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Die Schwelle

Action-Thriller

von Albrecht Behmel (Autor)

2015 300 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Bingo und Teen sind zwei ungleiche Brüder einer afrodeutschen Familie, die in die Fänge des organisierten Verbrechens geraten sind. Sie werden gezwungen, an illegalen Parkour-Rennen durch Berlin teilzunehmen. Denn die (angeblich) russische Mafia verdient mit abgekarteten Wetten und Erpressung viel Geld und lässt keinen Widerstand zu. Die Loyalität der beiden wird durch eine Dreiecksbeziehung zu der attraktiven Doreen auf die Probe gestellt, denn die junge Frau weigert sich, die „illegale Scheisse“ der Jungs länger mitzumachen. Beide Brüder nehmen es trotzdem mit den Verbrechern auf und setzen alles auf eine Karte, dabei lösen sie eine Kettenreaktion von Ereignissen aus, die das Leben aller Beteiligten für immer verändern wird.

Ein rasanter Action-Thriller im Herzen der Hauptstadt-Metropole Berlin.

Über den Autor

A.Behmel_ebookAlbrecht Behmel hat in Heidelberg und Berlin Geschichte, Philosophie und Politik studiert. Seit 1999 ist er Autor für Film, Print, Radio und TV, unter anderem für UTB, SR, ARTE, Pro7, Sat1 und den RBB. Er lebt seit 2012 mit seiner Frau Afraa und seinen Söhnen Wieland und Orlando im Schwarzwald.

Als Romanautor und Stoffentwickler beschäftigt Albrecht sich mit allem, was im menschlichen Zusammenleben schief laufen kann: Technik, Kommunikation, Fortschritt, Investitionen und die trügerische Hoffnung, dass „es“ nur noch besser werden kann.

Als Gründer und Erfinder des SAMIEL AWARDs liebt er das Böse und dessen Wirkung auf den Verlauf der Geschichten.

Impressum

Originalausgabe Oktober 2015

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Copyright © 2015 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Die Schwelle


ISBN 978-3-945298-21-3

Covergestaltung: Maja Schollmeyer

Bildnachweis: leolintang/shutterstock.com/

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Die Schwelle

Albrecht Behmel

Flughafen Tegel, Arrivals

Er stand am Gepäck-Förderband und betrachtete die grauen Segmente aus Gummi, auf denen gleich seine Tasche erscheinen würde. Das Gepäck für einen Kampf.

Aber noch bewegte sich das Gummiband kein Stück. In seinem Pass stand Kweku James Ananse. Der erste Vorname bedeutet „Mittwochskind“ – jedenfalls in Ghana.

Kweku ist ein Seelenname, der dein Schicksal beschreibt, oder besiegelt, ehe du laufen kannst, und dir einen eindeutigen Platz in der Familie zuweist. Es ist der Wochentag deiner Geburt, der genau wie ein Horoskop funktioniert: Mittwochskinder zum Beispiel mögen keine Vorschriften, sagt man, und sie haben kein Verständnis für Durcheinander. Andererseits haben sie ein großes Herz, sagt man. Zu jedem Wochentag gibt es so einen Seelennamen. Kofi Annan zum Beispiel heißt Freitagskind: Typische Anführer, Denker und Impulsgeber – kein Wunder, sagt man, dass er es bis zum Chef der UNO gebracht hat.

Aber mit so einem Namen, leider, wirst du in Deutschland nichts, selbst wenn halb Westafrika solche Namen trägt.

Deswegen hatte Kweku sich einen Spitznamen zugelegt. Teen. Es war nicht seine Idee gewesen. Aber er hatte den Spitznamen akzeptiert und schließlich zu seinem vollen, ja sogar einzigen Namen gemacht. Teen. Als Kind hatte er mehr Zeit auf Flughäfen zugebracht, als ihm lieb gewesen war. Seine Familie, aus Ghana zum Onkel nach Deutschland geflohen, hatte eine Reihe von Ländern durchfahren, bis sie schließlich eine Zuflucht in Berlin gefunden hatte, allerdings zunächst nicht mit einer endgültigen Aufenthaltserlaubnis. Denn: Nichts ist endgültig. Teen war etwa einen Meter fünfundsiebzig groß, schlank und extrem durchtrainiert, breitschultrig und gepflegt. Und so war auch seine Körperhaltung: diszipliniert und immer mit einem Auge auf sich selbst. Ständig auf der Suche nach Verbesserung.

Sein Haar war dicht, und er trug es kurz geschnitten, nicht ganz einen Zentimeter lang, was aber durch die Locken anders wirkte als bei glatthaarigen Leuten. Sein Gesicht war rasiert, so dass man ein paar seiner tiefen Pockennarben sehen konnte, die sich die Wangen entlang bis auf die Stirn zogen. Er schaute in das Fenster und sah sein Bild. Er richtete sich auf: Alexander-Technik!

Das graue Band aus Gummi kam ruckartig in Gang und zog sich dann gleichmäßig brummend im Kreis. Es blieb leer. Ein Mann im Anzug zeigte seine Routine, indem er arrogant Zeitung las und immer wieder genervt aus dem Fenster schaute. Draußen passierte nichts. Dreh dem Geschehen den Rücken zu, und du bist etwas Besonderes.

Teen erfasste den Mann mit ein paar Blicken, analysierte seine Körpersprache und verlor schon bald das Interesse an ihm. Ein Business-Vasall, irgendwo angestellt, Loyalität für ein Unternehmen, das ihn ausbeutet, auf Zeit mietet und für komplett austauschbar hält. Dieser Deal, Loyalität gegen Ausbeutung, war Teen fremd. Und er war pleite. Genau deswegen. Die anderen Passagiere wurden immer unruhiger. Mütter und ihre Kinder. Gelangweilte Väter; stumpfe Geschäftsleute, eine Reisegruppe mit verquollenen Gesichtern. Vermutlich Sportler oder ein Verein. Alle wollten, dass es weitergeht. Sie schauten ihn an, aus den Augenwinkeln, manche ganz offen. Nicht so schlimm wie in Taipei. Aber auch in Deutschland ist es nicht normal, schwarz zu sein. Die Leute mustern dich; sie ziehen Schlüsse, und plötzlich trägst du die Verantwortung für das, was andere über dich zu wissen glauben. Mittwochskinder mögen keine Vorschriften.

Teen

Die Stimmen um ihn herum vermischten sich zu einem Brei. Fetzen aus vielen Sprachen und Mentalitäten brandeten auf ihn ein. Doch er hörte vor allem noch chinesische Klänge: Eine lange Zeit in Taiwan ging zu Ende. Nein, sie war bereits zu Ende. Schon im Flieger zwischen Shanghai und Frankfurt am Main. Berlin ist eine Stadt, die dich genauso schnell integriert wie sie dich wieder entlässt. Aber Teen hatte sich Berlin aus dem Herzen heraus operiert, nicht ganz freiwillig, und nicht mit voller Überzeugung – aber aus Not. Eher so, wie ein wildes Tier sich das eigene Bein abnagt, mit dem es in eine Tellerfalle getreten ist. Angeblich tun wilde Tiere das.

Links neben Teen standen zwei Mädchen, die sich auf Portugiesisch miteinander unterhielten. Teen musste lächeln, denn die beiden waren sich anscheinend sicher, dass niemand sie verstehen würde. Einer von tausend Fehlern, die wir jeden Tag machen. Die Mädchen kommentierten die Umstehenden ziemlich respektlos. Fremdgeher, Schlampe, Langweiler. Teen schaute ihnen auf die Brüste und ertappte sich dabei. Er zwang sich, woanders hinzuschauen. Wenn du müde bist, treten deine Triebe ungefiltert hervor, das kann zur Schwäche werden, hatte Master Lee gelehrt. Teen bremste sich. Er überlegte kurz, ob er sie ansprechen sollte. Aber er entschied sich dagegen. Er sammelte seinen Geist und wärmte sich von innen heraus an seinem eigenen Blutkreislauf. Sein Herz schlug regelmäßig und voller Kraft.

Da!

Die ersten Taschen und Koffer erschienen auf dem Band. Die Passagiere fingen an, aufgeregt zu murmeln. Teen atmete bewusst ein und aus. Autogenes Training und Jacobson. Das sind deine Freunde auf langen Reisen – und vor einem Kampf. Manche Koffer hatten bunte Schleifen um den Griff, damit sie leichter zu erkennen waren. Andere trugen Aufkleber. Teen ordnete die Taschen den Passagieren zu. Wer nimmt sich welche Tasche? Was sagt deine Tasche über dich aus? Bist du reich? Hast du Geschmack? Ich will, dass du glaubst, dass ich reich bin und mehr Geschmack habe als du. „Dunkel und unauffällig“, so schien das Gesetz der Taschen zu lauten. Teen war froh, nicht zu dieser Welt der Zwänge zu gehören. Die Welt der Kommentare und der Preisvergleiche. Teen zwang sich, mit diesen Gedanken aufzuhören. Er schaute sich um. Ablenkung! Die beiden Mädchen holten sich gigantische Koffer vom Band, groß genug, um jeweils eins der Mädchen darin zu verstecken. Teen freute sich auf den Bruder. Er seufzte auf. Seine Familie war alles andere als normal. Vor allem sein Bruder, denn um den ging es ja. Der Flug, die Reise, die Visumgeschichten. Alles nur wegen Bingo. Auf der anderen Seite: Für wen soll man sonst um die halbe Welt reisen, wenn nicht für den einzigen Bruder?

Teen dehnte sich und schob seinen Kopf in die Höhe, als wäre er eine Marionette, die von ihrem Spieler zum Leben erweckt wird. Sein Körper füllte sich mit neuer Spannkraft, die Schultern gingen auseinander und seine Brust dehnte sich weit. Alexander-Technik. Noch einmal. Er spürte die Blicke der Mädchen auf sich. Ein Langstreckenflug durch die Nacht bringt das mit sich. Die Grenzen zwischen dir und den anderen verschwimmen, und du fühlst dich mit fremden Menschen verbunden, die du nie wieder sehen wirst. Müdigkeit macht sinnlich. Die Mädchen waren sehr offen. Sie zeigten es ganz klar. Die eine streckte ihre Brüste hervor und lächelte. Nicht zu Teen, doch in seine Richtung. Er musste es einfach sehen. Natur. Er schaute weg. Disziplin.

Halte dich fern!

Als seine Tasche kam, abgewetzt, so dass es schon nicht mehr cool war, griff Teen mit einer Hand danach und hob sie ohne Schwung, mit kontrollierter Kraft, auf und zog sich den Riemen über die Schulter. Auf dem Etikett stand: Transfer Sung Shan Taiwan (TSA) mit Zwischenstopps in Shanghai und Frankfurt am Main, insgesamt knapp dreißig Stunden. Durch den Zoll: Nothing to declare. Grün. Raus. Hitze wallte ihm entgegen. Ein Berliner Sommer erwartete ihn. Vor der Wand aus wartenden Leuten, die sich vor ihm erhob, drehte er nach rechts ab und ging zum Ausgang.

Obwohl er durch das dichteste Gedrängel musste, berührten weder er noch seine Tasche auch nur den Saum eines anderen Menschen. Keins der Lächeln galt ihm. Er schaute über die Schilder. Hochgehoben von Fahrern und Assistenten. Die Namen der großen Berliner Hotels waren da: Hotel de Rome, Hilton, Hyatt, Adlon ... Aber auch viele kleinere und ein halbes Dutzend Pensionen. Nirgends spürst du deine Einsamkeit so sehr wie am Flughafen, wenn dich keiner abholt. Er ging am Taxistand vorbei. Zu teuer. Direkt zum Bus. Vor ihm lag Berlin. Eine riesige Fläche aus Stadt.

Bingo

Der Puls schlug ihm bis in die Handgelenke hinein. So war das immer vor einem Lauf. Dein Puls klopft sich frei. Bingo konnte sein Herz im ganzen Körper spüren wie ein Echo, und mit ein wenig Konzentration schaffte er es, den Puls zu beeinflussen. Jetzt peitschte er ihn richtig hoch. Er brauchte jeden Tropfen Adrenalin. Dringend. Vor zwei Minuten hatte ihn der Sprinter abgesetzt. Er hatte sich erst orientieren müssen. Er war in Mitte. Bingo ging weiter, an einer jungen Familie vorbei, ahnungslose Menschen, die sich unterhielten. Bingo beachtete sie kaum. Er suchte. Voll konzentriert. In seinem Geist gab es nur ein Gesicht, eine Gestalt, auf die er zu hundert Prozent fixiert war. Jedes andere Gesicht, jede andere Gestalt hakte er sofort ab und ignorierte sie. Das war lebensnotwendig. Er joggte los. Sein Handy zeigte keine neuen Nachrichten. Gut und schlecht zugleich.

Es war heiß in Berlin. Der Sommer in der Stadt kann grandios sein, wenn er endlich mal kommt. Es dauert Monate, bis die Sonne die richtige Kraft entwickelt. Doch wenn sie da ist, blüht die Stadt auf. Bingo sah gebräunte Haut! Überall gebräunte, tätowierte, nackte Haut. Bingo stand unter Strom. Aber. Er ignorierte eine junge Frau, die ihm ungeniert auf die nackten Oberarme glotzte. Fein definierte Muskeln, glänzend und braungebrannt. Nicht zu viel Masse, aber dafür drahtig und elegant, wie ein Akrobat oder ein Leichtgewichtboxer. Kein Bodybuilder. Normalerweise hätte er sie mit seinem breiten Grinsen angestrahlt und sie dazu gebracht, ihm einen Kaffee auszugeben. Aber heute nicht. Er hatte wundervolle Zähne. Erstaunlich, dass sie noch alle drin waren.

Da drüben!

Ein bekanntes Gesicht explodierte direkt vor Bingo über die Spree hinweg in sein Blickfeld hinein. Rocky, schon wieder Rocky! Ein massig gebauter Kerl mit halblangen Haaren im Pferdeschwanz und einer breiten Nase. Vermutlich breitgeschlagen. Rocky war kein Läufer; er war ein Kämpfer. Bei den Rennen ein fieser Gegner. Bingo wusste, dass er so lange wie möglich Abstand halten musste, denn Rocky würde versuchen, so schnell wie möglich an Bingo heranzukommen. Das war das Prinzip der Rennen. Rocky hatte lange Arme und kurze Beine und einen etwas zu starken Nacken. Das lag am falschen Training. Zu schwere Gewichte für den Oberkörper. Jedenfalls, was das Aussehen betraf. Für seine Aufgabe war der Körperbau aber perfekt. Draufhaun! Bingo holte Luft und schaute sich um. Die Museumsinsel. Links und rechts davon die Spree. Kein breiter Fluss, aber breit genug, um darin zu ertrinken. Da drüben stand Rocky und grinste. Bingo starrte ihn an. Regungslos. Die Pupillen weiteten sich. Bingo pegelte seinen Puls neu ein. Zwischen ihnen war keine Verbindung über den Fluss. Eine Brücke lag weiter abwärts, eine andere weiter oben. Dann klingelte Bingos Handy. Auch Rocky bekam das Startsignal! Sie zuckten zusammen. Beide. Unabhängig voneinander.

Sie blickten nervös auf die Displays. MMS. Das Ziel: Direkt am alten Tränenpalast. Scheiße! Bingo war auf der falschen Seite der Spree. Nur noch zwei Brücken, um auf die andere Seite zu kommen. Für seinen Gegner war die Wahl leicht. Er musste nur auf der anderen Seite bleiben und verhindern, dass Bingo das andere Ufer erreichte. Aber Rocky würde mehr tun als abwarten. Dafür genoss er die Kämpfe einfach zu sehr. Die erste Brücke war zu schmal. Also weiter. Bingo rannte so schnell er konnte. Denn im Nahkampf war der andere überlegen. Deswegen nannten ihn alle „Rocky“.

Bingo rannte weiter.

Elegant und geschmeidig sprang er zwischen Menschen hindurch, ohne sie zu berühren. Sein Stil war eigenartig elegant. Unmenschlich in dem Sinn, dass kaum ein anderer Mensch zu solchen Bewegungen bei dieser Geschwindigkeit in der Lage gewesen wäre. Bingo rannte jetzt mit vollem Tempo, sprang über einen Kinderwagen hinweg und schaute im Sprung in das runde dümmliche Gesicht eines Säuglings, der ihn mit riesigen Augen anstarrte ohne sich aufzuregen. Im Gegensatz zu der Mutter.

„Pass doch auf, du Arschloch!“, schrie ihm die Frau hinterher. Berlin. Bingo entschuldigte sich mit einer Geste ohne an Geschwindigkeit zu verlieren oder den Takt seiner Füße zu verändern. Tack Tack Tack. Er rannte weiter und weiter. Der menschliche Körper: Ein zerbrechliches und tödliches Wunder, verrückt, dass man auf zwei Beinen überhaupt stehen kann. Aber rennen? Unfassbar, wenn man einmal darüber nachdenkt. Es sieht so instabil aus. Und das ist es auch. Ein falscher Schritt, ein falscher Sprung und du bist weg. Für immer. Oder verletzt, im Rollstuhl. Nur zwei Füße! Immer schneller und schneller. Tack-Tack-Tack-Tack ...

