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24 - Stille Nacht

Appetizer

von Ralph F. Wild (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Teil 1

DIE QUALEN UND DIE TOTEN

10. August 2003
Die Flammen schlugen aus dem Häuserdach. Tobend, lodernd und voller Kraft. Die Hitze brannte auf den Hautpartien, die der feuerfeste Feuerwehranzug offen ließ. Michael Siegsdorf wollte nur eines: Helfen. Das Kommando an ihn und seine Kollegen lautete: »Holt die achtköpfige Familie dort raus!«
Für den routinierten Feuerwehrmann waren die Bilder kaum zu verarbeiten. Eltern, Großeltern, Kinder, alle hatten sie gemeinsam den Heiligabend miteinander verbringen wollen. Und dann war das Inferno ausgebrochen. Zwischen Plätzchengeruch und bunt verpackten Geschenken hatten sich die Flammen unaufhaltsam ihren Weg gesucht. Die Familie im dritten Stock des Hauses war völlig überrascht worden. Jeder Fluchtweg nach unten war abgeschnitten. Und die Flammen hatten kein Erbarmen; sie hatten in Windeseile Raum für Raum erobert, Zimmer für Zimmer, und hatten durch das Treppenhaus gelodert, wie durch einen Kamin vorangetrieben, nun waren sie auch im obersten Teil des Gebäudes, dem Dachstuhl, angekommen.
Siegsdorf lauschte, ob es ihm möglich war, trotz des Knackens des Feuers, trotz der knarzenden Balken, Hilferufe zu vernehmen. Doch kein Laut drang an seine Ohren. Die Hitze war unerträglich. Immer wieder fasste er sich an seine Unterarme, hatte den Eindruck, das Feuer würde direkt in ihm ausbrechen. Noch hatte das Wasser kaum Wirkung gezeigt. Zu brutal schien die Hitze, zu mächtig die Flammen.
Unter den Augen vieler Schaulustiger dauerte es Stunden, ehe die Feuerwehrmänner Herr der Lage waren. Zurück blieb nur ein verkohlter Altbau, dessen alte Mauern minütlich nach innen sanken und so alles unter sich begruben.
Die Erlebnisse an diesem Abend verfolgten Siegsdorf noch lange. Die kriminologische Untersuchung hatte das Schlimmste erst wirklich zutage gebracht – Wochen später! Die gesamte Familie war in den Flammen umgekommen. Für Siegsdorf und seine Kollegen war dieser Brand die fürchterlichste Niederlage ihres Lebens. Noch Monate später sah Siegsdorf in seinen Träumen das Feuer lodern und empfand die Flammen wie ein höhnisches Gelächter: »Du hast keine Chance!«
Als die Albträume kein Ende mehr nehmen wollten, zog er die Reißleine. Obwohl viele seiner Kameraden ihn umstimmen wollten, hängte er seinen Feuerwehranzug an den Nagel. Sein Abschied war still und leise. So erdrückend still wie seine künftigen Weihnachtsfeste. Das Drama der Familie hatte ihn gezeichnet. Eines Morgens schlug er die Zeitung auf: »Brandursache scheint geklärt! Familien wurden Opfer eines Anschlags!«
Ein Anschlag? Waren nicht alle davon ausgegangen, es wäre eine Verquickung unglücklicher Umstände gewesen? Der Klassiker an Heiligabend: ein brennender Weihnachtsbaum. Kerzen als Initialzündung? Beim Herunterfallen das dürre Bäumlein in Brand gesetzt? Und noch bevor es jemand bemerkte, hatte das komplette Zimmer gebrannt wie Zunder? So jedenfalls hatten die Beamten der Polizei vermutet. Außerdem waren in der Garage mehrere Kanister mit einer Benzinmischung entdeckt worden. Alles sprach dafür, dass die Familie einfach Pech gehabt hatte.
Doch nun waren die Vorzeichen andere. Was Siegsdorf erst beim Lesen des Artikels wahrnahm: Der Vater der Familie hatte Geburtstag gehabt: An Heiligabend. An dem Tag, an dem seine ganze Familie und er selbst ums Leben gekommen waren. Dramatisch genug. Doch nun sollte sich auch noch zeigen, dass sie alle Opfer eines Mordanschlags wurden?
Siegsdorf spürte, wie in ihm die gleiche Übelkeit wieder nach oben kam, wie damals, als er hilflos auf der Drehleiter gestanden und nach Rufen gelauscht hatte. Doch nichts als Stille hatte er vernommen.

