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Mein Reich komme - Thriller

GREEN EDITION

von Alexander Burger (Autor)

2015 487 Seiten

Leseprobe

1

Sonntag

Die kalte Abendluft umfing Ewens wie ein schwarzer Schleier. Er blieb reglos im Schatten stehen. Vom Balkon aus konnte er die ganze Stadt überblicken. Auf dem Festgelände hinter dem Hallenbad waren die Stände des Maimarktes aufgebaut. Für jeden gut sichtbar standen sie in der Dunkelheit: rostzerfressene, bunt und grell beleuchtete Möglichkeiten, dem Alltag zu entkommen.

Er schwenkte sein Glas und blickte in die bernsteinfarbene Flüssigkeit.

Der nervtötende Singsang der Fahrgeschäftbetreiber mit ihren Heliumstimmen und den näselnden Lockrufen konnte er bis hier oben hören. Wie jedes Jahr wollte die Zuckerwatte schleckende Menge nur eins: Amüsement, Nervenkitzel und Zerstreuung! Und so warfen die Leute Bälle auf Dosen, Pfeile auf Luftballons und ihr Geld zum Fenster hinaus.

Brot und Spiele , dachte er bei sich. Gebt ihnen Brot und Spiele.

Der Himmel war sternenklar.

Er atmete tief ein und spürte die Wirkung des Alkohols. Die angenehme Taubheit verstärkte das Gefühl der Macht, an der er jetzt Teil hatte. Nichts mehr war unmöglich.

In der Nähe fuhr ein Wagen mit hoher Geschwindigkeit vorbei. Der Motor heulte auf. Die laute Musik war durch das geöffnete Fenster zu hören.

In der Parkanlage unterhalb seines Hauses erkannte er die schemenhafte Gestalt einer älteren Frau, die ihren Hund ausführte. Ein Retriever. Das helle Fell reflektierte den Schein einer Straßenlaterne. Die Frau ging jeden Abend an seinem Haus vorbei. Auch sie wusste nicht wer er war. Auch sie war ahnungslos. Genau wie der Autofahrer. Wahrscheinlich wieder einer von diesen Junkies, dachte er, bis unter die Kinnlade zugedröhnt mit Amphetamin. Sinnlose Vergeudung.

Sie hatten keine Ahnung vom wirklichen Leben. Diese ganzen grauen Zombies, die verzweifelt versuchten, dem, was sie Leben nannten, irgendetwas abzuringen, das Sinn, oder was auch immer, mit sich bringen sollte. Sie wussten nichts, erkannten nichts, waren blind geboren und würden blind sterben.

Er war anders.

Es war der Moment seiner Wiedergeburt, in dem alles einen Sinn ergab. Vor fast einem Jahr hatte er sich zum ersten Mal im System eingeloggt. Wie ahnungslos er doch gewesen war. Wie hatte er dieses öde Dasein nur ertragen können? Jetzt hatte er seinem Leben eine Bedeutung gegeben.

Er hatte sie gesehen. Die goldene Stadt. Nein, er hatte sie zum Leben erweckt, mit der schöpferischen Kraft seiner unsterblichen Seele. Er war wiedergeboren und erlöst. Er war auserwählt. Er war jetzt bereit, sein Erbe anzutreten, und Anteil an dem unendlichen Reichtum dieser neuen Weltordnung zu haben.

Er legte den Kopf in den Nacken und ließ seinen Blick über den Nachthimmel gleiten.

Realität? Was ist real? Was ist wahrhaftig? Die Sterne? Das Licht, das sie abstrahlen, ist seit Millionen Jahren unterwegs. Schon vor der ersten Eiszeit hatten sich die Strahlen auf ihren Marsch durch den Kosmos gemacht. Wie soll man wissen, ob diese Sterne wirklich sind? Vielleicht sind sie nur eine Imagination von etwas, das mal war. Was also ist real? Was ist wahr?

Es gibt nur ein wahres Leben, dessen Nährboden durch zwei Flussläufe getränkt und zum Leben erweckt wird. So wie das Heilige Land im Altertum von Euphrat und Tigris genährt wurde. Nur hießen die beiden Flüsse der Moderne, oder die beiden Sprachen, wenn man so wollte 1 und 0. Positiv und negativ. Strom an und Strom aus. Und es ging nur darum, aus diesen beiden Flüssen zu schöpfen, sich zu laben, sich daran satt zu trinken und darin einzutauchen.

Zukünftige Generationen würden sich diesen beiden Wegen, diesem zentralen Lebenskonflikt gegenüber sehen. Jeder Mensch würde seine eigene Entscheidung treffen müssen. Virtuelles Glück - oder ein fades Leben in einer Realität voller unerfüllter Sehnsüchte?

So gesehen war er ein Vorbote, ein Prophet, ein Heilsbringer.

Angesichts der tiefen Verzweiflung, mit der dieser Weg begonnen hatte, erschien es ihm rückblickend wie ein unverdienter Segen. Er erinnerte sich genau an den Tag, an dem gleichermaßen Ende und Anfang eingeläutet worden waren.

„Wir haben ein Pankreaskarzinom festgestellt“, hatte der Arzt geschäftsmäßig verkündet. Sein Blick: eine Mischung aus Bedauern und Ernsthaftigkeit. An der Wand prangten die Röntgenbilder, skurril angestrahlte Knochengebilde auf schwarzem Grund.

„Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass es sehr ernst ist.“ Der Doktor hatte seine Stimme noch etwas gesenkt, vermutlich, um diesem Moment grausiger Enthüllung noch mehr Dramatik zu verleihen. „Aber es gibt Methoden, die helfen können.“ Der Zusatz „ aber das ist leider sehr, sehr unwahrscheinlich“, blieb wie das Schwert des Damokles in der Luft hängen.

Er hatte ihn nur verständnislos angesehen. Pankreaskarzinom? Was um Himmels willen bedeutete das?

In den Wochen danach lernte er schnell, dass sie eine eigene Sprache, ein eigenes Vokabular hatten, auf den weißen, sterilen Fluren des Leids.

Endoskopische, retrograde Cholangieopankreatographie. Oder perkutane, radiologische Gallengangprothese. Als könne man sich die Hässlichkeit der Sache mit ein paar klinisch sauberen Namen vom Leib halten.

Die Metastasen hatten gestreut. Sie mussten ihm erst ein und später auch das andere Bein abnehmen. Wider Erwarten zeigte die Chemotherapie nach Monaten tatsächlich Wirkung.

Die Ärzte waren wieder optimistisch. Sprachen von einem Wunder. Er sei dem Tod im letzten Moment von der Schippe gesprungen. Nachdem die herzlichen Worte verklungen, das allgemeine Schulterklopfen beendet, alle gutgemeinten Glückwünsche heruntergeleiert, und der Nüchternheit des tristen Alltags gewichen waren, stellte er fest, dass ihn dieses Wunder als Krüppel zurückgelassen hatte. Nichts anderes als einen nutzlosen Krüppel, für immer gefesselt an einen Rollstuhl. Ein Leben, das keines mehr war.

Das Schicksal wendete sich zum Guten, als der Zauberlehrling in sein Haus und sein Leben kam. Er wollte etwas verkaufen. Eine andere Welt. In einer anderen Galaxie. Es hatte einiges gekostet, aber der Zauberlehrling hatte Wort gehalten.

Ihn fröstelte und er rollte zurück ins Haus.

Ein Blick auf den Monitor verriet ihm, dass das Programm immer noch auf seine Bestätigung wartete.

Einen kurzen Moment ließ er den Finger reglos über der Eingabetaste schweben.

Nur eine kleine Bewegung und das Herunterdrücken der Taste würde eine ganze Kette von Ereignissen auslösen, an deren Ende seine Wiedergeburt stehen würde. Die ganze Welt, oder zumindest der Teil davon, der für ihn von Bedeutung war, würde ihm huldigen. Wie einem Gott. Ja, das war es. Er war jetzt göttlich. Und seine Gemeinde würde ihn anbeten.

Er wollte diesen Triumph, den Rausch des Sieges, mit allen Sinnen auskosten.

Zugegebenermaßen war er auf den Zauberlehrling angewiesen. Er brauchte den Zauberlehrling, ohne ihn würde es nicht funktionieren. Und: ohne sein Geld ebenfalls nicht.

Er bestätigte die Anfrage und fühlte sich augenblicklich wie elektrisiert. Ein kurzer Rauschzustand, begründet durch die Tatsache, dass es kein Zurück mehr gab.

Die Transaktion war in Gang gesetzt. Der Ladebalken trat seinen geduldigen Marsch über den Monitor an. Nur noch ein kurzer Moment und das unsichtbare Visier wäre heruntergeklappt. Eine Flutwelle würde über die virtuelle Welt hinwegrollen. So massiv und so gewaltig, dass sie alles unter sich begraben würde. Er spürte die Erregung, die dieser Gedanke in ihm erzeugte. 1 und 0. Der Zauberlehrling hatte seine Arbeit gut gemacht.

Strom an, Strom aus. Virtuelle Realität. Er schenkte sich noch einen Whiskey ein, betätigte den Hebel seines elektrischen Rollstuhls und verließ das Büro.

Als er leise ins Schlafzimmer rollte, sah er seine Frau mit offenem Mund daliegen. Sie war beim Lesen eingeschlafen. In der Hand hielt sie noch das Buch, die Nachttischlampe brannte. Ein Bein lag auf der Decke.

Er hielt inne und betrachtete sie einen Moment. Sie war immer noch eine bemerkenswert gut aussehende Frau. Sein Blick wanderte langsam über ihren Körper. Der Brustkorb hob und senkte sich im Rhythmus ihres Atems. Ihre immer noch glatten Beine und der straffe Bauch waren das Ergebnis unzähliger Operationen, Beauty-Behandlungen und Privatstunden bei ihren Fitness-Coachs.

Sie war ihm nicht treu, das wusste er. In der letzten Zeit hatte sie sich nicht einmal besondere Mühe gegeben, es zu verbergen. Aber das hatte keine Bedeutung mehr. Sie war schon immer eine Lebefrau gewesen. Das Schweigen stand wie eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen ihnen. Ein Pakt, der vor peinlichen Auseinandersetzungen und gestammelten Halbwahrheiten schützen sollte.

So sollte es wohl sein. Sie hatte immer genug Geld, um sich das Leben leisten zu können, nach dem sie strebte. Im Gegenzug kümmerte sie sich um das Pflegepersonal und wärmte seinen verkrüppelten Leib und seine schlaffen Glieder in kalten Nächten. Letztlich nur eine andere Form der Prostitution und somit auch Teil dieser ereignislosen, langweiligen Leere.

Er verachtete sie, ihr hohles Getue: gesellschaftliche Verpflichtungen, geheucheltes Interesse, aufgewärmte Freundlichkeiten, dieses ganze belanglose Bla, Bla, Bla. Wie satt er all das hatte.

Als er sie so betrachtete, wurde ihm bewusst, dass er sich ekelte. Ja, das war das richtige Wort. Es war Ekel, den er empfand. Ekel vor seiner Frau. Und vor seiner eigenen Scheinwirklichkeit. Vor all dem, was ihn täglich umgab, und dem, was er diesen ganzen grinsenden Halbtoten, die in Wahrheit sein Leben beherrschten, vorgegaukelt hatte.

Er wandte sich ab. Der kleine Elektromotor summte ärgerlich auf, als er seinen Rollstuhl ins Badezimmer dirigierte. Er zog sich aus und ließ die Badewanne volllaufen. Als er seinen Oberkörper und die nutzlosen Stümpfe, die einmal seine Beine gewesen waren, an den Haltegriffen in das warme Wasser gleiten ließ, ächzte er vor Anstrengung. Er tauchte unter und genoss die angenehme Wärme, die seinen Körper umspülte. Einige Minuten blieb er einfach nur reglos liegen und starrte gedankenverloren auf die weißen Fliesen. Plötzlich spürte er seine volle Blase und ärgerte sich, dass er so in Gedanken gewesen war.

Dann begann er seinen Körper einzuseifen, als könne er all den Schmutz, all den Ekel aus seinem Leben waschen.

Das Geräusch, das er hörte, kam völlig unerwartet.

„Was zum Teufel …?“

Er stellte die Brause ab und lauschte einen Moment. Dann legte er den Kopf schief, um das Wasser aus dem Ohr laufen zu lassen. Er griff nach dem Handtuch. Nachdem er sich das Gesicht abgetrocknet hatte, verharrte er noch einen Moment.

Nichts.

Dann hörte er es wieder.

„Liebling - bist du wach?“ Seine Stimme zitterte. Er rubbelte sich mit dem Handtuch über den Kopf und hievte sich langsam und mühevoll in den Rollstuhl. Erneut lauschte er in die Stille. Dann legte er sich das Badetuch über die Hüfte und öffnete die Tür.

Auf das, was er sah, war er nicht vorbereitet.

Blut! Überall Blut!

Seine Frau lag blutüberströmt auf dem Bett. Die Augen blickten starr und leblos an die Zimmerdecke.

Benommen rollte er vorwärts. Dann nahm er eine Bewegung am Rand seines Sichtfeldes wahr. Eine Gestalt. Sie war maskiert. Ihm stockte der Atem.

Das Wesen war mit einer Art weißem Maleranzug bekleidet. Es war ein massiger Körper. Aufgeplustert und unwirklich. Es dauerte einen Augenblick, bis er weitere Einzelheiten registrieren konnte. Über die Füße waren Plastiktüten gestülpt. Auf dem Kopf saß eine schwarze Motorradhaube, aus dem Visier blickten stahlgraue Augen bewegungslos auf ihn herab. Die Hände steckten in Gummihandschuhen. In der einen ein Messer.

Blut. Es tropfte auf den Boden.

Als sich die Gestalt wie in Zeitlupe auf ihn zu bewegte, entrang sich seiner Kehle ein dünnes Wehklagen. Tief in seinem Inneren begann er zu begreifen, dass er unterlegen sein würde, dass das Blut gleich aus ihm herauslaufen würde. Er sollte recht behalten. Es war ein kurzer Kampf. Dann bohrte sich die Klinge unbarmherzig in seine Brust. Mit unglaublicher Klarheit nahm er den glühenden, alles versengenden Schmerz wahr.

Als er an sich hinunterblickte, sah er den Schaft des Jagdmessers wie einen Schandpfahl aus seinem Leib ragen.

Dann blickte er wieder auf. Die Augen seines Mörders waren immer noch vollkommen reglos auf ihn gerichtet. In dem Blick lag jetzt etwas Neugieriges, so, als wolle er ihn noch etwas fragen, etwas von ihm wissen. Die Gestalt neigte den Kopf leicht zur Seite und erinnerte an den traurigen, hoffenden Blick eines Hundes, der mit seinem Herrchen spielen möchte.

Kurz vor dem Ende dachte Peter Ewens, wie bedauerlich es doch sei, dass gerade jetzt, auf dem Zenit seines Erfolges, so ein Unglück geschehen musste. Wie durch einen trüben Nebel bemerkte er, dass starke Arme ihn packten, über den Boden schleiften und zurück in die Badewanne legten. Der letzte klare Gedanke, den der erfolgreiche Geschäftsmann und Firmengründer in seinem Leben hatte, war, dass irgendjemand diese ganze Sauerei auch wieder wegmachen musste. Vielleicht die Putzfrau?

Dann wurde er von einem Dunkel umschlossen, das von allen Seiten gleichzeitig kam.

2

Montag

Benommen blieb Mark van Groth noch ein oder zwei Minuten im Bett liegen, sammelte seine Gedanken und wehrte sich gegen den Drang, wieder einzuschlafen. Dann tastete er im Dunkeln nach dem Lichtschalter. Als er ihn gefunden hatte, gab seine Frau ein unwilliges Grunzen von sich und vergrub die hellen Locken noch tiefer im Kopfkissen.

Er nahm alle Kraft zusammen, schwang sich aus dem Bett, ging ins Badezimmer, klatschte sich Wasser ins Gesicht und zog sich an.

Der Morgen hatte schlecht angefangen. Nachdem ihn das schrille Klingeln des Telefons aus dem Schlaf gerissen hatte, hatte sich Lora, seine Kollegin gemeldet: „Hast du schon gefrühstückt? – Solltest du auch nicht … es gibt Arbeit!“

Mark rubbelte sich mit dem Handtuch durchs Gesicht und blickte in den Spiegel. Auf der neuen Polizeidienststelle sollte es doch ruhiger werden, dachte er. Danach sah es jetzt nicht aus.

Sie hatte ihm eine Adresse im Nobelviertel der Kleinstadt genannt, dann das Gespräch beendet.

Nachdem der erste Kaffee durchgelaufen war, tat das Koffein seine Wirkung. Die Autoschlüssel fand er in der Tasche seiner Jeans. Während er durch die Straßen der Kleinstadt fuhr, warf die Sonne ihre ersten Strahlen an den Himmel.

Mark fuhr durch das offene schmiedeeiserne Tor. Die Zufahrtsstraße war auf beiden Seiten mit Ulmen gesäumt, die wie grüne Zinnsoldaten Spalier standen. Der weiße Kies knirschte unter den Reifen. Eine Steinmauer umschloss das Grundstück; die parkähnliche Gartenanlage erinnerte Mark an eine Spielzeugeisenbahn. Er hatte keine Ahnung, wie all diese ordentlich gestutzten Pflanzen hießen. Waren das Buxbäumchen? Oder Rhododendren? Sein Vater hätte jetzt gesagt: Von Computern verstehst du was, Junge, aber von „Bloemen und Planten“ hast du keinen Schimmer. Recht hatte er.

Der Kiesweg mündete in ein Rondell, an dessen Spitze eine Steintreppe zum Eingangsportal des Hauses führte.

Vor der Treppe stand Lora und sprach mit einer Frau. Als er ausstieg, blickte seine Kollegin kurz zu ihm herüber. Die Frau stand mit dem Rücken zu ihm. Ihre ausladenden Hüften und der breite Rücken erinnerten ihn unwillkürlich an den Kofferaufbau eines Sattelschleppers. Er steckte sich eine Zigarette an. Als er näher trat, ließ er den Blick über die Fassade der Stadtvilla gleiten.

Die Frau hatte eine krächzende, fast heisere Stimme. Sie redete schnell. Viel zu schnell für einen schlechten Morgen.

„Das ist Frau Raditzki“, erklärte Lora und unterbrach damit deren Redeschwall. Mark reichte der Frau die Hand. „Sie ist Haushälterin der Familie Ewens. Heute Morgen wollte sie, wie üblich, im Haus putzen. Nachdem ihr niemand öffnete, bemerkte sie den Haustürschlüssel, der vor der Eingangstür lag. Anschließend sah sie das …“, Lora deutete auf den Boden.

Mark folgte ihrem Blick. Kleine rot-schwarze Kringel zeichneten sich unheilverkündend auf den Treppenstufen ab. Er zog an seiner Camel.

Die Haushälterin nickte eifrig: „Genau. Ich habe geklingelt und geklopft. Aber es hat niemand aufgemacht. Dann sah ich das Blut. Zuerst wollte ich reingehen, um nach dem Rechten zu sehen. Aber ich weiß, dass Herr Ewens nicht will, dass ich alleine im Haus bin. Also habe ich die Polizei angerufen. Es wird doch nichts passiert sein, oder?“

Mark kniete sich und betrachtete die Kleckse genauer. Sie waren schon leicht schwarz verfärbt und an der Oberseite rissig.

„Hast du dich schon umgesehen?“, murmelte er in Loras Richtung gewandt.

„Ich bin selbst gerade erst angekommen.“

„Dann drehe ich mal eine Runde ums Haus.“

Lora nickte nur stumm, öffnete ihren Notizblock, und wandte sich wieder der Zeugin zu.

Als Mark um die Hausecke bog, hörte er in einiger Entfernung lachende Kinder. Vermutlich waren sie auf dem Weg zu Schule. Er musste an seine dreizehnjährige Tochter Meira denken, die heute schon früher aus dem Haus gegangen war. Jetzt schrieb sie gerade eine Mathearbeit. Im Hause van Groth immer ein Grund großer Aufregung. Meira war, gelinde gesagt, nicht gerade ein Ass in Mathe. Eine Tatsache, die sie mit regelmäßiger Beständigkeit quittiert bekam.

Er trat an eines der Fenster und schirmte die einfallenden Sonnenstrahlen mit der Hand ab. Das geräumige Büro, in das er blickte, war mit Holzdielenboden ausgelegt. An den Stellen, an denen keines der gewaltigen Bücherregale aufragte, war die Wand mit dunklen Paneelen verkleidet. An der einen Seite war einer dieser altmodischen Kamine mit verschnörkelten Verzierungen in das Mauerwerk eingelassen. Auf der anderen Seite des Raumes thronte ein Schreibtisch aus dunklem Holz. Darauf sah Mark drei große Monitore. Der dazugehörige PC musste sich irgendwo im Bauch des hölzernen Ungetüms befinden. Das irritierte ihn. Solche Systemaufbauten kannte er eigentlich nur von PC-Gamern, die dieses Multi-Monitoring nutzten, um bei ihren Computerspielen zeitgleich mehrere Fenster geöffnet und zugriffsbereit zu halten. Die glatten, mattschwarzen Bildschirmflächen glotzten wie riesige Insektenaugen umher und wollten sich nicht so recht in das Bild der konservativen Büroeinrichtung einfügen.

Dann bemerkte Mark noch etwas. Hinter dem Schreibtisch hing ein gerahmtes Gemälde. Es zeigte einen Jungen, der an einer Kommode lehnte und einen bestimmten Punkt im Raum zu fixieren schien. Das Leinenhemd hing aus der Hose heraus und beulte sich am Bauch nach vorne. Der Blick des Jungen wirkte befremdend. Unergründlich.

Mark stellte sich auf die Zehenspitzen. Da war noch etwas anderes, das sein Interesse weckte. Es war ihm nicht gleich aufgefallen, aber jetzt sah er es. Die einfallenden Sonnenstrahlen warfen einen unsymmetrischen Schatten hinter den Bilderrahmen. Das Bild hing im Vergleich zur beträchtlichen Raumhöhe unverhältnismäßig tief. Gleichzeitig schien es seitlich leicht abgekippt.

Ungewöhnlich war auch, dass in dem Büro nicht die Ordnung herrschte, die er in Anbetracht des gepflegten Gesamteindrucks des Hauses erwartet hätte. Überall lagen Bücher, Blätter, Zeitungen und Schreibutensilien herum. Alles wirkte schmuddelig. Mark war sich sicher, dass es in diesem Büro muffig roch.

Unaufgeräumt und chaotisch. Er ging weiter und musste wieder an seine Tochter und die Schule denken.

Es ist auch einfach dieses blöde System, in das die Kinder mit aller Gewalt gepresst werden.

Arbeit ist nun mal Leistung auf Zeit , hatte die Klassenlehrerin mit ihrem süß-sauren Lächeln erklärt. So ist das nun mal.

Schön und gut, aber Meira hatte eben ihre Stärken in anderen Bereichen. Sie war kreativ, erfinderisch, hatte Fantasie. Und wenn man ihr Zeit ließ, entstand immer etwas Wunderbares. Ihre produktivsten Zeiten waren immer die, in denen sie gerade nichts tat. Vor allem war sie ein freundlicher Mensch, der es verdiente, glücklich zu sein.

Mark fand sich, in seine Grübeleien versunken, plötzlich auf der Terrasse wieder. Er ließ den Blick über das Grundstück gleiten. Ein paar Bäume. Eine Teichanlage. Das Wasser war trüb. Seerosen schwammen zwischen Algen und grünem Schlick. Am Rand tummelten sich Wasservögel. Er drehte sich um. Neben der Terrassentür stand ein Fenster offen. Mist!

Als er näher herantrat, sah er, dass die Scheibe beschädigt, aber nicht zersplittert war. Mark wusste wie schwierig es war, eine doppelt verglaste Scheibe zu zertrümmern. Unerfahrene Einbrecher stellten sich das oft zu leicht vor.

Die Risse zogen sich wie ein Spinnennetz über die Doppelverglasung. Das Corpus Delicti lag unterhalb der Fensterbank: ein handballgroßer Steinbrocken. Ein Blumenbeet war mit weiteren dieser Steine eingefasst. In der weichen Erde daneben bemerkte Mark einen Fußabdruck.

Er sah sich das Fenster genauer an. An der Zarge und am Rahmen erwartete er die üblichen Hebelmarken als deutliches Zeichen eines Einbruchs. Verblüfft musste er nun feststellten, dass die Plastikteile völlig unberührt waren. Das Fenster selbst war mit Pilzkopfbeschlägen zusätzlich gesichert.

Aber warum stand es offen? Warum hatte jemand einen Stein dagegen geworfen? Neugierig schob er den Vorhang zur Seite. Ein spartanisch ausgestatteter Raum. Vermutlich ein Gästezimmer. Ein Bett, ein Schrank und eine Holztruhe. Die Möbelstücke waren wie unnütze Gepäckstücke lieblos abgestellt worden.

Als er zurückkehrte, lehnte Lora am Wagen und tippte etwas in ihr Handy. Sie hatte die Haushälterin inzwischen nach Hause geschickt.

Lora Woischny war fünf Jahr jünger als er. Vor einigen Wochen hatte sich Mark auf eigenen Wunsch auf die Landdientstelle im Hunsrück versetzen lassen. Dort gab es im Kriminaldienst mehrere Ermittlungsteams. Da alle, außer Lora, einen fest zugeordneten Kollegen hatten, hatte sie ihn jetzt eben an der Backe. Die anfänglichen Schwierigkeiten hatten sich zwischenzeitlich gelegt. Am Anfang war Mark Loras überpenible Art und ihr Hang immer alles genau und ordnungsgemäß machen zu wollen ziemlich auf den Nerv gegangen. Mit ihren langen, schwarzen Haaren die immer akkurat zum Zopf gebunden waren und der schwarzen Hornbrille erinnerte sie ihn irgendwie an die Super Nanny.

Daneben war ihm aber auch klar, dass sie mit seiner eigenbrötlerischen, manchmal laissez-fairen Art mindestens genauso viele Schwierigkeiten hatte.

Wahrscheinlich hatte das Verständnis für die Macken des anderen schließlich dazu geführt, dass sie inzwischen recht gut miteinander klarkamen.

Ihm war bewusst, dass sie von seiner Vergangenheit beim LKA wissen musste. Er hatte bei einem Undercover-Einsatz mitansehen müssen, wie ein Freund und Kollege von ihm erschossen worden war. Später hatte ihm sein Chef Vorwürfe gemacht und ihm die Schuld gegeben. Aber was spielte all das für eine Rolle? Trotz Therapie, Medikamenten und Alkohol – zu viel Alkohol – schleppte er die Last dieses Traumas mit sich herum, und er rechnete es Lora hoch an, dass sie ihn nie darauf angesprach. Mit Sicherheit hatte sie das Hintenrumgerede und all die kursierenden Halbwahrheiten gehört.

Mark öffnete den Kofferraum und nahm zwei paar Latexhandschuhe und Gummiüberzieher für die Schuhe aus seiner Tasche. Er reichte Lora auch ein Paar.

Sie blickte ihn fragend an.

„Vermutlich ein Einbruch, vielleicht steckt aber auch mehr dahinter“, verkündete er kurz angebunden. Dann erzählte er ihr, was er gefunden hatte.

Nachdem sie die Schutzbekleidung übergezogen hatten, um nicht selbst irgendwelche Spuren zu hinterlassen, nahm Lora den Schlüssel, den die Putzfrau vor der Haustür gefunden hatte. Mark drückte seine letzte Kippe aus und überlegte kurz, sie wegzuschnippen. Dann steckte er den angekokelten Stängel aber zurück in die Schachtel, was ihm ein wohlwollendes Kopfnicken seiner Kollegin einbrachte. Bloß keine Spuren verursachen.

Sie betraten das Haus. Das ovale Foyer war an beiden Seiten von breiten Treppen eingefasst, die bogenförmig ins Obergeschoss führten. An einer Seite war ein Treppenlift montiert. Die zweiflüglige Eichentür an der Stirnseite der Eingangshalle war mit aufwendigen Holschnitzereien verziert. An den Wänden entlang der Treppe hingen Bilder von streng blickenden Männern in altertümlichen, schwarzen Anzügen. Mark hatte den Eindruck, dass sie sich aus ihren Rahmen nach vorne beugten, um drohend und grimmig auf etwaige Besucher herabzuschauen. Der Boden war mit Solnhofener-Platten ausgelegt. Von der Decke hing ein schwerer Kronleuchter.

