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GRIMMSTEIN Teil 1 (Kapitel 1-5)

Kriminalroman

von Joost Renders (Autor)

2015 30 Seiten

Leseprobe

1

Eine dunkle Wolke hatte sich vor den Vollmond geschoben, als der Gipfel erreicht war. Aber trotzdem: Der Blick, den man von hier oben, vom Grimmen Stein aus, über die Stadt und das Umland hatte, war schon unbezahlbar, da hatten die Einheimischen nicht gelogen. Ein erhabener Ort, ohne Zweifel, ein Ort, an dem man sich stark fühlen konnte.

Es war still, von ganz weit her waren Verkehrsgeräusche zu hören, ansonsten nur der Wind und das Rauschen der Bäume. Unter einem die große Stadt und hinten, so als hätte man die perfekte Rückenstütze, die schneebedeckten Gipfel der Sankt Isidor Gebirgskette, deren höchster Gipfel es immerhin auf 1800 Meter Höhe brachte.

Philip Kappelhoff sah auf die Lichter der Stadt hinunter und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Es waren wohl sicher 200 Meter, die sich der Grimme Stein über die Stadt erhob, die nach diesem Ort benannt worden war: Grimmstein.

 

Das war also sein neues Zuhause, hierhin war er mit seiner Frau und den zwei kleinen Kindern gezogen, um endlich Karriere zu machen. An seinem vorherigen Wirkungsort, der Hauptstadt der Republik waren zu viele Hindernisse gewesen, die ein Weiterkommen beschwerlich gemacht hätten. Hier war alles etwas chaotischer, dafür aber offener, sicher unverbindlicher und vermutlich auch gefährlicher.

Allein die Fahrt über die enge Serpentinenstraße, die er eher in einem unwegsamen Hochgebirge erwarten würde, war ein Abenteuer, welches er so in der geordneten Hauptstadt nicht erlebt hatte. Er hatte sich auch gewundert, wie schnell es immer höher ging. Sollte das etwa ein Synonym für seine Karriere sein? Er hoffte es.

 

Grimmstein war zweifelsohne die Metropole dieser doch ziemlich abgelegenen Gegend, zwar keine Millionenstadt, aber gar nicht so weit davon entfernt. Es fehlten noch ungefähr 150.000 Einwohner, dann wäre der Pott voll. Allerdings konnte sich keiner vorstellen, dass diese Situation in voraussehbarer Zukunft eintreffen würde. Die Zeiten, in denen die Stadt Einwanderer in Massen anzog, waren lange vorbei. Damals, als die Kohle hier aus der Erde geholt wurde, die Fabriken brummten und die Produktivität ungeahnte Ausmaße annahm, wuchs die Stadt rasend schnell. Das ganze Tal wurde hoffnungslos vollgebaut, bis auf den letzten Quadratmeter. Das hatte sich bis heute im Stadtbild erhalten; weite Flächen waren selten zu finden, es war eng. Auch die städtischen Grünanlagen waren eher dürftig zu nennen, doch wer in die Natur wollte, konnte ja in die Berge gehen, davon gab es in der Umgebung von Grimmstein mehr als genug.

Aber der Bergbau wurde wieder eingestellt und mit der Industrie war es daraufhin schwer bergab gegangen, auch wenn einige der Fabrikschornsteine immer noch qualmten. Man setzte jetzt auf Chemie. Nicht ganz so erfolgreich wie geplant, aber es hatte sich immerhin etwas getan. Allerdings galt Grimmstein im Rest des Landes schon lange nicht mehr als aufstrebende Wirtschaftsmetropole, diese Orte lagen am anderen Ende des Landes. Trotzdem, wenn man sich in diesem Chaos durchbeißen konnte, war eine Karriere auch im Rest des Landes möglich. Denn dann war man so hart wie der Grimme Stein, dieser steile Felsen aus schwarzem Granit.

