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Neues von Frau Meyer

Französische Zweigtomanten oder der ganz normale Alltagswahnsinn

von Britta Meyer (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

„Warum sind die Tomaten so teuer? Sind die zwischen den Brüsten römischer Jungfrauen gereift? Verfeinerten Ozelotpupse den Düngungsprozess? Hat der Dalai Lama an die Stauden gepinkelt?“

Ganz ehrlich, wer braucht schon ein Dschungelcamp? Der Alltag selbst ist die größte Herausforderung, findet Frau Meyer. In ihren Geschichten erzählt sie, wie sie die Welt sieht. Augenzwinkernd, warmherzig, nachdenklich, humorvoll und immer mit einer Portion Selbstironie.

Über die Autorin

B.Meyer_ebookBritta Meyer, Jahrgang 1969, wandelte schon mit ihren ersten Schritten auf den Spuren des Tourismus. Aufgewachsen ist die Autorin im Hochsauerland zwischen Großküche, Zapfhahn und lauter Gästen des elterlichen Hotelbetriebes.

Nun verbringt sie bereits ihr halbes Leben im Rheinland und das gern. Das Reisen ist ihr Thema geblieben, sie leitet ein Reisebüro in der Düsseldorfer Innenstadt und schickt Menschen in fast alle Teile der Welt.

Die Autorin selbst reist ebenfalls gern, auch und vor allem wegen der Eindrücke und Begegnungen, die am Ende meistens in ihre Kurzgeschichten münden. Aurelius Augustinus, der Philosoph und Kirchenvater, hatte Recht:

„Die Welt ist wie ein Buch. Wer nicht reist, liest nur eine Seite davon.“


Bei dp DIGITAL PUBLISHERS hat Britta Meyer außerdem eine Kurzgeschichte zu Rosenliebe und gefährliches Risotto – 12 Geschichten und Rezepte beigesteuert.

Impressum

Originalausgabe März 2016

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© Originalausgabe 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Neues von Frau Meyer


ISBN 978-3-945298-64-0

Covergestaltung: Dipl.-Des. Birgit Stolze

Bildnachweis: ad Rian/photocase.de, Francesca Schellhaas/photocase.de, derfabse/photocase.de, VICUSCHKA/photocase.de

Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Neues von
Frau Meyer

Französische Zweigtomaten
oder der ganz normale Alltagswahnsinn

Britta Meyer

Französische Zweigtomaten

Wenn die Zeit drängt, kann ich faul sein. Sehr faul. Ich gehe zum Beispiel nicht in den Lebensmittelmarkt, in dem die Produkte am günstigsten angeboten werden, sondern in den, der auf meinem Weg liegt. Mein Verstand setzt dann aus. Er müsste mich an meinen desaströsen Kontostand erinnern und meine Füße geradewegs in einen Laden mit vier großen Buchstaben lenken.

Macht er aber nicht.

Vorgestern bin ich verabredet und spät dran, weil sich ein Kundengespräch in die Länge gezogen hat. Bevor ich der Altstadt meine Aufwartung machen werde, möchte ich noch einen Happen essen und mir etwas Deodorant unter die Achseln werfen. Es ist mir generell ein Rätsel, warum die Zeit rennt, wenn man sich verabredet hat, aber nie, wenn man in einem Meeting die neuesten Versicherungsumsätze mitgeteilt bekommt. Der Zeiger meiner Uhr rückt vor und vor und vor.

Ich brauche noch ein paar Tomaten und Basilikum, und da ich ohnehin noch eine schlecht sitzende Bluse zurückbringen will, betrete ich das traditionelle Düsseldorfer Kaufhaus, dessen neoklassizistische Sandsteinfassade in Lehrbüchern der Architektur gern gerühmt wird. Die Schlange an der Kasse ist kurz, die Bluse wird zurückgegeben. Husch, husch in die Lebensmittelabteilung, die den Namen Delikatessa trägt. Ja, der Kunde soll gleich merken, dass er hier nicht einfache Lebensmittel einkauft, sondern ganz besondere Schmankerln.

Der Obst- und Gemüsestand, zwei Körbe mit unfassbar rot leuchtenden wohlgeformten Tomaten, wie sie schmackhafter kaum aussehen könnten. Auf dem Preisschild oben steht 1 kg - 5,98 Euro.

Ein frecher Preis, denke ich und lese auf dem Schild unten den Preis von 1,99 Euro. Ich frage die Verkäuferin, ob ich mich selbst bedienen darf. Sie nickt und gibt mir ein Tütchen, ich stecke eine Rispe hinein und nehme noch eine einzelne hinzu. Das Basilikum erscheint mir auch überteuert, mit 1,99 Euro für ein paar Stengelchen. Faulheit muss eben bestraft werden.

Die Verkäuferin wiegt die Ware und bittet schließlich um zwölf Euro siebenundsiebzig. 12,77 steht in grünen Lettern im Display der Kasse. 12,77! Ich frage aber trotzdem vorsichtshalber noch einmal nach.

„Die sechs Tomaten und das Basilikum kosten 12,77?“  

Die Verkäuferin setzt ein Pokerface auf. „Ja.“

„12,77 für ein paar Tomaten und etwas Basilikum?“

„Ja.“

Ich schnaube und schaue auf meine Uhr. Aus einer Art Konfliktscheue habe ich in früheren Zeiten durchaus zähneknirschend Waren gekauft, die mir erheblich überteuert erschienen. Hier aber bin ich nicht bereit dazu.

