dann stapfte er weiter durch die unerfreuliche Szenerie. Er wusste noch nicht genau, wer von seinen Leuten denn hier jetzt Dienst hatte und irgendwo interessierte ihn das schon. Es war nicht gut, wenn diese Sache in falsche Hände kam, am besten wäre jemand Neutrales. Für Horodenka oder gegen Horodenka, beides könnte Ärger verursachen. Letzteres besonders.

 

Aber als er den heute zuständigen Ermittler sah, war Bschließmayr allerdings nicht gerade begeistert. Es handelte sich um Oberinspektor Josef Szluderpacheru, einen besonders ehrgeizigen jungen Inspektor, der ganz bestimmt nicht neutral, sondern eher auf der Seite der Pro-Horodenkaner zu finden war. Noch nicht mal aus ideologischen Gründen, sondern aus pragmatischen. Wo Horodenka war, waren die Macht und das Geld – und zwar genau in der Reihenfolge. Das war Szluderpacheru mehr als wichtig.

Bschließmayr nickte ihm zu, doch er verzog keine Miene.

„Es sieht alles nach Selbstmord aus“, bemerkte Szluderpacheru mit einer besonders emotionslosen Stimme. Bschließmayr fragte sich manchmal, ob dieser Szluderpacheru vielleicht ein Roboter war.

Jetzt sah der Roboter ihn an, aber nicht so, als ob er wirklich eine Antwort erwartete, sondern eher, als ob er den Segen Bschließmayrs erhoffte, um ungehindert weitermachen zu können. Aber Bschließmayr sagte nicht: „Go!“, er sah nach oben, den Felsen hinauf.

„Da ist doch jetzt alles abgedichtet, soweit ich weiß! Da kann man nicht mehr so einfach hinunterspringen.“
„Es gibt immer noch ein paar Schlupflöcher“, entgegnete Szluderpacheru. „War eben ein schlaues Kerlchen!“

„Kannten Sie ihn?“, fragte Bschließmayr mit misstrauischem Tonfall.

„Nein“, antwortete Szluderpacheru frech.
„Dann reden Sie hier nicht so eine Scheiße, Herr Oberinspektor!“

Szluderpacheru warf Bschließmayr ein kurzes Grinsen zu und machte sich an seine Arbeit. Jung, dynamisch und kraftvoll.

Bschließmayr hätte kotzen können. Immer wenn er diesen Oberinspektor Szluderpacheru sah, kam er sich noch älter und fetter vor, als er ohnehin schon war. Szluderpacheru war überall, aber Effektivität sah anders aus. Während der Chefinspektor immer mehr einem alten, sabbernden und dicken Mops glich, war dieser Oberinspektor ein drahtiger und sehniger Jagdhund, immer mit der Nase am Boden, der Spur hinterher, allerdings ohne den ausgezeichneten Instinkt eines Jagdhundes. Da hatte Szluderpacheru ein schweres Defizit – und nicht nur da.

 

3

Fünf Wochen später: Es hatte den ersten Schnee gegeben, der war sogar reichlich gefallen, aber er war nicht liegengeblieben, er fing an zu schmelzen und überzog Grimmstein mit einer wenig dezenten Schneematschschicht. Und gerade, als der Schnee in schönster Schmelze war, sanken die Temperaturen wieder unter null und der Schneematsch fror. Das gab dann das richtige Grimmstein-Flair.

Gaston Krott hatte schon vor Tagen gespürt, dass es schneien würde, denn die sein Leben bestimmende Verletzung hatte sich auf unangenehme Weise gemeldet, und um diese alte, aber massive Operationsnarbe herum fing es mal wieder an, böse zu ziehen.

 

„Den Mund etwas weiter öffnen!“

Gaston öffnete seinen Mund etwas weiter. Doch der Trainer war nicht zufrieden.
„Noch weiter!“

Gaston öffnete ihn noch weiter, es tat fast weh. Er merkte, wie der Sabber aus seinem linken Mundwinkel zu laufen begann. Es fühlte sich nicht schön an. Leider konnte er nicht sehen, wann die Fuhre kam, seine Augen waren verbunden. Auch bewegen konnte er sich nicht, er war mit dicken Bandagen an ein Bett gefesselt worden, schließlich sollte ja die Illusion eines Blinden und Gelähmten hergestellt werden. Gaston wusste nicht, ob er diese Illusion gut verkörperte, aber es war ihm auch herzlich egal.

„Na, was ist?“, hörte er den Trainer rufen. Aber sein Gefühl sagte ihm, dass nicht er gemeint war.

„Na los!“, rief der Trainer. „Der Patient hat Hunger!“
Das war gelogen. Gaston fühlte, wie ein Löffel in seinen Mund geschoben wurde, schmeckte die Substanz darauf und sie war ekelhaft. Er merkte sofort, was den Hauptgehalt ausmachte: Hirnkäse!

Diese aus Schlachtabfall hergestellte, allseits beliebte Grimmsteiner Spezialität, gerne auch die „Leberwurst des kleinen Mannes“ genannt, die es in allen möglichen Varianten gab: gebraten, sogar in äußerst dicker Panade oder frittiert, in Apfelmus ersäuft, und aufgewärmt oder kalt und weich aufs Brot. Hier hatten sie die letzte Variante genommen, kalt und weich und noch irgendeinen anderen Mist dazu gemischt.

„Achten Sie darauf, dass der Patient nicht richtig schlucken kann, Frau Golling!“

Gaston merkte unter Schmerzen, wie Frau Golling mit dem Löffel voller Hirnkäse in seinem Mund herumstocherte.

Wenn die so weitermacht, kommt gleich der Brechreiz , dachte er.

Ausgerechnet Frau Golling! Ihre Feinmotorik war, gelinde gesagt, etwas gestört. Aber sie musste ja lernen. Gaston beneidete die Patienten nicht, die in Zukunft von Frau Golling betreut werden würden. Vielleicht blieb ihnen wenigstens der Hirnkäse erspart, aber dann würden sie die Schnapsfahne von Frau Golling vielleicht besser wahrnehmen können. Gaston wusste nicht, was für die Patienten widerlicher wäre.

„Ich kann das nicht!“, brach es aus Frau Golling plötzlich fast hysterisch heraus, wenigstens war sie ehrlich.

„Der Herr Krott hat Mundgeruch!“, tobte sie weiter. Das wiederum war gelogen, da war sich Gaston sicher. Frau Golling war nicht nur besoffen, sondern auch noch eine außerordentlich dumme und törichte Person.

„Ich kann das nicht!“, schrie sie noch mal und fing an zu heulen. Gaston hörte den Trainer seufzen. Dann war erst mal gar nichts zu hören. Schließlich vernahm er wieder den Trainer: „Herr Kovacz bitte!“

Gut, dann würde er jetzt von Herrn Kovacz weitergefüttert werden! Das machte den Tag auch nicht schöner. Die ganze Angelegenheit hier ging Gaston einfach nur schwer auf die Nerven.

Aber was sollte er machen?

 

Die kalte Luft hing grau und trübe über dem Tal, in dem die große Stadt vor sich hin vegetierte und zu allem Überfluss fing es wieder an zu schneien, als Gaston Krott an der Straßenbahnhaltestelle stand, um endlich nach Hause zu fahren.

Obwohl das mit dem „Zuhause“ sehr relativ war. Es war eine Sache der Routine und Gaston hatte sich immer noch nicht an seine derzeitige Wohnung gewöhnt. Vielleicht sollte er das langsam mal, denn die Aussichten, da wieder wegzukommen, sahen im Augenblick nicht so rosig aus.
Die vom „Amt für Arbeit und Basisleben“ geförderte „Weiterbildung zur Alten- und Krankenpflege“ versprach zwar einen der wenigen Berufe, die in Grimmstein noch Zukunft hatten, wenn man nicht gerade in den Chemiefabriken arbeiten wollte, oder irgendwo ein gemachtes Nest hatte. Aber Gaston war sogar in dieser Ausbildung nur zweite Reihe, sein Gebrechen hinderte ihn daran, alte und kranke Leute nach allen Regeln der Kunst zu pflegen. Das Amt für Arbeit hatte ihn für diese Geschichte mit herangezogen, da er ja mal beruflich etwas mit Darstellungen zu tun gehabt hatte. So musste er halt die zu Pflegenden darstellen, das ging vom gefüttert werden, über zum in den Rollstuhl gehievt werden, bis zum Hintern abgewischt bekommen. Befriedigend war das nicht.

 

Nachdem Gaston gut durchgefroren war, kam die Bahn. Glücklicherweise war es nicht so voll, aber Gaston besaß ja für alle Notfälle einen Behindertenpass. Er hatte gerade einen schönen Fensterplatz mit Aussicht auf die trüben Straßen gefunden, da klingelte sein Handy. Er war fast ein wenig überrascht, denn so oft passierte das gar nicht. Infrage kamen zu achtzig Prozent nur drei Anrufer, davon zu fünfzig Prozent ein ganz bestimmter. Gaston sah auf sein Display und ja, es war sein Freund Paulus Kainzel, genannt „Freibier“. Der Spitzname kam nicht von ungefähr. Freibier war Schauspieler in einem Vorstadttheater, das von irgendwelchen ominösen Sozialfonds finanziert wurde. Wenn man dort angestellt war, bekam man zwar kaum mehr als die übliche Stütze, aber man war davor gefeit, vom Amt der Arbeit in irgendwelche überflüssigen Weiterbildungen gesteckt zu werden. Obwohl er auf den leutseligen Freibier jetzt gerade nicht so viel Lust hatte, ging Gaston ran.

„Tach Knattermime, was willst du denn?“

„Na, du Krüppel!“, rotzte Freibier in die Muschel. „Haben sie dir wenigstens den Arsch gut abgewischt?“

„Nein, ich wurde mit Hirnkäse gefüttert.“

Gaston hörte Freibier am anderen Ende lachen.

„Hirnkäse?“

„Ja, ich musste einen Blinden und Gelähmten verkörpern, der mit Hirnkäse gefüttert wird.“

„Und wie hast du diese Rolle angelegt?“

„Hintergründig.“

„Das ist gut“, pflichtete Freibier anerkennend bei.

„Und selber?“

„Na ja …“, seufzte Freibier.

„Nicht gut?“, fragte Gaston, aber eigentlich wollte er das gerade nicht wissen.

„Wir sind vorhin mit Rotkäppchen fast von der Bühne gebuht worden.“

„Schulklasse?“
„Klar. Grundschüler vom Kranenberg.“
„Können die sich kein besseres Theater leisten?“

Freibier fragte dann, ob sie vielleicht heute Abend nach seiner Abendvorstellung etwas trinken könnten, aber Gaston hatte keine Lust. Er hätte dann noch mal rausgemusst. Freibier wohnte zwar im benachbarten Wohnblock, also quasi gegenüber, aber Gaston hatte keine Lust, bei dem Sauwetter noch einmal auf die Straße zu gehen, außerdem war es ihm zu spät, noch Freibiers Vorstellungsende abzuwarten. Freibier murrte daraufhin etwas von sich in der Theaterkantine besaufen müssen, aber das war Gaston schnuppe. Das sollte Freibier ruhig machen. Außerdem war das gelogen, die Theaterkantine in dem Schuppen schloss immer direkt nach Vorstellungsende.

Gaston hatte dieses Theater noch nie betreten, geschweige denn, sich dort eine Vorstellung angeguckt; das, was er von Freibier und anderen gehört hatte, reichte ihm. Wobei Freibier sein eigenes Tun und Treiben an dieser Bühne natürlich für genial hielt. Für Gaston ein weiterer Grund, dieses Etablissement zu meiden.

Obwohl sie sonst die besten Freunde waren.

