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Am Ende das Nichts

Psychothriller

von Ursula Großmann (Autor)

2015 400 Seiten

Leseprobe

Über das E-Book

Sie hat alles – eine harmonische Ehe, ein aufgewecktes Kind, Gesundheit, Freunde, Wohlstand – alles für ein glückliches, sorgloses Leben. Bis zu dem Tag, an dem sie eine Entscheidung trifft, die alles verändert und das Gefüge unaufhaltsam zum Einstürzen bringt.

Für Isabel, Ende 30, beginnt eine fatale Spirale dramatischer Ereignisse, als sie in ihren Beruf als Lehrerin zurückkehrt. Alles scheint sich gegen sie zu wenden, Kollegen, Schüler, selbst der eigene Mann. Aus anfänglich harmlos scheinenden Alltagsproblemen wird bald bitterer Ernst. Mysteriöse Vorkommnisse, anonyme Anrufe, Drohbriefe bringen ihre heile Welt immer mehr ins Wanken. Nichts scheint mehr sicher. Wem kann sie noch vertrauen? Ihrem attraktiven Kollegen Jan?

Sie gerät in einen Strudel psychischen Terrors, zerstörender Bedrohung und verhängnisvoller Gefühle. Zu spät erkennt sie die fatalen Folgen ihres oberflächlichen Handelns, die die Realität in einen nicht endenden Albtraum verwandeln. Sie führen ins Nichts, das ihr Leben ewig prägen wird.

Impressum

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Neuausgabe Februar 2015

Copyright © Erstausgabe 2012, Einhorn-Verlag
Copyright © 2015 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-94529-808-4

Taschenbuch ISBN: 978-3-93637-372-1

Covergestaltung: Maja Schollmeyer
unter Verwendung eines Motivs von
© lassedesignen/shutterstock.com

Am Ende das Nichts ist auch als Printausgabe beim Einhorn-Verlags erhältlich (ISBN: 978-3-93637-372-1)

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Ursula Großmann

AM ENDE
DAS NICHTS



Thriller

Prolog

Eiskalt. Der Regen. Die Tränen.

Kälte ist die einzige Empfindung, die es vermag zu mir durchzudringen.

„Asche zu Asche, Staub zu Staub...“ Die Worte des Pfarrers erreichen mich nicht. Sie prallen an mir ab wie die Regentropfen auf den Schirmen der Trauergäste und zerrinnen im Nichts. Unaufhörlich stelle ich mir dieselbe Frage.

Warum? Warum stehe ich hier? Warum geht das Leben so seltsame Wege? Warum musste es an diesem Ort enden? Warum? Ich kann nicht denken, finde keine Antworten.

Alles scheint erstarrt zu sein. Die Trauernden, die ihre Schirme krampfhaft festhalten, meine Gefühle, das ganze Leben.

Ich spüre, wie mich jemand ansieht. Für ein paar Sekunden verfangen sich unsere Blicke, fressen sich aneinander fest. Das Unausgesprochene lässt mich frösteln: Es gibt kein Zurück, keine Möglichkeit das Vergangene zu ändern. Was bleibt ist Erinnerung, Qual und der Blick in eine ungewisse Zukunft.

1 – Neubeginn

Verhängnisvolle Ereignisse kündigen sich nicht an. Sie kommen langsam, schleichend, unbemerkt. Eine einzige Entscheidung kann genügen, um sie ins Rollen zu bringen. In meinem Fall war es der Entschluss wieder ins Berufsleben einzusteigen.

Die Idee, meinem beschaulichen Leben als Hausfrau und Mutter den Rücken zu kehren, kam mir eines Tages beim Zubereiten des Abendessens in den Sinn.

„Immer das Gleiche!“, dachte ich, während sich eine Tomate durch mein scharfes Messer in kleine Stücke verwandelte. „Ich mache immer das Gleiche, seit neun Jahren. Haushalt, shoppen, Freundinnen treffen, Babs in der Galerie helfen, mich um Sascha kümmern. Und der braucht mich auch immer weniger. Er verbringt mehr Zeit mit seinen Freunden als mit mir.“

Mit Schwung landeten die Tomatenstücke auf den Salatblättern.

„Ich brauche eine Herausforderung, eine eigene Aufgabe. Vielleicht sollte ich ja wieder unterrichten“, überlegte ich.

Voller Energie zerkleinerte ich eine Salatgurke. Je länger ich darüber nachdachte, desto größer wurde das Verlangen, wieder mit Schülern zu arbeiten, bis der feste Entschluss fiel, mich für den Schuldienst zu bewerben. Ich schob die Gurkenstücke vom Schneidebrett in die Schüssel und konnte es kaum erwarten, bis Alex, mein Mann, von der Klinik nach Hause kam, um ihm mein Vorhaben mitzuteilen. Während ich Olivenöl über den Tunfischsalat verteilte, stellte ich mir bildlich vor, wie er begeistert meinem Ansinnen lauschen und erfreut zustimmen würde, so wie er bisher mit fast allen meinen Ideen einverstanden gewesen war. Mein Mann liebte mich so sehr, dass er mir kaum etwas abschlagen konnte.

Ein Lied aus dem Radio mitträllernd, durchmischte ich alle Zutaten und dachte keine Sekunde daran, dass es dieses Mal anders sein könnte. Ich hörte, wie die Haustür aufgesperrt wurde, und ließ alles liegen, um Alex entgegenzulaufen.

„Hallo Liebling!“, rief ich und umarmte ihn.

„Hallo meine Süße“, antwortete er mit müder Stimme und gab mir einen zärtlichen Kuss.

Ich blickte in sein Gesicht und erkannte darin nur grenzenlose Erschöpfung.

„Harter Tag?“

„Unglaublich hart. Ich brauche jetzt erst einmal etwas zum Trinken und dann muss ich mich kurz hinlegen, sonst kipp’ ich um!“

Ich streichelte bedauernd seinen Oberarm und zog ihn untergehakt in die Küche. Zähneknirschend musste ich mir eingestehen, dass der Zeitpunkt, ihm meinen folgenreichen Entschluss mitzuteilen, ungünstig gewählt war. Doch ich brannte so sehr darauf, ihm die Neuigkeit mitzuteilen, dass ich den fatalen Satz „Übrigens, ich habe beschlossen wieder als Lehrerin zu arbeiten!“ trotzdem aussprach. Alex setzte sein Trinkglas ab und warf mir einen verständnislosen Blick zu, als ob ich chinesisch mit ihm gesprochen hätte.

„Wie bitte? Darauf muss ich jetzt hoffentlich nicht antworten. Ich bin hundemüde“, meinte er nur und ging wortlos ins Wohnzimmer.

„Jetzt bleib doch hier! Ich möchte nur deine Meinung dazu hören!“, rief ich und lief ihm nach.

„Schatz, ich habe heute zwei wirklich lebensgefährliche Operationen am offenen Herzen absolviert! Ein Patient wäre beinahe gestorben. Denkst du tatsächlich, ich wäre jetzt in der Lage, mich mit so einem Thema zu beschäftigen?“ Er sah mich verdrießlich an.

„Versuch es wenigstens“, bettelte ich.

„Na gut, du willst es ja nicht anders. Die Idee, wieder als Paukerin zu arbeiten, solltest du schnellstens vergessen oder willst du etwa auch zu den 60 Prozent an Burnout-Syndrom leidenden Lehrern gehören, und irgendwann mit psychosomatischen Herz- und Kreislaufbeschwerden bei mir in der Klinik landen?“

Erschöpft ließ er seine 1,90 Meter große Statur in seinen Lederlehnsessel fallen und kippte ihn in Schlafposition. Ein unumstößliches Zeichen, dass er nicht gewillt war, länger über dieses Thema zu reden. Ernüchtert setzte ich mich auf die Couch. Alex’ stressiger Berufsalltag an einer großen Münchner Klinik machte die Momente, in denen er Kraft und Zeit genug hatte, sich mit unliebsamen Themen zu beschäftigen, ziemlich rar. Ich musste mich aber bald bewerben und konnte deshalb den richtigen Moment nicht abwarten.

„Alex“, sagte ich in beschwichtigendem Ton, „ich möchte es aber. Ich habe wieder Lust zu unterrichten! Ich möchte endlich etwas Sinnvolles tun und nicht immer nur im Haushalt arbeiten, die Familie organisieren und Freundinnen treffen. Ist auf Dauer nicht gerade erfüllend.“

Alex öffnete seine schwarz bewimperten braunen Augen und sah mich stirnrunzelnd an.

„Wer oder was hat dich eigentlich darauf gebracht, dass dein Leben sinnentleert sei?“

„Da muss mich niemand darauf bringen, das habe ich ganz alleine herausgefunden“, entgegnete ich pikiert. Mit einer ungeduldigen Bewegung fuhr er sich durch seinen kurz geschnittenen schwarzen Haarschopf, in den sich schon ein paar graue Exemplare eingeschlichen hatten.

„Unser Kind zu einem mündigen Bürger zu erziehen ist doch eine sehr wichtige Aufgabe, findest du nicht? - Na gut, ich habe ja nichts dagegen, wenn du deine imaginäre Sinnkrise bekämpfen willst. Aber muss es ausgerechnet die Schulmeisterei sein? Dich hat der Job doch schon ohne Kind gestresst, und außerdem bist du schon so lange weg vom Metier. Ich habe jedenfalls keine Lust darauf, dich wieder Tag und Nacht wegen der Schule herumrotieren zu sehen“, sagte er und schloss die Augen als Signal, dass er sich nicht weiter mit diesem Thema befassen wollte.

Ich betrachtete ihn verärgert. Was er da von sich gab, war vollkommen übertrieben. Während meiner Referendarzeit und in den fünf Jahren als fest angestellte Lehrerin war ich sehr engagiert und dementsprechend ausgelastet gewesen. Aber ich hatte nichtsdestoweniger Spaß an meinem Beruf gehabt.

„Natürlich wird es anfangs nicht leicht sein. Aber das ist in jedem Beruf so, wenn man nach längerer Zeit wieder einsteigt. Ich schaffe das, so wie ich es auch damals geschafft habe“, versuchte ich noch einmal die Diskussion anzuheizen.

„Lass uns bitte ein anderes Mal darüber reden, okay?“, entgegnete er mit gereiztem Unterton.

Nein, das war nicht okay. Seit wir zusammen waren, hatte immer eitel Harmonie geherrscht, hatten wir Entscheidungen stets gemeinsam getroffen, indem wir alle Für und Wider gegeneinander abwogen und unterschiedliche Meinungen ohne Streit austauschten. Wir hatten gemeinsam beschlossen eine alte Villa zu kaufen und zu renovieren. Wir hatten auch gemeinsam beschlossen kein weiteres Kind zu bekommen, nachdem die Geburt unseres Sohnes vor neun Jahren für mich sehr riskant verlaufen war. Und jetzt sollte es nicht möglich sein, über meinen Wiedereinstieg in den Beruf zu sprechen?

„Ich will aber jetzt darüber reden!“, sagte ich eigensinnig. Alex gab einen tiefen Stoßseufzer von sich und kippte seinen Sessel in die Sitzposition zurück.

„Also gut, diskutieren wir es zu Ende. Was ist mit Sascha? Meinst du nicht, dass er dich noch braucht? Er ist doch erst neun.“

„Und ich schon 39. Ich will doch nicht erst dann wieder einsteigen, wenn andere anfangen an ihre Pensionierung zu denken!“

„Deine Eltern wohnen in Landshut und meine Mutter erträgt wegen ihrer Migräne kein Kindergeschrei. Du hast also niemanden, der auf ihn aufpasst, wenn du mal keine Zeit hast. Vernachlässigte Kinder geraten schnell auf die schiefe Bahn mit falschen Freunden, Drogen etc.“ Von Alex’ Müdigkeit war plötzlich nicht mehr viel zu bemerken.

„Also du übertreibst maßlos! Sascha hat seine Freunde, Leon und Max, bei denen er auch jetzt schon die meiste Zeit ist. Er ist sehr selbstständig geworden und braucht mich nicht mehr rund um die Uhr. So viele Frauen gehen arbeiten, auch mit zwei und drei Kindern. Stellen wir doch eine Haushaltshilfe ein, dann habe ich Zeit für Sascha und kann ihn vor dem sicheren Absturz bewahren!“, triumphierte ich und freute mich über meinen genialen Einfall.

„Haushaltshilfe!?“, rief Alex empört. „Das wird ja immer schöner! Die kramt dann in meinen Sachen, bringt meinen Schreibtisch in Unordnung und tunkt womöglich meine wertvollen Mercedesmodelle zum Abstauben in ein Seifenwasserbad!“

Ich bedauerte, dass ich ihm nicht seine verdiente Ruhe gegönnt und einen entspannten Moment abgewartet hatte. Die Diskussion würde ad absurdum geführt werden, wenn ich sie nicht schnellstens beendete.

„So ein Unsinn! Das macht doch niemand!“

„Doch, meine Oma hat es getan, mit meinen Segelschiffsmodellen. Schatz, du musst nicht arbeiten, ich verdiene genug Geld und …“

„Himmel noch mal!“, unterbrach ich ihn die Beherrschung verlierend. „Es geht doch hier nicht um Geld. Du hast mir überhaupt nicht zugehört! Ich will nicht mehr nur zu Hause sein, sondern wieder arbeiten gehen, Kontakt zu Kollegen haben. Ich habe nicht vor, wegen deiner Haushaltshilfephobie meinen Beruf aufzugeben. Ich werde genaue Anweisungen geben, was sie beim Saubermachen tun und bleibenlassen soll, dann klappt das alles wunderbar, du wirst sehen.“

Alex sank resigniert in die Sesselpolster zurück. „Ich glaube, für heute gehen mir die Argumente aus. Aber einen Vorschlag hätte ich noch: Warum fragst du nicht deine Freundin Babs, ob sie dich zur Teilhaberin ihrer Galerie macht! Du verbringst ohnehin einen Großteil deiner Zeit dort, um bei den Vernissagen zu helfen. Na, das wäre doch was, wo du so kunstbegeistert bist!“

Sein angeblicher Geistesblitz zauberte ein triumphierendes Lächeln auf sein Gesicht.

„Alex, du musst wirklich sehr müde sein, sonst kämst du nicht auf solche Schnapsideen. Ich werde wieder als Lehrerin arbeiten, das ist Fakt, und jetzt schlaf den Schlaf des Gerechten!“

„Morgen finde ich das schlagende Argument, das dich vor dem sicheren Untergang bewahrt“, murmelte er und schloss die Lider.

Es dauerte keine zwei Minuten, bis er ins Reich der Träume abgedriftet war. Nachdenklich beobachtete ich, wie sich sein Brustkorb regelmäßig hob und senkte und seine Gesichtszüge sich immer mehr entspannten.

Da lag er, der Mann, der mich in himmlische Sphären katapultiert hatte, als ich ihm vor siebzehn Jahren auf einem Rockkonzert begegnet war. Manchmal empfand ich es beinahe als Wunder, dass wir uns nach all diesen Jahren immer noch innig liebten und nicht ohne einander sein konnten. Es war damals die sagenumwobene Liebe auf den ersten Blick gewesen und zwischen uns hatte sofort eine tiefe Vertrautheit geherrscht, als hätten wir uns schon ein Leben lang gekannt. Ich war so verliebt gewesen in diesen gut aussehenden, sportlichen und humorvollen Medizinstudenten, dass ich kurz entschlossen meine ohnehin angeschlagene Beziehung zu meinem damaligen Partner löste. Bald darauf waren wir zusammengezogen, studierten und heirateten, nachdem er sein Studium beendet hatte. Als dann unser Sonnenschein Sascha geboren wurde, hatte ich mich beurlauben lassen, um Alex beruflich den Rücken zu stärken.

„Hallo Mama!“, riss mich eine Kinderstimme aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und sah Sascha, der fröhlich auf mich zugelaufen kam. Ich legte den Zeigefinger auf die Lippen.

„Pssst! Papa schläft!“, flüsterte ich, als Sascha auf meinen Schoß kroch.

„Och, schade. Glaubst du er hilft mir heute noch bei meinem Baukasten?“, flüsterte er zurück. Ich zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte, dazu ist er heute zu müde. Morgen ist Samstag, da hat er bestimmt Zeit.“

„Papa wird sich freuen, wenn er sieht, wie weit ich schon gekommen bin!“, wisperte Sascha mit strahlenden Augen, die denen von Alex so ähnlich waren.

„Ganz bestimmt wird er das, mein Liebling“, meinte ich lächelnd und strich zärtlich mit der Hand durch seine schwarzen Locken, die er von seinem Opa väterlicherseits geerbt haben musste, denn sowohl ich als auch Alex waren mit so genannten Schnittlauchlocken gesegnet. Sascha wich mir aus.

„Mama, ich bin doch keine Ziege aus dem Streichelzoo!“, protestierte er.

Es passierte in letzter Zeit häufiger, dass er sich gegen zu viel Bemutterung und zärtliche Zuwendungen meinerseits wehrte. Als ausgebildete Pädagogin verstand ich das natürlich, hatte aber nichtsdestotrotz Schwierigkeiten mit dem beginnenden Abnabelungsprozess.

„Sag Papa, dass ich ihn ganz arg lieb habe. Ich gehe wieder basteln“, tuschelte er mir ins Ohr und lief davon. Ich musste lächeln und freute mich wieder einmal darüber, welch gutes Verhältnis die beiden zueinander hatten. Auch dafür liebte ich Alex. Man konnte ihn getrost als guten Vater bezeichnen. Obwohl seine Karriere viel Zeit in Anspruch nahm, hatte er sich in seiner Freizeit immer intensiv mit Klein-Sascha beschäftigt, Er war mit ihm auf den Spielplatz gegangen, Fahrrad gefahren, hatte ganze Burgen aus Legosteinen mit ihm gebaut. Aber nur unter der Voraussetzung, dass das Kind in bespielbarem Zustand war, sprich gewaschen, gefüttert, gewickelt und angekleidet. Ich zeigte Verständnis dafür, denn sein Job an der Klinik war mit viel Verantwortung und körperlicher Anstrengung verbunden. Auch für häusliche Tätigkeiten zeigte er wenig Talent und Interesse. Mein Mann verhielt sich eher so, wie die Evolution es für ihn vorgesehen hatte: in die raue Welt zum Jagen hinauszugehen, abends in die Höhle an das gut behütete Feuer zurückzukehren und freudestrahlend seinen Beutezug zu präsentieren. Sein größter Beutefang war die Ernennung zum Chefarzt vor knapp einem Jahr gewesen. Ich hatte bis dato immer Rücksicht auf ihn und seine anstrengende Karriere genommen, doch nun sah ich keine Notwendigkeit mehr, meine Bedürfnisse weiterhin zurückzustecken. Am nächsten Tag gab ich ein Stellengesuch für eine Haushaltshilfe auf. Gleichzeitig schickte ich den Antrag zur Wiederaufnahme in den Schuldienst weg, womit die dramatischen Verwicklungen unaufhaltsam ihren Lauf nahmen.

2 – Schrittweise

Auf das Geschehene zurückblicken, die Fehler erkennen, das Unabänderliche annehmen müssen – der Schmerz drückt mich fast zu Boden

Entspannung, ich sehnte mich nach Entspannung! Langsam sank ich auf die Liege und schloss die Augen. Das gleichmäßige Meeresrauschen, die leichte, warme Brise, die über meinen Körper strich, der salzige Geruch in der Luft, das entfernte Lachen und Reden der anderen Badegäste waren Sinneseindrücke, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Ich konnte endlich innerlich loslassen.

Schon seit drei Tagen befand ich mich mit Alex und Sascha in Spanien an der Costa Brava, einquartiert in einem schönen Ferienhaus mit Pool, und dennoch war es mir nicht gelungen, die Unruhe zu unterdrücken, die beim Gedanken an meinen beruflichen Neuanfang immer wieder aufflammte. Freudige und bange Gefühle hielten sich dabei die Waage.

Sei nicht dumm, hatte mich meine innere Stimme ermahnt, hör auf zu grübeln und genieße gefälligst die letzten drei Wochen vor dem Sturm!. Und genau das tat ich jetzt. Ich atmete tief ein und gab einen wohligen Seufzer von mir. Kaltes Wasser platschte auf meinen Bauch und riss mich aus meiner Verzückung.

„Iiiiiiieh, Alex, du Fiesling, na warte!“ Lachend jagte ich ihn über den wenig belebten Strand und warf ihn im seichten Wasser zu Boden. Spielerisch kämpfend wälzten wir uns in den sanften Wellen, bis ich mich schließlich Alex’ innigen und überaus salzigen Küssen ergab.

„Ist das herrlich hier!“, schwärmte dieser in einer Kusspause. „Kein Stress, keine Pflichten, kein Piepsgerät weit und breit, viel Zeit zum Küssen …“

Seine Lippen verschmolzen wieder mit meinen.

„Ihr seid ja sooo peinlich! Immer die blöde Küsserei. Spielt lieber Frisbee mit mir!“, ertönte Saschas Stimme plötzlich. Seine Hände in beide Hüften gestemmt, stand er als personifizierte Empörung vor uns. Lachend setzten wir uns auf.

„Ach, Moralapostel Sascha! Schon gut, wir kommen!“, gluckste Alex amüsiert und zog mich schwungvoll mit sich in die Höhe.

„Die Peinlichkeiten müssen wir wohl auf heute Nacht verschieben, meine Süße“, raunte er mir neckisch zu und lief dann hinter Sascha her.

Es musste eine dunkle Vorahnung gewesen sein, die mich diese kostbaren Augenblicke vollkommenen Glücks bis in die letzte Faser auskosten ließ. Der Zauber der Unbeschwertheit, die während des gesamten Urlaubs zwischen uns geherrscht hatte, verflog schneller, als mir lieb sein konnte. Übergangslos ergriff der Alltag nach unserer Rückkehr von uns Besitz. Schon am nächsten Tag war ein Termin mit unserer neuen Haushaltshilfe Magdalena festgesetzt, um ihr alles Notwendige zeigen zu können. Lena, wie sie genannt werden wollte, war eine hübsche, dreißigjährige Spanierin, lebte seit ihrer Kindheit in Deutschland, war seit einem Jahr geschieden und hatte zwei Kinder im Grundschulalter.

Dass sie auch zwei Gesichter besaß, musste ich erschrocken feststellen, als ich sie höflich bat, das Rauchen in unserem Hause zu unterlassen. Beim Vorstellungsgespräch war sie die Freundlichkeit in Person gewesen und ich hatte sie sofort sympathisch gefunden. Doch heute erfuhr meine angeblich gute Menschenkenntnis einen enormen Tiefschlag.

„Heißt das auch nicht auf dem Balkon?“, schnarrte sie mich an. Ihr Zahnpastalächeln war augenblicklich verflogen und ihre Miene verfinsterte sich derart, dass ich unweigerlich zurückschreckte.

Ich war noch zu perplex, um souverän gegensteuern zu können, und stammelte nur: „Ähm, ich meine ja nur, ähm, wissen Sie, wir sind beide Nichtraucher und mein Sohn …“

„Kann ich jetzt oder nicht?“, unterbrach sie mich ungeduldig und in ihren Augen war mühsam unterdrückte Wut zu erkennen.

Ich raffte mich innerlich auf und sagte so selbstbewusst wie möglich: „Ich möchte nur, dass Sie während der Arbeitszeit gar nicht rauchen. Nach getaner Arbeit gerne, meinetwegen auch auf dem Balkon, Hauptsache außerhalb des Hauses.“

Ich lächelte sie dabei tapfer an, doch Lena fixierte mich immer noch mit zusammengezogenen Augenbrauen und gab schließlich einen knurrenden Laut von sich.

„Wenn es unbedingt sein muss. Kann ich jetzt gehen?“

„Aber sicher. Kommen Sie am ersten Arbeitstag bitte um sieben Uhr, damit ich Sie noch einweisen kann. Also bis dann! Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit.“

Lena reichte mir unwillig die Hand und verabschiedete sich brummelnd. Ziemlich ernüchtert schloss ich die Haustür und schenkte mir erst mal einen Orangenlikör ein. Hatte Lena mir die Superfreundliche nur vorgespielt, um diese Stelle zu bekommen? Wie hatte ich mich nur so täuschen können? Vor meinem geistigen Auge sah ich eine wütende Lena, die beim Staubwischen meine Designervase fallen ließ und genussvoll sämtliche Mercedessterne an Alex’ Automodellen abknickte. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, wie immer, wenn ich mich aufregte.

Das geht ja schon gut los, dachte ich und ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieses unfreundliche Gespräch nur ein winziger Keimling dessen war, was mich noch erwarten sollte.

Mit einem Schluck Likör spülte ich die unangenehmen Gedanken hinunter und begab mich an meinen Schreibtisch. Schließlich hatte ich Wichtigeres zu tun, als mir darüber Gedanken zu machen, wie man rebellierende Haushaltshilfen in Schach halten konnte. Doch kaum hatte ich begonnen, den Unterrichtsverlauf für den ersten Schultag zu planen, läutete das Telefon. Es war Babara, meine Freundin, die mir aufgeregt ins Ohr kreischte: „Isabel, wo bleibst du?“

„Hallo Babs! Was heißt hier wo bleibst du?“

„Aber du wolltest mir doch helfen Josefs Vernissage vorzubereiten! Das hast du mir fest zugesagt!“

Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Wie hatte ich das nur vergessen können?!

Babs war die Frau eines Kollegen von Alex und besaß eine Kunstgalerie in der Innenstadt. Vor genau zehn Jahren hatten wir uns kennengelernt, als Alex ein paar Kollegen samt Frauen zu uns nach Hause eingeladen hatte. Seitdem pflegten wir eine enge Freundschaft, die auch bestens funktionierte, weil ich mich ebenfalls für Kunst interessierte. Wie oft hatte ich ihr schon bei der Gestaltung von Vernissagen geholfen und nicht einen einzigen Termin versäumt. Bis auf heute.

„Entschuldige vielmals! Ich habe es vor lauter Gedanken an den ersten Schultag total verschwitzt!“

Babs schnaubte entrüstet: „Erster Schultag? Aber ich habe auf dich gezählt! Du musst unbedingt noch kommen, sonst schaffe ich es nicht mehr!“

Sie klang so verzweifelt und vorwurfsvoll, dass ich ihr spontan zusagte, in einer halben Stunde bei ihr zu sein, obwohl es für mich die reinste Zeitverschwendung bedeutete.

In Windeseile tauschte ich meinen Jogginganzug gegen ein Kostüm, schminkte mich in weniger als zwei Minuten mit dem Ergebnis, dass ich danach aussah wie eine Zwölfjährige, die ihre Weiblichkeit entdeckt und sich an Mamas Schminktiegel vergriffen hatte. Nach einer notdürftigen Korrektur sagte ich Sascha Bescheid, dass wir zu Babs fahren mussten. Er protestierte lautstark, doch ich ignorierte sein Gezeter, drückte ihm ein Buch über Dinosaurier in die Hand und zog ihn mit zum Auto.

„Ich kann Ausstellungen nicht leiden und Babs und diesen doofen Maler auch nicht!“, rief er keifend vom Rücksitz nach vorne, als ich anfuhr.

„Ich weiß, Schätzchen, aber ich kann dich doch nicht alleine lassen!“

„Da sind nur Erwachsene, nichts darf man anfassen und hundert Mal fragen mich die doofen Leute, wie ich heiße und wo meine Mami ist. Das ist so blöd dort, Manno!“

Saschas Nörgelei begleitete mich, bis wir bei der Galerie ankamen. Bevor wir das Gebäude betraten, legte ich meine Hände auf seine Schultern und sagte: „Wenn dir wieder jemand eine dumme Frage stellt, dann sagst du einfach: ‚Bitte sprechen Sie mich nicht an, ich bin ein Kunstobjekt.‘“

Saschas Gesicht hellte sich auf. „Du bist echt cool, Mama!“

Als wir den Ausstellungsraum betraten, hielt ich sofort Ausschau nach Babs. Ein paar Angestellte vom Catering-Service liefen geschäftig hin und her, um das Buffet aufzubauen, und wir mussten aufpassen, dass wir ihnen nicht in die Quere kamen.