„Entschuldigen Sie, aber das kann nicht sein. Hier steht doch 1,99 auf dem Schild.“

„Ja. Für einhundert Gramm.“

„Das ist doch wohl ein Scherz! Sorry, aber dann kaufe ich die Tomaten nicht."

„Sie haben die Ware schon angefasst.“

„Wenn ich gewusst hätte, dass sich die 1,99 auf einhundert Gramm beziehen, dann hätte ich die bestimmt nicht kaufen wollen."

„Sie haben die Ware schon angefasst.“

„Jaha, weiß ich. Sie haben das hier aber auch geschickt platziert. Oben steht 5,98 für 1 Kilo und unten liest man 1,99. Die einhundert Gramm haben Sie sehr klein geschrieben und das Schild so in den Korb gestellt, dass man das gar nicht lesen kann.“ Ich drehe meinen Kopf ein wenig, um noch einmal auf das Preisschild zu schauen.

1,99
Französische Zweigtomaten
100g

„Sie haben die Tomaten angefasst, die kann ich jetzt nicht mehr verkaufen.“

Ich schaue auf meine Uhr. Innerlich ticke ich gleich aus.

„Hören Sie, ich zahle keine 12,77 für ein paar doofe Tomaten hier. Fertig.“

„Sie können ja das Basilikum wieder rausnehmen, der ist ja verpackt. Dann kostet es ..." Sie nimmt die Kräuter von der Waage, „10,78.“

Jetzt würde ich gern spitzfindige Bemerkungen anbringen, die mir auf der Zunge liegen, zum Beispiel: Warum sind die Tomaten so teuer? Sind die zwischen den Brüsten römischer Jungfrauen gereift? Verfeinerten Ozelotpupse den Düngungsprozess? Hat der Dalai Lama an die Stauden gepinkelt?

Aber jene Bemerkungen entstehen nur in meinem Kopf und verschwinden im Sumpf der Sätze, die ich niemals sagte.

Die Zeit rinnt und deshalb sage ich: „Hören Sie, ich denke, Sie sollten in diesem Fall kulant sein. Ich arbeite selbst in der Dienstleistungsbranche ...“

„Dann müssten Sie wissen, dass Sie die Ware kaufen müssen“, unterbricht sie mich.

Ich werde lauter, wie immer, wenn mich jemand partout nicht verstehen will.

„Sie können sich auf den Kopf stellen. Diese überteuerte Ware werde ich nicht zahlen. Sie können gern die Abteilungsleitung kommen lassen.“

(Für diese Diskussion habe ich eigentlich gar keine Zeit, ich müsste eigentlich schon längst zu Hause sein.)

Die Verkäuferin hat offenbar bald Feierabend, denn sie wird ein klein bisschen milder.

„Kaufen Sie dann wenigstens diese Tomaten?“

Sie zeigt auf den Korb mit dem Gemüse, das mir ursprünglich zu teuer erschien. Nun ließe es sich vortrefflich streiten, so nach dem Motto: Ach, plötzlich ist es nicht mehr schlimm, dass ich die Ware angefasst habe? Mach ich aber nicht. Ich nehme fünf von den zweitteuersten Tomaten, zahle (zu viel!) und rausche von dannen.

Zu Hause angekommen, rieche ich unter den Achseln wie jemand, der den Jakobsweg in einer Polyesterbluse gewandert ist. Meine Verabredung sagt unser Date telefonisch ab. Ich bin nicht wirklich böse darüber.

Ich esse die Tomaten, die ich gerade gekauft habe. Die sind so lecker, dass es mich beinahe ärgert.

Danach setze ich mich an mein Laptop und schicke Google auf die Suche nach Französische Zweigtomaten. Es erscheint die Seite www.tomatenmitgeschmack.de. Dort gibt es Ochsenherztomaten, schwarze Tomaten, gelbe Tomaten mit dem Namen Banana Legs.

Ich glaube, ich ziehe mir demnächst selber welche.

Alles andere ist Wahnsinn.