 

Eine knappe halbe Stunde später war Gaston Krott dann endlich am Ziel: Grimmstein-Oberlippau, genannt „die Schlucht der Nutzlosen“.

Schlucht , weil Oberlippau in einem relativ engen Flusstal lag und von zwei Seiten von hohen Bergen und steilen Felsen umgeben war, nutzlos, weil da nur so Leute wie Gaston Krott, oder welche, die noch tiefer gesunken waren wohnten. Es war wirklich das Ende der Welt, hinter Oberlippau zogen sich die Felswände noch enger zusammen, sodass gerade mal der Fluss hindurch passte. Und vor Oberlippau auf dem Weg in Richtung Innenstadt lag Unterlippau, das eigentlich nur aus einigen riesigen und stinkenden Chemiefabriken bestand, die von hohen Schornsteinen gekrönt wurden, auf denen bei Dunkelheit bunte Lichter blinkten. Die sorgten für die nötigen Farbtupfer in dieser Gegend.

Dort, wo Gaston aus der Bahn aussteigen musste, war jedenfalls alles grau in grau. Die vielen Zwanzigstöcker, die hier mal in Reih und Glied und mal wie dahingewürfelt dastanden, die Grünanlagen dazwischen, die besser Grauanlagen genannt werden sollten und auch die Freizeitmöglichkeiten, wie die Kneipen, die Spielautomaten, die Trinkhallen und die Discounter, das alles bildete eine Einheit von einzigartigem Reiz.

Gastons Zwanzigstöcker lag nicht weit von der Straßenbahnhaltestelle entfernt, aber Gaston musste aufpassen, es war glatt auf den Wegen und gestreut hatte natürlich auch keiner. Letzten Winter hatten sich hier drei Leute bei Stürzen fast das Genick gebrochen, aber das kümmerte niemanden wirklich. Wenigstens hatte Gaston seinen Gehstock, ohne den er bei diesem Wetter ziemlich aufgeschmissen wäre und sicher zehn statt der normalen drei Minuten Fußweg gebraucht hätte, dabei. Vor Gastons Trutzburg drückten sich einige trübe Tassen mit Billigbier in der Hand herum und grinsten verstohlen mangels anderer weiblicher Wesen, einer alte Rentnerin die aus dem Discounter kam, nach.

Glücklicherweise funktionierten die Aufzüge, das war nicht immer so, manchmal musste man laufen und die Treppen erklimmen – das konnte für einen wie Gaston eine glatte Tagesreise sein.

Aber das war heute nicht nötig und so fuhr Gaston eher bequem in den 16. Stock. Seine Wohnung lag nach hinten raus, nicht zur Straßenbahnhaltestelle hin, so hatte er keinen anderen Zwanzigstöcker vor der Nase, sondern eine dunkle Felswand, die manchmal durch Büsche und Gestrüpp aufgelockert wurde. Das gab einem das Gefühl, doch irgendwie in der Natur zu leben.

 

Vom Aufzug aus musste Gaston dann noch einige Meter durch einen finsteren Gang, vorbei an allesamt gleich aussehenden Wohnungstüren. Meist war es still; was man am ehesten hörte, war das Fernsehprogramm, das in den Wohnungen lief, aber das vernahm man nur hinter wenigen Türen und da wohnten oft Leute mit einem Gehörschaden. Die Lärmschutzvorrichtungen funktionierten bemerkenswert gut.

Die meisten Nachbarn auf seiner Etage kannte Gaston kaum oder gar nicht. Einer war allerdings auffällig, das war der, der direkt neben dem Aufzug wohnte. Er hatte meistens seine Wohnungstür angelehnt offen stehen und lauerte hinter dem Spalt auf interessante Ereignisse. Dieser jemand hieß Enno Jattrich, und war kein neugieriger Rentner, sondern noch relativ jung, höchstens vierzig. Angeblich hatte er sich schon x-mal bei der Polizei beworben, als „Spezialist für Überwachungen“. Wobei das schon eine Frechheit an sich war, vom „Spezialisten-Dasein“ war er ungefähr so weit entfernt, wie die Erde vom Jupiter. Überwachen tat er allerdings mehr als gerne, er begnügte sich aber anscheinend damit, die Wohnungstür offen stehen zu haben und stupide in den Flur zu gaffen. Gaston spürte seine Anwesenheit, als er an dem offenen Spalt vorbeikam. Er nickte Jattrich sogar kurz freundlich zu, das gehörte zum Spiel, wie er fand. Nur war Jattrich nicht so verspielt, er reagierte einfach nicht auf den Gruß. Trotzdem bemerkte Gaston das glotzende Auge hinter dem Spalt.

Als Gaston an seiner Wohnung ankam, klebte ein Zettel an seiner Tür. Er ahnte schon, wer den dahingeklebt hatte.

Lust auf 'nen netten Abend? , stand darauf.

Natürlich, der Zettel war von Charlene, seiner direkten Nachbarin. Sie bewohnte eine identische Wohnung, ein Zimmer, Miniküche und Nasszelle. Anders konnte man das Bad nicht beschreiben.

Während Gaston seine Wohnungstür öffnete, überlegte er, ob er sich auf einen netten Abend mit Charlene einlassen sollte. Sie waren zur selben Zeit hier angekommen. Das war, als das „Amt für Arbeit und Basisleben“ befand, dass seine Wohnung in der Innenstadt zu teuer war. Genauso war es bei Charlene Swoboda gewesen. Es waren überhaupt einige hier, die dasselbe Schicksal teilten. Die meisten taten sich auch eher schwer, sich hier zu integrieren. Denen, die schon immer hier gelebt hatten, schien es egal zu sein, dass diese Leute aus der Innenstadt gekommen waren, sofern man sie in Ruhe ließ.

Charlene aber war neugierig auf ihre Mitbewohner und hatte sich sehr gut integriert. Gaston hätte gerne gewusst, wie alt sie war, er hatte sie nie gefragt, und konnte sich auch nicht vorstellen, dass sie das gefragt werden wollte. Sie mochte etwas älter sein als er, vielleicht vierzig. Vielleicht aber auch wie er Mitte dreißig, aber heftig gelebt. Jedenfalls hatten sie manchmal Sex miteinander, was sollte man denn auch sonst in dieser Massenmenschhaltung machen? Und mit ihren Wuschellocken und den grünen Augen war sie eine Nummer für sich. Gaston seufzte.

Was sollte er machen?

Er hatte auch keine Lust, zu warten, dass Fiona Gronacher mal wieder Lust auf ihn hatte. Bei Fiona war er ohnehin nur der heimliche ab-und-zu-Liebhaber. Der Bühnenstar des Stadttheaters nahm sich, was sie wollte. Und zu Hause wartete ein gut situierter Ehemann. Bei Charlene Swoboda wusste er wenigstens woran er war.

Sie war Journalistin bei einer der beiden großen Grimmsteiner Tageszeitungen gewesen, aber nachdem sie dort überall angeeckt war und auch noch etwas Negatives über die Clique um den allmächtigen Stadtkämmerer Horodenka geschrieben hatte, durfte sie gehen. Ihre weiteren journalistischen Bemühungen, vor allem in der Grimmsteiner Underground Szene, hielten zwar an, aber Erfolg sah anders aus.

Ok, warum nicht mal wieder ein netter Abend mit Charlene!

4

Nachdem er in seiner bescheidenen Wohnung eine bescheidene Mahlzeit eingenommen hatte, wurde er von Charlene empfangen. Sie trug nur ein olles T-Shirt und einen Schlüpfer und in ihrer ebenso bescheidenen Wohnung war es brütend heiß, da sie ihre Heizung bis zum Anschlag aufgedreht hatte.

„Ich hasse diesen Scheißschnee“, war ihr Kommentar dazu, noch in der Wohnungstür. „Die Scheißkälte kann mich mal!“

Gaston seufzte. Charlene in Unterwäsche war kein schlimmer Anblick, im Gegenteil, in der Schlucht der Nutzlosen dürfte sie ohne Wenn und Aber als die Schönheitskönigin durchgehen.

Aber sie wirkte mal wieder sehr fickrig und auch ein wenig konfus, also versprach das hier eher ein stressiger Abend zu werden und Gaston war im Augenblick nicht nach Stress.

„Na was ist?“, fragte Charlene provokant.

„Soll ich mich auch ausziehen?“

Sie sah ihn an und legte eine Kostprobe ihrer Verführungskunst in ihren Blick.

„Willst du dich kaputtschwitzen oder was?“

Wo sie recht hatte, hatte sie recht.

 

Irgendwie ist das seltsam, so in Unterwäsche dazusitzen und Konversation zu machen , fand Gaston. Zumal Charlenes anfängliche Offenherzigkeit wieder verschwunden war, aber wahrscheinlich war sie einfach noch nicht betrunken genug. Das konnte ganz plötzlich kippen bei ihr. Zuerst redete sie noch ganz vernünftig, doch plötzlich fing sie an zu lallen. Darum verschwand sie erst mal kurz in der Küche und Gaston hatte den Eindruck, dass sie sich dort mal kurz einen frontal hinter die Kiemen donnerte, sozusagen um vorzuglühen. Schließlich kam sie mit einer noch verschlossenen Schnapsflasche wieder und stellte sie mit zwei Gläsern auf den Tisch, der vor der schäbigen, aber riesigen Couch stand.

Sie goss beiden ein ordentliches Glas ein, prostete ihm zu und trank.

Gaston trank auch, fragte sich, wann es wieder soweit wäre und da ging es sehr schnell. Plötzlich hing Charlene mit ihrem ganzen Gewicht an seiner Schulter und hauchte: „Zeig mir noch mal deine Narbe!“

Und wie jedes Mal zog Gaston seine Unterhose ein wenig hinunter und zeigte ihr die riesige Narbe auf seiner Hüfte.

„Und das war echt ein Schwert?“, lallte Charlene.

„Ja.“

„Krass.“

„Ja.“
„Mann o Mann, das hat doch echt wehgetan, oder?“

„Ja.“

„Auweia“, murmelte Charlene, griff sich die Schnapsflasche, goss sich mindestens einen Dreifachen ein und kippte ihn auf Ex weg. Gaston folgte mit einem Zweifachen. Sie machte es sich bequem, indem sie sich auf Gastons Schoß legte, seine Hand nahm und unter das T-Shirt an ihre Brüste führte. Gaston wunderte sich, dass das nicht schon eher passiert war.

„Vorgestern war ein total cooler Typ hier!“, gluckste die Dame mit dem großen Durst.

„Aha.“

Sie sah Gaston an. Wahrscheinlich wollte sie testen, ob er eifersüchtig wurde.
Aber danach war Gaston gerade nicht. Und warum sollte er auch eifersüchtig werden? Dazu gab es keinen Anlass.

„Wir haben super gefickt!“

„Aha.“

„Und weißt du was?“
„Nein.“
„Er hatte einen total kalten Arsch!“
„Was?“

„Er hatte einen total kalten Arsch!“, kicherte sie. „Das war megacool, sowas habe ich noch nie gehabt, das hatte was, glaub's mir!“

„Ja gut.“
„Voll der kalte Arsch!“, lallte sie, als könne sie es selbst nicht fassen. „Als ob er im Schnee gesessen hätte.“

„Okay …“, grunzte Gaston. „Soll ich jetzt auch eben nach draußen gehen und mich mit nacktem Arsch in den Schnee setzen?“

Doch Charlene hatte gar nicht zugehört. Das war sowieso etwas, das sie nicht so gut konnte.

„So ein süßer Typ!“

„Ja schön!“

„Doooooch!“

„Der kommt eh nie wieder“, brummte Gaston, der langsam wirklich genervt war.

