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Die Tarzan-Therapie (Appetizer-Ausgabe)

Ein Roman voll Humor

von Pascale Graff (Autor)

2015 100 Seiten

Leseprobe

1

Am Anfang war der Apfelkuchen

"I dream of when she'll be mine, I dream of crossing that line … She don't know me."

Bon Jovi

„Also ich glaube auf jeden Fall an die große Liebe, du etwa nicht?" Mangagroße, babyblaue Augen versenken ihren Blick in meinen. Große Liebe? Hey, ich glaube an Liebe so groß wie die Freiheitsstatue, riesig wie Amerika, gigantisch wie die Welt, galaktisch wie das Universum. Sämtliche Jubelchöre spielen zu einer großen Fanfare auf. Schon immer und ewig wusste ich, es ist nur eine Frage der Zeit, bis mich meine maßgeschneiderte große Liebe endlich finden wird. Immerhin stehe ich schon seit Jahren auf der Warteliste. Genauer gesagt seit fünf Jahren, vier Monaten und dreizehn Tagen.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es war mein dreißigster Geburtstag. Ein eher grauer Tag, der mich etwas deprimierte, weil mit dem Übertreten der Schwelle von zwanzig zu dreißig auf einmal der Ernst des Lebens anzufangen schien. Viele meiner Freunde hatten mittlerweile feste Beziehungen, die übrigen zumindest ein florierendes Sexualleben. Ein paar Freunde und ich hatten um Mitternacht mit Flaschenbier auf mich angestoßen, als Geschenk wurde mir eine aufblasbare Gummipuppe überreicht. Erst war es mir peinlich; später wünschte ich, sie hätten mir eine jener lebensgetreuen, anatomisch bis ins letzte Detail ausgestatteten Silikonpuppen gekauft. Am Morgen darauf trat ich, nach einem abgebrochenen Jura, IT- und schließlich abgeschlossenen Ingenieurstudium, meine erste Festanstellung in der Firma an, in der mein Vater bis zu seiner Pensionierung vor zehn Jahren gearbeitet hatte. Das erste was ich erblickte, war ein brünett gelockter Engel, der sich mir als Nina vorstellte und mich in der Firmenlobby in Empfang nahm. Sie erklärte mir die administrative Dreifaltigkeit in Form von Betriebsausweis, Formularen, Einführungsmeetings. Sie hätte von mir aus chinesische Gedichte rezitieren können, ich hörte nur sphärische Töne und verstand Bahnhof.

Als sie erfuhr, dass ich am Tag zuvor Geburtstag gehabt hatte, lächelte sie mich verheißungsvoll an. „Dann bist du Sternzeichen Krebs, genau wie Brad Pitt." Ich wusste nicht genau, was sie mir damit sagen wollte, aber es musste etwas Gutes sein. Ich verliebte mich vom Fleck weg.

Hier und heute, geschätzte schlappe 1.825 Tage später, sitzen Nina und ich hier und es wird passieren: Beziehungsstatusänderung!

Seit fünf Jahren bin ich ihr bester Freund, was wesentliche Vorteile bietet: Unmittelbare Nähe zum angebeteten Zielobjekt! Ich bekam etliche Gelegenheiten, ihre Vorlieben, Beziehungsgewohnheiten und Eigenarten, ja sogar ihren Monatszyklus zu studieren (Exakt vier Tage vor ihrem Menstruationsbeginn bringe ich ihr immer eine Tafel Trauben-Nuss-Schokolade mit. Sie leidet schrecklich unter PMS, was sich durch den Genuss dieser speziellen Schokoladensorte beruhigen lässt.) Zugegebenermaßen barg die beste-Freund-Taktik auch einen wesentlichen Nachteil: Enthaltsamkeit! Nächtelang hatte ich wachgelegen und mir vorgestellt, wie sie irgendwann einmal statt: „Danke für die Hühnersuppe, die ist genau das, was ich jetzt brauche!", den Mann in mir entdeckt und: „Los pack ihn schon aus und gib’s mir, das ist genau was ich jetzt brauche!" fordert, oder jedenfalls so ähnlich. Leider blieb es beim Kopfkino und in Real-Time erfuhr ich stets nur, was sie von anderen brauchte und bekam oder eben nicht.

Sparen Sie sich mitleidige Blicke und bedauernde "Ooochs", es war meine freie Wahl. Ich wollte nur sie! Nie zuvor hatte es mich so erwischt.

Gut, meine Erfahrungen hielten sich bis auf ein paar unspektakuläre Beziehungsversuche in Grenzen. Als schüchterner Teenager auf Jugendfahrten oder ähnlichen Veranstaltungen, die mannigfaltig Gelegenheiten zu schlimmsten Demütigung boten, war ich der, dem Mädels ihr Herz ausschütten. Bei mir holten sie sich Tipps, bevor sie sich die coolen Typen angelten und Knutschflecken sammelten. Dieses No-Sex-Karma zieht sich wie ein roter Strick durch mein Leben.

Dabei war ich kein stubenhockender Eremit. Ich ging auf Partys und lernte die eine oder andere kennen, wurde nur leider in Sekundenschnelle als "bester-Freund-Typ" abgestempelt, vielleicht weil ich wenig offensiv die Signale unbeachtet, Gelegenheiten ungenutzt ließ. Man sollte meinen, dieses würde als gentlemanlike von Frauen geschätzt, doch entweder geriet ich immer an die Falschen oder weibliche Feinfühligkeit wird überbewertet. Ich war einfach nicht der schnelle, oberflächliche, coole Typ. Ich wartete sehnsüchtig, wollte inniglich vertrauen, gehören und besitzen, eben einfach die große Liebe.

Meine Geduld war endlos. Bis es soweit wäre, lebte ich in meinen Träumen und frönte meinem Hobby, welches ich wie ein kostbares Geheimnis hinter einer roten Tür im Keller verschloss. Keine Menschenseele, weder Freunde, noch mein Vater wurden dort geduldet.

Als Nina auftauchte, war für mich alles klar. Wenn sich tatsächlich mal eine andere für mich interessierte, legte ich sofort die Karten auf den Tisch und ließ sie an meinen tiefen Gefühlen teilhaben. Die eine oder andere fand das "voll süß". Sobald sie hörten, dass das schon jahrelang ging und Nina nicht im Bilde war, geheimes Objekt meiner tiefsten Sehnsüchte zu sein, fanden sie es "voll schräg". Als wäre ich ein Psychopath, der sich Messer zückend mit wildem Geschrei auf sie stürzen würde: „Du siehst ihr unheimlich ähnlich, du Luder du!"

