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Eine Reise um die Welt

von Claudia Zentgraf (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Am Hafen

Wie jeden Tag herrschte am Londoner Hafen reges Treiben. Ein buntes Völkchen tummelte sich in den angrenzenden Gassen, den Schankstuben und am Kai, wo die ankommenden Handelsschiffe ihre Ladung löschten und andere zum Auslaufen fertig gemacht wurden. Ununterbrochen wurden Waren aus Asien und Amerika, darunter feinste Stoffe, Porzellan, Tee, Kaffee sowie exotische Gewürze ausgeladen. Sie waren teuer und meist nur für die bessere Gesellschaft gedacht. Nichts für Tagelöhner oder einen Hilfsarbeiter wie Henry.

Mit schweißnassen Händen balancierte Henry die letzten beiden hölzernen Kisten zur Kaimauer hinüber, als die Obere zu rutschen begann. Henry tänzelte nach rechts und hatte die Kiste gerade wieder in die Mitte bugsiert, als er plötzlich von hinten angerempelt wurde. Er stolperte nach vorne und einen Sekundenbruchteil später landete seine Ladung unsanft auf dem Boden. Ein Deckel sprang auf, das Salz und Pökelfleisch verteilte sich auf dem staubigen Pflaster. Wütend fuhr Henry herum. Vor ihm stand ein Bursche, der so viele Bücher trug, dass sie ihm bis zum Kinn reichten. „He du! Kannst Du nicht aufpassen?“, blaffte er den Bengel an, der offensichtlich für die Misere verantwortlich war.

„Entschuldigung, das wollte ich nicht“, stammelte dieser, während er die Bücher vorsichtig auf einem Holzfass niederlegte.

Der Kerl war einen Kopf größer als er. Seine braunen Haare wurden im Nacken durch ein Band zusammengehalten. Das Spitzenhemd war verschwitzt und er trug schwarzglänzende Schuhe die auf dem Fußrücken, mit einer silbernen Schnalle verziert waren. Die Bücher, die Kleidung, das alles deutete darauf hin, dass er kein einfacher Hafenarbeiter war - wohl eher ein Schüler oder Lehrling, glaubte Henry. Ausgerechnet Bücher! Obwohl Henry schon vierzehn Jahre alt war, hatte er nie lesen gelernt. Zudem hätte er sowieso keine Zeit für so etwas gehabt.

Hastig wische er den Staub vom Pökelfleisch, kratzte das Salz zusammen, das nun eine Spur Dreck enthielt und warf alles wieder zurück in die Kiste. „Wer bist du und was machst du hier?“, fragte er schließlich, von Neugier gepackt, während er den Deckel schloss und die Kiste auf den Stapel setzte.

„Ich ...“, begann der Junge und setzte dann erneut an, „ich heiße Georg. Georg Forster. Mein Vater wurde bei dem Schiff dort angeheuert und ich darf mit.“

Georg zeigte auf die Dreimastbark, die direkt vor ihnen lag. „Die Bücher soll ich auf das Schiff bringen.“ Georg hob die andere Holzkiste auf.

„Ihr habt auf der Resolution angeheuert? Bei Kapitän Cook?“, fragte Henry erstaunt. Mechanisch griff er nach der Kiste, die Georg ihm reichte.

„Genau. Du kennst Kapitän Cook?“

„Nun ja, ich habe allerhand von ihm gehört.“ Henry setzte sich schwungvoll auf die Kaimauer. „Letztes Jahr kam er von der Weltumsegelung zurück. Damals redete jeder von ihm. Wenn man Glück hatte, traf man im Wirtshaus auf einen seiner Matrosen. Der konnte die tollsten Geschichten erzählen, sage ich dir! Von fremden Ländern, Wilden, gefährlichen Tieren, Stürmen und natürlich über Kapitän Cook. Mensch, die haben vielleicht was erlebt“, seufzte Henry. Seine Augen fingen an zu leuchten.

„Ja, das stimmt wohl. Ich weiß, dass ihr Schiff an der Küste von Neu-Holland im großen Riff auf Grund gelaufen ist. Was für eine Katastrophe! Die Reise wäre fast gescheitert. Dass Cook noch den Zugang zum offenen Meer gefunden hat, war eine echte Meisterleistung.“ Georg schüttelte beeindruckt den Kopf und setzte sich zu Henry. Insgeheim hoffte er, dass ihm so ein Abenteuer erspart bleiben würde.

„Ja, Cook muss ein erstklassiger Kapitän sein“, flüsterte Henry bewundernd. Unvermittelt streckte er Georg die Hand entgegen. „Ich heiße Henry.“

Georg schlug ein und lächelte. Der Junge mit den wirbeligen hellbraunen Locken und den abertausenden Sommersprossen gefiel ihm.

„Weshalb fährt Cook diesmal los?“, wollte Henry wissen.

„Offiziell sollte Cook bei seiner letzten Reise nur den Venusdurchgang vor der Sonne beobachten. Damit wollten die Astronomen die Entfernung zwischen Erde und Sonne bestimmen. Doch das war nur ein Teil seines Auftrags gewesen. Insgeheim sollte er den Südkontinent suchen.“

„Den Südkontinent?“

„Natürlich. Den muss es doch geben“, sagte Georg. „Der Südkontinent ist das Gegenstück zu unseren Kontinenten - also unserem Land hier auf der Nordhalbkugel.“ Als Georg seinen verständnislosen Gesichtsausdruck sah, wusste er, dass Henry ihm kein bisschen folgen konnte. Doch er hatte eine Idee. Er ging auf einen Fuhrwagen zu und nahm einen Kohlkopf herunter. Anschließend hob einen rostigen Nagel und einen alten Fischkopf auf. Mit diesem steckte er den Fischkopf auf den Kohl.

Henry runzelte die Stirn. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was Georg damit bezwecken wollte.

„Jetzt schau!“ Georg hob den Kohl so, dass der Fischkopf oben auflag. In dem Moment, als er den Kohl auf den Boden legte, rollte der Kohl so, dass gleich darauf der Fischkopf den Boden berührte. „Siehst du? Das Gewicht zieht den Fisch nach unten. Damit der Kohl nicht rollt, muss auf der anderen Seite logischerweise dasselbe Gewicht hängen. So ist das auch mit unserer Erde. Wir brauchen einen zweiten Fischkopf auf der gegenüberliegenden Seite.“

„Wir brauchen einen Fischkopf?“

„Nein! Einen Kontinent, Land! Es geht doch nur um das Gewicht“, seufzte Georg. War das denn so schwer zu verstehen? „Cook soll im Pazifik Land finden. Das ist sein Auftrag“, sagte er knapp.

„Ach so.“ Henry drehte sich zur Resolution um. „Eine Entdeckungsreise mit Kapitän Cook, das muss wunderbar sein“, murmelte er. Wie gerne würde er mit Georg tauschen. Verträumt schaute er vor zum Bugspriet, dann wanderte sein Blick über das Großsegel bis hinter zum Achterdeck. In Gedanken sah er sich an der Reling stehen. In wenigen Tagen würde ein Matrose „Land in Sicht!“ rufen und kurze Zeit später wäre er auf einer völlig unbekannten Insel. Mit Macheten schlügen sie sich den Weg durch den dichten Dschungel frei. Exotische Vögel flögen aufgeschreckt in den azurblauen Himmel. Ganz allmählich lichteten sich die Baumreihen vor ihnen, wo sich ein tosender Wasserfall -

„Herrje, Georg. Da bist du ja! Ich hab‘ dich überall gesucht.“ Jäh wurde Henrys Traum von einer barschen Stimme zerrissen. Ein älterer Mann stapfte auf sie zu. Es musste Georgs Vater, der alte Forster sein, überlegte Henry. Seine Haare waren etwas ergraut und er hatte ein paar Falten um Mund und Augen, doch ansonsten waren sie sich wie aus dem Gesicht geschnitten. „Wo bleibst du denn? Wir haben noch viel zu erledigen, also komm“, fuhr er seinen Sohn an und drehte sich auch schon wieder zum Gehen um.

„Vater, warte! Darf ich dir Henry vorstellen?“ Mit einem Satz sprang Georg von der Mauer.

Abrupt blieb Forster stehen und schaute ihn über die Schulter hinweg irritiert an. Erst jetzt wurde ihm der Lockenkopf gewahr. „Henry, soso.“ Forster betrachtete den Jungen. Die Hose war eingerissen und viel zu kurz, das Hemd war dreckig und die nackten Füße ebenso. „Ich hoffe, er hat dich nicht bestohlen?“ Er warf seinem Sohn einen misstrauischen Blick zu.

„Nein nicht doch“, Georg lachte erstaunt auf, wurde aber gleich darauf wieder ernst. „Wir sind zus ... - ich meine, wir haben uns eben hier kennengelernt.“ Georg kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Weißt du, Henry kennt sich hier aus und ich sollte doch die Bücher an Bord bringen. Da dachte ich, er könnte mir… helfen?“, fragte Georg unbeholfen, wobei er Henry durchdringend ansah.

„Du hast die Bücher noch gar nicht ...?“ Forstes Augen wurden groß.

„Sir, wir wollten gerade los“, schaltete Henry sich schnell ein. „Ich kenne das Schiff. Also, nicht wirklich, aber …“ Henry spürte, wie seine Wangen zu glühen begannen. Bestimmt war sein Kopf rot wie Klatschmohn.

„Na was denn nun? Kennst Du das Schiff oder nicht?“, fragte Forster gereizt. Henry atmete tief durch, dann sammelte er sich: „Also, ich habe schon Ware für die Resolution angeliefert und beim Beladen der Star habe ich auch geholfen. Ich arbeite für den Händler Smith, Sir. Ich bin fast jeden Tag hier. Letzte Woche haben wir für die Brave Knight fünfzig Kisten -“

„Schon gut, schon gut. Das will ich alles gar nicht wissen“, winkte Forster ungeduldig ab. „Wie wärs, wenn Ihr jetzt einfach die Bücher an Bord bringt?“

„Natürlich Vater.“ Georg und Henry klemmten sich die Bücher unter die Arme und einen Wimpernschlag später drängelten sie sich auch schon durch das Gewühl.

Es ging vorbei an Pferdekarren, die mit Säcken voller Lebensmittel, Gebinden oder Holz beladen waren. Sie wichen Arbeitern aus, die Fässer mit Teer und Pech anrollten. Es stank nach Pferdeäpfeln, Schweiß und Dreck. Ein paar Meter weiter sahen sie, wie Zimmermänner kritisch die Ersatzhölzer, Spieren und Planken begutachteten, während sich ein Matrose laut keifend mit einem störrischen Ziegenbock abplagte. Ein alter Seebär stand ihnen stur im Weg und als er sie ansprach, stank sein Atem nach faulen Zähnen. Aus kleinen Käfigen drang das aufgeregte Geschnatter von Hühnern, Gänsen und Enten. Henry und Georg kamen an Tau- und Takelwerk vorbei, das zum Einhieven bereit lag. Sodann schoben sie sich durch zwei Händler hindurch, die sich einen hitzigen Wortwechsel über die Qualität ihrer Ware lieferten. Unterdessen versuchte ein Offizier am Steg wohl vergeblich, in diesem großen Wirrwarr den Überblick zu behalten.

Bootsmannsmaat David Anderson stand mit der Vorratsliste an der Reling und überwachte die Matrosen, die lustlos riesige Käseräder an Bord rollten. „Auf, ihr lahmen Kerle! Schneller! Das muss schneller gehen. Bringt alles in den Laderaum runter. Na los, macht schon.“

Georg folgte Henry, der sich geschickt an den Matrosen vorbei- quetschte. Er war noch nicht richtig an Bord, als er einem Seemann aus Versehen auf den Fuß trat. „Verdammich noch mal! Nicht so stürmisch, Junge“, knurrte er. Seine dunklen Augen blitzten Georg an wie die eines hungrigen Wolfes. Automatisch wich Georg einen Schritt zurück. Sein Blick fiel auf den muskulösen Unterarm, auf dem eine blaugrüne Tätowierung prangte. „Entschuldigung“, nuschelte Georg hasenherzig, während er versuchte, sich mitsamt seiner Bücher an ihm vorbeizuschieben.

„Mach, dass du nach Hause kommst, du elende Landratte! So einer wie du hat hier auf dem Schiff nichts verloren.“ Der Matrose schubste ihn beiseite und prompt kam Georg ins Schlingern. In letzter Sekunde griff Anderson ihm unter den Arm. „Danke Sir“, flüsterte Georg beschämt.