Von Payback-Punkten und Passwörtern

Die Welt wird immer bekloppter.
Um das zu begreifen, muss man keine Nachrichten schauen und über das große Ganze sinnieren, da guckt man einfach mal in seinen eigenen persönlichen Alltag.
Voilà:
„Haben Sie Ihre Payback-Karte dabei?“
Ich wühle in meinem Portemonnaie und irgendwo zwischen EC- und Visa-Karte, dem Fitnessstudio-Mitgliedsausweis, der Friseur-Bonuskarte, dem Gildepass für die Düsseldorfer Programmkinos, dem Abholzettel für die Reinigung und dem Ticket für die Rheinbahn finde ich die blaue Karte, mit der ich Punkte sammeln kann und halte sie der Frau an der Kasse hin.
Ich habe 45 Minuten Mittagspause und habe mich ausgerechnet an der Kasse mit der langsamsten Kassiererin angestellt, weil ich nicht aufgebe, ihr eine Chance zu geben. Freundlich ist sie ja. Und als ich endlich am Zug bin und die Waren über den Scanner gezogen werden, fragt mich die Kassiererin: „Möchten Sie Ihre Payback-Punkte direkt einlösen?“
„Ach nö“, sage ich. „Ich sammle lieber noch ein bisschen.“
„Wenn Sie die Payback-Punkte heute einlösen, erhalten Sie Samstag zwischen 10:00 und 10:35 Uhr fünf Prozent Rabatt auf unser Weihnachtsgebäck mit Haltbarkeitsdatum bis Ende des Jahres.“
Legen Sie mich nicht auf diese Aussage fest, jedenfalls sagt sie etwas ähnlich Kompliziertes, während ich meine Waren einpacke, damit das hier mal voran geht. Die Suche nach der Payback-Karte hat mich wertvolle fünf Minuten gekostet, die Schlange hinter mir ist not amused.
„Nein, danke schön.“
„Aber wenn Sie einen Großeinkauf für Weihnachten machen, das lohnt sich doch!“
Herrje. Kein Wunder, dass das so lange dauert, wenn ich mittags einkaufe, nun müssen die Frauen und Männer an der Kasse einem mitten im Zahlvorgang noch irgendwelche Deals unterjubeln und fragen, ob man Punkte sammelt für die WMF-Kochtöpfe. Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, welche Vorteile diese Aktionen haben. Und Lust sowieso nicht.
Ich will bei McPaper an der Kasse auch keinen Glitzerstift oder No-Name-Klebestifte oder Klebebänder, die zwar preiswerter sind als die Markenprodukte, mich aber später zu Hause in den Wahnsinn treiben, weil sie nicht ordentlich kleben. Ich will das alles nicht. Weil es mich und meine Mitmenschen Zeit und somit Nerven kostet. Immerhin bekomme ich auch hier ein höfliches „Nein, danke“ hin. Darauf bin ich ein bisschen stolz.
Nach der Mittagspause geht es weiter mit dem Wahnsinn.
Die PCs arbeiten sehr langsam oder gar nicht. Leider kommt es so oft vor, dass die Kunden dies mit „Ach, schon wieder?“ oder „Liegt das an mir, jedes Mal, wenn ich bei Ihnen bin, haben Sie technische Probleme?“ kommentieren. Server runter- und hochfahren ist in Fleisch und Blut übergegangen wie Atmen. Der Zugang zum Server geht nur mit einem persönlichen Passwort, das wir aus Sicherheitsgründen sehr häufig ändern müssen.
Das mit den Passwörtern ist schwierig.
Es begann mit Lieblingsreisezielen, stimmungserhellenden Nomen wie Sonnenschein, Urlaub, Strand oder eigenen Spitznamen oder denen des Partners.
Das reichte aber nicht aus, um sicher zu sein.
Bitte nutzen Sie eine Buchstaben-Zahlen-Kombi mit mindestens 8 Zeichen, mindestens einem Großbuchstaben und einem Sonderzeichen.
Also benutzen wir den Vornamen der Mutter, plus der Schuhgröße des Bruders, plus einem Fragezeichen.
Oder den Ort in der Bretagne, der uns im Sommer so gut gefallen hat, plus dem Alter des ältesten Kindes der Kollegin, plus einem Ausrufezeichen.
Oder den Namen des Ortes, in dem man aufgewachsen ist, plus das Todesjahr von Steve McQueen, plus Dollarzeichen.
Oder das Kennzeichen des Wagens, den man von 1991 bis 1994 gefahren hat, plus die letzten sechs Stellen der Sozialversicherungsnummer.
Je abstruser, desto sicherer, desto besser.
Nun ist das Ende der Kreativitätsfahnenstange allmählich erreicht. Denn:
Bitte nutzen Sie keines der letzten 10 genutzten Passwörter. Geben Sie das Passwort erneut ein.
Es gibt Tage, da komme ich vor lauter Haareraufen nicht zum Tippen.
Wir brauchen Passwörter für den Server, das Midoffice-System, in dem wir die Vorgänge verwalten, und eines für die Zeiterfassung. Mal abgesehen von Passwörtern für das Extranet und das Bestellwesen.
Ohne den Zugang zum Server läuft gar nichts, logisch.
Fluchen, jammern, mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte hauen, bringt nichts, wie wir nach mehreren Selbstversuchen feststellen konnten.
Manchmal hat man den Server hochfahren können, kommt aber nicht ins Verwaltungssystem, hat dann keinen Zugriff auf die Kundendaten.
Die Kollegin, deren PC reibungslos läuft, wird gleichermaßen gehasst und bewundert. Gern wird mal ein „also, meiner läuft“ in die Runde geflötet und ein „schön für dich“ zurückgeknurrt.
Eigentlich haben wir Kolleginnen uns aber sehr lieb.
Deshalb helfen wir uns, wenn gar nichts mehr geht.
Neulich sagt Kollegin 1 zu Kollegin 2: „Ich komme hier nicht weiter. Kannst du mir mal dein Passwort sagen?“
Kollegin 2, die gerade eine Kundin bedient, wird ein bisschen rot und windet sich.
„Bitte, ich kann sonst nicht weiterarbeiten, du kannst dir doch sofort ein neues holen!“
(Passwörter an die Kollegin weitergeben ist bei Todesstrafe verboten: der Datenschutz!)
„Das geht jetzt nicht“, zischt Kollegin 2 durch die geschlossenen Zähne Kollegin 1 zu.
„Ich komme beim HelpDesk nicht durch, nun hilf du mir doch bitte."
Kollegin 2 schreibt etwas auf einen Notizzettel und reicht ihn der verzweifelten Kollegin 1. Kollegin 1 grinst und zeigt mir den Zettel.
Darauf steht: AmArsch3!
Kein Sonnenschein15?, kein Hasimaus75%.
AmArsch3!
Ein rüder Ton hat Einzug in unsere Passwörterwelt gehalten.
Mich wundert das nicht.
In AmArsch3! steckt der ganze Frust der Userin. Die Systeme laufen nicht und dann sollst du dir dauernd leicht zu merkende, aber trotzdem unverwechselbare Log-ins ausdenken.
Als die Kundin das Büro verlässt, sagt Kollegin 2: „Ich konnte dir doch nicht das Passwort zurufen!“ Kollegin 3 sagt: „Meines kann ich dir auch nicht laut sagen.“
Kollegin 2 ändert ihr Passwort sofort.
Ich möchte nicht wissen, wie das neue heißt. Darf ich auch gar nicht.
Aber feststellen, dass die Welt immer bekloppter wird, das darf ich.