„Klar kommt der wieder!“ Charlene richtete sich auf und grinste Gaston an, so gut es noch ging. „Dem ist was aus der Tasche gefallen und das hab ich mir sofort gekrallt. Wenn er den Umschlag wiederhaben will, muss er ihn holen kommen.“

Gaston nickte ob dieser niederschmetternden Information und Charlene goss sich noch einen Dreifachen ein, den sie natürlich auf Ex wegkippte. Dann hustete und kicherte sie und breitete sich wieder genüsslich auf Gastons Schoß aus.

„Ist denn in dem Umschlag was Wichtiges drin?“, fragte Gaston, obwohl es ihn eigentlich nicht interessierte.

„Keine Ahnung. Ich glaub Fotos oder sowas.“
„Hast du es dir mal angeguckt?“
„Natürlich nicht“, entrüstete sich Charlene. „Ich bin da voll diskret! Im Ernst!“
„Soso.“

„Er erinnerte mich an dich!“

„Wer?“

„Der Typ“

„Aha. Warum?“

„Sein Name.“
„Was war mit seinem Namen?“

„Der war so ähnlich wie deiner!“

„Ach so?“

Charlene nickte und schlief ein. Es passierte oft, dass sie einfach einschlief, aber heute ging das sehr schnell. Gaston kippte sich noch einen Doppelten ein und trank ihn, aber langsamer. Charlene lag auf seinem Schoß und schlief tief und fest. Es war langweilig. Er starrte auf den dunklen Fernsehbildschirm, etwas an der Seite lag die Fernbedienung, zu weit weg, um sie ohne viele Umstände zu holen.

Verdammt, er hätte sich die Fernbedienung krallen sollen, als es noch ging. Jetzt hätte er Charlene aufgeweckt, um an die Fernbedienung zu gelangen. Dann halt ohne Fernsehen.

Irgendwann schlief Gaston ein.

 

Er wusste nicht, ob er etwas geträumt hatte und im ersten Augenblick des Erwachens auch nicht, wo er überhaupt war, aber dann kamen die Erinnerungen schnell wieder, Charlene lag ja schließlich auch in unveränderter Stellung auf seinem Schoss. Musste wohl ein tiefer Schlaf sein, also konnte er Stellungsveränderungen riskieren. Und er kam sich vor wie im Brutkasten, so heiß war es in der Wohnung. Seine Unterwäsche klebte.

Gaston sah auf die Uhr. Er hatte nur eine halbe Stunde geschlafen und er war todmüde. Nichtsdestotrotz schob er Charlene sanft zur Seite und stand auf.

Es war zwar erst kurz nach neun, aber es hatte keinen Zweck mehr hier, Gaston hatte Sehnsucht nach seinem eigenen Bett. Erst mal drehte er die Heizung wieder runter, nicht dass Charlene wegen zu hoher Heizkosten noch in den Hungerturm musste.

 

Gaston überlegte, ob er sie in ihr Bett bringen sollte. Aber in ihrem Zustand war sie sicherlich nicht mehr fähig aufzustehen und auch nicht mit stützender Hilfe ins Bett zu gelangen und sie zu tragen war für Gaston unmöglich. Er sah eine Decke aus unerfindlichen Gründen in einer Ecke liegen, die nahm er, breitete sie aus und legte sie über die schlafende und leise schnarchende Charlene. Dann nahm er noch ein dickes Kissen, das auf dem Boden herumlag und stopfte es ihr vorsichtig unter den Kopf. Sie seufzte im Schlaf.

Wahrscheinlich träumt sie von dem anderen, dem mit dem kalten Arsch, soll sie doch!

Gaston hatte langsam aber sicher die Schnauze voll von diesen Nachbarschaftstreffen. Doch als er sich nach getaner Arbeit wieder aufrichtete, wurde sie wach und sah ihn mit ihren grünen Augen groß an.

„Willst du etwa gehen?“

„Ja.“

„Bitte bleib doch!“

Gaston sah sie an. Aber nicht lange, dann musste er wegsehen. Wenn er diesem Blick länger standgehalten hätte, wäre er geblieben.

„Tut mir leid.“

Schnell nahm er seine Klamotten und die Schuhe und verließ die Wohnung. Nein, heute ging es wirklich nicht!


So fand er sich nur in Unterwäsche auf dem Hausflur wieder. Es war natürlich sehr kalt und in seiner vollgeschwitzten Unterwäsche besonders. Trotzdem blieb Gaston stehen, er wusste allerdings nicht warum. Wahrscheinlich war er betrunken. Zudem hatte er seinen Gehstock vergessen, als er vorhin seine eigene Wohnung verlassen hatte. Normalerweise brauchte er diesen nicht unbedingt für nachbarschaftliche Besuche – wenn sie denn nüchtern blieben. Betrunken und ohne Gehstock war keine gute Kombination.

Auf dem Hausflur war alles still. Nur ein leises Knarren war zu hören. Klar, das war Enno Jattrichs Wohnungstür, dahinten kurz vor dem Aufzug. Wahrscheinlich stand er wieder hinter seiner Tür, horchte und gaffte, dieser Idiot! Gaston schickte einen Stinkefinger in seine Richtung, hatte aber keine Ahnung, ob der ankam.

Dann schloss er seine Tür auf, ging in seine Wohnung, ohne das Licht anzumachen und ließ sich so wie er war ins Bett fallen.

Müde und besoffen.

Er schaffte es gerade noch, einen Gutenachtkuss durch die Wand zu Charlene in die Nachbarwohnung zu schicken, dann schlief er ein.

 

5

Gaston schreckte auf.

Klingeln, klingeln, klopfen, klopfen. Und wieder klingeln.

Was war das für ein Lärm?

Es war stockdunkel.

Der Schmerz im Kopf hämmerte und raste.

Im Mund eine ganze Herde toter Pferde.

Vor seiner Tür war die Hölle los!

Klingeln, Klopfen, mal abwechselnd, mal zusammen.

Es nervte!
Seine Unterwäsche stank nach Schweiß.

Konnte Morgenstunde widerlicher sein?

Irgendetwas war da los, das war auch kein Traum, nein er war wach, es half alles nichts, er musste aufstehen, was auch mehr oder weniger wacklig gelang.

 

Als er die Tür öffnete, traf ihn sofort ein greller Strahl, wie aus einer Art Monster-Taschenlampe.

„Herr Krott?“, dröhnte eine männliche Stimme am anderen Ende des Strahls.

„Ja, wieso?“

„Polizei!“

Bevor Gaston reagieren konnte, waren schon zwei Polizisten in seine Wohnung gekommen. Beide waren sehr groß und stark.

„Was ist los?“, fragte Gaston. „Was ist denn passiert?“

„Das werden Sie noch früh genug erfahren“, knurrte einer der Polizisten unfreundlich und fast drohend. Eine Frau drängte sich mit hinein, sie trug eine Art Arztkoffer und war ganz in Weiß gekleidet, als wäre sie eine Ärztin.
„Ich hab nix!“, entfuhr es Gaston.
„Das hat auch niemand behauptet!“, sagte der eine Polizist streng.

„Darf ich mal?“, fragte die Frau in Weiß. „Machen Sie bitte den Mund auf!“

Sie nahm ein Holzstäbchen mit einem Wattebausch vorne drauf und hielt es in Gastons Mund. Das kannte Gaston aus dem Fernsehen, aber was sollte das?

„Danke!“, sagte die Ärztin, verpackte das Stäbchen fachgerecht und verschwand wieder in den Hausflur. Dort schien einiges los zu sein, aber Gaston konnte nicht nachsehen was genau, die beiden Polizisten hielten ihn durch ihre schiere Präsenz davon ab.

„Was ist da los, verdammt noch mal?“

„Immer mit der Ruhe“, murmelte einer der beiden Polizisten, der im Gegensatz zu seinem Kollegen wirkte, als hätte er die Ruhe weg. Gaston gelang es, in seine Wohnungstür zu treten und einen Blick nach draußen zu werfen. Wenn er die Wohnung hätte verlassen wollen, hätten die beiden Polizisten ihn sicher daran gehindert. Aber was sollte er auch draußen, nur in seiner Unterwäsche?

Aus Charlenes Wohnung strahlte helles Licht. Leute gingen rein und raus, einige in diesen wie aufgeblasen wirkenden weißen Ganzkörperkostümen.

Was ist da los, was machen all diese Leute in Charlenes Wohnung?

Doch bevor er weiter gucken konnte, wurde er von einem Mann, der nach ekligem Macker-Rasierwasser stank in seine Wohnung zurückgedrängt.

„Sie sind Herr Krott?“, fragte er im Kasernenhofton. Gaston nickte kurz.

„Ich bin Oberinspektor Szluderpacheru und Sie kommen mit, Sportsfreund!“

„Wie?“

Gaston hatte den Namen dieses unangenehmen Typen nicht verstanden, aber die Polizisten zerrten ihn von der Wohnungstür weg, Richtung Bett.
„Ziehen Sie sich was an“, befahl der weniger lethargische Polizist. „Und beeilen Sie sich!“

 

Gaston zog sich eilig die Klamotten an, die er am Tag zuvor getragen hatte. Es blieb gerade noch Zeit, die Schuhe anzuziehen und die warme Jacke überzuwerfen, als die Polizisten ihn packten und aus der Wohnung führten. Kaum waren sie draußen, wurde die Tür zugemacht, und ein anderer Polizist klebte schnell ein Polizeisiegel darauf.

Was sollte das?!

 

Der Macker-Rasierwasser-Bulle war nicht mehr zu sehen, aber das fand Gaston nicht schade. Sie eilten den Gang entlang Richtung Aufzug. Gaston hatte kaum die Gelegenheit zurückzublicken und zu sehen, was dort in Charlenes Wohnung vor sich ging.
Neben Enno Jattrichs Wohnung mussten sie auf den Aufzug warten.

Der Türspalt war diesmal enger als sonst, aber Gaston konnte Enno Jattrichs Auge sehen. Wie es ängstlich, aber penetrant durch den Spalt auf das Geschehen stierte. Es kam Gaston so vor, als ginge von diesem einen Auge ein Leuchten aus, ein unheimliches und böses Leuchten. Und das alles mit dem einen Auge.

Wo ist eigentlich das andere Auge? , fragte sich Gaston. Verdammt noch mal!

Schlief der denn nie?

Stand der rund um die Uhr hinter seiner Wohnungstür und beobachtete den Hausflur?

Der musste doch auch mal Berichte schreiben! Voll mit den Nichtigkeiten, die er beobachtet hatte.

Enno Jattrich nahm es durchaus wahr, dass Gaston ihn ansah, während sie immer noch auf den Aufzug warteten. Und wahrscheinlich trieb ihm das die Angst in die Augen. Wenn nämlich nicht diese Schränke da wären, die Gaston bewachten, hätte er Jattrich im Handumdrehen seinen Hals umgedreht. Ein widerlicher Typ, man konnte es gar nicht anders sagen! Ein Spanner und Denunziant!

Gaston merkte, dass er kurz davor war, überzukochen.
Glücklicherweise kam der Aufzug, sonst hätte sich Gaston womöglich noch losgerissen und trotz Bullen Jattrich in die ewigen Jagdgründe geschickt.

 

Draußen war es noch dunkel, als Gaston unsanft in den Polizeiwagen, der direkt vor seinem Haus stand gestoßen wurde. Sie fuhren sofort los, Gaston wurde plötzlich wieder müde und glotzte auf die gelblich-trübe Straßenbeleuchtung, die das Stadtbild dominierte, als sie aus der Schlucht der Nutzlosen an den Chemiefabriken vorbei in die Innenstadt zum Präsidium fuhren. Die Leute, die da draußen durch die gelbe Nacht eilten, froren offensichtlich. Da hatte es Gaston fast besser, im Polizeiwagen war es doch mollig warm. So brauchte er sich nicht mit der Wärmebeschaffung auseinandersetzen, sondern könnte ein Nickerchen machen, aber das ging nicht. Das einzige, was ihm blieb, war nachdenken:

Wie spät ist das eigentlich?