Fünf Jahre warte ich und es hat sich gelohnt, denn jetzt sitzen Nina und ich hier. Selbst wenn niemand darauf gewettet hätte, das große L-Wort ist gefallen. Sie hat es ausgesprochen! Das ist mein Stichwort! Heute Abend werde ich ihr einen bedeutsamen Vorschlag machen.

„Möch... möchtest du noch was trinken?", frage ich Nina und sie nickt fröhlich. „Na klar, ich hab es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Mein Kühlschrank ist selbstverständlich wieder mal kaputt, wie alles in meiner Bruchbude. Und dann noch direkt unter dem Dach. Bei der Affenhitze ist das kaum auszuhalten. Du kennst ja die alte Leier."

Es war in der Tat ein heißer Frühsommertag im wörtlichen Sinne. Und es hat bestimmt noch gut 25 Grad, obwohl die Sonne bereits untergeht. Für einen kurzen Moment erwäge ich, statt eines weiteren alkoholfreien Bieres zur Feier des Tages einen bombastischen Tropic-Cocktail. Vielleicht was mit Deko-Schirmchen und Ananas-Scheiben am Glasrand?

Spontan fällt mir aus Kindertagen die aus den Traumschiff-Episoden stammende Letzter-Tag-Gala ein, bei der als krönender Abschluss die riesige Torte samt Feuerwerk hereingetragen wird. So ähnlich würde ich mir vorkommen, wenn sich im Speisesaal sämtliche Hälse nach mir verdrehten, Seht ihr das Schirmchen-Weichei? Wie peinlich. Kurzerhand bestelle ich ein weiteres alkoholfreies Bier für mich und für Nina eine Weißweinschorle.

Sie sieht mich so süß an, mein Herz schlägt wie wild und ich nehme meinen Mut in beide Hände. Jetzt naht hoffentlich die abendliche Höhepunktfleischeinlage.

„Wirklich eine Schande, dass dein Vermieter alles so verkommen lässt. Du solltest dir das nicht gefallen lassen!", beginne ich mit meiner suggestiven Vorlage. „Ich habe eine Idee, wie du deine Probleme auf einen Schlag los wärst ...", lege ich nach. Wäre ich der Typ dafür, trüge mein inneres Ich ein sardonisches Lächeln. Aber so bin ich nicht und deswegen grinst mein inneres Ich breitmaulig, völlig high von in Gedanken getankten Litergläsern Cocktails mit Schirmchen in allen Regenbogenfarben. Bloß die Ruhe bewahren, rufe ich mich zur Vernunft.

Elegant fächelt sie sich mit der Speisekarte Kühlung zu. Ihre blitzenden Augen, zwischen den sich schnell bewegenden Hochglanzseiten, lassen sie wie die Hauptaktrice eines bunten Schlaraffenland-Daumenkinos wirken. Dem nicht genug, tanzen mir ihre Geruchsmoleküle entgegen. Kleinste Dosen Nina-Dufts infiltrieren meine ausgehungerten Poren, Zellen, Körperöffnungen. Sie … sie duftet wie frischer Kuchen.

Schon zu Schulzeiten hatte mein Vater mir wenig subtil prophezeit, dass mich meine Vorliebe für Backwerk oder generell alle anderen Zucker-Kohlehydrat-Fett-Gemische, um eine erfolgreiche Lebensplanung bringen würde. „Futter nicht noch mehr von dem Süßkram, du bist schon mopsig genug, kein Wunder dass keiner mit dir spielen will!" Er war halt ein Mann klarer Worte und klarer Werte: Wohlstand, Frau und gut geratene Kinder. Als Ingenieur hat er sich bescheidenen Wohlstand erarbeitet, ein Haus in Bestlage gekauft, das bei stetig steigenden Mietspiegeln mittlerweile ein kleines Vermögen wert ist. Erst als das Nest gebaut war, kümmerte er sich die Familienplanung. Meine junge, schöne Mutter hatte ihm den sonst so festsitzenden Kopf verdreht, welcher sich leider rasch wieder in die Ausgangsstellung korrigierte, als ihm klar wurde, dass sie statt kochen und waschen, lieber tanzen wollte oder töpfern. Immerhin konnte sie wundervoll backen, was mir persönlich reichte. Kein Fernsehprogramm hätte so spannend sein können, wie der Moment, in dem wir darauf warteten, dass die Küchenuhr lossang und ich vorsichtig die Backofentür öffnen durfte.

Vaters anfänglicher Stolz auf ihre Schönheit und ihr Charisma, schwand stetig wie eine vom Wind abgetragene Sandburg. Wenn er von der Arbeit zurückkam und sich darüber beschwerte, dass kein Essen auf dem Tisch stand, wurde sie ganz traurig. Meine Erleuchtung: „Papa warum kochst du nicht was?" wurde mit einem exorbitant langen Monolog über "Vorteile der traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau" quittiert. Sie stritten viel, ich verstand nicht worüber, aber Mama hatte danach nicht mehr so oft getanzt und dann war sie weg. Einfach weg.

„So ist sie halt!", lautete der knappe Kommentar meines Vaters.

Ich bin mir fast sicher, dass bei seinem ungeschickten Versuch, mir tröstend übers Haar zu streichen, sein kleiner Finger in mein Auge geriet. Es tränte den ganzen Tag wie verrückt. Am gleichen Abend erkrankte ich schlagartig an einer schweren Lungenentzündung. Erst drei Wochen später konnte ich wieder klar denken und irgendwie war meine Mutter nie wieder Thema. Als hätte es sie nie gegeben, als hätte ich sie mit meinem Fieber ausgeschwitzt. Unser Leben funktionierte fortan als reiner Männerhaushalt, völlig back- und tanzfrei. Aber wenn es heute irgendwo nach frischem Kuchen duftet, dann wird mir einen Moment lang schwindelig, meine Füße zucken als wollten sie tanzen - wahrscheinlich eine Art neurotischer Tick oder ein kleiner epileptischer Anfall.

Nina! Meine angebetete Nina. Wäre sie ein Nahrungsmittel, ein Gericht, eine Speise, dann wäre sie frisch gebackener Apfelkuchen mit dickem, verheißungsvollem Mürbeteigboden, auf dem eine satte Schicht feingewürfelter Apfelstückchen ein köstliches Bett bilden, über dem ein weiteres Teiggitter, die Decke wäre, unter der ich mit ihr verschwinden möchte, nachdem ich sie vernascht habe.

