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Eine Reise um die Welt

Appetizer

von Claudia Zentgraf (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Am Hafen

Wie jeden Tag herrschte am Londoner Hafen reges Treiben. Ein buntes Völkchen tummelte sich in den angrenzenden Gassen, den Schankstuben und am Kai, wo die ankommenden Handelsschiffe ihre Ladung löschten und andere zum Auslaufen fertig gemacht wurden. Ununterbrochen wurden Waren aus Asien und Amerika, darunter feinste Stoffe, Porzellan, Tee, Kaffee sowie exotische Gewürze ausgeladen. Sie waren teuer und meist nur für die bessere Gesellschaft gedacht. Nichts für Tagelöhner oder einen Hilfsarbeiter wie Henry.

Mit schweißnassen Händen balancierte Henry die letzten beiden hölzernen Kisten zur Kaimauer hinüber, als die Obere zu rutschen begann. Henry tänzelte nach rechts und hatte die Kiste gerade wieder in die Mitte bugsiert, als er plötzlich von hinten angerempelt wurde. Er stolperte nach vorne und einen Sekundenbruchteil später landete seine Ladung unsanft auf dem Boden. Ein Deckel sprang auf, das Salz und Pökelfleisch verteilte sich auf dem staubigen Pflaster. Wütend fuhr Henry herum. Vor ihm stand ein Bursche, der so viele Bücher trug, dass sie ihm bis zum Kinn reichten. „He du! Kannst Du nicht aufpassen?“, blaffte er den Bengel an, der offensichtlich für die Misere verantwortlich war.

„Entschuldigung, das wollte ich nicht“, stammelte dieser, während er die Bücher vorsichtig auf einem Holzfass niederlegte.

Der Kerl war einen Kopf größer als er. Seine braunen Haare wurden im Nacken durch ein Band zusammengehalten. Das Spitzenhemd war verschwitzt und er trug schwarzglänzende Schuhe die auf dem Fußrücken, mit einer silbernen Schnalle verziert waren. Die Bücher, die Kleidung, das alles deutete darauf hin, dass er kein einfacher Hafenarbeiter war - wohl eher ein Schüler oder Lehrling, glaubte Henry. Ausgerechnet Bücher! Obwohl Henry schon vierzehn Jahre alt war, hatte er nie lesen gelernt. Zudem hätte er sowieso keine Zeit für so etwas gehabt.

Hastig wische er den Staub vom Pökelfleisch, kratzte das Salz zusammen, das nun eine Spur Dreck enthielt und warf alles wieder zurück in die Kiste. „Wer bist du und was machst du hier?“, fragte er schließlich, von Neugier gepackt, während er den Deckel schloss und die Kiste auf den Stapel setzte.

„Ich ...“, begann der Junge und setzte dann erneut an, „ich heiße Georg. Georg Forster. Mein Vater wurde bei dem Schiff dort angeheuert und ich darf mit.“

Georg zeigte auf die Dreimastbark, die direkt vor ihnen lag. „Die Bücher soll ich auf das Schiff bringen.“ Georg hob die andere Holzkiste auf.

„Ihr habt auf der Resolution angeheuert? Bei Kapitän Cook?“, fragte Henry erstaunt. Mechanisch griff er nach der Kiste, die Georg ihm reichte.

„Genau. Du kennst Kapitän Cook?“

„Nun ja, ich habe allerhand von ihm gehört.“ Henry setzte sich schwungvoll auf die Kaimauer. „Letztes Jahr kam er von der Weltumsegelung zurück. Damals redete jeder von ihm. Wenn man Glück hatte, traf man im Wirtshaus auf einen seiner Matrosen. Der konnte die tollsten Geschichten erzählen, sage ich dir! Von fremden Ländern, Wilden, gefährlichen Tieren, Stürmen und natürlich über Kapitän Cook. Mensch, die haben vielleicht was erlebt“, seufzte Henry. Seine Augen fingen an zu leuchten.

„Ja, das stimmt wohl. Ich weiß, dass ihr Schiff an der Küste von Neu-Holland im großen Riff auf Grund gelaufen ist. Was für eine Katastrophe! Die Reise wäre fast gescheitert. Dass Cook noch den Zugang zum offenen Meer gefunden hat, war eine echte Meisterleistung.“ Georg schüttelte beeindruckt den Kopf und setzte sich zu Henry. Insgeheim hoffte er, dass ihm so ein Abenteuer erspart bleiben würde.

„Ja, Cook muss ein erstklassiger Kapitän sein“, flüsterte Henry bewundernd. Unvermittelt streckte er Georg die Hand entgegen. „Ich heiße Henry.“

Georg schlug ein und lächelte. Der Junge mit den wirbeligen hellbraunen Locken und den abertausenden Sommersprossen gefiel ihm.

„Weshalb fährt Cook diesmal los?“, wollte Henry wissen.

„Offiziell sollte Cook bei seiner letzten Reise nur den Venusdurchgang vor der Sonne beobachten. Damit wollten die Astronomen die Entfernung zwischen Erde und Sonne bestimmen. Doch das war nur ein Teil seines Auftrags gewesen. Insgeheim sollte er den Südkontinent suchen.“

„Den Südkontinent?“

„Natürlich. Den muss es doch geben“, sagte Georg. „Der Südkontinent ist das Gegenstück zu unseren Kontinenten - also unserem Land hier auf der Nordhalbkugel.“ Als Georg seinen verständnislosen Gesichtsausdruck sah, wusste er, dass Henry ihm kein bisschen folgen konnte. Doch er hatte eine Idee. Er ging auf einen Fuhrwagen zu und nahm einen Kohlkopf herunter. Anschließend hob einen rostigen Nagel und einen alten Fischkopf auf. Mit diesem steckte er den Fischkopf auf den Kohl.

Henry runzelte die Stirn. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, was Georg damit bezwecken wollte.

