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Feinripp und Schlagsahne (Appetizer-Ausgabe)

Aus dem Leben einer Familienhelferin

von Liz May (Autor)

2016 317 Seiten

Leseprobe

1

Der drohende Kollaps ihrer Finanzmittel verfolgte Gloria bis in ihre Träume.
Sie fragte sich, ob es klug gewesen war, ihre Wohngemeinschaft zu verlassen und mit Henk zusammen diese sündhaft teure Wohnung anzumieten. Andererseits, wenn sie so zurückdachte an die Zeit im Studentenwohnheim ... Das winzige Zimmer, das sofort Überlegungen in ihr ausgelöst hatte, was der Tierschutzverein gesagt hätte, hätte es sich um eine Hundehütte gehandelt.
Oder an ihren Ex-WG-Mitbewohner Nick, den Casanova, mit seiner weitverzweigten weiblichen Verwandtschaft. Der, Henks katholischer Erziehung zuliebe, praktisch jeden Morgen eine andere Schwester, Cousine, Nichte oder jung gebliebene Tante beim Frühstück präsentierte, bis sich Glorias Befürchtung, mal die eine oder andere Verwandte mit demselben Namen anzusprechen, zur Panik gesteigert hatte.
Und immer wieder dieser Mangel an Privatsphäre und die Schwierigkeiten ihrer Hausgenossen bei der Unterscheidung zwischen Mein und Dein. So konnte beispielsweise Henk zwar wahrhaft kulinarische Events zaubern, aber eben aus den Vorräten aller Mitbewohner.
Nicht zuletzt an den Krach, die vielen Partys, die zwar stimmungsaufhellenden Schlafmangel nach sich zogen, aber auch starke Schwankungen in Konzentration und Merkfähigkeit, was ihrem Studienerfolg nicht gerade zuträglich gewesen war.
Doch, doch, die Entscheidung war schon richtig gewesen, aber nun brauchte Gloria mehr Geld. Henk zahlte ja nur für ein Zimmer, den Rest musste sie berappen und ihre Reserven neigten sich dem Ende zu. Sie brauchte Arbeit, und zwar schleunigst. Die Aushänge, die sie schon vor Tagen in einigen Supermärkten und an der Uni gemacht hatte, hatten ebenso wenig bewirkt wie ihre Meldung beim Arbeitsamt. Sie musste mehr Gas geben.
Kurzerhand schwang sich Gloria aus dem Bett, griff zum Telefon und improvisierte eine Zeitungsanzeige: Studentin der Sozialpädagogik sucht Job im Bereich der Sozialarbeit. Nun hieß es warten, eine Tätigkeit oder eher Untätigkeit, für die Gloria, ungeduldig und tatendurstig, nicht geboren war.
Sie erledigte ihr morgendliches Toilettenritual und brach, wie immer mit leerem Magen, zur Uni auf. Nach dem Genuss ihres Schwarzen Frühstücks, ein schwarzer Kaffee und eine Zigarette, hastete Gloria zum Seminar über Scheidungsrecht bei Professor Matz. Professor Matz war sehr streng. Er führte Anwesenheitslisten und wer unentschuldigt fehlte, durfte am Ende des Semesters die Prüfung nicht ablegen. Da Gloria also zumindest physisch anwesend sein musste, beschloss sie, sich ganz nach hinten zu setzen, wo sie relativ unbehelligt schlafen konnte, wenn Langeweile und Müdigkeit ihren Geist übermannten.
Wider Erwarten entwickelte sich das Seminar aber sehr spannend. Nach dem Motto „Wie würden Sie entscheiden?“ sollten die Studenten zunächst selbstständig Fallbeispiele aus der Kanzlei von Professor Matz bearbeiten. Danach wurden die Fälle im Plenum unter den rechtlichen Aspekten beleuchtet und auseinandergenommen und sodann paragrafengetreu wieder zusammengesetzt. Das ist toll, dachte Gloria, sollte sich jemand von meinen Freunden oder Freundinnen mit Scheidungsabsichten tragen, kann ich sie richtig gut beraten.
Nach der Vorlesung schlenderte Gloria mit ihrer Kommilitonin Hannah zur Mensa. Auf dem Weg bat Hannah um Glorias Hilfe bei einem, wie Hannah sagte, schier unlösbaren Problem.
„Was hast du denn für ein Problem?“, fragte Gloria neugierig.
„Ich habe einen neuen Mitbewohner, einen Austauschstudenten aus Spanien, der spricht kein Wort Deutsch!“
„Klingt ja spannend!“
„Na ja, das führt aber zu Missverständnissen“, führte Hannah aus.
„Welcher Art?“
„Ach, bei so Kleinigkeiten, was die Hausordnung anbelangt!“, bekam Gloria Auskunft.
„Was, ihr habt eine Hausordnung? So was gab es bei uns in der Wohnung nicht, oder es ist mir entgangen!“
„Na, hör mal! Gerade wenn mehrere Menschen zusammenwohnen, muss es doch eine Ordnung geben!“
„Wofür zum Beispiel?“, bohrte Gloria.
„Na, zum Beispiel, was die Küchenbenutzung anbelangt!“
Gloria, allzeit hilfsbereit, befand, dass die Erfüllung von Hannahs Bitte weder ihre sozialen noch ihre sprachlichen Fähigkeiten überstieg, schließlich war sie Halbspanierin, und beglückte Hannah mit einer Zusage.
Zum Essen gab es heute einen kleinen Salat und anschließend zerkochtes Gemüse in einer schleimigen Sauce, Kartoffelbrei und Spiegelei.
Gloria setzte sich mit Hannah an einen Tisch am Fenster mit herrlichem Blick ins Grüne. Bald gesellten sich noch andere Studenten zu ihnen, die ebenfalls die schöne Aussicht genießen wollten. Innerlich hämisch kichernd fragte sich Gloria, wie lange die es wohl bei ihnen aushalten würden. Hannah nahm nämlich für gewöhnlich Aussehen oder Konsistenz des Essens zum Anlass, eine Anekdote aus ihrer Arbeit zum Besten zu geben. Gloria konnte Hannah schon ansehen, dass ihr eine neue Episode auf der Zunge brannte. Und tatsächlich: Hannah begann das Gespräch mit der Eröffnung, dass sie heute Morgen schon bei „ihrer“ Arztehefrau gewesen sei.
Von ihrem Tischnachbarn wurde sie gefragt, in welchem Job sie denn nebenbei arbeite.
Sie sei examinierte Krankenschwester und arbeite bei einem Pflegedienst, klärte sie ihn auf.
„Erzähl, was war denn wieder los bei der Arztehefrau?“, forderte Gloria sie auf, in der Vorfreude auf die Reaktion, die Hannahs Erzählungen üblicherweise auslösten.
Mit leicht angewidertem Gesicht legte Hannah los: „Heute war Duschtag und die Frau ist so was von pingelig. Der reicht es nicht, wenn ich ihr die Füße abtrockne, ich muss sie auch noch richtig trocken föhnen.“
„Na, das ist doch vernünftig“, mischte sich der Kommilitone wieder ins Gespräch. „Wie schnell hat man sich einen Fußpilz eingefangen.“
„Ja, wenn’s nur die Füße wären. Aber obendrein will sie auch den Po noch geföhnt haben. Dazu bückt sie sich dann und hält sich am Waschbeckenrand fest. Der Duft von der Sauce auf dem Kartoffelbrei erinnert mich an den Geruch von ihrem Hintern.“
An dieser Stelle tauschten die anderen die ersten angeekelten Blicke, harrten jedoch noch tapfer aus, nach dem Motto „Mit einem Messer im Rücken gehen wir noch lange nicht nach Haus“, bis Hannah mit der zweiten Geschichte begonnen hatte.
