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PHOBIE

wenn Ängste Dein Leben verändern

von Jens Lossau (Autor)

2014 260 Seiten

Leseprobe

ÜBER DIESES E-BOOK

Hannah Olin ist dreizehn Jahre alt. Vor einem Jahr hat sie ihre Mutter verloren. Keiner kann ihr über den Verlust hinweghelfen. Bis zu dem Tag, an dem sie Tom auf dem neben ihrem Elternhaus gelegenen Friedhof kennenlernt. Tom ist ein Außenseiter. Er hat Phobien und versucht diese durch das Ausleben des Extremen zu besiegen. Hannah ist fasziniert von Tom und seinen Geheimnissen. Eines Tages geschieht ein Mord an der Schule. Tom scheint unerreichbar. Hannah beginnt zu zweifeln. Hat sie sich in Tom geirrt?

ÜBER DEN AUTOR

J.Lossau_ebookJens Lossau, geboren 1974 in Mainz, begann bereits früh mit dem Schreiben eigener Texte, die überwiegend dem Genre der phantastischen Literatur zuzuordnen sind. Anfangs erschienen seine Erzählungen in Zeitschriften, später wurden diese in eigenen Sammlungen wie zum Beispiel Entitäten (Ventil-Verlag, Mainz, 1997, zusammen mit J. Schumacher) veröffentlicht.

Der gelernte Buchhändler liebt die dunklen Seiten der Literatur. In seinen Romanen und Kurzgeschichten hat er einen charakteristischen Mix aus Horror, Krimi und Spannung entwickelt, der seine Werke zu einem besonderen Leseerlebnis macht.

Jens Lossau veröffentlicht bei dp DIGITAL PUBLISHERS außerdem:

Zapping

ISBN: 978-3-94529-860-2

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Nicht springen!

ISBN: 978-3-94529-841-1

Zur Leseprobe

Schwarzes Erbe

ISBN: 978-3-94529-800-8

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IMPRESSUM

Originalausgabe September 2014

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© Originalausgabe 2016,
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

PHOBIE


ISBN 978-3-945298-04-6

Covergestaltung: Maja Schollmeyer

Bildnachweis: Zacarias da Mata/fotolia.com

Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

PHOBIE


Jens Lossau

Kapitel 1

Tom hat mit den Ängsten angefangen. Er hat gesagt, man dürfe keine Angst vor der Angst haben.

Ich heiße Hannah Olin (wegen der Initialen hat mich mein Bruder Jerome früher ›H2O‹ genannt, aber das war vor der Katastrophe), und das hier ist das Angstbuch. Ich sitze in meinem Zimmer, aus dessen Ecken die Ängste mit hungrigen Augen auf mich starren und darauf warten, zuzubeißen, denn genau das machen Ängste die ganze Zeit – sie schnappen nach dir. Man muss – sagt Tom – die Angst vorher schnappen und in etwas anderes verwandeln. In etwas, das nicht so scharfe Zähne hat. Deswegen schreibe ich ab sofort alles auf.

Ich hocke auf dem Fensterbrett, von wo aus ich auf den Friedhof hinabschauen kann. Ein schmaler Weg grenzt unser Grundstück von einer verwitterten Mauer ab, hinter der sich ein Meer aus Gedenksteinen aus dem Boden erhebt. Ich kann rote Grablichter erkennen.

Mutti liegt dort, aber ihr Grab kann ich nicht sehen. Es befindet sich hinter der Gruftstraße, die quer durch den Friedhof verläuft.

Dort habe ich Tom kennengelernt.

Eigentlich kenne ich ihn, seit ich aufs Gymnasium gehe, also seit drei Jahren. Wir besuchen dieselbe Klasse, aber er ist mir nie aufgefallen. Er war quasi unsichtbar. Bis heute. Dann geschah Folgendes:

Ich saß am Fenster und suchte mit dem Teleskop den Himmel nach Ufos ab. Das mache ich ab und zu. Ich habe keinen Schimmer, ob es Ufos wirklich gibt (wahrscheinlich nicht) und ob sie einen Abstecher zu unserem Saukaff machen würden (noch unwahrscheinlicher, denn es handelt sich wirklich um ein Saukaff; neulich haben irgendwelche Typen in der Fußgängerzone ein öffentliches Gratisklo eröffnet und dabei so getan, als handele es sich um die Neueinweihung eines antiken Mayatempels). Seitdem Mutti tot ist, kann ich manchmal nachts nicht schlafen. Vielleicht liegt es daran, dass sie so weit weg und gleichzeitig so nahe ist. Ihr Grab befindet sich hundertfünfzig Meter Luftlinie von meinem Fenster aus gesehen, ihre Seele aber ist zerstoben im Nirgendwo.

In den schlaflosen Nächten hole ich Muttis Fliegermütze aus der Schublade. Papa hat nicht bemerkt, dass ich sie aufbewahre. Er ist zu selten daheim, um überhaupt etwas zu bemerken. Er arbeitet bei einer Firma mit unaussprechlichem Namen als Terraformer. Das bedeutet, er plant, wie die Menschen eines Tages fremde Planeten kolonisieren könnten. Wahrscheinlich ist er ein mieser Terraformer, zumindest seit Muttis Tod. Er schafft es ja nicht mal mehr, vernünftige Lebensbedingungen im eigenen Haus aufrecht zu erhalten. Vor einiger Zeit hat er Muttis Klamotten zur Altkleidersammlung gegeben. Ich bin froh, dass ich wenigstens die Fliegermütze retten konnte.

Ein altmodisches Teil. Dunkelbraunes Leder. Man zieht sie sich wie eine Badekappe über, was an den Haaren zieht. Vorne ist eine Art Brille angebracht. Es knirscht, wenn man sie anlegt.

Mutti war Pilotin. Keine Riesenjets oder so. Sie hatte eine Cessna mit einem Propeller an der Schnauze. Sie hat Touristen durch die Gegend geflogen, damit die unser Saukaff aus der Vogelperspektive betrachten konnten.

Ich bin gerne mit ihr geflogen. Mein Bruder Jerome hat sich das nie getraut, obwohl er drei Jahre älter ist als ich. Er hatte Angst vorm Fliegen.

Seit Muttis Absturz ist mit uns etwas passiert. Ich kann es nicht in Worte fassen, aber es ist unheimlich. Es kommt mir vor, als sei das Haus, in dem wir wohnen, von einer Glasglocke umschlossen, in der totale Stille herrscht, ein Vakuum wie im Weltraum. Als würde hier niemand mehr leben. Als wäre nicht nur Mutti gestorben.

An den endlosen, stillen Tagen, an denen nichts passiert, habe ich manchmal das Gefühl, überzuschnappen. Wenn dieses Gefühl zu stark wird, ziehe ich mir Muttis Fliegermütze über, weil sie für mich wie ein Schutzschild funktioniert, und suche den Himmel nach Ufos ab. Ich trage sie auch jetzt und sehe zu, wie der Kugelschreiber die Worte auf das Papier spuckt, als würde er bluten.

Aber mal zurück zum Punkt. Es ist schon nach Mitternacht, und ich muss morgen früh zur Schule.

Ich saß also auf der Fensterbank und hielt mit dem Teleskop nach Ufos Ausschau. Im Hintergrund lief der Soundtrack des Films ›2001‹ (ich mag Soundtracks, in instrumentaler Musik steckt mehr als in Liedern mit Texten, weil man manches nicht mit Worten ausdrücken kann). Der Himmel war langweilig, voller Wolken, ich konnte keine Sterne sehen. Im Haus war es totenstill. Papa schlief im unteren Stockwerk, mein Bruder Jerome war mit seinen Kumpels unterwegs (meine Eltern haben ihn nach Jerome David Salinger benannt, weil Mutti das Buch ›Der Fänger im Roggen‹ so mochte). Kühler Wind wehte durch das Fenster. Ich richtete das Teleskop auf den Friedhof.

Vielleicht liegt es daran, dass ich schon immer hier gewohnt habe, aber ich hatte nie Angst vor Friedhöfen. Ich glaube nicht, dass es auf ihnen spuken könnte oder dass Zombies aus ihren Gräbern auferstehen, auf der Suche nach frischen Menschenhirnen. In manchen Nächten konnte ich auf dem Friedhof Leute beobachten, in der Regel betrunkene Jugendliche. Die Jungs versteckten sich hinter Grabsteinen oder zwischen den Grüften und sprangen hervor, wenn die Mädels des Weges kamen, die sie beeindrucken und abschleppen wollten. Selten habe ich Einzelpersonen gesehen, jedenfalls nicht nach Einbruch der Nacht. Um neun Uhr wird das schmiedeeiserne Tor auf der anderen Seite des Friedhofes vom Gemeindediener abgeschlossen. Es befindet sich in der Nähe der alten Sandsteinkapelle. Man muss über die Mauer klettern, wenn man den Friedhof dann noch besuchen möchte, und welcher normale Mensch macht das schon?

Eigentlich wollte ich nur kontrollieren, ob die Lichter an den Gräbern der Asmunsens und der Köhlers brannten. Ich finde es beruhigend, dass diese Lichter immer leuchten. Jeden Tag kommt jemand und zündet sie an oder stellt neue auf, wenn die alten abgebrannt sind. Es ist gut, dass sich manche Dinge nicht verändern.

Zwischen den Steinen schwebte ein rotes Grablicht, ich glaube, es war das Licht vom Grab der Familie Tanner. Ich mag das Tanner-Grab. Es wird von einer Steinfrau bewacht, die einen ihrer moosbewachsenen Arme zum Himmel hebt und sich den anderen schützend vor die Augen hält.

Jemand drückte sich auf dem Friedhof herum und stahl das Licht von einer meiner Lieblingsgrabstellen!

Ich unterdrückte das Bedürfnis, etwas aus dem Fenster quer über den Weg und die Friedhofsmauer zu brüllen. Verdammt, das war mein Grablicht! Gut, eigentlich gehörte es der toten Familie oder den Angehörigen. Aber irgendwie gehörte es auch mir.

Ich schlüpfte in die Jacke (obwohl es erst August war, wurde es abends schon richtig kühl) und rannte aus dem Zimmer. Dabei vergaß ich, die Fliegermütze abzunehmen. Normalerweise trage ich die nicht, wenn ich rausgehe, damit man mich nicht gleich als Freak abstempelt. Ich rannte die Treppe hinunter, durch die Eingangstür, den Vorgarten und über den Feldweg zur Friedhofsmauer. Bei dem Versuch, die Mauer zu überwinden, schrammte ich mir in der Hektik die Knie auf, aber das war mir egal. Ich landete zwischen zwei Grabsteinen.

Auf dem Friedhof herrscht ein spezieller Geruch. Nirgendwo sonst riecht es so. Graberde, Tannennadeln und noch etwas. Vielleicht Tränen, ins Erdreich eingesickert. Verdunstender Kummer.

Ich rappelte mich auf und rannte in Richtung der Gruftstraße. Ein großer Vogel schoss über mich hinweg. Ich rannte am Grab der Köhlers vorbei, bog in die Gruftstraße ein –

– und stieß mit jemandem zusammen, so heftig, dass ich das Gleichgewicht verlor und auf dem Hintern landete.

Einen Moment lang blickte ich in den dunklen Wolkenhimmel. Irgendwo sagte eine Stimme: »Verfluchter Scheißomat!«

In Büchern oder Filmen sagen die Menschen, die eine tragende Rolle spielen, immer etwas Gehaltvolles, wenn sie zum ersten Mal die Bühne betreten. In der Wirklichkeit ist das nicht so. Man gibt Stuss von sich. Oder eben etwas Vulgäres.

Ich setzte mich auf.

Vor mir schälte sich ein schwarzer Umriss aus der Dunkelheit hervor. Der Mensch, in den ich hineingerannt war, schien ein Junge zu sein, jedenfalls der Stimme nach. Er war ebenfalls hingefallen. Ich sah schwarze Converse-Sneakers, die von einem roten Grablicht zwischen unseren Füßen beleuchtet wurden.

Wahrscheinlich wäre es klug gewesen, ich hätte eine Taschenlampe mitgenommen, aber daran hatte ich nicht gedacht. Der Kerl kroch auf Händen und Füßen zurück. Ich sprang nach vorne und schnappte mir das Grablicht. Es war nicht beschädigt, obwohl das Behältnis aus Glas bestand.

»Wer bist du?« Das Blut rauschte mir in den Ohren. »Was machst du hier?«

Die Äste der Friedhofsbäume knarrten im Wind. Ich arbeitete mich auf die Beine und hielt das zurückeroberte Grablicht ausgestreckt vor mich, aber es spendete zu wenig Licht, als dass ich mein Gegenüber genauer in Augenschein hätte nehmen können.

Der Kerl zog die Beine an. Sekunden vertickten. »Du … du bist … ein Mensch, oder?«

»Ja, ich bin …« Ich trat einen Schritt nach vorne. »Was hast du denn gedacht?«

Der Schatten erhob sich. Zögerlich kam er einen Schritt auf mich zu. Das Gesicht, das vom rötlichen Schimmer beleuchtet wurde, sah verängstigt aus.

Nein, das stimmt nicht. Es war mehr. Ich sah nackte Angst. Das war kein gewöhnliches Erschrecktsein, sondern etwas, das nahe an der Panik lag. Es dauerte nur einen Moment, dann verschwand der Ausdruck. Zurück blieb ein verlegenes Lächeln. »Hey, ich kenn dich«, sagte der Junge, der plötzlich gar nicht mehr ängstlich klang. »Du bist Hannah. Wir gehen in dieselbe Klasse.«

Ich identifizierte mein Gegenüber. Tom, Nachname unbekannt. Wir hatten noch nie ein Wort miteinander gewechselt. Allerdings trifft das auf die meisten meiner Mitschüler zu. Ich verbrachte die Pausen lieber allein und verzog mich mit meinem MP3-Player auf die Wiese hinter der Schule. Es nervt, mit anderen zu reden. Die haben nur Scheiße im Hirn.

Der Junge namens Tom trug eine schwarze Hose, ein schwarzes Hemd, darüber eine schwarze Jacke. Seine dunklen Haare wuchsen in ein Dutzend Richtungen. Ich hatte ein paar Mal erlebt, wie ihn die anderen auf dem Schulhof gehänselt hatten. Sie hatten ihn ›Scarecrow‹ genannt, und wenn ich ehrlich bin, war das nicht gerade an den Haaren herbeigezogen. Er hatte tatsächlich etwas von einer Vogelscheuche, mit diesen unnatürlich langen Armen und Beinen. Und sein Gesicht, auf dem die Schatten tanzten – Himmel, er sah aus wie ein Junge, der schwerkrank war. Plötzlich hatte ich die Befürchtung, dass er es wirklich war.

»Du bist Flygirl, nicht wahr?« Sein Lächeln erstarb.

»Bitte, wer bin ich?« Ich schüttelte den Kopf. »Was machst du hier? Warum …«

»Und was machst du hier, wenn du die Frage gestattest?«

Wenn du die Frage gestattest. Also echt!

»Jetzt mal langsam, alles der Reihe nach! Wie hast du mich gerade genannt?«

»Flygirl. So nennen dich doch die anderen. Wegen deiner Mütze.«

Mir wurde bewusst, dass ich noch immer Muttis Fliegerkappe samt Brille trug. Ich riss sie mir vom Kopf, wobei ich mich halb skalpierte. »Wer, bitteschön, nennt mich Flygirl? Wenn du die Frage gestattest!«

Tom zuckte mit den Achseln. »Deine Freunde. Ist doch dein Spitzname, oder?« Er sah zu Boden, als gäbe es dort etwas Interessantes zu entdecken.

»Ich habe keine Freunde! Wer nennt mich Flygirl?«

»Ich weiß nicht. Die anderen.«

»Und dich nennen sie Scarecrow! Na wunderbar. Was machst du hier, Scarecrow? Bist du pervers oder was?«

»Nein, nein … ich-ich meine, ich-ich-ich wollte nicht …«

»Warum hast du mein Grablicht gestohlen?«

Er scharrte mit den Schuhen im Kies. »Oh. Ich wusste nicht, dass das dein Grablicht ist. Ich nehme ein anderes, okay?«

»Was, verflucht noch mal, machst du hier? Wo sind die anderen?«

»Welche anderen?«

»Du bist doch nicht allein hier. Antworte!« Ich kam mir vor wie die inoffizielle Friedhofswächterin.

