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Mordsmäßig unverblümt - Louisa Manus erster Fall

(Frauenkrimi, Chick-Lit, Frauenroman)

von Saskia Louis (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Wenn man innerhalb eines Tages einem Polizisten auffährt und einen Finger in einem alten Holzkästchen findet, kann das durchaus zu Stress führen. Wenn sich der leitende Ermittler aber als ebendieser Polizist herausstellt, man sich um das eigene Blumengeschäft, die verantwortungslose Schwester und die unfähige 70-jährige Mitarbeiterin kümmern muss, ist Chaos vorprogrammiert.

Doch Louisa Manu ist fest davon überzeugt, dass sie den Fall aufklären und gleichzeitig ihr Leben in den Griff kriegen wird. Schließlich ist sie neugierig, clever, motiviert – und fast nicht überfordert …

Den Soundtrack zum E-Book kannst du dir hier anhören

www.youtube.com/Flowers

Impressum

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Erstausgabe April 2016

Copyright © 2016 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-945298-72-5
Taschenbuch ISBN: 978-3-94529-894-7

Covergestaltung: Christin Peulecke
unter Verwendung eines Motivs von
© bg242/pixabay.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Mordsmäßig
unverblümt

EIN FALL FÜR LOUISA MANU



Saskia Louis

Kapitel 1

Mein Tag war scheiße.

Nein, ‚Scheiße‘ war noch ein zu positives Wort. Mein Tag war wie Big Brother im Fernsehen mit Streichhölzern, die meine Augen offen hielten, keine Schokolade mehr im Haus und die Führerscheinprüfung zusammen!

Ich hatte zweitausend Tulpen geliefert bekommen, obwohl ich Rosen verlangt hatte und war von meiner Nichte mit einem Minigolfball am Kopf getroffen worden. Ganz offensichtlich hatte ich bei dem Aufprall des Balles meine letzte aktive Gehirnzelle verloren, denn das war die einzige Erklärung dafür, dass ich meiner kleinen Schwester ohne Widerworte meine Kreditkarte überlassen hatte. Zu allem Überfluss hatte ich seit sieben Stunden nichts mehr gegessen, wurde von meiner Mutter auf meinem Handy tyrannisiert – die seit drei Tagen pausenlos anrief, um herauszufinden, wie ich mit dem Zahnarzt hatte Schluss machen können – und kam zu spät zu meinem Termin mit einem jungen Brautpaar, das die Blumenarrangements besprechen wollte! Ach ja, außerdem war heute Montag! Montag!

Vielleicht war ‚Scheiße‘ doch das richtige Wort. Man konnte es ja beliebig oft wiederholen, um ihm die nötige Stärke zu verleihen.

Ich drückte das Gas durch und mein Auto beschleunigte von Null auf Zehn in zwanzig Sekunden, während der Motor vor Anstrengung ächzte. Die Uhr zeigte fünf vor vier an und ich stöhnte laut auf, nicht zuletzt, um mein erneut klingelndes Handy zu übertönen.

Ich würde es nie rechtzeitig schaffen, dabei brauchte ich den Auftrag! Ich war noch nicht lange im Blumengeschäft und brauchte jeden Job, den ich kriegen konnte. Die blöde Tulpenstornierung würde mich für diesen Monat wahrscheinlich wieder in die roten Zahlen treiben, aber das könnte ich mit ein, zwei Hochzeiten wieder reinbekommen. Vor mir schaltete die Ampel auf Rot und ich bog spontan nach links in einen kleinen Schleichweg ab, der die meisten Ampeln der Innenstadt umging, auf dem aber nur dreißig Stundenkilometer erlaubt waren.

Na ja, die Geschwindigkeitsbegrenzung war ja wohl doch eher eine Richtlinie. Ich schaltete in den dritten Gang, nur um nach zwanzig Sekunden wieder zurückzuschalten, weil ein schickes schwarzes Auto vor mir die Idee mit den Richtlinien offenbar nicht ganz verstanden hatte.

„Komm schon! Rechts ist das Gas! Rechts!“, brüllte ich und trommelte nervös mit den Fingern auf das Lenkrad. Mein Handy fing erneut an zu klingeln und fluchend tastete ich mit meiner Hand danach, um es auszuschalten, während ich den Fuß noch etwas vom Gas nahm. Wenigstens nach dem Stoppschild würde ich den Schleicher vor mir loswerden!

Ich versuchte nach dem Handy auf dem Beifahrersitz zu greifen, stieß es stattdessen aber in den Fußraum.

Gott, ich musste den Klingelton ändern. Die Titelmusik von Darth Vader war zwar am Anfang lustig gewesen, aber jetzt, da meine Mutter so oft anrief, war sie einfach unerträglich. Wann schaltete sich endlich die Mailbox ein? Ich sah auf die Straße, wurde noch ein bisschen langsamer und ließ mich dann schnell zur Seite gleiten, um das Telefon zu bergen.

Dass das Auto vor mir angehalten hatte, bemerkte ich erst, als jemand laut hupte, mein Kopf nach oben schnellte und ich panisch Bremse und Kupplung durchdrückte.

Mein Auto war zwar langsam, aber nicht langsam genug.

Der alte Passat stieß mit einem zarten Scheppern und den restlichen fünf Stundenkilometern in den Wagen vor mir.

Den schicken schwarzen, neuen Audi A5.

Oh, verdammt!

Leise fluchend schloss ich die Augen und stellte den Motor ab. Ich hätte im Bett bleiben sollen. Als die Spinne sich auf mein Kopfkissen abgeseilt hatte, hätte ich das als Omen sehen und einfach liegen bleiben sollen!

Jetzt war es zu spät.

Aber vielleicht hatte ich ja Glück. Vielleicht saß ein älterer, liebenswürdiger Herr in dem Audi, der mit einer wegwerfenden Handbewegung sagte, dass ich ihn ja nur leicht angestupst hatte.

Die Tür des Audis glitt auf und jede Hoffnung wurde zerstört. Mit zwei langen, in Jeans verpackten Beinen voran, stieg die personifizierte Wut vom Fahrersitz.

Dieser Mann war beängstigend. Beängstigend groß, beängstigend durchtrainiert und beängstigend … heiß.

Ende zwanzig, Anfang dreißig vielleicht, kurze braune Haare, hellbraune Augen … oh. Nein, jetzt waren sie wütend und dadurch vermutlich dunkelbraun geworden.

Trotzdem – seine einschüchternde Energie schadete seiner Attraktivität nicht im Geringsten.

Hitze stieg in meine Wangen und mit einem immer größer werdenden Kloß im Hals zog ich den Schlüssel ab und stieg aus. Das Handy klingelte immer noch und es war, als würde Darth Vader selbst auf mich zukommen.

„Haben Sie keine Augen im Kopf?“, brüllte er.

Blinzelnd sah ich ihn an.

Schön. Ich war abgelenkt worden und der Unfall war natürlich meine Schuld – aber deswegen musste er doch nicht gleich brüllen! Meine Mutter wäre entsetzt über dieses Verhalten. Höflichkeit war etwas, das viele Menschen verlernt zu haben schienen.

„Habe ich. Ohren übrigens auch, also, könnten Sie vielleicht Ihre Stimme senken?“

Der Mann kniff die Lippen zusammen. „Sie sind mir hinten drauf gefahren! Nur weil Sie Ihren Führerschein mit einem Rubbellos gewonnen haben, sollte ich mich nicht beherrschen müssen!“

Das reichte! Mein Tag war sowieso schon bescheiden genug und er hatte nicht das Recht mich so anzufahren, nur weil ich sein Heck ein wenig angestupst hatte! Man konnte noch nicht einmal groß was sehen! Vielleicht eine klitzekleine Einbeulung am Stoßdämpfer und ein, zwei Kratzer an den Rückleuchten.

„Zu einem Unfall gehören immer zwei!“, fauchte ich deshalb zurück.

Seine Augen wurden ungläubig groß. „Wie bitte?“

Wütend und frustriert warf ich meine Hände in die Luft. „Na ja, wer hält heutzutage noch an einem Stoppschild? Das kann ich doch nicht ahnen, dass Sie der einzige Mann auf der ganzen Welt sind, der sich an die Verkehrsregeln hält und fünf Sekunden lang vor dem Scheißding stehen bleibt!“

„Sie werfen mir vor, dass ich korrekt gefahren bin?“

Ja, genau das. Aber laut ausgesprochen hätte das bescheuert geklungen, deswegen änderte ich den Satz ein wenig ab. „Nein, ich werfe Ihnen vor, dass Sie überkorrekt gefahren sind!“

„Was reden Sie da? Man kann nicht überkorrekt an einem Stoppschild halten! Entweder man hält oder man hält nicht!“ Er machte noch einen Schritt auf mich zu und überragte mich nun um einen ganzen Kopf. „Sie haben in Ihrem Fußraum herumgewühlt!“

Ich vergaß immer, dass normale Autos tatsächlich funktionierende Rückspiegel besaßen. „Na ja … wenn Sie meine Mutter kennen würden, könnten Sie das verstehen“, verteidigte ich mich sofort und überkreuzte die Arme, „es war eine Notwendigkeit, im Fußraum nach meinem Handy zu suchen.“

Seine Miene blieb versteinert und innerlich seufzte ich tief. Mir war selbst bewusst, dass meine Argumentation ein paar gigantische Lücken aufwies.

„Schön! Ich hab einen Fehler gemacht“, lenkte ich ein, „können wir das so regeln oder wollen Sie die Polizei rufen?“

Von oben herab musterte er mich. „Ich bin die Polizei.“

Oh, verdammt. Mein Tag erreichte gerade endgültig den Nullpunkt. Das konnte ja nur mir passieren, dass ich einem Bullen reinfuhr, der auch noch seine Tage zu haben schien!

Ich rieb mir mit meiner flachen Hand über die Stirn und schloss die Augen. Wieso produzierte der Körper eigentlich nicht auf natürliche Art und Weise Aspirin, wenn man es brauchte?

„Und jetzt?“, fragte ich schließlich etwas müde. „Ziehen Sie das ganze Programm ab? Fotos, Kreidestriche und Sirenen?“ Es war vielleicht nicht die beste Idee, den Polizisten auch noch zu provozieren, aber es war meine einzige.

„Ich sollte Sie schon alleine dafür verhaften, dass Sie mit dieser Rostlaube fahren!“, knurrte er und nickte in Richtung meines Autos.

„Sie ist durch den TÜV gekommen.“ Mein Onkel arbeitete als Prüfer.

„Sie hat eine gelbe Plakette! Welches Auto hat heute noch eine gelbe Umweltplakette?“

„Klassiker?“, schlug ich vor, obwohl mir durchaus bewusst war, dass der alte VW-Passat keine zweihundert Euro auf dem Markt bringen würde.

Er verengte die Augen. „Nein, Dreckschleudern haben eine solche Plakette. Darf man damit hier in Köln überhaupt fahren? Sind gelbe Plaketten nicht mittlerweile verboten?“

Gott sei Dank handelte es sich hier offenbar nicht um einen Verkehrspolizisten. Ich räusperte mich schnell. „Also, ich müsste zu einem Termin – könnten wir das hier etwas beschleunigen? Es ist doch wirklich kein großer Schaden …“ Ich sah zu den beiden Autos und musste grinsen, als ich bemerkte, dass man dem Passat nichts ansah. Er war unzerstörbar.

Etwas genervt lenkte der Polizist ein. „Schön. Geben Sie mir Ihre Daten: Nummernschild, Name, Anschrift, Telefonnummer, Versicherungsdaten …“

„Wow, Sie gehen aber ran!“, scherzte ich, verstummte jedoch bei seinem Blick und hustete nur „sorry“, während ich ein zerknittertes Stück Papier aus meiner Handtasche zog, um seinen Anweisungen Folge zu leisten.

Auf dem eigentlich als To-Do-Liste gedachten Papier stand bereits: „Beschissene Tulpen sind keine verdammten Rosen, Beruf verfehlt? – Rede halten“ (Worte, die für meine Angestellte bestimmt waren, die die Blumen angenommen hatte), „Mutter: Definition von Privatsphäre raussuchen“ und „SCHOKOLADE!“. Na ja, jetzt standen da auch noch mein Name, Louisa Manu, und die restlichen Daten, die verlangt worden waren. Damit musste Herr Grumpig wohl zurechtkommen.

„Hier.“ Ich reichte ihm das Papier und steckte den Stift zurück in das vordere Fach meiner Tasche. „Zufrieden?“

Sein Blick war so missbilligend, dass er glatt von meiner Mutter hätte sein können. „Ich hoffe für Sie, dass das Ihre richtigen Daten sind.“

Ich stieß zischend Luft aus. „Für wen halten Sie mich eigentlich? Für eine Kriminelle, die zweimal am Tag ihre Nummernschilder austauscht?“

„Verbrecher erscheinen in den überraschendsten Aufmachungen.“

Blödmänner auch.

Zuckersüß warf ich ihm von unten herauf einen Blick zu. „Wow, Ihr Beruf hat Sie ja wirklich nicht voreingenommen werden lassen.“

„Ich bin Realist“, sagte er sachlich und zog mir das Papier aus den Fingern.

„Bescheuertist trifft es wohl eher“, murmelte ich und wandte mich zu meinem Auto um. Was für eine Schande. So eine schöne Verpackung an so einen Mann verschwendet!

„Das Einzige, was bescheuert ist, sind die Blumenaufdrucke auf Ihren Türen!“, erwiderte er trocken.

„Das ist Werbung für meinen Laden!“

„Es steht kein Name dran!“

Ja, den hatte ich mir noch nicht leisten können. „Der ist in Arbeit!“, motzte ich und öffnete die Tür.

„Sie hätten erst den Schriftzug machen sollen!“

Ich schob meine Unterlippe vor. „Und Sie sollten sich öfter einen Regenbogen anschauen, vielleicht hilft das ja Ihrer inneren Ausgewogenheit!“, rief ich, bevor er die Tür zuschlug und innerhalb von Sekunden nur noch seine von mir zerschrammten Rücklichter zu sehen waren.

Kopfschüttelnd schnallte ich mich an und steckte den Zündschlüssel ein. Wenigstens gab es jetzt einen Lichtblick: Schlimmer konnte der Tag nicht werden.

Was für eine Fehleinschätzung …

„Das Brautpaar hat nicht einmal bemerkt, dass ich eine halbe Stunde zu spät gekommen bin! Sie waren zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig mit Torte zu füttern und sich anzuschmachten.“

„Da hört sich aber jemand verbittert an“, amüsierte sich meine beste Freundin am anderen Ende der Leitung. „Darf ich dich daran erinnern, dass du diejenige warst, die mit dem Zahnarzt Schluss gemacht hat?“

Ich wechselte die Hand, in der ich das Telefon hielt, um meinen Arm auch durch den anderen Ärmel meiner Jacke zu stecken. Es war Oktober und die Tage wurden so langsam kälter. „Er hatte ein Bild von einem faulen Zahn auf seinem Nachttisch – weil es ihn daran erinnerte, gegen was er kämpfte!“

Ari kicherte. „Ich habe nicht angezweifelt, dass es die richtige Entscheidung war. Drei Monate waren eigentlich schon viel zu lang.“

„Danke!“, bestätigte ich. „Jetzt musst du genau diese Worte nur noch meiner Mutter sagen und du bist meine Heldin!“

„Ich habe es geschafft, Schokolade zu meinem Beruf zu machen, ich bin sowieso schon deine Heldin!“

Da war etwas Wahres dran. Ariane war zwar gelernte Konditorin, hatte sich aber auf Schokolade spezialisiert. Sie setzte Schokofiguren zusammen und nannte es Kunst. „Nein, ernsthaft“, stöhnte ich, „sie treibt mich in den Wahnsinn. Ihretwegen habe ich heute einen Unfall gebaut und bin einem Polizisten hinten drauf gefahren.“

„Uh, Stripperpolizist?“

Ich verdrehte die Augen. „Echter Polizist.“ Heißer Polizist. Blöder Polizist. Die Liste war lang.

„Oh, Mist. Ist es ein großer Schaden?“

„Überhaupt nicht, ich hab ihn nur leicht angestupst, aber er hat sich aufgeregt, als wäre ich mit einem Vorschlaghammer auf seine Windschutzscheibe losgegangen!“

„Männer haben eine Verbindung zu ihren Autos, das ist wie mit uns und unseren Schuhen.“

„Sprich für dich selbst. Ich besitze vier Paar und zwei davon ziehe ich nicht an … aber darum geht es jetzt auch gar nicht.“

„Worum dann, wenn schon nicht um dein besorgniserregendes Schuhverhalten?“, lachte sie durch den Hörer.

„Es geht darum, dass ich siebenundzwanzig bin und meine Mutter schon davon redet, dass meine Eizellen nur noch Walzer statt Lambada tanzen.“

Ich bog nach rechts um eine Ecke und konnte schon von weitem das Schild vom Supermarkt erkennen. Ich wollte noch schnell etwas einkaufen, bevor ich in Ruhe nach Hause fahren, mich mit meinem Kater Twinky auf die Couch legen und mir die Top Fünf der besten Wege ausdenken konnte, wie man jemanden zum Schweigen brachte, ohne in den Knast zu wandern. Vielleicht sollte ich meinen Ex anrufen und ihn fragen, ob er mir was von dem Betäubungsmittel für die Lippen verkaufen würde. Wie illegal konnte das schon sein?

„Ach, deinen Eizellen geht es fantastisch!“, widersprach Ari loyal. „Sie feiern Kölner Karneval.“

„Danke, das habe ich ihr auch gesagt. Was sie aber nicht von ihrem Telefonterror abhält! Sie … oh, wie hübsch.“ Ich blieb abrupt stehen und betrachtete den Haufen Sperrmüll vor mir, der am Straßenrand stand und einladend über mir aufragte.

Ich liebte alte, benutzte Sachen. Sie hatten eine Geschichte und warteten nur auf jemanden, dem sie sie erzählen konnten. Zersägte Stühle stapelten sich auf einer abgewetzten Polstercouch und ein rostiges Bettgestell verdeckte die Sicht auf den Rest. „Ari, ich rufe dich sofort zurück, ja? Ich sehe lauter kleine Wunder vor mir!“

Meine beste Freundin stöhnte. „Du hast wieder einen Stapel Müll entdeckt, oder? Das wird langsam zur Besessenheit. Es hat einen Grund, dass Leute die Dinge wegschmeißen!“

„Ja, sie wollen, dass ich sie finde! Bis gleich.“ Ich legte auf und ließ das Handy in meiner Jeanstasche verschwinden. Freudig klatschte ich in die Hände. Das war besser als Flohmarkt – denn hier war alles umsonst.

