Lade Inhalt...

Neuanfang mit Rockmusik - Rockstar Sommer (Teil 1)

(Rockstar Romance, Chick Lit, Liebesroman)

von Sandra Helinski (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Für Anna wird ein Traum wahr: Eine unverhoffte Erbschaft ermöglicht ihr, ihrem bisherigen Leben in Berlin den Rücken zu kehren und in einem alten Haus mitten im Niemandsland völlig neu anzufangen. Doch nicht nur die Renovierung stellt eine Herausforderung dar, auch die Verwirklichung ihres Traumberufes, Verhaltenstherapeutin für Hunde, läuft nicht ganz reibungslos ab.

Noch dazu kommt ihre beste Freundin Suzi, die bei einem Plattenlabel arbeitet, auf eine wahnwitzige Idee. Sie will Eddi Markgraf, der Sänger von „Damn Silence“, zu Anna schicken, damit er sich bei ihr von seinen gesundheitlichen Problemen erholen kann. Da Anna selber ein großer Fan der Rockband ist, fiebert sie dem Treffen mit ihrem Lieblingssänger schon entgegen – das entwickelt sich jedoch ganz anders als gedacht …

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Juli 2016

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-023-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-027-2

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
Unter Verwendung von Motiven von
© Kevin Carden/123RF.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Instagram

Twitter

Youtube

dp Verlag

1. Kapitel

Seit mehr als zehn Minuten hatte sie nichts anderes mehr gesehen als Wälder und Wiesen. Kein Feld, kein Haus, kein Weg deuteten darauf hin, dass hier in der Nähe Menschen wohnten. Doch sie musste richtig sein. Die Wegbeschreibung, die sie in dem kleinen Dorf vor einer Viertelstunde erhalten hatte, war eindeutig gewesen. Und sie hätte sich auch gar nicht verfahren können. Bisher gab es noch keine Kreuzung, keine Querstraße, nicht einmal eine Einfahrt. Nur diese eine Straße, die sich endlos durch den Wald wand.

Und hier sollte ihre Tante irgendwo ein Haus besessen haben? Anna konnte es kaum glauben. Gut, Tante Elisa war ein Eigenbrötler gewesen. Soweit Anna wusste, ließ sie niemanden an sich heran und ging ihrer Familie weitestgehend aus dem Weg. Deswegen hatte Anna sie bisher auch nur ein einziges Mal gesehen.

Nun war Tante Elisa tot und Anna im Besitz eines Grundstücks in der Nähe von Milmersdorf. Nähe war vielleicht nicht die richtige Bezeichnung, denn Milmersdorf war der Ort, in dem sie vor einer Viertelstunde nach dem Weg gefragt hatte. Mittlerweile war sie auch erstaunt darüber, dass die alte Dame aus dem kleinen Laden ihre Tante Elisa offenbar gekannt hatte. Soweit Anna wusste, hatte Tante Elisa keinen Führerschein gehabt und sie war auch nicht mehr gut zu Fuß gewesen. Oft konnte ihre Tante nicht in Milmersdorf gewesen sein. Andererseits musste sie ja auch irgendwoher ihre Lebensmittel bekommen haben.

Anna war sehr gespannt, was sie erwartete.

Im Radio sang Eddi Markgraf von der Band Damn Silence davon, dass er sich entschieden hatte, seinen eigenen Weg zu gehen und endlich er selbst zu sein. Anna lächelte glücklich und wippte im Takt mit. Dieses Lied brachte es auf den Punkt und sprach Anna aus der Seele. Sie mochte Damn Silence und hatte einige Lieblingslieder, doch dieser Song hatte es ihr besonders angetan. Es war, als wäre er nur für sie geschrieben worden.

Außerdem hatte er ihr in den letzten Monaten nur Glück gebracht.