»Nein … ich bin … also, ich bin allein. Nur ich und Knusperkerl. Ich heiße Tom.«

»Knusperkerl?« Ich sah mich nach allen Seiten um. »Wo steckt dieser ominöse Knusperkerl?«

»Er liegt in einem Schuhkarton. Für ihn war das Grablicht bestimmt, wusste ja nicht, dass es dir gehört.« Er atmete schnaufend ein und aus, als bekäme er schlecht Luft. »Also, was treibst du hier, wenn du die Frage gestattest? Ich mein, ich hab ja einen Grund für meine Anwesenheit, aber du …«

»Ich wohne hier«, keifte ich. »Wer ist dieser Knusperkerl? Und wieso liegt er in einem Schuhkarton? Warum passt der da überhaupt rein?«

Tom ließ die Schultern hängen und schwieg. Er sah aus wie ein zu junger Totengräber.

Mir kam ein merkwürdiger Gedanke. Ich dachte: Er wird nie im Unterricht dran genommen, weil die Lehrer Angst vor ihm haben. Deswegen war er bisher unsichtbar. Er strahlt etwas aus, etwas Abschreckendes, bei dem man am liebsten wegschauen möchte. Ein Junge mit dunklen Geheimnissen, den man allzu gern übersieht.

Knusperkerl. Ich hatte keinen Schimmer, wovon er sprach, und ich hielt es in diesem Moment für wahrscheinlich, dass dieser Junge verrückt war.

Tom fuhr sich durch das chaotische Haar. »Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe. Ich wollte nicht …«

»Ich habe eher das Gefühl, ich habe dich erschreckt. So, wie du geguckt hast, als ich in dich hineingerannt bin.« Ich wollte das Eis ein wenig brechen, aber er lächelte nicht.

»Knusperkerl ist mein Kater«, sagte er. »Liegt wie gesagt da hinten in einem Schuhkarton. Ein LKW hat ihn erwischt. Willst du ihn mal sehen? Ich habe ihn fotografiert. Ich fotografiere gern tote Tiere.« Er zog eine kleine Digitalkamera aus der Jackentasche.

»Du … du fotografierst gern tote Tiere? Was denn für tote Tiere, um Himmels Willen?«

Er trat neben mich. Wie alles an ihm, war auch der Geruch, den er verströmte, sonderbar. Er roch nach verwelkten Blumen. Trotzdem war es kein unangenehmer Geruch.

»Tiere, die am Straßenrand liegen. Überfahrene Tiere.«

»Warum fotografierst du denn tote Tiere? Das ist doch krank. Findest du tote Tiere etwa schön?«

»Nein, schön sind die nicht.«

»Bist du doch irgendwie pervers?«

Er stieß ein krächzendes Geräusch aus, das ich als Lachen identifizierte. »Wenn man tote Tiere fotografiert, rettet man ihre Seele.«

Ich sah auf die Kamera, die in seiner schmalen Hand lag. Auf dem leuchtenden Display war eine Straße mit einem platt gefahrenen Igel zu erkennen. Hervorquellende Gedärme, Blut, gebrochene Knochen. Ich sah weg. »Das ist ja ekelhaft.«

»Ich fotografiere auch andere Sachen. Hübsche Gräber zum Beispiel. Und Schmetterlinge.« Er drückte einen Knopf der Kamera, und auf dem Display erschien ein bunt gemusterter Schmetterling, der auf einer rosafarbenen Blüte saß.

»Du … du bist ... du hast sie nicht alle, kann das sein?«

Er zuckte mit den Achseln. »Wenn tote Tiere auf der Straße liegen, ist das traurig. Die sind nur noch Matsch. Fleisch und Innereien. Abfall. Wenn man sie fotografiert, verwandeln sie sich. Sie werden bedeutsam. Ich gebe den Tieren die Seele zurück. Die Seele ist schnell.«

Der Wind hatte zugenommen. Bald würde es richtig regnen. Ich spürte erste kalte Tropfen auf der Haut. »Und du hast deinen Kater …«

»Knusperkerl.«

»Du hast … ähm, Knusperkerl hierher gebracht? Wieso überhaupt Knusperkerl? Was ist das denn für ein Name für eine Katze?«

Er verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich ein ziemlich blöder. Irgendwie hieß er schon immer so. Er war so alt wie ich. Vierzehn.«

»Ist das alt für einen Kater?«

»Geht so. Er hätte noch älter werden können, wenn ihn der LKW nicht erwischt hätte. Hab ihn heute Vormittag gefunden, auf dem Nachhauseweg von der Schule. Lag im Rinnstein.«

»Wie lange hat er denn bei dir gewohnt?«

»Knusperkerl hat meinem Vater gehört. Der lebt aber auch nicht mehr. Knusperkerl war da, so lange ich zurückdenken kann. Mein ganzes Leben.«

»Oh. Tut mir leid.«

»So etwas passiert.«

»Ist aber trotzdem scheiße.«

Ich forschte in Toms Gesicht nach einer Gefühlsregung –, aber da war nichts. Der Wind fuhr in sein chaotisches Haar.

»Ich wollte Knusperkerl hier beerdigen, weil Mam… weil meine Mutter es nicht erlaubt, dass ich ihn im Garten beisetze. Ich wollte ihn zuerst heimlich beerdigen, aber das hätte sie mitbekommen. Sie hätte ihn von Jean wieder ausgraben lassen. Jean ist unser Gärtner.«

»Ihr habt einen eigenen Gärtner?«

»Natürlich.« Er sagte das in einem Tonfall, als habe jeder auf der Welt einen eigenen Gärtner. »Dachte mir, ich beerdige Knusperkerl auf dem Friedhof. Das ist nur recht und billig.«

Mir kam ein Gedanke. »Du wolltest ihn im Grab deines Vaters beisetzen, nicht wahr?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, mein Vater liegt nicht hier. Aber hinter der Gruftstraße gibt es ein sehr schönes Grab mit einer Granitfrau. Ich hab eine Schaufel dabei. Wollte Knusperkerl dort beisetzen. Deswegen hab ich das Grablicht gestohlen. Tut mir leid, ich wusste nicht, dass es dir gehört.«

Um uns herum begann der Regen in den Büschen und Bäumen zu raunen. Ich zog mir Muttis Fliegermütze wieder über. »Okay. Wenn du willst, helfe ich dir.«

Tom trat einen Schritt zurück. »Was?«

»Ich helfe dir, deinen Kater zu beerdigen.«

Einen Moment lang sah er mich mit ungläubigem Gesichtsausdruck an, dann glätteten sich seine Züge. »Okay. Komm mit.«

Wir liefen die Gruftstraße entlang. Es handelt sich tatsächlich um eine Art Straße, gesäumt von kleinen Gebäuden, die Eingänge mit Eisengittern versperrt, dahinter Treppen, die zu den Särgen oder Sarkophagen hinab in die Tiefe führen. An einer Gruft, deren Eingang zwei Engelsfiguren mit abgebrochenen Flügeln bewachten, bogen wir in einen Seitenweg ein.

Das Grab, das Tom für seinen toten Kater ausgesucht hatte, war wirklich hübsch. Ein ehemals schwarzer Grabstein zierte die Stelle. Davor wuchsen immergrüne Büsche. Der Boden war mit Rindenmulch bedeckt. Neben dem Grabstein stand eine Frau aus Granit. Sie hielt sich eine moosbewachsene Hand vors Gesicht, mit der anderen berührte sie den Stein. Ich konnte wegen des Efeus die Schrift darauf nicht entziffern. Auf dem Kiesweg lagen ein Schuhkarton von Nike und eine Schaufel.

»Okay, was soll ich machen?«, fragte ich.

Tom ergriff den Spaten. »Pass einfach auf, dass niemand kommt.«

Er begann zu graben. Ich beobachtete ihn.

Verdammt, er hatte tatsächlich etwas von einer Vogelscheuche, mit den wild wachsenden Haaren, dem weißen Gesicht und den schlaksigen Armen und Beinen.

Nein, das stimmt nicht , dachte ich. Eigentlich ähnelt er mehr einem Geist. Er sieht aus wie ein Junge, der vor langer Zeit gestorben ist und seit hundert Jahren auf dem Friedhof umgeht.

Plötzlich begann es, wie aus Kübeln zu schütten. Binnen Sekunden waren wir bis auf die Knochen durchnässt.

Zwischen zwei Spatenstichen fragte Tom, dem das Haar in der Stirn klebte: »Wieso hast du mich hier überhaupt entdeckt? Bist du auf dem Friedhof herumgewandert, oder was?«

»Wie gesagt, ich wohne hier.«

»Du wohnst auf dem Friedhof?«

»Quatsch! Im Haus gegenüber. Kann von meinem Fenster den Friedhof beobachten. Das mache ich manchmal.«

»Okay.«

»Ich hab ein Teleskop, mit dem ich nach Ufos … also, ich meine, damit kann man ganz gut … ähm, gucken.«

»Du beobachtest also nachts den Friedhof mit einem Fernglas?«

»Mit einem Teleskop.«

»Und dabei hast du mich entdeckt?«

»So sieht’s aus.«

Tom wirkte mittlerweile überhaupt nicht mehr schüchtern. Konzentriert arbeitete er im Regen. Ich fragte mich, was passieren würde, wenn jemand vorbeikommen und sehen würde, wie wir ein Grab schändeten. Das würde bestimmt Ärger geben.

Es dauerte nicht lange, bis Tom ein kleines Loch ausgehoben hatte. Er ließ den Spaten fallen und bettete den Schuhkarton in die Minigrube. Ohne eine Pause einzulegen, begann er, das Loch wieder zuzuschaufeln.

»Willst du nicht etwas sagen?«, fragte ich. »Ein paar Worte des Abschieds oder so? Ich mein, das hier ist doch eine Beerdigung.« Tom lächelte, schüttelte den Kopf.

Ich spürte den Regen, der in meine Klamotten drang und blickte in die Richtung, wo sich unser Haus befand, konnte es aber in der Dunkelheit jenseits der Friedhofsmauer nicht erkennen. In keinem der Fenster brannte Licht.

Tom klopfte mit der flachen Seite der Schaufel die Erde glatt, verteilte den Rindenmulch gleichmäßig und platzierte das Grablicht in der Mitte. Nach dieser Prozedur war nicht mehr zu erkennen, dass hier jemand ein zusätzliches Grab ausgehoben hatte.

»Hoffentlich mögen die Leute, die hier liegen, Knusperkerl.« Er lächelte mich wieder an. »Weißt du, Knusperkerl war etwas eigenartig. Ein seltsamer Kater. Sehr unkätzisch. Hab ihn aber gemocht. Sein Fell war schwarz wie die Nacht, und er hat immer bei mir im Bett geschlafen. Zumindest, seit mein Vater ... seitdem er weg ist.«

Mit gesenkten Köpfen standen wir im Regen. Ich weiß nicht, was in mich fuhr, aber plötzlich sagte ich: »Meine Mutter liegt hier ganz in der Nähe.«

Zuerst dachte ich, Tom habe mich nicht gehört, aber dann nickte er. »Woran ist sie gestorben?«

»Unfall. Hobbypilotin.«

»Abgestürzt?«

Ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen. »Die Motoren haben ausgesetzt. Technischer Fehler. Die Notlandung ging schief.«

»Glaubst du, sie ist jetzt ein Geist?«

»Was?« Ich fuhr herum. »Nee! Natürlich nicht! Ich glaube nicht an Geister.«

Tom wandte nicht den Blick vom Grab. »Ich schon. Aber nur Menschen können als Geister wiederkehren. Tiere nicht.«

»Du glaubst echt an Gespenster?«

»Nein.«

»Aber du hast doch eben …«

»Ich glaube an Geister, nicht an Gespenster.«

»Da gibt’s Unterschiede?«

»Allerdings.« Er stieß ein Seufzen aus, als sei er es müde, das immer wieder erklären zu müssen. »Weißt du, nicht alle Menschen kommen zurück. Das würde ein ziemliches Getümmel geben. Der Tod muss extrem furchtbar gewesen sein.«

»Du hast vorhin gedacht, ich wäre ein Geist, nicht wahr? Als wir ineinander gerannt sind.«

»Vielleicht.«

»Aber Geister haben keine Körper. Wie sollte dich ein Geist umrennen können?«

»Guter Punkt. Wollen wir jetzt deine Mutter besuchen?«

Es irritierte mich, wie schnell er das Thema wechselte. »Ich … ich weiß nicht. Sollen wir?«

»Ich würde gern ihren Grabstein sehen. Natürlich nur, wenn du nichts dagegen hast.«

»Sie hat noch keinen Grabstein, nur ein Holzkreuz. Die Erde muss sich noch senken, glaube ich.«

In letzter Zeit hatte ich Muttis Grab selten besucht. Kurz nach ihrem Tod bin ich jeden Tag hingegangen, allerdings hat mich das noch trauriger gemacht, als ich ohnehin schon war, deswegen ließ ich es irgendwann bleiben.

Letzte Nacht jedoch stattete ich ihr mit Tom einen Besuch ab. Unter dem Holzkreuz, auf dem ihr Name und ihre Lebensdaten eingraviert sind (Helena Olin, 1976 – 2012), waren die Blumen verwelkt.

»Sie bekommt aber noch einen Grabstein, oder?« Tom klang besorgt.

»Ich glaube schon.« Tatsächlich hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht.

Es war total bescheuert, kindisch, albern, aber plötzlich musste ich heulen. Da ich noch immer die Fliegerbrille auf der Nase hatte, sammelten sich die Tränen in den Gläsern und überschwemmten mein Sichtfeld, also zog ich sie ab, damit der Regen sie fortspülen konnte. Ich hoffte, dass Tom die Tränen nicht bemerkte, aber ich glaube, er sah sie doch. Er streckte die Hand aus, als wollte er mich berühren, aber das tat er nicht.

»Vor Geistern braucht man keine Angst zu haben.« Er sprach fast flüsternd. »Weil Geister einen trösten. Du bist nicht einfach weg, verstehst du? Nach dem Tod gibt es etwas, und das ist gut zu wissen. Ich möchte nicht einfach weg sein. Man darf vor allen möglichen Dingen Angst haben, aber nicht vor Geistern. Vielleicht sitzen die Toten jetzt gerade um uns herum und beobachten uns.«

Dieser Junge war wirklich seltsam, anders als alle Menschen, denen ich bisher begegnet war.

»Sie ist seit einem Jahr tot.« Ich konnte mein Weinen nicht mehr aus der Stimme halten. »Seitdem kommt es mir vor, als würde ich in einem Alptraum feststecken. Als müsste ich nur die Augen zusammenkneifen, und dann würde ich aufwachen, und alles wäre wieder wie früher. Aber das ist nicht die Realität. Die Realität ist schrecklich.«

Tom nickte. »Alles ist schrecklich, weil alles Angst macht. Geht mir genauso. Die Angst beherrscht alles.«

Er wirkte in diesem Moment auf mich nicht gerade wie jemand, dem alles Angst bereitete. Er drehte sich zu mir, und ein merkwürdiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Ängste schnappen nach dir, Hannah. Aber das sollte nicht sein. Man muss die Angst vorher schnappen und sie in etwas anderes verwandeln. Etwas, das nicht so scharfe Zähne hat, findest du nicht auch?«

»Ich … ich weiß nicht … «

»Kein Mensch auf dieser Welt sollte vor irgendetwas Angst haben müssen. Zumindest sollte man keine Angst vor der Angst haben.«

Ich wischte mir die Nässe vom Gesicht. »Das ist einfacher gesagt als getan.« Unbehagen überkam mich, als Tom mich mit seinen dunklen Augen musterte, und plötzlich dachte ich: Er ist wirklich ein Geist, aber er weiß es nicht. Er ahnt es bloß.

»Wir sind süchtig nach Ängsten«, sagte er. »Wir kleiden uns in Ängste, und das ist total krank. Ängste kann man nur bezwingen, indem man sie kontrolliert. Man muss sich ihnen bewusst aussetzen, um sich zu trainieren. Erst dann verschwinden sie.« Er zuckte mit den Achseln. »Glaub ich zumindest. Vielleicht hab ich auch nur Scheiße im Hirn.«

»Ich … ich weiß nicht, was du meinst.«

»Schon gut. Vergiss es. Ich rede manchmal Unsinn.«

Der Regen ließ nach. Keine Ahnung, wie spät es zwischenzeitlich war. Wir machten uns auf. Nachdem Tom die Schaufel hinübergeworfen hatte, kletterten wir über die Friedhofsmauer und liefen ein paar Meter den Feldweg davor entlang.