„Bei dem alten Meier war ich auch wieder. Und der Kartoffelbrei erinnert mich an den Inhalt von seiner Windel.“ „Oh, dann ist er aber auf dem Weg der Besserung! Gestern sahen seine Stoffwechselendprodukte noch aus wie Champignoncremesuppe“, versetzte Gloria erfreut. Mit dieser Äußerung verspielten Hannah und Gloria die Sympathie ihrer Kommilitonen endgültig. Mit dem Ausruf „Bah, seid ihr eklig!“ nahmen sie ihre Teller und setzten sich an einen anderen Tisch außer Hörweite.
Verärgert über diese Empfindlichkeit rief Hannah ihnen nach: „Ja, so ist das Leben, in meinem Beruf kann man sich Sensibilität nicht leisten!“
Nach dem Mittagessen ging es bis zum späten Nachmittag mit Vorlesungen weiter. Danach brachen die beiden Frauen in Richtung Hannahs Wohnung auf. Unterwegs schilderte Hannah die Situation. Der spanische Austauschstudent sei dem Zimmer in ihrer Wohnung, das schon lange leer stehe, vom Hausmeister zugeteilt worden. Nun müssten sie beide wohl oder übel miteinander klarkommen, und das sei fast unmöglich für sie. Sie selbst hänge ja der vegetarischen Einstellung zum Essen an, der Spanier hingegen sei ein fanatischer Fleischfan, ereiferte sie sich. Jeden Tag rieche es in ihrer Wohnung nach gebratenem Fleisch und sie fürchte, das nicht länger ertragen zu können.
Kaum bei Hannah angekommen, war unschwer zu erraten, dass sich der südländische Carnivor in der Küche aufhielt, denn es brutzelte und schmurgelte und der Duft von gebratenem Fleisch hing in der Luft. Hannah bedachte ihn mit einem Blick, als sei er ein Schwerverbrecher, wandte sich zu Gloria und forderte: „Klär das jetzt sofort mit ihm!“
Brav legte Gloria den Schalter auf Spanisch um und sprach ihn an. „Hola, cómo estás? Ich bin Gloria, eine Freundin von Hannah. Sie hat mich gebeten, die Regeln zu übersetzen, die hier gelten.“
Er sah sie an, als dächte er: „Was will die denn?“, was ja durchaus verständlich war. Nichtsdestotrotz nannte auch er seinen Namen: „Hola, mi nombre es Carlos Gomez.“ „Alle Bewohner hier sind Vegetarier und alle beschweren sich, dass es den ganzen Tag nach Fleisch riecht.“
Entgeistert rief Carlos aus, er müsse sich schließlich ernähren. Auf Glorias Frage, ob er nicht auch mal Gemüse essen könne, erwiderte er, für Verzierungen habe er keine Zeit, er sei schließlich Student.
Da Gloria aus sehr persönlichen Motiven heraus Vegetarierin war, aber im Grunde ihres Herzens dachte, dass jeder essen soll, was er vor sich verantworten kann, verzichtete sie darauf, ihn zu missionieren. Fleisch und Fisch gehörten in Spanien nun mal unabdingbar zu den Mahlzeiten.
Hannah warf ein: „Und übrigens kannst du ihm gleich auch noch sagen, dass er nicht im Stehen pinkeln soll.“
Gloria sagte: „Hannah, das ist doch intim und privat. Der arme Kerl kann doch auf der Toilette machen, was er will. Und wenn’s ein Kopfstand ist, Hauptsache, er hinterlässt die Toilette sauber.“
„Du hast doch selber mit drei Männern zusammengewohnt“, erboste sich Hannah, „wie hast du denn das gemacht?“
„Ich? Ich hab ein Schild über die Spülung gehängt: Tritt näher an das Becken, Schwein, der Nächste könnte barfuß sein.
„Das hat gereicht?“
„Ja klar. Jeder wusste doch, was ich meinte!“
Carlos wandte sich zu Gloria und fragte, was denn noch sei.
Hannah wünsche sich, dass er sich auch für sein kleines Geschäft künftig auf die Toilette setze, tastete sich Gloria vorsichtig voran.
„Ich werde mich nicht mit zwei jungen Frauen darüber unterhalten, wie ich mich auf der Toilette verhalte. Das ist ja nun wirklich intim und privat!“, entrüstete sich Carlos. Im Übrigen finde er, Vegetarier seien Tierquäler, weil sie dem Vieh das ganze Futter wegfräßen.
Gloria zog es vor, diese Schimpftirade nicht ins Deutsche zu übertragen, sondern setzte Hannah auseinander, Carlos sei ja ohnehin nur zwei Monate da und Hannah solle sich in Toleranz üben und ihm eine Chance geben. Sie sei aber bereit, noch mal zu vermitteln, falls es ernsthafte Probleme geben sollte.
Mit mürrischer Miene gab sich Hannah geschlagen und weil der Fleischgeruch nun auch Gloria zu viel wurde, verabschiedete sich diese eilig und fuhr nach Hause.

Sie drehte gerade den Schlüssel im Schloss, als sie das Telefon klingeln hörte.
„Gloria Grothe“, meldete sie sich nach dem vierten Klingeln.
„Guten Abend, mein Name ist von Hall, ich bin vom Arbeitsamt informiert worden, dass Sie Arbeit suchen“, verkündete eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.
Glorias Herz tat einen Sprung. „Oh, ja, genau, wie schön, dass Sie anrufen!“
Frau von Hall erläuterte, sie sei Tagesmutter und brauche noch Unterstützung bei der Betreuung der Kinder. Sie wolle Gloria gern zu einem Termin einladen, an dem sie sich kennenlernen und Gloria probearbeiten könne.
„Wie alt sind die Kinder denn?“, fragte Gloria nach.
„Das jüngste ist sieben Monate und das älteste dreieinhalb Jahre alt.“
„Oh, wie süß! Ja, wann könnte ich denn kommen?“
Sie verabredeten sich für den kommenden Nachmittag, Frau von Hall nannte ihre Adresse und Telefonnummer, und nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, gesellte sich Gloria mit einem seligen Lächeln zu Henk, der rauchend in der Küche saß.
„Schön, schön“, begrüßte er sie, „ich hab schon mitgekriegt, dass du faule Nuss endlich einen Job hast!“
„Was heißt hier faule Nuss? Das Studium allein lastet mich eigentlich schon aus! Gib mir auch eine!“
Gemeinsam rauchten sie ihre Zigarette und Gloria zog sich dann, ausgerüstet mit einem Käsebrot und einem Glas Rotwein zu einem gemütlichen Fernsehabend zurück. Nicht lange, und Henk erschien wieder in der Tür. In der Hand hielt er diesmal einen Stift, unter seinem Arm klemmte ein Zeichenblock.
„Willst du mal meine Zeichnungen sehen?“, fragte er.
„Oh ja, zeig mal her!“ Gloria griff sich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher wieder ab, es lief eh nur langweiliger Schrott.
Henk pflanzte sich neben sie und schlug seinen Block auf. Schon das erste Bild schlug Gloria in Bann. Ein Maiskolben, so verblüffend naturgetreu und detailgenau, dass man versucht war, ihn vom Papier zu nehmen und zu kochen.
„Ist das etwa ein Rebus, willst du mich zum Essen einladen?“, fragte Gloria kichernd nach der Betrachtung dreier weiterer Zeichnungen, einer Zwiebel, eines Stuhles und eines Weinglases. Dann stieß sie auf das Portrait einer Frau. Einer alten Frau, die Runzeln fein gezeichnet, der Blick ein wenig trübe, das Haar wollig dauergewellt. Die Züge weich und etwas verschwommen. Das Gesicht weckte sofort Sympathie.
„Die sieht aber lieb aus!“, rief Gloria, „wer ist das, deine Oma?“
„Gut geraten“, sagte Henk.
„Mensch, weißt du eigentlich, was für ein Talent du hast? Das sind fantastische Zeichnungen, brauchst dich nicht zu verstecken! Also, ich wusste schon, dass man als Architekt gut zeichnen können muss, aber das hier ist Kunst, ehrlich, ich würde mir jedes Einzelne an die Wand hängen.“
„Ich kann dich ja mal zeichnen“, schlug Henk vor.
