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GRIMMSTEIN Teil 4 (Kapitel 12-15)

Kriminalroman

von Joost Renders (Autor)

2016 30 Seiten

Leseprobe

 

Prolog

Bschließmayr hat sich ein Herz gefasst und ist zu seinem alten Studienkollegen Dr. Pratzel gegangen, der jetzt seit vielen Jahren das Amt des Polizeipräsidenten von Grimmstein innehat. Bei Cognac und Kirschtorte bekniet Bschließmayr ihn, sich die Akte Kappelhoff noch mal zur Brust zu nehmen, dieser Fall darf nicht abgeschlossen werden! Nach einigem Zögern und dem Anblick seines zu ehrgeizigen Vizes Wladimir Brunszlap stimmt Dr. Pratzel zu.

Gaston ist nicht mehr in Polizeigewahrsam, er ist quasi frei und kann fliehen. Allerdings soll das ein ziemliches Ding der Unmöglichkeit sein, er befindet sich mitten in der Eiswüste eines verlassenen Industriegebietes, hat keinen Cent in der Tasche, kein Kommunikationsmittel und seinen Gehstock hat er auch nicht dabei. Kurzum, er hat keinen Halt, nirgends!

Doch er hat Glück im Unglück, ein Müllwagen, der zufällig des Weges kommt, nimmt ihn mit in eine Müllverbrennungsanlage. Dort ist es wenigstens warm und in den riesigen Hallen kann er im Licht des Feuerscheins auch ein wenig zur Ruhe kommen.

Doch auch dieses Licht trügt. Anhand eines Tabakbeutels, der versehentlich nicht mit anderem Müll ins Feuer geflogen ist, muss er erkennen, dass die Männer, die den Wagen überfallen haben, hier gewesen sein müssen und nicht nur das, sie haben die Leiche des alten Polizisten ins Feuer geworfen. Einen kleinen Vorteil hat diese Entdeckung aber doch, denn in dem Tabakbeutel findet Gaston etwas Münzgeld, das ihm erst mal die Fahrt in die Innenstadt garantiert.

Bschließmayr, der sich notgedrungen mit dem Fall Charlene Swoboda und der Gefangenenbefreiung beschäftigen muss, hat Oberinspektor Szluderpacheru zum Rapport bestellt. Der hat zwar den Gefangenentransport organisiert, aber er lehnt jede Verantwortung ab und weist alle Vorwürfe von sich.

Allerdings ist da noch eine Kleinigkeit, die Bschließmayr erfährt und die ihn ein wenig fröhlicher stimmt. Der junge Mann, den er am Morgen auf einem Gang im Polizeipräsidium im Gewahrsam sah und dessen traurige Augen ihn so unendlich berühren, scheint der ausgebrochene Mordverdächtige Gaston Krott zu sein. Da dürfte es dann sicher ein Wiedersehen geben.

Nachdem Gaston den Widrigkeiten des Grimmsteiner Nahverkehrs mit Witz entronnen ist, kommt er in der Schlucht der Nutzlosen an. Das ist zwar gefährlich für ihn, aber er will versuchen, in seine Wohnung zu kommen, er braucht neue Klamotten und vor allem seinen Gehstock. Sehr auffällig ist allerdings, dass die Felswand hinter seinem Wohnblock hell angestrahlt wird, hier ist die Polizei bei der Arbeit. Gaston vermutet schon, dass es wegen ihm ist, aber dann erfährt er, dass sich ein gewisser Danilo Schmechel hier anscheinend aufgehängt hat. Gaston kriegt es wieder mit der Angst zu tun: Sein Mitgefangener – und er glaubt nicht an dessen Selbstmord. Ihm wird klar, er kann nicht in der Schlucht der Nutzlosen bleiben.

12

Der Theaterplatz strahlte in schönster Beleuchtung. Obwohl das Theater und auch die es umgebenden Bauten schon reichlich marode waren, hatten sie es wenigstens bei der Straßenbeleuchtung krachen lassen. Irgendwas musste ja glänzen!
Das Theater glänzte schon lange nicht mehr, das war Gastons Meinung. Allerdings meinte Fiona stets auf dieses Gemecker, das er schlicht und einfach neidisch wäre, womit sie auch recht hatte. Das gestand er ihr auch zu, aber die beiden kannten sich auch schon so lange. Fiona war die einzige Frau in Grimmstein, die ihn schon vor seinem Unfall gekannt hatte, von daher galt für sie kein „Krüppelbonus“. Und auf Mitleid konnte er bei ihr auch nicht pochen.