»Wir sehen uns in der Schule.« Tom hatte sich den Spaten über die Schulter gelegt. »Bis dann, Hannah.« Und damit marschierte er einfach davon, ohne sich noch einmal umzudrehen. Ich blickte ihm nach, bis er hinter der nächsten Kurve verschwunden war.

Durchnässt und müde, wie ich war, fühlte ich mich zwar erschöpft, aber gleichzeitig auch leicht und beschwingt. Mir war kalt und warm zugleich.

Zuhause stellte ich mich unter die Dusche, schlüpfte in ein T-Shirt und eine kurze Hose und legte mich ins Bett. Ich konnte nicht schlafen.

Jetzt sitze ich am Schreibtisch neben dem Teleskop und schreibe das alles nieder, um mich zu sortieren. Allerdings bezweifle ich, dass ich jetzt schlauer bin als vorher.

Mir fallen die Augen zu. Werde mich jetzt hinlegen, auch wenn es mir davor graut, denn seit einem Jahr habe ich schlechte Träume. Ich träume von Flugzeugen, die vom Himmel fallen.

Ob man bei einem Flugzeugabsturz den Aufprall noch mitbekommt? Spürt man die Flammen, wenn die Maschine explodiert? Oder befindet man sich dann schon im Jenseits, zerstoben im Nichts?

Vielleicht kommt mir beim Einschlafen noch ein sinnvoller Gedanke.

Vielleicht steige ich dahinter, was mich an Tom so fasziniert hat.

Oder warum ich seit unserer Begegnung auf dem Friedhof unentwegt an ihn denken muss.

Kapitel 2 – GELOTOPHOBIE

Ich glaube, am deutlichsten kommt zutage, dass bei uns zu Hause etwas nicht in Ordnung ist, wenn man an unserem Frühstück teilnimmt. Morgens ist die Welt sowieso noch unfertig. Die Sonne bemüht sich zwar zu scheinen, aber da unser Kaff in einem Tal liegt, herrscht um diese Zeit meistens Nebel.

Heute Morgen stand ich auf und ging unter die Dusche, um wach zu werden (obwohl ich schon am Abend zuvor geduscht hatte). Früher habe ich morgens immer gebadet, ich liebte das, aber irgendwie reicht mir für so eine Prozedur die Zeit nicht mehr.

Ich hatte schlecht geschlafen. Ich erinnerte mich zwar nicht an den Inhalt des Alptraumes, weiß aber, dass es in meinem Kopf ziemlich heftig zugegangen sein muss. Ich fühlte mich echt beschissen, als ich nach unten zum Essenstisch taumelte.

Papa war schon weg. Ich glaube, seine Arbeit als Terraformer beginnt um sieben. Eigentlich hat er keinen weiten Weg zum Institut, trotzdem verlässt er immer um fünf Uhr das Haus. Ich frage mich, wo er hinfährt. Früher dachte ich, er würde Muttis Grab besuchen, aber ich habe das überprüft, das macht er nicht. Er steigt in unseren braunen Volvo und kurvt wahrscheinlich ziellos umher, bis er innerlich gewappnet ist, dem Terraforming und anderen Menschen zu begegnen.

Mein Vater: Groß, über 1,90, schütter werdendes Haar, schmales Gesicht. Ich habe seine Nase. Früher hat er es geliebt, wenn ich mit ihm herumtobte. Er war ziemlich kitzlig. Seit Muttis Tod ist er nicht mehr kitzelig. Vor einiger Zeit habe ich mich in einem Anfall von Kleinkindertum (oder wie das heißt) auf ihn gestürzt und versucht, ihn zum Lachen zu bringen, aber er hat nicht mal gelächelt. Hat mir eine Hand auf die Schulter gelegt und in einem dumpfen Tonfall gesagt: »Lass.«

Mein Bruder Jerome saß am Frühstückstisch. Er ist drei Jahre älter als ich. Seit letztem Herbst sechzehn. Seinen Geburtstag – den ersten ohne Mutti – hat er mit ein paar Kumpels bei uns in der Garage gefeiert. Sie hörten Black Metal und leerten ungefähr tausend Flaschen Wein. Morgens um fünf – Papa hatte das Haus bereits verlassen – wachte ich auf, weil ich ihn auf dem Klo hörte. Er klang wie ein verstopfter Abfluss. Ich ging nachsehen. Er hat sich die Seele aus dem Leib gekotzt. Das Klo sah vielleicht aus! Er kniete über der Schüssel, konnte sich in dieser Position aber kaum halten. Ich bin zu ihm und habe ihm das halblange Haar aus dem Gesicht gehalten, damit er das nicht auch noch vollkotzte. Ich machte mir Sorgen, er könne ersticken. Jungs kotzen sich andauernd zu Tode. Das ist nun mal eine Tatsache.

Zuerst kapierte er nicht, dass ich bei ihm im Klo war und ihn stützte. Sein Gesicht war auf der linken Seite rot angelaufen, die andere Hälfte war blass, ein merkwürdiger Mischmasch. Tränen liefen ihm über die Wangen. Zwischen den röchelnden, würgenden Kotzanfällen rief er: »Wo ist Mutti? Kommt sie heute noch?« Ich wusste nicht, ob er nur tierisch besoffen war oder ob er sich komplett den Verstand weggeballert hatte. Nach einer Weile stand er auf und taumelte in sein zugemülltes Zimmer, in dem es immer nach abgestandenem Rauch riecht. Er fiel aufs Bett. Ich blieb noch eine Weile bei ihm, falls er im Schlaf wieder eine Kotzattacke bekommen sollte.

Später kam er zu mir rüber. Er sah aus wie ein wandelnder Leichnam. »Warst du … hast du mich im Bad?« Jerome besitzt die Eigenart, Sätze unvollendet in der Luft hängen zu lassen, wenn er einen Kater hat.

»Du hast ganz schön gekübelt«, sagte ich. »Aber keine Angst. Ich hab sauber gemacht. Riecht nur noch ein bisschen streng.«

Damit konnte ich ihm wenigstens ein kleines Lächeln entlocken. »Danke. Aber! Hab ich vielleicht? Ich meine …« Er rang mit sich, starrte auf seine nackten Füße, die seltsam haarig sind, wie bei einem Hobbit. »Hab ich was Komisches gesagt?«, murmelte er.

In seinem Blick lag eine unausgesprochene Bitte. Ich schüttelte den Kopf. »Nein, du warst nicht in der Lage zu sprechen.«

Er schnaubte. »Ja. Weiß ich. Wenn ich was gesagt. Dann nicht. Aber!«

Wahrscheinlich erinnerte sich ein Teil seines Gehirns daran, was er von sich gegeben hatte. Er ahnte, dass die getrockneten Tränen auf seiner Wange nicht nur von der Kotzerei kamen, und er wusste, dass ich es wusste, und weil ich meine Klappe hielt, hatte ich was gut bei ihm. Kompliziert.

Ich hab Jerome gern, obwohl er völlig anders ist als ich. Er raucht wie ein Bekloppter und säuft sich mit seinen seltsamen Kumpanen regelmäßig ins Koma. Früher konnte er mich gut trösten. Darin war er ganz groß. Ich war zehn, er dreizehn, als mein Hamster (Trampeltier) starb. Ich war traurig, obwohl das blöde Vieh ja eigentlich nichts Spektakuläres anstellte. Trampeltier fraß den ganzen Tag und lief wie ein Psychopath in seinem Laufrad herum. Eines Tages kam er nicht mehr aus seinem Häuschen. Tot. Seine Leiche sah alles andere als friedlich aus. Trampeltier (er hieß so, weil er unnatürlich fett war) lag mit offenen Knopfaugen auf der Seite, die winzige Zunge klebte zwischen seinen gefletschten Nagerzähnen. Wahrscheinlich Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Ich musste heulen. Jerome kam zu mir ins Zimmer, betrachtete den Kadaver und behauptete, dass Trampeltier jetzt im Hamsterhimmel sei oder so ähnlich. Was man kleinen weinenden Schwestern in so einer Situation eben sagt. Wir haben ihn dann in unserem Garten beerdigt. Jerome hat ein riesiges Tamtam veranstaltet, er hat sogar eine Grabrede gehalten und Trampeltiers Leben als verfettetes Individuum seiner Gattung Revue passieren lassen.

Schon damals wusste ich, dass Jerome mich vor allem Unglück, aller Trauer beschützen wollte. Obwohl wir kaum Gemeinsamkeiten haben, war ihm das stets wichtig.

Seit Muttis Tod ist es genau umgekehrt. Die Ebenen haben sich verschoben. Jetzt muss ich ihn trösten. Zumindest muss ich die Lüge unserer Restfamilie aufrecht halten und so tun, als sei alles in Ordnung. Ich muss so tun, als habe er nicht im Bad geweint und nach Mutti gerufen.

Aber mal zurück zum Punkt. Esszimmertisch, Frühstückssituation.

Morgens ist Jerome kein menschliches Wesen und demzufolge nicht zu einer gepflegten Konversation in der Lage. Das ist in Ordnung, ich bin um diese Zeit auch nicht gerade das blühende Leben. Zwischen uns herrscht das schweigende Einverständnis, beim Frühstück keine Worte abzusondern. Früher haben Mutti und Papa immer gequatscht, was manchmal nervig war, aber irgendwie war das unser Hallo-wach. Letztendlich sind wir in die Gespräche eingestiegen. Der Tag hat eine andere Färbung, wenn du gut gefrühstückt und schon ein paar mehr oder weniger sinnvolle Sätze von dir gegeben hast.

Jetzt schweigen wir, weil die leeren Plätze unserer Eltern – wie soll ich es ausdrücken? – na ja, ganz besonders leer sind. Ich meine, sie sind nicht bloß übers Wochenende zu Freunden gefahren (was sie gerne taten, als wir alt genug waren, so dass wir das Haus manchmal das ganze Wochenende für uns hatten).

Innerhalb eines Jahres hat sich auch das Licht in unserem Haus verändert. Dafür gibt es keine physikalische Erklärung, aber es ist nun mal eine unumstößliche Tatsache, dass jetzt alles dunkler wirkt. Diesiger. Vielleicht geben die Glühbirnen allmählich den Geist auf, vielleicht hat sich auch das gesamte Gebäude gesenkt, so dass die Sonnenstrahlen in einem anderen Winkel einfallen, ich weiß es nicht. Jedenfalls herrschen in unserem Haus die Lichtverhältnisse wie kurz vor einem Gewitter. Möglicherweise liegt es daran, dass niemand mehr die Fenster geputzt hat, seitdem das Flugzeug abgestürzt ist. Es war nicht so, dass nur Mutti die Fenster putzte. Wir wechselten uns ab, hielten uns an einen strengen Haushaltsplan, jeder musste mal ran, es sei denn, man hatte Pest oder Cholera. Aber seit dem Absturztag kümmert sich keiner mehr um diesen Plan. Wir vergammeln nicht komplett – irgendwer bringt immer den Müll raus oder spült ab – aber man erkennt die Nachlässigkeiten. Dicke Staubschichten. Blinde Fenster. Ungesaugter Boden. Nicht weggeräumte Sachen, wo man hinschaut.

Wir decken auch nicht mehr am Abend vorher den Frühstückstisch. Jeder holt sich am Morgen seinen Kram aus den Schränken. Papa kocht um fünf Uhr morgens eine Kanne Kaffee, aber um sieben ist der Kaffee bereits bitter geworden.

Und noch etwas: Mutti hat Zimmerpflanzen gemocht, und unseren Garten. Seit ihrem Tod sind sämtliche Zimmerpflanzen eingegangen, und unser Garten – ein finsteres Kapitel, über das man besser den Mantel des Schweigens breitet. Unkraut und Efeu freuen sich. Es würde mich nicht überraschen, wenn in diesem Urwald schon Menschen verschollen sind. Unsere Schaukel, die nie abgebaut worden ist, obwohl wir sie schon seit Jahren nicht mehr benutzen, ist ein zugewuchertes Rostungetüm.

Aber mal endlich zurück zum Punkt. Frühstückssituation mit nichtmenschlichem Bruder.

»Mrgen.« Es klang, als müsse Jerome aufstoßen. Ohne aufzusehen, löffelte er sein Müsli. Ich ging zum Schrank, holte mir meine Kellogg’s heraus, schenkte mir einen Kaffee ein und ließ mich auf meinen Stuhl fallen.

Wir mümmelten unser Frühstück. Jerome schaltete das Radio ein, damit Stimmen unser Haus erhellten, schwebend und flüchtig wie Geister.

Ich kam an diesem Morgen zu spät zur Schule, weil ich unterwegs einen Igel von der Straße retten musste. Das hat Zeit in Anspruch genommen.

Ich hasse es, in eine laufende Stunde zu platzen. Alle starren dich an, in diesem unangenehmen Moment des Schweigens, wenn du die Tür des Klassenraums öffnest und den Unterricht unterbrichst.

»Ach, Frau Olin«, sagte Herr Vosskühler, mein Klassenlehrer, bei dem wir Deutsch haben. »Nett, dass Sie doch noch den Weg in die heiligen Hallen der Wissensvermittlung gefunden haben.« Er sagte das nicht sarkastisch. Abgesehen von peinlichen Anfällen, in denen er witzig zu sein versucht, ist Herr Vosskühler eigentlich ganz okay. Die anderen glotzten mich an. Ich versuchte, möglichst kaltblütig zurückzustarren.

»Tschuldigung«, murmelte ich und setzte mich auf meinen Platz. Die Tische unseres Klassenraums sind in einer U-Form angeordnet, ich sitze hinten rechts, ohne direkten Sitznachbarn. Tom sitzt an der linken Spitze des Us. Unsere Blicke begegneten sich, er lächelte mir zu.

Die letzte Nacht steckte mir noch in den Knochen, also parkte ich das Kinn auf den Händen, simulierte Existenz und ließ die Gedanken schweifen. Immer wieder schielte ich zu Tom hinüber, aber er würdigte mich keines weiteren Blickes, vielleicht, weil ich sein Begrüßungslächeln nicht erwidert hatte. Im Hellen sahen seine in ein Dutzend Richtungen wachsenden Haare noch chaotischer aus. Und seine Augen – Mann, die faszinierten mich. Bisher war mir nicht aufgefallen, dass sie fast schwarz waren.

Ich dachte daran, was er gesagt hatte – dass sein Vater tot, aber irgendwo anders begraben sei. Seit wann wohnte Tom eigentlich in unserem Kaff? Auf meine Grundschule ist er jedenfalls nicht gegangen, und hier gibt es nur eine.

Im Grunde wusste ich nichts über ihn. Ich versuchte, mich an Mitteilungen aus der Schulhof-Gerüchteküche zu erinnern, aber mir fiel nichts ein, was Tom betraf. Das lag daran, dass ich mich so gut wie nie mit jemandem unterhielt. Seit ich aufs Gymnasium ging, hatte ich keine Freundin mehr. Vor einiger Zeit hatte es da dieses Mädchen aus der Parallelklasse gegeben, Yvonne, die sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen an meine Fersen geheftet hatte, um mir das Ohr mit ihrem Scheiß abzukauen. Welche Bands gerade „fett“ und welche noch „fetter“ seien. Als sie sich auch noch über Menstruation und Schminkkurse auszulassen begann (ich hasse Schminken, Mutti hat sich immer nur ganz dezent geschminkt, ich mache es nicht anders), flippte ich aus. Ich sagte ihr: »Hör zu, du kleine, aufgetakelte Mistkröte, ich höre nur Soundtracks, und es schminken sich nur diejenigen, die etwas zu verbergen haben. Abgesehen davon interessiere ich mich nicht für deinen Scheiß. Du bist zu blöd, um aus einem Bus herauszuwinken. Bitte sei so gut und dematerialisiere dich, ja?«

Yvonne grinste, fingerte in dem durchsichtigen Plastikschminktäschchen herum, das sie immer mit sich herumschleppte, und fragte mit dieser unangenehmen Stimme, die von permanentem Staunen zeugte: »Was sind Soundtracks?« Ich benötigte drei Anläufe, um ihr zu verdeutlichen, dass sie menschlicher Abfall war.

Früher hatte ich eine beste Freundin. Katharina. Ihre Eltern waren Ärzte an einer Klinik für Gefäßerkrankungen. Ich kannte sie von der Grundschule. Sie wohnte in unserer Straße. Eines Tages zog sie weg, fünfhundert Kilometer entfernt. Wir hatten uns vorgenommen, den Kontakt zu halten. Ich habe einen Computer mit einer integrierten Kamera am Monitor, und so blieben wir über Skype in Verbindung. Zumindest am Anfang.