„Das würdest du tun?“ Gloria klatschte begeistert in die Hände. „Was muss ich denn dazu machen?“
„Du musst nur ganz still sitzen bleiben.“
„Au klasse! Mach das und ich kucke Fernsehen, dann kann ich auch stillsitzen.“
Während Henk seinen Kohlestift zur Hand nahm, schaltete Gloria den Fernseher wieder an und folgte Henks Anweisungen bezüglich Kopfhaltung und Sitzposition. Eine quälend lange Stunde versuchte sie sich auf das Programm zu konzentrieren, das leise Kratzen von Henks Stift im Ohr und vor Neugier nah am Platzen.
„Fertig“, erlöste Henk sie endlich und Gloria beugte sich eifrig zu ihm und begutachtete sein Werk.
„Wahnsinn, das bin ja wirklich ich! Schenkst du mir das?“
„Eigentlich verschenke ich Bilder nicht gerne, aber weil du es bist ...“ Vorsichtig löste er das Blatt aus dem Block und reichte es Gloria. „Halte es in Ehren, ich muss jetzt noch etwas für die Uni vorbereiten.“
„Danke, Henk, das ist wirklich ein sehr schönes Geschenk“, sagte Gloria, während er seine Sachen einsammelte und hinausging. Glücklich vertiefte sich Gloria noch einmal in die Kontemplation ihres Portraits. Fotos von sich hasste sie, sie fand, dass sie auf Fotos immer grässlich aussah, aber Henks Zeichnung gefiel ihr wirklich. Irgendwie würde sie gleich am nächsten Tag Zeit finden, einen Rahmen zu besorgen.

Der Tag an der Uni hatte nicht viel Spannendes zu bieten, was wohl auch daran lag, dass Gloria in Gedanken schon seit dem Aufstehen bei ihrer Verabredung war.
An der Adresse, die ihr Frau von Hall genannt hatte, fand sie ein wunderschönes Einfamilienhaus vor, mit einer ausgedehnten Gartenanlage, alles machte einen sehr gepflegten Eindruck. Gloria klingelte, eine teuer gekleidete, sorgfältig geschminkte Frau, knapp über fünfzig, öffnete. Ihre langen Fingernägel waren knallrot lackiert, die Haare hochgesteckt und eine Wolke von Chanel N° 5 umwehte sie. In einer Ecke ihres Gehirns fand Gloria das ein wenig befremdlich. Tagesmütter hatte sie sich immer zerzaust, eher leger gekleidet, mit Spucktuch über der Schulter vorgestellt. Wenn man den ganzen Tag mit kleinen Kindern zu tun hat, macht man sich doch nicht so schick, dachte Gloria.
Die Dame stellte sich vor: „Guten Tag, bitte treten Sie ein! Mein Name ist Berta von Hall.“
Glorias Erstaunen wuchs noch, als sie eintrat. Das Haus war durchweg luxuriös eingerichtet mit Möbeln, die nicht so aussahen, als seien sie geeignet, Kinder im Raum herumturnen zu lassen, denn überall standen jede Menge kleine, filigrane Glaskunstfiguren. Kinder konnte Gloria tatsächlich auch nicht entdecken.
„Sind die Kinder denn schon alle zu Hause oder ist heute keine Betreuung?“, fragte sie verwundert.
„Doch, doch, ich bringe Sie gleich hin“, erwiderte die Dame.
Aha, dachte Gloria, vielleicht im Nord- oder Südflügel. Doch weit gefehlt. Frau von Hall brachte sie zu einer Treppe, die in den Keller führte, in einen Raum, der circa 20 Quadratmeter groß war und nur über zwei kleine vergitterte Fenster verfügte. An einer Wand standen Regale mit Spielzeug, Büchern und Kuscheltieren. Auf der anderen Seite des Raumes fand sich ein langer Tisch mit Kinderstühlchen drumherum und einer an der Wand befestigten Sitzbank. Der Fußboden bestand aus grün gestrichenem Beton, auf dem sich ein kleiner, gelbweißer Flickenteppich Marke Ikea vergeblich bemühte, dem Raum etwas Gemütlichkeit zu verleihen. Insgesamt wirkte der Ort kalt, lieblos und unbehaglich. Da gerade Essenszeit war, saßen die Kinder, sieben an der Zahl, um den Tisch herum und stocherten in ihrem Brei, der sehr unappetitlich aussah. Mitten im Geschehen stand eine weitere Frau, die schon eher Glorias Bild einer Tagesmutter entsprach. Abgehetzt und entnervt, mit aufgelöster Frisur und, na also, einem Spucktuch über der Schulter, versuchte sie allen Kindern gleichzeitig zu helfen. Der Blick, mit dem sie Gloria bedachte, schien zu sagen: Gott sei Dank, endlich naht Rettung!
Die Dame des Hauses schob Gloria in den Raum, sagte: „Meine Praktikantin wird Ihnen alles erklären“, und ging wieder hinaus.
Gloria stellte ihre Tasche ab und gesellte sich zu der Praktikantin. „Hallo, ich bin die Gloria.“
„Hallo, ich bin Manuela.“
„Na, du bist sicher froh, dass du Verstärkung bekommst, sieben Kinder sind doch ein bisschen viel für einen allein.“
„Oh nein“, antwortete Manuela. „Normalerweise sind es zehn, drei sind krank, und nein, von Verstärkung kann keine Rede sein, ich hab das hier gemacht, weil ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Kinderpflegerin ein Praktikum absolvieren musste. Das ist morgen zu Ende, dann bist du alleine hier.“
„Zehn Kinder?“ Ogottogott, dachte Gloria, wie soll ich das denn schaffen? Andererseits, unsere Nachbarin, die Frau Krämer damals, hatte zwölf und war auch die meiste Zeit allein. Also muss es ja zu schaffen sein. Allerdings waren die nicht alle im gleichen Alter.
Ihre leise Verzagtheit heldenhaft verbergend, erkundigte sich Gloria näher nach den Kindern. Sie stammten aus wenig begüterten Spätaussiedler-Familien, die die Betreuung benötigten, damit die Eltern ihren Lebensunterhalt verdienen konnten. Gloria setzte sich neben ein kleines Mädchen mit riesigen rehbraunen Augen in einem ganz weißen, engelhaften Gesicht, umrahmt von braunen Locken, das mit einem spitzbübischen Lächeln sagte: „Hallo Pischka.“
Gloria sagte: „Mein Name ist Gloria.“
Darauf die Kleine: „Nein, du bist eine Pischka!“
Gloria blickte ratlos zu Manuela, die ebenso ratlos die Brauen hochzog und den Kopf schüttelte, was wohl bedeutete, dass sie Gloria nicht weiterhelfen konnte, und so beschloss Gloria, sich auf jeden Fall bei nächster Gelegenheit zu erkundigen, was eine Pischka war, vermutlich der russische Ausdruck für Erzieherin oder Betreuerin.
Manuela führte sie in die angrenzenden Räume. Durch einen langen Flur gelangte man in einen kleinen Raum, der als Waschküche fungierte. Gegenüber lag das Wickelzimmer mit einer Wickelkommode und Stapeln von namentlich gekennzeichneten Windeln. Auch hier kein Zeichen von Gemütlichkeit oder fröhlicher, kindgerechter Gestaltung.
Bestürzt fragte sich Gloria, was Eltern dazu bewegen konnte, ihre Kinder hierher zu bringen. Gab es einen solchen Mangel an adäquaten Betreuungsplätzen? Konnten sich die Eltern nichts Besseres leisten? Oder war es ihnen schlichtweg egal, unter welchen Umständen ihre Kinder betreut wurden?