Glücklicherweise hatte der picklige Pförtner Dienst am Bühneneingang, der ihn immer einfach so durchließ. Es hätte auch anders kommen können, aber an diesem Unglückstag musste man ja schließlich auch irgendwann Glück haben.
Und wenn er es sich recht überlegte, hatte er auch bereits ein wenig Glück gehabt, zum Beispiel mit dem Kleingeld in der Tabaktasche des unglückseligen alten Polizisten.


Es hatte wieder ein wenig zu schneien begonnen, als Chefinspektor Bschließmayr aus dem Präsidiumsgebäude auf den Hof trat. Es war derselbe Hof, von dem heute Nachmittag der Gefangenentransport ins Untersuchungsgefängnis Grimmstein-Nord gestartet und dort nie angekommen war. Bschließmayr machte seine obersten Kragenknöpfe zu, denn es war kalt. Dann stellte er fest, dass er ganz alleine auf dem Hof stand, auf dem Tagsüber oft so emsiges Treiben herrschte. Aber jetzt war alles still. Wer nicht Bereitschaft hatte, hatte Feierabend. Bschließmayr hatte auch endlich Feierabend, denn obwohl er keinen aktuellen Fall zu bearbeiten hatte, waren heute mal wieder Überstunden angesagt gewesen. Trotzdem, es tat sich gerade etwas und das nicht nur im Fall Kappelhoff, sondern auch in dem des seltsamen jungen Mannes mit dem Gehfehler und den traurigen Augen, der einer der Gefangenentransportinsassen gewesen war.

 

Diese Stadt wimmelte vor seltsamen Geschichten, aber diese war besonders schräg. Oder gar dreist? Es kam darauf an, was dahinter steckte. Die zuständigen Kollegen von der Fahrbereitschaft hatten ihm auch nicht groß weiterhelfen können. Außer, dass ihnen wohl jemand etwas ins Essen getan haben musste – sie hätten sich plötzlich so ermattet gefühlt und sich von daher gar nicht mehr richtig zur Wehr setzen können, als zwei maskierte Männer sie überwältigten, die Mützen schnappten und die Jungs im Heizungskeller fesselten und knebelten. Die passenden Uniformen hatten die schon an. Es war also davon auszugehen, dass die Täter zumindest Helfershelfer im Präsidium hatten. Aber das war nichts Neues für Bschließmayr. Er kannte auch Namen, aber die wurden wieder von anderen geschützt, welche auch wieder unter Protektion von dem und dem standen, und so ging es immer weiter und nahm kein Ende. Chefinspektor Bschließmayr fragte sich oft, wie er es auf diese Position gebracht hatte, ganz ohne diese Freunde. Aber er hatte noch zu einer anderen Zeit angefangen. Bschließmayr wollte plötzlich einen heben und er beschloss, sich heute Abend mal wieder so richtig volllaufen zu lassen. Ohne Umwege steuerte er die nächste Kneipe an.

 

Gaston durfte in der Kantine warten, bis Fionas Vorstellung zu Ende war, irgendein griechisches Drama, Gaston war egal welches. Er saß alleine an einem Tisch in der Ecke und niemand beschwerte sich darüber, dass er nichts zu sich nahm. Das war ihm trotz der günstigen Kantinenpreise auch gar nicht möglich.

Gaston beobachtete das übliche Theaterkantinentreiben und seltsamerweise fühlte er sich hier sicher und vor allem zu Hause. Ein Gefühl, das er seit zehn Jahren zu verdrängen versuchte, aber manchmal kam es halt doch wieder.

 

An einem großen Tisch in der Ecke gegenüber saßen ungefähr zwanzig Männer, alle in angedeuteten antiken Kriegerrüstungen. Vermutlich waren es Statisten, die gerade nicht auf der Bühne zu sein hatten. Gaston musste sich natürlich fragen, ob nicht vielleicht einer von ihnen auch zu diesen Leuten gehörte, die ihm heute das Leben schwer gemacht hatten. Es konnte alles sein, musste aber nicht. Gaston beschloss, jetzt nicht seiner Paranoia nachzugeben und für den Moment mal davon auszugehen, dass sie allesamt unschuldig waren, jedenfalls in dieser Sache.

Die Krieger waren gut drauf, hatten aber auch ordentlich was zu trinken auf dem Tisch stehen. Gaston hatte den Eindruck, dass der ein oder andere von ihnen sogar sehr gut drauf war. Einer sah Gaston alleine an seinem Tisch sitzen und zwinkerte ihm zu.