„Jetzt schau!“ Georg hob den Kohl so, dass der Fischkopf oben auflag. In dem Moment, als er den Kohl auf den Boden legte, rollte der Kohl so, dass gleich darauf der Fischkopf den Boden berührte. „Siehst du? Das Gewicht zieht den Fisch nach unten. Damit der Kohl nicht rollt, muss auf der anderen Seite logischerweise dasselbe Gewicht hängen. So ist das auch mit unserer Erde. Wir brauchen einen zweiten Fischkopf auf der gegenüberliegenden Seite.“

„Wir brauchen einen Fischkopf?“

„Nein! Einen Kontinent, Land! Es geht doch nur um das Gewicht“, seufzte Georg. War das denn so schwer zu verstehen? „Cook soll im Pazifik Land finden. Das ist sein Auftrag“, sagte er knapp.

„Ach so.“ Henry drehte sich zur Resolution um. „Eine Entdeckungsreise mit Kapitän Cook, das muss wunderbar sein“, murmelte er. Wie gerne würde er mit Georg tauschen. Verträumt schaute er vor zum Bugspriet, dann wanderte sein Blick über das Großsegel bis hinter zum Achterdeck. In Gedanken sah er sich an der Reling stehen. In wenigen Tagen würde ein Matrose „Land in Sicht!“ rufen und kurze Zeit später wäre er auf einer völlig unbekannten Insel. Mit Macheten schlügen sie sich den Weg durch den dichten Dschungel frei. Exotische Vögel flögen aufgeschreckt in den azurblauen Himmel. Ganz allmählich lichteten sich die Baumreihen vor ihnen, wo sich ein tosender Wasserfall -

„Herrje, Georg. Da bist du ja! Ich hab‘ dich überall gesucht.“ Jäh wurde Henrys Traum von einer barschen Stimme zerrissen. Ein älterer Mann stapfte auf sie zu. Es musste Georgs Vater, der alte Forster sein, überlegte Henry. Seine Haare waren etwas ergraut und er hatte ein paar Falten um Mund und Augen, doch ansonsten waren sie sich wie aus dem Gesicht geschnitten. „Wo bleibst du denn? Wir haben noch viel zu erledigen, also komm“, fuhr er seinen Sohn an und drehte sich auch schon wieder zum Gehen um.

„Vater, warte! Darf ich dir Henry vorstellen?“ Mit einem Satz sprang Georg von der Mauer.

Abrupt blieb Forster stehen und schaute ihn über die Schulter hinweg irritiert an. Erst jetzt wurde ihm der Lockenkopf gewahr. „Henry, soso.“ Forster betrachtete den Jungen. Die Hose war eingerissen und viel zu kurz, das Hemd war dreckig und die nackten Füße ebenso. „Ich hoffe, er hat dich nicht bestohlen?“ Er warf seinem Sohn einen misstrauischen Blick zu.

„Nein nicht doch“, Georg lachte erstaunt auf, wurde aber gleich darauf wieder ernst. „Wir sind zus ... - ich meine, wir haben uns eben hier kennengelernt.“ Georg kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Weißt du, Henry kennt sich hier aus und ich sollte doch die Bücher an Bord bringen. Da dachte ich, er könnte mir… helfen?“, fragte Georg unbeholfen, wobei er Henry durchdringend ansah.

„Du hast die Bücher noch gar nicht ...?“ Forstes Augen wurden groß.

„Sir, wir wollten gerade los“, schaltete Henry sich schnell ein. „Ich kenne das Schiff. Also, nicht wirklich, aber …“ Henry spürte, wie seine Wangen zu glühen begannen. Bestimmt war sein Kopf rot wie Klatschmohn.

„Na was denn nun? Kennst Du das Schiff oder nicht?“, fragte Forster gereizt. Henry atmete tief durch, dann sammelte er sich: „Also, ich habe schon Ware für die Resolution angeliefert und beim Beladen der Star habe ich auch geholfen. Ich arbeite für den Händler Smith, Sir. Ich bin fast jeden Tag hier. Letzte Woche haben wir für die Brave Knight fünfzig Kisten -“

„Schon gut, schon gut. Das will ich alles gar nicht wissen“, winkte Forster ungeduldig ab. „Wie wärs, wenn Ihr jetzt einfach die Bücher an Bord bringt?“

„Natürlich Vater.“ Georg und Henry klemmten sich die Bücher unter die Arme und einen Wimpernschlag später drängelten sie sich auch schon durch das Gewühl.

Es ging vorbei an Pferdekarren, die mit Säcken voller Lebensmittel, Gebinden oder Holz beladen waren. Sie wichen Arbeitern aus, die Fässer mit Teer und Pech anrollten. Es stank nach Pferdeäpfeln, Schweiß und Dreck. Ein paar Meter weiter sahen sie, wie Zimmermänner kritisch die Ersatzhölzer, Spieren und Planken begutachteten, während sich ein Matrose laut keifend mit einem störrischen Ziegenbock abplagte. Ein alter Seebär stand ihnen stur im Weg und als er sie ansprach, stank sein Atem nach faulen Zähnen. Aus kleinen Käfigen drang das aufgeregte Geschnatter von Hühnern, Gänsen und Enten. Henry und Georg kamen an Tau- und Takelwerk vorbei, das zum Einhieven bereit lag. Sodann schoben sie sich durch zwei Händler hindurch, die sich einen hitzigen Wortwechsel über die Qualität ihrer Ware lieferten. Unterdessen versuchte ein Offizier am Steg wohl vergeblich, in diesem großen Wirrwarr den Überblick zu behalten.

Bootsmannsmaat David Anderson stand mit der Vorratsliste an der Reling und überwachte die Matrosen, die lustlos riesige Käseräder an Bord rollten. „Auf, ihr lahmen Kerle! Schneller! Das muss schneller gehen. Bringt alles in den Laderaum runter. Na los, macht schon.“

Georg folgte Henry, der sich geschickt an den Matrosen vorbei- quetschte. Er war noch nicht richtig an Bord, als er einem Seemann aus Versehen auf den Fuß trat. „Verdammich noch mal! Nicht so stürmisch, Junge“, knurrte er. Seine dunklen Augen blitzten Georg an wie die eines hungrigen Wolfes. Automatisch wich Georg einen Schritt zurück. Sein Blick fiel auf den muskulösen Unterarm, auf dem eine blaugrüne Tätowierung prangte. „Entschuldigung“, nuschelte Georg hasenherzig, während er versuchte, sich mitsamt seiner Bücher an ihm vorbeizuschieben.

