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GRIMMSTEIN Teil 6 (Kapitel 19-22)

Kriminalroman

von Joost Renders (Autor)

2016 30 Seiten

Leseprobe

 

Prolog

Gaston weiß, dass er nur noch eine Chance auf Unterkunft und somit vorübergehend auf Sicherheit hat, er muss zu seinem Freund Freibier und findet ihn natürlich in einer Kneipe. Bei ihm sitzt eine gewisse Manuela Ferdinand, von der Gaston auf der Stelle fasziniert ist. Leider muss sie aber gehen und so bleibt Gaston nichts anderes übrig, als Freibier von den Ereignissen zu erzählen. Der hat dann auch sofort zwei Ideen. Erstens: Gaston muss mit Manuela Ferdinand sprechen. Sie ist Rechtsanwältin, zurzeit aber ohne Lizenz und betreibt ein Sozialberatungsbüro, welches in Freibiers Vorstadttheater beheimatet ist. Zweitens: Gaston muss unbedingt den Mann mit dem kalten Arsch finden!

Chefinspektor Bschließmayr hat sich in der Polizistenkneipe gut eingetrunken, als sein Widersacher Oberinspektor Szluderpacheru auftaucht und sich lauthals darüber beschwert, von der Schauspielerin Fiona Gronacher vollgekotzt worden zu sein. Die hätte er jetzt in die Ausnüchterungszelle werfen lassen und dann sei auch noch dieser Gaston Krott vor Ort gewesen, konnte aber trotz Hinkebein fliehen.

Gaston, der nichts von Fionas Verhaftung weiß, und Freibier werden von Albert Ibrahimse heim in die Schlucht der Nutzlosen mitgenommen und kommen durch den geschwätzigen, selbsternannten „Poeten der kleinen Leute“ an interessante Informationen. Ibrahimse hat gesehen, dass Charlene in der letzten Zeit mit einem gewissen Sztidi um die Häuser zog. Er scheint noch mehr zu wissen, konzentriert sich aber lieber auf seine, etwas arg zur Schau gestellte, Trauer um den erhängten Schmechel. Gaston erinnert sich natürlich sofort an Sztidi, dem Mann, der ihm kurz zuvor über den Weg gelaufen ist. Freibier klärt ihn später auf, dass dieser Sztidi ein verkrachter Journalist ist, seinen wirklichen Namen kennt er aber nicht. Gaston verbringt die Nacht auf Freibiers Matratze.

Mitten in der Nacht wird er von Freibier geweckt. Der hat in Gastons gegenüberliegender Wohnung Licht gesehen und will nachschauen, was dort los ist. Während Freibier sich auf den Weg macht, versucht sich Gaston zu erinnern, was ihm Charlene an ihrem letzten Abend erzählt hat. Der Mann mit dem kalten Arsch, der einen Umschlag, vermutlich mit Fotos drin, bei ihr vergessen hat. Es gibt nur einen weiteren Anhaltspunkt: Der andere hat einen ähnlichen Namen wie Gaston Krott. Und warum musste Danilo Schmechel sterben?

Freibier kommt unverrichteter Dinge zurück, alles ist wieder ruhig.

19

Chefinspektor Bschließmayr war sehr früh in seinem Büro erschienen. Lange vor seinem offiziellen Dienstbeginn. Das kam öfter mal vor. Vor allem, wenn er schwer gesoffen hatte. Es machte ihm mehr Spaß, sich in seinem Büro auszunüchtern als alleine zu Hause. Da konnte er niemanden durch die Gegend scheuchen, wenn ihm danach war. Da war er alleine. Aber hier im Präsidium, in der ‚Abteilung für Entleibung‘ da fand sich immer das ein oder andere arme Schwein, das seinen Kater ausbaden musste. Francisk Bschließmayr grinste zufrieden.

Oberinspektor Szluderpacheru hatte sich noch nicht blicken lassen und Bschließmayr war da sehr froh drum. Mit dem Restalkohol im Blut dieses Rasierwasser riechen zu müssen, das wäre eine Tortur gewesen und wahrscheinlich hätte er Szluderpacheru daraufhin auf irgendeinen sinnlosen Einsatz geschickt. Aber das ließ sich Szluderpacheru auf die Dauer auch nicht mehr gefallen. Nein, dieses Monster hatte schon seit Langem ein Eigenleben entwickelt. Na ja, sollte er doch, Bschließmayr konnte Szluderpacherus Nähe sowie schon längst nicht mehr ertragen.

Trotzdem hatte er sich vorgenommen, gleich als erstes an diesem Tag, den Mist, den der Oberinspektor am Abend zuvor als Rache für seine vollgekotzte Designjacke gebaut hatte, wieder auszugleichen.