Die Kinder taten ihr richtig leid. Das sah nach einem schlechten Start ins Leben aus. Gloria hatte den heftigen Wunsch, einiges zu verändern, um die Kinder so fördern zu können, wie sie es für erstrebenswert hielt. Doch vielleicht bestand bei der „Leiterin“ dieser Kindergruppe gar kein Interesse, den Kindern eine heimelige, geborgene Atmosphäre zu bieten? Vielleicht finanzierte sich Frau von Hall auf diese Weise einfach nur ihren Luxus? In diesem Fall hätte sie ihr Haus zweifelsohne optimal genutzt.
Gloria verbrachte den Nachmittag mit den Kindern, bis sie abgeholt wurden. Zusammen mit dem letzten Kind verließ sie den Keller und besprach mit Frau von Hall die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung. Frau von Hall bot ihr an, dass sie sofort am nächsten Tag die Arbeit aufnehmen könne, sie werde ihre Leistung mit drei Euro pro Stunde honorieren.
Jetzt musste Gloria ernsthaft schlucken. Drei Euro?, dachte sie. Das ist doch eindeutig zu wenig! Doch sie hatte ja eigentlich keinen Vergleich. Im Moment war der einzige Hinweis auf Unterbezahlung ihr blödes Gefühl im Bauch. Doch sie brauchte den Job so dringend, also sagte sie zu, aber nur aus der Not heraus.
Mit nagenden Zweifeln fuhr Gloria nach Hause, hatte kaum die Tür aufgeschlossen, als sie das Telefon klingeln hörte. Sie hechtete zum Apparat. Vielleicht war es ja Frau von Hall, die gleich sagen würde, dass die Bezahlung doch zu niedrig sei, und sie auf fünf Euro erhöhen würde.
„Guten Abend, hier ist Frau Klimm.“
„Guten Abend.“
„Frau Grothe?“
„Ja, die bin ich, Entschuldigung, ich bin gerade erst zur Tür herein!“
„Ich habe Ihre Anzeige gelesen, Frau Grothe. Sie suchen Arbeit?“
„Ja.“
„Wunderbar, mein Mann ist Psychologe und arbeitet mit dem Jugendamt zusammen. Wir brauchen noch Leute, die als Spfh tätig sind.“
„Entschuldigung, als was?“
„Als S p f h , sozialpädagogische Familienhilfe.“
Sie erklärte Gloria, mit welchen Aufgaben eine sozialpädagogische Familienhilfe betraut ist. Es gehe darum, Familien in schwierigen Lebenssituationen so zu unterstützen, dass sie den Weg aus der Krise herausfänden. Dabei habe man es mit unterschiedlichen Problembereichen zu tun. Schwierigkeiten bei der Erziehung der Kinder, Existenzsicherung, Beziehungskrisen und vieles mehr.
„Hätten Sie daran Interesse?“
„Ja, klar.“
„Sie bekommen dreißig Euro.“
„Am Tag?“
„Nein“, sagte Frau Klimm und an ihrem Ton hörte Gloria, dass sie sich leicht veräppelt fühlte, „pro Stunde!“
Gloria bekam weiche Knie.
„Das klingt sehr interessant!“
Frau Klimm ließ ein angenehmes Lachen hören und meinte: „Mein Mann wird Sie gleich noch mal anrufen und ein Vorstellungsgespräch mit Ihnen vereinbaren.“
„Ja, äh, kein Problem, äh, ich bin jetzt zu Hause. Vielen Dank“, haspelte Gloria und legte zitternd den Hörer auf.
Das konnte doch nicht wahr sein. So viel Glück! Wie hypnotisiert starrte sie auf das Telefon. Sie traute sich nicht mal auf die Toilette zu gehen vor Angst, sie könnte den Anruf verpassen.
Genau in diesem Moment kam Henk herein.
„Gloria, ich muss dringend Tom anrufen!“
„Henk, wenn du jetzt das Telefon anfasst, gibt’s eine Leiche, und ich bin’s nicht!“
„Wartest du auf den Anruf vom Traumprinzen, oder was?“
„Nein, auf den Anruf von einem, der mir dreißig Euro die Stunde zahlen will.“
Henk blinzelte unsicher: „ Bist du sicher, dass das was Seriöses ist?“
Gereizt entgegnete Gloria: „Das ist der ganz normale Stundenlohn einer Geisteswissenschaftlerin! Du hast jetzt noch mal Zeit, deine Studienwahl zu überdenken. Das Land braucht fähige Pädagogen, mit gestrandeten Architekten kann man die Straße pflastern!“, worauf Henk sich brummelnd in sein Zimmer trollte.
Erleichtert ließ sich Gloria auf den Stuhl neben dem Telefon fallen und fieberte weiter dem Anruf entgegen. Sie würde hier notfalls auch eine Woche sitzen bleiben. Tausend Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Dreißig Euro! Wie lange musste ein Bäcker dafür Brötchen verkaufen?, dachte sie, wie viele Haare eine Friseurin schneiden? Wie lange müsste ich bei Frau von Hall dafür arbeiten, wie viele Pampers wechseln und Rotznasen putzen? Kann das überhaupt sein? Vielleicht hab ich mich auch verhört, falls es sich nicht überhaupt um einen schlechten Scherz handelt. Dreißig Euro pro Stunde im sozialen Sektor! Ich will diesen Job! Keine Fahrten nach Spanien mehr, um dort mit Immobilienverkäufen das überzogene Konto zu füllen, niemals Kinderbetreuung bei Frau von Hall! Wie schön wäre das!
Als das Telefon endlich klingelte, brauchte Gloria mehrere Sekunden, um sich aus diesen Gedanken zu lösen und abzuheben.
„Gloria Grothe.“
„Klimm hier, guten Abend, Sie hatten schon mit meiner Frau gesprochen?“
„Ja richtig, guten Abend, Sie suchen Spfhs.“
„Wissen Sie, worum es da geht?“
„Ja, so im Groben, und ich interessiere mich sehr dafür!“
„Ihre Anzeige hat mich an meine eigene Studentenzeit erinnert. Ich hab auch mal eine Anzeige in die Zeitung gesetzt. Darum hab ich mir gedacht, ich probier das mal aus. Ich schlage vor, dass wir uns treffen, um persönlich miteinander zu sprechen und die Details zu klären.“
„Ja, sehr gerne.“
„Okay, wir könnten uns morgen Nachmittag um 15 Uhr treffen. Sagen wir in der Kantine vom real-Kauf?“
„Ja, kein Problem, das würde sehr gut passen.“
„Woran werde ich Sie denn erkennen?“
„Ich hab lange, dunkle Haare und leg ein Buch vor mich auf den Tisch, glauben Sie, das reicht?“
„Ja, wir werden uns schon finden. Bis morgen dann.“
Gloria ließ den Hörer auf die Gabel fallen, hüpfte und schmiss brüllend die Arme hoch: „Ja, ja, ich hab den besten Job!“
Prompt kam Henk aus seinem Zimmer.
„Was machst du denn für einen Lärm hier?“
„Das ist kein Lärm, das ist ein Freudentanz! Wenn dir das zu viel Leben ist, kannst du ja ins Altenheim ziehen!“, rief Gloria.
Henk stöhnte. „Kann ich dann jetzt endlich telefonieren?“
„Nee, nee, jetzt muss ich mit meinen Freunden telefonieren, das muss gefeiert werden. Ich hab einen super Job, ich werd rei-heich!“
Sie hängte sich wieder an den Apparat und rief als Erstes Hannah an. Vor lauter Aufregung verwählte sie sich zweimal, aber schließlich hatte sie Hannah an der Strippe.
„Hannah“, schrie Gloria in den Hörer, „warum noch studieren, ich bin jetzt schon am Ziel angekommen. Du weißt doch, dass ich ne Anzeige in der Zeitung hatte wegen einem Job? Ja, den hab ich jetzt und die zahlen dreißig Euro die Stunde. Kannst du Dreisatz rechnen? Dann kannst du dir jetzt ausrechnen, wie viele Ärsche du für dreißig Euro trocken fönen musst! Stell dir das mal vor!“
Hannah war skeptisch und wohl auch leicht angesäuert. „Dreißig Euro im sozialpädagogischen Bereich? Das kann ich mir nicht vorstellen. In der Branche arbeitet man doch aus Idealismus.“
„Nee, aus Idealismus bin ich Vegetarierin, aber nicht arm! Lass uns das begießen. Wir treffen uns heute Abend im Schweinehof. So gegen elf?“
„Okay, bis später.“
Die Nächste war Sandra. Sandra zeigte sich schon aufgeschlossener.