Was ist mit Charlene?
Warum haben sie mich mitgenommen?

Hatte etwa Enno Jattrich damit zu tun?

Was ist hier passiert, passiert, passiert?

Die Gedanken rasten und kreisten durch Gastons Gehirn, immer wieder aufs Brutalste abgebremst durch die hämmernden Kopfschmerzen.

 

Die beiden Polizisten redeten kein Wort, aber das konnte Gaston recht sein. Sie fuhren die Uferstraße der Seume entlang und hier war schon wesentlich mehr Verkehr, eigentlich war schon ordentlich was los. Gaston sah zur Linken die große Uhr am Rathausturm über den Dächern emporragen und die zeigte 6:10 Uhr an. Schon!

Der Wagen hielt am Hintereingang des Polizeipräsidiums, Gaston wurde am Arm gepackt und ins Innere des Gebäude geführt. Hier herrschte emsiges Treiben.

Doch Gaston durfte nicht daran teilhaben. Er wurde prompt in einen kleinen Raum geführt. Die Tür wurde zugeschlagen, er hörte wie abgeschlossen wurde, dann war er allein.

Es war eine Art größere Umkleidekabine, vielleicht ein mal zwei Meter. Eine Bank auf der Längsseite war das einzige Mobiliar, sonst war der Raum kahl. Gaston setzte sich und er war plötzlich froh, allein zu sein. Es war ruhig in diesem Raum, er hörte kaum Geräusche von außen. Obwohl sein Adrenalin auf Hochtouren rotierte, war er unglaublich müde. Hier würde er eh nichts verpassen. Gaston legte sich auf die Bank und schlief ein.

 

Der Schlaf währte wahrscheinlich nur ein paar Minuten, jedenfalls fühlte es sich so an. Die Tür wurde aufgerissen und Gaston war schlagartig wach. Ein neuer Polizist stand in der Tür.

„Herr Krott?“

„Ja.“

„Kommen Sie bitte mit!“

Gaston stand etwas mühselig auf und folgte dem Polizisten. Erst jetzt bemerkte er, dass er seinen Gehstock zu Hause vergessen hatte. Bei der Ankunft im Präsidium war ihm das überhaupt nicht aufgefallen. Sollte er etwa in Anbetracht der dramatischen Ereignisse eine Art schleichenden Schock erlitten haben?

Der Polizist führte Gaston in einen Raum, der wohl eine Art Verhörraum war. Dort saß der Bulle mit dem Macker-Rasierwasser und wartete auf ihn. Gaston konnte ihn schon draußen riechen.

„Ich übergebe Sie an Oberinspektor Szluderpacheru“, sagte der Mann sehr förmlich und ging. Gaston humpelte in den Raum.

„Das sieht ja gar nicht gut aus, Sportsfreund!“, bemerkte Szluderpacheru. „Beim Glatteis nicht aufgepasst?“

Leck mich, du Arsch , dachte Gaston und setzte sich unaufgefordert auf einen Stuhl am Verhörtisch.

Szluderpacheru setzte sich nicht Gaston gegenüber, sondern auf einen Stuhl in der Ecke. Er verschränkte seine Arme, sagte erst mal gar nichts, sondern grinste Gaston unverschämt an. Nach einiger Zeit hielt Gaston dieses Grinsen nicht mehr aus und senkte den Blick.

„Wir müssen noch auf einen Kollegen warten“, sagte Szluderpacheru plötzlich und stand auf.

Gut , dachte Gaston, aber er wollte jetzt langsam wirklich wissen, was passiert war. Er sah Szluderpacheru an.

„Was ist mit Charlene Swoboda?“

„Na, was denken Sie denn?“, kam es frech zurück.

„Ihr ist etwas Schreckliches geschehen“, murmelte Gaston zaghaft.

Oberinspektor Szluderpacheru nickte und setzte sich wieder.

„Sie wurde vermutlich erstickt“, bemerkte er wie nebenbei.

 

6

Manchmal hatte es fast etwas Befreiendes, wenn schlimmste Befürchtungen bestätigt wurden. Es entkrampfte sich etwas und Gaston hätte jetzt gerne getrauert. Aber die Atmosphäre in diesem Verhörraum, oder was auch immer das war, war dafür nicht unbedingt geschaffen. Gaston musste sich ablenken. Der Macker-Rasierwasser-Bulle saß unbeteiligt da und spielte an seinem Smartphone herum.

Gaston hatte nun die Möglichkeit, sich diesen ominösen Oberinspektor Szluderpacheru mal näher anzugucken, aber das machte ihn auch nicht gerade sympathischer. Ziemlich groß, durchtrainiert, aber eher schlank, dunkle, kurz geschnittene Haare, im Gegensatz dazu hellblaue Augen und eine Hautfarbe, die auf einen regelmäßigen Besuch im Solarium hinwies. Dazu eines dieser ein bis zwei Millimeter breiten Bärtchen, die vom Haaransatz an der Schläfe entlang über den unteren Rand des Kinns zum gegenüberliegenden Schläfenhaaransatz reichten. Dazu kam noch ein dünnes Schnurrbärtchen, das vielleicht drei Millimeter breit war. Der Typ sah nicht nur widerlich, sondern auch noch unecht aus.

 

Schließlich ging die Tür auf und ein dicklicher jüngerer Mann mit Brille, in einem karierten Hemd und mit Lockenfrisur betrat den Raum. Er hatte eine Mappe unter den Arm geklemmt und wirkte ziemlich linkisch.

„Wo sind Sie so lange geblieben?“, fragte Szluderpacheru. „Wir warten!“

„Tut mir leid, Herr Oberinspektor“, stammelte der Mann. „Aber … die Sache Kappelhoff …“

„Jetzt nerven Sie nicht mit der Sache Kappelhoff, Kimmel!“, monierte Szluderpacheru. „Hier wird Ihre Wenigkeit verlangt!“

Kimmel nickte unterwürfig und setzte sich auf den Platz Gaston gegenüber.

„Das ist Lerninspektor Kimmel!“, tönte Szluderpacheru gönnerhaft. „Er wird Sie jetzt verhören. Schießen Sie los, Kimmel!“

Lerninspektor Kimmel räusperte sich erst mal.

„Ihr Name ist Gaston Ebenezer Krott?“

„Ja.“

„Wohnhaft in Grimmstein-Oberlippau, Am Plantanenhain 32d?“
„Ja.“

„Sie sind vierunddreißig Jahre alt.“
„Ja.“

„Was sind Sie von Beruf?“

„Erwerbslos.“

„Die Frage hätten Sie sich sparen können, Wachtmeister Kimmel!“, warf Szluderpacheru ein. „Bei der Adresse!“

Kimmel war durch Szluderpacherus Bemerkung ein wenig irritiert, oder nur aus dem Konzept gebracht, jedenfalls saß er kurz still und stumm da und stierte vor sich hin. Dann aber kratzte er sich kurz am Kopf, wobei viele Schuppen aus seinem Haar auf den Tisch rieselten und schließlich sah er Gaston bohrend an. Wahrscheinlich musste er sich jetzt beweisen.
„Haben Sie überhaupt einen Beruf gelernt?“
„Ja“, antwortete Gaston leise.

„Ich habe Sie nicht verstanden!“, blaffte Kimmel. „Ja oder nein?“

„Ja.“

„Und was?“
„Clown.“

„Was?“

„Clown.“
Kimmel sah Gaston wie einen totalen Vollidioten an. Szluderpacheru lehnte sich zurück und grinste böse.

„Clown?!“, fragte Kimmel ungläubig.

„Ja, habe ich doch gesagt!“, entfuhr es Gaston etwas lauter.

„Nicht frech werden hier!“, schnarrte Szluderpacheru.

„Sie sind Humorist?“, fragte Kimmel.

„Nein, Clown!“, antwortete Gaston zunehmend genervt.

„So einer wie im Zirkus?“, fragte Kimmel und klang schwer überfordert.

„Ja, so ungefähr“, seufzte Gaston.

„Und jetzt nicht mehr?“

„Nein.“

„Waren Sie nicht lustig genug?“
„Vermutlich“, grunzte Gaston.

„Ich muss Sie bitten, sachlich zu bleiben!“, tönte Szluderpacheru. „Beide!“

Kimmel grunzte kurz und kratzte sich. Er dachte nach, das war nicht zu übersehen. Vermutlich rang er um die nächste Frage.

„Äh … wurden Sie wegrationalisiert?“

Gaston schüttelte den Kopf. Jetzt saß Kimmel wieder dumm da. Langsam fing er an, Gaston leidzutun. Wenn der so weitermachte, landete er sicher bald auch in der „Weiterbildung zur Alten- und Krankenpflege“.

„Hatten Sie vielleicht keine Lust mehr?“, riet Kimmel weiter. Sein Tonfall verriet, dass er jetzt auch mal witzig sein wollte.

„Arbeitsunfähig“, seufzte Gaston.

„Ach so“, murmelte Kimmel enttäuscht.

„Alkohol?“, schnarrte Szluderpacheru aus seiner Ecke.

Gaston atmete durch.

„Ich habe ein Schwert in die Hüfte bekommen.“

Kimmel glotzte ihn an wie ein Auto.

„Wie denn das?“, fragte dann Szluderpacheru.

„So’n anderer Clown, mit dem ich zusammen auf der Bühne war, hatte eine Comedy-Schwertschlucker-Nummer“, antwortete Gaston. „Die ging an dem Abend schwer daneben.“
„Er hat es nicht geschluckt?“, fragte Kimmel unsicher.

„Nein, es ist ihm entglitten und kam auf mich zugeflogen.“

„Haben die Leute wenigstens gelacht?“, fragte Szluderpacheru mit amüsiertem Gesichtsausdruck.

„Ja klar.“

Die beiden Kriminaler schwiegen erst mal, um diese Nachricht zu verdauen. Das war die Gelegenheit für einen Gegenangriff.

„Was genau ist mit Charlene Swoboda geschehen?“, fragte Gaston.

„Wie war denn überhaupt Ihr Verhältnis zu ihr?“, fragte Szluderpacheru wie aus der Pistole geschossen.

„Sie war meine Nachbarin.“

„Und sonst?“, legte Kimmel nach.

„Ja, wir pflegten ein freundschaftlich-nachbarschaftliches Verhältnis!“

„Sex?“, wollte Szluderpacheru wissen.

„Nein“, log Gaston. Die brauchten nicht alles zu wissen.

„Sie wurden gestern Abend gesehen, wie Sie Frau Swobodas Wohnung in Unterwäsche verließen“, bemerkte Kimmel spitz. Er sah sich wohl wieder im Oberwasser.

Jattrich , durchfuhr es Gaston. Natürlich, immer wieder dieser elende Jattrich!

„Ja, ich war bei ihr“, versuchte Gaston, so lapidar wie möglich, zu antworten.

„Haben Sie sie immer in Unterwäsche besucht?“

„Sie pflegte ihre Heizung bis zum Anschlag aufzudrehen. Sie wären auch eingegangen!“

„Also saß man bei dieser Dame in Unterwäsche herum!“, spottete Szluderpacheru.

„Wenn Sie so wollen, ja.“

„Sie saßen also in Unterwäsche herum und haben sich unterhalten“, setzte Kimmel fort.

„Ja. Irgendwann ist sie eingeschlafen.“

„Ach, waren Sie schon wieder nicht lustig?“, gluckste Szluderpacheru.

„Sie war betrunken!“, erwiderte Gaston scharf. „Und immer wenn sie betrunken war, schlief sie ein. Da bin ich wieder in meine Wohnung gegangen.“

„Wann war das?“, wollte Kimmel wissen.