Rocky

Er rannte wie eine Lokomotive. Er zerpflügte die Luft vor sich. Geradeaus. Seine Augen blitzten in alle Richtungen auf der Suche nach Hindernissen – und möglichen Waffen. Mit beiden Händen stieß er einen Radfahrer kraftvoll zur Seite. Der Idiot hatte Rocky nicht gesehen.

„Weg da!“

Der Mann verlor das Gleichgewicht und trudelte gegen ein parkendes Auto, der Aufprall verlangsamte das Rad aber nicht den Mann. Er ging über den Lenker zu Boden. Keine Zeit, die Hände vom Lenker zu lösen. Das Gesicht traf den Boden und nahm sofort dessen Form an. Flach. Nicht schade drum, nur ein dummer Berliner Radfahrer. Radelt auf dem Gehweg und telefoniert dabei. Rocky konnte Radfahrer noch weniger leiden als Autofahrer. Vor allem nicht die, die auf dem Gehweg fahren, einen Helm tragen und telefonieren.

Rocky hörte das Rad hinter sich auf dem Asphalt aufschlagen und scheppern. Das Geräusch befriedigte ihn. „Wixer!“ Er rannte weiter. Auf die Kupfergrabenbrücke zu. Dort würde Bingo versuchen, auf die andere Seite zu wechseln. Rocky musste das nur verhindern, um zu gewinnen. Also auf die Brücke! Weg vom Ziel. Rocky stellte sich mitten auf den Weg und ballte die Fäuste. Er konzentrierte sich auf seinen Nacken und fixierte Bingo, der auf ihn zukam. Er verlangsamte sein Tempo. Dann standen sie sich gegenüber. Rocky grinste ihn an. Seine Zähne blitzten. Wie eine Herausforderung. So hatten sie einander unzählige Male gegenüber gestanden, an verschiedenen Orten, zu verschiedenen Zeiten, doch die Konstellation war immer die gleiche gewesen.

Rocky grinste noch breiter: „Sag Tschüss, du Wixer!“ Der Angriff kam blitzschnell, und Bingo konnte nur knapp ausweichen. Ein Tritt. Zurück. Keine Zeit. Der Schlag ging ins Leere. Rocky blockierte den Weg, das war alles, was er tun musste, um zu gewinnen. Bingo täuschte eine hechtende Bewegung an, aber Rocky fiel nicht drauf rein. Der Weg war versperrt. Dann hagelten Schläge und Tritte auf Bingo nieder, er wehrte ab, wich aus und bezog Prügel. Aber er schlug nicht zurück. Er versuchte, an seinem Gegner vorbeizukommen, aber es gelang ihm nicht. Aus den Augenwinkeln nahm Bingo wahr, wie Passanten ihnen fassungslos zuschauten; einer holte ein Handy raus. Nicht lange, und die Polizei würde kommen. Wie jedes Mal. Die Zeit lief. Er sah auch einen großen weißen Spreedampfer, der sich der Brücke näherte. Es ist schwer, sich in solchen Situationen einen Plan auszudenken. Jedenfalls, wenn man unter „Denken“ das Gewöhnliche versteht. Im Kampf arbeitet dein Gehirn ganz wie von selbst, es braucht dich nicht. Es geht einfach zu schnell für das Bewusstsein. Ideen, oder noch schlimmer, Begründungen, schaffen es nicht durch die Schallmauer. Aber deine Reflexe schon. Also vertrau deinen Reflexen, und such später nach Gründen! Bingo sah den Dampfer immer näher kommen. Gleich war er unter der Brücke durch. Noch wenige Meter. Bingo wich zurück. Lange Sekunden. Rocky folgte. Er wurde misstrauisch und blieb schließlich stehen.

„Komm schon!“

Bingo hob die Hand: „Pass uff!“

Rocky musste lachen. Bingo hatte noch nie zugeschlagen. Bekannte Sache. Die Ankündigung allein war deswegen schon ein Witz. Doch da auf einmal ballte Bingo die Faust.

Rocky hob die Augenbrauen. Bingo sprang auf Rocky zu und trat nach ihm. Rocky war für eine Sekunde verunsichert. Diese Zeit genügte Bingo. Er sprang zur Seite. Dann drehte er sich mit einer weichen Bewegung nach rechts und schwang sich über das Geländer. Rocky, der den Spree-Dampfer nicht bemerkt hatte, schaute ihm fassungslos hinterher. Dann fluchte er, als er begriff. Bingo war nicht ins Wasser gesprungen. Der Kerl stand auf dem Dampfer, fuhr davon und winkte Rocky zu.

Bingo

Ihm tat alles weh, die Unterarme, mit denen er die Schläge von Rocky abgefangen hatte, die Knie vom Rennen und die Rippen von dem Sprung. Er hatte sich verletzt. Wieder einmal. Der Dampfer fuhr zügig auf die nächste Brücke zu. Nicht weit. Das Ding war schnell. Rocky rannte hinterher. Er blieb auf seiner Seite. Das kostete Sekunden. Der Dampfer näherte sich der Weidendammer Brücke. Ein Riesending aus Stahl, höher und mächtiger als die anderen Brücken. Wenn man drauf steht, sieht es nicht nach viel aus, aber vom Wasser her gesehen ist es beeindruckend hoch. Bingo schaute zurück. Rocky war nicht weit. Er holte auf. Die Anlegestelle war direkt hinter der Brücke. Rocky würde zuerst dort sein. Bingo sprang durch die Stühle ans Heck des Dampfers. Die Touristen glotzten ihn an. Einer machte ein Foto von ihm. Die Situation war irrwitzig, und Bingo hatte ein Gespür für so was. Er lächelte den Touristen breit an und grüßte pseudomilitärisch. Aber er wirkte einfach nur wie ein großer Junge beim Spielen.

Seine lebendigen grauen Augen und seine kurze Struwwelfrisur verstärkten den Eindruck, dass er irgendwie zart oder zerbrechlich sei. Jungenhaft. Deswegen hatte er sich Sideburns stehen lassen, um härter zu wirken. Umsonst. Der zarte Eindruck war geblieben. Doch das täuschte. Bingo war hart und konnte mit Schmerzen klarkommen. Seine Tätowierungen zeigten das. Viele davon hatte er sich selber gestochen. Nichts Großartiges. Ein paar Ornamente an den Unterschenkeln und Knien. In der linken Armbeuge und der linken Brusthälfte. Bingo war Rechtshänder. Deswegen hatte er sich links stärker eingefärbt. Geflochtene Bänder, eine eigene Kreation. Mischung aus keltischen und westafrikanischen Mustern. Damit war er auf das Titelbild des Tätowiermagazins gekommen. Das Cover hing bei ihm im Laden. Unter Glas. Direkt neben dem selbst geschriebenen Meisterbrief. Der Fremdenführer mit dem Mikro hatte die Aktion nicht bemerkt. Vielleicht war es ihm auch egal, was sich an Bord abspielte. Vermutlich war er ein gescheiterter Kunsthistoriker. So sah er aus. Er erzählte etwas vom Tränenpalast und der Zeit, als die Mauer noch stand. Zu viele historische Probleme.

Komplexe Scheiße.

Aber Bingo hatte nur ein einziges Problem: Da vorne stand Rocky. Die Treppe der Anlegestelle war eng. Es würde Rocky leicht fallen, Bingo hier abzuwehren. Bingo sah sich um. Die Brücke kam näher. Er nahm Anlauf und rannte auf dem Deck nach vorne. Als der Dampfer die Brücke erreicht hatte, ging er in die Knie und schleuderte sich senkrecht nach oben. Gerade weit genug. Er griff das Stahlgerüst an der Unterseite der Brücke und zog sich daran hoch. Es tat weh. Sein Gesicht erschien direkt hinter den massiven Metallstäben, die den Gehweg vom Abgrund trennten. Er schaute auf die Füße der Vorübergehenden. Seine Muskeln waren zum Zerreißen angespannt, als er sich auf Höhe hielt. Dann zog er sich vollends nach oben. Nicht weit von ihm stand Rocky und drehte ihm den Rücken zu. Bingo schwang sich über das Geländer und sprang hinüber. Er landete direkt vor einem fetten Rentner, der ihn verblüfft anschaute. Dann rannte er die Brücke entlang auf die andere Spreeseite zu. Südufer. Und dann machte er etwas, das er an sich nicht leiden konnte. Jedenfalls nicht, wenn er hinterher drüber nachdachte. Aber so war er nun mal.

Er pfiff. Rocky schoss herum. Wut und Irritation brannten aus seinen orientalischen Augen.

„Was soll die Scheiße?“

„Hehehe!“

Warum musste Bingo unbedingt pfeifen? Ganz einfach. Er liebte den Kick, das Adrenalin. Eine Sucht. Diese Sucht hatte ihn überhaupt erst in diese illegale Scheiße hineingetrieben. Genau diese verdammte Sucht hinderte ihn daran, daraus wieder zu entkommen. Genau das machte ihn bei den beiden Organisatoren der Rennen so ungemein beliebt. Er wich einem italienisch aussehenden Mädchen aus, das eine Tüte Nüsse in der Hand hielt. Bingo schaute ihr für einen kurzen Moment in die Augen. Für eine winzige Ewigkeit lang waren sie ineinander verschmolzen, lernten voneinander, wurden identisch, trennten sich und vergaßen einander. Er rannte weiter. Das Mädchen blieb einfach stehen und schaute ihm hinterher. Rocky kam heran. Er pflügte durch die Menschenmenge und stieß einen Passanten zur Seite. Hässlicher Typ, älter, machte ein dummes Gesicht. Kein Wunder. Als er bei dem Mädchen ankam, riss er ihr die Tüte mit Nüssen aus der Hand und warf sie nach Bingo. Die Tüte flog im Bogen und streute dabei Nüsse aus. Eigenartige Schönheit des Flugs. Das Mädchen nahm diese Schönheit nicht wahr.

Sie fluchte: „Ma, vaffancuuulo!“

Italienisch. Nichts Besonderes in Berlin.

Aber Rocky traf daneben. Nein, nicht daneben. Davor! Direkt auf dem Boden vor Bingo zerplatzte die Tüte und Nüsse kullerten in alle Richtungen umher. Dann: Fuß auf Nuss. Nuss auf Boden. Bingo rutschte aus. Der Boden war hart. Die Nüsse bohrten sich in seine Hände, als er versuchte den Sturz abzufangen. Doch er rappelte sich auf und sprintete davon. Rocky hinterher, wobei er über die Nüsse hinwegsetzte. Sie näherten sich dem Gebäude. Ein hoher Rohbau, in dem bald Büros untergebracht sein würden. Versicherungen, Rechtsanwälte, Steuerberater ... lauwarme Menschen mit lauwarmen Biografien. Aber noch nicht. Heute noch nicht.

Bernhard und LuxusZicke

Er war ein misstrauischer Mann, der sich aus dem Dreck ganz unten in den Dreck etwas weiter oben hochgearbeitet hatte. Jedenfalls sah er das so. Eine andere Art von Dreck, aber auf die gleiche Weise schmutzig, denn Geld ist ein unzuverlässiges Reinigungsmittel für die Seele. Und dabei spielt es keine Rolle, ob das Geld echt oder gefälscht ist. Beamer zeigten den Sturz auf der Straße noch einmal in Zeitlupe: Bingo rutschte auf den Nüssen aus, schlug hin, und verzerrte das Gesicht vor Schmerzen – in Nahaufnahme. Die Kameras liefen. Rocky hatte Bingo eingeholt und prügelte ihn zu Brei. Bingo verlor einen Zahn. Der Fuß ist eine gefährliche Waffe. Alles unterhalb des Knies tut weh, wenn man es richtig einsetzt. Der Hebel und der Schwung des Unterschenkels reichen weiter als der Arm, das ist ein Vorteil. Nachteil: Man hat nur zwei Füße. Beide braucht man. Anders als bei den Händen. Rocky trat zu. Der Fuß schnellte nach vorn und traf Bingo an der Brust. Er segelte zurück und versuchte, sich aufzufangen. Er griff an eine Holzlatte, doch die kam mit. Splitter aus dem Holz schoben sich in seine Handflächen hinein, unter die Haut, und ohne abzubrechen. Zwei Zentimeter lang. Schmerzhaft. Immer wieder trafen ihn die erbarmungslosen Fäuste. Bingo verteidigte sich so gut es ging, aber es ging nicht gut.

Die Party lief ganz gut. Bernhard suchte Blickkontakt zu seiner Partnerin. Da stand sie und schaute auf die Übertragung. Sie war eine schicke, schlanke Frau mit dunkler Haut und stark umschminkten Augen. Sie lächelte Bernhard an und zeigte ihre Zähne, die linke Hälfte des Oberkiefers war aus Gold. Abgezählt und mit voller Absicht. Sie trug schwarz und hauteng. Sie wusste, dass sie ein Hingucker war. Aber das war nicht das Gefährlichste an ihr. LuxusZicke, so nannte sie sich selber, kannte jeden, der wichtig war, und jeder kannte sie, auch die Unwichtigen.

Sie trug Kleider, die ihr das erleichterten: enge, schwarze Lederhosen, Röhren, Stiefel und Tanktops. Dazu eine lange, dünne Silberkette, die in ihrem Ausschnitt verschwand; jede Menge Make-up und lange Fingernägel. Sie wäre an den meisten Tagen auf dem Cover der Vogue nicht weiter aufgefallen. Ihre aufgeblasene Frisur besprühte sie gerne mit silbernem Glitterhaarlack. Das gab ihrer Erscheinung etwas Futuristisches. Mit Absicht. Ihre harten, braunen Augen waren überall und leiteten den Ablauf sanft aber ohne Gnade. Wer nicht funktionierte, flog sofort raus, denn ihr Motto lautete: „Nur eine Chance.“

Das wussten alle. Auch Bernhard.

Sie nickte. Bernhard schaute zurück auf den Bildschirm. Die Läufer hatten fast das Ziel erreicht. Nur noch ein paar Stockwerke nach oben, und dann: Finale! Das war Bernhards Lieblingsmoment. Die Zielgerade. Wie jeder Zocker war Bernhard fixiert auf ein spannendes Endspiel, und wie jeder Zocker hasste auch Bernhard den Zufall. Bingo knallte auf einen Zementsack. Es staubte. Rocky kam näher, ganz langsam und bedrohlich. Er griff nach einer Latte und stellte sich breitbeinig über Bingo. Das war das Ende. Bingo konnte aufgeben. Einfach nur die Hand heben und Schluss. Eine Hand genügt. Das waren die Regeln. Er konnte aber auch weitermachen und sich prügeln lassen, bis er eine Gelegenheit sehen würde, doch noch weiterzukommen. Kein guter Deal. Mit einer heftigen Handbewegung stieß er seine Finger wie Krallen in einen Zement-Eimer und schleuderte Rocky feinen Staub ins Gesicht.

Zement ist eine hundsgemeine Substanz. Probier es nicht aus!

Voller Panik wich Rocky zurück. Jetzt war er angreifbar. Bingo rammte den taumelnden Gegner zur Seite und rannte davon. Die Treppe hoch. Bingo sprintete in das Treppenhaus. Rauf. Rannte um eine Kurve und bremste ab. Vor ihm lag ein langer dünner Draht auf dem Boden. Vergessen von Bauarbeitern. Die Idee traf seinen Geist wie ein Tritt. Er nahm den Draht und band ihn an das Scharnier im Türrahmen und zog ihn quer durch die zwei Schritte des Treppenhauses. Auf der anderen Seite band er ihn wieder fest. Stahlrohr. Auf Kopfhöhe.

Rocky stolperte auf ihn zu. Die Augen voller Staub. Mit einem Schrei wollte er sich auf Bingo stürzen, doch der Draht stoppte ihn am Gesicht. Wie eine Gitarrensaite. Sein Kopf wurde zurückgeworfen, während ein metallischer Klang durch das Treppenhaus summte. Rocky rannte nach oben. Schweiß mischte sich mit Zementstaub und Blut. Aber es sah dramatischer aus, als es war. Bingo liebte diese Auftritte. Die letzte Kurve, und er stand mitten im Finale. Bernhard traute seinen Augen nicht.

Was?