Sorgfältig darauf bedacht, nichts zu beschädigen – oder zumindest weiter zu beschädigen – kletterte ich in dem Berg herum und hob verschiedenste Dinge an. Nach zehn Minuten musste ich enttäuscht feststellen, dass das Meiste zu zerstört oder zu hässlich war, um ihm nähere Beachtung zu schenken. Gerade als ich aufgeben und meinen Weg zum Supermarkt fortsetzen wollte, fing mein Blick plötzlich doch etwas Interessantes ein. Ein handgroßes, quadratisches Kästchen aus Holz lugte unter einem Kissen hervor. Vorsichtig griff ich danach und strich mit der flachen Hand über die obere Seite.

Vier goldene Ornamente umschlangen sich kunstvoll und formten zwei ineinandergeschobene Unendlichkeitszeichen. Die Ränder waren mit Mandala artigen Mustern versehen, die ebenfalls mit Gold nachgezogen worden waren. Bis auf einen daumengroßen, rötlichen dunklen Fleck in der unteren linken Ecke schien es noch wie neu. Was für ein Glück musste man haben!

Ich hob es über meinen Kopf, um zu sehen, ob es von allen Seiten so gut erhalten war und runzelte die Stirn. Es roch merkwürdig. Nicht nach Holz oder Lack, sondern nach etwas, das ich nicht definieren konnte. Ich kam nicht darauf, doch der Geruch ließ merkwürdigerweise das Gesicht meiner kleinen Schwester Emily in meinem Kopf aufblitzen. Er erinnerte mich an sie oder an etwas, was ich schon einmal mit ihr gemacht hatte.

Mhm, keine Ahnung.

Ich ließ den Arm wieder sinken und spürte, wie etwas gegen die Schachtelinnenseite rollte. Überrascht ließ ich das Kästchen sinken. Hatte der Besitzer etwa vergessen hineinzusehen, bevor er es weggeworfen hatte? Vielleicht war noch ein Ring darin oder anderer Schmuck?

Ich löste den Clip, der die beiden Seiten zusammenhielt, öffnete den Deckel … und musste würgen.

Den Würgereiz unterdrückend, wandte ich mein Gesicht ab und ließ den Deckel mitsamt Kästchen fallen.

Oh Gott! Atmen. Atmen. Ich brauchte Luft! Luft und ein neues Augenpaar und vielleicht auch noch neue Nasenschleimhäute, wenn die gerade im Angebot waren.

Mir wurde schwarz vor Augen und ich beugte mich nach vorne, um den Kopf zwischen meine Beine zu stecken, so wie sie es einem immer in den Fernsehfilmen raten. Doch als mein Blick wieder auf das geschlossene Kästchen zu meinen Füßen fiel, wurde mir nur noch schwindeliger und übler.

Mit klammen Fingern zog ich mein Telefon aus der Tasche und wählte die Nummer, die mir meine Mutter seit dem ersten Jahr im Kindergarten jeden Tag aufgesagt hatte – die ich aber noch nie hatte wählen müssen.

„Polizeinotruf, wie kann ich Ihnen helfen?“

„Hallo, ich glaube, ich … habe einen Finger gefunden – ohne Mensch dran!“ Das war auch alles, was ich an Worten zustande brachte, bevor ich mich in den nächstbesten Vorgarten übergab.

Kapitel 2

Es dauerte zwölf Minuten und achtzehn Sekunden bis die Polizei eintraf. Zwölf Minuten und achtzehn Sekunden, in denen ich würgte, meinen Mund abwischte und erneut würgte. Und als ich sah, was für ein Auto hinter dem Streifenwagen parkte, kam mir auf ein Neues mein Mageninhalt wieder hoch.

Es war ein Audi A5 mit einer kleinen Delle im Heck und zerkratzten Rücklichtern und heraus trat niemand anderes als Herr Grumpig persönlich.

Oh mein Gott – die Talfahrt setzte sich fort und ich schwor mir, nie wieder den Tag zu verhexen, indem ich dachte, dass es ja nicht mehr schlimmer werden konnte.

Der Finger hatte mir den Rest gegeben. Ich war selbst überrascht, dass ich nicht in Ohnmacht gefallen war.

Ich konnte kein Blut sehen. Mir wurde ja schon schwindelig, wenn ich nur daran dachte, dass jemand sich mit einer Nadel in den Finger stach. Da war es doch verwunderlich, dass abgehackte Gliedmaßen nur einen Brechreiz bei mir hervorriefen.

Ich blieb neben dem Kästchen stehen, das immer noch vor meinen Füßen lag, und sah mich um. Die letzten Minuten war ich von der irrationalen Angst getrieben worden, dass irgendjemand hier auftauchen könne, um mir das Kästchen wieder wegzunehmen. Vor der Polizei wie eine Idiotin dazustehen, die sich Dinge einbildete, wäre die Kirsche auf der Torte gewesen, mit der ich mich heute hatte rumschlagen müssen.

„Sind Sie Louisa Manu? Die Frau, die meint, sie habe einen Finger gefunden?“ Ein uniformierter Polizist war aus dem Streifenwagen gestiegen und sah mich fragend an, während er an seinem Gürtel seine Hose etwas höher zog.

Die unmännlichste Geste der Welt.

Ich presste die Lippen aufeinander und verlagerte mein Gewicht etwas nach hinten. „Sehen Sie etwa noch jemanden, der aussieht, als habe er sich gerade dreimal übergeben?“, zischte ich.

Der Uniformierte wurde rot. „Nein … natürlich nicht. Das war nur fürs … Protokoll.“

Herr Grumpig trat neben ihn und sah mich von oben herab an. Den Blick hatte er wirklich drauf. „Wenn Sie mich wiedersehen wollten, hätten Sie doch was sagen können“, grinste er. Ich schenkte ihm keinen Blick.

Der Polizist sah verwundert zwischen uns hin und her. „Sie kennen sich?“

Schnell schüttelte ich den Kopf. „Nein. Würden Sie bitte fortfahren?“

Verwirrt zog er einen Block aus seiner Gesäßtasche. „Nun ja. Mein Name ist Kramer und das ist Joshua Rispo von der Kriminalpolizei. Sollten Sie wirklich einen Finger gefunden haben …“

„Was heißt hier wirklich?“, fuhr ich ihn an und drückte meinen Zeigefinger auf seine Brust. „Es ist ein beschissener rot lackierter Ringfinger!“

Der Polizist lief puterrot an und starrte auf meinen Finger auf seiner Brust. „Nun gut, abgehackte Körperteile sind dein Fachbereich, Rispo.“ Hilfesuchend blickte er zu seinem Kollegen hoch, dessen Gesichtszüge kaum verbergen konnten, wie amüsant er die ganze Situation fand. Tatsächlich sah er viel weniger wütend aus als noch heute Mittag.

„Warten Sie dort drüben Kramer. Ich mach das schon. Und nehmen Sie es nicht persönlich: Sie ist scheinbar zu jedem so unhöflich.“

„Ich bin nicht unhöflich“, brüllte ich jetzt. „Ich bin hysterisch! Hat Ihnen denn niemand beigebracht, dass man zuerst das Opfer besänftigt, bevor man Mutmaßungen darüber tätigt, ob es einen anlügt?“

Rispo zuckte mit keiner Wimper. „Bei dem Seminar muss ich gefehlt haben.“

Mein Mund blieb offen stehen und wäre ich die Medusa, wäre Kommissar Joshua Rispo sofort zu Stein geworden.

Er seufzte. „Kommen Sie. Jetzt zeigen Sie schon den Finger.“

Ich reckte meinen Mittelfinger in die Höhe.

Düster schob er meine Hand aus seinem Gesicht. „Den anderen.“

Wortlos nickte ich zum Kästchen und sah dem Kommissar dabei zu, wie er sich bückte, ein Taschentuch um seine Hand wickelte und es vom Boden aufklaubte. Er öffnete den Deckel und verzog augenblicklich das Gesicht. „Verdammt! Das ist ja tatsächlich ein Finger!“

„Was dachten Sie denn?“, fauchte ich. „Dass es eine Speckmaus ist und ich keine Augen im Kopf habe?“

Unangenehm berührt kratzte er sich am Nacken und ließ den Deckel wieder fallen. „So was in der Art“, gab er langsam zu, während er den Polizisten heranwinkte und ihm vorsichtig das Kästchen mitsamt Taschentuch übergab. „Tüten Sie das ein, rufen Sie die Spurensicherung an und fangen Sie an abzusperren“, seufzte er und sah mich dann wieder an. „Nun Frau Manu, wo haben Sie es genau gefunden?“

Ich machte ein paar Schritte rückwärts und deutete auf das Kissen. „Es lag darunter. Ich hab den Sperrmüll gesehen, hab etwa eine Viertelstunde darin gestöbert und kurz bevor ich schon aufgeben wollte, habe ich dann das Kästchen …“ „Warten Sie“, unterbrach Rispo mich und schüttelte mit zusammengekniffenen Augen den Kopf, „wollen Sie mir allen Ernstes sagen, dass Sie den Finger erst gefunden haben, nachdem Sie alles, was sich um ihn herum befand, nicht nur angefasst, sondern auch umgestellt und es somit für die Spurensicherung fast unmöglich gemacht haben, irgendetwas Brauchbares zu finden?“ Seine Stimme war mit jedem Wort lauter geworden.

Ich biss auf meine Unterlippe und verschränkte die Arme vor meiner Brust. „Kann ich doch nicht wissen, dass ich einen Finger finden werde!“

Stöhnend fuhr er mit der flachen Hand über sein Gesicht. „Ist Ihnen denn irgendetwas aufgefallen, was uns helfen könnte? Haben Sie jemanden gesehen, etwas gehört …?“

Ich überlegte. Ich war vollkommen alleine gewesen, bis auf das ein oder andere Auto, das mal an mir vorbeigefahren war. Ich schüttelte den Kopf. „Hier war niemand.“

„Ist Ihnen denn etwas an der Box aufgefallen?“, hakte Rispo weiter nach.

Mein Gesicht erhellte sich. „Ja, sie riecht komisch.“

„Es liegt ein abgetrennter Finger drin, der Geruch wundert mich nicht.“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Der ist es nicht. Es ist was anderes. Etwas, das mich an meine kleine Schwester erinnert …“

„Gott steh mir bei …“

Ich ignorierte ihn. Er hatte ja schließlich gefragt. Wenn ihm meine Antworten nicht gefielen, sollte er aufhören, Fragen zu stellen.

„Meinen Sie, die Frau ist tot?“

Er seufzte und sah mir wieder in die Augen. Seine hatten jetzt wieder diesen warmen hellbraunen Farbton. „Keine Ahnung. Aber meiner Erfahrung nach haben Menschen, die anderen die Finger abhacken, auch nicht so ein Problem damit, jemanden umzubringen.“

„Meinen Sie, es waren die Leute in dem Haus?“

„Die Leute, von denen der Sperrmüll ist? Wenn sie dumm genug waren …“

„Meinen Sie, Sie finden die Leiche bald?“

Genervt sah er mich an. „Würden Sie bitte aufhören, Fragen zu stellen, die nur der liebe Gott im Himmel beantworten kann?“

Ich zuckte die Schultern. Wenn er sich schon so verhielt, als wäre er ein Gott, warum durfte ich ihn dann nicht auch so behandeln? „Schön, kann ich dann jetzt gehen?“

Rispo prustete und grinste dann, sodass seine nächsten Worte nicht im Entferntesten zu seinem Gesicht passten.

„Ich hasse es, Ihnen das sagen zu müssen. Aber Sie haben noch einen langen Tag vor sich. Ihr Zuhause wird noch eine Weile auf Sie warten müssen.“

Wie sich herausstellte, definierte der gute Kommissar Rispo „eine Weile“ anders als jeder andere Mensch.

Für mich beinhaltete eine Weile vielleicht ein bis zwei Stunden Warterei und Kaffee trinken. Nicht jedoch vier geschlagene Stunden, in denen ich tausendmal zu Protokoll geben musste, was ich gesehen hatte, was passiert war, wie es passiert war und ob das auch wirklich der Wahrheit entspräche, was ich da von mir gab. Als wäre ich der Verrückte gewesen, der einen Ringfinger abgeschnitten hatte. Sollte die Polizei sich nicht lieber mit dem Täter beschäftigen? Oder zumindest mit dem Körper, der zu dem Finger gehörte?

Aber nein, stattdessen hielt man der Frau, die zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war, eine Kamera ins Gesicht und bat sie, ihre Aussage noch einmal rückwärts zu wiederholen.

Als ich nach einer halben Ewigkeit endlich aus dem stickigen Büro durfte, hatten sich bereits schwarze Punkte vor meinem inneren Auge geformt, die wild vor mir her tanzten.

Den Lambada, nicht den Walzer.

Erschöpft ließ ich mich auf einen der orangenen Plastikstühle sinken, die im Eingangsbereich standen, und überschlug meine Beine.

Es war gleich vorbei. Ich musste nur auf die Bestätigung des leitenden Kommissars – also Herrn Grumpig – warten, der sich gerade noch mit der Spurensicherung unterhielt, und dann durfte ich nach Hause und ins Bett. Seit Langem hatte ich mich nicht mehr so sehr darauf gefreut.

Die Tür zur Eingangshalle wurde aufgestoßen und ein kalter Luftzug folgte einem schlaksigen, grinsenden Mann, der dunkelblonde Haare und meine grünen Augen hatte.

Wortlos ließ er sich neben mich sinken, legte einen Arm um mich und drückte meine Schulter.

Ich schniefte ein bisschen und lehnte mich an ihn, hielt mich jedoch davon ab, Tränen auf seinem teuren Anzug zu vergießen. Die Rezeptionsdame sah mich ohnehin schon merkwürdig an. Da wollte ich keine Szene machen.

„Woher weißt du es?“, fragte ich schließlich kleinlaut.

„Anwälte und Polizisten sind Klatschmäuler. Nach einer halben Stunde wurde über nichts anderes mehr geredet als über die hysterische Frau, die einen Finger im Sperrmüll gefunden hat. Es wurden Wetten darauf abgeschlossen, wie oft sie sich wohl übergeben hat, nachdem sie ihn gesehen hat.“

„Dreimal.“

„Verdammt. Fünfzig Euro verloren. Hätte ich deinen Namen mal eher gelesen. Ich weiß doch, wie schwach dein Magen ist.“

Ich schlug ihm auf die Schulter, musste aber lachen. Mein Bruder war sieben Jahre älter als ich, was man aber an seinem Benehmen oftmals nicht festmachen konnte. Die einzigen Dinge, die er ernst nahm, waren sein Beruf und seine Ehe. Mit Anwälten und Ehefrauen war nun einmal nicht zu spaßen.

Er war das Beste, das man sich als kleine Schwester wünschen konnte. Er hatte mich und Emily, die zwei Jahre jünger war als ich, immer beschützt, unsere Freunde davor gewarnt, mit unseren Gefühlen zu spielen und uns getröstet, als wir keine Konzertkarten für die Backstreet Boys mehr bekommen hatten. Da vergab man ihm auch mal, dass die eine oder andere Barbie auf mysteriöse Art und Weise ihren Kopf verloren hatte.

Seitdem er zwei Töchter, die eine acht und die andere heute fünf geworden, großzog, hatte ich auch verdrängt, dass er mich mehr als einmal dazu gebracht hatte, meine Cola-Flaschen zu schütteln, bevor ich daraus trank und mir vor meinem ersten Schultag in der Grundschule eine neue Frisur verpasst hatte.

Na ja, fast verdrängt. Solche Dinge konnte man nie ganz vergessen – dank der wunderbaren Erfindung namens Fotoapparat.

„Mein Tag war scheiße“, krächzte ich und wischte mir mit dem Jackenärmel über die Augen, die meine innere Anweisung, nicht zu weinen, offenbar ignorierten. „Ich fühle mich wie ein Eisberg. Neunzig Prozent von mir hängen unter Wasser fest.“

„Ach Lou.“ Wieder klopfte er etwas unbeholfen auf meine Schulter. „Hätte doch jedem passieren können. Kein Drama. Du hast ein paar Jungs auf der Wache den Tag versüßt, zählt das denn nichts?“

Ich stieß seinen Arm weg. „Jannis – halt die Klappe, okay? Ich bin doch bestimmt die Lachnummer vom Revier!“

„Ach was.“ Er winkte ab. „Dafür wissen es noch zu wenige – und du wirst nie den Typen vom Thron stoßen, der auf dem Flohmarkt für hundert Euro eine leere Computerspielschachtel erworben hat und dann so heftig von seiner Frau verprügelt worden ist, dass die Nachbarn die Bullen gerufen haben.“

Oh Gott. Bei diesem Satz kam mir ein furchtbarer Gedanke. Es wussten zwar wenige, aber wenn Jannis es wusste, dann …

Verängstigt riss ich meine Augen auf. „Du hast es doch nicht Mama erzählt, oder?“

Er verdrehte die Augen und stützte sich mit den Ellenbogen auf seinen Knien ab. „Bin ich Anfänger? Ich will doch nicht für ihren Tod verantwortlich sein, indem ich ihr berichte, dass ihre Tochter einen abgehackten Finger gefunden hat, während sie im Straßenmüll herumwühlen musste.“

Erleichtert legte ich mir eine Hand auf die Brust. „Danke. Sie muss es nie erfahren.“ Vor allem das mit dem Müll. Der Finger würde sie wahrscheinlich nicht einmal stören.

„Von mir hört sie kein Wort. Und falls es dich beruhigt: Ich habe mir den Mann von der Kripo, der diesen Fall bearbeitet, mal angesehen. Ist ein guter Typ. Hat eine Siebenundachtzig-Prozent-Rate und mehr Fälle bearbeitet als die meisten. Und das, obwohl er letztes Jahr für zwei Monate vom Dienst suspendiert war.“

Ungewollt fuhr mein Kopf in die Höhe und neugierig sah ich meinen Bruder an. „Suspendiert? Das ist aber doch nicht gut, oder? Warum wurde er suspendiert?“

Jannis zuckte die Schultern und lockerte die Krawatte um seinen Hals. „Keine Ahnung. Stand da nicht. Ist auch egal – auf jeden Fall scheint er ein kompetenter Kommissar zu sein. Ich bin mir sicher, dass er den Fall bald aufgeklärt hat und du dann wieder ruhig schlafen kannst.“

Kompetent. Leider blieb auch ein kompetenter Vollidiot ein Vollidiot.

„Okay“, seufzte ich, lehnte mich nach hinten gegen die Wand und schloss wieder die Augen. „Danke. Auch dafür, dass du gekommen bist.“

„Ist doch klar, geht es dir denn sonst gut?“

„Besser als der Frau, der der Finger gehört.“

Er lachte. „Mama wäre stolz auf dich: So konsequent die Gefühle verbergen kann nur eine Lady. Brauchst du vielleicht eine Mitfahrgelegenheit?“

„Ja, bitte.“ Der Passat stand schließlich immer noch am anderen Ende der Stadt, wo ich das Brautpaar getroffen hatte.

„In Ordnung.“ Ächzend stand er auf. „Kopf hoch, Loubalou. Ich hole den Wagen und warte draußen. Komm einfach vor die Tür, wenn du fertig bist.“ Mein Bruder gab mir einen Kuss auf den Kopf und ich hörte, wie er den Raum verließ. Ich wollte gerade zu einem kleinen Schläfchen ansetzen, als ein Schatten auf mein Gesicht fiel und ich mich gezwungen fühlte, meine Augen wieder zu öffnen. Joshua Rispo sah mich an – und er lächelte breit.