„Martin, ist alles in Ordnung mit dir? Du schaust so komisch!", stellt sie fest und reißt mich aus meiner unanständigen Apfelkuchenmetapher wieder auf den terrakottagefliesten Boden des gemütlichen italienischen Restaurants. Gut so, denn ich habe lange genug geträumt, sage ich mir und setze an „Diese Idee, ja also ..."

Noch ein Dessert für die Dame?", unterbricht mich der Kellner indem er Nina ihren Weißwein mit einer eleganten Bewegung kredenzt. Mein Bier wird mir auf den Tisch geknallt. Er kann offensichtlich nicht die Augen von Nina lassen. Ich kann ihm kaum böse sein. Sie ist für ihn bestimmt nicht das gleiche wie für mich, aber zweifelsohne ebenfalls eine ausgemachte Leckerei. Vielleicht ein Tiramisu?

„Jetzt denk nicht immer ans Fressen!", weist mich in meinen Gedanken die nörgelnde Stimme meines Vaters zurecht. Ich kann sie gut ertragen, immerhin verdanke ich ihm den neuen Lebensabschnitt, der vor mir liegen mag.

Inzwischen hat Nina sich entschieden. „Nein, kein Nachtisch für mich, ich muss auf meine Figur achten!"

Der Kellner überschlägt sich fast. „Nicht doch!"

Peinlich berührt räuspere ich mich bis es kurz vor asthmatischem Level klingt und die Schmalzlocke endlich abzieht.

Nina lächelt mich auffordernd an. „Jetzt klär mich doch endlich mal über deine geniale Idee auf, die angeblich all meine Probleme lösen würde?"

Mir wird kalt und warm gleichzeitig, meine Zunge fühlt sich ein wenig taub an, aber kneifen ist keine Option. „Wie du weißt, befindet sich mein Vater seit drei Monaten in dem Pflegeheim, und er möchte definitiv dort bleiben."

Ich berichte nicht, wie seltsam sich diese Trennung, nach fast dreißig Jahren eingeschweißter Vater-Sohn-WG für mich anfühlt. So viel er immer an mir herum gemäkelt hatte, so wenig Worte gab es beim Abschied. Es schien ihm ziemlich egal, was aus dem Haus wurde. „Für dich alleine wird es zu groß sein!", waren Anfang und Ende unserer Diskussionen zu dem Thema.

Sein Fazit barg die unschöne Manifestation meiner unterschwelligen Einsamkeit: „Für dich alleine". Für mich! Fünfunddreißig Jahre alt und alleine! Am nächsten Morgen erschien Nina im Besprechungsraum und überreichte mir lächelnd die Handouts einer Präsentation. Wie aus einem Urknall zeichnete sich jene Idee am Horizont ab die ich ihr nun präsentieren werde und damit unser beider Leben verändere. Gleich. Umgehend. Sofort. Sag es endlich!

„Was ist denn jetzt?", treibt sie mich zur Eile an und ich versuche mich zu sammeln. Das passiert mir einfach immer wieder. Ich verliere mich in Gedanken und Träumereien und dann ist der Abend um. Nicht, dass es nicht einen gewissen Unterhaltungswert besäße. Allerdings sind Wunschträume auf die Dauer etwas eindimensional. Da fehlt zugegebenermaßen die Haptik und Sensorik. Verschämt wische ich meine verschwitzten Hände an der Jeans ab.

„Erde an Martin?" Ninas Lächeln hatte deutlich an Strahlkraft eingebüßt.

„Das Haus ist zu groß!" Bevor ich mich versehe, sind die Worte draußen. So ist das mit mir und den Worten. Ich bin recht knauserig damit, doch sobald ich den Hahn aufdrehe, purzeln sie unverschämt heraus, ohne sich um Reihenfolge, elegante Formulierungen von sinn- und bildhaften Inhalt zu scheren. Ich wünschte, sie ließen sich wie Buchstabensuppe wieder hinunterschlingen und ordentlich hervorspeien. Nun, da dies bekanntermaßen nicht geht, versuche ich den Schaden zu begrenzen.

Nina dreht den Stiel ihres Glases zwischen zwei Fingern und wirkt alles andere als gefesselt. She is not amused. Ich muss was tun!

„Da mein Vater sich nun eingelebt hat und es wirklich sicher ist, dass er nicht mehr zurückkommen möchte, habe ich überlegt, was ich damit mache, mit dem großen Haus ...", nehme ich den Faden wieder auf. Nina sagt noch immer keinen Ton, ihre Augen sind etwas schmaler geworden, was allerdings auch an der Müdigkeit liegen könnte.

„Man muss schon aufpassen, wen man sich als Mieter ins Haus holt. Ständig hört man von Mietnomaden, zerstörten Inneneinrichtungen, geprellten Mieten ..." Ich lache verlegen und ringe um eine lockere Ausstrahlung, was in etwa so geschmeidig gelingt, wie einem Garderobenständer der Salsa tanzt.

Jeglicher Mut weicht von mir. Plötzlich unendlich durstig greife ich nach meinem alkoholfreien Bier und leere das Glas auf Ex. Ich kann das nicht. Ich traue mich nicht. Ich werde alleine in meinem Haus verrotten und Nina wird für immer unerreichbar bleiben. „Wollen wir zahlen?", will ich fragen, doch stattdessen fabriziere ich einen welterschütternden Rülpser. Wie peinlich!

Nina greift nach meiner Hand. „Martin, ich habe eine klasse Idee!" Was käme jetzt? Schlägt sie mir vor, in der nächsten Staffel "Deutschland sucht das Supertalent" mit Tonleiter rülpsen an den Start zu gehen?

„Ich habe dir doch oft genug von meinen ständigen Problemen mit dem idiotischen Vermieter erzählt? Du und ich, wir kennen uns schon ziemlich lange. Ich meine, du kennst mich sogar sehr gut. Ehrlich gesagt, ich wäre bestimmt die perfekte Mieterin! Wir sehen uns fast jeden Tag und wir haben uns noch nie gestritten!" Ihre Augen leuchten und sie strahlt über das ganze Gesicht. Mein Herz geht auf Kolibri-Frequenz, ich könnte auf der Stelle hyperventilieren. Genau das war mein Vorschlag, den ich in petto hatte. Nina zieht bei mir ein! Sie hat meine Gedanken gelesen. Nein, wir schwingen halt einfach auf der gleichen Welle, sind total im Einklang, zwei Hälften eines Doppelkekses.