Anderson nickte ihm freundlich zu, dann drehte er sich zum Matrosen um. „He Richie, so geht man nicht mit Gästen um. Benimm dich, sonst landest du noch vor der Abfahrt am Mast!“

Richie grinste verächtlich, bevor er seinen Käse zum Niedergang rollte.

Während Anderson sich noch fragte, wie die Fahrt mit diesem ungehobelten Matrosen wohl sein würde, war Georg schon bei Henry angelangt. Er war froh, dass sein neuer Freund von dem ungeschickten Zwischenfall nichts mitbekommen hatte.

„Schau, da hinten ist ein Offizier“, raunte Henry. Er zeigte auf einen Mann in Uniform. Zögernd gingen sie zum Achterdeck nach hinten. „Los, frag nach der Kajüte“, murmelte er.

„Warum ich?“

„Weil du hier angeheuert hast.“ Henry schubste ihn zum Offizier, der gerade seine Unterlagen durchblättere.

„G-guten T-tag, Sir“, stotterte Georg.

„Ja?“ Der Offizier sah die beiden neugierig an. „Was kann ich für euch tun?“

„Ich bin der Sohn von Johann Forster, Georg Forster.“ Er verbeugte sich knapp. „Ich soll die Bücher hier an Bord bringen.“

„Forster?“, wiederholte er, nässte seine Fingerkuppe und blätterte damit durch seine Liste. „Ah, hier. Forster. Die Herren Naturwissenschaftler, richtig?“

Georg nickte.

„Mein Name ist Cooper, erster Offizier auf der Resolution. Willkommen an Bord!“ Cooper schüttelte ihnen die Hand.

Georg musste feststellen, dass der Offizier einen recht kräftigen Händedruck hatte. Selbst wenn Cooper keine Offiziersuniform getragen hätte, so hätte Georg allein an seiner Körperhaltung und dem stolzen Gesichtsausdruck daraus geschlossen, dass es sich bei ihm keinesfalls um einen einfachen Matrosen handelte. Offensichtlich hatte er eine gute Ausbildung genossen und in Sachen Bildung war er den Matrosen zweifelsohne überlegen. Wie die meisten seines Standes trug auch er eine weiße Perücke, die sein Gesicht und vor allem sein markantes Kinn betonte.

„Ihr wollt wohl zur Kajüte, was? Na, dann kommt mal mit.“ Cooper ging am Ruderstand vorbei und stieg behände den Niedergang hinunter. Die Treppe war ziemlich eng und mit den Büchern im Arm und so kam Georg die Stufen nicht ganz so schnell hinunter wie der Offizier.

„So, da sind wir.“ Sie hatten das Kajütendeck erreicht. Cooper öffnete die Tür.

Henry, der bisher immer nur auf dem Ladedeck gewesen war, sah sich staunend um. Die Kajüte war nur knapp vier Quadratmeter groß und obwohl die Forsters nicht viele Dinge auf das Schiff mitnehmen durften, schien der Raum fast schon überfüllt zu sein. Außer den zwei Kojen, einem Regal und einem schmalen Schrank, einem Tisch und zwei Stühlen befanden sich etliche Kisten mit diversen Arbeitsmaterialien in dem kleinen Raum.

Unschlüssig blieb Georg in der Mitte der Kajüte stehen. Er schluckte. Hier sollte er mit seinem Vater mehrere Wochen, nein Monate, wohnen und arbeiten?

Cooper, der seine Gedanken zu erraten schien, sagte: „Es ist zwar eng, aber immer noch besser als auf dem Zwischendeck bei den Matrosen. Wirst schon sehen.“ Er klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Ja Sir“, erwiderte er ein wenig verlegen.

„Richte deinem Vater bitte aus, dass wir euch morgen hier an Bord erwarten.“ Cooper tippte zum Gruß an seinen schwarzen Hut und verschwand.

„Ist doch gar nicht so schlecht. Ich könnte es hier aushalten.“ Henry setzte sich auf einen Stuhl. „Was habe ich da eben gehört? Ihr seid Naturwissenschaftler?“

„Mein Vater ist Naturwissenschaftler. Ich bin nur sein Assistent und Zeichner“, antwortete Georg, während er die Bücher im Regal verstaute.

„Dann seht ihr euch wohl den ganzen Tag das Unkraut an oder wie?“, grinste Henry derart, dass seine zwei großen Vorderzähne in voller Pracht zu sehen waren.

„Nicht ganz. Es stimmt zwar schon, dass wir die einzelnen Pflanzen notieren, aber uns interessieren auch die Tiere. Vor allem aber sehen wir uns die Arten an, die noch keiner vor uns entdeckt hat. Die Informationen halten wir dann fest“, erläuterte Georg.

„Wie meinst du das?“, fragte Henry, während er Georg ein Buch zum Einsortieren reichte.

„Na ja, wir schauen zum Beispiel, ob die Pflanze schon in Linnés Artenliste aufgeführt wurde. Wenn nicht, geben wir ihr einen Namen und fügen sie unserer Liste hinzu. Dort vermerken wir auch, zu welcher Gattung die Pflanze gehört, ob sie eine Heilwirkung hat und einiges mehr. Bei den Tieren verfahren wir ähnlich – natürlich ohne Heilwirkung.“

Henry merkte sofort, dass auch in Georg ein kleiner Naturwissenschaftler schlummerte.

„So, alles erledigt. Komm, wir müssen los, mein Vater ist bestimmt schon ungeduldig.“

Behäbig erhob sich Henry vom Stuhl. Ein letztes Mal schaute er sich in der Kajüte um. Gedankenverloren strich er über eine Kiste mit Messingbeschlägen. „Mensch Georg, bald segelt ihr los. Immer der Nase nach, über das weite Meer …“, flüsterte er mit einem Hauch Wehmut in der Stimme.

„Ja, morgen geht es los.“ Georg kletterte den Niedergang hoch. „Warum fährst du eigentlich nicht mit? Was ist mit deiner Familie? Hat sie etwas dagegen?“, bohrte Georg.

„Nein, mitnichten.“

Vermutlich würde ihn niemand hier vermissen. Als seine Mutter vor einem Jahr im Kindbett gestorben war, zog sein Vater mit den fünf Kindern nach London. Kaum angekommen wurde der Vater krank und das Leben in London war so teuer, dass er in Kürze verschuldete. Unverzüglich war er von den Schuldnern ins Schuldgefängnis gesperrt worden, wo er vor einem knappen Monat verstarb. Zum Glück konnte er beim Händler Smith als Hilfsarbeiter anfangen.

„Ich - ich habe keine Eltern mehr. Meine Geschwister sind zur Tante zurück aufs Land gezogen“, erklärte er knapp. Urplötzlich überfiel ihn Traurigkeit. Noch immer vermisste er seine Eltern. Henry versuchte zu erklären: „Eigentlich kann ich froh sein, dass ich bei ihm eine Anstellung gefunden habe. Außerdem - Mister Smith wird mich nicht gern gehen lassen. Dabei ...wenn er schlechte Laune hat, kann er unerträglich sein.“

„Wenn das so ein Untier ist, dann komm doch mit“, schlug Georg vor. „Du kannst ordentlich mit anpacken. Bestimmt wärst du ein guter Matrose. Worauf wartest du? Lass dich anheuern“, munterte Georg ihn auf.

Streng genommen hat Georg recht, dachte Henry. Wen störte es schon, wenn er England verlassen würde?

Cooper, der gerade den Matrosen in den Masten bei der Arbeit in der Takelage zusah, hatte Georgs letzte Worte gehört. Er zögerte kurz, dann ließ er von den Mastgasten ab und rief: „He, wartet mal Jungs! Kommt doch noch mal her!“ Überrascht drehten sich die Jungen zu ihm um.

„Habt ihr nicht beide hier angeheuert?“, vergewisserte sich Cooper.

„Nein, nur ich“, antwortete Georg, dann fügte er hastig hinzu: „Aber wenn Sie noch einen Matrosen brauchen, Henry wäre wie geschaffen für diesen Posten.“ Georg zwinkerte Henry vielsagend zu.

„Wir brauchen durchaus noch einige Leichtmatrosen“, bemerkte Cooper. Er fuhr sich über das Kinn und musterte Henry von oben bis unten. Nach ein, zwei Sekunden meinte er schließlich: „Nun gut. Also, wie sieht es mit dir aus?“

Henry sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Wie sieht was aus?“

„Mensch, stell dich doch nicht so dämlich an“, flüsterte Georg aufgeregt. „Willst du nun als Leichtmatrose arbeiten oder nicht?“

Erst jetzt begriff Henry, dass Cooper ihn einstellen wollte. Sein Herz machte einen Sprung. „Natürlich Sir! Ich wäre ein guter Leichtmatrose. Ein sehr guter sogar. Ich bin schon vierzehn, kann hart arbeiten und bin stark wie ein Pferd. Hier, schauen Sie mal!“ Henry entblößte dem Offizier seine Armmuskeln.

Cooper lachte. „Na dann – willkommen an Bord, Leichtmatrose Henry.“

„Danke Sir“, freute er sich. Aus Angst, dass er deshalb gleich einen Jubelschrei loslassen würde, presste er die Lippen fest aufeinander.

„Na siehst du“, jubelte Georg mit gedämpfter Stimme beim Weitergehen.

„Ich hab’s geschafft, oder Georg? Er hat mich angeheuert, oder?“ Henry konnte es immer noch nicht glauben.

„Sicher doch, Henry. Du bist ein Teil der Mannschaft, so wahr ich hier stehe“, lachte Georg.

Henry genoss den Moment. Er würde wahrhaftig mit Kapitän Cook auf große Fahrt gehen! Er würde England verlassen. Er würde fremde Länder kennenlernen, durch den Dschungel streifen und all das machen, wovon er immer geträumt hatte. Vor lauter Aufregung begannen seine Knie zu zittern. Er blieb stehen, um einmal durchzuatmen. Just in diesem Moment drang eine derbe Stimme an sein Ohr, die ihm förmlich das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Schlagartig fühlte er sich an den gestrigen Tag erinnert.

Es war um die Mittagszeit, als er in einem Hinterhof sein gewohntes Nickerchen auf einer mit Stroh beladenen Karre machte. Plötzlich wurde er von dieser Stimme, die rau und kratzig wie eine Raspel war, geweckt. Neugierig hatte Henry vom Karren heruntergespäht. Unweit von ihm, direkt im Durchgang, stand ein Mann. Sein Gesicht konnte er nicht erkennen, die Tätowierung wohl. Der Mann schien sich über den Inhalt einer Geldbörse zu freuen. Schließlich drehte er einen goldglänzenden Gegenstand in der Hand hin und her. Im nächsten Moment sprang der Deckel auf. Eine Taschenuhr! Henry hörte, wie sich der Mann über die seltsame Gravur lustig machte, scheinbar eine Blume. Das kehlige Lachen würde er unter Tausenden wiedererkennen. Als er sich schließlich selbst zu seinem guten Fang gratulierte, wurde Henry klar, dass er es hier mit einem Dieb zu tun hatte.

Im nächsten Augenblick hallte Getöse von der Straße zu ihnen herüber. Aufregung lag in der Luft. Sie suchten jemanden. Hastig steckte der Mann seine Beute in die Hosentasche. Jetzt erst bemerkte Henry das Messer, welches aus seiner Lederscheide blitzte. Er schluckte. Mit dem Kerl war bei Gott nicht zu spaßen. Einen Atemzug später war der Mann verschwunden.

Fieberhaft schaute Henry um sich. Der Taschendieb hatte sich offenbar unter das Volk aus Matrosen, Händlern und Offizieren gemischt. Wo steckte er? Wieder ertönte die raue Stimme des Diebes! Er sah in die Gesichter. Überall wurde gesprochen, geschimpft und gekeift. Es hätte jeder sein können. Angestrengt lauschte Henry und verglich die Stimmen mit den Bewegungen ihrer Münder. Doch plötzlich verstummte sie.

„Wo bleibst du?“, ertönte es direkt hinter ihm. Henry zuckte zusammen.

„Bist du von Sinnen?“, blaffte er Georg an.