Mein Herz machte einen Satz.

Ach du liebe Güte! Wie ein Lächeln ein Gesicht verändern kann. Bei diesem Anblick wurde mir ganz anders.

„Loubalou – Manu?“, fragte er und sah aus wie ein Kind, dem soeben eine Stange Süßigkeiten versprochen worden war.

Böse sah ich ihn an und erhob mich von dem Sitz, um mit ihm auf einer Augenhöhe zu sein. Ich hatte vergessen, wie groß er war und fand mich stattdessen auf Brust- und Schulterhöhe wieder. „Sie sollten still sein“, erklärte ich aufmüpfig, „Sie wurden nach Jesus benannt!“

„Nach meinem Großvater.“

„Ihr Großvater war Jesus?“, fragte ich gespielt dumm nach.

Er seufzte und verzog den Mund. „Sagen Sie eigentlich auch mal Dinge, die … einem nicht den letzten Nerv rauben?“

Ich zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, sagen Sie auch mal Dinge, die der Situation angemessen sind?“

Sein Gesicht kam meinem unangenehm nahe. „Nein, aber dafür kann ich Auto fahren.“

Das war gemein. Ich war die Frau, die den Finger gefunden hatte. Man sollte netter zu mir sein. Ich schob meine Unterlippe etwas vor und verschränkte die Arme. „Sind Sie aus einem bestimmten Grund hierhergekommen oder wollten Sie sich einfach nur noch ein bisschen wie ein Blödmann aufführen?“

Rispo trat einen Schritt zurück. „Ich wollten Ihnen eigentlich nur sagen, dass Sie gehen dürfen.“

Erleichtert seufzte ich auf und griff nach meiner Handtasche, die immer noch auf dem Plastiksitz lag. „Gott sei Dank. Ich dachte, dieser Tag endet nie.“

„Wem sagen Sie das …“, murmelte er und wollte sich schon zum Gehen wenden, als ich ihn noch einmal am Arm packte.

Ach du liebe Pfeffermühle! So einen starken Bizeps hatte ich lange nicht mehr … nein,  hatte ich noch nie angefasst!

Er räusperte sich und ich blinzelte. Rispo sah zuerst mich an, dann meine Hand, die immer noch auf seinem Oberarm lag. Hitze stieg in meine Wangen und ich hüstelte etwas verlegen. „Äh, darf ich noch was fragen?“

„Als könnte ich Sie aufhalten.“

Er schien mich ja doch bereits ein wenig zu kennen. „Nun, was passiert mit der Box?“

Rispo hob seine Augenbrauen. „Wie bitte?“

Die Farbe meiner Wangen wurde noch intensiver. „Na ja, es ist eine sehr schöne Box und ich habe sie gefunden …“

Die Augen meines Gegenübers verengten sich zu Schlitzen. „Frau Manu. Diese Box ist Beweismittel in einem möglichen Mordfall und Sie möchten sie mit nach Hause nehmen und auf Ihren Kaminsims stellen?“

Na ja, eigentlich hatte ich sie meiner Nichte schenken wollen. Sie wäre begeistert davon, eine Box zu haben, in der schon einmal ein abgetrennter Ringfinger gelegen hatte.

„Nein, natürlich nicht! Was denken Sie denn von mir?“, ruderte ich schnell zurück. „Hat die Spurensicherung denn noch irgendetwas gefunden?“

„Diese Informationen sind nicht für Ihre Ohren bestimmt, Frau Manu.“

„Rufen Sie mich denn wenigstens an, wenn Sie die Leiche finden?“

„Mit Sicherheit nicht.“

„Und wenn Sie den Täter geschnappt haben?“

„Ebenso wenig.“

Ich runzelte meine Stirn und zog die Handtasche näher an meinen Körper. „Das heißt, ich habe nichts zu sagen, obwohl ich sozusagen der Grund bin, warum dieser Fall überhaupt ein Fall ist?“

„Das haben Sie sehr schön ausgedrückt.“

„Und Sie werden sich überhaupt nicht mehr melden? Bei gar nichts?“

Ein Mundwinkel von ihm zuckte. „Doch, natürlich. Mit einem Kostenvoranschlag für die Reparatur meines Autos. Aber falls Ihnen noch etwas einfallen sollte …“, er reichte mir eine Karte, „… dann können Sie mich selbstverständlich anrufen. Einen schönen Abend, Frau Manu. Und hören Sie auf, im Müll anderer zu wühlen.“

Ich war immer noch wütend, als ich eine halbe Stunde später durch meine Haustür trat, die Handtasche auf den Küchentresen warf und Rispos Visitenkarte an den Kühlschrank pinnte.

In den Fernsehserien wurden die Cops zwar immer mit übermäßigem Ego dargestellt, aber dass das tatsächlich der Realität entsprach, schockierte mich dann doch.

„Hey Twinky“, murmelte ich erschöpft und strich über den Rücken meines Katers, der sich behaglich schnurrend an mein Bein drückte und mir ins Schlafzimmer folgte. „Wenigstens du magst mich. Du würdest mich anrufen, wenn du die Leiche fändest, oder?“

Er rieb bestätigend seinen Kopf an meinem Fuß.

Wusste ich es doch. Kater waren die einzigen Männer, denen man noch vertrauen konnte. Ich wechselte in meinen Schlafanzug und lief noch einmal in die Küche, um Twinky ein Hundeleckerli und einen Teelöffel stark verdünnten Kaffee zu geben – er war ein Koffeinjunkie und mit Katzenfutter konnte er nichts anfangen. Er hatte einen psychischen Knacks, aber während dieser Umstand bei Menschen gruselig war, war er bei Tieren einfach nur putzig – auch wenn der Tierarzt meinte, Kaffee wäre auf Dauer ungesund. Ich musste die Koffeinzufuhr eben auf ein Minimum beschränken.

Twinky fing an zu schnurren. Egal wie schlimm ein Tag war, egal wie viele vom Körper gelöste Finger ich fand und egal wie viele emotional kalte Polizisten ich mit meinem Wagen anfuhr – das Schnurren einer Katze war wie Meditationsmusik und Schokolade für mich.

„Du würdest ihn mögen“, murmelte ich und hob meinen Kater auf den Arm. „Er ist genauso eine Diva wie du.“ Und ich fragte mich, ob sein Bart sich auf meiner Wange wohl genauso anfühlen würde wie Twinkys Fell.

Den Gedanken sollte ich wohl schnell wieder verdrängen.

Aber ich konnte ja nichts dafür. Schuld daran war mein Ex-Freund. Nach dem Weichei von Zahnarzt sahen plötzlich alle Männer extrem männlich und attraktiv aus. Und wenn ein Kerl dann auch noch eine Waffe tragen und bedienen durfte, glich meine Libido der eines errötenden Teenagermädchens. So schnell konnte Emanzipation flöten gehen.

Mein Handy klingelte und ich erwartete schon beinahe, dass es Rispo war, um mir doch zu sagen, dass die Leiche gefunden worden war – ich wurde jedoch von jemand anderem überrascht.

„Du hast nie zurückgerufen!“, beschwerte Ari sich lauthals. „Ich hoffe, du hast eine gute Begründung.“

Erschöpft lief ich zurück in mein Zimmer und ließ mich ins Bett fallen. „Du wirst es nicht glauben, aber zum ersten Mal in meinem Leben habe ich die!“

Kapitel 3

„Trudi, du musst die Brille aufsetzen, wenn der Lieferant kommt, ja? Du musst dazu in der Lage sein, das, was du unterschreibst, vorher auch durchlesen zu können! Das steht nicht zur Debatte!“

Ich stand in dem beengten Hinterzimmer meines beschaulichen Blumenladens und versuchte, eine ernste Miene gegenüber meiner Angestellten aufzusetzen. Die Umsetzung gestaltete sich jedoch schwierig, da die siebzig Jahre alte Dame mich mit einem derartigen Unverständnis ansah, dass ich ihr am liebsten über den Kopf getätschelt und ihr ein Eis angeboten hätte.

Aber ich durfte nicht weich werden. Sie hatte einen Fehler gemacht und ich als Verantwortliche musste ihr dafür den Kopf geraderücken.

Ich hatte sie vor einem Monat eingestellt und im Nachhinein war es vielleicht nicht das Klügste gewesen, meine Entscheidung darauf zu basieren, dass sie mich an meine verstorbene Oma erinnerte und sie zum Vorstellungsgespräch Chocolate Chip Cookies mitgebracht hatte. Trudi hatte schließlich in ihrem gesamten Leben nicht einen einzigen Tag gearbeitet, wie sie mir verraten hatte. Sie hatte jung und reich geheiratet und nie einen Grund dafür gesehen, auch nur einen Finger zu rühren. Erst, als ihr Mann vor einem Jahr verstorben war, hatte sie daran gedacht, sich etwas für den Zeitvertreib zu suchen.

Herausgekommen war die Teilzeitstelle bei mir im Laden. Blumen hätte sie schließlich immer schon gerne gemocht.

Dass sie in ihrem Leben noch keine Pflanze angefasst hatte, war mir erst nach drei Wochen aufgefallen, als sie versuchte, eine verwelkte Blume mit Wasser und Pusten wieder zum Leben zu erwecken.

Aber ich hatte sie lieb gewonnen und sie alleine aufgrund ihrer Unfähigkeit wieder zu feuern, kam mir herzlos vor.

„Na, aber der junge Mann hat ausgeschaut, als verstünde er, wovon er spricht“, sagte sie sachlich.

Ich stöhnte innerlich auf und legte meine Hände auf die hölzerne Tischplatte. Der Schreibtisch berührte zu beiden Seiten die Wand und um hinter ihm hervorzukommen, musste ich entweder darüber oder darunter durch klettern. „Das reicht aber nicht als Garantie. Du musst auf den Lieferschein sehen, so wie ich es dir gezeigt habe. Wenn du die falschen Pflanzen annimmst, dann haben wir kein Widerrufsrecht mehr und …“

„Möchtest du ein Plätzchen?“ Die alte Frau lächelte mütterlich und reichte mir einen Teller über den Tisch.

Ich blinzelte. „Nein!“ Mein Blick fiel auf die Kekse. Erdnussbutter und Schokolade. „Also ja, schon“, korrigierte ich mich schnell, „ich würde gerne ein Plätzchen haben, aber lenk jetzt nicht ab! Ich muss mich darauf verlassen können, dass du die Lieferung doppelt und dreifach überprüfst, okay Trudi? Egal wie selbstsicher der Lieferant auch auftritt: Benutze deine Brille!“ Und deinen Verstand, dachte ich im Stillen. „Und außerdem solltest du wirklich das T-Shirt tragen, das ich dir gegeben habe.“ Ich deutete auf mein eigenes, auf dem sich das Logo des Ladens über meine Brust spannte. „Das weist uns als Mitarbeiter aus.“

„Okay“, flötete sie fröhlich und ihre stahlgrauen Locken hüpften auf und ab. „Passiert nicht noch einmal, Chef.“

Wieso hatte ich das Gefühl, sie nahm mich nicht ernst? Warm lächelte sie auf mich hinab und hielt mir den Teller mit dem Gebäck so lange vor die Nase, bis ich seufzend einknickte und mir einen Keks nahm.

Ihren braunen Daumen machte Trudi mit ihren Backkünsten wett. Sogar Ari war von Trudis Plätzchen hin und weg. Sie hatte sogar vorgeschlagen, welche auf die Verkaufstheke für die Kunden zu stellen, um so das Geschäft anzukurbeln. Vielleicht sollte ich das tatsächlich mal versuchen. Dann war Trudi zumindest in einer Hinsicht eine Hilfe.

„Die sind köstlich“, sagte ich mit geschlossenen Augen und schon konnte ich der alten Frau nicht mehr böse sein. „Du hast eine Gabe, wirklich.“

Trudi kicherte und ließ den Teller auf meinem Schreibtisch stehen. „Bediene dich! Ich werde derweil den Laden öffnen, okay?“

Ich nickte und sah auf die Uhr. Es war kurz vor zehn. „Nur diesmal nicht vergessen, das „Geschlossen“-Schild umzudrehen, okay? Es irritiert Kunden, dass ein Laden geöffnet hat, obwohl etwas anderes an der Tür steht.“

„Natürlich.“

So natürlich war es ja offenbar nicht, sonst hätte sie es letzte Woche nicht bereits dreimal vergessen. Erst eine halbe Stunde nach Ladenöffnung war mir aufgefallen, dass mögliche Kunden vor dem Schaufenster stehen blieben, die zwei Stufen zur Tür hinauf nahmen, die Stirn runzelten und dann schließlich weiterzogen.

„Ach“, fiel mir noch ein, „und weißt du, wo der silberne Draht ist, mit denen die Brautsträuße gebunden werden? Den hatte ich letzte Woche erst erneuert.“

Trudi schüttelte nur wortlos den Kopf und schloss die Tür hinter sich. Sekunden später wurde das Radio eingeschaltet und leise Popmusik drang unter dem Türspalt hindurch.

Ich nahm mir noch ein Plätzchen. Wenn ich den Draht in den kommenden Tagen an einer absurden Stelle wiederfinden würde, so hatte ich zumindest gerade diesen Moment der Vollkommenheit in meinem Mund. Ich fing an, den Papierkram für letzte Woche zu regeln und die Fehllieferung in meinen Büchern zu vermerken. Das war zwar die langweiligste Arbeit, die es auf der weiten Welt gab, aber es war schön, dass ich mein BWL-Studium wenigstens für irgendetwas gebrauchen konnte.

Keine fünfzehn Minuten und drei Kekse später kündigte die Türglocke einen Kunden an. Nach nur zehn Sekunden wurde jedoch deutlich, dass es gar kein Kunde war, der dort draußen eingetroffen war. Eine hohe Stimme, die einen Schwall von Worten losließ und an jedem Satzende in die Höhe ging, wehte durch die Tür.

Emily war pünktlich. Sollte die konservative Erziehung unserer Mutter etwa doch langsam anschlagen und sie erwachsen werden lassen?

Ich kroch unter meinem Tisch durch und öffnete die Tür zur Verkaufsfläche. „… ich hab noch nie jemanden gesehen, der so viel Gras geraucht hat, ich schwöre: Selbst der Hund war am Ende zu! Aber das war ja noch nicht einmal das Witzigste! Richtig lustig wurde es, als sie ihn auf ein Bobby Car gesetzt und dann durch das McDonalds Drive Through geschickt haben. Sie hätten das Gesicht des Kassierers sehen sollen, Trudi, zum Schreien!“

Na, vielleicht ja morgen.

Geräuschvoll ließ ich die Tür zufallen und wurde sofort von einer stürmischen Umarmung empfangen, bei der mir die blond gefärbten Haare meiner Schwester ins Gesicht klatschten. Sie hatte sich entschieden, gegen die nichtssagende hellbraune Haarfarbe, die wir beide teilten, anzugehen – und das beinahe monatlich mit einer anderen Tönung.

„Ich hab gehört, du hast einen Finger gefunden?“, fragte sie fröhlich und kramte in ihrer Handtasche nach einem Portemonnaie, aus dem sie meine Kreditkarte fischte, bevor sie sich auf den Verkaufstisch schwang und ihre Beine baumeln ließ.

Jannis, das Klatschmaul! Ich wurde nachlässig. Ich hätte ihm verbieten sollen, irgendeinem Familienmitglied etwas zu erzählen.

Interessiert sah mich nun auch Trudi an. „Das hast du ja gar nicht erzählt! War es denn ein hübscher Finger? Ich habe mal gesehen, wie mein Gärtner mit der Heckenschere nicht aufgepasst hat – dabei bringen sie einem doch schon im Kindergarten bei, nicht mit Scheren in der Hand zu rennen. Jedenfalls hatte er furchtbar viel Dreck unter den Nägeln, das war äußerst unansehnlich. Ich wäre da nicht gerne der Arzt gewesen, der ihn wieder angenäht hat.“

Etwas sprachlos blickte ich zwischen den beiden Frauen hin und her, bevor ich irritiert feststellte: „Doch, sehr hübsch. Manikürt und rot lackiert.“

„Ah, das sind doch die Finger, die man finden möchte.“

Ich für meinen Teil wäre auch sehr froh ohne diesen Fund gewesen.

„Und was ist mit dem Rest? Ich meine, man sollte denken, der Finger hing irgendwo dran, oder?“ Emily zog eine Tulpe aus dem Eimer neben ihr und roch daran. Ich lief zu ihr hinüber, nahm ihr die Blume aus der Hand und steckte sie wieder an den angestammten Platz.

„Keine Ahnung. Man hat den Körper noch nicht gefunden.“

„Mhm.“ Die Finger meiner Schwester zupften an dem Weidenkraut, das ich als Füllmaterial für meine Sträuße verwendete. „Ist doch traurig, wenn man sich vorstellt, dass jetzt eine arme Frau mit neun Fingern umherwandert und nach ihrem zehnten sucht.“

Ich schlug ihr auf die Finger und stellte auch das Weidenkraut aus ihrer Reichweite. „Ich glaube, die arme Frau läuft nirgendwo rum. Liegen trifft es wohl besser. Und musst du nicht noch wohin? In die Uni zum Beispiel?“ Emily hing verdächtig oft an Orten herum, die mindestens fünf Kilometer von der Universität entfernt waren. Ich war zwar nur zwei Jahre älter, aber das Verantwortungsgefühl einer großen Schwester hatte ich trotzdem.

Emily winkte jedoch nur ab und wickelte sich Geschenkschleifen um das Handgelenk. Großer Gott, dieses Mädchen konnte ihre Hände einfach nicht still halten. „Ach, heute läuft das anders als damals bei dir.“

Damals? Ich hatte vor zwei Jahren meinen Abschluss gemacht. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch heute irgendwann hingehen muss“, bemerkte ich verkniffen und rettete das Geschenkband davor zerpflückt zu werden, während Trudi nach hinten lief und die Kekse neben Emily stellte. Keine schlechte Idee. Dann hatten ihre Finger wenigstens etwas zu tun.

Meine kleine Schwester schnalzte mit der Zunge. Nur sie allein wusste, wie man mit der Zunge ein Geräusch machen konnte, dass pure Missbilligung ausdrückte. „Ich gehe ja auch hin“, verteidigte sie sich. „Aber doch nur, wenn es interessant ist. Heute hält nur irgendein Öko-Typ einen Vortrag über die Zeit, in der er auf Neuseeland mit den Maori gelebt hat. Das ist doch langweilig. Er redet ja die ganze Zeit nur über irgendeine fremde Kultur.“

Ich faltete die Hände ineinander und sah sie mit schräg gelegtem Kopf an. „Du studierst Ethnologie.“

„Und?“

„Sollte dieser Vortrag dann nicht genau dein Ding sein?“

Emily verdrehte die Augen. „Ethnologie hat ja wohl mal gar nichts mit den Kulturen fremder Kleinvölker zu tun.“

„Ethnos, das griechische Wort, von dem Ethnologie abstammt, heißt ‚fremdes Volk'!“, sagte ich lauter als gewollt.