„Hallo, da bist du ja!“, hörte ich plötzlich Babs rufen. Ich drehte mich zu ihr um. Sie sah blendend aus, gekleidet mit einem weinroten, figurnahen Kostüm, die mittellangen, glatten schwarzen Haare an den Seitenpartien perfekt in Stufen geschnitten und mit einem Make-up, von dem ich heute nur träumen konnte. Man sah ihr das Alter von 41 Jahren nicht an und niemand, der sie zum ersten Mal sah, würde vermuten, dass sie schon ziemlich harte Zeiten mit ihrem ersten Mann, der spielsüchtig war, hinter sich hatte. Ihr Leben hatte sich erst zum Besseren gewendet, als sie sich scheiden ließ und ihren jetzigen Mann Hugo, einen Kollegen von Alex, kennenlernte. Er hatte sie nach Kräften unterstützt und den Aufbau ihrer Galerie in der Münchner Innenstadt ermöglicht.

„Hallo, da bin ich wie versprochen!“, sagte ich und umarmte sie.

„Na Sascha, wolltest du deine Mami begleiten?“, sagte sie mit Blick auf ihn und wuschelte ihm durch das Lockenhaupt. Ich wusste natürlich, dass sie mich in ihren heiligen Hallen lieber ohne Anhängsel empfing. Sie selbst besaß keine Kinder und hatte auch nie den dringenden Wunsch gehabt, welche zu besitzen, wie sie mir einmal im Vertrauen gestand. Das Verständnis für kindliche Allüren hielt sich deshalb in Grenzen.

„Von wollen kann gar keine Rede sein!“, entgegnete ich schnell, bevor Sascha den Mund aufmachen konnte. „Ich habe alles liegen und stehen lassen, um zu dir zu kommen. So schnell hätte ich niemanden gefunden, der auf Sascha aufpasst.“

„Na das sieht man. Dein Make-up und deine Frisur! Du hast auch schon mal besser ausgesehen.“

Babs’ direkte Art, die Dinge beim Namen zu nennen, war manchmal nur schwer zu verkraften.

„Vielen Dank für die Blumen. Ich kann auch wieder gehen, wenn ich nicht hierher passe. Ich habe sowieso keine Zeit“, meinte ich deshalb beleidigt.

„Aber nein, so habe ich das doch nicht gemeint. Wieso hast du denn keine Zeit?“

Bevor ich dazukam ihr vorzuhalten, wie ignorant sie zuweilen sein konnte, kam ein schlanker, groß gewachsener Mittvierziger mit ergrautem, aber gewelltem vollem Haar und einem charmanten Lächeln auf seinen geschwungenen Lippen auf uns zugesteuert. Er umarmte Babs und begrüßte sie mit englischem Akzent.

„Darf ich vorstellen, das ist Henry Thompson, ein bedeutender Galerist aus London und guter alter Bekannter“, sagte sie zu mir gewandt, und auf mich deutend: „Isabel Seland, Grundschullehrerin und trotzdem meine beste Freundin.“

Mr Henry Thompson ergriff galant meine rechte Hand und lächelte mich dabei noch galanter an, so dass ich gar keine Zeit fand, mich über das ‚trotzdem‘ aufzuregen, geschweige denn etwas zu entgegnen.

„Freut mich sehr, Sie kennenzulernen!“, sagte er mit nach hinten gerolltem R, verneigte sich andeutungsweise und ließ seinen Blick wohlwollend auf mir ruhen. Aus welchem Film war der denn entsprungen? Solch ritterliches Verhalten konnte nicht real sein!

„Ganz meinerseits“, entgegnete ich mechanisch und lächelte zurück. Bevor er etwas sagen konnte, umarmte mich Sascha von hinten so heftig, dass ich beinahe auf Mr Thompson gefallen wäre. Er wich einen Schritt zurück und bedachte Sascha mit einem amüsierten Blick.

„Na junger Mann, nicht so stürmisch, sonst bleibt deine Mama nicht standhaft“, sagte er mit belustigtem Unterton in der Stimme. So viel Zweideutigkeit hätte ich diesem Gentleman gar nicht zugetraut.

Sascha legte sofort los: „Josef ist so gemein zu mir. Ich wollte ihm nur helfen!“

Mir schwante Schreckliches. „Wobei?!“

„Die Bilder wegräumen, die eh kein Mensch kauft.“

Bevor ich ihn zurechtweisen konnte, ergriff Babs das Wort.

„Saschaschätzchen, was habe ich dir letztes Mal gesagt, was mit bösen Buben passiert, die Bilder anfassen?“

Mit Entsetzen registrierte ich Saschas zitterndes Kinn als Zeichen eines nahenden Tränenausbruchs. So etwas passierte ihm nur in Extremsituationen. Die Löwenmutter in mir erwachte und ich fuhr Babs unwirsch an.

„Was hast du letztes Mal zu ihm gesagt?“

„Ähm, so schlimm war das gar nicht gemeint …“

„Was?!!“

An ihrer Stelle antwortete der schluchzende Sascha: „Fffp, dass mir die, ffp, Hände abfallen!“

Ungläubig starrte ich Babs an und vernahm gleichzeitig ein leises Lachen von Mr Thompson. Ich konnte in diesem Augenblick wahrhaftig nichts Lustiges daran finden, dass mein Kind mit übler Struwwelpeterpädagogik zur Räson gebracht worden war. Empört warf ich ihm einen Blick zu.

„Ich kann darüber nicht lachen. Kinderseelen sind so verletzlich. Mein Sascha weint so gut wie nie und jetzt das! Komm, Sascha, wir gehen!“, sagte ich pikiert und streckte meine Hand nach ihm aus, doch ich griff ins Leere. Sascha hatte sich umgedreht und lief grinsend zu einer Angestellten vom Catering-Service, die ihm irgendein Schnittchen reichte.

„Siehst du, alles halb so schlimm!“, rief Babs erleichtert.

„Kinder vertragen mehr, als man glaubt. Das weiß ich von meinem Sohn aus erster Ehe“, bestätigte Mr Thompson. Ich gab mich geschlagen bei so viel geballter pädagogischer Überzeugungskraft. Als Sascha mir dann auch noch lachend zuwinkte, musste ich mir eingestehen überreagiert zu haben.

Henry Thompson verwickelte mich in ein Gespräch über zeitgenössische Künstler, die er für seine Galerie an Land zog, während wir Babs halfen ein paar von Josefs Bildern aufzuhängen. Anschließend tranken wir zusammen noch ein Glas Sekt. Ganz Gentleman erkundigte er sich zunächst nach meinem Leben, ohne dabei neugierig zu wirken, und hörte interessiert zu. Als er schließlich von sich erzählte, war es die etwas selbstverliebte Art, die mich störte. Sie versetzte meiner anfänglichen Sympathie für ihn einen empfindlichen Dämpfer. Ich sah auf meine Uhr.

„Oh, schon nach acht Uhr. Jetzt wird es aber Zeit zu gehen!“

„Wie schade, ich fand unsere Unterhaltung sehr angenehm“, meinte Henry und sah mich mit einem Ausdruck an, der das Gesagte noch unterstrich. So viel konzentrierter Charme war schon fast unheimlich und ich fragte mich, wo der Haken dabei war. War es vielleicht nur bodenlose Heuchelei?

„Tja, leider, die Pflicht ruft! War nett Sie kennenzulernen. Auf Wiedersehen!“

Ich reichte ihm die Hand. „Ganz meinerseits. Vielleicht können wir uns einmal wiedersehen. Ich bin für eine Weile in Deutschland. Wäre wirklich schön!“

Mit den Schultern zuckend sagte ich nur: „Ja vielleicht!“, und ging dann ins Nebenzimmer Sascha holen, der sich dort mit Babs´ Malutensilien künstlerisch verausgaben durfte.

Inzwischen hatte sich die Galerie mit den ersten Gästen gefüllt, die mit einem Sektglas in der Hand in Gruppen zusammenstanden oder Bilder betrachteten. Babs kam eiligen Schrittes herbei, um uns zu verabschieden. „Geht ihr schon? Du hast dich doch so prächtig mit Henry unterhalten.“

„Ja, aber ich muss noch Kreisspiele für den ersten Unterrichtstag heraussuchen!“

„Kreisspiele!? Und dafür lässt du diesen Ausbund an Charme einfach stehen?“

„Ich muss!“

„Aber er war offensichtlich ganz begeistert von dir. Wie findest du ihn denn? Wäre der nicht eine Sünde wert?“

Sie hatte sicherlich schon zu viel Champagner intus, sonst würde sie nicht solchen Unsinn reden.

„Wie bitte? Ich bin glücklich verheiratet! So etwas kommt für mich niemals in Frage! Und schon gar nicht mit diesem Obercharmeur!“

„Sag niemals nie! Es gibt Männer, die die standhaftesten Frauen zum Wanken bringen“, meinte sie augenzwinkernd.

„Niemals!“, versicherte ich noch einmal mit Nachdruck. Und glaubte auch daran.

3 – Begegnungen

Mein Blick wandert unter dem Schirm hervor in Richtung Himmel. Rabenschwarze, tief hängende Wolken ziehen über den Köpfen der Trauergäste hinweg. Eine Sehnsucht erwacht in mir, eine dieser Wolken möge mich umfangen und wegtragen in eine andere Welt. Denn jede andere Welt wäre erträglicher als diese hier auf Erden.

Am Ende des ersten Schultages war mir eines klar geworden. Mein bisheriges ruhiges und harmonisches Leben hatte ich eingetauscht gegen einen mit Hektik und Konflikten bestückten Alltag. Schon am Morgen begann das organisierte Chaos, weil Sascha sein Schreibmäppchen nicht finden konnte. Er wollte keinen Ärger mit seinem strengen Klassenlehrer bekommen und rannte deshalb hysterisch „Wo ist mein Mäppchen?“ schreiend im oberen Stockwerk umher. Mein Vorsatz, mich trotz des Lampenfiebers nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, kam bei dem Geschrei zum Erliegen.

„Keine Ahnung! Warum hast du auch nicht auf mich gehört und deine Schultasche schon gestern Abend gepackt!“, rief ich laut zurück.

„Ich brauche es aber!“, hallte es zurück. Entnervt holte ich Luft, um ihn wegen seiner Schlampigkeit zu rügen, als es klingelte. Lena! Auch das noch, dachte ich und öffnete die Haustür. Ich sah gerade noch, wie sie eine Zigarette zu Boden warf und auf dem Fußabstreifer austrat. Hatte sie es wirklich so nötig oder wollte sie mich auf Grund unseres letzten Gespräches provozieren?

„Guten Morgen, Lena. Kommen Sie herein, aber nehmen Sie die Zigarettenkippe mit, bevor mein Sohn sie findet. Außerdem gibt das Flecken auf der Fußmatte.“

Lenas Lächeln erlosch von einer Sekunde zur anderen. Sie sah mich trotzig an, hob dann mit provokant langsamen Bewegungen die Kippe auf und ging vor mir ins Haus.

Ein weiterer Grundstein für das Missverhältnis zwischen uns war damit gelegt worden. Ich fragte mich ernsthaft, wie ich es schaffen sollte, dieser Person vertrauensvoll meinen Haushalt zu überlassen.

„Hier ist der Abfalleimer“, sagte ich ziemlich unterkühlt und öffnete den Küchenschrank unter der Spüle. Als sie sich wieder umdrehte, nachdem sie die Kippe hineingeworfen hatte, kam Alex frisch geduscht, nur mit einem Handtuch um seine schlanken Hüften geschlungen, zur Tür herein. Erschrocken blieb er stehen. „Um Himmels willen, Isabel, Besuch zu so früher Stunde?“

„Mama, mein Mäppchen!“, schallte es von der Treppe herunter.

Es fiel mir sehr schwer, Ruhe zu bewahren.

„Vielleicht in deiner Spielkiste!“, rief ich ungeduldig zurück und sah mit Entsetzen, wie Lena ihren Blick wohlwollend über Alex’ Körper schweifen ließ. Über das ganze Gesicht strahlend, die lange schwarze Lockenpracht über die Schulter werfend, ging sie auf ihn zu und streckte ihm ihre rechte Hand entgegen.

„Guten Tag, ich bin Magdalena, Ihre Haushaltshilfe, aber nennen Sie mich ruhig Lena!“, sagte sie mit leicht rauchiger Stimme. Dabei setzte sie ihr Lächeln und ihren Augenaufschlag so perfekt in Szene, dass es mir die Sprache verschlug. Wieso hatte ich bei der Entscheidung, sie einzustellen, nicht bedacht, dass eine rassige Erscheinung wie Lena für einen attraktiven Mann wie Alex die Versuchung par excellence bedeuten konnte? Und umgekehrt genauso!

Ich gab ihnen nur so viel Zeit, dass sie sich kurz die Hände schütteln konnten, und entführte Lena dann eiligst in den Hauswirtschaftsraum. Es galt dafür zu sorgen, dass Lena so wenig wie möglich mit Alex in Kontakt geriet. Obwohl ich sie noch nicht richtig kannte, traute ich ihr inzwischen zu, meinen Mann verführen zu wollen.

Nachdem ich ihr erklärt hatte, was sie erledigen sollte, schickte ich Sascha samt dem im letzten Augenblick gefundenen Mäppchen in die Schule und nahm danach mein Frühstück hastig im Stehen ein. Während ich in meine Anzugjacke schlüpfte, gab ich Alex einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Tschüss, mein Liebling, und guten Start in der Schule!“, rief er mir noch hinterher, da ich im nächsten Augenblick schon an der Haustür war. Ich wollte heute möglichst früh in der Schule erscheinen. Die Verspätung bei der Lehrerkonferenz am Tag zuvor war peinlich genug gewesen. Beim Telefonat mit Babs hatte mein ausgeprägtes Quasselbedürfnis dafür gesorgt, dass ich wie üblich nicht auf die Zeit achtete. Als unangenehme Konsequenz erlitt ich die Schmach, die Rede von Rektor Bausch empfindlich stören zu müssen. Die Augen der gesamten Lehrerschaft, bestehend aus 60 Grund-, Haupt- und Realschullehrern, waren auf mich gerichtet gewesen, als ich leise die Lehrerzimmertür geöffnet hatte und dann mit rotem Kopf eine Entschuldigung murmelnd zu einem leeren Stuhl geschlichen war. Als ich meinen Blick in die Runde hatte schweifen lassen, sah ich, dass Grundschulkonrektor Ahlers mich mit unverblümter Verachtung musterte. Als er mich im Laufe der Sitzung vorgestellt hatte, konnte er sich eine humorvolle und in gleichem Maße spitze Bemerkung in Bezug auf meinen Fehltritt nicht verkneifen. Zu allem Übel war ich dann auch noch gezwungen, nach der Konferenz sofort nach Hause zu fahren, um meine Eltern rechtzeitig zum Flughafen zu bringen. Ich hatte somit keine Gelegenheit gehabt, auch nur ein einziges Wort mit den Kollegen und Kolleginnen zu wechseln. Das wollte ich heute unbedingt nachholen, um mir nicht gleich den Ruf einer Außenseiterin einzuhandeln.

Der Weg zur Schule dauerte nur eine Viertelstunde, wenn der Verkehr so reibungslos verlief wie heute. Langsam bog ich mit meinem schwarzen Cabrio auf den großen Parkplatz des Schulzentrums und erntete einige neugierige Blicke von gelangweilt herumstehenden Schülern. Zwei Lehrer, die ihre braunen, verknautschten Ledertaschen mit einem Riemen um die Schulter hängen hatten, sahen ebenfalls zu mir herüber. Gewillt mich guten Mutes in das Berufsleben zu stürzen, stieg ich aus dem Auto, strich meine Anzugjacke glatt, holte meine Aktentasche aus dem Kofferraum und ging beschwingten Schrittes auf die beiden zu. Angesichts der verbeulten Cordhosen und der farblich nicht unbedingt dazu passenden Karohemden der Herren fühlte ich mich in meinem beigefarbenen Hosenanzug mit edlem T-Shirt und passenden Pumps etwas overdressed, doch ich ließ mich dadurch nicht verunsichern.

„Guten Tag, ich bin Isabel Seland!“, stellte ich mich vor. „Bei der Lehrerkonferenz hatten wir leider keine Gelegenheit, uns kennenzulernen.“

Sie reichten mir artig die Hand und nannten ihre Namen, die ich im nächsten Moment schon wieder vergessen hatte.

„Willkommen im Hexenkessel!“, meinte der mit den grau melierten Locken grinsend, während wir ins Hauptgebäude gingen. Dort befanden sich schon ziemlich viele Schüler. Einige begaben sich schlendernd zu ihren Klassenzimmern, andere standen laut miteinander scherzend auf dem Flur, so dass man ausweichen musste, um nicht angerempelt zu werden. Der Lärmpegel und die Vorstellung, bald mit den Problemen pubertierender Hauptschul-Achtklässler konfrontiert zu werden, die ich zusätzlich zu den Grundschülern im Fach Englisch bekam, ließen ein mulmiges Gefühl in mir aufkommen. Ich war froh, als wir endlich das Lehrerzimmer erreicht hatten. In dem großen Raum, Rückzugsgebiet für 60 Lehrer, gab es viele Tischgruppen. An der Wand befand sich ein Regal, in dem jeder Lehrer sein eigenes Fach besaß. In der linken Ecke des Raumes gab es eine Kaffeeküche, in der sich schon zwei Kaffeesüchtige aufhielten, jeder mit einer Tasse in der Hand. Einige Lehrer standen in Grüppchen zusammen und unterhielten sich angeregt, andere saßen an einem Tisch, mit einem Stapel Bücher vor sich. Ich stand etwas verloren da, als ich leicht von hinten angerempelt wurde.

„Verzeihung, aber könnten Sie freundlicherweise den Weg freimachen!“, brummte eine männliche Stimme. Ein Lehrer, schätzungsweise Anfang 40, mit hellem, schütterem Haar und einem Bauchansatz, der sich unter seinem Pullover deutlich abzeichnete, schob sich an mir vorbei und blieb dicht vor mir stehen. Seine kleinen wässrigen Augen blickten mich übellaunig an.

„Oh, Entschuldigung!“, sagte ich, trotz dieses unflätigen Benehmens um einen freundlichen Ton bemüht. „Ich bin neu hier. Isabel Seland mein Name. Und wer sind Sie?“

Meine Hand, die ich ihm entgegenhielt, wartete vergeblich darauf von seiner gedrückt zu werden, stattdessen erntete ich einen weiteren sauertöpfischen Blick.

„Ich weiß. Sie sind die Neue, die das Kunststück schafft, gleich bei der ersten Konferenz zu spät zu kommen. Nicht gerade die beste Art, sich hier einzuführen!“, sagte er in abfälligem Ton. Ärger stieg in mir auf. Ich öffnete den Mund, um ihn zu fragen, was für ein Problem er eigentlich damit habe, doch er ließ mich nicht zu Wort kommen.

„Ich bin Hans Stiegl, Klassenlehrer von der 8a, in der Sie übrigens Englisch unterrichten. Ich hoffe nur, Sie lassen sich nicht genauso schnell unterkriegen wie Ihre Vorgängerin. Dieses ewige Geflenne, wie schlimm die Schüler doch seien, ging mir mächtig auf die Nerven. Mit der nötigen Autorität kommen auch Frauen mit Pubertierenden zurecht. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich muss mit meinem Parallelkollegen noch etwas besprechen.“

Sprach’s und ließ mich einfach stehen. Verdutzt sah ich ihm zu, wie er auf einen schlanken, hoch gewachsenen, blonden Lehrer zuging. Bis dato war mir noch nie jemand so überaus unfreundlich begegnet. Die Aussicht, in der Klasse dieses offensichtlich hochgradig frauenfeindlichen und unkooperativen Kollegen arbeiten zu dürfen, erteilte meinem Enthusiasmus einen empfindlichen Dämpfer. Ich verdrängte schnell diesen unangenehmen Gedanken und sah mich im Raum nach Grundschulkollegen um. Dabei bemerkte ich, wie mich eine Lehrerin meines Alters interessiert und eingehend musterte. Als sich unsere Blicke begegneten, lächelte sie. Im nächsten Moment verließ sie die Gruppe Frauen, bei der sie gestanden hatte, und ging auf mich zu. Nach der unerquicklichen Begegnung mit Hans Stiegl war es eine Wohltat, wie sie mir freudestrahlend die Hand entgegenstreckte und sich in

jovialer Art vorstellte.

„Guten Tag, Frau Seland! Willkommen im Grundschulteam! Ich bin Sabine Grunert von der Klasse 3a. Wir sind Parallelkolleginnen. Gestern hatten wir ja keine Gelegenheit gefunden, miteinander zu sprechen. Sie waren nach der Konferenz wie vom Erdboden verschluckt.“

„Guten Tag! Ja, ich wäre gerne noch geblieben, aber ich musste meine Eltern zum Flughafen fahren und war schon verdammt spät dran.“

Sie nickte verständnisvoll und strich dann ihre mittellangen brünetten Haare hinter die Ohren. Ihr Gesicht war nicht im üblichen Sinne als schön zu bezeichnen, aber höchst interessant. Die hohen Wangenknochen und die kleinen, leicht schrägen bernsteinfarbenen Augen verliehen ihr etwas Indianisches. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch den bronzen schimmernden Teint. Ein Anblick, der einen auf eigenartige Weise fesselte.

„Wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen nach dem Unterricht den Lehrmittelraum und die Kopierecke mit den zwei lausigen Kopiergeräten für 60 Lehrer. Da ist Organisationstalent gefragt, wenn beide verrückt spielen. Ach eigentlich könnten wir uns gleich duzen, das tun ja fast alle hier. Ich bin die Sabine!“

„Freut mich! Ich bin Isabel!“ Ich strahlte sie an, erleichtert darüber, dass mir die Kollegin, mit der ich am engsten zusammenarbeiten würde, auf Anhieb sympathisch war. Eine Männerstimme riss mich aus meiner Verzückung.

„Jetzt stehen Sie ja immer noch mitten im Weg und haben sich auch noch Verstärkung dazugeholt!“, monierte der unfreundliche Herr Stiegl und drängte sich demonstrativ so knapp an mir vorbei, dass er dabei meine Schulter streifte.

„Hans, jetzt sei zu unserer Schulanfängerin ein wenig netter, sonst verlässt sie uns ja gleich wieder!“, meinte Sabine scherzhaft.

„Wäre auch nicht so schlimm. Unser Bedarf an besserwisserischen Emanzen in unserem Kollegium ist reichlich gedeckt“, antwortete er dreist grinsend und verließ das Lehrerzimmer. Ich sah Sabine fragend an.

„Ist der immer so?“

„Tja, unser Hans! Ein Meister der Charmeoffensive! Nach den Ferien ist er besonders nett, wie du gerade gesehen hast. Aber nimm es nicht persönlich. Er hat wahrscheinlich irgendein Problem mit Frauen und kann gar nicht anders.“

Sie sah sich kurz im Raum um. „Wo Jan bloß bleibt? Bestimmt hat er wieder einmal vergessen sein Handy aufzuladen, mit dem er sich immer wecken lässt. Das ist so typisch für ihn. Ein liebenswerter Chaot eben.“

„Wer ist Jan?“

„Unser Kollege aus der 3c. Gestern war er in einen Auffahrunfall mit viel Blechschaden verwickelt, weswegen er bei der Konferenz nicht dabei sein konnte. Er ist zum Glück das ganze Gegenteil von Hans. Aber du wirst ihn ja bald kennenlernen. Komm, wir gehen schon mal zu unseren Klassenzimmern.“

Wir durchquerten unzählige Gänge und stiegen eine breite Treppe hoch, bis wir den Grundschultrakt erreichten. Dabei erfuhr ich, dass Sabine seit fünf Jahren geschieden war, keine Kinder hatte und sich vor kurzem von ihrem letzten Partner getrennt hatte. Als sie hörte, dass ich mit meiner kleinen Familie glücklich war, meinte sie mit einem Seufzer in der Stimme: „Schön, dass es so perfekte Lebensentwürfe noch gibt. Bei den meisten herrscht heutzutage doch der Ausnahmezustand wie bei mir oder Jan. Der ist auch seit ein paar Jahren geschieden. Aber bei so einem tollen Typen wie ihm kann man überhaupt nicht verstehen, dass es in der Ehe nicht funktioniert hat. Nun ja, man blickt eben nicht in die Leute hinein.“

Ihren Äußerungen nach zu urteilen, schien dieser Jan ein sehr sympathischer Mensch zu sein und ich brannte inzwischen darauf, ihn persönlich kennenzulernen. Doch zuerst musste ich die Feuerprobe in der Klasse 3b bestehen.

Vier Schulstunden später, als alle Schüler nach dem Klingelzeichen aus dem Klassenzimmer strömten, sank ich ermattet auf meinen Stuhl und streckte die Beine von mir. Der Unterricht war besser gelaufen, als ich erwartet hatte, aber nichtsdestoweniger hatte ich auf Grund fehlender Routine die ganze Zeit über unter hoher Anspannung gestanden. Und Janina Müller, ein groß gewachsenes braunhaariges Mädchen, hatte mir mit ihrem Verhalten den Einstieg ins Schulleben zusätzlich erschwert. Trotz meiner Zurechtweisungen hatte sie immer wieder spontan dazwischengerufen oder losgeschimpft, wenn sie etwas „oberblöde“ fand.

„Na wie ist es dir ergangen?“, unterbrach Sabine gut gelaunt meinen Gedankengang, als sie mein Klassenzimmer betrat. Sie setzte sich mir gegenüber auf einen Schülertisch. „Siehst ein bisschen geschafft aus, ehrlich gesagt. Aber nach so langer Berufspause ist das auch nicht verwunderlich. Dir fehlt eben noch die Routine.“

„Ja, ich bin wirklich ziemlich erledigt. Diese Janina kostet einen den letzten Nerv, sag ich dir.“

„Janina Müller? O je! Mit der hatte Frau Timmler auch so ihre Schwierigkeiten. Aber ihr Vater ist noch schlimmer. Der Mann flippt immer ziemlich aus, wenn man seinem Herzchen zu nahe tritt.“

„Was für rosige Aussichten! Ein Alltag mit verhaltensgestörten Schülern und ausflippenden Vätern! Da kriegt man doch Kuchen und Aufläufe besser gebacken!“

Unser Gelächter drang bis auf den Flur hinaus.

„Lustig ist das Schulleben! Darf man mitlachen?“, ertönte plötzlich eine männliche Stimme.

Ich sah zur Tür. Gegen den Holzrahmen gelehnt und amüsiert grinsend, stand da ein schlanker, dunkelbraun gelockter Mann, mit Jeans und schwarzem T-Shirt bekleidet, eine Hand in der Hosentasche vergraben. Sein Anblick elektrisierte mich förmlich. Aus einem jungenhaften braun gebrannten Gesicht mit einer sehr männlichen Note, die der dunkle Bartschatten noch unterstrich, strahlten mir zwei helle, von schwarzen Wimpern umrahmte Augen wie leuchtende Sterne entgegen. Das Lächeln seines sinnlich geschwungenen Mundes, das auf den Wangen kleine Grübchen erzeugte und seine weißen Zähne blitzen ließ, wirkte unglaublich sympathisch. Mit einer unnachahmlich lässigen Art zu gehen kam er auf mich zu und streckte mir seine Hand entgegen.

„Hallo, ich bin Jan Fenrich, Chef in der 3c. Willkommen im Club! Dem Gelächter nach zu urteilen ist die Feuerprobe ja gelungen.“ Er hatte eine angenehme tiefe Stimme.

Ich stand auf und reichte ihm lächelnd die Hand.

„Hallo, ich bin Isabel Seland. Alles nur Galgenhumor, Herr Fenrich. So lässt es sich leichter ertragen.“

Die Art, wie er mich ansah, forschend, interessiert und warmherzig zugleich, jagte mir einen wohligen Schauer über den Rücken. Sein interessantes Gesicht zog mich in einen so eigentümlichen Bann, dass ich vergaß seine Hand wieder loszulassen.

Erst Sabines lautes „Hey Jan, ich bin auch noch da!“ ließ mich erschrocken aus meiner Versunkenheit auftauchen. Ihm schien es genauso ergangen zu sein, denn er ließ abrupt meine Hand los und drehte sich zu Sabine um. Ziemlich vertraut begrüßte er sie mit einer Umarmung und Küsschen auf beide Wangen.