Sommer 2003 – Bei Lola
Lola musste lachen. Kaum einen Freier hatte sie bislang erlebt, den sie mehr schätzte. Immer wenn Lothar bei ihr war, konnte sie lachen. Dass sie als Edelhure im Vergleich zu anderen gut angesehen war, wusste sie. Unter ihrem Szenenamen ›Lola‹ bediente sie nur die besser gestellten Kunden. Spaß an ihrem Job hatte sie nicht. Wer auch immer etwas anderes behauptete, den schaute sie nur fragend an. Spaß am Verkaufen des eigenen Körpers? Welcher Frau konnte das schon gefallen? Und für viele ihrer Freier empfand sie nur eines: Verachtung.
Mit Lothar war alles anders. Lola wusste, dass er sich nur wegen ihr so nannte. Auch wenn das Klischee der Nutte, die sich in einen ihrer Käufer verliebte, längst nicht zutraf, so sah sie in ihm mehr einen Freund als einen Freier. Denn er gab ihr nach dem Akt vor allem eines: Zeit zum Lachen, ein liebes Wort und Zeit, um sich zu erholen. Denn er war bereit, für die doppelte Zeit zu bezahlen – ohne daran zu denken, mit ihr »noch eine zweite Nummer zu schieben«, wie sie ihm bei ihrem ersten Treffen noch vorgehalten hatte. »Du bezahlst mich doppelt – also willst und kriegst du auch die doppelte Leistung!« Er hatte den Arm um sie gelegt und nur entgegnet: »Jetzt komm mal runter, vielleicht will ich mich einfach nur mit dir unterhalten!«
»Mach das mit deiner Frau – dafür bin ich nicht zuständig«, hatte sie geblafft. Und ihn damit verstört und gekränkt. »Wenn Du mit jemandem reden willst, dann geh zu deinem Therapeuten!«
Lothar hatte nur den Kopf geschüttelt, sich angezogen, ihr die vereinbarte doppelte Summe in die Hand gedrückt und war gegangen.
Schulterzuckend war Lola in ihrem Appartement geblieben. Er hatte ihr die kalte Schulter gezeigt. Und monatelang hatte sie nichts mehr von ihm gehört. Doch ihre Gedanken kamen immer wieder auf ihn. Vor allem dann, wenn wieder einmal ein Kunde sie nicht so behandelt hatte wie vereinbart. Gewalt? Das war für sie als hübsche Frau Mitte zwanzig nie ein Thema gewesen. Auch gegenüber ihren Freiern hatte sie von Anfang gezeigt, dass sie bestimmte, wo es lang ging. Bis vor einigen Jahren. Ein Kunde hatte sie bedrängt, war immer brutaler geworden, hatte sie gefesselt und sie bestialisch gequält. Erst Stunden später war sie von einer ihrer Kolleginnen gefunden worden. Blutüberströmt und mit blauen Flecken am ganzen Körper.
Je mehr sie über dieses Kapitel ihrer Vergangenheit nachdachte, desto mehr gingen ihre Gedanken zurück zu Lothar. An seinen liebevollen Umgang. Und an ihre dumme Art, ihn wegzustoßen. Aber zu ihr zu kommen, war ganz alleine seine Entscheidung. Sie war es doch selbst, die ihn beleidigt hatte. So erlebte sie Kunde um Kunde, und weiter hatte sie das Gefühl, dass alle sie ankotzten.
Eines Abends stand er plötzlich vor ihr.
Er lachte sie an. Herzlich und irgendwie schelmisch bittend: »Darf ich doppelt bezahlen?« Und bekam dennoch prompt die Antwort: »Kommt gar nicht in die Tüte!«
Auch Lola lachte, schnappte ihn an seinem Unterarm und führte ihn in ihr Schlafzimmer.
»Was willst du?«, sagte sie in einem freundlichen Ton. Und er entgegnete: »Was soll ich bei dir schon wollen?«
Erstaunt schaute sie auf und vernahm dabei deutlich sein spitzbübisches Grinsen.
»Mein Gott. Du bist so blöd«, sagte sie. »Du willst mich? Dann nimm mich! Oder ist noch etwas anderes?«
Lothar setzte sich neben Lola auf das kleine Plüschsofa. »So«, dachte er in dieser Sekunde, »genau so habe ich mir immer das Mobiliar eines Puffs vorgestellt.«
»Was ist?«, fragte sie.
»Können wir uns woanders hinsetzen, als auf diese Puffcouch?«
»Was erwartest du? Du bist in einem Puff ...«
»Das weiß ich, und trotzdem bin ich nicht nur aus diesem Grund hier bei dir! Vielleicht hast du dieses Mal Lust, dich zu unterhalten?«
Und so entwickelte sich über Monate hinweg eine Freundschaft, die in ihrem Milieu verschrien war: Freier liebt Nutte, Nutte liebt Freier! Der Ehrenkodex, nichts mit einem Kunden anzufangen, hatte auch für Lola über viele Jahre hinweg gegolten. Und dann war es plötzlich doch geschehen. Oder etwa doch nicht?
Es brauchte viele Wochen und viele Besuche Lothars, bis sie sich eingestand, dass sie ihn nicht wirklich liebte. Und er sie auch nicht.
Er hatte die Initiative übernommen: »Sei mir nicht böse. Aber Liebe ist es nicht, die ich für dich empfinde. Ich fühle mich zu dir hingezogen, bin gerne in deiner Nähe. Und ich liebe es, wenn du mir zuhörst. Aber lieben? Nein, das ist nicht das gleiche. Du bist für mich wie eine Schwester.«
Zunächst hatte Lothar erwartet, den Stuhl vor die Tür gestellt zu bekommen – wie bei seinem ersten Besuch. Doch etwas anderes geschah. »Ich bin froh, dass du den ersten Schritt gemacht hast. Denn mir geht es genauso. Können wir Freunde sein?«
Er lachte. Sie auch. Doch ganz wohl war es Lothar in der Situation nicht: »Also, Freunde ist recht und schön. Aber ab und zu mit dir schlafen möchte ich dann doch!«
Sie hätte sich wegschmeißen können vor Lachen: »Das hast du selbst in der Hand! Denn dafür musst du schließlich bezahlen. Also, solange du es dir leisten kannst ...«
Er nickte: »Dann ist ja alles geritzt! Ich glaube, so viel Geld kann ich noch aufbringen.«
»Und wenn es mal etwas knapper wird, mach ich dir schon einen Sonderpreis. Oder aber wir müssen die Leistungen ein wenig zurückfahren.«
Sie lachte jetzt schallend.
Und er lachte mit.
Dabei war es ihm viel wichtiger, mit ihr zu reden.
Über viele Monate hinweg traf sich Lothar mit Lola zum Spaß, zum Sex, zum Small Talk. Doch so richtig glücklich machte sie ihn nicht.
Sie schaute ihm nach einem ihrer Orgasmen tief in die Augen: »Lothar! Was ist los? Du bist in letzter Zeit so anders. So abwesend. Und du erzählst nichts mehr von dir!«
Er blickte ihr in die Augen. So gut kannte sie ihn also schon, so gut, dass er ihr nichts mehr vorspielen konnte. So gut, dass sie ihn durchschauen konnte. Sie war ihm ans Herzen gewachsen. Und das war gefährlich.
Er atmete tief, sog dabei den Rauch aus seiner Zigarette in seine Lungen, bis diese zu platzen schienen.
»Du fragst zu viel und ich antworte zu wenig«, sagte er kurz.
Dann stand er auf und griff nach seiner zu großen Jacke. Schon vor einiger Zeit war ihr aufgefallen, dass diese ihm nicht gehören konnte.
»Warum trägt du immer diese Jacke? Das ist doch bestimmt nicht deine eigene. Die ist mindestens drei Nummern zu groß!«
»Du durchschaust mich immer mehr. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ob ich wieder komme oder ob ich für immer weg bleibe.«
Sie schaute ihn böse an: »Willst du mir drohen? Das kannst du nicht. Du wirst immer wieder kommen, wirst dich niemals mehr von mir lösen können.« Ihre Stimme bebte und wurde von Sekunde zu Sekunde lauter.
»Du verdammtes Arschloch! Was treibst du für ein Spiel mit mir? Willst du, dass ich mit dir kaputt gehe?«
Sie nahm ein Kissen, rotes Plüsch, und schleuderte es auf ihn. Lothar duckte sich. Hinter ihm fiel eine kleine Glasvase zu Boden und zerschellte.
»Na super, toll hingekriegt.« Er bückte sich und begann, die Scherben aufzulesen.
Dann begann er zu reden: »Ich will dir nichts mehr vormachen. Und ich brauche dich und dein Ohr!«
Lola ließ sich auf die Couch fallen. Ihre Augen verfolgten jeden seiner Handgriffe. »Dann fang an!«, sagte sie mit leiser Stimme.
Und er begann zu reden – wann immer sie sich sahen.
Lola unterbrach ihn öfters in seinen Erzählungen. In ihrer kleinen Puffsuite, die den lieblichen Duft von Vanille verströmte, wären in dieser Zeit drei, vier oder fünf Freier ein- und ausgegangen – je nachdem, wie schnell sie es ihnen besorgen konnte und sie wieder verschwanden.
War er da, war die Tür verschlossen. Das rote Licht brannte, sodass es keiner der potenziellen Kunden wagte einzutreten.
Sie war beschäftigt.
Mit ihm und mit seiner Vergangenheit.
Lothar schenkte einer Nutte sein ganzes Vertrauen. Einer Frau, die ihren Körper verkaufte. Warum glaubte Lothar, bei ihr richtig zu sein? Genau bei ihr?