„Mach, dass du nach Hause kommst, du elende Landratte! So einer wie du hat hier auf dem Schiff nichts verloren.“ Der Matrose schubste ihn beiseite und prompt kam Georg ins Schlingern. In letzter Sekunde griff Anderson ihm unter den Arm. „Danke Sir“, flüsterte Georg beschämt.

Anderson nickte ihm freundlich zu, dann drehte er sich zum Matrosen um. „He Richie, so geht man nicht mit Gästen um. Benimm dich, sonst landest du noch vor der Abfahrt am Mast!“

Richie grinste verächtlich, bevor er seinen Käse zum Niedergang rollte.

Während Anderson sich noch fragte, wie die Fahrt mit diesem ungehobelten Matrosen wohl sein würde, war Georg schon bei Henry angelangt. Er war froh, dass sein neuer Freund von dem ungeschickten Zwischenfall nichts mitbekommen hatte.

„Schau, da hinten ist ein Offizier“, raunte Henry. Er zeigte auf einen Mann in Uniform. Zögernd gingen sie zum Achterdeck nach hinten. „Los, frag nach der Kajüte“, murmelte er.

„Warum ich?“

„Weil du hier angeheuert hast.“ Henry schubste ihn zum Offizier, der gerade seine Unterlagen durchblättere.

„G-guten T-tag, Sir“, stotterte Georg.

„Ja?“ Der Offizier sah die beiden neugierig an. „Was kann ich für euch tun?“

„Ich bin der Sohn von Johann Forster, Georg Forster.“ Er verbeugte sich knapp. „Ich soll die Bücher hier an Bord bringen.“

„Forster?“, wiederholte er, nässte seine Fingerkuppe und blätterte damit durch seine Liste. „Ah, hier. Forster. Die Herren Naturwissenschaftler, richtig?“

Georg nickte.

„Mein Name ist Cooper, erster Offizier auf der Resolution. Willkommen an Bord!“ Cooper schüttelte ihnen die Hand.

Georg musste feststellen, dass der Offizier einen recht kräftigen Händedruck hatte. Selbst wenn Cooper keine Offiziersuniform getragen hätte, so hätte Georg allein an seiner Körperhaltung und dem stolzen Gesichtsausdruck daraus geschlossen, dass es sich bei ihm keinesfalls um einen einfachen Matrosen handelte. Offensichtlich hatte er eine gute Ausbildung genossen und in Sachen Bildung war er den Matrosen zweifelsohne überlegen. Wie die meisten seines Standes trug auch er eine weiße Perücke, die sein Gesicht und vor allem sein markantes Kinn betonte.

„Ihr wollt wohl zur Kajüte, was? Na, dann kommt mal mit.“ Cooper ging am Ruderstand vorbei und stieg behände den Niedergang hinunter. Die Treppe war ziemlich eng und mit den Büchern im Arm und so kam Georg die Stufen nicht ganz so schnell hinunter wie der Offizier.

„So, da sind wir.“ Sie hatten das Kajütendeck erreicht. Cooper öffnete die Tür.

Henry, der bisher immer nur auf dem Ladedeck gewesen war, sah sich staunend um. Die Kajüte war nur knapp vier Quadratmeter groß und obwohl die Forsters nicht viele Dinge auf das Schiff mitnehmen durften, schien der Raum fast schon überfüllt zu sein. Außer den zwei Kojen, einem Regal und einem schmalen Schrank, einem Tisch und zwei Stühlen befanden sich etliche Kisten mit diversen Arbeitsmaterialien in dem kleinen Raum.

Unschlüssig blieb Georg in der Mitte der Kajüte stehen. Er schluckte. Hier sollte er mit seinem Vater mehrere Wochen, nein Monate, wohnen und arbeiten?

Cooper, der seine Gedanken zu erraten schien, sagte: „Es ist zwar eng, aber immer noch besser als auf dem Zwischendeck bei den Matrosen. Wirst schon sehen.“ Er klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Ja Sir“, erwiderte er ein wenig verlegen.

„Richte deinem Vater bitte aus, dass wir euch morgen hier an Bord erwarten.“ Cooper tippte zum Gruß an seinen schwarzen Hut und verschwand.

„Ist doch gar nicht so schlecht. Ich könnte es hier aushalten.“ Henry setzte sich auf einen Stuhl. „Was habe ich da eben gehört? Ihr seid Naturwissenschaftler?“

„Mein Vater ist Naturwissenschaftler. Ich bin nur sein Assistent und Zeichner“, antwortete Georg, während er die Bücher im Regal verstaute.

„Dann seht ihr euch wohl den ganzen Tag das Unkraut an oder wie?“, grinste Henry derart, dass seine zwei großen Vorderzähne in voller Pracht zu sehen waren.

„Nicht ganz. Es stimmt zwar schon, dass wir die einzelnen Pflanzen notieren, aber uns interessieren auch die Tiere. Vor allem aber sehen wir uns die Arten an, die noch keiner vor uns entdeckt hat. Die Informationen halten wir dann fest“, erläuterte Georg.

„Wie meinst du das?“, fragte Henry, während er Georg ein Buch zum Einsortieren reichte.

„Na ja, wir schauen zum Beispiel, ob die Pflanze schon in Linnés Artenliste aufgeführt wurde. Wenn nicht, geben wir ihr einen Namen und fügen sie unserer Liste hinzu. Dort vermerken wir auch, zu welcher Gattung die Pflanze gehört, ob sie eine Heilwirkung hat und einiges mehr. Bei den Tieren verfahren wir ähnlich – natürlich ohne Heilwirkung.“

Henry merkte sofort, dass auch in Georg ein kleiner Naturwissenschaftler schlummerte.

„So, alles erledigt. Komm, wir müssen los, mein Vater ist bestimmt schon ungeduldig.“

Behäbig erhob sich Henry vom Stuhl. Ein letztes Mal schaute er sich in der Kajüte um. Gedankenverloren strich er über eine Kiste mit Messingbeschlägen. „Mensch Georg, bald segelt ihr los. Immer der Nase nach, über das weite Meer …“, flüsterte er mit einem Hauch Wehmut in der Stimme.