Mark fröstelte. Alles wirkte so kalt.

Die kleinen Kleckse geronnenen Blutes bemerkten sie gleichzeitig. Im Gegensatz zu dem Blut vor der Haustür war dieses hier weniger eingetrocknet und noch nicht rissig. Die Spur verlief über den rechten Treppenaufgang und führte nach oben.

In diesem Moment hörten sie ein lautes Poltern aus dem Obergeschoss. Mark und Lora zogen ihre Dienstwaffen und drückten sich mit dem Rücken an die Wand. Einige Augenblicke standen sie reglos da und lauschten. Nichts.

Mark spürte das vertraute, starke Gefühl der Ruhe, den dieses kalte Stück Metall, das er jetzt mit beiden Händen vor sich auf den Boden richtete, vermittelte. Es war, als hätte er wie in der Nibelungensage in Drachenblut gebadet. Wie ein unsichtbarer Schutzmantel.

Sie bewegten sich die Treppe hinauf: langsam und leise. Der Aufgang mündete auf einer Empore, von der mehrere große Holztüren in unterschiedliche Räume führten. Sie positionierten sich rechts und links der ersten Tür, die Waffen im Anschlag.

Mark öffnete leise die Tür und beide drehten sich wie zwei Tangotänzer zeitgleich, mit der nach vorne gerichteten Pistole, in den Raum.

Die Ursache des Rumpelns entpuppte sich als vorwitziger Fensterladen, der in eben diesem Moment erneut gegen die Außenseite der Hauswand schlug. Lora atmete vernehmlich aus. Mark verzog das Gesicht. Böser Fensterladen!

Die erste Leiche fanden sie im Schlafzimmer. Der Anblick war grotesk und verschlug ihnen den Atem. Die Frau lag mit dem Rücken auf dem Bett, der Kopf war auf dem Kissen leicht nach hinten abgeknickt, so dass die toten Augen ausdruckslos an die Zimmerdecke glotzten. Die Kehle, eine einzige klaffende Wunde. Sie war mit mehreren Schnitten vollständig durchtrennt worden. Mark hörte Lora aufkeuchen.

Das geronnene Blut bedeckte die weiße Haut unterhalb des Halses mit einer schwarzen Kruste. Der gesamte Torso war mit Einstichstellen übersät, die den jetzt blutleeren Leib in eine skurrile Mondlandschaft mit kleinen roten Kratern verwandelte. Der rechte Arm lag ausgestreckt neben dem Körper. Der linke angewinkelt auf der Brust. Die Hand bedeckte den Mund. Mark trat näher. Auf ihrer Stirn befand sich eine Schnittwunde. Nein, da war etwas eingeritzt. Eine Zahl. Jemand hatte ihr eine 1 in die dünne Haut geritzt.

Die Leiche schien in einer Lache aus sämig-roter Pampe zu schwimmen, die nicht vollständig von der Matratze aufgesogen werden konnte. Die Wand war übersät mit Blutspritzern. Auf dem Boden, an den Möbeln, überall Blut! Der Geruch des Todes lag schwer in der Luft.

„Da war wohl jemand stinksauer“, entfuhr es Mark. Lora antwortete nicht.

Im angrenzenden Bad stand ein Rollstuhl. Eine Blutspur wies den Weg zur Badewanne. Ein roter See, aus dessen Mitte der Griff eines Messers aufragte - wie eine Kirchturmspitze aus einer versunkenen Stadt.

„Was ist das?“ Lora blickte fassungslos auf die Szene.

„Da liegt einer drin.“

„Und was jetzt?“

„Schauen wir nach.“

„Quatsch. Lass das.“

„Wieso?“

„Die Spurensuche wird dich verfluchen.“

„Tun die doch sowieso immer.“

Mark machte sicherheitshalber ein Bild mit seinem Handy. Dann zog er den Stöpsel, der an einer silbernen Kette befestig war, aus dem Abfluss. Wasser und Blut verschwanden mit protestierendem Geblubber in die Kanalisation. Stück für Stück wurde ein grauenhaftes Bild freigelegt.

Zuerst tauchte ein massiger Fleischberg auf. Die käsige Haut von Bauch und Brust war aufgedunsen. An den Armen waren mehrere Schnittwunden. Sie waren nicht tief. Ganz anders als die Einstichstelle in der Brust. Das Jagdmesser war bis zum Heft in den Körper gerammt worden.

Dann tauchte der Kopf auf. Das teigige Gesicht war kalkweiß und aufgebläht. Die Augen waren weit aufgerissen und glotzten die beiden in stummer Klage an. Dann kam der Mund. Unwillkürlich wendete Lora sich ab, angewidert von dem, was sie sah. Die Lippen waren mit einem Faden zusammengenäht und sahen aus wie eine hässliche Narbe. Auf der Stirn prangte eine blutrote 0.

Das Wasser war jetzt zur Hälfte abgelaufen.

Da wo Beine hätten sein sollen, ragten zwei Stümpfe aus dem Leib. Im ersten Moment sah es so aus, als wäre die Leiche auf diese Weise verstümmelt worden. Dann bemerkte Mark die angewachsene Haut auf der Unterseite, die auf eine medizinische Amputation der Beine hindeutete.

Als das Wasser abgeflossen war, trat Lora näher. Vorsichtig hob sie die Leiche an der Schulter etwas an. Dann bohrte sie ihren Daumen in den Rücken des Toten.

„Leicht wegdrückbar, Leichenstarre ist bereits voll ausgeprägt“, sagte sie, während sie vorsichtig versuchte, das Ellenbogengelenk des Opfers zu bewegen. „Vielleicht sechs bis sieben Stunden tot. Was meinst du?“, sie klang geschäftig. Ihre Art, mit diesem grauenvollen Szenario fertig zu werden, dachte Mark.

„Könnte gut sein. Wobei die Leichenflecken auch täuschen können. Die Anziehungskraft verringert sich im Wasser.“

Er verließ das Schlafzimmer. Im Flur setzte er sich auf die Treppe und holte sein iPhone aus der Tasche. Lora, die ihm gefolgt war, sah ihn fragend an: „Rufst du auf der Dienststelle an?“

„Nein, ich ruf meine Frau an, und sag ihr, dass es heute Abend später wird.“

„Mark!“ Lora schüttelte energisch den Kopf und bedachte ihn mit einem finsteren Blick. „Ich kann manchmal nicht glauben, dass wir die gleiche Ausbildung durchlaufen haben.“ Wütend stampfte sie an ihm vorbei. Dann hielt sie inne und fügte etwas ruhiger hinzu: „Gib mir bitte mal den Autoschlüssel, ich hol schon mal die Kamera und sag selbst Bescheid.“

Er ging zurück ins Schlafzimmer. Einen Moment blieb er stehen und überlegte. Er wollte die Bilder, die Atmosphäre, einfach alles ungefiltert auf sich wirken lassen.

Jeder Tatort hat eine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte über die Opfer. Eine Geschichte über den Täter. Nie wieder würde er diesen Raum so sehen wie gerade jetzt in diesem Moment. In einer Stunde würden die Kollegen der Spurensicherung hier ihre Scheinwerfer aufstellen, Gegenstände mit Rußpulver abpinseln, Karteikarten verteilen und Umrisse der Leichen einzeichnen. Der Raum würde mit Leben gefüllt werden.

Jetzt war er kalt und tot. So ursprünglich und unverfälscht gab es das nur jetzt. Er blieb im Türrahmen stehen und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Er wollte, die Eindrücke mit allen Sinnen in sich aufnehmen. Alles einzusaugen wie ein Schwamm. Er wollte sich Einzelheiten einprägen, das finden, was die Augen nicht sehen können.

„Was ist hier passiert? Was hast du gemacht?“, murmelte er leise vor sich hin. Er versuchte, sich das mögliche Szenario des Tatablaufs vorzustellen. Eine Methode, die er während seiner Zeit bei der Mordkommission bei einem älteren Kollegen beobachtet hatte. Es ging um das intuitive Erfassen der Umgebung, der Umstände und der Tathandlung. Ein Ansatz, der im Ergebnis keine zählbaren Fakten lieferte, aber dem Ermittler eine besondere Beziehung zur Tat geben konnte. Mark wusste, dass man das nicht erklären konnte. Von vielen wurde es nur belächelt. Es war etwas, das nur emotional aufgenommen werden konnte.

Er blickte auf die Leiche der Frau. Es sah so aus, als würde sie den Zeigefinger über die Lippen legen, und den Beobachter zum Schweigen auffordern. Warum hatte der Mörder sie so übel zugerichtet? Das war nicht nur ein Mord. Das war eine Zurschaustellung. Dann blickte er auf die klaffende Halswunde. Wollte ihr Mörder sie mundtot machen? Wollte er selbst gehört werden? Eine Aussage machen? Es geht um die Stimme. Den Mund. Um Worte, um Sprache.

Die andere Hand deutete direkt auf Mark. Nein, sie deutete ins Badezimmer. Plötzliche wusste Mark was er suchte.

„Die Spurensicherung wird mich nicht nur verfluchen, die werden mich lynchen.“

In dem Hängeschrank über dem Waschbecken fand er, was er brauchte. Eine kleine Fingernagelschere. Er fixierte den Kopf des Toten mit der linken Hand und durchtrennte vorsichtig den roten Faden, der den Mund verschloss. Durch die geöffneten Lippen konnte er erkennen, dass sich etwas im Mund befand. Es sah aus wie ein Stück Plastik.

Mark wusste, dass die Totenstarre im Kieferbereich am stärksten ausgeprägt war und er musste seine ganze Kraft aufwenden, um den festgewachsenen Kieferknochen nach unten zu drücken. Als die Öffnung groß genug war, bohrte er Zeigefinger und Daumen an den Schneidezähnen vorbei in die Mundhöhle. Ein kleines Plastiktütchen kam zum Vorschein. Jemand hatte ein Stück Papier darin eingeschweißt. Er öffnete das Plastik vorsichtig und entfaltete einen kleinen Zettel. Die Nachricht war mit Blut geschrieben.

Mark starrte fassungslos auf das, was er sah.

In diesem Moment bewegte sich die Leiche und stieß ein gurgelndes Geräusch aus.

***

Logbucheintrag - Die Anfänge –

ΔΑΙΜΩΝ, ΕΛΠΙΣ, ΑΝΑΓΚΗ, ΕΡΩΣ, ΤΥΧΗ

Wir haben beschlossen, uns von Ihnen zu trennen.“

Die Worte treffen mich wie eiskaltes Wasser. Sie hallen in meinem Kopf nach.

Die Firma ist Ihnen zu Dank verpflichtet für Ihren engagierten Einsatz. Dennoch sehen wir uns zu diesem Schritt gezwungen. Natürlich werden Sie eine beträchtliche Abfindung erhalten. Die Firma ist immer fair zu ihren Mitarbeitern.“

Jetzt blickt er auf seine Uhr. Ich bin eine lästige Verpflichtung. Er nickt mir freundlich zu. Er wünscht mir das Beste für meine Zukunft. Elegant hat er mich aus seinem Terminkalender, seinem Leben und aus der Firma entfernt.

Wut! Sie wallt in mir auf. Entsetzliche, alles vernichtende, todbringende Wut. Weiß er denn nicht, wer ich bin? Wie kann er es wagen! Ich habe ein heiliges Anrecht. Das ganze Projekt ist mein Kind. Mein geliebtes Kind! Mein Erstgeborenes. Sie wollen es mir entreißen. Niemals! Niemand hat ihm so viel gegeben wie ich. Ich habe es unter Schmerzen geboren, habe es groß gezogen. Ich habe es an meine Brust gedrückt. Ich habe dieses Leben programmiert. Ich habe Tencity den Atem der Ewigkeit eingehaucht. Oh nein, sie werden mich nicht von meinem Kind trennen. Ich lasse es nicht zu.

Niemals!

Ich schlage zu. Treffe seine Nase. Ich schlage wieder zu. Die Lippen platzen auf. Und wieder. Blut kriecht aus seinen Nasenlöchern. Härter, wilder, fester, wütender. Überall Blut. Sein schönes weißes Hemd: voller Blut. Blut und Schleim. Dann umklammere ich seinen Hals. Und drücke zu. Drücke fester. Er ringt nach Atem. Der Todeskuss. Wir tanzen … und tanzen …

Jemand zerrt an meinem Arm. Stimmen. Sie rufen etwas. Ich höre es aus weiter Ferne. Trüber Nebel. Nein, ich kann jetzt nicht mehr aufhören.

Auslöschen. Vernichten. Töten. TÖTEN!

Das letzte, was ich spüre - kühle Elektroden - an meinem Hals. Böse Männer vom Sicherheitsdienst. Böser Taser! Es klickt. Summt. Elektrischer Strom fließt wie heiße Lava durch meinen Körper. Nimmt mir den Willen. Nimmt die Kontrolle.

Schwärze.

***

3

„Was ist, hast du einen Geist gesehen?“, Lora versuchte sich an Mark vorbeizuschieben um ins Badezimmer zu gelangen.

„Die Leiche hat sich eben noch mal mit mir unterhalten. Mist! Für einen Moment sind alle Zombi-Filme an mir vorbeigezogen, die ich jemals gesehen habe.“

„Ja, ist immer wieder gruselig, wenn die Toten noch mal zum Leben erwachen.“

Lora hatte dieses Phänomen selbst schon oft beobachtet: Wenn eine Leiche nach dem Auffinden bewegt wird, geschieht es häufig, dass die in der Lunge verbliebene Luft nach oben, in Richtung Luftröhre gepresst wird und sich den Weg in die Freiheit sucht. Das kann von einem rülpsenden Geräusch begleitet werden. Eben das war geschehen, als Mark die Leiche des männlichen Opfers in der Badewanne untersucht hatte. Mark stand immer noch wie versteinert da.

„Na komm, jetzt beruhig dich mal wieder. Hast doch sonst Nerven aus Stahl.“ Lora drehte an den Knöpfen der Kamera herum. „Ich hab übrigens Bescheid gesagt, die anderen kommen gleich. Die Spurensuche aus Koblenz wird in einer Stunde hier sein und den Tatort übernehmen und …“ Sie hielt inne, als sie bemerkte, dass Mark etwas in seinen Händen hielt und wie gebannt darauf starrte.

„Was ist das?“

Mark hielt ihr den Zettel hin und sie las laut vor:

Der Zauberlehrling

Walle, walle, manche Strecke,

daß zum Zwecke BLUT fließe,

und mit reichem, vollem Schwalle

zu dem Bade sich ergieße!

J. W. von Goethe

23.42

„Wo hast du das her?“

„Aus seinem Mund.“

„WAS?!“

„Das war in seinem Mund.“

Jetzt erst bemerkte Lora die durchtrennten Fäden.

„Bist du wahnsinnig?“, fauchte sie ihn an. Dann gewann die Neugier wieder die Oberhand. Sie richtete ihren Blick erneut auf den Zettel: „Und was bedeutet das?“

„Keine Ahnung. Ich vermute, dass da jemand ein Spielchen mit uns spielen will.“

„Ich dachte, so was gibt's nur im Fernsehen.“

„Anscheinend gibt's das auch hier“, murmelte Mark.

„Das ist von Goethe.“

„So steht's da jedenfalls.“

„Nur, das mit dem Blut stimmt nicht.“

„Was meinst du?“

„Kennst du den Zauberlehrling denn nicht?“

„Doch schon, ich hab als Kind sogar mal bei einer Theateraufführung mitgespielt.“

„Normalerweise soll Wasser fließen, nicht Blut.“ Sie deutete auf den Text.

„Sieht so aus, als hätte unser Mörder den Text etwas verändert“, Mark zeigte auf die blutverschmierte Badewanne. „Er war sich mit dem Blut jedenfalls sehr sicher – hat sein kleines Gedicht auch mit Blut geschrieben.“

„Echt?“ Lora blickte erneut auf den Zettel.

„Es sieht jedenfalls so aus.“

„Und was bedeutet 23.42? Soll das eine Unterschrift sein?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Und den Zettel hat er im Mund gehabt? Wie ging das denn?“

„Der war hier drin.“ Mark hielt das aufgerissene Tütchen hoch.

„Die Spurensicherung wird dich nicht verfluchen. Nein, die werden dich umbringen! Mist, die kommen gleich.“

Ich weiß , dachte Mark. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Er war auf der Suche nach einer Antwort – oder war es die richtige Frage? Ohne ein weiteres Wort verließ er den Raum. Lora schnitt eine Grimasse hinter seinem Rücken.

Es war der andere Raum, der Raum, den er durch das Fenster gesehen hatte, der ihn am meisten interessierte. Als er die zweiflügelige Tür öffnete, stellte er als erstes fest, dass er recht gehabt hatte. Es roch muffig.

Er ließ den Blick durch den Raum schweifen. Auf dem Boden waren Krümel, im Regal standen Essensreste und der Papierkorb quoll über.

Er ging zu dem Schreibtisch. In einem Fach unter der Arbeitsplatte steckte der PC. Mark zog den blechernen Kasten heraus. Er war kein Experte für Computer-Hardware, aber er wusste, dass er hier einen High-End Gaming PC der Extraklasse vor sich hatte. „Was hast du damit getrieben, alter Mann?“

Er drehte sich um und zog am Rahmen des Gemäldes, das er zuvor schon betrachtet hatte. Seine Vermutung bestätigte sich. Der Bilderrahmen hob sich weiter von der Wand ab und gab den Blick auf einen wuchtigen Safe aus dunklem Stahl frei. Das Drehrad für die Zahlenkombination befand sich in halber Höhe. Ein Code erwies sich als entbehrlich. Die Stahltür war nur angelehnt.

Vorsichtig öffnete Mark sie. Im oberen Bereich befand sich ein Ablagefach. Mit der Hand tastete er hinein und entdeckte eine kleine Dose. Sie enthielt fünf längliche Tablettenkapseln. Die eine Seite war hellblau, die andere durchsichtig und darin konnte er winzig kleine, grünliche Körner erkennen. Er tastete erneut in das Innere und holte ein dunkelrotes Tuch und eine blond gelockte Perücke hervor. Er entfaltete den Stoff. Abendgarderobe aus Seide. Ein Damenkleid. Darin eingewickelt ein breiter, beigefarbener Gürtel mit runder Messingschnalle.

Plötzlich rumpelte es in dem Safe. Er wich unwillkürlich einen Schritt zurück und stieß gegen den Schreibtisch. Etwas Großes, Schwarzes kam ihm entgegengerollt. Noch nie im Leben hatte Mark so etwas gesehen. Bedrohlich polterte dieses Etwas auf die Holzdielen. Es bewegte sich noch einige Male wippend hin und her und verharrte dann reglos. Es sah aus wie ein riesiger Tintenfisch mit überdimensionalen Tentakeln, die sich nach ihm ausstreckten.

***

Logbucheintrag – Die Anfänge -

ΔΑΙΜΩΝ, ΕΛΠΙΣ, ΑΝΑΓΚΗ, ΕΡΩΣ, ΤΥΧΗ

Es weiß kein Mensch, was ich tue und mit wie vielen Feinden ich kämpfe, um das Wenige hervorzubringen!

Ich schreibe diese Zeilen. Ich bin geführt. Die Menschheit darf ihre Geschichte nicht vergessen.

Sie darf meine Geschichte nicht vergessen. Ich muss von den Anfängen erzählen. Aber wo ist der Anfang? Mein Leben ist vorherbestimmt. Es scheint, dass jeder Atemzug, jeder Gedanke einem tiefen, unergründlichen Plan dient.

Wo also beginnen?

Jetzt, da ich mich als würdig erwiesen habe, werde ich alles aufschreiben, damit künftige Generationen begreifen, was es mich gekostet hat, mein Leben als Opfer hinzugeben.

Im Grunde begann es in Verzweiflung – wie so oft. Ich erinnere mich noch genau.

Tencity – meine Schöpfung - mein geliebtes Kind.

***

Sie hatten den Tatort an den Erkennungsdienst übergeben. Alle Fragen waren beantwortet und alle nötigen Erklärungen abgegeben worden. Jetzt standen die Ermittler des Kriminaldienstes vor dem Haus des ermordeten Ehepaares. Während des normalen Arbeitsalltags hatte jeder der Mitarbeiter seinen eigenen Fachbereich: Betäubungsmittelkriminalität, Vermögensdelikte und Internetkriminalität. Bei schwerwiegenderen Verbrechen mussten die alltäglichen Arbeiten zurückgestellt werden. Nur durch das Gründen einer Soko konnten letztlich alle anstehenden Aufgaben abgearbeitet werden.

Mark wirkte etwas zerknirscht, hatte er doch zuvor die erwartete Schelte wegen seines eigenmächtigen Handels über sich ergehen lassen müssen. Die Kriminaltechniker hatten geflucht.

Trotz allem hatte er die Schwarze Krake, wie er das Monstrum aus dem Safe nannte, und den PC noch schnell ins Auto geladen. Die forensischen Auswertungen würde er keinem anderen überlassen. Er hatte schließlich nicht umsonst jahrelang im Bereich der Internetkriminalität gearbeitet.

Während Lora den anderen kurz erklärte, was sie bisher wussten, war er mit den Gedanken schon im Internet. Er hatte einige gute Ideen, wie er etwas zu der Krake herausbekommen könnte. Vermutlich würde das einiges an Recherchearbeit mit sich bringen. Mark war sich sicher, dass der Tod der beiden irgendwie mit den Sachen aus dem Safe zusammenhing.

Warum hatte der Safe offen gestanden? So, als sollte man dort etwas finden … Und dann war da noch die Sache mit dem Zauberlehrling. 23.42. Irgendeine Bedeutung musste das haben.

„… vielleicht könntest du dazu etwas sagen. Mark?“ Der Klang seines Namens riss ihn aus seinen Grübeleien. Alle blickten ihn an, während sich seine verklärten Augen langsam wieder scharf stellten und er zurück ins Hier und Jetzt driftete.

„Genau, es ist so, dass wir hier einen äußerst brisanten Fall haben. Wichtig scheint im Moment vor allem, dass wir so schnell wie möglich mehr Informationen erlangen, um weitere Ermittlungsschritte in Angriff nehmen zu können, und …“

„Mark!“ Lothar Köhler, Inspektionsleiter der Polizei Simmern war ebenfalls an den Tatort gekommen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Jetzt unterbrach er ihn scharf.

Das Verhältnis zu seinem Chef war für Mark nicht immer ungetrübt. Lothar Köhler war ein Gendarm von der alten Sorte. Ein bärbeißiger Griesgram, dessen konservative Ansichten einen krassen Gegensatz zu Marks laissez-faire Art darstellten. Im Grunde war es nur eine Frage der Zeit, bis die beiden aneinander gerieten – wobei natürlich außer Frage stand, wer am längeren Hebel saß.

„Ich weiß, dass du nicht zugehört hast. Die Frage war, was das für eine komische Kugel war, die du eben im Kofferraum verstaut hast.“

Mark wusste, dass Köhler sowieso stinksauer war, weil er den Tatort, und vielleicht auch wichtige Spuren eigenmächtig verändert hatte.

„Ich hab im Moment nur so eine Ahnung, was dieses Ding sein könnte. Ich meine, etwas Ähnliches schon mal in einer Computerzeitschrift gesehen zu haben. Wenn sich mein Verdacht bestätigt, haben wir es hier aber mit einem äußerst brisanten Fall zu tun. Deshalb scheint es im Moment vor allem wichtig, so schnell wie möglich mehr Informationen zu erlangen, um weitere Ermittlungsschritte in Angriff nehmen zu können.“

So ziemlich alle in der Runde verdrehten genervt die Augen. Einige lächelten auch still vor sich hin. Köhler blieb beunruhigend ernst.

Ist ja mal wieder typisch , dachte Mark. Kann nicht lachen, wenn er mal auf die Schippe genommen wird. Das war ihm schon öfter bei Leuten aufgefallen, die permanent auf dienstlichen Modus geschaltet hatten.

Es war, als ob ihre Persönlichkeits-Computer nur ein sehr begrenztes Programm hätten. In diesem Fall hatte Köhler, nachdem er „Mark hat einen Witz gemacht“ eingetippt, und auf den Suchknopf gedrückt hatte, auf seinem geistigen Bildschirm eine Meldung erhalten, die lautete: „UNGÜLTIGE ANWEISUNG“: „DATEI NICHT GEFUNDEN“: „MARK HAT EINEN WITZ GEMACHT“ NICHT GEFUNDEN: „FÜR HILFE „F1“ DRÜCKEN“.

Köhler wandte sich an Lora: „Was wissen wir bis jetzt über die Ermordeten?“

„Wir haben bereits eine Komolettrecherche des LKA vorliegen. Die Daten wurden uns eben zugesandt. Peter Ewens ist 1951 in Frankfurt a. M. geboren. Er stammt aus einer Lehrerfamilie und hat nach seinem Schulabschluss Chemie studiert. Mit vierundzwanzig gründete er die Ewens Comp GmbH. Die Firma expandierte rasch und es gibt bis heute mehrere Tochterfirmen in Deutschland, der Schweiz und den USA. 2009 wurde bei Ewens ein Krebsgeschwür diagnostiziert. Die Ärzte mussten ihm beide Beine abnehmen. Seitdem saß er im Rollstuhl. Da er die Firma aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiterführen konnte, verkaufte er 2010 an die ContiTeverLife GmbH. Wir können also davon ausgehen, dass Ewens sehr vermögend ist.“

Unwillkürlich wandten sich die Köpfe in Richtung des villenähnlichen Anwesens. Die Blicke glitten über die imposante Fassade.

„Außerdem war er Jagdpächter. Er hat ein eigenes Jagdhaus im Soonwald.“ Lora sah mehrere Bilder auf ihrem Pad, die Peter Ewens im grünen Rock, mit Jagdhorn, Gewehr und grünem Filzhut mit Feder zeigten. „1978 heiratete er seine dreizehn Jahre jüngere Frau, Katharina Ewens, geborene Monschauer. Nach drei Jahren Ehe kam der einzige Sohn auf die Welt, Bernhard Ewens. Katharina war sozial sehr engagiert. Sie war Vorsitzende in verschiedenen Wohltätigkeitsorganisationen. Außerdem war sie in etlichen Vereinen als Mitglied registriert.

Der Junge, Bernhard, wurde von den Ewens im Alter von zehn Jahren in ein Kinderheim für Hochbegabte abgegeben. Anscheinend eine Folge familiärer Schwierigkeiten. Bernhard arbeitet in der ehemaligen Firma seines Vaters.

Er heiratete vor fünf Jahren. Seine Frau heißt Monica, geborene Willems. Sie ist sechs Jahre älter als er. Es gibt keine Kinder. Die beiden wohnen in Sohren. Sie haben dort ein eigenes Haus, das 2008 gebaut wurde.“

Ein paar Enten watschelten aufgeregt an der Gruppe der ernstblickenden Kriminalbeamten vorbei und lenkten mit ihrem Gekräkel die Aufmerksamkeit auf sich. Es waren zwei Erpel, die sich allem Anschein nach im Streit um die Dame ihres Herzens befanden. Die Ente versuchte sich in panischer Flucht vor den zankenden Erpeln in Sicherheit zu bringen. Ihre Verehrer watschelten hinter ihr her, während sie sich gegenseitig wütend beschimpften und nacheinander schnappten.

„Ist ja wie im richtigen Leben“, bemerkte Karl trocken.

„Was meinst du?“ Reiner sah ihn von der Seite an.

„Die Weiber sorgen überall für schlechte Stimmung.“

Karl und Reiner erinnerten Mark immer an die beiden Opas, die in der Muppet-Schow auf der Ehrentribüne saßen und sich gegenseitig frotzelten. Am Ende lachten sich beide über ihre eigenen Witze kaputt.

Das Entenweibchen reckte den Hals nach vorne und beschleunigte wie ein Jet auf der Startbahn. Als sie abhob, waren die beiden Kontrahenten immer noch miteinander beschäftigt. Der Konflikt war jetzt in eine handfeste Prügelei ausgeartet.

„Seht ihr Jungs, irgendwo da draußen wartet jetzt ein anderer Erpel, der schlauer ist als ihr“, sagte Karl zu den beiden Wasservögeln, während er der Ente hinterherblickte.

„Redest du jetzt von dir oder von den Viechern?“ Beide fingen erneut an zu lachen, wobei sich ihre Köpfe ruckartig auf und ab bewegten.