Als sie vor vier Monaten einen Anruf von Tante Elisas Anwalt erhalten hatte, lief der Song gerade im Radio. Ein paar Tage später, auf dem Weg zur Testamentseröffnung, lief er im CD-Player auf Dauerschleife. Und dort hatte sie dann das Unglaubliche erfahren: Sie war nun stolze Besitzerin eines eigenen Grundstücks mit mehreren Gebäuden und Tante Elisa hatte ihr noch dazu eine riesige Geldsumme hinterlassen, mit der einzigen Auflage, sich um das Grundstück zu kümmern.

Endlich konnte sie etwas an ihrem Leben ändern. Und das war auch dringend notwendig. Sie war völlig überarbeitet und hatte schon länger keine richtige Freude mehr am Leben. Irgendwie hatte sie ihre Träume aus den Augen verloren.

Doch dann kam diese grandiose Nachricht und Anna hatte nicht lange gebraucht, um zu erkennen, welche Möglichkeiten sich ihr damit boten.

Und auch heute sollte der Song Anna Glück bringen. Noch während sie die letzten Takte hörte, fuhr sie an einem verrosteten Zaun vorbei, der ein großes Stück Wald von der Straße abgrenzte. Und dort vorn war auch schon eine Einfahrt zu sehen. Oder vielmehr ein rostiges Tor, welches halb aus den Angeln hing.

Anna stellte den Wagen davor ab, um es zu öffnen. Sie hatte vom Anwalt einen großen Bund mit Schlüsseln erhalten. Wie sich herausstellte, war hier kein Schlüssel notwendig, man konnte das Tor einfach aufschieben. Da Anna das Auto nicht einfach an der Straße stehen lassen wollte, beschloss sie auf das Grundstück zu fahren. Wer wusste schon, wie weit es noch bis zum Haus war, das man von hier nicht sehen konnte. Nicht einmal der Anwalt hatte gewusst, wie groß das Grundstück war, nur dass es sehr weitläufig sein musste.

Langsam fuhr Anna den Schotterweg entlang durch den Wald und schaute dabei aufmerksam nach links und rechts. Dies alles gehörte nun ihr. Jeder einzelne dieser alten Bäume und dichten Sträucher. Es war ein komisches Gefühl, ziemlich angsteinflößend.

Nach etwa zweihundert Metern lichtete sich der Wald und Anna hielt vor einem alten Haus mit graubraunem, bröckelndem Putz. Es wirkte ziemlich groß und abweisend. Rechts davon stand noch ein weiteres Gebäude. Zwischen beiden Häusern befand sich ein schmaler Durchgang.

Sie stellte das Auto ab und atmete tief durch. Dann drehte sie sich um und blickte auf ihr Gepäck, was sich sowohl im Kofferraum als auch auf den hinteren Sitzen stapelte. Ihr ganzes bisheriges Leben war in diesem Auto. Zumindest das, was sie für Wert befunden hatte mitzunehmen. Und jetzt stand sie hier – vor ihrem neuen Zuhause. Den ganzen Weg hierher hatte sie sich Gedanken gemacht, wie das Haus wohl aussehen würde. Beim Anblick ihres Vermächtnisses war sie nun zugegebenermaßen ziemlich schockiert. Doch Umkehren war keine Option. Das hätte nicht zu ihrem Naturell gepasst, denn Anna war immer schon der zielstrebige Typ und zudem ziemlich pragmatisch. Entschlossen öffnete sie daher die Tür und stieg aus.

Sie drehte sich einmal um sich selbst, um alles in sich aufzunehmen und ging dann zielstrebig zwischen den beiden Gebäuden durch. Kurz darauf trat sie auf einen kleinen, gepflasterten Hof, der an drei Seiten von Gebäuden umgeben war. Die vierte Seite, direkt gegenüber des Wohnhauses, war offen und führte zu einer Wiese mit hohem Gras und einigen knorrigen Bäumen, die gerade in voller Blüte standen.