 

Philip Kappelhoff stand am Geländer und sah erst einmal hinunter auf das Gitter, das sie unterhalb des Geländers angebracht hatten, um den Sturz der zahlreichen Selbstmörder, die dieser Ort natürlich anzog, abzumildern. So brachen sie sich höchstens ein paar Knochen. Hatte er erst mal über diesen doch etwas trüben Ausblick hinüber gesehen, lag die Stadt unter ihm. Von hier oben wirkte sie, als könne man sie mit Füßen treten, was sicher auch schon viele getan hatten.

Der Vollmond hatte sich wieder von den Wolken befreit und so schien er auf diese einzigartige Szenerie. Das langgestreckte Gefunkel im Tal. Wie ein dunkles Band zog sich die Seume durch die Stadt, der Fluss, der weder ein Strom, noch ein Bach war. Er war gerade mal schiffbar, aber kaum befahren. Leicht rechts befand sich die Innenstadt, die sich um den alten Stadtkern gebildet hatte. Philip Kappelhoff konnte die beleuchtete, riesige Turmuhr erkennen, die den hohen Turm des Rathauses zierte. Sein Arbeitsplatz. Ein seltsamer Bau, der vor mehr als hundert Jahren errichtet worden war, als die Herren von Grimmstein dachten, ihnen gehöre die Welt. Der Rathausturm war auf jeden Fall die Grimmsteinsche Version des Big Ben. Links davon, nicht weit entfernt, war angestrahlt der Dom zu sehen, dessen schwer abgeblätterte barocke Pracht sich mächtig und nicht besonders prächtig über die alten Häuser der Altstadt erhob. Hinter der Altstadt, deren beleuchtete Ringstraße gut zu erkennen war, der Bahnhof, ein ebenso prachtvolles, wie skurril anmutendes Gebäude, ähnlich dem Rathaus vermutlich derselbe Architekt. Irgendwie wirkten beide Gebäude, als hätte sich ihr Schöpfer das Märchenschloss im Disneyland angeschaut, das Ganze verinnerlicht und dann im sturzbetrunkenen Zustand versucht, so etwas Ähnliches zu bauen, was natürlich schiefgegangen war.

Etwas weiter rechts hinter dem Bahnhof ragte am gegenüberliegenden Hang ein beleuchtetes Hochhaus empor, angeblich das höchste Gebäude der Stadt, abgesehen von den Fabrikschornsteinen. Das Grandhotel Katmandu, trotz des poetischen Namens ein grauer Klotz, der dringend eine Sanierung gebrauchen konnte. Aber mit Sanierung hatten sie es nicht so in Grimmstein.

Zur Linken stieg Qualm auf, der kam aus den unzähligen Schornsteinen der riesigen Chemiefabriken, die in einem engen Nebental angesiedelt waren. Glücklicherweise wurde der Großteil der Stadt nicht so arg von diesen Dämpfen belästigt, die zogen eher in die direkte Nachbarschaft, die sogenannte „Schlucht der Nutzlosen“, ein von grauen und schlichten Hochhäusern beherrschtes Armenviertel das er soeben gestreift hatte, da von dort aus die Serpentinenstraße zum Grimmen Stein emporführte.

 

Und hier oben, da war es wirklich schön, ja das machte vieles wett, was Philip Kappelhoff in den letzten Wochen an Unannehmlichkeiten zu ertragen gehabt hatte. Diesen Schlendrian, den er im Rathaus ertragen musste, war er aus der Hauptstadt nicht gewöhnt. Auf der anderen Seite schien es in der Grimmsteiner Verwaltung schon menschlicher zuzugehen. Und korrupter. Aber das war ihm eigentlich mehr oder weniger egal. Korruption gab es in der Hauptstadt genauso gut. Allerdings war sie dort versteckter, die Grimmsteiner Verwalter gaben sich hingegen nicht die geringste Mühe zu verbergen, wie korrupt sie waren. Philip Kappelhoff hatte auch schon die Hand aufgehalten. Gleich am dritten Arbeitstag. Ein zur Grimmsteins Hautevolee gehörender Unternehmer wollte ganz offensichtlich Fördergelder für sozial Schwache abgreifen, um damit ein defizitäres Projekt auszugleichen. Kein Problem, konnte er haben. Philip Kappelhoff hatte schnell begriffen, wo der Hase lang lief und so ging es munter weiter. Heute kam der, morgen der!

