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GRIMMSTEIN Teil 3 (Kapitel 9-11)

Kriminalroman

von Joost Renders (Autor)

2016 30 Seiten

Leseprobe

 

Prolog

So schrecklich es auch ist, dass Charlene ermordet wurde, Gaston Krott fühlt doch eine leichte Befreiung. Die Unwissenheit der letzten Stunden ist noch schlimmer gewesen und er merkt, dass sein Selbsterhaltungstrieb langsam zurückkehrt. Das wäre auch dringend nötig, denn Oberinspektor Szluderpacheru und sein etwas schusseliger Assistent Lerninspektor Kimmel nehmen Gaston in ein heftiges Kreuzverhör, in dessen Folge unter anderem auch herauskommt, dass Gastons Hüftverletzung von einem Bühnenunfall herrührt. Gaston versucht sich zwar während dieses Verhörs zu erinnern, ob er irgendwas vergessen hat, das ihn entlassen könnte, aber es nützt nichts, Szluderpacheru stellt einen Haftbefehl aus, er und sein Adlatus Kimmel verdächtigen Gaston Krott, der Mörder von Charlene Swoboda zu sein, denn seine DNA wurde auf dem Kopfkissen gefunden, mit dem sie erstickt wurde.

Als Gaston zum „Einchecken“ in die U-Haft gebracht wird, sieht er auf einem Flur einen dicken, alten Mann, der ihn seltsam anstarrt. Gaston hat aber in seiner Situation nicht die Muße, darauf besonders einzugehen. Er muss sein Hab und Gut, zu dem auch so lebenswichtige Sachen wie Handy und Geld gehören, abgeben und erfährt, dass er auch die Gelegenheit verpasst hat, einen Anwalt anzurufen. Allerdings bohrt eine Frage in ihm: Hat etwa dieser andere Mann, der Charlene besucht hat, dieser Mann mit dem kalten Arsch, etwas mit dem Mord zu tun? Vielleicht wegen dieses Umschlags, den er bei ihr vergessen hat? Gaston ist sich klar, dass er diesen Mann finden muss.

Der alte Chefinspektor Bschließmayr kommt mit dem Fall Kappelhoff nicht wirklich weiter. Zudem ist der Fall kurz davor, als Selbstmord abgeschlossen zu werden. Bschließmayr aber verdächtigt Natascha Kappelhoff, die Witwe des Toten, die seit dem Sturzflug ihres Mannes noch weiter in der Grimmsteiner Gesellschaft aufgestiegen ist und kaum Trauer zeigt, kann ihr aber nichts nachweisen.

Gaston soll mit einem Gefangenentransport ins Gefängnis am Stadtrand überführt werden. So sitzt er hinten in dem Bus, gemeinsam mit einem alten geschwätzigen Polizisten und einem gewissen Danilo Schmechel. Dieser kommt, wie Gaston auch, aus der Schlucht der Nutzlosen und behauptet, verhaftet worden zu sein, weil er sich nachts in dem betreffenden Wohnblock herumgetrieben hat. Bevor sie am Gefängnis ankommen, hält der Wagen plötzlich, die Tür wird von zwei als Polizisten verkleideten Männern aufgerissen, der alte Polizist erschossen, Danilo Schmechel mitgenommen und Gaston wird von einem der Killer, der durch extrem schiefe Zähne auffällt mitgeteilt, er solle das „als Chance sehen“.

9

Wenn Bschließmayr nicht Chefinspektor Dr. Francisk Bschließmayr gewesen wäre, sondern nur Oberinspektor Bschließmayr oder auch der frischgebackene Chefinspektor Bschließmayr hätte er nicht die geringste Chance gehabt, seiner Hochwohlgeboren, Polizeipräsident Henri Pratzel etwas mitteilen zu dürfen.

Der Mann schwebte dermaßen über allem, dass er gar nicht mehr wissen wollte, was auf dem Boden vor sich ging.

Bschließmayr kannte Pratzel noch vom Studium her, sie waren fast gleich alt und ihre Karrieren waren mehr oder weniger parallel verlaufen. Allerdings war Pratzels Aufstieg steiler, er war von jeher ein Mann gewesen, der es vorzog, in Gremien herumzusitzen, statt sich um die Angelegenheiten der Straße zu kümmern, die für den Polizeiberuf notwendig waren. Bschließmayr war auch nie ein Mann der Straße gewesen, aber er verstand die Straße. Das war bei Pratzel nie der Fall gewesen und so hatte er es relativ schnell, natürlich auch dank der richtigen Beziehungen, zum Polizeipräsidenten gebracht, ein Amt, das er jetzt seit mehr als zwanzig Jahren inne hatte und seitdem die totale Reglosigkeit verkörperte. Aber so war es den Herren von Grimmstein auch recht.