„Ja, morgen geht es los.“ Georg kletterte den Niedergang hoch. „Warum fährst du eigentlich nicht mit? Was ist mit deiner Familie? Hat sie etwas dagegen?“, bohrte Georg.

„Nein, mitnichten.“

Vermutlich würde ihn niemand hier vermissen. Als seine Mutter vor einem Jahr im Kindbett gestorben war, zog sein Vater mit den fünf Kindern nach London. Kaum angekommen wurde der Vater krank und das Leben in London war so teuer, dass er in Kürze verschuldete. Unverzüglich war er von den Schuldnern ins Schuldgefängnis gesperrt worden, wo er vor einem knappen Monat verstarb. Zum Glück konnte er beim Händler Smith als Hilfsarbeiter anfangen.

„Ich - ich habe keine Eltern mehr. Meine Geschwister sind zur Tante zurück aufs Land gezogen“, erklärte er knapp. Urplötzlich überfiel ihn Traurigkeit. Noch immer vermisste er seine Eltern. Henry versuchte zu erklären: „Eigentlich kann ich froh sein, dass ich bei ihm eine Anstellung gefunden habe. Außerdem - Mister Smith wird mich nicht gern gehen lassen. Dabei ...wenn er schlechte Laune hat, kann er unerträglich sein.“

„Wenn das so ein Untier ist, dann komm doch mit“, schlug Georg vor. „Du kannst ordentlich mit anpacken. Bestimmt wärst du ein guter Matrose. Worauf wartest du? Lass dich anheuern“, munterte Georg ihn auf.

Streng genommen hat Georg recht, dachte Henry. Wen störte es schon, wenn er England verlassen würde?

Cooper, der gerade den Matrosen in den Masten bei der Arbeit in der Takelage zusah, hatte Georgs letzte Worte gehört. Er zögerte kurz, dann ließ er von den Mastgasten ab und rief: „He, wartet mal Jungs! Kommt doch noch mal her!“ Überrascht drehten sich die Jungen zu ihm um.

„Habt ihr nicht beide hier angeheuert?“, vergewisserte sich Cooper.

„Nein, nur ich“, antwortete Georg, dann fügte er hastig hinzu: „Aber wenn Sie noch einen Matrosen brauchen, Henry wäre wie geschaffen für diesen Posten.“ Georg zwinkerte Henry vielsagend zu.

„Wir brauchen durchaus noch einige Leichtmatrosen“, bemerkte Cooper. Er fuhr sich über das Kinn und musterte Henry von oben bis unten. Nach ein, zwei Sekunden meinte er schließlich: „Nun gut. Also, wie sieht es mit dir aus?“

Henry sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. „Wie sieht was aus?“

„Mensch, stell dich doch nicht so dämlich an“, flüsterte Georg aufgeregt. „Willst du nun als Leichtmatrose arbeiten oder nicht?“

Erst jetzt begriff Henry, dass Cooper ihn einstellen wollte. Sein Herz machte einen Sprung. „Natürlich Sir! Ich wäre ein guter Leichtmatrose. Ein sehr guter sogar. Ich bin schon vierzehn, kann hart arbeiten und bin stark wie ein Pferd. Hier, schauen Sie mal!“ Henry entblößte dem Offizier seine Armmuskeln.

Cooper lachte. „Na dann – willkommen an Bord, Leichtmatrose Henry.“

„Danke Sir“, freute er sich. Aus Angst, dass er deshalb gleich einen Jubelschrei loslassen würde, presste er die Lippen fest aufeinander.

„Na siehst du“, jubelte Georg mit gedämpfter Stimme beim Weitergehen.

„Ich hab’s geschafft, oder Georg? Er hat mich angeheuert, oder?“ Henry konnte es immer noch nicht glauben.

„Sicher doch, Henry. Du bist ein Teil der Mannschaft, so wahr ich hier stehe“, lachte Georg.

Henry genoss den Moment. Er würde wahrhaftig mit Kapitän Cook auf große Fahrt gehen! Er würde England verlassen. Er würde fremde Länder kennenlernen, durch den Dschungel streifen und all das machen, wovon er immer geträumt hatte. Vor lauter Aufregung begannen seine Knie zu zittern. Er blieb stehen, um einmal durchzuatmen. Just in diesem Moment drang eine derbe Stimme an sein Ohr, die ihm förmlich das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Schlagartig fühlte er sich an den gestrigen Tag erinnert.

Es war um die Mittagszeit, als er in einem Hinterhof sein gewohntes Nickerchen auf einer mit Stroh beladenen Karre machte. Plötzlich wurde er von dieser Stimme, die rau und kratzig wie eine Raspel war, geweckt. Neugierig hatte Henry vom Karren heruntergespäht. Unweit von ihm, direkt im Durchgang, stand ein Mann. Sein Gesicht konnte er nicht erkennen, die Tätowierung wohl. Der Mann schien sich über den Inhalt einer Geldbörse zu freuen. Schließlich drehte er einen goldglänzenden Gegenstand in der Hand hin und her. Im nächsten Moment sprang der Deckel auf. Eine Taschenuhr! Henry hörte, wie sich der Mann über die seltsame Gravur lustig machte, scheinbar eine Blume. Das kehlige Lachen würde er unter Tausenden wiedererkennen. Als er sich schließlich selbst zu seinem guten Fang gratulierte, wurde Henry klar, dass er es hier mit einem Dieb zu tun hatte.

Im nächsten Augenblick hallte Getöse von der Straße zu ihnen herüber. Aufregung lag in der Luft. Sie suchten jemanden. Hastig steckte der Mann seine Beute in die Hosentasche. Jetzt erst bemerkte Henry das Messer, welches aus seiner Lederscheide blitzte. Er schluckte. Mit dem Kerl war bei Gott nicht zu spaßen. Einen Atemzug später war der Mann verschwunden.