„Ich meine so neun, halb zehn, ich war auch nicht mehr nüchtern.“

„Und Sie haben das spätere Mordopfer betrunken liegengelassen und sind gegangen?“, schickte Szluderpacheru vorwurfsvoll hinterher.

„Sie lag auf dem Sofa“, knurrte Gaston.

„Also wenn ich Sie recht verstehe, Herr Krott“, versuchte es Szluderpacheru jetzt auf die ruhige und vernünftige Tour, „dann haben Sie alles so wie es war gelassen, sind aufgestanden und gegangen.“
„Ja.“

„Ist Charlene Swoboda noch mal aufgewacht, beziehungsweise, haben Sie sich von ihr verabschiedet?“
„Nein.“

Szluderpacheru sah Gaston scharf an, Gaston wusste nicht, was er jetzt schon wieder wollte, aber das war schon das ganze Verhör über so. Die Geschichte zwischen ihm und Charlene ging den Lackaffen nichts an und der Flop gestern Abend erst recht nicht.

Szluderpacheru räusperte sich schließlich kurz, stand auf und nickte Kimmel zu. Der stand darauf ebenfalls auf, nahm seine Mappe und dackelte, ohne Gaston eines Blickes zu würdigen Szluderpacheru hinterher. Sie verließen den Raum. Gaston hörte, wie sie die Tür abschlossen. Plötzlich war ihm kalt.

Wer hat sie so früh gefunden und wieso? Charlene war doch alleine als ich ging!

Der Mörder muss danach gekommen sein. Als ich in meinem Bett lag.

Und nur, weil Jattrich zur falschen Zeit auf seinem Posten gestanden hat, wurde ich mitgenommen?

Was für eine Scheiße!

Gaston fühlte sich entsetzlich leer. Leer und müde. Charlene war nicht mehr.

Er hatte sie sehr gemocht. Vielleicht sogar ein bisschen mehr als sehr.

Aber er fühlte sich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie fehlte, fertig und aus!

 

Plötzlich hörte er Schlüsselgeräusche, dann ging die Tür auf und Szluderpacheru und sein Vasall Kimmel betraten erneut den Raum. Szluderpacheru sah Gaston streng an.

„Herr Krott, Sie sind verhaftet. Es besteht der Verdacht, dass Sie Charlene Swoboda getötet haben.“
„Äh … ich, äh … wieso?“

Gaston war, als würde ihm der Stuhl, auf dem er saß unter dem Hintern weggezogen.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Auf dem Kissen, mit dem Charlene Swoboda erstickt wurde, hat man Ihre DNA gefunden!“, erklärte Kimmel. „Wir müssen noch auf die Fingerabdrücke warten, aber ich glaube, die Sache ist klar!“

„Was für ein Kissen?“, fragte Gaston panisch. „Das türkise etwa?“
„Ja.“

„Das habe ich ihr unter den Kopf gelegt bevor ich ging!“

Szluderpacheru sah ihn an.

„Was denn nun?“

„Wie?“
Gaston verstand nicht.

„Ja, eben noch haben Sie uns erzählt, Sie hätten sich nicht mehr um sie gekümmert und wären gegangen, Schluss, Punkt, aus.“

„Also … ich …“

„Wenn Sie ihr das Kissen unter den Kopf gelegt haben, zeigt das doch eine gewisse Fürsorglichkeit, Herr Krott!“, sagte Szluderpacheru lächelnd. „Hatten Sie nun ein Verhältnis mit Charlene Swoboda oder nicht?“

Gaston musste sich geschlagen geben. Es half ja alles nichts.

„Es ist schon mal vorgekommen, dass wir intim geworden sind, ja.“

„Sehen Sie!“, grinste Szluderpacheru überlegen. „Ich hab das gewusst.“

„Ja, das ist schön“, grunzte Gaston. „Aber gestern lief nichts! Gestern …“

„Ja?“, fragte Kimmel, der auch mal wieder mitspielen wollte.

„Nichts“, knurrte Gaston. Aber klar, dass Szluderpacheru sich nicht damit zufrieden gab.

„Also was war gestern?“

„Da war sie zu betrunken“, beteuerte Gaston. „Das macht dann keinen Spaß!“
„So?“

Szluderpacheru grinste ihn herablassend an.

„Ficken Sie gerne volltrunkene Frauen?“, fragte Gaston.

Jetzt grinste Szluderpacheru noch mehr.

„Das habe ich nicht nötig.“

Die Kacke war am Dampfen, das war klar, aber Gaston verspürte eine innere Genugtuung, dass Szluderpacheru diese letzte Info anscheinend gefressen hatte.

„Sind Sie jetzt zufrieden?“

„Womit?“, fragte Szluderpacheru.

„Mit meiner Aussage.“
„Sie haben zugegeben, dass Sie ein Verhältnis mit ihr hatten. An dem Haftbefehl ändert das nichts.“
Kimmel legte Gaston Handschellen an und Szluderpacheru hielt höflich lächelnd die Türe auf.

„Darf ich bitten?“

 

7

Es waren wieder zwei andere Polizisten, die Gaston in seine Zelle bringen sollten, wieder zwei Schränke, noch relativ jung. Ein typischer Fall von dummen Bauernjungen aus dem Umland, die in die große Stadt im Tal gekommen waren, um auch ein Stückchen vom großen Glück abzubekommen. Aber hier hatten sie es dann nur zum Schergen gebracht und viel weiter würden sie es auch nicht mehr bringen, vielleicht noch zum Oberschergen.

Gastons Hüfte schmerzte mal wieder besonders, sie schmerzte ja ziemlich oft, aber jetzt tat sie besonders weh. Vielleicht war das die Aufregung, oder er hatte in dem Verhörraum irgendwie falsch gesessen. Es half alles nichts, wahrscheinlich musste er mal wieder zum Arzt gehen, damit sie an ihm neue Medikamente ausprobieren konnten. Manche halfen ja auch. Wenn er denn hier wieder rausgekommen war. Aber im Augenblick sah es nicht danach aus.

Gaston ging davon aus, dass man ihn aufhängen würde.

 

Und wieder mussten sie vor einem Aufzug warten, der Gang sah seinem heimischen nicht unähnlich. Allerdings gab es hier keine leicht geöffnete Tür, hinter der Enno Jattrich lauerte, um irgendwen zu denunzieren und mit seinem unheimlichen Auge auf das Geschehen zu gaffen.

Stattdessen stand da ein älterer Mann mitten auf dem Gang und sah ihn traurig an. Es war ein eher kleiner Mann und er war ziemlich dick. Irgendwie passte der gar nicht hierhin, er machte einen intellektuellen Eindruck, seine Kleidung war ziemlich nachlässig, aber nicht ärmlich. Nicht sonderlich gepflegt halt. Ein alter Professor oder so etwas in der Art. Mit Säufernase. Aber die passte zu ihm.

 

„Ihr Telefon, bitte!“

Die Polizeibeamtin sah Gaston durchdringend in die Augen. Ihr Blick war faszinierend, überhaupt besaß sie ein überaus interessantes Gesicht. Sie hatte grüne Augen wie Charlene, in denen war es ein Leichtes zu ersaufen. Gaston musste sich schwer zusammenreißen, sonst hätte er sie auf einen Drink eingeladen. Obwohl er mal wieder völlig pleite war, aber bei so einer Frau war ihm das egal. Er fragte sie besser nicht, sie schien die ganze Angelegenheit sowieso etwas anders zu sehen.

„Ihr Telefon, bitte!“, schnarrte sie erneut. „Oder können Sie mich nicht verstehen?“

„Doch, doch!“, antwortete Gaston hastig. „Aber ich habe noch gar nicht meinen Anwalt angerufen.“

„Dafür ist es jetzt zu spät“, antwortete sie mit dem Anflug eines bezaubernden Lächelns.

„Verstehe ich nicht.“

„Das hätten Sie soeben machen müssen, als Ihnen mitgeteilt wurde, dass Sie festgenommen sind.“

„Entschuldigen Sie!“, bat Gaston. „Aber im Fernsehen wird man immer drauf hingewiesen, dass man einen Anruf …“

„Ja, im Fernsehen!“, unterbrach die Polizistin lächelnd. „Aber hier ist die Realität.“
„Ja und was …“
„Sie hätten die, in diesem Falle, zuständigen Beamten, also Oberinspektor Szluderpacheru oder Lerninspektor Kimmel darum bitten müssen, einmal noch ihr Telefon benutzen zu dürfen. Und jetzt ist es zu spät.“

„Okay, darf ich es wenigstens noch ausmachen? Nicht dass Sie hier noch mein Guthaben vertelefonieren.“
Die Polizeibeamtin schenkte Gaston ein geringschätziges Lächeln. Gaston lächelte auch und machte schnell sein Handy aus. Sie streckte ihm ihre offene Hand entgegen, um sein Handy in Empfang zu nehmen. Gaston zögerte. Sie sah Gaston fordernd an und ihre grünen Augen bohrten sich durch seine Augen in sein Innerstes, er spürte sein Herz klopfen und er konnte gar nicht anders, als ihr sein Handy zu übergeben. Genauso, wie er ihr seine Geldbörse schon übergeben hatte.

Sie sagte nichts, sondern nickte nur lächelnd, nahm sein Handy an sich, nickte ihm noch einmal zu und verschwand in den Weiten des Aufbewahrungslabyrinths. Gaston fragte sich, ob er sie oder sein Handy jemals wiedersehen würde. Die beiden Schränke von Polizisten nahmen Gaston in ihre Mitte und führten ihn zu seiner Zelle. Dabei registrierte er, dass er einen amtlichen Ständer hatte, etwas, das in dieser Situation sicher nicht angebracht war.

 

Der Blick aus dem Fenster des Büros war trübe, ein diesiger, dunkler Himmel hing über der Stadt und eine Art Schneeregen fiel auf die vermatschten Straßen und Wege. Düster ragte der Grimme Stein über allem, aber sein Gipfel wurde vom diesigen, dunklen Himmel verschluckt. Kein schöner Anblick. Auch der Rathausturm, den er eigentlich mochte, wirkte unfreundlich und abweisend an diesem Tag.

Francisk Bschließmayr seufzte und beschloss, sich diesem ekelhaften Anblick nicht länger hinzugeben und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Dort gab es ausnahmsweise mal sinnvolle Arbeit für ihn, das freute ihn fast.

Es war wieder Bewegung in den Fall Kappelhoff gekommen, zwar nur spärliche, aber immerhin. Den ganzen Monat über, seitdem Philip Kappelhoff auf tragische Weise ums Leben gekommen war, war wenig passiert, was zur Aufklärung dieses Falles dienlich gewesen wäre.

Und es war Mord, da war sich Bschließmayr sicher! Auch wenn Oberinspektor Josef Szluderpacheru noch so sehr versuchte, das Ganze als Selbstmord abzuschließen, wurde Chefinspektor Bschließmayr nicht müde, in dieser Angelegenheit weiter zu forschen, und er hatte es auch immer wieder geschafft, diesen Fall an der Oberfläche zu halten. Nicht auszudenken, wenn auch der, wie so viele andere von dem riesigen Behördenapparat verschluckt und nie aufgeklärt wurde. Dieser junge Nachwuchsbeamte Philip Kappelhoff, der aus der Hauptstadt gekommen war, um in Dr. Horodenkas Stadtkämmerei mitzuwirken und nach nicht allzu langem Wirken schon vom Grimmen Stein segelte, obwohl er ebenso brav die Hand aufgehalten hatte, wie seine Kollegen und auch sonst bei jeder Schweinerei ein Auge zukniff. Mit diesen Eigenschaften machte man eigentlich Karriere in der Grimmsteiner Stadtverwaltung und wurde nicht von Bergen hinunter geschmissen. Die junge Witwe Kappelhoff schien auch nicht groß zu trauern und noch seltsamer, sie war nicht, wie erwartet, nachdem alle Trauerformalitäten inklusive Leichenüberführung erledigt waren, in die Hauptstadt zurückgekehrt, nein Philip Kappelhoff wurde fern seiner Heimat in Grimmstein in einem einfachen Grab beerdigt. Und Natascha Kappelhoff hatte sich anschließend ins rege Grimmsteiner Partyleben gestürzt.