„So, was haben wir noch …“ Lora versuchte, die Aufmerksamkeit der anderen zurückzuerlangen. Sie scrollte sich durch die verschiedenen Dokumente. „Genau, Bernhard spielt in einer Band. Iron Punch nennt sich die Truppe. Scheint ein ziemlich wilder Haufen zu sein. Seine Frau hat ein eigenes Blumengeschäft. Grünzeug. So heißt der Laden.

Bernhard ist mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten, wegen Schlägereien, Diebstählen, und vor allem wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Außerdem hat er noch einen Eintrag in seiner Kriminalakte als gewalttätig und … Messerstecher!

Lora machte eine kleine Pause um die letzten Worte wirken zu lassen.

4

„Das Solo ist noch etwas zu leise, das muss fetter kommen. So ein Solo ist der Höhepunkt eines Songs.“

Aus den Boxen krachte ohrenbetäubende Heavy-Metal-Musik. Berni, Lead Gitarrist von Iron Punch, wiegte das zottelige Haupt im Takt. Das Gesicht verzog sich in ekstatischem Vergnügen zu einer wilden Fratze. Zum vierten oder fünften Mal ließ er die Aufnahme des neuen Songs Steel Crusade von der digitalen Workstation nudeln.

Die anderen Bandmitglieder saßen auf der Couch und warfen sich genervte Blicke zu. Berni bemerkte es nicht.

„Hey Berni, hast du mal 'ne Kippe?“ Joe, ihr Sänger, ein schlaksiger 18-jähriger, der noch mit den letzten Pickeln zu kämpfen hatte, kratzte sich am Kopf. Seine neuen Dreadlocks, die ihn ein kleines Vermögen gekostet hatten, waren noch etwas ungewohnt und juckten bestialisch.

Berni klopfte sich erst das Hemd und dann die Hose ab. Als er die Schachtel schließlich gefunden hatte, warf er sie achtlos auf den Tisch. Nachdem sich alle bedient hatten und die ersten Züge hastig inhaliert waren, senkte sich ein zufriedenes Schweigen auf die Runde.

„Aber Gras hast du nicht zufällig dabei?“, Alex, der Drummer, schien die Gunst der Stunde nutzen zu wollen.

„Ist in meinem Gitarrenkoffer. Unter dem Stoffbezug.“ Berni ließ das Band noch mal ablaufen und starrte dabei wie gebannt auf die Pegelanzeige. „Kannst mir auch 'ne Tüte drehen?“, fügte er kurze Zeit später gedankenverloren hinzu. Keiner antwortete ihm. Die anderen waren vor die Tür gegangen.

Da er sich etwas ausgegrenzt fühlte, klickte er Steel Crusade noch schnell in den Wiederholungsmodus und steuerte den Ausgang an.

Er watete durch den Proberaum wie durch ein Minenfeld. Mit dem Fuß blieb er an einem herumliegenden Kabel hängen und riss dabei die Gibson-Akustikgitarre um, die er vorher achtlos an das Mischpult gelehnt hatte. Gleichzeitig stieß er mit dem Kopf gegen einen Mikrofonständer. Die Anlage war noch eingeschaltet. Sein Missgeschick wurde mit einem hallenden Krachen und einem gellenden Rückkopplungskonzert quittiert.

„Blöder Scheiß! Wieso muss hier alles rumliegen?“ Er hob die Gitarre auf. Die Kopfplatte war gerissen. Als er endlich den richtigen Lautstärkeschieber am Mischpult gefunden hatte, dröhnte ihm der Kopf.

Mit pfeifenden Ohren kam er an die frische Luft. Die Tüte war schon weggeraucht.

„Damit kommen wir ganz groß raus, sag ich euch. Das ist der Song, der uns in die Metal-Charts bringt.“

Keiner antwortete.

Berni schwadronierte weiter. Die alte, abgedroschene Litanei von imaginären Plattenverträgen, monatelangen Touren um die ganze Welt und Tausenden von Groupies, die ihnen die Klamotten vom Leib reißen wollten. Er endete wie immer auf der Center Stage bei Rock am Ring.

Alle anderen wollten nur Spaß haben und sich ein paar Joints reinziehen - möglichst auf Bernis Kosten.

„Scheint niemand da zu sein.“ Mark klingelte noch mal. Dann klopfte er mehrmals gegen die Tür. Nachdem wieder alles still blieb, wandte er sich mit einem Seufzer ab.

Das Haus von Monica und Bernhard Ewens befand sich im Neubaugebiet des kleinen Dorfes. Hier standen etliche großzügige Einfamilienhäuser. Die meisten verklinkert oder in pastellfarbenem Anstrich. Mit gepflegten Außenanlagen.

„Und jetzt?“, Lora versuchte durch eines der Fenster an der Vorderseite zu blicken.

„Schauen wir uns mal um.“

Hinter dem Haus stand ein Motorrad. Eine Suzuki Bandit. Der Motorblock war noch leicht warm.

Während Lora durch die Fenster spähte, folgte Mark einem kleinen Treppenabgang und drückte die Klinke der Kellertür. Mit einem lauten Quietschen schwang die Holztür nach innen auf und gab den Blick in einen niedrigen Kellerraum frei. Offensichtlich die Waschküche. Im hinteren Teil des Raumes befand sich eine kleine Blockbohlen-Sauna. Daneben stand eine Hantelbank. Der Duft frisch gewaschener Wäsche lag in der Luft.

„Mark!“, fauchte Lora vorwurfsvoll.

„Was denn? Die Tür war offen.“

„Gut, dann mach sie wieder zu und wir fragen mal bei den Nachbarn nach, wo die Ewens sein könnten.“ Lora versuchte möglichst grimmig dreinzublicken, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Als sie jetzt Marks lässiges Achselzucken bemerkte, fuhr sie fort: „Mark van Groth, du hast schon wieder diesen irren Blick! Wir gehen da nicht rein! Hast du schon mal etwas von einem richterlichen Beschluss für eine Hausdurchsuchung gehört?“

„Jep, möglich“, gab er genervt zurück. Dann hellte sich sein Gesicht auf, als hätte er eine plötzliche Eingebung. „Aber was ist, wenn da Einbrecher drin sind? Und wir sind die letzte Bastion, um das Vermögen dieser armen Leute zu schützen? Schlägt dein Schutzmanns-Herz da nicht höher?“ Er riss in gespieltem Entsetzen die Augenbrauen hoch, um flüsternd fortzufahren: „Hast du's auch gehört? Ich hab's gehört … Ich glaube, da drin ist jemand. Wir müssen jetzt da rein und nach dem Rechten sehen. Gefahr im Verzuge – oder wie das in den Polizeibüchern heißt.“ Mit diesen Worten verschwand er im Kellereingang.

„Mark! MARK! Da war absolut gar nichts und das weißt du! Lass den Blödsinn!“ Lora folgte ihm fluchend.

Der Keller bestand aus mehreren Abstellräumen, die größtenteils mit jeder Menge Kram und Klimper vollgestellt waren.

Über eine Wendeltreppe gelangten sie ins Erdgeschoss. Mark öffnete alle Türen und ging dann zielstrebig in ein Zimmer, das er als Büro ausmachte. Dort öffnete er die Schranktüren und Schubladen. Er überflog den Inhalt.

Lora, die jetzt hinter ihm stand, war stinksauer. „Und was jetzt? Suchst du deinen Einbrecher in den Schreibtischschubladen?“

„Wer weiß, vielleicht ist es ja ein extrem kleiner Mensch, der hier sein Unwesen treibt“, erklärte Mark unschuldig. „Schau du dich doch mal im Obergeschoss um.“

„Willst du mich jetzt loswerden? Weißt du eigentlich, dass das absolut illegal ist?!“

„Aber sehr effektiv“, murmelte Mark und zog einen Ordner mit Kontoauszügen aus dem Regal, ohne seine Partnerin weiter zu beachten. Lora drehte sich resigniert um und schlich leise und vermutlich mit reichlich schlechtem Gewissen ins Obergeschoss. Als sie in jedes der Zimmer einen unentschlossenen Blick geworfen hatte, schien sie sich zu besinnen.

„Was mach ich hier eigentlich, verdammter Mist!“ Ärgerlich stampfte sie wieder nach unten.

Als sie erneut in das Büro stürmte, hielt Mark ein Tütchen in der Hand. „Marihuana und Tablettenkapseln.“ Er hielt ihr den Fund hin. „Die Pillen sehen genauso aus, wie die, die wir bei dem alten Ewens im Safe gefunden haben.“ Er blickte Lora nachdenklich an. „Und mit dem Marihuana wollte sich wohl jemand ein paar schöne Stunden machen.“

Lora rümpfte die Nase. Ihre Wut war für den Moment ihrer Neugier gewichen.

„Gut, aber es beweist gar nichts. Vor allem, weil es keine Indizien sind, die wir haben dürften“, zum Ende war Lora lauter geworden. „Du kannst hier schließlich nichts mitnehmen.“

Mark schob sich an ihr vorbei. „Will ich ja auch gar nicht.“

Im Schlafzimmer wollte er gerade die Schubladen der Nachtischschränkchen aufziehen, als ihm etwas auffiel. Da war etwas. Unter dem Bett. Er bückte sich. Eine Sim-Karte.

In diesem Moment schellte es an der Haustür.

„Mist!“, zischte er und wirbelte herum. Ein Moment atemloser Stille, in dem sich die beiden mit angespannten Gesichtszügen ansahen. Vollkommen reglos. Dann hörten sie, wie jemand versuchte, einen Schlüssel in der Tür zu drehen.

„Nichts wie raus hier.“ Geistesgegenwärtig huschten die beiden die Treppe hinunter. Als sie gerade von der letzten Stufe sprangen, um der Kellertür entgegenzueilen, wurde die Haustür geöffnet. Jemand betrat das Haus. Mark verfluchte sich, weil er wieder seine Biker-Boots anhatte. Das gedämpfte Klacken schallte leise durch den Flur. Hinter sich hörten sie eine Stimme: „Hallo? Halloooo? Ist da jemand?“

Leise zog Lora die Kellertür hinter sich zu. Sie quietschte. Mark verzog das Gesicht.

„Du bist so ein Arsch!“, zischte sie an Mark gewandt zu. „Und was machen wir jetzt?“

„T. T. T.!“

„Was?“

„Tricksen, täuschen, tarnen!“

„Blödmann!“

„Danke!“

Das warme Sonnenlicht umfing sie, als sie wieder in den Garten traten. Sie spurteten um das Anwesen herum. An der Hausecke angekommen, bremste Lora abrupt ab. Dann schlenderten sie, um einen gleichmütigen Gesichtsausdruck bemüht, langsam in Richtung Eingagstür.

Dort stand eine rundliche Frau, die erstaunt zu ihnen herüberblickte. Nachdem Lora sie freundlich begrüßt und sie beide als Kriminalbeamte ausgewiesen hatte, beruhigte sie sich. Sie stellte sich ihrerseits als Magdalene Michels vor, Nachbarin der Ewens, mit Schlüsselgewalt zum Haus ausgestattet, um nach dem Rechten sehen zu können, wenn die Ewens mal nicht da waren. Bei diesen Worten wippte sie aufgeregt auf den Fußballen vor und zurück. Sie hätte etwas gehört, fuhr sie fort, und da wollte sie mal nachschauen.

„Wir haben auch schon mehrmals geklingelt, es schien aber niemand da zu sein“, erwähnte Lora geflissentlich.

„Ja, die beiden sind wohl nicht da“, echote die kleine Kugel fröhlich. „Frau Ewens arbeitet in Ingelheim. Sie hat ein Blumengeschäft und kommt erst abends heim. Bernhard ist heute Morgen schon früh mit seinem Motorrad unterwegs gewesen. Später ist er dann noch mal mit dem Auto weggefahren - hatte seinen Gitarrenkoffer dabei. Bestimmt machen die wieder ihre Musik. Die treffen sich immer in Kirchberg in einer alten Lagerhalle. Am Bahnhof.“ Sie nannte ihnen die Adresse.

Lora war aufgefallen, das die dralle Schutzpatronin von ihrer Nachbarin als Frau Ewens sprach, wohingegen sie bei ihm den Vornamen verwendete.

„Haben Sie ein gutes Verhältnis zu den beiden?“, hakte sie nach.

„Eigentlich schon. Das heißt, zu ihr nicht so sehr. Wissen Sie, Frau Ewens ist nicht sehr – kontaktfreudig. Bernhard ist ganz anders. Er ist immer nett. Verträumt, aber nett. Und wenn ich ihm sage, dass die Hecke zu meinem Grundstück noch mal geschnitten werden muss, macht er das auch meistens - irgendwann“, verkündete sie mitteilungsfreudig. Dann beugte sie sich vor und fuhr in verschwörerischem Tonfall fort: „Von ihm habe ich auch den Schlüssel für das Haus. Ich glaube, sie weiß das gar nicht.“

Das sie betonte Frau Michels, als würde sie von einer ansteckenden Krankheit sprechen. Jetzt machte sie ein besorgtes Gesicht: „Ist denn irgendetwas passiert?“

„Nein, es ist alles in Ordnung“, entgegnete Lora. „Wir haben nur ein paar Fragen an die beiden.“ Sie wollte nichts von dem Verbrechen erzählen, bevor die Angehörigen nicht selbst in Kenntnis gesetzt worden waren. „Wissen Sie, ob die Ewens gestern Abend zu Hause waren?“

Die Frau überlegte. „Ich glaube, Frau Ewens habe ich gestern Abend gesehen. Das muss so gegen acht gewesen sein. Sie ist mit ihrem Auto weggefahren.“

„Und Bernhard?“

„Den habe ich das ganze Wochenende noch nicht zu Gesicht bekommen. Wie gesagt, heute Morgen war er kurz da. Ich habe sein Motorrad gehört.“

Nachdem die beiden sich dankend von ihr verabschiedet hatten, wackelte Frau Michels fröhlich und sichtlich beruhigt zu ihrem Haus zurück.

Als sie ins Auto stiegen, atmete Lora tief durch: „Das war knapp!“ Sie machte eine Pause und fügte in vorwurfsvollem Ton hinzu: „Wenn die Frau uns im Haus gesehen hätte, hätte das ein paar sehr unangenehme Fragen aufgeworfen.“

„Hat sie aber nicht! Außerdem wissen wir jetzt mehr als vorher. Die beiden scheinen in Geldschwierigkeiten zu sein. Neben den ganzen Mahnungen und Zahlungsforderungen hab ich auch mal einen Blick auf die Kontoauszüge geworfen. Außerdem würde ich gerne wissen, was das für Tabletten sind.“

Mark fuhr ein Schreck in die Glieder, als ihm auffiel, dass er das Tütchen mit dem Marihuana und den Pillen nicht wieder zurückgelegt hatte. Beides steckte in seiner Jackentasche. Daneben ertastete er die SIM-Karte, die er auch eingesteckt hatte. Mist! Um noch mehr Unruhe zu vermeiden, beschloss er, Lora erst mal nichts davon zu erzählen. Nein, er würde ihr ganz sicher überhaupt nichts erzählen.

***

Logbucheintrag – Die Anfänge -

ΔΑΙΜΩΝ, ΕΛΠΙΣ, ΑΝΑΓΚΗ, ΕΡΩΣ, ΤΥΧΗ

Es gibt keine Zufälle! Vorhersehung? Göttliche Führung? Prädestination? Ja!

Aber Zufälle - Nein! Nur sehr dumme Menschen können einen solchen Gedanken in Erwägung ziehen. Alles basiert auf Energien. Impulsen. Gedanken sind Energien. Sie haben immer eine Veränderung in der Außenwelt zur Folge. Elektromagnetische Schwingungen, die kausal wirken.

Ich weiß nicht, welche übergeordnete Macht all das bewirkt - aber es ist ein Geist, ein Wille und ein Bestreben erkennbar. Ich bin auserwählt. Ausersehen unter vielen. Es gibt keinen Zweifel mehr. Nur noch glasklare Überzeugung.

Ich erwache im Krankenhaus. Gedemütigt. Gepeinigt. Allein im Dunkeln. Kein Weg. Kein Sinn. Nichts. Es ist ein notwendiger Schritt. Eine weitere Erfahrung, ohne die es nie möglich ist, zu erreichen, was ich in Händen halte. Es ist die Vorsehung. Die Weltenseele. Das göttliche Prinzip.

Entbehrung und Schmach sind die Vorboten der Herrlichkeit. All die Großen, die Dichter und Denker. Die, die die Weltgeschichte veränderten. Die ihrer Generation voraus waren. Sie wurden nicht erkannt. Belächelt. Gewogen und zu leicht befunden. Sie alle mussten die Bürde ertragen, die nun auch mir zuteil ist. Das gleiche Schicksal, dass auch mir vorherbestimmt scheint. Und dennoch ist es unverkennbar: Ihre Namen werden in meinem Glanze verblassen. Ich bin erkoren, die Menschheit in ein neues Zeitalter zu führen. Ein digitales, ein virtuelles Zeitalter. Alles ist bereit. Alle warten auf die heilsbringende Erlösung. Ich bringe sie. Ich, Gott und Messias.

Ich erschaffe ein neues Leben. Ein neues Ich.

Sie denken, sie hätten mich aus ihrer Firma, ihrem System, ihrem Lebensfluss entfernt. Aber ich habe mir die Datenautobahn offengehalten. Die Brücke in die andere Welt. Ich habe Zugang zum Netzwerk.

Mein schöpferischer Geist erwacht. Ich erweitere mein Bewusstsein. Ich lasse alle Gedanken und Ideen durch mich hindurchfließen. Ich lasse mich im Strom unendlicher Weisheit treiben. Die Droge wirkt. Leider haben diese Kleindenker kein Verständnis dafür.

Ich öffne mir ein winziges Tor zur großen Maschine. Tausende von Hochleistungsfestplatten. Riesige Lagerhallen. Meterhoch aufgetürmt. Gewaltige Tempelanlagen der Moderne. Für die detailgetreue Reproduktion der Welten braucht man eben eine Menge Bits und Bytes. Ich weiß, eine Problematik, die für die nächste Generation schon nicht mehr nachvollziebar sein wird.

Ich verstehe diese Zusammenhänge. Ich selbst bin lebendige Vision.

Niemand bemerkt es, denn niemand rechnet damit. Die Helme? Gestohlen! Prototypen. Ausgesondert. Drei wunderschöne Exemplare aus der dritten und vierten Generation.

Der Weg scheint dunkel. Die Enthüllung ungewiss.

Es ist die Zeit, in der ich zum ersten Mal meine Heiligkeit erkenne. Und Wut! Ich spüre Wut. Ich werde warten. Die Antworten werden kommen.

5

Achim Heck, Geschäftsführer der Firma ContiTeverLife GmbH, war ein großer, breitschultriger Mann mit einem jener scharfgeschnittenen, Kompetenz ausstrahlenden Gesichtern, die man offenbar bekam, wenn man sich jahrelang in beruflicher Funktion mit Menschen und Situationen auseinandersetzt.

Silke und Andreas, beide Kollegen von Mark und Lora und ebenfalls Teil des Ermittlungsteams der kleinen Landdienststelle, waren nach der Besprechung am Haus der Mordopfer in die ehemalige Firma des Getöteten gefahren, um sich dort umzuhören.

Über die Nachricht, die die beiden Kriminalbeamten überbrachten, zeigte Herr Heck sich betroffen, fügte jedoch gleich hinzu, dass er das Ehepaar eigentlich nie selbst persönlich kennengelernt hatte. Nachdem die Firma Ewens Comp in den Besitz der ContiTeverLife übergegangen war, sei er vom Firmenvorstand mit der Wahrnehmung der Aufgaben der Geschäftsführung betraut worden.

Silke blickte sich in dem geräumigen Büroraum um. In der Schrankwand hinter ihm standen etliche Aktenordner, die mit Abkürzungen und Jahreszahlen beschriftet waren. Auf dem Schreibtisch ein Bild, das eine gut aussehende, dunkelhaarige Frau zeigte, die sich gerade umdrehte und fröhlich in die Kamera lächelte. Daneben ein weiteres Bild. Zwei Kinder mit Schultüten. In einer Ecke stand eine Sitzgruppe aus Leder. Die gesamte Einrichtung war sachlich und nüchtern.

„… insofern bedauere ich, Ihnen in dieser Angelegenheit nicht von Nutzen sein zu können“, resümierte er kurz. „Ich werde Sie aber gerne mit dem Leiter der Personalabteilung, Herrn Maier, bekannt machen. Er ist schon seit Langem für unser Unternehmen tätig. Er wird ihnen sicherlich weiterhelfen können.“

Der drahtige Mann in Jeans und Hemd, mit den dunkelbraun-gelockten Haaren, der kurze Zeit später das Büro der Geschäftsleitung betrat, und Silke und Andreas als besagter Herr Maier vorgestellt wurde, machte überhaupt nicht den Eindruck eines Aktenwurms, der sich den ganzen Tag durch staubige Archive wühlte. Ganz im Gegenteil. Dem kräftigen Händedruck, der sich wie ein Schraubstock um Silkes Hände legte, und dem braungebrannten Gesicht nach zu urteilen, musste es sich zweifellos um einen dieser Outdoor-Fetischisten handeln, die in irgendwelchen Felswänden herumkraxelten oder sich kopfüber von der Brücke stürzten, während sie einem schnürsenkel-dicken Strick todesmutig ihr Leben anvertrauten.

Silke registrierte die Muskelpakete, die sich dezent unter dem dünnen Hemd abhoben. Unwillkürlich lief ein Werbespot vor ihrem geistigen Auge ab, bei dem durchtrainierte Naturburschen mit verwegenem Dreitagebart an Häuserfassaden hochklettern, um einen Schokoriegel aus dem Kühlschrank zu holen.

Herr Heck fasste das Geschehen für seinen Kollegen in einigen kurzen Sätzen zusammen. Dann erhob er sich hinter seinem Schreibtisch, ein deutliches Zeichen, dass er das Gespräch für beendet hielt. Er knöpfte sein Jackett zu und strich sich die Hose glatt. Eine Bewegung, die ihm im Laufe der Zeit wahrscheinlich in Fleisch und Blut übergegangen war.

„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihren Ermittlungen. Ich denke, wir würden es zu schätzen wissen, wenn Sie uns über den Stand der Dinge auf dem Laufenden halten.“ Er hielt ihnen die Tür auf und lächelte verbindlich. „Herr Maier wird sich um alles Weitere kümmern. Selbstredend werden wir Ihnen jede mögliche Unterstützung zukommen lassen.“

Dieter Maier hatte ehrliche Betroffenheit gezeigt, als er von dem Tod seines ehemaligen Chefs und dessen Frau erfahren hatte. Als er den beiden Polizisten im Konferenzzimmer jetzt eine Tasse Kaffee anbot, zitterte die kräftige Hand.

Sie saßen an einem langen, ovalen Tisch, der den größten Teil des Raumes einnahm. In einem Nebenraum blubberte eine Kaffeemaschine. Die große Glasfront bot einen imposanten Ausblick auf die Felder und Wiesen, die sich wie ein Flickenteppich vor dem Firmengebäude auszustrecken schienen. Am Horizont drehten Windräder ihre gemütlichen Runden.

„Ich kann Ihnen nicht sagen, dass wir uns besonders nahe standen. Das konnte wohl niemand in der Firma von sich behaupten.“ Seine Stimme war brüchig. „Herr Ewens war ein Geschäftsmann. Er hatte einen außergewöhnlichen Riecher für gewinnbringende Vertragsabschlüsse. Er konnte mit Geld umgehen. Ich glaube, er hat auch spekuliert. Er war gelernter Bankkaufmann – wussten Sie das?“ Er blickte kurz auf. „Auf der anderen Seite war er auch ein sehr eigener Mensch, mit einem … schwierigen Charakter. Es kam nicht selten vor, dass ich zwischen ihm und den Mitarbeitern vermitteln musste.“

Maier goss sich selbst eine Tasse Kaffee ein. „Und Katharina, also Frau Ewens, war ein bewundernswerter Mensch, soweit ich das beurteilen kann.“ Nach einem Moment fuhr er mit belegter Stimme fort: „Mein Gott! Ermordet? Wer macht denn so etwas?“ Er vergrub das Gesicht in den großen Händen.

„Genau das versuchen wir herauszufinden“, gab Silke zurück. „Aus diesem Grunde hätten wir einige Fragen an Sie. Fühlen Sie sich in der Lage, sie zu beantworten?“

„Ja, sicher, es ist nur - ich kann das noch gar nicht richtig glauben“, er stockte. „Und das war heute Morgen, sagen Sie?“ Er rührte gedankenverloren in seinem Kaffee herum, obwohl er weder Zucker noch Milch hinein getan hatte.

„Im Laufe der letzten Nacht, um genau zu sein.“ Silke legte die Beine übereinander und beugte sich vor. „Uns würde vor allem interessieren, wer alles vor dem Verkauf der Firma bereits angestellt war, wer in engerem Kontakt zu Herrn Ewens stand, und ob es mit irgendeinem Mitarbeiter oder Angestellten, zu - sagen wir - besonderen Spannungen kam.“

Maier überlegte einen Moment. „Ich kann Ihnen eine Liste mit allen Namen erstellen, die früher schon in der Firma waren. Es wird eine lange Liste. Wir haben an diesem Standort circa vierhundert Mitarbeiter. Daneben noch mal siebzig bis achtzig, die freiberuflich für uns tätig sind. Die meisten arbeiten schon seit vielen Jahren für das Unternehmen.“ Er nippte an seinem Kaffee und versuchte ganz offensichtlich seine Gedanken zu ordnen. „Die Mitarbeiter, die enger mit ihm zusammengearbeitet haben, lassen sich an einer Hand abzählen. Das waren die Schreibkräfte, die Vorzimmerdamen, die Leiter der unterschiedlichen Abteilungen, also Verkauf, Logistik, Management, und so weiter. Und natürlich sein Sohn.“

Silke hatte den Eindruck, dass der letzte Satz unvollständig in der Luft hängen geblieben war. „Welche Funktion hatte der junge Ewens in der Firma?“

„Er ist immer noch für uns tätig.“

„Und was macht er?“

Maier räusperte sich. Das Thema schien ihm unangenehm zu sein. „Sehen Sie, das ist etwas schwierig zu erklären.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür und ein langer, drahtiger Mann, mit Nickelbrille und schiefem Mund trat ein. Als er aufblickte, sah er die drei an dem langen Konferenztisch sitzen.

„Oh, Entschuldigung, ich wollte nicht stören“, stammelte er unsicher.

„Komm ruhig rein, Caspar.“ Maier schien die Unterbrechung nicht unangenehm zu sein.

„Nein, nein, ich komme später noch mal, ich wollte wirklich nicht stören.“

Der Kopf verschwand mit einem verlegenen Lächeln in der Türöffnung.

Doch, genau das wolltest du , dachte Andreas. Er hatte den Mann zuvor schon auf dem Flur gesehen, und war sich sicher, dass er genau wusste, dass jemand im Besprechungsraum war.

„Wer war das?“ Andreas wandte sich wieder an Maier.

„August Caspar. Unser Mann für alle Computerfragen.“ Maier massierte sich das Nasenbein. „Wo waren wir stehengeblieben? Genau! Bernhard! Ich glaube, jeder hier weiß, dass Herr Ewens große Pläne für seinen Sohn hatte. Er sollte in seine Fußstapfen treten. Die Firma irgendwann übernehmen. Der Junge hatte aber natürlich eigene Vorstellungen, nun ja, andere Vorstellungen für sein Leben. Was ja auch normal ist. Meiner Meinung nach wollte er sich nicht in das Korsett der Lebensplanung des Seniors pressen lassen. Ich glaube, er war als Teenager sehr rebellisch. Die beiden hatten keinen besonders guten Kontakt zueinander. Hatten sie wohl nie. Es waren einfach zwei Welten, die aufeinander geprallt sind. Auf Drängen der Mutter bekam der Junior trotzdem eine Anstellung in der Firma. Das hat sich bis heute so gehalten.“

„Und in welchem Bereich ist er jetzt tätig?“

„Offiziell in der Buchhaltung.“ Maier bemerkte den fragenden Blick der beiden Ermittler und fuhr fort: „Wissen Sie, er wird auf den Gehaltslisten geführt. Ist auch manchmal tatsächlich da. Aber in Wahrheit ist es ein Gentlemen's-Agreement zwischen Frau Ewens und mir. Frau Ewens unterstützt die Firma anderweitig. Ich möchte aber nicht näher darauf eingehen. Herr Heck hatte glücklicherweise Verständnis für diese Situation und wir konnten diese Vereinbarung fortführen.“

„Was genau wird denn hier eigentlich hergestellt?“ Andreas wollte das Gespräch in eine andere Richtung lenken.