Verwirrt stopfte sich Emily noch einen Keks in den Mund, bevor sie mich mit ebenfalls schräg gelegtem Kopf betrachtete. „Aber in welchen Veranstaltungen war ich denn dann das ganze letzte Semester über?“

Ich unterdrückte den sehr starken Drang, mir mit der flachen Hand gegen die Stirn zu schlagen.

Emily war ein beschenktes Kind.

Sie besaß Vieles: Schönheit, Fantasie, Charme, Intelligenz und Witz – aber den Durchblick, den hatte sie meistens nicht. Nach einem Jahr als Au-pair in England, einem weiteren in Indien, um ihren Horizont zu erweitern – in dem das einzige, was sie erweitert hatte, die Liste ihrer Ex-Freunde und Gelegenheitsjobs war –, einer abgebrochenen Ausbildung zur Hotelfachfrau und einem abgebrochenem Studium wusste sie immer noch nicht, was sie vom Leben wollte. Nicht, dass sie dieser Umstand stören würde. Sie war zufrieden mit dem, was sie hatte und wenn sich herausstellen sollte, dass sie das letzte halbe Jahr über etwas vollkommen anderes studiert hatte als gedacht, dann war das eben so.

Trudi kicherte und versteckte die Arme in den weiten Ärmeln ihrer Bluse. „Hast du schon einmal überlegt, reich zu heiraten, Emily?“, fragte sie.

Ich warf meiner Angestellten einen bösen Blick zu. „Setz ihr keine Flausen in den Kopf!“ Allerdings musste ich mir darüber wohl keine Gedanken machen. Emily war seit Indien für Monogamie nicht mehr ganz so empfänglich wie die anderen Menschen in diesem Land.

Emily stieß einen Schwall Luft aus. „Du musst mich nicht mehr beschützen, Lou! Ich kann sehr wohl auf mich selbst aufpassen.“

Ich hatte da meine Zweifel, trotzdem nickte ich nur. Doch meine Schwester kannte mich zu gut.

Sie verengte die Augen. „Du hast schon wieder diesen Blick drauf, mit dem du aussiehst wie Mama, wenn sie anfängt zu kontrollieren!“

Empört ließ ich meinen Mund offen stehen. „Das nimmst du zurück!“

Süffisant lächelnd und zufrieden mit der hervorgerufenen Reaktion band sich Emily die Haare zu einem hohen Zopf. „Tu ich nicht. Du bekommst dann dieses Zucken um deinen Kiefer herum, weil du dich davon abhältst etwas zu sagen, was du später bereuen würdest.“

Na bitte, das war doch der Beweis dafür, dass ich überhaupt nicht wie meine Mutter war. Die hielt sich nämlich nie darin zurück Fehler, die ihr bei uns aufgefallen waren, einfach auszusprechen. „Du bist fies“, murmelte ich beleidigt.

„Und du glaubst, ich bin naiv und habe keine Ahnung von nichts.“

„Du weißt nicht einmal, was du wirklich studierst!“

„Und du warst drei Monate mit einem Zahnarzt zusammen!“

Verwirrt blinzelte ich.

„Was hat denn das damit zu tun?“

Emily schob ihre Unterlippe vor, sprang vom Verkaufstisch und stemmte die Arme in die Seiten. Sie war wenige Zentimeter kleiner als meine eins einundsiebzig, doch die mangelnde Größe machte sie mit einer großen Portion Selbstsicherheit wieder wett. „Nichts, aber er war ein Volltrottel und du hast ihn nur getroffen, damit Mama endlich Ruhe gibt.“

Das zweite Mal innerhalb weniger Minuten stand mein Mund vor Empörung offen. Sie wusste einfach, welche Knöpfe sie drücken musste, um mich auf die Palme zu bringen. Ich wollte gerade etwas gar nicht Erwachsenes erwidern, als unser Gezänk von Trudis fröhlicher Stimme unterbrochen wurde.

„Oh, hört mal. Ich glaube, sie reden gerade von deinem Finger!“

Ich wandte mich um und hob die Augenbrauen. Sie nickte zum Radio und hielt den Zeigefinger vor ihre Lippen.

„… wurde nun die Leiche gefunden. Die zweiunddreißigjährige Ehefrau des Medienmoguls Gregor Pfenning wurde durch einen Schlag auf den Hinterkopf getötet und erst vor wenigen Stunden im Kofferraum eines Autos außerhalb der Stadt gefunden. Weitere Tatbestände sind noch unklar. Die Polizei befragt derweil ihren Mann und geht nach eigenen Angaben bereits mehreren Spuren nach.“

Ehefrau von Gregor Pfenning? Der Typ, dem das halbe Pay-TV gehörte, und der von meinem Vater regelmäßig verflucht wurde?

Der wohnte gar nicht weit von hier. Papa erwähnte jedes Mal, wenn wir an dem ausladenden Luxushaus vorbeifuhren, dass Herr Pfenning mit seinem kapitalistisch erwirtschafteten Geld nicht so protzen sollte, sonst würden die Proletarier das Haus eines Tages noch niederbrennen.

Ich bräuchte vielleicht zehn Minuten, um mit dem Auto dort zu sein. Man könnte ja mal vorbeischauen. Ich meine, ich hatte den Finger schließlich gefunden. Ich war stark psychisch belastet worden und der einzige Weg, wie diese Belastung wieder verschwinden würde, war der, herauszufinden, wer diese Frau war und was mit ihr geschehen war. Das war der einzige Grund, warum ich hinfahren würde –und pure Neugier.

Nachdenklich trommelten meine Fingerspitzen auf die Steinplatte neben der Kasse. Dann sah ich Trudi fragend an. „Meinst du, du kannst den Laden für ein paar Stunden alleine schmeißen?“

Ihr Gesicht errötete sich freudig. „Willst du spionieren gehen?“

„Nein, nicht spionieren …“ Ich war ja nicht James Bond. „Informationen über den Ehemann sammeln. Also, meinst du, du schaffst das?“

„Natürlich! So wie gestern.“

„Nein.“ Ich schüttelte ernst den Kopf. „Nicht so wie gestern. Gestern hast du tausend Tulpen anstatt Rosen angenommen, also bitte nicht so wie gestern.“

„Papperlapapp. Blödes Missgeschick, so was passiert nie zweimal.“ Das wünschte ich mir wirklich sehr.

„Ich kann auch noch ein bisschen hierbleiben, wenn du deinem Finger nachstellen willst“, bot Emily an. „Ich hab heute frei. Also bis auf Uni, aber das kann ich getrost mal sausen lassen.“ Mein Herz sackte ein wenig tiefer in die Hose.

Emily und Trudi allein im Laden. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber alle Streichhölzer und Feuerzeuge mitgehen lassen. Aber was blieb mir für eine Wahl? Ich wollte unbedingt wissen, was es Neues in Bezug auf den Finger gab.

„Na schön“, seufzte ich ergeben.

Ich ging ins Hinterzimmer, zog meine Jacke über und nahm meine Handtasche. „Um elf kommt die Braut von gestern, um sich ihren Strauß anzusehen, den habe ich schon heute früh gebunden, okay? Er liegt im Kühlfach.“ Ich nickte nach rechts, wo ich in einem durchsichtigen Kühlfach die besonderen Gestecke aufbewahrte. „Es ist der aus Margeriten. Das sind die weißen.“

Trudi schaute verärgert. „Ja ja, Gänseblümchen werde ich schon noch erkennen.“

„Margeriten!!!“

„Sag ich doch, jetzt geh schon und sieh dir den Ehemann an. Meiner Erfahrung nach sind es immer die Ehepartner. Wer weiß, wäre mein Günter nicht schon von alleine gestorben …“

Ich tat lieber so, als hätte ich das nicht gehört. Seufzend und etwas unschlüssig stand ich im Türrahmen. Verantwortung gegen Neugier …

„Mach dir keine Sorgen, Loubalou.“ Emily verdrehte angesichts meines Gesichtsausdrucks die Augen. „Ich kenne jede Pflanze nicht nur bei ihrem richtigen, sondern auch ihrem lateinischen Namen – vielen Dank dafür übrigens, die Kinder in meiner Klasse fanden das immer komisch.“

Etwas erleichtert ließ ich die Schultern sinken.

„Danke“, sagte ich, drückte Trudi, gab meiner Schwester einen Kuss auf die Wange und flog zur Tür hinaus. Ich sollte mehr Vertrauen in Menschen haben, vielleicht wurde dieses Vertrauen dann auch mal belohnt.

Ich drehte mich noch mal um und sah durchs Schaufenster. Alles stand noch da, wo ich es zurückgelassen hatte und es war noch kein Feuer ausgebrochen. Schwer durchatmend lief ich zum Wagen.

Das mit dem Vertrauen sollte ich noch üben.

Kapitel 4

Das Haus des Kapitalismus – wenn es mir erlaubt ist, meinen Vater zu zitieren – befand sich auf der anderen Seite des Rheins in einem von der Innenstadt etwas abgelegenen Stadtteil. Es war eine ruhige Gegend, keine zwei Kilometer von dem Haus, in dem ich aufgewachsen war, entfernt. Die Straße wurde von hohen Linden gesäumt und gestattete den Anwohnern und ihren Gärten ein wenig Privatsphäre. Es war nicht zu übersehen, dass die Umgebung für die Gehaltsklassenmitglieder angelegt war, die kein Bankdarlehen benötigten und wahrscheinlich noch zwei andere Konten in Luxemburg und der Schweiz besaßen.

Eben für die, die mein Vater Kapitalisten nannte – obwohl er selbst nicht viel ärmer dran war. Opa hatte ihm mit seinem Tod einen kompletten Wald und die dazugehörige Forstwirtschaft vererbt. Das hatte meinem Vater ein stattliches Sümmchen eingebracht und meiner Mutter die Möglichkeit eröffnet, in tausend blödsinnigen sozialen Organisationen ihre Freude daran auszuleben, Menschen zu sagen, was sie falsch machten.

Auch Gregor Pfenning war zu einer Menge Geld gekommen. Der Unterschied war nur, dass mein Vater unter Luxus verstand, sich eine Dauerkarte beim FC Köln zu leisten, meiner Mutter ihre neue Küchenmaschine zu kaufen und uns Kindern etwas in einen Rentenfonds einzuzahlen, während der Medienmogul Pfenning sich offenbar ein Haus zugelegt hatte, in das eine komplette Wohnbausiedlung passen könnte. Natürlich besaß er dazu auch die passenden fünf Autos.

Da sage noch jemand, Prunk und Protz könnten nur die Amerikaner. Ariane würde jetzt sagen, dass Herr Pfenning wohl eine andere Kleinigkeit mit diesem großen Anwesen kompensieren müsse.

Ich parkte ein paar hundert Meter entfernt von dem Pfenning-Grundstück und konnte schon von weitem einen Streifenwagen erkennen. Direkt dahinter parkte ein schicker Audi, mit ein paar Kratzern an den Rücklichtern.

Ich musste ein Grinsen unterdrücken. Rispo würde sich so freuen, mich zu sehen! Vor allem, da ich hier eigentlich überhaupt nichts verloren hatte.

Und das war mir auch durchaus bewusst, nur – ich hatte den Finger dieser Frau gesehen! Den abgeschnittenen Finger. Dieses Bild verfolgte mich und ich musste einfach wissen, warum sie hatte sterben müssen. Vielleicht würde ich dann nachvollziehen können, wieso manche Menschen so etwas taten.

Und dann war da noch die Neugier.

Zügigen Schrittes lief ich die Allee entlang und öffnete, ohne groß nachzudenken, das Gartentor. Der Vorgarten war gigantisch – aber er musste ja auch maßstabsgerecht zum Haus passen. Ein paar zu viele überzüchtete Rosen und Hortensien für meinen Geschmack, aber ansonsten recht hübsch. Es hatte etwas von einem traditionellen, englischen Garten mit dem Kiesweg und dem pornografischen Brunnen in der Mitte der Einfahrt.

Wie exklusiv dieses Haus war, merkte man sofort an dem Umstand, den nur reiche Leute sich erlaubten: Es gab keine Klingel. Nur einen großen Türklopfer, der unmöglich so laut sein konnte, dass das Klopfen durch das gesamte Haus schallte, aber wohl laut genug, damit das Hausmädchen ihn hörte.

Irgendwie wünschte ich mir auch, dass Herr Pfenning einen Butler hatte. Ich hatte schon immer „Der Butler war es“ schreien wollen. Wenn man jedoch darüber nachdachte, war das angesichts der Tatsache, dass Gregor Pfenning gerade erst seine Frau verloren hatte, doch etwas unangebracht.

Ich ließ den Türklopfer gegen die Tür prallen und wappnete mich, mein Beileid auszusprechen. Ein Streifenpolizist in Uniform öffnete Sekunden später und hob fragend die Augenbrauen. Mein Mund wurde trocken.

An diese Möglichkeit hatte ich gar nicht gedacht. Meine Gedanken waren nur bis zum Anklopfen gekommen. Mir war nicht in den Sinn gekommen, dass ich wahrscheinlich vollkommen unerwünscht war.

Ich wusste auch nicht, was ich erwartet hatte. Vielleicht Gregor Pfenning persönlich, der mir um den Hals fiel und beteuerte, wie froh er war, dass ich mir die Sache genauer ansehen wollte. Genau genommen war das Ganze eigentlich eine blöde Idee.

Ich war lediglich die Passantin, die den Finger gefunden hatte. Ich war mir fast sicher, dass dieser Umstand mir gesetzlich gesehen nicht das Recht gab, mich in die Ermittlungen einzumischen.

„Was wollen Sie?“, fragte der Polizist schließlich etwas unhöflich, nachdem ich nach einer Minute immer noch keinen Ton von mir gegeben hatte. „Herr Pfenning wird gerade befragt. Sind Sie eine Freundin?“

Ich schluckte. „Freunde werden gerade nicht empfangen!“

„Oh, ich bin keine Freundin“, beeilte ich mich zu sagen und schüttelte vehement den Kopf. „Ich kenne ihn nicht persönlich.“

Jetzt verengte der Uniformierte die Augen. „Sind Sie etwa Reporterin?“ Sein Blick flog auf die Straße, auf der gerade ein Fernsehteam eingetroffen war, das diverse Kameras aufbaute.

Ich verneinte.

Ungeduldig seufzte er auf. „Hören Sie Fräulein, ich habe wirklich keine Zeit für so einen Blödsinn, sagen Sie mir endlich, wer Sie sind oder verschwinden Sie von diesem Besitz!“

Mist. Was sollte ich nur sagen? Die Wahrheit rechtfertigte auf keinen Fall, dass ich in dieses Haus gehen und mit Herrn Pfenning reden wollte. Mir blieb keine andere Wahl: Ich musste lügen bis sich die Balken bogen.

Ich räusperte mich und streckte den Rücken durch. „Ich wurde von Joshua Rispo angefragt. Der leitende Kriminalkommissar, richtig? Ich bin Spezialistin für die Papaver Rhoeas Analyse, die in Fällen mit abgetrennten Gliedmaßen benutzt wird. Haben Sie letzte Woche nicht den Artikel im Polizei Journal gelesen?“

Etwas verdutzt blinzelte mein Gegenüber mich an. „Ach natürlich.“ Als wüsste der Polizist genau, wovon ich sprach, machte er automatisch einen Schritt beiseite und ließ mich ein. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht gleich erkannt habe.“

„Natürlich. Kein Problem.“ Gott sei Dank kannte niemand den lateinischen Ausdruck für Mohnblume. „Es ist gut zu wissen, dass es noch fleißige und sorgfältige Polizisten wie Sie gibt, die nicht einfach jeden ins Haus lassen.“

Mit geschwollener Brust nickte der Uniformierte. „Vielen Dank. Soll ich Sie zu Rispo geleiten?“

„Oh nein, das ist nicht notwendig.“ Das wäre ja noch schöner. „Sie können hier warten und weiter auf die Tür Acht geben, ich werde mit Rispo alleine reden. Das verlangt meine Vorgehensweise leider. Sagen Sie mir nur, in welche Richtung ich muss.“

„Dort entlang“, er deutete nach rechts, einen hohen Flur entlang, „dritte Tür links.“

Ach, du meine Güte. Menschen glaubten auch wirklich alles. Da schämte ich mich fast für meine Spezies.

Sobald der Polizist außer Sichtweite war, ließ ich meinen Blick nach oben wandern. Dieses Haus war architektonisch unglaublich! Ich hatte Schwierigkeiten, die Augen wieder nach vorne zu richten und nicht die ganze Zeit an die Decke zu starren. Diese Stuckleisten! Etwas so Schönes und Monströses zugleich hatte ich noch nie gesehen!

Abgesehen davon, dass die Blumen allesamt aus Plastik zu sein schienen und ich mich ebenso in einem Museum hätte befinden können, musste ich zugeben, dass es ein schönes Haus war. Stilvoll eingerichtet, nicht zu maskulin, nicht zu feminin. Sich aber vorzustellen, dass hier nur zwei Personen wohnten, von denen eine jetzt auch noch ermordet worden war, war jedoch merkwürdig. Niemand benötigte so viel Platz!

Ich schlenderte den Flur entlang und besah mir die Fotos an den Wänden. Sie zeigten das Paar bei ihrer Hochzeit, beim Tauchen in der Karibik, beim Skifahren in den Alpen. Alles in allem eine Menge Pärchen-Fotos.

Ich besaß ein einziges Foto, das mich und meinen Ex-Freund zeigte. Und das auch nur, weil meine Mutter darauf bestanden hatte.

Der Flur machte noch eine kleine Biegung und jetzt konnte ich Stimmen hören. Zwei Männerstimmen. Eine, die ich nur genervt oder wütend kannte und eine andere, die mir fremd war.

Leise schlich ich mich an die Tür und öffnete sie einen Spalt. Rispo würde auf der Stelle aufhören zu reden, wenn er mich sah, deswegen musste ich vorsichtig sein.

Die beiden Männer saßen auf einer ausladenden Couch, die gegenüber eines riesigen Flatscreens stand. Die Rückenlehne zeigte in meine Richtung.