Wunschlos glücklich

Wir sitzen da, wo ich früher in den Sommerferien mit Oma Maria Erbsen gedöppt habe. Hinterm Haus im Garten.
Den Wintergarten, der uns vor Wind und Regen schützt, gab es damals noch nicht. Oma hätte er gefallen, da bin ich sicher.
Auf dem Tisch stehen Wein, Sekt, Chips, Süßigkeiten.
Auf den Tisch kommen Themen, wie sie auf den Tisch kommen, wenn Familienmitglieder lange nicht mehr richtig schön zusammengesessen haben. Auf der Beerdigung meines Vaters fanden wir, wir müssten uns bald wiedersehen, uns updaten, reden. Und planten das Cousin/Cousinen-Treffen, an dem heute außer mir meine Cousine J., Cousine V., Cousine C. und mein Bruder T., der Quotenmann, teilnehmen.
Wir reden. Hauptsächlich über unsere Kindheit und Jugend, über früher, über die Familien, über Schwärmereien, Ex-Partner und über das Heute, die Kinder (so vorhanden), die Jetzt-Partner (aber nur ganz wenig), Urlaube, Krankheit. Darüber, was uns ärgert und was uns glücklich macht.
Zu späterer Stunde haben wir den veganen Wein probiert (mein Bruder ist Vegetarier, Cousine J. meinte es besonders gut) und den Sekt, da schießt es quasi aus Cousine C. hervor:
„Seit ich den Thermomix habe, habe ich keine Wünsche mehr.“
Keiner spricht.
„Wirklich. Ich habe so lange gequengelt, bis ich den Thermomix gekriegt habe. Der ist super, der kann alles, ich bin total glücklich damit.“ Sie bekommt feuchte Augen, als hätte sie gerade eine neue, eine ganz große Liebe beschrieben.
Wir staunen.
„Ich weiß, es klingt blöd, aber ich habe wirklich keine Wünsche mehr. Ist ja irgendwie schrecklich, aber es ist so.“
Nun ist meine jüngste Cousine nicht die einzige, die mir von diesem technischen Multitalent vorschwärmt.
Meine Freundin F. ist Ernährungsberaterin und hat nicht nur einen Thermomix, sondern weitere Exemplare verkauft. Meine Freundin J. hat mehrere Male köstliche Sachen für mich gezaubert. Auch mit Hilfe dieser Küchenmaschine, dem Mercedes/Porsche/Volvo (bitte aussuchen) unter den Haushaltsgeräten. Ich weiß auch, dass der Thermomix einen mehr als stolzen Preis hat. Dessen Ausgabe sich für mich nicht lohnen würde.
Ich führe einen Fast-Single-Haushalt und koche meistens nur für mich und meinen sporadisch auftauchenden Herrenbesuch (es handelt sich immer um denselben Herrn, nicht das hier Missverständnisse aufkommen).
Abends Gemüse zu schnibbeln, lässt mich nach einem Arbeitstag runterfahren, ist meine Meditation.
Schnibbeln ist Zen.
Zwiebeln, Knoblauch, Kartoffeln, Paprika, Auberginen, alles in Würfelchen und Würfel, danach geht es mir gut.
Alle die, die ich kenne und die die Küchenmaschine der Firma Vorwerk besitzen, haben viel mehr Haushalt um die Ohren als ich.
Freundin F. hat einen Mann und drei Kinder.
Freundin J. hat einen Mann und drei Kinder.
Cousine C. hat einen Mann und zwei Kinder.
Da ist Schnibbeln kein Zen mehr, sondern richtige Arbeit.
Doch das Zaubergerät schnibbelt nicht nur.
Weil ich immer noch nicht kapiere, was den Thermomix so begehrt macht und die Lieferzeit rechtfertigt, die der eines neuen 7er-BMW entspricht, bitte ich um Nennung weiterer Eigenschaften.
Cousine C. holt tief Luft und legt los wie eine Verkäuferin bei QVC, bloß schneller und überzeugender:
„Diese ultimative Küchenmaschine gibt es schon seit 1961, sie wurde immer wieder optimiert und neu aufgelegt. Rein faktisch kann man mit ihr alles: Zerkleinern, dünsten, schlagen, häckseln, pürieren, dampfgaren, aufkochen, kneten. Hmmm. Was noch?
Hattest jemals Angst vor Hefe- oder Brandteig? Nichts leichter als das!
Die Küchenwaage ist voll integriert. Schmeiß deine Küchenwaage raus, schmeiß alle Waagen raus. Ich sag nur: Werther‘s Original-Pudding oder Likör oder Toffitella, selbstgemachtes Nutella aus Toffifee. Das Gerät ist saugeil, aber auch sauteuer.“
Zu teuer für mich. Leider.
Die Eigenschaften des Thermomix klingen beeindruckend.
Doch er würde mich um meine After-Work-Meditation bringen.
Kommt nicht infrage.
Schnibbeln ist Zen.
Ich stelle mir Oma Maria vor, die sogar ihren Kaffee in ihrer Holzmühle selbst mahlte.
Die hätte mit dem Kopf geschüttelt und „Ach Chott, ach Chott“ gemurmelt.