Mittlerweile schreiben wir uns nur noch kurze E-Mails zum Geburtstag, und auch das nicht immer. Meinen letzten hat sie vergessen. Nach Muttis Absturz erhielt ich von ihr eine Trauerkarte, die sie mit lauter Herzchen versehen hatte. Schrecklich. Ich meine, was war plötzlich mit der Frau los? Herzchen, also bitte!

Wenn Leute nur online oder am Telefon existieren, existieren sie in Wirklichkeit nicht richtig, und das wird einem mit der Zeit klar. Sie verblassen. Man schließt neue Freundschaften oder arrangiert sich damit, allein auf dem Schulhof herumzulaufen, mit Soundtracks im Ohr. Aber mal zurück zum Punkt.

Im Dämmerzustand lag ich auf dem Tisch, in dieser unangenehmen Schulwelt, die vom Geruch nach Kreide, Staub, Schülerschweiß und Bohnerwachs für das Holzparkett geprägt ist, dazu ein merkwürdiger, irgendwie elektrischer Geruch von dem ständig surrenden Overheadprojektor. Ab und zu schaute ich zu Tom und kramte in meiner Erinnerung, was ich noch über ihn wusste. Er hätte genauso gut jemand Neues in der Klasse sein können.

Ich war tatsächlich kurz davor einzuratzen, als mir plötzlich bewusst wurde, dass Herr Vosskühler mit mir sprach, wahrscheinlich schon seit geraumer Zeit. Er stand unmittelbar vor meinem Tisch.

»Na, Hannah? Eingeschlafen?«

Ich schreckte auf. Die anderen kicherten. »Ich bin da, ich bin da«, stieß ich hervor.

»Okay, dann zurück zur Frage. Vormärz. Welche Eckpfeiler?« Herr Vosskühler zog erwartungsvoll die Augenbrauen in die Höhe.

»Vormärz.« Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wovon der Mann da faselte. »Vormärz. Genau. Scheint mir, nach reiflicher Überlegung, irgendwann im Februar stattgefunden zu haben.«

Gelächter.

Ich weiß, dass mir so etwas eigentlich schnurzpiepegal sein sollte, aber ich wäre am liebsten im Erdboden versunken. Es gibt eine Eigenschaft an mir, die ich mehr hasse als alles andere – ich laufe sofort rot an, wenn mir etwas peinlich ist.

Herr Vosskühler lässt einen nie lange zappeln. Er drehte sich zu der Klasse und hob die Stimme. »Okay, Herrschaften, so verkehrt ist das gar nicht. Wie war das mit der Märzrevolution? Adrian, du eventuell?«

Das Gelächter ebbte nicht ab. Adrian, ein fetter, schweinsköpfiger Junge mit kurzen Haaren, eine brutale Bestie, den die anderen aus irgendeinem Grund ›Jimmy die Drüse‹ nennen, blökte: »Das ist genau die Antwort, die man von so einer erwartet.« Kein guter Spruch, aber Jimmy die Drüse blickte Applaus heischend in die Runde. Das Gelächter nahm zu.

Und irgendwer – keine Ahnung, woher genau es kam – zischte: »Flygirl schwebt in den Wolken.«

Ich sah zu Tom.

Er lachte nicht.

In der Pause verzog ich mich auf die Wiese, die sich hinter dem Schulgebäude befindet. Eigentlich sollen sich die Schüler hier nicht herumdrücken, weil sie sich so der Aufsicht entziehen, aber wenn man am Rand der Wiese in der Nähe des Schulgebäudes bleibt, beschwert sich niemand. Ich zog meine Runden und hörte über Kopfhörer den Soundtrack des Films ›Poltergeist‹, als mir plötzlich jemand von hinten auf die Schulter tippte.

Es war Tom. Da stand er in seinen schwarzen Klamotten und mit dem chaotischen Haar. Sein Lächeln wirkte kummervoll. Seine dunklen Augen lächelten nicht.

»Hey«, sagte er, nachdem ich die Ohrstöpsel des MP3-Players herausgezogen hatte. »Wollte mich noch bedanken, dass du mir gestern bei Knusperkerls Beerdigung geholfen hast.«

Ich winkte ab. »Kein Problem.«

»Ich hab mich ganz schön erschreckt, als du in mich hineingerannt bist.«

»Irrtum. Du bist in mich hineingerannt.«

»Wie auch immer.« Er blickte zum Kabel des Kopfhörers, das aus meiner Jackentasche ragte. »Was hörst du da?«

»Soundtracks.«

»Tatsächlich? Von welchem Film denn?«

»Poltergeist. Ich mag Filmmusik. Hab ein paar Dutzend auf dem Player.«

Weil es mir blöd vorkam, so herumzustehen und weil ich mich zudem von unsichtbaren Augen beobachtet fühlte, setzte ich mich wieder in Bewegung. Tom folgte mir.

Am Ende der Wiese befindet sich eine Hecke mit einem verwitterten Mäuerchen. Dort hält sich nie jemand auf, und man wird auch selten von einem Aufsichtslehrer angepflaumt, weil sich der Platz außerhalb ihrer Suchscheinwerfer befindet. Ich habe den Ort ›Dunkelplatz‹ getauft.

Tom setzte sich auf das Mäuerchen. »Hab gestern Nacht nach Knusperkerls Beerdigung nicht schlafen können«, sagte er. »Geht mir immer so nach einer Beerdigung. Ich glaub, ich würde verrückt werden, wenn ich direkt neben dem Friedhof wohnen müsste, so wie du.«

Plötzlich fiel mir etwas ein, das ich irgendwo aufgeschnappt hatte. Ich wusste doch etwas über Tom. »Du wohnst in der Villa auf dem Hügel, nicht wahr?«

»Ja, mit Mam… mit meiner Mutter.«

»Ganz schön großes Anwesen. Wohnt ihr allein da? Seid ihr reich, oder was?«

Er zuckte mit den Achseln. »Schätze schon. Früher hatten wir ein Altenheim.«

»Echt? Wird man denn mit einem Altenheim reich?«

»Anscheinend.« Ich spürte, dass es ihm unangenehm war, über sich zu reden. Mit den Schuhen trommelte er gegen die poröse Mauer. »Aber das haben wir verkauft.«

»Ihr habt es verkauft?« Ich hätte nicht gedacht, dass man ein Altenheim besitzen, geschweige denn verkaufen konnte. »Wie geht denn das? Ist das nicht eine Art Krankenhaus?«

»Nee, ist anders.« Er blickte zwischen seine strampelnden Füße. »Aber auf einem Friedhof zu wohnen … Mann, du musst ganz schön Nerven haben.«

»Moment, ich wohne nicht auf dem Friedhof. Unser Haus grenzt nur daran.«

»Das meine ich doch. All die Toten in unmittelbarer Nähe.«

»Na und? Was soll denn schon passieren? Und an Geister glaube ich nicht. Im Gegensatz zu dir.«

Er blinzelte, als schrecke er aus einem Halbschlaf auf. »Ganz schöne Idioten.« Der Themenwechsel kam so abrupt, dass ich im ersten Moment nicht schnallte, was er meinte. »Vorhin, während Deutsch. Als dich Vosskühler erwischt hat. Diese Vormärz-Geschichte.«

Allein bei dem Gedanken an das zurückliegende Ereignis wurde mir unwohl. Eine Mischung aus Scham und Wut durchzuckte mich wie elektrischer Strom. »War wohl kurzfristig etwas abwesend«, murmelte ich.

Tom sprang von dem Mäuerchen, kramte in der Hosentasche und zog mehrere zusammengefaltete Zettel hervor. »Ich muss dir was zeigen. Das ist echt krass.« Er entfaltete die Blätter. Sie waren in mehreren Spalten bis zum Rand bedruckt.

»Was ist das?«

»Die ultimative Liste!« Tom strahlte.

»Die ultimative Liste? Wovon denn?«

»Von … « Tom sah sich nach allen Seiten um, als vermutete er Spione in den Gebüschen. »Von Phobien, Hannah. Sämtliche Phobien, die es gibt!«

»Phobien? Du meinst, das ist eine Liste mit … ähm, Angsterkrankungen?«

»Hör dir das an.« Er las von einem der Zettel: »Ablutophobie: die Angst vor dem Waschen und Baden.«

»Wie bitte? Es gibt Leute, die davor Angst haben?«

»Und hier, völlig verrückt: Easiophobie: die Angst, zu schreiben.«

Ich wollte mir eine Hand vor den Mund halten, aber es war zu spät, ich lachte los. »Nicht im Ernst.«

»Hedonophobie: Die Angst, Freude zu empfinden.«

»Himmel, wie soll denn das gehen?« Ich grapschte mir einen der Zettel und sah mich einer Fülle von Fremdworten gegenüber. Abwechselnd lasen wir uns jeweils einen Begriff mit entsprechender Definition vor. Patroiophobie – die Angst zu Erben. Walloonphobie – die Angst vor den Wallonen, wer oder was auch immer Wallonen sein mochten. Rhypophobie – die Angst vor dem Stuhlgang, man glaubt es kaum.

»Offenbar haben eine Menge Leute Angst vor den absonderlichsten Dingen«, sagte Tom. »Zum Beispiel hier, wo ist es?« Er schob die Nase dicht vor das Papier und kniff die Augen zusammen, als wäre er kurzsichtig. Vielleicht war er es, und es hatte noch nie jemand bemerkt. »Du meine Güte – kannst du das aussprechen?«

Ich benötigte drei Anläufe, bis ich es endlich hatte. » Sesquipedalophobie: Die Angst vor langen Wörtern. Ich werd verrückt! Derjenige, der dieses Wort erfunden hat, scheint Humor zu besitzen.«

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber irgendwann wurde uns bewusst, dass die nächste Stunde längst angefangen haben musste. Am Dunkelplatz hört man den Schulgong kaum, und wir waren so in den Phobien versunken, dass wir es nicht mitbekommen hatten.

»Mist«, sagte ich. »Jetzt geben wir den Schwachmaten richtig Futter. Komm, wir packen’s mal.«

Tom sah mich mit seinen dunklen Augen an. »Hannah, ich muss dich jetzt was fragen.«

Mein Magen verkrampfte sich. Der Moment hinter der Schule war so schön, und ich wollte nicht, dass Tom ihn versehentlich kaputt machte, indem er jetzt was Blödes von sich gab. »Ja? Was denn?«

Er schloss die Augen, schien kurz nachzudenken. »Hast du vor vielen Dingen Angst?«, fragte er.

Das brachte mich aus dem Konzept, vielleicht, weil er die Frage so direkt stellte. »Ähm. Ja. Schon vor ein paar Sachen. Ich weiß nicht. Hat doch jeder.« Ich spähte auf die Liste und versuchte es mit einem Witz. »Zumindest leide ich nicht an Hypertrichophobie: Der Angst vor Haaren.«

Tom ging nicht darauf ein. »Ich glaube, dass ich vor fast allem Angst habe. Ängste sind überall. Und sie schnappen nach dir.« So etwas Ähnliches hatte er schon auf dem Friedhof gesagt. »Wenn man sich seinen Ängsten nicht stellt, werden sie immer größer. Sie kontrollieren dich, und es werden immer mehr, je älter man wird. Das habe ich satt. Denk nur an vorhin, als dich Vosskühler vorgeführt hat.«

»Ich glaube nicht, dass er das mit Absicht getan hat.«

»Egal. Es war dir peinlich, und du warst wütend, das habe ich gesehen. Du wirst ganz schön schnell rot.« Es war mir unangenehm, aber wo er recht hatte, hatte er recht. »Und du hattest Angst«, fuhr er fort. »Wut und Scham entspringen aus Angst.«

»Was bist du eigentlich, ein scheiß Hobbyphilosoph?« Ich gab ihm die Phobienliste zurück. »Es war mir peinlich, zugegeben, und diese Schwachköpfe haben mich wütend gemacht, aber ich hatte keine Angst. Das ist etwas komplett anderes.«

Jetzt lächelte Tom, und ich dachte: Es gibt Menschen, die an etwas Gemeines denken, wenn sie lächeln, aber wenn Tom lächelt, denkt er an etwas Nettes.

»Das glaube ich dir nicht, Hannah.«

Ich wollte mich verteidigen, weil ein Teil von mir diese Behauptung als ungeheuren Vorwurf empfand. Vielleicht war es die Art, wie er die Worte betonte, gepaart mit diesem Lächeln und dem melancholischen Blick, aber ich sagte dann doch nichts.

Tom studierte einen der Zettel, dann las er: »Gelotophobie: Die Angst, ausgelacht zu werden. Daran leidest du. Hat man gemerkt.«

Ich stieß ein Schnauben aus. »Na ja, man kann nicht gerade behaupten, dass irgendwer auf so etwas steht.«

»Da gibt es aber einen Unterschied. Ob man nicht drauf steht, oder ob es dir den Schrecken in die Glieder fahren lässt. Ich glaube, ich leide auch an Gelotophobie.« Er faltete das Papier zusammen und verstaute es in der Hosentasche. »Leider kann man Ängste nur überwinden, indem man sich ihnen aussetzt.«

»Wie soll das denn gehen?« Ich lehnte mich neben ihn an das Mäuerchen. »Nur ein Beispiel: Nimm mal jemanden, der an Höhenangst leidet …«

»Oh, Acrophobie, hab ich, hab ich.« Es klang fast so, als wäre Tom stolz darauf.

»Gut, Du leidest also unter Höhenangst«, sagte ich. »Jetzt kletterst du auf den Wartbergturm, draußen vor der Stadt, bis dir schwindlig wird und du kurz vorm Durchdrehen bist. Meinst du, dass es mit deiner Acrophobie besser ist, wenn du wieder runterkommst?«

Er zuckte mit den Achseln. »Vielleicht ist die Phobie nicht komplett besiegt, aber stell dir vor, du musst etwas später auf einen anderen Turm klettern, der nur halb so hoch ist. Du weißt, dass du den höheren überlebt hast, also wird dir der niedrigere nicht mehr so schlimm vorkommen.«

Ich war nicht hundertprozentig überzeugt, aber etwas Wahres war wohl dran. Zudem klang es, als würde Tom aus eigener Erfahrung sprechen. Wahrscheinlich hatte er das schon ausprobiert.

»Jetzt mein Vorschlag.« Er fuhr sich durchs Haar. Zuerst sah es so aus, als wollte er es bändigen, doch dann wuschelte er es durcheinander, als versuchte er, Insekten abzuschütteln. Ich muss zugeben, dass mir diese Geste total gefiel. »Wir marschieren jetzt zurück in die Klasse und machen uns zum Affen. Lass uns was singen oder so. Wichtig ist nur, dass man uns auslacht. Wir müssen halt improvisieren.«

Mir wurde ganz flau. »Sag mal, hast du `nen Knall?« Tom sah mich ernst an. »Wozu soll das denn gut sein? Und überhaupt … ich … ich weiß nicht, ob ich das bringe.«

»Aber genau darum geht es doch beim Angsttraining. Sich etwas zu trauen. Derjenige, der vor nichts Angst hat, ist kein Held, sondern ein Idiot. Nur derjenige, der die persönlichen Ängste überwindet, hat etwas geleistet.« Ich fragte mich, woher er all diese Sprüche hatte. »Wenn wir nach diesem Experiment merken, dass es sich bescheuert anfühlt, brauchen wir das ja nicht fortzuführen. Was haben wir zu verlieren?«

»Bekommen wir so etwas überhaupt hin?«

»Uns vor der versammelten Mannschaft lächerlich zu machen? Klar. Es ist viel leichter, für einen Irren gehalten zu werden, als nicht für einen Irren.«

Das mochte stimmen. Trotzdem. »Und was ist, wenn wir uns wie die Deppen aufführen, und die anderen finden das plötzlich lustig? Oder cool? Wenn wir uns gar nicht noch mehr zum Idioten machen können

Tom lachte. »Keine Sorge, das passiert uns bestimmt nicht.« Er reichte mir einen der Zettel. »Verrat mir eine deiner persönlichen Phobien, dann verrat ich dir auch eine. Ohne Erklärung, nur das Fremdwort.«

Ich musste eine Weile suchen, weil die meisten der Ängste auf der Liste zu merkwürdig waren. Mal im Ernst, wer kennt schon jemanden, der an Aulophobie (Angst vor Flöten), Hypnotopophobie (Angst vor Bettenmachen) oder Xanthophobie (Angst vor der Farbe Gelb) leidet?