„Wie viele Zimmer wären das denn und was würdest du an Miete nehmen?", stürzt sich Nina auf die Details und ich muss mich schwer konzentrieren. In meinen Tagträumen küssten wir uns meist an dieser Stelle bereits. Zimmer? Miete? Meine spontane Antwort wäre: Du kannst alles haben! Jedes Zimmer, jeden Quadratzentimeter. Mi Casa es su casa. Wo du bist, will ich sein, mein Bett, mein Herd, alles will ich mit dir teilen. Kosten? Umsonst! Ein engelsgleiches Lächeln, ein kleines Streicheln genügen für den Anfang. Obwohl das ja fast klänge, als würde ich sie für eine Wohnungsprostituierte halten. Ich fahre mir über meine Haare, die vor Hitze und Aufregung mittlerweile patschnass geschwitzt sind, und mir wahrscheinlich das Flair eines frisch geduschten Frettchens geben.

Jetzt bloß nichts Falsches sagen. „An und für sich könnte ich die gesamte obere Etage vermieten. Drei Zimmer – da wären ein Schlafzimmer von knapp fünfundzwanzig Quadratmeter mit angrenzendem Bad. Dazu noch zwei kleinere Zimmer ..."

„Eines könnte ich als Ankleidezimmer einrichten", quietscht Nina mit unverhohlener Freude. „Ich habe schon immer von einem eigenen Ankleidezimmer geträumt."

Ich nicke, bestrebt, ihrer Begeisterung weiteren Vorschub zu leisten. „Es stehen noch Möbel darin. Einiges davon könnte man behalten. Die Tapeten sind original Siebziger, das ist mittlerweile wieder richtig in!", versuche ich mich als Inneneinrichter.

Ninas Augen verklären, wie ich sie sonst sehe, wenn sie in ihren Lieblingsmodezeitschriften blättert. „Todschick stelle ich mir das vor."

„Es muss natürlich noch gestrichen und gewerkelt werden ...", schwitze ich hervor. Das würde ich gerne in meine Hände nehmen, wie einiges andere auch.

„Renovieren macht doch total Spaß und du bist handwerklich so begabt!", lobt Nina mich auch prompt.

Vor meinem geistigen Auge entsteht ein Bild totaler Harmonie und Innigkeit. Schon sehe ich sie und mich gemeinsam in schönster Eintracht malern, schleifen, hobeln. Da kann ja allerhand geschehen, wenn man so renoviert, mit Farben und Pinseln und so.

„Und was ist nun mit der Miete? Ich muss doch wissen, ob es in mein Budget passt ..."

Blitzschnell überschlage ich die Zahlen. Ich kenne Ninas momentane Miete. Ziemlich horrend angesichts der dauernd anfallenden Mängel. Dennoch für Großstadtverhältnisse nicht ungewöhnlich. Immerhin hat sie Marmorkacheln im Bad, wogegen ich nur mit Kacheln in Bahama-Beige aufwarten kann. Ob ich behaupten könnte, es handele sich um extra importierte Kacheln aus dem Retro-Sanitär-Handel? „Wenn du ein kleines bisschen bei den Renovierungsarbeiten mithilfst, ... wie wäre es mit 700 Euro?", schlage ich vor. „Äh … warm", ergänze ich und merke in Gedanken noch an: ... wenn wir unsere Liebe besiegelt haben, dann musst du gar nichts mehr zahlen.

Begeistert klatscht sie in ihre zarten Hände. „Das ist ja grandios, eine eigene Etage in einer echten Stadtvilla ... Du bist mein Held!"

Meine sehnlichsten Träume erfüllen sich, als Nina aufspringt, um den Tisch herum kommt, mich in ihre Arme schließt, ja an ihr Herz drückt. Ach, wäre ich ein bisschen cooler, ein Quäntchen spontaner, würde ich sie jetzt küssen. Mit meiner Improvisations-Legasthenie bringe ich es nur auf den grinsenden Versuch, das Gleichgewicht zu halten. Während ich halb sitze, halb stehe, zwingt sie mich im Klammergriff zum Umarmungs-Mitwippen. Die Pärchen an den anderen Tischen beobachten uns amüsiert. Im Mittelpunkt zu stehen, wünsche ich mir mit gleicher Intensität wie einen Durchfall-Virus. Aber ich fühle eine Art Wendepunkt nahen. Die Summe der Gleichung, die mein bisheriges Nerd-Leben quittierte, könnte langsam aus den roten Zahlen in ein dickes Plus schlittern. Bisherige Gefühlsarmut, eine Portion Sehnsucht, ein weitaus größerer Klops Angst und Sicherheitsbedürfnis schwinden und eine neue Position erscheint in fetten schwarzen Buchstaben, nämlich weder Verdammnis, Verblendung oder Vergebung sondern: Verheißung.

Nina lässt mich vom Haken, nimmt wieder Platz und winkt den Kellner heran. Sie bestellt zwei Gläser Champagner und erklärt: „Wir haben was zu feiern!"

Sein ratloser Blick wandert von ihr zu mir. Wahrscheinlich denkt er am Ende noch, wir hätten uns verlobt und das passt nun wohl so gar nicht in sein Weltbild.

Ich erspare mir darauf hinzuweisen, dass ich von dem prickelnden Gesöff Sodbrennen bekomme und mir ein echtes Bier gerade viel lieber wäre. Sei es drum. Dies ist ein Abend, an dem sämtliche Unzulänglichkeiten wie weggeweht sein sollen. Ich genieße Ninas kindliche Begeisterung und komme mir tatsächlich ein bisschen vor, als hätten wir gerade unsere Verlobung beschlossen. Heißt es nicht, was lange währt ...?

„Ich finde das unglaublich fantastisch! Du bist wirklich ein feiner Kerl, mein bester Freund!", ergeht sich Nina in weiteren Nettigkeiten, die mich umschmeicheln wie ein sanfter Sommerhauch. „Ach, Matthias wird ausrasten vor Freude!"

Der schnöselige Kellner naht mit dem Champagner. Damit kann sich mein Gehirn nicht aufhalten. Es ist mit anderem beschäftigt. Irgendetwas in Ninas letzter Äußerung hat meine Aufmerksamkeit erregt oder gestört, ja ehrlich gesagt, mich enorm abgeturnt.

Unterdessen hibbelt sie weiter nervös auf ihrem Stuhl, reicht mir ein Glas und hebt das ihre, um anzustoßen.