Aber das Toffitella, das hätte ihr geschmeckt.

Literarisches Duett

Heute Morgen in der Straßenbahn. Ich versuche mich auf mein Buch zu konzentrieren, werde aber vom folgenden Gespräch zweier Mädchen Anfang zwanzig abgelenkt:

„Boah, dieses Buch kann ich einfach nicht zur Seite legen, das ist so super! Wenn ich das lese, muss ich die ganze Zeit strahlen.“

„Ich lese ja auch viel, aber weißte, manchmal ist mir das zu anstrengend, wenn da immer so viele verschiedene Leute drin vorkommen und so. Das ist mir dann echt zu kompliziert.“

„Ich hab jetzt ein Buch gelesen, das mir die Nathalie empfohlen hat. Die hat dauernd gesagt: 'Lies das, lies das', aber mir hat das echt nicht gefallen, weiß gar nicht, was die daran findet. Das hieß irgendwie Zwei an einem Tag oder so.

„Kenn ich nicht. Aber manche haben echt einen total anderen Geschmack als man selber. Die Jessi liest immer diese ... äh ... historischen Bücher von der ... äh ... die immer so viele Bücher schreibt. Wie heißt‘n die?“

„Charlotte Link?“

„Nee, 'ne andere. Fällt mir nicht ein. Aber ich weiß sowieso, dass diese historischen Bücher nix für mich sind. Da kommen immer so viele Leute drin vor. Das ist dann echt kompliziert, weißte?“

„Der Markus hat mir neulich ein Buch geliehen von einem total bekannten Schriftsteller. Aus Israel oder so ist der. Der ist sogar Weltmeister von den Schriftstellern geworden!“

„Echt???“

An diesem für mich unglaublich spannenden Moment der Unterhaltung musste ich leider aussteigen. Die Bahn fuhr weiter in Richtung Uni Düsseldorf. Seit heute Morgen versuche ich zu ergooglen, wo die Qualifikation zur Literatur-WM stattfinden wird.

Infos bitte dringend an mich.
Danke.

So wie der Udo Walz

Ich lasse mir manchmal meine Wimpern färben. Blauschwarz. Ohne die Farbe sehe ich als Naturaschblonde etwas ausdruckslos um die Augenpartie herum aus. Wenn ich meine Wimpern tusche, vergesse ich das gern, reibe in meinen Augen herum und sehe aus wie ein Pandabär. Deshalb das Färben. Am liebsten lasse ich das Wolfgang machen. Wolfgang arbeitet beim Friseur im Kaufhof und kann das am besten. Es brennt nicht und die Farbe hält irgendwie länger, als wenn andere das machen. Ich bin mit Wolfgang sehr zufrieden. 
Neulich hatte er gerade die Farbe von meinen Wimpern abgewischt und zupfte mir die überflüssigen Härchen rund um die Brauen weg, da betrat eine Kundin den Salon und besprach einen Termin zum Schneiden mit Wolfgangs Kollegin. „Ich hätte gern heute einen Termin, und ich möchte von jemandem bedient werden, der wirklich gut schneiden kann.“
Die etwa siebzigjährige, sportlich-schick gekleidete Dame näselt ein wenig arrogant. Die junge Friseurin bietet ihr einen Termin für 16 Uhr an. „Ja, das passt“, antwortet  die Kundin, „und bei wem wäre das dann?“ Ihr Gegenüber mit den rot gefärbten Haaren sagt freundlich: „Bei mir“, und wird sogleich von oben bis unten begutachtet. 
„Schneiden Sie denn auch gut?“ Ich frage mich, wie wahrscheinlich es ist, dass die Friseurin sagt, dass sie nicht gut schneiden kann, die Kundin möge doch bitte morgen wiederkommen, wenn die Beate wieder da ist.
„Ich meine“, fährt die kritische Dame fort, „können Sie denn auch diese modernen Schnitte?“ Die Friseurin schiebt schnell ein, dass sie ständig auf neueste Schnitt-Techniken geschult wird, aber die Frau hört ihr gar nicht zu. „Wissen Sie, da war neulich so ein Bericht im Fernsehen über den Udo Walz. Der hat hier hinten so schräg angeschnitten und hier dann so ein wenig ausgefranst und hier vorne aber die Länge gelassen …“ Die rothaarige Friseurin versichert, das könne sie auch so wie der Udo Walz.
Sie tut mir leid, weil sie meint, sich rechtfertigen zu müssen vor dieser strengen, wirklich unsympathischen Tante. Diese behält den Termin bei und rauscht von dannen. Und ich sage zu Wolfgang: „Udo Walz verlangen, aber keine Udo Walz-Preise bezahlen wollen, das sind die richtigen.“ Der weltbeste Wimpernfärber murmelt „Hmmm“, geht aber auf meinen Lästermodus nicht ein. 
Diskret ist er auch noch, der Wolfgang.