Noch wohnten sie in einer Dienstwohnung, eine Altbauwohnung nahe des Opernrings. Die strahlte zwar diesen wunderbar morbiden Charme aus, für den Grimmstein so berühmt war, aber ein Eigenheim am schicken Kranenberg, das war der Hang auf der gegenüberliegenden Seite der Innenstadt, sollte es in mindestens einem Jahr schon sein. Und dabei waren einem eben die oberen Zehntausend Grimmsteins behilflich. Schließlich wollten sie ihre Transaktionen auch von offizieller Seite abgesegnet wissen. Und der Chef, der über allem schwebte und eine eiserne Institution genannt werden konnte, ließ seine Leute nur machen.

Ein perfektes Arbeitsverhältnis.

 

Alles stimmte, es war herrlich, Philip Kappelhoff genoss den Augenblick. Es war kein Fehler gewesen, diesen Sprung nach Grimmstein zu wagen. So schnell kam man nirgends im Lande mittenrein. Er beschloss, diesen Moment in sich zu speichern und ihn wieder abzurufen, wenn er irgendwann die Aussicht von der Terrasse seines Eigenheims am Kranenberg über die Stadt zu den schneebedeckten Gipfeln des St. Isidor Gebirges genießen wird. Am liebsten hätte er die ganze Stadt umarmt, und kein Ort schien dafür perfekter zu sein, als der hier oben auf dem Grimmen Stein.

Aber er sollte nicht mit seinen Glücksgefühlen alleine bleiben. Ein Motorengeräusch hinter ihm ließ ihn zusammenfahren. Da kam sicher noch einer, die Einzigartigkeit dieses Ortes zu genießen. Damit hätte er eigentlich rechnen können, aber um diese Zeit? Es war fast halb elf. Philip Kappelhoff drehte sich um. Das Auto hielt auf dem Schotterparkplatz an, der Motor wurde ausgemacht. Gerade schob sich wieder eine Wolke vor den Vollmond und dieser Zustand dunkelte den Parkplatz hinter dem Aussichtsort ab.

 

Kaum hatte er sich wieder der prächtigen Aussicht zugewandt, da hörte Philip Kappelhoff jemanden aus dem Auto aussteigen. Etwas neugierig drehte er sich doch um. Und plötzlich blinzelte er in einen Lichtkegel. Der kam wohl aus einer sehr starken Taschenlampe, die die Person aus dem Wagen eingeschaltet hatte.

„Herr Kappelhoff?“, rief eine männliche Stimme. „Philip Kappelhoff?“

„Ja!“ Philip Kappelhoff ging zwei Schritte auf die grell leuchtende Taschenlampe zu. „Und wer sind Sie?“

Es kam keine Antwort. Die Taschenlampe strahlte ihn erbarmungslos an und er ging ein paar Schritte auf den anderen Mann zu. War etwa etwas mit seiner Frau oder den Kindern?

„Was ist denn los? Ist irgendetwas passiert?“

Keine Reaktion von der anderen Seite der Taschenlampe. Nicht, dass das wieder eine besonders originelle Idee war, ihn zu schmieren. Aber so einen Aufwand hatten sie in Grimmstein eigentlich nicht nötig. Auch wenn er geblendet wurde, Philipp Kappelhoff ging noch ein paar Schritte weiter auf den Lichtstrahl zu.

„Was wollen Sie?“

Der Mann hinter der Taschenlampe schwieg.

„Hallo?“, rief Philip Kappelhoff verunsichert. „Wer sind Sie?“

Es kam keine Antwort.

„Hallo!“

Von links und rechts hörte er jetzt auch Geräusche, so als würde sich von da ebenfalls jemand langsam nähern.

„Hallo!“, rief er immer unsicherer. „Wer ist denn da, bitteschön?“

Es blieb still, aber es war klar, dass sich ihm mehrere Personen näherten. Philipp Kappelhoff bekam es mit der Angst zu tun.