Bingo war der erste. Gegen die Abmachung! Bingo rannte auf das Ziel zu und schlug mit der Hand auf die Glocke. Das Zeichen des Sieges. Die Gäste applaudierten und machten Fotos mit den Handys. Streng anonym; zumindest hofften das die Uploader. Bernhard schaute hin. Er war kein intelligenter Mann, jedenfalls nicht im gängigen Sinn. Sein Gehirn lieferte ihm zwar Antworten auf Probleme, doch er verließ dabei kaum jemals die Pfade, die andere schon vor ihm gegangen waren, insbesondere LuxusZicke. Seine Stirn runzelte sich, als er die ersten Kommentare las:

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  • Tina92: Yeaaah! Rocky! AssF*Loser!
  • BussaYori: Goiiiil! Voll auf die Fresse! :))))
  • Gussger: Hamma! !
  • Killbitch:@tina92: he, bleib korreg, bitsch!
  • Figgl: Shit! der draht. AUUtttsch. 20 EUR!
  • Fred_DozemabrandyX: Cheatah, bei mir sin 50 Kröten hin! :-(

Die Statements tickerten rein ohne Ende. Immer mehr. Es kam gut an. Jedenfalls im Netz, wo die Zuschauerzahlen besser waren. Es schauten mehrere hundert Leute zu. Online. Das war besser als beim letzten Mal. Es werden jedes Mal mehr, dachte Bernhard. Er schaute sich um. Die Party hatte durchaus Schwung, aber Bernhard war noch nicht zufrieden. Überhaupt nicht! Die Leute wetteten zu wenig. Man kann nie vorher wissen, was bei den Leuten ankommt. Man kann nicht planen, man kann nur hoffen. Das war eine Wahrheit, die das Leben Bernhard beigebracht hatte. Eine andere Wahrheit war: Außenseiter sind auf ihre Weise immer auch Favoriten. Vielleicht kam Bingo deswegen so gut an? Bernhard spuckte auf den Boden. Sein Gesicht verzog sich vor Ekel – eine schlechte Angewohnheit, bäurisch, primitiv, aber echt empfunden. Ein Mädchen ging fröhlich auf den Tisch zu und kassierte ihren Gewinn. Kein Vermögen, aber darum ging es nicht. Bernhard schaute zu LuxusZicke hinüber. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte zu lächeln.

Er beugte sich über ihr Display. Er lachte sie breit an und hob das Glas. Im Inneren aber kochte er vor Wut. Sein Magen wurde klein und hart, das konnte er spüren. Der Magen war sein Schwachpunkt. Er würde Bingo bestrafen müssen. Aber jetzt ging es erst mal um den Abbau. Keine Zeit zu verlieren. Raus!

„He! Murat, Musik runter, Tschappo, DJ-Ansage vorbereiten; an der Bar alles Okay? Security und Cash-Boys. Wir haben nicht mehr viel Zeit! Höchstens drei bis fünf! Gutze, was sagt der Polizeifunk?“ Ein junger Mann mit Kopfhörern schüttelte den Kopf und hob den Daumen. Den Berliner Polizeifunk abzuhören, ist der reinste Witz. Die verwenden uralte Technik. Nicht mal digital. Ein Wunder, dass die überhaupt was gebacken kriegen. Hoffentlich bleibt es so! Weitere Leute aus dem Team um ihn herum hoben auch die Daumen. Verstanden. Weiter! Bernhard ging auf Bingo zu, ergriff seine Hand und hob sie in die Luft wie beim Boxen, wenn der Sieger fest steht.

„Der Gewinner, meine Damen und Herren!“

Höflicher Applaus. Bernhard litt. Deswegen. Er wollte rauschende Feste, Ekstase, johlende Gäste und Blitzlichtgewitter. Eines Tages würde er es schaffen. Mega-Events. Martial Arts. Er würde das Land verändern. Bald! LuxusZicke reichte Bingo ein Sektglas. Er trank einen kleinen Schluck und gab ihr das Glas zurück. Prosecco, Schampus, oder Sekt ... was auch immer. Er hatte keine Ahnung, was das war. Und er kümmerte sich nicht drum. Wozu auch? Das waren Dinge, die nichts mit seiner Welt zu tun hatten. Bingo mochte Jim Beam mit Cola lieber. Ein Getränk von der Erdoberfläche. Aber er akzeptierte das Glas Sekt trotzdem.

Er bemerkte nicht, dass LuxusZicke Handschuhe trug und das Glas einsteckte. Sekt war einfach nicht sein Getränk. Bingo atmete schwer und nickte. Er versuchte zu lächeln, doch es kam nicht gut rüber. Jedenfalls nicht bei Bernhard. Er fauchte Bingo ins Gesicht:

„Du schuldesss mir Geld, Arschloch!“

LuxusZicke hatte sich neben Rocky gestellt. Sie legte ihm den Arm um die Schultern und flüsterte in sein Ohr.

„Er ist da!“

Rocky riss die Augen auf und schaute sich um. Doch LuxusZicke beruhigte ihn.

„Nicht so auffällig, Kleiner. Bleib mal ganz cool!“

„Ok“

„Da drüben!“

„Oh!“

Da saß er. Er. Ein elegant gekleideter Mann. Vierzig vielleicht. Links und rechts neben ihm zwei Gorillas. Monsterkerle im Anzug. Größer und schwerer als Rocky. Kerle, die sich nicht beeilen müssen. Der elegant gekleidete Mann nickte Rocky zu und hob sein Glas. Dann stand er auf und ging. Lautlos. Ihm folgten weit mehr als nur die beiden Gorillas. Eine Entourage von bestimmt fünfzehn Personen folgte dem Mann. Alle tadellos gekleidet. Viel zu schick für Berlin, und das ist leicht, aber auch zu teuer für den Rest von Deutschland. Sie verließen den Rohbau ganz unauffällig und waren im Nu verschwunden. Genau rechtzeitig. Denn kaum war die Entourage weg, geriet das Team in Bewegung. Mit unglaublichem Tempo fingen sie an, die Party abzubauen. Sie hatten Übung. Ohne Hektik, zielstrebig verschwanden die Geräte. Jungs mit Cargohosen und Kinnbärten, Tätowierungen und schwarzen T-Shirts.

Die Uniform der Roadies und Runner. Erstaunlich, wie dünn viele von ihnen waren. Man würde starke Männer erwarten, Riesen mit enormen Händen und Oberarmen. Aber die meisten Roadies waren eher schmächtig. Denn es geht nicht um Muskeln. Es geht um Zupacken und Schrauben. Schleppen und wieder aufräumen und zwar immer wieder. Zuverlässig und schnell. Immer zu zweit packten sie einen schweren Kasten nach dem anderen und trugen ihn raus. Dabei liefen sie so, dass sich ihre Körper wenig auf und ab bewegten. Das schont die Knie. Sie kamen erstaunlich schnell vorwärts. LuxusZicke nickte ihrem Team zu. In wenigen Sekunden war die Party komplett abgebaut. Ameisen auf zwei Beinen. Die Gäste – weg! Bernhard verließ mit LuxusZicke als Letzter die Baustelle. Er drehte sich noch einmal um. In ihrer Hand Bingos Sektglas. Sie nahm ihren Lippenstift und zeichnete drei Symbole nebeneinander auf das Glas. Doppelpunkt, Minus, Klammer zu. Ein spöttischer Gruß des digitalen Zeitalters auf einem offline Gegenstand. Dann stellte sie das Glas mitten in den Raum auf den Boden. Bernhard reichte ihr eine Flasche, sie schenkte Sekt nach, hakte sich bei Bernhard unter und verließ den Rohbau. Es wurde still. Nur der Sekt sprudelte leise vor sich hin. Abwartend. Herausfordernd. Vergänglich.

 

Margot Pospisil

 

Sie spürte ihre neuen Silikonbrüste unter der Bluse. Es war unangenehm. Die Haut an der Brust hatte sich noch nicht an die neue Spannung gewöhnt, und dieses Gefühl machte sie aggressiv. So etwa, wie wenn man zu enge Schuhe trägt. Nur, dass man das abends nicht ausziehen kann. Man muss warten, bis die Haut sich dehnt. Lange.

Der Arzt hatte sie vor der Operation über die Risiken aufgeklärt: Infektionen, Fremdkörpergefühl, Kapselfibrose und Beeinträchtigung der Stillfähigkeit. All das war drin. Aber sie wollte eine größere Oberweite. Einfach größer. Fertig. Deswegen hatte sie alles unterschrieben – mit ihrer krakeligen Handschrift. Jetzt hatte sie sie. Größere Brüste. Und dazu schlechte Laune.

Diese Mischung wirkte extrem stark auf die Männer. Immerhin etwas. Margot Pospisil hatte wellige, brünette Haare und breite, dunkle Augenbrauen, die sie nicht zupfte. Das gab ihr einen intensiven, harten Blick, verstärkt durch eine kleine senkrechte Falte genau über der Nase. Der Arzt hatte ihr angeboten, die Narbe gleich mit zu entfernen, aber sie hatte abgelehnt. Aus beruflichen Gründen.

Ihr Gesicht war fein, aber zu groß und etwas länglich. Sie fand, fast wie ein Covergirl. Oder ein Pin-Up auf einem amerikanischen Bomber des Zweiten Weltkriegs. Was an ihr vielleicht nicht so ganz stimmte, das waren die Zähne: etwas unregelmäßig und zu groß. Aber in ihrem Job musste sie nicht oft grinsen. Das passte schon. Sie griff sich an den Bizeps und nahm sich vor, noch härter zu trainieren. Sie war mit ihrem Punch noch nicht zufrieden, und ihr Trainer sah das genauso. Arbeite an der Definition! Geh scheißen!, so war der Dialog verlaufen, aber sie wusste, dass der Trainer recht hatte.

Dass man sich als Staatsdiener nicht einfach neue Titten einbauen lassen konnte, damit hatte sie nicht gerechnet: Eine Menge Papierkram war dafür notwendig gewesen und eine lange Reihe von Gesprächen mit dem Polizeipsychologen. Nicht zu vergessen, die ganzen Witze der Kollegen. Typische Männer-Jokes über Melonen, die ersten fünf Buchstaben des Alphabets oder Fußbälle. Dabei war die korrekte Fruchtangabe nicht Melone, sondern mittlere Grapefruit. Perfekt auf ihren Körper abgestimmt. Das, was die Natur ihr von sich aus hätte schenken sollen. Hatte sie aber nicht. Also hatte Margot es sich genommen. Teuer bezahlt, aber dennoch genommen, und jetzt stimmte es endlich.

Margot wusste: Sie sah damit unglaublich cool aus. Noch ein paar Wochen und dann ... Rock 'n Roll!

Es gab nicht viele Kolleginnen, die sich die Brüste richten ließen. Jedenfalls nicht in Deutschland. Aber was ist schon Deutschland? Ein Scheiß, dachte sie, denn Margot war Wienerin. Sie konnte die Deutschen nicht leiden. Deswegen. Das hing alles miteinander zusammen. Wenn du Wienerin bist und einen tschechischen Namen hast, dann magst du die Deutschen nicht. Ganz einfach. Aber was sollte sie machen? Ihr Job war hier in Berlin. Und die Berliner waren die Schlimmsten von allen Deutschen. Nicht wie die Bayern, Franken oder die Schwaben. Das ging noch, die waren verwandt mit Österreich irgendwie. Wenn auch nicht Habsburg, so doch wenigstens keine Preußen. Immer diese feinen Unterschiede. Aber. Margots Karriere basierte auf genau solchen feinen Unterschieden und darauf, dass man sie gezielt einsetzte.

Andererseits: Wenn man sich zu sehr auf die Feinheiten konzentriert, kommt man nie zu etwas. Dein Gehirn muss so trainiert sein, dass es die feinen Unterschiede wie von selbst wahrnimmt und dir vorflüstert. Du musst nur zuhören und deine Schlüsse ziehen: hier etwas ignorieren, dort etwas zurückweisen, da ohne Gnade draufschlagen, bis sich nichts mehr bewegt. Doch was nützte das jetzt bei diesem Fall? Einen Dreck! Sie kam nicht dahinter. Was ging vor? Blockiert. Ihr Instinkt kam nicht auf Touren.

Was fehlte? Was zum Teufel fehlte? Fuck! Sie schaute genervt auf das Sektglas mit dem Smiley drauf. Es war das vierte in diesem Monat. Dieser Rohbau hier in Mitte, dann im Westhafen, Humboldthain und im Tiergarten. Immer das gleiche Spiel. Jedes Mal waren sie zu spät gekommen. Fuck you, maunzte sie das Glas an trat mit dem Stiefel danach. Aber. Sie traf nicht. Aus Absicht.

„He, Margot, das sind Spuren, verdamm' nochmal!“

„Dann schneid dich halt nicht. Saubere Spuren. Da sind überhaupt keine Spuren, darum geht's doch die ganze Zeit!“

Sie schob trotzig den Unterkiefer nach vorn und dachte nach. Margot war unfassbar attraktiv, wenn sie konzentriert nach vorn schaute. Sie wusste das.

„Da sind überhaupt keine Spuren“, wiederholte sie für sich selbst. Es gab nicht viel, was sie über diese illegale Scheiße hier wusste. Die Berliner Kripo war lächerlich mies ausgerüstet, dazu unterbesetzt, und die Beamten waren nicht gerade Genies. Und Margot sprach es auch ganz offen aus. Wiener Blut. Geht nicht anders.

Durch einen Zufall waren Berliner Uniformierte den Rennen im Wortsinn über den Weg gelaufen. Fassungslos hatten sie dem irrsinnigen Treiben zugeschaut. Aber. Keine Chance, die Kerle einzuholen. Doch die Kollegen hatten recherchiert und waren bald fündig geworden. Als die Dimensionen klarer wurden, hatten sie die Zentrale eingeschaltet, und der Fall war an das LKA gekommen. Zu Margot. Sie hatte die Rennen dann im Internet ausfindig gemacht, aber die Communities wechselten ständig die Server und die Passwörter. Das war nicht einfach nur eine Facebook-Seite, die jeder Idiot aufrufen konnte. Da steckte mehr dahinter. Ein Mastermind. Margot verwendete ihre private Technik: Drei Multimedia-Handys und zwei Rechner. Die Computer bei der Polizei waren traurig altmodisch.

Kaum zu glauben. Da standen auch allen Ernstes noch elektrische Schreibmaschinen rum. Das dritte Jahrtausend, das Internet, Mobilfunk, das alles blieb am Eingang draußen. Genau wie nasse Regenschirme. Der reinste Witz. Die motivierteren der Beamten verwendeten genau wie Margot ihre eigenen Handys. Deswegen. Meist auf eigene Rechnung. Was soll's!

Der Schrott, den der Staat ihnen da hinstellte, war einfach nur deprimierend. Margot holte tief Luft und fasste zusammen: Sie wusste, dass die Rennen zu Fuß stattfanden und fast keine Spuren hinterließen. Von dem Sektglas mal abgesehen. Spöttisch abgestellt, ohne Fingerabdrücke, aber mit Smiley drauf. Lippenstift. Jedes Mal. Also vielleicht von einer Frau gemalt, oder von einer Transe, einem verrückten Kosmetiker oder einfach von einem Typen, der halt einen Lippenstift gekauft hat.

Grandiose Spuren!

Sie wusste: Das Ganze hatte mit Wetten zu tun, illegalen Wetten natürlich, denn die Rennen an sich schon brachten bereits eine Riesenliste von Straftaten und Ordnungswidrigkeiten zusammen.

Soweit waren die Uniformierten auch schon gekommen. Immerhin. Aber jetzt? Ein paar Mal hatten sie einen der Läufer geschnappt, aber das hatte unterm Strich wenig gefruchtet. Die jungen Männer sagten nichts, ließen alles über sich ergehen und waren im Handumdrehen wieder draußen. Keiner von denen würde je auspacken. Jungs, die einander grün und blau schlugen, aber sich nicht gegenseitig anzeigten. Es war zum Kotzen. Margot ging die Aspekte noch mal im Kopf durch. Eine ganze Liste. War das nur Sport? So, wie beim Boxen auch? Da ging es um viel Geld – aber hier? Was war das Geschäftsmodell dahinter? Wie floss das Geld? Das war die zentrale Frage bei der ganzen Sache. Geldstrom ist Machtfluss.

Nur, Margot verstand die Struktur noch nicht. Aber sie war sicher, dass sie das Ding knacken würde. Ordnungswidrigkeiten, Gefährdungen, Körperverletzung, grober Unfug, solche Sachen und dazu ein verquerer Ehrenkodex – oder ein System aus Erpressung und Schulden. Margot wusste, dass das nicht alles war. Sie konnte es genauso deutlich spüren wie ihre neuen Brüste. Da war noch was Anderes mit im Spiel. Es ging um mehr als um ein paar Jungs, die Unsinn trieben und ihre Gesundheit aufs Spiel setzten. Margot witterte Mafia, organisiertes Verbrechen oder Geisteskrankheit. Aber sie konnte nichts beweisen oder vorzeigen. Noch nicht. Wenn es um Instinkt geht, ist es immer das gleiche: Die Leute glauben dir nicht. Es ist sinnlos, anderen was über deine Instinkte erzählen zu wollen.

Genau wie bei der Religion: Jedes Drecksargument ist okay, jeder noch so dumme Grund. Man kann mit allem kommen, wenn man nur so tut als sei es rational. Aber sobald du dich auf deinen Instinkt berufst, geht deine Glaubwürdigkeit den Bach runter. Instinkt ist kein Grund, denn die Menschen ahnen, dass sie fast nur aus Instinkten bestehen. Das macht Angst. Und um Menschen bleiben oder werden zu können, müssen sie Instinkte ablehnen. Was ist der Mensch? Der Mensch ist das verlogene Tier.

Aber es ging Margot nicht um irgendwelche Instinkte. Sondern um geschulte. Ausgefeilte. Kultivierte. Das war der Trick. Du musst deine Instinkte jahrelang schulen, bis du dich auf sie wirklich verlassen kannst. Wie auf einen Blindenhund. Die meisten Menschen verlassen sich nur auf den erstbesten Straßenköter und fertig, von wegen Blindenhund! Das kann nicht gut gehen. Nicht auf Dauer. Der Köter baut Scheiße, aber bleibt dir treu. Dann hast du ein Problem. Immer wieder das Gleiche. Und vor allem: Mit der Zeit vergisst du, dass es ein Problem ist, weil du anfängst, es für die Normalität zu halten.