„Hallo Bienchen! Wie könnte ich dich je vergessen! Alles klar bei dir?“

„Ja, ich denke nach ein paar Tagen wird sich die Klasse an mich gewöhnt haben. Bei dir muss man wahrscheinlich gar nicht nachfragen. Du mit deinem unschlagbaren Charisma machst das sowieso mit links.“

„Ja, ich muss zugeben, die lieben Kinderchen spuren einwandfrei. Ich kann aber gar nicht sagen, woran das liegt. Wahrscheinlich bin ich ein grandioses pädagogisches Naturtalent!“

Er lächelte verschmitzt und ließ den Blick von Sabine zu mir gleiten, ließ ihn einen Augenblick auf mir ruhen und dann wieder zu Sabine wandern.

„Wir müssen noch einiges besprechen. Wie wäre es mit einem Tässchen Cappuccino im Café Seidl gleich um die Ecke?“, fragte er.

„Ja, gerne, ich habe Zeit!“, stimmte sie sofort zu.

„Und wie ist es mit dir, äh, Ihnen? Ach, was soll das förmliche Getue. Ich bin Jan“, meinte er spontan und lächelte dabei auf seine gewinnende Art.

„Ich bin Isabel. Ähm, ich würde gerne mitkommen, aber mein Sohn kommt bald heim und unsere Haushaltshilfe hat heute zum ersten Mal gekocht …“

„Verstehe!“, meinte er mit einem viel sagenden schnellen Blick, den er abschätzend von Kopf bis Fuß und wieder zurück über mich schweifen ließ. Darin lag die Aussage Verstehe, Familienarbeit war dir zu langweilig undVerstehe, du gehörst zu der Schicht, die sich den Luxus einer Haushälterin leisten kann und Verstehe, wir haben es hier wohl mit einem Paradiesvögelchen zu tun. All dies glaubte ich in diesem einen Blick lesen zu können. Ich konnte nicht sagen, welches Gefühl überwog – Verärgerung, Enttäuschung oder Verunsicherung.

„Tja, schade, aber wir werden sicher noch mehr Gelegenheiten für einen gemütlichen Plausch finden!“, sagte er. Es war nicht die geringste Spur von Geringschätzung in seiner Stimme und seinem Lächeln erkennbar. Ich war erleichtert. Meine Sensoren für negative Schwingungen waren wohl zu fein eingestellt gewesen, weswegen ich seine Reaktion falsch interpretiert hatte.

Wir verabschiedeten uns und ich fuhr beschwingt nach Hause. Ich war froh, dass meine Parallelkollegen überaus liebenswürdig waren. Immer wieder tauchte vor meinem geistigen Auge Jans sympathisches Lächeln auf, das unwillkürlich ein wohliges Gefühl in mir auslöste. Was war los mit mir? Derartige Gefühlsregungen hatte ich nicht mehr verspürt seit, ja, seit ich mich damals in Alex verliebte. Verliebtheitsgefühle?! Unsinn!! Nach der unerfreulichen Begegnung mit Hans Stiegl waren Jans liebenswerte Art und sein gefälliges Äußeres einfach nur Balsam für die Seele gewesen.

Zu Hause angekommen, sank meine Laune sofort wieder gegen null, als ich statt Lena und gut duftendem Essen nur einen Zettel mit fast unleserlicher Schrift auf dem Küchentisch vorfand. Nach einigen Entzifferungsbemühungen erfuhr ich, dass sie schon früher nach Hause musste und ich in der Thermoschüssel ein paar Pfannkuchen vorfinden würde. Zum Glück hatte sie dem Inhalt derselben eine Bezeichnung gegeben, denn der zerfledderte Teighaufen, teils schwarz angebrannt, teils käsig weiß, wäre nicht als Pfannkuchen zu identifizieren gewesen.

Konnte Lena etwa nicht kochen? Oder wollte sie mich damit ärgern? Das wäre ihr gelungen. Es klingelte. Wütend ging ich zur Tür, um Sascha zu öffnen, der mich gleich mit „Hallo Mama, ich habe sooo Hunger. Was gibt es denn?“ überfiel.

„Pfannkuchen!“, murrte ich.

„Cool, können wir die gleich essen?“, fragte er und rannte voraus in die Küche. Gleich darauf ertönte das erwartete „Iiiiih, was ist das denn? Mama, muss ich das essen?“

Bevor ich antworten konnte, öffnete sich die Haustür und Alex kam herein.

„Du? Wieso bist du schon hier?“

„Netter Empfang! Ich wollte mich vor der nächsten Operation noch ein wenig zurückziehen und gemütlich mit meiner Familie essen. Aber das scheint ja nicht so willkommen zu sein.“

„Papa, schau mal, das sollen Pfannkuchen sein!“

Sascha stand in der Küchentür und hielt Alex die Schüssel entgegen. Dieser warf einen kurzen Blick hinein und sah mich mit angewidertem Gesichtsausdruck an. Ich zuckte nur resigniert mit den Schultern und sagte: „Lena.“

„Lena? Wer ist Lena?“

Mein vernichtender Blick half seiner kleinen Amnesie sofort auf die Sprünge. „Ach so ja, Lena! Na das fängt ja gut an. So viel zum Thema ‚Es wird sich nichts ändern, Schatz‘.“

„Ach hör auf zu meckern, alter Chauvi. Es ist ihr erster Tag, das gibt sich schon noch. Wahrscheinlich war sie wegen ihrer Kinder in Eile.“

„Huuuunger! Was essen wir denn jetzt, Mama?“

„Pfannkuchen, und zwar meine.“

Kurz entschlossen und ziemlich wütend warf ich Lenas kulinarischen Supergau in den Biobehälter und rührte einen neuen Teig an. Dabei schaltete ich das Rührgerät auf die höchste Stufe, um Alex’ Kommentare im Sinne von Ich habe dich frühzeitig gewarnt und Erwarte jetzt bloß keine Unterstützung allzu deutlich hören zu müssen.

Prinzipienreiter, dachte ich und kämpfte gegen den Drang an, die gebackenen Teigplatten gegen die Wand zu klatschen. Wie schön wäre es gewesen, am gedeckten Tisch leckere, von Lena liebevoll zubereitete Pfannkuchen, beim angeregten Gespräch mit Alex zu verspeisen und mich noch nebenbei um das Wohlergehen unseres Sprösslings kümmern zu können. Stattdessen stand ich entnervt am Herd und scheuchte Sascha in der Küche herum, damit er den Tisch deckte.

Leider sollte das missratene Mittagessen noch nicht der Höhepunkt meiner Frustration sein. Als ich ins obere Stockwerk ging, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass weder die Betten gemacht worden waren noch das Bad eine gründliche Reinigung erfahren hatte und auch der Staubsauger war nicht zum Einsatz gekommen. Was hatte diese Person eigentlich den ganzen Vormittag gemacht, außer ungenießbare Teigmansche anzurühren?

Beim Gedanken, mich mit der übellaunigen Person auseinandersetzen zu müssen, wurde mir ganz flau. Wie hatte mich mein Gespür für Menschen so im Stich lassen können? Als ich sie eingestellt hatte, war sie eine vollkommen andere Person gewesen als die, die ich jetzt erlebte.

Sie sollte mich entlasten und nicht belasten!

Erschöpft sank ich auf das zerwühlte Bett und ließ meinen Tränen freien Lauf. Es war der erste Arbeitstag und ich hatte das Gefühl, dass alles über mich hereinbrach. Eigentlich sollte ich schon längst zur Unterrichtsvorbereitung am Schreibtisch sitzen. Stattdessen saß ich untätig auf dem Bett und heulte wie ein Schlosshund. Wie jämmerlich! Zu allem Überfluss hörte ich auch noch Schritte auf der Treppe. Hektisch wischte ich die Tränen mit dem Ärmel weg. Alex sollte mich nicht als Häuflein Elend vorfinden, das schon am ersten Tag dem Nervenzusammenbruch nahe war. Dieses Wasser würde ich nicht auf seine Mühlen geben! Zum Glück war es aber nur Sascha, doch als er mein verheultes Gesicht sah, rief er gleich lauthals in den Flur hinaus: „Schnell, Papa, komm! Die Mama weint wegen der Pfannkuchen!“

Blitzschnell zog ich das kleine Plappermaul zu mir her und hielt ihm den Mund zu.

„Pst, Papa braucht seine Mittagsruhe. Es ist gar nichts passiert.“

Doch Alex hatte etwas gehört und rief hinauf, was denn los sei. Ich antwortete schnell: „Alles in Ordnung, Schatz, ich habe nur Seife in die Augen bekommen.“

Nur eine kleine Lüge. Es sollte nicht die einzige bleiben.

4 – Auf Kollisionskurs

Beten, denken, nichts denken, nichts denken können.

Langsam wird der Sarg ins Grab hinabgelassen, das Ende eines Lebens besiegelt. Tränen der Fassungslosigkeit fließen über meine Wangen. Wird es je ein Verstehen geben? Was ist die Rettung? Vielleicht nur der Glaube. Der Glaube an Vergebung. Es fällt schwer.

Die Nacht brachte leider nicht die gewünschte Erholung. Ich lag bis fast zwei Uhr wach und überlegte, wie das Gespräch mit Lena verlaufen würde, und als ich endlich eingeschlafen war, plagten mich wilde Träume. Ich träumte, dass Lena mich in unserem Schulgebäude mit halb verbrannten Pfannkuchen verfolgte und wütend damit bombardierte. Ich flüchtete und wusste plötzlich nicht mehr, wo ich mich befand. Verzweifelt suchte ich nach einem Ausgang, doch es gab nur Fenster und Wände. Ich fing hysterisch an zu schreien. Jan kam mir plötzlich entgegen, umarmte mich ganz fest und sagte leise: „Alles wird gut, mein Liebling!“

Hatte er tatsächlich mein Liebling gesagt? Und klang seine Stimme nicht wie die von Alex? Allmählich kam ich zu mir und begriff, dass ich in Alex’ beschützenden Armen lag.

„Was ist denn los, mein Schatz? Du hast so jämmerlich geschrien. Sind die Schüler so schlimm oder hast du von deinem Chauvigatten geträumt?“

Seine zärtliche Stimme brachte mich zum Weinen und ich begann hemmungslos zu schluchzen. Augenblicklich schaltete er das Licht ein und sah mich besorgt an.

„So schlimm? Was ist denn passiert?“

Ich erzählte ihm stockend von den Schwierigkeiten mit Lena und ihrer Haushaltsführung und schilderte ihm meinen Traum – die Stelle mit Jan ließ ich weg.

„Aber warum hast du mir heute Abend nicht gesagt, dass du so große Probleme mit ihr hast?“

„Ich wollte dich nicht belästigen. Schließlich ist das Ganze meine Angelegenheit, wie du selber immer so schön betonst.“

„Tut mir leid, aber ich konnte ja nicht ahnen, dass es so schlimm ist und dich so sehr belastet. Ich kann ja mal mit ihr reden. Aller Anfang ist schwer, aber das spielt sich schon noch ein. Und jetzt versuch noch ein bisschen zu schlafen.“

Er küsste mich zärtlich und ich fiel bis zum Weckerklingeln noch für zwei Stunden in einen tiefen Schlaf. Das war natürlich viel zu kurz, um sich zu erholen, was mir der Blick in den Spiegel bestätigte. Die Lider waren dick geschwollen, tiefe schwarze Ringe zeichneten sich unter den Augen ab und mein Teint hob sich kaum von den weißen Fliesen ab. So konnte ich mich unmöglich den Schülern präsentieren! Und Jan wollte ich in diesem Zustand erst recht nicht begegnen … Den Gedanken an eine Krankmeldung verwarf ich sofort wieder. Es war unmöglich, schon am zweiten Tag der Schule fern zu bleiben, nur wegen Schlafdefizit und dessen sichtbare Folgen. Also übertünchte ich die Spuren der vergangenen Nacht, so gut es ging, und verließ das Haus, noch bevor Lena auftauchte.

Ich betrat das Lehrerzimmer, das menschenleer war. Erleichtert, in meiner Übermüdung keinen Smalltalk führen zu müssen, setzte ich mich an einen Tisch. Doch meine Freude sollte nicht lange währen. Nur ein paar Minuten später öffnete sich die Tür und Hans Stiegl kam mit einem Stapel Blätter herein. Sein Blick verdüsterte sich sofort, als er meiner ansichtig wurde, und die passende Bemerkung hatte er auch gleich parat.

„Na, heute haben Sie ja einen gewaltigen Frühstart hingelegt, ganz im Gegensatz zum Konferenztag!“, sagte er spöttisch und ging dabei zu seinem Tisch, auf den er die Arbeitsblätter knallte. Warum musste ausgerechnet dieser Ausbund an Unverschämtheit so früh hier sein! Warum nicht Jan? Mit ihm wäre es zum reinen Vergnügen geworden, doch mit Hans war Kampf angesagt.

„So etwas kann doch jedem mal passieren, auch Ihnen. Das liegt eben in der Natur des Menschen.“

„In der Natur schusseliger Menschen vielleicht!“ Er lachte höhnisch.

Ich musste an mich halten, um nicht entnervt aufzustöhnen. War es diesem Kerl denn nicht möglich, in normalem Ton zu kommunizieren?

„Sie haben heute Englisch in meiner Klasse. Ich möchte Sie vor Patrick warnen, ein unguter Geselle. Er kommt aus schwierigen Verhältnissen. Die Mutter ist schon zum dritten Mal verheiratet, hat vier Kinder von drei Männern und sein Stiefvater hat Probleme mit dem Alkohol, was auch schon auf Patrick abfärbt. Von Frauen lässt er sich übrigens ungern unterrichten.“

„Aha“, antwortete ich kurz angebunden.

Ich war nicht gewillt, mich mit diesem Widerling weiter zu unterhalten. Leider handelte ich mir damit die nächste Klatsche ein.

„Mehr fällt Ihnen nicht dazu ein?! Oder war das zu viel Information auf einmal zu so – für Sie zumindest – ungewöhnlich früher Stunde?“

Wie konnte man diesem fiesen Lästermaul bloß wirksam Kontra geben? Mir fiel nichts ein, also wedelte ich nur verärgert mit meiner Kopiervorlage vor seiner dicken Nase herum und antwortete in schroffem Ton: „Ich habe jetzt keine Zeit mehr für Ihre Belehrungen. Sie entschuldigen mich!“

Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu und eilte davon.

Während ich dem Kopiergerät zusah, wie es die Blätter nacheinander ausspuckte, dachte ich darüber nach, mit welcher Strategie ich mich gegen ihn wehren konnte. Am besten war es, mich nicht provozieren zu lassen. Wenn ich ihn mit seiner Boshaftigkeit auflaufen ließ, würde es irgendwann reizlos für ihn werden, mich zu ärgern, und ich hätte meine Ruhe. Die Theorie war gut, fragte sich nur, wie die Praxis aussah. Ich muss mich jetzt auf den Unterricht konzentrieren, dachte ich, packte entschlossen meine Blätterstapel, drehte mich um und wurde unsanft von einem männlichen, mit brauner Lederjacke bekleideten Oberkörper gerempelt. Ich ließ vor Schreck mein gesamtes Kopiergut fallen, das sich gleichmäßig über den Boden verteilte.

„Oh Verzeihung, Isabel, ich bin dir wohl zu nahegetreten!“, rief Jan lachend und ging gleich darauf in die Hocke, um die Blätterflut einzusammeln.

„Ach du bist es! Ich dachte schon …“, stieß ich erleichtert hervor.

Er sah zu mir hoch. „Was dachtest du?“

„Nichts weiter.“

Ich ging ebenfalls in die Hocke und scharrte die Blätter zusammen.

„Was hat dich denn schon so früh aus dem Bett gejagt? Schlecht geschlafen?“, fragte er und sah mich prüfend an. Nur dieser eine kurze Blick in mein Gesicht hatte ihm genügt, um die richtigen Schlüsse zu ziehen.

„Unsere Haushälterin macht gerade Ärger, und der Gedanke an sie hat mir den Schlaf geraubt. Aber Alex wird das schon regeln.“

„Alex?“

„Mein Mann.“

Für ein paar Sekunden verfingen sich unsere Blicke auf seltsame Weise. War es Neugierde, die ich in seinen Augen erblickte? Hastig fuhr ich fort die restlichen Blätter einzusammeln.

„Hier!“ Er reichte mir lächelnd seinen Stapel und streifte dabei meine Hand. Es war nur eine unbedeutende, zufällige Berührung, und doch war es, als hätte ich einen Stromschlag erhalten. Irritiert stand ich auf und presste den Blätterstapel wie ein Schutzschild an meine Brust.

„Gut, ich muss dann los. Wir sehen uns in der Pause“, sagte ich nur, drehte mich auf dem Absatz um und verließ eilig, ohne eine Antwort abzuwarten, das Lehrerzimmer.

Im Klassenzimmer angekommen, ließ ich mich auf den Stuhl am Lehrerpult fallen. Ich dachte an die Begegnung im Kopierraum und musste mir eingestehen, dass Jan eine sonderbare Anziehungskraft besaß. Was war nur in mich gefahren, dass mich seine Anwesenheit dermaßen aus dem Gleichgewicht bringen konnte? Er war doch nur mein Kollege und zufällig ein sehr sympathischer.

Die ersten Kinder betraten den Raum und begrüßten mich lautstark. Ich grüßte freudig zurück, dankbar, dass ihre Anwesenheit mich vom Weitergrübeln abhielt. Der Verlauf des Unterrichts tat sein Übriges, um keine Sekunde mehr an die morgendliche Begegnung mit Jan denken zu müssen. Es war Janinas Verhalten, das meine gesamte Konzentration abverlangte. Ständig störte sie mit Zwischenrufen die Besprechung eines Lesestückes, bis ich sie aus dem Stuhlkreis entfernte, sie an der Schulter packte und auf ihren Platz zwang. Dort sollte sie zehn Mal den Satz Ich muss mich melden, bevor ich spreche schreiben. Ihren Protest unterband ich sofort mit einem harschen „Kein Wort mehr, schreib!“ und fuhr mit angespannten Nerven im Unterricht fort. Erst als das erlösende Klingelzeichen zur großen Pause ertönte, ließ die Anspannung nach. Ich begab mich zum Lehrerzimmer, das schon ziemlich bevölkert war. Sabine, die neben Jan stand, winkte mir zu.

„Hallo Isabel! Na wie war der zweite Tag?“, rief Sabine.

„Hallo! Frag lieber nicht! Diese Janina ist so anstrengend!“

Während wir uns an den Tisch setzten, wagte ich einen scheuen Blick zu Jan. Er erwiderte ihn prompt mit einem angedeuteten Lächeln. Es war nicht zu leugnen. Ich war erleichtert darüber, dass er meinen übereilten Abgang am Morgen nicht übel genommen hatte. Befreit von allen Zweifeln, erwiderte ich sein Lächeln und erzählte von meinen Erlebnissen mit Janina.

Inge Stadlmeier, eine etwas füllige Kollegin aus der 50-plus-Riege, nahm meine Schilderungen interessiert zur Kenntnis, taxierte unverhohlen mein lindgrünes Chanelkostüm und sagte frostig: „Tja, da kommen harte Zeiten auf Sie zu. Sie dürfen auf gar keinen Fall Unsicherheit zeigen! Wenn ich da an die Schwierigkeiten mit Maximilian vor zwei Jahren denke!“

Und dann folgte eine ausführliche Schilderung ihrer negativen Erfahrungen, die mich noch schlechter fühlen ließen, als ich es ohnehin schon tat. Während sie mich mit ihren Ausführungen quälte, ließ ich den Blick zu Jan schweifen. Wohl wissend, wie ich mich gerade fühlte, zwinkerte er mir verständnisvoll zu. Dieses kleine Zeichen der Verbundenheit empfand ich als sehr tröstlich. Zum Glück unterbrach bald Inges Parallelkollegin Renate ihren Redeschwall.

„Das ist ja unglaublich hilfreich, mich mit solchen Schauermärchen zu traktieren!“, monierte ich, als Inge und Renate sich entfernten.

„Mach dir nichts draus!“, tröstete mich Jan. „Sie ist dafür bekannt, dass sie Neulinge gern mit solch übertriebenen Erzählungen verunsichert. Hast du übrigens heute Nachmittag Zeit? Sabine und ich erstellen zusammen den Stoffverteilungsplan. Du kannst gerne mitmachen, wenn du willst.“

„Wirklich? Euch schickt der Himmel! Ich habe zwar schon damit angefangen, bin aber noch nicht weit gekommen. Wir könnten auch bei mir zu Hause arbeiten. Was haltet ihr von 15 Uhr? Ich wohne in Grünwald.“

Jan pfiff leise durch die Zähne. „Noble Adresse. Was machst du eigentlich hier?“

Irgendjemand hatte mir einmal gesagt, dass meine Blicke Bände sprechen würden. Genau diese Wirkung musste ich soeben auf Jan gehabt haben, denn als ich ihn anblickte, hob er sofort abwehrend die Hände und meinte grinsend: „Kleiner Scherz. Vergiss es, okay!“

Sein herzerwärmendes Lächeln versöhnte mich gleich wieder und ich schrieb ihm meine genaue Adresse auf sowie meine Handynummer. Der Schulgong zum Ende der Pause ertönte.

„Nur für den Fall, dass etwas dazwischenkommt“, sagte ich und reichte ihm den Zettel.

„Handynummer ist immer gut. Hier ist meine. Ich sage Sabine Bescheid.“

Er kritzelte etwas auf ein kleines Blatt und drückte es mir in die Hand, wobei er seine einen Tick zu langsam zurückzog, als dass man es als rein kollegiale Geste hätte deuten können. Wieder verspürte ich wie heute Morgen diesen Stromschlag, der durch meinen Körper fuhr. Und wieder verwirrte mich meine unerwartete Reaktion.

„Gut, bis heute Nachmittag, und halt mir die Daumen für meine erste Englischstunde in der Achten! Hoffentlich komme ich mit diesen pubertierenden Wesen zurecht“, sagte ich schnell und stand auf.

„Na klar, du schaffst das schon!“, meinte er aufmunternd.

Leider sollten sich aber meine Befürchtungen bestätigen. Schon beim Betreten des Klassenzimmers empfing mich ein Durcheinander an schrillen Mädchen- und dunklen, teils im Stimmbruch befindlichen Jungenstimmen. Ich konnte gerade noch einem nassen Schwamm ausweichen, was von einem Mädchen mit lautem, kreischendem Lachen quittiert wurde. Ohne diesem Vorkommnis Beachtung zu schenken, ging ich zum Pult und wünschte mir sehnsüchtig, 45 Minuten älter zu sein.

Nachdem ich alles Nötige für den Unterricht aus meiner Tasche herausgekramt hatte, positionierte ich mich mit verschränkten Armen in der Mitte des Raumes und wartete, bis alle 24 Schüler an den in Hufeisenform angeordneten Tischen Platz genommen hatten. Irgendjemand pfiff leise durch die Zähne, doch ich blieb bei der Devise Ignorieren und stellte mich ungerührt vor. Danach ließ ich von einem Schüler leere gefaltete Kärtchen verteilen, auf die sie ihre Namen schreiben sollten. Ein hoch gewachsener, dunkelhaariger Junge, der ganz vorne in der Nähe meines Pultes saß, murrte laut und rührte keinen Finger.

„Würdest du bitte deinen Namen darauf schreiben!“, forderte ich ihn mit Nachdruck auf.

„Das ist ja wie im Kindergarten.“

Er sah mir frech ins Gesicht.

„Da könntest du schon Recht haben, aber das liegt dann nur an deinem Verhalten. Du weißt genau, dass jeder neue Lehrer das so macht, um die Schüler schneller kennenzulernen. Also, darf ich bitten!“

Er fixierte mich und machte keinerlei Anstalten meiner Aufforderung nachzukommen.. Noch keine fünf Minuten waren seit Betreten des Klassenzimmers vergangen und ich befand mich schon im Clinch mit einem Schüler. Kein verheißungsvoller Einstieg. Ich ging in die Offensive.

„Wie heißt du?“

„Patrick.“

Patrick! Kollege Stiegl hatte also nicht übertrieben, als er mich vor ihm gewarnt hatte.

„Sieh dich um, Patrick. Keiner hat ein Problem damit, seinen Namen aufzuschreiben, nur Kindsköpfe wie du.“

Um seinen zusammengepressten Mund zuckte es kurz, dann nahm er endlich gequält einen Stift zur Hand und schrieb seinen Namen. Gewonnen, triumphierte ich innerlich und sah mich veranlasst, etwas Grundlegendes klarzustellen.

„Also, liebe Leute, damit hier keine Missverständnisse aufkommen. Ich bin hier, um mit und nicht gegen euch zu arbeiten. Ich bin ein Mensch, mit dem man gut auskommt, aber ich kann auch verdammt ungemütlich werden, wenn ihr nicht mitzieht oder unverschämt werdet. Ist diese Botschaft angekommen?“

Die meisten nickten zustimmend, nur Patrick murmelte: „Das werden wir ja sehen.“

Ich überging die Bemerkung, um nicht schon in der ersten Stunde einen Kleinkrieg heraufzubeschwören. Dieser Bursche würde mich noch sehr viel Kraft kosten, das stand fest. Während der gesamten Unterrichtsstunde lümmelte Patrick demonstrativ gelangweilt auf seinem Stuhl und beteiligte sich in keiner Weise am Unterricht. Entweder spielte er mit seinen Stiften oder schaute unbeteiligt zum Fenster hinaus. Alles war auf Provokation getrimmt, doch ich ließ mich nicht auf dieses Machtspiel ein und ignorierte ihn.

Die schönsten Töne, die ich an diesem Tag wahrnahm, waren das Ding-Ding-Dang-Dong der Schulglocke. Die lärmenden Stimmen der Schüler entfernten sich immer weiter, bis endlich eine friedliche Stille in das Schulgebäude einzog. Meine innere Anspannung fiel mit einem Mal ab. Ich konnte wieder klar denken und freute mich plötzlich auf den heutigen Nachmittag. Jans Besuch war zwar mit harter Arbeit verbunden, aber dennoch freute ich mich darauf. Ich vermied es tunlichst, über den Grund zu sinnieren, und fuhr beschwingt nach Hause.

Zu meiner Überraschung fand ich dort einen schön gedeckten Tisch, eine aufgeräumte Wohnung und ein blitzblank geputztes Badezimmer vor. Allem Anschein nach hatte Alex heute Morgen Lena klarmachen können, was wir unter ordentlicher Hausarbeit verstehen. Gut gelaunt betrat ich die Küche, in der Lena gerade eine Auflaufform mit Lasagne aus dem Ofen nahm. Sie begrüßte mich mit einem erzwungenen Lächeln, doch der Ausdruck in ihren Augen war kalt, eiskalt. Ich lächelte sie trotzdem an. Es musste doch möglich sein, ihr zu zeigen, dass ich nichts gegen sie persönlich hatte, sondern nur mit ihrer nachlässigen Haushaltsführung nicht einverstanden gewesen war.

Ich lobte deshalb ihr Essen, das mir wirklich sehr gut schmeckte. Selbst Sascha war ganz begeistert und jubelte lauthals: „Die Lasagne schmeckt ja lecker. Viel besser als bei dir, Mama!“

Lena vernahm diesen Ausruf mit Freuden, während ich vermied zu zeigen, wie sehr mich dieser Vergleich wurmte. Doch die gute Laune, die sie daraufhin zeigte, entschädigte mich für die Geringschätzung meiner Kochkünste durch meinen Sohn.

Nachdem der Tisch abgeräumt war, holte ich die Dose mit der Gebäckmischung, die ich immer für unangekündigten Besuch in der Speisekammer auf Lager hatte. Als ich sie öffnete, erschrak ich zutiefst. Die Dose, die ich vor zwei Tagen gekauft hatte, enthielt nur noch einen Bruchteil des gesamten Inhaltes. Sascha! Das konnte nur er gewesen sein, denn Alex mochte dieses Gebäck nicht.

„Sascha! Komm mal her!“, rief ich empört.