„Ach Gott, der Bschließmayr …“, war Pratzels Antwort, als Bschließmayr ihn auf seinem Gang ins Kasino ansprach, wo Pratzel gedachte, etwas zu sich zu nehmen. „Wie geht’s, wie steht‘s?“

„Danke!“, erwiderte Bschließmayr. „Und selbst?“
„Danke!“

„Ich muss mit dir sprechen, Henri!“

Missmutig sah Pratzel auf die Uhr.

„Na ja …“, schnaufte Pratzel. „Weil du es bist! Ich wollte gerade eine Tasse Kaffee trinken gehen und ein Stückchen Kuchen, aber wenn du mich begleiten willst …“

„Gerne!“

„Gut. Es gibt Kirschtorte.“

Bschließmayr nickte. Eigentlich wollte er auf seine Linie achten, aber wenn er sich Pratzel ansah, wusste er, dass die Skala nach oben hin noch offen war.

 

Gaston Krott musste sich erst mal sammeln.

Was ging hier nur vor?

Seine Nachbarin Charlene war ermordet worden, die Bullen hatten ihn im Verdacht, weil Enno Jattrich ihn aus der Wohnung hatte kommen sehen und er zuvor das falsche Kissen in die Hand genommen hatte. Dann sollte er ins Gefängnis, war aber soeben von vermutlich falschen Polizisten befreit worden, die ihm rieten, das als Chance zu sehen, nachdem sie einen harmlosen Säufer entführt und für den zweiten Toten in dieser Angelegenheit gesorgt hatten.

Der dicke und alte Polizist tat Gaston leid, er war zwar anscheinend ein geschwätziger Idiot gewesen, aber das rechtfertigte höchstens eine Knebelung. Dieses Ende hatte er nicht verdient.

Gaston suchte auf diesem vereisten Schneematschfeld, auf dem er gelandet war einen Halt, den brauchte er jetzt dringend, aber hier war nichts. Er hatte einfach nur schnell weg gewollt. Gaston hinkte und stolperte, was das Zeug hielt und irgendwann war er einfach stehen geblieben, wohl wissend, dass ein hinkender Gaston mehr auffiel, als ein stehender. Jetzt stand er halt auf diesem vereisten Schneematschfeld und wurde bestimmt für eine Vogelscheuche gehalten.

Und eins war klar: In den letzten Stunden war in seinem Leben mehr passiert, als in den vergangenen fünf Jahren. Mindestens!

 

Gaston sah sich um.

Wo war er überhaupt?

Irgendwo im Niemandsland im Grimmsteiner Norden, es war ein sehr ungastliches Industriegebiet, aber eines, in dem es nicht viel Industrie gab, wo allerdings wohl mal viel Industrie geplant gewesen war. Aus den Plänen war allerdings nicht viel geworden und jetzt gab es hier lauter Brachflächen mit unschönen, grauen Flachbauten dazwischen.

Der perfekte Ort, so einen Überfall hinzukriegen, keine Sau weit und breit! Niemand schien irgendetwas bemerkt zu haben.

Trotzdem, Gaston hatte es vorgezogen, sich erst mal rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, was gar nicht so einfach war, denn diese vereisten oder schlammigen Brachflächen hatten es in sich, auch wenn man wie ein normaler Mensch gehen konnte. Doch davon war Gaston weit entfernt. Zu allem Überfluss kam dann auch noch ein fieser Schneeregen nieder, der das Stolpern zusätzlich erschwerte. Gaston nahm seine ganze Konzentration zusammen, um nicht auch noch in den Dreck zu fallen.

 

Schließlich hatte er wieder normalen Boden unter den Füßen, eine asphaltierte Straße zwischen zwei Brachflächen, die einst angelegt worden war, um durch das Industriegebiet zu führen. Jetzt führte sie ins nirgendwo. Er war nur froh, dass er sich einigermaßen vorwärts bewegen konnte.

 

Nur wohin jetzt?

In seine Wohnung! Aber die war ja versiegelt.

Vielleicht sollte er einfach mal versuchen, in die Schlucht der Nutzlosen zu fahren, um da nach dem Rechten zu sehen und vielleicht gab es doch eine Möglichkeit, in seine Wohnung zu kommen.

Nur: Er hatte kein Geld, er hatte keinen Ausweis, er hatte kein Handy.

Das hatte alles die Polizistin mit den schönen grünen Augen an sich genommen. Sollte sie doch daran ersticken!

Es war wirklich ein Problem, das hatte er noch gar nicht bedacht; auch wenn er in dieser ungastlichen Gegend eine Möglichkeit des öffentlichen Nahverkehrs fände, um endlich von hier wegzukommen, brachte das nur neue Gefahren. Schwarzfahren konnte in Grimmstein ein gefährliches Unterfangen sein.