„Wir stellen bestimmte Autozubehörteile her. Ölablaßschrauben für BMW, Anbauteile für andere Firmen, das alles ist sehr speziell.“ Er war dankbar, sich wieder auf sicherem Terrain bewegen zu können.

„Seit wann gibt es denn die Firma an diesem Standort?“

„Seit Mitte der siebziger Jahre. Herr Ewens hat die Firma seinerzeit gegründet.“

„Ganz netter Blick von hier oben.“ Andreas trat ans Fenster.

„Wann haben sie die Ewens denn das letzte Mal gesehen?“

„Zu Peter Ewens habe ich schon seit einiger Zeit keinen Kontakt mehr. Eigentlich seit seiner Krankheit nicht mehr. Ich hatte ihn damals ab und an im Krankenhaus besucht. Ich hatte mich verpflichtet gefühlt, mal nach ihm zu sehen. Immerhin hatten wir ja jahrelang zusammengearbeitet. Später ist der Kontakt dann ganz eingeschlafen.“

„Und Frau Ewens?“

„Ich sehe sie manchmal. Wir besuchen das gleiche Fitnessstudio.“

„Und wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“

„Das weiß ich nicht genau. Irgendwann letzte Woche.“ Andreas kaute auf seinem Kuli. Er überlegte, was er noch wissen wollte. Dann sah er Maier an.

„Sagen Sie, könnten Sie das Vermögen der Ewens abschätzen? Ich meine, die gesamte Firma mit den verschiedenen Zweigstellen und Filialen ist doch nach der Erkrankung des alten Ewens verkauft worden. Für uns wäre es wichtig, zumindest mal eine ungefähre Vorstellung zu haben, um was für Beträge es gehen könnte.“

„Sie haben den Sohn im Verdacht? Wegen dem Erbe?“

Du bist ja ein richtiger Blitzmerker , dachte Silke, sagte aber nichts.

„Nein, im Moment haben wir noch überhaupt niemanden im Verdacht“, wiegelte Andreas ab, „aber diese Auskünfte sind verständlicherweise ein nicht unerheblicher Bestandteil unserer Ermittlungen. Ich weiß, solche Informationen sind sehr sensibel. Aber es wäre uns eine große Hilfe.“

„Wissen Sie, Peter Ewens war, soweit ich das beurteilen kann, ein Finanzgenie. Es war manchmal unheimlich, wie er Geld scheinbar auf unerklärliche Weise vermehren konnte. Ich kann Ihnen natürlich nichts Genaues sagen, aber ich weiß, dass er Gelder auf verschiedenen Auslandskonten in der Schweiz und in Luxemburg angelegt hat. Ich will damit nicht sagen, dass er etwas Illegales gemacht hat …“

„Womit unsere eigentliche Frage nicht beantwortet wäre.“ Silke wollte nicht lockerlassen.

Maier schnaufte vernehmlich: „Ich kann Ihnen natürlich keine genauen Zahlen nennen, aber ich kenne den Wert der Firma und kann den Profit, der über viele Jahre erzielt wurde abschätzen. Wenn Sie mich also fragen, wie hoch ich das Privatvermögen der Eheleute Ewens schätze, dann würde ich sagen, irgendwo zwischen fünfzig und siebzig Millionen. Das ist aber nur eine Schätzung.“

Das ist vor allem ein Motiv , dachte Silke.

Es ging abwärts. Lohmann wunderte sich. Es gab doch nur zwei Untergeschosse. Warum hielt das Ding nicht an? Der Aufzug fuhr immer weiter und fing jetzt an zu ruckeln. Die Beleuchtung fiel für einen kurzen Moment aus. Tiefer. Immer tiefer. Er bekam Angst und drückte die Notfall-Taste.

Nichts.

Schließlich kam der Fahrstuhl mit einem lauten Gerumpel zum Stehen. Die Tür öffnete sich.

Vor ihm breitete sich eine Waldlandschaft aus. Es war Nacht. Die Umrisse der Bäume zeichneten sich in fahlem Mondlicht ab. Nebelschwaden krochen wie weiße Klauen über den Waldboden. Lohmann stolperte vorwärts und stand jetzt in dem schwachen Lichtschein, der aus der Fahrstuhltür drang.

Der Concierge saß in einigen Metern Entfernung mit dem Rücken zu ihm auf einem Baumstumpf. Er drehte sich langsam um, so, als hätte er gar nicht gewusst, dass Lohmann da wäre. Als hätte er ihn nur gewittert, gefühlt oder gerochen.

Was Lohmann sah, verschlug ihm den Atem. Eiskalte Panik erfasste ihn.

Der Concierge hatte kein Gesicht mehr. An seiner Stelle prangte ein etwa zehn Zentimeter großes Einschussloch, das sich zur Schädelmitte hin verdichtete. Muskeln, Knochen, Gehirnmasse und Fettgewebe wetteiferten um die Vorherschaft und quollen aus den Innenseiten hervor wie hässliche Larven. Die Ränder des Kraters wirkten verkohlt, die Haare hingen in blutverklebten Strähnen wirr in die Stirn. Der Hoteldiener hatte immer noch seine Uniform an, doch es war jetzt ein grotesker Mantel aus flatternden Fetzen und Teilen. Die Gestalt machte einen Ruck und taumelte einen Schritt in seine Richtung. Lohmann wich unwillkürlich zurück. Er drehte sich um. Der Fahrstuhl war weg.

Erneut warf er einen Blick auf die Gestalt, die jetzt auf ihn zukam. Das linke Bein zog sie schleppend hinter sich her. Gleichzeitig vollführte sie mit dem rechten Arm wilde Ausholbewegungen. Trotz des hinkenden Ganges war die Gestalt erschreckend schnell.

Lohmann begann zu rennen. Hinein in das schummrige Zwielicht des Waldes. Weiter. Nur immer weiter.

Mit einem Mal standen die Bäume dichter, schienen sich auf unerklärliche Weise zusammenzuziehen, sich ihm in den Weg stellen zu wollen. Äste schlugen ihm ins Gesicht, Zweige zerkratzten seine Haut, hielten ihn fest, als seien es knochige Hände, die sich in der Dunkelheit nach ihm ausstreckten.

Plötzlich fiel der Boden steil ab. Lohmann konnte nicht mehr rechtzeitig anhalten und rutschte auf Blättern und losen Steinen aus. Er stürzte, prallte schmerzhaft gegen einen Baumstumpf und blieb schließlich benommen am Fuß des Abhangs liegen.

Mühsam rappelte er sich wieder auf.

Hinter sich hörte er seinen Peiniger. Ein gurgelndes, schleimiges Krächzen. Er wusste instinktiv, dass er bis ans Ende der Welt rennen könnte, sein Verfolger aber immer hinter ihm her wäre.

Er rannte weiter und stolperte kurz darauf wieder über eine Wurzel.

Er war verloren. Er wusste es. Es würde kein Entkommen geben. Dann hörte er es. Es war direkt hinter ihm. Ganz nah.

Sein Herz sauste ihm die Kehle empor und schnitt ihm die Luft ab.

Er fuhr herum.

Schwankend stand es vor ihm. Ein Flickwerk aus stinkenden Teilen. Dann schlang sich etwas um seinen Hals. Es roch wie eine Mischung aus ausgelassenem Fett und vergammeltem Fleisch. Die wurmartigen, skelettierten Fingerknochen drückten zu. Fester. Immer fester. Die Gesichtsruine kam langsam näher. Die herabhängende Kinnlade unternahm zuckende Bewegungen, aus dem Rachen rasselte der verfaulte Atem.

Lohmann versuchte einige Abbruchbefehle zu krächzen, doch das Programm reagierte nicht. Verzweifelt kämpfte er um einen klaren Gedanken. Irgendeinen Befehl, irgendetwas, das ihn aus dieser Hölle holen würde.

Du bist doch nur ein Programm, nur Code, nur eine Zahlenkombination!

Er spürte die zunehmende Kraftlosigkeit. Seine Muskeln schrien nach Sauerstoff. Die Bilder zogen vorüber wie ein verblassender Traum. Langsam erlosch der Kampfeswille. Auf einmal wollte er nur noch loslassen, nichts mehr spüren müssen, seinen imaginären Leib aufgeben und kreischend in die Leere entfliehen. Es war wie eine wilde Wehklage, die aus ihm herausbrechen wollte.

Die verwesende Pranke lockerte den Würgegriff und das Monster stieß einen glucksenden Triumphlaut aus.

Eine scharfe Kralle schnitt ihm in den Unterarm. Einmal. Zweimal.

Heißer Schmerz brannte sich in Muskeln und Fleisch.

Dann war es vorbei.

Schweißgebadet riss sie den Helm vom Kopf und fiel vornüber. Der Atem ging schwer und ihr Herzschlag dröhnte in ihrem Schädel. Panisch entfernte sie die Kontaktstecker von Armen, Beinen, Handgelenk und Brust, als seien es hungrige Blutegel, die an ihrer Existenz saugten.

Maria Goldberg - alias Hans-Georg Lohmann – Direktor des nobelsten Hotels von Tencity, schnappte verzweifelt nach Luft und presste die Augen zusammen. Dann übergab sie sich auf den Teppichboden.

In heftigen Stößen würgte sie das Leid aus ihrem Körper. Kraftlos kniete sie vor ihrem Schreibtisch, die Speichelfäden hingen ihr aus dem Mund. Der beißende Geschmack des Erbrochenen kratzte in ihrem Hals.

Sie spürte, wie warmes Rot über ihre Unterarme rann. Ungläubig starrte sie auf die Einschnitte.

Aus dem Inneren des Helms hörte sie ein Blubbern. Ein Scharren. Ein kehliges Hohngelächter.

Noch lange saß sie da. Am Eingang zur Hölle.

Am anderen Ende saß der Zauberlehrling.

Eine Stunde später stand plötzlich jemand neben ihr. Kräftige Arme umschlossen sie, hielten sie. Tränen rannen über ihr Gesicht. Sie drückte sich an die Brust ihres Trösters, flüchtete sich in die schützende Nähe.

Die Stimme klang weich und angenehm.

„Maria, was machst du denn da? Sei doch kein dummes Mädchen. Na komm. Du sollst nicht weinen.“

So saßen sie noch lange da. In stiller Trauer vereint. Sie wiegte sich in der behüteten Stille des Vergessens.

Dann begann die Person, die Wunden an ihren Unterarmen zu reinigen und zu verbinden. Sie sah still zu, wie die Mullbinde ein ums andere Mal kreiste. Die beiden hässlichen Einschnitte verschwanden unter dem Weiß des Verbandes. Der Schmerz blieb.

6

Lora ließ den Wagen langsam ausrollen. Die alte Lagerhalle hatte schon mal bessere Zeiten gesehen. Die Farbe blätterte an mehreren Stellen ab und der Rost fraß sich geduldig in die Blechwände. Die fünf Gestalten, die sich vor dem Eingangstor tummelten, tauschten verstohlen ein paar Blicke aus. Neben ihnen standen Gitarrenkoffer und Musikboxen. Offensichtlich verabschiedete man sich gerade.

Beim Aussteigen griff Lora aus reiner Gewohnheit an ihre Dienstwaffe und überprüfte die Holstersicherung.

„Guten Tag, wir sind von der Kriminalpolizei.“ Sie hielt ihren Dienstausweis hoch. „Mein Name ist Woischny, das ist mein Kollege, Herr van Groth.

Absolut überflüssig , dachte Mark. Lora war die fleischgewordene Reinkarnation einer Polizistin. Sie hätte genauso in Pumphosen, Schwimmflügeln und einer roten Clownsnase vor den Typen stehen können, jeder hätte trotzdem sofort gewusst, dass sie ein Bulle war.

Er beobachtete, wie die Jungs nervös von einem Bein auf das andere traten und sie mit gesenkten Köpfen misstrauisch musterten.

„Herr Ewens?“, Lora wandte sich direkt an Bernhard, da er aufgrund seines Alters als Einziger in Frage kam.

Der Angesprochene bestätigte mit einem Nicken. „Das bin ich“, er zog an seiner Kippe. „Um was geht es?“

Wenn Mark nicht gewusst hätte, wie alt Ewens war, hätte er ihn auf jeden Fall älter geschätzt. Die langen dünnen Haare fielen rechts und links des Kopfes fahrig herab und rahmten ein Gesicht ein, das teigig wirkte. Ein verwaschenes T-Shirt, dem man gerne ein oder zwei Zentimeter mehr Stoff gegönnt hätte, spannte sich über den Bauchansatz.

„Wir würden sie gerne alleine sprechen.“

„Wir wollten sowieso gerade Schluss machen. Sollen wir reingehen? Dann können sie mir in Ruhe erzählen, um was es geht.“ Er nickte den anderen zum Abschied zu und verschwand in der Lagerhalle. „Da bin ich ja mal gespannt, wie ich der Polizei wohl helfen kann.“

Der Raum hatte etwa die Ausmaße von zwei Garagen. Auf einer kleinen, selbst gezimmerten Bühne stand ein Schlagzeug. Überall waren Mikrofonständer und Gitarren verteilt. An den Wänden hingen Poster. Heavy-Metal-Typen, die alle ernst in die Kamera starrten. Warum können die eigentlich nie mal freundlich gucken? In einer Ecke standen ein altes Sofa, ein Sessel und einige Barhocker. Berni steckte sich eine Zigarette an. Dann warf er die leere Schachtel auf den Tisch.

Mark setzte sich so, dass er Ewens genau beobachten konnte. Er war auf seine Reaktion gespannt. Abgesehen davon war er auch froh, dass Lora sich bereit erklärt hatte, ihn von dem Tod seiner Eltern in Kenntnis zu setzten. Es war immer eine undankbare Aufgabe, solche Nachrichten zu überbringen.

„Wir haben leider eine traurige Nachricht für Sie. Es ist so“, sie machte eine kurze Pause, „dass Ihre Eltern verstorben sind.“

Ewens saß jetzt stocksteif auf der verschlissenen Couch. Er verzog keine Miene. Kein Zeichen des Bedauerns. Keine Regung. Er blieb einfach sitzen und starrte auf seine Füße.

Nach einer Weile fragte Lora: „Haben Sie verstanden, was ich Ihnen gerade erzählt habe?“ Sie blickte hilfesuchend zu Mark.

„Herr Ewens?“

Er zog die Nase hoch und blickte langsam auf.

„Haben Sie denn schon einen Verdacht?“

„Aus welchem Grund sollte wir denn einen Verdacht haben?“

„Da Sie sagen, dass meine Eltern beide tot sind, geh ich davon aus, dass sie umgebracht wurden. Oder? Mein Vater hat das Haus nie verlassen. Also kann's ja kein Unfall gewesen sein. Und dass beide zur gleichen Zeit einfach tot umfallen, ist ja wohl kaum vorstellbar. Also hat ihnen doch jemand etwas angetan – oder?“

Der Typ ist mir irgendwie unheimlich , dachte Mark. Im ersten Moment wirkt er ein bisschen zurückgeblieben. Man traut ihm nicht mal zu, dass er eins und eins zusammenzählen kann. Gleichzeitig kann er die Situation messerscharf analysieren – und bleibt vor allem vollkommen ruhig.

Meine Güte, wir haben ihm gerade erzählt, dass seine Eltern tot sind. Oder wusste er, dass die Polizei zu ihm kommt und hat sich schon mal ein paar Antworten zurechtgelegt?

„Ihre Eltern sind Opfer eines Gewaltverbrechens geworden“, erklärte Lora jetzt etwas distanzierter. „Sie sind letzte Nacht in ihrem Haus ermordet worden.“

„Und jetzt glauben Sie, dass ich das war, stimmt's?“

„Wir glauben überhaupt nichts, müssen aber alle Möglichkeiten in Betracht ziehen“, antwortete Lora schulmäßig. „Im Moment haben Sie in diesem Verfahren formell den Status eines Zeugen. Und als Zeugen belehre ich Sie darüber, dass Sie sich strafbar machen können, wenn Sie die Unwahrheit sagen. Das könnte der Fall sein, wenn Sie zum Beispiel eine andere Person zu Unrecht beschuldigen, oder jemanden in Schutz nehmen, gegenüber dem sie kein Zeugnisverweigerungsrecht haben. Haben Sie das verstanden?“

„Jaja, schon klar. Aber Sie wollen bestimmt wissen, wo ich gestern Abend war?“

„Genau“, schaltete sich Mark jetzt ein, den die kühle Art von Ewens abstieß, „das würde uns wirklich brennend interessieren.“

„Ich war das ganze Wochenende auf Tour. Samstagmittag bin ich losgefahren und habe einen Freund in Trier besucht. Abends sind wir nach Luxemburg gefahren. Da war ein Konzert meiner Lieblingsband – Nightwish. Gestern war ich dann auch noch den ganzen Tag in Trier und habe auch da gechlafen.“

„Und wann kamen Sie wieder nach Hause?“

„Das war heute Morgen so um neun oder zehn Uhr. Ich weiß es nicht mehr genau.“

„Waren Sie mit dem Auto in Trier?“

„Nein! Ich habe seit letzter Woche ein neues Motorrad. Eine Suzuki Bandit.“

„Wie heißt der Freund, bei dem Sie waren?“

„Magnus Roberts, ich kann Ihnen die Adresse raussuchen. Er kann Ihnen das alles bestätigen.“

„Und wo war Ihre Frau? War sie zu Hause, als Sie ankamen?“

„Ich glaube, sie war gestern Abend auf einer Party. Ich hab sie seit Samstag nicht mehr gesehen.“

„Wie würden Sie denn Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern beschreiben?“ Lora hatte jetzt die Gesprächsführung übernommen, da sie intuitiv spürte, dass sie einen besseren Draht zu dem Befragten hatte.

„Na ja, es sind – nein, es waren meine Eltern. Biologisch zumindest unzweifelhaft. Wir hatten kein gutes Verhältnis.“ Mark beobachtete, wie sich die Körperhaltung von Bernhard veränderte. Es war eine kaum merkliche Anspannung in den Händen und in den Armen zu erkennen. Berni schlug die Beine übereinander und seufzte. Er hielt die Zigarette jetzt mit nach hinten abgewinkeltem Handgelenk, was ihm einen weibischen Ausdruck verlieh. Als er fortfuhr, klang er auf einmal affektiert und näselnd.

„Sie würden das ja sowieso bald rausbekommen. Mit meinem Vater habe ich mich vor einigen Jahren zerstritten. Seitdem hatten wir keinen Kontakt. Er hat sich immer einen anderen Sohn gewünscht. Einen, der irgendwie - so ist wie er. Er hatte große Pläne mit mir. Ich sollte irgendwann seine Firma übernehmen. Aber letztlich war ich immer eine Enttäuschung für ihn“, er hielt inne und schluckte schwer. Dann drückte er seine Zigarette aus, während er mit gesenktem Blick fortfuhr: „Am liebsten hätte er ein Programm geschrieben, so dass alles nach seinen Vorstellungen abläuft, sich alles nach seinem Zeitplan richtet. Ich glaube, für ihn waren alle immer nur Figuren – die unterschiedlich gut funktionierten – und ich habe in seinem Plan eben nicht funktioniert.“

Er blickte an die Zimmerdecke. Dann nahm er die leere Schachtel und machte sie auf. Als er nichts fand, klopfte er seine Hemdtaschen ab. Mark hielt ihm seine Schachtel hin.

„Ich weiß, ich weiß, man erwartet jetzt, dass ich traurig bin. Aber das bin ich nicht. Nicht mal überrascht. Wieso auch? Ich hab den Alten ja schon seit Monaten - oder noch länger - nicht mehr gesehen. Vor einigen Jahren hat er Krebs bekommen – deshalb hatten sie ihm ja auch beide Beine amputiert. Eigentlich hatten wir da schon gedacht, dass er abnippelt. Aber irgendwie hat er sich noch mal berappelt.

Nachdem er dann die Firma verkauft hat, hat er sich noch mehr zurückgezogen. Dass heißt nicht nur von mir, sondern auch von allen anderen – sogar von meiner Mutter. Er hat sich stundenlang in seinem Büro eingeschlossen. Weiß der Teufel, was er da gemacht hat. Deshalb konnte ich meine Mutter ja auch immer besuchen. Der Alte hat mich ja sowieso nicht gesehen.“

„Wie oft waren Sie denn bei Ihrer Mutter?“

„Ich hab mir Geld abgeholt, wenn ich was brauchte. Meine Mutter hat immer genug gehabt. Es war aber eher aus Mitleid. Oder vielleicht auch, weil sie verhindern wollte, dass ich irgendwas Kriminelles mache. Das hätte ja den guten Ruf geschädigt. Meine Mutter war immer sehr auf das Bild bedacht, das wir nach außen abgeben. Und da hab ich nicht so gut reingepasst. Mit zehn Jahren haben meine Eltern mich ins Internat gesteckt. Ich war ihnen lästig und für ihre Ziele nicht zu gebrauchen.“

„Haben Sie selbst einen Schlüssel für das Haus Ihrer Eltern?“

„Ja, klar!“

„Könnten Sie uns den mal zeigen?“

„Kein Problem!“ Ewens erhob sich und kramte in den Tiefen seiner Hosentasche. Dann steckte er die Kippe zwischen die Lippen und friemelte an den klimpernden Schlüsseln herum.

„Wo ist er denn?“, fragte er verdutzt. „Ah, hier, hier hab ich ihn.“ Er hielt den beiden das gesuchte Stück hin.

„Hatte Ihr Vater Feinde?“

„Er hatte jedenfalls keine Freunde.“

„Hatte er mit irgendjemandem Streit?“

„Den meisten Menschen, mit denen er zu tun hatte, ging es wohl wie mir. Niemand konnte ihn besonders gut leiden. Er war ein … ein herrischer Eigenbrödler.“

Klingt alles wie auswendig gelernt , dachte Mark. Vielleicht lag das auch daran, dass er diese „Böser Papa – vernachlässigter Sohn“-Story selbst schon so oft erzählt hatte.

„Wir gehen davon aus, dass Ihr Vater sehr wohlhabend war. Wissen Sie, wie die Erbschaft geregelt ist?“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat mich der alte Geizkragen enterbt. Ich weiß es wirklich nicht“, er blickte Lora offen an, „mir ist das aber auch nicht wichtig. Ich mache mein eigenes Ding. Ich gehe davon aus, dass ich zumindest einen Pflichtteil bekomme.“ So wie er es sagte, klang es eher wie eine Frage.

Lora überlegte einen Moment und sah Mark an. Der zuckte mit den Schultern: „Wir würden Ihre Aussage gerne zu Protokoll geben. Wir müssen Sie bitten, uns auf die Dienststelle zu begleiten“, sagte sie dann förmlich. „Außerdem hätten wir noch einige Fragen an Ihre Frau. Vielleicht könnten Sie sie anrufen?“Ewens war sichtlich erleichtert, dass das Verhör fürs Erste beendet war. Er atmete tief durch und ließ die Schultern sinken.Mark bot ihm noch eine Zigarette an. Zu Lora gewandt sagte er: „Wir rauchen noch eine. So viel Zeit muss sein.“ Mark beugte sich zu ihm rüber und hielt ihm das Feuer vor die Nase. Ewens reckte den Kopf vor und steckte seine Kippe an. Dann ließ er sich zurücksinken und nickte Mark dankbar zu. Er sog den Rauch in die Lunge, und machte das dabei so typische nachdenklich-ernste Gesicht, wie der Marlboro-Mann am Ende eines langen, harten Arbeitstages. Mark sah sich in dem Raum um. „Was für Musik macht ihr denn?“, fragte er, während er die Fotowand über dem Mischpult studierte, die die Band bei verschiedenen Auftritten zeigte.

„Im Grunde ist das klassischer Heavy Metal mit leichten Gothic Einflüssen. Ich weiß, nicht gerade ultra-modern, dafür aber absolut zeitlos“, Ewens erwärmte sich sichtlich für dieses Thema. „Unsere großen Idole sind „Bullet For My Valentine“ und „As I Lay Dying”. Schon mal was von denen gehört?“, er deutete auf einige Poster.

„Klar, Mann!“ Mark hatte keine Ahnung, von was Bernhard da sprach. Dieser fachsimpelte noch eine Weile über verschieden Bands und Stilrichtungen. Als das Gespräch verebbte, verschränkte er die Arme hinter dem Nacken und streckte sich. „Mussten die beiden leiden? Oder war's – wie sagt man das? – ein schneller Tod?“ Für Mark klang es, als hätte Ewens aus Pflichtbewusstsein heraus gefragt oder um sich zumindest den Anschein von Betroffenheit zu geben.„Es ging schnell, sie mussten nicht leiden“, antwortete er, obwohl er wusste, dass das gelogen war.

„Haben Sie denn schon einen Verdacht, wer meine Eltern erstochen hat?“ Lora und Mark blickten sich kurz an. Bis vor einer Minute nicht, dachte Mark. Er warf Lora einen warnenden Blick zu. Sie nickte unmerklich. „Nein, leider haben wir bis jetzt überhaupt keine Spur.“ Mark grinste zufrieden, während er die Aufnahmefunktion seines Handys stoppte.

***

Logbucheintrag – Exodus -

ΔΑΙΜΩΝ, ΕΛΠΙΣ, ΑΝΑΓΚΗ, ΕΡΩΣ, ΤΥΧΗ

Die Antworten kommen. Klarheit kommt.

In meinem Unterbewusstsein nimmt das Bild Gestalt an. Ein verborgenes Wissen. Vergessene Wahrheit. Ich kann es noch nicht ganz erkennen. Die verblassenden Konturen entziehen sich meinem Geist. Engel? Dämonen? Ich weiß es nicht! Es ist mein Geistführer.

Ich sehe einen Weg. Ich vertraue. Gehe los. Der erste Schritt.

Ich beginne ein neues Leben. Ich brauche eine neue Identität. Ein neues Gesicht.

Die Software frisst sich rein. Dokumentiert jeden Anschlag auf der Tastatur. Mitten ins Herz der Meldebehörde.

Der Mensch ist nichts als Code. Eine Ansammlung von Zahlen. Nichts weiter. Es ist so leicht, ein neues Ich zu erschaffen. Ich gebe ihm einen Namen. Ein Gesicht. Ich gebe meiner Schöpfung eine neue Vergangenheit, ich schenke ihr eine Zukunft. Ich nehme sie in Besitz. Ich bin neugeboren. Zumindest in den Datenbanken der Behörden.

Und siehe, ein neuer Mensch ward erschaffen. Ein neuer Erdenbürger. Ein neuer Name. Neuer Code.Ich lasse alles hinter mir. Die große Stadt. Den Pulsschlag des Lebens. Die Lichter. Ich darf keine Ablenkung mehr zulassen. Ich brauche Ruhe. Klare Gedanken. Ich kehre zurück. Dorthin, wo alles begonnen hat. Es sind meine vierzig Tage in der Wüste. Tage der Entbehrung. Tage der Reinigung. Ich bin ausgestoßen. Heimatlos. Hungrig. Allein in der Dunkelheit.

Die Räder der unendlichen Weisheit beginnen zu mahlen. Ich bin berufen. Ich betrete heiligen Boden. Ich trete hervor – göttlich und erleuchtet. Ich werde zugerüstet. Die Vorhersehung schenkt mir eine Gehilfin. Sie ist ein Nichts. Ein existierendes Wesen. Aber sie sieht mich. Begehrt mich. Für diese Nacht mache ich ihr den heiligen Tempel meines Körpers zum Geschenk.

Sie zahlt es mir tausendfach zurück. Sie ist mein Bienchen -fleißig. Ihr Honig ist köstlich. Die kleine Pille mit dem hellblauen Streifen. Unscheinbar. Klein. Am Anfang ist es nicht anders. Wie vieles andere, was ich schon probiert habe.

Aber dann merke ich es. Ein anderes Bewusstsein. Es streckt sich aus. In meinem Geist, auf der Suche nach einem Gegenpol. Ein uralter Instinkt. Ein intuitives Spüren. Aber es ist nicht zu greifen, nicht zu verstehen. Ich verlasse ihr Bett und ihr Haus und nehme mir etwas mit von dem süßen Honig.