Dann hat dich der Köter besiegt. Obwohl es nicht mal seine Absicht gewesen war. Denn der Mensch – das ist kein vernunftbegabtes Wesen, dachte sie. Ganz im Gegenteil. Wir sind der schlimmste Betriebsunfall der Natur seit dem Aussterben der Dinosaurier. Ein Kuckucksei der Evolution, ein Bumerang innerhalb der Schöpfung, der alles und sich selbst in Gefahr bringt. Margot schnaubte.

Sie wollte wieder auf der Jagd sein. Sie wollte die Spannung spüren. Hetzen, erlegen. Wacher Geist. Puls im Ohr. Tausend Inspirationen und Eingebungen. Sie wollte ihrem Gehirn beim Denken zuhören. Es kam nicht. Die Jagd hatte noch nicht begonnen. Immer noch nicht. Geduld! Wenn du als Jäger die Jagd persönlich nimmst, dann gehst du unter. Egal, was kommt. Du musst es als ein Spiel auffassen, das du auf jeden Fall gewinnen wirst. Geduldig, stark, schlau und fies. Das waren die richtigen Tugenden. Zeit, dass die anderen Kollegen das auch so sahen. Sie nahm es trotzdem persönlich, dass sie nicht weiter kam. Vielleicht brauchte sie auch keine Jagd, sondern vielmehr Krieg.

Vergiss es! Margot wollte an die Hintermänner der Rennen ran. Sie wollte wissen, wer der Kopf der Sache war. Alles andere war ihr viel zu wenig. Deswegen beschloss sie, auf eigene Faust weiterzumachen und künftig noch unkonventionellere Wege zu gehen. Sie griff sich an die Bluse und lockerte sie ein wenig. Das Gefühl blieb. Es war ihr alles zu eng.

Holger Münchow

Er fand Margot Pospisil einfach großartig. Ihre Art sich zu bewegen, ihren Kleiderstil, das Haar, ihren Namen und ihren Akzent ... – als Mann! Aber als Vorgesetzter hatte er bei ihr ziemlich gemischte Gefühle. Holger hatte Margots Arbeit von Anfang an genau verfolgt. Ihre Karriere, ihre Einsätze, ihre Rastlosigkeit, die sich auch darin zeigte, dass sie sich ständig überallhin bewarb. Holger Münchow war ein massiger Mann mit grauen Haaren und einem breiten Mund. Wenn er sich konzentrierte, sah er wie ein riesiger Affe mit Lesebrille aus. Seine langen Arme nahmen einen breiten Teil des Schreibtisches ein, und sein starker Kiefer tat ein Übriges. Er gehörte zu den Polizisten, die vorsichtig und langfristig vorgehen. Mit Erfahrung. Kein Draufgänger, aber nicht aus Angst vor den Vorschriften, sondern, weil er gelernt hatte, mit seinen Kräften sparsam umzugehen. Er wusste genau, dass der Amtsschimmel einen mürbe kriegt, wenn man sich zu doll engagiert. Denn bei der Polizei. Nein. Bei keiner Behörde geht es um Resultate, sondern darum, dass Vorschriften und Fristen eingehalten, dass der Dienstweg respektiert wird, und dass die Bezüge stimmen. In absoluter Höhe und in Relation zu dem, was die anderen bekommen. Wehe, du machst mehr!

Holger sah in Margot daher eine Tretmine, eine Querdenkerin, die ohne Frage zu gewissen Erfolgen kommen kann und mit Sicherheit immer für neuen Input gut ist. Auf der anderen Seite waren es Beamte wie Margot Pospisil, die Kollegen in Gefahr brachten und groß angelegte, langfristige Aktionen von innen heraus auf Spiel setzten. Polizist wirst du aus den verschiedensten Gründen. Genau wie Lehrer oder Pfarrer. Die einen lockt die Versorgung und das geregelte Dienstverhältnis. Andere folgen bestimmten Syndromen, wie dem Helfersyndrom. Oder dem Idiotensyndrom – das war einer von Holgers Lieblingswitzen. Das Idiotensyndrom. Auch eine Tretmine. Früher oder später fliegt dir das Idiotensyndrom nämlich um die Ohren. Und du sitzt da und zählst deine Schussverletzungen. Danke.

Seitdem Margot ihren Dienst in Berlin angetreten hatte, war er ihr immer wieder über den Weg gelaufen. Anfangs zufällig, dann aus Interesse, halb absichtlich. Inzwischen folgte er ihr ganz offen. Sie wusste es, und er wusste, dass sie es wusste. Holger hätte sie gerne in einem speziellen Team gehabt: Im Landeskriminalamt Vier. Organisierte Kriminalität und qualifizierte Bandenkriminalität am Tempelhofer Damm zwölf. Anders als bei anderen Landeskriminalämtern im Bundesgebiet führen die Berliner Kollegen dort tatsächlich Ermittlungen. Sie tun was. Schwer- und Schwerstkriminalität: Wie gemacht für Margot mit ihrem Hintergrund. Das LKA befasste sich mit Falschgelddelikten, Tätern aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und Menschenhandel, und soweit Holger es einschätzen konnte, steuerte Margot mitten rein ins Wespennest.

Er sah sich als Mentor, ein geistiger Leiter einer jüngeren Kollegin, die sich aber noch nicht bereit gezeigt hatte, sich irgendeiner geistigen Leitung anvertrauen zu wollen. Genau das machte ihren Reiz aus und machte sie prinzipiell zu einer guten Nachfolgerin. Aber. Sie war noch nicht ganz so weit. Es fehlte der letzte Schliff, auch, wenn er ihre Empfehlung schon weiter nach oben gereicht hatte. Ein lobender Bericht, der kein Geheimnis daraus machte, dass Holger sie für eine Top-Polizistin hielt, deren Karriere zu unterstützen sei. Dabei hatte er aber auch darauf geachtet, nicht zu sehr zu loben und ihr besonderes Talent, die Improvisationsgabe nicht über Gebühr zu betonen. Voller Einfühlungsvermögen hatte er auch ein paar, wie er glaubte, geschickt gestreute Kritikpunkte eingebaut. Denn. Er wusste ja, wer die Empfehlung lesen würde. Leute, die für Improvisationen wenig übrig haben. Eunuchen. Holger seufzte auf und bewegte seinen massiven Oberkörper vor und zurück, wodurch er noch mehr einem riesigen Menschenaffen zu gleichen begann.

Christoph Utz

Wenn du Inspektionsleiter bei der Kriminalpolizei bist, dann halten dich alle für ein Arschloch. Aber es kommt allein auf das Adjektiv an, das unmittelbar vor diesem Wort steht. Ein „armes“, ein „dummes“, ein „altes“ oder ein „arrogantes“ – Das verändert eine Menge. Eigentlich alles. Christoph Utz wusste das, und nur auf diese Weise kannst du als Staatsdiener überhaupt Frieden mit dir selbst schließen. Denn. Der Ruf der Beamten, auch untereinander, ist miserabel. Hat es damit zu tun, dass Beihilfen und Versorgung besser sind als in vielen anderen Berufsfeldern? Oder damit, dass die Verwaltung weniger effektiv ist, als die freie Wirtschaft es für sich in Anspruch nimmt? Und dazu zählt auch das organisierte Verbrechen. Die freie Wirtschaft!

Der höhere Dienst. Noch so ein verlogener Begriff! Christoph Utz saß an seinem Schreibtisch und sinnierte über sein Leben. Das machte er immer, wenn er inhaltlich nicht weiter kam. Seine Routine sah so aus, dass er sich dann erst einmal selber googelte. Ego-Googeln nennen das die Nerds. Aber es ist mehr als das. Denn. Wenn du etwas findest, das dir schmeichelt, dann ändert das nichts. Der Punkt ist, ob man etwas findet, das einem schadet. Ein falsches Licht, einen Bericht oder ein Gerücht ... Negative PR. Denn allein darum geht es, wenn man an Beförderungen denkt. Vermeide negative PR um jeden Preis!

Inspektionsleiter Utz fand fast nichts über sich bei Google. Das war ihm recht. Er lächelte in seine Kaffeetasse mit dem verwaschenen Aufdruck hinein. Eisbären. Ein Fan-Artikel. Aber Christoph Utz war kein Fan. Unnötige Leidenschaften für Oberflächlichkeiten lenkten nur ab, und Ablenkungen hatte er leider mehr als genug. Das war ja gerade das Problem! Zu viele Ablenkungen.

Vor ihm lagen Papiere. Viele. Es ging um Karrieren. Wieder einmal. Wenn du im „höheren“ Dienst stehst, darfst du nicht eingreifen; du bist dazu verdammt, administrative Arbeiten zu übernehmen und mit Staatsanwälten zu diskutieren. Aber es ist trotzdem kein cooler Job. Kein Sex-Appeal wie bei den Ermittlern, und das erklärte auch den mangelnden Respekt der Kollegen mit der Waffe. Christoph Utz lehnte sich vor und wollte wieder nach den Papieren greifen. Dabei blickte er auf seinen Bauch. Er wurde fett. Sesselhockerei macht dich einfach fett. Als er merkte, dass er schon wieder mit seinen Gedanken abschweifte, wurde er ärgerlich. Dann zwang er seine Konzentration zurück auf die Papiere. Es ging um Kriminalhauptkommissarin Margot und die von Holger vorgeschlagene Beförderung. Eine komische Situation. Er und Holger waren zusammen auf der Polizeischule gewesen – gut befreundet und fast schon brüderlich verbunden. Das hätte so bleiben können, aber die Karriere hatte sich jeweils anders entwickelt.

Holger hatte kein Interesse mehr am höheren Dienst, seit ein Disziplinarverfahren seine Träume zerstört hatte. So ist das immer. Der Fuchs und die Trauben. Oder war es Käse? Der Fuchs und der Käse? Nein! Christoph Utz googelte die Fabel und fand die Antwort. Ja, doch Trauben. Schon wieder! Heute konnte er sich überhaupt nicht konzentrieren. Scheiß Google: hält einen vom Arbeiten ab. Wie komm ich auf Käse?

Jedenfalls. Er und Holger: Aus brüderlichen Kollegen waren Freunde geworden, die sich mit der Zeit weiter voneinander entfernten. Früher hatte Holger ab und zu angerufen und sich den Frust von der Seele geredet. Aber das war schon länger nicht mehr vorgekommen, denn Holger hatte gemerkt, dass Christoph den Kummer immer weniger nachvollziehen konnte. Der eine mit der Waffe auf der Straße, der andere in der Amtsstube hinter dem Rechner. Die verschiedenen Lebensumstände hatten sie voneinander weg geführt. Weiter und weiter, ohne, dass sie es aktiv betrieben hätten, wie auf zwei gegenläufigen Fließbändern. Sie konnten aber trotz allem noch gut miteinander und waren per Du geblieben. Das half nur bedingt, denn fast alle Kollegen duzten einander. Beim Bier, im Auto ... Aber wenn es um Beförderungen und Gehaltsstufen ging, dann spielte es keine Rolle. Es geht um Respekt, Hunger und um Aufstieg.

Die Gemeinsamkeit war: Sie steckten alle fest. Holger, Christoph und Margot – ganz egal. Jeder auf seine Weise, denn auch Christoph kam über den Oberrat nicht hinaus. Über ihm saßen Referatsleiter und Abteilungsleiter, mit etwas mehr Gehalt zwar, nicht viel, aber auch denen ging es ganz genauso. Das Ziel, Direktor zu werden, hing die ganze Zeit über ihren Köpfen. Eine Möhre, ein Traum, eine Phantasie. Doch die Wirklichkeit sah anders aus. Die Wirklichkeit sagte: Du bist für immer gefangen, im Dienst des Grundgesetzes; jemand, der an der Schwelle steht, aber niemals darüber hinweg schreiten darf. Christoph Utz nickte sich selbst zu. Dann fiel sein Blick wieder auf die Papiere.

LuxusZicke

Hinter den Partys stand schon lange nicht mehr nur Bernhard. Er stand davor. Im Rampenlicht. Er hatte sich vom Kopf zum Maul entwickelt. Umgekehrte Evolution – zu oft versagt. Blockiert von seinem eigenen Ego, so lautete das Urteil von LuxusZicke über ihn.

Aufgewachsen mit Hollywoodfilmen und Computerspielen war er davon ausgegangen, dass man auch in Berlin große Events veranstalten kann, bei denen die Massen in euphorische Begeisterung geraten, wetten, johlen und Gesänge anstimmen. Doch das gelang nicht. Selbst die großen Sportvereine schafften das nur ansatzweise. Berlin ist speziell. Die Berliner geben sich kaum hin. Es sind in der Regel die Auswärtigen, die ausflippen und randalieren. Uncool. Das hatte LuxusZicke sofort begriffen. Aber sie hatte es Bernhard nicht verständlich machen können. Er war zu sehr von sich und seiner Bedeutung gefesselt. Deswegen hatte sie ihn entmachten müssen. Mehr oder weniger realistisch hatte er eingesehen, dass er keine Wahl hatte. Die Stimmung, die Events mussten getürkt werden, hatte sie gesagt. Gegen ihre Wortwahl hatte er kurz Einspruch erheben wollen, sich aber eines Besseren besonnen. Es war klüger, ihr die kleinen Rassistenwitze gegen die Türken nicht zu vermiesen.

LuxusZicke hatte ihn gerettet. Und er war nicht undankbar. Aber er war auch nicht glücklich. Er hasste es, von Frauen abhängig zu sein. Besonders von dieser. Und er suchte Wege, wie er seine Unabhängigkeit wiedererlangen konnte. Nicht ganz einfach. Denn LuxusZicke hatte ein starkes Radarsystem, und sie hatte die Schnauze voll von Bernard. Okay. Seine Seitensprünge, sein Drogen- und Alkoholkonsum und sein dummer, lächerlicher Ehrgeiz … damit kam sie klar. Denn LuxusZicke war kein Waschlappen. Was sie aber nicht länger aushalten wollte, waren seine leeren Drohungen und sein Geschrei. Sie hasste es, wenn er rumbrüllte und die Fassung verlor. Er sah so schwach und hässlich aus, wenn er mit offenem Maul und weit aufgerissenen Augen im Raum stand und sich über etwas aufregte. Irgendwas. Vollkommen egal. Und darüber führte sie eine Strichliste.

Sie liebte ihn. Aber es stand auf der Kippe. Schon länger. Denn das Wort von der Kippe führt in die Irre. Es ist einer der stabilsten Umstände, die es gibt, wenn etwas auf der Kippe steht. Denn von allen Seiten kommt Unterstützung und keiner traut sich, eine Bewegung zu machen. Gefährlicher ist das, was danach kommt. Das wusste sie.

Deswegen hatte sie wieder einmal eigenes Geld in die Hand genommen und die Events aufgemotzt. Bernhard brauchte ihren Input an Geschmack. Dringend. Das war ihr so klar, dass sie nicht einmal darüber reden musste. Schon gar nicht mit Bernhard. Auch er ahnte seine Abhängigkeit. Das musste man ihm anrechnen.

Ihre Familie stammte aus Somalia. Ostafrika, das Tor zur Hölle, aus dem heraus sich seit Jahrzehnten Flüchtlingsströme ergießen. Nach Norden in erster Linie. Die Menschen, zerteilt in zu viele Stämme und Fraktionen, wollen einfach nur raus. Wer es schafft, kann es draußen weit bringen. Denn wir sind gut aussehende, edle Menschen, sagte LuxusZicke immer. Groß, schlank und mit feinen, trockenen Gesichtern. Wir stammen direkt aus der Bibel. Das war das Credo ihrer Familie.

Sie mochte die echten Schwarzafrikaner mit ihren breiten Nasen nicht, die kleinwüchsigen Asiaten mit ihren dünnen Armen, und auch nur wenige Weiße fanden vor ihr Gnade, vorausgesetzt sie waren nicht fett, rotgesichtig und glatzköpfig. Mit Berlin hatte sie sich bei ihren Idealen nicht gerade die ideale Stadt ausgesucht. Es ist keine Stadt der schönen Menschen.

Im Sommer ist es immerhin ein bisschen anders. Da hast du Touristen aus aller Welt, und die verdünnen das Problem ein wenig, das Berlin immer hatte. Nämlich: Den Berliner Scheißegalismus. Es ist egal, wie etwas aussieht, Ästhetik zählt nicht und Erfolg macht dich eher suspekt. Die Stadt der kreativen Versager kennt keine Gnade mit den Erfolgreichen und den Schönen. LuxusZicke wehrte sich gegen die Kultur der Stadt und achtete penibel auf ihr Aussehen. Sie war fast immer perfekt gestylt. Eine soziale Waffe im Umgang mit dem Kroppzeug, den Proleten, dem white trash. Dazu zählte sie Türken, Jugoslawen, Russen und all die anderen verfetteten Bleichgesichter.