„Willste nicht hierhin kommen?“, fragte er. „Wir haben Bier übrig!“

„Nein, danke“, antwortete Gaston. „Ich muss noch Text lernen.“

Der Mann nickte und wandte sich wieder den anderen zu.

Text lernen hatte Gaston früher gehasst, aber jetzt hätte er es wirklich gerne getan. Jedenfalls besser, als von den Bullen gejagt zu werden und von irgendwelchen ominösen Gangstern eine Chance zu bekommen.

Plötzlich bereute Gaston, nicht beim Text lernen geblieben zu sein. Wahrscheinlich bereute er es das erste Mal, seit er es aufgegeben hatte, und das war sicher mehr als zehn Jahre her. Der Moment, als er beschloss, die Schauspielerei, die er noch nicht mal richtig begonnen hatte, wieder aufzugeben und sich der Zirkuswelt zuzuwenden. Die hatte er dann auch nicht mehr richtig erreicht, weil dieses verdammte Schwert in seinem Rücken landen musste.

Schicksal!

Damals auf der Grimmsteiner Schauspielschule hatte er auch Fiona Gronacher kennengelernt. Sie besuchten dieselbe Schauspielklasse und Fiona hatte danach den geraden Weg eingeschlagen, sie war direkt ans Grimmsteiner Stadttheater engagiert worden und dort geblieben. Darüber hinaus hatte sie dann diesen wohlhabenden Grimmsteiner Geschäftsmann geheiratet, erst mal nur aus einer Laune heraus. Später wurde eine angenehme Gewohnheit daraus. Er liebte sie, aber sie ihn nicht, trotzdem kam eine Trennung für sie nicht infrage, dazu hatte sie sich zu sehr an seinen luxuriösen Lebensstil und die Villa am Kranenberg gewöhnt.

Gaston war das eigentlich alles egal, manchmal hatte er seinen Spaß mit Fiona und manchmal eher nicht. Ihr Mann ahnte nichts von dieser Verbindung. Vielleicht wollte er auch nichts ahnen.

Gaston sah einen aufgeregten Schauspieler in den Raum gestürzt kommen und an der Theke ein schnelles Bier hinuntergießen. Dann rannte er wieder los in Richtung Bühne.

Was war das eigentlich für eine Schwachsinnsidee, das Gelernte hinzuschmeißen und sich dem Clowntum zu widmen? , dachte Gaston und beneidete diesen Schauspieler zutiefst.

Aber so war das eben damals, da dachte er so. Bloß nicht ans bürgerliche Theater, als Clown war man doch viel freier! So ein Blödsinn! Obwohl ihn das Schwert so oder so hätte treffen können. Genau wie die Geschichte mit dem Mord an Charlene und die Folgen jetzt.
Vielleicht gehört alles irgendwo zusammen, grübelte Gaston, vielleicht musste alles ja so kommen.

13

Nachdem eine Durchsagenstimme die Statisten zum letzten Bild rief, standen sie alle fast in Hektik auf und rannten wie eine Herde Rinder Richtung Bühne. Gaston überlegte sich, ob er ein in der Eile stehengelassenes, frisches Bier hinunterkippen sollte, er hatte Lust dazu, aber es war sicher besser, einen klaren Kopf zu behalten. Wer wusste, wie das Bier wirkte, wo er nur so wenig feste Nahrung zu sich genommen hatte.

Außerdem musste er sich jetzt langsam Richtung Garderobentrakt zu begeben, Fiona dürfte gleich Feierabend haben.

Etwas mühselig stand er auf und hinkte aus der Kantine. Ein älterer Mann, der in einer anderen Ecke alleine am Tisch saß, sah ihm mitleidig nach, vielleicht kannte er ihn noch von früher.

 

Sichtlich aufgewühlt kam Fiona Gronacher vom Schlussapplaus von der Bühne in den Garderobentrakt gestürmt, wo Gaston vor ihrer Garderobentür auf sie wartete. Das war nichts Besonderes, Fiona war immer aufgewühlt, wenn sie von der Bühne kam. Als sie jedoch Gaston sah, hielt sie inne und zog neugierig eine Augenbraue hoch.

Details

Seiten
30
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783945298343
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314305
Schlagworte
Kriminalroman Krimi Sex&Crime Crime Humor Humorvoller Krimi Polizei Grimmstein Serie Detektiv Privatdetektiv

Autor

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    Joost Renders (Autor)

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