„Wow, das ist ja toll. Meinst du, die können noch jemanden gebrauchen?“
Gloria kicherte. „Wenn ich erst mal drin bin, kann ich ja mal nachfragen. Ich treffe mich um elf mit Hannah im Schweinehof, komm doch auch, dann feiern wir.“
„Na hör mal, das Vorstellungsgespräch ist doch erst morgen!“
„Ach Quatsch, egal wie die morgen rüberkommen, ich nehm den Job auf jeden Fall. Morgen geht’s ja nur noch um die Rahmenbedingungen und meine Kontoverbindung, damit er pünktlich überweisen kann!“
Sandra lachte aus vollem Hals.
„Na, wenn du meinst ... gut, dann treffen wir uns nachher. Selbe Stelle, selbe Welle. Bis dann.“
Wieder tauchte Henk neben Gloria auf, ein hündisches Betteln in den Augen: „Kann ich denn jetzt mit Tom telefonieren?“
„Was willst du denn wieder von Tom?“
Er erklärte, dass er für sein Architektur-Modell, das er in wochenlanger Arbeit für seine Hausarbeit gebaut hatte, noch eine Farbe brauchte und dass Tom ihn beraten sollte. Stolz führte er Gloria in sein Zimmer, präsentierte ihr sein Werk und wies auf all die liebevollen Details hin. Es sah wirklich toll aus. Ein ganz modernes Wohn- und Bürogebäude mit Flachdach und viel Glas, auf eine Platte geklebt und mit einer Außenanlage versehen. Da waren Bäume und Wege und sogar Spaziergänger mit Hund.
„Mensch, Henk, das ist echt klasse! Warte mal kurz, ich muss noch ein Telefonat führen, dann komme ich sofort wieder!“
In ihrem Überschwang rief Gloria bei Frau von Hall an und sagte ihr ab, danach kehrte sie in Henks Zimmer zurück.
„Wie kommst du darauf, dass Tom dir mit der Farbe raten könnte?“, fragte sie ihn, „das kann ich doch viel besser. Guck doch mal, Frauen haben viel mehr Ahnung von Farbe. Sie schminken sich mit Hingabe und außerdem hab ich jahrelang Häuser verkauft und kenne die schönsten Farbkombinationen!“
Henk kam ins Grübeln. Das verleitete Gloria dazu, noch einen draufzusetzen.
„Tom ist doch obendrein Konkurrenz, sagst du doch selber immer, meinst du, der wird dich gut beraten?“
Damit hatte sie Henk so weit. Er ließ seine Skepsis fahren und meinte: „Na gut.“
Er holte sein Farbensortiment und breitete alles aus. Vor Glorias geistigem Auge erstand das Bild eines Hauses, das sie mal in Spanien gesehen hatte. So ein schönes Terrakotta könnte auch zu Henks Haus gut passen. Sie fing an zu mischen und die Farbe gelang wunderbar.
„Soll ich sie auch auftragen?“, fragte sie Henk.
Da aber verließ ihn sein Vertrauen.
„Nein, um Gottes Willen! Das mach ich lieber selber. Mit deiner Feinmotorik versaust du mir das ganze Haus!“
Dieses Argument musste Gloria gelten lassen. Immerhin hatte er einige Wochen zuvor die Erfahrung gemacht, dass sie nicht mal dazu imstande war, einfache Gegenstände abzuzeichnen. Für das entsprechende Experiment hatte er ihr sogar seine heiligen Faber-Castell-Stifte zur Verfügung gestellt. Nach mehreren Versuchen musste er jedoch einsehen, dass wirklich Hopfen und Malz verloren war. Mit seinem trockenen Humor hatte er gemeint: „Stimmt, deine Zeichenfähigkeit ist echt auf dem Niveau eines Kopffüßlers stehen geblieben“, und seine Stifte wieder weggepackt.
Während er sich ans Pinseln machte, verließ Gloria das Zimmer und setzte sich endlich mal wieder an den Schreibtisch, um für die bevorstehende Prüfung in Scheidungsrecht zu lernen. Allerdings erwies sich das als nicht sehr sinnvoll, denn ihre Gedanken schweiften immer wieder ab zu dem Vorstellungsgespräch am nächsten Tag. Außerdem rief Henk immer wieder, sie solle ihr Urteil über sein nun fertiges Werk abgeben. Nach zwei Stunden gab sie auf.
Als Gloria das Modell sah, war ihr erster Gedanke: Scheiße, das sieht schlimm aus. Sie kämpfte mit sich. Wie sich aus dieser peinlichen Situation befreien? Ihm gestehen, dass ihre Farbwahl wohl doch nicht so genial gewesen war? Die Farbe wieder zu entfernen war auch nicht mehr möglich, überstreichen würde nicht klappen, dafür war die Farbe zu dunkel. Außerdem brauchte sie eine Galgenfrist, bevor sein Zorn auf sie niederprasseln würde. Also sagte sie: „Mmhm, mhm, mhm, schön, schön, schön“, und hoffte darauf, dass Henks Professor einen ausreichend schlechten Geschmack hatte oder farbenblind war.
„Henk, wer das nicht gut findet, ist neidisch oder hat keinen guten Geschmack.“
Es klingelte, Gloria spurtete zur Sprechanlage. Es war Tom.
Der Schock fuhr Gloria in die Glieder. Tom würde sicher nicht so taktvoll sein wie sie, wenn er die Farbwahl an dem Modell sehen würde. Jetzt musste Henks paranoide Vorstellung herhalten, Tom wolle immer seine Ideen abkupfern. Sie rannte zurück in Henks Zimmer.
„Henk, Tom ist zum Spionieren da! Wollen wir das Modell wie üblich in meinem Schlafzimmer verstecken?“
„Nein“, antwortete er, „mal keine Sorge, Tom hat sein Modell schon fertig, der wird daran bestimmt nichts mehr verändern.“
Gloria ging also zurück und drückte den Türöffner. Als Tom oben war, öffnete sie und sprudelte los: „Wir haben an Henks Modell gearbeitet. Und ich, Tom, habe die geniale Farbe ausgesucht“, wobei sie ihn mit einem strengen Blick bedachte und leise hinzufügte: „Kritik unerwünscht.“
Tom ging zu Henk ins Zimmer und betrachtete das Modell, während Gloria nervös auf ihrer Unterlippe kaute. Wider Erwarten sagte er jedoch nichts, und erleichtert dankte Gloria ihrem inneren Navigator, der sie sicher um dieses Kap geschifft hatte.
Später kam Tom dann in ihr Zimmer. Sie rauchten eine Zigarette zusammen und tranken ein Glas Wein dazu. Aus heiterem Himmel fragte er: „Wie nennt man denn diese tolle Farbe? Kackbraun?“
Gloria machte ihrer Heimat Ehre und verteidigte sich nach bester Harzer Manier mit Angriff.
„Du kommst aus dem Ruhrpott und wie man so hört, lauft ihr da alle in Jogginganzügen rum. Das sagt ja einiges aus über deinen Sinn für Geschmack und Stil. Also kannst du das gar nicht beurteilen. Und wenn du in dieser Hinsicht mal adäquaten Rat brauchst, kannst du dich gerne an mich wenden. Im Übrigen heißt die Farbe Terrakotta.“
Trocken antwortete Tom: „Vielen Dank für das Angebot, aber ich möchte mein Studium gern in der Regelstudienzeit abschließen“, worauf er sie frech angrinste.