„Hören Sie, wenn ich es Ihnen doch sage: In den letzten Wochen ist nichts Auffälliges passiert!“ Der Mann, dessen Profil mir bekannt vorkam – so bekannt wie Menschen, die auf Zeitschriften-Covern vertreten waren, einem eben waren – hörte sich verzweifelt an. „Keine Drohungen, keine seltsamen Anrufe – nichts dergleichen. Kathrin war Finanzbeamtin. Sie hat öfter einmal länger gearbeitet, aber das war nichts Ungewöhnliches. Sie liebte ihren Job.“

„Herr Pfenning, ich verstehe, dass Sie aufgewühlt sind und es ist sicherlich schwierig für Sie, mit dieser Situation umzugehen, aber fällt Ihnen irgendjemand ein, der Ihrer Frau etwas Böses wollte?“

Also, jetzt fühlte ich mich doch persönlich angegriffen. Ich hatte geglaubt, Rispo könnte zu niemandem nett sein, aber offenbar konnte er nur nicht nett zu mir sein. „Jemand, der Streit mit ihr hatte? Irgendwer?“

Wieder schüttelte der Mann den Kopf. „Nein. Niemand.“

„Hatten Sie vielleicht Geldprobleme?“

Ich sah mich im Wohnzimmer um und fragte mich, ob Rispo das Gleiche getan hatte.

„Nichts dergleichen. Wir waren vollkommen glücklich.“

Die Phrase „vollkommen glücklich“ war genauso eine Lüge, als sage jemand, er sei „vollkommen zufrieden“ mit seinem Leben oder habe „die vollkommene Balance“ gefunden. Das Leben war das Leben und das war nun einmal nicht vollkommen.

Rispo seufzte und kramte eine Karte aus einer Tasche. „Na gut, war Ihre Frau zufällig öfter in dieser Gegend?“ Er zeigte auf einen Fleck auf der Karte, doch ich war zu weit weg, um genau zu sehen, auf welchen Punkt sein Finger deutete. Leise wagte ich mich noch ein paar Schritte vor. Gregor Pfenning schüttelte erneut den Kopf und erst von dieser Entfernung aus konnte ich seine deprimierte Haltung wahrnehmen. „Nein, warum?“

„Dort wurde ihre Leiche gefunden, aber das muss nichts heißen. Wie sieht es mit diesem Ort aus? Dort wurde der rechte Ringfinger Ihrer Frau gefunden.“

Wieder ein Kopfschütteln. „Ich wüsste nicht, was sie in einer solchen Gegend tun sollte. Sie hat in der Innenstadt gearbeitet, beim Finanzamt. Kann es denn kein …“ Herr Pfenning schluckte hörbar. „… kein Raubüberfall gewesen sein?“

Rispo schüttelte den Kopf. „Davon gehen wir zurzeit nicht aus. Sie trug ihre Brieftasche noch bei sich. Soweit wir es beurteilen können, wurde auch nichts anderes gestohlen.“

„Aber was ist mit dem Ehering?“, platzte ich heraus.

Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie zwei sich so schnell umdrehende Köpfe gesehen. Ich schlug die Hand vor den Mund, doch dafür war es jetzt natürlich zu spät.

Ups.

Herr Pfenning starrte mich einfach nur überrascht an, während Rispos Miene sich von Ungläubigkeit in Richtung Zorn bewegte. Eine ganze Farbpalette war auf seinem Gesicht erschienen. Picasso wäre begeistert gewesen.

„Hey“, sagte ich lahm und hob die Hand, „ich bin die, die den Finger gefunden hat.“

Ein anderer Ausdruck erschien auf dem Gesicht des Kommissars, den ich frei mit „Großer Gott, bewahre mich“ übersetzt hätte.

„Was meinen Sie mit dem Ehering?“, fragte Pfenning, der offenbar nichts von Rispos Gesichtskirmes mitbekommen hatte.

Ich steckte die Hände in meine Jeans. „Nun ja, der Kommissar meinte, es sei nichts gestohlen worden, aber wenn es der rechte Ringfinger war, den ich gefunden habe, dann … fehlt der Ehering. Sie hatten doch einen Ehering, nicht?“

„Aber natürlich.“ Pfenning wandte sich erneut an Rispo. „Wurde der Ring etwa nicht bei der Leiche gefunden?“

Mit verkniffenem Gesicht schüttelte Rispo den Kopf. „Nein, der Ring wurde tatsächlich nicht gefunden, aber das heißt nichts.“

„Oder es heißt doch was“, beharrte ich.

Herr Pfenning blinzelte verwirrt wieder in meine Richtung und deutete mit seinem Finger auf mich. Offenbar verlernte man, wenn man reich war, dass das unhöflich war. „Ich verstehe nicht“, murmelte er, „ist sie in den Fall involviert? Sind Sie auch Ermittlerin?“

„Nein“, antwortete Rispo für mich und stand mit zusammengepressten Lippen vom Sofa auf. „Sie ist lediglich, wie sie selbst bereits festgestellt hat, die Frau, die zu meinem Unglück den Finger gefunden hat. Sie entschuldigen uns für einen Moment?“

Bevor ich meinen Mund auch nur ein weiteres Mal öffnen konnte, hatte Rispo mich bereits an den Armen gepackt und unsanft vor die Tür geschoben.

„Was zum Teufel denken Sie, dass Sie hier tun?“, knurrte er, sobald die Tür geschlossen war.

Wenn ich ganz ehrlich war, hatte Denken im Prozess hierherzufahren und dann die beiden zu belauschen keine große Rolle gespielt.

„Wissen Sie eigentlich, dass ich Sie wegen Behinderung polizeilicher Ermittlungen ins Gefängnis verfrachten könnte?“

„Behinderung?“ Das fand ich jetzt etwas hart. „Ich behindere nicht, ich helfe! Oder ist Ihnen etwa aufgefallen, dass der Ehering weg ist?“

Rispo war über meinen Kommentar gar nicht erfreut und seine Miene verfinsterte sich weiter. „Natürlich ist es das, und wissen Sie warum? Weil es mein verfluchter Job ist! Ihrer jedoch nicht. Ihr Job sind Blumen, haben Sie mir das gestern nicht erzählt? Blumen haben mit Mord nichts zu tun!“

Er drehte mich an den Schultern herum und zwang mich dazu, mich den Flur hinunter zu bewegen. Der Polizist stand immer noch an der Tür, so wie ich es ihm aufgetragen hatte, und lächelte uns beide an.

„Und? Hat die Papaver Analyse funktioniert?“

Joshua Rispo sah aus, als hätte ihm jemand Elefantenmist an den Kopf geworfen, ich hingegen lächelte nur zurück und nickte. „Hat alles funktioniert. Danke für Ihre erstklassige Arbeit.“

„Die Papaver Analyse?“, knurrte er in mein Ohr, während er die Tür ruckartig öffnete.

„Eigentlich Papaver Rhoeas Analyse“, korrigierte ich ihn.

„Und was tun Sie bei der? Wollen Sie die Verdächtigen zum Reden bringen, indem Sie ihnen Mohnblumen unter die Nase halten?“

Ich war so verblüfft, dass er wusste, was der lateinische Ausdruck für Klatschmohn war, dass ich mich gar nicht wehrte, als er mich die Stufen hinunterbugsierte und die Tür ins Schloss fallen ließ.

„Endstation“, murmelte er und ließ mich los. „Und das meine ich wörtlich! Hier ist Ihre Endstation! Ich werde erst wieder von Ihnen hören, wenn Sie mir den Scheck für die Autoreparatur schicken!“

„Sie kennen sich mit Blumen aus?“

Er stöhnte laut auf und legte sich eine Hand über die Augen. „Das ist das, was bei Ihnen hängen geblieben ist? Mir wäre es lieber, wenn Sie das Wort ‚Endstation‘ in Ihren Kopf bekommen würden.“

„Woher wussten Sie das mit dem Mohn?“, beharrte ich, jedes andere Wort ignorierend.

„Ich habe eine heimliche Leidenschaft für alle Arten von Pflanzen.“

Meine Augen wurden groß. „Wirklich?“

„Nein! Ich hatte Latein in der Schule! Papaver bedeutet Mohn!“

„Oh.“ Wenn ich drüber nachdachte, wirkte er auch nicht, als hätte er für ein grünes Lebewesen etwas übrig. Oder für Lebewesen im Allgemeinen. Ich schüttelte den Kopf. „Egal. Ich sage Ihnen, Sie hatte eine Affäre“, stellte ich schlicht fest.

„Wie gut, dass niemanden interessiert, was Sie sagen!“ Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schien ich ihn wirklich auf die Palme zu bringen. So viel Macht hatte ich normalerweise gar nicht über Männer.

„Aber der Ring ist weg!“, beharrte ich. „Der Ehering!“

Rispo riss die Arme in die Höhe. „Er kann genauso gut heruntergefallen sein, als der Finger abgetrennt worden ist.“ Auch wieder wahr, aber dieses Szenario gefiel mir nicht so sehr wie meine Affären-Idee.

„Aber sie hat länger gearbeitet“, blieb ich hartnäckig.

„Eine Menge Menschen arbeiten länger. Wenn Sie mich noch weiter aufhalten, werde auch ich heute länger arbeiten müssen.“

„Haben Sie sich das Haus angesehen?“, ignorierte ich ihn und streckte den Arm in Richtung des Gebäudes, während ich auffordernd die Augenbrauen hob. „Es ist ein Schein ihrer glücklichen Beziehung. So etwas macht kein vollkommen glückliches Paar, das macht ein Paar, das innerlich zerrüttet ist, aber den äußeren Schein wahren will.“

Rispo fixierte mich fest mit seinen hellbraunen Augen, die sich mit jeder Sekunde zu verdunkeln schienen. „Sprechen Sie da aus Erfahrung oder woher kommen diese Insider-Informationen?“

Meine Wangen liefen rosa an und ich räusperte mich. „Ich bleibe bei meiner Theorie.“

„Tun Sie das, solange Sie es zuhause tun, ohne sich weiter in polizeiliche Angelegenheiten einzumischen!“

Ich zuckte die Schultern. „Aber es wäre logisch. Eifersüchtiger Lover, kann es nicht mehr ertragen: Verbrechen aus Leidenschaft! Es würde passen.“

„In eine Soap-Opera vielleicht.“

Wieder zeigte ich auf das Gebäude. „Das ganze Haus ist eine Soap-Opera.“

Er verengte die Augen und sein Blick war alles andere als freundlich. „Hören Sie mir jetzt gut zu, Frau Manu –“

„Lou, bitte.“

„Von mir aus auch das! Aber ich sage es Ihnen jetzt ein allerletztes Mal: Sie sind nicht in diesen Fall involviert! Sie haben weder das Recht, irgendwelche spektakulären Vermutungen anzustellen, noch auf eigene Faust Untersuchungen anzustellen! Ist das klar?“

„Aber wenn Sie mich nicht mitarbeiten lassen wollen, wie finde ich denn sonst raus, wer der Mörder ist?“

Sein Kiefer knackte laut. „Überhaupt nicht! Es hat Sie auch gar nicht zu interessieren, wer der Mörder ist!“

Ich stand kurz vor einem Lachanfall. Es war wirklich zu leicht, ihn zu provozieren. Nett, dass ich bei manchen Männern wenigstens irgendeine Reaktion hervorrief. „Aber es interessiert mich nun einmal“, gab ich zu bedenken. „Und die Neugier einer Frau …“

Ich war mir ziemlich sicher, dass Rispo einer dieser Männer war, die sich eher selbst als eine Frau schlagen würden, aber wenn seine Augen dazu fähig wären, jemanden zu verprügeln, dann läge ich jetzt wahrscheinlich grün und blau geschlagen auf dem Boden. „Lassen Sie es mich anders ausdrücken“, sagte er mit leiser, warnender Stimme und trat einen kleinen Schritt auf mich zu, sodass seine Nase nun beinahe meine berührte, „wenn ich Ihre Nase noch einmal irgendwo in der Nähe von jemandem sehe, der auch nur im Entferntesten mit dem Fall zu tun hat oder auch nur Ihren Geruch an einem Ort wahrnehme, der irgendwie mit dem Mord in Verbindung steht, dann werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie die Tage, bis der Mörder gefasst ist, im Gefängnis verbringen, ist das klar?“

Er sah erschreckend ernst bei dieser Aussage aus und ich zweifelte keine Sekunde daran, dass er sein Versprechen halten würde.

Ich räusperte mich, nur um nicht zu zeigen, dass ich doch ein wenig eingeschüchtert war. „Sie können sich sehr deutlich ausdrücken“, hustete ich.

„Das hoffe ich für Sie!“

Dieser Typ wurde mit jeder Nuance, die seine Augen dunkler wurden, heißer.

Etwas peinlich berührt über meine Gedanken, machte ich einen Schritt zurück und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. „In Ordnung. Ich halte mich raus.“

„Sagen Sie das noch einmal, während ich Ihre Hände sehen kann und fügen Sie ein ‚versprochen‘ an das Ende des Satzes an.“

Ich verdrehte die Augen, erfüllte aber seinen Wunsch. „Der Fall betrifft mich nicht, deswegen halte ich mich raus. Versprochen.“

„Alles, was ich hören wollte. Jetzt entschuldigen Sie mich, ich habe da einen Mörder zu finden.“

Er drehte sich um und verschwand wieder in der Tür.

Das war ja prima gelaufen. Ich hatte mich zum Affen gemacht und alles was ich wusste war, dass das Opfer Kathrin hieß, länger gearbeitet hatte und einen Hang zu Fotografien, auf denen sie zusammen mit ihrem Mann abgebildet war, besaß.

Zudem hatte ich erfahren, dass Polizisten einem alles glaubten, solange man Fremdwörter benutzte.

Befriedigt war meine Neugierde noch lange nicht, aber ich hatte ein Versprechen gegeben und Versprechen hielt ich. Größtenteils.

Ich sollte das Ganze wohl auf sich beruhen lassen. Ich kannte diese Frau noch nicht einmal. Es war wirklich nicht meine Sache, wie und warum sie umgekommen war.

Aber warum war sie umgekommen?

Missmutig wandte ich mich zum Gartentor und wurde auf dem Weg dorthin beinahe von einem Mann umgerannt, der eilig aus einem alten, verstaubten VW Golf gestiegen war und sich durch das Reporterteam gedrängt hatte, dessen Kameras mittlerweile fertig aufgebaut worden waren.

„Hoppla“, stieß ich aus und hielt mich wie automatisch an seinem Arm fest. Der Mann wandte sich um und blinzelte mehrfach, als hätte er mich gar nicht wahrgenommen.

„Oh, Entschuldigung“, murmelte er.

Ich ließ seinen ungebügelten Hemdsärmel los und schüttelte nur den Kopf. „Kein Problem. Wollen Sie zu Herrn Pfenning? Der empfängt gerade keine Gäste.“

Irritiert sah der Mann mich an und strich sich seine Haare, die ihm lang ins Gesicht hingen, aus den Augen. „Ich bin kein Freund, ich bin sein Bruder. Ich habe gerade erst von dem Mord gehört, ich …“

Mein Gesicht wurde heiß. „Das tut mir leid. Ich meine, mein Beileid.“

Er nickte abwesend und sah auf seine Fingernägel, die schon bessere Tage gesehen haben mussten. „Danke, es ist …“, er wurde bleich um die Nase, „… eine Schande. Eine Schande …“

Er hatte mir gerade den Rücken zugewandt und wollte weiter den Weg zum Haus hinauflaufen, als mir noch etwas einfiel.

„Ach, Herr Pfenning …“

Der Kies knirschte unter seinen Füßen, als er sich noch einmal umdrehte. „Bitte?“

Ich zog mein Portemonnaie aus meiner Handtasche und fischte eine Visitenkarte heraus. „Falls Sie Blumen brauchen – fürs Begräbnis – ich mache Ihnen einen fairen Preis.“

Etwas verdutzt nahm er die Karte entgegen. „Okay, danke.“

Kopfschüttelnd drehte er sich um und lief zur Tür, während ich mich fragte, ob ich in meinem Verkaufseifer wohl gerade eine Grenze überschritten hatte.

Ach Unsinn! Sie würden Blumen brauchen, um Kathrin Pfenning zu beerdigen, und ich brauchte Kunden. Es war eine Win-Win-Situation. Und verdammt taktlos.

Egal. Rückgängig machen konnte ich es jetzt sowieso nicht mehr.

Wie hatte Rispo gesagt?

Mein Job waren die Blumen.

In dem Fall hatte er also Unrecht. Mord hatte doch eine gewisse Verbindung zu meiner Arbeit.

Ich machte die letzten Schritte auf das Gartentor zu und wurde von einem Stimmengewirr empfangen, das mich automatisch an das Affengehege im Zoo denken ließ.

„Sind Sie von der Polizei?“

„Gibt es bereits weitere Entwicklungen im Fall Kathrin Pfenning?“

„Wurde bereits ein Verdächtiger festgenommen?“

Ich blinzelte etwas verdutzt in die Kameras, die mit ihrem Licht meine weitere Sicht behinderten.

Ich hielt die Hand über meine Augen und runzelte die Stirn. Gott, das war ja furchtbar, wie hielten Stars das nur aus? Wer in aller Welt wollte so viel Aufmerksamkeit haben, das war … Ich hielt in meinem Gedankengang inne und ging noch einmal ein paar Schritte zurück.

Aufmerksamkeit.

Die Medienaufmerksamkeit, die ich jetzt gerade bekam, war etwas Einzigartiges. Ich würde nie wieder im Fokus von einer solchen Menge von Reportern stehen.

Ich war bereits taktlos gewesen, schlimmer konnte ich es nicht machen, oder?

Ich ließ meine Hand sinken und lächelte breit in die Linsen. „Hallo. Ich bin Lou, von Louisa‘s Flower Power, dem Blumenladen auf der Prinzstraße, und ich bin diejenige, die das Kästchen mit dem abgetrennten Finger gefunden hat!“

Kapitel 5

„Du warst im Fernsehen“, grinste Ari und hielt mir die Tür zu ihrer Wohnung auf. Sie hatte von ihrer Tante eine kleine Erdgeschosswohnung geerbt, mit großer Terrasse und einem überschaubaren Garten. Sie liebte diese Wohnung und wer konnte es ihr verübeln? Köln war teuer und ich hätte meinen linken Fuß gegeben, um so eine Wohnung so günstig zu bekommen. Na ja, vielleicht keinen ganzen Fuß, aber einen Zeh.

„Ich weiß.“ Ich grinste zurück, folgte ihr in die Küche und legte das Kassenbuch vor mir auf den Tisch.

Einmal im Monat trafen wir uns und halfen uns mit der Buchführung. Ich für meinen Blumenladen und sie für ihre Confiserie „La maisonette du chocolat“. BWL war langweilig und zu zweit ging eben alles schneller und vor allem war es lustiger. „Und mein Blumenladen war es auch“, fügte ich hinzu.

„Das war kaum zu übersehen, du hast deine Brust mit dem Logo darauf so weit herausgestreckt, dass jeder Mann begeistert vorm Fernseher hing.“

Es musste ja schließlich auch seine guten Seiten haben, eine Frau zu sein. „Der Zweck heiligt die Mittel“, meinte ich schulterzuckend und setzte mich an den runden Küchentisch, der zum Garten hinaus gerichtet war.

„Wir wurden heute mit Bestellungen überhäuft! Alle wollten mit der Frau reden, die auf traumatische Weise einen Finger gefunden hat und nun mit diesem Bild im Kopf leben muss …“

Zugegeben, ich hatte es mit der Geschichte ein wenig übertrieben, aber die drei Aufträge für Hochzeiten, die ich seitdem reinbekommen hatte, machten alles wieder wett. Ich hatte gerade erst eröffnet – da war Marketing nun einmal alles.