„Ich habe doch nur gefragt, wo du bleibst“, antwortete Georg achselzuckend und klang dabei ein wenig beleidigt. Dann stutzte er. „Was ist mit dir los? Du siehst aus, als hättest du ein Seeungeheuer gesehen.“

„Nichts“, log Henry. „Mir ist nur mulmig zumute, weil - weil ich Smith sagen muss, dass ich ab morgen nicht mehr für ihn arbeite.“ Während er das sagte, prüfte er ein Gesicht nach dem anderen. Es gab welche mit Bart, Langnasen, braun gebrannte, zahnlose, welche mit Strubbelhaaren, Glatzköpfige und einige mit goldenen Ohrringen. War einer von ihnen der Dieb? Oder hatte er das Schiff längst verlassen?

„Ach mach dir keine Sorgen, Henry“, riss Georg ihn aus den Gedanken. „Während Smith in seinem Laden hockt, reisen wir schon bald um die Welt…“

Um die Welt. Der Dieb würde dann sein Unwesen auf den Straßen von London treiben, während sie um die Welt reisten.

Es geht los

Sie sah schon toll aus, die Resolution. Für die lange Reise hatten das Schiff und die Räumlichkeiten komplett überholt werden müssen.

Mittlerweile hatte es sich herumgesprochen, dass Kapitän Cook erneut zu einer Weltumsegelung aufbrach. Auf seinem Schiff waren hundertzwölf Matrosen angeheuert worden, während auf ihrem Begleitschiff, der Adventure, Kapitän Furneaux das Kommando über einundachtzig Seeleute hatte. Des Weiteren befanden sich auch ein Maler, ein Astronom, ein Arzt, mehrere Naturwissenschaftler und Kajütenjungen mit an Bord.

Auch die Ladung ließ Kapitän James Cook strengstens kontrollieren. Es gab klare Anweisungen, was alles mitzunehmen sei.

Erkrankte Seeleute, unfähig zu arbeiten, konnten die Reise mühelos zum Scheitern bringen. Die Krankheit Skorbut, welche auf Vitaminmangel beruhte, konnte sogar zum Tod führen. Für viele war das ein guter Grund, nicht zur See zu fahren. Kapitän Cook strebte danach, dass seine komplette Besatzung wohlauf nach England zurückkehrte. Aus diesem Grund ließ er sechzig Fässer vom vitaminreichen Sauerkraut einschiffen. Malz, Karottengelee, eingedicktes Bier und eingekochte Fleischbrühe sollten ebenfalls die Krankheit in Schach halten.

Charles Clerke und Richard Pickersgill kamen fast gleichzeitig am Liegeplatz der Resolution an. Für beide war es bereits die zweite Reise unter Kapitän Cook. Schon auf der Endeavour hatten sie als Steuermannsgehilfen gute Arbeit geleistet.

Clerke war ein stiller Mann, der sich auch in gefährlichen Situationen nicht aus der Ruhe bringen ließ. Auf der letzten Fahrt war er von Charles Green in die Praxis der Astronomie eingewiesen worden und nachdem dieser auf der Heimreise verstorben war, hatte Clerke pflichtbewusst dessen Arbeit übernommen.

Pickersgill hingegen sah ein bisschen verwegen aus. Die hellwachen Augen waren genauso tiefschwarz wie seine langen, lockigen Haare. Er war nicht der Typ, der sich jeden Tag rasierte. Im Gegensatz zu Offizier Cooper wäre er zweifelsohne als einfacher Matrose durchgegangen.

Da Cook mit ihrer Arbeit sehr zufrieden gewesen war, hatte er sich nach Ankunft bei der Admiralität für sie ausgesprochen. Zu Pickersgills und Clerkes Freude durften sie diesmal als Offiziere antreten.

Offizier Clerke paffte an seiner Pfeife und legte den Arm auf die Drehbrasse. Fast liebevoll strich er über die kleine drehbare Kanone und sagte: „Nun ist es also wieder soweit, Richard. Freust du dich?“

„Nun ja Charles, wenn ich an Tahiti denke, freue ich mich sehr. Aber es ist eine lange und beschwerliche Reise bis dort- hin. Es kann viel passieren, stimmts?“

„Da hast du nicht ganz Unrecht.“ Clerke blies den Pfeifenrauch aus. „Bin gespannt, was wir diesmal alles erleben. Mein Tagebuch freut sich schon jetzt auf die abenteuerlichen Einträge.“

Pickersgill nickte zustimmend, dann blieb sein Blick an einem Matrosen hängen, der laut meckernd an der großen Ladeluke stand. „Mit dem werden wir bestimmt noch Ärger bekommen“, prophezeite er.

Clerke drehte sich um und musterte den Kerl argwöhnisch. Der Matrose war blond, groß und kräftig. Rund um den Mund trug er einen Bart. „Ich hoffe nur, dass sich die anderen Matrosen von ihm nicht anstecken lassen“, murmelte er. Auf Ärger konnte er gut verzichten.

„Hallo, da bist du ja!“ Henry rannte auf Georg zu, der gerade mit seinem Vater ankam. „Guten Tag Herr Forster“, sagte er hastig.

„Na Junge, ich hoffe, du hast gut geschlafen?“, begrüßte Forster ihn freundlicher als am Tag zuvor.

„Es ging Sir“, antwortete Henry nervös.

Forster schmunzelte. „Also dann betreten wir mal unser zukünftiges Zuhause.“ Er ging zum Steg.

Georg wartete, bis Henry seinen Seesack geschultert hatte und dann gingen auch sie - froh, dass es endlich losging - auf die Resolution. Ihre Resolution!

„Sie müssen die Naturforscher sein“, stellte ein Mann in Uniform fest.

„In der Tat, die sind wir. Gestatten, Forster und das ist mein Sohn Georg.“

„Sehr erfreut. James Colnett, Fähnrich auf dem königlichen Schiff seiner Majestät, der Resolution.“ Stolz schwang in seiner Stimme. Colnett war groß und als Offiziersanwärter strahlte er eine gute Portion Selbstsicherheit aus. „Moment mal! Auf meiner Liste sind nur zwei Wissenschaftler eingetragen. Habe ich mich geirrt?“ Irritiert blickte Colnett in die Runde.

„Nein Sir. Mein Name ist Henry Miller. Ich wurde als Leichtmatrose angeheuert. Von Offizier Cooper.“ Henrys Hände wurden feucht. Sollte Cooper ihn doch nicht eingetragen haben?

Mit ernstem Gesicht ging Colnett erneut die Passagierliste durch. Dann nickte er kaum merklich. „Henry Miller, Leichtmatrose. Erst gestern angeheuert, was?“ Colnett schaute Henry prüfend an.

„Ja Sir“, bestätigte Henry nervös.

„Na, dann bring mal deine Sachen unter Deck“, sagte Colnett freundlich, deutete auf den Achterniedergang und fügte hinzu: „Die Matrosen werden dir dort weiterhelfen.“ Henry griff nach dem Seesack, nahm kurz Haltung an und meldete sich mit einem zackigen „Aye Sir“ bei ihm ab.

Na sowas, staunte Georg. Der benimmt sich schon wie ein echter Matrose, dachte er, während sich Colnett an seinen Vater wandte. „Kennen Sie bereits Ihre Kajüte?“

„So gut wie. Mein Sohn war gestern kurz auf dem Schiff. Er kennt den Weg dorthin, nicht wahr Georg?“

„Ja gewiss.“

„Gut. Falls Sie noch irgendwelche Hilfe benötigen, lassen Sie es mich wissen“, bot Colnett zuvorkommend an.

„Vielen Dank Sir.“ Forster tippte grüßend an seinen Hut.

Im Zwischendeck drangen die Lichtstrahlen nur spärlich durch die kleinen Luken. Die Decke war so niedrig, dass sich Henry fast den Kopf anstieß. An die hundert Matrosen sollten hier unterkommen? Das würde eng werden, vermutete Henry. Zwei Männer stritten sich um einen Schlafplatz und es sah ganz so aus, als würden jeden Moment die Fäuste fliegen. Schnell drängte er sich an ihnen vorbei. Der Nächste fluchte, weil er seine Seemannskiste suchte und hätte Henry nicht aufgepasst, wäre er glatt über einen Sack gestolpert, der ihm gerade vor seine Füße geworfen wurde.

Henry hatte sich für eine Hängematte entschieden. Er legte seine Sachen ab und schwang sich hinein. Sogleich schloss er die Augen. Ab jetzt war das hier sein Zuhause. Nur eine Hängematte unter vielen, aber dennoch, er war auf dem Schiff. Immer noch tat er sich schwer, das zu glauben.

„Ist das dein Schlafplatz?“ Georg stand neben ihm.

„Gut, oder?“, Henry breitete die Arme aus, als gehöre ihm die ganze Welt. „Hier habe ich es nicht weit zum Niedergang und die Luft ist noch einigermaßen erträglich.“ Er lachte verschmitzt.

Georg nickte und sah zu dem dicken Kerl hinüber, der einen Meter weiter seine Hängematte aufhängte. Er furzte ausgiebig und gleich darauf verbreitete sich ein Gestank, der nach faulen Eiern und toten Fischen zugleich roch.

Angewidert verzog Georg das Gesicht. Einigermaßen erträglich war übertrieben, fand er. Nun erkannte Georg, wie gut er es in seiner kleinen Kajüte hatte und das, obwohl er sie mit seinem jähzornigen und mürrischen Vater teilen musste. „Komm, lass uns mal das Schiff erkunden“, riss Henry ihn aus den Gedanken. Mit einem Satz sprang er aus der Hängematte heraus und zog Georg mit sich. Dieser stolperte ihm nach.

Das Deck hatte sich gefüllt. Händler versuchten, noch in den letzten Minuten ein Geschäft abzuschließen und den Matrosen allerhand nützliche und unnütze Dinge zu verkaufen, die ihrer Meinung nach auf keiner Reise fehlen durften.

„Da, schau!“ Auf dem Achterdeck entdeckte er Offizier Cooper, Steuermann Gilbert und zwei gut gekleidete Männer, die wohl nicht zur Besatzung gehörten. Zum ersten Mal sahen sie ihn - Kapitän Cook!

Es wurde still an Bord. Alle Blicke richteten sich auf ihn. Cook hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Seinen wachen Augen schien nichts verborgen zu bleiben und es bestand kein Zweifel, dass dieser Mann entschlossen zu handeln wusste. Jeder besaß großen Respekt vor dem Kapitän, der seine letzte Reise so scharfsinnig gemeistert hatte, der Karten erstellt hatte, die so genau waren, wie es kein anderer vor ihm fertigbrachte.

Gilbert wechselte mit Cook einige Worte, dann forderte er die Besucher auf, das Schiff zu verlassen. Sobald Kapitän Cook die Meldung erreichte, dass kein Fremder mehr an Bord war, gab er das Kommando, die Resolution ins freie Wasser zu schleppen.

„Es geht los“, flüsterte Henry. Aufsteigende Hitze durchfuhr ihn. Er spürte, wie sein Herz weit wurde und der Puls am ganzen Körper klopfte. Jetzt gab es kein Zurück mehr! Jetzt fing seine Reise um die Welt an.

Am Kai schwenkten Familienangehörige, Freunde und Schaulustige fröhlich ihre Hüte und Taschentücher. Sie riefen den Reisenden lauthals Abschiedsgrüße zu und warfen tausende von Kusshänden. Die Matrosen und Passagiere an Bord erwiderten die Grüße auf das Herzlichste. Schon bald wurde die Menschenmenge am Hafen kleiner und die Rufe undeutlicher. Es kehrte Ruhe auf Deck ein.

Mit gutem Wind segelten die beiden Schiffe durch den Ärmelkanal, doch auf Höhe der Hafenstadt Portsmouth verfinsterten dunkle Wolken den Himmel. Zu seinem Bedauern musste Cook feststellen, dass es für eine Weiterfahrt auf dem offenen Meer zu stürmisch war. Schlussendlich ließ er auf der Reede ankern. Die Meerenge von Spithead war ein beliebter Liegeplatz für Schiffe. Hier waren sie gegen Winde aus fast allen Richtungen geschützt. Und nicht nur die Resolution und Adventure warteten hier auf das Auslaufen in den Atlantik.