Fieberhaft schaute Henry um sich. Der Taschendieb hatte sich offenbar unter das Volk aus Matrosen, Händlern und Offizieren gemischt. Wo steckte er? Wieder ertönte die raue Stimme des Diebes! Er sah in die Gesichter. Überall wurde gesprochen, geschimpft und gekeift. Es hätte jeder sein können. Angestrengt lauschte Henry und verglich die Stimmen mit den Bewegungen ihrer Münder. Doch plötzlich verstummte sie.

„Wo bleibst du?“, ertönte es direkt hinter ihm. Henry zuckte zusammen.

„Bist du von Sinnen?“, blaffte er Georg an.

„Ich habe doch nur gefragt, wo du bleibst“, antwortete Georg achselzuckend und klang dabei ein wenig beleidigt. Dann stutzte er. „Was ist mit dir los? Du siehst aus, als hättest du ein Seeungeheuer gesehen.“

„Nichts“, log Henry. „Mir ist nur mulmig zumute, weil - weil ich Smith sagen muss, dass ich ab morgen nicht mehr für ihn arbeite.“ Während er das sagte, prüfte er ein Gesicht nach dem anderen. Es gab welche mit Bart, Langnasen, braun gebrannte, zahnlose, welche mit Strubbelhaaren, Glatzköpfige und einige mit goldenen Ohrringen. War einer von ihnen der Dieb? Oder hatte er das Schiff längst verlassen?

„Ach mach dir keine Sorgen, Henry“, riss Georg ihn aus den Gedanken. „Während Smith in seinem Laden hockt, reisen wir schon bald um die Welt…“

Um die Welt. Der Dieb würde dann sein Unwesen auf den Straßen von London treiben, während sie um die Welt reisten.

Es geht los

Sie sah schon toll aus, die Resolution. Für die lange Reise hatten das Schiff und die Räumlichkeiten komplett überholt werden müssen.

Mittlerweile hatte es sich herumgesprochen, dass Kapitän Cook erneut zu einer Weltumsegelung aufbrach. Auf seinem Schiff waren hundertzwölf Matrosen angeheuert worden, während auf ihrem Begleitschiff, der Adventure, Kapitän Furneaux das Kommando über einundachtzig Seeleute hatte. Des Weiteren befanden sich auch ein Maler, ein Astronom, ein Arzt, mehrere Naturwissenschaftler und Kajütenjungen mit an Bord.

Auch die Ladung ließ Kapitän James Cook strengstens kontrollieren. Es gab klare Anweisungen, was alles mitzunehmen sei.

Erkrankte Seeleute, unfähig zu arbeiten, konnten die Reise mühelos zum Scheitern bringen. Die Krankheit Skorbut, welche auf Vitaminmangel beruhte, konnte sogar zum Tod führen. Für viele war das ein guter Grund, nicht zur See zu fahren. Kapitän Cook strebte danach, dass seine komplette Besatzung wohlauf nach England zurückkehrte. Aus diesem Grund ließ er sechzig Fässer vom vitaminreichen Sauerkraut einschiffen. Malz, Karottengelee, eingedicktes Bier und eingekochte Fleischbrühe sollten ebenfalls die Krankheit in Schach halten.

Charles Clerke und Richard Pickersgill kamen fast gleichzeitig am Liegeplatz der Resolution an. Für beide war es bereits die zweite Reise unter Kapitän Cook. Schon auf der Endeavour hatten sie als Steuermannsgehilfen gute Arbeit geleistet.

Clerke war ein stiller Mann, der sich auch in gefährlichen Situationen nicht aus der Ruhe bringen ließ. Auf der letzten Fahrt war er von Charles Green in die Praxis der Astronomie eingewiesen worden und nachdem dieser auf der Heimreise verstorben war, hatte Clerke pflichtbewusst dessen Arbeit übernommen.

Pickersgill hingegen sah ein bisschen verwegen aus. Die hellwachen Augen waren genauso tiefschwarz wie seine langen, lockigen Haare. Er war nicht der Typ, der sich jeden Tag rasierte. Im Gegensatz zu Offizier Cooper wäre er zweifelsohne als einfacher Matrose durchgegangen.

Da Cook mit ihrer Arbeit sehr zufrieden gewesen war, hatte er sich nach Ankunft bei der Admiralität für sie ausgesprochen. Zu Pickersgills und Clerkes Freude durften sie diesmal als Offiziere antreten.

Offizier Clerke paffte an seiner Pfeife und legte den Arm auf die Drehbrasse. Fast liebevoll strich er über die kleine drehbare Kanone und sagte: „Nun ist es also wieder soweit, Richard. Freust du dich?“

„Nun ja Charles, wenn ich an Tahiti denke, freue ich mich sehr. Aber es ist eine lange und beschwerliche Reise bis dort- hin. Es kann viel passieren, stimmts?“

„Da hast du nicht ganz Unrecht.“ Clerke blies den Pfeifenrauch aus. „Bin gespannt, was wir diesmal alles erleben. Mein Tagebuch freut sich schon jetzt auf die abenteuerlichen Einträge.“

Pickersgill nickte zustimmend, dann blieb sein Blick an einem Matrosen hängen, der laut meckernd an der großen Ladeluke stand. „Mit dem werden wir bestimmt noch Ärger bekommen“, prophezeite er.

Clerke drehte sich um und musterte den Kerl argwöhnisch. Der Matrose war blond, groß und kräftig. Rund um den Mund trug er einen Bart. „Ich hoffe nur, dass sich die anderen Matrosen von ihm nicht anstecken lassen“, murmelte er. Auf Ärger konnte er gut verzichten.

„Hallo, da bist du ja!“ Henry rannte auf Georg zu, der gerade mit seinem Vater ankam. „Guten Tag Herr Forster“, sagte er hastig.

„Na Junge, ich hoffe, du hast gut geschlafen?“, begrüßte Forster ihn freundlicher als am Tag zuvor.

„Es ging Sir“, antwortete Henry nervös.

Forster schmunzelte. „Also dann betreten wir mal unser zukünftiges Zuhause.“ Er ging zum Steg.