Gastons Sozialmonatskarte war bei seinen anderen Habseligkeiten, an denen hoffentlich immer noch die Polizistin mit den schönen grünen Augen erstickte.

Gaston hielt inne.

Jetzt kamen sie plötzlich mit aller Gewalt wieder, die Erinnerungen an Charlene. Er konnte sie nicht verdrängen, das ging nicht. Es war plötzlich so, als könne er nicht mehr weitergehen. Und auch nicht zurück. Er blieb stehen. Ungeschützt in diesem ekligen Schneeregen, mitten in dieser Pampa, für jeden gut sichtbar. So hätten die Polizisten ihn leicht gefunden. Aber in diesem Moment war ihm alles egal. Er fühlte sich wie gelähmt. Gelähmt und alleine noch dazu.

 

Immer wenn eine Affäre mit einer Frau zu Ende ging, egal wie lange sie gedauert hatte, fühlte Gaston Krott sich erst einmal allein. Die extreme Leere in ihm lag sicher auch daran, dass Charlene niemals mehr wiederkommen würde. Es war ihm noch nie passiert, dass eine Affäre so endete. Sicher, es war nur ein nettes Freizeitvergnügen gewesen, aber ein schönes. Charlene hatte das genauso gesehen. Aber er war eifersüchtig gewesen, als er von dem Mann mit dem kalten Arsch erfuhr, also waren doch Gefühle da. Ob Charlene umgekehrt auch eifersüchtig gewesen wäre? Gaston war sich da nicht sicher, aber er hatte Charlenes Innenleben auch nicht wirklich gekannt, das musste er zugeben.

 

„Ey!“

Irgendjemand rief ihn, aber Gaston war zu sehr in seinen Gedanken versunken, als dass er ihn bemerkt hätte.

„Ey!“, rief ein Mann. „Wollen Sie sich hier den Tod holen?“
Jetzt musste Gaston doch gucken, ein riesiger Müllwagen hatte neben ihm gehalten, und so waren die Gedanken und Erinnerungen an Charlene wohl arg heftig gewesen, dass er diesen Müllwagen nicht gehört hatte.

„Will‘ste mitfahren?“, rief der Mann.

„Klar!“, antwortete Gaston. „Wo fahren Sie denn hin?“

„Wo wohl!“, rief der Mann. „In die Verbrennung!“

Gaston erinnerte sich, dass es irgendwo in dieser Gegend die größte Müllverbrennungsanlage der Stadt gab, das war auch die beste Gegend dafür. Er überlegte nicht lange, der Müllmann sah wirklich nach Müllmann aus und nicht nach Polizist, also stieg er ein.

 

„Mein lieber Bschließmayr, ich verstehe ja, dass du dir Sorgen machst, aber ich kann in dieser Sache nichts unternehmen.“
Polizeipräsident Pratzel sah Bschließmayr eher gelangweilt an.

„Wenn Selbstmord festgestellt wird, dann wird’s das auch gewesen sein. Unsere Leute sind ja nicht dumm!“

Der letzte Satz kam schon strenger rüber. Pratzel wandte sich dem zweiten Stück Kirschtorte zu.

„Die Selbstmordtheorie kommt einigen Leuten viel zu gelegen!“, sagte Bschließmayr mit Emphase. Aber Pratzel zuckte nur mit den Schultern.

„Es ist zu einfach!“, setzte Bschließmayr mit Inbrunst nach.

„Möchtest du einen Cognac?“, fragte Pratzel.

„Henri, ich bitte dich, dir die Akten noch einmal zur Brust zu nehmen!“, beschwor Bschließmayr den Sahnetorte mümmelnden Polizeipräsidenten. Der bekam fast Aufstoßen, wenn ihm so viel Engagement gegenübersaß.

Bschließmayr bemerkte, dass Szluderpacheru gerade das Kasino betreten hatte. Er befand sich in Begleitung dreier Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Natürlich musste er sich umgucken, wer denn alles Wichtiges da war. Das konnte Bschließmayr ausnahmsweise mal recht sein; wenn Szluderpacheru merkte, dass er hier mit dem Polizeipräsidenten saß, dann würde das Szluderpacherus Respekt doch vielleicht ein wenig steigern.

„Ist das nicht dein Adlatus?“, fragte Pratzel, aber es klang uninteressiert.

Details

Seiten
30
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783945298336
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314308
Schlagworte
Kriminalroman Krimi Sex&Crime Crime Humor Humorvoller Krimi Polizei Grimmstein Serie Detektiv Privatdetektiv

Autor

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