Endlich fand ich etwas, das mir vertraut erschien. »Maniaphobie«, sagte ich. »Die Angst vor …«

Tom riss die Hände in die Höhe. »Verrat es nicht.« Er blickte zu Boden und sagte: »Die Angst vor Wahnsinn.«

»Sag mal, kennst du diese Begriffe etwa alle auswendig?«

»Zufall. Ist auch eine meiner Phobien.«

»Okay, aber das zählt nicht. Du musst mir auch …«

»Testophobie« unterbrach er mich. »Die Angst vor Prüfungen.«

»Hey, daran leide ich auch.« Wir schienen wirklich ein paar Dinge gemeinsam zu haben. »Aber wir wollten doch die Bedeutung der Phobie nicht verraten.«

Tom winkte ab. »Pfeif drauf.«

Als wir wenig später über den Schulflur liefen, überlegten wir angestrengt, wie wir am idiotischsten in den Unterricht platzen könnten. Wir fanden einen Regenschirm und wollten ihn aufspannen und damit in die Runde latschen, aber das Scheißding ließ sich nicht öffnen.

Als wir vor der Tür des Klassenraums standen, bekamen wir weiche Knie. Ich sah Tom an, dass er ganz schön nervös war.

Wir rissen die Tür auf und gingen rein. Mathe bei Hornung.

Herr Hornung ist ein dicker Mann mit Halbglatze und Schnurrbart. Er hat das Gesicht von jemandem, der damit rechnet, jeden Augenblick etwas Ekliges zu riechen. Er liebt Zahlen und neigt zu cholerischen Anfällen, wenn man die Genialität und Logik der Mathematik und seine persönliche Begeisterung für dieses bescheuerte Fach nicht teilt. Als wir hereinkamen, war er gerade dabei, sich in Ekstase zu quasseln. Er durchbohrte uns mit einem feurigen Blick. »Ich bin gespannt, was ihr für `ne Ausrede habt, Herrschaften!«

Die anderen kicherten. Ein Teilerfolg.

»Wir … ich … wir …«

Es war alles beim Alten. Ich stotterte mir einen ab, und Tom sah aus, als wäre er am liebsten aus dem Fenster gehüpft. »Tschuldigung«, murmelte er. »Gong nicht gehört.«

»Herrschaften, die Stunde hat bereits vor zwanzig Minuten begonnen.« Zur Bestätigung seiner Aussage klopfte sich Hornung auf das haarige Handgelenk, obwohl er keine Uhr trug.

»Kommt nicht wieder vor«, sagte ich. Wir trotteten zu unseren Plätzen.

Verdammt, am Dunkelplatz hatte sich das alles so einfach angehört. Aber in der Realität funktionierte es nicht.

Der Unterricht plätscherte dahin. Gleichungen mit mehreren Unbekannten. Hornung wurde rot im Gesicht, so sehr begeisterte er sich für die endlosen Zahlenkolonnen, die er an die Tafel kritzelte. Weil er so fest mit der Kreide aufdrückte, entstand ein quietschendes Geräusch. Ich bekam eine Gänsehaut.

Die Stunde war schon fast vorbei, als Hornung plötzlich sagte: »Tom, würdest du bitte nach vorne kommen und diese lächerlich einfache Gleichung für uns lösen.«

Ich sah zu Tom hinüber. Unsere Blicke begegneten sich. Ein winziges Lächeln. Er stand auf und nahm die Kreide entgegen. Mit dem Rücken zur Klasse setzte er die Kreide auf die Tafel …

… und versteinerte in der Bewegung.

Ich kann nicht sagen, worum es bei der Aufgabe ging. Irgendetwas mit vielen X und Ypsilons. Der Moment dehnte sich. Tom bewegte sich keinen Millimeter.

Hornung nickte vor sich hin, als wolle er damit zum Ausdruck bringen, dass er von einer Gestalt wie Tom nichts anderes erwartet hatte. »Komm schon«, sagte er und fabrizierte mit den Sohlen seiner Lederschuhe quietschende Geräusche auf dem Parkett. »So schwer ist das doch nicht, Junge. Bist du eingeschlafen?«

Noch immer drehte sich Tom nicht um.

Und dann sagte jemand in die gespannte Stille: »Scarecrow ist voll der Homo.« Ich glaube, es war Jimmy die Drüse.

Das Gelächter schwoll an. Wie in Zeitlupe wandte Tom sich um und blickte in die Runde. Seine Gesichtszüge wirkten hart, entschlossen, aber ich bemerkte, dass die Kreide in seiner Hand zitterte.

»Wa?« Es war ein kleiner, erbärmlicher Laut, der da über seine Lippen sprang. Weiteres Gekicher. Hornung verzog das Gesicht, als leide er an schlimmen Magenkrämpfen.

»Mann, Junge, jetzt reiß dich doch mal zusammen! Was müssen wir als Erstes? Als Erstes müssen wir die Nenner gleichsetzen, so. Als Zweites?«

Abermals stieß Tom dieses kleine Geräusch aus, als wäre er lernbehindert. »Wa?«

»Oh Mann«, rief Jimmy die Drüse. »Scarecrow ist ins Delirium gefallen. Der scheiß Homo!«

Toms Blick glitt ins Leere. Hornung trat neben ihn, er wollte ihm die Kreide wieder wegnehmen, aber Tom zuckte zurück und eröffnete der Klasse: »Ich bin homosexuell.«

Nach einer Sekunde des Erstaunens flackerte Gelächter auf, das sich zu einem Steppenbrand ausweitete. Da stand Tom im Zentrum der Erniedrigung, und ich hörte in mich hinein, um zu ergründen, wie sich das für mich anfühlte.

Es fühlte sich beschissen an. Tom hatte sich getäuscht. Wir beherrschen die Ängste nicht, wenn wir in sie hineinspringen. Ich sah, dass seine Hände immer stärker zitterten. Ich musste ihm helfen.

Ich weiß nicht, ob ich es schon erwähnt habe, aber ich kann nicht singen. Ich habe dazu nicht nur wenig, sondern überhaupt kein Talent. Unser Musiklehrer, Herr Garami, lässt in regelmäßigen Abständen jeden Einzelnen vor der versammelten Klasse ein fragwürdiges Lied trällern. Ich neige dazu, in solchen Momenten lautlos zu singen, so dass nur eingelegte Pilze in der Lage sind, mich zu vernehmen.

Ich sprang auf und begann, das Erstbeste zu schmettern, was mir in den Sinn kam, als wäre ich eine übergeschnappte Operndiva. Die Nationalhymne, obwohl ich nicht wusste, wie es nach »Einigkeit und Recht und Freiheit« weiterging. Ich improvisierte.

Herr Hornung sah verdutzt in meine Richtung. Das Gelächter schwoll an, jedenfalls im ersten Moment. Jimmy die Drüse rief: »Oh Gott, jetzt hat auch noch Flygirl den Verstand verloren! Was ist denn heute los?«

Tom stimmte in die Hymne mit ein. Offenbar kannte auch er den Text nicht. Wir sangen merkwürdige Satzbrocken (»Knotenpunkte, Strebenreben, brüderlich bis an den Rand«). Ich stieg auf den Stuhl, dann auf den Tisch.

»Was soll der Unsinn!«, brüllte Hornung, der mit der Situation überfordert war – gleich zwei seiner Schüler hatten den Verstand verloren.

Tom begann zu tanzen. Es sah aus, als hätte er eine Art epileptischen Anfall. »Ich muss furzen«, schrie er. »Man kann von einem Mann auf einem Misthaufen nicht erwarten, dass er gut riecht. Aber macht euch keine Sorgen! Meine schwulen Fürze haben so eine gewisse wilde fruchtige Frische. Rosen und Dung – eine kühne Mischung!«

Mein Lachen wollte heraus. Es vermischte sich mit dem grässlichen Singsang, so dass es sich anhörte, als rülpste ich Disharmonien. Eine Weile lang badeten wir in der Verachtung der anderen. Hornung hatte keinen Schimmer, wie er uns stoppen konnte.

Und dann passierte etwas. Das Gelächter erstarb.

Tom tanzte und rief: »Ich bin schwul, ihr Sackratten, das habt ihr doch schon immer gewusst! Da soll mich doch der Blitz beim Scheißen treffen!«

Ich trat mein Mäppchen vom Tisch, so dass die Stifte über das Parkett kullerten, und stieß ein triumphierendes Geheul aus.

Die anderen wirkten nicht länger belustigt.

Ich hörte auf zu singen. Stille, bis Hornungs Stimme erschallte: »Okay, Ruhe jetzt! Verdammt noch mal, ihr glaubt wohl, ihr könnt hier `ne Show abziehen! So nicht, Herrschaften! Tom, auf deinen Platz! Hannah, räum die Stifte vom Boden auf und setz dich auf deinen Hintern!« Aber auch er hatte Schiss, das war zu spüren.

Einen Moment lang war es mucksmäuschenstill. Ich sprang vom Tisch und sammelte die Stifte ein. Tom setzte sich.

»Haben wir uns jetzt alle wieder beruhigt?« Hornung wischte sich den Schweiß von der Halbglatze. »Dann würde ich jetzt gerne mit dem Unterricht fortfahren, natürlich nur, wenn unsere beiden Kasper es uns gestatten.« Das allgemeine, entsetzte Schweigen vertiefte sich. »Schön, Seite zweiunddreißig im Buch, die Aufgaben a bis f als Hausaufgabe. Vernehme ich da ein Stöhnen? Da könnt ihr euch bei den beiden Hampelmännern bedanken.«

Mein Herz prügelte gegen meinen Brustkorb, es veranstaltete das reinste Trommelfeuer. Während der letzten Minuten des Unterrichts sah ich, dass die anderen mir verstohlene Blicke zuwarfen.

Der Schrecken war nicht gewichen. Wenn Jimmy die Drüse so eine Nummer abgezogen hätte, wäre er als Held gefeiert worden. Niemand wusste jedoch, was in uns gefahren war. Und das machte Angst.

Als es einige Minuten später zur nächsten Stunde gongte, hatte sich mein Herzschlag noch immer nicht beruhigt.

Ich hatte die letzte Stunde frei. Reli. Ich bin nie getauft worden, meine Eltern hielten nichts von der Kirche, und das Fach Ethik gibt es erst ab der neunten Klasse. Ich marschierte über den Schulhof und spürte die verstohlenen Blicke der anderen.

Schau, da läuft sie, die Wahnsinnige. Flygirl hat nicht mehr alle Latten am Zaun. Treibt sich in letzter Zeit mit Scarecrow herum, dem Schwuli, du weißt schon. Du glaubst nicht, was die im Unterricht abgezogen haben. Krank, die beiden, total krank. Möglicherweise sind die gefährlich.

Bei den Fahrradständern entriegelte ich mein Rad und sah zur Schule, die verlassen wirkte, obwohl ich wusste, dass hinter den Fenstern noch Unterricht abgehalten wurde. Weil das Wetter so schön war, beschloss ich, auf Tom zu warten. Nach dem Hornung-Auftritt hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, mich mit ihm zu unterhalten. Ich steckte mir die Stöpsel des MP3-Players in die Ohren und lief einmal um das komplette Schulgelände herum, vorbei an Schülern, die auf den Bus warteten, besuchte den verlassenen Dunkelplatz und kehrte zu den Fahrradständern zurück.

Endlich war die Stunde vorüber. Die Eingänge spuckten die Schüler aus. Tom kam mit den Nachzüglern. Als er mich sah, winkte er und kam herüber.

»Hey, Hannah! Alles klar?«

»Logisch. Und bei dir?«

»Alles super, war nur `ne furchtbar langweilige Stunde. Warum bist du denn nicht in Reli?«

»Bin nicht getauft und wahrscheinlich die Tochter Satans.« Ich betrachtete Toms wildes Haar, das in der Sonne glänzte. »Wusste gar nicht, dass du schwul bist.« Ich hätte mir am liebsten auf die Zunge gebissen. Was, wenn er nun wirklich schwul war? Ich wollte nicht unsensibel sein. »Ähm? Also? Bist du schwul?«

Er lachte, antwortete aber nicht.

»Wäre ja auch nicht schlimm, wenn du’s wärst. Ich meine …«

»Schon gut, beruhig dich.« Er klopfte mir auf die Schulter. »Was für eine bezaubernde Gesangsstimme du hast.« Das Grinsen in seinem Gesicht verbreiterte sich.

Ich prustete. »Schätze, damit kann man Eier abschrecken.«

»Ich würde gern etwas anderes behaupten, Senora, aber ich will’s mal so ausdrücken: Deine Karriere als Souldiva ist meiner bescheidenen Meinung nach zum Scheitern verurteilt.«

Wir lachten beide.

»Bist du auch mit dem Fahrrad da?«, fragte er.

»Ja. Wir können ja zusammen …«

Tom hatte sich schon in Bewegung gesetzt. »Ich komm ein Stück mit, wenn’s okay ist.«

Wir schoben die Räder, weil man sich nicht vernünftig unterhalten kann, wenn man mit einem Fahrrad durch die Gegend strampelt. Toms Rad war mitternachtsblau, der Rahmen seltsam gebogen, der Lenker überdimensional breit, mit braunen Ledergriffen. Das Ding sah eher aus wie ein Motorrad.

Die Sonne wärmte die Luft. Eine Weile lang sagte keiner von uns etwas, dann fragte Tom: »Und? Hattest du Schiss?«

Ich umklammerte den Lenker meines Rads fester. »Kam mir vor, als wäre ich von einem Dämon besessen. Wie das Mädchen in dem Film ›Der Exorzist‹. Aber dann … ich weiß nicht warum, aber plötzlich konnte ich nicht mehr aufhören.«

»Ja, das hat man gemerkt.« Er lachte wieder.

»Jetzt halten die uns endgültig für durchgeknallt«, sagte ich.

»Tja. Pech.«

Ich fand seine Coolness ein bisschen aufgesetzt. »Du hast da vorne an der Tafel ganz schön gezittert. Hab’s gesehen.«

»Ich dachte, ich bekomm `nen Herzinfarkt.«

»Das wäre aber unschön gewesen.«

Sein Blick kehrte sich plötzlich nach innen. »Ich glaube, dass Thema Gelotophobie können wir damit abhaken.«

Ich wollte widersprechen – woher sollten wir wissen, wie es in Zukunft sein würde, ausgelacht zu werden? Wenn wir es nicht geplant hatten und die Sache keine Show sein würde? Doch dann merkte ich, dass er wahrscheinlich Recht hatte, allerdings aus einem ganz anderen Grund.

Ich glaubte schlicht und ergreifend nicht, dass man uns so schnell wieder auslachen würde. Mit dem Auftritt hatte sich unser Image schlagartig gewandelt. Wir waren keine Nerds mehr, über die man sich so ohne Weiteres lustig machen konnte. Heute hatten wir bewiesen, dass wir echte Psychopathen waren, tickende Zeitbomben, aufgeladen mit purem Wahnsinn.

Tom blieb stehen und legte mir eine Hand auf die Schulter. »Der Text deines ›Liedes‹ – als solches möchte ich dein orales Klanggebilde in Ermangelung eines besseren Begriffes vorläufig mal bezeichnen – war übrigens äußerst kreativ.«

Ich merkte, dass ich mich kaum daran erinnern konnte, was ich während der Hornung-Aktion von mir gegeben hatte. Tom sah meinen fragenden Blick und sagte: »Du hast irgendetwas von, ich zitiere, ›allen deutschen Hühnern und Hamstern mit einem Recht auf Brei‹ von dir gegeben.«

»Echt? Ach du Scheiße.«

»Gehört alles in die Bibliothek der nicht geschriebenen Bücher, Rubrik ›Zitate‹.«

»In die Bibliothek der nicht geschriebenen Bücher?«

Tom ließ meine Schulter los, was ein seltsames Bedauern in mir hervorrief. »Darin befinden sich mehr Bücher als in der größten Bibliothek der Welt.«

»Entschuldige meine offensichtliche Dummheit, Tom, aber ich verstehe nicht, wovon du da faselst.«

Er begann, den Sattel seines Rads zu streicheln, als liebkose er ein lebendiges Tier. Ein überfüllter Schulbus donnerte an uns vorbei. »Denk an all die Bücher, die jemals geschrieben, aber niemals veröffentlicht wurden.«

»Vielleicht wurden sie nie veröffentlicht, weil die Bücher schlecht sind?«

»Vielleicht. Aber es gibt sie, und irgendjemandem waren diese Geschichten einmal sehr wichtig. Ich glaube, in der Bibliothek der nicht geschriebenen Bücher lagern auch die vergessenen Geschichten.«

»Sag mal, hast du irgendwas eingeworfen, oder was?«

»Jetzt stell dir vor, du bleibst in einem Fahrstuhl stecken«, fuhr er unbeirrt fort.