„Was ist denn, Mama?“, rief es vom Treppengeländer zurück und gleich darauf näherten sich eilige Kinderschritte.

„Warum isst du ohne zu fragen fast die ganze Gebäckdose leer, du Fresssäckchen?“

Ich hielt ihm die Dose entrüstet unter die Nase.

Mit großen, entsetzten Augen sah er mich an. „Das war ich nicht. Großes Indianerehrenwort!“

„Wer bitte schön soll es dann gewesen sein? Ein Kobold?“

„Ich habe nichts gegessen, ehrlich, Mama!“

„Sascha, lüg mich jetzt nicht an. Das ist nicht schön von dir.“

„Aber Mama, glaub mir doch!“

Ich war am Ende meiner Weisheit. Wieso konnte er es nicht zugeben? Er wusste genau, dass er keine drakonischen Strafen zu erwarten hatte. Er wusste aber auch, dass ich größten Wert auf Ehrlichkeit legte und dieses Vorkommnis nicht einfach hinnehmen konnte.

„Sascha, bitte. Das kannst nur du gewesen sein!“

„Ich war es aber nicht!! Du bist so gemein!“

Seine Stimme klang schon ziemlich zittrig, weshalb er schnell davonlief. Auf keinen Fall sollte ich ihn weinen sehen. Ziemlich ratlos stand ich mit der vermaledeiten Gebäckdose in der Küche, als Lena mit Mantel bekleidet hereinkam.

„Ich gehe jetzt heim. Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte sie süßlich wie eine Dessertcreme, ganz gegen ihre sonstige Art.

„Sascha hat wahrscheinlich in aller Heimlichkeit die Gebäckdose fast leer gefuttert. So etwas hat er bisher noch nie gemacht!“

„Regen Sie sich nicht auf. Vielleicht hat er sie seinen Freunden mitgebracht. Mein Sohn hat das auch schon mal gemacht.“

Diese einfühlsame Art war zu übertrieben, um echt zu sein. Ich konnte mich auch des Gefühls nicht erwehren, dass sie sich an meinem Entsetzen ergötzte. Wieso sollte mein süßer Sascha, der gelernt hatte nichts ungefragt zu nehmen, einfach ein Pfund Kekse aus dem Haus schleppen, um sie an seine gefräßigen Freunde zu verteilen? Vielleicht ein Protestakt, weil ich nicht mehr so viel Zeit für ihn hatte? Oder war es eine Bosheit von Lena?

Ich sah ihr misstrauisch zu, wie sie leise summend ihre Schürze in den Küchenschrank hängte. Natürlich, sie hatte es getan, um Missstimmung zu provozieren! Sie packte ihr Handy und eine Tube Handcreme in ihre Umhängetasche und für einen kurzen Moment war ich versucht, ihr meinen Verdacht ins triumphierend lächelnde Gesicht zu schleudern, aber ich hatte keinen Beweis. Alles, was ich erreichen würde, wäre den Graben zwischen uns noch mehr zu vertiefen.

„Also bis morgen, Frau Seland. Und seien Sie nicht zu streng zu Sascha. Das ist nur ein Lausbubenstreich!“, säuselte sie.

Die Unschuldsmaske war perfekt. Zu perfekt, als dass ich in irgendeiner Weise hätte reagieren können.

„Bis morgen, tschüss!“, erwiderte ich deshalb nur mürrisch und stellte die Dose geräuschvoll auf den Tisch.

Zwei Stunden später bereitete ich im Esszimmer alles für unser Treffen vor. Ich deckte den Tisch zum Kaffeetrinken, stellte noch Gläser, einen Saftkrug und Mineralwasser dazu. Ich sah mich kurz um, ob alles in Ordnung war, und betrachtete meine Wohnung plötzlich mit den Augen einer Person, die sie zum ersten Mal betrat. Und es gefiel mir, was ich sah. Das Esszimmer war in mediterranem Stil eingerichtet, bestehend aus einem langen Holztisch und karminroten Lederstühlen. Dazu passend stand an der Wand ein Sideboard, auf dem ich eine große rote Vase mit drei knorrigen Zweigen drapiert hatte. Darüber hing ein Bild von Josef, das er während eines Italienaufenthaltes gemalt hatte und eine Stadt am Meer abbildete. Das Panoramafenster wurde von roten Vorhangschals aus durchsichtigem Chiffon gerahmt. Im Wohnzimmer, das rechtwinklig an das Esszimmer angrenzte, standen helle Ledersitzmöbel, Alex’ Relaxstuhl und eine moderne Schrankwand aus Buche und Stahlelementen.

Ich war sehr gespannt auf Jans Reaktion und wurde nicht enttäuscht. Als er den Wohnbereich betrat, sah er sich kurz um und nickte anerkennend.

„Sehr geschmackvoll eingerichtet. Ist das dein Werk?“

Ich strahlte wie ein Honigkuchenpferd und nickte eifrig. „Ja, Alex verlässt sich da ganz auf mich und ist auch meistens einverstanden. Komm setz dich doch.“

„Du solltest mal zu mir kommen. Da könntest du dein Gespür für optimale Raumgestaltung in vollem Maße ausleben“, meinte er und setzte sich auf einen Stuhl.

Lässig lehnte er sich, die Beine von sich streckend, zurück und sah mich lächelnd an. Der Ausdruck in seinen Augen vermittelte mir, dass er die Idee eines Besuchs meinerseits wirklich gut fand, nicht nur wegen der Möbel.

„Tja, dann musst du aber vorher dein Budget prüfen, denn ich krempele alles um, wenn ich mal an der Sache dran bin“, antwortete ich leichthin und hoffte, damit meine aufkeimende Verlegenheit kaschieren zu können.

„Du schaffst das sicherlich auch mit einem Low Budget. Ich würde jedenfalls sehr gerne mit dir kooperieren.“

Kurz blitzte es bedeutungsvoll in seinen Augen auf, was seiner Äußerung eine andere Dimension verlieh. Ich war froh, als die Haustürklingel ertönte. „Das wird Sabine sein“, sagte ich und entfernte mich sofort Richtung Diele.

Sabine hatte heute sehr gute Laune und steckte Jan und mich ziemlich bald damit an. Nach zwei Stunden intensiver Arbeit hatten wir unser Ziel erreicht und ließen uns, zufrieden mit der erbrachten Leistung, ein Gläschen Sekt schmecken. Die Freude währte leider nur so lange, bis das Telefon läutete. Kaum hatte ich meinen Namen genannt, wurde ich auch schon von einem lauten Wortschwall überfallen.

„Frau Seland, meine Tochter Janina kam heute weinend nach Hause. Sie haben sie ja beinahe misshandelt! Was fällt Ihnen eigentlich ein, sie aus der Gemeinschaft auszuschließen, mit Gewalt auf den Stuhl zu zwingen und sie zudem noch zu einer derart idiotischen Strafarbeit zu verdonnern. Das sind gewiss keine Methoden nach neuestem pädagogischem Erkenntnisstand. Das sind Methoden aus Urgroßmutters Zeiten, fehlt nur noch der Rohrstock!“

Im ersten Moment wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Ich war auf diese Situation nicht im Geringsten vorbereitet. Höchst verunsichert begann ich Herrn Müller den Sachverhalt zu erläutern und meine Maßnahmen zu verteidigen. Ich bemerkte, wie Sabine und Jan mich dabei mitleidig beobachteten.

„Geben Sie sich keine Mühe, das Ganze pädagogisch begründen zu wollen. Tatsache ist, dass Ihre Methoden vollkommen veraltet sind und beinahe an seelische Grausamkeit grenzen. Sollte das noch einmal vorkommen, werde ich rechtliche Schritte gegen Sie einleiten. Einen guten Tag noch, Frau Seland!“

Klack! Entsetzt starrte ich das Telefon an und konnte nicht fassen, was ich gerade vernommen hatte.

„Rechtliche Schritte!? Dieser Herr Müller droht mir tatsächlich mit rechtlichen Schritten, wenn ich sein Herzchen in Zukunft nicht mit Samthandschuhen anfasse. Der spinnt doch!“, rief ich bestürzt und blickte die beiden Hilfe suchend an.

Jan erhob sich sofort von seinem Stuhl und kam eilig zu mir. Tröstend legte er den Arm um meine Schulter.

„Lass dich von diesem Choleriker nicht verunsichern. Deiner Vorgängerin hat er auch mehrmals mit dem Rechtsanwalt gedroht, aber unternommen hat er dann doch nichts. Der Angriff ist also nichts Außergewöhnliches.“

Jans beruhigende Worte und seine Umarmung hatten etwas so Tröstliches, dass meine verzweifelten Gefühle sofort im Nichts verschwanden.

„Jan hat Recht. Mach dir keine Sorgen. Herr Dr. Müller leidet unter einer Profilneurose und braucht diese Machtspielchen für sein Ego wie der Hibiskus das Wasser zum Wachsen. Also lasst uns auf den pädagogischen Freiraum der Lehrer trinken“, meinte Sabine.

Wir prosteten uns zu, sprachen über Dr. Müllers Verhalten und lachten über Jans witzige Strategien, mit solchen Exemplaren überengagierter Elternteile fertig zu werden.

„Schade, aber ich muss jetzt gehen! Friseurtermin. Kommst du mit, Jan?“, sagte Sabine eine halbe Stunde später und sah ihn auffordernd an.

„Nein, lass mal, ich möchte Isabel noch kurz etwas über Online-Lernspiele zeigen“, erwiderte er.

„Wie du meinst. Also bis morgen.“

Zwei Wangenküsschen später verließ sie eilig das Haus und rief mir noch im Gehen scherzhaft zu, dass wir uns nicht überarbeiten sollten. Doch davon konnte keine Rede sein. Wir klickten zwar seine Geheimtippinternetseite an, unterhielten uns aber über alles Mögliche, nur nicht über schulische Angelegenheiten.

Als er kurz auf die Toilette ging, stellte ich erstaunt fest, dass fast eine Stunde vergangen war, seit Sabine weg war. Es fühlte sich aber eher wie eine Viertelstunde an, so kurzweilig war die Unterhaltung mit ihm gewesen. Ich musste mir eingestehen, dass ich mich in seiner Nähe sehr wohl fühlte und froh war, dass er nicht schon mit Sabine gegangen war.

„Na jetzt bist du aber bestens über Lernspiele informiert oder willst du noch etwas wissen?“, sagte er scherzhaft, als er wieder zurückkam.

Ich lachte kurz auf. „Nein danke, alle Klarheiten sind beseitigt. Die Schüler werden sich freuen.“

Er setzte sich wieder an den Tisch und sah mich warmherzig lächelnd an. Ich konnte es in diesem Augenblick kaum fassen, welches Glück ich hatte, diesen liebenswerten und zudem überaus attraktiven Kerl zum Kollegen zu haben. Das Läuten des Telefons ließ mich zusammenzucken. Ich hob ab.

„Hello, Henry is calling. Wie geht es Ihnen?“

Henry?! Oh nein, Gentleman Henry aus der Galerie!

„Henry, was verschafft mir die Ehre?“, fragte ich überrascht.

„Ich wollte Sie zum Essen einladen. Ich kenne ein gutes Lokal für Gourmets. Haben Sie Lust? Am Freitagabend?“

Für einen Augenblick verschlug es mir die Sprache. Dieser Kerl konnte sich wohl nicht im Geringsten vorstellen, dass es für eine Frau mit Familie äußerst schwierig sein könnte, eine Einladung zum Candle-Light-Dinner mit irgendeinem Charmeur zu erklären. „Das ist sehr nett von Ihnen, danke, aber ich kann nicht. Ich fahre mit meiner Familie nach Landshut zu meinen Eltern“, log ich, um ihn möglichst schnell loszuwerden. Schweigen am anderen Ende der Leitung.

„Hallo, haben Sie mich verstanden?“, hakte ich nach.

„Ja, natürlich. Ich habe nur kurz nach einem anderen Termin gesehen.“

Ich wollte keinen anderen Termin! Manche Leute waren wirklich schwer von Begriff!

„Bemühen Sie sich nicht, ich habe auf unabsehbare Zeit keine Möglichkeit für irgendwelche Verabredungen. Tut mir leid.“ Vielleicht kam diese Botschaft an.

„Schade, aber ich würde Sie gerne wiedersehen. Vielleicht treffen wir uns einmal in Barbaras Galerie. Sie besuchen sie doch sicherlich öfter.“ Mr Henry Thompson war ein Exemplar der hartnäckigen Sorte.

„Schon möglich. Also bis irgendwann vielleicht. Good-bye.“

Ich ließ ihn noch „Good-bye“ sagen und drückte ihn weg, als er weiterreden wollte.

Jans Gesichtsausdruck verriet, dass er gerne gewusst hätte, wer der Anrufer war.

„Ein Bekannter meiner Freundin, der mich unbedingt treffen will. Dabei kenne ich ihn kaum“, antwortete ich auf seine stumme Frage.

„Er will dich eben näher kennenlernen.“ Er sah mich nachdenklich an. „Ist doch verständlich“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, und war froh, dass Sascha in diesem Moment vom oberen Stockwerk nach mir rief. „Ich komme gleich zu dir, Schatz!“, rief ich zurück.

Jan stand auf. „Tja, dann will ich mal nicht länger stören. Es hat Spaß gemacht, mit dir zu arbeiten. Bis morgen.“

Ich reichte ihm förmlich die Hand. Er drückte sie fest, zog mich dabei gleichzeitig in seine Arme und hauchte zwei freundschaftliche Küsse auf meine Wangen. Wie gut er roch! Erschrocken über diesen unpassenden Gedanken löste ich mich schnell aus seiner Umarmung.

„Vielen Dank!“, sagte er dagegen nur lächelnd und verließ das Haus. Verwirrt sah ich ihm nach. Vielen Dank? Wofür? Für die Einladung, für die Bewirtung oder für die unfreiwillige Erwiderung seiner unkollegialen Gefühle? Tja, vielen Dank, Jan, dass du es geschafft hast, mich aus dem Konzept zu bringen! Zu meinem Leidwesen musste ich mir eingestehen, dass er, der Pauker, obendrein meine Probleme besser nachvollziehen konnte als Alex, der Vollblutmediziner.

„Mama, ich habe die Kekse nicht geklaut!“ Saschas Stimmchen riss mich aus meinen Gedanken. Ich drehte mich zu ihm um. Mit hängenden Schultern und flehendem Blick, stand er da und ich konnte nicht anders, als ihn in die Arme zu nehmen.

„Tja, dann müssen wir eben Sherlock Holmes und Dr. Watson spielen und der Sache auf den Grund gehen, was meinst du?“

„Coole Idee, aber ich bin Sherlock Holmes.“

Er gab mir einen Kuss auf die Wange und lief, als Flugzeug verwandelt, mit ausgebreiteten Armen und lautem Gebrumm davon.

Abends bekam ich eine kleine Kostprobe von Alex’ grandiosen Problemlösungsstrategien. Ich erzählte ihm von den verschwundenen Keksen, während ich die Spülmaschine füllte.

„Und du bist dir ganz sicher, dass Babs nicht inzwischen hier war und ihr sie euch als Frust- und Stresskiller einverleibt habt?“

Hatte ich ernsthaft etwas anderes von meinem Gatten erwartet? Solche banalen Ereignisse interessierten ihn natürlich nicht.

„Also hör mal! Trotz Stress bin ich noch bei Verstand und weiß genau, dass weder Babs noch ich welche gegessen haben. Sascha glaube ich auch und du magst diese Kekse nicht. Bleibt also nur noch Lena!“

„Lächerlich! Wieso sollte sie heimlich deine Kekse essen? Heute Morgen wirkte sie recht einsichtig und entgegenkommend. Hat es denn mit der Hausarbeit geklappt?“

„Ja, schon, aber als ich mir Sascha wegen der Kekse vorknöpfte, hat sie sich regelrecht an unserem Disput ergötzt.“

„Siehst du die Dinge nicht etwas überspitzt? Es fehlen nur ein paar Kekse. Vielleicht hatte sie ja Heißhunger.“

„Mensch Alex, es geht doch darum, dass Lena sie heimlich genommen hat und seelenruhig zusieht, wie ich Sascha beschuldige!“

Meine Stimme war lauter geworden. Alex sah mich an, wobei er die linke Augenbraue gefährlich hochzog.

„Sag mal, außer diesen blöden Keksen hast du wohl keine Probleme!“

„Doch, die habe ich! Aber vermutlich würden sie dich sowieso nicht interessieren. Begreifst du nicht, dass Lena mit dem Verschwinden der Kekse gegen uns intrigiert?“, fauchte ich ihn an.

„Jetzt mach mal halblang! Ich glaube, du siehst wirklich Gespenster, und jetzt geh mir bitte nicht weiter auf den Keks mit diesen verdammten Keksen. Ich brauche meine Ruhe. Wahrscheinlich ist alles ganz harmlos und wird sich bald aufklären.“

Er gab mir einen flüchtigen Kuss und verschwand im Wohnzimmer. Es hatte keinen Zweck, weiter mit ihm darüber zu sprechen. Die Angelegenheit war für ihn erledigt, ganz im Gegensatz zu mir. Ich war fest davon überzeugt, dass Lena es aus purer Boshaftigkeit getan hatte, um sich zu rächen und Unfrieden in der Familie zu stiften. Und sie hatte ihr Ziel erreicht. Alex und ich sprachen an diesem Abend kein Wort mehr miteinander.

5 – Zucker ist Gift

Die Trauergäste entfernen sich langsam vom Grab, stecken die Köpfe zusammen und unterhalten sich mit gedämpfter Stimme. Ich bleibe stehen und sehe ihnen dabei zu. Unzählige Fragen bohren sich quälend tief in meine Seele und schreien nach Antworten. Sie können jetzt noch nicht gehen! Wie soll ich damit alleine fertig werden? Ich möchte hingehen, möchte die eine Frage stellen, doch zugleich weiß ich, dass es sinnlos ist, dass ich niemals eine Antwort darauf bekommen werde.

Am nächsten Tag bekam ich Ärger mit Hans Stiegl. Kaum hatte ich mich in der großen Pause zur verdienten Ruhe an den Tisch im Lehrerzimmer gesetzt, stand er auch schon neben mir.

„Na Frau Kollegin, schmeckt das Pausenbrot“, sagte er in seiner unnachahmlich schleimigen Art.

„Jetzt nicht mehr. Gibt es etwas zu besprechen?“, antwortete ich genervt.

„Allerdings!“ Er setzte sich und fixierte mich mit seinen kleinen, wässrigen Augen.

„Frau Seland, ich schätze es gar nicht, wenn ich morgens vor dem Unterricht erst einmal eine mit englischen Vokabeln voll geschriebene Tafel säubern muss, bevor ich etwas darauf schreiben kann. Wenn Sie die letzte Stunde in meiner Klasse haben, müssen Sie gefälligst dafür sorgen, dass die Schüler ihren Tafeldienst einhalten. Freiwillig tun die das nämlich nicht!“

Es war einfach nur widerlich, wie er mich in seiner schulmeisterlichen Art von oben herab behandelte. Ich hatte große Mühe, freundlich zu bleiben.

„Verzeihung, ich habe gestern nicht darauf geachtet. Ich musste erst die Auseinandersetzung mit Patrick verkraften. Der hat mir unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er mich als Respektsperson ablehnt.“

Er gab einen kurzen Stoßseufzer von sich. „So musste es ja kommen. Sie dürfen sich auf keinen Fall verunsichern lassen, sonst haben Sie gleich verloren. Ersparen Sie mir bitte das gleiche Theater wie bei Frau Schiester letztes Jahr. Mein Bedarf ist wirklich gedeckt. Also denken Sie trotz Stress daran, die Tafel sauber zu hinterlassen“, sagte er und verschwand im nächsten Augenblick.

Kleingeist! Als ob es im Moment nichts Wichtigeres gäbe als die Einhaltung des Tafeldienstes! Dass ich schon in der ersten Stunde Ärger mit Patrick bekommen hatte, interessierte ihn nicht im Geringsten, obwohl meine Vorgängerin aus demselben Grund in massive Schwierigkeiten geraten war. Unterstützung konnte ich nach diesem Auftritt jedenfalls nicht erwarten. Warum verhielt er sich so feindselig und unkooperativ? Als er Frau Schiester erwähnte, war mir sein verächtlicher Unterton aufgefallen. Ich nahm mir vor, mich mit seinem Parallelkollegen zu unterhalten. Vielleicht erfuhr ich ein paar aufschlussreiche Dinge über Hans, um sein Verhalten besser verstehen zu können. Sicher war er das klassische verklemmte Muttersöhnchen, das zum Frauenhasser mutierte, weil Mutti keine anderen Frauen neben sich duldete. Womöglich war sein Hass auf Frauen inzwischen so groß, dass er sogar Mordgedanken hegte, und ich wäre die erste, die er …

„Worüber denkst du denn so angestrengt nach?“ Jan ließ sich auf den Stuhl neben mir fallen und betrachtete mich neugierig. Wie gut er aussah in seinem dunkelblauen, eng anliegenden T-Shirt!

„Och, nur daran wie ich die achte Klasse für Englisch begeistern kann“, sagte ich leichthin.

Ich konnte ihm unmöglich meine absurden Gedankengänge mitteilen! Außerdem wollte ich die Differenzen mit Hans für mich behalten, um bei Jan nicht den Eindruck zu erwecken, dass ich ständig in Schwierigkeiten steckte.

„Spiele kommen gut an. Schieb immer wieder ein Lernspiel dazwischen, das lockert auf und die Schüler sind mit Begeisterung dabei.“

Während er mir eifrig Vorschläge machte, kamen die übrigen Grundschulkolleginnen nacheinander an unseren Tisch und nickten uns grüßend zu. Während ich mich weiterhin angeregt mit Jan unterhielt, bemerkte ich, wie die eine oder andere unser Gespräch beobachtete. In ihren Blicken war eindeutig erkennbar, wie befremdend unser vertrauter Umgang auf sie wirkte. Es war höchste Zeit, mich intensiver um meine Kolleginnen zu bemühen, um keinen falschen Eindruck zu erwecken.

„Du kommst doch am Donnerstagabend um 20 Uhr zum Lehrersport?“, fragte Jan eindringlich.

Dieser Vorschlag war absolut der falsche Ansatz, mich in den Kolleginnenkreis einzuschleichen! Die Lehrervolleyballgruppe bestand überwiegend aus männlichen Kollegen, nur drei Frauen waren dabei, Sabine inklusive. Mir schwebte eher vor, zu den monatlich veranstalteten Kaffeekränzchen eingeladen zu werden. Das konnte ich jedoch nur erreichen, wenn ich sie auch zu mir einlud, aber dazu verspürte ich wiederum wenig Lust.

„Hallo, jemand zu Hause?“ Jan klopfte mit seinem Teelöffel gegen meine Stirn.

„Aua! Willst du, dass ich mit einem Hörnchen herumlaufe und zum Gespött der Schüler werde?“, empörte ich mich in scherzhaftem Ton. Jan verzog bedauernd sein Gesicht und strich sanft mit dem Fingerrücken über meine Stirn.

„Oh Verzeihung, ich wollte nicht, dass es weh tut. Wie kann ich das nur wieder gutmachen?“, gurrte er und lächelte charmant. Ich musste unwillkürlich zurücklächeln. Gleichzeitig bemerkte ich, dass Inge uns im Visier hatte. Pure Missbilligung sprach aus ihrer Mimik angesichts unseres beinahe turtelnden Verhaltens. Ich sprang auf.

„Schon verziehen! Vielleicht komme ich zum Sport. Jetzt brauche ich aber eine Tasse Kaffee! Bis dann!“, sagte ich schnell und flüchtete in Richtung Küchenecke.

Wenn wir so weitermachten, wären wir auf dem besten Weg, die Gerüchteküche zum Brodeln zu bringen. Neutralität war jetzt das Schlagwort. Niemand sollte denken, wir könnten mehr als kollegiale Gefühle füreinander hegen. Auch ich selbst wollte mir diesen Gedanken nicht zugestehen. Konsequenterweise blieb ich deshalb bis zum Klingelzeichen in der Kaffeeküche und ging danach alleine zu meinem Klassenzimmer.

Der restliche Vormittag verging ohne größere Probleme, da Janina heute ziemlich ruhig war.

Auch zu Hause lief alles erstaunlicherweise reibungslos. Es erwarteten mich eine aufgeräumte und geputzte Wohnung, ein an seinen Hausaufgaben sitzender Sascha und ein schmackhaftes Gulasch mit Nudeln und Salat.

Als ich mich nach dem Essen an den Schreibtisch setzte, machte ich innerlich Luftsprünge, weil alles so gut klappte, und konnte mir ein gewisses Triumphgefühl beim Gedanken an Alex’ Vorbehalte nicht verkneifen. Er würde zugeben müssen, dass das Chaos der ersten beiden Tage nur der Umstellung zuzuschreiben war. Ab jetzt würde langsam Routine einkehren und alles ins Lot bringen.

Angesichts dieser positiven Zukunftsaussichten steigerte sich meine gute Laune im Laufe des Tages und als Alex um 10 Uhr nachts vom Squashspielen nach Hause kam, empfing ich ihn fröhlich beschwingt.

„Wie schön, dich so munter anzutreffen. Alles paletti?“, fragte er verwundert, als ich mich gleich in seine Arme schmiegte.

„Ja, alles wunderbar. Was soll denn nicht in Ordnung sein?“

„Na ja, ich dachte da an vorgestern Nacht, in der du dich mit Alpträumen im Bett gewälzt hast. Schon vergessen?“

„Nein, habe ich nicht, aber dank dir klappt es mit Lena wunderbar und in der Schule habe ich tolle Kollegen, die mich unterstützen. Übrigens …“ Ich warf ihm einen verführerischen Blick zu. „… ich habe heute nicht vor, mich mit Alpträumen im Bett zu wälzen, sondern mit einem durchtrainierten, überaus attraktiven Mann im besten Alter.“

„Gutes Vorhaben, und wenn du mit dem attraktiven Mann mich meinst, dann …“

Alex küsste mich leidenschaftlich und fuhr mit seinen Händen unter meinen Pullover. Wildes Verlangen packte mich und ich zerrte sein weißes T-Shirt von seinem gestählten Oberkörper. Irgendwie gelang es uns noch, ins Schlafzimmer zu kommen, bevor wir wie ausgehungert übereinander herfielen.

Erschöpft und glücklich kuschelte ich mich nach unserem emotionalen Vulkanausbruch in Alex’ Arme und seufzte zufrieden. „Ich wusste, dass ich es schaffen würde, alles unter einen Hut zu bekommen.“

„Meinst du damit Haushalt, Schule und deine zwei Männer? Lass mal nachrechnen. Eins, zwei, drei – du bist ganze drei Tage zur Schule gegangen und nur weil die Hirnströme deiner Schüler heute nicht ausgetickt sind und Lenas Gulasch zufällig gelungen ist, denkst du, dass es immer so problemlos sein wird? Ich hoffe nur, dass du dich nicht täuschst!“

Es versetzte mir einen gehörigen Stich in der Magengegend, dass er mich mit dieser Bemerkung auf den Boden der harten Realität zu zerren versuchte.

„Sag mal, liebst du mich eigentlich?“, fragte ich ernüchtert.

„Was soll diese Frage? Natürlich liebe ich dich, das habe ich dir doch soeben bewiesen!“

„Sex ist nicht gleich Liebe. Zur Liebe gehört mehr: Verständnis, Unterstützung und Mitgefühl.“

„Wird das jetzt ein philosophischer Exkurs zum Thema wahre Liebe? Ich fühle jedenfalls mit dir, wenn du das meinst.“

„Seltsame Art, mir das zu zeigen. Deine ach so mitfühlenden Worte haben jedenfalls meine optimistischen Gefühle auf einen Schlag vernichtet. Vielen Dank dafür.“

„Aber Liebling, das lag ganz und gar nicht in meiner Absicht. Ich will dich doch nur davor bewahren, dass du in ein Loch fällst, falls wieder etwas schiefgehen sollte.“

Mit gespielter Wut boxte ich gegen seinen Oberarm. „Du sollst mich gefälligst ermuntern und mir nicht mit Schwarzseherei auf die Nerven gehen. Lass uns jetzt schlafen! Ich gehe nur noch kurz ins Bad.“

Trotzig betrachtete ich dort mein noch immer attraktives Spiegelbild und schwor mir, mich nicht mehr verunsichern zu lassen. So viele Frauen schafften den Wiedereinstieg in den Beruf, warum also nicht auch ich.