Sisi

Elisabeth Amalie Eugenie von Österreich-Ungarn war als Ehefrau von Franz Joseph I. ab 1854 Kaiserin von Österreich. Durch mehrere Filme im 20. Jahrhundert wurde sie posthum zu einem weltweiten Idol – zu Sisi. Geboren wurde sie am 24. Dezember 1837 in München und verstarb im Alter von 60 Jahren am 10. September 1898 in Genf, Schweiz. Im Jahr 2015 jährt sich ihr Geburtstag zum 178. Mal.

Rückblende Bei Lola
Ich war zehn Jahre alt, als die Ehe meiner Eltern zerbrach. Die vergangenen Jahre waren zwar gekennzeichnet von vielen Streits, aber niemals hatte ich damit gerechnet, dass es bei meiner Mutter und meinem Vater tatsächlich einmal zur Trennung kommen würde. Nun saß ich da und wusste: Alles war vorbei!
Mein Vater hatte es mir gesagt, wie es seine Art gewesen war. »Micha, oder soll ich dich wie deine Freunde auch Lothar nennen? Du bist ein starker Junge! Liebe geht vorbei, kann vorbei gehen. Und so ist es zwischen deiner Mutter und mir. Wir lieben uns nicht mehr!«
Ich schaute meinen Vater an, als hätte mich ein Truck überfahren. Ich fühlte mich regelrecht zermalmt durch seine Worte.
»Und wo muss ich jetzt hin?«, fragte ich.
»Müssen? Du darfst es Dir aussuchen. Du kannst zu Mama gehen oder mit mir kommen. Aber ich möchte jetzt eine Entscheidung!«
Wie hätte ich innerhalb weniger Sekunden entscheiden können! Sie waren doch meine Eltern. Beide. Ich liebte sie. Und ich wollte mich nicht entscheiden.
Mein Vater stand vor mir mit den Händen in den Hüften und sagte: »Und? Wie hast du dich entschieden?«
»Papa, bitte! Überlegt es euch doch nochmal. Sollen wir nicht alle zusammen noch einmal in Urlaub fahren? Es war doch immer so schön. Egal, wo wir waren.«
Ich konnte meinen Vater lachen hören: »Schön? Mein Gott, Junge, bist du wirklich so naiv?«
Dieser Satz traf mich wie ein Schlag. Nein, ich konnte nicht mit meinem Vater gehen. Ganz gewiss nicht. Schon deshalb nicht, weil er sich in diesen Minuten so verhielt.
»Papa. Ich gehe zu Mama!«
Kaum hatte er meine Worte gehört, da zog er seine Schuhe an, schnappte sich seinen kleinen Koffer und ging mit den Worten: »Sag deiner Mutter, dass ich sie anrufe, wenn ich meine Kleider und die anderen Dinge hole.« Er zog die Tür hinter sich zu und war weg.
Mein Vater war weg.
Zehn Jahre lang war er immer, Abend für Abend, da gewesen. Und jetzt war er weg.
Ich spürte, wie meine Beine wegzusacken drohten. Es drehte sich alles in meinem Kopf. Jeder anderen Familie hatte ich so etwas zugetraut. Aber meiner eigenen? Alle waren neidisch auf uns. Mein Vater verdiente genug Geld, dass wir uns vieles leisten konnten, was für andere unerreichbar war. Wir fuhren häufig in Urlaub. Meine Eltern gingen abends weg. Gemeinsam, wie ich lange Zeit dachte. Alles schien perfekt. Vielleicht zu perfekt.
Doch rund sechs Wochen, bevor mein Vater mir die Neuigkeit eröffnete, kam ich von der Schule nach Hause und irgendwie war alles anders. In der Garderobe standen Schuhe, die ich noch nie gesehen hatte. Spitz und aus einem Leder, das irgendwie nach Krokodil aussah.
Ich lief ins Wohnzimmer und da war niemand. Ich rannte durch das Haus und rief immer wieder nach meiner Mutter. »Mama, wo bist du? Mama, bist du da?«
Dann hörte ich, als ich gerade in den Keller gelaufen war, die Haustüre ins Schloss fallen.
»Mama?«
»Ja«, kam es mir von oben entgegen.
»Wo warst du denn? Ich habe schon hundert Mal nach dir gerufen!«
»Ich war oben im Schlafzimmer und habe dich nicht gehört!«, sagte sie. Und ich sah, wie ihre Wangen erröteten.
»Ich habe die Haustüre gehört. War Papa da?«
»Nein, ich war gerade kurz draußen. Außer mir ist niemand da.«
Ich schaute in die Garderobe: Die auffälligen Schuhe waren weg.
»Mama, da war doch jemand. Ich habe doch diese Schuhe gesehen. Die aussahen wie ein Krokodil.«
»Welche Schuhe?« Sie traute sich nicht, mir in die Augen zu sehen.
»Na die, die hier gerade noch standen. Die standen noch nie da.«
Meine Mutter nahm mich am Arm und zog mich zu sich hin: »Du musst geträumt haben. Da waren keine anderen Schuhe als die, die immer hier stehen. Hast du Lust, mit mir eine Pizza essen zu gehen?«
Ich schaute sie staunend an: »Hast Du nicht gekocht?«
Solange ich denken konnte, war das Essen fertig, wenn ich von der Schule nach Hause kam. Es sei denn, meine Mutter war mal ein paar Tage krank. Dann aber hatte meine Oma gekocht.
Sie drehte sich weg: »Nein, heute nicht. Mir ist etwas dazwischen gekommen!«
Da erst fiel mir auf, wie verstrubbelt ihre Haare aussahen, sie war auch nicht wie sonst gekleidet.
»Ich ziehe mir kurz etwas anderes an. Und dann gehen wir deine Lieblingspizza essen, okay?«
Ich nickte.
Als wir vom Italiener nach Hause kamen, hatte ich vergessen, was passiert war. Ich war wieder Kind. Und glücklich bei meinen Eltern.