Schon bei der bloßen Vorstellung spürte ich ein Kribbeln im Bauch. »Ist dir das etwa mal passiert? Oh Mann, ich steige sowieso nur ungern in einen Fahrstuhl. Zu eng. Und dann auch noch stecken bleiben!« Es schüttelte mich. »Ist bestimmt auch `ne Phobie. Wie heißt die?«

Tom winkte ab. »Clithrophobie. Die Angst, eingesperrt zu sein. Aber egal, darauf will ich nicht hinaus. Stell dir meinetwegen was anderes vor. Etwas, das weniger mit Phobien behaftet ist. Du bist beim Arzt und sitzt stundenlang im Wartezimmer. Lässt deinen Gedanken freien Lauf, weil dir langweilig ist. Du denkst dir irgendeine Geschichte aus. Schließlich wirst du aufgerufen, bekommst dein Rezept oder so, gehst nach Hause, denkst nicht mehr an die Geschichte.«

»Ich verstehe. Das meinst du mit der Bibliothek der nicht geschriebenen Bücher.«

»Man kann das noch weiterspinnen.« Toms dunkle Augen schienen von innen her zu leuchten. »Was du gesungen hast, hat bis zum heutigen Tag noch nie jemand von sich gegeben. Du hast diese Wortfolge erfunden.«

Ich dachte über diese Idee nach, und obwohl ich kein Spielverderber sein wollte, sagte ich: »Jede Wortfolge hat irgendwann irgendwer schon einmal konstruiert. Meinetwegen im Delirium. Wie viele Menschen leben auf der Erde? Sieben Milliarden? Wie viele lebten jemals?« Ich schüttelte den Kopf, weil die Zahl unvorstellbar war. »Alles ist schon mal passiert. Alles wurde ausgesprochen.«

Mit der freien Hand schirmte sich Tom die Augen ab. Er tat so, als würde er angestrengt nachdenken, dann sagte er: »Wie viel Geld muss man mieten, um für sechs Euro eine Fensterscheibe einzuschlagen?«

Ich lachte auf. »Bitte was ist los?«

Er deutete mit dem Zeigefinger auf mich. »Ha! Siehst du! Das hat noch nie ein Mensch gesagt! Bis eben!«

Ich musste zugeben, dass das wohl wirklich noch nie jemand gesagt hatte.

Wir schoben die Räder über die Straße und dachten uns Sätze aus, die bisher noch nie ausgesprochen worden waren. »Der Teller eines Uhus kann rückwärts gesprochen einen Kranich verstören.«

»Manche Lippen denken, wenn Schreibtische angeln.«

»Am Sonntag fraßen acht Nervenkliniken zwei Lampenschirme.«

Schon bald liefen mir vor Lachen die Tränen übers Gesicht. Weil es so schön war, und weil auf mich sowieso nur ein leeres Haus voller Erinnerungen wartete, machte ich einen Umweg und ging mit zu Tom.

Das Haus, in dem er wohnt, steht auf einem Hügel und hat drei Stockwerke. Es überragt die gesamte Ortschaft. Ein Stahlzaun mit verzierten Spitzen umschließt den Privatpark. Trauerweiden mit hängenden Zweigen verleihen dem Ganzen etwas Verwunschenes. Ein heller Kiesweg führt zur Eingangstür, die sich zwischen zwei dicken Sandsteinsäulen versteckt. Es gibt ein Türmchen mit einem Wetterhahn und eine gewaltige Holzterrasse, schwarz wie die komplette Fassade, als habe es hier vor nicht allzu langer Zeit gebrannt. Schräges Schieferdach, große Fenster, wie in einer Kirche oben abgerundet, wie halb geschlossene Augen. Die Stützbalken an der Terrasse erinnern an versteinerte Dinosaurierknochen. Über dem Eingang prangt der verschnörkelte, goldene Schriftzug: ›Villa Tschenkow‹.

Ich schob mein Rad neben Toms. »Du meine Güte! Du wohnst in einem Haus wie aus einem Film von Alfred Hitchcock. Kennst du den? Berühmter Regisseur.«

»Klar kenn ich den. Ich mag alte Filme. Was ist dein Lieblings-Hitch?«

Ich überlegte. »Ich glaube, ›Die Vögel‹.«

»Da kommt aber kein großes Haus drin vor. Und wie das unheimliche Gebäude in ›Psycho‹ sieht unseres jetzt auch nicht unbedingt aus.«

Ich zuckte mit den Achseln. »Ein bisschen schon.«

Das Thema schien ihm nicht zu behagen. Er zog die zusammengeknüllte Phobienliste hervor und reichte sie mir. »Hier, die kannst du behalten. Ich hab das ohnehin auf meinem Rechner.« Ich verstaute die Blätter im Rucksack. »Schau die Liste in Ruhe durch. Vielleicht findest du eine Phobie, gegen die wir was unternehmen sollten.«

»Was unternehmen?«

»Das, was wir heute gemacht haben. Unser Projekt.«

Jetzt war es bereits ›unser Projekt‹. Ich merkte, dass mir der Gedanke gefiel. Mit Tom ein Projekt zu haben, meine ich.

»Lass uns überlegen, welches Angstprojekt wir uns als nächstes vorknöpfen.« Plötzlich sah er verlegen aus. »Ich meine, natürlich nur, wenn du möchtest. Ich will dir da nix aufzwingen.«

»Tust du nicht.«

»Ich labere oft ganz schönen Stuss, weil ich so viele Gedanken gleichzeitig im Kopf habe, ganz unsortiert, und dann werfe ich manchmal was durcheinander, und dann nerve ich die Leute, weil ich nicht merke, wann ich die Fresse halten sollte und …«

»Jetzt beruhig dich mal.« Ich gab mir einen Ruck, legte ihm eine Hand auf den Oberarm. »Ich schau die Liste durch, versprochen.«

Er sah erleichtert aus. »Du hältst die Idee nicht für bescheuert? Oder mich für krank?«

»Doch.«

Seine Augen weiteten sich. »Echt?«

»Du bist sogar noch schlimmer als ich, und das will was heißen.« Mir war nicht klar, ob er die Ironie schnallte, deshalb sagte ich schnell: »Natürlich halte ich dich nicht für krank.«

Er atmete die angestaute Luft aus. »Okay, gut. Hast du ein Handy?«

Ich besaß eines, hatte es aber so gut wie nie eingeschaltet, weil mich ohnehin nie jemand anrief. Es verweste auf dem Grund meines Rucksacks.

»Ich ... ja, ich hab ein Handy, aber …«

Tom ruderte sofort zurück. »Du musst mir deine Nummer nicht geben«, sagte er und hielt abwehrend die Hände in die Höhe. »Ich dachte nur, falls uns noch etwas zu der Phobienliste einfallen sollte, könnten wir uns absprechen und … ach, vergiss es.«

»Nein, ist schon okay. Kein Problem.«

Ich hatte damit gerechnet, dass Tom ein ultramodernes Handy besitzen würde, ein iPhone oder so etwas, aber er förderte eine Art prähistorischen Knochen aus seinem Rucksack, und er schien wie ich Probleme damit zu haben, einen neuen Eintrag zu programmieren. Zum Test riefen wir uns gegenseitig an und tauschten sicherheitshalber auch die E-Mail-Adressen aus.

Damit hatte ich Tom Zugriff auf meine Privatsphäre gewährt. Ich überlegte, was ich machen sollte, wenn sich herausstellen würde, dass er ein geisteskranker Stalker war. Was, wenn er mich von nun an dauernd anrief?

Ich schüttelte den Kopf. Quatsch, das würde er nicht tun.

»Das war … interessant heute. Ähm.« Eigentlich hatte ich etwas Klügeres von mir geben wollen, aber mir fiel nichts ein. Weil ich das einsetzende Schweigen unangenehm fand, fragte ich: »Hast du eigentlich Geschwister?«

Tom lachte. »Einer von meiner Sorte reicht. Du?«

»Einen Bruder. Jerome. Er ist sechzehn. Geht auf unsere Schule. Behaarter Typ.« Ich fand, dass damit erst einmal alles gesagt war. »Schätze, du hast keine Freundin, oder?« Vorsicht, dachte ich. Dünnes Eis. »Oder einen Freund? Oder? Ähm?«

»Nein, ich bin Junggeselle. Und du? Festen Freund?«

»Bin auch Junggeselle. Oder heißt es Junggesellin?«

»Das wissen nur die Götter.« Tom blickte zu Boden. »Hannah, du denkst vielleicht, ich sei irgendwie gestört, aber ich wollte dir noch sagen, dass …«

Der Rollstuhl schoss wie aus dem Nichts über den Bürgersteig, genau auf uns zu. Darin saß eine spindeldürre Frau mit dünnen, blonden Haaren. Im letzten Moment hielt das Gefährt. Ich glaube, sogar das Quietschen von Reifen gehört zu haben. Ein Geruch wie von nassen Socken strömte mir in die Nase.

»Darf ich vielleicht mal erfahren, was der Herr da treibt?«

Die Frau war mir von Anfang an unheimlich. Sie sah abgemagert aus, die Wangenknochen traten hervor wie bei einer Schwerkranken. Ihre Haut war grau. Ihre Zähne erinnerten an schiefe Grabsteine. Auf ihrer Nase saß eine riesige Brille, durch die ihre Augen wie Spiegeleier wirkten. Sie trug eine altmodische geblümte Bluse, aus der dünne, dunkeladrige Ärmchen ragten. Über ihrem Schoß lag eine grünkarierte, fleckige Wolldecke von ausgesuchter Hässlichkeit.

Ihre spinnenartigen, weißen Finger betätigten einen Hebel an der Konsole des Rollstuhls, und sie machte einen weiteren Satz auf uns zu. Mit einer Mischung aus Wut und Anklage starrte sie Tom an. Und da war noch etwas, etwas, das schwer zu beschreiben ist. Etwas Unsichtbares, Klebriges. Etwas Falsches und Hinterhältiges.

»Seit geschlagenen fünfzehn Minuten warte ich auf den Herrn.« Ihre Stimme klang wie das Geräusch von Fingernägeln, die über Schiefer kratzten. »Ich war schon kurz davor, die Polizei zu rufen. Musste mich extra in den Rollstuhl wuchten und über die Rampe hinten raus und ums Haus rum. Dachte schon, der Herr Sohn liegt auf der Straße, blutüberströmt, sämtliche Knochen gebrochen. Todesängste hab ich ausgestanden.«

In meinem Gehirn griffen die Zahnräder ineinander. Bei dieser ominösen Person handelte es sich um Toms Mutter. Du große Scheiße!

Plötzlich wirkte Tom fünf Jahre jünger. Er senkte den Kopf und schien zu schrumpfen. Es sah aus, als würde er einen unsichtbaren Sack voller Steine schultern.

»Hannah hat mich nach Hause begleitet.« Verdammt, was war denn auf einmal mit seiner Stimme los? Tom hat keine besonders tiefe Stimme, aber er klingt auch nicht wie diese quiekenden Idioten auf dem Schulhof, die noch keine Bekanntschaft mit dem Stimmbruch gemacht haben.

Die Frau im Rollstuhl würdigte mich keines Blickes. »Das Essen wird kalt, aber das scheint den Herrn ja nicht zu interessieren. Trödelt auf dem Nachhauseweg herum, während seine arme Mutter vor Kummer und Sorge fast vergeht.«

Tom lehnte das mitternachtsblaue Fahrrad gegen den schmiedeeisernen Zaun, der das Anwesen umgab, und öffnete mit einem altertümlich wirkenden Schlüssel das Tor. Es quietschte in den Angeln. »Tut mir leid, ich wollte dich nicht …« Toms Stimme war kaum mehr als ein Piepsen. »Wir haben die Räder geschoben und …«

»Ich weiß, was hier los ist«, sagte die Rollstuhlfrau. »Du hast mal wieder gedacht, das ganze Universum drehe sich nur um dich.« Ihr Gesicht verzog sich, die Spiegeleieraugen schrumpften, und plötzlich dachte ich, sie würde in Tränen ausbrechen. »Aber ich weiß ja, dass du nichts dafür kannst. Das ist die Störung. Deine entsetzliche Verhaltensstörung, Tommy.«

»Ja, Mama.«

Die Situation wurde von Sekunde zu Sekunde unerträglicher. Da noch ein Rest des Adrenalins vom Gelotophobie-Experiment durch meine Adern strömte, trat ich entschlossen einen Schritt auf die Frau zu und sagte: »Ich bin schuld! Ich habe Tom …«

»Es wird Zeit, dass ich andere Saiten aufziehe. So geht das nicht weiter! Interessiert es dich denn gar nicht, was ich fühle? Machst du das absichtlich? Mich so zu quälen

»Nein, Mama.« Tom trat hinter den Rollstuhl und schob seine dürre Mutter mit dem dünnen, blonden Haar, das wie Zuckerwatte um ihren Kopf zu schweben schien, auf das geöffnete Tor zu. Ich fragte mich, warum er sie schob, schließlich war ihr Rollstuhl elektrisch, aber offenbar wollte sie es so. Verdammt, sie wollte es so! Auf ihrem Gesicht erschien ein zufriedenes Grinsen.

»Das weiß ich doch, Tommy. Ich weiß, dass du mich nicht absichtlich quälst.«

Ich wollte nicht einfach so stehen gelassen werden, aber es ging ganz schnell. Tom schloss das Tor, ohne mich anzublicken, und betrat mit seiner Mutter das finstere Haus.

Da stand ich nun vor der Villa Tschenkow. Irgendwo zwitscherte ein Vogel. Es klang, als würde er mich auslachen.

Ich sah zu dem mitternachtsblauen Rad und fragte mich, was Tom mir hatte sagen wollen, bevor seine Rollstuhlmutter ihn unterbrochen hatte.

Kapitel 3 – PHASMOPHOBIE

Eigentlich wollte ich den heutigen Eintrag damit abschließen, aber zu viele Gedanken schwirren mir noch im Kopf herum.

Es ist nämlich noch etwas passiert.

Ich bin total kaputt. Zu wenig Schlaf, und jetzt ist es schon fast zwei Uhr. Ich glaube kaum, dass ich es morgen schaffe. Das ist kein Problem. Immer, wenn ich die Schule schwänze, sage ich Papa, sobald er vom Terraformen nach Hause kommt, ich hätte mich am Morgen nicht wohl gefühlt, und er schreibt mir eine Entschuldigung, ohne groß nachzuhaken.

Nach der verstörenden Begegnung mit der Rollstuhlfrau erwartete mich unser trostloses Haus. Ich dachte, ich sei allein, aber dann stieß ich im Wohnzimmer auf Papa. Er hatte die Rollos heruntergelassen und starrte ins Nichts. In der Hand hielt er eine Tasse Tee. Ein schlechtes Omen. Kurz nach Muttis Tod hatte er zwei Monate lang fast ununterbrochen im abgedunkelten Wohnzimmer gesessen und diesen Tee, der nach Schießpulver schmeckte (ich hatte ihn mal probiert), in sich hineingeschüttet, wobei er immer wieder denselben Teebeutel verwendete, so lange, bis er sich in seine Bestandteile auflöste (der Teebeutel, nicht Papa). In diesen zwei Monaten war es, als wäre auch er gestorben. Von einem gewissen Blickwinkel aus betrachtet, war genau das geschehen.

»Nanu?«, begrüßte ich ihn. »Du bist ja schon zu Hause.«

Papas Gesicht sah in die Länge gezogen aus. Auf seiner Stirn standen Falten, die sonst nicht da waren. Er hatte sich die karierte Krawatte gelockert, sie hing ihm wie eine Schlinge um den Hals. Es war zu erkennen, dass er sich am Morgen nicht rasiert hatte, er war ganz stachelig. Ein abgestandener Muffelgeruch hing im Raum. Durch einen Schlitz im Rollo fiel Sonnenlicht. Staubpartikel tanzten darin.

Papa verschränkte die Beine. Ich konnte den Stoff seiner Hose rascheln hören. Er trank einen Schluck vom Schießpulvertee und gab ein Schmatzen von sich, gefolgt von etwas, das wie »Hrmpho« klang.

Da stand ich und wusste nicht, was ich tun sollte. Was hätte ich sagen können, um zu ihm vorzudringen? Hey, Papa, alles klar bei dir? Hat sich heute wieder der Abgrund unter dir aufgetan? Hast du dich deswegen im Haus verkrochen, so nahe am Friedhof, wo die Liebe deines Lebens liegt? Glaub mir, ich kann das Gefühl gut nachvollziehen. Aber du hast eine Tochter und einen Sohn, also reiß dich jetzt endlich verdammt noch mal zusammen.