An Deck waren nur ein Offizier, einige Matrosen und Forster. Dieser warf einen Blick auf die Hafenstadt Portsmouth. Erst am morgigen Tag beim Gezeitenwechsel sollte es weitergehen. Mit schlechter Laune beobachtete er die Wachablösung. Das Schiff rollte von einer Seite auf die andere und ihm wurde zunehmend übler. „Na wunderbar“, dachte er, „wir sind noch nicht einmal auf hoher See und ich habe schon jetzt die Seekrankheit.“ Er wollte sich hier und jetzt nicht übergeben und versuchte sich abzulenken, indem er die anderen Schiffe betrachtete.

Sein Blick blieb an der Adventure haften. Hatte sich die Lage des Schiffs verändert? Konnte das sein? Es lag doch gerade noch neben ihnen. Tatsächlich befand sich das Begleitschiff der Resolution nun wesentlich weiter hinten.

Forster bekam Panik. Jäh erkannte er, dass sich das Schiff direkt auf die Klippen zu- bewegte!

Augenblicklich vergaß er seine Übelkeit. Wo war der Steuermann? Wo waren die Offiziere? Es schien ihm, als hätten sie sich alle in Luft aufgelöst. Abrupt blieb Forster stehen. Er langte sich in die Magengegend. Für einen Moment dachte er, er müsse sich übergeben. Er schloss die Augen und atmete tief durch. „Jetzt nicht. Jetzt nicht!“, murmelte er.

„Geht es Ihnen nicht gut?“

Forster schaute hoch. Der Steuermann sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

„Gilbert, nicht wahr?“, keuchte Forster.

„Ja. Ihnen ist wohl schon übel. Wenn Sie länger auf See sind, wird sich das geben“, versuchte Gilbert ihn zu trösten, während er ihm aufmunternd auf die Schulter klopfte.

„Gilbert, fällt Ihnen nichts an der Lage der Schiffe auf?“, schnaufte Forster. „Wir lagen doch vorhin direkt neben dem Schiff da. Schauen Sie auf die Klippen!“

Mit zittriger Hand deutete er nach vorne. „Schauen Sie nur! Wir waren doch nie so nah - an - den - Klippen! Gilbert ... es ... wir ...“, stammelte Forster. Alles drehte sich um ihn.

Augenblicklich beugte Gilbert sich über die Reling, um das Ankertau zu kontrollieren.

„Himmel! Das Tau ist gerissen! Wir treiben vor Anker!“, schrie Gilbert entsetzt, machte auf dem Absatz kehrt und rannte davon.

Forster beugte sich auch über die Reling - aber aus einem anderen Grund. Jetzt spuckte sein Magen alles aus, was er die letzten Stunden zu sich genommen hatte.

„Vater, da bist du ja. Wir haben dich gesucht.“ Die beiden Jungen kamen herbeigeeilt. Einen Moment später erkannte Georg, dass mit seinem Vater etwas nicht stimmte: „Geht es dir nicht gut? Bist du krank?“

„Geht schon, geht schon“, murmelte Forster und wischte sich den Mund mit einem Taschentuch ab.

Gilbert war wieder bei ihnen angelangt. „Komm mit Junge, schnell!“, rief er und zog Henry abrupt mit sich.

„W-was? Ich ...“ Henry verstand nicht, was Gilbert von ihm wollte, rannte aber automatisch mit. „Hab ich meinen Dienstantritt verpasst?“, fragte er irritiert.

„Nein! Wir müssen - das Schiff - wir müssen es retten! Du musst helfen. Wir brauchen jeden Mann“, japste er.

„Ich versteh nicht…“

„Herrgott! Wir treiben auf die Klippen zu! Nun komm! Geh dort rüber“, befahl er und endlich ließ Gilbert seinen Ärmel los. Während Henry auf einen Matrosen zueilte, hörte er noch, wie der Steuermann alle Mann an Deck befahl. Einen Sekundenbruchteil später stand er inmitten einer Horde Matrosen. Er drehte sich um die eigene Achse, machte einen Schritt hierhin und einen dorthin. Kurz und gut, er war unfähig irgendwas zu tun.

Pickersgill, der in der Nähe von Henry stand, brüllte den Matrosen aus Leibeskräften zu, sie sollen die Segel setzen.

Wie funktionierte das? Keiner hatte nun Zeit, ihm das zu zeigen. Er wurde geschubst und bekam einen Ellenbogen in den Bauch gerammt. Henry fühlte sich völlig hilflos.

Doch auf einmal reihten sich die Männer auf. Unter ihnen lag ein dickes Tau. Mit den Augen folgte Henry dem groben Strang und plötzlich verstand er, dass sie die Rah für das Segel hochziehen wollten. Das war seine Chance! Henry quetschte sich mitten hinein in die Matrosenschlange. Eine Sekunde später griffen die Kerle nach dem bereit liegenden Tau. Schnell packte er mit an und dann zog er, was das Zeug hielt. Mit jedem Zug gingen die Oberkörper der Matrosen - und auch seiner - vor und zurück.

„Hee! Hoo!“, ertönte es. Im Gleichtakt zogen sie die Rah in die Höhe. Ein kräftiger Matrose stimmte ein Shanty an und schlagartig fielen die Matrosen in das Lied mit ein. Dröhnende, heisere und schiefe Töne wurden geschmettert und auch er sang lautstark mit: „Heave away, my Jimmy, heave away ...!“, grölte er, während er das Tau nachgriff.

Aber plötzlich verwirrte ihn irgendetwas. Im ersten Moment konnte er es nicht einordnen. Hatte er falsch gesungen? War er nicht im Rhythmus der Matrosen? Nein, ganz und gar nicht. Und es war auch nicht seine Stimme, die ihn irritierte. Aber ... konnte es sein? War das nicht die Stimme des Londoner Diebes? Plötzlich wurde ihm schwindelig. Seine Knie wurden weich. „He! Pass auf Junge!“, blaffte der Matrose hinter ihm. Henry hatte vor Schreck danebengegriffen. „Heave away, my Jimmy ...!“ Tatsächlich! Der Kerl konnte nicht weit sein. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Vor sich sah er nur die Hinterköpfe der Matrosen und ein Umdrehen war undenkbar.

Noch einmal lauschte er. „Heave away!“ Er war sich sicher, die derbe Stimme war eindeutig hinter ihm. Die Rah hatte ihre Position fast erreicht. Sobald sie hing, musste er sich umdrehen. Oben warteten schon die Mastgasten darauf, dass sie das Segel lösen konnten. Ungeduldig harrten die Matrosen mit ihren nackten Füßen auf den Fußpferden aus. Es waren nur dünne Seile, auf denen sie standen. So dünn, dass man jederzeit von ihnen abrutschen konnte. Die hatten keinerlei Angst vor der Höhe, dachte Henry und er hoffte, dass er von dieser Arbeit verschont bleiben würde.

Das Segel hing! Henry drehte sich in Windeseile um, doch natürlich folgten die Matrosen schon dem nächsten Kommando. Fieberhaft sah er sich um. Der da, mit dem blauen Halstuch, war dabei. Und der Blonde. Und der mit dem kaputten Auge. Und ...

 Es war zu spät. Die Männer wuselten umher wie eine Armee von Ratten.

„Henry!“ Georg winkte vom Achterdeck aus. Der hatte Nerven… Hatte er wirklich nichts Besseres zu tun als ihm zu winken? Dann stellte er fest, dass Georg auf die andere Seite zeigte. Er hörte Clerke, der die Steuerbordwache an die Großbrassen trieb. Sofort hastete er hinüber, um die Mannschaft zu unterstützen. Gleich darauf mussten sie den Besan setzen. Kaum hing das Segel, gab Pickersgill seine Meldung mit „Klar vorn!“ durch. Postwendend bestätigte die Steuerbordgruppe von hinten mit einem „Klar achtern!“

Immer wieder schaute Henry um sich, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis auf den Dieb zu finden, aber es war einfach unmöglich.

Georg bewunderte Henry für seinen Einsatz. Er selbst stand einfach nur da und schaute zu, wie das Schiff auf die Klippen zutrieb und das geschah beängstigend schnell. Ihm wurde bewusst, dass sie ihr Schiff jeden Moment verlieren konnten. Vor Aufregung knetete er seine Hände bis die Knöchel weiß wurden. Er begann zu schwitzen und erst jetzt bemerkte er, dass Kapitän Cook bei ihnen stand.

Zaghaft warf er einen Blick auf ihn. Der Kapitän hatte eine Hand auf das Kompasshaus gelegt, sein Blick war ernst, aber ruhig. Steuermann Gilbert, der sich an seine Seite stelle, würdigte er keines Blickes. Beharrlich verfolgte er das Manöver.

Die Lage wurde bedrohlich. Es waren nur noch wenige Meter bis zu den Klippen. Georg wollte sich an der Reling festkrallen, doch seine Hände waren zu verschwitzt. Könnte er doch nur etwas tun! Er sah zu den Matrosen, die mit Hochdruck hantierten. „Holt Großhals rund achtern!“, schrie Pickersgill, der von den vielen Kommandos mittlerweile einen hochroten Kopf bekommen hatte. Die oberen Brassen wurden losgeworfen und das Ruder umgelegt. Schwerfällig wie ein Walross neigte sich die Resolution zur Seite.

Das gab Forster den Rest. „Oh, ist mir schlecht“, jammerte er und beugte sich erneut über die Reling. Nachdem er sich erleichtert hatte, drehte er sich zu Georg um und fragte: „Und, wie sieht es aus?“

„Na ja, ich weiß nicht, ob wir das schaffen“, stammelte Georg und zeigte auf die Klippen.

Forster schloss wie zum Gebet die Augen. „Meine Herren, so tun Sie doch etwas!“, flüsterte er vor sich hin.

Aber jetzt konnte keiner mehr etwas tun. Beunruhigt warteten alle an Bord darauf, dass sich das Schiff endlich drehte. Niemand bewegte sich mehr. Würde jetzt vorne am Bug jemand furzen, hätte man es hinten auf dem Achterdeck bestimmt gehört, dachte Georg. Es war, als wäre die Zeit stehengeblieben. Wie lange dauerte das denn bloß?

Georg sah zu den aufgeblähten Segeln, dann zum Rudergänger. Seine Hände schmerzten vom vielen Kneten. Es half alles nichts, sie mussten auf ihr Schiff vertrauen - und auf den Wind.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis sich das Schiff langsam, ganz langsam wegdrehte. Augenblicklich ging ein Raunen der Erleichterung durch die Menge. Erschöpft fuhr sich Bootsmann Grey über das Gesicht. Die Offiziere nickten sich hoffnungsvoll zu. Die Gefahr schien vorüber. Georg lächelte seinem Vater zu, als ein Schrei über das Schiff gellte. „Vorsicht! Hart Backbord, Männer!“, brüllte Gilbert mit angstverzerrtem Gesicht.

„Sieh doch! Wir müssen der Adventure ausweichen“, rief Georg schockiert. Unmittelbar waren alle Matrosen wieder in Bewegung. Der Rudergänger korrigierte den Kurs, indem er ganz sachte das Steuerrad drehte. Georg wischte sich die schweißnassen Hände an der Hose ab. Zum ersten Mal überlegte er, ob er nicht besser auf die Reise hätte verzichten sollen. Aber endlich - sie schafften es doch noch! Mit knappem Abstand segelten sie an der Adventure vorbei. Gerade noch einmal gutgegangen…

Sie waren dem Schiff so nahe, dass sie der Besatzung des anderen fast die Hände reichen konnten. Deren Mannschaft hatte das Manöver gespannt verfolgt. „Teufelskerle!“, „Jawoll, Kameraden!“, „Bravo!“, „Gut gemacht!“, ertönte es von drüben ohne Unterlass.

Die Matrosen der Resolution nahmen die Glückwünsche mit Freudenjubel und schwingenden Mützen entgegen.

Diesmal hatten sie Glück gehabt. Für die Matrosen war es ein gutes Omen.

Henry jedoch war bleich wie Mehl. „Georg, ich muss dir was erzählen“, flüsterte er seinem Freund ins Ohr.

Spithead

Der Sturm hatte sich gelegt. Es war noch früh am Morgen des 13.Juli 1772, aber die Sonne schob sich schon über den Horizont und schickte ihre ersten wärmenden Strahlen. Die dicke Wolkenfront war vorübergezogen; nur eine leichte Brise wehte und sicherlich würde es heute ein schöner Tag werden.