Geschmack und Feinheit sind angeboren. Da kannst du wenig machen. Davon war sie überzeugt. Und wenn du das nicht hast, musst du dich mit jemandem verbünden, der es hat. Das war ihre Nische, und sie hatte sie bei Bernhard schnell und gut ausgefüllt. Sein türkischer Hintergrund passte gut in ihr Schema der Vorlieben. Und um das aufzupolieren, hatte sie ihm dabei geholfen, ein etwas deutscheres Image aufzubauen. Bernhard, nicht mehr Bülent. Das hatte zum Erfolg beigetragen. Raus aus dem Ghetto! Mehr Schick und Selbstbewusstsein. Nur so kann es klappen. Halte dich von dem Gesindel fern, den Migranten, die für immer Migrant bleiben wollen. Aber auch vom white trash, den es in Berlin im Überfluss gibt. Finger weg. Augen weg. Bernhard hatte sich ihrer Führungskraft gebeugt. Er spürte, wie es bergauf ging. LuxusZicke auf der anderen Seite wusste, wie sie ihn anpacken musste, um zum Ziel zu kommen. Und seitdem sie das rausgekriegt hatte, war er in ihrer Achtung massiv gesunken.

Zuerst hatte sie Gogo-Girls engagiert. Aus Table-Dance Bars. Die hatten nicht viel mehr zu tun, als auf die Events zu kommen und sich zu amüsieren. Dann hatte sie dafür gesorgt, dass es genügend Drogen und freie Getränke gab. Alkohol, in den sie Drogen mischte. Einfach hier und da ein paar zerstoßene Happy-Pills. Das war das Geheimrezept. Und vor allem hatte sie eine besondere Innovation eingeführt. Es gab echte Gewinner. Leute, die mit einer Menge Bargeld in der Hand nach Hause gingen. Dass die Rennen abgesprochen und dass die Gewinner keine Zufallsprodukte waren, störte sie viel weniger als Bernhard. Sie sorgte sich allein um das Ergebnis. Nämlich. Dass die Kasse stimmte, und dass es keinen Ärger mit den Vier Jahreszeiten, Azem oder dem Faschisten gab. Das hatte selbst Bernhard eingesehen. Aus Not. Denn ohne LuxusZicke wäre er längst beide Ohren losgeworden. Die Signatur-Strafe der Vier Jahreszeiten. Sie schnitten dir ein Ohr ab, oder machten Löcher rein. Je nach Stimmung. Ohren sind ein emotionales Thema. Für Täter und Opfer gleichermaßen.

Ohne LuxusZicke wäre Bernhard nie an die Partyleute gekommen, die nun das Rückgrat seiner Events bildeten. Und obwohl er, genau wie die Gäste auch, genau wusste, dass alles nur eine Show war, glaubte er sich selbst trotzdem jedes Mal von Neuem wieder. Er ließ sich bejubeln und genoss seinen Erfolg. Sie beobachtete ihn dabei ganz genau mit ihrem reglosen, schönen Gesicht.

Bernhard

Er war ein Säufer und man sah es ihm an. Ringe unter den Augen, zerstörte Schleimhäute und Tatterfinger. Die Augäpfel gerötet und kleine Adern in der Nase. Er schwitzte viel und litt an Schlaflosigkeit. Aber vor allem: Er war extrem leicht reizbar.

Seine Sucht nach Alkohol hatte ihn viele Jahre lang nicht weiter beunruhigt. Freundinnen und Frauen, die sich daran gestört hatten, mussten gehen. Raus! Aber LuxusZicke war anders. Keine Frage, sie hatte immer ein Auge darauf, was er sich grade gab, und sie war der Ansicht, dass es zu viel war. Aber sie tolerierte die Sucht. Es gibt ja so viele Arten von Sucht. Bernhards Sucht-Variante war indessen eine der gefährlichsten. Anders als Quartalssäufer oder Komasäufer sind Spiegeltrinker ständig unter dem Einfluss ihrer Droge. Wodka. Whiskey. Harte Sachen. Kein Bier mehr und kein Wein. Zu schwach. Denn Bernhard brauchte den Kick, um zu funktionieren, sagte er. Er sagte es auch, wenn keiner fragte.

Alkohol ist die Droge der Männer, die Großes leisten wollen, es aber nicht hinkriegen. Aber bei ihm ist das anders. Das zumindest redete er sich ein. Keine Drogen, keine Medikamente, jedenfalls nicht normalerweise. Aber Schnaps. Das funktionierte, und wie viele Süchtige litt er deswegen unter einem schlechten Gewissen.

Klar, alle saufen, denn Alkohol ist überall zu haben, meistens sogar so gut wie gratis, je nachdem, wo man hinkommt. Je besser die Veranstaltung, desto wahrscheinlicher ist es, dass man umsonst an Alkohol kommt. Sehr schwer, da nicht mitzumachen.

Mittags fing er schon an. Ein Shot oder zwei zum Essen oder anstelle des Essens. Der Sprit wärmte ihn und befreite ihn. Tatsächlich aber war es so, dass er ohne den Stoff nicht frei war. Das ist ein Unterschied. Er übertrieb es selten. Nur etwa alle zwei Wochen. Da betrank er sich total. Die Folgen unterschätzt man leicht. Das Anzeichen war da: Er war ein Säufer. Oder ein Trinker. Denn. Das klingt besser als „Alkoholiker“.

Am schlimmsten war der Kater. Körperlich ging es. Man muss nur wissen, wie man damit umgeht. Wasser trinken. Leiden. Salziges Zeug essen und an die frische Luft gehen, um dort weiter zu leiden. Das muss man aushalten. Was Bernhard fertig machte, waren die Gedächtnislücken und die unscharfe Erinnerung oder Vermutung, irgendwas sehr Gefährliches getan zu haben. Wie etwa: Die Wahrheit sagen oder zu viel erzählen. Das kam vor. Tödlich. Gras wächst nicht über alles. Und wenn es wächst, ist es immer noch nur Gras.

Trotzdem konnten ihn diese Gedanken nicht von den Drinks fern halten. Immer wieder und wieder. Die leeren Flaschen in der Küche zeigten es ganz deutlich, und Bernhard hatte seiner Putzfrau gesagt, dass er leere Flaschen nicht sehen wollte. Auch nicht im Mülleimer. Immer gleich weg damit. Runter in den Müll. Das Problem war nur: Sie kam kaum hinterher. Die leeren Flaschen standen da und schauten Bernhard anklagend an.

Wenn er zu viel getrunken hatte, dann verbrachte er meistens den folgenden Tag brütend im Bett oder auf dem Sofa und tat sich leid. Es war an solchen Tagen, wenn er seine Rachepläne schmiedete und seine Gorillas los schickte, um unter den Läufern für Disziplin und Respekt zu sorgen.

Bingo

Er besaß ein winziges, aber cooles Tätowierstudio im Wedding, nicht weit vom Leopoldplatz, Prinz-Eugen-Straße. Es hieß Nadel Bingo und lag im Erdgeschoß. Der Leopoldplatz ist eine fast tropische Gegend mitten in Berlin; die Menschen dort kommen hauptsächlich aus dem Süden: Türkei, Libanon, viele Afrikaner. Und natürlich die Ureinwohner: Weiße in Trainingshosen, aber auch die sind am Leopoldplatz irgendwie mehr Südländer als die anderen Berliner. Sie sind dazu geworden, durch die Einflüsse der Neuen. So, wie Bingo mit seiner Familiengeschichte. Als kleiner weißer Junge von einem schwarzen Ehepaar adoptiert. Eine Flüchtlingsfamilie in Deutschland.

Nach dem Tod der Mutter hatten sich die Söhne vom Vater entfernt. Neue Frau und neues Leben in Jena. Ausgerechnet. Teen und Bingo waren in Berlin geblieben, jetzt sah man sich kaum noch.

Ab und zu rief Bingo an. Aber es war eine einseitige Sache. Der Vater meldete sich kaum je von selber. Er schämte sich. Teen insbesondere nahm es dem Vater übel, dass er erneut geheiratet hatte. Nicht so sehr die Tatsache der zweiten Ehe, sondern die Tatsache des Klischees eines gemischten Paares aus schwarz und weiß.

Der Vater hatte sich eine dicke, laute, blonde Frau genommen. Eine echte Deutsche mit hässlicher Brille und dickem Hintern. Das genaue Gegenteil der viel eleganteren, schlanken Mutter.

Gott hab sie selig.

Teen hatte sich nach ihrem Tod zurückgezogen. Sehr weit. Nach Taiwan. Und in sein Inneres.

Bingo sah es einfach nur als Schicksal. Er mochte seinen Familien-Hintergrund. Er machte ihn zu etwas Besonderem. Aber unter dem Zustand der Familie litt er dennoch. Wie sein Bruder hatte er sich einen Spitznamen zugelegt und verwendete kaum mehr seinen richtigen Namen. Kein Wunder. Markus Ato Ananse. Samstagskind. Das Horoskop verlangt einen Familienmenschen, jemanden, der anderen den Vortritt lässt und sich für sie einsetzt. Das jedenfalls hatte ihm seine Mutter so erzählt. Dann war der Brustkrebs gekommen. Dann der Tod. Das hatte den Vater zerbrochen.

Suff und Depression für fast sieben lange Jahre. Es war ein Glücksfall für die Jungs, dass sie einander hatten. Schwarz und weiß. Mittwoch und Samstag. Teen und Bingo – der Name kam von seinem Schlachtruf zu Schulzeiten. Seine Kumpels von damals, auch Teen, hatten ihn bald schon so gerufen. Und er hatte angefangen, darauf zu hören: Herr Ananse, Bingo, Markus Ato … Such dir was aus!

Der Leopoldplatz: Es roch hier anders; es klang anders – es war anders. Die Gegend kann hässlich und laut sein; sie hat eine besondere Luft. Das schmierige, dreckige Berlin auf dem Weg zum Flughafen Tegel. Alter Westen, der sich nie wirklich verändern kann. Er will auch nicht: Bockig. Rückständig. Hoffnungslos in den Neunziger Jahren steckengeblieben.

Nicht weit davon entfernt, ein paar U-Bahnstationen weiter im Süden, war Berlin Mitte. Ein komplett anderer Planet mit Touristen, Luxusgeschäften, Sehenswürdigkeiten und der bundesdeutschen Regierung. Aber hier am Leopoldplatz wussten die meisten Menschen auf der Straße nicht einmal, welche Partei gerade an der Macht war. Oder wofür eine Partei eigentlich gut war. Warum sollten sie auch? Ohne Pass, ohne Wahlrecht.

Bingos winziger Laden war nichts Besonderes, aber immerhin fast komplett finanziert. Das heißt, wenn man von den ganzen Schulden einmal absieht. Diesen Witz riss Bingo seit drei Jahren. So lange gab es die Schulden schon. Es ging nicht bergauf damit.

Er war zwar einerseits stolz auf seinen Laden, aber er hing nicht dran. Er hing sogar so wenig daran, dass er jederzeit Schluss machen und abhauen konnte. Aber er traute sich nicht, es seinem Mädchen zu sagen.

Bingo war nicht so bekannt wie die großen Tätowierer der Stadt, wo die Promis hingingen, und damit den Tätowierer selber zum Promi machten, wie Daniel Krause aus der Torstraße: Berliner Prominenz mit der Nadel. Aber auch Bingo hatte seine Fans. Das lag am Stil und an dem Ambiente. Es sah dreckig aus, war aber steril. Peinlich sauber. Das war das Konzept, das Bingo entwickelt hatte. Nein. Es hatte sich selbst entwickelt. Und er hatte einfach weitergemacht.

Hawk Cheyenne

Die Geräte selber waren Schmuckstücke. Viel braucht man nicht zum Tätowieren. Bingo verwendete die Hawk von Cheyenne. Ein kleines, handliches Gerät, rund hundert Gramm schwer, das zwischen fünfzig und hundertfünfzig Stich pro Sekunde liefern kann. Mit unglaublicher Präzision. Bingo liebte die Beweglichkeit der Nadel auf der Haut und die Vielfalt der Bewegungen, die sie erlaubte. Als Tätowierer in Berlin bist du beschäftigt. Auch, wenn du dich nicht mit Piercing, Branding und Folding und anderen Dingen befasst. Einfach nur das alte Nadelgeschäft. Es reicht für genug Umsatz. Nicht unbedingt Profit. Aber der Umsatz ist da. Deswegen bot Bingo weder Skull Carving noch Zähneschleifen oder sowas an. Es sei denn, er fühlte sich aus irgendeinem Grund dazu verpflichtet, einem ganz schrägen Wunsch nachzukommen. Dann suchte er die entsprechende Adresse heraus und gab eine Empfehlung ab. Er selber blieb sauber.

Der Grund dafür war einfach. Tätowieren ist auch sauber. Fast keine Risiken im Vergleich zu den anderen Eingriffen. Die Nadel perforiert die Haut. Von allem anderen riet er seinen Kunden ab. Mach es nicht! Die Regeln waren ganz simpel: Nimm steriles Gerät, Einwegnadeln, sauberes Studio. Dazu: Lass dich impfen. Handschuhe tragen und alte Tinte immer gleich weg gießen. Easy. Dann bleiben Infektionen und solche Dinge fern. Tendenziell.

Bei den Motiven war er weniger konservativ. Okay. Er liebte die Klassiker wie Motorsägen, Rosen und Totenköpfe. Aber wie jeder Künstler weiß, gefällt allein die Abwechslung auf Dauer. Und so hatte er sich ein weites Repertoire an exotischen Schriftarten zugelegt. Japanisch, Koreanisch, Arabisch, Hebräisch und Chinesisch. Ohne es lesen zu können oder sich besonders für die Bedeutung zu interessieren. Er stach am liebsten Zombiefressen, Monsterkrallen und ausgeschlagene Zähne. So was wurde zumeist für Oberarme verlangt. Niedliche Katzen kamen eher auf Schulterblätter oder Waden, aber nur, wenn es unbedingt sein musste und wenn die Kunden volljährig waren. Bingo wollte keinen Ärger. Deswegen fragte er lieber nach. Mindestens achtzehn Jahre alt, bewiesen mit einem gültigen Personalausweis. Alles andere schickte er heim. Bingo stand dazu, dass er in allen Punkten, die seinen Laden angingen, ziemlich spießig war – und es sein musste. Die Bücher, die Hygiene, die Kundenbetreuung, all das kannst du nicht in den Griff kriegen, wenn du nur kreativ und spontan bist. Das hatte er sich bald zu eigen gemacht und sich damit von den anderen Jungs entfernt.

Die Läufer. Sie hielten ihn inzwischen für einen von den reichen Leuten. Einer vom Establishment. Mit Einkommen und eigenem Geschäft. Ein Spießer.

Als Tätowierer erfährst du eine Menge Privates von den Leuten. Über Kinder, Partner und Haustiere zum Beispiel. Schildkröten, Hunde, Katzen und Vögel. Er urteilte nie, sondern hörte sich alle Geschichten erst geduldig an und schlug dann ein Motiv vor. Und beim Stechen hörte er wieder zu. Private Dinge. Intim, genau wie der Eingriff.

Wichtig sind zunächst nur Kunst und Handwerk; die Betrachter kommen viel später. Und daher war Bingos Motivkatalog mit der Zeit zu einem ziemlich dicken Konvolut angewachsen. Das war zum Blättern für die Kunden. Er selber verwendete individuelle Ausdrucke aus dem Netz oder eigene Designs aus seiner Datenbank.

Ganz unterschiedliche Leute kamen, um sich tätowieren zu lassen. Denn. Tätowierungen sind kein Indiz für Underground mehr. Schon lange nicht mehr. Rockstars und Politiker haben genauso blaue Kunst am Körper wie Sportler und Unternehmer. Inzwischen. Das Bild wandelt sich. Die Mehrheit waren ganz normale Leute. Dicke Muttis, die ihrem Liebesleben einen Kick geben wollen, Ehemänner, die ihrer Frau beweisen wollen, dass sie immer noch hart und gefährlich sind. Auch viele Polizisten und Soldaten, vor allem Wehrpflichtige lassen sich stechen. Das war die Marktlücke, die Bingo erkannt hatte. Vom Leopoldplatz aus ist die Bundeswehrkaserne nicht weit. Julius Leber am Kurt-Schumacher-Damm. An den Bushaltestellen dort hatte er seine Zettel ausgelegt, und die jungen Männer waren gekommen fast immer in Gruppen. Werbung kann so einfach sein.

Handgranaten oder Dolche waren beliebt. Namen von Einheiten und Waffengattungen, aber vor allem, uniformtaugliche Tätowierungen wurden verlangt. Solche, die man nicht sieht, wenn du Uniform trägst. Nicht am Hals. Nicht am Handgelenk oder Unterarm. Meistens Oberarm oder Brust und Rücken. Männer wie Frauen. Es macht kaum einen Unterschied. Ab und zu kamen auch Leute, die ihre Kinder oder Haustiere tätowieren lassen wollten. Bingo schickte sie alle heim. Jedes Mal.

Wedding.