In den nächsten Wochen versuchte ich Routine in den Alltag zu bringen, doch das war mühsamer als gedacht. Da gab es zum einen enorme Schwierigkeiten mit Patrick, denn der Kerl hatte es darauf abgesehen, mich in jeder erdenklichen Weise zu provozieren. Er machte fast nie seine Hausaufgaben und kam ständig zu spät zum Unterricht, den er dann gänzlich unbeteiligt in seiner Bank lümmelnd verbrachte. Wenn er etwas von sich gab, dann war das kein Beitrag zum Unterricht. Vielmehr unterhielt er sich provokant laut mit seinem Nachbarn, so dass ich ihn ständig ermahnen musste. Seine Reaktion war stets ein spöttisches Grinsen. Ich drohte ihm damit, dass sich sein Verhalten negativ auf seine mündliche Note auswirken würde, doch er kommentierte dies nur mit einem gleichgültigen Achselzucken. Zu allem Übel bewunderten ihn seine Freunde für sein abgebrühtes Auftreten und ahmten ihn auch noch nach. Sogar mein Drohen mit Klassenbucheinträgen, das sonst immer Wirkung zeigte, war bei Patrick und seinen Freunden vergebens. Mit abfälligen Bemerkungen zeigten sie mir ganz offen, dass sie mich nicht im Geringsten respektierten. In meiner Verzweiflung sprang ich über meinen eigenen Schatten und versuchte das Problem mit Frauenhasser Hans zu besprechen, was natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Er hatte mich nur griesgrämig angesehen und mich mit dummen Pauschalratschlägen abgespeist. Sie müssen sich besser durchsetzen und konsequent handeln. Machen Sie Ihre Drohungen wahr und verteilen Sie saftige Strafarbeiten, dann haben die gar keine Zeit mehr, sich dumme Sachen auszudenken.

Von Strafarbeiten hielt ich nichts. Sie waren kein probates Mittel, sich Respekt zu verschaffen, vielmehr hatten sie den Status einer Trophäensammlung, angereichert mit Kommentaren wie Ich habe schon zwei Strafarbeiten kassiert – Das ist ja gar nichts, ich muss schon meine vierte machen.

Das andere Problem hieß Lena. Sie versorgte den Haushalt zwar so weit, dass ich von dieser lästigen Tätigkeit weitgehend entbunden war, doch leider ließen ihre Kochkünste zu wünschen übrig. Nur selten, wenn sie gute Laune hatte, war auch das Essen gut. Doch meistens war es fast ungenießbar, wenn das Gemüse zu Matsch verkocht, das Fleisch zäh und die Süßspeise ein schwer verdaulicher Teigklumpen war. Sascha meuterte nahezu jeden Tag und wollte, dass ich wieder kochte, was natürlich unmöglich war. Mit offener Kritik an Lenas Verbrechen im Kochtopf hielt ich mich jedoch zurück, denn sie reagierte überaus empfindlich auf negative Bemerkungen. Ich war stattdessen stets darauf bedacht meine Beanstandungen emotional intelligent zu äußern, aber meistens vergeblich. Die Stimmung sank trotz allem auf einen Tiefpunkt mit dem Ergebnis, dass sie zwei Tage lang kein Wort mehr mit mir sprach. Eines Tages verriet mir mein sensibler Geruchssinn, dass sie in der Küche geraucht hatte. An diesem Punkt der offensichtlichen Provokation konnte ich mich nicht mehr zurückhalten.

„Lena, ich weiß, dass Sie geraucht haben. Mein Mann und ich sind Nichtraucher und ich will nicht, dass Sascha damit belastet wird. Ich fordere Sie deshalb noch einmal auf, es innerhalb dieses Hauses zu unterlassen. Es wäre nett, wenn Sie sich daran halten würden.“

Lena hatte mich nur angestiert und dann wortlos und mit finsterer Miene die Spülmaschine ausgeräumt. Ich hatte nicht weiter nachgehakt, um zu vermeiden, dass sie mich noch mehr anfeindete und erneut Intrigen erfand wie die Geschichte mit den vermaledeiten Keksen. Das angespannte Verhältnis zu ihr belastete mich zwar, doch um nichts in der Welt hätte ich es Alex erzählt. Er würde sich nur wieder Sorgen machen, dass ich mit allem überfordert sein könnte und aus diesem Grund alles viel schlimmer sähe, als es tatsächlich war.

Ich mimte also die gut gelaunte berufstätige Ehefrau und Mutter, die jetzt ihre Erfüllung gefunden hatte. An manchen Tagen sehnte ich mich jedoch nach dem geruhsamen Leben zurück, das ich noch vor kurzem geführt hatte. Es blieb mir ja nicht einmal genügend Zeit, mit Babs länger als zehn Minuten zu telefonieren, was sie mir auch entsprechend übel nahm.

„Bei dir heißt es immer: Ich habe aber nicht viel Zeit zum Quatschen. Ein Wunder, dass du letzte Woche mit in die Oper gegangen bist!“, hatte sie erst gestern in den Telefonhörer gemault.

„Was soll ich denn machen? Die Unterrichtsvorbereitungen nehmen eben sehr viel Zeit in Anspruch und bald muss ich die ersten Arbeiten korrigieren. Aber was hältst du davon: In den Ferien machen wir einen Tag lang eine ausgiebige Shoppingtour mit Café und Kosmetikstudio!“

„Ferien? Die sind doch erst in vier Wochen! Wie hältst du das nur so lange ohne aus?“

„Ich habe leider keine andere Wahl. Außerdem gehe ich jeden Donnerstag zum Lehrervolleyball und anschließend mit Jan und Sabine, zwei Kollegen, in ein gemütliches Weinlokal. Jan hat mich dazu inspiriert. Ein wirklich netter Typ!“

„Verheiratet?“

„Geschieden!“

„Das sind die Schlimmsten. Gleich auf der Jagd nach der nächsten Frau, um ihr beschädigtes Ego aufzupolieren.“

„Jan ist nicht so!“, protestierte ich. „Aber Henry! Der hat inzwischen schon drei Mal angerufen, um mich zu einem Treffen zu überreden“, lenkte ich schnell ab.

„Und, wieso machst du es nicht? Für einen Abend mit Henry würde so manche Frau alles geben.“

„Also Babs, wirklich, ich bin verheiratet!“

„Na und, das ist zwar ein Grund, es nicht zu tun, aber kein Hindernis. Mit Jan triffst du dich doch auch regelmäßig.“

„Das ist etwas ganz anderes. Er ist einfach ein netter Kollege und mehr nicht.“

Es klingelte an der Haustür und ich beendete das Gespräch, das eine unerwünschte Richtung eingeschlagen hatte. Sabine war wie verabredet gekommen, um für den Aufsatzunterricht etwas zu besprechen. Wir arbeiteten zügig und hatten danach noch genügend Zeit, um gemütlich Kaffee zu trinken. Ich gab Sabine die letzten zwei Stücke Marmorkuchen und aß selbst ein paar Kekse. Leider wurde unsere Unterhaltung durch Alex’ Telefonanruf gestört.

„Hallo Schatz, sag mir nur schnell, wann Saschas Herbstferien sind.“

„In der letzten Oktoberwoche, warum?“, fragte ich, nichts Gutes ahnend.

„Weil ich meinen Urlaub eintragen muss. Wir gehen doch wieder mit Rainer und Andrea nach Südtirol zum Wandern, oder nicht?“

Ich verdrehte die Augen und stöhnte leise auf. „Oh bitte nicht noch einmal. Hast du schon vergessen, was das für ein Chaos war, weil Sascha das Wandern nicht mochte und die kleine Miriam noch viel weniger?“

Während ich mich in mein Arbeitszimmer verzog, füllte ich seine Erinnerungslücken auf, indem ich ihm haarklein von Saschas täglichen Jammerarien über seine schmerzenden Füße berichtete und dass er viel lieber mit seinen Freunden zu Hause spielen wollte. Die geschilderten Attacken Saschas gegen Miriam, die er bei jeder Gelegenheit geärgert hatte und mir Andreas Vorwurf eingebracht hatte, welch ungezogenes Kind ich doch mein Eigen nennen durfte, überzeugten ihn schließlich.

„Tja, das muss ich wohl irgendwie verdrängt haben. Ich glaube, es ist tatsächlich besser, wenn ich Rainer frage, ob er mit mir allein fährt. So wie ich ihn einschätze, wird er nicht ganz abgeneigt sein.“

Überaus zufrieden mit dem Ergebnis des Gesprächs, kehrte ich ins Esszimmer zurück und fand Sabine über mein altes Fotoalbum gebeugt.

„Es ist doch immer wieder amüsant, wie man in der Jugend ausgesehen hat. Diese Kleidung – und noch schlimmer sind die Frisuren, findest du nicht?“, sagte sie ohne aufzuschauen.

„Ja, wirklich witzig! Ich habe gestern die Fotos vom Abiturjahrgang gesucht, weil wir nächstes Jahr unser 20-jähriges Jubiläum haben!“

Ich blätterte die entsprechende Seite auf. „Das ist mein Abiturjahrgang in Landshut, aber es sind nur etwa zwei Drittel der Kollegstufe abgebildet. Wenn ich unseren Kunstlehrer vom Leistungskurs damals nicht genötigt hätte diese Fotos zu machen, gäbe es überhaupt keine Erinnerung an die Abiturzeit. Das bin übrigens ich“, sagte ich und deutete auf eine Schülerin in der zweiten Reihe.

Sabine betrachtete das Bild eingehend. „Wusste ich es doch!“, murmelte sie.

„Was?“

„Dass du damals schon eine Klassenschönheit warst, so attraktiv, wie du jetzt noch bist.“

„Oh danke für das Kompliment, aber in Angelika vom Englischleistungskurs hatte ich eine große Konkurrentin. Ich war in der 12. Klasse neu an diese Schule gekommen, weil mein Vater sich beruflich verändert hatte, und Angelika hatte mich anfangs fürchterlich angefeindet, sage ich dir. Mit der Zeit legte sich die Antipathie und wir wurden fast Freundinnen, aber eben nur fast.“

Sabine überflog die restlichen Bilder, klappte das Album zu und stand auf.

„Willst du schon gehen? Ich könnte uns noch eine Kleinigkeit zum Essen machen.“

Sabine machte eine abwehrende Handbewegung.

„Lieb von dir, aber lass mal. Mir ist etwas übel. Ich glaube, ich vertrage diese fetthaltigen Rührkuchen nicht mehr.“

„Oje, du Ärmste! Warte, ich habe ein tolles Mittel dagegen.“

Ich holte schnell eine Salztablette und reichte ihr ein Glas Wasser dazu.

„Hier, nimm. Langsam zergehen lassen und du wirst sehen, wie schnell das hilft!“

Wortlos schob sie die Tablette in den Mund und nahm einen Schluck Wasser. Sie sah wirklich elend aus.

„Hast du das öfter?“, fragte ich besorgt.

„Ja, in letzter Zeit schon.“

„Du wirst doch nicht schwanger sein?“, meinte ich scherzhaft, doch ihr versteinerter Blick sagte mir, dass sie das überhaupt nicht witzig fand.

„Wüsste nicht, von wem!“, meinte sie nur frostig und schlüpfte in ihre Jacke.

„Sabine, es tut mir leid, wenn ich dir zu nahegetreten bin. Das war ein schlechter Scherz. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht allzu übel.“

„Schon gut, aber weißt du, wenn es mir so schlecht geht, ertrage ich solche Äußerungen überhaupt nicht. Aber vergeben und vergessen. Bis morgen.“

Mit einem gequälten Lächeln auf ihrem kreideweißen Gesicht umarmte sie mich flüchtig und verließ eilig das Haus.

Nachdenklich räumte ich den Esszimmertisch ab. Was war der Grund für ihre plötzliche Übelkeit? Die Kuchenstücke waren noch zu frisch gewesen, um verdorben zu sein. Nach dem Mittagessen hatte Lena mich daran erinnert, dass für meine nachmittägliche Tasse Kaffee noch Kuchen übrig sei. Es wäre doch schade, wenn er alt und ungenießbar wird. Genau das waren ihre Worte gewesen. Von Sabines Besuch hatte sie nichts gewusst. Sie hatte aber gewusst, dass Sascha zu Leon gehen und Alex in der Klinik sein würde. Also konnte sie ganz sicher sein, dass ich die Einzige war, die den restlichen Kuchen essen würde. Nein, das war doch nicht möglich! Ich wehrte mich heftig gegen den Gedanken, dass sie etwas in den Kuchen getan hatte, um mir körperlich zu schaden! So etwas Boshaftes gab es doch nur in zweitklassigen Filmen. Es war mit Sicherheit nur eine simple, plötzliche Magenverstimmung und morgen würde Sabine putzmunter in der Schule erscheinen.

Dennoch tauchte im Laufe des Abends immer wieder Sabines aschfahles Gesicht vor meinem geistigen Auge auf, und mit Unbehagen musste ich an Lena denken. Es war ihr durchaus zuzutrauen, dass sie wieder so einen gemeinen Anschlag auf mich geplant hatte und aus Versehen Sabine zum Opfer geworden war. Erst letzte Woche hatte ich es gewagt, Lena zu kritisieren. Wie so oft hatte sie zum Aufbügeln von Alex’ Stoffhosen wieder kein Bügeltuch verwendet. Ich hatte sie dezent darauf hingewiesen, dass hässliche glänzende Stellen entstehen, wenn sie es nicht verwendet. Die Hosen waren schließlich zu teuer, um sie wie Freizeitjeans zu behandeln. Der Blick, mit dem sie mich nach dieser Belehrung bedacht hatte, war so eisig gewesen, dass er für einen Moment mein Blut in den Adern gefrieren ließ. Aus unerfindlichen Gründen war sie mir gegenüber feindselig eingestellt, aber ging ihre Antipathie wirklich so weit, dass sie mir ernsthaft schaden wollte?

Ich hörte, wie die Haustüre aufgesperrt wurde. Alex kam nach Hause und ich war froh, dass er meinen Gedankenkreis unterbrach. Doch es dauerte nicht lange, bis er merkte, dass mich etwas beschäftigte.

„Ist irgendetwas passiert? Na, rück schon raus mit der Sprache. Schwierigkeiten mit Kollegen, Schülern, Freundin, Sascha oder Lena? Was ist es?“

„Das willst du nicht wirklich wissen.“

„Doch, sonst verfolgt es dich wieder bis in die Nacht und bringt uns beide um unseren wohl verdienten Schlaf. Ich hoffe auf Zickenkrieg mit Babs, befürchte aber Lena. Habe ich Recht?“

Ich nickte nur kleinlaut und sah, wie er missmutig den Mund verzog.

„Was um Himmels willen hat sie jetzt wieder gemacht? Die Spülbürste zum Kloputzen verwendet?“

Geflissentlich ignorierte ich die sarkastische Bemerkung und berichtete ihm in wenigen Worten von Sabines plötzlicher Übelkeit und von dem Verdacht, den ich hegte. Alex brach in schallendes Gelächter aus.

„Das ist nicht dein Ernst! Gift im Marmorkuchen, verabreicht von unserer Haushaltshilfe!“, japste er nach Luft schnappend. „Isabel, das ist der Witz des Tages. Wieso in aller Welt sollte sie das tun?“

„Motiv Rache, wegen persönlicher Kränkung. Erinnerst du dich noch an die Geschichte mit den Keksen?“

„Oh bitte, komm mir jetzt nicht auch noch mit den Keksen, die plötzlich Füße bekommen haben. Ich kenne dein Faible für Thrillergeschichten, aber solche verschwörerischen Sachen gibt es im realen Leben nicht. Sabine hat sich ganz einfach den Magen verdorben oder die Gute ist schwanger. Isabelchen, du bist einfach überarbeitet und siehst Gespenster. Komm her.“

Ich gab es auf, ihn weiterhin überzeugen zu wollen. Er war einfach zu sehr Realist, als dass er mir Glauben hätte schenken können. Wortlos schmiegte ich mich in seine Arme. Wenigstens konnte ich auf diese Weise meine angespannten Nerven beruhigen. Wahrscheinlich hatte er sogar Recht und ich sah wirklich nur eine Fata Morgana.

6 – Mit unsichtbarer Hand

Zögerlich folge ich den anderen Trauergästen. Unaufhörlich trommeln die Regentropfen auf meinen Schirm. „Wie im Film.“, denke ich stumpf. „Im Film regnet es aus dramaturgischen Gründen auch immer bei Beerdigungsszenen.“

Doch ich befinde mich nicht in einem Film. Es gibt keinen Regisseur, der „Schnitt!“ ruft, der sich freut, die Szene im Kasten zu haben, der die Schauspieler dazu aufruft eine Pause einzulegen und sich für die nächste Szene vorzubereiten. Dies hier ist harte Realität. Das Leben geht unerbittlich weiter, ohne Pause. Es schreibt die nächsten Szenen, deren Inhalt keiner der Beteiligten kennt.

Beim Frühstück am nächsten Morgen war ich ziemlich nervös. Bevor ich nicht wusste, ob mit Sabine wieder alles in Ordnung war, konnte ich mich auf nichts konzentrieren. Nach ein paar appetitlos gegessenen Bissen Marmeladentoast und etwas Kaffee fuhr ich angespannt in die Schule und suchte im Lehrerzimmer als Erstes nach Sabine. Sie war nicht da. Das hat nichts zu bedeuten, versuchte ich mich selbst zu beschwichtigen und ging zu meinem Fach, in dem ich eine Kurzmitteilung vom Sekretariat vorfand.

Frau Grunert gab telefonisch Bescheid, dass sie wegen Übelkeit zu Hause bleibt. Sie versucht aber zur großen Pause zu kommen. Besprechen Sie bitte mit Herrn Fenrich die Beaufsichtigung Ihrer Klasse.

Gruß Frau Mahler

Ich konnte förmlich spüren, wie es mir das Blut aus dem Gesicht zog. Sabines Zustand hatte sich nicht gebessert. Jetzt war ich mir ganz sicher, dass Lena den Kuchen manipuliert hatte und der Anschlag mir gelten sollte. Langsam begann die Sache albtraumhafte Züge anzunehmen. Zwei Hände legten sich auf meine Schultern.

„Na, schlechte Nachrichten oder warum stehst du hier wie angewurzelt?“, ertönte Jans sonore Stimme hinter mir.

Wie in Trance drehte ich mich um und sah ihn an. Ich bemerkte, dass er bei meinem Anblick erschrak, und versuchte ein bisschen zu lächeln, um ihm nichts erklären zu müssen. Ich konnte ihm unmöglich zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn von meinen „Hirngespinsten“, wie Alex es immer nannte, berichten. Er würde mir, wie wohl jedes männliche Wesen, sowieso nicht glauben und ich lief damit Gefahr, mir den Ruf einer Hysterikerin einzuhandeln. Das galt es bei Jan unbedingt zu vermeiden. Kurzerhand hielt ich ihm die Nachricht unter die Nase.

Er gab einen Stoßseufzer von sich. „So was liebe ich ja. Lass mal überlegen, was die Klasse machen könnte. Ah, ich weiß, ich habe noch ein paar Arbeitsblätter vom Sprachunterricht übrig. Ich kümmere mich darum, denn dir scheint es auch nicht gerade gut zu gehen.“

„Ja, mir ist auch ein bisschen übel. Aber das geht schon vorüber“, log ich tapfer.

„War Sabine gestern nicht bei dir? Ihr habt wohl ein bisschen zu tief ins Likörgläschen geschaut?“, versuchte er zu scherzen, aber mir war gar nicht danach zumute. Am liebsten hätte ich ihm auf der Stelle alles erzählt. Ich wollte von ihm die Bestätigung bekommen, dass ich mir etwas zusammenreimte und alles ganz harmlos war.

„Vielleicht geht gerade so ein Magenvirus um“, sagte ich stattdessen nur und ging mit ihm zum Grundschulgebäude.

Die ersten drei Schulstunden waren entsetzlich. Ich war so unkonzentriert, dass mir beim Tafelanschrieb dauernd Fehler unterliefen. Ich teilte das falsche Arbeitsblatt aus und es wurde zunehmend unruhiger in der Klasse, aber es fehlten mir heute Kraft und Nerven, alles in den Griff zu bekommen. Meine Gedanken schweiften immer wieder zu Sabine ab. Was, wenn sie einen dauerhaften Schaden davontrug – wegen meiner durchgeknallten Haushaltshilfe!

Plötzlich keifte Janina ihre Nachbarin lautstark an, weil diese ihr keinen Filzstift geben wollte. Meine Nerven standen dermaßen unter Hochspannung, dass ich sie so unbeherrscht wie schon lange nicht mehr anfuhr. Es war urplötzlich totenstill im Raum und alle sahen mich erschrocken an. Janina ließ ihren Tränen freien Lauf.

„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass man nicht gleich zu toben anfängt, wenn man etwas will. Halte dich daran, dann bekommst du auch keinen Ärger mit mir“, versuchte ich sie in beschwichtigendem Ton zu beruhigen, denn ein telefonischer Tobsuchtsanfall ihres Vaters war das Letzte, was ich heute noch gebrauchen konnte. Der Gong zur Pause ertönte.

Vollkommen erschöpft verließ ich das Klassenzimmer und begegnete auf dem Flur Inge und Ute, einer weiteren Kollegin. Inge musterte mich wie jeden Tag von oben bis unten. Manchmal ließ sie auch die eine oder andere Bemerkung fallen im Sinne vonImmer chic gekleidet, wo bekommst du nur diese Sachen her? oder Bricht dein Kleiderschrank noch nicht auseinander? oder Dein Mann muss bald anbauen, damit deine Klamotten Platz haben, hähä, doch heute konnte sie ihr Lästermaul zum Glück zügeln. Meine Reaktion wäre mit Sicherheit nicht freundlich ausgefallen.

Ute, von etwas fülliger Statur, war meistens gut gelaunt und mit einem kräftigen Sprechorgan gesegnet. Jedes Mal, wenn sie einen Scherz machte, lachte sie selbst am lautesten darüber.

„Meine Güte, wie siehst du denn aus! Geht es dir nicht gut?“, fragte sie weithin hörbar, so dass sich manche Schüler, die auf den Pausenhof strebten, interessiert nach uns umdrehten.

„Ach, das ist nicht mein Tag heute, die Schüler sind mir gewaltig auf die Nerven gegangen.“

„Ja, ich könnte auch schon wieder Ferien gebrauchen.“

Sie erzählte mir von ihrem Schüler Andreas und dessen Mutter, die ihr die Hölle heiß machte. Als wir im Lehrerzimmer ankamen, wurde ihr Redeschwall gestoppt, da Direktor Bausch gerade eine kleine Ansprache für einen Hauptschulkollegen anlässlich seines 50. Geburtstages hielt.

Anschließend durfte sich jeder ein Glas Sekt und Kuchen von der Kaffeeecke holen. Sabine war immer noch nicht da. Frustriert trank ich das Glas Sekt beinahe auf Ex aus.

„Zum Wohl, Isabel! Du bist ja ziemlich durstig heute!“, raunte Jan von der Seite in mein Ohr und lächelte dabei amüsiert.

Diesem Mann schien nichts zu entgehen! Ich lächelte peinlich berührt zurück, trank schnell den Rest aus und begab mich dann zum Klassenzimmer der 8a, obwohl die Pause erst in zehn Minuten endete. Ich wollte Jans unangenehmen Fragen entgehen, die er mit Sicherheit bald gestellt hätte.

Allmählich spürte ich die Wirkung des Alkohols, denn mir war auf einmal viel leichter zumute. Beschwingt setzte ich meine Aktentasche auf dem Lehrerstuhl ab und suchte darin nach den Arbeitsblättern. Entsetzt stellte ich fest, dass ich vergessen hatte sie zu kopieren. Da noch genügend Zeit blieb, bis die Schüler kamen, nahm ich die Vorlage aus der Tasche heraus und lief damit zum Kopierraum neben dem Lehrerzimmer. Schon nach drei ausgespuckten Blättern verursachte dieses antiquierte Exemplar von Kopierer den schönsten Papierstau. Ich versuchte es beim zweiten, moderneren Gerät, doch dort wurde angezeigt, dass der Toner gewechselt werden musste. Das war eine größere Aktion, die nur der dafür zuständige Hans Stiegl erledigen konnte, und auf dessen Anwesenheit war ich im Moment nicht gerade erpicht.

Ergo versuchte ich fluchend den Papierstau zu entfernen, was mir auch bald gelingen sollte. Es klingelte, als ich endlich mit dem Kopieren anfangen konnte. Erneuter Papierstau! Ich musste an mich halten, um nicht laut loszuschreien. Mit knirschenden Zähnen brachte ich das Gerät wieder zum Laufen und verbot es mir, daran zu denken, was die Achtklässler in meiner Abwesenheit alles anstellen konnten. Im Trabschritt eilte ich zum Hauptschulgebäude zurück und hörte schon von Weitem den Lärm aus der offenen Klassenzimmertür.

„Bitte, lieber Gott, lass sie alle heil sein!“, betete ich.

Der Gedanke an ausgeschlagene Zähne, blaue Augen und Platzwunden und an das anschließende Disziplinarverfahren wegen Aufsichtspflichtverletzung ließ mich noch schneller rennen. Verschwitzt und schwer keuchend kam ich bei der Klasse an.

„Mann, du Arschgeige, ich sagte doch, die kommt noch“, hörte ich Florian, der an der Türe stand, zu seinem Freund sagen.

Ich hatte große Mühe, die Meute zur Ruhe zu bringen. Überall entdeckte ich Papierflieger am Boden und an der Tafel hatten sie sich mit zweifelhaften Kunstwerken ausgelassen, aber keiner war verletzt und ich war beruhigt. Doch die nächste Aufregung ließ nicht lange auf sich warten. Es war Patrick, der einen nervenaufreibenden Dialog provozierte, als ich ihn aufforderte, den Kaugummi aus dem Mund zu nehmen.

„Ey Mann, warum, das stört doch keinen.“

„Patrick, auch du kennst die Regel, kein Essen und Trinken während des Unterrichts. Also darf ich bitten.“

„Ich esse ja nicht, ich kaue bloß.“

„Patrick, nimm den Kaugummi aus dem Mund!“

„Und wohin damit?“

„Das weißt du sehr wohl!“

„Gut ich klebe ihn an meinen Backenzahn und kaue dann nicht mehr.“

„Ich sagte, du sollst ihn entfernen!“

Patrick fixierte mich hasserfüllt mit seinen stahlgrauen Augen.

„Mann, Sie können mich mal!“

„Jetzt sage ich es zum letzten Mal. Weg mit dem Kaugummi, sonst gibt es einen Klassenbucheintrag!“

„Ach, lecken Sie mich doch!“

Er stand widerwillig auf, riss aus seinem Englischheft ein Stück Papier heraus und spuckte dann provokativ seinen Kaugummi darauf. Aufreizend langsam ging er mit dem zusammengeknüllten Papier zum Abfallkorb, um es hineinzuwerfen. Bevor er sich wieder setzte, sah ich aus den Augenwinkeln, wie er mir den Mittelfinger zeigte. Ich beschloss so zu tun, als hätte ich nichts gesehen, denn für eine weitere Kraftprobe fehlte es mir jetzt an der nötigen Energie. Mit Mühe brachte ich die Englischstunde hinter mich und atmete erleichtert auf, als der Schlussgong endlich ertönte.

Die Tür zur Lehrerbibliothek fiel ins Schloss. Erschöpft und reichlich desillusioniert lehnte ich mich dagegen und ließ mit geschlossenen Augen die Stille auf mich wirken. Keine Lehrer, keine Schüler, einfach nur Ruhe. Patrick kam mir in den Sinn. Warum verhielt er sich mir gegenüber ständig so destruktiv? Eigentlich müsste ich als engagierte Pädagogin ein Gespräch unter vier Augen mit ihm führen, mich mit seinen Eltern in Verbindung setzen, sein soziales Umfeld in Augenschein nehmen. Eigentlich. Ich fühlte mich jedoch so ausgepowert, dass ich es vorzog, mich erst einmal mit Hans zu unterhalten. Schließlich hatte er als sein Klassenlehrer mehr Erfahrung mit ihm.

