Lade Inhalt...

GRIMMSTEIN Teil 2 (Kapitel 6-8)

Kriminalroman

von Joost Renders (Autor)

2015 30 Seiten

Leseprobe

Prolog


Hoch droben, auf dem „Grimmen Stein“, einem etwa 200 Meter hohen Felsen, der die Großstadt Grimmstein überragt, hat man einen prächtigen Blick auf die nicht ganz so prächtige Stadt. Nichtsdestotrotz fühlt sich Philip Kappelhoff an diesem Herbstabend hervorragend! Der Verwaltungsexperte ist erst vor kurzem samt seiner jungen Familie aus der Hauptstadt ins entlegene Grimmstein gezogen, aber er ist sich sicher: Grimmstein ist „seine Stadt“. Hier scheint zwar die ganze Stadtverwaltung ein einziger schwerer Fall von Korruption zu sein, aber die Möglichkeiten eines schnellen Aufstiegs sind, wenn man das Spiel nur mitspielt, wesentlich besser als in der Hauptstadt, und sein Chef Dr. Horodenka, der Stadtkämmerer und heimliche Herrscher Grimmsteins, hält anscheinend große Stücke auf ihn.


Philip Kappelhoff sieht hinunter auf die nächtliche und funkelnde Stadt und malt sich aus, wie er schon recht bald auf dem Kranenberg, dem Viertel der Reichen, eine Villa haben wird, als ein Auto naht, Leute aussteigen und die himmelhochjauchzende Stimmung sich in eine sehr bedrohliche verwandelt.


Am nächsten Morgen wird Dr. Francisk Bschließmayr, der alte Chefinspektor der „Abteilung für Entleibung“ an den Fuß des Grimmen Steins gerufen. Ein junger Assistent des Stadtkämmerers Horodenka ist den Fels hinuntergesegelt, der ermittelnde Oberinspektor Josef Szluderpacheru ist sich sofort sicher, dass es Selbstmord war. Als Bschließmayr seine Einwände geltend macht, wird er direkt von seinem Untergebenen abgebügelt. Bschließmayr hasst Szluderpacheru für seinen unreflektierten Ehrgeiz.


Fünf Wochen später:

Inzwischen ist es in Grimmstein Winter geworden. Schneematsch und Schneeregen lassen die Großstadt noch ungemütlicher erscheinen, als sie ohnehin schon ist. Gaston Krott, ein gehbehinderter ehemaliger Zirkusclown steckt in einer Maßnahme des „Amtes für Arbeit und Basisleben“ und muss sich als lebender Dummy für Pflegeschüler verdingen. Natürlich hasst er diesen Job und seine Bleibe in einem ungastlichen Wohnblock in einem Viertel, das „die Schlucht der Nutzlosen“ genannt wird, ist auch nicht nach seinem Geschmack. Immerhin ist er nicht ganz alleine, da wäre sein bester Freund Paulus Kainzel, genannt „Freibier“, Schauspieler an einem drittklassigen Vorstadttheater und seine beiden Affären, seine Ex-Freundin Fiona Gronacher, die inzwischen Karriere am Stadttheater gemacht hat und reich verheiratet ist und seine Nachbarin Charlene Swoboda, eine erfolglose Journalistin, die es gerne mal krachen lässt. Letztere hat ihn eingeladen, einen netten Abend mit ihr zu verbringen, eine Einladung, die Gaston gerne annimmt. Allerdings verläuft der Abend nicht so nett wie erwartet, Charlene lässt sich volllaufen und schwärmt von ihrem neuesten Lover, einem Typ, der sich durch einen „sehr kalten Arsch“ auszeichnet und einen ähnlichen Namen wie Gaston Krott hat. Der ist natürlich begeistert und auf sein Gemecker, dass das nach einem Totalflop klingt, erwidert sie, dass der andere einen Umschlag bei ihr vergessen hätte, den er sicher noch abholen wird. Viel mehr passiert nicht, sie schläft ein und Gaston taumelt ebenfalls betrunken in seine Wohnung nebenan, beobachtet vom Hausflurspanner und Hobbyüberwacher Enno Jattrich.