Manche Leute brachten eigene Entwürfe mit. Nicht unbedingt, um Geld zu sparen. Sondern wegen einer Mode. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Moden ändern. Tribals waren schon out, bevor sie die Masse überhaupt erreichten. Kleine Motive wechseln sich ab. Botanisch, mechanisch und dann geometrisch. Virale Moden, die sich durch unterschiedliche Gruppen schlängeln, die sonst kaum etwas voneinander wissen. Dort bei Bingo trafen sie sich.

Doreen

Sein Mädchen kam lachend aus der Küche und brachte zwei übergroße Tassen mit Kaffee. Bingo nahm ihr eine ab, küsste ihr auf den Mund und fasste ihr an die Hüften. Sie machte ihre Lippen dick und zwinkerte ihm zu. Damit traf sie ihm voll in die Hormone. Der Kaffee war zu heiß. Er stellte die Tasse ab. Bingo schaute das Mädchen an. Er konnte ihre Anwesenheit am ganzen Körper spüren. Sie lachte. Er griff ihr an die Jeans.

„Haha, wie geil, ick flipp aus, det hat ja voll jeklappt!“

Er griff ihr wieder an die Hüften, perfekt, fest und rund.

„Wat? Biste schon fertich?“

Sie lachte ihn an:

„Was fehlt denn noch?“

„Na dit hier, Süße!“

„Whow, das schreib ich gleich in mein Blog! Bis ins Detail!“

„Wehe!“

Sie lachten. Er zählte das Geld ab, das sie beim Rennen gewonnen hatte und legte es auf den Ladentisch. Nicht viel. Dabei sah er seine Pflaster und eine Bandage an seinen Unterarmen. Er zog seine Ärmel nach unten, doch es hatte keinen Sinn. Sie rutschten wieder hoch. Man kann Verletzungen nicht verbergen. Der Mensch ist genetisch darauf programmiert, bei sich selbst und anderen nach Verletzungen zu suchen. Selbsterhaltung. Er lächelte das Mädchen an.

„Jut jemacht, Doreen!“

Beide wussten sie ganz genau, dass sie nicht annähernd genug Geld auf dem Tisch hatten. Schon gar nicht für irgendeinen Neuanfang. Es war lächerlich. Aber sie lachten nicht deswegen. Lachen hat fast immer mit einem Triumph zu tun. Dem eigenen oder einem, dessen Zeuge man wird.

„Ich wusste, dass du gewinnen kannst!“

„Na klar! Wusst ick och!“

„Haben wir alles?“

Sie wollte noch etwas sagen, aber tat es nicht. Sie hatte auch keine Gelegenheit dazu. Bingo schnappte sie und hob sie hoch.

„Ich dachte, wir müssen uns beeilen?“

„Müssn wa och! Dreh dich um!“

Sie lachten und klammerten sich aneinander. Sie küssten sich überall und fuhren sich durch die Haare. Bingo packte sie an den Hüften und zog ihr die Hose runter. Das war schwierig. Enge Jeans auf nass geschwitzter Haut. Sie half und drehte sich und zog ihre schlanken Beine aus der Hose. Er hob sie auf den Tisch und spreizte ihre Beine. Aber sie schob ihn erst davon, rutschte auf den Boden zurück. Sie drehte ihm dann den Rücken zu und drückte das Kreuz durch. Bingo fummelte sich den Hosenladen auf. Knöpfe sind besser als Reißverschlüsse. Genau aus dem Grund. Seine Hose fiel runter. Nichts drunter. Er stand aufrecht und hart direkt hinter ihr. Mit der flachen Hand klatschte er ihr voll auf den nackten Hintern. Links und rechts. Sie wurde rot. Auch im Gesicht, aber das konnte er nicht sehen.

Klatsch.

Ein herrliches Geräusch auf der glatten Haut. Sie lachte erregt auf und stellte ihre Beine stabil und breit auseinander. Dann hielt sie sich vorne am Tisch fest, drehte ihm das Gesicht halb zu und feuerte ihn an: „Rein mit dir!“

Er kam rein – Teen. Genau in dem Augenblick. Teen stand in der Tür und schaute fassungslos auf Doreen und Bingo. Bruder und Exfreundin. Alle drei erschraken. Bingo und Doreen fummelten sich so schnell sie konnten in ihre Kleider zurück.

Teen

Er warf seine schäbige Reisetasche auf den Boden des Tätowierstudios. So, als käme er eben mal vom Training zurück und nicht von einer Reise um die halbe Welt. Er fasste sich – eines seiner Talente.

„Alles klar?“

Die universelle Frage, die keine Antwort braucht, der Beginn von Gesprächen, wie auch immer unerfreulich sie sein mögen. Eine Frage der Nähe und des Vertrauens. Teen war schockiert von dem Anblick. Sein Bruder und seine Ex. In dieser Position. Tagsüber. Noch nicht mal im Bett, sondern einfach so mitten im Laden, wo jederzeit jemand reinkommen könnte. Was heißt könnte? Er war ja grade reingekommen. Teen schaute weg. Betreten. Das Mädchen verschwand in der Küche. Kein Blick. Oder doch, natürlich hatte sie geschaut. Teen ärgerte sich kurz, aber er schluckte das Gefühl runter. Dann war Bingo wieder richtig angezogen. Er kam auf Teen zu und breitete die Arme aus.

Teen wehrte ab. Er wollte nicht von den Händen berührt werden, die grade das Mädchen von hinten umfasst hatten. Doch Bingo kam näher. Teen ekelte sich. Aber er überwand das Gefühl. Er hoffte nur, dass er nicht die Erektion seines Bruders spüren würde. Oh Gott! Aber Bingo passte auf. Ihre Hosen hielten Sicherheitsabstand ein.

Sie klopften einander auf den Rücken und hielten einander für eine kurze Weile fest. Eine Umarmung unter Männern. Wie für alles andere, gibt es auch für Umarmungen Regeln. Wer lässt zuerst los? Das sagt etwas über die Beziehung aus. Wer fasst wen an? Die Arme? Ja! Die Schultern? Sicher! Aber den Kopf? Nein! Besser nicht.

Teen fasste seinem Bruder ans Genick und tätschelte ihn. Bingo zog sich zurück. Bingo hasste diesen Griff. Ein Großer-Bruder-Griff. Aber dann umarmte er seinen Bruder noch mal. Bingo packte ihn fest und hob ihn vom Boden. Damit stand es unentschieden. Jede Begrüßung ist immer auch ein Duell, ein kurzes, lebenslanges Duell. Sie fixierten sich mit lächelnden Augen. Die Freude war echt. Tief und echt. Brüder!

„Scheiße, wann biste'nn anjekomm? Bisde heute anjekomm oda wat? Ick gloob ick spinne, Alta.“

„Liest du deine Mails nicht oder was?“

Sie lachten beide.

„Also, ick war echt voll beschäfdicht, Alta, un da ha'ick det wohl vajessn …“

„Schon gut, ich kenn ja den Weg.“

Teen lachte heiser. Bingo schlug ihm auf die Schulter. Dabei tat ihm seine frische Zahnlücke weh.

„Hehe, ja ebnt! Wie wah denn dein Flug?“

Teen sah das Durcheinander. Die Tasche, die Aufbruchsstimmung.

„Was ist denn hier los?“

„Na, ick wollte eenfach ma raus, weeßte?“

Teen sah die Verletzungen an den Unterarmen seines Bruders. Bingo grinste und versuchte, den Ärmel weiter runterzuziehen. Es gelang wieder nicht so recht. Ihre Augen trafen sich.

Bingo

Bingo konnte spüren, wie er in nur ein paar Sekunden wieder zum kleinen Bruder wurde, zum Kind. Kaum kommt der große Bruder rein, macht er dich wieder zum Erstklässler und schnauzt dich an. Teen konnte das Gleiche fühlen. Dabei wollte er diese Rolle nicht. Überhaupt nicht. Aber keiner von beiden konnte sich dagegen wehren. Es passiert einfach mit dir. Und mit einem Adoptivbruder ist es sogar noch schlimmer. Das Band ist stark. Es geht um mehr als um Verwandtschaft. Wenn das überhaupt möglich ist. Teen schaute seinem Bruder voll in die Augen.

„Und warum? Darum? Immer noch?“

Teen schob Bingos Ärmel hoch. Prellungen überall.

„Nee, det is vom … Also jut: Nee ick meine: Ja, ümma noch!“

„Du hast geschworen, dass du aufhörst!“

„Na, will ick ja. Grade dabei, vaschdehste? Alta, pass uff, det is so …“

Das war nicht das Wiedersehen, das sich Teen vorgestellt hatte. Es war aber ziemlich genau das Wiedersehen, das er erwartet hatte. Deswegen war er ja von Taiwan nach Berlin gekommen.

So war Bingo immer gewesen. Auch damals schon, als er sich noch nicht so nannte. Bingo. Passte zu Berlin. Passte zu Teens kleinem Bruder. Passte zu seiner Fresse. Bingo setzte sich. Das Mädchen kam aus der Küche zurück. Sie trug jetzt ein Sommerkleid und hatte einen Rucksack dabei. Schwer und voll. Der Geruch hing noch voll in der Luft. Sperma und Saft. Mann, Frau und Schweiß. Teen hasste das. Es machte ihn aggressiv.

„Willkommen daheim!“

Das Mädchen gab Teen ein Küsschen auf die Wange. Nur auf die Wange, und das genügte auch schon. Ein klares Signal über die Reichweite einer versunkenen Liebe. Bis an die Wange. Nicht weiter und schon gar nicht tiefer.

Was willst du da noch sagen? Wenn eine Frau den Raum betritt, ändern sich Gesprächsthemen der Männer automatisch. In die eine oder in die andere Richtung. Vor allem, wenn die Frau kurz davor noch mit breiten Beinen über dem Küchentisch hing.

Bingo griff Teen an den Ellenbogen.

„Unt? Hastes jekriegt?“

Teen lächelte.

„Ja, ich hab's gekriegt.“

„Echt? Erzähl doch ma! Bisde jetz Großmeista oda wat? Mit Diplom un so? Is ja geil!“

Teen machte seine Tasche auf und holte ein gerolltes Papier hervor. Er öffnete es und lange Reihen von chinesischen Schriftzeichen fielen mit dem Papier hinab. Bingo verstand kein Wort. Er schaute sich die Zeichen konzentriert an.

„Det is det Dink?“

„Ja!“

Bingo grinste: „Wat nur eene Seite?“

„Sehr witzig …“

„Hehehehe …“

Teens Pupillen weiteten sich. Er registrierte, wie sich seine Haut im Genick zusammenzog und sein Puls in den Ohren zunahm. Teen kontrollierte seinen Herzschlag nach unten und atmete aus. Er öffnete seine Arme und strahlte sie an. Bewusst.

Er war von Berlin weg gegangen, um Martial Arts zu lernen. Er hatte seinen Bruder und das Mädchen zurückgelassen. Und den Vater. Sie hatte lange gewartet und war jetzt mit seinem Bruder zusammen. Teen konnte das sogar verstehen. Er lächelte die beiden an.

Bingo plapperte drauflos:

„Erzähl dochma! Wie warsnso in Thailand? Is det och so warm wie hier, oda sindet nich die Tropen un so?“

„Taiwan, Bruderherz; ich war in Taiwan.“

Kein Fortschritt!

„Meen ick doch!“

Doreen schaute Teen an: „Das ist genauso weit weg.“

„Naja, sozusagen …“

„Zeich doch nochma dein Zertifikat da, Alta!“

„Hier!“

„Hamma! Also det is ja jetze hier … allet Chinesisch? Kenn ick! Sehr jut! Da kann ick wat mit anfang. Ürndwie estetisch, wa?“

Doreen zeigte auf ihren Rucksack.

„Du, wir müssen uns beeilen. Hilfst du mir tragen?“

„Ja klar!“

Bingo hielt sie zurück: „Doreen?“

Er wurde ernst und schaute sie an.

„Hm?“

„Nimm det lieba mit! Für alle Fälle!“

Er reichte ihr eine kleine Dose mit Reizgas. Sie prüfte fachmännisch das Siegel mit dem Datum, nickte und steckte sich die Dose ein. Eine böse Waffe, die sich in deine Hand einschmeichelt, so dass du sie kaum anders als richtig anfassen kannst, bevor du sie einsetzt. Deine Hand verliebt sich in die Waffe. Das erleichtert den Einsatz ungemein.

Teen

Er schulterte den Rucksack und ging Doreen hinterher auf die Straße. Sie liefen erst stumm nebeneinander her. Der Verkehrslärm wurde noch lauter. Er kämpfte noch mit seinen Gefühlen; Doreen hatte ihre schon besiegt. Sie holte tief Luft: „Also?“

„Wie also?“

„Ich wollte es dir persönlich sagen …“

„Ist nicht nötig, Doreen, ich seh was ich seh. Alles gut.“

Sie liefen an einem schwarzen Lieferwagen mit extrem getönten Scheiben vorbei. Ein tiefer gelegtes, fieses Ding mit Goldfelgen.

Doreen schaute stur geradeaus und sagte nur ein Wort. Ja.

„Wie lange läuft das schon?“

„Hm?“

Teen hob die Augenbrauen: „Das ist mein Bruder, Doreen. Du schreibst tausend Mails, aber das Wichtigste lässt du weg. Toll!“

„Ich hab dir genau vier Mails geschrieben.“

„Und was stand da drin? Erinner dich bitte mal!“

„Nimmst du mich jetzt wieder ins Verhör, oder was?“

„Nein, ich will nur wissen, warum meine Exfreundin mit meinem Bruder …“

„Eben. Exfreundin. Betonung auf Ex.“

„Du weißt ganz genau, warum ich weg gegangen bin.“

„Achja?“

„Das hatte nichts mit dir zu tun.“

Sie schaute ihm voll ins Gesicht.

„Genau. Nie hat irgendwas mit mir zu tun gehabt. Das ist es ja grade. Immer nur dein Karma, dein Ego, deine brotl… deine Kunst.“

Sie sah ärgerlich aus; er fand sie schon fast hässlich. Beinahe hätte Sie Scheißkunst gesagt. Die langen Haare, rotblond, ungepflegt und schlecht geschnitten. Das Gesicht grobschlächtig und schlecht gelaunt. Eine deutsche Frau. Kein Vergleich mit den Frauen in Taiwan. Teen verbot sich den Gedanken sofort. Er schaute auf den Boden.

„Das ist jetzt unfair, Doreen.“

Das Gespräch stockte. Sie schauten sich an. Braune Augen in graue Augen. Licht spiegelte in beiden. Sie fixierten die Pupillen aufeinander. Dann schaute sie weg.

„Tut mir leid.“

„Ist okay.“

Es war kein richtiger Streit. Die Argumente hatten sie tausendmal ausgetauscht und hin und her geschoben. Es ermüdete sie nur noch, aber sie machten dennoch weiter.

Doreen

Sie kamen zu Doreens Auto. Ein Fiat – kleines Elend aus gelbem Blech mit Angst vor dem TÜV. Es stand an der Schererstraße, Ecke Reinickendorfer. Die Luft flimmerte über dem Asphalt.

„Er braucht dich, Teen. Hast ihn ja gesehen, er steckt bis zum Hals in Schwierigkeiten.“

Teen musste lachen.

Er braucht mich?“

„Ja, er!“

„Hat er das so gesagt?“

„Nee, ich", sagte Doreen.

„Gut, wie du willst.“

„Hilf mir, ihn da rauszuholen!“

„Du weißt, er hasst es, wenn man ihm helfen will.“

Sie mussten beide kurz lachen. Es war die Wahrheit. Und auf unverhofft geäußerte Wahrheiten reagiert man mit Lachen. Was soll man auch sonst tun.

„Komm her!“

Doreen umarmte ihn und legte ihren Kopf an seine Schulter. Es war keine harmonische Bewegung, trotz aller Mühe. Sie beendete die Umarmung als erste. Es gibt Menschen, die man einfach nicht harmonisch umarmen kann. Man sollte es sein lassen.

„Ich hab deinen Blog gelesen …", sagte er.

Sie schaute ihn dankbar an, sagte aber nichts dazu. Sie wusste, dass er auch so verstand. Distanz war da. Greifbar. Sie sagte: „Er hört nicht auf mich … Du musst ihm helfen. Er reitet sich immer tiefer rein. Wir wollten paar Tage weg, bis Gras über die Sache gewachsen ist, aber dann hat er …“

„Was ist passiert?“

„Er hat die Absprache mit Bernhard gebrochen, und ich hab auf ihn gesetzt.“

„Hat er gewonnen?", fragte Teen.

„Ja, aber jetzt kriegt er genau deswegen Ärger.“

„Daran erkennt man Helden.“

Der Rucksack flog in den Kofferraum. Sie wollte den Deckel schließen. Dabei sah er ihr Handgelenk. Tätowiert. Sie hat es doch getan. Teen hatte es ihr immer verboten. Aber jetzt. Was sollte er tun oder sagen? Nichts. Sie hatte den Blick bemerkt. Sie drehte ihr Handgelenk weg und schaute Teen ins Gesicht.