„Kreativ warst du schon immer“, lachte Ari und klappte den Taschenrechner auf – weiter kam sie jedoch nicht, denn ihr Gesicht blieb am Fenster hängen.

Ich folgte ihrem Blick und stieß dann ein lautes Stöhnen aus. „Ari! Du hast gesagt, dass du damit aufhörst!“

Unschuldig sah sie mich an. „Ich weiß nicht, was du meinst.“

Ich legte den Kopf schief und sah sie mit gehobenen Brauen auffordernd an. „Du hast ihn wieder her bestellt! Obwohl es deinen Pflanzen nicht besser gehen könnte.“

„Meine Strauchrose hat ein wenig ihren Kopf hängen lassen“, verteidigte sie sich und stand auf, um sich ein Glas zu holen.

„Und da rufst du um sechs Uhr abends als erstes deinen Gärtner an statt deiner besten Freundin, die einen Blumenladen führt und seit der ersten Klasse alle Pflanzen pflegt, die du je hattest?“

„Aber er ist so süß, Lou!“ Seufzend ließ sie Wasser in das Glas laufen, während sie auf den Rücken des Spaniers starrte, der gerade dabei war, ihren Rasen zu mähen – ihren ohnehin schon perfekt getrimmten Rasen.

„Dann bitte ihn um ein Date, anstatt ihm dein Geld hinterherzuwerfen!“

„Er ist zu jung für mich.“

„Er ist vierundzwanzig, das sind nur drei Jahre!“

Das Wasser lief über den Glasrand und eilig stellte Ariane es ab. „Ich glaube, ich bin nicht sein Typ.“

Kopfschüttelnd öffnete ich mein Kassenbuch, dem heute ein paar schöne schwarze Zahlen hinzugefügt werden würden.

„Du hast eine Schraube locker. Du bist der Typ von jedem!“ Ari war groß, hatte unendlich lange und schlanke Beine, für ihre Statur ungewöhnlich große Brüste und lange glatte blonde Haare, die ihr bis zur Mitte des Rückens fielen. Ihre riesigen grauen Augen rundeten das Bild eines jeden Männertraums ab. Der Einzigen, der das nicht bewusst war, war sie selbst.

Sie drehte sich um und biss unsicher auf ihrer Unterlippe herum. „Aber warum hat er mich dann nicht ausgefragt? Es ist doch ziemlich offensichtlich. Von den vergangenen sieben Tagen habe ich ihn an vieren wegen einem vermeintlichen Gartennotfalls angerufen.“

Ich musste leise lachen. „Na ja, vielleicht denkt er ja auch, dass du nur eine Verrückte bist, die unglaublich besessen von der Korrektheit ihres Rasens ist.“

Erschrocken sah sie mich an. „Meinst du wirklich?“

„Nein! Er ist dein Angestellter, man fragt die Person, von der das eigene Einkommen abhängt, nun einmal nicht nach einem Date.“

Meine Freundin sah aus, als wäre ihr dieser Gedanke noch nie gekommen. Das Problem war, dass Ariane extrem schüchtern war. Dass sie vor zwei Jahren von ihrem Verlobten nicht sehr originell mit seiner Sekretärin betrogen worden war, hatte sie nicht mutiger gemacht.

Diesem Vollidioten war ich auch schon hinten drauf gefahren. Das allerdings mit Absicht. Mein Passat war unzerstörbar und die anderen Autos offenbar nicht.

„Frag ihn“, grinste ich. „Du musst mal wieder ausgehen.“

Sie verschränkte die Arme. „Ich muss gar nichts. Du solltest mal wieder ausgehen.“

Unschuldig legte ich beide Hände auf meine Brust. „Ich habe erst vor kurzem eine Beziehung beendet.“

„Ja, mit dem größten Waschlappen der Weltgeschichte, der bei einem geraden, weißen Gebiss einen Orgasmus bekommt.“

Was sollte ich darauf erwidern? Sie hatte ja Recht. Es war irritierend, wenn einem beim Sex auf die Zähne gestarrt wurde.

„Ich gehe aus, wenn du ausgehst“, schlug ich deshalb vor, obwohl ich im Moment wirklich keine Lust hatte, mich nach Kerlen umzusehen, da ich schwer damit beschäftigt war, einen Laden aufzubauen und einen Weg zu finden, wie ich mein Versprechen gegenüber Rispo nicht brach, aber dennoch herausfand, wer der Mörder war.

„Du lügst“, meinte Ari missmutig und ließ sich wieder neben mich nieder. „Deine Ohren werden rot, wenn du lügst.“

Das hatte man davon, wenn man seit zwanzig Jahren befreundet war. Man konnte nichts mehr geheim halten.

„Und du starrst deinem Gärtner hinterher, als würdest du ihn am liebsten aufs Gras werfen und vernaschen.“

Sie lächelte und seufzte erneut. „Ja. Aber hast du seinen Hintern gesehen?“

Ich zuckte die Schultern. Wenn ich ehrlich war, hatte ich heute Morgen schon einen besseren gesehen.

Mein Handy klingelte und als ich es aus meiner Handtasche kramte, erwartete ich schon beinahe, die Stimme von Rispo zu hören, die mir sagen wollte, dass sie den Täter gefunden hatten.

Wieder wurde ich enttäuscht.

Stöhnend sah ich Ari an, hob aber dennoch ab. Ich konnte meiner Mutter nicht immer aus dem Weg gehen. Sie war schließlich hauptverantwortlich dafür, dass ich überhaupt existierte.

„Ja?“, meldete ich mich lustlos.

„Du hast einen abgehackten Finger gefunden? Von einer Leiche? Einer toten Leiche? Wie schaffst du es immer wieder, dich in solche Situationen zu bringen?“

Die Stimme meiner Mutter beschrieb exakt das Rezept ihrer Beziehung zu mir: Eine große Portion Drama, gemischt mit einer Prise Schuld, vermengt mit einer Tasse Pessimismus und einer Messerspitze tatsächlicher Besorgnis.

Alles in allem ein runder Kuchen, an dem man sich die Zähne ausbiss. Ich liebte meine Mutter über alles, aber manchmal wünschte ich mir, sie könnte sich ein bisschen mehr verhalten wie mein Vater und sich weniger in alles einmischen. Mein Papa war der Ruhepol zu ihrer ständigen Hektik – aber eben auch nur, wenn er nicht gerade Fußball guckte oder anderweitig beschäftigt war.

Ich seufzte tief und verdrehte die Augen in Richtung Ari, die mich jedoch gar nicht beachtete, sondern stattdessen wieder mit ihrem Gärtner liebäugelte. „Ja, Mutter. Jetzt bin ich nicht nur die Frau, die dumm genug sein konnte, einen Zahnarzt zu verlassen, sondern auch die, die anstelle von Möbeln einen abgetrennten Ringfinger vom Sperrmüll mitnimmt. Gewöhne dich dran.“

„Aber musstest du das gleich im Fernsehen präsentieren? Weißt du, wie viele besorgte Anrufe ich innerhalb der letzten paar Stunden bekommen habe?“

Ich überlegte. Sie hatte vierzehn Mitglieder in ihrem „Frauen für soziale Zwecke“-Club. „14?“, folgerte ich daher.

„Das ist nicht lustig! Jetzt bin ich nur noch die Mutter von der Frau, die einen Finger gefunden hat!“

„Na ja, besser als die Mutter von dem Jungen, der sich zwanzig Maoams in den Mund stecken kann. Wenigstens bist du von dem Ruf jetzt weg.“

„Du machst dich lustig.“

Gute Auffassungsgabe.

„Mama, beruhige dich. Es gibt bald wieder neuen Klatsch bei euch in der Gruppe. Irgendwer, den ihr kennt, wird sich die Nase richten lassen oder eine Affäre mit einem Schüler anfangen, da wird das mit dem Finger schnell wieder vergessen sein.“

„Louisa Josephine Manu! Hüte deine Zunge! Über solche Dinge sollte man nicht scherzen, ich …“

Sie hielt inne und ich konnte nur noch gedämpfte Stimmen durch den Hörer wahrnehmen. Ich drehte meinen Kugelschreiber zwischen Zeigefinger und Daumen, bis Mama schwer seufzte. „Dein Vater möchte dich sprechen, doch diese Unterhaltung ist noch nicht beendet!“

Unsere Unterhaltungen waren nie beendet. Theoretisch sprachen wir noch immer darüber, warum es falsch gewesen war, meiner kleinen Schwester eine Murmel in die Nase zu stecken, nur weil sie es sich gewünscht hatte.

„Hey, Loubalou“, ersetze die tiefe ruhige Stimme meines Vaters die aufgeregte, schrille meiner Mutter. „Geht es dir gut?“

Ich ließ mich in den Stuhl sinken und seufzte. „Ich weiß nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Das war alles ein bisschen … zu viel.“

„Versteh ich Kleines, hast du denn viel Blut gesehen?“

Ich überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf, obwohl er das natürlich nicht sehen konnte. „Nein, ich glaube da war nur etwas auf dem Boden der Dose, der Finger selbst war … ekelig, aber nicht blutig.“

„Kannst du schlafen? Du weißt, dass du immer für ein paar Nächte vorbeikommen kannst, oder Balou?“

Mein Herzschlag beruhigte sich etwas und strebte gefühlsmäßig das erste Mal seit vierundzwanzig Stunden eine normale Geschwindigkeit an.

„Danke Papa. Das weiß ich zu schätzen, aber mir geht es soweit gut. Ich bleibe lieber bei mir zuhause.“

Ich musste Mamas Gesicht nicht auch noch sehen, wenn sie die Worte „eine tote Leiche“ formte.

„Verstehe ich. Aber melde dich, sobald sich das ändern sollte.“

„Mach ich“, versprach ich. „Und wenn ich noch einen zweiten Finger finde, rufe ich zuerst Mama an, damit sie nicht davon überrascht wird und es ihren Freundinnen selbst berichten kann.“

Mein Vater kicherte, so wie nur ein Mann kichern konnte und ich hörte dumpf die Stimme meiner Mutter, die danach fragte, was denn so witzig sei.

„Nichts, Gitti, nichts“, versicherte er ihr. Wieder folgte ein Wortwechsel, den ich nicht verstehen konnte, bis mein Vater sich räusperte. „Deine Mutter möchte dich noch mal sprechen, also mach es gut, Loubalou. Halt die Ohren steif.“

Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte meine Mutter wieder die Macht über den Hörer an sich gerissen. „Du denkst doch an Freitag, Louisa?“, fragte sie sofort.

„Klar. Freitag ist der letzte Tag, bevor das Wochenende anfängt. Manche sagen aber auch, dass es bereits der erste Tag vom Wochenende ist …“

Meine Mutter gab ein Geräusch der Ungeduld von sich. „Ich spreche von diesem Freitag, Louisa!“

Dieser Freitag? Da klingelte etwas, ganz weit hinten, wo das Großhirn aufhörte und das Kleinhirn anfing. „Ja, natürlich“, sagte ich langsam. „Diesen Freitag, da ist …“

„Die Gala! Für die Krebshilfe. Du stehst auf der Gästeliste und wirst kommen!“

Mist. Die Gala. Für die hatte ich mich damals angemeldet, als ich noch mit Malte dem Zahnarzt zusammen gewesen war. Damals hatte ich es für eine gute Idee gehalten – aber andererseits hatte ich damals ja auch Malte für eine gute Idee gehalten.

„Mama, weißt du … mit all dem emotionalen Stress, den ich in den letzten Tagen hatte …“

„Nichts da! Es war nur ein Finger! Du wirst kommen“, befahl sie in scharfem Ton. „Du bist angemeldet und wirst deine Anmeldung wahrnehmen! Es ist für die Krebshilfe und ich habe deine Karte bereits bezahlt, also wirst du hinkommen, bei der stillen Auktion auf etwas bieten und deinen Hummer essen – und das alles wirst du in einem Abendkleid tun, haben wir uns verstanden?“

Meine Mutter akzeptierte kein ‚Nein‘. Vor allem nicht, wenn es um eine ihrer geliebten karitativen Einrichtungen ging. Sie war stur und durchsetzungsfähig und das waren nicht unbedingt schlechte Charaktereigenschaften – außer wenn sie einen selbst betrafen.

„Wann fängt die Veranstaltung an?“, grummelte ich und ging im Geiste bereits meine Garderobe durch.

„Um sieben, also komm nicht zu spät! Die High Society von ganz Köln ist da!“

 „In Ordnung“, seufzte ich. Ich hatte es mir schließlich selbst eingebrockt. Vielleicht war mir das eine Lehre und ich dachte das nächste Mal länger nach, bevor ich spontan war und etwas Gutes für die Welt tun wollte.

„Schön, dann sehen wir uns ja Freitag. Ich freue mich darauf.“

Natürlich tat sie das. Sie hatte ihren Willen bekommen und ich in einem Abendkleid würde der Beweis dafür sein.

„Ja, ich auch“, murmelte ich. „Tschüss Mama.“

„Tschüss Liebes.“

Mit diesen Worten legte sie auf.

Ari hatte sich mittlerweile vom Gärtner abgewandt und die Augenbrauen gehoben.

„In welches Netz bist du diesmal gerannt?“

„In das des sozialen Engagements“, seufzte ich. „Ich werde bei der Gala für Krebshilfe erwartet.“

Meine beste Freundin zuckte die Schultern und setzte sich neben mich, ihre Konzentration mühsam aber endgültig von dem Gärtner abwendend.

„Sieh es positiv: eine ganze Menge reicher Leute, die für irgendeinen Anlass Blumen benötigen könnten.“

Da war etwas sehr Wahres dran.

„Du bist eine Wirtschaftskanone, Ari. Zeit, das in Arbeit umzuwandeln.“

Ich klopfte auf die Bücher vor uns.

„Sicher, dass wir nicht noch eine Weile Alejandro beobachten könnten?“, fragte sie hoffnungsvoll.

Streng sah ich sie an.

„Wenn du ihn nicht jetzt gleich um ein Date bittest, dann nicht.“

„Herzlos.“

„Das ist es, was du an mir zu schätzen weißt“, lächelte ich und warf spielerische meine Haare über die Schultern.

Ariane musste lachen und nahm sich selbst einen Stift. „Richtig. Das und deine Bescheidenheit.“

Es war bereits nach zehn, als wir endlich fertig waren –nicht mit der Arbeit, aber mit den Nerven – und ich mich auf den Weg nach Hause machen konnte. Ich war müde, mein Kopf brummte von den vielen Zahlen und in meinen Gedanken spukte immer noch der verschwundene Ehering herum.

Ich hatte versprochen, nicht mehr in die Nähe von Dingen, Personen oder Orten zu kommen, die mit dem Fall zu tun hatten – aber nicht darüber nachzudenken war unmöglich.

Natürlich könnte der Ring einfach heruntergefallen sein, als der Mörder den Finger abgetrennt hatte, aber was, wenn nicht?

Es war nur dieser eine Finger gewesen. Kein anderer Körperteil hatte meines Wissens nach die Leiche verlassen. Es war nur der rechte Ringfinger gewesen. Das musste doch etwas bedeuten, oder? Warum sollte man nur einen Finger nehmen und warum genau diesen, wenn es nicht darum ging, dass es der Finger war, an dem das Symbol eines Eheversprechens steckte?

Es musste einfach irgendjemand gewesen sein, der Kathrin nicht in einer Ehe hatte sehen wollen oder ich hatte wirklich zu viele SoapOperas gesehen.

Diese „Verbrechen aus Leidenschaft“-Sache war, wenn man es sich genau überlegte, auch ein wenig abgedroschen.

Aber was könnte es dann gewesen sein?

Meine Kopfschmerzen verschlimmerten sich und kopfschüttelnd schloss ich meinen Wagen ab, den ich direkt vor meinem Wohnkomplex geparkt hatte. Ich wohnte in der Innenstadt, nahe des Rheins, keine zwei Straßen von meinem Laden entfernt, in einer Erdgeschosswohnung eines dreistöckigen Hauses. Die Dame, die über mir wohnte, war fast taub und gegenüber wohnten zwei Studenten in einer WG, deswegen bemühte ich mich gar nicht erst im Hausflur leise zu sein. Ich lief die paar Treppenstufen zu meiner Wohnung hoch und entdeckte ein quadratisches Päckchen davor. In großen Buchstaben waren die Worte „Deine Sachen“ darauf geschrieben worden.

Seufzend hob ich es auf und entriegelte meine Tür. Malte hatte mir endlich meinen Kram hergebracht.

Ohne mir den Inhalt anzusehen, stellte ich die Kiste auf meinen Küchentresen, bevor ich den Sicherheitsriegel vor meine Tür schob. Ich stellte Twinky sein Abendessen hin, zog mich um und ließ mich ins Bett fallen. Kurz bevor ich einschlief, fühlte ich, wie sich mein Kater warm an meine Seite presste.

Ich wachte auf, weil mir kalt war. Twinky lag nicht mehr an meiner Seite. Ich konnte noch nicht lange geschlafen haben, denn es war noch stockdunkel und es fiel mir schwer, meine Augen geöffnet zu halten. Ich drehte mich auf die andere Seite und wollte gerade wieder in einen seichten Schlaf absinken, als ich ein Geräusch wahrnahm.

Ein Scharren, dann dumpfe Töne – Töne, die kein Tier, sondern nur ein Mensch hervorrufen konnte. Füße auf dem Parkett.

Mit einem Mal saß ich kerzengerade im Bett. Hier war jemand. In meiner Wohnung. Während ich schlief.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals und es fiel mir schwer zu lauschen, weil mein Blut so laut in meinen Ohren pochte – aber jetzt war das Geräusch noch deutlicher zu hören. Jemand schob etwas in der Küche hin und her.

Ich hatte nur einen Ersatzschlüssel und den besaß Ari. Sie würde nachts nicht in meine Wohnung kommen ohne mir vorher Bescheid zu sagen, aber … wer war es dann?

Kalte Panik durchfuhr mich und mein Atem wurde so hektisch, dass ich fürchtete, er könne dem Einbrecher verraten, dass ich nicht mehr schlief.

Schlagartig fiel mir mein Handy ein.

Ich musste Hilfe rufen! Die Polizei, irgendwen.

Mit zitternden Händen, möglichst ohne ein Geräusch zu machen, schob ich die Decke etwas beiseite und sah neben mein Bett. Kein Handy.

Mist. Ich wusste genau, wo es war. In meiner Handtasche, auf der Couch.

Das Zittern wurde schlimmer und hektisch sah ich mich im Zimmer nach einer möglichen Waffe um – aber da gab es nichts. Das Einzige, was irgendwie ansatzweise Schmerzen zufügen konnte, war eine halb mit Wasser gefüllte Plastikflasche. Und die würde wohl niemanden niederstrecken. Meine Augen huschten durch den Raum, verzweifelt auf der Suche nach etwas Hartem oder Spitzem – irgendetwas, das mehr Schaden als ein Kissen anrichtete, aber leichter als meine massive Nachttischlampe war.