Dann kommt der Moment der Erlösung. Wiedergeburt. Taufe. Eine himmlische Offenbarung. Ein göttlicher Segen, der noch keinem Menschen zuvor zu Teil wurde. Ich bin Online. Bin in der großen Maschine. Im System. In Tencity.

Das erste, was ich spüre ist das Kribbeln in den Fingern. Ein warmes Gefühl in meinem Bauch das sich ausbreitet. Heilendes Licht. Ich befinde mich in meinem Schlupfwinkel. Ich beobachte, wie ich es immer tue. Ich erkunde. Suche. Forsche. Warte auf meine Gelegenheit um mein geraubtes Kind wieder an mich zu reißen.

Ich warte und beobachte. Warte und beobachte. Tue nichts anderes.

Dann verändert sich alles. Der süße Honig fließt in mein Gehirn. Ich spüre, wie er sich ergießt. Gehirnzellen werden durchtränkt. Synapsen werden verbunden. Elektromagnetische Impulse werden beschleunigt. Ich spüre, dass ich mit einem anderen, einem neuen Bewusstsein verbunden bin. Ein göttliches Bewusstsein! Ich bin nicht mehr allein. Ich bin zur gleichen Zeit in zwei realen Seinszuständen.

Ich bin zum ersten Mal lebendig – wirklich lebendig. Reine Energie. Pure Kraft.

Ich gehe durch die Straßen dieser Stadt. Alles ist real! Die Luft, die durch meine Lungen strömt. Der Schall, wenn ich in die Hände klatsche. Das Gewicht meines Körpers, wenn ich auftrete.

Geräusche. Gerüche. Visuelle Eindrücke. Es ist keine Fiktion mehr. Es ist kein Erträumen mehr. Es war kein Anpassen, Annähern, unvollkommenes Versuchen oder Hoffen. Ich bin! Ich lebe! Eine andere Dimension. Eine andere Welt. Ich habe das gelobte Land in Besitz genommen. Die Suche hat ein Ende.

Ich kann neu gestalten. Kann alles neu ordnen. Kann die Dinge nach meinem Willen erschaffen. Als Gott! Ich spüre das berauschende Gefühl der unermesslichen Macht, die mir zuteil wird. Ich weide mich daran, koste es aus bis zur Neige.

Geheiligt sei mein Name. Mein Reich komme. Mein Wille geschehe. Wie im Himmel so auch im Cyberspace. Führe mich in Versuchung und erlöse mich von der Realität. Mein sind die Bits und die Bytes und die Herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen!

Dann ist es vorbei.

Ich sitze da. Es ist wie immer. Ich sitze in meinem Schlupfwinkel und warte. Warte und beobachte. Dann kehre ich in die graue Welt zurück.

Ich will wieder dorthin zurück wo ich war. Ich muss wieder leben. Sein!

Ich brauche mehr! Will mehr!

Habe keinen anderen Gedanken.

Kein anderes Ziel.

MEHR!

***

7

Die Magnettafeln waren bereits mit Bildern des Tatortes, der Leichen, des Gebäudes und der einzelnen Räume übersät. An den Wänden hingen leere Plakate und Flipchart-Bögen.

Das große Altbauzimmer im Dachgeschoss des Inspektionsgebäudes war durch die Sonne aufgewärmt. Es roch muffig und durch die geöffneten Fenster drang der geschäftige Lärm der Hauptstraße.

Die Mitglieder der Sonderkommission saßen um den langen Tisch. Köhler räusperte sich vernehmlich. Ein deutliches Zeichen, dass es jetzt ernst wurde. Die Gespräche verebbten und Schweigen legte sich über die Gruppe.

„Die Spurensuche ist noch am Tatort. Sie haben einige DNA-Spuren, daktyloskopische Spuren, Schuhspuren und so weiter gesichert. Am Mittwoch werden die ersten Ergebnisse vorliegen.“

Er wandte sich an Lora: „Würdest du bitte alles kurz zusammenfassen, was wir bis jetzt wissen? Damit alle auf dem gleichen Stand sind.“ Er nickte ihr auffordernd zu.

Lora hatte sich einige Notizen gemacht und wandte sich jetzt an die Gruppe: „Um 09:10 Uhr heute Morgen rief die Haushälterin der Ewens, eine Frau Eleonore Raditzki, über Notruf auf der Wache an. Als wir ankamen, zeigte sie uns einige Blutstropfen vor der Haustür und den Schlüssel, der dort lag. Das erschien ihr seltsam und sie verständigte die Polizei.“

„Hat sie selbst einen Schlüssel für das Haus?“

„Nein, ihr wird immer geöffnet. Wie sie sagte, war Frau Ewens um diese Zeit immer zu Hause. Es war auch immer der gleiche Ablauf. Sie kommt an, ihr wird geöffnet. Frau Ewens verlässt erst später das Haus, um ihren Terminen nachzugehen. Die Putzmittel sind in einer Kammer im Haus gelagert, sie musste also nie etwas mitbringen. Da sie auch in der Stadt wohnt, kommt sie immer zu Fuß zur Arbeit.“

„Ist das ihr einziger Job oder nur einer von vielen?“

„Das ist der einzige.“

„Wer hat denn noch alles einen Schlüssel?“, fragte Reiner, während er mit gesenktem Kopf über einem Schreibblock saß.

„Das ist noch unklar. Der Sohn und die Schweigertochter haben einen. Im Haus selbst haben wir bis jetzt zwei gefunden. Vermutlich die der Hauseigentümer.“

„Wie oft ist die Haushälterin bei den Ewens?“

„So, wie sie selbst sagt, jeden Tag. Außer Sonntags. Sie kommt um 09:00 Uhr und arbeitet bis 15:00 Uhr.“

Köhler wandte sich an Mark: „Was kannst du uns von der Vernehmung des Sohnes, Bernhard Ewens, erzählen?“

„Als wir gerade mit ihm zur Dienstelle fahren wollten, um alles zu Protokoll zu geben, fragte er, ob wir denn schon einen Verdacht hätten, wer seine Eltern erstochen haben könnte. Von den näheren Todesumständen hatte Lora nichts gesagt. Die Medien waren auch noch nicht informiert. Er konnte also nicht wissen, dass die Eltern erstochen wurden. Es stellte sich die Frage, woher er dieses Täterwissen hat. Wir haben ihm bisher nichts von seinem Versprecher erzählt. Auf jeden Fall reichte es der Staatsanwaltschaft als Tatverdacht, um einen Beschluss für eine Telefonüberwachung zu bekommen. Außerdem wird Bernhard ab heute Abend von unserer Observationseinheit beschattet. Wir haben vorsorglich auch schon mal einen Durchsuchungsbeschluss für seine Wohnung beantragt. Damit wollen wir aber noch warten. Erst mal sehen, was er die nächsten paar Tage so macht. Wo er sich aufhält. Mit wem er Kontakt hat. Mit wem er telefoniert und was da so gesprochen wird.“

Während Marks Ausführungen saß Lora mit versteinerter Miene da.

Jetzt guck doch nicht so schuldbewusst , dachte Mark. Es weiß ja keiner, dass wir vor ein paar Stunden schon mal im Haus waren.

Köhlers Blick wanderte aufmerksam zwischen Lora und Mark hin und her. Seine Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen verengt. „Was ist mit der Schwiegertochter?“

„Ich habe mit ihr telefoniert. Sie kommt morgen früh hierher, um ihre Aussage zu machen“, entgegnetet Mark.

„Wie hat sie die Nachricht vom Tod der Schwiegereltern aufgenommen?“, hakte Köhler nach.

„Wir hatten sie ja nur am Telefon. Jedenfalls hat sie nicht geheult. Sie wirkte ruhig und gefasst. Eigentlich sogar etwas unterkühlt.“

„Wer macht die Vernehmung?“

„Ich!“, antwortete Mark knapp. Das war vorher nicht abgesprochen, aber Mark hatte intuitiv das Gefühl, dass er mit der kühlen Frau besser klar kommen würde. Warum, wusste er auch nicht.

Köhler stieß einen seiner undefinierbaren Grunzlaute aus, bei dem man nie sagen konnte, ob das jetzt gut oder schlecht war. Dann legte er die Stirn in Falten und schien nachzudenken.

„Gut, wir haben einen Tatverdächtigen! Das Ganze steht aber auf sehr dünnem Eis. Inwieweit dieses Indiz vor Gericht verwertbar ist, ist fraglich. Mich wundert es, dass wir den Beschluss für die Telefonüberwachung bekommen haben. Er könnte das mit dem Erstochen ja auch nur so dahin gesagt haben. Wir werden uns also nicht ausruhen, sondern ganz im Gegenteil gründlich weiter ermitteln. Vor allem dürfen wir nicht den Fehler machen, uns jetzt gedanklich auf Bernhard Ewens einzuschießen. Wir müssen weiterhin alle Möglichkeiten in Betracht ziehen.“

Anschließend berichteten Silke und Andreas von ihren Ermittlungen in der ehemaligen Firma Ewens. Mark sah die beiden an. Ein perfektes Team, dachte er. Silke war eine drahtige, fast hagere Mittvierzigerin. Ihre langen, roten Haare fielen wie ein Mantel über ihre Schultern. Die scharfgeschnittenen Gesichtszügen und die schmale Hakennase kündigten unfreiwillig eine schnippische Zimtzicke an, Charaktereigenschaften, die sich, nach kurzem Kennenlernen auch schnell als zutreffend erwiesen hatten. Mark dachte oft, dass ihr eigentlich nur noch ein Reisigbesen und ein Kopftuch fehlen würden, dann wäre sie fünfhundert Jahre zuvor der „Heiligen Inquisition“ zum Opfer gefallen.

Andreas war das genaue Gegenteil. Wahrscheinlich war das der Grund, warum die beiden so gut miteinander harmonierten. Er erinnerte Mark immer an einen zufriedenen Labradorwelpen, mit hängenden Schlappohren und gutmütigem Blick, der gespannt darauf wartete, dass irgendjemand ein Stöckchen warf. Mit absoluter Engelsgeduld nahm er das Gezicke seiner Teamkollegin zur Kenntnis, ohne dass es ihn jemals aus der Ruhe hätte bringen können.

„Sobald wir alle Namen der Firmenangestellten haben, werden wir sie überprüfen, um zu sehen, ob einer schon etwas auf dem Kerbholz hat“, schloss Silke ihren Bericht ab.

„Wie sicher seid ihr euch mit dem Todeszeitpunkt?“, Köhler wandte sich an Lora.

„Sehr sicher. Acht Uhr kommt aufgrund der deutlichen Leichenstarre und der Leichenflecken nicht infrage. Wie gesagt, wir gehen von 23:00 Uhr bis maximal 03:00 Uhr heute Nacht aus. Ich denke, die Obduktion wird das bestätigen.“

Die Obduktion war für den nächsten Tag in der Gerichtsmedizin in Mainz anberaumt. Karl würde das übernehmen. Bei diesen Leichenöffnungen waren immer Kriminalbeamte zugegen, um gegebenenfalls die Fragen der Ärzte und Obduzenten beantworten zu können.

„Gut!“, Köhler richtete sich auf und wischte mit der flachen Hand vor sich über den Tisch, als würde er ein neues Kapitel aufschlagen. „Lasst uns einfach mal zusammentragen, was wir für Ideen haben. Er blickte auffordernd in die Runde. „Brainstorming“, fügte er weltmännisch hinzu.

Wenn er „Brainstorming“ sagt, hört sich das an wie ein derbes Schimpfwort im tiefsten, ur-bayrischen Hinterland , dachte Mark. „Jo meij, du dreckiger Sau-Buab, du sau bleeder Breijn-Schtoormieng!“

Ein glucksender Laut entrang sich bei diesem Gedanken seiner Kehle. Als alle ihn ansahen, begann er wie wild zu husten und mit Hand auf seiner Brust herum zu trommeln, als hätte er irgendetwas im Hals. Nach dieser, etwas unecht wirkenden, schauspielerischen Einlage, ergriff er sogleich das Wort: „Ich denke, wir sollten mal alle möglichen Alternativen festhalten. Welche Szenarien sind denkbar?“

„Es könnte sich um einen Einbruch handeln“, griff Lora die Idee auf. „Ich weiß, dass die Art und Weise, wie die Leichen zugerichtet wurden, dagegen spricht, aber lasst mich den Gedanken mal zu Ende führen. Für einen Einbruch würde sprechen, dass die Ewens augenscheinlich sehr reich sind. Ein Einbruch hätte sich gelohnt. Der hintere Teil des Hauses ist wegen der ganzen Bepflanzung und dem angrenzenden Park schwer einsehbar. Einbrecher hätte unbemerkt ins Haus kommen können. Es waren einige Schubladen geöffnet und durchwühlt, als hätte jemand nach etwas gesucht. Ob tatsächlich etwas gestohlen wurde, wissen wir natürlich noch nicht“, sie überlegte kurz. „Dagegen spricht, dass ein Einbrecher die beiden, die offensichtlich im Schlafzimmer waren, nicht hätte umbringen müssen. Gut, ältere Leute haben erfahrungsgemäß oft Bargeld im Schlafzimmer versteckt. In Kommoden oder Schränken. Unter der Bettwäsche. Aber das Risiko, dafür einen Doppelmord zu begehen“, sie schüttelte ungläubig den Kopf, „scheint doch recht hoch.“ Sie sah sich fragend um.

„Dagegen spricht auch, dass das Fenster ohne Aufbruchspuren offenstand. Der Stein, der gegen die Scheibe geworfen wurde, lässt eher den Eindruck entstehen, dass hier jemand einen Einbruch vortäuschen wollte. Kein Einbrecher, der ein bisschen Erfahrung hat, hätte versucht, ein Fenster mit Doppelverglasung einzuwerfen. Mit einem Schraubenzieher wäre es innerhalb von maximal dreißig bis vierzig Sekunden zu öffnen gewesen. Außerdem stellt sich natürlich die Frage, warum der Safe offen gestanden hat. Dann ist da die Sache mit dem Schlüssel, der vor der Haustür gelegen hat.“

„Und warum hätte der Täter das Messer in der Brust des Opfers stecken lassen, eine Nachricht im Mund des Opfers hinterlassen, und die Frau Ewens so brutal zurichten sollen? Das macht bis jetzt alles keinen Sinn.“

„Gut, die Sache mit dem Einbruch sollten wir nicht völlig aus den Augen verlieren, es ist aber eher unwahrscheinlich – es spricht einfach zu viel dagegen.“ Köhler wollte die Diskussion in eine andere Richtung lenken. „Stellen wir uns vor, es wäre ein geplanter Mord gewesen. Wer käme als Täter in Frage? Was spricht dafür, was dagegen?“

„Als erstes ist sicherlich der Sohn der Ewens zu nennen“, überlegte Andreas laut. „Das Vermögen der Eltern und die Aussicht auf das Erbe sind jedenfalls ein klares Motiv. Außerdem war das Verhältnis zwischen ihnen nicht besonders gut. Hass, Wut und Geldgier. Es soll schon aus weniger triftigen Gründen zu Mord und Totschlag gekommen sein.“

„Außerdem hat er kein Alibi. Er war das ganze Wochenende bei einem Freund in Trier“, Silke schnaubte verächtlich, als sei dieser Gedanke vollkommen absurd. Dann ereiferte sie sich zusehends: „Und mal ganz abgesehen davon, dass seine Frage, wer seine Eltern ERSTOCHEN hat“, sie spuckte das Wort förmlich aus, „vor Gericht keine allzu hohe Beweiswirkung haben könnte“, sie machte eine dramatische Pause und wirbelte mit dem erhobenen Zeigefinger theatralisch durch die Luft, als wäre sie selbst der Star-Anwalt in einem Gerichtsdrama, der die Geschworenen durch die schiere Wucht seiner Persönlichkeit überzeugen konnte. „WIE WAHRSCHEINLICH IST DAS DENN, DASS MAN SO ETWAS SAGT, WENN MAN NICHTS DAVON WEIß?“ Sie blickte herausfordernd in die Runde, ob jemand es wagen würde, die bestechende Logik ihrer Schlussfolgerung in Zweifel zu ziehen.

Uhhh, niemand wagt es, der Herrin über Blitz und Donner zu wiedersprechen , dachte Mark und sammelte in Gedanken schon mal trockenes Geäst für den Scheiterhaufen.

Reiner traute sich als erster nach diesem rhetorischen Sperrfeuer wieder zu Wort. Er räusperte sich vorsichtig: „Gut, die Schwiegertochter hätte auch ein Motiv. An dem Geldsegen wäre sie beteiligt. Aber wahrscheinlich ist es zu früh, Mutmaßungen anzustellen. Wir sollten abwarten, was ihre Vernehmung und die Spurenauswertung ergibt.“

„Endlich sagst du mal was Vernünftiges, du alter Sack“, bemerkte Karl trocken.

„Was kann ich denn dafür, dass dir nichts Schlaues mehr einfällt. Du verkalkter, runzeliger Tattergreis.“ Beide fingen wieder an, ihre eigenen Späße mit dem typischen, blechernen Gegacker frenetisch zu feiern.

Karl und Reiner waren seit vielen Jahren ein eingespieltes Team. Wenn die beiden unterwegs waren, mussten die Leute wahrscheinlich an „Der Alte“ im Doppelpack denken. Die beiden verkörperten jedenfalls alles, was man mit einem altgedienten und erfahrenen Ermittler in Verbindung brachte.

Karl war geschieden, seine Kinder lebten irgendwo, und es gab nur wenig Kontakt. Mark dachte oft, dass er trotz seiner gesprächsfreudigen Art und der Tatsache, dass er immer eine lustige Geschichte, meistens aus den vielen Jahren seiner beruflichen Tätigkeit, auf Lager hatte, im Grunde ein einsamer Mensch war. Er erzählte oft und gerne von all den Dingen, die er machen würde, wenn er in zwei Jahren in den Ruhestand ging. Aber Mark konnte das alles nicht so recht glauben. Er meinte zwischen den Zeilen heraus hören zu können, dass Karl eigentlich eine Heidenangst davor hatte, auf einmal ganz alleine zu sein.

Reiner war ein alter Seebär. Er liebte alles, was mit Schiffen, der Seefahrt und der Marine zu tun hatte. Jedes Jahr verbrachte er einen großen Teil seines Urlaubs damit, auf irgendwelchen Frachtschiffen anzuheuern, und als Urlaubs-Matrose mitzuarbeiten.

Er hatte eine gerade, zackige, militärische Art an sich, zu der die gütigen, warmherzigen Augen nicht so recht passen wollten. Die kurzen grauen Haare standen im Bürstenschnitt senkrecht nach oben und reizten den geneigten Beobachter dazu, mit der flachen Hand darüber zu streichen. Er war ein guter Kollege und Freund, solange man nicht den Fehler machte, in sein Büro zu kommen und nach all den Schiffen zu fragen, deren Bilder den größten Teil der Wände überzogen. Wenn Kapitän Reiner sich einmal für sein Lieblingsthema erwärmt hatte, war es nicht mehr möglich, sich von dem maritimen Vortrag loszureißen, ohne dass es beleidigend gewirkt hätte.

Köhler rang sich nur ein gezwungenes Lächeln ab. „Mark und Lora, was habt ihr gedacht, als ihr den Tatort das erste Mal gesehen habt?“ Er sah die beiden aufmerksam an. Lora nickte Mark fast unmerklich zu. Beiden war klar, dass ihr Chef hier auf eine intuitive, gefühlsmäßige Empfindung anspielte. Das sachliche, analytische Denken von Lora war hier nicht gefragt. Wortlos ließ sie ihrem Teamkollegen den Vortritt.

„Was mir als erstes aufgefallen ist“, Mark zögerte, „ist diese Brutalität, mit der der Täter bei der Frau vorgegangen ist.“ Er versuchte die Gedanken, die er hatte, als er alleine vor den Leichen stand in Worte zu fassen. „Er hätte mit ein oder zwei schnellen Stichen töten können. Dieses Overkill –Verhalten des Täters, dieses Übertöten war völlig sinnlos. Morde werden in siebzig oder achtzig Prozent der Fälle von Bekannten oder Verwandten begangen, das ist ja hinreichend bekannt. Aber das hier war nicht einfach nur ein Mord. Das war ein Abmetzeln und ist meiner Meinung nach nur mit leidenschaftlichem Hass erklärbar. Der Täter wollte sich für irgendetwas rächen. Das könnte darauf hindeuten, dass der Tat eine emotionale Bindung vorausging. Außerdem wollte er der Welt etwas mitteilen. Er wollte gehört werden. Eine Aussage machen. Ich befürchte sogar, dass er mit uns spielen will. Wenn es so ist, wird es vermutlich nicht bei dieser Tat bleiben.“

„Und was denkt ihr über Bernhard Ewens? Könnte er unser Täter sein?“

Lora und Mark sahen sich an. Beide wirkten etwas ratlos.

„Ich werde nicht so recht schlau aus ihm“, entgegnete Mark dann. „Er ist – er ist irgendwie seltsam. So, als wären zwei Personen in einem Körper. Mal sagt er etwas sehr Schlaues, was man ihm bei seinem einfältigen Gesichtsausdruck nicht zutrauen würde. Dann wiederum erzählt er Dinge, bei denen man unwillkürlich an einen unreifen Teenager denken muss. Wenn du mich fragst, ob er in der Lage gewesen wäre, seine Eltern brutal zu ermorden: Ja – und Nein! Ich weiß es einfach nicht. Die Fakten sprechen im Moment sicherlich dafür. Er hat ein Motiv. Kein stichhaltiges Alibi. Und die Möglichkeit.“

„Du hast recht“, fügte Lora hinzu, „natürlich hätte er ein Motiv. Natürlich ist da die Sache mit seinem Versprecher, als er davon redete, das die Eltern erstochen wurde – und mir fällt es auch schwer, die Sache trotzdem neutral und sachlich zu bewerten – aber, ob er dazu fähig gewesen wäre, einen Mord zu begehen?“ Sie machte eine kurze Pause und blickte sich um. „Wisst ihr, wenn er da vor einem sitzt und über seine Musik redet, hat man den Eindruck, dass er eigentlich mit sich und der Welt zufrieden ist. Jedenfalls solange man ihn nur in dieser Welt lässt.“

Köhler nickte nachdenklich und deutete nach einer Weile auf die vergrößerten Ausdrucke des Goethe-Gedichts. „Hat jemand eine Idee, was das soll?“ Er blickte in die Runde.

„Der Kehrreim aus dem Zauberlehrling mit Blut geschrieben“, sagte Karl mehr zu sich selbst, als zu den anderen. Dann zuckte er die Achseln. „Keine Ahnung! Der Täter hat hier tatsächlich ein Blutbad angerichtet – so viel steht fest. Vielleicht ist er ein großer Goethe Fan? Aber was hat es mit diesen Zahlen auf sich? 23.42? Und diese eingeritzte 1 und 0 auf der Stirn der Opfer? Scheint wirklich ein Psychopath zu sein. Und in dem Fall gebe ich Mark recht, dann werden wir noch mehr von unserem neuen Freund hören!“

Die armselige Gestalt humpelte gebückt über den Schotterplatz. Ein Bein zog sie schleppend hinter sich her. Sie hatte die Arme nach vorne gerichtet, als gäbe es dort irgendetwas, das sie ertasten könnte. Ein unsichtbares Etwas, das nur sie sehen konnte. Die langen Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Die fahle Haut und das zerfurchte Gesicht wirkten krank und leblos. Die grauen Augen wanderten rastlos umher. Immer wieder blickte sich die Frau ängstlich um, als sei sie auf der Flucht. Vor einer imaginären Gefahr, die nur sie sehen konnte und die ihr auflauerte.

Es war der letzte Tag der Festivität. Die Besucher, die sich jetzt noch um die Attraktionen des Maimarktes drängten, waren vor allem Schüler, die nach der letzten Unterrichtsstunde noch etwas Zerstreuung suchten. Oder Geschäftsleute, die ihre Mittagspause bei einer Bratwurst und einer Cola verbringen wollten, oder eben jene Gäste, die den Vergnügungen des Volksfestes bisher, aus welchen Gründen auch immer, ferngeblieben waren.

Die meisten standen in Gruppen zusammen, unterhielten sich oder beobachteten einfach nur teilnahmslos das bunte Treiben. Einige wurden auf die hagere Kreatur aufmerksam, die sich ihren Weg wie ein Leprakranker Bettler scheinbar ziellos durch die Menschenmenge bahnte. Sie blickten scheel und stießen ihre Nachbarn an. Andere machten ihre Späße über die seltsame Erscheinung. Ein Jugendlicher rief ihr hinterher: „Hey, Gewitterhexe, ich bin Hänsel und Gretel und hab mich im Wald verirrt.“ Dabei imitierte er ihren schlurfenden Gang. Aus dem Plastikbecher lief verschüttetes Bier über seine Hand. Seine Freunde brachen in Gelächter aus.

Ein älterer Mann schüttelte missbilligend den Kopf. Die meisten drehten sich angewidert ab. In der großen Masse fühlte sich keiner verantwortlich zu helfen.

Das änderte sich erst, als sich die Gestalt durch das dichte Gedränge der meist jugendlichen Besucher schob, die rund um den Autoscooter standen. Dabei wischte sie mit den ausgestreckten Händen durch die Luft als würde sie Äste zur Seite schlagen oder Insekten verjagen. Ihr Atem ging keuchend, als sie auf die Fahrfläche des Scooters humpelte.

Einer der Ordner, ein schwabbeliger Kerl mit Bulldoggen-Gesicht, erblickte die Frau: „Hey, weg da, sind Sie verrückt?“

Er eilte auf sie zu, aber es war zu spät. Einer der Scooterfahrer, ein Jugendlicher mit rotem Wuschelkopf, sah sie zu spät und konnte nicht mehr anhalten. Erschrocken hob er die Hände in Abwehrhaltung, als er in die Frau hineinkrachte. Der seltsamen Gestalt, wurden die Beine weggerissen. Sie landete mit dem zerzausten Kopf hart auf dem Fahrbelag und dort blieb sie regungslos liegen. Als der Ordner näher trat, sah er, dass die Frau zitterte. Sie hielt etwas in der Hand, er konnte jedoch nicht erkennen, was es war. Dann sah er den dunkelrot-verfärbten Verband am Unterarm, unter dem offensichtlich eine schlimme Wunde verborgen war.

„Haben Sie sich was getan? Sind Sie verletzt?“, er beugte sich über sie und nahm ein ersticktes Wimmern war. „Brauchen Sie einen Arzt?“, er zupfte die Frau vorsichtig am Arm.

In diesem Moment fuhr das Wesen herum und schlug mit einer Kraft, die man ihrem ausgemergelten Leib niemals zugetraut hätte, auf den verdutzten Mann ein. Er versuchte erschrocken zurückzuweichen, stolperte aber über den hinter ihm stehenden Scooter. Die Frau stürzte sich auf ihn. In der Hand hielt sie eine Porzellandose. Unter bestialischem Gebrüll schlug sie damit auf den Schädel des Mannes ein. Mit der anderen Hand zerkratzte sie ihm das das Gesicht.

Mehrere Außenstehende versuchten, sie von ihrem Opfer wegzuziehen, schafften es aber nicht. In panischer Angst schlug der Ordner mit der Faust zu. Es war ein harter Schlag mitten ins Gesicht. Die Gestalt fiel nach hinten. In ruckartigen Bewegungen begann sie sich an Kopf und Arme zu greifen, als wären dort gefräßige Heuschrecken. Blut und Speichel rannen ihr aus dem offenen Mund. Ihre Stimme überschlug sich, als sie wild kreischend die Worte „SYSTEM STOP! ESCAPE TENCITY! EXIT GAME!“ wiederholte.

Die Polizisten, die den Zwischenfall später aufnahmen, konnten die verwirrte Frau als Maria Goldberg, wohnhaft in Simmern identifizieren. Sie wurde in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie des örtlichen Krankenhauses eingewiesen.

Als der behandelnde Arzt später zu ihr ans Bett trat, lag die Frau zusammengekauert auf ihrem Bett. Man hatte sie mit Medikamenten ruhig gestellt. Sie hielt eine Pillendose in anbetender Haltung vor der Brust. Der irre Blick ging ins Leere. Ihre Haut war mehlig und kalt. Ihre Lippen formten immer wieder lautlos die gleichen Worte. Grand Estival und Tencity. Als die Beruhigungsmittel ihr einen traumlosen Schlaf aufzwangen, waren nur noch leiser werdender Zischlaute zu vernehmen.

8

Nach der Besprechung war Mark in sein Büro zurückgekehrt.