Einige Zeit später wird Gaston von fürchterlichem Lärm an seiner Wohnungstür geweckt, die Polizei dringt in seine Wohnung ein und er wird von einem gewissen Oberinspektor Szluderpacheru äußerst unfreundlich aufgefordert, mitzukommen. Irgendwas ist in seiner Nachbarwohnung geschehen, Gaston erfährt nicht was, aber er macht sich große Sorgen um Charlene. Nach einer Fahrt durch die erwachende Stadt in das Polizeipräsidium sind bei Gaston die Sorge und die Paranoia noch weiter angestiegen. Angekommen wird er dem unangenehmen Szluderpacheru erneut vorgeführt. Nachdem Gaston bohrt, wird ihm endlich gesagt, was passiert ist: Charlene wurde in ihrer Wohnung ermordet.

6

Manchmal hatte es fast etwas Befreiendes, wenn schlimmste Befürchtungen bestätigt wurden. Es entkrampfte sich etwas und Gaston hätte jetzt gerne getrauert. Aber die Atmosphäre in diesem Verhörraum, oder was auch immer das war, war dafür nicht unbedingt geschaffen. Gaston musste sich ablenken. Der Macker-Rasierwasser-Bulle saß unbeteiligt da und spielte an seinem Smartphone herum.

Gaston hatte nun die Möglichkeit, sich diesen ominösen Oberinspektor Szluderpacheru mal näher anzugucken, aber das machte ihn auch nicht gerade sympathischer. Ziemlich groß, durchtrainiert, aber eher schlank, dunkle, kurz geschnittene Haare, im Gegensatz dazu hellblaue Augen und eine Hautfarbe, die auf einen regelmäßigen Besuch im Solarium hinwies. Dazu eines dieser ein bis zwei Millimeter breiten Bärtchen, die vom Haaransatz an der Schläfe entlang über den unteren Rand des Kinns zum gegenüberliegenden Schläfenhaaransatz reichten. Dazu kam noch ein dünnes Schnurrbärtchen, das vielleicht drei Millimeter breit war. Der Typ sah nicht nur widerlich, sondern auch noch unecht aus.

 

Schließlich ging die Tür auf und ein dicklicher jüngerer Mann mit Brille, in einem karierten Hemd und mit Lockenfrisur betrat den Raum. Er hatte eine Mappe unter den Arm geklemmt und wirkte ziemlich linkisch.

„Wo sind Sie so lange geblieben?“, fragte Szluderpacheru. „Wir warten!“

„Tut mir leid, Herr Oberinspektor“, stammelte der Mann. „Aber … die Sache Kappelhoff …“

„Jetzt nerven Sie nicht mit der Sache Kappelhoff, Kimmel!“, monierte Szluderpacheru. „Hier wird Ihre Wenigkeit verlangt!“

Kimmel nickte unterwürfig und setzte sich auf den Platz Gaston gegenüber.

„Das ist Lerninspektor Kimmel!“, tönte Szluderpacheru gönnerhaft. „Er wird Sie jetzt verhören. Schießen Sie los, Kimmel!“

Lerninspektor Kimmel räusperte sich erst mal.

„Ihr Name ist Gaston Ebenezer Krott?“

„Ja.“

„Wohnhaft in Grimmstein-Oberlippau, Am Plantanenhain 32d?“
„Ja.“

„Sie sind vierunddreißig Jahre alt.“
„Ja.“

„Was sind Sie von Beruf?“

„Erwerbslos.“

„Die Frage hätten Sie sich sparen können, Wachtmeister Kimmel!“, warf Szluderpacheru ein. „Bei der Adresse!“

Kimmel war durch Szluderpacherus Bemerkung ein wenig irritiert, oder nur aus dem Konzept gebracht, jedenfalls saß er kurz still und stumm da und stierte vor sich hin. Dann aber kratzte er sich kurz am Kopf, wobei viele Schuppen aus seinem Haar auf den Tisch rieselten und schließlich sah er Gaston bohrend an. Wahrscheinlich musste er sich jetzt beweisen.
„Haben Sie überhaupt einen Beruf gelernt?“
„Ja“, antwortete Gaston leise.

„Ich habe Sie nicht verstanden!“, blaffte Kimmel. „Ja oder nein?“

„Ja.“

„Und was?“
„Clown.“

„Was?“

„Clown.“
Kimmel sah Gaston wie einen totalen Vollidioten an. Szluderpacheru lehnte sich zurück und grinste böse.