Bschließmayr hatte sich bei seiner Ankunft im Präsidium von den zuständigen Beamten die Liste mit den derzeitigen Insassen der Ausnüchterungszellen geben lassen, sofern sie sich denn überhaupt ausweisen konnten. Die Person, die Bschließmayr suchte, hatte das bestimmt, da war er sich sicher. Es waren hauptsächlich Männer auf der Liste, wie immer eigentlich, aber auch drei Frauen. Eine der drei Insassinnen hieß Fiona Gronacher. Den Namen kannte Bschließmayr. Wie Szluderpacheru erwähnt hatte, eine wohlbekannte Schauspielerin im Stadttheater. Bschließmayr ging dort gerne hin. Und die Gronacher, die außerdem schon sehr lange dort auf der Bühne spielte, war ihm natürlich schon oft aufgefallen. Eine äußerst kapriziöse Dame. Bschließmayr hatte sie schon immer mal gerne kennenlernen wollen, jetzt war die Gelegenheit da.

 

Freibier schnarchte noch, laut und gleichmäßig. Es hatte etwas Beruhigendes. Auch Gaston war es gelungen, noch ein paar Stunden zu schlafen. Der Horror des vergangenen Tages zog im Eiltempo an ihm vorüber; was am ehesten hängen blieb, war die Trauer um Charlene. Die Erkenntnisse, die er vergangene Nacht gewonnen und die Beschlüsse, die er gefasst hatte und die seine Unschuld bezeugen sollten, vielleicht sogar mithalfen, den Fall aufzuklären, musste er später noch mal aufrufen.

Allerdings fragte er sich, ob er den Fall überhaupt aufklären wollte, denn damit würde er unweigerlich der Polizei helfen, und das war nach den Erfahrungen des gestrigen Tages so ziemlich das Letzte, was er gedachte zu tun. Auf der anderen Seite wollte er aber wissen, wer Charlene auf dem Gewissen hatte und auch dass diese Person zur Hölle fuhr.

Draußen fing es langsam zu dämmern an, es musste also um acht Uhr sein.

Er dachte an die drei Frauen des vergangenen Tages; es war fast wie ein Traum, vielleicht hatte er ja auch von ihnen geträumt in der Nacht zuvor. Er wusste es nicht mehr.

Erst mal war da Charlene, die natürlich den ganzen Tag beherrscht hatte, vor allem die Trauer und seine Gedanken an sie. Aber das Leben ging ja weiter, und dazu hatte Fiona ein sehr großes Stück beigetragen. Die Verrückte! Wenn die Kacke wirklich am Dampfen war und man nur noch mit Wahnsinn weiterkam, dann war sie immer zur Stelle und gewann! Was sie wohl gerade machte? Wahrscheinlich schlief sie noch, sie hatte ja gestern gesagt, dass sie heute Morgen keine Probe hätte. Und dann war da noch zu guter Letzt diese Manu, die Rechtsanwältin Manuela Ferdinand. Die hatte in ihrer distanzierten, spröden Art großen Eindruck auf ihn gemacht. Sie war ganz anders als Charlene und das völlige Gegenteil von Fiona. Eine seltsame Frau. Gaston spürte, dass er in Zukunft mehr mit ihr zu tun haben würde.

„Boah, voll die fette Morgenlatte!“

Freibier war wachgeworden und freute sich anscheinend des Lebens.

„Muss mich mal drum kümmern“, murmelte er, schälte sich eiligst aus dem Bett und verschwand im Bad. Und auch Gaston merkte, dass sich bei etwas rührte. Es war Fiona, an die er dachte. Er fragte sich, ob diese Gedanken aus der Ferne erwidert wurden.

 

Die Theaterdiva war überhaupt nicht volltrunken gewesen. Sie musste aus irgendwelchen anderen Gründen Oberinspektor Szluderpacherus Designjacke vollgekotzt haben. Bschließmayr amüsierte diese Angelegenheit, und Fiona Gronacher, die ihm im Verhörraum gegenüber saß, amüsierte ihn sowieso. Sie merkte das natürlich und spielte mit ihm. Bschließmayr ließ sich das gerne gefallen.

„Wissen Sie, was ich glaube?“

„Woher sollte ich?“, konterte Fiona kokett.

„Dieser ganze Unwohlseinsangriff diente doch in erster und einziger Linie dazu, dem flüchtigen Gaston Krott einen unbemerkten Abgang zu verschaffen.“
„Sie sind witzig, Herr Chefinspektor!“

„Kennen Sie Gaston Ebenezer Krott?“

„Ebenezer?“, juchzte Fiona Gronacher. „Er heißt Ebenezer? Ich fass es nicht!“
„Kennen Sie ihn?“, hakte Bschließmayr beharrlich nach.

„Also, auf der Schauspielschule vor fünfzehn Jahren kannte ich einen Gaston Krott. Aber einen Ebenezer kenne ich nicht.“
Bschließmayr überhörte diese Spitzen mit Wonne.