Die monströse Kugel lag auf seinem Schreibtisch. Ein schwarzes rundes Etwas, so groß wie ein aufgepumpter Wasserball. Am unteren Ende befand sich eine Öffnung. Von der mattschwarzen Oberfläche hingen mehrere Kabel herunter. An diesen Tentakeln waren Saugnäpfe befestigt, die an ein EKG-Gerät beim Arzt erinnerten. Im Innern konnte Mark eine glatte Oberfläche ertasten. Er suchte die klobige Kugel nach einer Typenbezeichnung oder einem Firmennamen ab. An dem Schaumstoffüberzug, der die Öffnung umschloss, war ein kleines Schild befestigt. In die Metalllegierung war die Bezeichnung: MG Cyber-Helmet Prototype Nr. 18205/12 eingestanzt. Darunter stand: CL Research Foundation, HH-GER.

Mark googelte „Cyber-Helmet“ als Bildersuche und wurde sofort fündig. Es handelte sich um ein Foto, das an einem Verkaufsstand einer großen Computermesse aufgenommen worden war. Ein junger Mann in hellgrauer Tweedjacke und verwaschener Jeans hatte eine ähnliche Kugel auf dem Kopf. Der Cyberhelm auf dem Foto war allerdings mit hochglanzpolierter Edelstahllegierung überzogen. In der glänzenden Oberfläche spiegelten sich die neugierigen Messebesucher, die sich interessiert um den Stand drängten und ganz offensichtlich den Ausführungen eines Verkäufers lauschten, der das Geschehen kommentierte. Es waren keine Kabel oder Saugnäpfe an dem Helm zu sehen.

Der Mann auf dem Bild schien mit den Händen in der Luft herumzutasten. Gleichzeitig war seine Körperhaltung gekrümmt. Er sah aus wie ein Seiltänzer, der mühsam um sein Gleichgewicht rang.

Wie Mark der Internetseite entnehmen konnte, handelte es sich um einen Messestand der Firma MadGames Inc. Der Cyberhelm wurde bei der Computermesse als Zukunftsprojekt vorgestellt.

Er sieht aus wie ein altmodischer Taucherhelm – und tatsächlich kann der Träger abtauchen, jedoch nicht in trübe Gewässer, sondern in hochauflösende Cyberwelten. Dem User werden 360 Grad Bilder übermittelt, um ihn so lebensecht in die Umgebung eines Computerspiels zu versetzen. Derzeit gibt es noch keine Pläne, daraus ein kommerzielles Produkt zu machen. Eine Nutzung für Computerspiele oder Filme sei aber dennoch denkbar.

Mark druckte die Seite und googelte den Namen der Firma. Es handelte sich um eine Software-Produkte Firma, die in Redwood-City, Kalifornien, USA ansässig war. Als Gründungsjahr war 1982 angegeben. Auf der „Über uns“-Seite waren weitere Informationen hinterlegt.

Mark gab die CL Research Foundation als Suchbegriff ein. Im Presseportal waren mehrere Mitarbeiter namentlich und mit Bild gelistet. PR-Manager und Funktionsträger der verschiedenen Bereiche, die allesamt mit einem strahlenden Lächeln Vertrauen und Seriosität vermitteln wollten. Als Mark weiter scrollte, stutzte er.

Dr. med. Andrea Schuler, Leiterin Fachbereich Neurologie und Hirnforschung, Dr. Prof. Thorsten Reuber, Fachbereich Biologie und naturwisschenschaftliche Forschung, Dr. Prof Alan Holdsworth, Fachbereich Physiologische Chemie.

Was hat Spiele-Software mit Hirnforschung und Bio-Chemie zu tun? Wo war die Verbindung? Ein Forschungsinstitut in Deutschland und Software-Produktionsfirma in den USA?

Mark stand auf und trat ans Fenster. Er blickte auf die Stadt. Er sah den Schinderhannes-Turm, aus dem der berüchtigte Räuberhauptmann geschichtlichen Erkenntnissen zufolge einst geflohen war. Auf der Turmspitze war eine kleine Blechfigur mit einer Pistole in der Hand. Mark hatte den Eindruck, dass sie ihn auslachte.

Die Idee kam ihm so schnell, dass er selbst überrascht war.

Er beendete den Bildschirmschoner und klickte sich ins Einwohnermeldesystem. Den Namen, den er suchte, fand er sofort.

„Du wirst überrascht sein, mich wiederzusehen“, murmelte er in stiller Vorfreude.

Als Mark nach Hause kam, war es 20:10 Uhr.

Die Haustür öffnete sich mit einem vernehmlichen Quietschen. Ein weiterer Punkt auf seiner inzwischen seitenlangen Liste der Dinge, die unbedingt, sofort und dringend im Haus erledigt werden mussten.

Es war dieser zwielichtige Moment in seinem dahinplätschernden Tagesablauf. Ein Moment der unbewussten, inneren Anspannung, in dem er nie so genau wusste, was ihn als nächstes erwartete. Als würde er wie ein Entdecker in eine neue, unerkundete Welt vorstoßen, in der erst fremde Kulturen und andere Gebräuche erforscht werden mussten.

Dieser obskure Familienklima-Pegel, der anscheinend völlig unwillkürlich sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung ausschlagen konnte, ohne dass es jemals möglich gewesen wäre, ihn irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten oder logisch-nachvollziehbaren Regeln zu unterwerfen. Die Gruppendynamik seiner Familie hatte sich über mehrere Stunden selbstverwirklicht, und er war der Außenstehende, der Uneingeweihte, der nun versuchte, sich in eingefleischte Strukturen und Geheimnisse hineinzudrängen. Im Grunde war es aber immer dasselbe: Entweder lief es gut oder nicht. An diesem Tag lief es gut. Er hatte die Türschwelle kaum übertreten, als ihm Meira, seine dreizehn Jahre alte Tochter, voll pubertärer Begeisterung um den Hals fiel.

„Hallo Papa, hast du einen guten Tag gehabt?“, strahlte sie wie die aufgehende Sonne und zwinkerte ihn an. Alles in ihr schien zu rufen: „Du bist der tollste Papa auf der ganzen Welt!“ Sie legte den Kopf schief, lächelte und strich sich die Harre hinter die Ohren.

In ein paar Jahren kannst du das viel besser , dachte Mark, und dann wirst du leider jeden Kerl mit diesem Lächeln um den Finger wickeln können. Aber jetzt, kleine Lady, fehlt dir noch das gewisse Etwas an Glaubwürdigkeit .

„Wie viel?“, fragte er trocken, nachdem er sich aus dem liebevoll vorgetäuschten Klammergriff gelöst hatte.

Meira sah ihn mit ihren unschuldigen Bambi-Augen verblüfft an, als wäre ihr der Sinnzusammenhang, zwischen diesen Worten und ihrer aufrichtigen Zuneigungsbekundung vollkommen unerklärlich. Dann erkannte sie jedoch schnell die Ausweglosigkeit ihrer Lage. Sie war aufgeflogen. Schlagartig änderte sie ihre Strategie.

„Wir machen morgen mit der Klasse einen Ausflug.“ Sie hatte jetzt wieder diese monotone Teenager-Klangfärbung in ihrer Stimme. „Irgend so ein Eifel-Erkundungsprojekt, irgendwas mit blöden Vulkanen, und Magma-Lava-Trallala. Aber danach gehen wir noch in die Fußgängerzone. Ich hab gedacht, vielleicht kann ich mir da was kaufen?“ Sie ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen und blickte erwartungsvoll zu ihrem Papa auf.

„Wie viel?“

„Zwanzig?“

Mark zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche und übergab mit spielerischem Seufzen einen Zwanziger. Als sie reglos vor ihm stehen blieb, legte er noch einen Zehner hinterher. Meira strahlte, gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Backe und huschte in ihr Zimmer.

„Ich hoffe, dass du vernünftig mit dem Geld umgehst“, rief er ihr nach.

„Was?“

„Ich hoffe, dass du dir damit völlig sinnlos irgendwelche überteuerten Markenklamotten kaufst und ein riesiges Spaghetti-Eis gönnst.“

Sie hatte die Zimmertür schon zugeschlagen, wohl wissend, dass sie ihr Ziel zufriedenstellend erreicht hatte und ihre Jagdtrophäe sicher in ihrer Geldbörse verstauen konnte. Wahrscheinlich telefonierte sie bereits mit einer Freundin um ihr von dem glücklichen Beutezug zu erzählen.

Das war zwar nicht billig, aber besser als das motzbackige „Ihr-könnt-mich-alle-mal“ Gezicke, das ihm sonst so oft entgegenschlug, wenn er nach Hause kam.

Dann klingelte es an der Tür. Es war Frau Pies, deren Garten unglücklicherweise an das Grundstück der van Groths grenzte. Diese hagere, rostige Gabel hat mir gerade noch gefehlt, dachte Mark. Er öffnete und setzte sein Guten-Tag-Lächeln auf. Es erstarb jäh.

Da stand sie. Mit strengem Blick. Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Die mumpfige Armageddon-Stimme erinnerte Mark an klebrigen Schweiß. Sie verkündete, dass der „HASE“ - sie schleuderte das Wort förmlich heraus, als handele es sich um irgendein unheilbares, eitriges Geschwulst - aus seinem Verschlag ausgebrochen sei. Er habe sich über ihr edelstes Gemüse hergemacht.

Zum Beweis hob sie den kleinen Kerl hoch. Dieser versuchte seinerseits, möglichst unschuldig zu blicken. Günther, wie Meira das Karnickel genannt hatte, saß jetzt auf Frau Pies Arm. Dabei blickte er sich misstrauisch um und wackelte aufgeregt mit der Nase, als würde er eine Gefahr wittern.

Frau Pies übergab das knabbernde Fellknäuel übelgelaunt seinem Besitzer. Nachdem Mark sich mehrfach entschuldigt und versichert hatte, dass es nicht mehr vorkäme, zeigte sie sich unterm Strich aber dennoch versöhnlich. Mark brachte den Missetäter zurück in seinen Verschlag, wobei er die Tatbestandsmerkmale des räuberischen Diebstahls aus strafrechtlicher Sicht explizit erörterte und ihn ernsthaft über die möglichen Konsequenzen einer weiteren Gesetzesübertretung aufklärte. Der Hase ließ die Standpauke gelassen über sich ergehen. Den munteren Kaubewegungen war zu entnehmen, dass er sich jetzt in Sicherheit wähnte und den Ausflug in Nachbars Garten dennoch als vollen Erfolg verbuchen würde. Mark verriegelte den Verschlag mit einem zusätzlichen Vorhängeschloss. Dann ging er zurück ins Haus.

Der nächste, der Mark begegnete, war Lukas. Er stand in der Küche und war, wie eigentlich immer, gerade damit beschäftigt, sich an irgendeiner Speise, die einer gründlichen Prüfung seines kulinarischen Kennerauges standgehalten hatte, gütlich zu tun. Mit aufgeplusterten Backen und mahlenden Kauwerkzeugen verharrte er regungslos vor der geöffneten Kühlschranktür. Geht's denn hier nur noch ums Fressen?

„Hey!“, ein unartikulierter Höhlenlaut entrang sich seinem Mund, während er seinen Papa eines flüchtigen Blickes würdigte. Dann wanderten seine Augen mit unverändertem Interesse zurück zum Objekt seiner Begierde: das Innere der Futterkammer, das er jetzt einer noch genaueren Inspektion unterzogen wurde.

„Alles klar bei dir?“ Mark wusste, dass in diesem Moment heiliger Andacht vor dem Altar wärmender Kohlenhydrate keine Störungen erwünscht waren.

„Mmmhmm!“, die Antwort war ein eindeutiges Zeichen, dass die Opferzeremonie ihrem Höhepunkt entgegen eiferte.

Mark beobachtete mit gelähmtem Interesse, wie eine weitere Scheibe Wurst in der kleinen, schmatzenden Öffnung verschwand. Nach eingehender Geschmacksprüfung wurde der Happen als ausreichend bewertet und mit einem zufriedenen Seufzer runtergeschluckt.

„Warum nimmst du dir nicht einen Teller und setzt dich an den Tisch?“

„Mmm!“

Mark stand einen Moment unschlüssig daneben und beobachtete die rhythmischen Auf- und Abbewegungen des Unterkiefers. Er wusste nicht so genau, was er jetzt als nächstes machen sollte. Bis zu diesem Moment war irgendwie alles noch geplant, bewegte sich in fest vorgeschriebenen Zyklen.

Seine Gedanken kreisten immer noch um den Mord, die Kollegen, die Arbeit und eben diesen ganzen Kram. Jetzt stellte er ernüchtert fest, dass er sich noch keine erfolgsversprechende Idee für das Danach zurechtgelegt hatte.

Er machte sich erst mal ein Bier auf. Das kalte, herbe Nass rann ihm angenehm kühl durch die Kehle. Er würde gleich noch eins trinken. In einer halben Stunde würde die ersehnte, leicht betäubende Wirkung einsetzen. Dann würde er alles von einem entfernteren Beobachtungsposten aus wahrnehmen, wie durch einen hauchdünnen Nebelschleier, in dessen grauem Gewand die Dinge des Alltags an Ernsthaftigkeit und Dramatik verloren. Mord und Totschlag, Erziehung und Verantwortung, alles würde einer angenehmen Entspannung weichen, die sich über ihn legte wie eine wärmende, schützende Decke.

Dann ging die Sonne zum zweiten Mal an diesem Tag auf. Jenny kam in die Küche. Es waren die Augen. Nach all den Jahren waren es immer noch die Augen, warm schimmernd, mit einem grünlichen Ton darin. Am liebsten wäre er in Zeitlupe in sie eingetaucht, einfach leise in ihren Tiefen versunken und träge darin herumgeschwommen.

„Na, Süßer, anstrengender Tag?“ Sie drückte sich an ihn und gab ihm einen Kuss auf dem Mund, wobei sie verführerisch zu ihm aufblickte. Er erzählte ihr kurz von dem Mordfall.

„Die ganze Sache wird uns etwas in Atem halten“, schloss er seinen Bericht ab. Alles in ihm verlangte danach, sich mit dieser Seelengefährtin auszutauschen. Aber Jenny war geschminkt und mit ihrem schwarzen Jackett und den hohen Absätzen bekleidet. Ein eindeutiges Zeichen, dass sie noch weg wollte.

„Wo ist eigentlich Amelie?“ Seine elfjährige Tochter war die einzige, der er noch nicht begegnet war.

„Die schläft heute Nacht bei Lena.“

„Wer ist Lena?“

„Na, ihre Freundin, die Kleine mit den blonden Haaren. Die deine Tattoos so angestarrt hatte.“

Mark erinnert sich ein kleines, verschüchtertes Mädchen, das beim Anblick seiner tätowierten Unterarme fast angefangen hätte zu heulen.

Seine reizende Tochter hatte ihn in ihrer unnachahmlichen Art in Schutz genommen: Der sieht nur aus wie ein Monster. Und die Tätowierungen hat er nur, weil er kuuuuhhl sein will. Der ist ganz harmlos. Sie hatte ihm die Backe getätschelt als sei er ein zahnloser Tiger im Zoo.

„Vielleicht kannst du mir ja nachher noch alles erzählen“, Jenny blickte auf ihre Armbanduhr und löste sich abrupt aus seiner Umarmung. „Ich geh noch mit Freundinnen was trinken. Ist das okay für dich?“

„Ich wünsch dir einen schönen Abend“, hörte Mark sich sagen. Noch ein Kuss, diesmal etwas länger.

„Ist wirklich alles okay?“

„Klar! Alles bestens. Mach dir keine Gedanken.“ Gar nichts ist okay, ich bräuchte dich jetzt. Alles in ihm wollte die Wahrheit herausschreien.

„Ich kann auch hier bleiben“, sagte sie ohne rechte Überzeugung.

„Quatsch. Genieß den Abend. Wir sehen uns ja später.“

Jenny lächelte ihr bezauberndes Lächeln. Noch ein Kuss. Im Hinausgehen strich sie ihrem Sohn über die dünnen blonden Haare.

„Warum nimmst du dir nicht einen Teller und setzt dich an den Tisch?“

Dann huschte sie aus der Küche.

Bei Lukas schlug der Sättigungspegel mittlerweile im roten Bereich an. Man muss nur fest an Wunder glauben, dachte Mark. Die Kühlschranktür fiel zu.

„Nacht, Papa“. Der Kleine beugte sich zu ihm rüber, als wollte er ihm auch einen Kuss geben. Mark war perplex! Lukas schien irgendwann beschlossen zu haben, dass dieses Ritual als unmännlich der Vergangenheit angehören sollte.

Mark erkannte die hinterhältige Falle erst, als Lukas ihn mit der ganzen Kraft seiner kleinen Hände in die Brustwarze kniff und einmal fest im Kreis drehte. Mark fluchte laut. Lukas ergriff unter triumphierendem Gejohle die Flucht. Mark wollte die Verfolgung aufnehmen, blieb aber nach den ersten Schritten mit dem Kopf an der Dunstabzugshaube hängen.

Als der zweite Schmerzensschrei ertönte, wirbelte Lukas herum und amüsierte sich offenkundig köstlich über seinen tollpatschigen Vater, der jetzt mit schmerzverzerrtem Gesicht vor ihm stand, Mark massierte sich mit der einen Hand den Kopf, mit der anderen die Brustwarze. „Mach dich bloß ab, du mieser Verräter.“

Als der Kleine in stolzer Siegerpose dem Schlachtfeld den Rücken kehrte, leckte er sich noch mal über die Lippen, als könne er damit den Nachgeschmack der Kühlschrankbeute oder auch des süßen Sieges, den er zweifellos errungen hatte, für den Rest der Nacht konservieren.

Dann hörte Mark, dass die Haustür zufiel und Jenny ihr Auto startete. Er hasste die Stille danach.

Den Rest des Abends verbrachte er mit dem erfolglosen Versuch, die Gedanken an die Arbeit aus seinem Kopf zu verbannen. Trotz Fernsehen, ein paar Curls auf der Hantelbank und einer Aufbackpizza scheiterten die gutgemeinten Versuche.

Als er später in einen unruhigen Schlaf fiel, wusste er nicht, dass eine dunkel gekleidete Gestalt zum achten oder neunten Mal an diesem Abend langsam an seinem Haus vorbeischlurfte und das Anwesen mit gesenktem Kopf und in die Stirn gezogener Kapuze unauffällig beobachtete.

Später wachte er auf, als Jenny sich zu ihm legte. Sie drückte sich an ihn, um der unangenehmen Kälte ihrer brachliegenden Matratze fürs erste zu entkommen. Er merkte noch, dass sie ihm einen Kuss auf den Hinterkopf drückte.

Er schlief wieder ein.

In dieser Nacht träumte er von Leichen mit Messern in der Brust und blutverkrusteten Leibern. Er hörte, wie jemand seinen Namen rief. Dann kamen wieder die alten Bilder – er hielt seinen sterbenden Kollegen in den Armen. Leblose Augen. Verständnislos. Das Leben verließ ihn aus einer klaffenden Wunde in der Brust.

„Warum hast du nichts getan? Warum hast du nichts getan?“ Die Lippen bewegten sich tonlos im kalten Nebel. Dann knallte es laut. Das unbarmherzige Echo eines Donnerschlages. Es hallte in seinem Kopf nach. Schweißgebadet wachte er auf. Sein Atem ging stoßweise. Er brauchte einige Sekunden um zu verstehen, wo er war.

„Hey, was machst du denn? Alles klar?“, Jenny streichelte ihm im Halbschlaf über die Brust. Dann hörte er wieder die langsamen, gleichmäßigen Atemzüge seiner Frau.

Er setzte sich auf. Die leuchtend rote Digitalanzeige des Weckers zeigte 04:15 Uhr.

Er blieb noch eine Stunde liegen, konnte aber nicht mehr einschlafen. Seine Gedanken kreisten wieder einmal um den Einsatz. Der Schuss. Der Notarzt. Die Beerdigung. In den Tagen danach hatte sein Unterbewusstsein auf Autopilot geschaltet und was einmal Leben war, war einer trägen Benommenheit gewichen. Wie ein Schauspiel, das er mit betäubter Distanz erlebte. Dann waren die Depressionen gekommen. Die schwarze Leere. Tränen. Verzweiflung.

Er hatte sich krankschreiben gelassen. War zu einem Therapeuten gegangen. Er hatte Medikamente geschluckt. War vorm Fernseher versackt. Hatte angefangen zu trinken. Zu viel.

Irgendwann war klar, dass er niemals mehr als verdeckter Ermittler arbeiten können würde. Die Versetzung auf die kleine Landdienststelle sollte ein Neuanfang sein. Hier sollte es ruhiger werden. Mark dachte wieder an die Leichen der Ewens. Von wegen – ruhiger!

Dann zog er sich an, setzte sich ins Auto und machte sich auf den Weg zur Dienststelle.

Stimmen. Viele Stimmen. Sie konnte nicht sagen, ob es ihr eigener Kopf war, der sie hervorbrachte, oder ob es die trostlose Dunkelheit war, die sich wie ein dunkles Grabtuch über sie gelegt hatte.

Stimmen, die in den endlosen Tunneln ihrer verlorenen, schreienden Seele wiederhallten. Und Zorn. Ohnmächtiger Zorn in einem Universum aus dunklen Schatten. Eine Schwärze, die sich auf sie stürzte, wie etwas Erstickendes, das den Atem aus ihr herausquetschte. Eine leckende, murmelnde, kreischende Angst.

Eine weitere Welle der Verzweiflung rollte an, brandete machtvoll gegen das poröse Mauerwerk der Hoffnungslosigkeit.

Dann wurde sie eingesogen. Verschluckt.

Nach unten. Immer weiter nach unten. In den Abgrund.

Endlose Tiefe. Von Schatten zu Schatten.

Treiben … dahintreiben … sterben …

Die Leere war vollständig. Die Dunkelheit, zuerst nur das Fehlen von Licht und Farbe, wandelte sich in den treibenden, pulsierenden Herzschlag einer gehetzten Kreatur.

Eine enge, würgende Furcht.

Verloren. Verloren …

Die Nachtschwester überprüfte den Venentropf. Dann legte sie der Frau die Hand auf die Wange. Ein automatischer Reflex. Eine überflüssige Geste des Mitleides mit diesem wimmernden Überrest einer menschlichen Existenz.

Pulsschlag, Blutdruck, Herzfrequenz, alles wurde ständig durch Maschinen kontrolliert und über einen Monitor am Kopfende des Bettes angezeigt.

Die Nachtschwester seufzte: „Morgen geht es Ihnen bestimmt schon besser, Frau Goldberg, morgen geht es bestimmt schon besser.“ Dann machte sie das Licht aus.

Die zurückbleibende Dunkelheit wurde nur durch das fahle Licht des Monitors und der beständig aufflackernden Herzschlaglinie durchbrochen.

Stimmen. Schwärze.

Ihr Geist schwebte weiter durch die dumpfen, klagenden Nebel.

Verschlingende Furcht.

Endlose Tränen.

Aus!

9

Dienstag

Als er in sein Büro kam, stellte er fest, dass er vergessen hatte, den Computer abzuschalten. Der Bildschirmschoner warf einen blass-bleichen Lichtschein in den Raum.

Mark knipste die Birne an und hängte seine Jacke an den Haken. Dann drückte er die Leertaste. Der Bildschirm flackerte widerwillig auf. Bitte Kennwort eingeben.

Erst mal einen Kaffee. Er ging in den Sozialraum. Die Nachtschicht hatte noch einen Rest der schwarzen Brühe in der Thermoskanne hinterlassen. Mark drückte auf die Pumpautomatik und entrang dem Wärmebehältnis ein paar schwarze Tropfen, die eher an einen Ölwechsel beim Auto erinnerten als an den begehrten Wachmacher. Beim zweiten Drücken stieß die Kanne ihr blubberndes Hohngelächter aus, mit dem sie gehässig zu verkünden schien: „Du bist ein Verlierer, für dich gibt es nichts mehr.“

Mark probierte einen Schluck, verzog das Gesicht und spuckte die halbwarme Plörre angewidert ins Spülbecken. Dann ging er in das Büro von Rolf. Der hatte eine Padmaschine. So was brauche ich auch, dachte Mark, und legte einen Pad ein.

Als er in sein Büro zurückkehrte, schickte die Sonne ihre ersten gutgemeinten Grüße über die Stadt. Mark setzte sich an seinen Schreibtisch und blickte einen Moment auf den Desktophintergrund. Ein Bild von seinen Kindern, das er bei einem Ausflug in einen Freizeitpark gemacht hatte. Es war einer der Momente, den er am liebsten in Alupapier eingepackt und konserviert hätte, um immer, wenn er ein bisschen „Familie“ brauchte, die süße Erinnerung heimlich auszupacken und ein kleines Stück davon zu naschen. Diese Augenblicke waren viel zu selten, Momente, die man mit aller Kraft festhalten wollte. Die einfach nicht vergehen sollten.

Er war wieder melancholisch und er tat sich selbst leid.

„Hm …“, er seufzte tief. Dann überlegte er, ob Jenny schon den Sommerurlaub für dieses Jahr geplant hatte. Vielleicht ans Meer. Vielleicht nach Holland, seine Mutter und seinen Vater besuchen.

Er lehnte sich zurück, rieb sich mit den Händen über den kahlrasierten Schädel und gähnte herzhaft.

Neben ihm auf dem Boden stand der Rechner von dem alten Ewens. Den würde er sich nachher ansehen. Sein Blick fiel auf die Kopie des Zauberlehrlings.

Dann hörte er, dass irgendjemand über den Flur schlurfte. In diesem Moment flog die Bürotür auf. Lora kam herein, und stellte ihre Stofftasche neben den Schreibtisch.

„Morgen.“

„Morgen.“ Mark sah sie erstaunt an. „Was machst du denn schon hier?“

„Vermutlich dasselbe wie du. Ich konnte nicht schlafen, und da dachte ich, ich kann ja schon mal an unserem Fall weiterarbeiten.“

„Ich mach uns mal einen Kaffee.“

„Danke.“

Fünf Minuten später waren sie online. Wie schon so oft saßen sie an ihren gegenüberliegenden Schreibtischen, beide hinter ihren Monitoren verschanzt, wie zwei Soldaten im Schützengraben. Der einzige Unterschied war, dass keine Granaten sondern Informationen flogen.

Lora hatte Goethe als Suchbegriff eingegeben und fasste alles Wesentliche in kleinen Happen zusammen:

Johann Wolfgang von Goethe hat in Frankfurt das Licht der Welt erblickt. Er war einer der großen deutschen Dichter und Denker. Er forschte auf vielen naturwissenschaftlichen Gebieten, wie zum Beispiel der Metamorphose der Pflanzen. Er hat sich auch mit mystischen Schriften und Alchemie beschäftigt.

Er soll intelligent, vielseitig interessiert und gebildet gewesen sein. Der ausbleibende Erfolg bei vielen seiner Bemühungen führte ihn jedoch in die Resignation. So sagte er von sich selbst: Kein Mensch weiß was ich tue und wie vielen Unwägbarkeiten ich trotze.

„Handelt das von Goethe oder von mir?“ Mark gähnte wieder und schlürfte an seinem Kaffee.

„Wie bitte?“

„… intelligent, vielseitig interessiert und gebildet … Das ist im Grunde meine Biografie, die du da vorliest. Und der letzte Satz könnte auch von mir handeln.“ Mark rezitierte in geschwollenem Tonfall: „Der ausbleibende Erfolg bei vielen seiner Bemühungen führte ihn jedoch in die Resignation. Die reden von mir! - Und: Kein Mensch weiß was ich tue und wie vielen Unwägbarkeiten ich trotze, um auch nur das Wenige zustande zu bringen!“

„Das stimmt wiederum“, gab Lora trocken zurück, „es weiß wirklich kein Mensch, was du tust. Ich glaub, das weißt du selbst nicht mal - und dabei bringst du wirklich sehr wenig zustande.“

„Siehst du. Außerdem beschäftige ich mich auch mit mystischen und alchemistischen Schriften.“

„So?“

„Klar, ab und an les ich mal einen von deinen Berichten! Und ich verstehe sie. So gesehen bin ich auch einer der großen Dichter und Denker.“

„Und was dichtest du so?“

„Letzte Woche zum Beispiel den Abfluss am Spülbecken.“

„Ha, Ha! Wäre nur gut, wenn du auch mal was denkst.“

„Das versuche ich ja die ganze Zeit. Was war das zum Beispiel mit dieser Metamorphose der Pflanzen? Also wenn du mich fragst, hat der Typ eine größere Menge irgendwelcher nicht handelsüblichen Drogen konsumiert.“

„Das kann natürlich sein. Fragt sich nur, was unser Mörder mit diesem Goethe zu tun hat?“

„Vielleicht ist er einfach nur ein großer Fan und hat daheim ein überdimensionales Goethe-Poster aufgehängt.“

„Oder er dachte sich, es wäre einfach schön, ein Gedicht im Mund eines Toten einzunähen. Hast du was zu dem Zauberlehrling gefunden?“ Während ihrem Gespräch hatte Mark wild auf seiner Tastatur herumgehackt. In diesem Moment erwachte der Drucker zum Leben und spuckte mit seinem widerwilligen: Klack, Klack! Sssssst! einige Seiten aus. Es war die komplette Version des Gedichtes.