Heiligabend 2002
Als seine Kinder ihm das Zeichen dafür gegeben hatten, öffnete Georg die Augen und traute ihnen kaum auf den ersten Blick: Ein fast drei Meter hoher Christbaum stand in seiner strahlenden Pracht vor ihm. So schön, so echt, so rührend. »Alles Gute zum Geburtstag, Georg«, sagte seine Frau. Und küsste ihn zart.
Die beiden Kinder, die siebenjährige Michelle und der zwei Jahre jüngere Jan, sprangen auf ihn, stießen ihn aufs Sofa und balgten sich mit ihm. Als wieder ein wenig Ruhe eingekehrt war, sagte Michelle: »Papa, es muss so schön sein, an Heiligabend Geburtstag zu haben! Du bekommst morgens Geschenke und abends gleich nochmals. Etwas Schöneres kann es nicht geben!«
Ihr Vater lachte. »Naja, dafür bekomme ich das restliche Jahr über keine Geschenke. So wie ihr. Das ist doch auch schön, wenn es halbiert ist, oder?«
»Stimmt auch wieder«, sagte Jan und herzte seinen Papa. »Aber trotzdem, alles, alles Gute zum Geburtstag. Und heute Abend feiern wir beides. Weihnachten und Geburtstag.«
Georg musste lachen und zog seine Frau ebenso auf die Couch wie die beiden Kinder. »Wenn ihr wollt, dann gehen wir jetzt alle raus und bauen einen Schneemann. Nachdem es endlich mal wieder geklappt hat, dass wir weiße Weihnachten haben!«
Seine Frau lehnte ab und schickte ihn mit den Kindern nach draußen: »Ich muss kochen! Aber geht ruhig raus, dann habe ich wenigstens meine Ruhe.«
Für diesen Kommentar kassierte sie einen kleinen Klaps auf den Hintern, den sie mit einem empörten »Hey!« quittierte.
»Mach, dass du in die Küche kommst, wir sind draußen, Schatz!«
Als sich die drei in voller Montur aufmachten, den verschneiten Garten zu erobern, schmunzelte sie und sagte: »So wie ihr eingepackt seid, könnt ihr mir eine Postkarte senden, wenn ihr am Südpol angekommen seid!«
»Sollen wir einen großen Schneemann bauen? Oder drei kleine? Jeder seinen eigenen?«
»Nein, einen ganz großen«, schrie der kleine Jan. Und somit war die Entscheidung gefallen.
»Ich muss noch kurz einkaufen gehen, habe zwei, drei Sachen vergessen. Und die Brötchen muss ich auch noch holen«, rief sie ihrem Mann und den Kindern zu. Dann zog sie die Terrassentür hinter sich zu und ging durch die Tür.
Es waren drei Schüsse gewesen – kaum zu hören, unterdrückt durch einen Schalldämpfer. Georg kippte nach vorne und fiel auf die Vorderseite des gerade begonnenen Schneemanns. Das Blut, das aus der Wunde sprudelte, färbte den Schnee tief rot. Neben ihm lagen seine Kinder. Die Kugeln hatten beide in den Kopf getroffen.
Alle drei waren auf der Stelle tot gewesen.

Rückblende Bei Lola
Ich war in meinem Leben noch nie so einsam, obwohl ich weiter zur Schule gehen musste und auch meine Freunde traf. Meine Eltern trennen sich?! Ich konnte es immer noch nicht glauben, dass mein Vater mich zwischen Tür und Angel damit konfrontiert hatte. Aber war meine Entscheidung richtig gewesen, bei meiner Mutter zu bleiben? Die Schuhe kamen mir wieder in den Sinn. Und das merkwürdige Verhalten meiner Mutter. Meine Eltern wollen sich trennen?! Unfassbar!
Als ich eines Tages von der Schule nach Hause kam, nahm mein Vater mich in den Arm. Er schaute mich an und sagte: »Du kannst dich jederzeit bei mir melden. Ich bin immer für dich da.« Damit ging er – aus unserem Haus, aus meinem Leben. Ich sah ihn nie wieder.
Während die Monate ins Land zogen, kapitulierte ich vor den schulischen Belastungen. Selbst in den Fächern, in denen ich einst zu den Besten gehört hatte, schwankten meine Noten zwischen einer Fünf und einer Sechs. Meine Versetzung in die nächste Stufe war nicht nur gefährdet, sie war geradezu utopisch.
Als ich an einem Nachmittag nach Hause kam, war ich wie vor den Kopf gestoßen: Die Schuhe standen wieder da. Ich brüllte nach meiner Mutter. »Mein Gott, warum brüllst du so?«, sagte sie, als sie zu mir gerannt kam.
Ich sagte kein Wort, blickte nur auf den Boden, auf die Schuhe, die vor mir standen. Sie nahm mich in den Arm und sagte: »Komm, ich muss dir jemanden vorstellen.«
Er! Er war aus meiner Sicht zwei Meter groß, einhundert Kilogramm schwer, Sportler durch und durch. Ein Modellathlet. So ganz anders als mein Vater.
»Hey«, sagte er und streckte mir die geballte Faust zu. Ich schaute nur auf seinen ausgestreckten Arm und die Hand. Ich blickte meine Mutter kurz an, dann machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte in mein Zimmer. Knallte die Tür hinter mir zu. Dann drehte ich meine Musikanlage auf die maximale Lautstärke. Ich war nicht mehr auf dieser Welt. Und das war gut so.
Meine Mutter schickte mich am nächsten Tag nicht in die Schule: »Du bleibst heute zu Hause und sprichst mit mir darüber, was eigentlich mit dir los ist! Du glaubst doch nicht, dass ich mir von dir mein Leben versauen lasse?«
Ich saß geistesabwesend vor ihr, wollte weinen. Doch die Tränen waren versiegt. Vielmehr staute sich Wut in mir an. Ich sagte nur: »Warum hast du mich je geboren?«
In den Sommerferien konfrontierte sie mich mit einer Entscheidung, die sie gemeinsam mit Mike – so der Name meines, oh Gott, sie nannte ihn wirklich so!, Stiefvaters – getroffen hatte. »Wir werden das Haus verkaufen und nach Südspanien ziehen!«
Am Abend legte sich meine Mutter neben mich in mein Bett: »Ich weiß, Du hast wenig Verständnis für das, was dein Papa und ich getan haben und gerade tun. Aber es gibt Momente im Leben, in denen die Liebe nicht mehr funktioniert. Ich habe mich in Mike verliebt – und dein Vater weiß das. Und ich möchte mit ihm ein neues Leben aufbauen.«
Ich öffnete die Augen – sie erschrak. Hatte sie gedacht, dass ich schlafen würde? »Mama, und wo bleibe ich bei deinen Plänen? Bin ich nicht mehr dein Kind?«
»Für dich wird sich nichts ändern. Du wirst immer mein Sohn bleiben. Aber du musst beginnen, Mike zu akzeptieren. Er wird ein Teil unseres Lebens werden. Auch deines.«
»Mama!«, sagte ich leise, »waren es seine Schuhe, die ich damals gesehen habe?«
Sie drehte sich weg und setzte sich langsam auf, sodass ich ihr nicht mehr ins Gesicht schauen konnte.
Ich sah, wie sie nickte.
»Es tut mir leid.«
Dann stand sie langsam auf und zog die Tür hinter sich zu. Es fühlte sich für mich an, als hätte sie den Schlussstrich unter unsere Beziehung gezogen.