„Wieso Matthias?", frage ich nach gefühlten Ewigkeiten verständnislos nach.

Nina spielt mit einer ihrer wunderschönen Locken. „Na, unser Matthias! Matthias Bruckner, meine große Liebe ... Das wollte ich dir vorhin eigentlich erzählen. So gut wie du mich kennst, hast du es ja wahrscheinlich sowieso schon geahnt. Prösterchen!"

Erschüttert lasse ich die letzten Wochen Revue passieren. Matthias Bruckner arbeitet im gleichen Ingenieurbüro. In der gleichen Abteilung. Er ist mein Kollege, Kantinenkumpane oder arbeitsbedingter Bekanntschaftsfreund. Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können. Ein echter Gewinnertyp. Dominant. Schwitzt Testosteron statt Wasser. Smart aussehend, mit dem gewissen Etwas, welches neben meinem gewissen Nichts noch wächst. Schwarm sämtlicher weiblicher Mitarbeiterinnen. Gleichermaßen im Job erfolgreich, und bei männlichen Kollegen beliebt. Keiner war überraschter als ich, dass dieses Alpha-Männchen meine Nähe suchte, mit mir Essen ging oder mal ein Bier nach der Arbeit zischen wollte. Er flirtet gerne und ohne Skrupel, aber mir war beileibe nichts aufgefallen, was Nina und ihn in Verbindung gebracht hätte. Ein paar Plänkeleien vielleicht, auf keinen Fall verdächtigen Berührungen oder gar Intimitäten. Mit keinem Wort hatte Matthias etwas über Nina verlauten lassen, wobei er ansonsten über seine Eroberungen im Allgemeinen nicht gerade ein Schweigegelübde abgelegt hatte. Erstaunlicherweise hatte auch Nina ihn nie erwähnt. Immerhin gab es mannigfache Gelegenheiten. Während der Arbeit, auf dem Weg zum Kino, an den Wochenenden im Baumarkt, beim Werkeln an ihrer Toilettenspülung oder während des Lattenrost-Reparierens. Da war weit und breit kein Matthias auf dem Traumprinz-Radar aufgetaucht.

Bestimmt hatte ich etwas falsch verstanden. „A-aber wie lange geht denn das schon?", stottere ich. Sie zwinkert mir zuckersüß zu. Der Champagner stößt mir sauer auf.

„Och, so etwa acht Wochen." Die Welt dreht sich vor meinen Augen wie ein Kinderkreisel. Sie lehnt sich etwas vor, dabei berühren ihre perfekten Brüste die Tischkante. „Ich wollte nicht darüber sprechen, nicht mal mit dir. Versteh doch, ich musste mir erst sicher sein, dass er meine Gefühle erwidert und es nicht einfach nur eine Affäre ist. Tja, dann hat er mir tatsächlich gestanden, dass er mich liebt und ziemlich Knall und Fall vorgeschlagen, zusammenzuziehen. Matthias wohnt in einem klitzekleinen Ein-Zimmer-Appartement und in meiner Horror-Wohnung können wir unmöglich zu zweit leben. Also bleibt uns nur gemeinsam etwas Neues zu suchen. Du kennst ja die Mietspiegel. Außerdem muss Matthias sparen."

Irritiert nehme ich einen weiteren Schluck. Matthias der erfolgreiche Hecht mit neuem Sport-Flitzer und schicken Klamotten bewohnt nur ein kleines Zimmer und ist nicht liquide? Nina zuckt mit den Schultern. „Es ist nicht so, dass er kein Geld hat. Er hat es fest angelegt und kommt da bis auf weiteres nicht dran."

Mir fällt eine Unterhaltung am Kaffeeautomaten ein. Vor circa zwei Monaten hatte ich Matthias während einer unerwarteten Gefühlswallung über den Auszug meines Vaters berichtet. Seine interessierten Fragen hatte ich als Mitgefühl ausgelegt.

In mir steigt ein Verdacht auf. Mir wird schlecht. Ich würde gerne kotzen, die Flasche auf den Boden werfen, den Kellner verprügeln, Nina das Handy aus der Hand schlagen, Matthias hierher bestellen, mich mit ihm auf dem Parkplatz duellieren. Auf die gute alte Art Fäuste sprechen lassen: Küss den Boden, friss Dreck, du Schwein! Dummerweise bin ich so nicht. Ich brauche Zeit, muss nachdenken.

„Was meinst du, wann wir in die Wohnung können, um uns alles anzuschauen, Renovierungsarbeiten planen und so? Passt es am Wochenende?" Ich spiele Emotions-Tetris und versuche, die einzelnen Puzzleteile zu einem ganzen, situationskohärenten Gefühl zusammenzubringen. Ich kann keinen Rückzieher bringen. Wie sähe das aus? Als wäre ich ein Schwein, quasi ein Wohnungszuhälter. Jeder im Büro würde sich das Maul darüber zerreißen. Es dauert nur ein, zwei Schlucke, und ich habe die Vorfreude der letzten Tage, das Hochgefühl dieses Abends, ertränkt und verdaut.

Ich muss mit ansehen, wie Nina die Tasten ihres Handys drückt und ihrem Matthias begeistert die Neuigkeiten entgegenkreischt. „Ja tatsächlich, Schatz, es war Martins Idee! Ja, ich finde auch er ist der Größte!" Sie strahlt mich an. Meine Spiegelneuronen funken reflexartig zurück obwohl mir beileibe nicht nach Grinsen ist. Rasch stürze ich den Inhalt meines Glases herunter und bemühe mich um Resthaltung.

Keine halbe Stunde später ist es vorbei. So lang sich der Abend vorher zog, so schnell fand er sein Ende. Als hätte Nina auf ihren Einsatz gewartet- „Einziehen, ja. Wann?" Und schon konnte die Rechnung kommen, die ich selbstverständlich beglich.

„Matthias wartet noch auf mich!", klärt sie mich auf.

„In seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung?", hätte ein Zyniker gefragt. Ein Martin fragt: „Soll ich dich fahren?"

Aber sie hat ihr eigenes Auto dabei. Ja, das läuft auch wieder, seit ich vor zwei Wochen den Keilriemen ausgetauscht habe. Wo Matthias da wohl gewesen war? Ich wette, er spart sich seine Fingerfertigkeiten für andere schmutzige Gelegenheiten.