Alle redeten noch vom gestrigen Abenteuer. Henry hingegen hatte mit Georg ein ernstes Thema zu besprechen. Er war hundemüde. Die Nacht war furchtbar gewesen. Mit den vielen Männern in einem Raum zu schlafen, daran musste er sich erst einmal gewöhnen. Immer wieder wachte er auf, weil er Angst hatte, dass der Dieb an seiner Hängematte stehen würde. Das Schnarchen und Furzen der Männer, die stickige Luft, all das ließ ihn so schnell nicht wieder einschlafen. Schließlich hatte er es dann doch geschafft, aber er träumte von Halsabschneidern oder Seeungeheuern. Es war grausam.

 Sie gingen vor zum Bug, denn dort konnten sie ungestört reden. Die Jungen passierten die exerzierenden Seesoldaten und Marineoffizier Edgcumbe, der unglücklich drein- schaute. Kein Wunder: Es sah wirklich nicht professionell aus, was die Soldaten da machten. Edgcumbe schien schon jetzt am Rande der Verzweiflung zu sein.

Langsam und in wenigen Sätzen berichtete Henry von dem Dieb in London und von seinem gestrigen Erlebnis. Er sah Georg dabei kein einziges Mal an. Starrte nur über das Meer. Manchmal war es ihm, als sähe er in dem glitzernden Wasser die Uhr oder das Tattoo- Bildnisse dessen, von dem er gerade sprach. Er bedauerte immer noch, dass er gestern nicht auf das Tattoo geachtet hatte. Trotzdem er die Augen offen hielt, hatte er den Kerl noch immer nicht entdeckt, geschweige denn gehört. Es war, als habe er sich in Luft aufgelöst. Vielleicht war es ein Soldat? Argwöhnisch sah er zur Truppe hinüber. Nein, gewiss nicht.

Georg lächelte.

„Du findest das zum Lachen?“

„Nein!“, erwiderte er schnell. Er fuhr sich mit der Hand übers Haar. „Es ist nur ... ich dachte, es wird hier ...“ Georg suchte nach Worten.

Er hatte sich alles so schön vorgestellt, so unbeschwert. Er wollte die Natur erkunden. Und jetzt kam Henry mit dieser Geschichte. Er brauchte keine Probleme. Er hatte kein Bedürfnis, einen Dieb zu stellen, wenngleich er auch dafür war, dass man ihn gefangen nehmen sollte.

„Wir haben einen hinterhältigen Dieb an Bord!“

„Ja ja.“ Leider Gottes musste er sich eingestehen, dass auch er von so einem Fall in London gehört hatte. „Aber wir müssen das doch nicht klären, nicht wir. Ich meine ... was bringt uns das?“, fragte Georg, während er sich an die Reling lehnte.

„Was es uns bringt?“, fauchte Henry. „Ich will nicht mit einem Dieb auf dem Schiff sein. Der ist zu allem fähig, das sage ich dir!“ Henrys Stimme bebte. Er presste kurz die Lippen zusammen, bevor er fortfuhr: „Du bist nicht im Zwischendeck untergebracht, Georg. Mir muss nur einmal was rausrutschen und dann ...“ Henry fuhr sich mit dem Zeigefinger von links nach rechts über die Kehle. Georg verstand. Er schluckte.

Für einen Moment herrschte Stille. Georg sah zu einem Matrosen, der sich mit einem Schiffsjungen unweit von ihnen auf die Planken niederließ. Der Matrose rückte seine von der Sonne verblichene Mütze zurecht, dann zückte er ein kurzes Stück Tau aus seiner Hose. Sie übten Knoten. „Die Schlange taucht aus dem See, kriecht um den Baum herum und verschwindet wieder in dem See. Hast du gesehen? Den Knoten nennt man Palstek. Und jetzt du.“ Georg sah, dass sich der Junge mit dem Knoten schwer tat. Er muss um die neun Jahre alt sein, schätzte Georg. Knoten. Damit kannte er sich gar nicht aus. Henry wird das bestimmt auch noch lernen müssen.

„In England würde er gehängt werden, das weißt du“, sagte Henry leise.

„Sicher“, seufzte Georg und schloss niedergeschlagen die Augen. „Was sagtest du, hat er gestohlen?“, fragte er kaum hörbar.

„Eine Geldbörse. Offensichtlich hat er einen guten Fang gemacht, denn er hat sich fast überschlagen vor Freude.“

Georg nickte.

„Und eben diese Uhr, eine Taschenuhr. Wahrscheinlich aus purem Gold.“

„Uhr. Ja“, murmelte Georg und fuhr sich erneut über die Haare.

„Was ist? Du verheimlichst mir doch was“, zischte Henry aufgebracht. „Wenn du was weißt, dann musst du mir das verraten, hörst du!“

„Sch…!“ Georg zeigte auf den Mützenmann, der neugierig herüberblickte.

Henry drehte sich ein wenig mehr zu Georg um.

„Nun ... ich glaube ...“, stammelte Georg, setzte dann aber erneut an: „Also, ich vermute, ich weiß, wem die Uhr gestohlen wurde.“

„Was?“

„Banks“, sagte Georg knapp.

Henry sah ihn wortlos an, darum fuhr Georg fort. „Joseph Banks. Naturforscher, Mitglied der Royal Society.“ Er atmete tief durch. „Es ging rum wie ein Lauffeuer, dass jemand es gewagt hatte, ihm, Joseph Banks, Habseligkeiten zu stehlen.“

Davon hatte Henry nichts mitbekommen. Kein Wunder, dieser Banks war ihm ja bis eben unbekannt gewesen.

„Er hat einen ganz schönen Wirbel veranstaltet. Gesetzesmänner waren unterwegs und sollten den Dieb fangen.“

Davon hatte Henry gehört. Gebracht hatte es den Gesetzesmännern und Banks nichts.

„Ich meine sogar gehört zu haben, Banks hätte eine Belohnung ausgeschrieben. Die Uhr enthält eine Gravur“, erzählte Georg weiter.

Darüber hatte der Dieb auch geredet, fiel Henry ein. „Was für eine?“, fragte er, gespannt, ob es dieselbe Gravur sein würde.

„Er ist Botaniker. Also was wäre da naheliegender als eine Pflanze?“

Henry hallte es in den Ohren, wie sich der Mann über die Blume lustig gemacht hatte. „Der Kerl hat von einer Blume gesprochen. So kriegen wir ihn!“

Augenblicklich bereute Georg, was er gesagt hatte. Es wäre ihm lieber gewesen, wenn Henry nichts von einer Blume gewusst hätte. Er fühlte sich schlecht.

Henry sah Georg forschend an. „Hast du die Gravur gesehen? Kennst du sie?“, hakte er ungeduldig nach.

„Gesehen? Wie denn, wenn die Uhr gestohlen wurde? Nein, aber es ist gewiss eine Blume“, bestätigte Georg.

„Der Matrose hat also Banks Uhr, ist doch so, oder?“, bohrte Henry weiter.

Georg verzog den Mund.

„Ich hab recht“, grinste Henry, „sag schon!“

„Nun ja, in der Tat wird es nicht viele geben, die eine Dillenia alata auf der Innenseite der Taschenuhr eingraviert haben.“

„Dill - was?“

„Dillenia. Die Pflanze gehört zu den Rosenapfelgewächsen. Kommt nur in den Tropen vor. Sie ist immergrün. Die Blätter sind rund und einfach und mit einem gesägten Blattrand.“ Georg rasselte das so schnell herunter, als hätte er Angst ertappt zu werden.

„Gesägter Blattrand ...“ Henry zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

„Genau. Die Blüten sind groß und gelb. Meist mit fünf Kronblättern“, leierte Georg weiter, wobei er vor Henry mit den Händen herumfuchtelte. „Die Staubbeutel -“

„Schon gut, schon gut“, wiegelte Henry ab. Er hielt kurz inne, dann sagte er: „Das heißt, die Blume gibt es nicht so oft?“

„Doch schon -“

„Aber die kennt nicht jeder?“

„Nein, noch nicht. Banks war bei Cooks erster Weltumsegelung dabei und hat sie in Neu-Holland entdeckt. Darum hat er sie eingraviert.“

„Und du kannst die Blume erkennen? Oder ... zeichnen?“ Er sah ihn fragend an.

„Ja“, schnaufte er. Dann lachte er kurz. „Moment mal - du meinst doch nicht etwa, ich soll den Beweis liefern?“

Henry nickte.

„Dann müsstest du die Uhr stehlen“, stellte Georg fest.

Augenblicklich verblasste Henrys Gesichtsröte. Soweit hatte er im Eifer gar nicht gedacht. „Ich soll ...?“

„Ja, wer denn sonst? Du hast doch selbst gesagt, dass du mit ihm auf dem Zwischendeck bist.“ Georg schaute ihn an. Jetzt eindringlicher als zuvor.

Nun war es Henry, der sich über das Gesagte ärgerte. Georg legte die Hand auf seine Schulter. „Komm, lass uns die ganze Sache vergessen, ja?“

Henry streckte seinen Rücken durch. „Nein“, schoss es aus ihm heraus.

Georg nahm die Hand zurück. „Warum? Wir müssen nicht -“

„Wir brauchen die Uhr nicht zu suchen“, unterbrach Henry ihn. Er ging ein paar Schritte auf und ab, bevor er wieder vor Georg stehenblieb.

Dieser lächelte zaghaft.

„Vorerst nicht. Jetzt müssen wir zuerst mal herausfinden, wer der Dieb ist.“

Georg rollte mit den Augen. Plötzlich fiel ihm etwas ein. „Vielleicht hast du dich auch nur verhört? So im Eifer des Manövers?“

„Vielleicht“, sagte Henry, während er beobachtete, wie Gilbert auf Offizier Edgcumbe zutrat. Henry ging ein paar Schritte nach vorne und vernahm von Gilbert, dass Edgcumbe mit seinen Übungen aufhören sollte. In Kürze würden sie den Anker lichten. Gilbert winkte Henry herbei. Der Schiffsjunge hatte zu arbeiten.

Während Henry den Spillspaken einsteckte und gleich darauf den Gangspill drehte, um den Anker hochzuhieven, begab sich Georg zu seinem Vater, denn der hatte sich mittlerweile am Steuerstand eingefunden.

Kritisch wie immer beobachtete Forster das Manöver, das, wie er schnell feststellte, nicht ganz so reibungslos vonstatten- ging. Wie zufällig trat er neben Kapitän Cook.

„Es scheint mir, als wären einige Matrosen wohl noch nicht ganz mit ihrer Aufgabe vertraut, oder irre ich mich? Was meinen Sie, Kapitän?“

Schlagartig spürte Georg, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. Wie konnte sein Vater nur so etwas sagen?

Kapitän Cook hatte bereits erfahren, dass Forster nicht immer einfach war. Er schmunzelte kurz, dann erwiderte er: „Lieber Herr Forster, auch wenn die Arbeitsabläufe noch nicht hundertprozentig stimmen, so können wir doch froh sein, dass wir so viele kräftige Männer an Bord haben. Denn sollte sich der Bestand der Mannschaft auf dieser langen Reise wegen Skorbut oder anderen Missgeschicken bedauerlicherweise verringern, so ist es gut möglich, dass die restlichen Passagiere für diese Arbeiten einspringen müssen. Ich denke, das wollen wir doch alle nicht, oder?“

Georg wagte es kaum, seinen Vater anzusehen.

Johann Forster öffnete den Mund, um Kapitän Cook etwas entgegenzusetzen, doch dann entschied er sich dazu, besser nichts zu erwidern. Ohne ein weiteres Wort verlauten zu lassen und ohne Cook - und erst recht nicht seinen Sohn Georg - eines Blickes zu würdigen, schlenderte er zur Achterreling hinüber.

Georg wusste, dass Cooks Wissen, seine Erfahrung und insbesondere seine Einstellung zu dieser abenteuerlichen Reise über Erfolg oder Niederlage entscheiden würden. Und eine Niederlage, das war ihm soeben klar geworden, würde er in keiner Weise akzeptieren.

Georg sah zu seinem Vater, der stoisch auf das Meer hinausstarrte. Bestimmt dachte Kapitän Cook, er wäre ebenso wie sein Vater. Der Gedanke war ihm peinlich. Still und leise entfernte er sich vom Kapitän. Er sah zu den emsigen Matrosen. Sofort fiel ihm das Gespräch mit Henry wieder ein.