Georg wartete, bis Henry seinen Seesack geschultert hatte und dann gingen auch sie - froh, dass es endlich losging - auf die Resolution. Ihre Resolution!

„Sie müssen die Naturforscher sein“, stellte ein Mann in Uniform fest.

„In der Tat, die sind wir. Gestatten, Forster und das ist mein Sohn Georg.“

„Sehr erfreut. James Colnett, Fähnrich auf dem königlichen Schiff seiner Majestät, der Resolution.“ Stolz schwang in seiner Stimme. Colnett war groß und als Offiziersanwärter strahlte er eine gute Portion Selbstsicherheit aus. „Moment mal! Auf meiner Liste sind nur zwei Wissenschaftler eingetragen. Habe ich mich geirrt?“ Irritiert blickte Colnett in die Runde.

„Nein Sir. Mein Name ist Henry Miller. Ich wurde als Leichtmatrose angeheuert. Von Offizier Cooper.“ Henrys Hände wurden feucht. Sollte Cooper ihn doch nicht eingetragen haben?

Mit ernstem Gesicht ging Colnett erneut die Passagierliste durch. Dann nickte er kaum merklich. „Henry Miller, Leichtmatrose. Erst gestern angeheuert, was?“ Colnett schaute Henry prüfend an.

„Ja Sir“, bestätigte Henry nervös.

„Na, dann bring mal deine Sachen unter Deck“, sagte Colnett freundlich, deutete auf den Achterniedergang und fügte hinzu: „Die Matrosen werden dir dort weiterhelfen.“ Henry griff nach dem Seesack, nahm kurz Haltung an und meldete sich mit einem zackigen „Aye Sir“ bei ihm ab.

Na sowas, staunte Georg. Der benimmt sich schon wie ein echter Matrose, dachte er, während sich Colnett an seinen Vater wandte. „Kennen Sie bereits Ihre Kajüte?“

„So gut wie. Mein Sohn war gestern kurz auf dem Schiff. Er kennt den Weg dorthin, nicht wahr Georg?“

„Ja gewiss.“

„Gut. Falls Sie noch irgendwelche Hilfe benötigen, lassen Sie es mich wissen“, bot Colnett zuvorkommend an.

„Vielen Dank Sir.“ Forster tippte grüßend an seinen Hut.

Im Zwischendeck drangen die Lichtstrahlen nur spärlich durch die kleinen Luken. Die Decke war so niedrig, dass sich Henry fast den Kopf anstieß. An die hundert Matrosen sollten hier unterkommen? Das würde eng werden, vermutete Henry. Zwei Männer stritten sich um einen Schlafplatz und es sah ganz so aus, als würden jeden Moment die Fäuste fliegen. Schnell drängte er sich an ihnen vorbei. Der Nächste fluchte, weil er seine Seemannskiste suchte und hätte Henry nicht aufgepasst, wäre er glatt über einen Sack gestolpert, der ihm gerade vor seine Füße geworfen wurde.

Henry hatte sich für eine Hängematte entschieden. Er legte seine Sachen ab und schwang sich hinein. Sogleich schloss er die Augen. Ab jetzt war das hier sein Zuhause. Nur eine Hängematte unter vielen, aber dennoch, er war auf dem Schiff. Immer noch tat er sich schwer, das zu glauben.

„Ist das dein Schlafplatz?“ Georg stand neben ihm.

„Gut, oder?“, Henry breitete die Arme aus, als gehöre ihm die ganze Welt. „Hier habe ich es nicht weit zum Niedergang und die Luft ist noch einigermaßen erträglich.“ Er lachte verschmitzt.

Georg nickte und sah zu dem dicken Kerl hinüber, der einen Meter weiter seine Hängematte aufhängte. Er furzte ausgiebig und gleich darauf verbreitete sich ein Gestank, der nach faulen Eiern und toten Fischen zugleich roch.

Angewidert verzog Georg das Gesicht. Einigermaßen erträglich war übertrieben, fand er. Nun erkannte Georg, wie gut er es in seiner kleinen Kajüte hatte und das, obwohl er sie mit seinem jähzornigen und mürrischen Vater teilen musste. „Komm, lass uns mal das Schiff erkunden“, riss Henry ihn aus den Gedanken. Mit einem Satz sprang er aus der Hängematte heraus und zog Georg mit sich. Dieser stolperte ihm nach.

Das Deck hatte sich gefüllt. Händler versuchten, noch in den letzten Minuten ein Geschäft abzuschließen und den Matrosen allerhand nützliche und unnütze Dinge zu verkaufen, die ihrer Meinung nach auf keiner Reise fehlen durften.

„Da, schau!“ Auf dem Achterdeck entdeckte er Offizier Cooper, Steuermann Gilbert und zwei gut gekleidete Männer, die wohl nicht zur Besatzung gehörten. Zum ersten Mal sahen sie ihn - Kapitän Cook!

Es wurde still an Bord. Alle Blicke richteten sich auf ihn. Cook hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Seinen wachen Augen schien nichts verborgen zu bleiben und es bestand kein Zweifel, dass dieser Mann entschlossen zu handeln wusste. Jeder besaß großen Respekt vor dem Kapitän, der seine letzte Reise so scharfsinnig gemeistert hatte, der Karten erstellt hatte, die so genau waren, wie es kein anderer vor ihm fertigbrachte.

Gilbert wechselte mit Cook einige Worte, dann forderte er die Besucher auf, das Schiff zu verlassen. Sobald Kapitän Cook die Meldung erreichte, dass kein Fremder mehr an Bord war, gab er das Kommando, die Resolution ins freie Wasser zu schleppen.

„Es geht los“, flüsterte Henry. Aufsteigende Hitze durchfuhr ihn. Er spürte, wie sein Herz weit wurde und der Puls am ganzen Körper klopfte. Jetzt gab es kein Zurück mehr! Jetzt fing seine Reise um die Welt an.

Am Kai schwenkten Familienangehörige, Freunde und Schaulustige fröhlich ihre Hüte und Taschentücher. Sie riefen den Reisenden lauthals Abschiedsgrüße zu und warfen tausende von Kusshänden. Die Matrosen und Passagiere an Bord erwiderten die Grüße auf das Herzlichste. Schon bald wurde die Menschenmenge am Hafen kleiner und die Rufe undeutlicher. Es kehrte Ruhe auf Deck ein.