Lustlos suchte ich im Regal für Grundschulpädagogik nach einem Übungsbuch zur Aufsatzlehre und wurde auch bald fündig. Als ich das Buch in meine Aktentasche steckte, traute ich meinen Augen kaum. Der gesamte Inhalt meiner Brieftasche, vom Personalausweis bis zu den Payback-Karten, lag darin verstreut! Mein Herz fing wild an zu klopfen. Offensichtlich hatte jemand sie durchwühlt und es war ihm nicht genug Zeit geblieben, die Karten wieder in die Fächer zurückzustecken! Wer tat so etwas? Etwa Hans? Nein! Er war mein Kollege. Auch wenn er mich nicht ausstehen konnte, aber das traute ich ihm nicht zu. Es blieb nur der nächstliegende Gedanke übrig. Patrick!

Auf dem Weg zum Parkplatz versuchte ich meine aufgeregten Gedanken zu ordnen. Wann hatte Patrick Gelegenheit gehabt, an meine Aktentasche heranzukommen? Es konnte nur passiert sein, als ich im Kopierraum war und die Tasche auf dem Lehrerstuhl im offenen Klassenzimmer gestanden hatte. Was um Himmels willen hatte er gesucht? Geld oder meine Scheckkarte? Bei dem Gedanken, dass er in meinen persönlichen Sachen gekramt haben könnte, ergriff mich ein beklemmendes Gefühl und ich mutierte zu einem ratlosen Häuflein Elend. Wie in Trance ging ich zum Parkplatz und sah schon von Weitem den Zettel, der hinter dem Scheibenwischer steckte.

Im Laufschritt rannte ich zu meinem Auto und riss ihn mit zitternden Fingern an mich. Ich dachte natürlich sofort an Patrick, der mir einen Schmähbrief hatte zukommen lassen.

Hallo Isabel, wollte dir nur mitteilen, dass Sabine zur vierten Stunde aufgetaucht ist und es ihr wieder besser geht. Du sahst so besorgt aus, als wir von ihr sprachen.

Bis morgen! Liebe Grüße von Jan

Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich je so erleichtert gewesen war. Kein Drohbrief, sondern die gute Nachricht, dass es Sabine wieder besser ging. Endlich musste ich mir keine Gedanken mehr machen, ob Lena meine Freundin vergiftet hatte! Mit befreitem Herzen fuhr ich gleich danach in die Innenstadt und ins nächste Parkhaus.

Die betriebsame Hektik der Stadt, das Bewegen im Strom vieler Menschen und das Suchen nach passenden Kleidungsstücken hatten mich für kurze Zeit meine Probleme verdrängen lassen.

Ich bezahlte die Stiefeletten, die ich eigentlich nicht brauchte, aber ich wollte mir nach diesem entsetzlichen Vormittag etwas Gutes tun. Und diesen Traumschuh mein Eigen nennen zu können, war genau das richtige Mittel.

Wesentlich besser gelaunt als noch vor einer Stunde verließ ich, mit Einkaufstüten beladen, das Schuhgeschäft. Zu meinem Leidwesen lief ich dabei schnurstracks Henry in die Arme.

„Isabel, wie schön Sie zu sehen!“, rief dieser sichtlich erfreut.

„Henry, so ein Zufall! Machen Sie auch Besorgungen?“

„Ich bin auf dem Weg zu Barbara. Haben Sie keine Lust mitzukommen?“ Seine Augen leuchteten erwartungsvoll.

„Nein, keine Zeit. Sascha wartet zu Hause auf mich“, entgegnete ich und hoffte ihn somit abzuwimmeln.

„Schade, aber wir könnten hier um die Ecke doch noch kurz eine Tasse Kaffee miteinander trinken.“

Hatte ich mich so undeutlich ausgedrückt? „Nein das geht nicht, ich muss nach Hause. Bin schon viel zu lange unterwegs“, sagte ich mit Nachdruck.

„Wann haben Sie dann mal Zeit? Bevor Sie mir keine Zusage machen, lasse ich Sie nicht gehen“, sagte er in scherzhaftem Ton und dennoch fühlte ich mich unangenehm bedrängt. „Henry, ich habe keine Zeit, mich mit fremden Männern zu treffen. Außerdem würde das meinem Mann überhaupt nicht gefallen!“, versuchte ich ihn auf die direkte Art zu überzeugen. Sein charmantes Dauerlächeln erlosch von einer Sekunde zur anderen, während seine Augen sich verengten.

„Was denken Sie von mir? Ich möchte mich nur mit Ihnen treffen, um ein nettes Gespräch zu führen, das ist doch nichts Schlimmes.“

Diese Begegnung fing an mir lästig zu werden.

„Verzeihung, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten, aber es geht wirklich nicht. Auf Wiedersehen“, sagte ich schnell und setzte mich in Bewegung. Henry ließ nicht locker und ging trotz der Abfuhr neben mir her.

„Irgendwann hat jeder einmal Zeit. Wir könnten uns doch mal bei Barbara treffen“, insistierte er.

Sein beinahe stalkerhaftes Verhalten ließ mich immer unbehaglicher fühlen. „Es tut mir sehr leid, aber ich kann Ihnen nichts versprechen. Ich muss mich jetzt wirklich beeilen“, sagte ich und ging schnell weiter.

Als ich seine Schritte hinter mir hörte, blieb ich abrupt stehen und drehte mich zu ihm um.

„Barbaras Galerie liegt in entgegengesetzter Richtung, Sie müssen also umdrehen. Sagen Sie ihr einen schönen Gruß von mir“, sagte ich in bestimmtem Ton und ließ ihn dann einfach stehen. Doch schon nach ein paar Sekunden holte er mich im Laufschritt ein.

„Haben Sie etwas gegen mich oder warum lehnen Sie so strikt meine Gesellschaft ab?“ Er gab einfach nicht auf!

„Henry!“, sagte ich mühsam beherrscht, ohne stehen zu bleiben. „Was ist an dem Satz ‚Ich muss nach Hause zu meinem Sohn und habe ansonsten keine Zeit, mich mit Männern zu treffen‘ so schwer zu verstehen? Sie dürfen das nicht persönlich nehmen, aber es ist, wie es ist. Und jetzt halten Sie mich bitte nicht länger auf. Auf Wiedersehen.“

Ich eilte weiter und hörte noch, wie er mir „Good bye, ich gebe die Hoffnung so schnell nicht auf!“ nachrief. Ich war froh, dass er mich nicht weiter verfolgte, doch seine Hartnäckigkeit war befremdend. Dass ich Ehefrau und Mutter war, interessierte ihn offensichtlich nicht im Geringsten. Vielleicht wollte er sich wirklich nur mit mir treffen, um harmlose Gespräche über Kunst zu führen, aber die Gefahr war groß, dass doch andere Absichten dahintersteckten. Bloß keine schlafenden Hunde wecken!

Auf der Fahrt nach Hause hatte ich Henry erfolgreich aus meinem Gedächtnis verdrängt, doch leider holten mich im Gegenzug die Gedanken an eine andere Person ein. Patrick! Ein Schüler, der sich an meinen persönlichen Sachen vergriff! Das Schlimmste daran war, dass ich ihn nicht einmal beschuldigen konnte, weil ich keinen Beweis hatte.

Zu Hause angekommen, konnte ich meinen Schlüsselbund nicht finden. Ich kramte in meiner Aktentasche und kippte schließlich den gesamten Inhalt auf den Boden. Nichts! Ich musste ihn in der Schule liegen gelassen haben.

Der warme Wasserstrahl weckte meine Lebensgeister und ich empfand endlich so etwas wie Vorfreude auf den Theaterabend mit Alex, Babs und Hugo.

Sascha hatte ich gerade bei meinen Schwiegereltern abgeliefert und war noch auf eine Tasse Kaffee bei ihnen geblieben. Die ganze Zeit über war ich krampfhaft bemüht gewesen, mir meine Probleme nicht anmerken zu lassen. Womöglich würden sie letzten Endes noch Einfluss auf Alex nehmen, mich zum Hinwerfen des ganzen Schulkrempels zu überreden. Ihr Sohnemann und ihr Enkel könnten ja sonst unter der Fuchtel einer gestressten Pädagogin Schaden erleiden.

Ich war gerade dabei, mich, in reizvoller schwarzer Spitzenunterwäsche gekleidet, vor dem großen Badspiegel zu schminken, als Alex hereinkam. Er umarmte mich und küsste meinen Nacken.

„Hallo schöne Frau, haben Sie heute schon was vor?“

„Aber ja, ich denke, das Gleiche wie Sie.“

Ich drehte mich um, küsste ihn und überlegte währenddessen, ob ich ihm von den Vorkommnissen des heutigen Tages erzählen sollte. Entsprechend leidenschaftslos fiel der Kuss aus.

„Hey, ein bisschen mehr Enthusiasmus hätte ich schon erwartet. Schließlich ist dein Gatte heimgekehrt, der dich vergöttert!“, monierte er schmunzelnd.

„Ist ja schon gut. Komm her!“

Ich küsste ihn noch einmal, diesmal leidenschaftlicher, und beschloss, ihm nichts zu erzählen.

„Schon besser!“, brummte er zufrieden. „Die Chance auf einen krönenden Abschluss dieses Abends scheint gut zu sein.“

Wie schön hätte es noch werden können, wenn mich der Gedanke an Patrick nicht ständig verfolgt hätte.

Alex spürte, dass mich etwas quälte. „Wie geht es dir in der Schule?“, fragte er, während er sein Gesicht mit Rasierschaum bedeckte.

„Ach frag lieber nicht!“ Was natürlich so viel heißen sollte wie: Doch bitte, bitte frag mich!

„Was ist denn passiert?“, kam es auch gleich wie gewünscht.

„Ein Schüler in der achten Klasse macht enorme Schwierigkeiten.“

Ich erzählte ihm von den Vorkommnissen der vergangenen Wochen. Es sprudelte nur so aus mir heraus und ich merkte, wie gut es mir tat und wie sehr mir die Aussprache gefehlt hatte.

Er nahm mich in den Arm und streichelte meinen Rücken.

„Weißt du, ich gönne es dir ja, dass du wieder in deinem Beruf arbeiten kannst, aber ich habe immer befürchtet, dass du dich mit solchen Dingen herumschlagen musst. Du bist gar nicht mehr so heiter und gelöst wie früher. Ich bemerke schon seit geraumer Zeit, dass dich der Schulalltag stresst, aber du hast ja nie etwas gesagt.“

„Gut, ich gebe zu, dass nicht alles so perfekt ist. Wie auch? Jeder Beruf bringt seine Schwierigkeiten mit sich. Selbst du schrammst manchmal nur knapp an einem Kunstfehler vorbei. Aber da ist noch etwas.“

„Was denn noch? War das nicht schon genug?“

Etwas zögerlich erzählte ich ihm von der Brieftasche, denn ich war mir nicht sicher, wie er reagieren würde. Ich konnte spüren, wie sich seine liebevolle Umarmung etwas lockerte. Zweifelnd sah er mich an.

„Isabel, ich fange langsam an mir Sorgen zu machen. Du siehst Gespenster, wo keine …“
„Schon gut“, unterbrach ich ihn schnell, „die Sache mit den Keksen und dem Kuchen …“

„Kuchen?? Ach du meinst den ‚Giftanschlag‘!!“

So viel geballten Zynismus konnte wohl nur Alex in seinen Tonfall legen.

„Okay, ich weiß, dass diese Überlegungen idiotisch waren. Ich kann mich ja inzwischen selbst nicht mehr verstehen. Aber die Geschichte mit der Brieftasche, sag ich dir, die stinkt.“

„Isabel!“ Seine Stimme klang jetzt laut und scharf. „Jetzt hör endlich mit diesen unsinnigen Fantasiegeschichten auf! Du wirst eben etwas gesucht haben und hast dann vergessen die Sachen zurückzustecken. Nicht einmal so ein Früchtchen wie Patrick würde sich an den persönlichen Dingen eines Lehrers vergreifen.“

„Oh Mann, du hast ja nicht die leiseste Ahnung, zu was die ‚Früchtchen‘ fähig sind!“, antwortete ich hitzig. „Schüler ermorden sogar ihre Lehrer, wie man als informierter Mensch weiß. Wenn ich die Nächste bin, wirst du es noch bitter bereuen, mir nicht geglaubt zu haben.“

„Demnach dürfte sich aber kein Lehrer mehr zu den pubertierenden Schülern trauen. Sprich doch mal mit seinem Klassenlehrer über das Problem.“

„Mit Hans? Vergiss es! Der sagt nur, ich sei nicht streng genug. Auch wenn ich mit Patrick rede, gibt mir kein Mensch die Garantie, dass er nicht doch einmal ausrastet. Auch du nicht! Du hast natürlich leicht reden. Als attraktiver, sich im besten Alter befindender Chefarzt liegt dir die Schar der Krankenschwestern und Assistenzärztinnen natürlich zu Füßen und schleckt sie dir womöglich noch ab. Ah, jetzt weiß ich auch, warum deine Schuhe immer so sauber sind.“

„Verdammt, Isabel, jetzt überspann den Bogen nicht. Eigentlich habe ich gar keine Lust mehr, ins Theater zu gehen. Ich habe zu Hause genug davon!“

Das war natürlich nicht ernst gemeint und wir machten uns schweigend zum Ausgehen fertig. Die Stimmung war ziemlich frostig, als unsere Freunde läuteten. Dabei hatte ich mich so auf den Abend gefreut und mir vorgestellt, dass Alex verständnisvoll und besorgt reagieren würde. Vielleicht hätte er mir auch den einen oder anderen Ratschlag geben können. Aber alles, was er mir geraten hatte, war meine Fantasie im Zaum zu halten und mit Ekel Hans zu sprechen. Wie hilfreich! Ich war sauer und redete nur noch das Nötigste mit ihm, damit Babs nichts merkte und keine blöden Fragen stellen konnte.

Als wir schließlich wieder zu Hause waren, zog mich Alex zu sich heran und hielt mich fest im Griff, als ich mich seiner Umarmung entwinden wollte.

„Jetzt sei nicht so bockig. Ich liebe dich doch und möchte nur nicht, dass du dich zu sehr in etwas hineinsteigerst. Ich mache mir ganz einfach Sorgen um dich. Wenn wieder etwas vorfällt, dann kannst du es mir jederzeit erzählen. In Ordnung?“, sagte er leise. Wenn er auf dieser verständnisinnigen Ich will dir bei deinen Problemen bedingungslos zur Seite stehen, Liebling-Schiene fuhr, wurde ich jedes Mal schwach. Mein Ärger verflog von einer Sekunde zur anderen und ich nickte nur. Er nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich auf unnachahmlich zärtliche Art.

7 – Gefährliche Nähe

Am nächsten Morgen traf ich Hans im Kopierraum. Das war die Gelegenheit, ihn wegen Patrick anzusprechen! Er stand am Sortiertisch und sah nur kurz zu mir auf, als ich ihn begrüßte. Sein brummiger Morgengruß ließ mich plötzlich zögern, ihm von der Auseinandersetzung mit Patrick und meiner durchwühlten Brieftasche zu erzählen.

„Irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte er gereizt, als ich so wortlos neben ihm stand.

„Allerdings!“ Zum Frontalangriff bereit, berichtete ich ihm von Patricks Verhalten und meinem Verdacht gegen ihn. Er sah mich missmutig an.

„Warum machst du denn keinen Klassenbucheintrag, wenn er sich derartig aufführt?“, schnauzte er mich an. Es war kaum zu glauben, aber Frauenhasser Hans hatte mir neulich tatsächlich das Du angeboten. Wie typisch für ihn, dass ihm zu dem geschilderten Problem nichts Besseres einfiel.

„Das nützt doch überhaupt nichts. Über solche Maßnahmen lacht er höchstens. Was hältst du von einem Gespräch unter vier Augen. Vielleicht ist er dann zugänglicher. Oder ich spreche mal mit seinen Eltern.“

„Du hast eben noch Illusionen, die ich leider zerstören muss. Seinen Stiefvater nüchtern anzutreffen, wenn er mal zu Hause ist, grenzt an ein Wunder, und seine Mutter ist von ihrem Mann und ihren Kindern so eingeschüchtert, dass sie zu allem, was du vorschlägst, bedingungslos Ja sagen wird. Mit dem Ergebnis, dass sie trotzdem nichts unternimmt, weil sie Angst hat.“

„Dann muss man doch das Jugendamt einschalten!“

„Das Jugendamt wurde vergangenes Schuljahr aktiv. Aber es konnte nicht eingreifen, weil die Kinder weder verwahrlost sind, noch körperliche Misshandlungen nachgewiesen wurden.“

„Soll das heißen, ich muss mir ständig seine Frechheiten gefallen lassen und meine Aktentasche in Zukunft mit einem Zahlenschloss versehen?“

„Die Sache mit der Brieftasche kannst du doch gar nicht beweisen. Ohne ihn auf frischer Tat ertappt zu haben, darfst du ihn nicht beschuldigen.“

Hans sortierte in aller Seelenruhe seine Kopien weiter. Am liebsten hätte ich sie mit einem Handwisch vom Tisch gefegt, so sehr ärgerte mich seine Teilnahmslosigkeit. Der Schulgong, der in diesem Augenblick ertönte, hielt mich davon ab, ihm ein paar böse Worte entgegenzuschleudern. Innerlich brodelnd ging ich zum Grundschulgebäude. Nach diesem Gespräch war mir klar geworden, dass Hans mir nicht helfen konnte oder wollte. Ich würde bei Patricks nächstem Ausraster ein persönliches Gespräch mit ihm führen müssen, denn so konnte es auf Dauer nicht weitergehen.

Als ich beim Hausmeister vorbeikam fiel mir ein, dass ich nach meinem Schlüssel fragen könnte. Herr Nagel holte seine Kiste mit verwaisten Schlüsseln hervor und nach kurzem Kramen fand ich tatsächlich meinen Bund.

„Den habe ich heute Morgen zufällig in der Lehrerbibliothek gefunden, als ich eine Lampe ausgewechselt habe. Zum Glück war es nur Ihr Hausschlüssel. Sie wissen ja, bei Schulschlüsseln wird es verdammt kompliziert und teuer. Die Schlösser müssen ausgewechselt werden, jeder Lehrer braucht einen neuen Schlüssel und …“

„Ja, ich weiß!“, sagte ich schnell, bevor er sich in seinen Lieblingsvortrag hineinsteigern konnte. „Der Schulschlüssel ist mir natürlich heilig, den verliere ich bestimmt nicht. Einen schönen Tag noch, Herr Nagel!“

Abends erzählte ich Sabine und Jan von den Schwierigkeiten mit Patrick, als wir nach dem Lehrervolleyball in Sabines Wohnung bei einem Glas Wein zusammensaßen.

„Bin ich froh, dass ich nicht in der Hauptschule unterrichten muss. Das würde mich fertigmachen!“, kommentierte Sabine meine Erzählung, was mir nicht unbedingt weiterhalf.

„Pubertierende, lernunwillige Jungen in Englisch unterrichten zu müssen ist eine ganz schöne Herausforderung. Aber ich denke, Patrick testet gerade aus, wie weit er gehen kann. Du darfst nur nicht klein beigeben“, meinte Jan, aber auch diese Aussage tröstete mich nicht.

„Wenn es nur die Jungen wären! Aber es gibt auch zwei Mädchen, Sina und Jessica, die finden den auch noch cool. Ganz zu schweigen von seinen zwei Freunden, Muhamed und Michael, die ihn für seine Frechheiten bewundern und ihn ständig weiter anfeuern.

Morgen gebe ich die erste Arbeit raus. Patrick hat eine 5–6, ich will mir gar nicht vorstellen, wie er darauf reagiert. Er ist ja eigentlich nicht dumm, nur entsetzlich faul.“

„Du musst ihm klarmachen, dass die schlechte Zensur allein seine Schuld ist“, meinte Jan.

„Er gehört eben zu den Typen, die immer die Schuld bei anderen suchen und vor allem bei denen, die ihnen verhasst sind. Bestimmt wird er mich weiterhin terrorisieren. Wer weiß, was da noch alles kommt“, erwiderte ich aufgebracht. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie ich in meiner stetig steigenden Aufregung ständig von dem Wein getrunken hatte. Ich wusste nicht, das wievielte Glas ich gerade konsumierte, da Sabine immer fleißig nachgeschenkt hatte. Ich wusste nur, dass es schon mindestens eines zu viel war, denn in meinem Kopf begann sich plötzlich alles zu drehen. Ich sah Sabine aus glasigen Augen an und gestand, dass ich mich nicht mehr in der Lage fühlte, ein Auto zu lenken.

„Also ich kann dich nicht mehr fahren und Jan übernachtet aus demselben Grund heute bei mir. Kann dich dein Mann nicht abholen?“

„Der ist in der Klinik, hicks!“

Jetzt bekam ich auch noch diesen furchtbaren Schluckauf! Peinlich berührt bemerkte ich, wie Jan in sich hineingrinste.

„In einer Stunde müsste es wieder gehen, hicks, dann fahre ich heim.“

Jan hörte sofort auf zu grinsen. „Kommt ja gar nicht in Frage. Sabine, ich glaube du hast noch einen Übernachtungsgast dazubekommen. Es macht dir doch nichts aus, wenn sie auch bleibt?“

Für meine empfindlichen Ohren lachte sie zu laut hinaus. „Natürlich kann sie bleiben, ich habe noch eine Liege, auf der kannst du schlafen und Isabel auf der Couch.“

„Gut, das ist die beste Lösung für sie.“

Ich hob meinen Arm und schnippte mit dem Finger. „Hallo ihr zwei. Ich bin dahaa. Ihr müsst nicht in der dritten Person über mich reden, ihr könnt auch direkt mit mir sprechen. Aber na gut. Ich muss das Angebot wohl annehmen, denn ein Leben ohne Führerschein ist nicht allzu verlockend und was da auf der Fahrt alles, hicks, passieren könnte …“

Ich kramte nach meinem Handy, um Alex eine SMS zu schreiben. Mühsam begann ich auf den Tasten herumzudrücken. Sie kamen mir heute so furchtbar klein vor … Entnervt vom vielen Danebentippen stieß ich einen leisen Fluch aus, worauf Jan mir das Handy abnahm.

„Diktier!“

„Hallo Spatz …“

„Meinst du damit deinen Mann oder deinen Sohn?“

„Wieso, hicks, das ist doch sowieso fast das Gleiche.“

„Gut, lassen wir das, weiter.“

„Ich übernachte heute bei Sabine – wegen Schwips – Sascha ist bei seinem Freund. Bis morgen.“

„Was ist mit einem Kuss?“ Jan sah mich schmunzelnd an.

„Ich soll dich küssen?“ Meine Augen waren bestimmt so groß wie Untertassen.

„Hätte nichts dagegen, aber eigentlich meinte ich, ob ich deinem Göttergatten einen schicken soll!“, lachte Jan.

„Ja klar, gib ihm einen, äh, ich meine natürlich schreib ihm einen.“

Jan schmunzelte vor sich hin, während er die SMS fertig tippte und schließlich abschickte.

„Danke, ich hätte vermutlich noch eine Stunde gebraucht. Dann können wir ja noch ein Gläschen trinken, was haltet ihr davon?“

Sabine gab uns jedoch zu verstehen, dass sie müde war und den gemütlichen Abend hiermit beenden wollte.

„Schade!“, meinte Jan. „Aber wir wollen deine Gastfreundschaft natürlich nicht überstrapazieren und gehen deshalb auch brav schlafen.“

Also fügte ich mich der Allgemeinheit und wir halfen Sabine unsere Schlafstätten im Wohnzimmer herzurichten.

Als ich mich hinlegte, nachdem ich ein kniekurzes Nachthemd von Sabine angezogen hatte, drehte sich alles in meinem Kopf. Jan musste sofort eingeschlafen sein, da ich sein gleichmäßiges Atmen vernehmen konnte. Bald darauf fiel auch ich in einen unruhigen Schlaf.

Patrick stand neben dem Lehrerpult und bedrohte mich mit einem Klappmesser. Plötzlich fing mein Handy an zu klingeln. Ich suchte es fieberhaft in meiner Schultasche, während Patrick hysterisch schrie, dass ich das sein lassen sollte. Doch ich kramte weiter verzweifelt in der Tasche, konnte es aber nicht finden. Ein lautes Krachen ließ mich aus dem Schlaf hochschrecken. Das Handy klingelte immer noch laut und fordernd und Jan lag stöhnend auf dem Boden.

„Geh doch endlich ran, sonst bin ich umsonst von der Liege gefallen.“ Taumelig und mit klopfendem Herzen nahm ich es vom Wohnzimmertisch.

„Ja!“, raunte ich verschlafen hinein.

„Sag mal, wo steckst du denn um Himmels willen! Es ist drei Uhr nachts!“ Alex’ Stimme klang ehrlich besorgt.

„Ich übernachte bei Sabine. Hast du meine SMS nicht gelesen?“

„SMS? Ach so, mein Handy war nicht aufgeladen und ich habe es bei all dem Klinikstress auch noch dort vergessen. Wieso kommst du denn nicht nach Hause?“

„Es ist leider etwas später geworden. Ich erkläre es dir morgen. Sascha ist übrigens bei seinem Freund.“

„Na gut, dann schlaf weiter.“

„Ja, bis morgen!“

War Alex jetzt eingeschnappt? Und wenn schon, das Ganze war eben dumm gelaufen, und ich hatte wohl das Recht, mit meinen Freunden zu feiern. Morgen würde ich alles wieder geradebiegen. Jetzt musste ich mich erst einmal um Jan kümmern, der noch immer vollkommen umnebelt auf dem Boden saß. Ich beugte mich zu ihm hinunter und zerrte an seinem Unterarm.

„Nun komm schon, kriech wieder auf die Liege oder schlaf auf der Couch weiter, schließlich habe ich dich um den Schlaf gebracht.“

Schwer wie ein Mehlsack an mir hängend, rappelte er sich mühsam wieder auf. Als wir endlich aufrecht standen, umfasste er mich an der Taille, obwohl er eigentlich keine Stütze mehr benötigte.

„Mit dir wird es nicht langweilig, schöne Frau. Weiß dein Mann eigentlich, was für ein Glückspilz er ist?“

Er zog mich noch näher an sich ran und blickte mir dabei so tief in die Augen, dass sich zu meinem alkoholbedingten Schwindel noch ein weiterer gesellte.

Er hatte mich fest im Griff. Sein Gesicht kam immer näher, ich konnte schon seinen Atem spüren. Es war eindeutig, dass er mich küssen wollte! Mit letzter Willenskraft wehrte ich mich gegen das Verlangen, dasselbe zu tun, und befreite mich panisch aus seiner Umarmung.

„Jan, du bist betrunken. Schlaf jetzt besser weiter.“ Ich schob ihn zur Couch, wo er sich mit einem tiefen Seufzer zusammenrollte und in der nächsten Minute wieder eingeschlafen war.

Es konnte nur an dem Restalkohol im Blut liegen, dass er sich so ungehemmt angenähert hatte. Morgen würde er es vergessen haben oder es würde ihm peinlich sein.

Als ich versuchte auf der unbequemen, schmalen Liege eine geeignete Schlafposition zu finden, fiel mein Blick auf die Wohnzimmertür. Sie stand einen kleinen Spalt offen und sofort beschlich mich das Gefühl, beobachtet zu werden. Du liest zu viele Thriller, würde Alex jetzt sagen. Ich stand trotzdem auf und schloss die Tür, um mich besser zu fühlen. Als ich mich wieder hinlegte, fiel mein Blick auf Jan. Was war in ihn gefahren?!

Er hätte mich beinahe geküsst und ich hätte es beinahe zugelassen. Ich sah seine geschwungenen, kussbereiten Lippen vor mir und gestand mir nur ungern ein, dass ich großes Verlangen danach hatte, sie auf den meinen zu spüren. Es war erschreckend zu erkennen, was seine Nähe in mir auslöste. Sie war gefährlich, verdammt gefährlich.