„Wo war diese Schauspielschule?“
„Na, hier in Grimmstein! Die kennen Sie wohl oder?“
„Doch, doch“, murmelte Bschließmayr. „Sie haben sich also damals auf der Schauspielschule kennengelernt!“
„Ja sicher!“

„Und Sie haben sich dort gleich verstanden?“
„Ja, wie das so ist, wenn man jung ist und in eine fremde Stadt kommt.“

„Also Sie und Herr Krott sie stammen beide nicht aus Grimmstein?“
„Na, das fehlte noch!“, konterte Fiona Gronacher lächelnd und mit äußerst gekonntem Augenaufschlag.

„Wieso?“, fragte Bschließmayr mit gespielter Unschuld. „Was ist da Schlimmes bei? Ich bin gebürtiger Grimmsteiner.“
„Da kann man nichts machen“, erwiderte sie trocken.

So, jetzt mussten sie wieder zur Ernsthaftigkeit zurückkehren. Es herrschte eine kurze Schweigeminute.

„Und wie hat sich die Freundschaft weiterentwickelt?“, fragte Bschließmayr. „Also nach der Schauspielschule?“

„Kaum.“

Bschließmayr spürte dass Fiona Gronacher log.

„Kennen Sie Charlene Swoboda?“
„Wen?“

„Charlene Swoboda.“

„Nicht, dass ich wüsste“, sagte Fiona Gronacher. „Wer soll das sein?“

„Eine Journalistin. Gaston Ebenezer Krott steht unter Verdacht, sie vorletzte Nacht ermordet zu haben!“
„Gaston?“, krähte Fiona Gronacher entsetzt. „Gaston soll jemanden ermordet haben?“

Bschließmayr nickte.

„Entschuldigung!“, gluckste Fiona Gronacher. Und dann bekam sie einen Lachanfall und der war ganz große Theaterkunst. Dabei hatte Bschließmayr noch nicht mal Eintritt bezahlt.

 

Freibier musste zur Probe, da half alles nichts. Dazu war er noch fertig vom Abend vorher. Es waren doch ein wenig zu viel Bier und Schnaps gewesen, sogar für Freibier. Überhaupt war von dem Detektivduo-Elan des vorherigen Abends bei ihm wenig übriggeblieben.

Gut, dachte Gaston, ich muss jetzt erst mal sehen, dass er rechtzeitig zum Theater kommt, Freibier hat nämlich eine Probe mit dem Theaterleiter und das ist ein unangenehmer Mensch! Der hat zwar selber ein viel größeres Alkoholproblem als Freibier, aber er duldet es nur bei sich. Ein typisches Ekel eben!

Und jetzt hatte Gaston doch wieder an ihn gedacht.

„Was willst du jetzt machen?“, fragte Freibier während er sich seine Schuhe zuband.

„Keine Ahnung.“

„Kannst gerne hierbleiben!“

Gaston nickte und sah sich um. Nein, das war nicht was er wollte. Hier würde ihm nur die versiffte Decke auf den Kopf fallen. Er hatte Hummeln im Hintern, riesengroße Hummeln.

„Ich komm mit“, rief er. „Ich kann doch auf deiner Karte mitfahren, oder?“

„Ja, aber nur bis ich aussteige.“
„Schon klar!“, antwortete Gaston und stand, so schnell es seine Hüfte zuließ, auf. „Dann komme ich bis dahin mit.“

 

Im Fernsehen hatte das auf der Flucht vor den Häschern sein, oft etwas Romantisches und natürlich auch Verwegenes, aber in der bitteren Grimmsteiner Realität war nichts davon zu spüren. Es war noch diesiger, gar nebliger als gestern und außerdem schmerzte seine Hüfte. Gaston war froh, dass er in der Straßenbahn sitzen konnte und er verfluchte die Tatsache, dass er sich bei seiner Festnahme vorletzte Nacht, nicht die Zeit genommen hatte, seinen Gehstock mitzunehmen. Den vermisste er, und wie!

Freibier war bemerkenswert still, aber klar, er musste seinen Text im Kopf durchgehen und das bei dem Kater. Er war auch nicht zu beneiden. Als die Haltestelle am Theater nahte, stand Freibier auf.

„Kommst du mit?“

„Nein, ich kämpf mich weiter durch.“
„Tapfer“, bemerkte Freibier anerkennend. „Ruf mich nachher an, okay?“

„Wie denn?“, fragte Gaston. „Mein Handy ist doch weg.“

Details

Seiten
30
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783945298367
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314310
Schlagworte
Kriminalroman Krimi Sex&Crime Crime Humor Humorvoller Krimi Polizei Grimmstein Serie Detektiv Privatdetektiv

Autor

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    Joost Renders (Autor)

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