Ein Blick auf die Uhr erinnerte Gloria daran, dass es Zeit wurde, sich für ihre Verabredung fertig zu machen. Also komplimentierte sie Tom hinaus und schnappte sich ihren Minirock und die hochhackigen Pumps. Nachdem sie sich in Schale geworfen hatte, steckte sie ihre Haare zu einer kecken Frisur hoch und gab ihrem Gesicht noch etwas Farbe, was ihr da deutlich besser gelang als an Henks Modell. Das Ganze rundete sie ab mit einem Hauch Chanel N° 22.
So gestylt wollte sie sich eben auf den Weg machen, als Tom sie fragte, was sie vorhabe.
„Frauenabend im Schweinehof.“
„Oh, umso besser, können wir mit?“
Der will nur mit, um meine Freundinnen anzubaggern, dachte Gloria und durchforstete ihr Gehirn nach einer passenden Ausrede, ein Prozess, der nur wenige Sekunden in Anspruch nahm und im Ergebnis, Gloria beglückwünschte sich frohlockend zu ihrer Bauernschläue, zu der Bedingung führte: „Okay, wenn ihr mir beweisen könnt, dass ihr Frauen seid, nehme ich euch gerne mit. Schließlich soll es ein Frauenabend werden und kein bunter Abend.“
Allein machte sie sich auf den Weg, setzte sich, wegen des Minirockes, sehr vorsichtig auf ihr Fahrrad, das sie liebevoll „Porsche“ nannte, und radelte zum Schweinehof.
Auf halbem Weg wurde das Treten immer schwieriger, sodass Gloria zu schnaufen begann wie eine Dampflok. Zu Zwecken der Ursachenforschung hielt sie schließlich an. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis sie erkannte, dass nicht etwa ihre durch Zigarettenkonsum angeschlagene Fitness schuld war, sondern einfach nur ein Reifen platt. Hilfesuchend blickte sie sich um. Die Welt ist voller Fahrräder, dachte sie, an irgendeinem wird sich doch wohl eine Luftpumpe ausleihen lassen. Die Welt schien es gut mit ihr zu meinen, denn kaum zehn Meter weiter stand ein Typ, der ebenfalls an einem Fahrrad hantierte. Sie schob „Porsche“ zu ihm hin und sprach ihn an:
„Entschuldigung? Hast du zufällig eine Luftpumpe? Mein Reifen ist platt!“
Er richtete sich auf und Gloria entdeckte, dass es sich um einen ausnehmend gut aussehenden jungen Mann handelte.
„Ja, kein Problem!“ Er reichte ihr die Pumpe, wobei er die Gelegenheit nutzte, Gloria genauer in Augenschein zu nehmen, was wiederum dazu führte, dass er seinen Griff fester um das Werkzeug schloss und fragte: „Welcher ist es denn?“
Gloria fragte sich einen Augenblick lang, ob er sie für zu doof hielt, den Reifen selbst aufzupumpen, oder ob er sich aus Galanterie dazu entschlossen hatte, das für sie zu erledigen. Sie entschied sich für den angenehmeren Gedanken, schenkte ihm ein – wie sie hoffte – reizendes Lächeln und sagte: „Der hintere!“
Im Handumdrehen hatte er das Malheur beseitigt und verstaute die Pumpe wieder in ihrer Halterung.
„So, jetzt muss ich mich aber beeilen“, meinte er, während er eine große Kneifzange aus seinem Rucksack zog und in aller Seelenruhe die Kette an dem Fahrrad, mit dem er beschäftigt gewesen war, durchkniff. Sodann schwang er sich auf den Drahtesel und mit den Worten: „Schau bei Gelegenheit mal nach, ob du ein Loch im Schlauch hast!“, fuhr er davon.
Gloria blickte ihm mit offenem Mund hinterher. Habe ich das richtig gesehen, fragte sie sich. Hat der jetzt vor meinen Augen ein Fahrrad geklaut? Wenn ich das erzähle, das glaubt mir kein Mensch! Kopfschüttelnd setzte sie ihren Weg fort.
An der Bar des Schweinehofes saß Nick und trank Kaffee.
„Na, Nick, so ganz ohne deine Verwandten? Kommt da nicht Einsamkeit auf?“, spöttelte Gloria.
Nick grinste breit: „Abwarten, mal sehen, was der Abend noch bringt.“ Damit wandte er sich wieder seinem Bier zu.
Immer eingedenk des guten Rates von Nick „Willst kein’ Herpes an der Klappe, trink dein Bier nur aus der Flasche“ bestellte sie wieder ein „Flens“ ohne Glas und stellte sich dem Sturm von Fragen ihrer Freundinnen Hannah und Sandra über ihr Jobangebot. Mit viel Kreativität und Fantasie erörterten sie lebhaft, worum es wohl ging und gehen konnte, und Gloria entrüstete sich weitschweifig über die Zustände bei Frau von Hall. Hannah und Sandra teilten ihre Empörung ohne Wenn und Aber und gratulierten Gloria, dass sie so schnell etwas Besseres gefunden hatte.
Unvermittelt unterbrach Gloria das Gespräch. Sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, und sah um sich, um die Quelle dieses unangenehmen Gefühls zu eruieren. Und siehe da, wen entdeckte sie? Den freundlichen Helfer mit der Luftpumpe. Sie beugte sich näher zu Hannah und Sandra und rief, um die laute Musik zu übertönen: „Seht ihr den Punker da drüben?“
Angestrengt blickten beide in die Richtung, die Gloria ihnen mittels diskreter Kopfbewegungen wies, und Hannah seufzte: „Ah, der sieht aber schnucklig aus!“
„So sieht ein Fahrraddieb aus! Ich hab den vorhin beobachtet, wie er ein Fahrrad geknackt hat!“
„So ein Blödsinn“, entrüstete sich Sandra, „der studiert auch Sozialpädagogik und seine Eltern sind Ärzte. Ich glaub nicht, dass der es nötig hat, Fahrräder zu klauen!“
„Was hat das denn damit zu tun? Schau ihn dir doch an! Das ist Rebellion in ihrer reinsten Form, so einer klaut schon allein aus dem Grund, weil er nicht so spießig sein will wie seine Eltern!“
„Also weißt du, mit deiner Menschenkenntnis scheint es ja nicht weit her zu sein!”, rief Hannah, „ich geh am besten mit zu deinem Vorstellungsgespräch, nicht dass du noch auf einen Betrüger reinfällst!“
„Einverstanden!“ Gloria lachte, bis ihr die Tränen kamen, und obwohl der Fahrraddieb sie den ganzen Abend nicht mehr aus den Augen ließ, amüsierte sie sich prächtig, bis es Zeit war, zu gehen und an der Matratze zu horchen.
Gloria konnte halbwegs ausschlafen, denn am kommenden Tag stand nur eine Vorlesung um elf Uhr an, dafür aber nachmittags das Vorstellungsgespräch, und da war es von herausragender Wichtigkeit, möglichst knitterfrei zu erscheinen, ihr potenzieller neuer Chef musste ja nicht gleich auf den ersten Blick sehen, dass sie gesumpft hatte.
Die Vorlesung drehte sich um das Thema Methodisches Arbeiten in der Sozialarbeit aus dem Lernbereich I. Gehalten wurde sie von Professorin Knopf. Frau Knopf sprach so leise, dass man sie schon in der vierten Reihe nicht mehr verstehen konnte. Die Studenten hingegen bekamen regelmäßig einen Punktabzug, wenn sie ihre Referate nicht laut und deutlich vortrugen, und mussten auch in der letzten Reihe noch zu verstehen sein. Wie auch immer, dieser Umstand förderte bei allen Studenten, die keinen Kurs im Lippenlesen absolviert hatten, die Pünktlichkeit, denn man musste sich beeilen, um möglichst einen Platz in den ersten drei Reihen zu bekommen.