8 – Das zweite Gesicht

Am nächsten Morgen, als alle noch schliefen, fuhr ich nach Hause und hinterließ ein paar Zeilen, in denen ich mich für Sabines Gastfreundschaft bedankte. Zu Hause ging ich gleich unter die Dusche und traf Alex am Frühstückstisch, den er, o Wunder, schon vorbereitet hatte.

„Na du Ausreißerin, ich habe einen gehörigen Schreck bekommen, als du nicht da warst. Und Saschas Bett war auch leer.“

„Hast du gedacht, ich hätte dich verlassen?“
„Gar nicht witzig. Einem Kollegen von mir ist das tatsächlich passiert.“

Ich gab ihm einen Kuss und fing gleich zu frühstücken an, während Alex mir eingehend von seinem traumatisierten Kollegen erzählte, den er zutiefst bedauerte.

„Jetzt beruhige dich doch wieder und trink deinen Kaffee. Ich wollte nur nicht beschwipst Auto fahren. Sei doch froh darüber. Und außerdem, wenn du mir keinen Grund lieferst, werde ich dich auch nicht einfach so verlassen!“, kokettierte ich.

In diesem Moment kam Lena herein und wünschte jedem von uns einen guten Morgen. Gemessen an dem jeweiligen Freundlichkeitsgrad, mit dem sie dabei erst Alexander und dann mich bedachte, müsste Alex’ Morgen um Klassen besser ausfallen als meiner. Es machte mir inzwischen aber nichts mehr aus, für Lena kein Sympathieträger zu sein. Solange sie ihre Arbeit zu meiner Zufriedenheit erledigte, konnte sie muffeln, so viel sie wollte.

Auf dem Weg zur Schule wurde mir klar, dass Patrick mittlerweile zu einem viel größeren Problem geworden war. Heute sollte die Rückgabe der Englischarbeit stattfinden und ich fürchtete mich schon vor seiner Reaktion. Im Lehrerzimmer angekommen, vertraute ich mich Jens an, dem netten Parallelkollegen von Ekel Hans. Mitte vierzig, dünnes blondes Haar, markante Gesichtszüge, von schlanker Gestalt und wie gesagt, das ganze Gegenteil zu Hans. Er hörte mir aufmerksam zu und gab mir gute Ratschläge. Zum Beispiel sollte ich Patricks Angriffen gegenüber sachlich bleiben und versuchen, die Fehler mit ihm zu besprechen. Das hörte sich alles wunderbar an, aber er kannte ihn eben nicht. Ich wusste, dass es Ärger geben würde.

Dummerweise stand auch noch Inge in der Nähe. Sie hatte natürlich, nach der allmorgendlichen Taxierung meines Outfits (Jeans mit rotem V-Pulli und roten flachen Schuhen), nichts Besseres zu tun, als sich an meine Fersen zu heften und mich mit ihrem Gedankengut zu quälen.

„Du kannst einem ja leidtun. Auf gar keinen Fall darfst du klein beigeben, sonst hast du bald die Hölle auf Erden.“

Und dann erzählte sie von einer ehemaligen Kollegin, die sich jetzt im verdienten Ruhestand befand. Ein Schüler hatte ihr vor zehn Jahren dermaßen zu schaffen gemacht, dass sie ein Jahr aussetzen musste, um mit Klinikaufenthalt und anschließender Kur wieder auf die Beine zu kommen. Warum erzählte sie mir ausgerechnet jetzt solche Schauermärchen? Glaubte sie ernsthaft, mir damit in irgendeiner Weise zu helfen?

Ich sagte nur: „Oje, wie schlimm für sie. Entschuldige, ich muss noch auf die Toilette“, und verschwand im nächsten Moment auf selbiger, nur um sie und ihre dramatischen Schilderungen loszuwerden.

In schönster Scarlett O`Hara-Manier sprach ich meinem Spiegelbild Mut zu. „Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich werde stark sein und mich nicht provozieren lassen!“ Dann zog ich noch schnell meine Lippen nach, bevor ich die Höhle des Löwen betrat.

„Frau Seland, haben Sie die Arbeit dabei?“, wurde ich beim Betreten des Klassenzimmers sofort von Muhamed bedrängt.

Wie schön wäre ein „Guten Morgen, Frau Seland!“ gewesen, aber solche Begrüßungsformeln gehörten leider nicht zum Gebrauchswortschatz meiner Schüler.

„Das wirst du früh genug erfahren!“, antwortete ich knapp und wunderte mich wie jedes Mal, dass 24 Leute so viel Lärm machen konnten. Ich knallte meine Schultasche auf das Pult und brüllte: „Guten Morgen. Setzt euch bitte hin, damit wir anfangen können.“

Ein Drittel der Klasse gab den Morgengruß halbherzig zurück und der Rest der Klasse begab sich kichernd und rumalbernd auf ihre Plätze. Ich begann mit den Schülern die Arbeit noch einmal durchzugehen, statt sie sofort herauszugeben. Wie erwartet erzeugte dies lautes Gestöhne, und es fingen wieder alle an durcheinanderzureden.

„Wir wollen die Arbeit zuerst bekommen. Das ist doch die reinste Schikane!“

Natürlich kam dieser laute Protest von Patrick. Ich erklärte geduldig, dass ich diese Vorgehensweise für sehr praktikabel hielte und nicht vorhätte, das zu ändern.

„Du kannst ja gleich einmal die ersten Aufgaben an die Tafel schreiben, Patrick.“

„Nö, wieso sollte ich. Erst geben Sie mir meine Arbeit, dann bin ich Ihnen zu Diensten.“

Hämisch grinsend, mit den Händen in der Hosentasche und die Beine lässig von sich gestreckt, sah er zuerst mich an und dann Beifall heischend in die Klasse. Gelächter machte sich breit. Ich schluckte schwer und versuchte mir meine aufsteigende Panik nicht anmerken zu lassen. Kurzerhand schnappte ich das Klassentagebuch und schlug den heutigen Tag auf.

„Gut, Patrick, wie du willst. Dann bekommst du eben einen Eintrag wegen Arbeitsverweigerung. Ist dir das lieber?“ Ich sah ihn herausfordernd an.

Sein Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig. Das provokante Lächeln verschwand und machte einem finsteren, bedrohlichen Blick Platz, der mich innerlich frösteln ließ.

„Nur zu, Sie werden schon sehen, was Sie davon haben“, sagte er hasserfüllt und starrte mich durchdringend an. Meine einzige Hoffnung war, dass er nicht von meinem Gesicht ablesen konnte, wie überaus hilflos und frustriert ich mich in diesem Augenblick fühlte. Ich bereute es zutiefst, dass ich ihn aufgefordert hatte, die Aufgaben an die Tafel zu schreiben. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass er sich weigern würde.

Ich machte mit zitternden Fingern einen Eintrag und fuhr dann mit der Verbesserung der Arbeit fort. Dabei versuchte ich Patricks provokantes Lümmeln auf seinem Stuhl und das zur Schau getragene Desinteresse zu ignorieren. Am Ende de Stunde verteilte ich die Arbeiten.

„Tja, Patrick. Du könntest so viel mehr erreichen, wenn du dich auf eine Arbeit entsprechend vorbereiten und im Unterricht mehr mitarbeiten würdest. In dir steckt nämlich einiges.“

Er sah zuerst auf seine Note und fixierte mich dann mit eiskaltem Blick.

„Mich können Sie wohl gar nicht leiden. Bestimmt haben Sie jeden kleinen Fehler bewertet, nur um mir eins reinzudrücken.“

„Patrick, ich habe deine Arbeit auch nicht anders bewertet als alle anderen. Du musst einfach deinen Wortschatz und deine Grammatik aufbessern. Ich könnte mich ja wegen Nachhilfe für dich erkundigen, was hältst du davon?“

„Zu teuer und kümmern Sie sich um Ihren eigenen Dreck. Ich brauche keine Hilfe.“ Wütend stopfte er die Blätter in sein Englischheft, packte es in seine Schultasche und ging hinaus, obwohl es noch nicht geklingelt hatte. Während ich fieberhaft überlegte, wie ich reagieren sollte, ertönte der Schulgong und erlöste mich von dieser Entscheidung. Der finstere Blick, den er mir beim Hinausgehen zugeworfen hatte, würde mich bestimmt noch den ganzen Tag verfolgen. Ich kam einfach nicht an ihn heran. Ganz gleich was ich sagte oder tat, sein Verhalten mir gegenüber war stets feindselig.

Während ich noch den Inhalt dieser Unterrichtsstunde ins Tagebuch eintrug, kam Hans ins Klassenzimmer. Er stellte sich neben mich und sah mir über die Schulter, was ich partout nicht ausstehen konnte. Es kam, was kommen musste.

„Schon wieder ein Eintrag wegen Patrick! Langsam häuft es sich.“

Mir platzte der Kragen. Wütend klappte ich das Buch zu und schnellte so abrupt in die Höhe, dass Hans erschrocken einen Schritt rückwärts machte.

„Glaub mir, ich mache das bestimmt nicht aus Jux und Tollerei. Ich habe ernsthafte Schwierigkeiten mit ihm, das habe ich dir schon ein paar Mal beizubringen versucht, aber ich hatte immer das Gefühl, es interessiert dich nicht sonderlich. Wenn du einen Lösungsansatz für dieses Problem gefunden hast, dann lass es mich wissen!“ Mit diesen Worten ließ ich den verdutzt schauenden Hans einfach stehen und verließ eilig den Klassenraum. Vielleicht würde Hans nach diesem furiosen Auftritt endlich versuchen mir zu helfen, anstatt mir ständig mit fruchtlosen Belehrungen auf die Nerven zu gehen.

Auf dem Weg zu meinem Grundschulklassenzimmer kam mir Jan strahlend entgegen. Er sah einfach umwerfend aus und ich fragte mich, wie viel er von der letzten Nacht noch wusste.

„Na du warst ja heute früh ganz schön schnell verschwunden. Ich habe gar nichts mitbekommen.“ Er sah mir prüfend in die Augen. „Ärger zu Hause oder zu wenig Schlaf oder beides?“

Er wirkte unbefangen, so als hätte es den Beinahekuss nie gegeben. Ich war erleichtert.

„Zu wenig Schlaf, Ärger mit Patrick und Crashkurs mit Hans.“

„Lass es nicht zu sehr an dich ran! Wir reden später darüber!“, sagte Jan mitfühlend, als der Schulgong unser Gespräch beendete.

Während der folgenden zwei Unterrichtsstunden konnte sich mein Gemüt etwas beruhigen, doch als es zur großen Pause klingelte, stand der nächste Ärger ins Haus. Ich konnte zu meinem Entsetzen die Blätter für die Mathearbeit nicht in meiner Tasche finden.

In meinem übernächtigten Zustand musste ich sie heute Morgen auf meinem Schreibtisch liegen gelassen haben. Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Was sollte ich jetzt tun? Ich brauchte die Blätter unbedingt für die Stunde nach der Pause! Es blieb mir also nichts anderes übrig, als schnellstens nach Hause zu fahren. Ich gab Jan Bescheid, er solle meine Klasse nach der Pause beschäftigen, da ich etwas später käme, und rannte dann zu meinem Auto. Zum Glück war der Verkehr flüssig. Vom Stress getrieben hetzte ich ins Haus, nahm zwei Stufen auf einmal und rannte in mein Arbeitszimmer. Gott sei Dank, der Stapel lag auf meinem Schreibtisch. Ich nahm ihn eilig an mich und wollte gerade wieder hinausstürmen, als ich ein Kichern vernahm und Musik. Ich blieb stehen. Wieder lautes Gekicher aus unserem Schlafzimmer. Telefonierte Lena etwa, während sie Betten aufschüttelte? Meinetwegen soll sie doch tun, was sie nicht lassen kann, ich muss jedenfalls schnellstens zur Schule zurück, dachte ich und eilte zur Treppe.

Plötzlich vernahm ich eine männliche Stimme und tiefes Lachen. Auch aus unserem Schlafzimmer! Ich stand da wie vom Donner gerührt. Lena vergnügte sich mit irgendeinem Typen! Was für eine Dreistigkeit! Das musste sofort geklärt werden! Innerlich bebend riss ich die Tür zum Schlafzimmer auf und fand Lena mit einem schwarzhaarigen Mann (immerhin noch angezogen) eng umschlungen und wild knutschend auf unseren gemachten Betten liegend vor. Die beiden fuhren erschrocken auseinander und setzten sich sofort auf. Ich funkelte sie erzürnt an.

„Wer sind Sie und was haben Sie in unserem Schlafzimmer zu suchen? Und Sie!“, rief ich an Lena gewandt. „Glauben Sie, Sie können sich hier mit Männern vergnügen, anstatt Ihrer Arbeit nachzugehen?“ Ich war ziemlich laut geworden. Lena war immer noch zu sehr erschrocken, um irgendetwas sagen zu können. Dafür erholte sich dieser breitschultrige südländisch wirkende Typ umso schneller. Er stand auf und baute sich vor mir auf.

„Entschuldigung, aber Lena ist meine Verlobte und ich habe sie nur kurz besucht. Regen Sie sich ab, es wird nicht wieder vorkommen“, sagte er mit leicht ausländischem Akzent.

Sein Grinsen machte mich noch wütender.

„Keine weiteren Erklärungen mehr. Was Sie hier machen, ist das Unverschämteste, was mir jemals untergekommen ist. Verschwinden Sie auf der Stelle!“, rief ich empört und zu Lena gewandt: „Mit Ihnen unterhalte ich mich heute Mittag!“

Der Typ machte einen Schritt auf mich zu und ich wich erschrocken zurück. In meiner Hilflosigkeit schrie ich ihn laut an: „Verlassen Sie sofort mein Haus oder ich rufe die Polizei!“

Er grinste nur hämisch und erwiderte: „Jetzt beruhigen Sie sich. Sie sind wirklich etwas hysterisch, da muss ich Lena Recht geben. Ich entschuldige mich noch einmal für mein Vergehen, meine Verlobte besucht zu haben. Und überlegen Sie sich gut, wie Sie mit Lena umgehen.“

„Das lassen Sie ruhig meine Sorge sein. Ich kann an meinem Arbeitsplatz schließlich auch nicht herumknutschen. Und jetzt gehen Sie endlich.“

Ich würdigte Lena keines Blickes mehr, sondern verließ hinter diesem Eindringling vom Typ Latin Lover das Haus. Ich sah ihm so lange nach, bis sein Auto nicht mehr zu sehen war, um sicherzugehen, dass er auch tatsächlich verschwunden war.

Zitternd vor Aufregung setzte ich mich in meinen Wagen. Jetzt kam ich wegen dieser unseligen Lena natürlich viel zu spät in die Schule, und meine Konzentration war auch dahin. Es würde mich einige Anstrengung kosten, nicht dauernd an das eben Erlebte denken zu müssen.

Wie befürchtet kam ich fast zwanzig Minuten zu spät und die Kinder empfingen mich entsprechend aufgebracht. Erst nachdem ich ihnen zusicherte, dass sie in der Deutschstunde weiter an der Mathearbeit schreiben durften, beruhigten sich allmählich die Gemüter.

„Wenn wir einmal zu spät kommen, dann meckern Sie gleich los. Bin gespannt, was meine Mutter dazu sagen wird, dass unsere Lehrerin zu spät zur Mathearbeit kommt“, ließ meine neunmalkluge Sophie, die Klassenbeste, unüberhörbar verlauten.

Es war schon erstaunlich, was sich Neunjährige dem Lehrkörper gegenüber herausnahmen. Sophies Bemerkung war mir deshalb sehr unangenehm, weil ihre Mutter eine überkorrekte Staatsanwältin war, die mich schon am Elternabend mit detaillierten Fragen zur Gestaltung meines Unterrichts gequält hatte. Ich musste verhindern, dass sie es zu Hause erzählte, denn dann würde diese Geschichte innerhalb der Elternschaft die Runde machen, mit unvorhersehbaren Folgen.

„Sophie, jeder Mensch macht einmal Fehler und ich habe mich bei euch entschuldigt. Es wäre schön für mich, wenn das Ganze unter uns bleiben könnte, oder würde es euch gefallen, wenn die Spatzen ständig von den Dächern riefen: Frau Seland ist zu spät gekommen! Frau Seland ist zu spät gekommen!“

Mein Spatzengezwitscher löste einen ungeahnten Heiterkeitsausbruch aus und ich musste fast die gesamte Deutschstunde opfern, damit wir mit der Arbeit fertig wurden.

Während die Kinder über den Aufgaben brüteten, tauchte immer wieder dieses Bild vor meinen Augen auf: Lena mit diesem Mann in unserem Schlafzimmer, auf unserem Bett. Wie widerlich, geschmacklos, unverfroren. Es gab gar nicht genügend Bezeichnungen dafür, meine aufgewühlten Gefühle auszudrücken. Die Konsequenz war, Lena auf der Stelle zu kündigen. Und überlegen Sie es sich gut, wie Sie mit Lena umgehen, hörte ich wieder die Stimme ihres Verlobten. Das war eindeutig eine Drohung gewesen und sie machte mir Angst. Noch vor zwei Monaten war meine kleine Welt wie in Watte eingepackt gewesen. Es hatte so gut wie keine Probleme gegeben. Haushalt und Familie versorgen, mich mit Babs treffen und Vernissagen vorbereiten, ins Theater gehen und Sport treiben waren der Inhalt meines Lebens gewesen und ich hatte es als langweilig angesehen. Jetzt plätscherte mein Leben nicht mehr vor sich hin wie ein kleines, idyllisches Bächlein. Inzwischen hatten die vielen Gewitter es in einen reißenden Fluss verwandelt. Der Lehrerjob war eine zehrende Tätigkeit, die einem Führungsqualität, Organisationstalent und ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit abverlangte. Wenn sich dann noch schwierige Schüler, Kollegen und Haushaltshilfen dazugesellten, war alles ziemlich nervenaufreibend. In einer Woche begannen die Herbstferien und ich freute mich auf diese freien Tage genauso, wie ich mich als Kind einmal auf ein Weihnachtsfest gefreut hatte, an dem ich meine heiß ersehnte Babypuppe bekommen sollte.

„Frau Seland, ich bin fertig“, hörte ich eine Jungenstimme neben mir, die mich jäh aus meinen quälenden Gedanken riss.

„Oh Timo, schon fertig! Dann sieh dir die Arbeit noch einmal in Ruhe durch.“

„Hab ich schon zweimal gemacht.“

„Ich bin auch fertig!“

„Ich auch!“

Immer mehr meldeten sich und wollten ihre Arbeit abgeben. Ich hatte wohl wie in Trance an meinem Pult gesessen und dabei jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren. Sicherlich hatten die Schüler voneinander abgeschrieben auf Teufel komm raus und würden zu Hause brühwarm erzählen, dass ihre Lehrerin während der Mathearbeit Löcher in die Luft gestarrt hatte. Das war heute wirklich nicht mein Tag. Resigniert sammelte ich die Hefte ein und ließ die Kinder für den Rest der Stunde Mandalas ausmalen.

Der Schulgong nach der letzten Unterrichtsstunde klang für mich so angenehm wie eine Sonate von Mozart, denn ich spürte, dass meine Kräfte mich rapide verlassen hatten und ich keine weiteren fünf Minuten mehr durchgehalten hätte. Doch ich wusste: Das Ende des Schultagsstresses bedeutete den Anfang der häuslichen Strapazen.

Noch von der Schule aus rief ich im Krankenhaus an und erfuhr von der Stationsschwester, dass Alex gerade operierte und gleich danach noch ein großer Eingriff anstand. Ich legte frustriert auf. Das bedeutete, dass ich das Problem Lena alleine lösen musste. Oder auch nicht, denn Sabine und Jan kamen gerade in mein Klassenzimmer.

„Hallo Isabel, wir sollten noch kurz etwas wegen des Laternenlaufes besprechen!“, begrüßte mich Sabine fröhlich und warf ihre kastanienbraunen Haare in den Nacken. Sie sah heute richtig gut aus in ihrer schwarzen Jeans und dem auberginefarbenen Pullover.

„Hallo ihr zwei, meine Haushaltshilfe treibt es mit irgendeinem Typen in unserem Schlafzimmer!“, sagte ich ohne Umschweife. Ich sah mich außerstande jetzt über Laternenlauflieder zu sprechen, während ich mich fühlte, als sei ich gegen einen Laternenpfahl geknallt. Die beiden sahen mich verdutzt an und sagten wie aus einem Mund: „Was?“

„Ja, ihr habt schon richtig gehört. Ich war überraschend zu Hause, um die Mathearbeiten zu holen, und erwischte Lena mit so einem Typen, angeblich ihrem Verlobten, auf unserem Bett liegend – zum Glück noch angezogen. Was soll ich denn jetzt tun?“

„Kündigen natürlich!“, meinte Sabine.

„Wie hast du denn reagiert?“, fragte Jan.

„Ich habe diesen unverschämten Kerl sofort hinausgeworfen und Lena ein ernsthaftes Gespräch für heute Mittag in Aussicht gestellt.“

„Gut gemacht“, sagte Jan und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Es tat so gut zu wissen, dass ich an diesem verdammten Tag anscheinend auch einmal etwas richtig gemacht hatte.

„Danke, aber soll ich Lena wirklich sofort kündigen? Dann muss ich unter Zeitdruck eine neue Haushaltshilfe finden und außerdem hat Lenas Lover so etwas wie eine Drohung ausgesprochen, falls ich ihr zu nahetrete. Dreister geht es doch gar nicht mehr, oder?“

„Hast du schon mit deinem Mann darüber gesprochen?“, fragte Sabine.

„Der operiert gerade am offenen Herzen, da kann ich ihn nicht mit meinen Problemchen belasten. Ich muss alleine damit fertig werden“, seufzte ich und packte meine Sachen in die Tasche.

„Problemchen kann man das ja wohl nicht mehr nennen!“, entgegnete Jan entrüstet.

Er hatte so Recht. Aber sollte ich Alex in der kurzen Verschnaufpause zwischen zwei schwierigen Operationen, die seine ganze Konzentration abverlangten, von den sittlichen Entgleisungen unserer Haushaltshilfe erzählen? Und vielleicht auch noch einen perfekten Lösungsvorschlag erwarten? Nein, das war unmöglich. Ich musste das selbst regeln.

„Ich werde Lena abmahnen und ihr sagen, dass beim nächsten noch so geringen Vergehen die Kündigung folgt. Und ihrem Verlobten oder was auch immer erteile ich striktes Hausverbot, sonst fliegt sie. Was meint ihr dazu?“

Sabine zuckte mit den Schultern. „Tja, wenn du es erträgst, eine Person, die derart dein Vertrauen missbraucht hat, deinen Haushalt machen zu lassen, dann ist es wohl eine gute Lösung. Ich jedenfalls würde ihr kündigen.“

„Ich habe aber keinen Nerv, eine neue Putzfrau zu suchen, die Schule ist stressig genug.“

Verzweiflung stieg in mir hoch. Ich wollte Bestätigung für meinen Lösungsvorschlag und nichts Gegenteiliges hören. Jan spürte, was ich brauchte, und legte seine Hand beruhigend auf meinen Arm.

„Mach es so, wie du gesagt hast. Das ist im Moment die beste und schnellste Lösung. Kündigen kannst du ihr immer noch.“

Er sah mich mit einem tröstenden Lächeln an und ich wunderte mich, warum so ein toller, verständnisvoller Mann geschieden war. Solch einen Mann verließ doch keine Frau freiwillig! Ich hätte zu gerne den Grund für seine Scheidung gewusst, aber Sabine hatte auch keine Ahnung. Er hatte noch mit niemandem darüber gesprochen.

Ich umarmte ihn spontan und murmelte ein Dankeschön für seine Unterstützung. Er erwiderte die Umarmung und lächelte mich dann so warm und verständnisinnig an, dass ich fast weiche Knie bekam und für den Bruchteil einer Sekunde versucht war, ihn dafür zu küssen. Schnell löste ich mich aus seinen Armen und trat einen Schritt zurück. Nur so konnte ich meine Gefühle im Zaum halten, die jedes Mal zum wilden Ausritt bereit waren, sobald Jan mir zu nahekam.

„Jetzt geht es mir wesentlich besser. Irgendwie werde ich schon mit Lena klarkommen“, sagte ich fröhlich und lächelte ihn an.

„Tja nachdem dich der edle Ritter vor dem sicheren Untergang gerettet hat, könnten wir uns jetzt vielleicht den wichtigen Dingen zuwenden, nämlich welche Lieder wir für den Laternenlauf einüben sollen“, meinte Sabine mit süßsaurem Lächeln. Sie war augenscheinlich etwas pikiert darüber, dass ich ihren Lösungsvorschlag übergangen hatte. Musste ich mich jetzt auch noch mit einer schmollenden Kollegin und Freundin auseinandersetzen? Ich ignorierte ihre Verstimmung. Um dieses lästige Thema schnellstens aus der Welt zu schaffen, nahm ich alle Vorschläge der beiden an, zumal diese auch mehr Erfahrung mitbrachten. Wir verabschiedeten uns in versöhnlichem Ton, wobei es Sabine nicht versäumte Jan und mich zu ihrer morgigen Geburtstagsparty einzuladen.

9 – Falsch verbunden

Als ich nach der Schule verspätet nach Hause kam, hatte sich Lena schon aus dem Staub gemacht und eine kleine Notiz auf dem Küchentisch hinterlassen: Leider musste ich schon gehen, weil ich meine Kinder abholen muss. Es tut mir sehr leid wegen heute Morgen. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen.

Na wenigstens zeigte sie so etwas wie Reue. Es stimmte mich sofort friedlicher und ich verbannte den Gedanken an Lena erst mal aus meinem Gedächtnis. Ich hörte, wie jemand die Haustüre aufschloss, und gleich darauf ertönte ein fröhliches „Hallo Mama!“.

„Hallo Saschaspatz, mein Liebling! Komm her!“

Freudig begrüßte ich ihn mit einer innigen Umarmung und genoss diesen Augenblick, da es in letzter Zeit nicht mehr so viele dieser Art gegeben hatte. Ständig gab es etwas vorzubereiten, zu organisieren oder zu korrigieren und es blieb einfach zu wenig Zeit für mein Schätzchen. Aber allem Anschein nach vermisste es mein Sohnemann weniger als ich, denn er wehrte sich schon nach kurzer Zeit gegen meine Umklammerung und fragte verwundert: „Was ist denn, Mama?“

„Ach, nichts, mein Kleiner!“

Sascha begann in einem einzigen begeisterten Wortschwall mir von Max’ Geburtstagsgeschenk, einem ferngesteuerten Auto, vorzuschwärmen. Ich hörte ihm lächelnd zu. Irgendwie hatte es auch etwas Gutes, dass er emotional nicht mehr so sehr von mir abhängig war, sondern schon eine gute Portion Eigenleben entwickelt hatte. Es beruhigte mein schlechtes Gewissen nicht mehr so viel Zeit für ihn zu haben.

Nachdem ich rasch das Geschnetzelte mit Nudeln für Sascha und mich aufgewärmt hatte, erzählte er mir, was er und Max gestern Abend gemacht hatten. Leider wurden wir vom Klingeln des Telefons unterbrochen. Es war nicht wie erhofft Alex, sondern Sophies Mutter. Die übereifrige Sophie hatte also doch geplaudert! Ihre Mutter machte mir Vorwürfe, weil ich mit der Mathearbeit verspätet begonnen hatte. Ihre Tochter habe schließlich Asthma und jede Unregelmäßigkeit oder auch nur die kleinste Aufregung konnte einen Anfall auslösen.

Sophie hatte in meiner Erinnerung nicht den Hauch eines Asthmaanfalls gehabt. Im Gegenteil, sie schien sich gefreut zu haben, dass die Arbeit eventuell verschoben würde.

Ich entschuldigte mich dennoch brav und versicherte ihr, dass Sophie wegen meines Versäumnisses keinen körperlichen Schaden genommen hat.