Wir verabschieden uns wie Freunde. Küsschen links und rechts, treffen meine Wangen wie kleine Dolchstiche. Ich winke ihr nach, bis ich ihre Rücklichter nicht mehr sehen kann und als ich endlich in meinem Auto sitze, starre ich in die Dunkelheit. Ich kann einfach nicht sofort losfahren. Sehe auch keine Veranlassung. Niemand wartet auf mich. Durch die große Glasfront des Restaurants beobachte ich, wie nach und nach die letzten Gäste aufbrechen. Schließlich bleiben nur noch Kellner, die den Speiseraum für den nächsten Tag herrichten.

Es ist eine laue Nacht. Trotzdem ist mir kalt und ich sitze stocksteif, wie ein Eskimo beim Eislochmeditieren.

Was für eine kumulative Katastrophe mit nicht absehbaren Konsequenzen war am Horizont heraufgezogen? Bei der Aussicht, schon bald in der Etage über mir meine Apfelkuchen-Nina und ihren Alpha-Matthias wohnen zu haben, wird mir wieder übel. Ich sollte in diesem Zustand bestimmt kein Auto mehr fahren ... wahrscheinlich bin ich betrunken, werde den Weg nach Hause nicht finden. Vielleicht nehme ich eine falsche Ausfahrt und lande in Buxtehude, oder in Barcelona oder im Nirwana? Und wenn ich einen Unfall baue? Vielleicht wäre das überhaupt die beste Lösung! Was für einen Sinn hat denn das alles noch? Mit fahrigen Bewegungen schalte ich an meinem Handy die Navigations-App ein und befestige es im Halter. Seufzend betrachte ich den aufblinkenden Bildschirm, die Koordinaten, den Zoom, die Straßen und eingeblendete Verkehrswarnungen. Wenn mein Leben nun auch nach festen Eckpunkten eines vorbestimmten Plans läuft, der mich unaufhaltsam in eine Sackgasse führt? Oder nehme ich nur ständig die falschen Abzweigungen? Schicksal oder Bad Luck?

Die sonore Stimme der Navi-App wiederholt meine Heimatadresse. Gütersloher Straße achtundzwanzig, geschätzte Fahrtzeit vierzehn Minuten. Ob mir Nina unter Umständen wenigstens ihre Stimme für die Navi-App leihen würde? Meine Augen werden feucht.

Heulst du etwa? Du liebes bisschen, jetzt hörrr endlich auf, dir selbst leid zu t un. Bist du ein Mann oder eine Pussi? Rrreiß dich gefälligst zusammen!"

Wie vom Donner gerührt zucke ich zusammen. Was war das? Hektisch verrenke ich mich, werfe einen Blick auf den Rücksitz. Mein instinktiver Verdacht, dort jemanden zu entdecken, der sich versteckt hat, und mir den Schreck meines Lebens verpassen oder mich enthaupten möchte, erweist sich als nicht korrekt. Fehlalarm! Ich schüttele meinen Kopf und reibe mir die Ohren. Kann alkoholfreies Bier in der Mischung mit Champagner dermaßen die Sinne benebeln? Vorsichtig zähle ich die Finger an meinen Händen. Erwartungsgemäß fünf, jeweils. Jetzt nur die Ruhe bewahren! Ich atme tief ein und aus, bis mir schwindelig wird. Bestimmt bin ich einfach nur nervlich überreizt und müde. Ich sollte mich schnellstens auf den Heimweg machen. Nervös starte ich den Motor, sachte drücke ich das Gaspedal. „Fünfzig Meter geradeaus, dann rechts abbiegen. Ich fahre rückwärts aus der Parklücke, sehe im Rückspiegel, wie die Beleuchtung des Schriftzuges just in diesem Moment abgeschaltet wird. „Schluss mit Lustig" kommt mir in den Sinn. Dieser Ort wird von meiner Liste der Lieblingsrestaurants gestrichen. Generell ist mir ist der Appetit vergangen. Bestimmt würde ich nie wieder einen Bissen hinunter bekommen.

Hörrr auf! Es wird jetzt kein Trübsal geblasen, das hat die Tussi garrr nicht verdient!"

Ich vollführe eine quietschende Vollbremsung, stehe halb auf der Parkplatzauffahrt, halb auf dem Bürgersteig. Das war eine astreine akustische Halluzination. „Ich bin verrückt!", rufe ich laut und will aussteigen, doch etwas zieht mich zurück. Armee der Finsternis? Ein Monster? The Fog? The Blob?

Hallo? Du bist noch angeschnallt!"

Panisch verdopple ich meine Anstrengungen, aus dem Auto zu kommen und stranguliere mich dabei fast.

Hallo? Du bist noch angeschnallt", wiederholt die Stimme jovial, legt dann in etwas schärferem Ton nach. „ Es besteht kein Grund, überzurrreagieren. Berrruhige dich und fahrrre langsam weiter. Ich bin auf deiner Seite. Es war wirrrklich nicht die feine Art von dieser Nina; lockt dich einfach so in die Falle. Es liegt an dir, du bist einfach zu nett."

Ich starre mein Handy an und meine Knie zittern unkontrolliert.

Starrr mich nicht so an, ich bin schüchterrrn!", werde ich angemotzt. Völlig verdattert entschuldige ich mich, woraufhin schallendes Gelächter ertönt.

Du bist süß, und so errrnst! Ich bin doch ein Gerrrät, ich kann gar nicht schüchterrrn sein, oder doch?", fragt es mich und ich fühle mich, wie der unfreiwillige Zuschauer einer modernen Hamlet-Vorführung über Sein und Nichtsein eines Telekommunikationsgerätes. Nach zwei Minuten Stille, kann ich mich nur schwer entscheiden, ob ich mehr Angst davor habe, dass es nochmal das Wort ergreift, weil das meine Wahnvorstellung beweisen würde, oder dass es nicht mehr spricht. Bestimmt gibt es eine rationale Erklärung dafür. Ich kann das nicht so stehen lassen. „Hallo?", frage ich höflich mit leicht bebender Stimme.

Wenn du mich frrragst, sollten wir noch nicht nach Hause fahren! Lass uns lieberrr noch irgendwohin fahren und etwas Aufrrregendes errleben ..." Plötzlich erkenne ich einen südamerikanischen Akzent. Moment mal! Eine Latino-Navi-App?

Mir kommen sämtliche TV-Sendungen, die ich jemals gesehen habe in den Sinn, eventuell ein neues Versteckte-Kamera-Format, dessen Hauptdarsteller ich jetzt bin?

Nein Süßerrr, das ist das wahrrre Leben, ich bin das wahrrre Leben! Immerhin könnte ich sonst ja nicht deine Gedanken lesen, stimmt’s?"