„Ich will aber kein' Held.“

„Ok“

„Und?“

„Was?“

„Hilfst du mir?“

„Ich komme extra aus Taiwan zurück, und du fragst noch? Er ist mein Bruder, Doreen!“

„Danke Dir! Soll ich dich zurückfahren?“

„Nee, alles gut.“

Sie griff seine Hand und drückte sie innig. Für eine Sekunde umarmten sich ihre Gemüter und verziehen einander. Sie stieg in ihr Auto und schloss die Augen. Aber die wirkliche Aufarbeitung war damit noch nicht erfolgt. Das wusste er. Es würde noch viele Gespräche dauern. Doreen brauchte Worte und Zeit. Und von beidem viel.

„Besuchst du jetzt deinen Meister Ling?“

„Master Lee, ja, hab ich vor …“

„Aha …“

Dinge, die man sich zum Abschied sagt. Falsches Erinnern, das nichts bedeuten muss, aber immer eine Wertung ist. Teen fühlte die Energie aus sich heraus fließen. Doreen tat ihm nicht gut. Nicht mehr, oder vielleicht hatte sie ihm auch nie gut getan. Er ihr auch nicht. Es war besser so. Bingo schien mit ihr klar zu kommen.

Er machte sich auf und ging zurück ins Studio, langsam und mit hängenden Schultern, ohne sich umzudrehen. Sie schaute in den Rückspiegel, ihm hinterher, wie er sich aufrichtete. Alexander-Technik. Immer noch die gleiche Show. Er hatte damals versucht, sie auch zur Alexander-Technik zu bringen. Aber sie hatte nie mit gemacht. Überhaupt hatte sie kaum je mitgemacht oder auch nur zugeschaut, bei seinen Aktionen, Turnieren, Schautraining und dergleichen. Damit hatte sie ihn verletzt. Absichtlich? Vielleicht, wie sie sich inzwischen eingestand.

Bedauerte sie die Vergangenheit? Ja klar! Jeder, der behauptet, nichts in seinem Leben zu bedauern, gesteht im Grunde nur ein, dass er nicht lernfähig ist, oder dass er nichts erlebt hat. Doreen bedauerte sogar eine ganze Menge. Ihre Beziehung zu Bingo gehörte allerdings nicht dazu. Sie wusste, dass sie ihm helfen konnte. Dass sie es war, die ihm zu einem ordentlichen Leben verhelfen könnte. Teen? Sie mochte ihn. Sehr. Aber nur wie einen Bruder, redete sie sich ein. Nicht als Mann. Nicht mehr als Mann, auch, wenn sie seine Anwesenheit körperlich wahrnehmen konnte wie eine Flamme. Aber die Liebe zu ihm war tot. Dafür hatte sie viele Gründe gesammelt, Listen gemacht und hin und her abgewogen. Doch am Ende war nur dabei herausgekommen, dass sie ihn nicht mehr lieben wollte. Ganz einfach und ganz furchtbar kompliziert zugleich. Liebe ist immer auch ein Entschluss.

Deswegen war sie ihm auch nicht nach Taiwan gefolgt. Sie war geblieben und hatte es zugelassen, dass er sie verließ. War das unfair? Teen hätte sie nie und nimmer als Begleitung in Taiwan akzeptieren können. Sein Aufenthalt dort hatte nichts mit ihr zu tun. Jedenfalls hatte er das immer gesagt.

Dort, wo er war, gab es keinen Platz für Freundinnen oder – lächerlicher Gedanke – Ehefrauen. Es war ihm nur um seine Fähigkeiten gegangen, um die Kampfkunst, um die Meditation und die Erleuchtung. Die Erleuchtung!

Scheiß drauf!

Doreen erinnerte sich an das bittere Gefühl, das ihr die Diskussionen mit Teen hinterlassen hatten. Viele lange Reden und Emails mit fünf Ausrufezeichen hinter jedem Satz. Teen konnte diskutieren, bis ihr schwindlig wurde. Nicht, dass alles, was er sagte, Sinn gemacht hätte, aber es waren einfach zu viele Wörter. Dauerbeschuss ohne Humor. Das macht mürbe, und am Ende kam dabei raus, dass er gehen würde. Er hatte behauptet, sie zu lieben, dennoch war er gegangen. Widersprüche vereinen und etwas anderes machen, das war seine Spezialität. Immer pleite, immer am Anfang, etwas aufzubauen, niemals den Mut, etwas abzuschließen. Das hatte sie ihm vorgeworfen. Da hatte er geschwiegen. Ende.

Sie lachte kurz auf. Jetzt war er wieder in Berlin. Nichts hatte sich verändert. Er hatte immer noch dieselbe Tasche, dieselben Kleider, die gleiche Frisur. Alles war noch so wie zuvor. Die Abwesenheit von Wandel nennt man Hoffnungslosigkeit.

Aber hier in Berlin hatte sich was getan. Doreen hatte sich entfernt. Bingo hatte sich Bernhard ausgeliefert, lebte zwar seine Leidenschaft, aber gefährdete sein Leben. Jeden Tag. Der Kick, oder der Treibstoff, war alles, was ihn interessiert hatte. Doch dann hatte es zwischen ihnen gefunkt. Sie wollte ihm helfen. Sie wehrte sich gegen den Gedanken, dass sie Bingo erziehen oder verändern wollte. Darum ging es nicht! Sie wollte ihm nur helfen und eine Heimat für sich finden.

Doreens Schwierigkeit bestand darin, dass Bingo einfach noch nicht weit genug war. So bewertete sie die Situation. Seine Vorstellungen und seine Haltung versprachen viel Gutes, aber der letzte Schliff fehlte. Doreen war klar, dass sie das in die Hand nehmen musste. Ein Mann ist immer formbar, wenn schon nicht innerlich, denn da gibt es wenig zu formen, so doch äußerlich. Und das ist schon mal die Hälfte des Lebens. Hygiene, Kleider, Disziplin und Gewicht des Manns – das sind die Felder, die eine Frau ständig beackern muss, damit die Beziehung funktioniert, dachte Doreen.

Deswegen hatte sie der Abschied Teens so beschäftigt. Er hatte sich nicht formen lassen; er war einfach gegangen. Wie ein richtiger Mann. Aber gerade deswegen nicht für eine Beziehung geeignet. Man kann nur verlieren, dachte Doreen.

Warum konnte sie sich nicht in einen normalen Mann verlieben? Einen Typ mit Brille und einem richtigen Job und Aussicht auf eine schöne Pension irgendwann in der Zukunft? Ein Haus, Platz für zwei Kinder … Warum die beiden Brüder? Erst der eine, dann der andere? Kitsch!

Doreen musste nicht lange nach einer Antwort suchen. Sie kannte sie schon. Ganz einfach: Normale Männer brauchen keine Doreen, die sie rettet.

Willst du der Welt das schenken, was niemand haben will? Willst du das haben, was dir keiner geben mag? Zeit für Veränderung. Oder Wahnsinn. Auch für den Wahnsinn kann man sich entscheiden. Ganz bewusst sogar. Aber das zu tun ist eine Kunst. Doreen fand sich in einer Spirale von Gedanken wieder, die sie schon tausendmal durchlaufen hatte. Sinnlos! Immer im Kreis, immer enger.

Hör auf!

Aber wenn es nicht funktioniert, dann bleibt doch die Frage: Warum funktioniert es nicht? Funktioniert es nicht, weil es gar nicht funktionieren kann, oder aber vielleicht nur, weil du es nicht oft genug versucht hast? Noch ein Versuch und dann klappt es vielleicht! Wenn du jetzt aufgibst, wirst du es nie wissen, ob es an diesem einen Versuch lag oder nicht. Nur der Irrtum gibt Gewissheit. Kann es gar nicht klappen?

Die Antwort auf ihre Frage entzog sich ihr um eine weitere Windung der Spirale. Hinterher! Es gibt eine Lösung! Ganz bestimmt.

Hör endlich auf!

Sie wollte den Zündschlüssel drehen, da klopfte es an die Scheibe. Sie erschrak. Zwei Männer standen vor dem Wagen und hielten einen Ausweis gegen das Glas. Sie kurbelte die Scheibe runter. Hitze entwich. Ihr Wagen hatte keine Klimaanlage.

„Ja, bitte?“

Doch sie bekam keine Antwort. Jedenfalls keine mit Worten. Eine Hand schoss ins Wageninnere und griff ihr brutal an die Kehle, so, dass sie ächzte. Sie zerrten sie aus dem Auto. Der Sprinter mit den Goldfelgen wartete schon.

Der JetVan Sprinter

Der Wagen gehörte nicht Bernhard. Er hätte sich so einen Luxus auch nicht leisten können. Aber er passte genau zu Bernhards Stil. Jedenfalls redete er sich das ein. Heizbare Ledersitze hinten, die wie eine Couchgarnitur aussahen, drehbar mit stufenloser Massagefunktion. W-Lan, Internetzugang, Satellitenradio und vier 32 Zoll LCD Schirme. Komplett schallgedämpft im Fahrgastraum, quasi ein Büro auf Rädern. Von außen sah das Fahrzeug nicht zu aufregend aus. Gediegen, aber nicht auffällig. Besser so, im Wedding.

Als Bernhard das Ding zum ersten Mal gesehen hatte, war ihm für eine Weile nichts Anderes eingefallen, als Pornos darin zu drehen. Ein naheliegender, aber lächerlicher Gedanke. Auch die Idee, den Van als Fluchtwagen oder Einsatzwagen zu verwenden, hatte er wieder verwerfen müssen. Aus logischen Gründen, die ihm aber nicht behagten.

Die Entführungen fanden deshalb meistens mit anderen Fahrzeugen statt. Unspektakuläres Zeug. Groß genug für drei oder vier Mann. Die Beute nimmt nicht viel Raum ein. Ein zusätzlicher Fahrgast. Ein guter Fluchtwagen ist aber dennoch geräumig. Immerhin sitzen da mehrere Männer voller Adrenalin drin. Mit Waffen und Angst. Auch die Läufer der Rennen wurden nicht mit dem Sprinter transportiert. Höchstens in Ausnahmen. Bernhard wusste, dass er die jungen Männer nicht zu sehr verwöhnen durfte. Oder beeindrucken. Alles, was aus dem Rahmen fiel, ging bei den Jungs nach hinten los. Sie waren ständig pleite und mochten das Gefühl nicht, wenn sie es mit Geld zu tun kriegten. In dieser Hinsicht waren sie echte Künstler im Sinn des uralten Vorurteils, dass Kampfkünstler die Armut brauchen. Das Klischee stimmte aber irgendwie doch. Ein Kampfkünstler braucht den Druck, um Existenzielles empfinden zu können, und das bringt ihn in Kontakt mit der Essenz des Daseins. Die Jungs hätten das als eine tiefere Wahrheit ihres Lebens akzeptiert. Jedenfalls noch.

Der Sprinter tat seinen Dienst bei anderen Gelegenheiten. Kleine Geschäftstreffen, bei denen die zukünftigen Kunden beeindruckt werden sollten. Kurze angeberische Spritztouren und demonstratives Parken. Bernhard hatte sich immer dagegen gewehrt, an Schutzgeldaktionen und an Überfällen teilzunehmen. Aber wer es in der Familie zu was bringen wollte, der musste auch durch die unangenehmen Teile der Schule.

Die Läufer indessen hielt er am Rand der Organisation. Sie gehörten nicht zur Familie. Aber sie hatten die Chance, eines Tages dorthinein aufgenommen zu werden. Wie jetzt Rocky. Der Faschist suchte sich die besten Talente aus und nahm sie mit. Zunächst zu Tests und Probeläufen. Damit konnten sie das Wettgeschäft mit der Zeit hinter sich lassen, das war das Ziel. Doch die neuen Aufgaben, die auf sie warteten, waren keineswegs ungefährlicher. Im Gegenteil. Dann ging es erst richtig los. Mit genau den Elementen, von denen sich Bernhard am liebsten fern hielt.

Bingo

Bei Bingo ging die Ladentür auf. Energisch. Fünf harte Kerle kamen rein. Bingo kannte sie gut. Yvo, Gutze, Maddi, Dack und Reger. Rocky betrat den Laden als sechster. Sie packten Bingo und drückten ihn gegen die Wand. Das war für ihn nicht besonders furchterregend. Schon tausendmal erlebt. Er hing wie eine Statue an der Wand. Als schmächtiger Typ lässt du das am besten einfach mit dir geschehen. Hier geht es nur ums Gewicht. Da konnte Bingo nicht mithalten. Deswegen hielt er still. Dann öffnete sich die Tür erneut und Bernhard kam herein, gefolgt von seinem blonden Gorilla. Bernhard liebte solche Auftritte über alles.

Rocky nahm die Hawk und machte sie startklar. Dann schoben sie Bingos Ärmel nach oben.

„Du hast gewonnen, Bingo, jetzt kriegst du deine Belohnung …“

Rocky kam mit zitternden Händen näher. Gespielt, um Bingo Angst zu machen. Aber Bingo behielt die Nerven. Das einzige, was du gegen Angst tun kannst, ist Witze reißen.

„He, Rocky!“

Rocky hob die Augenbrauen in Bingos Richtung.

„Aber nur eener!“

Rocky lachte heiser. Dann drehte sich Bernhard zu Bingo um und schaute ihm voll ins Gesicht. Er kam viel zu nah.

„Du Arschloch hältst dich wohl für superschlau, was?“

Sein Atem stank nach Suff.

„Wat icke? Quatsch! He, willsten Menthos?“

Bernhard ging zur Kasse und sah das Geld auf dem Tresen liegen. Er zog eine Pistole und legte sie neben die Scheine.

„Wo nur all die Umsätze herkommen? Du scheinst ne Menge Kunden zu haben, mein Guter. Ganz Berlin ist wohl schon tätowiert, was? Achnee, lass mich mal nachdenken, du hast ja ein Rennen gewonnen. Gratuliere! Gut gemacht!“

Bernhard war ein lausiger Schauspieler. Er nahm das Geld und die Pistole. Er zielte auf Bingo. Das linke Auge.

„Leg bitte det Dink wech, Berni!“

„Du hast dich nicht an die Regeln gehalten, du Penner. Jetzt muss ich dir wehtun!“

„Scheiß uff die Rejeln, Mann, ick hab det Renn klar jewonn!“

„Und du hast auch auf dich selbst gesetzt, das war unsportlich.“

„Wat hab ick?“

Rocky fing an, Bingo einen Stern auf den Unterarm zu tätowieren. Bingo wusste, dass er jetzt besser still halten sollte. Trotzdem gab es Pfusch. Bingo lachte. Rocky unterbrach seine Arbeit. Bingo würde sich einen größeren Stern darüber tätowieren. Man würde den Pfusch nicht sehen. Als Tätowierer kann man sich keinen Pfusch auf der eigenen Pelle leisten.

Bernhard lief schwadronierend umher.

„Wie gut, dass du gewonnen hast. Du brauchst nämlich bald einen neuen Monitor. Der hier ist ja leider schon etwas kaputt.“

Bernhard gab einem seiner Kerle einen Wink. Der nahm ein Messer und zog es quälend langsam über den Monitor des Rechners, der neben der Kasse stand. Toshiba.

„Hee, mach det nich, Mann! Scheiße, Berni, sag dem, der soll …“

Aber es war zu spät. Bernhard hatte seinem blonden Gorilla zugenickt.

„Ja, doch, er soll!“

Der Kerl nahm den Bildschirm hoch, hielt ihn an die Wand und nagelte ihn mit dem Messer dort fest. Wie ein Bild. Es saß. Der Kerl rückte den Rechner gerade, so dass er nicht schräg an der Wand hing. Er hatte Sinn für Ordnung.

Bernhard lächelte geübt fies. Dann nahm er einen großen Schluck aus seiner Evianflasche. Wasser tropfte ihm auf die Brust und mischte sich mit seinem Schweiß. Kühlung. Aaaah! Er machte ein langsam ausatmendes Geräusch. Obszöne Äußerung von Wohlsein, gelernt von schlechten Schauspielern aus der Fernsehwerbung. Einflüsse, gegen die man sich nur wehren kann, indem man einen Vollzeitjob draus macht. Bernhard seufzte auf.

„Aber ich will dir noch eine letzte Chance geben.“

Er lächelte noch fieser. Bingo kannte das Spiel. Auch er seufzte.

„Oh, nee!“

„Komm, immer höflich bleiben!“

„Scheiße, Alta!“

„Heute Abend gibt es noch ein Rennen, und ich suche noch einen Verlierer …“

„Denn kieck ma in Spiegel!“

„Sehr lustig! Schau mal!“

Bernhard nahm sein fettes Multimedia-Handy – etwas zu dick für die Gegenwart. Ein paar Jahre zu alt. Aber genau diese Größe machte es für ihn zu einem so wertvollen Gerät. Ein Symbol seines Unternehmens. Es war mehr als ein Telefon: eine Allzweckwaffe für das Informationszeitalter. Er klappte den Bildschirm auf. Kein iPhone.

Und was Bingo dort sah, brachte ihm die Atmung durcheinander. Er sah sich selbst. Die pixelig-graue Aufnahme einer Überwachungskamera zeigte eine Gruppe von Männern mit Waffen. Einer davon eindeutig mit Bingos Gesicht, denn die Männer trugen keine Masken. Dann zwei Blitze, Schüsse. Einer geht zu Boden. Bingo schaut in die Kamera und flieht. Etwa zehn Sekunden. Genug, um ein ganzes Leben zu zerstören.