Weihnachten 2003
Es war ein harter Winter. Auf der Schwäbischen Alb fuhren die Schneepflüge im Minutentakt. Am Abend vor Weihnachten lagen Claudia und ihr Freund Antonio, ein kleiner, aus Rom stammender Italiener, auf dem Sofa in ihrer Wohnung und tranken eine Flasche Wein, während Eros Ramazotti aus den Lautsprechern schnulzte.
»Ich liebe seine Musik«, sagte sie leise in sein Ohr und fing an, ihn zu küssen.
»Hey, du sollst mich lieben, nicht den Eros!«
Sein italienischer Akzent war bis heute nicht zu überhören, dabei lebte Antonio schon so viele Jahre in Deutschland, dass er den Akzent längst hätte ablegen können. Er war gerne Italiener. Mit Leib und Seele und mit Mamma mia und allem, was dazu gehörte.
»Ich habe doch gesagt: Ich liebe seine Musik, nicht ihn«, sagte Claudia barsch und wich von ihm zurück.
Er grinste. »Eingeschappt?«
»Das heißt eingeschnappt, nicht eingeschappt!«
»Egal!«
»Noch zwei Stunden, dann hast du Geburtstag«, flüsterte er in ihr Ohr.
»Freust Du dich?«
Sie war wieder bester Laune: »Aber klar doch! Krieg ich auch ein Geschenk?«
»Bin ich nicht Geschenk genug?«, fragte Antonio und zwinkerte heftig mit dem linken Auge. Und schaute wie ein verstoßener Liebhaber, den keiner mehr haben wollte.
»Naja, ein bisschen mehr darf es schon sein«, sagte sie frech und stand vom Sofa auf.
»Du wirst schon sehen, lass dich doch einfach überraschen. Sollen wir nicht noch eine Flasche Wein aufmachen?«
»Du willst nur, dass ich Mitternacht nicht mehr erlebe und du dir mein Geschenk somit sparen kannst. Ich bin doch jetzt schon angedudelt.«
»Man wird nur einmal dreißig!«
Sie lallte ein wenig, aber wenn sie jemand gefragt hätte, dann hätte sie behauptet, sie sei fit und spüre nichts vom Alkohol. Antonio ging es nicht besser: Er kramte in den CDs und zog ein weiteres Mal Eros Ramazotti heraus. »Haben wir die schon gehört?«
»Meine Güte, du kriegst keinen Wein mehr. Natürlich haben wir die schon gehört!.«
Sie nahm ihm die CD aus der Hand und legte dafür einen Kuschelrock-Sampler ein.
Dann zog sie ihn vom Sofa hoch und begann, innig mit ihm zu tanzen. Er genoss es, ihren Körper zu spüren. Sie drehte sich rückseitig zu ihm und begann, sich mit ihrem Hintern an ihm zu reiben. Er griff mit den Armen um ihren Körper und schmiegte sich fest an sie.
»Ich liebe dich!«, sagte sie leise und küsste ihn über ihre Schulter hinweg auf den Mund.
Die Musik war so leise, dass sie durch das gekippte Fenster die Kirchturmglocke läuten hörten. Zwölf Mal. Heiligabend. Sie hatte Geburtstag. Ihr dreißigster!
Die linke Scheibe barst, danach die rechte. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Beide sackten in sich zusammen. Ihr Blut verteilte sich auf dem weißen Teppich. Rot, klebrig, süß.
Es dauerte Wochen, bis sie gefunden wurden. Die Polizei fand außer den beiden Kugeln nichts. Keine Spuren. Nichts außer zersplittertem Glas und zwei leblosen Körpern, an deren Stirn ein kleines Einschussloch zu finden war. Die Rückseiten der Schädel waren weggesprengt worden. Sie hatten nicht den Hauch einer Chance.