Mit gutem Wind segelten die beiden Schiffe durch den Ärmelkanal, doch auf Höhe der Hafenstadt Portsmouth verfinsterten dunkle Wolken den Himmel. Zu seinem Bedauern musste Cook feststellen, dass es für eine Weiterfahrt auf dem offenen Meer zu stürmisch war. Schlussendlich ließ er auf der Reede ankern. Die Meerenge von Spithead war ein beliebter Liegeplatz für Schiffe. Hier waren sie gegen Winde aus fast allen Richtungen geschützt. Und nicht nur die Resolution und Adventure warteten hier auf das Auslaufen in den Atlantik.

An Deck waren nur ein Offizier, einige Matrosen und Forster. Dieser warf einen Blick auf die Hafenstadt Portsmouth. Erst am morgigen Tag beim Gezeitenwechsel sollte es weitergehen. Mit schlechter Laune beobachtete er die Wachablösung. Das Schiff rollte von einer Seite auf die andere und ihm wurde zunehmend übler. „Na wunderbar“, dachte er, „wir sind noch nicht einmal auf hoher See und ich habe schon jetzt die Seekrankheit.“ Er wollte sich hier und jetzt nicht übergeben und versuchte sich abzulenken, indem er die anderen Schiffe betrachtete.

Sein Blick blieb an der Adventure haften. Hatte sich die Lage des Schiffs verändert? Konnte das sein? Es lag doch gerade noch neben ihnen. Tatsächlich befand sich das Begleitschiff der Resolution nun wesentlich weiter hinten.

Forster bekam Panik. Jäh erkannte er, dass sich das Schiff direkt auf die Klippen zu- bewegte!

Augenblicklich vergaß er seine Übelkeit. Wo war der Steuermann? Wo waren die Offiziere? Es schien ihm, als hätten sie sich alle in Luft aufgelöst. Abrupt blieb Forster stehen. Er langte sich in die Magengegend. Für einen Moment dachte er, er müsse sich übergeben. Er schloss die Augen und atmete tief durch. „Jetzt nicht. Jetzt nicht!“, murmelte er.

„Geht es Ihnen nicht gut?“

Forster schaute hoch. Der Steuermann sah ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an.

„Gilbert, nicht wahr?“, keuchte Forster.

„Ja. Ihnen ist wohl schon übel. Wenn Sie länger auf See sind, wird sich das geben“, versuchte Gilbert ihn zu trösten, während er ihm aufmunternd auf die Schulter klopfte.

„Gilbert, fällt Ihnen nichts an der Lage der Schiffe auf?“, schnaufte Forster. „Wir lagen doch vorhin direkt neben dem Schiff da. Schauen Sie auf die Klippen!“

Mit zittriger Hand deutete er nach vorne. „Schauen Sie nur! Wir waren doch nie so nah - an - den - Klippen! Gilbert ... es ... wir ...“, stammelte Forster. Alles drehte sich um ihn.

Augenblicklich beugte Gilbert sich über die Reling, um das Ankertau zu kontrollieren.

„Himmel! Das Tau ist gerissen! Wir treiben vor Anker!“, schrie Gilbert entsetzt, machte auf dem Absatz kehrt und rannte davon.

Forster beugte sich auch über die Reling - aber aus einem anderen Grund. Jetzt spuckte sein Magen alles aus, was er die letzten Stunden zu sich genommen hatte.

„Vater, da bist du ja. Wir haben dich gesucht.“ Die beiden Jungen kamen herbeigeeilt. Einen Moment später erkannte Georg, dass mit seinem Vater etwas nicht stimmte: „Geht es dir nicht gut? Bist du krank?“

„Geht schon, geht schon“, murmelte Forster und wischte sich den Mund mit einem Taschentuch ab.

Gilbert war wieder bei ihnen angelangt. „Komm mit Junge, schnell!“, rief er und zog Henry abrupt mit sich.

„W-was? Ich ...“ Henry verstand nicht, was Gilbert von ihm wollte, rannte aber automatisch mit. „Hab ich meinen Dienstantritt verpasst?“, fragte er irritiert.

„Nein! Wir müssen - das Schiff - wir müssen es retten! Du musst helfen. Wir brauchen jeden Mann“, japste er.

„Ich versteh nicht…“

„Herrgott! Wir treiben auf die Klippen zu! Nun komm! Geh dort rüber“, befahl er und endlich ließ Gilbert seinen Ärmel los. Während Henry auf einen Matrosen zueilte, hörte er noch, wie der Steuermann alle Mann an Deck befahl. Einen Sekundenbruchteil später stand er inmitten einer Horde Matrosen. Er drehte sich um die eigene Achse, machte einen Schritt hierhin und einen dorthin. Kurz und gut, er war unfähig irgendwas zu tun.

Pickersgill, der in der Nähe von Henry stand, brüllte den Matrosen aus Leibeskräften zu, sie sollen die Segel setzen.

Wie funktionierte das? Keiner hatte nun Zeit, ihm das zu zeigen. Er wurde geschubst und bekam einen Ellenbogen in den Bauch gerammt. Henry fühlte sich völlig hilflos.

Doch auf einmal reihten sich die Männer auf. Unter ihnen lag ein dickes Tau. Mit den Augen folgte Henry dem groben Strang und plötzlich verstand er, dass sie die Rah für das Segel hochziehen wollten. Das war seine Chance! Henry quetschte sich mitten hinein in die Matrosenschlange. Eine Sekunde später griffen die Kerle nach dem bereit liegenden Tau. Schnell packte er mit an und dann zog er, was das Zeug hielt. Mit jedem Zug gingen die Oberkörper der Matrosen - und auch seiner - vor und zurück.

„Hee! Hoo!“, ertönte es. Im Gleichtakt zogen sie die Rah in die Höhe. Ein kräftiger Matrose stimmte ein Shanty an und schlagartig fielen die Matrosen in das Lied mit ein. Dröhnende, heisere und schiefe Töne wurden geschmettert und auch er sang lautstark mit: „Heave away, my Jimmy, heave away ...!“, grölte er, während er das Tau nachgriff.