Ein Matrose mit Tätowierung. Da gab es viele. Vorsichtig schlängelte er sich an den Seeleuten vorbei. Einer hatte den Oberkörper einer Frau eintätowiert, ein anderer Sterne. Welches Tattoo hatte ihr Dieb? Erst jetzt fiel ihm auf, dass Henry das nicht erwähnt hatte.

Unterdessen waren auf dem Vordeck drei Herren eingetroffen. Georg erkannte den Maler William Hodges, Schiffsarzt Dr. Patton und den Astronomen William Wales.

Die Küste Englands wurde kleiner und kleiner und sie passierten den „langen Eddie“. Einsam und stolz stand der Leuchtturm auf dem großen Felsen mitten im Meer, bis auch er am Horizont verschwand.

Jetzt waren sie auf offener See und die Wetterlage änderte sich rasch. Eben noch hatten sie herrlichen Sonnenschein, doch schon nahte ein Unwetter. Es dauerte nicht lange und ein kräftiger Wind trieb das Schiff vor sich her. Mächtige Wellen brachen sich am Schiff, sodass die Gischt hoch über die Reling spritzte. Regen setzte ein und das Bugspriet tauchte tief ins Wellental hinab, um sich im nächsten Moment, wie Phönix aus der Asche, wieder gen Himmel zu recken. Daher hatten sich mittlerweile alle, die keinen Dienst hatten, unter Deck verkrochen. Während Georg in der Kajüte war, zog es seinen Vater in die Kombüse.

„Hier, der Portwein mit Gewürzen wird schon helfen, Herr Forster.“ Koch Ramsey wischte sich seine nassen Hände am Handtuch ab und reichte Forster den warmen Becher.

„Danke“, flüsterte dieser und setzte sich verdrießlich auf den einzigen Hocker in der Kombüse. Seit das Schiff auf hoher See war, ging es ihm schlecht. Aber hier, in der Biskaya bei Spanien, war ihm nicht nur schlecht - ihm war hundsmiserabel elend! Wie sollte er da auf dieser Reise naturwissenschaftliche Studien durchführen? Er konnte überhaupt keinen klaren Gedanken fassen. Seine Nahrung bestand nur aus heißem Portwein. Das war das Einzige, was er nicht sofort wieder ausspuckte. „So ein verdammter Mist! Warum bin ich hier auf diesem blöden Schiff? Wäre ich doch nur nicht mitgefahren“, schimpfte er vor sich hin. Forster spülte die Neige Portwein hinunter und stellte wütend den leeren Becher ab. Ohne sich noch einmal zum Koch umzudrehen oder sich gar zu bedanken, verließ er schlecht gelaunt die Kombüse.

Der Koch blickte ihm fassungslos hinterher, während er sich an seinem Stoppelbart kratzte. „Das ist vielleicht ein Griesgram“, murmelte er.

 Aber gleich darauf widmete er sich der Schiffskatze, die ihm schon geraume Zeit um die Beine strich. Er gab ihr ein wenig Wasser mit Milch. Die Katze konnte es kaum abwarten, bis Ramsey die kleine Zinnschüssel auf den Boden stellte. Es dauerte nicht lange und die Schüssel war blitzblank leer geschleckt. Sie schenkte ihm ein dankbares Schnurren. Wenigstens einer, der weiß, was sich gehört, dachte Ramsey, schob die Katze dann sanft aus der Kombüse und machte sich daran, die Erbsensuppe mit Pökelfleisch für die Mannschaft vorzubereiten.

Henrys Mannschaft war noch immer an Deck. Während er die Taue zusammenrollte, schaute er auf jeden Unterarm. Aber viel erspähte er nicht. Manche hatten ihre Hemdsärmel bis zu den Handknöcheln heruntergelassen, andere wiederum besaßen gar kein Tattoo. Er hatte keinen Erfolg und wieder begann er zu zweifeln. Vielleicht hatte Georg doch recht und sie sollten die ganze Sache einfach vergessen.

Unterwegs zu den Kapverden

Es war Zeit für das Abendessen. „Backen und Banken, Jungs!“, rief Smutje Ramsay. Sofort wurden im Zwischendeck die Tische und Bänke aufgeklappt. Die Matrosen setzten sich an die ihnen zugeteilte Backschaft. Herzhafter Duft lag in der Luft.

Henry war froh, dass der glatzköpfige Simon in seiner Gruppe war. Mit ihm verstand er sich gut. Simon schob sich mit seinem dicken Bauch hinter ihm vorbei und ließ sich gleich darauf schnaufend neben ihm nieder. In seiner Backschaft war auch John Kepplin. Er trug einen goldenen Ohrring. Mit der spitzen Nase und den schmalen Augen war sein Gesicht dem eines Fuchses nicht unähnlich.

Dann war da noch Innell, der ebenfalls John mit Vornamen hieß. Innells Vollbart war so zottelig, wie der ganze Kerl. Den ganzen Tag hatte er die Wange voller Kautabak. Eine eklige Angewohnheit, fand Henry.

James Maxwell war kein Matrose, sondern Fähnrich, also Offiziersanwärter. Eine Narbe durchzog seine rechte Augenbraue. Ob es eine Erinnerung an eine Auseinandersetzung war? Maxwell war stark wie ein Stier. Wenn er sich die Narbe tatsächlich in einem Streit zugezogen hatte - wie mochte dann sein Gegner aussehen? Henry schluckte. Zu Fähnrich Charles Loggie, dem Längsten unter ihnen, konnte er noch nicht viel sagen. Er war lustig anzusehen, denn ihm reichten die Hosen nur bis zu den Fußknöcheln. Die anderen Drei sah er zum ersten Mal. Kein Wunder, bei der wimmelnden Matrosenhorde hier auf dem Schiff.

Die Bänke waren bis auf einen Platz belegt, als der Smutje Kepplin als Messekoch für die Backschaft auserkor. Lethargisch erhob dieser sich und holte von Ramsay das Essen für seine Gruppe ab. Während er die erste Ration auf einen Teller schöpfte, wandte er sich an Henry. „He Jungchen“, wisperte er, „heute bist du dran. Du musst entscheiden, wer welchen Teller bekommt. Also komm, steh auf.“ Er grinste, wobei sein Mund schmal wie ein Strich wurde.

Henry kannte das Spiel schon. Jeden Tag wurde einer ausgewählt, der mit dem Rücken zur Mannschaft stand und sagte, wer den nächsten Teller bekommen sollte. So wurde keiner übervorteilt. Er fand, das war eine gute Sache. Gerade als er mit dem Ansagen fertig war und sich zu seinen Kameraden umdrehen wollte, schnauzte ihn eine kratzige Stimme von hinten an: „He! Du hast jemanden vergessen, Kleiner!“

Henry spürte, wie sein Mund trocken wurde.

„Na, macht nichts. Ich bin ja auch später gekommen, was?“, lachte der Mann kehlig.

Er kannte die Stimme nur allzu gut. Zögernd drehte Henry sich um. Vor ihm stand ein gut gebauter blonder Mann. Er hatte die Hemdsärmel hochgekrempelt und auf dem muskulösen rechten Unterarm entdeckte Henry ein grünblaues, simples Kreuz mit vier einzelnen Buchstaben. Kein Kompass im herkömmlichen Sinne, zu sehen waren nur die Angaben der Himmelsrichtungen. Starr wie ein Mast stand Henry da, unfähig sich zu bewegen.

„Was ist los Junge? Verstehst du keinen Spaß?“ Der Blonde sah ihn mit forschendem Blick an. Die grünen Augen bohrten sich beinahe in Henry und noch bevor er antworten konnte, rief Simon: „He Richie, setz dich einfach. Das ist ein Leichtmatrose, also lass ihm Zeit.“

Einen Moment fixierte Richie Henry, dann zuckte er mit den Schultern und setzte sich auf den letzten freien Platz.

Henry starrte auf den Teller. Die Gabel in seiner Hand zitterte. Krampfhaft schob er das Pökelfleisch zur Seite und stocherte kopflos im Sauerkraut herum. Die Stimme, das Tattoo- er war es! Richie war der Dieb und er saß an seinem Tisch! Fahrig biss er in seinen Zwieback. Sollte er einen Blick auf Richie wagen?

Simon stieß ihn in die Seite: „Komm, gib dir einen Ruck! Sauerkraut ist zwar nicht das Leckerste, aber stell dir einfach vor, du hast hier ein schönes Stück Braten mit Kartoffeln vor dir.“

„Da muss ich mich aber wirklich sehr anstrengen“, murmelte Henry, während er an Simon vorbei zu Richie schaute. Innell hatte einen Witz gemacht und Richie lachte so laut, dass ihm fast das Essen aus dem Mund fiel. Im Gegensatz zu ihm schien es Richie prächtig zu gehen. Er musste unbedingt mit Georg reden...

„Und du bist dir sicher, dass Richie der Dieb ist?“, fragte Georg mit bedenklichem Gesichtsausdruck.

 „Aber natürlich! Die Stimme erkenne ich unter allen Matrosen. Außerdem hat er ein Tattoo.“

„Tätowiert sind hier einige“, konterte Georg.

„Ich hab es aber gesehen. Der hatte so ein Kreuz mit Buchstaben auf dem Unterarm.“

Das kam Georg bekannt vor. Wann war das noch gewesen? Ach ja, als sie die Bücher an Bord gebracht hatten. „Blond?“, fragte er.

Henry nickte. „Warte, du weißt, wer das ist?“

„Hab ihn gesehen. Vor zwei Tagen, als wir zusammen zur Kajüte gegangen sind - die Bücher. Ich bin mit ihm zusammengestoßen.“ Der Kerl war wirklich ungemütlich gewesen, dachte Georg. Wenn Banks wüsste, dass seine Uhr und der Dieb hier auf dem Schiff…Er atmete tief durch. „Also gut. Du musst Richies Sachen durchsuchen“, forderte Georg Henry auf.

„Ich soll - was?“, rief Henry. „Nein Er lachte abfällig. „Das mach ich auf gar keinen Fall! So weit käme es noch, dass ich bei Richies Habseligkeiten gesehen werde.“ Entschlossen kreuzte er die Arme vor der Brust. Doch Georg ließ nicht locker und nach einigem Hin und Her beschlossen sie, erst einmal etwas mehr über Richie herauszufinden.

Einige Zeit später erreichten sie die Insel Madeira. Nachdem die Passagiere vom Kapitän die Erlaubnis bekommen hatten von Bord zu gehen, verbrachte Georg mit seinem Vater den Tag auf der Insel, um Naturforschungen vorzunehmen. Schon in aller Herrgottsfrühe brachen sie zur Inselexpedition auf, um spät am Abend, sichtlich zufrieden über die zahlreich gesammelten Pflanzen- und Tierexemplare, wieder in der Hauptstadt Funchal einzutreffen.

Unterdessen füllten die Matrosen den Proviant auf. Erneut wurde alles in großen Mengen auf das Schiff gebracht: Frischwasser, Früchte, Gemüse, Ziegen, Hühner, Wein und vieles mehr. Bald darauf ging die Reise mit günstigem Nordostwind und unter vollen Segeln weiter.

Sie passierten die Kanaren und nahmen Kurs auf die Kapverdischen Inseln. Die anfängliche Euphorie hatte sich gelegt und der Alltag war auf dem Schiff eingekehrt. Täglich schrubbten die Matrosen das Deck mit Sandwasser ab, damit sich keine salzige Kruste auf den Planken bildete. Falls es das Wetter zuließ, wurden die Hängematten und Decken zum Lüften hinausgehängt und regelmäßig räucherten sie die Unterdecks mit Schwefel aus, um damit das Ungeziefer zu vertreiben. Währenddessen erhielten die Offiziersanwärter ihren Unterricht in Navigation. Offizier Cooper und Offizier Clerke hatten hierfür den Sextanten, einen Kompass, Karten und das Log auf dem Achterdeck für sie ausgebreitet.

Die Forsters widmeten sich der Naturforschung. Überraschenderweise fing Georg einen Vogel mit Hilfe eines Brocken Schweinefleisches. Das Fleisch hatte er an einen Angelhaken gehängt und diesen alsdann durch die Luft geschwungen. Tatsächlich schnappte sich ein nimmersatter Vogel den Köder. Georgs Vater war begeistert. Wissbegierig vermaß er die Flügelspannweite und Gesamtlänge des Federviehs. Georg skizzierte den Vogel und malte das Bild mit Aquarellfarben aus. Selbstverständlich war sein Vater der Meinung, dass er sich etwas mehr Mühe hätte geben können. Georg versuchte, den Kommentar zu ignorieren.