Rückblende Bei Lola
Meine Mutter bog mit ihrem Audi A6 in die Hofeinfahrt des Internats – ganz so als würde sie auf den Parkplatz eines Supermarktes fahren. Doch dieses Mal wollte sie nichts kaufen. Nein, sie wollte etwas loswerden: mich!
Mit Händen und Füßen hatte ich mich gewehrt, als sie mir gesagt hatte, sie werde mich in ein Internat bringen lassen. Dann müsse ich nicht mit ihr nach Spanien, hatte sie argumentiert. Das sei doch das Beste für uns alle. Ich werde eine exzellente Schulausbildung genießen und zudem könne ich in Deutschland bleiben. Und in den Ferien könne ich sie ja in Spanien besuchen und mit ihr und Mike einen super Urlaub verbringen. Und wenn ich in einigen Jahren mit dem Internat fertig sei, wäre in Spanien alles vorbereitet, so dass ich zu ihnen ziehen könne. Meine Mutter malte die Welt rosarot. Besonders ihre eigene.
Als sie mich ins Auto stecken wollten, hatte ich bewiesen, wie viel Kraft in einem Zehnjährigen steckt. Ich hatte mich gedreht und gewendet, hatte getreten, gebissen, geschlagen. Es dauerte fast dreißig Minuten, bis es ihnen gelang, mich auf die Rückbank zu verfrachten. Doch auch dann hatte ich nicht aufgegeben. Ich kletterte sofort wieder auf die Vordersitze und versuchte, über die Beifahrerseite wieder aus dem Auto zu kommen. Das Ganze ging so lange, bis mich ein harter Schlag an der Schläfe traf. Mike schüttelte seine Hand, die ihn sichtlich schmerzte. Ich sackte zusammen. Meine Mutter und Mike packten mich und setzten mich wieder auf die Rückbank. Sobald der Gurt angelegt war, startete sie den Motor. Ich war auf dem Weg in meine neue Heimat: das katholische Internat, gelegen auf der tiefsten, finstersten Alb.
Als wir aus dem Audi stiegen, wanderte mein Blick an der massiven Hausfront entlang: Das Internat war ein Bau, wie man ihn in den 70er Jahren verbrochen hatte. Ein Koloss aus Stahl und Zement. Angsteinflößend, erdrückend. Ohne Charme und Wärme.
»Schön hier, nicht wahr?«, flötete meine Mutter.
Was war hier schön? Kalte, karge Beleuchtung – nicht nur auf dem Parkplatz. Daneben lag ein Sportplatz. Er verdiente den Namen kaum; ihn überzog kein Rasen, sondern rote Asche. Die beiden Tore standen irgendwie schief, die Netze waren notdürftig geflickt und würden, da war ich mir sicher, mitsamt der Pfosten und Latte beim ersten etwas kräftigeren Schuss in sich zusammensacken. Ein verrosteter Gitterzaun umfasste den Platz wie einen Käfig.
Dahinter musste das Schlafgebäude liegen. Die Rollläden hingen zum Teil aus den Verankerungen und beim leichtesten Windstoß quietschten sie, als würde ein D-Zug die Bremsen ziehen. Der Trakt war jahrzehntelang nicht gestrichen worden. Unleserliche Graffiti zierten ihn in vergilbten Farben. Ein Bild tauchte vor meinem Gesichtsfeld auf: Eine blanke Faust mit nur drei Fingern, die aus der Wand zu kommen schien und nach jedem schlug, der sich dem Gemäuer näherte. Furchteinflößend heruntergekommen.
Ich sah mich nicht weiter um. Ich hatte genug gesehen, um zu wissen, dass ich hier nicht bleiben wollte.
Meine Mutter spürte meinen aufkommenden Widerstand und versetzte mir einen Stoß mit der Hand.
»Nun komm schon. Du wirst dich hier schnell wohlfühlen. Schließlich hast du lauter Kinder um dich herum und wirst ganz schnell Freunde finden. Da sind viele in deinem Alter. Zu Hause hältst du es doch auch kaum aus, wenn du nicht ständig mit den anderen herumhängst.«
Wie falsch ihre Einschätzung doch war!
Dass sie nicht gemerkt hatte, dass ich nur noch wenig Kontakt zu anderen hatte. Ich war längst ein Einzelgänger geworden.
Wir betraten das Internat. Was ich dort sah, stellte alles, was ich bisher gesehen hatte, in den Schatten. Noch nie zuvor hatte ich eine solch schäbige Schule gesehen. An den Wänden hatten sich Schüler verewigt. Ich konnte nur noch einzelne Passagen entziffern: ›Fuck you!‹ und ›Fuck the teacher!‹. Aber etwas damit anfangen, konnte ich nicht. Die Grafitti waren nur notdürftig überstrichen worden.
Sollte ich meine Strategie ändern? Meine Mutter bitten und sie anflehen, mich nicht hier zulassen? Doch das widerstrebte mir zutiefst. Warum sollte ich sie bitten, wenn ich wusste, dass ich von ihr keine Hilfe erwarten konnte? Sie wollte mich nur loshaben.
»Jetzt schau nicht so traurig und böse. Du bist und bleibst mein Junge, das weißt du doch, oder? Im Moment ist das aber die beste Lösung für uns.« Sie machte eine kurze Pause, die sich für mich anfühlte wie eine Ewigkeit. »Und für dich selbst!«
Wieder zog sie mich am Arm, hakte sich mit dem Ellbogen bei mir ein, nicht freundschaftlich, sondern so fest, dass ich nicht mehr entweichen konnte. »Wie Daumenschrauben«, dachte ich laut. Sie schaute mich an und schüttelte den Kopf.
Wir gingen zum Direktor der katholischen Schule. Er nahm uns mit in sein Büro und setzte sich an seinen Schreibtisch. Hinter ihm an der Wand prangte ein riesiges Kreuz. Er bekreuzigte sich, bevor er wieder Platz nahm.
»Mein Name ist Klaus Miezwiecz. Ich bin der Direktor dieser Schule. Schön, dass Sie sich für uns entschieden haben«, sagte er zu meiner Mutter, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Wer hatte sich entschieden? Und für wen war diese Entscheidung gut? Am meisten für meine Mutter. Für sie bedeutete sie Freiheit.
Er stellte ihr die Schule vor, das Konzept der Züchtigung, das Gehorch-mir!-Prinzip, das Einfordern von Disziplin. Alles mit dem Ziel, den Kindern und Jugendlichen den Weg in das ach so böse Draußen zu erleichtern. »Nur so werden aus jungen Menschen Bürger unseres Landes, die man getrost auf ihre Mitmenschen loslassen kann.«
Meine Mutter nickte. Doch ich sah, dass ihre Ohren rot anliefen und sie nicht von dem überzeugt war, was der Direktor hier predigte.
Nach einer Weile wandte er sich zu mir: »So, du möchtest also zu uns kommen? Hast Du Dir deine Entscheidung reiflich überlegt?«
Ich hätte lachen und gleichzeitig heulen können, so grotesk war diese Frage. Ich brachte kein Wort über die Lippen.
»Na, du wirst schon noch reden, wenn du dich an alles hier gewöhnt hast.«
Ich schwor mir, für immer zu schweigen.
Meine Mutter schickte mich aus dem Raum, als es um, wie sie sagte, »die nackten Zahlen« ging. Ich lauschte an der Tür: Der Direktor zählte auf, was in den Leistungen enthalten war. Dann stieß mich seine Sekretärin von der Tür weg: »Na, mein Junge! Das geht aber nicht. Hier wird nicht gelauscht!« Sie zog mich an meinem linken Ohr weg von der Tür. Ich spürte, wie sich ihr Fingernagel unerbittlich in mein Ohrläppchen bohrte, traute mich aber nicht zu schreien. Sie setzte mich auf ein kleines Plüschsofa, das aussah, als hätten hier schon Hunderttausende vor mir Platz nehmen müssen. Es roch modrig. »So, hier bleibst du, bis der Herr Direktor und deine Mutter so weit sind.«
Ich schaute sie mir genau an, als sie sich auf ihre Schreibmaschine konzentrierte. Sie musste Mitte vierzig, dachte ich. Schlank, groß. Ihre Haare trug sie in einem Dutt. Auf ihrer Nase prangerte eine Lesebrille, die sie fast bis zur Nasenspitze nach vorne geschoben hatte. Sie trug eine graue Bluse, zugeknöpft bis zum Hals, und einen schwarzen Rock aus Kord, der über ihre Knie reichte.