Nachmittags kam noch ein Anruf eines Vaters, der sich Sorgen machte, dass sein Sohn wegen der Aufregung womöglich eine Leistungsminderung und somit eine schlechtere Zensur hinnehmen müsste. Das sei ja dann wohl nur meiner mangelnden Disziplin zuzuschreiben und ein Lehrer sollte doch eigentlich Vorbild für die Kinder sein et cetera, et cetera.

Wieder hielt ich eine Beschwichtigungsrede. Bevor mich noch ein überbesorgter Elternteil erreichen konnte, rief ich nach dem Gespräch sofort meine Mutter an und klagte ihr mein Leid. Sie war von jeher mein Seelentröster gewesen und hörte mir geduldig zu.

„Wird dir der Job nicht doch zu viel, mein Liebling?“

„Nein bestimmt nicht. Ich musste nur einfach mit jemandem reden. Die Eltern tun gerade so, als wäre ich zur Matheabiturprüfung zu spät gekommen. Sie übertreiben maßlos.“

Ich fragte sie dann noch, ob Sascha in den Ferien zu ihnen kommen könnte, und sie stimmte erfreut zu. Jetzt konnte ich mich richtig auf die Ferien freuen. Sascha war bei den Großeltern und Alex beim Wandern, das hieß, ich konnte die Schularbeit frei einteilen und hatte genügend Zeit zum Einkaufen mit Babs, für Sport, Theater und Kosmetikerin – einfach herrliche Aussichten. Zufrieden legte ich den Hörer beiseite, aber keine zwei Minuten später klingelte es schon wieder. Ich verspürte gute Lust, gar nicht abzuheben. Sicherlich wieder einer aus der hysterischen Elternsparte, die keinerlei Scheu hatten, in die Privatsphäre einer Lehrerin einzubrechen. Das laute, fordernde Klingeln ging mir schließlich auf die Nerven. Gereizt hob ich ab: „Seland!“

Niemand meldete sich.

„Hallo, hier spricht Seland!“

Wieder keine Antwort.

„Nun melden Sie sich doch!“

Keine Antwort. Eilig drückte ich die Taste, um die Verbindung zu kappen. Hatte sich jemand verwählt oder war es Absicht? Ich machte mir keine weiteren Gedanken und setzte mich an meinen Schreibtisch, um die Mathearbeiten zu korrigieren. Nach einer halben Stunde klingelte es wieder. Vielleicht war es ja endlich Alex. Aber wieder meldete sich niemand. Nur ein gleichmäßiges Atmen war zu vernehmen.

„Hallo, ist da jemand?!“

Das Atemgeräusch wurde immer lauter.

„Wer ist denn da? Jetzt reden Sie doch endlich!“

Wieder dieselben Geräusche. Angewidert legte ich auf.

Das war kein Versehen, sondern pure Absicht! Wer machte so etwas? Patrick oder etwa Lenas Lover, der nach dem unsanften Rauswurf heute Morgen mir gegenüber sicherlich nicht wohlgesinnt war. Vielleicht war es aber auch Henry, nachdem ich ihn so deutlich hatte abblitzen lassen. Es würde zu ihm und seiner beharrlichen Art, in der er mir nachgestellt hatte, passen. Telefonterror war genau das, was in meiner angespannten Lage meine Nerven vollends zum Zerreißen brachte. Mein Sinn stand plötzlich nur noch nach einem wohltuenden Entspannungsbad.

Ich brachte deshalb Sascha zu Bett, füllte die Eckbadewanne und ließ mich genüsslich in das warme, mit reichlich Schaum bedeckte Wasser gleiten. Nach diesem verrückten Tag war es die pure Erholung, die Wärme des Wassers zu spüren, den Rosenduft des Badeschaums einzuatmen und mich von Mozartmusik berieseln zu lassen. Das wohlige Gefühl, das sich in mir ausgebreitet hatte, wurde jäh durch das penetrante Klingeln des Telefons zunichtegemacht. Ich sah innerlich fluchend den Hörer an, der auf dem Sims neben der Badewanne lag, und war unschlüssig, ob ich abheben sollte. Das Display zeigte keine Nummer an. Wenn es nun aber meine Eltern oder Schwiegereltern waren? Ich machte die Musik aus und hob ab. Keine Antwort. Schon wieder! Ich rief das berühmte A-Wort in den Hörer und legte auf. In Sekundenschnelle war meine Stimmung wie auf einer Achterbahn nach unten gerauscht. Ich setzte mich auf und begann lustlos meine Haare zu waschen. Plötzlich vernahm ich ganz entfernt ein Geräusch und hielt angespannt inne. Obwohl ich nichts hören konnte, beschlich mich ein beklemmendes Gefühl, das nicht weichen wollte. Alex konnte es nicht sein, denn er hatte mir per SMS mitgeteilt, er würde später nach Hause kommen. Und Sascha hatte bereits tief und fest geschlafen, als ich ins Bad ging.

War die Kellertür zugesperrt? Hatte ich die Terrassentür geschlossen? Jetzt mach dich nicht verrückt, tadelte ich mich selbst. Als ich meinen Körper einseifte, hörte ich wieder einen undefinierbaren Laut. Ängstlich drehte ich mich um und sah zur Tür. Sie war verriegelt, doch dieses Schloss konnte man von außen öffnen, wie Alex mir schon des Öfteren eindrucksvoll demonstriert hatte. Von Angst getrieben fuhr ich hastig fort mich einzuseifen. Dabei sah ich mich immer wieder zur Tür um. Als ich mit der Brause meine Haare abspülte, legten sich plötzlich zwei Hände auf meine Schultern und drückten mich nach unten. Ich erschrak fast zu Tode, riss den Mund auf, um zu schreien, doch im nächsten Moment war ich schon unter Wasser und schluckte davon so viel, dass ich dachte, ich müsste ertrinken. Todesangst ergriff mich und ich hatte nur einen einzigen panischen Gedanken. Lenas Lover war in unser Haus eingedrungen und wollte mich ersäufen! Die Hände ließen von mir ab und ich tauchte prustend, hustend und nach Luft ringend wieder auf. Dazwischen versuchte ich zu schreien und kletterte, so schnell ich konnte, aus der Wanne, bevor der Eindringling mich wieder versenken konnte. Ich vernahm einen erstaunten Ausruf und erkannte erst jetzt aus meinen nassen, brennenden Augen Alex, der mir half mich aufzurichten. Mich packte augenblicklich eine so unglaubliche Wut, dass ich wie wild auf ihn einschlug und ihn anschrie.

„Bist du wahnsinnig!? Wie kannst du mich nur so erschrecken!“

Alex hielt meine auf seine Brust trommelnden Fäuste fest und versuchte mich mit lauter Stimme zu übertönen. „Aber Liebling, so beruhige dich doch. Was ist denn los? Das habe ich doch schon öfter gemacht, aber da hast du dich nicht so aufgeführt. Wer sollte sich denn sonst so einen Scherz erlauben? In unser Haus kommt doch niemand rein.“

„Woher willst du das so genau wissen? Es gibt mehr Verrückte als du denkst! Mach das nie wieder mit mir, sonst vergesse ich mich. Wieso bist du überhaupt schon da?“

Ich riss das Duschtuch, das er mir hinhielt, an mich und wickelte mich darin ein. Alex sah mir bestürzt zu.

„Die letzte OP mussten wir verschieben. Entschuldige, dass ich es wage, nach drei schwierigen Operationen und einem 14-Stunden-Dienst mich in mein Heim zu begeben, um dort so etwas wie Erholung zu finden.“

„Das ist noch lange kein Grund, mich zu Tode zu erschrecken.“

„Welchen Titel hatte der Thriller, den du vor deinem Bad angesehen hast?“

„Mach dich nicht lustig über mich! Als ob ich Zeit zum Fernsehen hätte!“, fauchte ich ihn an.

Er hob beschwichtigend die Hände. „Gut, in Ordnung. Ich frage jetzt besser nicht nach, wie dein Tag war. Sobald du dich emotional in der Lage fühlst, dich mir mitzuteilen, lass es mich wissen. Ich muss jetzt meine Beine hochlegen. Also bis dann.“ Er drehte sich um und ging hinaus.

Wie hatte ich den Augenblick herbeigesehnt, bis ich ihm endlich alles anvertrauen konnte und wir beraten würden, wie es nun mit Lena, Patrick und den wortlosen Anrufen weitergehen sollte. Und jetzt stand ich triefend, mit immer noch klopfendem Herzen und einer gehörigen Portion Wut im Bauch im Bad und sah mich außerstande, auch nur ein Wort über diesen verdammten Tag loszuwerden. Ich duschte meinen immer noch eingeseiften Körper ab, cremte mich ein und föhnte die Haare so sorgfältig wie schon lange nicht mehr. Währenddessen beruhigte ich mich zusehends und fühlte mich schließlich gelassen genug, meinem Gatten gegenüberzutreten, um ihm alles zu erzählen.

Als ich ins Wohnzimmer kam, lag Alex in seinem Lederlehnstuhl und schlummerte friedlich, die Zeitung auf seinem Bauch hob und senkte sich leicht. Wollte ich ihn wirklich jetzt aufwecken, um ihm von Lenas moralischer Verfehlung, anonymen Anrufen, Patricks boshaftem Verhalten, meiner verpatzten Mathearbeit und den netten Elterntelefonaten zu erzählen? Ganz schön viel für einen einzigen Tag! Es wäre sinnlos. Er schlief schon zu fest. Wenn er jetzt aufwachte, würden nur unqualifizierte Antworten folgen, mit dem Ziel, mich so schnell wie möglich zu beruhigen, damit er weiterschlummern konnte.

Seufzend nahm ich den Telefonhörer und rief Babs an, was sich aber bald als ein Schlag ins Wasser herausstellen sollte. Meine Freundin hatte gerade mit massiven Unstimmigkeiten in ihrer Ehe zu kämpfen. Sie hegte den Verdacht, dass Hugo sie betrog, was meiner Meinung nach völliger Blödsinn war. Hugo war kein Fremdgehertyp.

Außerdem war sie mit Josef nicht einer Meinung, was den künstlerischen Inhalt seiner Bilder betraf. Babs fand sie zu duster und konnte der Darstellung allen möglichen Ungeziefers auf der Leinwand nichts Positives abgewinnen. Josef wiederum nahm ihr das äußerst übel. In einem fort heulte und schniefte sie, wie blöd doch alles sei. Ich legte kurzerhand den Hörer beiseite, schaltete auf Freisprechen und fing an meine Fingernägel zu feilen. Es hatte keinen Zweck, ihr von meinen Problemen zu erzählen. Der Ausnahmezustand, in dem sie sich befand, verklebte ihr förmlich die Ohren für die Belange anderer Zeitgenossen. Also wartete ich geduldig ab, bis sie all ihre Seelenpein vor mir ausgebreitet hatte, während meine Fingernägel wieder eine perfekte Form erhielten. Am Ende ihres Monologs machten wir wenigstens noch ein Treffen in der Ferienwoche aus, um zum Einkaufen und zur Kosmetikerin zu gehen, und legten auf.

Wütend warf ich das Telefon auf meinen Schreibtisch. War ich eigentlich nur von Egoisten umgeben? Warum ließ ich mir das gefallen? Babs ließ mich vor lauter Problemen mit Hugo und Josefs Käferbildern kaum zu Wort kommen und Alex schlief den Schlaf des Gerechten.

Wozu war ich eigentlich verheiratet? Es musste doch möglich sein, auch an stressigen Tagen über meine Probleme reden zu können. Ganz nach dem Motto in guten wie in schlechten Tagen! Und heute war eben ein schlechter. Entschlossen begab ich mich ins Wohnzimmer und berührte Alex, der immer noch tief und fest schlief, sanft am Arm. Er schlug die Augen auf und sah mich verwirrt an.

„Was, was machst du denn in der Klinik?“

„Du bist zu Hause, Liebling, schlaf ruhig weiter!“

Kaum dass ich den Satz ausgesprochen hatte, waren seine Augen schon wieder zugefallen. Sein Tag musste wirklich sehr anstrengend gewesen sein. Er wusste ja nicht einmal wo er sich befand, und ich müsste ihm wahrscheinlich erst einmal mühsam beibringen, dass ich wieder an einer Schule arbeitete. Dazu war ich zu müde. Frustriert verdrängte ich all die quälenden Gedanken und ging keine zwei Stunden später zu Bett. Aber erst nachdem ich meinen Gatten mit größter Anstrengung wach bekommen hatte, um ihn auch ins Bett zu schicken. Ich tat dies nicht etwa aus Nächstenliebe, mein Motiv war vielmehr egoistischer Natur. Ohne mein Zutun wäre er nämlich mit Sicherheit mitten in der Nacht aufgewacht und hätte mich beim Zubettgehen hundertprozentig aufgeweckt, wenn sein Schienbein wieder treffsicher die Bettkante touchierte. Und so etwas schätzte ich gar nicht.

10 – Zwischen Frust und Euphorie

„Was hast du in der Angelegenheit Lena eigentlich unternommen?“, fragte Sabine.

„Nichts!“, antwortete ich missmutig und nahm einen großen Schluck Sekt. Ich wollte jetzt nicht darüber sprechen. Schließlich war ich zu ihr gekommen, um wie alle anderen Gäste ihren Geburtstag zu feiern. Jan, der neben mir stand, sah mich erstaunt an.

„Wie nichts?“, fragte Sabine ungläubig. „So etwas kannst du doch nicht auf dir sitzen lassen, also hör mal!“

„Ich habe ihr heute Morgen noch einmal ins Gewissen geredet und ihrem Verlobten Hausverbot erteilt. Mehr wollte ich nicht tun, da ich keine Zeit habe, mich nach einer neuen Haushaltshilfe umzusehen, das sagte ich doch schon!“

„Und dein Mann? Was meint der dazu?“

Ich stöhnte leise. „Können wir das Thema wechseln? Ich möchte einfach mal abschalten.“

„Aber sicher, du hast Recht, heute sind wir zum Feiern und nicht zum Problemewälzen zusammengekommen.“

Sie schenkte Sekt nach und stieß mit mir und Jan fröhlich an. Ich war erleichtert, nicht mehr über dieses leidige Thema reden zu müssen. So blieb es mir erspart, erzählen zu müssen, dass mein eigener Mann mich kurzzeitig in Todesängste versetzt und danach selig bis zum frühen Weckerklingeln geschlafen hatte. Er war aus dem Haus gegangen, bevor Lena kam. Somit hatte ich unter vier Augen mit ihr gesprochen. Wie erwartet hatte sie ziemlich muffig auf meine Strafpredigt reagiert.

„Ich hatte meinen Verlobten drei Wochen nicht mehr gesehen. Ich war gerade beim Betten machen, als er kam. Ich wollte ihn nicht wegschicken“, erklärte sie übellaunig.

Ich hatte tief Luft geholt bevor ich antwortete. „Ein für alle Mal: Ich möchte, dass Sie während Ihrer Arbeitszeit nur Ihre Aufgaben erledigen und keine Besuche empfangen, ansonsten muss ich mich von Ihnen trennen. Haben Sie mich verstanden!“

Sie hatte daraufhin etwas Ähnliches wie eine Entschuldigung gemurmelt und war dann mit finsterem Blick in der Küche verschwunden, um das Frühstück zu richten.

Eine Hand legte sich auf meine Schulter und riss mich aus meinen Gedanken. „Soll ich dir Baguette mit Lachs vom Buffet mitbringen? Ich glaube, du brauchst etwas Stärkung.“

Es war Jan, und in der Art, wie er mich ansah, konnte ich förmlich spüren, dass er genau wusste, was in mir vorging. Ich nickte dankbar. Es war unglaublich, aber mein Parallelkollege wusste über mein Seelenleben besser Bescheid als mein eigener Gatte. Kein schöner Gedanke, aber Tatsache. Alex’ Beruf raubte uns viel gemeinsame Zeit und wenn wir zusammen waren, musste er sich erholen. So wie gestern Abend. Wie sollte er auch wissen, was mich bewegte, wenn ich ständig Rücksicht auf ihn nahm und schwieg? Das musste sich ändern, und zwar bald.

„Guten Appetit!“ Jan hielt mir ein Lachsschnittchen unter die Nase.

„Mmh, danke, wenigstens einer, der sich um mein leibliches Wohl kümmert“, sagte ich und biss genussvoll in die Baguettescheibe.

„Immer gern zu Diensten.“

Wir lachten beide und unterhielten uns dann angeregt über alles außer schulischen Themen. Immer wieder brachte er mich zum Lachen und ich fühlte mich seit langem wieder richtig wohl und beschwingt. Es war mir in diesem Moment auch egal, was die anderen Gäste dachten, wenn sie uns in so trauter Zweisamkeit sahen. Nichts und niemand sollte meine euphorische Stimmung zerstören. Diese Stimmung war wohl auch schuld daran, dass ich mich dazu hinreißen ließ, Jan spontan zu umarmen, als er mich wieder zum Lachen gebracht hatte, und ihm ins Ohr zu raunen: „Du tust mir so gut, ich bin wirklich froh, dass es dich gibt.“

Er sah mich daraufhin tiefgründig an und küsste mich auf die Wange.

„Mir geht es genauso“, flüsterte er mir ins Ohr und wir lächelten uns verständnisinnig an. Der Zauber dieses Augenblicks währte nicht lange, denn Inge kam auf uns zu, sah mich wie üblich unverhohlen von oben bis unten an und prostete uns dann scheinheilig zu.

„Sag mal, Isabel, was war denn das gestern für ein Lärm in deinem Klassenzimmer? Ich war kurz davor, zu dir hochzukommen. Wir haben gerade ein Diktat geschrieben und du weißt ja, wie störend da jedes Geräusch sein kann.“

Wäre sie doch gekommen, dann hätte sie jetzt keinen Grund gehabt, mir so unsäglich auf die Nerven zu gehen. Ich hatte keine Lust, mich zu rechtfertigen, dass ich mich nach besagter Mathearbeit in einem Ausnahmezustand befunden und deshalb die Schüler außer Acht gelassen hatte.

Kurz angebunden entschuldigte ich mich und hoffte inbrünstig, dass sie verschwände, aber leider vergebens. Sie quälte mich, indem sie Janina zum Gesprächsthema erhob und mir gute Ratschläge für den Umgang mit ihr erteilte. Widerwillig hörte ich mir ihren Vortrag an und überlegte, wie ich sie am schnellsten loswerden konnte. Wieso war sie eigentlich auf der Gästeliste? Ich war immer davon ausgegangen, dass Sabine sie genauso wenig leiden konnte wie ich. Wahrscheinlich hatte sie sich samt ihrem Mann selbst eingeladen, was mich nicht wundern würde.

Ich warf Jan einen Hilfe suchenden Blick zu. Plötzlich quäkte Inge laut auf und der gesamte Inhalt ihres Rotweinglases ergoss sich auf meinen beigefarbenen Hosenanzug. Das rote Nass schwappte zuerst auf den Blazer und dann auf die Hose. Ich schrie kurz auf und wich nach hinten aus. Dabei stieß ich jemanden an, der daraufhin seiner Gesprächspartnerin den Sekt in den Ausschnitt schüttete, worauf ein gellender Schreckensschrei ertönte. Es war wie in einer Slapstickkomödie.

Inge entschuldigte sich x-mal. „Tut mir leid, das wollte ich nicht. Jemand hat mich geschubst. Oje, oje, hoffentlich geht das wieder raus! Entschuldige vielmals!“, stotterte sie herum und wischte dabei aufgeregt mit einer grünen Serviette an meinem Hosenanzug herum. Entsetzt sah ich, dass die Serviette begann grüne Spuren zu hinterlassen, und riss sie Inge panisch aus der Hand. „Lass das. So wird es nur noch schlimmer!“

Hubert, pikanterweise Inges Mann, tupfte in seiner Aufregung wenig gentlemanlike am Ausschnitt seines Opfers herum, bis dieses sich empört wehrte. Sosehr ich mich auch über die Rotweinflecken ärgerte, so lustig fand ich die Szenerie andererseits und konnte eine gewisse Schadenfreude nicht im Zaum halten, als ich Inges Reaktion auf Huberts tollpatschige Hilfeleistungen sah. Es folgten ein schrilles „Hubert!“, ein fester Griff um seinen Oberarm und eine saftige Moralpredigt. Das zu sehen erfüllte mich mit so großer Zufriedenheit, dass ich laut anfing zu lachen. Jan, der das ganze Schauspiel erschrocken verfolgt hatte, ließ sich von meinem Gelächter anstecken.

„Du meine Güte, dein schöner Anzug!“, entsetzte sich Sabine, als sie mich sah. In ihrem Blick konnte ich Unverständnis darüber entdecken, wieso ich trotzdem so herzlich lachen konnte.

„Macht doch nichts“, gluckste ich, „wofür gibt es eine Reinigung, außerdem ist das nicht mein einziger. Hast du eigentlich gesehen, wie sich Inges Mann, am Dekolleté von Silke zu schaffen machte? Unbezahlbar, dieser Anblick, sage ich dir. Und die Reaktion von unserer Giftschleuder Inge erst! Das ist schon ein paar Rotweinflecken im Anzug wert!“

Ich lachte hemmungslos, aber Sabine war mein Missgeschick anscheinend sehr unangenehm, denn sie konnte an meinem Heiterkeitsausbruch keinen Anteil nehmen.

Der restliche Abend verlief ohne weitere Zwischenfälle, vor allem nachdem Inge schlecht gelaunt mit ihrem Hubert das Fest verlassen hatte. Selbst Sabine lachte Tränen, als Silke die tölpelhaften Versuche Huberts, ihr Dekolleté trocken zu bekommen, schilderte. Es war ein so schönes Gefühl, endlich einmal gedanklich abzuschalten und sich amüsieren zu können. Wenn ich zu dem Zeitpunkt gewusst hätte, dass mir das Lachen bald vergehen sollte, hätte ich dieses Gefühl bestimmt noch mehr ausgekostet.

So aber fuhr ich am nächsten Tag beschwingt zur Schule. Noch vier Tage bis zu den Ferien. Endlich! Eine ganze Woche ohne Patrick und Co, keine Kollegen, keine Familie, nur uneingeschränkte Zeit für mich und meine Bedürfnisse.

Inge war wie erwartet äußerst einsilbig und wenn sie sich herabließ, das Wort an mich zu richten, dann fiel das sehr unfreundlich aus. Ich ignorierte sie, so gut es ging. Schließlich konnte ich nichts dafür, wenn ihr Mann sich in Gesellschaft wie ein Einfaltspinsel benahm.

In der dritten Klasse ließ ich noch einen Aufsatz schreiben, den ich dann in Ruhe in der nächsten Woche korrigieren konnte. Die Schüler zeigten schon eine gewisse Schulmüdigkeit, was sich durch Unaufmerksamkeit und Geschwätzigkeit äußerte. Besonders Janina zeigte Konzentrationsschwierigkeiten und reagierte aufmüpfig, wenn ich sie ansprach. Ich hatte inzwischen so viel Selbstbeherrschung gewonnen, dass ich nicht gleich laut wurde, sondern sie nur streng und bestimmt in die Schranken wies. Etwas Zugang zu ihrem Innenleben hatte ich gefunden, nachdem ich mich ab und zu nach der letzten Stunde mit ihr unterhalten hatte. In diesen Gesprächen fasste sie von Mal zu Mal mehr Vertrauen zu mir und erzählte mir immer offener von ihren Nöten. Ich erfuhr, dass ihre Eltern an Scheidung dachten. Der häusliche Unfrieden, der Mangel an Geborgenheit und der Erfolgsdruck, unter den ihr Vater sie stellte, verunsicherten sie sehr. Der Vater wachte mit Argusaugen darüber, dass man ihr kein Haar krümmte, und drohte gleich mit dem Rechtsanwalt, wenn etwas schieflief. Aber im Grunde genommen geschah dies nicht aus wirklicher Liebe zu seinem Kind, sondern weil er ein Mensch war, der gerne Machtspielchen auslebte. Janina tat mir inzwischen nur noch leid.

Ihr Vater hatte mich seit dem ersten unerfreulichen Gespräch noch dreimal angerufen, um sich über Inhalt oder Umfang der Hausaufgaben zu beschweren. Ich hatte ihn beim letzten Anruf höflich, aber bestimmt, gebeten, Probleme nicht am Telefon zu besprechen, sondern meine wöchentliche Sprechstunde in Anspruch zu nehmen. Seine Antwort fiel dementsprechend aus. Was ich mir denn einbilde, wer ich sei. Er könne in seinem wichtigen Job schließlich nicht extra Urlaub nehmen, nur um mir zu sagen, dass der Inhalt der Hausaufgabe in seinen Augen idiotisch sei oder Janina meine Aufgabenstellung nicht verstehen könne usw. Ich hatte mich aber nicht einschüchtern lassen und trotzdem auf die Einhaltung der offiziellen Sprechstunde bestanden. Wutentbrannt hatte er daraufhin den Hörer aufgelegt und mich noch als sture Bürokratin bezeichnet. Das war vor etwa zwei Wochen gewesen. Seitdem hatte ich nichts mehr gehört.

Mit Patrick war ich noch keinen Schritt weitergekommen. Seit der Rückgabe seiner katastrophalen Englischarbeit verhielt er sich mir gegenüber noch rebellischer. Er gab tatsächlich mir die Schuld an seinem schlechten Abschneiden. In der Englischstunde am letzten Schultag vor den Ferien weigerte er sich vehement, mir sein Englischheft zu geben. Alle anderen hatte ich schon eingesammelt, um sie zum Korrigieren mit nach Hause zu nehmen. Ich stand vor ihm und streckte meine Hand aus, in die er das Heft legen sollte.

„Ich habe es nicht dabei!“, sagte er und sah mich herausfordernd an.

„Patrick, noch vor fünf Minuten habt ihr alle eine Grammatikregel eingetragen. Auch du. Also wo ist es?“

Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und blitzten mich feindselig an. „Sehen Sie es irgendwo? Ich habe es nicht dabei, das sagte ich doch schon.“

Er rutschte auf seinem Stuhl nach unten, streckte seine Beine von sich und steckte beide Hände in die Hosentaschen. Dabei sah er mich provozierend, den Mund zu einem spöttischen Grinsen verzogen, an. Im Klassenzimmer herrschte auf einmal gespenstische Ruhe. Alle waren gespannt, wie dieser Zweikampf wohl ausgehen würde. Ich musste jetzt die Oberhand behalten, sonst war der letzte klägliche Rest an Respekt, den die übrigen Schüler mir entgegenbrachten, auch noch verloren.

„Gut, du kannst es dir aussuchen, entweder du gibst mir jetzt das Heft oder ich gebe dir gleich eine Sechs für Heftführung. Du hast Zeit bis zum Klingelzeichen.“

Seelenruhig ging ich zum Lehrerpult zurück und gab noch Anweisungen, wie viele Seiten von der Englischlektüre die Schüler in den Ferien lesen sollten. Lautes Murren machte sich breit.

„Also kommt schon. Es sind bloß fünf Seiten. Da habt ihr auf alle Fälle mehr davon als vom stundenlangen Computerspielen. Ich wünsche euch schöne erholsame Ferien.“

Vereinzelt hörte ich ein „Schöne Ferien, Frau Seland!“ Das war mehr, als ich erwarten konnte, und ich freute mich darüber, denn endlich war der ersehnte Augenblick gekommen. Der letzte Schultag war zu Ende. Jetzt musste ich nur noch Patricks Heft bekommen, dann konnten die Ferien beginnen.

Ich ging noch einmal zu Patrick, der neben dem Tisch stand, und sah ihn an. „Also, wozu hast du dich entschlossen?“

Sein Blick aus halb geschlossenen Lidern bohrte sich förmlich durch mich hindurch. Ich hatte große Mühe, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich nur noch Angst vor diesem Kerl hatte. Mit provozierend langsamen Bewegungen holte er sein Heft aus dem Schulranzen und hielt es mir hin.

Details

Seiten
400
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783945298084
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v314426
Schlagworte
Lehrer Wiedereinstieg Midlife Treue Verhältnis Teilzeit berufstätigte Mutter Liebe Mutter Freundschaft Lehrerin Schuldienst Psychothriller Neuanfang

Autor

  • Ursula Großmann (Autor)

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Titel: Am Ende das Nichts