Nach ihrem üblichen Schwarzen Frühstück eilte Gloria also in den Hörsaal und ergatterte gerade noch den letzten Platz in der dritten Reihe, indem sie sich erfolgreich gegen eine Studentin aus dem ersten Semester durchsetzte, die diesen Platz für eine Kommilitonin reserviert hatte. Gloria erklärte ihr einfach, dass sie diesen Schein dringend benötige und sich deshalb nicht mit einem schlechteren Platz zufriedengeben könne, zumal sie obendrein im rechten Ohr einen Tinnitus habe.
Allerdings profitierte Gloria nur minimal von ihrer Eroberung, weil sie nämlich in Gedanken die meiste Zeit bei ihrem Vorstellungsgespräch war. Wenn man bedenkt, was Hannah für neun Euro fünfzig die Stunde alles machen muss!, dachte sie, was kommt dann wohl auf mich für dreißig Euro zu? Ihr wurde mulmig. Da hab ich mich ganz schön weit aus dem Fenster gelehnt, nach dem bisschen Studium bin ich vielleicht noch gar nicht kompetent genug! Sie begann sich zu fühlen wie eine Hochstaplerin. Andererseits habe ich ich ja eigentlich schon ganz schön viel Lebenserfahrung, das hilft bestimmt!, tröstete sie sich. Außerdem weiß der Klimm schließlich, dass ich Anfängerin bin, und meine Zeugnisse sind ja nun wirklich in Ordnung.
Als die Vorlesung endlich vorbei war, machte Gloria drei Kreuzzeichen, denn nun hatte sie keine Zeit mehr für quälende Gedanken. Sie musste schleunigst nach Hause und sich für das große Ereignis umziehen. Hannah nahm sie gleich mit.
Da Gloria ihrem neuen Arbeitgeber möglichst perfekt gegenübertreten wollte, hatte sie sich schon am Vortag mehrere Outfits zurechtgelegt, weder zu schick noch zu leger. Hannah hatte eher einen Öko-Geschmack und durfte ihr deshalb lediglich bei der Entscheidung zwischen zwei Alternativen behilflich sein.
Im Ergebnis stand Gloria schließlich in einem hellen Leinenkostüm, bestehend aus Hose und Bluse, vor dem Spiegel. Ihre Füße steckten in weißen Ballerinas. Das Gesicht nur ganz dezent geschminkt, die Haare zu einem Zopf geflochten. Hey, dachte sie, obwohl ich so nervös bin, hab ich das doch gut hingekriegt. Jetzt brauche ich nur noch ein passendes Buch. Aber welches? Der „Chef“ ist ja Psychologe. Also was Psychologisches. Einführung in die Psychologie,Gruppendynamik oder Neurotische Konfliktbearbeitung? Um nicht in Erklärungsnot zu geraten, entschied sie sich für die Einführung in die Psychologie. Dazu konnte sie bestimmt wenigstens irgendwas Kluges sagen, wenn Herr Klimm ihr Fragen in dieser Richtung stellen sollte.
Endlich konnten Gloria und Hannah losfahren, erreichten ihr Ziel aber immer noch eine Viertelstunde zu früh, sodass sie sich in der Kantine des real-Marktes ohne Hektik geeignete Plätze auswählen konnten. Gloria suchte einen Fensterplatz aus und Hannah ließ sich drei Tische hinter ihr nieder.
Um sich die Wartezeit zu vertreiben, prüfte Gloria noch einmal ihre Bewerbungsmappe auf Vollständigkeit. Ihr perfektionistisches Ego hätte einen schweren Schlag erlitten, wenn sie etwas vergessen hätte.
Pünktlich zur vereinbarten Zeit betraten zwei Männer die Lokalität.
Nervosität machte sich in Gloria breit. Nachdem sie bei ihren Freunden so geprahlt hatte, als hätte sie den Job bereits in der Tasche, durfte sie dieses Gespräch auf keinen Fall versemmeln. Sie verlieh ihrer Miene den richtigen Ausdruck zwischen cool und angespannt und sah den beiden entgegen.
„Frau Grothe?“, sprach der eine sie an.
„Ja, richtig.“
Er stellte sich und seinen Begleiter namentlich vor, bevor beide sich zu ihr an den Tisch setzten: „Mein Name ist Klimm und das ist Herr Schmitt, ein Kollege von mir.“
„Ich bin Gloria Grothe, guten Tag.“
„Möchten Sie etwas trinken?“, fragte Herr Klimm.
Glorias trockener Hals sagte „Ja, gerne“, ihre gute Erziehung aber ließ nur die Worte „nein danke“ über ihre Lippen. Irgendwo hatte sie mal gehört, dass es sich nicht schickte, bei Bewerbungsgesprächen auf Getränkeangebote einzugehen.
Herr Schmitt holte also nur für sich und seinen Chef eine Cola.
„Ja, Frau Grothe, erzählen Sie mal ein bisschen von Ihrem Lebenslauf“, begann Herr Klimm.
„Ich habe schon mal meine Unterlagen vorbereitet.“ Gloria schob ihm ihre Bewerbungsmappe hinüber und sah ihm mit offenem Mund dabei zu, wie er sie durchblätterte wie ein Daumenkino.
„Das ist alles Scheiße“, sagte er und fächelte sich mit der Mappe Luft zu.
Völlig entgeistert schluckte Gloria und fragte: „Wieso, die Zensuren sind alle wunderbar, lauter Einsen und Zweien!“
„Zeugnisse und Zensuren sagen gar nichts darüber aus, ob ein Mensch geeignet ist, in einem bestimmten Beruf zu arbeiten“, entgegnete er.
Aha, dachte Gloria. „Also, ich habe eine abgeschlossene Ausbildung als Erzieherin, habe aber in dem Beruf nie gearbeitet. Außerdem war ich längere Zeit im Immobiliengeschäft und kann sehr gut mit Menschen umgehen. Und ich bin sehr ehrgeizig und motiviert und würde sicher mein Bestes geben.“
„Wie geht das denn zusammen, erst Immobilien und jetzt Sozialpädagogik?“, fragte Herr Klimm. Allerdings schien er nicht wirklich eine Antwort zu erwarten, denn er fuhr unmittelbar fort: „Aber wenn Sie im Immobiliengeschäft waren, sind Sie auf jeden Fall tough genug für den Job bei mir. Im Prinzip handelt es sich ja darum, anderen Menschen zu helfen, ihr Leben in den Griff zu kriegen, das traue ich Ihnen durchaus zu. Ich würde also sagen, wir versuchen es miteinander!“
Gloria jubilierte innerlich und setzte zu einer erfreuten Rede des Dankes für das ausgesprochene Vertrauen an, als Klimm einen Wermutstropfen nachschob: „Allerdings gibt es in jedem Beruf Nachteile. In diesem Fall bin ich der Nachteil, ich bin nämlich sehr cholerisch. Glauben Sie, damit kommen Sie zurecht?“
Solange ich dir nicht den Hintern föhnen muss! Um ein Haar hätte Glorias skurriler Sinn für Humor sie zu einem schallenden Gelächter verleitet, sie kratzte aber grade noch die Kurve und sagte sittsam: „Na ja, jeder hat seine Eigenheiten, daran soll es nicht scheitern!“
„Gut, dann kommen Sie bitte morgen um 15 Uhr zum Jugendamt, da treffen wir uns auf dem Parkplatz und Sie lernen Ihren ersten Fall kennen.“
Sie verließen zu dritt die Kantine und verabschiedeten sich mit Handschlag. Auf dem Parkplatz hielt Herr Klimm Gloria noch einmal zurück und sagte ganz cool: „Ach, eins noch, Frau Grothe. Es muss keiner wissen, dass Sie noch Studentin sind. Wir sehen uns morgen.“
Etwas verwirrt setzte sich Gloria in ihr Auto und wartete auf Hannah. Warum hat er das gesagt?, sinnierte sie. Soll ich qualifizierter wirken als ich bin? Warum wohl? Ha, bestimmt, weil er für eine Fachkraft mehr Honorar verlangen kann, ist doch klar. So ein Fuchs! Hoffentlich ist die Sache nicht doch total unseriös, nicht dass wir am Ende alle im Knast landen. Zum Beispiel, weil jemand herausfindet, dass ich noch Studentin bin und erst im dritten Semester, wenn ich wenigstens schon mein Vordiplom hätte ...