»Was starrst du mich so an?«
Ich gab keine Antwort. Und dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und sagte: »Darf ich Sie etwas fragen, bitte?«
»Wenn jemand so freundlich fragt, natürlich. Was hast du auf dem Herzen?« Sie setzte ein Lächeln auf, das ich ihr niemals zugetraut hätte.
»Was erwartet mich hier?«
Sie antwortete nicht, denn sie spürte wohl, dass ich noch nicht fertig war. Dann sagte ich noch leiser als zuvor: »Ich habe Angst.«
Sie stand auf und kam auf mich zu.
»Also: Mein Name ist Beatrice. Wenn wir alleine sind, darfst du mich, wenn du magst, bei meinem Vornamen nennen. Im Beisein des Direktors bin ich für dich aber Frau Zeichner. Hast du das verstanden?«, fragte sie eindringlich.
Ich nickte.
War sie eine nette Frau, die auf meiner Seite stand, oder musste ich auch vor ihr Angst haben? Ich wusste es noch nicht.
»Du wirst also hier bei uns bleiben?«
Wieder nickte ich.
»Hier in unserem Internat gelten strenge Regeln. Das hast du sicher schon bemerkt.«
Ich nickte.
»Wenn du dich an diese hältst, dann wird es für dich ein spannendes, interessantes und erfülltes Leben. Doch wehe dir, du wirst bockig und meinst, du könntest den Erwachsenen auf der Nase herumtanzen.«
Plötzlich wurde ihre Stimme weich und sie setzte sich neben mich.
»Aber Angst brauchst du keine zu haben. Du wirst dich, wie alle anderen hier, schnell einleben und dann ist alles nur noch halb so schlimm. Angst ist wie eine Krankheit. Sie lähmt dich und nimmt dir den Atem. Du solltest vor allem und jedem Respekt haben. Aber Angst wird dir die Möglichkeiten nehmen, dich zu entfalten und ein ganz besonderer Schüler zu werden. Und der kannst du werden. Wenn du das beherzigst, dann wird dich Direktor Miezwiecz unter seine Fittiche nehmen. Und dann hast du Privilegien wie nur wenige andere an dieser Schule. Ich traue dir das zu.«
Und wiederum fragte ich mich: Konnte ich ihr vertrauen? Oder gehörte sie ebenfalls – wie der Direktor – zu denen, vor denen ich Angst haben musste? Oder Respekt, wie sie es nannte. Grübelnd saß ich auf dem Sofa, schaute Beatrice oder Frau Zeichner beim Arbeiten zu und vergrub meine Hände, in dem schon lange nicht mehr zarten Plüsch.
Dann öffnete sich die Tür. Die Stimme des Direktors drang aus dem Raum heraus.
Ich hörte noch, wie er zu meiner Mutter sagte: »Machen Sie sich keine Gedanken. Ihrem Sohn wird es hier gut gehen – wie den anderen 150 Kindern auch. Sie können getrost in ihre neue Heimat fahren und sich ganz Ihrem neuen Partner widmen. Eine neue Liebe braucht ja auch viel Zeit und gemeinsame Stunden. Sind wir doch mal ehrlich: Da stören doch Kinder oftmals nur!« Meine Mutter und er lachten.
Mir war zum Kotzen zumute.
Meine Mutter kam auf mich zu und nahm mich in den Arm. Ich blieb reglos stehen und ließ die Liebkosung über mich ergehen: »Da stören doch Kinder oftmals nur«, schoss es mir durch den Kopf.
Als meine Mutter vom Hof des Internats fuhr, blickte ich traurig unserem A6 hinterher. Vor einem Jahr noch in einer angeblich glücklichen Familie, stand ich nun alleingelassen im Schatten eines Betonklotzes. Ich spürte, gedankenverloren, wie ich dort stand, erst spät die Hand, die sich auf meine Schulter legte. Ich blickte sie an und erschrak. Die Hand war grob, furchige Rinnen liefen durch die trockene Haut und dunkle Flecken zeigten sich darauf. Als ich aufsah, sah ich in das Gesicht des Direktors.
»Mein Junge, warum bist du denn so schreckhaft? Komm mit mir«, sagte er. Dann zog er mich zurück in das Betongebäude. Und ich spürte den Druck auf meiner Schulter.
Ich war allein, ich war hier. Und doch nicht wirklich da. Meine Gedanken kreisten um mein vorheriges Leben, als ich im Bett des kleinen Zimmers lag, das ab sofort mein Reich sein sollte. Ein Raum mit einem schmalen Schreibtisch, einem Schrank, einem winzigen Waschbecken, dessen Griffe aussahen, als wären sie längst eingerostet. Mir fiel auf, dass noch ein zweites Bett im Raum stand. Ich war also doch nicht allein.
Eine Kammer. Ohne Fenster.
Mit einer Tür, die nach außen aufging, da ansonsten nicht alles Platz gefunden hätte. Ohne Farbe und mit schroffen Kanten an den Wänden. Ein Verputz, an dem man sich die Hände aufriss.
Ich lag immer noch auf dem Bett und starrte an die Decke. Das Bettzeug roch muffig. So als wäre es in den letzten zehn Jahren nicht gewechselt worden, als hätten sich die Milben so vermehrt, dass von den einstigen Federn nichts mehr übrig war. Ich starrte nach oben und sah die feinen Spinnweben, die sich von links nach rechts und zurück durch den gesamten Raum zogen. Die Fäden hoben sich ab von der dunklen Decke, die das Zimmer noch enger erscheinen ließ. Ich schreckte hoch, als ich ein Geräusch hörte.
Ich musste eingeschlafen sein.
Wie spät es wohl war?
Auf der kleinen Armbanduhr an meiner linken Hand konnte ich nichts erkennen. Meine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Ich sah, dass sich unter der Decke des anderen Bettes etwas bewegte. Es sah aus wie ein kleines Knäuel, zusammengerollt wie ein Igel, der sich für den Winterschlaf bereit machte.
Ich flüsterte: »Wer bist du? Geht es dir gut?«
Das Knäuel bewegte sich nun hektisch. »Kannst du nicht sprechen?«
»Ich heiße Thomas!«
Unter dem Kissen lugte ein Gesicht hervor.
Ein Junge, vielleicht sieben, acht Jahre alt, noch kleiner als ich.
»Schön, dich kennenzulernen«, sagte ich und dachte mir: ›Mann, dem geht es ja noch schlechter als mir. Der ist ja noch jünger als ich.‹
»Geht es dir gut?«, wiederholte ich meine Frage.
Ich sah, wie er mit den Schultern zuckte.
»Ist es schon Nacht?«, fragte ich den Jungen.
»Ja, draußen ist es dunkel. Es ist kurz vor zehn!«
»Ich glaube, wir sind ab jetzt Zimmernachbarn. Ist das okay für dich?« Ich versuchte, ein Gespräch mit dem kleinen Jungen zu beginnen.
»Ich finde es schön, dass ich hier nicht mehr allein bin.«
»Wie lange bist du denn schon hier?«
»Zwei Jahre.«
»Warum denn das? Du bist doch noch so jung!«
Der Junge zögerte und ich hörte sein unterdrücktes Schniefen: »Meine Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen und dann hat mich meine Oma hierher gebracht. Es wäre die beste Lösung, hat sie gesagt. Sie konnte mich nicht bei sich aufnehmen. Ich wäre so gerne bei ihr geblieben. Aber mit fast achtzig wäre sie zu alt, um auf ein kleines Kind aufzupassen, hat sie damals gesagt. Inzwischen ist sie auch gestorben.«
Ich hielt inne. Ich spürte, dass er erst mal verschnaufen musste.
Dann sagte ich: »Und? War es die beste Lösung?«
Der Junge schwieg.
»Thomas?«, fragte ich.
Was hatte dieser Junge nur erleben müssen?
»Ja, naja, ich weiß es nicht. Ich kenne die anderen Lösungen ja nicht. Aber du wirst ja schon bald selbst sehen, was es heißt, hier zu sein.«
Damit drehte er sich zur Seite und zog die Decke über sein Gesicht.
»Thomas?«
»Ja.«
»Wollen wir Freunde sein? Magst du, dass wir hier alles gemeinsam machen?«
Ich merkte, wie der kleine Junge sich wieder zu mir drehte und die Decke ein Stück von seinem Gesicht zog, sodass nur seine Augen herausschauten.
Dann sagte er: »Ja, ich glaube, das wäre schön.«