Dem Testament hatte ein Bild beigelegen, auf dem die drei Gebäude zu sehen waren, so wie man sie sah, wenn man hinten auf der Wiese stand. Zumindest, wenn man vor vielleicht fünfzig Jahren da gestanden hätte. Mittlerweile waren die Gebäude in einem mehr als jämmerlichen Zustand. Links schien eine Art Vorratshaus mit mehreren Türen zu sein, die teilweise schon etwas schief in ihren Angeln hingen. Rechts vom Wohnhaus befand sich ebenfalls ein Gebäude mit mehreren Türen, die allerdings in der Mitte geteilt waren. Ein Stall, so vermutete Anna. Dafür sprach jedenfalls, dass neben jeder der vier Türen ein kleiner Ring zum Anbinden der Tiere befestigt war.

Anna öffnete die obere Hälfte einer der Türen und schaute hinein. Sie hatte recht gehabt. Es handelte sich um eine Box mit Heuraufe und Wassertrog. Alles war dreckig und voller Spinnweben. Überall bröckelte der Putz von den Wänden. Im Dach waren mehrere Löcher zu erkennen und der Boden war uneben und ebenfalls löchrig. Hier hatte schon lange kein Tier mehr gestanden. Jedenfalls hoffte Anna das, es hätte ihr sonst sehr leidgetan. Sie war sehr tierlieb. Insgeheim war sie überzeugt, mit Tieren besser umgehen zu können als mit Menschen. Vor allem ihr einjähriges Praktikum im Tierheim direkt nach der Schule hatte ihr gezeigt, wo ihre Stärken lagen und ihr letztlich den Weg in ihr Biologiestudium gewiesen.

Die Türen zum Vorratshäuschen ließen sich nicht öffnen, doch dann fand Anna in ihrem Bund den richtigen Schlüssel und schloss eine davon auf. Sie quietschte widerstrebend und ließ sich nur mit einiger Mühe aufschieben. Dennoch sah es drinnen nicht ganz so schlimm aus, wie Anna auf den ersten Blick vermutet hätte, hier war wenigstens das Dach nicht undicht. Wie der Boden aussah, ließ sich nicht beurteilen, da der ganze Raum bis unter die Decke mit irgendwelchem Krempel vollgestellt war. Anna verließ der Mut. Worauf hatte sie sich hier eingelassen? Sie zog die Tür wieder zu und kratzte ihr letztes bisschen Optimismus zusammen, um sich endlich das Wohnhaus anzuschauen.

Es gab zwei Zugänge – einmal von diesem Innenhof aus und einmal von außen, wo sie ihr Auto abgestellt hatte. Der passende Schlüssel war schnell gefunden, es war der einzige, der etwas weniger verrostet war. Anna schloss die Augen und drehte ihn im Schloss. Die Tür öffnete sich leise knarrend und erstaunlich leichtgängig. Erst jetzt öffnete sie ihre Augen wieder, um das Haus zu betreten.

Während sie es sich Zimmer für Zimmer anschaute, verbannte sie jedes Gefühl und jeden Gedanken in die hinterste Ecke ihres Gehirns. Sorgen machen konnte sie sich später immer noch.

Von außen wirkte das Haus groß. Von innen wirkte es riesig und vor allem sehr verwinkelt. Durch einen Flur mit nach oben führender Treppe kam Anna in ein kleineres Zimmer voller Bücherregale. Sie strich den Staub von den Einbänden und erkannte, dass sich von Romanen über Biografien, Klassikern, Krimis und Lexika alles hier befand. Einziges Mobiliar des Raumes war ein Lehnstuhl mit abgewetztem Stoffbezug und undefinierbarer Farbe. Dieses Zimmer hatte eine zweite Tür, durch die man eine große Küche betrat.

Diese machte einen zwar alten, aber dennoch gut erhaltenen Eindruck. Die Möbel waren aus nussbraunem Holz mit Messing-Griffen. Das Wasser an der Spüle lief auch, wie Anna nach kurzer Überprüfung feststellte. Sie fand sogar einen Kühlschrank, der aber leer und ausgeschaltet war. Der Anwalt hatte erwähnt, dass die Nachlassverwalter jemanden zum Aufräumen geschickt hatten. Mitten in der Küche befand sich ein alter hölzerner Tisch mit ziemlich verkratzter Oberfläche. Um diesen standen sechs Stühle, ebenfalls aus Holz und mit deutlichen Gebrauchsspuren. Vom einzigen Fenster aus konnte Anna den Wald und ihr Auto sehen.