„Die Bullen haben dich an den Eiern, du Klugscheißer!“

Bernhards Handy klingelte genau in dem Moment. Er zögerte und ging ran.

„Hallo?“

Der herrische Gesichtsausdruck schwand, und Bernhard der Angeber wurde zu Berni dem Kuscher.

Der Faschist

Auf der anderen Seite des Gesprächs stand der Faschist. Er war um die vierzig Jahre alt, körperlich eindrucksvoll und kultiviert. Sein slawisch wirkendes Gesicht war hart und zerfurcht. Zu viele Sorgen über zu viele Jahre, deswegen sah er gute zehn Jahre älter aus, als er tatsächlich war. Das Leben ist kurz, so sagte er oft, und er meinte das Leben seiner Mitarbeiter mehr als sein eigenes. Kein einziger Gegenstand in seiner Nähe war billig. Darauf legte er Wert. Auch aus dem gleichen Grund: Das Leben ist kurz.

Ein verängstigter Mann kniete mit dem Gesicht zur Wand im Eck. Der Faschist ignorierte ihn komplett. Ein Jemand im Anzug, Typ Steuerberater oder Jurist, mit ordentlicher Frisur und Brille, gebildet, langweilig und mit einem Fuß im Sarg – bestenfalls. Denn viele andere Bestrafte vor ihm hatten nicht mal einen Sarg bekommen, sondern nur ein Loch irgendwo in der Prignitz. Dazu ein wenig Calciumoxid, um das Gewebe loszuwerden. Besser, wenn man nicht sofort erkennt, wer da im Graben liegt. Auch die Zähne müssen raus. Einschlagen reicht. Es verhindert zwar keine Identifikation, aber man kann den Prozess verzögern. Erheblich. Das wussten sie alle in dem Raum. Vor allem der Mann im Eck. Es roch schon fast nach Calciumoxid.

Seit fast einer halben Stunde war er auf den Knien. Das tat weh. Die Knie würden nicht mehr viel länger mitmachen. Aber der Mann wusste, dass er unter keinen Umständen umfallen durfte, wenn er seine Knie behalten wollte. Ein Wolfshund stand neben ihm und ließ ihn nicht aus den Augen. Der Mann konnte den Atem des Hundes riechen. Es roch nach Verwesung und Hundefutter. So empfand das der Mann. Schleimiger Speichel troff ihm in den Nacken. Der Hund bewegte sich kaum. Für ihn roch der kniende Mann nach Angst … Das interessierte den Hund. Er kam näher.

Der Faschist lauschte in das Telefon. Sein Mund bewegte sich minimal:

„Und?“

Bernhard antwortete etwas zu schnell:

„Ah, jajaja, alles da, kein Problem.“

„Gut … und jetzt der Junge.“

„Was? Ich meine, wie bitte? Schon?“

Was macht ein ganz beliebiges Gesicht zum Gesicht eines echten Anführers? Wer die Antwort auf diese Frage kennt, kann viel Geld verdienen. Egal wo. Es ist eine ganz bestimmte Mimik, die dich zum Anführer macht. Und wenn du Anführer bist, lernst du diese Mimik besser schnell, sonst bleibst du nicht lange Anführer: Beweg dein Gesicht möglichst wenig. Den Kopf fast gar nicht. Wie ein König. Alles, aber wirklich alles muss in deinen Augen liegen. Immer der volle Kontakt. Niemals einfach so wegschauen. Und wenn du als erster wegschaust, dann nur, weil die Augen ein neues Ziel gefunden haben, weiter oben. Denn. Nach unten abschweifen bedeutet Schwäche. Es muss ein neues Ziel irgendwo da draußen sein oder auch innen. In deinem Herz, über das du niemals sprichst. Erst dann bist du ein Anführer.

Die Sprache der Augen kennt so viele Nuancen wie keine andere. Man sagt, dass Augen sprechen können. Aber sie können auch flüstern, diktieren und brüllen. Egal was passiert, es funktioniert sogar am Telefon. Die Wucht der Augen. Wie ein brennendes Ausrufezeichen.

Der Faschist hatte aufgelegt und wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. Vor ihm lag ein edles Blatt Papier, auf das er schrieb.

Wunderschöne kyrillische Buchstaben fügten sich zu schweren Worten zusammen. Seine Heimat war Odessa, die schönste Stadt der Welt mit den schönsten Frauen, dem besten Wetter und den witzigsten Sprüchen. Genialität der Straße. Nie aufgeschrieben und doch weltberühmt. Mehr als das, legendär. Im Vergleich zu Odessa war Berlin ein Dreckloch. Und genau dorthin hatten ihn die Grauen Väter geschickt. Weg von der Heimat. Zur Strafe. Aber auch als Chance, denn der deutsche Zweig der Familie befand sich in Schwierigkeiten.

Balten, Araber, Vietnamesen, Chinesen drangen in den Markt ein, genauso wie die Russen vor zwanzig Jahren, als sie die Deutschen, die Polen und die Jugoslawen verdrängt hatten. Die Türken waren zu politisch und zu nationalistisch, keine Gefahr für die Familie, denn Stolz macht dumm. Sie dezimierten sich hauptsächlich gegenseitig. Bei den Russen andererseits gibt es keine Politik. Nur Macht.

Die deutsche Unterwelt bestand bestenfalls noch aus ein paar Rockern und Zuhältern. Abschaum. Auch kein Problem für die Familie. Denn das große Geld, Menschenhandel, Geldwäsche und Drogen – das alles lag längst in russischer Hand. Doch das Blatt fing an sich zu wenden, zögerlich noch, aber schon spürbar schneller.

Der Faschist nahm diese Veränderungen im Markt sehr genau wahr. Er sah es den Straßen genauso an wie den Büchern seiner vielen Unternehmen, Restaurants, die immer leer waren, Wäschereien, Reinigungsbetriebe, Bars, Puffs, Shops, Wettbüros … Das alte Sprichwort stimmte nur zur Hälfte. Wissen ist nicht automatisch Macht. Wissen verwandelt sich in Macht. Oder in Melancholie. Das war der russische Weg.

Zu Beginn war es gut gelaufen. Der Faschist hatte mit seinen Leuten gründlich sauber gemacht. Erst die eigene Truppe dezimiert und dann neu aufgebaut. Die Nachbarn in den Griff bekommen, dann die Stadt und dann die Unterwelt von Berlin und den Sektor Eins seiner Organisation. Ein Gebiet aus Mecklenburg-Vorpommern, Berlin-Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Von innen nach außen ganz konsequent gestaltet.

Es ist sehr schwer, in Deutschland die richtigen Leute zu bekommen. In Odessa war das vollkommen anders. Die Kameradschaften aus den Zeiten der Roten Armee waren noch intakt und funktionierten selbst über den Abschied aus dem aktiven Dienst hinaus stets prächtig. Geheimdienste, Spezialeinheiten, Polizei, Zoll, Unterwelt, das alles stellte einen einzigen Personalpool zusammen, aus dem sich alle bedienten. Für jeden Bereich gab es Spezialisten zum Sonderpreis.

Aber hier in Berlin? Grausam amateurhaft. Die alten DDR-Leute, verquer im Kopf durch zu viel Moral, schlechtes Gewissen und Ideologie, taugten nicht. Deswegen waren sie fast alle in den privaten Sicherheitsbereich gegangen, Personenschutz, Wachdienst oder in Rente oder Kontrolleure der BVG. Ein Land ohne Respekt vor sich selbst.

Die deutschen Genossen hatten den Kommunismus tatsächlich ernst genommen. Nach all den Jahren konnte der Faschist das immer noch nicht verstehen. Es ging überhaupt nicht um den Kommunismus. Nie!

In Russland war er ein Mittel zu dem einzigen Zweck gewesen, das Imperium der Zaren weiterzuführen und zu erweitern. Macht. Übrigens weit über die Träume der Zaren hinaus. Freilich ohne Zaren, ohne Schnickschnack. Das Vehikel dazu war gleichgültig. Genau wie in China.

Egal, was in den Büchern steht. Du hast die Waffen, du hast die Verwaltung. Du hast die Macht. Scheiß auf die Lehre!

Die Deutschen mit ihrem Idealismus hatten das nie begriffen. Nicht unter dem Kaiser, nicht unter Hitler und schon gar nicht unter den Kommunisten. Der Faschist schüttelte den Kopf. Nur ganz leicht. Aber der große Hund nahm es wahr. Ein Ohr zuckte sofort nach oben. Doch er ließ den knienden Mann nicht aus den Augen. Der Faschist schaute sich auf die Hände. Künstlerhände, Zaubererhände. Er betrachtete seine Kalligrafie. Der Bestrafte in der Ecke schwitzte immer mehr, doch der Faschist schenkte ihm keinen Blick.

Er dachte an Russland und die Ukraine. Für die Familie gab es da keine zwei getrennten Staaten. Genau wie im Fall von Weißrussland und dem Baltikum. Nur ein Reich. Aber. Ein krankes. Auf der anderen Seite Deutschland: Schrebergärten, fette Töpfe der Europäischen Union und ein halbes Dutzend politischer Parteien für verschiedene Gruppen von Spießbürgern. Kein Wunder, dass sie alle vor den Bürokraten kuschten und versuchten, so wenig aufzufallen wie möglich. Kann es sein, dass ein Land so degeneriert ist, dass es sich sogar die Unterwelt importieren muss?

Anders als die meisten anderen hatte der Faschist sich daher ganz auf seine Teams konzentriert, neue Talente gesucht und Schritt für Schritt ausgebildet. Die Familie brauchte Personenschützer, Wächter, Kuriere, Aufpasser, Zuhälter und Schläger, Hausmeister genannt, Programmierer, Techniker, Verwalter, aber auch Strategen, Ärzte, Archivare, Anwälte, Berater, Führungskräfte und Vordenker, das mittlere und obere Management.

All dies unterscheidet die Mafia nicht von anderen Organisationen. Mit dem Personal steht oder fällt das Ganze. Und. Echtes Talent ist teuer. Viel teurer als die Ausrüstung.

Es kamen eine Menge Leute. Immer. Die Mafia ist attraktiv. Als Arbeitgeber wie als Mythos. Und so gab es keinen Mangel an Freiwilligen. Es kamen Russen, Juden, Ukrainer, Litauer, Abchasen, Usbeken und Kasachen, Weißrussen und Mongolen, Georgier und Armenier, Kirgisen und Tschetschenen. Das Problem war nur, hier in Berlin waren die wenig bis gar nichts wert. Er brauchte Leute, die Deutschland kannten. Die Sprache vor allem. Sonst fällst du auf. Und sie mussten gut sein. Schnell, kräftig, loyal, wenigstens ein bisschen gebildet, gepflegt und motiviert. Der Faschist fand diese Tugenden ausgerechnet bei den Deutschen. Dass dieses deutsche Humankapital in Wirklichkeit aber aus ganz anderen Ländern kam, aus dem Libanon, aus Polen oder Serbien, erste oder zweite Generation, war eher zweitrangig aber nicht unwichtig. Der Faschist hatte sich ein klares System der Nationen erarbeitet. Vorteile und Nachteile jeder Herkunft, und er hatte herausgefunden, dass es den Deutschen am leichtesten fiel, Vaterland oder Familie gegen die Bruderschaft der Mafia einzutauschen. Die Bruderschaft! So nannte man das System der Familie auch. Doch das traf den Kern nicht mehr. Das Wort war veraltet. Sowjetmüll. Aber der Punkt war nach wie vor der gleiche: Loyalität oder Tod.

Talente zu finden dauerte lange, machte sich aber bezahlt. Das Problem war nur die Zentrale, die Grauen Väter in Odessa. Da hatte man wenig Geduld oder Verständnis für Wartezeiten. Es musste alles schnell gehen. Der alte Fehler. Aber verständlich: Wegen China. Daher hielten sie den Faschisten unter Druck. Doch in der letzten Zeit war ihm die ganze Sache immer gleichgültiger geworden. Er machte sein Ding, und das hatte ihn verändert.

Die Väter in Odessa machten ihre Witze über ihn: Er sei schon ein halber Deutscher geworden, ein Krautfresser; aber sie nannten ihn nicht Krautfresser oder Fritz. Die Väter im Osten hatten einen anderen Namen für ihn. Sie nannten ihn „Faschist". Das ist einfach nur ein anderes Wort für „Deutscher". Vor allem Westdeutscher. Aber. Keiner machte sich weiter Gedanken darüber; für ihn war das keine Beleidigung, und er war sich sicher, dass man ihn überhaupt nicht beleidigen konnte. Eine schöne Vorstellung, die aber trügt, denn du kannst jeden Menschen beleidigen; du musst nur seine geheime Angst finden und dann das passende Wort dafür – und schon hast du einen weiteren Feind. Aber solange sie Witze über ihn machten, war er noch halbwegs sicher. Gefährlich wurde es erst, wenn die Witze aufhörten. Dafür hatte er ein sehr feines Gespür. Er war wie eine Spinne im Netz, die alle ihre Fäden kontrolliert, indem sie nur aufpasst, ob sich einer bewegt. Angespannt aber in vollkommener Ruhe. Und viele Augen. Viele Augen!

Dabei lässt sich die Spinne nicht von Wind oder Staub irritieren. Sie sitzt und wartet. Wochenlang. Sie reagiert nur, wenn tatsächlich etwas Lebendiges ins Netz geht. Aber dann springt sie hervor und beendet das Spiel mit Gift, bevor ein Kampf daraus werden kann.

Ninja ZX 6R

Die Tür öffnete sich lautlos. Ein Sekretär geleitete zwei Kuriere hinein, die eine neue Kawasaki Ninja auf einem Schlitten mit leise surrenden Kugellagern vor sich her schoben. Die Maschine glänzte schwarz im Licht wie eine riesige, metallische Wespe aus der Urzeit.

Der Sekretär suchte Augenkontakt zu seinem Boss und sah ihn nicken. Dann unterschrieb er, und die beiden Kuriere zogen ab. Ohne ein einziges Wort. Denn der Sekretär hatte die beiden Kuriere genau instruiert. Der kniende Mann in der Ecke machte nicht einmal den Versuch, sich umzudrehen und zu schauen, was sich in seinem Rücken abspielte. Der Hund passte auf und leckte sich die Lefzen.

Der Faschist hatte alle Unfähigen und Unzuverlässigen ausgemustert und die anderen diszipliniert, wie den Typen da in der Ecke. Der hatte noch Glück gehabt. Andere lagen schon längst irgendwo in der Prignitz in einem Loch mit ungelöschtem Kalk drüber. Der Typ in der Ecke wusste das. Er bewegte sich keinen Zentimeter. Ungelöschter Kalk war ein geflügeltes Wort in der Familie. Ebenso war das Wort „Prignitz“ ein klares Warnsignal, das in seiner Gegenwart gefallen war.

Disziplin fing mit Handys an; unbedingte Erreichbarkeit vierundzwanzig Stunden am Tag. Pünktlichkeit, Sauberkeit, Gesundheit und Ordentlichkeit. Keine Eigeninitiativen, keine Überraschungen und kein Chaos. Kein Wunder, dass man den Faschisten schon fast für einen Deutschen hielt. Aber das war nun einmal der Kodex der Familie. Mehr als ein Gesetz. Denn Gesetze sind immer nur Kompromisse. Ein Kodex ist eine Entscheidung.

Wenn er an die Männer dachte, die er schon ausgebildet hatte ... Ganz klar! Die waren ihm dankbar. Er hatte sie aus schwierigen Lagen befreit; er hatte sie entschuldet, ihnen Mut gegeben, sie trainiert und ihnen Beziehungen gegeben – etwas, auf das sie stolz sein konnten. Stolz entsteht durch Zugehörigkeit.

Wer ihm gegenüber loyal war, konnte ein gutes Leben führen, mitten in Deutschland. Bargeld – steuerfrei -, Waffen, Kleider, Autos und Frauen. Aber keine Drogen. Die waren für andere, für die Kunden, die Händler und die Sklaven, um sie gefügig und schwach zu halten.

Er dachte zurück an Odessa und fing wieder an, wunderschöne Schriftzeichen auf das Papier zu setzen.

Dabei schaute er auf eine kleine Fotografie, die auf seinem Schreibtisch stand. Das Gesicht eines etwa zwölfjährigen Jungen mit typischer Achtziger Jahre Sowjetfrisur. Alte Zeiten … Eine schwarze Schleife war um den Rahmen gebunden.

Damals in Odessa war er ein anderer Mensch gewesen. Glücklicher. Das Klima, das Essen und seine Familie hatten ihn stabilisiert. Mit Konzentration prüfte er die Qualität der Tinte auf dem Papier. Es war ein makelloser Strich. Er vollendete den Buchstaben. Er schrieb jetzt immer nur das gleiche Wort. Immer wieder und immer wieder …

Bernhard

Er steckte das Handy in die Tasche, zog die Augenbrauen zusammen und sagte zu Rocky:

„Du hast den Termin. Geh, er will dich jetzt sehen.“

Gerade als Rocky den Laden verlassen wollte, kam Teen zur Tür herein. Für eine Sekunde blockierten sie sich den Weg.

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    Albrecht Behmel (Autor)

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Titel: Die Schwelle