Ich sagte Thomas, dass ich Michael heiße. Oder eben auch Lothar.
»Warum Lothar? Lothar finde ich lustig!«
»Ich weiß nicht genau, warum mich alle Lothar nennen. Das hat sich irgendwann mal so ergeben. Ich glaube wegen Lothar Matthäus. Den Fußballer, du weißt schon?«
»Nein, kenn ich nicht«, sagte Thomas und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
»Also, das ist ein richtig guter Kicker. Und ich war immer der beste Fußballer, und so kam ich zu dem Namen. Aber ist auch egal. Du kannst mich Michael nennen oder Lothar. Ganz egal.«
»Okay, ich sage Lothar, das ist lustig!«
Wir verbrachten in den nächsten Tagen jede freie Minute zusammen. Auch wenn wir verschiedene Klassen besuchten, versuchten wir zusammen zu sein: beim Essen, beim Sport nach der Schule und natürlich am Abend in unserem Zimmer, wenn das Einschließen anstand.
»Die nennen das wirklich Einschließen?«, fragte ich Thomas. »Einschließen? Wir sind doch nicht im Gefängnis.«
»Wo denn sonst? Hohe Gitter, Beton, ätzende Lehrer. Klar, du bist hier im Gefängnis!«
Thomas war für sein Alter reif. Viel weiter, als ich das von meinen Kumpels in meiner früheren Schule gewohnt war. Und doch fehlten sie mir.
Eines Nachts lag ich wach und weinte. Und das, obwohl ich mich in den letzten Monaten so weit von ihnen entfernt hatte. Thomas setzte sich an meine Bettkante und griff nach meiner Hand.
»Hey, was ist los?«
Er flüsterte.
Ich brachte kein Wort heraus. Ich weinte, wollte weinen.
»Kann ich dir helfen? Soll ich dir ein Glas Wasser holen?«
Ich brauchte ein paar Minuten, um mich zu beruhigen.
Ich schnaufte, wischte mir die Tränen mit dem Schlafanzugärmel aus dem Gesicht. »Mir fehlen meine Freunde – die aus meiner früheren Schule. Ich fühle mich so einsam.«
Thomas ließ meine Hand los: »Aber du hast doch jetzt mich!«
Ich setzte mich auf und sagte nur: »Weiß ich, danke! Ich bin froh, dass wir zusammen in diesem Zimmer sind. Und dass wir so gut miteinander auskommen. Aber sie waren die letzten Jahre meine Freunde. Wir haben so viel zusammen gemacht. Und jetzt wissen sie wahrscheinlich nicht einmal, dass ich hier bin. Wie soll ich mit Ihnen in Kontakt bleiben? Außerdem habe ich sie in den letzten Monaten wie den letzten Dreck behandelt.«
Thomas schaute mich mit seinen großen, blauen Augen an: »Dann schreib ihnen doch. Mach du den Anfang. Schreib einen Brief an jeden. Dann können sie dir auch zurückschreiben.«
Thomas hatte recht.
Warum war ich nicht selbst darauf gekommen?
»Bekommen wir unsere Post auch tatsächlich?«
»Ja, das schon ...«, sagte Thomas. Er unterbrach sich selbst.
»Was?«
»Du bekommst die Briefe. Aber du liest sie nicht als Erster. Der Direktor liest jeden Brief als Erster. Wenn sie oder du Schlechtes über die Schule schreiben, dann wirst du bestraft. Je mehr drin steht, desto härter die Strafe.«
Er drehte mir den Rücken zu und schob sein T-Shirt nach oben. Ich sah schwarze, vernarbte Striemen auf seinem Rücken.
»War er das?«
Thomas nickte.
»Dieses Arschloch!«
Ich wunderte mich selbst über dieses Wort, hatte ich doch sonst selten mit Ausdrücken um mich geworfen.
»Warum?«
Thomas antwortete nicht.
»Komm, sag schon?«
Er schüttelte den Kopf.
»Okay, du musst nicht. Aber wenn dir mal danach ist, dann leg einfach los. Jederzeit. Ich bin dein Freund.«
Plötzlich sagte er: »Ich habe nur gesagt, dass er den anderen Jungen nicht schlagen soll. Er hatte an seine Mutter geschrieben, dass es ihm nicht gut ginge und er von allen gemobbt werde. Auch von den Lehrern und vom Direktor.«
»Und dann?«
»Dann hat er mich gefragt, ob ich tatsächlich will, dass der Junge nicht geschlagen wird, obwohl er solch ein Verbrechen begangen hat? Und dann nahm er die Peitsche beiseite und sagte: Okay, wenn du das sagst.«
Thomas Augen begannen zu glitzern.
Die erste Träne rann ihm über die Wange. Er weinte immer heftiger.
»Ich wollte aufstehen und gehen, als mich seine Hand packte und er mir den Arm auf den Rücken drehte. Er schleuderte mich herum, sodass ich auf dem kleinen Tisch in seinem Büro auf dem Bauch lag. Er riss meinen Pullover nach oben und haute mit der Peitsche fünf-, sechs-, siebenmal auf mich ein. Dann sagte er: Das soll dir eine Lehre sein, dich für andere einzusetzen, die schlecht von unserer Schule sprechen. Dann schickte er mich weg!«
Thomas erzählte weiter, dass sich die Wunden entzündeten und er hohes Fieber bekam. »Ich dachte, ich muss jetzt sterben. Der Direktor holte einen Arzt, der natürlich fragte, was passiert sei. Er sagte ihm, dass ich von den anderen Kindern geschlagen worden sei. Ich traute mich nicht, ihm zu widersprechen. Und ich wusste auch nicht, ob ich nur geträumt hatte, was er gesagt hatte. Ich lag im Delirium und hatte mich entschieden: gegen das Leben, für den Tod.« Er senkte seinen Kopf auf meine Brust, sodass mich seine Locken in der Nase kitzelten.
Doch ich konnte nicht lachen. Ich war geschockt.
»Und du hast niemandem etwas davon erzählt?«
Er schüttelte den Kopf.
»Warum nicht?«
»Du bist der Erste. Er hat mir gedroht, dass es mir schlecht bekommen werde, wenn ich auch nur ein Sterbenswörtchen davon erzählen würde.«
Mein Gott, was hatte er nur schon alles erlebt. Und ich heulte wegen ein bisschen Heimweh.
Ich nahm ihn fest in den Arm: »Ab sofort werde ich da sein, wenn dir jemand etwas Böses tun will. Ich passe ab jetzt auf dich auf.«
Thomas sagte: »Danke, aber ...«
Ich schwieg.
Als er nicht weitersprach, fragte ich nach: »Was? Aber?«
»Du wirst keine Chance gegen ihn haben!«
Vermutlich hatte er recht.
Was sollte ich, mit meinen gerade mal zehn Jahren, gegen einen erwachsenen Mann ausrichten? Und noch dazu gegen den Direktor unseres Internats.
»Trotzdem, lass uns zusammenhalten! Dann können wir vieles besser ertragen.«
Nach dieser Devise lebten wir fortan.
Doch die Schläge, die Thomas erfahren hatte, waren nur die Spitze des Eisbergs. Das wurde mir immer klarer. Dieser Junge musste die Hölle auf Erden erlebt haben. Doch er redete nicht oft davon. Schon bald sollte ich ihn verstehen ...

Details

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Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783945298510
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317367
Schlagworte
stille nacht appetizer

Autor

  • Ralph F. Wild (Autor)

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Titel: 24 - Stille Nacht