Die Küchenzeile wirkte etwas abstrakt, weil sie nicht durchgehend war, sondern an vier Stellen von weiteren Durchgangstüren unterbrochen wurde. Durch eine hatte Anna gerade eben den Raum betreten. An derselben Wand befand sich noch eine weitere Tür, eine Abstellkammer, wie sie nach einem kurzen Blick feststellen konnte, und an der gegenüberliegenden Wand befanden sich noch einmal zwei Türen. Eine davon führte in einen winzigen Flur mit Außentür. Anna nahm an, dass sie jetzt vor dem anderen Eingang stand, der in Richtung Wald führte.

An den Flur schloss sich ein noch winzigeres Badezimmer an. In dieses Bad waren eine Toilette, ein Waschbecken, eine Badewanne und eine Waschmaschine gestopft. Alles war so eng, dass man sich kaum umdrehen konnte. Aber gut, wenigstens war alles vorhanden. Durch die dritte Tür im Flur gelangte Anna in eine Art Esszimmer, welches ebenfalls an drei Seiten Türen hatte. Mein Gott, hat dieses Haus viele Zimmer, dachte Anna bei sich.

Vom Esszimmer aus kam man sowohl in die Küche zurück als auch in ein weiteres Zimmer mit einem geblümten und ziemlich antik aussehenden Sofa und einem Holzofen, vermutlich das Wohnzimmer.

Und es ging noch weiter. Das nächste Zimmer war ein Schlafzimmer. Es sah nicht ganz so aufgeräumt aus wie der Rest des Hauses, aber auch nicht unordentlich. Das Bett war noch bezogen und eine nachlässig hingelegte Tagesdecke lag am Fußende. Das Schlafzimmerfenster zeigte auf den Innenhof.

Sieben Räume und zwei Flure zählte sie allein im Erdgeschoss. Und es gab mindestens noch eine weitere Etage.

Diese auch noch zu erkunden, dafür fehlte Anna im Moment der Mut. Sie wollte erst einmal das, was sie schon gesehen hatte, verdauen. Also suchte sie sich einen Weg zurück in den Innenhof und setzte sich auf die Stufe vor der Eingangstür. Sie legte ihren Kopf auf die Knie und atmete erst einmal tief durch. Sie spürte, wie die Panik, die sie bisher erfolgreich in Schach gehalten hatte, langsam zurückkehrte.

Was machte sie hier? Was wollte sie sich selbst und der ganzen Welt mit dieser verrückten Idee, ihr bisheriges Leben aufzugeben, beweisen?

Sie hatte alles hinter sich gelassen. Ihre Wohnung war längst neu vermietet, die letzten Tage hatte sie bei ihrer besten Freundin Suzi gewohnt. Vorher hatte sie noch ihren Freund vor die Tür gesetzt und neben der Wohnung auch gleich ihren Job gekündigt. Seitdem war sie unendlich euphorisch gewesen und hatte das Gefühl gehabt, Bäume ausreißen zu können. Zumindest hatte sie nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass das, was sie vorhatte, vielleicht falsch sein könnte. Sie hatte ihren Neuanfang gefeiert, war mit Suzi ausgegangen. Sie waren auf Konzerten und im Kino gewesen, hatten in angesagten Clubs gefeiert und eleganten Theateraufführungen zugeschaut.

Hätte sie die Zeit besser mal darauf verwendet, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen es haben würde, nochmal neu anzufangen! Mit einem Haus, das sie noch nie gesehen hatte, mitten im Niemandsland!

Anna merkte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Sie fing an zu zittern und konnte nur mit Mühe ein Aufschluchzen unterdrücken.

Aber alle Tränen der Welt halfen ihr jetzt nicht weiter. Sie setzte sich wieder etwas aufrechter hin und wischte die Augen trocken.