Ihr Gedankenfluss wurde unterbrochen durch Hannah, die jetzt zu ihr ins Auto stieg.
„Und, wie war’s? Wieso hat der sich mit deiner Bewerbungsmappe Luft zugefächelt? Irgendwie ein komischer Typ.“
„Das kannst du laut sagen. Ich bin schon ein bisschen verunsichert. Der hat meine Mappe nicht mal richtig angeschaut und meinte, das wäre alles Scheiße, und Noten und Zeugnisse würden eh nichts zählen. Aber eingestellt hat er mich trotzdem.“
„Hey, super! Herzlichen Glückwunsch! Ich wusste, dass du das packst!“ Ehrliche Freude ließ Hannahs Gesicht strahlen.
„Aber gerade, als er schon im Weggehen war, hat er noch gesagt, ich soll keinem erzählen, dass ich noch Studentin bin. Garantiert verlangt er beim Jugendamt für mich das Honorar für eine Fachleistungsstunde.“
„Kann schon sein“, meinte Hannah.
„Na ja, für mich ist das klar, dass er mich als hochqualifiziertes Personal teuer verkaufen will, was soll er sonst für Gründe haben?“
Je intensiver Gloria diesen Gedanken dachte, desto plausibler erschien er ihr.
„Schade, dass ich jetzt noch zu tun habe, ich hätte dich gern auf ein Glas Sekt eingeladen. Aber das holen wir nach.“
Sie brachte Hannah nach Hause, bedankte sich herzlich für ihre Unterstützung und verabschiedete sich mit den Worten: „Ach übrigens, lebt dein Mitbewohner noch? Denk dran, auch Fleischfresser verdienen eine Chance!“ Dann strebte sie lachend ihrem Heim zu.
„Da bist du ja endlich, du hohle Nuss!“, wurde sie empfangen.
Oh weh, dachte sie, der Professor ist doch nicht farbenblind.
Tapfer stellte sie sich Henks Zorn und kehrte die Spötterin hervor: „Oh, es ist doch immer wieder schön, so nett und freundlich begrüßt zu werden, wenn man am Abend geschafft nach Hause kommt!“ In aller Unschuld fragte sie dann: „Was ist denn los, Henk?“
Henk brüllte los: „Du hast mein Leben ruiniert! Ich hätte eine glatte Eins für mein Modell bekommen. Aber mein Prof meint, das sei die hässlichste Farbe, die er je gesehen hat. Und deswegen hat er mir nur eine Zwei gegeben!“
Scham beschlich Gloria, es tat ihr wirklich von Herzen leid, dass sie Henk seine Eins verpatzt hatte. Aber um kein Geld der Welt hätte sie sich das anmerken lassen. Im Gegenteil.
„Sieh mal, Henk, in jedem Fachbereich gibt es Professoren, die trotz aller Titel keine Ahnung haben. Du hast die Zwei nicht wegen mir bekommen, sondern weil dein Prof keine Ahnung von Farben hat“, verteidigte sie ihre Ehre.
Henk hatte kein Ohr für derlei vernünftige Betrachtungen, er fuhr fort, sie mit seinen wütenden Blicken zu durchbohren, und um ihn zu beruhigen, musste Gloria wohl Buße tun.
„Wie wäre es, wenn wir uns mit einem Glas Wein ins Wohnzimmer setzen? Wenn du mich schon beschimpfst, dann wenigstens mit Stil. Was hältst du davon?“
Ohne seine Antwort abzuwarten, ging Gloria zwei Gläser holen und schenkte einen schönen deutschen Rotwein ein.
„Ach, Henk, sieh es doch mal so. Wenn du eine Eins bekommen hättest, hättest du ja gar keinen Spielraum nach oben mehr. Willst du jetzt schon im Zenit deiner Leistungen stehen?“, startete sie einen neuen Versuch, die Zornfalten auf seiner Stirn zu glätten.
„Na, du hast gut reden, hohle Nuss!“, brummte Henk, schnappte sich die Tageszeitung und schlug sie Gloria auf den Kopf. Das war Strafe genug, durch den Schlag kam Gloria wieder zu Verstand.
Wieso bin ich denn die hohle Nuss, dachte sie, er ist doch mit dem Modell losgezogen, dazu hab ich ihn ja schließlich nicht gezwungen, er hätte ja selbst auch sehen können, dass das unmöglich aussieht, also ist er doch die hohle Nuss. Ich hätte das überpinselt, notfalls bis früh um fünf. Und Tom hätte ja auch was sagen können, also ich würde von einem Kumpel schon erwarten, dass er ehrlich mit mir ist, dachte sie. Armer Henk, mit ihm streiten bringt jetzt auch nichts.
Sie versuchte es also mit Ablenken und begann, ihm von ihrem Tag zu erzählen.
„Du hast den Job also tatsächlich bekommen? Das wundert mich, für eine Sozialarbeiterin siehst du reichlich tussig aus mit deinen schicken Klamotten. Eigentlich passt du eher in eine Parfümerie!“, stichelte Henk, nur halb versöhnt.
„Ey, meine Sachen sehen nicht tussig aus, sondern elegant, und sie waren sehr kostspielig! Im Übrigen kommt es in unserem Job auf das Können an und nicht auf die Klamotten“, konterte Gloria.
„Ja, aber trotzdem ... Sind Sozialpädagogen nicht immer eher so Ökotypen mit ner linken Einstellung? Wieso bist du nicht bei den Immobilien geblieben?“, hakte Henk nun nach.
Gloria erwog ihre Worte gründlich, bevor sie ihre Antwort gab, und weil sie Henk trotz allem mochte und ihm seine kleine Rache durchaus gönnte, fand sie, er habe eine ehrliche Antwort verdient. Und eine, die für ihn leicht verständlich sein sollte.
„Weißt du, Henk, Menschen unterscheiden sich von Häusern dadurch, dass sie zwei Fundamente haben, eine Mutter und einen Vater, und man wird ja von beiden geprägt. Mein Vater war im Betriebsrat einer großen Firma. Von ihm habe ich von klein auf gelernt, mich zu engagieren. Ich weiß noch, wie wir zusammen Plakate geklebt haben und auf Demos gegangen sind. Da habe ich gelernt, mich für die Belange anderer einzusetzen, die vielleicht nicht stark genug sind, sich allein darum zu kümmern. Die Familie meiner spanischen Mutter treibt seit Generationen Handel und legt von daher sehr viel Wert auf gute Kleidung. Und ich bin die Brücke und weißt du, auch in Kostüm und Hackenschuhen kann ich eine intelligente und sozial engagierte Frau sein. Außerdem, wenn ich mich jetzt in abgefuckte Jeans und Ökolatschen schmeißen würde, wäre ich nicht mehr authentisch, sondern würde in eine Rolle schlüpfen, um die Klischees anderer Leute zu bedienen. Und meine Uroma war sogar eine Gräfin, daher meine Vorliebe für Eleganz!“
„Du bist also sozusagen eine rote Gräfin!“, mokierte sich Henk.
„Nee, von Adelstiteln halte ich gar nichts, für mich sind alle Menschen gleich, keiner steht über mir und keiner steht unter mir.”
Henk sah aus, als könne er mit dieser Antwort etwas anfangen, jedenfalls sagte er nichts weiter dazu und den Rest des Abends verbrachten sie thematisch in seichteren Gewässern, bis jeder schließlich in seinem Bett vor Anker ging.
Glorias grüblerische Seite hatte keine Zeit mehr, sich zu Wort zu melden und sie mit ängstlichen Fragen zu ihren morgigen Aufgaben wach zu halten. Der heutige Tag und drei Gläser Wein hatten sie nämlich so geplättet, dass sie sofort einschlief.

Autor

  • Liz May (Autor)

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Titel: Feinripp und Schlagsahne (Appetizer-Ausgabe)