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Neues von Frau Meyer (Appetizer)

Französische Zweigtomanten oder der ganz normale Alltagswahnsinn.

von Britta Meyer (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Französische Zweigtomaten

Wenn die Zeit drängt, kann ich faul sein. Sehr faul. Ich gehe zum Beispiel nicht in den Lebensmittelmarkt, in dem die Produkte am günstigsten angeboten werden, sondern in den, der auf meinem Weg liegt. Mein Verstand setzt dann aus. Er müsste mich an meinen desaströsen Kontostand erinnern und meine Füße geradewegs in einen Laden mit vier großen Buchstaben lenken.
Macht er aber nicht.

Vorgestern bin ich verabredet und spät dran, weil sich ein Kundengespräch in die Länge gezogen hat. Bevor ich der Altstadt meine Aufwartung machen werde, möchte ich noch einen Happen essen und mir etwas Deodorant unter die Achseln werfen. Es ist mir generell ein Rätsel, warum die Zeit rennt, wenn man sich verabredet hat, aber nie, wenn man in einem Meeting die neuesten Versicherungsumsätze mitgeteilt bekommt. Der Zeiger meiner Uhr rückt vor und vor und vor.
Ich brauche noch ein paar Tomaten und Basilikum, und da ich ohnehin noch eine schlecht sitzende Bluse zurückbringen will, betrete ich das traditionelle Düsseldorfer Kaufhaus, dessen neoklassizistische Sandsteinfassade in Lehrbüchern der Architektur gern gerühmt wird. Die Schlange an der Kasse ist kurz, die Bluse wird zurückgegeben. Husch, husch in die Lebensmittelabteilung, die den Namen Delikatessa trägt. Ja, der Kunde soll gleich merken, dass er hier nicht einfache Lebensmittel einkauft, sondern ganz besondere Schmankerln.
Der Obst- und Gemüsestand, zwei Körbe mit unfassbar rot leuchtenden wohlgeformten Tomaten, wie sie schmackhafter kaum aussehen könnten. Auf dem Preisschild oben steht 1 kg - 5,98 Euro.
Ein frecher Preis, denke ich und lese auf dem Schild unten den Preis von 1,99 Euro. Ich frage die Verkäuferin, ob ich mich selbst bedienen darf. Sie nickt und gibt mir ein Tütchen, ich stecke eine Rispe hinein und nehme noch eine einzelne hinzu. Das Basilikum erscheint mir auch überteuert, mit 1,99 Euro für ein paar Stengelchen. Faulheit muss eben bestraft werden.
Die Verkäuferin wiegt die Ware und bittet schließlich um zwölf Euro siebenundsiebzig. 12,77 steht in grünen Lettern im Display der Kasse. 12,77! Ich frage aber trotzdem vorsichtshalber noch einmal nach.
„Die sechs Tomaten und das Basilikum kosten 12,77?“  
Die Verkäuferin setzt ein Pokerface auf. „Ja.“
„12,77 für ein paar Tomaten und etwas Basilikum?“
„Ja.“
Ich schnaube und schaue auf meine Uhr. Aus einer Art Konfliktscheue habe ich in früheren Zeiten durchaus zähneknirschend Waren gekauft, die mir erheblich überteuert erschienen. Hier aber bin ich nicht bereit dazu.
„Entschuldigen Sie, aber das kann nicht sein. Hier steht doch 1,99 auf dem Schild.“
„Ja. Für einhundert Gramm.“
„Das ist doch wohl ein Scherz! Sorry, aber dann kaufe ich die Tomaten nicht."
„Sie haben die Ware schon angefasst.“
„Wenn ich gewusst hätte, dass sich die 1,99 auf einhundert Gramm beziehen, dann hätte ich die bestimmt nicht kaufen wollen."
„Sie haben die Ware schon angefasst.“
„Jaha, weiß ich. Sie haben das hier aber auch geschickt platziert. Oben steht 5,98 für 1 Kilo und unten liest man 1,99. Die einhundert Gramm haben Sie sehr klein geschrieben und das Schild so in den Korb gestellt, dass man das gar nicht lesen kann.“ Ich drehe meinen Kopf ein wenig, um noch einmal auf das Preisschild zu schauen.

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783945298664
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v318274
Schlagworte
Reisen Urlaub Kurzgeschichten Alltag Humor Ironie Erzählungen Short Stories

Autor

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    Britta Meyer (Autor)

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