Das Helga-Projekt

Kurz nach Feierabend erzählt mir meine Kollegin Helga, dass ihr irgend so ein Bradley Dingenskirchen auf Facebook eine Freundschaftsanfrage geschickt hat. „Ich kenne den gar nicht.“ 

„Wieso kontaktiert der dich dann? Spielt der Criminal Case?“ Auf die Idee komme ich, weil meine andere Kollegin dauernd Freundschaftsanfragen erhält, seit sie Criminal Case spielt.

„Nein, ich spiele das nicht.“ 

„Merkwürdig.“

Ich schaue ihr über die Schulter. Dieser Bradley sieht ganz sympathisch aus, kurze Haare, schlank, ist vermutlich Brite oder Amerikaner. Sein violettes Hemd glänzt ein bisschen viel, aber sonst … „Willst du den denn als Facebook-Freund?“ 

„Nein. Der Mann macht mir Angst, guck mal hier." Helga deutet auf die Freunde, die Bradley bisher über Facebook erworben hat. Es sind Freundinnen (Freunde hat er keine), um genau zu sein: siebzehn Freundinnen. Alle heißen Helga.

„Das ist doch ein Witz.“ Ich muss noch einmal hingucken. Siebzehn Helgas, alle unterschiedlichen Alters und Aussehens. Die müssen Bradleys Anfrage angenommen haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Freundschaftsanfragen von den Helgas an Bradley Dingenskirchen gerichtet worden sind.

„Gruselig. Wieso hat der nur Freundinnen, die Helga heißen?“

„Hm. Vielleicht hieß seine Mutter so und sie hatten eine sehr enge Bindung? Oder er hat seine Mutter gehasst und will alle Helgas vernichten. Hilfe.“ 

Sogleich habe ich die Idee für einen Psychothriller. Bradley wird als Kind von seiner Mutter verlassen, nein, besser noch in einem Keller festgehalten. Erst als sie stirbt, wird er entdeckt. Er ist klug, seine Mutter Helga hat ihn unterrichtet, misstraut jedoch dem Leben und allen Menschen draußen vor seinem Elternhaus. Als er sich in seine Psychotherapeutin verliebt, weist diese ihn ab. Nach dem Tod seiner Mutter und dieser Abweisung fühlt sich Bradley allein. Er zieht in eine Souterrainwohnung, die von der Einrichtung her seiner früheren Kellerwohnung frappierend ähnelt und geht auf die Suche nach einer Helga. Die Anonymität des Internets nutzend, schreibt er in Facebook irgendwelche Helgas an. Und weil er recht attraktiv ist und es Frauen gibt, die sich über diese virtuelle Aufmerksamkeit freuen, kann Bradley seine Kontakte ausbauen. Auf seine Nachricht, dass er sich über ein persönliches Kennenlernen über alle Maßen freuen würde, antwortet Helga aus Cottbus. Eines Tages entdeckt ein Angler am Ufer der Spree eine Leiche ...

„Bestätige die Freundschaftsanfrage nicht“, bitte ich Helga. „Der Mann hat eindeutig einen Knall. Entweder ist er ein Psychopath oder ein Künstler, der Helga-Freundinnen für ein Projekt sammelt. Das Helga-Projekt."

Wir fahren unsere PCs runter, schließen die Bürotür ab und wünschen uns einen schönen Feierabend. 

Bradley. Bradley Dingenskirchen. 

Vielleicht sollte ich den mal anschreiben und fragen, was das Ganze soll.

Eventuell morgen.

Prominente Mörder

Neulich bei uns im Reisebüro. Eigentlich wollte unsere Kollegin Helga Evi und mir vom Bücherbummel auf der Kö erzählen …

Helga: „Ach, jetzt weiß ich, wen ich beim Bücherbummel gesehen habe. Diese Schauspielerin. Karin Baal. Die sah immer noch ganz gut aus, obwohl die natürlich auch älter geworden ist.“
Evi: „Karin Baal, ja, diese Blonde. Die hat doch im Knast gesessen, weil sie ihren Mann erschossen hat.“
Ich: „Nee, Karin Baal hat in den 50er Jahren in Die Halbstarken mitgespielt. Mit Horst Buchholz.“
Evi: „Ja, und später hat sie dann ihren Mann erschossen.“
Ich: „Nee, Evi, du meinst Ingrid van Bergen. Die hat aber nicht ihren Mann erschossen, sondern ihren Geliebten. Klaus Knats hieß der, oder so.“
Helga: „Woher weißt du das denn?“
Ich: „Weiß ich eben. (Pause) Ingrid van Bergen hat nach dem Knast auch wieder als Schauspielerin gearbeitet. Genau wie Gunnar Möller. Der hat seine Frau durch die Badezimmertür erschossen.“
Evi: „Nee, das war der Boxer.“
Helga: „Bubi Scholz.“
Ich: „Stimmt. (Pause) Gunnar Möller hat seine Frau mit dem Stuhlbein erschlagen.“
Helga: „Woher weißt du das denn schon wieder?“
Ich: „Weiß ich eben (Pause). Ach, übrigens, in der 10. Klasse haben wir eine Abschlussfahrt nach Berlin gemacht und in einem Jugendgästehaus gewohnt. Der Herbergsvater war ein totaler Choleriker und hat dauernd rumgemotzt. Wisst Ihr, wer das war? Fiffi Kronsbein!“
Helga: Wer ist denn das nun wieder?“
Evi: „Kenn ich nicht.“
Ich: „Fiffi Kronsbein war in den 70ern ein bekannter Fußballtrainer. Der hat seiner Frau einen Fön in die Badewanne geschmissen.“ (Pause