Das hinterlässt mehrere Schauer von Gänse-, Enten- und Straußenhaut auf meinem Körper. Meine Hoffnung auf eine vernünftige Erklärung für dieses Fiasko, schrumpft. Wie sollte eine versteckte Kamera meine Gedanken lesen? Es sei denn, es handelt sich um einen Mental-Magier. Irgendwo an einem geheimen Ort studiert vielleicht eine Art Uri Geller mittels einer Linse im Rückspiegel meine Augenbewegungen und liest so meine Gedanken. Das wäre doch möglich? Verzweifelt zerre ich an dem Rückspiegel.

Du liebes bisschen, das ist ja völlig parrranoid, berrruhige dich!"

Ich lache schrill auf. „Von wegen depressiv, mein Psychologe ist da völlig auf der falschen Fährte. Paranoid oder schizoid, das ist hier die wahre Frage, ich muss ihn gleich morgen früh anrufen“, sage ich in die Dunkelheit.

Psycho-Kacka, du bist völlig in Ordnung. Jetzt bin ich ja hierrr und werde dirrr helfen." Es wäre Zeit für einen finalen hysterischen Anfall, doch der Tag ist in seiner unerwarteten Unerträglichkeit bereits so weit voran geschritten, dass mein Gaga-Meter 'ne Extra-Umdrehung zu viel hinter sich hat. Alles scheint möglich. Und mit gepflegten Umgangsformen kommt man weit bei mir. Ich konnte heute etwas Zuspruch gebrauchen, selbst aus unkonventioneller Quelle. Mit einem Wolf, einem Vampir oder einem Aschenbecher würde ich mich jetzt unterhalten, böte er es mir freundlich an.

Besten Dank, ich bin weder haarig, blass, noch stinke ich nach Qualm, okay?!" Fast muss ich über den beleidigten Tonfall lächeln obwohl mir gleichzeitig mehr nach Heulen zumute ist. „Ich denke, du solltest etwas mehrrr über deine Gefühle rrreden!", schlägt es vor. „Wäre ein belebtes Wesen nicht besser geeignet?", formuliere ich übervorsichtig.

Temperamentvoll prasseln die Worte auf mich herab. „ Hierrr ist gerade kein Mensch und selbst wenn, du würrrdest schweigen. Mir gefällt dieserrr verrrbitterte Zug im Gesicht garrr nicht. Du wirkst so … so verrrknotet irgendwie!"

„Verknotet?", hake ich nach. „Du meinst wohl eher verblödet?"

No, no!", widerspricht es. „Verrrknotet! Zu viele Gedanken, zu viel Negativität. Du musst positiv denken. Das würrrde meine Aufgabe leichter machen!"

Neugier und Panik wechseln sich ab. „Was für eine Aufgabe?"

Ich werde aus Dirrr einen Traummann machen! Bald schon wirrrst du diese Kleine … wie ist noch gleich ihrrr Name? Nina? Du wirrrst sie verrrgessen und an jedem Finger zehn Frrrauen haben! Ich, Gabriella, werrrde dir dabei helfen." Unüberhörbarer Triumph schwingt in ihrer Stimme mit.

Erneut zähle ich die Finger meiner Hand. Es sind noch immer fünf, jeweils. „Ich will keine Frauenscharen an meinen Fingern!", begehre ich auf. Das nun folgende Schweigen fühlt sich zum Schneiden dick an. Sollte ich die Gefühle meines Handys verletzt haben? Nach ein, zwei Atemzügen ertrage ich die Stille nicht mehr. „Du heißt Gabriella?"

Hast du etwas darrran auszusetzen? Hättest du lieber eine Brunhilde, Doris oder Ljiudmilla?"

Sofort schüttele ich mit aller Entschiedenheit meinen Kopf. „Schon in Ordnung. Ehrlich gesagt, möchte ich nur noch nach Hause, geht das?"

Sie lacht, als hätte ich etwas Dummes gesagt. „Wenn du lieber nach Hause willst, und nicht errrfahren möchtest, wie du wahrrre Liebe erleben kannst ..." Überflüssigerweise werde ich rot. Das hörte sich an, wie einschlägige Werbepausen gewisser Nachtprogramme.

„Ein andermal gerne, jetzt bin ich wirklich hundemüde", versichere ich als wäre Diplomatie die Strategie der Stunde und ernte ein: „ Da kannst du drrrauf wetten, dass ich darauf zurrrückkomme!"

Ich spare mir eine Erwiderung, denn hinter mir hupt es lautstark. Kein Wunder, ich blockiere die Ausfahrt. Hektisch starte ich den Motor und trete das Gaspedal. Muss ich nach rechts oder links? Hilfesuchend schaue ich auf mein Handy. Dem Fahrer hinter mir geht es wohl nicht schnell genug. Ungeduldig überholt er mich rechts und versetzt meinen Seitenspiegel in bedrohliche Schwingungen, während ich im dämmrigen Licht ausgerechnet den schmierigen Kellner von vorhin erkenne. Er hupt noch mal besonders lang und zeigt mir im Abbiegen einen Vogel, meiner Meinung nach, einen ausgewachsenen Königsadler. „Stronzo", höre ich ihn durch das offene Fenster fluchen.

Los ruf ihm nach! Arrrmleuchter! Selberrr Idiot!", feuert mich Gabriella an. Doch ich schweige.

„Kann er dich hören? Kann dich, außer mir, irgendjemand hören?", frage ich, um einen beiläufigen Ton bemüht.

Sei unbesorgt. Ich bin exklusiv nurrr für dich da, und ich wiederhole es gerrrne noch mal. Ich mache aus dir einen rrrichtigen Mann! Einen Teufelskerrrl! Übrigens musst du jetzt rechts abbiegen!", lenkt sie mich und ich folge wie mir aufgetragen. Befehle ausführen ist eine meiner leichtesten Übungen und in der momentanen Situation wahrscheinlich das Sicherste. Ich will nicht auch noch meinen Zigarettenanzünder oder den CD-Player provozieren. Die restliche Heimfahrt verläuft in friedvollem Schweigen. Ich will nur nach Hause, in tiefen Schlaf fallen, damit dieser Alptraum ein Ende findet. Vierzehn lange Minuten später parke ich in der Garageneinfahrt unseres Hauses. Mit spitzen Fingern nehme ich das Handy aus der Halterung, als könnte es mich beißen. „ Kein Wunder, dass du keine Freundin hast, so lasch wie du anpackst!"