„Lies mal vor“, forderte Lora ihn auf, während sie sich zurücklehnte und die Füße auf den Schreitisch legte.

Mark plätscherte die Zeilen in einem eintönigen Stakkato herunter:

Walle! walle
manche Strecke,
daß zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße …

Zum Schluss war er immer schneller und leiser geworden.

„Was für ein Scheiß!“, brach es jetzt aus ihm heraus. „Walle, Walle, schwall ins All! Und das soll von einem der großen Dichter und Denker kommen? Wahrscheinlich hat der auch Ene, Mene, Miste, es rappelt in der Kiste geschrieben.“

Lora hatte Der Zauberlehrling – Bedeutung, Der Zauberlehrling – Interpretation, Der Zauberlehrling – Analyse, gegoogelt. Sie schickte Mark den Link in sein Outlook Fach.

Er klickte sich auf die Seite und schüttelte den Kopf: „Ich verstehe nicht, dass diesen ziemlich durchschnittlichen Zeilen so viel Beachtung geschenkt wurde. Es gibt ganze literarische Abhandlungen was der tiefere Sinnzusammenhang sein soll. Hätte Goethe das gewusst, hätte er sich wahrscheinlich schepp gelacht. Vermutlich hat er die Sätze in einer Werbepause der Sportschau eben mal aufs Blatt gesaut, weil er sowieso gerade nichts anderes zu tun hatte. Genauso gut könnte jemand auf die Idee kommen, die letzte Folge des Sandmännchens einer literarischen-inhaltlichen Analyse zu unterziehen.“

Mark war aufgestanden und warf sich jetzt in Rednerpose, während er zu einem imaginären Publikum sprach: „So, liebe Kinder, gebt fein acht … – alleine diese Zeilen zeugen doch von einem tiefgreifenden Dialog der inneren Zerrissenheit, der Verwundbarkeit, der Vergänglichkeit. Gerade hier beschreibt das Sandmännchen doch die Ursache aller Dinge, dem Sein, der eigentlichen Kernfrage jeder menschlichen Existenz: WIE BEKOMMT MAN DEN SCHEISSSAND WIEDER AUS DEN AUGEN?!“

Eine Papierkugel flog gegen seinen Kopf und unterbrach seinen prosaischen Erguss. Lora hatte ihr selbstgebasteltes Geschoss zielsicher abgefeuert.

„Autsch! Was soll das? Du störst den Denker!“, blökte Mark vorwurfsvoll. „Weißt du nicht, welch fatale Folgen das für die Menschheit haben kann?“

„Ich weiß, welch fatale Folgen das für unsere Ermittlungen haben kann, wenn du nicht bald mit dem Blödsinn aufhörst.“ sie grunzte wieder.

„Ist ja schon gut, Spaßbremse!“ Mark ließ sich schmollend auf seinen Drehstuhl fallen.

Lora rieb sich die Augen, als sie erneut auf ihren Monitor sah. Sie hatte einen Kommentar zu dem Gedicht gefunden. „Hör dir das mal an: Der Text ist vor allem als Warnung vor den dunklen Künsten, aus heutiger Sicht gar vor dem leichtfertigen Umgang mit moderner Technik, Atomkraft, Gentechnik oder Unterhaltungsmedien zu sehen.

Sympathieträger und „Held“ ist der arme, unbeholfene Zauberlehrling. Nicht etwa der, in seiner offenbar unbeschränkten Macht eher unheimlich wirkende omnipotenten Hexenmeister …“ Lora überflog den Text weiter und Mark nutzte die Pause und klaute einen von Loras Schokoriegeln, die sie immer in einer Schale auf ihrem Schreibtisch deponiert hatte.

„Omnipotenter Hexenmeister! Wenn du mich fragst, klingt das verdächtig nach unserem Chef!“, murmelte er, während er genüsslich in die Schokomasse biss. „Und was bedeutet das jetzt alles?“

Lora dachte einen Moment nach: „Das Erlernen der dunklen Künste, dem leichtfertigen Umgang mit moderner Technik, Unterhaltungsmedien …“, Lora las den entsprechenden Abschnitt nochmals vor.

Mark hatte unwillkürlich sein Interesse an der Schokolade verloren. „Computerkram?“

Lora zuckte mit den Achseln: „Computerkram.“

Mark griff unter sich und hob die Papierkugel auf. Während er sie von einer Hand in die andere warf, dachte er nach. „Und was ist mit den Zahlen 23.42?“

„23 und 42 ist zusammen 65.“

„Die Quersummer von 23 ist 5, die von 42 ist 6. Ist 23 nicht auch eine von diesen Verschwörungszahlen?“

„Was?“

„Ja, da gibt es doch auch einen Film drüber.“

Lora unterbrach ihn: „Ich glaub nicht an diesen Verschwörungsquatsch.“

„Ich auch nicht.“

„Und jetzt?“

„23 mal 24 ist … pfff …“ Die Luft wich aus seiner Lunge wie aus einem alten Reifen. „Keine Ahnung, in Mathe bin ich genauso eine Null wie unsere Meira.“

Die Papierkugel flog zurück, verfehlte aber das Ziel.

Eine halbe Stunde später waren sie unterwegs. Mark hatte sich unklar ausgedrückt, was genau er vorhatte. Er müsse jemanden befragen. Lora war genervt.

„Und was ist das jetzt für ein Typ, zu dem wir fahren, dein …“, sie fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, als würde sie eine mysteriöse Beschwörungsformel durchführen, „geheimer Kontakt?“

„Er ist auf seinem Gebiet brilliant, du wirst sehen!“

„Du redest schon wieder so geschwollen, wie ein zweitklassiger Robert-De-Niro-Verschnitt. Sag doch einfach, der Typ hat Ahnung von diesem Cyberkram und du willst ihm ein paar Fragen stellen, weil du selbst nicht mehr weiter weißt.“

Mark verdrehte genervt die Augen. Er ärgerte sich über sich selbst, weil er wusste, dass sie recht hatte, wollte das aber nicht zugeben. Nach einer Weile versuchte er, das Gespräch auf eine sachliche Ebene zu bringen, um das Unangenehme der Situation zu überspielen: „Er hat schon ein paar Vorstrafen wegen Drogenhandel. Er ist sechzehn oder siebzehn und hat auf dem Schulhof ein paar Gramm Irgendwas vertickt. Als Strafe hat er einige Sozialstunden abgerissen und das war's. Er ist nicht besonders gut auf die Polizei zu sprechen. Man sollte im Übrigen nicht den Fehler machen, ihn zu schnell in eine Schublade zu stecken. Er sieht nicht besonders helle aus, weiß aber, von was er redet.“

„So, sechzehn oder siebzehn? Na, das ist ja mal eine sichere Quelle.“

„Wart's einfach ab. Der Typ hat in seinem Bereich wirklich Ahnung.“

„Und was genau ist sein Bereich?“

„Online-Games. Internetspiele. Virtuelles Leben im Cyberspace.“

„Ah, klar! Logisch. Hätte ich mir ja auch denken können. Wahrscheinlich so ein pickeliger Internetjunkie, der alle paar Wochen aus seiner Kellerhöhle gekrochen kommt und blinzelnd die Hand vor das blasse Gesicht hält.“

„Ach, kennst du ihn?“ Mark freute sich diebisch, als er aus dem Augenwinkel bemerkte, dass ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht gehuscht war.

„Na ja, so stellt man sich die Hacker doch immer vor. In einem dunklen Kellerraum, in ihrer Kommandozentrale, klicken sie sich irgendwo auf der Welt in die Systeme von Atomkraftwerken oder der CIA und übernehmen die Kontrolle.“

„Hm, so ähnlich ist es auch, bis auf die Sache mit der Atomkraftwerken und der CIA. Das mit dem Keller stimmt auch meistens nicht. Und kontrollieren wollen die auch nichts. Aber sonst hast du ins Schwarze getroffen.“ Mark wartete auf eine Reaktion – es kam leider keine.

10

Karl verließ die A61 am Nahetal-Dreieck und wechselte auf die A60 in Richtung Mainz. Er fuhr auf der rechten Spur. Ab und zu überholte er einen LKW. Als er das Radio einschaltete, lief wieder diese Bumm-Bumm-Musik. Irgendwie hörte sich das alles immer gleich an, als würde man ein Klavier den Fahrstuhlschacht hinunter werfen. Ab und zu wurde der Lärm von dem aufgeregten Gequassel des Radiomoderators unterbrochen. Das war auch nicht besser. Er fuhr rechts ran um einen anderen Sender zu finden.

Dieser ganze technische Schnick-Schnack wird immer komplizierter. Früher gab's da ein Drehrad und einen roten Balken, der sich langsam über eine Skala mit schwarzen Zahlen bewegte. Hat alles immer funktioniert. Bei diesen neuen Kisten muss man sich erst mal durch Menüs quälen, hoch und runter, rechts und links scrollen, die richtigen Knöpfe und Schaltflächen finden und alle möglichen dusseligen Eingaben bestätigen.

Er dachte daran zurück, als er als junger Wachtmeister, Anfang der Siebziger mit einem VW-Käfer, grün-weiß und mit Blaulicht, unterwegs war. Da war alles einfacher. Er seufzte tief. Die Zeiten ändern sich. Nicht alles wird besser.

Dann dachte er wieder an seinen bevorstehenden Ruhestand. Was würde ihm bleiben? Was mache ich, wenn ich nicht mehr arbeiten gehe? Die Angst vor der Einsamkeit und davor, nicht mehr gebraucht zu werden, nagte an ihm. Er biss die Zähne aufeinander und unter seiner Haut traten die Knöchel seiner Finger weiß hervor, als er das Lenkrad unwillkürlich fester drückte.

Seine Kinder lebten in München und Freiburg. Es gab nur wenig Kontakt. Wenn er sich traute, ein-, oder zweimal im Monat anzurufen, waren sie meist kurz angebunden. Hatten gerade keine Zeit. Waren eben auf dem Sprung. Sie waren immer eben auf dem Sprung, egal, wann er anrief.

Der Unterschied war ganz einfach: Sie hatten ein Leben – er nicht. Verpflichtungen, Familie, Kinder – alles, was einen irgendwie in Betrieb hält, was einem das Gefühl gibt, noch mittendrin zu sein. Mittendrin! - das waren für ihn nur noch verblassende Erinnerungen aus einer besseren Zeit.

Er war nicht mehr mittendrin. Er war noch nicht mal mehr nahe dran. Er hatte das Gefühl, am Bahndamm zu stehen und die Züge der Zeit an sich vorbeirollen zu sehen.

Er würde einmal die Woche zum Angeln gehen, ab und zu mal im Park spazieren und mit den anderen Rentnern eine Runde Schach spielen. Er würde alle paar Wochen mal wieder auf der Arbeit vorbeischauen – nur weil er sowieso gerade in der Gegend war, und um noch mal Hallo zu sagen. „Nein, es ist alles gut, endlich habe ich Zeit, um all die Dinge machen zu können, die ich mir schon immer vorgenommen habe.“

Die Lüge würde ihm glatt von der Zunge gehen. Was sollte er auch sonst sagen? Ich vermisse euch? Ich will in mein altes Leben zurück, wo ich zumindest für den größten Teil des Tages einen Sinn hatte, und den Rest irgendwie übertünchen konnte. Ich freu mich schon seit Tagen darauf, hier zu sein, und euch alle zu sehen. Karl seufzte erneut, während seine Augen glasig wurden und seine Gedanken immer weiter ins Land trauriger Tagträume wanderten.

Reiner würde ihn durchschauen. Der alte Seebär. Aber er würde nichts sagen, sondern einen Spaß dazu machen und beide würden wieder lachen – wie in guten alten Zeiten.

Wahrscheinlich hörte Reiner selbst schon das Donnergrollen am Horizont. Hm! Aber er hatte eine Frau, einen Hund und einen Wohnwagen, mit dem er immer wieder mal an die Nordsee fuhr. Außerdem würde er auf irgendwelchen Lastkähnen um die Welt schippern. Scheiße, der alte Tattergreis hatte noch ein Leben im „Danach“.

Links neben ihm überholte ein LKW. Der Fahrer hupte ärgerlich und riss ihn aus seiner Grübelei. Karl hatte gar nicht bemerkt, dass er, in seinen düsteren Gedanken versunken, immer langsamer geworden war. Er gab Gas und winkte entschuldigend, als er rechts an dem Brummi vorbeizog. Der LKW scherte hinter ihm wieder ein, gab ein paar Mal Lichthupe und gestikulierte mit hoch rotem Kopf. Karl spürte die Wut in sich aufsteigen.

Ist ja gut, du Blödmann, hast du noch nie einen Fehler gemacht? Meinst wohl du kannst mich einfach überholen? Du glaubst, ich bin auf dem Abstellgleis? Ich könnte die Anhaltekelle hinter dem Beifahrersitz rausziehen und dir auf dem nächsten Parkplatz mal kräftig die Meinung geigen, du aufgeblasener Kotzbrocken. Ich bin immer noch Polizist, hörst du! Noch bin ich Polizist!

Die Wut verflog so schnell wie sie gekommen war. Karl sackte wieder in sich zusammen und nahm sich vor, jetzt besser aufzupassen.

Als er die Autobahnabfahrt passierte, dachte er wieder an alles, was er heute noch erledigen wollte. Er blickte auf den Beifahrersitz, auf dem die Kopie der Ermittlungsakte lag.

Die Obduzenten in der Rechtsmedizin würden ihm die üblichen Fragen stellen. Was ist über den Gesundheitszustand der Ermordeten bekannt? Gab es irgendwelche Herzerkrankungen? Hatten die Opfer geraucht? Welche Medikamente wurden eingenommen? Später würde er weiter nach Darmstadt fahren. Bernhard Ewens war zwischen seinem zehnten und fünfzehnten Lebensjahr in einem Internat untergebracht gewesen. Karl war nicht schlau daraus geworden, ob es sich jetzt um ein Internat für Schwererziehbare oder Hochintelligente handelte. Aus Erfahrung wusste er, dass diese Grenzen sehr schnell verschwimmen konnten. Er dachte an Reiner. Dann grinste er.

Er hatte einen Termin bei dem Internatsleiter. Er würde ihm hoffentlich ein paar Fragen zu Bernhard Ewens beantworten können.

„Ich glaube, da wohnt er.“ Mark und Lora standen vor einem kleinen Einfamilienhaus.

„Ah? Du bist dir also nicht so sicher?“

„Nein, ich war schon eine Weile nicht mehr hier. Lass uns einfach mal klingeln, dann sehen wir weiter!“

Ein junger Mann in vergilbtem Pulli öffnete ihnen. In der Hand hielt er einen halben Apfel, auf dem er mit sichtlichem Hochgenuss herumkaute.

„Ja?“, verkündete er in der unnachahmlich-freundlichen Art der Hunsrücker Landbevölkerung, wobei Teile der Frucht wie Geschosse durch die Luft wirbelten. Lora wich zurück, um nicht von dem niederprasselnden Kometenhagel getroffen zu werden.

Offenbar war der Typ der Meinung, mit dieser verbalen Meisterleistung als Ausdruck seiner geselligen Natur und seines Wohlwollens, Genüge getan zu haben. Zufrieden mit sich und seiner verbalen Glanztat, lehnte er sich gegen den Türrahmen.

„Mein Name ist van Groth und das ist meine Kollegin, Frau Woischny. Wir sind von der Kriminalpolizei und würden gerne mit Tom sprechen. Wohnt er noch hier?“

„Die Kriminalpolizei? Werde ich jetzt festgenommen?“ Begeistert von seinem eigenen Witz fing er an, in ein heiseres Gegacker auszubrechen. Die Stimme erinnerte Mark an den blechernen Klang einer feuchten Trompete. Dann drehte er den Kopf ins Treppenhaus: „Tom! TOOOM! Hier ist jemand für dich!“ Die Brocken flogen dieses mal in die andere Richtung. Dann wieder den Beamten zugewandt, aber glücklicherweise mit bereits verschossener Munition: „Tom ist mein kleiner Bruder.“

Irgendwo aus dem Obergeschoss trötete eine Stimme, ebenfalls mit dem unverkennbaren Sound eines Blasinstruments. „Hab keine Zeit! Wer ist denn da?“

„Die Kripo!“

„Weeer?“

„DIE KRIPO!“, wieder flogen die Apfelschnitze wie Schrotkugeln.

Einen Moment blieb es still. „Komme gleich!“ Aus dem Obergeschoß war Geklapper und ein gedämpftes „Scheiße!“ zu hören.

„Mist, der will abhauen!“ Mark reagierte sofort. „Du links rum und ich rechts. Den holen wir uns!“

Lora spurtete los. Mark blieb nach einigen Sekunden stehen, drehte sich um und sah seiner Partnerin nach, die gerade mit wehendem Zopf hinter der Hausecke verschwand.

Der ältere Bruder stand immer noch völlig unbeeindruckt im Hauseingang und biss wohl ein letztes Mal von seinem Apfel ab. Er beobachtete das alles mit gleichgültigem Interesse, als wäre es eine alltägliche Routine. Die Kriminalpolizei klingelt an der Haustür. Der jüngere Bruder rennt weg und wird von der Polizei verfolgt. Nee, ist ganz normal alles! Kein Grund zur Panik!

Aber nein! Mark hatte sich geirrt. Der Apfelmann war geistig rege, und beschäftigte sich durchaus mit der komplexen Situation. Während seine Kauwerkzeuge eifrig weiter mahlten, ratterte es ganz offensichtlich auch in seinen Gehirnwindungen. Das alles endete in einem Geistesblitz, den man ihm nur schwerlich zugetraut hätte: „Wollen Sie Ihrer Kollegin nicht helfen?“

„Die braucht keine Hilfe. Ich mache mir mehr Gedanken um Ihren Bruder.“

„Der wiegt hundertzwanzig Kilo.“

Mark steckte sich eine Zigarette an. „Na, dann sind die Schmerzen beim Aufprall umso größer.“

Er lehnte sich gegen die Motorhaube und dachte daran zurück, als er das erste Mal Lora in Aktion erlebt hatte. Wie immer, wenn er an etwas dachte, was für ihn selbst peinlich war, entfuhr ihm ein dünner Seufzer.

Lora machte seit Jahren diese fernöstliche Kampfsportart, deren Namen er nie behalten konnte. Bei einer Weihnachtsfeier hatte er sich unbedachterweise darüber lustig gemacht. Das schmerzhafte Ergebnis war, dass Lora einen ihrer Kampfgriffe im Kreis der Kollegen vorführte. Leider so, dass die halbe Dienststelle mitbekam, wie Mark vor Schmerz aufheulte, als sie ihm den Arm verdrehte.

Mark hatte gerade seine Kippe aufgeraucht, als Jäger und Gejagter um die Hausecke kamen. Tom humpelte und sein Gesicht war zu einer schmerzverzerrten Grimasse verzogen. Überall an der Kleidung hingen Laub und kleine Äste. Über der Stirn waren einige deutliche Striemen zu sehen. Die Hände waren auf dem Rücken gefesselt. „Ihr beiden habt euch also schon miteinander bekannt gemacht?“

„Au! Aua! Bitte nicht so fest!“

„Hast ganz schön zugelegt, Tom.“ Mark zog an seiner Kippe.

„Na und?“, fauchte der so Geschmähte patzig. Mark schubste ihn unsanft gegen den Wagen und durchsuchte die Taschen.

„Müssen Sie mir nicht erst meine Rechte vorlesen?“

Mark klatschte ihm mit der flachen Hand leicht gegen den Hinterkopf. „Zu viel amerikanische Krimis gesehen?“ Wieder klatschte es. „Du hast das Recht deine Klappe zu halten!“ Klatsch! „Alles, was du sagst, ist sowieso nur dummes Zeug!“ Klatsch! Klatsch!

„Ist mir alles egal, solange Sie dieses Monster nicht noch mal auf mich hetzen“, bellte Tom verzweifelt und nickte in Loras Richtung.

Mark drehte sich um und bemerkte Loras vorwurfsvollen Blick. Er wusste, dass sie sauer war, weil er sie hatte alleine hinter Tom herlaufen lassen.

Dieser wimmerte, als Mark ein Plastiktütchen mit einer braunen, bröckeligen Substanz aus seiner Hosentatasche zog. Mark schüttelte in gespielter Entrüstung den Kopf. „Aber Tom, deshalb rennt man doch nicht vor der Polizei weg.“

„Aber ich wollte nicht schon wieder Sozialstunden aufgebrummt bekommen“, brach es aus dem Gedemütigten heraus. „Das nimmt mir die Zeit für die wirklich wichtigen Dinge.“

„Da mach dir mal keine Sorgen.“ Mark steckte das Tütchen zurück in Toms Hosentasche und öffnete die Handschellen. Der sah ihn ungläubig an. „Wir sind nämlich wegen der wirklich wichtigen Dinge hier.“

Tom rieb sich die Handgelenke, während sein Blick zwischen den beiden Polizisten hin und her wanderte und mit ängstlicher Abscheu auf Lora hängenblieb.

11

Die Obduktionstermine wurden meistens von Karl übernommen. Die anderen waren ihm dafür dankbar. Das systematische Zerlegen von Leichen war kein angenehmes Schauspiel. Für ihn hingegen war es immer eine willkommene Abwechslung. Er kannte inzwischen alle aus dem Sektionsteam. Meistens wurde er mit freundlichen Blicken und einem kumpelhaftem Schulterklopfen in Empfang genommen. Sie machten auch einen erstklassigen Kaffee.

Es war eine nette Truppe, in der sich ein angenehmes Arbeitsklima und makabre Späße zu einer Art harmonischem Leichengefleddere mischten. Wahrscheinlich musste man mit der Zeit auch diese spezielle Art von Humor entwickeln, wenn man jeden Tag Gehirne, Innereien und Organe zerschnippelte, Knochen zersägte und Gliedmaßen abtrennte.

Außerdem war da ja noch die junge Ärztin. Frau Dr. Navallo. Hoffentlich war sie heute da, sie hatte Humor. Er mochte die junge Ärztin.

Als er das Gebäude betrat, meldete er sich an der Pforte. Hinter der Glasscheibe sah er einen kleinen, gebückt dasitzenden Angestellten mit zurückweichendem Haaransatz, der ein vergilbtes Nylonhemd trug. Er tippte auf einem Computer. Als Karl gegen die Scheibe klopfte, blickte er kurzsichtig auf und winkte ihn durch.

Die junge Ärztin war da. Sie war erst seit etwa einem Jahr bei der Rechtsmedizin. Er freute sich, dass sie ihn wiedererkannt hatte. Sie wusste seinen Namen nicht mehr, aber immerhin lächelte sie ihn an, als sie ihm die Hand reichte. Er lächelte zurück.

Als er später den Sektionsraum betrat, empfing ihn der süßliche Leichengeruch, der sich an der kalten Luft mit dem Dunst der Desinfektionsmittel mischte.

Die Sektionstische standen in der Mitte wie Opferaltäre. Graue, unpersönlich-hässliche Klötze aus Edelstahl. Die Arbeitsplatte wurde von einer Ablaufrinne für das Blut durchzogen, die in ein Ablaufbecken an der Unterseite mündete. Daneben standen mehrere verchromte Beistelltische, auf denen die Organe später in ihre Einzelteile zerlegt werden sollten.

Ein Sektionsgehilfe in pfefferminzgrünen Galoschen und Kittel war damit beschäftigt, medizinische Werkzeuge aus gehärtetem Edelstahl bereitzulegen. Er hatte die Zunge zwischen den Lippen während er Skalpelle, Löffel, Messbecher, Sägen, Hämmer, Schöpfkellen und Pinzetten auf einem weißen Papiertuch anordnete. Die Headspace-Phiolen für die Blut- und Gewebeproben wurden mit Formaldehyd gefüllt und gekennzeichnet: Fett, Gehirn, Lunge, Leber, Niere, Muskel, Herzblut.

Die leblosen Körper lagen auf dem Rücken und erinnerten Karl an das traurige Bild gestrandeter Wale. Sie lagen da, weiß und leblos, und warteten geduldig darauf, zerschnitten und auseinandergebaut zu werden, um hoffentlich einen Teil des Geheimnissens ihres Todes preiszugeben. Die erkalteten Augen glotzten blicklos in die Neonröhren, die ihr künstliches Licht in den Raum warfen.

Er betrachtete die Leiche von Katharina Ewens näher. Sie sah jetzt noch käsiger aus als noch am Tag zuvor. Sie hatte scharf geschnittene Gesichtszüge und kleine, gelbe Beutel als Brüste, die zur Seite hingen. Sie war mal eine sehr attraktive Frau, dachte er, aber jetzt, mit dem fast vollständig abgetrennten Kopf und den kalten Augen, war sie ein noch hässlicherer Anblick als der beinlose Körper und die vernarbte Fratze ihres Ehemanns. Karl wusste, dass es selbst für das erfahrene Obduktionsteam ein außergewöhnlicher Anblick war.

Die äußere Untersuchung war bereits abgeschlossen. Man hatte die Leichen fotografiert, auf Haare und Fasern untersucht, und es waren anale, orale und vaginale Abstriche gemacht worden. Jetzt umkreiste die Ärztin die menschliche Hülle von Peter Ewens und sprach dabei eintönig und schnell in ihr Diktiergerät, während sie Gliedmaßen anhob und in Körperöffnungen hineinleuchtete.

Sie hielt kurz inne, drückte die Pausetaste, und sah geistesabwesend zu Karl auf. „Brauchen wir Fingerabdrücke?“

„Ja, wir brauchen Vergleichsabdrücke um die beiden Ermordeten als Spurenverursacher auszuschließen.“

Die Ärztin nahm die Hand des Toten. Die Leichenstarre war bereits vollständig aus dem Körper gewichen. Sie betrachtete die Finger. Der goldene Ehering hatte im Laufe der Jahre eine deutliche Schwiele in den fleischigen Finger gegraben.

Sie betastete die Fingerkuppen und sagte ohne aufzusehen: „Wird schwierig! Sehen Sie wie die Haut wegflutscht? Hat zu lange im Wasser gelegen. Keine Chance einen genauen Abdruck zu bekommen.“ Sie drehte die Hand um und betrachtete die Innenfläche. „Wir werden die Finger abschneiden und die Haut ablösen müssen. Dann können wir das Gewebe aufbereiten und die Abdrücke nehmen. Es gibt einen ausgezeichneten Weichteilaufbauer aus Gelantine, der die Fingerspitzen anschwellen lässt.“ Sie versuchte den Ring abzulösen. Er saß fest. „Den kannst du schon mal abnehmen“, fügte sie, an den Sektionsgehilfen gewandt, hinzu.

Während sie das Tonband weiter mit ihrem Monolog aus medizinischen Fachausdrücken besprach, knackte es laut, als der Sektionsdiener den Ringfinger mit einer Zange abtrennte und den Ehering zu den anderen asservierten Schmuckstücken legte. Den Finger legte er zur Seite.

„Gut!“, die junge Ärztin, stülpte die Plastikhandschuhe mit einem schmatzenden Geräusch über, nachdem sie das Diktiergerät zur Seite gelegt und tief durchgeatmet hatte. „Dann wollen wir mal.“ Sie nickte einem weiteren Sektionsdiener auffordernd zu, woraufhin dieser ein Skalpell an den Schläfen ansetzte. Er zertrennte die Haut einmal kreisförmig über den Hinterkopf von Ohr zu Ohr. Dann presste er die Finger darunter und zog die Kopfhaut mit dem lichten Haarkranz nach vorne vom Kopf ab. Der Hautlappen spannte sich jetzt nach vorne über das Gesicht wie eine tiefsitzende Kapuze. Nachdem der Leichnam von Peter Ewens auf diese Weise skalpiert wurde, trat der Schädelknochen zutage.