Er sah mich an, öffnete den Mund, als stünde er unter Medikamenten mit schlimmen Nebenwirkungen und sagte: »Kommst du aus der Schule?«

»Ja. Hatte die letzte Stunde frei.«

»Ist Jerome mit dir nach Hause gekommen?«

»Nein.« Ich trat einen Schritt auf ihn zu. »Alles in Ordnung mit dir?«

Sein Blick richtete sich in die Unendlichkeit, wahrscheinlich zu den Bruchstücken seines Lebenstraums, die wie Eisschollen an ihm vorbeidrifteten. »Hab heute etwas früher Schluss gemacht.«

Da ich befürchtete, sein Anblick würde mich im nächsten Moment aus den Latschen hauen, drehte ich mich um und ging nach oben in mein Zimmer.

Gibt es verschiedene Arten der Stille? Wie unterscheidet sich die Stille im Weltall von der Stille in einem Sarg? Von der Stille in unserem Haus?

Vielleicht herrscht am Ende überall das gleiche Nichts.

Ich verfasste eine Gedankenliste:

Tom: Dunkle, fast schwarze Augen. Chaotisches, in ein Dutzend Richtungen wachsendes Haar. Schwarze Klamotten. Sieht aus wie ein zu junger Totengräber. Oder ein minderjähriger Priester. Oder wie eine Figur aus einem Film von Tim Burton. Mischung aus Sängerknaben und Jack Skellington aus ›Nightmare before christmas‹. Beschäftigt sich mit Phobien. Hat seltsame Ideen. Scheint kurzsichtig zu sein, trägt aber keine Brille. Allgemein sonderbares Verhalten. Vielleicht verrückt? Irgendwas Pathologisches? Hat definitiv Geheimnisse.

Er ist wie ein Moll-Akkord. Warum sind Mollakkorde immer schöner als die in Dur?

Menschen in Moll.

Toms Mutter: Definitiv wahnsinnig. Schreckstimme. Sitzt im Rollstuhl. Warum? Wer pflegt sie? Tom? Warum wohnen die beiden in so einem riesigen Haus? Andere Verwandte?

Woran ist Toms Vater gestorben? Wieso ist er nicht hier beerdigt?

Mutter stammt aus einem Film von Alfred Hitchcock. Tom verwandelt sich in ihrer Gegenwart in einen unterwürfigen Lakaien.

Toms Haus: Villa Tschenkow. Privatpark. Fassade aus dunklem Stein. Fenster wie Augen. Wahrscheinlich unendlich viele Zimmer. Viel zu groß für zwei Menschen. Finster, mit Efeu, Säulen und Verzierungen am Eingang. Schmiedeeiserner Zaun, wie bei einer Festung.

Fand auf einer dubiosen Geisterhausseite im Netz einen Eintrag, leider ohne Fotos oder weitere Links:

›Villa Tschenkow. Erbaut im Jahr 1879 vom Architekten Doktor Grunther Tschenkow. Heute im Privatbesitz.

Von 1888 bis 1920 im Besitz der Familie Michelson.

1920: Unbekannte Täter ermorden die Familie Michelson (Fritz (45), Amanda (46), Abraham (12) und Emma (9)) im Wohnsaal des Anwesens. Kein Raubmord. Der oder die Täter hängten die Leichen zum Ausbluten mit den Köpfen nach unten an einen Kronleuchter.

Von 1920 bis 1953 stand das Haus leer. Überstand unbeschadet den Zweiten Weltkrieg. Seit den Sechzigern allgemein anerkanntes Spukhaus. 1970 von einer Immobilienfirma erworben, die es von Grund auf sanieren ließ. Zukünftige Mieter und Pächter blieben jedoch nie länger als ein Jahr. 1974 zog eine Anwaltskanzlei ein. Der Anwalt Doktor Alfons Zombold verübte im Frühjahr 1975 Selbstmord. Er erhängte sich am Kronleuchter, an dem man seinerzeit die Leichen der Michelsons fand.‹

Frage: Beschreibt dieser Eintrag wirklich das Haus, in dem Tom mit seiner Mutter lebt?

Frage: Und wenn das so ist – weiß er davon?

Frage: Warum ist im Netz sonst nichts über diesen mysteriösen Mordfall zu finden?

Frage: Oder über die Villa Tschenkow und diesen Architekten?

Ich fischte mein Handy aus dem Rucksack und rief Tom an, aber er nahm nicht ab. In der Küche schmierte ich mir ein Nutellabrot. Papa saß immer noch regungslos im abgedunkelten Wohnzimmer. Ich verkroch mich wieder nach oben, zog mir Muttis Fliegermütze über, beobachtete den Friedhof und hörte meinen Lieblingssoundtrack-Mischmasch.

Ich war kaputt. Die Erlebnisse vom Morgen hatten mich erschöpft. Ich legte mich aufs Bett, studierte Toms Phobienliste, aber schon bald fielen mir die Augen zu. Albträume und Ängste krochen aus den Ecken, griffen mit glitschigen Fingern nach meinem Gehirn.

Ich weiß nicht, was ich träumte, aber als ich aufwachte, war ich schweißgebadet, und mein Herz hüpfte in meinem Brustkorb, wie ein panischer Vogel in einem zu kleinen Käfig.

Das Piepsen des Handys, das neben dem Computer auf dem Schreibtisch lag, hatte mich geweckt. Ich taumelte durchs Zimmer und nahm ab.

»Hey, das bist du ja endlich«, erklang Toms Stimme. »Hab dich schon ein halbes Dutzend Mal angerufen. Wo steckst du denn? Ich wollte mich entschuldigen, wegen heute Nachmittag, ich mein, dass ich dich einfach auf der Straße stehengelassen habe und so, meine Mutter, sie kann manchmal, seitdem sie im Rollstuhl sitzt, hast du die Phobienliste durch, bist du zu Hause oder unterwegs, komisch, es wird schon so früh dunkel …«

Obwohl er es natürlich nicht sehen konnte, wedelte ich mit der Hand durch die Luft, eine Geste der Beschwichtigung. Slow down. »Warte mal, nicht so schnell, Tom. Du …«

»Ja, ich bin’s, wir haben doch die Handynummern ausgetauscht, hab gesehen, dass du angerufen hast, ich wollte mich sowieso noch mal melden, wegen vorhin, weil ich einfach ins Haus bin, aber meine Mutter … und da bringt es nichts, tut mir leid, nimm das nicht persönlich, ich meine, dass sie überhaupt nicht mit dir gesprochen hat und so, das wollte ich sagen, tut mir leid, wo bist du und …«

Ganz offenbar war er nicht geübt darin zu telefonieren. Mach ich auch nicht gerne. Etwas fehlt, wenn man nicht das Gesicht seines Gegenübers sieht. Wenn man die Körpersprache nicht mitbekommt. Verkrüppelte Konversation.

»Sorry, ich hab geschlafen.« Ich zog mir die Fliegermütze vom Kopf. Meine Kopfhaut juckte, die Haare klebten vom Schweiß.

»Du hast geschlafen? Ich hab dich geweckt? Oh, tut mir schrecklich leid, das wollte ich nicht, ich …«

»Ist schon okay.«

»Wenn ich gewusst hätte, dass du schläfst, hätte ich nicht angerufen, weil, also, ich wollte dich nicht wecken und …«

»Jetzt komm mal runter!« Ich bereute sofort den genervten Tonfall in meiner Stimme und fügte schnell hinzu: »Bei dir alles okay?«

Am anderen Ende der Leitung herrschte kurz Schweigen. »Ja«, sagte Tom dann. Es klang misstrauisch, als hätte ich ihm eine Fangfrage gestellt. »Natürlich. Warum auch nicht?«

»Ich war vorhin im Internet. Hab mich über die Villa Tschenkow erkundigt. Wusstest du, dass du in einem Haus mit ziemlich brutaler Vergangenheit wohnst?«

Statisches Rauschen. Als Tom wieder zu sprechen begann, kamen die Worte bedächtig, als fürchtete er, von jemandem belauscht zu werden. »Du meinst, die Geschichte der Familie Michelson? Ich habe den Eintrag selbst verfasst.«

»Echt? Das ist von dir? Woher weißt du denn so viel über euer Haus? Im Netz findet man sonst nichts darüber. Weder über das Gebäude, noch über die Familie Michelson oder diesen Architekten.«

»Hab ich … das hab ich …« Einen Moment lang dachte ich, er würde sagen: ›Das habe ich mir alles bloß ausgedacht.‹ »Das habe ich aus der Bibliothek«, sagte er. »Und bei uns auf dem Speicher gibt es eine Kiste mit alten Unterlagen, die hab ich neulich mal durchforstet.«

»Wirklich?«

»Glaubst du etwa, ich erfinde so was?«

»Nein, natürlich nicht. Aber mal im Ernst – anerkanntes Spukhaus und …«

»Nachts höre ich manchmal komische Geräusche. Mein Zimmer liegt im dritten Stock, über mir befindet sich nur noch der Dachboden. Es klingt, als würde da oben jemand Möbel herumschieben.«

Mit dem Handy am Ohr lief ich durchs Zimmer, setzte mich neben das Teleskop auf die Fensterbank und schaute zum Friedhof. »Vielleicht sind das Ratten.«

»Glaub ich nicht. Dazu ist das zu laut. Ich hab oben nachgesehen, aber nie etwas entdeckt.«

»Was? Du bist nachts auf den Speicher rauf?«

»Natürlich am Tag.«

»Wohnst du mit deiner Mutter allein in dem Haus?«

»Mhm. Wir haben noch eine Putzfrau. Und dann ist da noch Jean, unser Gärtner. Aber nachts ist hier außer uns keiner.«

Ich fand die Vorstellung bedrückend – dass Tom in diesem riesigen, unheimlichen Gebäude allein mit seiner nicht weniger unheimlichen Mutter hauste.

»Deine Mutter … ähm, ich schätze mal, die kann nicht auf den Speicher?«

»Nein. Wir haben Treppenlifte, damit sie in die anderen Stockwerke gelangt, aber keinen, der bis zum Dachboden reicht. Was sollte sie auch da oben?«

»Keine Ahnung.« Vielleicht lag es daran, dass die Sonne bereits am Untergehen war und auch unser Haus still und verlassen wirkte wie eine Grabkammer, aber plötzlich kroch mir eine Gänsehaut über den Rücken. »Was, glaubst du, verursacht diese Speichergeräusche?« In der Verbindung knackte es. Ich versuchte, mir Tom in seinem Zimmer vorzustellen, aber ich brachte kein Bild zustande. Mir kam eine Idee. »Könnte es vielleicht dein Kater gewesen sein? Knusperflakes?«

»Du meinst Knusperkerl. Nee, Knusperkerl hat immer bei mir im Bett gepennt. Er mochte den Dachboden nicht. Als wäre da oben etwas … Katzen spüren so manches …«

Wieder ein längeres Schweigen. Ich dachte schon, die Verbindung wäre abgebrochen.

»Hast du dir die Phobienliste angesehen?«, fragte Tom unvermittelt.

»Ja. Offen gestanden finde ich die meisten der dort aufgelisteten Phobien ein bisschen … na ja, eigentümlich.«

»Es gibt eine, bei der … also, wenn du bereit zu unserem Experiment bist, würde ich gerne … da bräuchte ich deine Hilfe. Jetzt zum Beispiel, wenn du fit genug bist und noch mal weg kannst.«

»Jetzt noch? Himmel, was hast du denn vor?«

»Können wir uns in einer halben Stunde auf dem Friedhof treffen? Ich bringe ein Diktiergerät mit. Hab’s an eine Schnur gebunden.«

Das klang äußerst verworren. »Um welche Phobie sollen wir uns denn kümmern?«

Wieder vertickten einige Sekunden, ehe Tom antwortete: »Phasmophobie natürlich. Die Angst vor Geistern.«

Bevor ich aufbrach, lief ich meinem Bruder Jerome in die Arme. Er kam aus dem Wohnzimmer, wo er sich eine Sendung ansah, in der mithilfe einer Rangliste die beliebtesten Tiere Deutschlands abgearbeitet wurden. Gerade war Platz Nummer dreiundzwanzig dran: Der Wattwurm.

»Du gehst noch mal weg?«, fragte er.

Ich roch, dass er Bier getrunken hatte. Unter seinen verquollenen Augen hatten sich dunkle Tränensäcke gebildet. Er trug ein Shirt mit der Aufschrift: ›Hell awaits‹. Das Haar hing ihm fettig ins Gesicht.

Ich fuchtelte mit der Hand in der Luft herum. »Puh, hast du `ne Fahne. Hast du gesoffen, oder was?«

Er sah mich feindselig an. »Wüsste nicht, was dich das angeht.«

Ich schielte an ihm vorbei ins Wohnzimmer und war erleichtert, dass Papa nicht mehr mit seinem Schießpulvertee in der Ecke hockte und ins Nichts glotzte. Auf dem Tisch standen ein halbes Dutzend Bierflaschen.

Ich betrachtete ein gerahmtes Foto an der Wand, das Mutti vor ihrer Cessna zeigte. Der Wind wehte ihr das lange Haar zurück. Sie sah aus wie eine glückliche Abenteuerin, ahnungslos, dass in der Zukunft vor ihren Kindern und ihrem Mann so ein Entsetzen liegen würde.

Jerome ging ins Wohnzimmer zurück und ließ sich aufs Sofa fallen. Er begann, durch die Kanäle zu zappen und sagte: »Bin später auch noch weg. Vergiss den Schlüssel nicht. Papa hört bestimmt nicht, wenn du klingelst.«

Ich atmete auf, als die Haustür hinter mir zugefallen war.

Am Friedhofstor wartete ich auf Tom. Niemand war auf der Straße unterwegs. Der Wind rauschte in den Bäumen.

Nach einer Weile bog Tom um die Ecke. Als er mich sah, winkte er mir zu. Er war außer Atem, so als wäre er gerannt und erst das letzte Stück des Weges langsamer gegangen. »Hi, Hannah. Alles klar bei dir? Wo ist denn deine Fliegermütze? Bist du fit?«

Ich winkte ab. »Geht schon. Gut, dass du mich vorhin geweckt hast, sonst hätte ich bis jetzt gepennt, und dann hätte ich die Nacht über nicht schlafen können.«

Wir mussten über die Mauer klettern, da das Tor bereits abgeschlossen war. Tom stellte sich dabei etwas blöd an, er brauchte mehrere Anläufe, bis er die Mauer überwunden hatte. Am Abend zuvor hatte er nicht solche Probleme beim Überwinden dieses Hindernisses gehabt.

Der Friedhof empfing uns mit rauschender Stille. Wie immer brannten einige Grablichter, rote Glühwürmchen in der Dunkelheit. Ansonsten konnte man kaum etwas erkennen. Die Grabsteine und Kreuze verschwanden in der Schwärze. Der immergleiche Friedhofsgeruch umschloss uns.

Wir liefen nebeneinander her. Ich konnte spüren, dass Tom nervös war. Seine Atmung war unruhig, und das bestimmt nicht nur aufgrund seiner schlechten Kondition.

»Du hast mir immer noch nicht erklärt, was du vorhast.« Meine Stimme klang viel zu laut in der Friedhofsstille.

Tom blieb stehen. »Ich habe ein Diktiergerät dabei. Digital. Winzig. Kaum Gewicht. Hab es an eine Schnur gebunden.«

»Das hast du schon am Telefon gesagt, aber ich raff nicht, was du vorhast.«

Er griff in die Jackentasche und holte das besagte Diktiergerät hervor. Wie ein fetter, schwarzer Käfer lag es auf seiner Handfläche. Er hatte eine Kordel drum herum gebunden, als wolle er es als Jojo benutzen.

»Hast du an eine Taschenlampe gedacht?«, fragte er.