Und so hätte es noch endlos weitergehen können.
Irgendwann hätte ich meinen Kolleginnen noch erzählt, dass im Hotelbetrieb meiner Eltern der Lesezirkel auslag und von meinem Bruder und mir damals intensiv studiert worden war. Aber dann kamen schon wieder Kunden …

Frau Fritze, das Schwimmen und die Liebe

Manchmal frage ich mich, warum ich mich für den Beruf der Reiseverkehrskauffrau entschieden habe. In meiner Bewerbung, die ich 1990 verschickt hatte, schrieb ich: „Ich mag den Umgang mit Menschen“. Nach nunmehr fünfundzwanzig Jahren Berufserfahrung darf ich sagen: Menschen sind sehr unterschiedlich. Es gibt nette Menschen, dankbare und herzliche Menschen. Es gibt Menschen, die alles besser wissen, es gibt Menschen, die alles, wirklich alles wissen wollen („Wie hoch sind die Wellen in Südthailand? Meine Frau ist Brillenträgerin.“ „Gibt es Pastinake von Alete in der Hotelanlage auf Kos? Mein Kind isst nur Pastinake.“) Es gibt Menschen, die behandeln Dienstleister und Verkäufer grundsätzlich von oben herab. Und zum Glück gibt es Menschen wie Frau Fritze.

Frau Fritze hat schon mehrfach ihren Urlaub in unserem Reisebüro gebucht. Heute sitzt sie das erste Mal bei mir. Sie hört ein bisschen schlecht. Ich jedoch könnte ihr stundenlang zuhören, sie ist einfach reizend. Frau Fritze erzählt, dass sie sich für eine Woche mit einer Freundin aus München auf Mallorca treffen möchte. „Wir gehen dort zum Schwimmfest nach Palma, wissen Sie, wir machen Seniorenschwimmen.“ Das finde ich bemerkenswert und frage, welche Schwimmart sie bevorzugt. Brust und Kraul. Rücken ginge eventuell auch noch. Nur zum Schmetterling hätte ihr immer die Kraft gefehlt. Und sie bevorzugt Kurzstrecken, weil sie ab 100 Meter Probleme mit der Luft bekommt. „Ich habe COPD.“ Gutes Thema, an dieser Lungenkrankheit leidet mein Vater auch, zurzeit besonders schlimm, deshalb liegt er im Krankenhaus. 

„Bei Überanstrengung wird es viel schlimmer.“ Wir unterhalten uns, während ich für sie die angenehmsten Flugzeiten und Preise checke. „Bitte nicht Abflug mitten in der Nacht, in meinem Alter muss ich mir das nicht mehr antun.“ Frau Fritze ist 90. Ich bin noch beeindruckter und frage, ob es noch viele Damen in ihrer Altersklasse gibt. Es seien nicht mehr allzu viele, aber es gäbe ein paar, die noch schneller wären als sie. Die Russin zum Beispiel, gegen die sie bei den Masters in Jalta angetreten sei. Da war sie aber vor den Wettbewerben am Flughafen gestürzt.

„Ich nehme immer ein Doppelzimmer zur Alleinbenutzung. Mein Lebensgefährte ist ja leider vor ein paar Jahren verstorben. Ich war seine Jugendliebe und wir haben uns durch das Schwimmen wiedergetroffen.“ Jetzt will ich alles wissen. So viel Zeit muss sein. Frau Fritze erzählt, dass sie mit achtzehn Jahren im Schwimmverein Magdeburg einen schüchternen Verehrer hatte. Mit den Verabredungen hatte es irgendwie nicht geklappt und dann sei der junge Mann in den Krieg eingezogen worden. Während des Krieges hat Frau Fritze dann einen anderen Mann kennengelernt und ihn geheiratet, auch einen Schwimmer, mit dem sie nach den ersten Schwimm-Meisterschaften nach dem Krieg in den Westen gegangen sei. Dieser Mann verstarb schon in den 70er Jahren. Anfang der 90er Jahre begegnete Ingeborg Fritze ihrem Gerhard und traf ihn immer wieder bei Schwimmveranstaltungen. Nachdem dieser verwitwet war, bat er Ingeborg zu einer Verabredung zum Kaffee. Danach war klar, dass die Gefühle auch nach fünfzig Jahren noch bestanden. „Als er mich seinem Sohn vorgestellt hat, sagte er, dass ich seine große Jugendliebe sei.“ 1997 zogen beide zusammen, da war Frau Fritze schon 75 Jahre alt. Sie nahm mit ihrem Lebensgefährten an allen Deutschen, Europa- und Weltmeisterschaften der Masters teil. „Er ist 2002 gestorben. Im Wasser.“

Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Mir fällt nur ein, dass sie und ihr Partner wenigstens ein paar schöne gemeinsame Jahre hatten. Frau Fritze darf gar nicht daran denken, was hätte passieren können, wenn der blöde Krieg nicht dazwischen gekommen wäre. Frau Fritze bucht und bedankt sich für die schöne Unterhaltung, die gute Beratung und geht.

Natürlich google ich sie sofort und finde heraus, dass Ingeborg Fritze von 2001 bis 2011 allein fünf Weltrekorde erschwommen hat. Sie hat zehn Weltmeister- und fünfundzwanzig Europameister-Titel und an 48 Deutschen Meisterschaften teilgenommen. Hätte sie heute nicht bei mir gebucht, hätte ich das nie erfahren.  Danke, Frau Fritze, dass Sie heute da waren. Sie sind einer der Gründe, warum ich gern hier sitze.