Sie allein hatte diese Entscheidung getroffen und musste nun auch allein damit klarkommen. Ja, hier wartete ein Haufen Arbeit auf sie, aber war es nicht genau das, was sie immer gewollt hatte? Ein altes Bauernhaus von Grund auf zu renovieren und dann mit vielen Tieren dort zu leben? Nur hatte das Haus in ihrer Vorstellung viel weniger verwahrlost und verfallen gewirkt. In der Realität hatte sie das Gefühl, einer unlösbaren Aufgabe gegenüberzustehen.

Anna schluckte schwer und stand langsam wieder auf. Sie straffte die Schultern, atmete noch einmal tief durch und ging dann um das Haus herum zu ihrem Auto. Nur ganz kurz war sie versucht, einfach einzusteigen und zurückzufahren. Doch sie unterdrückte diesen Impuls und öffnete stattdessen die Beifahrertür.

Als Erstes suchte sie in ihrer Handtasche nach ihrem MP3-Player. Sie setzte die Kopfhörer auf und stellte das Gerät an. Augenblicklich war Eddi Markgraf bei ihr und sang sich mit seiner tiefen Stimme direkt in ihre Gedanken. Seine Worte machten ihr sofort wieder Mut. Jetzt war sie bereit, auch das obere Geschoss des Hauses zu erkunden.

Im Takt der Musik schritt sie die Treppe hoch in den ersten Stock und lief auch dort durch alle Zimmer. Es gab hier einen großen Flur, ein Badezimmer, das direkt über dem Bad im Erdgeschoss lag, aber mehr als doppelt so groß war, und weitere fünf Zimmer. Das einzig Bemerkenswerte am ersten Stock war, dass alles hier so aussah, als sei seit mehreren Jahren niemand mehr hier gewesen. Es fühlte sich etwas unheimlich an, durch diese Räume zu gehen, in denen auf den spärlichen Möbeln eine zentimeterdicke Staubschicht lag.

Doch der erste Stock war nicht alles gewesen, was das Haus zu bieten hatte. Es ging sogar noch höher hinauf bis ins Dach, dieses war jedoch, bis auf ein abgeteiltes Zimmer voller Kisten, nicht ausgebaut.

Unten angekommen, setzte sich Anna wieder auf die Treppe. Sie schloss die Augen, lauschte der Musik und ließ die Sonne auf ihr Gesicht scheinen.

Das Haus war wirklich groß. Außerdem war es mit all diesen kleinen Durchgangszimmern vollkommen verbaut. Aber dennoch würde sie hier bleiben, diese Entscheidung hatte sie längst getroffen.

Sie nutzte also die kurze Pause, um sich zu überlegen, was sie als Nächstes tun wollte. Es war schon Nachmittag und Hunger hatte sie auch. Ursprünglich wollte sie das Haus nur besichtigen und dann im Dorf irgendwo etwas essen gehen. Als sie vorhin durchgefahren war, hatte sie jedoch bis auf den kleinen Laden, in dem sie nach dem Weg gefragt hatte, weder ein Restaurant noch eine Kneipe oder etwas Ähnliches gesehen. Sie musste sich wohl selbst versorgen.

Also stand sie schließlich auf, streckte sich ausgiebig und ging dann zu ihrem Auto, um auszupacken. Sie trug ihre Koffer und Taschen nach und nach in die große Küche.

Sie hatte auch einen Schlafsack dabei. In Tante Elisas Bett wollte sie nicht schlafen, also breitete sie ihn auf dem alten Sofa aus. Als das Auto leer war, knurrte ihr Magen schon vernehmlich. Also musste sie wohl oder übel zurück ins Dorf fahren und hoffen, dass der Laden noch offen war.

2. Kapitel

„Wie schön, dass Sie mich so schnell wieder besuchen kommen. Gefällt Ihnen das Haus?“

Anna hatte gerade den Laden betreten in dem sie vorher bereits nach dem Weg gefragt hatte, als die alte Dame, die vorhin schon dort gewesen war, sofort anfing zu reden. Anna brauchte einen Moment, um sich zu fassen und auf ihre Frage zu antworten.