Das rhythmische Ritsch-Ratsch der Handsäge arbeitete sich einmal kreisförmig um den Schädel. Dann setzte der Helfer einen Meißel an der Unterseite an. Ein trockenes Pock! Pock! ertönte, als er mit dem Hammer zuschlug. Der Knochen löste sich und er konnte die Schädeldecke unter dem typischen, saugenden Geräusch abziehen. Das Gehirn wurde mit herausgelöst und auf einem der Beistelltische abgelegt. Ein weiterer Helfer zerlegte es mit einer Art überdimensionalem Brotmesser in einzelne Scheiben.

Wie beim Metzger, genau wie beim Metzger, dachte Karl, während die Ärztin zum nächsten Schnitt ansetzte und den Oberkörper vom Schambein bis zu dem Schlüsselbeinansatz öffnete.

Das Sektionsteam ging eifrig und routiniert ihrer Arbeit nach. Gedärme und Organe wurden entnommen und gewogen, Flüssigkeiten aus der Magenhöhle in Messbecher gelöffelt und Zahlen, Gewichte und Maße auf einer Wandtafel notiert: Herz, Gehirn, Lunge links, Lunge rechts, Leber, Milz, Niere, Thymus. Später kam der zweite Leichnam an die Reihe. Die gleiche Prozedur.

Nach einer Weile spürte er seine volle Blase und überlegte, ob er mal kurz rausgehen sollte. Die wichtigsten Fragen waren beantwortet. Im Moment war er im Grunde überflüssig. In diesem Moment stieß die Rechtsmedizinerin ein erstauntes: „Hoppla, was haben wir denn hier!“ aus.

Karl trat hinter sie. Während sie mit einer Pinzette in einer der Einstichstellen im Oberkörper von Katharina bohrte, bemerkte er den hellen Flaum, der sich auf ihrem Hals unterhalb des Haaransatzes abzeichnete. Sie trug Perlenohrringe. Die Ärztin hatte irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt und versuchte es aus den Vertiefungen herauszufischen.

Es war still geworden. Mehrmals erklang das leise Klack, Klack, als die spitzen Enden der Pinzette ins Leere griffen.

Dann zog sie den Fund vorsichtig heraus und hielt ihn ins Licht. Sie betrachtete den Gegenstand mit nach oben gerecktem Kinn. Mit der anderen Hand schob sie die Schutzbrille von der Nase. Karl trat näher und versuchte etwas zu erkennen. Dann stockte ihm der Atem. Er hielt sich die Hand vor den Mund und drehte sich angewidert ab. Dann marschierte er mit langen Schritten in Richtung Toilette.

Als sie wenige Minuten später in Toms Kommandozentrale saßen, blickte Mark sich neugierig um. Überall waren Geräte, Festplatten und Monitore verteilt. Von den Regalen hingen Kabel wie Lianen in einem Dschungel herunter. Auf dem Boden lagen schmutzige Socken, leere Pizzakartons und Blechdosen - Energiedrinks.

„Was kannst du uns über virtuelles Leben erzählen?“, begann Mark, nachdem Tom schnell alle laufenden Programme auf der Taskleiste abgelegt hatte.

Er überlegte kurz. „Virtual Life – oder VL - ist in jeder Hinsicht die Zukunft. Nicht nur für Gamer, sondern für jeden.“

Tom sah Marks fragenden Blick. „Okay, ich fange von vorne an“. Er überlegte kurz und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. „Seit es Computer gibt, gibt es auch Spiele.“ Sein Tonfall war jetzt der eines geduldigen Grundschullehrers, der seinen etwas begriffsstutzigen Schutzbefohlenen die Schulordnung erklären will.

„Die Qualität dieser Spiele stieg über die Jahre mit den immer höheren Rechenleistungen und den verbesserten Speicherkapazitäten. Das ist ein Prozess, der natürlich noch lange nicht abgeschlossen ist. Im Moment haben Computerspiele beispielsweise immer noch die typische Computer-Figuren-Graphik. In ein paar Jahren wird diese Grafik einer echten, wie zum Beispiel in einem Film, weichen. Das wird auf jeden Fall ein Meilenstein in der Entwicklung sein. Wie gesagt, es geht immer nur um die zur Verfügung stehende Rechenleistung.“ Tom blickte die beiden Beamten an, um sicherzustellen, dass sie bis jetzt alles verstanden hatte. Mark nickte ihm auffordernd zu.

„Es geht also ums Zocken, um Ego-Shooter, Adventure-Games oder einfach nur Abtauchen in eine andere Wirklichkeit. Spiele wie WOW, also World of Warcraft, oder Counter-Strike, einem der beliebtesten Shooter-Games, werden täglich von Millionen von Usern gespielt.

Bei WOW sucht man sich irgendeine Spielfigur, also einen Charakter aus. Einen Zauberer oder einen Zwerg oder so was in der Art. Mit diesem Charakter ziehst du dann durch eine imaginäre Welt. Erlebst Abenteuer und bestehst Quests, also Aufgaben, durch die du bessere Fähigkeiten erhältst oder neue Ausrüstungsgegenstände erwerben kannst. Und das ist schon die ganze Idee.

Bei vielen Spielen ist es aber auch so, dass du nicht zwingend alles mühsam erarbeiten musst. Du kannst auch Sachen kaufen. Ein neues Schwert zum Beispiel. Oder irgendeine tolle Rüstung. Dafür gibt es dann eine spezielle Währung in der Fantasywelt. Das heißt, du bezahlst den Kram letztlich mit echtem Geld, das du über Kreditkarte oder Paypal eintauschst.“

„Und es gibt echt Leute, die das machen?“, fragte Lora fassungslos.

„Tausende!“ Tom, der sich jetzt ganz in seinem Element befand, war unwillkürlich vom Sie zum du übergegangen.

„Das Virtual Life ist eine spezielle Form des Computerspiels. Man erschafft sich ein neues Leben nach den eigenen Vorstellungen. Aber eben online. Heutzutage leben Tausende von Usern ihr Leben in 3-D-Chats. Dadurch haben sie die volle Kontrolle. Nicht der langweilige Einheitsbrei des Real Life. Erlaubt ist alles, was gefällt. Es gibt keine Grenzen.“

Tom bemerkte Loras zweifelndes Stirnrunzeln. Erklärend fuhr er fort: „Meistens geht es mit der Erstellung eines Avatars los. Ein Avatar ist eine künstliche Person. Ein grafischer Stellvertreter in der virtuellen Welt. Dein Körper im Spiel.“

„Und wozu soll das Ganze gut sein?“, warf Lora skeptisch ein.

„Wie gesagt, du kannst dir deine eigene Welt schaffen, dein eigenes Universum, in dem sich alles nach deinen Wünschen richtet. Deine Freunde und Bekanntschaften sind so, wie du es dir wünschst. Du lebst in deinem Traumhaus. Du entwirfst deinen eigenen Garten. Gehst in den Supermarkt. Feierst Partys, gehst essen. Alles so wie du es wünschst.“

Lora schüttelte den Kopf. „Aber letztlich sitzt man vor einem Bildschirm. Nichts anderes. Und wenn man mal umziehen muss, kommt keiner der VL-Kumpels vorbei, um Möbel zu schleppen.“

„Genau das ist der Punkt“, ereiferte sich Tom. „Deshalb habe ich ja auch am Anfang gesagt, dass das die Zukunft ist. Verstehst du? Es geht im Grunde immer nur um Bits und Bytes. Um Einsen und Nullen und um die Geschwindigkeit, in der diese beiden Zustände von einem Prozessor umgesetzt werden können. Und deshalb geht es letztlich immer nur um die Intensität, mit der etwas von unseren Sinnesorganen aufgenommen werden kann.“

„Ich versteh schon, was du sagen willst“, Lora reagierte jetzt leicht genervt. „Wenn mein Computer stark genug ist, werden die Bilder immer schöner. Aber es bleibt immer etwas, was ich nicht wirklich erlebe.“

„Nur solange, wie das alles auf den Computer beschränkt bleibt.“

„Und was soll das jetzt heißen?“

„Wir sprechen die ganze Zeit davon, was am Computer verbessert oder verändert werden kann. Damit fahren wir aber auf einer Einbahnstraße. Unser Gehirn ist ja im Grunde auch ein hochentwickelter Computer, dessen Ressourcen zu achtzig Prozent brach liegen. Was würde passieren, wenn es gelingt, diese beiden Rechner kompatibel zu machen? Dann würden die Grenzen verschwimmen.“

Mark nahm ein Foto des Cyberhelms aus der Jacke und hielt es Tom hin.

„Sprechen wir von so etwas?“

Tom nahm das Bild entgegen und federte von seinem Stuhl hoch, als sei er von etwas mit furchtbar scharfen Zähnen in den Hintern gebissen worden.

„Wow! Hey! Scheiße! Wo habt ihr das her?“ Er blickte Mark fassungslos an.

Mark überlegte, wie weit er sich vortrauen durfte. Er entschied sich, aufs Ganze zu gehen.

„Das haben wir gestern bei einem Mordopfer gefunden.“

Tom blickte erstaunt auf. Dann kniff er die Augen zusammen und kratzte sich mit der Hand über die teigige Backe, aus der die ersten jugendlichen Stoppeln zu sprießen begannen.

„Der alte Mann aus Simmern, den man erstochen in seiner Wohnung gefunden hat?“

Mark nickte.

„Ich habe davon in der Zeitung gelesen. Ja, für so einen Helm würde ich auch morden.“ Er hielt einen kurzen Moment inne. „Habt ihr den Helm noch? Kann ich den mal sehen?“ Seine Augen blitzten begierig.

„Vielleicht erzählst du uns erst mal etwas darüber.“

Tom ließ sich wieder schwer auf seinen Stuhl plumpsen und atmete tief durch. „Okay, die Frage war, ob es das ist, wovon ich spreche.“ Er machte eine Pause und blickte erneut auf das Foto. „Genau das ist es. Ich habe so ein Ding auf der letzten Computermesse Messe bei einem Stand von MadGames gesehen. Das war in einer etwas abgelegenen Messehalle, in der es um Zukunftsvisionen ging. Der Helm ist innen mit so einer Art Rundum-Monitor ausgestattet. Alle visuellen und akustischen Eindrücke sind echt. Ich hab den Helm also aufgesetzt und war plötzlich in einem Wald. Versteht ihr? Ein Wald. Die Vögel haben gezwitschert, die Blätter haben sich im Wind bewegt, alle Farben und Töne waren irgendwie echt. Die von MadGames machen ein Riesengeheimnis daraus. Aber ich hab viele Kontakte und das, was ich bis jetzt weiß, ist, dass all das schon viel weiter fortgeschritten ist, als alle bisher dachten. Es geht um genau das, was ich euch vorhin erzählt habe. Die versuchen anscheinend, eine Verbindung zwischen menschlichem Gehirn und Rechenmaschinen herzustellen. Und wenn das soweit ist, Leute, ich sage euch, dann beginne ich ein neues Leben.“

Lora bemerkte wie er an sich herabblickte und dachte unwillkürlich: Ein neues Leben, eines, in dem du fünfzig Kilo weniger wiegst. In dem du all das haben kannst, was du jetzt nicht hast. Irgendwie tat ihr der Junge leid.

Tom schien nach seinem langen Redeschwall in sich zusammenzusinken. „Mehr kann ich leider nicht sagen – aber das Ding“, er deutete erneut auf das Foto, „würde ich mir gerne mal ansehen.“

„Vielleicht können wir das ja noch einrichten“, erwiderte Mark ausweichend.

„Gehst du eigentlich noch zur Schule oder machst du irgendeine Ausbildung?“ Lora sah Tom kritisch an.

Der erwiderte den Blick ungläubig. „Das hier ist meine Arbeit.“ Er deutet auf seinen PC. „Damit verdiene ich mehr Geld, als ich es in irgendeiner Lagerhalle oder einem verstaubten Büro jemals könnte!“

„Und was genau machst du?“

„Ich handle mit virtuellen Gegenständen. Ich verkaufe Sachen in Onlinespielen. Einrichtungsgegenstände für Hotels. Waffen und Rüstungen für Adventures. Knarren für Shooter. Das ganze Programm! Außerdem ist da natürlich noch unser Clan. Wir spielen in der European Major League. Zwar nicht mehr ganz oben, aber immer noch gut.“

„Könntest du das vielleicht auch für normale Menschen erklären?“

„CS. Counter-Strike. Der Ego-Shooter, von dem ich erzählt habe. Unser Clan, also unsere Mannschaft, spielt seit Jahren auf internationalem Niveau. CS ist in weltweiten Ligen organisiert. Damit kann man auch Geld verdienen. Da das aber durch fünf geteilt werden muss, bleibt am Ende nicht so viel hängen. Ist im Grunde auch mehr ein Hobby.“

Tom sah Loras ungläubigen Blick. „Ich weiß, was du denkst. Du fragst dich, wie ein Typ wie ich so was machen kann. Das Internet kennt keine Orte, keine Länder, keine Grenzen. Es ist ein riesiges Netz aus Glasfaserkabeln, das die Welt in ein Dorf verwandelt. Du bist immer im Zentrum, egal wo du dich einloggst. Es ist auch egal, wer du bist. Das Netz kennt keine Urkunden, Stempel, Zeugnisse oder Empfehlungsschreiben. Hier sind alle gleich.“

Mark deutete auf das Foto. „Ich frage mich, wie man mit diesem Ding eine Verbindung zu einem PC oder dem Internet herstellt.“

„Vielleicht gibt es irgendwo eine Steckverbindung. Vielleicht über Bluetooth?“ Tom überlegte weiter. „Gibt es denn irgendwo eine Einschalttaste oder etwas Ähnliches?“

„Bis jetzt habe ich nichts gesehen“, Mark steckte das Foto zurück. „Du hast uns sehr geholfen. Vielleicht haben wir später noch ein paar Fragen an dich.“ Die beiden erhoben sich.

„Ich glaube, Ihr seid da an einer heißen Sache dran“, sagte Tom, als sie das Zimmer verließen. „Bei diesen Dingen ist immer viel Geld im Spiel. Viele Interessen. Ich wäre vorsichtig, wem ich das zeigen würde.“

Zu viele Filme , dachte Mark.

Als sie zur Dienststelle zurückfuhren, dachte er an das, was Tom gesagt hatte. Bits und Bytes. Einsen und Nullen. Die Intensität der Wahrnehmung. Es geht um Einsen und Nullen. Die beiden Opfer waren mit diesen Ziffern gekennzeichnet worden.

Er stand am Ende der Straße. Unauffällig, scheinbar in eine spannenden Lektüre versunken. Ab und zu hob sich der Kopf. Dann sah man unter der herabgelassenen Blende nur noch das unrasierte Kinn. Der silbergraue Mittelklassewagen, ein Renault Mégan, mit dem chip-getunten-Austauschmotor parkte halb auf dem Gehweg unter einer Ulme.

Er blickte wieder auf. Alles unverändert. Norbert Berg wartete auf seine Chance. Die Zielperson, deren Foto im Handschuhfach zusammen mit den anderen Unterlagen lag, hatte das Haus seit dem frühen Morgen nicht verlassen.

Die anderen aus dem Überwachungsteam standen ein paar Straßen weiter. Die GPS-Peilsender im Fußraum. Auf den Namen der Person waren drei Fahrzeuge zugelassen. Ein VW-Golf, der vermutlich von der Frau gefahren wurde. Ein Audi A6 Avant Quattro und eine Suzuki Bandit. Alle sollten mit den Sendern versehen werden. Der richterliche Beschluss für die Observation bezog sich eindeutig nur auf ihn, nicht auf seine Frau. Eine zielgerichtete Beschattung der Frau war also ausgeschlossen. Trotzdem konnte es nicht schaden, auch zu wissen, wo sie sich aufhielt. Eine Tatsache, die man in den Aktenbergen, die sich später auftürmen würden, vermutlich nicht explizit erwähnen würde.

Er schenkte sich einen Kaffee aus der Thermoskanne ein. Sein Handy vibrierte. Der Name wurde angezeigt.

„Wie sieht's aus?“, meldete sich der Anrufer.

„Nichts Neues“, verkündete er einsilbig. „Die Alte ist heute Morgen mit dem Golf weggefahren. Wahrscheinlich auf die Arbeit. Von ihm war noch nichts zu sehen.“

„Willst du abgelöst werden?“

„Nein. Alles bestens.“

Er wollte gerade auflegen, als ihm noch etwas einfiel.

„Ist er schon geklemmt?“ Der Anrufer wusste, dass sich die Frage auf die Überwachung seines Telefons bezog. Im Polizisten-Jargon das „Anklemmen“ einer Telefonleitung.

„Ja. Vier Nummern. Du kannst dich aufschalten.“

Das Gespräch wurde beendet. Der Mann in dem Auto blickte auf den Laptop, der auf dem Beifahrersitz stand und berührte die Tastatur. Nach einem Augenblick flackerte der Bildschirm auf. Er startete das Programm für die GPS-Überwachung. Auf der Karte war das Auto der Frau als kleines, grünes Fähnchen markiert. Man hatte bereits einen Sender angebracht. Grün stand für „Keine Bewegung“. Das GPS Signal war also seit mehr als fünf Minuten unverändert. Er legte das Programm in der Taskleiste ab und aktivierte die Software für die Telefonüberwachung. Die Nummern wurden unter dem Namen Bernhard Ewens im Ordnerverzeichnis angezeigt. Zwei Mobilfunknummern für das D1 Netz. Ein Festnetzanschluss. Eine Prepaidkarte.

Er blickte auf. Hinter der Sonnenblende lächelte ihn ein Bild seiner acht Jahre alten Tochter an. Am Wochenende würde er sie wiedersehen. Jedes zweite Wochenende war sie bei ihm. Die meisten im Observationsteam waren geschieden oder hatten keine feste Beziehung. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten machten ein normales Familienleben schwierig.

Die Haustür ging auf. Die Zielperson trat heraus, überquerte die Straße und schlenderte langsam in seine Richtung. Er drückte die Sprechtaste des Funkgerätes „Aufgewacht! Es geht los! Bernhard Ewens kommt in eure Richtung. Sobald ihr grünes Licht gebt, bringe ich die Sender an.“

„Position zwei bestätigt.“ Das Rauschen des Funkgerätes verklang.

12

Der Sektionsgehilfe hatte die Leichen mit einem strohähnlichen Füllmaterial ausgestopft. Karl blickte auf und sah, wie die Nadel grob durch die Bauchdecke gezogen wurde. Er sah wieder auf seine Notizen.

Die Ärztin streifte die Handschuhe ab, warf sie in einen hellgrünen Kübel für gefährlichen Bio-Müll und ging zum Waschbecken hinüber. „Todesursächlich war bei ihm mit Sicherheit der Stich in die Brust. Bei ihr war es wohl die Vielzahl der Verletzungen im Oberkörper. Insgesamt sechzehn Einstiche, die dem Opfer vermutlich mit einem Messer beigebracht wurden. Aufgrund der Tiefe und der Einstichbreite ist davon auszugehen, dass das Messer benutzt wurde, das im Brustkorb des männlichen Opfers steckte. Die Kehle wurde wahrscheinlich erst nach Eintritt des Todes durchtrennt. Aufgrund der geringen Abwehrverletzungen an den Armen und Händen ist zu vermuten, dass sie im Schlaf getötet wurde.“

Sie machte eine kurze Pause, während sie den Hebel des Desinfektionsbehälters, der an der Wand befestigt war, mit dem rechten Ellenbogen nach unten drückte und die Flüssigkeit in die andere Hand pumpte. „Wir haben bislang keine Hinweise auf ein Sexualdelikt. Keine Einblutungen oder Verletzungen im Vaginalbereich. Keine Spermaanhaftungen. Woher die drei Schamhaare kommen, die der Erkennungsdienst auf dem Körper des weiblichen Opfers gefunden hat, kann ich ihnen leider nicht sagen. Vielleicht hat der Täter sich entkleidet - oder onaniert? Er scheint sich jedenfalls nicht an dem Opfer vergangen zu haben. Auch nicht post mortem. Jedenfalls nicht in Form einer vaginalen Penetration.

Bezüglich der gefundenen Schamhaare habe ich mit der biologischen Untersuchungsstelle telefoniert. Bisher ist klar, dass es sich um männliche Schamhaare handelt, wobei nur an einem noch der Haarbalg erkennbar war. Dieses Haar wurde vermutlich ausgerissen. Die anderen beiden sind für die weitere Untersuchung uninteressant, da ein DNA-Abgleich ohne Haarbalg nicht möglich ist. Die Untersuchung dieses einen Haares könnte für Ihre Ermittlungen bedeutsam sein. Es befand sich auf dem linken Oberschenkel.“

„Was können Sie mir zu den Verstümmelungen im Gesicht des Mannes sagen?“

„Der Faden, mit dem der Mund zugenäht worden war, ist aus Seide. Professionelles Material, das auch bei Operationen verwendet wird. So etwas bekommt man im Fachhandel. Vermutlich kann man das aber auch im Internet bestellen. Die Naht selbst ist diletanttisch durchgeführt worden.“

Karl schüttelte missmutig den Kopf.

„Ich denke, Sie werden weiterkommen, wenn Sie die Magen-, Blut- und Tiefengewebeanalysen aus der Toxologie vorliegen haben. Um was es sich bei diesen Kügelchen handelt“, sie deutete auf eine der Asservatentüten, die Karl jetzt mit offenem Mund gegen das Licht einer Neonröhre hielt. „kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Sieht aus wie Samenkörner. Wir werden den Bericht des biologischen Instituts abwarten müssen.“

„Wann ist mit den Ergebnissen zu rechnen?“

„Wenn Sie noch einen Moment warten, können Sie die Tox-Werte direkt mitnehmen. Die Proben sind schon im Labor. Der Rest wird bis morgen warten müssen.“

Er hatte seine Brille auf die Stirn geschoben und kniff die Augen jetzt angestrengt zusammen. Mehrere feste, etwa erbsengroße Kugeln mit geriffelter Ummantelung. Die Ärztin hatte aus jeder der Einstichwunden der Leiche von Katharina Ewens eine solche Kugel gefischt. Nachdem das Blut abgewaschen worden war, trat die hell-beige Farbe zu Tage. Der Täter musste sie nach der Tat etwa sechs bis sieben Zentimeter tief in die Einstichstellen geschoben haben.

Frau Dr. Navallo drehte sich um und rieb sich die Hände. Sie sah den grübelnden Gesichtsausdruck von Karl und deutete ihn richtig.

„Haben Sie denn schon irgendeine Idee, was es mit diesem Zauberlehrling-Gedicht auf sich haben könnte?“

„Bisher nicht. Weder zu diesem Gedicht, noch zu den Zahlen, die den Opfern in die Stirn geritzt wurden. Auch nicht zu diesem Mist.“ Er deutete auf die sechzehn Plastiktütchen die ordentlich beschriftet auf dem Beistelltisch lagen.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Eine junge Frau in weißem Kittel trat ein. Sie nickte Karl grüßend zu und wandte sich an Frau Dr. Navallo. „Hier, der toxikologische Befund.“

Die Ärztin hielt die noch feuchten Finger in die Luft. „Legen sie ihn bitte zu den Unterlagen.“ Sie nickte in Richtung des Beistelltisches. „Was haben wir?“

Die junge Frau, vermutlich eine Laborantin des rechtsmedizinischen Instituts blätterte durch die Ausdrucke. „Bei der weiblichen Leiche – kein Befund. Bei der männlichen – Blutalkoholkonzentrationswert: 0,83 Promille. Außerdem Lysergsäurediethylamid, LSD-25. Allerdings in einer Form, die ich so nicht in unseren Registern gefunden habe. Die Molekülstruktur deutet auf eine Herstellung auf der BasisMethylendioxy-N-methylamphetamin hin. Außerdem haben wir Halluzinogene aus den Strukturklassen der Phenylethylamine und Tryptamine und minimale γ-Butyrolacton Spuren. Dann noch weitere Stoffe, die klassifiziert werden müssen. Auf den ersten Blick würde ich auf eine sehr ausgefeilte Designerdroge tippen.“ Sie bemerkte Karls fragenden Blick. „Vermutlich eine Partydroge.“ Sie blickte wieder in ihre Unterlagen. „Und in einer sehr hohen Dosierung. 545 Mikrogramm!“

Die Laborantin warf einen erstaunten Blick auf den Leichnam von Peter Ewens, der gerade in einen grauen Leichensack eingepackt wurde.

Bernhard Ewens hatte länger geschlafen als beabsichtigt. Eigentlich wollte er sich heute noch mal in der Firma blicken lassen. Dann hatte er sich aber anders entschieden. Er brauchte Zeit zum Nachdenken. Er musste seinen Plan ändern. Die Dinge hatten sich entwickelt. Er musste reagieren. Er musste vorsichtig sein.

Er entschied, erst mal zum Bäcker zu gehen und ein oder zwei von diesen leckeren Donuts mit dem rosafarbenen Zuckerguss zu besorgen. Dann würde er sich auf sein Motorrad setzen, um den Kopf frei zu bekommen. Als er das Haus verließ, wusste er nichts von der Beschattung. Der Mann in dem Auto fiel ihm ebenso wenig auf, wie die anderen Beobachter, die jeden seiner Schritte verfolgten.

Er war in Gedanken versunken und stierte beim Gehen auf die eigenen Füße. Seine Eltern waren jetzt tot. Er musste schlau sein, musste aufpassen. Er versuchte sich zu konzentrieren. Er hatte gestern Abend zu viel eingeworfen. Sein Gehirn fühlte sich an wie ein lehmiger Matschklumpen. Er fühlte sich wackelig auf den Beinen. Als er die Donuts bestellte, merkte er, dass er in die Metzgerei gegangen war. Die Verkäuferin hinter der Theke hielt ein blutiges Fleischermesser in der Hand. Scheiße! Er rieb sich die Schläfen und marschierte weiter die Straße hinauf, bis er die Bäckerei erreicht hatte.

Währenddessen ging der Mann aus dem Auto an seinem Haus vorbei. Der Audi war vor der Hofeinfahrt geparkt. Ein unbeteiligter Zuschauer hätte wohl vermutet, dass ihm etwas aus der Hand gefallen sei. Schnell kniete der Mann neben dem Auto und klickte den GPS-Sender mit gekonnten Griffen oberhalb der Achsaufhängung ein. Selbst bei einem Werkstattbesuch würde der streichholzschachtelgroße Sender an dieser Stelle nicht auffallen. Der Magnet saugte sich mit einem metallischen Geräusch an. Dann betrat der Mann das Grundstück. Er blickte sich kurz um und verschwand hinter der Hausecke. Der zweite Sender wurde unter der Verkleidung des Motorrades befestigt.

Zufrieden kehrte der Mann zu seinem Auto zurück und startete den Motor. „Wir sind im Spiel. Zwei Sender sind online“, verkündete er über den Funk.

„Gut gemacht!“, war die kurze Bestätigung des Leiters der Observationsgruppe.

Der Mann atmete erleichtert durch. Ein neues Spiel konnte beginnen. Zielperson: Bernhard Ewens, neunundzwanzig Jahre alt, verheiratet und Sohn von steinreichen und inzwischen toten Eltern.

„Na, dann wollen wir mal sehen, was du so treibst, Bernhard“, sagte der Mann zu sich selbst. Er blickte erneut auf das Bild seiner Tochter. Dann legte er den Gang ein und verließ die Straße. Er würde sich jetzt in Blickkontakt zu Position 5 stellen und später wieder übernehmen. Der schwierigste Part war erledigt. Er hatte seinen Job gut gemacht!

Als Bernhard später mit seinem Motorrad auf die Bundesstraße auffuhr, folgte ihm ein Konvoi aus fünf Fahrzeugen. Er bekam keines davon zu Gesicht.

Auf dem Rückweg zur Dienststelle hielten sie noch an dem neuen Supermarkt in Kastellaun an. Lora war eingefallen, das sie noch Kaffee und Filter für die Kollegen besorgen wollte.

Details

Seiten
487
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783945298305
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314408
Schlagworte
Cyberspace Lifestyle Cyberhelm virtualcrime Mörder Sex CS Real life Reich Cyberthriller Spannung Counterstrike Crime Suspense Krimi Bargeld virtual life Thriller Waffen

Autor

  • Alexander Burger (Autor)

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Titel: Mein Reich komme - Thriller