Henry verweilte die meiste Zeit unter den Matrosen. Simon brachte ihm geduldig alles bei. Die Segelnamen, die Knoten, ja sogar Sternbilder kannte sein neuer Freund. Dem Kautabak kauenden Innell ging er lieber aus dem Weg. Wo sich Richie rumtrieb, war Loggie nicht weit. Wie ein treuer Hund umschwänzelte er den Dieb. „Richie, kann ich dir helfen? Richie brauchst du vielleicht das da?“ Richie, Richie, Richie! Es war kaum zum Aushalten, fand Henry. Daran, dass Richie in seiner Backschaft war, hatte er sich mehr schlecht als recht gewöhnt. Er musste zugeben, dass er nur allzu gerne wissen würde, ob Richie Banks Uhr besaß. Aber so sehr Georg auch darauf wartete, dass sein Freund endlich in Richies Sachen nachschauen konnte - Henrys Angst war größer.

Beständig trug sie das Segelschiff weiter nach Süden. Die tropische Sonne brannte erbarmungslos und unter Deck war es vor Hitze kaum auszuhalten. Selbst der Schlaf bot keine hinreichende Erholung.

Die Hafenstadt Porto Prayo kam in Sicht. Sie hatten die Kapverden erreicht.

Georg und Henry saßen auf dem Gangspill.

„Tu es“, forderte Georg ihn auf.

„Und was ist, wenn er mich erwischt?“, fragte Henry auf der Unterlippe kauend.

„Tut er nicht“, behauptete Georg kühn.

„Und falls doch?“ Henry hatte keine Ruhe. Er musste sich hinstellen. Im Aufstehen griff er nach einem Tau.

„Kann er doch gar nicht, weil er Landgang hat. Das haben wir doch alles gerade abgesprochen.“ Georg sah zu ihm hoch. „Nochmal: Ich gehe mit meinem Vater auf die Expedition. Derweil haben die Matrosen Landgang. Und du meldest dich freiwillig für die erste Wache. Niemand ist auf dem Zwischendeck. Alles wird ruhig sein und du kannst problemlos auf die Suche gehen. Wenn du die Uhr gesehen hast, kannst du dich ablösen lassen und an Land kommen. Dort treffen wir uns. Zurück auf dem Schiff gehen wir zu Kapitän Cook, erzählen ihm, was wir wissen und dann wird Richie festgenommen“, erklärte Georg.

„Ich weiß nicht“, murmelte Henry, an dem Tau nestelnd. Er sah zum Horizont. Wie weit war es eigentlich bis dorthin?

„Wenn wir die Kapverdischen Inseln verlassen, werden wir einige Wochen auf dem Meer unterwegs sein, das ist dir doch klar?“ Georg sah ihn fragend an.

Wochen- frustriert warf er die Hände in die Höhe, ging ein paar Schritte auf und ab und blieb dann erneut vor ihm stehen. „Einverstanden.“ Resigniert nahm er den Plan seines Freundes ein.

In aller Herrgottsfrühe sah Henry zu, wie Georg mit seinem Vater das Boot bestieg und mit ihrer gesamten Ausrüstung an Land gerudert wurde. Er hörte, wie Forster unentwegt herumnörgelte. Die Matrosen seien viel zu langsam und außerdem wolle er noch mehr Utensilien mitnehmen. Platz dazu sei ja noch reichlich vorhanden. Henry schüttelte den Kopf. Noch voller und das Boot wäre gekentert, dachte er. In dem Moment bedauerte er Georg. Er überlegte, wer es heute schlechter hatte: Georg mit seinem Vater auf der Expedition oder er auf Diebesgutsuche.

Und was ist, wenn er mich erwischt, wisperte eine Stimme tief in ihm. Er ballte die Faust. Er fühlte sich schrecklich mutlos und zugleich zornig auf alle. Eigentlich ging ihn das gar nichts an. Was wäre, wenn er einfach nichts täte? Wenn er so täte, als wüsste er von nichts? Andererseits, wenn sie beweisen könnten, dass Richie ein Dieb war, wären sie ihn los. Er stieß ein tiefes Seufzen aus. Die Sache lag ihm wie Blei auf dem Herzen.

Henry drehte sich von der Reling weg und schaute über das Schiff. Es war wenig los. Zwei Matrosen lehnten mit halb geschlossenen Augen vorne am Mast, einer war im Krähennest. Von den Offizieren war nur Pickersgill an Bord. Zu sehen war er nicht. Offenbar hielt er sich in seiner Kajüte auf. Hodges, der Maler, Dr. Patton und Astronom Wales waren ebenfalls zur Inselerkundung aufgebrochen. Kapitän Cook und die restlichen Offiziere besuchten die portugiesische Gesellschaft.

Das Wasser schlug leise plätschernd gegen den Schiffsrumpf. Möwen flogen zeternd über ihn hinweg. Mit nackten Füßen stieg Henry den Niedergang hinunter. Diffuses Licht erhellte das Zwischendeck. Es roch nach Schweiß und Dreck. Vereinzelt baumelten Hängematten im Raum. Kleine Wasserfässer mit Schöpfkellen hingen an der Wand, dreckverschmierte Kleider und Rumflaschen lagen herum. Richies Platz, das hatte Henry herausgefunden, war ganz hinten in der Ecke. Henry stolperte über einen kaputten Schuh. Mit Sicherheit hatte er sich nicht ohne Grund diesen letzten, fast abgelegenen Platz ergattert. Kein Wunder, dass er ihm am Anfang nicht aufgefallen war. Richies Hängematte hing zusammengefaltet an einem Haken. Darunter lag ein ziemlich erbärmlich aussehender Sack. Er stank, als hätte Richie ihn aus dem Morast gefischt. Henry warf einen Blick über die Schulter. Alles war ruhig.

Mit zwei Fingern öffnete er den Sack. Es schüttelte ihn. Neugierig warf er einen Blick hinein, doch das Licht reichte kaum bis hierher und alles was er sah, war ein schwarzer Klumpen. Vorsichtig langte er hinein. Er fühlte Stoff und Papier. Besaß er ein Tagebuch?

So kam er nicht weiter. Er zog seine Hand zurück. Sollte er den Sack ausschütten?

„Was machst’n da?!“, blökte plötzlich eine Stimme hinter ihm.

Henry erschauerte fürchterlich. Ruckartig drehte er sich um. Charles Loggie, Richies Handlanger, stand vorne an der Treppe. Warum war er nicht auf Landgang, durchfuhr es ihn.

„Ich - ich habe Richie etwas zurückbringen wollen.“

„Zurück -?“

„... bringen, ja.“ Fieberhaft überlegte Henry, was das sein könnte. „Den Tampen!“ Henry holte das kleine Stück Seil aus seiner Hosentasche, das er von Simon zum Knotenüben geliehen bekommen hatte.

„Den Tampen?“, fragte Loggie langsamer als eine Schnecke. „Den hab ich nie bei Richie gesehen.“ Loggie schob seine fettigen Haare aus der Stirn.

„Nicht?“

„Nee. Vielleicht isses gar nicht Richies?“ Loggie glotzte Henry verwirrt an.

„Nee, vielleicht ist es gar nicht Richies“, wiederholte Henry. „Ist vielleicht Kepplins - oder Simons… ach, ich weiß auch nicht mehr. Besser, ich frag die Männer, wenn sie zurück sind, was?“ Henry zuckte betont gelangweilt mit den Schultern.

„Jaa“, grinste Loggie. „Besser is das“, sagte er genauso langsam wie zuvor.

„Gut. Dann ... ich geh dann mal wieder auf meinen Posten, was?“

„Jaa.“

Eine halbe Stunde später ließ er sich an Land rudern. Das war ja wohl völlig schief gegangen, dachte Henry. Nur gut, dass er den Sack nicht ausgeleert hatte. Das wäre dann wirklich brenzlig gewesen. Georg würde nicht begeistert sein.

Wenig später erzählte er seinem Freund, dass ihr Plan gescheitert war. Georgs Laune, die wegen der Nörgelei seines Vaters sowieso schon angekratzt war, ging nun völlig in den Keller. Sie hatten nichts erreicht. Verdrießlich sah er zu, wie sein Vater ihre gesammelten Schätze auf das Schiff zurückbrachte. Er konnte Henry keinen Vorwurf machen. Er selbst hätte wahrscheinlich nicht den Mut dazu gehabt, Richies Seesack zu durchsuchen. Natürlich durfte sein Freund das nie erfahren. Jetzt mussten sie auf eine neue Gelegenheit hoffen. Nur die, das wusste er, würde so schnell nicht kommen. Eine Auslieferung wäre erst wieder in Südafrika möglich.

Sie beschlossen, den Nachmittag für einen Besuch der kleinen Stadt zu nutzen. Als sie zum Hafen zurückkehrten, hatte sich ihre Laune wieder etwas gebessert. Sie stellten fest, dass die meisten, darunter auch Cook mit seinem Gefolge, bereits wieder an Bord der Resolution waren. Doch aus irgendeinem Grund herrschte hier eine große Aufregung. Alle redeten durcheinander und gestikulierten wild. Voller Unverständnis näherten sie sich der Menschentraube.

„Da, schau mal Georg- das Boot! Es kann nicht anlegen. Die See ist zu stürmisch“, erkannte Henry.

„Und nun? Sollen wir jetzt hier übernachten oder was?“, fragte Georg.

„Da!“ Henry entdeckte Kepplin und Simon in der Menge. „Komm, wir gehen mal hin. Die wissen bestimmt mehr.“ Sie eilten zu den Matrosen.

„Schau an, da ist ja der Botaniker“, säuselte Kepplin leise und warf Georg mit zusammengekniffenen Augen einen verächtlichen Blick zu.

„Sieht gar nicht gut aus, oder Simon?“, meinte Henry und zeigte auf das Boot.

„Ja, da werden wir heute wohl noch nasse Kleider bekommen“, antwortete er, während er sich das Hemd am dicken Bauch glatt strich.

Georg blickte sie verständnislos an. „Ihr glaubt -“

„Na, was meint ihr denn, wie wir auf das Boot kommen sollen? Es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir werden wohl dorthin schwimmen müssen“, war Kepplin überzeugt.

„Das geht doch nicht. Schaut euch mal den Seegang an.“ Georg trat einen Schritt zur Seite, um von Kepplin Abstand zu gewinnen. Auch Henry sah beunruhigt zu den Männern in der Schaluppe hinüber. Die Matrosen gaben ihnen wild gestikulierend zu verstehen, dass sie doch endlich herüberschwimmen sollten, denn sie hatten Mühe, das Boot auf einer Stelle zu halten.

Georg wurde immer blasser. „Bei dem Wellengang wird man aber nur schwer schwimmen können“, meinte er schließlich.

„Hat vorhin nicht jemand gesagt, dass es hier Haie gibt?“, fragte Henry vorsichtig.

„Haie?“, rief Georg bestürzt.

„Ach, das ist nicht so wild. Bis die Haie merken, dass wir im Wasser sind, haben wir das Boot längst erreicht“, versuchte Simon sie zu beruhigen und fügte hinzu: „Und hinüber müssen wir, ob wir wollen oder nicht.“

Henry sah, wie sich die ersten Männer auszogen. Sie packten die Kleider zu einem Bündel zusammen, gleich darauf sprangen sie ins Wasser.

„Je länger wir warten, desto gefährlicher wird es für euch“, warnte Kepplin. Im nächsten Moment war auch er im Wasser. Simon folgte ihm. „Na macht schon! Oder wollt ihr das Abendessen von den Haien werden?“, rief er den Jungen zu.

„Mir ist ganz flau im Magen“, jammerte Georg.

„Aber wir haben keine Zeit. Also los!“ Ohne auf Georg zu warten, stürmte Henry ins Meer.

Georg war schon ganz schlecht, aber es half nichts. Das Wasser war kälter als erwartet und ihm stockte kurz der Atem. Eilig schwamm er in Richtung Boot. Er versuchte, nicht an die Haie zu denken, was ihm nur schwer gelang. Mühsam schaute er sich nach Henry um. Der war schon ein gutes Stück weiter vorn. Er sah, dass sich jetzt immer mehr Matrosen auf den Weg zum Boot machten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir die Haie sehen, dachte Georg und versuchte schneller zu schwimmen. Aber der Seegang ließ das nicht zu.