Entrüstet protestiere ich. „Streng genommen bist du gar keine Frau!" Den Hinweis, dass diese Aussage selbst im weitesten Sinne nicht zutreffend wäre, verkneife ich mir.

Pah, alles Ausrrreden! Nur keine Sorge, das bekommen wirrr schon hin!" Das klingt für mich wie der schmissige Slogan eines Baumarktes. Bin ich ein defekter Bausatz, der ein bisschen Öl und Feinschliff benötigt? Es reicht! Beherzt will ich den Aus-Schalter drücken, als sie sich nochmals in einem Ton zu Wort meldet, der keinen Widerspruch duldet . „Stopp! Eines muss ich dirrr jetzt sofort noch sagen. Ganz drrringend, es kann unmöglich warten!"

Fast schon erschrocken halte ich inne.

Wie nennt man diese Katastrrrophe auf vierrr Rädern eigentlich? Schrrrottschüssel?“

Beleidigt drücke ich den Aus-Knopf und streife mit einem Gefühl tiefer Zuneigung über den mattweißen Lack meines VW Polos, der noch aus Studentenzeiten stammt und dessen solide Bauart ich nur loben kann. Okay, nicht gerade ein Statussymbol und ein bisschen Blechbüchsen-Gefühl kommt schon beim Fahren auf. Außerdem will ich schon lange einen neuen Lack springen lassen und die türkisenen Seitenaufkleber erneuern. Mal sehen.

Auf dem Weg zur Haustür wiegt das Handy schwer in meiner Hand, dankenswerter Weise bleibt es still. Hektisch stecke ich den Schlüssel in die schwere hölzerne Haustür und öffne. Stille. Noch! In wenigen Tagen werden Nina und Matthias hier einziehen und mir wahrscheinlich nicht nur im übertragenen Sinne direkt auf dem Kopf herumtrampeln. Ich blende den Gedanken aus und versuche mir stattdessen vorzustellen, wie Gabriella wohl aussähe, besäße sie einen Körper, statt eines vollauflösenden Retina-Displays.

2

Die Zusatz-Garantie

"Wenn man einer Frau zu lange den Hof macht, muss man ihn kehren."

Frei nach Peter Weck

„Wie, zurückgeben?" Der Verkäufer versucht nun bereits geraume Zeit weitestgehend erfolglos meinen Ausführungen zu folgen. Mein Gehirn fühlt sich nach in Milch eingeweichtem Toastbrot an. „Äh, ich habe es doch schon erklärt, etwas stimmt nicht mit dem Gerät. Ich möchte es umtauschen!", wiederhole ich so bestimmt ich kann. Doch nicht mal ein zur Serviceorientierung verpflichteter Jungverkäufer lässt sich von meiner homöopathisch dosierten Alpha-Leistung beeindrucken. Kritisch und völlig unkooperativ nimmt er das Teufelsgerät unter die Lupe. „Sieht doch in Ordnung aus!" Er drückt erneut ein paar Knöpfe. Alle Funktionen scheinen wunschgemäß zu blinken, piepen oder antworten. Er nickt immer wieder und wirkt zufrieden. „Alles Bestens! Solange Sie mir nicht genau sagen können, welche Fehlermeldung das Gerät angezeigt hat, kann ich Ihnen leider nicht helfen." Ich könnte ausrasten. Nie bringe ich Dinge so auf den Punkt, dass Widerspruch im Keim erstickt. Matthias würde das selbstverständlich viel besser hinbekommen, der kann ja alles und jeden weichquatschen.

In einer Aufwallung bitterer Machtlosigkeit fällt mir ein, wie er mich heute Morgen, dem "Morgen danach", im Büro angesprochen hat. Nein, nicht am Morgen nach meiner romantischen Liebesnacht mit Nina, sondern am Morgen nach der demütigenden Erkenntnis, dass ich meine Nina eingeladen habe, mit ihrem Lover Matthias zu mir ins Haus zu ziehen und nicht mal ansatzweise die Eier in der Hose hatte, den Missstand aufzuklären. Am Morgen danach, ich nenne ihn Tag 1 n.f.e.D. (nach fataler eierlosen Demütigung) war ich mehr zur Arbeit geschlichen als gegangen, und traf natürlich innerhalb der ersten fünf Minuten auf Matthias. Wie immer holten wir uns beide einen Kaffee zum Start in den Tag. Aber heute war nicht wie immer.

„Hey Martin, altes Haus, das sind ja wirklich riesige Neuigkeiten. Wird bestimmt der absolute Hit!" Matthias hob seine Hand in einer ausholenden Bewegung und ich spürte einen leisen Lufthauch im Gesicht. Irritiert zuckte ich zurück, doch er wollte mir natürlich keine kleben, sondern zum High-Five ansetzen. Ich erkannte verbittert, dass ich derjenige war, der ihm eine kleben sollte, zumindest gerne würde. Ihn total vermöbeln, Terminator- Predator-mäßig, wenn ich nicht so ein Schisser wäre. Beleidigt ignorierte ich seine Monsterpranke und griff nach der Kaffeetasse. „Ich wusste gar nicht, dass du und Nina ein Paar seid!" Er tat es mit einer wegwerfenden Handbewegung und einem Heartbreaker-Grinsen ab. „Ich wollte das nicht so an die große Glocke hängen!" Ach, so wie die Sache mit Silvia, der Kantinenhilfe, Frau Weber aus der Controllingabteilung, oder der Verkäuferin beim Feinkost-Schwengel, dachte ich bei mir und rührte energisch mit dem Löffel im Kaffee während er weiter quatscht „Nina ist wirklich eine tolle Frau. Der ganz große Wurf! Ich sage dir, im Bett die reinste Granate! Jetzt muss ich los, Besprechung beim Chef um zehn! Wir sehen uns später!" Weg war er und hinterließ nur den durchdringenden Duft seines herben Parfums, der heute einen Brechreiz in mir auslösen wollte. Ich rührte weiter in meiner Kaffeetasse, weiter und weiter, bis Kollege Schmidt um die Ecke bog. „Iiih, was soll denn die Schweinerei?", beschwerte er sich lautstark.

Details

Seiten
100
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783945298145
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314412
Schlagworte
Therapie Love Hurmoristische Beziehungsgeschichte Sex and the city Liebe Komödie Beziehung iphone Beziehungsgeschichte Humor Romantisch Romanze

Autor

  • Pascale Graff (Autor)

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Titel: Die Tarzan-Therapie (Appetizer-Ausgabe)