Ich wollte gerade meine Beine aus dem Bett schwingen, als ich hörte, wie eine Tür knarrte. Das musste die zum Bad sein. Aber wenn der Einbrecher dort nicht finden würde, was er suchte, dann würde das nächste Zimmer …

Ich erstarrte in meiner Bewegung.

Er würde in mein Zimmer kommen! Und wenn er sah, dass ich wach war – was würde ein Einbrecher dann tun?

Magensäure stieg in meine Speiseröhre, doch bevor ich Opfer meiner blinden Angst werden konnte, zog ich meine Beine wieder unter die Decke und legte mich entgegen meiner Urtriebe mit dem Rücken zur Tür, das Gesicht ins Kissen gepresst, wieder hin.

Ich zwang mich ruhig zu atmen. Das war es, was man beim Schlafen gewöhnlich tat. Man bewegte sich nicht und atmete. Das schaffte ich. Das hatte ich seit meiner Kindheit gegenüber meiner Mutter geübt. Die hatte noch bis zu dem Moment, in dem ich auszog geglaubt, dass ich nie mitbekommen hatte, wie sie nachts in mein Zimmer geschlichen war, um zu überprüfen, ob ich irgendwo Kondome versteckte.

Ich presste die Augen zusammen und schluckte meine Angst herunter, als jemand mit ganz leisen Schritten vor meinem Schlafzimmer zum Stehen kam. Das war nur meine Mutter, die nachsehen wollte, ob ihre Tochter bereits unzüchtige Gedanken hatte. Nichts weiter. Nur meine Mutter. Kein Grund zusammenzuzucken …

Als ich hörte, wie vorsichtig die Tür aufgeschoben wurde, war die Panik so übermächtig, dass es mir ohnehin unmöglich gewesen wäre, mich zu bewegen. Alles, worauf ich mich konzentrieren konnte, war meine Atmung. Langsam und gleichmäßig zu atmen und nicht anzufangen zu weinen.

Die Dielen knarrten leicht, doch sonst gab es kein weiteres Geräusch. Keinen Lichtkegel, gar nichts – und doch wusste ich, dass jemand da war.

Mir wurde übel.

Wo war Twinky?

Twinky mochte keine Menschen, er war da etwas eigen.

Gott, hoffentlich war ihm nichts angetan worden! Wenn Twinky etwas passiert war … atmen. Ich musste atmen.

Wieder knarrten die Dielen und ich hörte, wie eine Schublade geöffnet wurde und dann noch eine.

Das Schlimme war, dass ich mir ziemlich sicher war, dass ich nicht aufgewacht wäre, würde ich nicht bereits wach sein.

Die Angst kroch mir in jede Pore und der einzige Gedanke, der mich davon abhielt, anzufangen zu schreien war der, dass ich bereits tot wäre, wenn der Einbrecher es so gewollt hätte. Er hätte mich umbringen können – aber er tat es nicht. Er suchte etwas.

Aber was hatte ich zu geben? Ich hatte kein Geld, keinen teuren Schmuck. Ich hatte nichts, was von irgendeinem Wert war. Die Schubladen wurden wieder geschlossen und Sekunden später herrschte wieder Stille.

Stumm stieß ich Luft aus. Vielleicht würde er ja einfach gehen, wenn er nicht fand, was er suchte. Mein Herzschlag verlangsamte sich gerade wieder von blanker Panik zu nackter Angst, als mehrere Dinge gleichzeitig geschahen.

Etwas sprang plötzlich auf meine Matratze, ich stieß einen hohen Schrei aus, in nicht ganz so weiter Ferne gingen Polizeisirenen los und eine Zehntelsekunde später ertönte ein lautes Krachen und Scheppern aus der Küche, gefolgt von lauten Schritten und dem Knallen einer Tür.

Mit den Händen an meiner Brust sah ich Twinky an, der verdutzt mit seinen grünen Augen zurückstarrte. Zitternd strich ich über sein Fell.

„Es ist alles gut“, murmelte ich, „alles wieder in Ordnung.“

Die zufallende Tür konnte nur meine gewesen sein, sonst wäre der Einbrecher schon längst in meinem Zimmer und würde versuchen, mich zum Schweigen zu bringen.

Schwer atmend schloss ich die Augen, streichelte noch ein letztes Mal über Twinkys Kopf, machte dann mein Nachttischlicht an und stieg zitternd aus dem Bett. Meine Beine knickten ein, doch ich hielt mich an der Matratze fest, bis sie meinem Großhirn wieder gehorchten. „Er ist weg“, sagte ich laut, denn alles war besser als die Stille. „Er ist weg, ich kann in die Küche gehen.“

Ich bewaffnete mich dennoch mit der Wasserflasche und machte jedes Licht an, das mir in die Quere kam.

Meine rationale Seite wusste, dass ich wieder alleine war, dennoch kostete es mich einige Überwindung, das Wohnzimmer zu betreten.

Die Kiste, die Malte mir vorbeigebracht hatte, lag auf dem Boden, während der Inhalt sich über den Teppich verteilt hatte – Backformen, CDs, meine Zahnbürste. Zumindest wusste ich jetzt, was gescheppert hatte. Mein Blick blieb an der Tür hängen. Die Sicherheitskette hing in zwei Teile zersägt am Holz und am Rahmen.

In wenigen Schritten war ich bei der Couch. Mit immer noch zitternden Fingern suchte ich mein Telefon aus dem Gewühl und als ich es endlich gefunden hatte, brauchte ich ewig, bis ich die richtige Pin eingegeben hatte. Ich fuhr mit meinem Handrücken über meine kalte Stirn und sah zum Kühlschrank. Mir schien es, als würde eine weitere Ewigkeit vergehen, bis ich endlich die Nummer eingetippt hatte.

Es klingelte nur zweimal, bevor jemand abhob.

„Hallo?“

„Rispo?“ Selbst meine Stimme zitterte. „Bei mir … hier … hier war jemand in meiner Wohnung und er ist jetzt weg, aber er stand neben meinem Bett während ich schlief, aber ich hab gar nicht geschlafen und …“

„Louisa? Sind Sie das?“

„Ja, ich … ich …“

Ich merkte erst, dass ich weinte, als die Tränen bereits in mein Schlafshirt sickerten.

„Meine Tür ist aufgebrochen und alles liegt auf dem Boden und … ich habe Angst und …“

„Lou? Beruhigen Sie sich. Gehen Sie in Ihr Schlafzimmer, schließen Sie die Tür ab und fassen Sie nichts an! Öffnen Sie erst Ihre Tür, wenn Sie meine Stimme hören, ich bin in ein paar Minuten bei Ihnen.“

Ich nickte und lief in mein Zimmer. Der Schlüssel steckte.

„Sind Sie in Ihrem Zimmer?“

„Ja“, flüsterte ich und wischte mir über meine Nase. „Nur … bitte. Legen Sie nicht auf.“

„Das werde ich nicht“, sagte er ruhig und ich hörte, wie im Hintergrund ein Automotor gestartet wurde. „Lassen Sie mich nur kurz meine Kollegen über Funk alarmieren. Wie lautet Ihre Adresse genau?“

Ich nannte ihm Straße und Hausnummer und umklammerte fest meine Knie.

„Okay, danke. Die Streife ist auf dem Weg und jetzt erzählen Sie mir doch mal … was haben Sie heute zu Mittag gegessen, Lou?“

Irritiert lockerte ich den Griff um meine Knie. „Was?“

„Was haben Sie gegessen? Heute Mittag.“

Blinzelnd starrte ich in das Licht meiner Nachttischlampe. „Ich … ich weiß nicht.“

„Doch, sicher wissen Sie das noch. Frauen vergessen so was nie.“

Ich stieß ein Geräusch aus, das eine Mischung zwischen einem Schluchzer, einem kleinen Lachen und dem Aufeinanderklappern meiner Zähne war. Ich zog die Bettdecke über meine Knie, dachte an heute Mittag und überlegte.

„Ich … ich hatte Kartoffeln, mit Brokkoli und Hühnchen“, sagte ich schließlich nach ein paar Minuten.

„Selbst gekocht?“

„Nein, ich … kann kaum ein Spiegelei braten. Trudi, meine Angestellte, hat es mir vorbeigebracht.“

„War es denn gut?“

Mein Atem beruhigte sich, als ich daran dachte, wie das Huhn auf meiner Zunge zergangen war. Ich nickte.

„Sehr gut. Aber nicht so gut wie die Kekse, die ich als Nachtisch hatte.“

Er lachte leise. „Was waren das für Kekse?“

Ich ließ meine Knie los und sah auf meine Hände. Sie hatten aufgehört zu zittern. „Erdnussbutter-Nutella-Cookies.“

„Erzählen Sie mir, wie genau sie geschmeckt haben.“

Das tat ich. Ich sprach von der Schokolade und dem süßen Teig, bis mein Herzschlag sich wieder beruhigt hatte und meine Wangen zwar noch von den Tränen klebten, aber keine neuen hinzukamen.

„Das hört sich tatsächlich gut an … Louisa?“

„Ja?“

„Sie können jetzt aus Ihrem Zimmer kommen und mir die Tür öffnen.“

Ich stand auf, öffnete meine Tür und lief zu der meiner Wohnung. „Klopfen Sie zweimal“, flüsterte ich.

Es klopfte zweimal, doch mein Herzschlag beruhigte sich erst endgültig, als ich die Tür öffnete und in die warmen Augen von Joshua Rispo sah, der sein Handy vom Ohr sinken ließ und mich im nächsten Moment in den Arm nahm. Seine starken Arme, eng um meine Schultern gezogen – und in diesen Moment war mir bewusst, dass es wohl keinen sichereren Ort auf dieser Welt gab, als die Arme dieses Mannes.

Kapitel 6

Die Polizeistreife traf wenige Minuten später ein. Entweder fanden sie es nicht merkwürdig, dass der Kommissar von der Kripo das weinende Opfer fest im Arm hatte, mein Kopf an seiner Schulter, die mittlerweile mehr als nur feucht war, oder sie verbissen sich jeden Kommentar, weil sie Respekt vor Rispo hatten. Ich konnte mir beides vorstellen, tendierte aber eher zu Letzterem.

Rispo ließ mich erst wieder los, als ich aufgehört hatte zu weinen und meine Beine mich wieder alleine tragen konnten. Mit immer noch besorgtem Blick hielt er mich auf Armeslänge an meinen Schultern fest.

„Alles wieder okay?“, fragte er behutsam.

Peinlich berührt nickte ich. Ich kannte diesen Mann seit zwei Tagen und so eine liebevolle, innige Umarmung hatte ich nicht einmal mit Malte ausgetauscht.

„Ja, danke. Einen Erdnussbutter-Nutella-Cookie hätte ich jetzt trotzdem gerne.“

Sein Mundwinkel zuckte und jetzt ließ er auch meine Schultern los. Zu schade.

Wer hätte geglaubt, dass so viel Zärtlichkeit in diesem Mann steckte?

Ich legte die Arme um meine Mitte. Mir wurde bewusst, dass ich weder einen BH noch Makeup trug und dieser Aufzug nicht ganz so lässig wirkte wie Rispos, der in Jogginghose, T-Shirt und unrasiertem Gerade-aus-dem-Bett-gekommen-Look dastand. Ich fragte mich, ob er wohl alleine in diesem Bett gelegen hatte …

Ich zwang mich zur Konzentration.

Ich war Opfer eines Verbrechens geworden.

Rispo hatte sicherlich schon Schlimmeres gesehen als verheulte, ungeschminkte, leicht bekleidete Frauen.

Mein Gesicht wurde heiß und schnell wandte ich mich dem Wohnzimmer zu, in dem zwei Polizisten bereits angefangen hatten sich Notizen zu machen und Türklinken in Augenschein zu nehmen.

Rispo trat über die Schwelle und sah in meine offene Einbauküche. Irrte ich mich oder hatte er kurz gegrinst, als er die rote Färbung meiner Wangen wahrgenommen hatte?

„Frau Manu –“

„Louisa oder Lou“, unterbrach ich ihn und steckte eine Haarsträhne, die an meiner nassen Wange klebte, hinter mein Ohr. Niemand umarmte mich für fünf Minuten, tröstete mich und nannte mich weiterhin beim Nachnamen!

„Sie haben mich fester umarmt als meine Mutter es je vor fremden Leuten getan hat, da können Sie mich auch beim Vornamen anreden“, murmelte ich leise hinterher.

Da war es wieder – das Grinsen, das ich noch nicht ganz dem Attribut „unverschämt“ oder „heiß“ zuordnen konnte.

„Entschuldigung, alte Angewohnheit – haben Sie den Einbrecher gesehen, Lou?“

Ich schüttelte den Kopf und lehnte mich gegen den Küchentresen. Vor meinem nackten rechten Fuß lag der Rasierer, den ich bei Malte für meine Beine benutzt hatte. „Als er in meinem Zimmer war“, sagte ich und schluckte bei dem Gedanken daran, „hatte ich meine Augen geschlossen. Ich wollte nicht, dass …“

Ich verstummte, doch Rispo nickte nur und zwang mich nicht dazu weiterzusprechen.

„Ist Ihnen sonst etwas aufgefallen? Hat er gesprochen? Schwere Schritte gehabt? Ist er gegen eine Deckenlampe gestoßen?“

Wieder schüttelte ich den Kopf.

„Das heißt, Sie wissen weder, ob es ein Mann oder eine Frau war und Ihnen ist auch sonst nichts aufgefallen?“

Ich nagte an meiner Unterlippe. Mir war etwas aufgefallen, aber ich wusste, dass Rispo das wahrscheinlich nicht als verwendbares Material werten würde.

Er runzelte die Stirn.

„Was? Sie denken doch an irgendetwas.“

Langsam nickte ich und zog die Arme etwas tiefer in die Ärmel meines Shirts.

„Na ja, der Einbrecher muss gut gerochen oder einfach nicht bedrohlich gewirkt haben, weil … na ja, Twinky hat keinen Mucks von sich gegeben.“

Rispo blinzelte. „Was?“

Etwas peinlich berührt verlagerte ich mein Gewicht von dem einen auf den anderen Fuß.

„Twinky, mein Kater. Er mag keine Menschen.“

Ich nickte zu einem der Polizisten, der mit der linken Hand wedelte und „Zschh“- Laute von sich gab, weil mein Kater ihn anfauchte und mit der Pfote auf seinen Fuß schlug.

„Aber er war leise. Er muss den Einbrecher … gemocht haben.“ Katzen waren eben nicht unfehlbar.

Rispo verzog sein Gesicht. „Sie haben Ihre Katze nach einem Teletubbie benannt?“

Schnell schüttelte ich den Kopf. „Nein, das ist Tinky-Winky. Ich habe meinen Kater nach den süßen Küchlein aus den USA benannt.“

„Natürlich haben Sie das“, meinte Rispo trocken und fuhr sich mit der rechten Hand über sein Gesicht. „Ich fürchte nur, dass wir die Reaktion einer Katze nicht als Indiz werten können. Abgesehen davon, dass wir nicht wissen, was Ihr Kater als ‚gefährlich‘ einstuft … er ist nur eine Katze!“

Ich verschränkte meine Arme über der Brust. „Sie haben gefragt.“

Er ignorierte meine Antwort. „Ist etwas gestohlen worden?“

Ich zuckte die Achseln und sah mich im Raum um. „Ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht. Der Einbrecher wurde unterbrochen …“

Rispo hob seine Hand. „Moment. Was genau ist hier passiert? Warum wurde der Einbrecher unterbrochen?“

„Na, weil ich geschrien habe und dann plötzlich diese Polizeisirene erklang und dann hat er die Kiste vor Schreck runtergeworfen und ist aus der Wohnung rausgerannt“, erklärte ich geduldig.

„Also hat er die Kiste aus Versehen heruntergeworfen und nicht, weil er darin etwas gesucht hat?“

Rispo legte den Kopf schief und besah sich die Habseligkeiten auf meinem Boden.

„Sicher, dass Ihnen da nichts fehlt? Ich könnte über den Müll da keine Übersicht behalten …“

 „Das ist kein Müll!“, fuhr ich ihn an.

„Oh. Ich dachte, Sie hätten die Dinge in eine Kiste gepackt, um sie wegzuwerfen.“

Charmant.

„Nein. Mein Ex-Freund hat sie mir gestern Abend spontan vorbeigebracht. Aber es ist nichts Wertvolles drin – so wie es auch bei dieser ganzen Wohnung der Fall ist.“

Rispo seufzte und trat über ein kleines Kuscheltier, das Malte mir mal geschenkt hatte. Es war so furchtbar hässlich – der Grund, warum ich es in seiner Wohnung aufbewahrt hatte.

„Habt ihr was gefunden, Leute?“, fragte er die Polizeibeamten, von denen einer immer noch mit Twinky kämpfte.

„Aus, Twinky!“, sagte ich laut und bestimmt.

Der Kater sah mich an, miaute einmal und verschwand dann in meinem Schlafzimmer.

„Was sagt man dazu. Eine Katze, die sich für einen Hund hält.“ Das vierte Mal an diesem Abend schüttelte Rispo den Kopf, bevor er sich seinen Kollegen zuwandte.

„Es gibt nichts. Keine Fingerabdrücke, keine Fußspuren. Bis auf die aufgebrochene Tür, die heruntergefallene Kiste und die Unordnung im Bad hat der Einbrecher keine Spuren hinterlassen.“

Meine Wangen liefen rot an und ich räusperte mich. „Streichen Sie die Unordnung im Bad von Ihrer Liste.“

Der Polizist grinste breit, tat aber wie geheißen.

Rispo seufzte schwer und stieß dabei hörbar Luft aus.

„Das heißt, wir haben nichts? Aus der Tatsache, dass selbst jetzt noch kein Nachbar vor der Tür steht und wissen will, was los ist, schließe ich, dass auch keiner etwas gesehen oder gehört hat und das Schloss …“

Er sah zu meiner Tür und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

„Seien wir ehrlich: dieses Billigteil hätte selbst ein Kindergartenkind knacken können, also besteht die Gruppe der Verdächtigen aus der gesamten Erdbevölkerung!“

Ich begann zu frösteln.

„Meinen Sie, das hat etwas mit dem … mit dem Mord zu tun?“, stellte ich schließlich die Frage, die mich beschäftigte, seitdem ich die fremden Schritte im Wohnzimmer gehört hatte.

„Ich will Ihnen keine Angst machen, aber es wäre ein zu großer Zufall, wenn nicht – es wurde nichts gestohlen. Kein Laptop, kein Fernseher …“

Er sah auf meinen alten Röhrenbildschirm. „Na ja, belassen wir es bei Laptop.“

„Aber wonach hat er gesucht?“, fragte ich und hatte Mühe dabei, die wieder aufkeimende Panik zu unterdrücken.