Kepplin und Simon hatten es bereits ins Boot geschafft. Noch völlig außer Atem trieb Simon die Jungen an: „Los, los! Henry, gleich kannst du mir die Hand reichen!“

„Haie in Sicht!“, schrie Innell plötzlich, dass seine Spucke nur so flog. „Los! Legt einen Zahn zu, ihr lahmen Kerle! Beeilt euch!“

Georgs Herz klopfte ihm bis zum Hals. Noch einmal versuchte er, einen Takt schneller zu schwimmen. Seine Arme schmerzten von der ungewohnten Anstrengung. Er suchte das Wasser nach Haiflossen ab, doch die Wellen waren zu hoch. Salzwasser brannte in seinen Augen. Er hörte, wie die Männer zur Abschreckung die Ruder auf das Wasser klatschten. Pistolenschüsse ertönten. Sie feuerten auf die Haie.

„Hierher!“, riefen die Männer. Alle beeilten sich ins Boot zu kommen. Endlich hatte auch Georg die Schaluppe erreicht.

„Komm, nimm meine Hand!“, schrie Innell.

„Achtung, da drüben!“, warnte ein anderer. Erneut fingen sie an, die Ruder ins Wasser zu schlagen. Georg wurde von Innell ins Boot gezogen. Kraftlos sank er zu Boden. „Danke“, japste er, völlig außer Atem und fürchterlich zitternd.

Die meisten Matrosen hatten es bereits in die Schaluppe geschafft. Nur die beiden Seesoldaten William Wedgeborough und Francis Taylor waren noch im Wasser. Für sie war die Situation jetzt äußerst brenzlig. Die Haie waren inzwischen bis auf wenige Meter herangeschwommen. „Sie schaffen es nicht!“, rief Georg entsetzt.

„Na wartet!“, schrie Henry, schnappte sich seine Hose und schlug damit auf das Wasser. Gleich taten es ihm die anderen nach. Jeder an Bord nahm, was er finden konnte. Mit Hemden, Hosen, Rudern, ja sogar mit den bloßen Händen klatschten die Männer auf die Wasseroberfläche. Da - es half! Die zwei letzten Schwimmer hatten das Boot erreicht.

„Schnell! So zieht sie doch rauf!“, rief Georg ängstlich. Mit einem kräftigen Ruck zogen Innell und Kepplin den völlig entkräfteten William an Bord. Nun packten sie Francis Taylor an den Armen. Taylor war noch nicht richtig an Bord, da schnellte der Hai mit voller Wucht aus dem Wasser und schnappte mit weit aufgerissenem Maul nach seinem Bein. „PULLT!“, schrien sie. Einen Sekundenbruchteil später fiel Taylor mit lautem Krachen ins Boot.

Plötzlich herrschte Stille. Dann, wie auf Kommando, fingen alle zu jubeln und zu lachen an. Der Hai hatte das Bein verfehlt. „Gerade noch mal gut gegangen“, freute sich Simon und klopfte dem Geretteten bestärkend auf die Schulter. Francis Taylor liefen die Tränen hinunter. Er zitterte am ganzen Körper. Um ein Haar hätte es ihn erwischt.

An Bord der Resolution hatten Kapitän Cook, die Offiziere, Forster und all die anderen Matrosen das Schauspiel unter Höchstspannung verfolgt. Langsam löste Kapitän Cook seine geballten Fäuste. Erleichterung breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Das ging gerade noch mal gut“, murmelte Dr. Patton.

„Ja, nur eine Sekunde später und Sie hätten schon ihren ersten Einsatz gehabt“, antwortete Cook gefasst.

Die Schaluppe erreichte das Schiff. Erschöpft kletterten die Matrosen an Bord.

„Ihr seid wirklich tapfere Männer. Ich bin stolz auf euch“, sprach Cook, dann wandte er sich Offizier Cooper zu. „Lassen Sie den Männern zur Stärkung eine Sonderration Rum bringen.“ Cooper nahm diese Order gerne entgegen und ließ sie umgehend ausführen.

„Junge, ist dir auch nichts passiert?“ Forster war inzwischen zu Georg geeilt. „Nein Vater, alles in Ordnung“, sagte er, dem vor Aufregung immer noch die Knie zitterten.

„Und du? Ist bei dir auch alles in Ordnung?“, fragte er Henry.

„Danke ja. Es geht mir gut“, nickte Henry überrascht. Doch auch er war leichenblass.

„Komm mein Junge. Henry, du auch. Kommt beide mit, wir gehen erst einmal in die Kajüte. Da könnt ihr euch einen Moment ausruhen. Ich werde euch einen heißen Tee bringen lassen.“ Georg und Henry folgten ihm wie in Trance.

Alle waren froh, dass dieses Abenteuer so glimpflich ausgegangen war. Der frische Proviant fiel spärlich aus. Mit ein paar mageren Tieren, schlechtem Obst und halbsalzigem Wasser setzten sie am nächsten Abend Segel. Ihr nächstes Ziel hieß Südafrika. Erst dort hätten Georg und Henry die Möglichkeit, Richie loszuwerden. Aber eines machte Henry noch mehr Gedanken: Würde Loggie, der Schwachkopf, seinem Kumpel Richie etwas über ihr Zusammentreffen erzählen?

Neuigkeiten

Henry und Simon knieten auf den von der Sonne gewärmten Planken und schrubbten mit großen Steinen und sandigem Wasser die Back sauber.

Innell trat zu ihnen auf das Vorschiff. Es ging ein mäßiger Wind und wohl deshalb hatte er ein Tuch um seine Stirn gewickelt. Der Matrose stellte sich an die Reling, öffnete seine abgetragene Hose und pinkelte ins Meer. Auch daran hatte sich Henry erst gewöhnen müssen. Geschwind rutschte er ein Stück weiter. Georg wollte doch auch auf das Deck kommen, dachte er und ließ seinen Blick über das Schiff gleiten. Zimmermann Smock genoss seine Freizeit mit einem Würfelspiel unter Matrosen. Loggie versuchte irgendwas zu schnitzten. Dem Gesichtsausdruck nach schien er von seiner Arbeit nicht überzeugt zu sein. Am Hauptmast lehnte Smutje Ramsay und sonnte sich, während zwei Offiziersanwärter mit dem Fernglas den Horizont absuchten. In den Wanten unterhielt sich eine Handvoll Matrosen. Ein anderer war, wie allezeit, im Krähennest. Georg jedoch entdeckte er nirgends. Henry warf einen weiteren Blick auf Innell. Der hatte sich im Bugspriet ins Netz gelegt. Ein schöner Platz zum Ausruhen, dachte er, während er den Eimer hinter sich herzog und zu Simon hinüber rutschte.

Als sie ihre Arbeit erledigt hatten, gönnte auch er sich eine Pause. Zuerst wollte er zum Gangspill gehen, doch der Platz kam ihm nicht ganz so bequem vor. Außerdem hatte er keine Lust, von Richie beobachtet zu werden. Seit dem Zwischenfall mit Loggie hatte er das Gefühl, als belauere Richie ihn. Angesprochen hatte er ihn auf die Sache noch nicht. Immer wieder hatte er sich ausgemalt, was er dann antworten könnte. Richie war nicht im Geringsten so einfältig wie Loggie. Die Geschichte mit dem Tampen konnte er also nicht bringen. Aber etwas Besseres war ihm bis jetzt auch nicht eingefallen. Henry beschloss, in das Beiboot zu klettern. Das wurde zwar nicht gern gesehen, aber von den Offizieren war niemand da. Die Offiziersanwärter mühten sich mit dem Sextanten ab- also nichts wie hinein.

Das sanfte Schaukeln des Schiffes wog ihn rasch in den Schlaf. Es dauerte nicht lange und er fing zu träumen an. Eine Stimme sprach zu ihm: „Du kommst mir irgendwie bekannt vor. Warst du in London?“ In seinem Traum drehte er sich um, doch er sah nur einen undeutlichen Schatten. Klar war ich dort, dachte Henry. „In London war doch jeder“, hörte er prompt.

„So meine ich das nicht“, erwiderte die raue Stimme. Sie hörte sich an wie die von Richie. Der Schatten huschte davon. Richie. Nicht schon wieder. Henry fuhr sich mit geschlossenen Augen übers Gesicht. Ihm war heiß.

„Keine Ahnung, was du meinst. Ich hab dich zum ersten Mal auf dem Schiff gesehen“, wisperte die andere Stimme, die er schon zuvor gehört hatte. Es war gar nicht seine eigene Stimme gewesen? Es war - Kepplin!

Henry öffnete langsam die Augen, blinzelte und wollte gerade die Hand zum Schutz vor der Sonne über die Augen heben, da vernahm er erneut die kratzige Stimme. „Kennst du die Schenke zum Admiral Duncan?“

Richie! Herrgott! Sein Puls schnellte nach oben. Es war kein Traum! Richie und Kepplin saßen direkt unter dem Beiboot. Jetzt bloß nicht bewegen! Wenn nur nicht sein Rücken so sehr von dem harten Holz schmerzen würde.

„Naja, wer kennt die Spelunke nicht“, säuselte Kepplin.

„Ich bin sicher, dass wir uns dort schon mal begegnet sind: eine Woche vor unserer Abfahrt. War es nicht so?“, bohrte Richie weiter. Augenblicklich hörte Henry ein Klopfen. Fieberhaft überlegte er, was das sein könnte. Schon wieder. Irgendwas wurde in die Planken gerammt. Hatte Richie nicht ein Messer?

„Ich glaub nicht, dass wir uns dort getroffen haben. Das müsste ich wissen“, murmelte Kepplin abfällig.

Um was ging es da? Warum war das für Richie so wichtig, fragte sich Henry.

„Hör auf, den Unschuldigen zu spielen“, zischte Richie. Das Klopfen hatte aufgehört. „Ich mag zwar betrunken gewesen sein, dennoch kann ich mich sehr gut an den Abend erinnern.“ Eine kurze Pause entstand.

Henry hörte, wie sich jemand bewegte. „Mir ist es hier nicht gleich aufgefallen, Kepplin“, kam es jetzt von etwas weiter links. „Aber dein Ohrring“, Richie lachte kehlig, „dein Ohrring und dein -“

„Du musst mich mit jemandem verwechseln“, unterbrach Kepplin ihn gereizt.

Wenn er doch nur etwas sehen könnte, dachte Henry. Doch er traute sich nicht, sich auch nur eine Winzigkeit zu bewegen.

„Nein nein“, knurrte Richie. „Dein schmieriges Gesicht und den goldenen Klunker am Ohr - das warst du, Kepplin.“

„Und wenn schon. Was soll das?“

„Du gibst es also zu?“

Kepplin antwortete nicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit sagte er: „Hör mal, Richie, lass uns -“

„Freunde sein?“ Richie lachte hell auf. „Du weißt genau, dass sie mich im Admiral Duncan verhaftet haben.“

„Aber ich werde niemandem sagen, dass du die Kutsche ausge…“ Kepplin brach mitten im Satz ab. Henry riss entsetzt die Augen auf. Richie hatte eine Kutsche ausgeraubt? Das musste er Georg erzählen.

„Nein, natürlich wirst du das niemandem sagen“, raunte Richie. „So, wie du es eben gerade auch vor mir verheimlichen wolltest. Hat ja vorzüglich geklappt, was?“ Henry hörte, wie Richie Luft holte. „Weißt du Kepplin, ich kenn solche Brüder wie dich. Du plauderst ein bisschen und schon weiß es das ganze Schiff.“

„Ich plaudere nicht“, widersprach Kepplin vehement. Es klang alles andere als überzeugend.

„Selbstverständlich Kepplin. Ich sag dir eins: Wenn du mich verpfeifst, lebst du nicht mehr lange. Klar soweit?“ Wieder ertönte das Klopfen. Richie musste das Messer in die Planken gerammt haben.

Von Kepplin kam keine Antwort. Henry hörte, wie jemandem auf die Schulter geklopft wurde. Gleich darauf erhob sich einer der Männer und entfernte sich. Henry hielt den Atem an.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783945298558
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317371
Schlagworte
Georg Foster Kapitän Käpten James Cook Weltreise Schiff Freundschaft Abenteuer Naturforscher Wissenschaft Dieb England Diebstahl Südsee Reise

Autor

  • Claudia Zentgraf (Autor)

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Titel: Eine Reise um die Welt