Aber plötzlich verwirrte ihn irgendetwas. Im ersten Moment konnte er es nicht einordnen. Hatte er falsch gesungen? War er nicht im Rhythmus der Matrosen? Nein, ganz und gar nicht. Und es war auch nicht seine Stimme, die ihn irritierte. Aber ... konnte es sein? War das nicht die Stimme des Londoner Diebes? Plötzlich wurde ihm schwindelig. Seine Knie wurden weich. „He! Pass auf Junge!“, blaffte der Matrose hinter ihm. Henry hatte vor Schreck danebengegriffen. „Heave away, my Jimmy ...!“ Tatsächlich! Der Kerl konnte nicht weit sein. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Vor sich sah er nur die Hinterköpfe der Matrosen und ein Umdrehen war undenkbar.

Noch einmal lauschte er. „Heave away!“ Er war sich sicher, die derbe Stimme war eindeutig hinter ihm. Die Rah hatte ihre Position fast erreicht. Sobald sie hing, musste er sich umdrehen. Oben warteten schon die Mastgasten darauf, dass sie das Segel lösen konnten. Ungeduldig harrten die Matrosen mit ihren nackten Füßen auf den Fußpferden aus. Es waren nur dünne Seile, auf denen sie standen. So dünn, dass man jederzeit von ihnen abrutschen konnte. Die hatten keinerlei Angst vor der Höhe, dachte Henry und er hoffte, dass er von dieser Arbeit verschont bleiben würde.

Das Segel hing! Henry drehte sich in Windeseile um, doch natürlich folgten die Matrosen schon dem nächsten Kommando. Fieberhaft sah er sich um. Der da, mit dem blauen Halstuch, war dabei. Und der Blonde. Und der mit dem kaputten Auge. Und ...

 Es war zu spät. Die Männer wuselten umher wie eine Armee von Ratten.

„Henry!“ Georg winkte vom Achterdeck aus. Der hatte Nerven… Hatte er wirklich nichts Besseres zu tun als ihm zu winken? Dann stellte er fest, dass Georg auf die andere Seite zeigte. Er hörte Clerke, der die Steuerbordwache an die Großbrassen trieb. Sofort hastete er hinüber, um die Mannschaft zu unterstützen. Gleich darauf mussten sie den Besan setzen. Kaum hing das Segel, gab Pickersgill seine Meldung mit „Klar vorn!“ durch. Postwendend bestätigte die Steuerbordgruppe von hinten mit einem „Klar achtern!“

Immer wieder schaute Henry um sich, in der Hoffnung, irgendeinen Hinweis auf den Dieb zu finden, aber es war einfach unmöglich.

Georg bewunderte Henry für seinen Einsatz. Er selbst stand einfach nur da und schaute zu, wie das Schiff auf die Klippen zutrieb und das geschah beängstigend schnell. Ihm wurde bewusst, dass sie ihr Schiff jeden Moment verlieren konnten. Vor Aufregung knetete er seine Hände bis die Knöchel weiß wurden. Er begann zu schwitzen und erst jetzt bemerkte er, dass Kapitän Cook bei ihnen stand.

Zaghaft warf er einen Blick auf ihn. Der Kapitän hatte eine Hand auf das Kompasshaus gelegt, sein Blick war ernst, aber ruhig. Steuermann Gilbert, der sich an seine Seite stelle, würdigte er keines Blickes. Beharrlich verfolgte er das Manöver.

Die Lage wurde bedrohlich. Es waren nur noch wenige Meter bis zu den Klippen. Georg wollte sich an der Reling festkrallen, doch seine Hände waren zu verschwitzt. Könnte er doch nur etwas tun! Er sah zu den Matrosen, die mit Hochdruck hantierten. „Holt Großhals rund achtern!“, schrie Pickersgill, der von den vielen Kommandos mittlerweile einen hochroten Kopf bekommen hatte. Die oberen Brassen wurden losgeworfen und das Ruder umgelegt. Schwerfällig wie ein Walross neigte sich die Resolution zur Seite.

Das gab Forster den Rest. „Oh, ist mir schlecht“, jammerte er und beugte sich erneut über die Reling. Nachdem er sich erleichtert hatte, drehte er sich zu Georg um und fragte: „Und, wie sieht es aus?“

„Na ja, ich weiß nicht, ob wir das schaffen“, stammelte Georg und zeigte auf die Klippen.

Forster schloss wie zum Gebet die Augen. „Meine Herren, so tun Sie doch etwas!“, flüsterte er vor sich hin.

Aber jetzt konnte keiner mehr etwas tun. Beunruhigt warteten alle an Bord darauf, dass sich das Schiff endlich drehte. Niemand bewegte sich mehr. Würde jetzt vorne am Bug jemand furzen, hätte man es hinten auf dem Achterdeck bestimmt gehört, dachte Georg. Es war, als wäre die Zeit stehengeblieben. Wie lange dauerte das denn bloß?

Georg sah zu den aufgeblähten Segeln, dann zum Rudergänger. Seine Hände schmerzten vom vielen Kneten. Es half alles nichts, sie mussten auf ihr Schiff vertrauen - und auf den Wind.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis sich das Schiff langsam, ganz langsam wegdrehte. Augenblicklich ging ein Raunen der Erleichterung durch die Menge. Erschöpft fuhr sich Bootsmann Grey über das Gesicht. Die Offiziere nickten sich hoffnungsvoll zu. Die Gefahr schien vorüber. Georg lächelte seinem Vater zu, als ein Schrei über das Schiff gellte. „Vorsicht! Hart Backbord, Männer!“, brüllte Gilbert mit angstverzerrtem Gesicht.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783945298565
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v317372
Schlagworte
Georg Foster Kapitän Käpten James Cook Weltreise Schiff Freundschaft Abenteuer Naturforscher Wissenschaft Dieb England Diebstahl Südsee Reise

Autor

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    Claudia Zentgraf (Autor)

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Titel: Eine Reise um die Welt