„Ich weiß es nicht, Lou. Vielleicht die Box. Vielleicht irgendwas anderes. Aber ich werde es noch herausfinden.“ Rispo sah mich fest an und ich glaubte ihm jedes Wort.

„Aber woher wussten die, wo ich wohne?“, hakte ich weiter nach.

Ironisch stellte er fest: „Richtig. Das ist die Frage – wo Sie ja gekonnt unter dem Radar geblieben sind und nicht etwa in voller Größe deutschlandweit im Fernsehen zu bewundern waren.“

Ich schluckte.

Er nickte vielsagend. „Genau. Können Sie irgendwo hin für heute Nacht? Die Tür wird bis morgen warten müssen.“

Ich seufzte und sah auf die Uhr. Es war halb fünf. „Ja, kann ich.“ Meine Mutter würde begeistert sein.

Das Erste, was ich am nächsten Morgen tat, nachdem ich den Blumenladen aufgesperrt hatte, war einen Schlosser anzurufen. Die Aussicht auf dieses Telefonat war das Einzige, was zwischen mir und einem Kugelschreiber in der Halsschlagader meiner Mutter gestanden hatte. Ich war völlig übermüdet in meinem alten Zimmer aufgewacht, mit einem Zettel, der auf meiner Stirn klebte.

Probier das Kleid an, das an deiner Tür hängt – ich möchte dich einmal als Lady sehen!

 

Offenbar gingen die Ansichten meiner Mutter und mir, was ein angemessenes Kleid für eine schicke Gala anging, weit auseinander. Und die Vorstellungen, wie man mit einer Tochter umging, die die furchtbarste Nacht ihres Lebens hinter sich hatte, auch.

„Du hättest eben mit dem Zahnarzt zusammenbleiben sollen. Dann wärst du nicht alleine gewesen, hättest nicht im Müll anderer gewühlt und das alles wäre nie passiert.“ Das waren die Worte meiner Mutter gewesen, als ich um fünf Uhr morgens im Schlafanzug und mit immer noch verquollenen Augen vor ihrer Haustür gestanden hatte.

Mein Vater war zu müde gewesen, um sie in ihre Schranken zu weisen und ich hatte keine Kraft gehabt, mich zu verteidigen. Deswegen hatte ich nur stumm genickt und war ohne ein weiteres Wort in mein altes Zimmer gerauscht.

Als mein Wecker dann schließlich auch schon um halb acht klingelte, ich einen kurzen Blick auf das besagte Kleid warf und alles, was in mir aufstieg ein „NEIN!“ und etwas Magensäure waren, konnte ich nicht behaupten, dass meine Stimmung sich verbessert hatte – trotz des fertigen Frühstücks auf dem Tisch. Auch wenn meine Mutter keine leichte Konversation machen konnte – von Rühreiern hatte sie Ahnung.

Die gestrige Nacht war mir auf den Magen geschlagen und als ich die Gästeliste der Gala auf meinem Platz vorfand, bei der meine Mutter die Leute, die am wichtigsten in dieser Stadt waren eingekreist hatte, entschied ich mich dafür, das Haus so schnell wie möglich zu verlassen.

Folglich war ich überpünktlich am Laden – hatte also noch genug Zeit für einen Anruf beim Schlosser. Die alte Frau Schneider, die über mir wohnte, hatte sich netterweise bereit erklärt, ihn zu beaufsichtigen – hereinlassen musste sie ihn ja nicht, da die Tür immer noch aufgebrochen war.

Bei mir war eingebrochen worden! In meinem ganzen Leben war mir nie mehr passiert, als dass jemand meinen Joghurt aus dem Kühlschrank geklaut hatte, und jetzt?

Ich bedankte mich bei dem Schlosser dafür, dass er versprach, noch bis heute Abend das Schloss ersetzt zu haben – diesmal so, dass nicht jedes Kind es knacken konnte – und legte dann den Kopf auf meinen Schreibtisch.

Leiche, Einbruch – was war als Nächstes an der Reihe?

Ich hasste es, keine Ahnung zu haben.

Hatte die Polizei bereits einen Verdächtigen? Irgendwelche Hinweise? Wurde meine Affären-Theorie untersucht? War der Ehering mittlerweile gefunden worden? Was war die Tatwaffe gewesen?

Viel zu viele Fragen, die mir im Kopf herumschwirrten und keine Möglichkeit, die Antworten zu finden. Mir würde es nicht erlaubt werden, Einsicht in die Polizeiarbeit zu nehmen. Ich war eine Blumenverkäuferin. Ich hatte nicht einmal die Berechtigung zu fragen, wann genau Kathrin Pfenning gestorben war.

Wenn ich nur wüsste, was los war, vielleicht könnte ich mich dann etwas beruhigen. Wenn ich nur die richtigen Verbindungen hätte, wenn … Moment.

Verbindungen? Ich hatte Verbindungen. Zwar nicht ich selbst, aber ich kannte jemanden, der solche Verbindungen schaffen konnte.

War das eine Schnapsidee?

Bevor ich länger über die Beantwortung dieser Frage nachdenken konnte und womöglich noch zu einem Schluss gekommen wäre, der mir nicht gefiel, hob ich den Telefonhörer ab und wählte die Nummer.

Es war kurz nach neun. Er würde schon im Büro sitzen. Ich musste nicht lange warten, bis mein Anruf entgegengenommen wurde.

„Hey, Loubalou. Wie geht es dir? Mama hat gerade angerufen und von dem Einbruch erzählt. Scheinst ja den Ärger anzuziehen in letzter Zeit.“

Natürlich. Mama hatte erst einmal jedes Familienmitglied auf den neuesten Stand bringen müssen.

„Mir ging es schon mal besser“, gab ich zu und ließ mich tief in den Sessel nach hinten sinken. „Ehrlich gesagt, rufe ich deswegen auch an …“

Es war besser, direkt auf den Punkt zu kommen.

„Um mir zu sagen, dass es dir nicht gut geht?“, fragte Jannis langsam und ich konnte bereits den ersten Hauch von Misstrauen wahrnehmen. Man lernte viel, wenn man miteinander aufwuchs.

„Ja, nicht direkt. Eher um dir zu sagen, dass du einer der wenigen Menschen bist, der die Fähigkeit besitzt, dafür Sorge zu tragen, dass es deiner kleinen Schwester wieder besser geht.“

Es herrschte für einen Moment Stille am anderen Ende der Leitung.

„Du hörst dich an wie damals, als ich dir harten Alkohol für deinen sechzehnten Geburtstag kaufen sollte.“

Damals war Jannis bereits vierundzwanzig gewesen – alt genug, um ein zu großes Verantwortungsgefühl zu haben, als dass er meiner Bitte nachkam. Aber heute hatte ich ganz andere Ressourcen zur Verfügung.

„Hab ich dir eigentlich schon gesagt, dass du immer mein Kindheitsheld warst? So groß und stark – und klug genug, um einer der Top-Anwälte zu werden.“

Er lachte leise in den Hörer hinein. „Deine Schleimerei ist noch so subtil wie eh und je. Sag schon, was willst du von mir?“

Es lohnte sich nicht, länger um den heißen Brei herumzureden. „Also gut: Du bist doch mit Sven Leodrik zur Schule gegangen, nicht?“

„Wenn du von dem derzeit amtierenden Polizeichef redest, dann: Ja. Bin ich.“

Ein kleines Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Wie hoch würdest du die Wahrscheinlichkeit einschätzen, dass er dir einen klitzekleinen Gefallen tut?“

Jannis schnaubte. „Dein klitzeklein kenne ich. Das letzte Mal, als du mich um so einen klitzekleinen Gefallen gebeten hast, musste ich deinem Freund erklären, warum du mit seinem Bruder geflirtet hast!“

Mit geschlossenen Augen schüttelte ich den Kopf. „Das ist völlig irrelevant.“

„Dann spuck schon aus! Um was soll ich den Polizeichef bitten?“

Ich atmete tief ein. „Du sollst ihn fragen, ob er mich eventuell in einen Fall miteinbezieht.“

Stille.

Lange, sich dehnende Stille. Nur Jannis konnte Stille dazu bringen, einem Schuldgefühle einzutrichtern. Er war der geborene Anwalt.

„Miteinbeziehen?“, fragte er schließlich misstrauisch. „Was soll das überhaupt heißen – miteinbeziehen?“

Ich hustete. „Na ja, mich die Informationen einsehen lassen, mich mitnehmen, falls es irgendwelche Entwicklungen gibt, …“

„Du spinnst doch.“

„Ich will doch nur zusehen und helfen“, bettelte ich, „bitte! Es ist mir wichtig.“

„Warum willst du zusehen? Ist es nicht einfacher, die Polizei einfach ihre Arbeit machen zu lassen? Sie werden den Mörder schon finden.“

„Aber wann?“, platzte ich heraus. „Bei mir wurde eingebrochen, höchstwahrscheinlich von derselben Person, die auch Kathrin Pfenning umgebracht hat, Jannis! Weißt du, was für ein Gefühl es ist, im Bett zu liegen und zu hören – zu spüren – dass jemand Fremdes bei dir an der Matratze steht? Genauso schrecklich wie das Gefühl, nichts zu wissen. Ich weiß nicht, wie sie gestorben ist, ob es Verdächtige gibt – nichts! Und das macht mich verrückt.“

„Louisa“, sagte Jannis jetzt etwas weicher. „Polizeiarbeit ist nichts, wo man einfach so mitmacht. Ich halte es für keine gute Idee, dass …“

„Ich würde eher noch eine Woche zuhause wohnen bleiben, als immer noch keine Infos zu bekommen!“

Jannis verstummte. „Dir ist das Ganze ja wirklich sehr ernst.“

„Das versuche ich dir doch die ganze Zeit zu sagen! Bitte, Jannis! Bitte! Ich will doch auch gar nicht mitgehen, wenn der Mörder verhaftet wird, ich möchte nur wissen, was passiert.“

Er seufzte schwer. „Gott, du weißt gar nicht, was du da von mir verlangst! Du bittest mich quasi darum, den Zorn der Polizei, unserer Mutter und höchstwahrscheinlich auch den meiner Frau auf mich zu ziehen!“

Da hatte er Recht. Vor allem mit dem Zorn von Steffi – seiner Frau – war nicht zu spaßen.

„Tu es aus Geschwisterliebe. Dafür, dass ich dich nicht verraten habe, als ich dich rauchend hinterm Gartenhäuschen entdeckt habe. Und dafür, dass ich dir Hamburger zugesteckt habe, als Steffi schwanger war und du aus Loyalität ebenfalls kein rotes Fleisch essen wolltest. Dafür, dass ich …“

„Ach du meine Güte, ist ja schon gut!“, lenkte er gequält ein. „Ich versuche es. Die Liste, die jetzt noch kommen könnte, ist ja doch viel zu lang.“

Erleichtert lächelte ich. „Danke! Das weiß ich wirklich zu schätzen. Und zumindest den Zorn von Mama werde ich versuchen nur auf mich zu lenken.“

Das dürfte nicht allzu schwer sein. Ihr zu sagen, dass ich das ausgewählte Kleid potthässlich fand, wäre der erste Schritt in die richtige Richtung.

In meinem Ohr piepte etwas. „Jannis, danke nochmal, aber da ist jemand auf der anderen Leitung. Vielleicht ein Kunde, ich muss Schluss machen, danke dir. Du bist der beste Bruder der Welt!“

„Das werden wir ja noch sehen. Auch, wenn Sven das strenge Polizeiprozedere nicht so ganz eng sieht … es würde mich schon wundern, wenn er einfach so zusagt.“

„Vielleicht ist er einfach ein guter Mensch.“

„Es ist egal, ob er ein guter Mensch ist. Du willst dich in Polizeiangelegenheiten einmischen!“

Vielleicht konnte Jannis ihn ja bestechen? Aber ich wusste es besser, und verkniff mir, das vorzuschlagen. „Versuche es einfach.“

„Schön – und egal, was dabei herauskommt: Du schuldest mir was!“

„Ich weiß. Wir sehen uns Sonntag beim Brunch.“ Ich drückte ihn weg und mit einem leichteren Gefühl ums Herz wechselte ich die Leitung.

„Flower Power, Louisa am Apparat, was kann ich für Sie tun?“, meldete ich mich neuen Mutes und zückte optimistisch einen Kugelschreiber.

„Ähm, hallo“, erklang eine unsichere Stimme durch meine Ohrmuschel. „Gregor Pfenning hier, ich glaube, wir hatten uns gestern kurz gesehen.“

Augenblicklich richtete ich mich auf.

„Herr Pfenning. Natürlich. Ich stand gestern ungebeten bei Ihnen im Wohnzimmer. Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Nun, die Beerdigung meiner Frau wird morgen stattfinden und Sie hatten meinem Bruder Ihre Visitenkarte in die Hand gedrückt …“

Was sagte man dazu? Nicht taktvoll zu sein zahlte sich eben doch aus.

„Ja, das ist richtig. Möchten Sie eine Bestellung aufgeben?“

„Das wäre nett, ja, danke.“

Die Floristin anzurufen, um die Beerdigung seiner Frau zu organisieren, musste schrecklich sein. Dabei hatte ich gehofft, Freude mit meinem Laden zu verbreiten.

„Was haben Sie sich denn vorgestellt?“

„Ich … weiß es ehrlich gesagt nicht.“

Der arme Mann hörte sich selbst übers Telefon so geknickt an, dass es mir schwerfiel, nicht einfach zu rufen: „Ich schenke Ihnen die Blumen, sagen Sie nur, wo ich hin muss.“

Leider verhalfen mir verschenkte Blumen nicht zu einem Dach über dem Kopf.

„Wie wäre es, wenn ich Ihnen einfach eine persönliche Auswahl zusammenstelle? Kränze für die Kirche und langstielige Rosen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen?“

Das war das Standardpaket bei Beerdigungen. Kränze in Weiß und rote Rosen, um sie dem Verstorbenen mit ins Grab zu legen.

„In Ordnung. Die Beerdigung findet morgen Mittag um zwölf statt. Wissen Sie, wo die St. Augustinus Kirche ist?“

Es dauerte keine zehn Minuten, da waren alle Details festgelegt. Ich sollte morgen eine halbe Stunde früher da sein und die Kirche ausstatten.

Beerdigungen machten mich traurig – aber die Chance, dass ich wohl mit jedem Verwandten und Freund von Kathrin reden konnte um herauszufinden, was sie zu verbergen gehabt hatte, ließ meine Haut vor Aufregung prickeln.

Ich fragte mich, ob es Rispo genauso ging oder ob er sich an die Aufregung, bevor man Zugang zu neuen Informationen hatte, gewöhnt hatte. Wichtiger war wohl die Frage: Wie lange würde ich leben, wenn er erfuhr, worum der Polizeichef gebeten worden war?

Das Klingeln der Türglocke kündigte Trudis Ankunft an.

Keine zehn Sekunden später klopfte es, bevor sie sich, ohne auf eine Antwort zu warten, in mein Büro drängte.

„Guten Morgen“, flötete sie und stellte eine frische Fuhre Kekse auf meinen Tisch. „Hast du auch so erholsam geschlafen wie ich?“

Nein, hatte ich wirklich nicht. Ich hatte aber keine Lust, erneut über die Details des gestrigen Abends zu reden, deswegen ignorierte ich die Frage einfach und konzentrierte mich stattdessen auf etwas anderes.

„Wo ist dein T-Shirt, Trudi?“, wollte ich wissen und deutete auf ihre Brust, die mit Zebramuster anstelle des Geschäftslogos geschmückt war.

„In der Wäsche“, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen und wurde noch nicht einmal rot bei dieser so offensichtlichen Lüge.

Ich verdrehte die Augen und stand auf, nur um mich dann wieder zu bücken und unter dem Tisch herzukriechen. „Du hast dein T-Shirt noch kein einziges Mal getragen, warum solltest du es waschen müssen?“ Wahrscheinlich hatte sie es als Lappen benutzt und musste jetzt erst einmal die Flecken entfernen.

„Es ist ungesund, neue Fabrikate direkt zu tragen“, belehrte sie mich und folgte mir in den Verkaufsraum. Es war kurz vor zehn und gleich Zeit zu öffnen.

„Natürlich“, grummelte ich.

Trudi störte es überhaupt nicht, dass ich ihr offensichtlich nicht glaubte, sie lächelte immer noch breit. „Iss erst einmal einen Keks, dann bist du bestimmt fröhlicher.“

Eines musste man dieser Frau lassen: Sie hatte ihre Methoden entwickelt, mit Problemen umzugehen.

Kapitel 7

Um zwei Uhr war Rispo immer noch nicht wutentbrannt in meinen Blumenladen gestürmt, obwohl Jannis sich gemeldet und mir zugesichert hatte, dass der Polizeichef kein allzu großes Problem darin sehen würde, einer besorgten und vertrauenswürdigen Bürgerin ein paar Einblicke in ihre Arbeit zu gewähren. Solange sich das nicht herumsprach und Jannis ihm einen Deal mit einem guten Scheidungsanwalt machen konnte. Aus Rispos Nicht-Anwesenheit schloss ich, dass er entweder so wütend war, dass er Angst hatte, etwas zu tun, was er später bereute oder die Informationen noch nicht weitergereicht worden waren.

So oder so, es hielt mich nicht davon ab, meinen täglichen Mittagskaffee heute mal woanders zu trinken als beim Starbucks direkt neben uns.

Das Finanzamt, in dem Kathrin Pfenning gearbeitet hatte, war eines der hässlichsten Gebäude der ganzen Stadt. Nichtsdestotrotz stand es in einer der Gegenden, in denen die Mietpreise am höchsten waren – Sicht auf den Dom, Sicht auf den Rhein und eine Menge verspiegelter Fensterfronten.

Hier wurden die Aktentaschen eng am Körper getragen und die Nasen hoch in der Luft. Hier wurde das Wort Stil mit schwarzen Bleistiftröcken und Nadelstreifenanzügen geschrieben und das Wort Status auf die Stirn tätowiert – kurzum: Hier war der Ort, an dem Personen wie ich und jeder andere normale Mensch sich nicht wohl fühlten.

Da ich mir noch nicht im Klaren darüber war, was ich mir von meinem Besuch hier versprach, entschied ich mich, tatsächlich erst einmal einen Kaffee zu trinken.

Ich sah mich um und entschied mich dann für einen kleinen Coffee-Shop namens „Beans and Baked Goods“. Für den Namen konnte der kleine Laden ja auch nichts und außerdem konnte man von seinem Schaufenster aus perfekt auf den Eingang des Finanzamtes schauen.

Ich trat ein und wurde sofort von einer wohligen Wärme, dem Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee und einer jungen, hochgewachsenen Barista mit blutroten, lockigen Haaren begrüßt.

Der Laden war bis auf ein paar japanische Touristen komplett leer, weswegen ich nicht erst warten musste, bis ich an der Reihe war.

„Guten Morgen, was hätten Sie denn gerne?“, begrüßte mich die Frau hinter der Theke lächelnd.

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

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Titel: Mordsmäßig unverblümt - Louisa Manus erster Fall