Fast hätte Bschließmayr annehmen können, sie hätte mit dem Tod ihres Gatten zu tun, aber er konnte keinen Beweis finden.

 

Aber das war jetzt für den Moment kurz vom Tisch, Hauptinspektor Bschließmayr musste an den hinkenden jungen Mann denken, der vorhin in Begleitung zweier Polizisten auf den Aufzug gewartet und unendlich traurig dreingeblickt hatte. Es war nicht der übliche traurige Blick, der einem in diesen Hallen immer wieder begegnete, wenn jemand festgenommen worden war; der hier war anders. Als ob in diesem jungen Mann eine grundsätzliche Traurigkeit steckte, die in dieser Situation noch mal besonders zum Tragen kam.

Seltsam, Bschließmayr sah diese Typen hier am laufenden Band, aber dieser junge Mann war besonders, das spürte er. Er müsste sich später mal erkundigen, wer er war, und warum man ihn festgenommen hatte.

Aber nun war erst die Witwe Natascha Kappelhoff dran; Bschließmayr breitete die Fotos vor sich aus. Sie zeigten eine Festivität oder einen Empfang, der in der letzten Woche in einer Villa am Kranenberg stattgefunden hatte, wem genau zu Ehren, oder wozu, das wusste Bschließmayr nicht. Am Kranenberg wurde so viel gefeiert und Natascha Kappelhoff hatte den Sprung dorthin wohl geschafft. Obwohl sie mit ihren zwei kleinen Kindern noch am lärmigen Opernring wohnte. Hier war sie mit einem städtischen Baudezernenten beim Klammerblues, hier schäkernd mit dem Oberbürgermeister und hier auf dem Balkon der Villa mit drei anderen Damen der besseren Gesellschaft, einander mit Champagner zuprostend, im Hintergrund das St. Isidor Gebirge, wie gemalt sah das aus. Fotos, aus denen praktisch die Lebenslust sprühte. Genau das Gegenteil von den traurigen Augen des hinkenden jungen Mannes, den konnte Bschließmayr nicht vergessen. Und so saß der alte Hauptinspektor Francisk Bschließmayr da und stierte mindestens genauso traurig vor sich hin, bis es an seiner Tür klopfte.

 

Gaston Krott saß alleine in seiner Zelle und konnte diese junge Polizistin mit den grünen Augen nicht vergessen. Vielleicht spielte sie gerade an seinem Handy herum und versuchte, etwas über ihn zu erfahren. Und dann würde sie Verbindung mit ihm aufnehmen, aber die wäre dann nicht beruflicher Natur.

So eine Scheiße, eigentlich müsste er um Charlene trauern, aber er musste immer wieder an diese andere grünäugige junge Dame denken, da half alles nichts. Vielleicht war diese Polizistin auch nur eine Art Rettungsanker, damit er nicht andauernd an Charlene denken musste.

Er würde nicht lange in dieser kleinen Zelle bleiben, das hatten sie ihm gesagt, er würde bald wieder abgeholt und in das große Untersuchungsgefängnis gebracht werden. Dieses Gefängnis lag am Stadtrand. Dass es ihm jetzt nicht mehr möglich sein würde, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen, hatte die Situation erheblich verschlechtert, da mochte die Polizistin noch so schöne grüne Augen haben, da war er schlagartig wieder Realist.

Aber selbst wenn, welchen Anwalt hätte er denn anrufen sollen? Er kannte keinen. In diesem Sozialtheater, wo Freibier seine Faxen machte, gab es wohl eine Art Anlaufstelle für juristische Beratung und ähnliches.

Für Leute, die kein Geld hatten, sich einen Anwalt zu nehmen, für Leute wie Gaston Krott. Aber er verspürte keinerlei Bedürfnis, dieses Theater auch nur zu betreten.

Irgendwo musste es doch noch Prinzipien geben.

Da fiel ihm ein, dass er eigentlich heute wieder als Statist bei der „Weiterbildung zur Alten- und Krankenpflege“ anzutreten hatte.

Ob sie ihn vermissen würden? Eher nicht. Heute stand „Arsch abwischen“ auf der Tagesordnung und das war etwas, was sich die anderen Behinderten in der Statisterie mal über sich ergehen lassen sollten. Das hatten sie sich verdient! Aber eigentlich war ihm das sowas von egal im Augenblick.

Er wusste, dass es verdammt schwierig für ihn werden würde, wenn er erst mal im Untersuchungsgefängnis gelandet war. Wer weiß, wer da schon alles verschwunden war!

Aber es sah auch nicht danach aus, dass ihm das Untersuchungsgefängnis erspart wurde. Und siehe da, die Tür wurde aufgeschlossen, und ein unfreundliches Gesicht blickte herein.
„Mitkommen, der Transport steht bereit!“

Wenn es wenigstens die grünäugige Polizistin gewesen wäre, aber nein!

 

Hauptinspektor Francisk Bschließmayr freute sich, dass der einzige Mensch, dem er im Grimmsteiner Polizeiapparat völlig vertraute, ihm an seinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub im Büro einen Besuch abstattete.

Der altgediente Polizeiarzt Dr. Vincent M’Pese war in seiner afrikanischen Heimat im Urlaub gewesen und wollte nun auch wissen, was sich in seiner vierwöchigen Abwesenheit an Neuigkeiten ergeben hatte. Und Francisk Bschließmayr war eben der einzige Mensch, dem er im Grimmsteiner Polizeiapparat völlig vertraute.

Vincent M’Pese stand am Fenster und starrte auf die trübe, diesige Suppe, die sich besitzergreifend über der Stadt ausgebreitet hatte. Bschließmayr hatte sich in einem der beiden bequemen Sessel, die sein Büro verzierten breit gemacht.

„Diese Stadt erstickt immer mehr im Dreck“, seufzte M’Pese. „Und damit meine ich in erster Linie den geistigen Dreck. Sie verkommt immer mehr. Es ist widerlich.“

„In deiner Heimat war es sicher angenehmer“, Bschließmayr war da nicht ganz ohne Neid, er war schließlich Grimmsteiner Ureinwohner.

„Nein, da ist es auch nicht schön“, grummelte M’Pese, setzte sich in den anderen Sessel und sah Bschließmayr ernsthaft an. „In meinen Träumen war es schön, aber wenn ich es sehe …“

Bschließmayr nickte betroffen, zumindest tat er so.

„Ich weiß nicht“, seufzte M’Pese.

„Am besten ist es doch, wenn du hier bleibst“, entfuhr es Bschließmayr.

„Vielleicht“, murmelte M’Pese grinsend.

Das war gut, das war genau das, wo Bschließmayr M’Pese hinhaben wollte. Die Zweifel hatten zu nagen begonnen, ob es den alten Freund in wärmere Gefilde zog, aber höchstwahrscheinlich würde M’Pese nach seiner Pensionierung doch in Grimmstein bleiben und würde seinen alten Freund Bschließmayr nicht alleine zurücklassen. Bschließmayr hatte Mühe, sein Wohlbefinden zu verbergen.

„Aber sag mal, was macht der Fall Kappelhoff?“, wollte M‘Pese wissen.

„Was wohl?“, seufzte Bschließmayr. „Sie tun alles, um ihn unter den Tisch zu kehren.“

„Hat Horodenka persönlich schon interveniert?“

„Ich glaube nicht. Aber wer weiß das schon genau?“

M’Pese nickte betrübt und Bschließmayr sah zum Fenster. Die diesige Luft draußen passte wunderbar zu der Welt, die Dr. Gernot Horodenka umgab.

 

„Was ist mit meinem Handy?“, fragte Gaston. „Und meinem Geld?“

„Schicken wir Ihnen nach“, knurrte einer der beiden Polizisten, der Gaston zu dem Transporter brachte, der ihn in die Untersuchungshaft bringen sollte. Wahrscheinlich hatten er oder einer seiner Kollegen das Handy schon längst einkassiert und Gaston konnte sehen, dass er es auf irgendeinem Flohmarkt der Stadt wieder zurückbekam. Dabei war das Handy nicht viel wert, aber die Telefonnummern, die es gespeichert hatte, die brauchte er schon.
Es war kalt und zugig in den Gängen des Polizeipräsidiums. Gaston hatte sich wohl erkältet und wahrscheinlich nicht erst jetzt, sondern in der denkwürdigen Nacht zuvor, als er nur in Unterwäsche aus der völlig überhitzten Wohnung Charlenes in den kalten Flur getreten war. Alles hatte an ihm geklebt, musste sich Gaston plötzlich erinnern. Einen kalten Arsch hatte er da bestimmt nicht. Jetzt hatte er einen.
Was hatte Charlene noch mal gesagt?

Der Typ mit dem kalten Arsch?

Ja genau! Den sie so geil fand!

Den hatte Gaston glatt vergessen. Oder besser gesagt, verdrängt.

Was ist mit dem?

Gaston versuchte, die Unterhaltung wieder in seinen Schädel zu bekommen, aber ihm fielen nur Bruchstücke ein.

Der Typ mit dem kalten Arsch hatte irgendwas bei ihr vergessen, was er sich sicherlich noch holen wollte. Was war das?

Ein Umschlag! Charlene hatte vermutet, dass ein Foto drin war oder sogar mehrere. Gaston wusste es nicht mehr genau.

 

8

Im Hof des Präsidiums war es natürlich noch kälter, diese widerliche, feuchte Kälte, die so wunderbar in einen hineinkroch. Aber glücklicherweise stand der Transporter schon bereit und Gaston wurde in die mollige Wärme geleitet. Er fuhr nicht alleine. Außer ihm saßen noch eine Bewachung, in diesem Fall ein älterer dicker Polizist, dem sein Alkoholproblem ins Gesicht geschrieben stand und ein weiterer Mann, der nach Alkohol roch, im Hinterteil des Wagens. Auf der einen Seite war das schon beruhigend, fand Gaston, dann würde seine Fahne vom Abend zuvor nicht so auffallen. Was mit diesem weiteren Mann war, konnte Gaston nicht erkennen, denn der saß zusammengekauert da und hielt seine Hände vor das Gesicht und schien still vor sich hin zu schluchzen.

„Kommen'se rein junger Mann!“, rülpste der ältere dicke Polizist und grinste dämlich. Gaston setzte sich auf eine Bank, gegenüber dem Mann mit den Händen vor dem Gesicht. Die Tür wurde zugeschlagen und verschlossen.

„Geht gleich los, wischt!“, bemerkte der Alte und nickte zuversichtlich.