»Leider nicht.«

»Ich auch nicht. Ist auch egal. Wenn wir hier wie die Bekloppten herumleuchten, machen wir am Ende noch jemanden auf uns aufmerksam.«

Wir gingen weiter. Der Kies knirschte unter unseren Sohlen. »Du kennst doch die Gruftstraße«, sagte Tom. »In der Mitte des Friedhofes.«

»Du meinst, wo wir ineinander gerannt sind?«

»Genau. Warst du mal in einer Gruft?«

»Natürlich nicht. Du etwa?«

Er schüttelte den Kopf. »Hast du dir diese Grüfte mal genauer angesehen?«

»Ein bisschen. Die Eingänge sind mit Gittern versperrt, dahinter befinden sich Treppen, die unter die Erde führen.«

»Und unten stehen die Sarkophage.« Sogar in der Dunkelheit konnte ich erkennen, dass seine Augen zu leuchten begonnen hatten. »Räume, in denen die Toten ruhen. Man kann ihnen ganz nahe sein, wenn man einen Schlüssel zu den Türen hat. Ich meine, sie verwesen nicht fünf Meter unter der Erde, sondern stehen frei im Raum herum.«

»Hast du etwa einen Schlüssel zu einer Gruft?«

»Nein. Aber du kennst doch die Lüftungsschächte, oder?«

Hinter den einzelnen Grüften erstreckte sich jeweils ein freies Areal, meist grasbewachsen oder von Kies bedeckt. Dort befanden sich überdachte, rundliche Gebilde, die an Vogelhäuschen erinnerten, etwa fünfzig Zentimeter breit, mit Schlitzen an den Seiten. Ich hatte mir nie Gedanken gemacht, um was es sich dabei handelte. Das mussten die Lüftungsschächte sein. Ich fragte mich, warum es überhaupt Lüftungsschächte gab. Vielleicht, damit Besucher da unten nicht erstickten. Oder wegen dem Gestank der Fäulnis.

Allmählich bekam ich ein Bild von dem, was Tom vorhatte. »Du willst dein Aufnahmegerät einschalten und durch so einen Lüftungsschacht in eine Gruft hinablassen.«

Er nickte. »Wir hängen es da rein, ziehen es nach einer Stunde oder so wieder rauf und hören uns dann die Aufnahme an. Vielleicht spricht jemand zu uns. Das nennt man EVP. Steht für Electronic Voice Phenomena. Allgemein bekannt.«

Ich bekam eine Gänsehaut. »Du willst mit einem Geist Kontakt aufnehmen?«

»Nun … ja. Zumindest möchte ich hören, was er zu sagen hat.«

»Und was machen wir, wenn das funktioniert?« Der Gedanke kam mir mit einem Mal keineswegs absurd vor. »Was, wenn es den Toten nicht gefällt, dass wir sie abhören wollen?«

Tom zuckte mit den Achseln. »Abwarten. Es gibt jetzt kein Zurück mehr.«

Das sah ich anders. Es gibt immer ein Zurück. Trotzdem sagte ich nichts.

Wir liefen zur Gruftstraße in der Mitte des Friedhofes. Die Grabgebäude schälten sich aus der Finsternis hervor. Aus den Mauerritzen wuchs pelziges Moos. Die Treppen hinter den Gittern führten in die Dunkelheit.

Am Ende der Straße – insgesamt gab es fünfzehn Grabgebäude, manche aus Sandstein, andere mit Granitsäulen oder beschädigten Engeln am Eingang, einige gepflegt, als hätte man sie erst kürzlich errichtet, andere verwittert und uralt, keines größer als ein Gartenhäuschen – befand sich eine Gruft aus ehemals roten Backsteinen. Der Eingang war zugemauert. Die Außenwände waren mit Efeu überwuchert. Das Bauwerk erinnerte an die Miniaturausgabe einer aufgegebenen Fabrik aus dem vorletzten Jahrhundert. Es gab keine Inschrift über dem Eingang wie bei den anderen Gemäuern, die darüber informierte, wer hier seine letzte Ruhe gefunden hatte.

»Hier.« Toms Stimme klang heller als sonst, aber nicht so piepsig wie in Gegenwart seiner Rollstuhlmutter.

»Das Ding?« Ich schluckte. »Bis du sicher, dass das überhaupt eine Gruft ist?«

»Was soll es denn sonst sein? Ein Backofen?«

»Sieht zumindest so aus.«

»Ich hab’s nachgeprüft. Hinter dem Gebäude befindet sich eine Wiese mit einem Belüftungsschacht in der Mitte.«

»Aber vielleicht ist diese Gruft nicht mehr in Betrieb.«

Tom lachte leise. »Glaub ich nicht. Ich meine, die Dinger sind doch für die Ewigkeit geschaffen, oder?«

»Und warum ist die hier dann zugemauert?« Ich bemerkte plötzlich, dass wir nur noch flüsterten, als fürchteten wir, dass uns die Toten belauschten.

»Woher soll ich das wissen? Vielleicht leben keine Angehörigen mehr.«

»Das ist doch kein Grund, eine Gruft zuzumauern.«

»Vielleicht ist die Treppe, die hinunterführt, derart beschädigt, dass man nicht mehr hinuntersteigen kann.«

Ich nickte, obwohl ich die Erklärung schwach fand. Vielleicht hat man die Gruft zugemauert, damit etwas, das sich dort unten befindet, nicht ins Freie gelangen kann, dachte ich.

Irgendwo stieß ein Käuzchen einen Schrei aus. Mir war fast, als könnte ich Toms Herzschlag in der Stille hören, und das Pochen vermengte sich mit dem Geräusch meines eigenen Herzens. »Hast du Schiss?«, fragte Tom.

»Ich bekomm gleich einen Anfall!«

»Verstehe. Ich scheiß mir auch gleich in die Hosen. Aber egal. Prüfen wir mal den Belüftungsschacht.«

Ich war froh, dass er die Initiative ergriff. Merkwürdig, ich hatte mich nie auf dem Friedhof gefürchtet. Aber ich hatte ihn auch nie unter solchen Voraussetzungen betreten.

Wir umrundeten das Grabgemäuer. Dahinter war eine freie Fläche, die ursprünglich mit Gras bewachsen war. Das Gras war braun, als sei der Boden darunter vergiftet.

Der Lüftungsschacht befand sich in der Mitte. In der Dunkelheit sah das Ding aus wie ein sehr niedriger Brunnen. An den Seiten des spitzen Schieferdachs befanden sich schlitzförmige Öffnungen.

Tom kniete sich hin. »Okay, ich lass das Diktiergerät jetzt runter, und dann verpissen wir uns.«

Scheinbar minutenlang fummelte er am Aufnahmegerät herum. Obwohl ich es in der Dunkelheit nicht sehen konnte, bin ich überzeugt davon, dass seine Hände zitterten. Ich blickte mich nach allen Seiten um. In der Ferne ragte die Friedhofskapelle als finsterer Schatten in den Nachthimmel auf.

Hier ist etwas , dachte ich. Etwas Uraltes. Es ist ganz nah und beobachtet uns in diesem Augenblick.

Endlich hatte Tom das Gerät zum Laufen gebracht. Die Bäume über uns knarrten im Wind. Das Käuzchen schrie wieder.

»Alles klar?«, fragte ich. »Hast du’s?«

»Ja. Sei leise, sonst werden unsere Stimmen mit aufgenommen. Dann übertönen wir das, was die Toten sagen.«

Er seilte das Diktiergerät ab. Ich fragte mich, ob die Schnur lang genug war und ob das Gerät zwischen den Särgen oder Sarkophagen auf dem Boden aufsetzte, oder ob es in der Luft baumeln würde. Dann müsste Tom die Schnurr irgendwo befestigen.

Gleich reißt jemand von unten an der Kordel, und wenn das passiert, fange ich an zu schreien …

»The eagle has landed.« Tom sprang auf. »Jetzt aber weg hier.«

Wir verließen die abgestorbene Grasfläche. Als wir den Kiesweg betraten, begannen wir zu rennen. Wir erreichten die Mauer und überwanden sie in Lichtgeschwindigkeit. Dieses Mal stellte sich Tom nicht so blöd an wie bei unserem Einstieg, er flog regelrecht über sie hinweg. Auf der anderen Seite angelangt, rannten wir weiter. Ich unterdrückte ein hysterisches Lachen, aber als ich Tom, der neben mir her rannte, tatsächlich lachen hörte, stimmte ich mit ein.

Wir liefen zum Stadtweiher, der etwa einen halben Kilometer vom Friedhof entfernt liegt. Der Himmel war voller Wolken. Die Luft schmeckte nach Augustregen.

Der Weiher ist kaum mehr als ein sumpfiger Tümpel. In der Mitte befindet sich ein Inselchen mit einer blattlosen, abgestorbenen Trauerweide. In der Dunkelheit sahen die kahlen Äste wie überdimensionale Krallen aus. Am Ufer schliefen Enten. Im Frühling quakten hier unzählige Frösche, aber jetzt war es still, nur das Rauschen des Windes war zu vernehmen. Ich mag Windrauschen. Stille ohne Leere.

Wir ließen uns auf einer Bank nieder, die an schönen Tagen von Rentnern bevölkert wurde. Nachts trafen sich hier Jugendliche, um sich mit Alkohol abzufüllen. Davon zeugten die überall herumliegenden zerbrochenen Flaschen. Zum Glück waren an diesem Abend weder Rentner noch Jungvolk zugegen.

Tom keuchte, ich bildete mir ein, seine Wärme zu spüren. »Hast du dir das wirklich nicht alles bloß ausgedacht?«, fragte ich ebenso atemlos.

Tom drehte sich zu mir. »Ausgedacht? Was meinst du?«

»Das mit deinem Haus. Das darin vor über hundert Jahren ein Unbekannter eine Familie dahingemetzelt hat.«

»Du hast doch den Eintrag über unser Haus im Internet gelesen.«

»Aber den hast du doch selbst verfasst.«

»Hab ich das erzählt?«

»Ja, hast du.«

»Ich kann dir die Unterlagen zeigen, die ich auf dem Speicher gefunden habe. Ich bring sie mit in die Schule.«

Ich betrachtete die Oberfläche des Weihers. Das Wasser ist voller Algen. Es gibt kein platschendes Geräusch, wenn man einen Stein hineinwirft, nur ein ›Flump‹. »Meinst du, das Diktiergerät nimmt was auf?«, fragte ich.

Tom zuckte mit den Achseln. »Abwarten.«

Mir kam eine Idee. »Hast du so etwas schon einmal gemacht? Audioaufnahmen auf Friedhöfen?«

»Hab mich bisher nicht getraut.«

»Vielleicht solltest du das Diktiergerät mal auf deinem Speicher deponieren.«

»Hab ich vor. Damit du mal die Geräusche hörst, die immer wieder auftreten.« Er verzog das Gesicht. »Wobei, andererseits … soll ich das wirklich? Wenn jetzt was auf dem Diktiergerät ist, schön und gut, der Friedhof ist eine ganze Ecke entfernt. Jedenfalls von meiner Warte aus betrachtet. Du hast da ein größeres Problem.«

»Warum? Weil sich die Geister näher an meinem Haus befinden?«

»Genau.«

Ich fröstelte, als wäre ich in ein Schwimmbecken gesprungen, ohne mich vorher abzukühlen.

Tom sagte: »Stell dir vor, du machst eine EVP-Aufnahme bei dir zu Hause. Willst die Stille aufzeichnen, die in deinem Zimmer herrscht, wenn du schläfst. Möchtest vielleicht herausfinden, ob du schnarchst oder im Schlaf sprichst. Stell dir vor, du hörst dir am nächsten Morgen die Aufnahme an, und plötzlich sagt eine fremde Stimme: ›Ich beobachte dich jede Nacht, Hannah. Ich steh vor deinem Bett, wenn du schläfst.‹ Was dann?« Er schüttelte sich, als hätte er in etwas Saures gebissen. »Was ich sagen will, ist: Wenn ich das Diktiergerät auf dem Speicher deponiere, um die Geräusche von dort festzuhalten, und dann spricht jemand über die Aufnahme zu mir, jemand, der meinen Namen kennt … dann kann ich einpacken.«

Ein weiterer Frostschauer durchfuhr mich. »Hast du nicht gesagt, du wolltest dich mit diesem Spukkram beschäftigen, um keine Angst mehr davor zu haben?«

»Die Frage ist doch, ob man es unter Kontrolle bekommt, und das ist bei Geistern so eine Sache. Wenn ich einen Beweis für die Existenz des Speichergeistes habe, dann wird dieser Geist bestimmt auch auf mich aufmerksam. Er weiß, dass er entdeckt ist. Was, wenn er den Speicher verlässt und zu mir ins Zimmer kommt?«

Eine Weile lang saßen wir so da. Um uns herum begannen Grillen zu zirpen. Der Wind nahm zu, aber es wurde nicht richtig kalt. Ich dachte wieder über die unterschiedlichen Formen der Stille nach und kam zu dem Entschluss, dass sich die Lautlosigkeit, die uns umgab, definitiv von der Totenstille auf dem Friedhof unterschied. Oft entsteht ein peinliches Schweigen, wenn man mit jemandem zusammen ist, und niemand sagt ein Wort. Bei uns zu Hause passiert das häufig. Weltallstille, angefüllt mit Worten, die niemand auszusprechen wagt. Dicke Werkausgaben für die Bibliothek der nicht geschriebenen Bücher.

Mit Tom zu schweigen, war nicht unangenehm, aber um das Geister-Unbehagen abzuschütteln, unterbrach ich es: »Am Sonntag hatte das Feuerzeug eine herkömmliche Ebene des zweiten Gehirnakrobaten auf Milchbasis im Außenklo vergessen.«

Tom kicherte. »Nicht schlecht. Nimm das: Der Krake an der Wand hatte keine Ahnung, dass das Feuer längst mit vierundzwanzig Manschetten ersteigert wurde.«

»Wenn du es sagst. Der arme Krake.« Wir lachten beide, lauter diesmal.

Ich weiß nicht, ob ich es erwähnt habe, aber manchmal ist mein Mund schneller als mein Gehirn, und dann spucke ich unbedachte Worte aus. Ich kann nichts für meine Zunge, sie hat ein Eigenleben.

Obwohl ich den Moment nicht kaputt machen wollte, sagte ich: »Hast du geweint, als du deinen Kater gefunden hast? Hast du letzte Nacht geweint? Da hast du doch zum ersten Mal ohne ihn schlafen müssen. Das war bestimmt traurig.«

Ich befürchtete schon, Tom würde mich anmotzen, dass mich das nichts anginge. Stattdessen sagte er: »Jemand hat ihn auf eine der Stahlspitzen unseres Zauns gespießt.«

Ich fuhr auf der Bank herum »Wie bitte? Du hast doch gesagt, ein Lastwagen hätte ihn erwischt!«

»Das war wohl nicht die ganze Wahrheit.«

»Jemand hat deinen Kater ermordet

»Na, er wird sich kaum selbst gepfählt haben. Knusperkerl war Freigänger und total zutraulich. Hat sich an jeden rangeworfen, der ihm auf der Straße entgegenkam.«

»Warum bist du nicht zur Polizei?«

Er schüttelte den Kopf. »Was soll das bringen? Wusstest du, dass es von rechtlicher Seite her nur Sachbeschädigung ist, wenn jemand dein Haustier kalt macht?«

Das war mir neu. »Aber es gibt doch das Tierschutzgesetz. Und was ist mit ›seelischer Grausamkeit‹? Du musst doch irgendwas unternehmen.«

»Mein Kater ist tot, und daran lässt sich nichts ändern.«

Mir kam ein ekelhafter Gedanke: Du hast Angst, dass deine Mutter ihn ermordet hat. Deswegen bist du nicht zur Polizei.

Eine Schnapsidee. Seine Mutter saß im Rollstuhl. Wie hätte sie den Kater auf den hohen Zaun spießen sollen?

Aber vielleicht hatte sie den Katermord in Auftrag gegeben.

»Ich hab nicht geheult, als ich ihn vom Zaun losgemacht habe«, sagte Tom. »Hab auch nicht geheult, als ich ihn in den Schuhkarton packte. Und auch nicht, wie du weißt, auf seiner Beerdigung. Später im Bett hab ich immer wieder zur Decke neben mir geschaut – Knusperkerl hatte eine eigene Decke aus Kamelhaar –, und es war seltsam, dass er nicht da war. Aber geheult hab ich nicht. Ich glaub, ich hab noch nie wegen irgendwas geheult. Kann ich nicht. Ich habe keine Tränen in mir.«

So, wie er das sagte, klang es nicht pathetisch. Er teilte mir eine einfache Sachlage mit: Regen fällt nach unten, die Sonne steht am Himmel. Ich habe keine Tränen in mir.

»Hat sich denn deine Mutter mit Knusperkerl vertragen?«

Details

Seiten
260
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783945298046
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314420
Schlagworte
Ängste Krimi Buchhändler Phobie Spinnen Phobien Amoklauf Selbstmord All-Age Mord Spannung Angstvorstellungen

Autor

  • Jens Lossau (Autor)

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Titel: PHOBIE