 

2

Es fröstelte an diesem Oktobermorgen, als Dr. Francisk Bschließmayr, Chefinspektor der Grimmsteiner Polizei an den Fundort einer frischen Leiche kam. Er ärgerte sich ein wenig, er hätte diesen Morgen lieber in seinem gemütlichen Büro verbracht und über das Schlechte in der Welt und in Grimmstein im Besonderen meditiert. Als oberster Ermittler der „Abteilung Entleibung“ hatte er in erster Linie nur noch Entscheidungen abzusegnen und höchstens ab und zu, wenn ein Fall besondere Brisanz versprach, wurde er hinzugezogen. Ansonsten beschränkten sich seine Aktivitäten darauf, den überhöhten Ehrgeiz mancher seiner Untergebenen zu bremsen und auf seine Pensionierung zu warten. In zwei Jahren sollte es soweit sein.

 

Der heutige Leichenfundort lag unterhalb des Grimmen Steines, auf einem kleinen Plateau, achtzig Meter über der Stadt gelegen, ein beliebter Ort, wenn man mal kurz aus dem Talkessel Grimmsteins hinaus, aber nicht ganz hinauf auf den Fels wollte. Es gab dort die Möglichkeit, die Aussicht zu genießen, spazieren zu gehen oder Ausflugslokale aufzusuchen. Der „Grimme Stein Light“ sozusagen. Für das Wohl der Kleinen war auch gesorgt, es gab einen schönen großen Spielplatz, direkt unter dem hoch aufragenden Felsen.
Dort war der Tote nach seinem Sturz von oben wohl gelandet. Zuerst war er auf der Rutschbahn aufgekommen, hatte dann auf dem elastischen Rutschblech noch mal einen Hüpfer gemacht und war schließlich im Sandkasten gelandet. Die Rutschbahn war hinüber, der Sandkasten ließ sich reinigen.

Es war noch ein ziemlich junger Mann, der sich da im Sandkasten ausgebreitet hatte. Für die vielen Meter, die er vom Grimmen Stein hinabgestürzt war, sah er noch ganz gut aus. Gepflegtes Äußeres, schicke Markenkleidung, teure Schuhe und kein Dreck unter den Fingernägeln. Zirka drei Meter entfernt lag eine edle Designerbrille im blutigen Sand.

Der altgediente Polizeiarzt Dr. Vincent M’Pese nahm Bschließmayr in Empfang. Den beruhigte das fast ein wenig, er mochte M’Pese sehr, sie hatten in ihrer über dreißig Jahre dauernden, gemeinsamen Dienstzeit manchen Fall gelöst und manchen Abend zusammen trinkend und philosophierend verbracht. In fünf Jahren würde für M’Pese auch Schluss sein. Aber demnächst stand für M’Pese ein Urlaub in der Heimat seiner afrikanischen Ahnen an. Zwar nur vier Wochen, aber eine Tatsache, die Bschließmayr melancholisch werden ließ. So viele Freunde hatte er im Polizeiapparat nicht und Bschließmayr freute sich immer wieder auf einen Schwatz mit dem lieben Kollegen.

„Er wird von dort oben hinuntergestürzt sein“, rief der alte Polizeiarzt und zeigte in Richtung obere Aussichtsplattform. „Über Hundert Meter tief!“

„Sicher?“, fragte Bschließmayr.

„Sicher“, antwortete M’Pese.

„Ich denke, da oben ist diese neue Sicherheitsvorrichtung, die Selbstmörder sanft auffängt?“
„Mit ordentlichem Schwung kann man einen Menschen leicht über dieses Gitter hinweg werfen.“

Bschließmayr nickte seufzend.

„Aber ich bin ja nur der Doktor und ich darf nur die Schäden nach der Ankunft hier unten feststellen“, seufzte M’Pese fast resigniert. „Und da ist es egal, ob es ein Selbstmörder ist oder nicht.“

Details

Seiten
30
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783945298275
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314300
Schlagworte
Kriminalroman Krimi Sex&Crime Crime Humor Humorvoller Krimi Polizei Grimmstein Serie Detektiv Privatdetektiv

Autor

  • Joost Renders (Autor)

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