Soso, der Alte ist einer von diesen Wischtis, dachte Gaston. So wurden die Ureinwohner Grimmsteins genannt, die immer wieder ein ‚wischt‘, oder ‚wischte‘ an einen Satz dranhängen mussten. Aber jede Gegend hatte nun mal ihren Dialekt. Gaston nickte um des lieben Friedens willen ebenfalls und hoffte, dass die Unterhaltung damit beendet war, aber der Alte machte eher den Eindruck, dass ein Transport, in dem geschwiegen wurde, nicht so seine Sache war. Fehlte nur noch, dass er seine Skatkarten hervorholte, sie waren ja zu dritt. Aber dafür hätte er beide Hände gebraucht, der ältere, dicke Polizist war jedoch emsig damit beschäftigt, Zigaretten zu drehen, wohl als Vorrat. Das Drehen schien eine seiner herausragenden Fähigkeiten zu sein, Gaston wunderte sich, wie flink der Alte den Tabak ins Zigarettenpapier beförderte, es rollte und in Windeseile mit seiner Zunge schloss. Jahrzehntelanges Training, da war sich Gaston sicher. Den Tabak holte er aus einem Tabakbeutel, den er neben seiner Waffe an seinem Gürtel befestigt hatte. Ein seltsamer Anblick, denn auf dem Tabakbeutel stand, vergilbt, aber immer noch in schreiendem Rot: „Jolly Boys“. Darunter meinte Gaston ein kleines Cannabiszeichen auszumachen. Ein seltsamer Bulle, in der Tat. Seine Augen musterten Gaston von oben bis unten, dabei bemühte er sich aber, gütig zu wirken.

„Das erste Mal, ja?“

„Ja.“

„Ach, wischt …“, seufzte der Alte. „Dann sehen Sie mal zu, dass es das letzte Mal ist.“
Gaston nickte kurz. Der andere Mann verbarg weiter sein Gesicht. Der Alte sah aus dem Fenster und lächelte zufrieden.

„Na, wer sagt’s denn!“, gluckste er. „Kommen die auch noch mal aus der Kantine!“

Gaston konnte ebenfalls aus dem Fenster sehen und sah zwei Polizisten, die ihre Dienstmützen tief ins Gesicht gezogen hatten, auf den Transporter zugehen.

„Scheinen zwei besonders harte Hunde zu sein!“, grunzte der Alte, nickte anerkennend und machte sich an die nächste Zigarette. „Kenn die noch gar nicht, wischt.“

„Hör auf zu labern!“, brüllte der andere Mann plötzlich und nahm kurz die Hände vom Gesicht. Der Alte räusperte sich verächtlich. Der Mann sah ihn kurz an und verbarg dann wieder sein Gesicht.
Gaston war etwas irritiert. Er erkannte den Mann. Es war einer dieser dauerbesoffenen Typen, die immer vor seinem Haus herumhingen. Konnte sogar sein, dass er im selben Haus wohnte.

Ob der auch wegen Charlene verhaftet worden ist?

Wusste er etwas?
„Entschuldigen Sie!“, begann Gaston. „Sind Sie zufällig auch wegen dem Mord an Charlene Swoboda hier?“

„Hör auf zu labern!“, brüllte der Mann, sah Gaston kurz an, schluchzte erneut auf und verbarg sein Gesicht wieder hinter den Händen.

„Der Herr will seine Ruhe haben, wischt“, grunzte der Alte zufrieden. Wahrscheinlich war er glücklich, nicht der Einzige zu sein, der von dem Mann angepöbelt worden war.

Währenddessen war der Transporter losgefahren und sie verließen das Gelände des Polizeipräsidiums.

„Weswegen sind Sie dann hier?“, wiederholte Gaston.

„Halt’s Maul!“, jammerte der Mann. Der Alte steckte eine fertige Zigarette in seinen Tabakbeutel und holte eine Art Laufzettel oder Liste hervor. Zuerst sah er Gaston an.

„Danilo Schmechel?“

„Nein, Gaston Krott.“

Der Alte nickte und malte einen Haken auf seine Liste. Dann wandte er sich dem schluchzenden Mann zu.

„Sind Sie Danilo Schmechel?“

Der Mann antwortete nicht. Der Alte wurde lauter.

„Sind Sie Danilo Schmechel?“

„Ich hab doch gesagt, du sollst dein Maul halten, du alter Sack!“

Der Mann starrte den Alten zornig an. Gaston fiel auf, dass er sicher auch schon ein Stück über fünfzig war. Der Alte ignorierte das Gerotze und fragte mit Nachdruck: „Sind Sie Danilo Schmechel?“

„Ja, verdammt noch mal!“, brüllte der Mann verzweifelt. „Ist jetzt gut?“

„Ja“, antwortete der Alte grinsend, machte seinen Haken und fing an, sich die nächste Zigarette zu drehen. Gaston sah genervt aus dem Fenster. Sie kamen nicht sehr schnell voran, der Verkehr staute sich mal wieder. Es war inzwischen noch diesiger geworden, neblig. Sie hatten die Straßenbeleuchtung wieder eingeschaltet und das gelbe Licht schimmerte durch den Nebel, der langsam so dicht wurde, dass die Passanten schemenhaft wie Schattengespenster über die Bürgersteige huschten. Es hatte fast etwas Meditatives und Gaston spürte plötzlich, wenn auch sehr dezent, so etwas wie Ruhe in sich. Irgendwo fügte es sich auch wunderbar mit seiner Müdigkeit zusammen.

Der Gefangenentransport hatte die Uferstraße erreicht und jetzt fuhren sie die Seume entlang stadtauswärts Richtung Norden. Am Seumeufer tanzten kaum noch Schattengespenster, hier war niemand unterwegs, Gaston fand das schade. Aber es war merkwürdig und auch schön anzusehen, dass sich aus dem Fluss weiße Nebelschwaden emporschwangen, die sich dann ein paar Meter weiter in der Luft mit dem diesigen Gelb vereinten. Schon interessant, das Wasser der Seume war anscheinend wärmer als die Luft.

„Hamse dich auch so mitgenommen?“
Gaston war so in Gedanken, dass er dieses Blaffen fast überhört hätte. Aber er brauchte sich keine Sorgen zu machen, dass er etwas verpasst hatte, Danilo Schmechel wiederholte sein Anliegen. Jetzt schreckte Gaston fast zusammen.
„Eh … meinen Sie mich?“
„Ja, wen denn sonst, den alten Sack sicher nicht!“, rülpste Schmechel. „Hamse dich auch so mitgenommen?“

„Ja, einfach aus meiner Wohnung raus.“

„Mich auch!“, ereiferte sich Schmechel plötzlich mit Elan. „Nur, weil ich heute Nacht auf Achse war, wischte.“
Noch ein Wischti! Aber das ist interessant, vielleicht hat dieser Schmechel etwas gesehen!
„Wann denn?“, wollte Gaston wissen.

„Mitternacht, wischte. So ungefähr.“
„In unserem Haus?“

„Ja. Draußen war zu kalt.“

„Ist Ihnen etwas aufgefallen?“

„Ich war besoffen, wischte.“

„Leute, die normalerweise dort nicht hingehören, denken Sie scharf nach!“

„Also, ich weiß nicht“, murmelte Schmechel, „aber vielleicht …“
„Keine Häftlingsgespräche!“, unterbrach der Alte streng. „Tut mir leid!“

Das ist ihm aber ziemlich spät eingefallen , dachte sich Gaston, wahrscheinlich hat der Alte vor sich hingedöst, oder ebenfalls das gelb-weiße Luftschauspiel durch das Fenster beobachtet. Und natürlich währenddessen wieder Zigaretten gedreht. Entweder, der Mann war extremer Kettenraucher, oder er drehte für die nächsten drei Jahre.

„Lassen Sie mich ihm diese eine Frage stellen“, bat Gaston. „Bitte! Es ist wichtig.“

„Tut mir leid!“, antwortete der Alte, jetzt etwas ruhiger. „Aber das ist nicht erlaubt. Keine Häftlingsgespräche. Ich bin nämlich nicht befugt, diese zu protokollieren, wischt.“

„Das ist schade“, brummte Gaston. Schmechel hatte sich wieder hinter seinen Händen versteckt und schniefte.

„Ja, das finde ich auch“, meinte der Alte. „Das würde meine Funktion nämlich interessanter machen, wischt. Es ist nämlich meistens nicht sehr unterhaltsam hier auf diesen Fahrten Wache zu schieben, das können Sie mir glauben, junger Mann.“

Gaston nickte. Er überlegte, wie er den Alten dazu veranlassen könnte, dass er diesen Schmechel doch noch befragen konnte, vielleicht ein wenig seine Neugier provozieren, da schien er ja durchaus empfänglich zu sein. Vielleicht sollte er ihm zur Abwechslung eine Filterzigarette anbieten, aber er hatte natürlich keine dabei.

Doch plötzlich fuhr der Wagen hart um eine Kurve, verließ die Straße und hielt auf einem Schotterplatz.

„Was ist denn nun los?“, wunderte sich der Alte. „Das dürfen die aber nicht.“
Sie hörten die Tür vorne schlagen, was da vor sich ging, konnten sie jedoch nicht sehen, da es keine Blickverbindung zum Führerhaus gab. Der Alte legte vorsichtig die angefangene Zigarette zur Seite, stand auf und ballerte mit der Faust gegen die Wand zum Führerhaus.

„Was macht ihr da? Navi kaputt?“

Der Alte drehte sich um, um von den Gefangenen Beifall für seinen Witz zu bekommen, erhielt aber noch nicht mal ein müdes Grinsen. Dann hörten sie die Tür erneut schlagen, das hieß, es klang eher nach der Beifahrertür.

Und schon wurde die hintere Tür aufgerissen und ein Polizist stand mit gezogener Waffe vor ihnen.
Sogar der Alte war überrascht.

„Jungs!“, rief er aufgeregt. „Ich weiß nicht, was das jetzt soll!“

Er bekam keine Antwort. Stattdessen tauchte der zweite Polizist auf und auch er hielt eine Waffe im Anschlag. Der erste Polizist sprang in den Wagen, packte Schmechel am Arm und zerrte ihn raus.

„Hört mal, so einfach geht das nicht!“

Der Alte war außer sich und wollte hinterher, aber bevor er den Wagen verlassen konnte, schoss der zweite Polizist und traf. Blut spritzte und der Alte plumpste wie ein nasser Sack aus dem Fahrzeug direkt in den Schneematsch.

Gaston saß da wie erstarrt. Der erste Polizist und Schmechel waren aus seinem Blickwinkel verschwunden. Der zweite Polizist trat in die Tür und sah Gaston an. Zumindest vermutete Gaston das, er konnte die Augen des Polizisten nicht sehen, da der seine Dienstmütze sehr tief ins Gesicht gezogen hatte. Allerdings erkannte er, dass der Polizist sehr schlechte Zähne hatte. Tiefes Gelb und sie standen kreuz und quer.
Das kann kein Polizist sein, dachte Gaston, Polizisten kriegen, wie alle anderen Beamten auch, ihr Gebiss auf Staatskosten begradigt, die brauchen nicht mit so einem Schlachtfeld im Mund rumzulaufen!

Gaston atmete schwer.

Der angebliche Polizist steckte seine Waffe wieder ein.

„Sehen Sie es als Chance!“, sagte er plötzlich und schlug die Türe zu.

 

Gaston war alleine. Er hörte den Motor eines weiteren Wagens aufheulen, anscheinend fuhr dieser Wagen davon. Dann war alles still. Gaston stand langsam auf und begab sich zur Tür. Zu seiner Überraschung war die Tür sehr leicht zu öffnen. Er sah hinaus. Auf dem unwirtlichen Schotterplatz war alles ruhig. Der alte und dicke Polizist lag vor dem Wagen im Schneematsch. Aus seinem Hals quoll unendlich viel Blut, die Kugel hatte wohl seine Halsschlagader getroffen, wahrscheinlich lief er gerade leer und das rote Blut gab dem grau-bräunlichen Schneematsch eine besondere Note.

Da war aber auch gar nichts mehr zu machen.

 

9

Wenn Bschließmayr nicht Chefinspektor Dr. Francisk Bschließmayr gewesen wäre, sondern nur Oberinspektor Bschließmayr oder auch der frischgebackene Chefinspektor Bschließmayr hätte er nicht die geringste Chance gehabt, seiner Hochwohlgeboren, Polizeipräsident Henri Pratzel etwas mitteilen zu dürfen.