Ich wollte Nscho-tschi sein

Die Gestaltung der großen Pause war geklärt. Wir Grundschulkinder waren noch tief beeindruckt von der Winnetou I – Ausstrahlung am Samstag und wollten die Abenteuer des Häuptlings der Apachen und seines weißen Bruders Old Shatterhand nachspielen. Schnell einigten wir uns auf Markus als Winnetou, Holger als Old Shatterhand. Und ich wollte Nscho-tschi sein.

Blöd war nur, dass Heike, Marijke und Inga auch Nscho-tschi sein wollten. Sie war bildschön, hatte dicke schwarze Zöpfe und trug diese feinen weichen Lederkleider mit aufwendiger Bestickung und Fransen. Außerdem hielt sie sich ständig in der Nähe ihres Bruders Winnetou und des tollen (weil von den Apachen akzeptierten) Old Shatterhand auf, in den sie sich schließlich verliebte. Ich wusste, ich würde eine prima Nscho-tschi abgeben, doch Heike hatte die größte Klappe und somit das beste Durchsetzungsvermögen. Sie zeigte auf uns andere Apachenhäuptlingsschwester-Anwärterinnen und rief: „Ihr seid alle blond, Scho-schi hat dunkle Haare, also bin ich die Scho-schi, ist doch klar.“ Wir sagten Scho-Schi wie wir Winnitu sagten. Die Aussprache war nicht wichtig. Das Abenteuer zählte.

Die Besetzung stand. Markus war Winnitu, Heike Scho-schi. Die große Pause dauerte nur fünfundvierzig Minuten und wir hatten schon zehn Minuten mit der Verteilung der Rollen vergeudet. Für das Winnitu-Spiel gab es kein Skript. Es gab eine Gruppe böser Cowboys, die freiwillig von ein paar verhaltensauffälligeren Mitschülern dargestellt wurden. Diese standen auf dem unteren Teil des Schulhofes, der normalerweise von den Schülern der B-Klassen genutzt wurde und versteckten sich hinter Bäumen oder Büschen. Die ehrwürdigen Apachen, also Winnitu, Olt Schätterhend und Scho-schi (leider dargestellt von Heike) warteten auf dem oberen Schulhof der alten Grundschule und gingen langsam von rechts nach links. Vorneweg die drei Protagonisten, gefolgt von dem Apachen-Fußvolk, zu dem ich zählte.

Ich erinnere mich an das Kribbeln, die Aufregung in Erwartung des Überfalls durch Sänter und die anderen bösen Cowboys. Es raschelte hinter den Büschen und irgendwann galoppierte die Bande hinter uns her. Das Galoppieren imitierten die Jungs durch Pferdchengalopp und Schlagen auf das eigene Gesäß, so als würden sie die Pferde antreiben. Gerade als es besonders spannend wurde, die Bösewichte waren uns auf den Fersen, hatte ich eine Eingebung, rannte vor zu Winnitu, seinem Kumpel und seiner Schwester und rief: „Halt!“ Das Spiel wurde, wenn auch ungern, unterbrochen. Die Zeit rannte.

„Wieso kann ich nicht Scho-schi sein, weil ich blond bin, und Markus ist Winnitu und hat selber blonde Haare?“ Während wir Apachen kurz zusammen grübelten, hatten uns Sänter und seine Mannen eingeholt und gefangen genommen. Sie trieben uns unter den Baum zwischen den zwei Treppen, die in die Klassenräume führten, und bewachten uns. Ich fühlte mich ein bisschen schuldig an unserer Situation, mein Gerechtigkeitssinn war mir wieder einmal in die Quere gekommen. „Ich oder Marijke oder Inga, wir hätten alle Scho-schi sein können. Markus ist blond und spielt Winnitu und Holli spielt Olt Schätterhend und hat dunkle Haare. Eigentlich hätte Holli Winnitu sein müssen.“

Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich glaube, meine Mitschüler verdrehten die Augen. Die Lehrerin rief uns zurück in die Klasse. „Erst muss Jürgen mich noch erschießen und ich muss sterben“, meinte Heike.

Sie hatte das letzte Wort. Wie immer.

Im Bett mit Jürgen Klinsmann

Im Sommer 1990 wurde Deutschland Weltmeister. Nicht ganz unbeteiligt daran war Jürgen Klinsmann, seines Zeichens Schwabe und Stürmer der deutschen Nationalmannschaft.

Um eines vorweg klarzustellen: Für seine Träume kann man nix. Da kommen Dinge drin vor, die einen tagsüber beschäftigt haben oder die ganz versteckt im Unterbewusstsein schlummern.

Der liebe Dr. Freud hätte seine selbige an meinem Traum im Sommer 1990 gehabt. Ich hatte nämlich Sex mit Jürgen Klinsmann. Und zwar auf dem alten grau-weißen Graffiti-Sofa. In meinem Jugendzimmer, das ich damals noch bewohnte. Fragen Sie mich bitte nicht nach den Details. Ich weiß nur, dass Pierre Littbarski ebenfalls anwesend war und mich auch wollte. Klinsi und ich schickten ihn aber zum Fanta (!) holen, weil wir danach verständlicherweise großen Durst hatten.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783945298640
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318272
Schlagworte
Reisen Urlaub Kurzgeschichten Alltag Humor Ironie Erzählungen Short Stories

Autor

  • Britta Meyer (Autor)

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Titel: Neues von Frau Meyer