„Clown?!“, fragte Kimmel ungläubig.

„Ja, habe ich doch gesagt!“, entfuhr es Gaston etwas lauter.

„Nicht frech werden hier!“, schnarrte Szluderpacheru.

„Sie sind Humorist?“, fragte Kimmel.

„Nein, Clown!“, antwortete Gaston zunehmend genervt.

„So einer wie im Zirkus?“, fragte Kimmel und klang schwer überfordert.

„Ja, so ungefähr“, seufzte Gaston.

„Und jetzt nicht mehr?“

„Nein.“

„Waren Sie nicht lustig genug?“
„Vermutlich“, grunzte Gaston.

„Ich muss Sie bitten, sachlich zu bleiben!“, tönte Szluderpacheru. „Beide!“

Kimmel grunzte kurz und kratzte sich. Er dachte nach, das war nicht zu übersehen. Vermutlich rang er um die nächste Frage.

„Äh … wurden Sie wegrationalisiert?“

Gaston schüttelte den Kopf. Jetzt saß Kimmel wieder dumm da. Langsam fing er an, Gaston leidzutun. Wenn der so weitermachte, landete er sicher bald auch in der „Weiterbildung zur Alten- und Krankenpflege“.

„Hatten Sie vielleicht keine Lust mehr?“, riet Kimmel weiter. Sein Tonfall verriet, dass er jetzt auch mal witzig sein wollte.

„Arbeitsunfähig“, seufzte Gaston.

„Ach so“, murmelte Kimmel enttäuscht.

„Alkohol?“, schnarrte Szluderpacheru aus seiner Ecke.

Gaston atmete durch.

„Ich habe ein Schwert in die Hüfte bekommen.“

Kimmel glotzte ihn an wie ein Auto.

„Wie denn das?“, fragte dann Szluderpacheru.

„So’n anderer Clown, mit dem ich zusammen auf der Bühne war, hatte eine Comedy-Schwertschlucker-Nummer“, antwortete Gaston. „Die ging an dem Abend schwer daneben.“
„Er hat es nicht geschluckt?“, fragte Kimmel unsicher.

„Nein, es ist ihm entglitten und kam auf mich zugeflogen.“

„Haben die Leute wenigstens gelacht?“, fragte Szluderpacheru mit amüsiertem Gesichtsausdruck.

„Ja klar.“

Die beiden Kriminaler schwiegen erst mal, um diese Nachricht zu verdauen. Das war die Gelegenheit für einen Gegenangriff.

„Was genau ist mit Charlene Swoboda geschehen?“, fragte Gaston.

„Wie war denn überhaupt Ihr Verhältnis zu ihr?“, fragte Szluderpacheru wie aus der Pistole geschossen.

„Sie war meine Nachbarin.“

„Und sonst?“, legte Kimmel nach.

„Ja, wir pflegten ein freundschaftlich-nachbarschaftliches Verhältnis!“

„Sex?“, wollte Szluderpacheru wissen.

„Nein“, log Gaston. Die brauchten nicht alles zu wissen.

„Sie wurden gestern Abend gesehen, wie Sie Frau Swobodas Wohnung in Unterwäsche verließen“, bemerkte Kimmel spitz. Er sah sich wohl wieder im Oberwasser.

Jattrich , durchfuhr es Gaston. Natürlich, immer wieder dieser elende Jattrich!

„Ja, ich war bei ihr“, versuchte Gaston, so lapidar wie möglich, zu antworten.

„Haben Sie sie immer in Unterwäsche besucht?“

„Sie pflegte ihre Heizung bis zum Anschlag aufzudrehen. Sie wären auch eingegangen!“

„Also saß man bei dieser Dame in Unterwäsche herum!“, spottete Szluderpacheru.

„Wenn Sie so wollen, ja.“

„Sie saßen also in Unterwäsche herum und haben sich unterhalten“, setzte Kimmel fort.

„Ja. Irgendwann ist sie eingeschlafen.“

Details

Seiten
30
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783945298329
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314293
Schlagworte
Kriminalroman Krimi Sex&Crime Crime Humor Humorvoller Krimi Polizei Grimmstein Serie Detektiv Privatdetektiv

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Joost Renders (Autor)

Zurück

Titel: GRIMMSTEIN Teil 2 (Kapitel 6-8)