Der Mann schwebte dermaßen über allem, dass er gar nicht mehr wissen wollte, was auf dem Boden vor sich ging.

Bschließmayr kannte Pratzel noch vom Studium her, sie waren fast gleich alt und ihre Karrieren waren mehr oder weniger parallel verlaufen. Allerdings war Pratzels Aufstieg steiler, er war von jeher ein Mann gewesen, der es vorzog, in Gremien herumzusitzen, statt sich um die Angelegenheiten der Straße zu kümmern, die für den Polizeiberuf notwendig waren. Bschließmayr war auch nie ein Mann der Straße gewesen, aber er verstand die Straße. Das war bei Pratzel nie der Fall gewesen und so hatte er es relativ schnell, natürlich auch dank der richtigen Beziehungen, zum Polizeipräsidenten gebracht, ein Amt, das er jetzt seit mehr als zwanzig Jahren inne hatte und seitdem die totale Reglosigkeit verkörperte. Aber so war es den Herren von Grimmstein auch recht.

„Ach Gott, der Bschließmayr …“, war Pratzels Antwort, als Bschließmayr ihn auf seinem Gang ins Kasino ansprach, wo Pratzel gedachte, etwas zu sich zu nehmen. „Wie geht’s, wie steht‘s?“

„Danke!“, erwiderte Bschließmayr. „Und selbst?“
„Danke!“

„Ich muss mit dir sprechen, Henri!“

Missmutig sah Pratzel auf die Uhr.

„Na ja …“, schnaufte Pratzel. „Weil du es bist! Ich wollte gerade eine Tasse Kaffee trinken gehen und ein Stückchen Kuchen, aber wenn du mich begleiten willst …“

„Gerne!“

„Gut. Es gibt Kirschtorte.“

Bschließmayr nickte. Eigentlich wollte er auf seine Linie achten, aber wenn er sich Pratzel ansah, wusste er, dass die Skala nach oben hin noch offen war.

 

Gaston Krott musste sich erst mal sammeln.

Was ging hier nur vor?

Seine Nachbarin Charlene war ermordet worden, die Bullen hatten ihn im Verdacht, weil Enno Jattrich ihn aus der Wohnung hatte kommen sehen und er zuvor das falsche Kissen in die Hand genommen hatte. Dann sollte er ins Gefängnis, war aber soeben von vermutlich falschen Polizisten befreit worden, die ihm rieten, das als Chance zu sehen, nachdem sie einen harmlosen Säufer entführt und für den zweiten Toten in dieser Angelegenheit gesorgt hatten.

Der dicke und alte Polizist tat Gaston leid, er war zwar anscheinend ein geschwätziger Idiot gewesen, aber das rechtfertigte höchstens eine Knebelung. Dieses Ende hatte er nicht verdient.

Gaston suchte auf diesem vereisten Schneematschfeld, auf dem er gelandet war einen Halt, den brauchte er jetzt dringend, aber hier war nichts. Er hatte einfach nur schnell weg gewollt. Gaston hinkte und stolperte, was das Zeug hielt und irgendwann war er einfach stehen geblieben, wohl wissend, dass ein hinkender Gaston mehr auffiel, als ein stehender. Jetzt stand er halt auf diesem vereisten Schneematschfeld und wurde bestimmt für eine Vogelscheuche gehalten.

Und eins war klar: In den letzten Stunden war in seinem Leben mehr passiert, als in den vergangenen fünf Jahren. Mindestens!

 

Gaston sah sich um.

Wo war er überhaupt?

Irgendwo im Niemandsland im Grimmsteiner Norden, es war ein sehr ungastliches Industriegebiet, aber eines, in dem es nicht viel Industrie gab, wo allerdings wohl mal viel Industrie geplant gewesen war. Aus den Plänen war allerdings nicht viel geworden und jetzt gab es hier lauter Brachflächen mit unschönen, grauen Flachbauten dazwischen.

Der perfekte Ort, so einen Überfall hinzukriegen, keine Sau weit und breit! Niemand schien irgendetwas bemerkt zu haben.

Trotzdem, Gaston hatte es vorgezogen, sich erst mal rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, was gar nicht so einfach war, denn diese vereisten oder schlammigen Brachflächen hatten es in sich, auch wenn man wie ein normaler Mensch gehen konnte. Doch davon war Gaston weit entfernt. Zu allem Überfluss kam dann auch noch ein fieser Schneeregen nieder, der das Stolpern zusätzlich erschwerte. Gaston nahm seine ganze Konzentration zusammen, um nicht auch noch in den Dreck zu fallen.

 

Schließlich hatte er wieder normalen Boden unter den Füßen, eine asphaltierte Straße zwischen zwei Brachflächen, die einst angelegt worden war, um durch das Industriegebiet zu führen. Jetzt führte sie ins nirgendwo. Er war nur froh, dass er sich einigermaßen vorwärts bewegen konnte.

 

Nur wohin jetzt?

In seine Wohnung! Aber die war ja versiegelt.

Vielleicht sollte er einfach mal versuchen, in die Schlucht der Nutzlosen zu fahren, um da nach dem Rechten zu sehen und vielleicht gab es doch eine Möglichkeit, in seine Wohnung zu kommen.

Nur: Er hatte kein Geld, er hatte keinen Ausweis, er hatte kein Handy.

Das hatte alles die Polizistin mit den schönen grünen Augen an sich genommen. Sollte sie doch daran ersticken!

Es war wirklich ein Problem, das hatte er noch gar nicht bedacht; auch wenn er in dieser ungastlichen Gegend eine Möglichkeit des öffentlichen Nahverkehrs fände, um endlich von hier wegzukommen, brachte das nur neue Gefahren. Schwarzfahren konnte in Grimmstein ein gefährliches Unterfangen sein.

Gastons Sozialmonatskarte war bei seinen anderen Habseligkeiten, an denen hoffentlich immer noch die Polizistin mit den schönen grünen Augen erstickte.

Gaston hielt inne.

Jetzt kamen sie plötzlich mit aller Gewalt wieder, die Erinnerungen an Charlene. Er konnte sie nicht verdrängen, das ging nicht. Es war plötzlich so, als könne er nicht mehr weitergehen. Und auch nicht zurück. Er blieb stehen. Ungeschützt in diesem ekligen Schneeregen, mitten in dieser Pampa, für jeden gut sichtbar. So hätten die Polizisten ihn leicht gefunden. Aber in diesem Moment war ihm alles egal. Er fühlte sich wie gelähmt. Gelähmt und alleine noch dazu.

 

Immer wenn eine Affäre mit einer Frau zu Ende ging, egal wie lange sie gedauert hatte, fühlte Gaston Krott sich erst einmal allein. Die extreme Leere in ihm lag sicher auch daran, dass Charlene niemals mehr wiederkommen würde. Es war ihm noch nie passiert, dass eine Affäre so endete. Sicher, es war nur ein nettes Freizeitvergnügen gewesen, aber ein schönes. Charlene hatte das genauso gesehen. Aber er war eifersüchtig gewesen, als er von dem Mann mit dem kalten Arsch erfuhr, also waren doch Gefühle da. Ob Charlene umgekehrt auch eifersüchtig gewesen wäre? Gaston war sich da nicht sicher, aber er hatte Charlenes Innenleben auch nicht wirklich gekannt, das musste er zugeben.

 

„Ey!“

Irgendjemand rief ihn, aber Gaston war zu sehr in seinen Gedanken versunken, als dass er ihn bemerkt hätte.

„Ey!“, rief ein Mann. „Wollen Sie sich hier den Tod holen?“
Jetzt musste Gaston doch gucken, ein riesiger Müllwagen hatte neben ihm gehalten, und so waren die Gedanken und Erinnerungen an Charlene wohl arg heftig gewesen, dass er diesen Müllwagen nicht gehört hatte.

„Will‘ste mitfahren?“, rief der Mann.

„Klar!“, antwortete Gaston. „Wo fahren Sie denn hin?“

„Wo wohl!“, rief der Mann. „In die Verbrennung!“

Gaston erinnerte sich, dass es irgendwo in dieser Gegend die größte Müllverbrennungsanlage der Stadt gab, das war auch die beste Gegend dafür. Er überlegte nicht lange, der Müllmann sah wirklich nach Müllmann aus und nicht nach Polizist, also stieg er ein.

 

„Mein lieber Bschließmayr, ich verstehe ja, dass du dir Sorgen machst, aber ich kann in dieser Sache nichts unternehmen.“
Polizeipräsident Pratzel sah Bschließmayr eher gelangweilt an.

„Wenn Selbstmord festgestellt wird, dann wird’s das auch gewesen sein. Unsere Leute sind ja nicht dumm!“

Der letzte Satz kam schon strenger rüber. Pratzel wandte sich dem zweiten Stück Kirschtorte zu.

„Die Selbstmordtheorie kommt einigen Leuten viel zu gelegen!“, sagte Bschließmayr mit Emphase. Aber Pratzel zuckte nur mit den Schultern.

„Es ist zu einfach!“, setzte Bschließmayr mit Inbrunst nach.

„Möchtest du einen Cognac?“, fragte Pratzel.

„Henri, ich bitte dich, dir die Akten noch einmal zur Brust zu nehmen!“, beschwor Bschließmayr den Sahnetorte mümmelnden Polizeipräsidenten. Der bekam fast Aufstoßen, wenn ihm so viel Engagement gegenübersaß.

Bschließmayr bemerkte, dass Szluderpacheru gerade das Kasino betreten hatte. Er befand sich in Begleitung dreier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Natürlich musste er sich umgucken, wer denn alles Wichtiges da war. Das konnte Bschließmayr ausnahmsweise mal recht sein; wenn Szluderpacheru merkte, dass er hier mit dem Polizeipräsidenten saß, dann würde das Szluderpacherus Respekt doch vielleicht ein wenig steigern.

„Ist das nicht dein Adlatus?“, fragte Pratzel, aber es klang uninteressiert.

„Er ist Oberinspektor in meiner Abteilung“, bestätigte Bschließmayr sachlich.

„Guter Mann, wie man hört.“

„Hält sich in Grenzen“, murmelte Bschließmayr. Pratzel zog eine Augenbraue hoch. Den Seitenhieb auf Szluderpacheru hatte er wahrgenommen. Intrigen liebte er sowieso.

„Brunszlap ist jedenfalls ganz angetan von ihm.“

Wladimir Brunszlap war Pratzels Vize. Ein unangenehmer und extrem ehrgeiziger Bursche mit einer großen Anzahl Leichen im Keller. Bschließmayr war klar, dass Szluderpacheru und Brunszlap sich verstanden, sie waren aus dem gleichen Holz geschnitzt. Er selbst würde unter dem künftigen Polizeipräsidenten nichts zu lachen haben und war froh, dass er den Polizeipräsidenten Brunszlap, wenn es denn überhaupt so weit kam, von seiner Stellung als Pensionär aus betrachten musste. Pratzel und Bschließmayr würden zur selben Zeit in den Ruhestand gehen.

Szluderpacheru und seine Leute setzten sich und Pratzel putzte sich mit einer Serviette die Krümel vom Mund. Brunszlap war ihm unangenehm, das wusste Bschließmayr.

„Henri, bitte hör mir zu!“, beschwor Bschließmayr. „Es ist mir tausendmal lieber, wenn du dir die Sache noch mal ansiehst, als wenn es dein Vize machen würde!“

Pratzel starrte kurz vor sich hin, dann nickte er.

Details

Seiten
240
Erscheinungsform
Originalausgabe
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783945298268
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314133
Schlagworte
Kriminalroman Krimi Sex&Crime Crime Humor Humorvoller Krimi Polizei Grimmstein Serie Detektiv Privatdetektiv

Autor

  • Joost Renders (Autor)

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Titel: GRIMMSTEIN (Gesamtausgabe)