„Äh, ja, danke. Es ist ziemlich groß.“

Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Sie konnte einer Wildfremden schließlich nicht all ihre Ängste und Sorgen offenbaren. Doch diese hatte offenbar gehört, was sie hören wollte und fuhr schon in ihrem Redeschwall fort.

„Ja, es muss riesig sein, nach allem, was man so hört. Sie hätten das Haus vor fünf, sechs Jahren sehen sollen. Damals, als es Ihrer Tante noch gut ging … Sie hatte bestimmt fünfzehn Angestellte, ein paar davon sollen sogar mit ihr in dem Haus gewohnt haben. Jedenfalls war dort immer eine Menge los. Alle, die mal da waren, haben davon geschwärmt, wie toll es dort gewesen ist. Ich selbst war ja nie da, aber die Frau Lichtenbühler, die hat für die alte Elisa immer die Wäsche gemacht, hat mir immer alles genau erzählt.“

Anna beschloss, den Redefluss der alten Dame zu unterbrechen, indem sie sie nach dem Preis für eine Packung Würstchen fragte. Doch diese ließ sich nicht so leicht unterbrechen.

„Später dann, als es ihr schlechter ging, freilich, da blieb ihr nur noch der alte Karl. Aber der hat immer zu ihr gehalten und sich um alles gekümmert – ein Euro fünfundneunzig Cent, heute im Angebot.“

Anna blickte verwundert auf. Die Dame nickte zu der Packung in Annas Hand. Ach ja, die Würstchen.

„Hat Tante Elisa auch immer bei Ihnen eingekauft?“ Anna beschloss, jetzt einfach neugierig nachzufragen. Nebenbei räumte sie ein Brot, etwas Butter, die Würstchen und eine Flasche Ketchup in ihren Einkaufskorb.

„Was? Nein. Der alte Karl hat immer für sie mit eingekauft. Wenn Sie mich fragen, war der nicht einfach ihr Stallbursche, der hat sich noch für ganz andere Dinge interessiert …“

Wieder war Anna irritiert. War dieser Karl etwa ein Dieb und hatte sich für Wertgegenstände oder so interessiert?

Doch es war etwas ganz anderes.

„Der war in Elisa verschossen, sag’ ich Ihnen.“

Theatralisch warf die Dame die Arme hoch und rollte mit den Augen. „Anders kann man das gar nicht erklären, was der alles für sie gemacht hat.“

Langsam begann Anna, sich für diesen Karl zu interessieren. Vielleicht konnte er ihr ein bisschen was über ihre Tante erzählen und lüftete sogar das Geheimnis, warum ausgerechnet sie als Erbin eingesetzt worden war.

So beiläufig wie möglich fragte sie: „Wo wohnt denn dieser Karl?“

„Wollen Sie ihn besuchen? Das ist aber lieb! Ist ganz einfach zu finden. Fahren Sie einfach bei sich die Straße weiter. Nach zwei oder drei Kilometern kommen Sie dann automatisch zu seinem Haus. Brauchen Sie eine Tüte?“

Diese abrupten Themenwechsel brachten Anna aus dem Konzept. Sie blickte auf ihren nun vollen Einkaufskorb. Mittlerweile lagen auch noch Eier, Quark und ein paar Brötchen darin. Sie packte noch eine Salami dazu und eine Packung Würfelzucker. Dann trug sie alles zur Kasse.

Während sie die Einkäufe in die erstaunlich moderne Kasse eintippte, erzählte die alte Dame weiter Geschichten von damals, als Tante Elisa noch voll da und gut zu Fuß war. Ihre Tante war wohl eine kleine Berühmtheit hier in Milmersdorf gewesen.

Anna summten die Ohren, als sie aus dem Laden in die Sonne trat, die mittlerweile schon recht tief stand. Ihr Magen grummelte immer noch recht vernehmlich. Um nicht endgültig zu verhungern, aß sie schon auf der Fahrt ein Brötchen und ein kaltes Würstchen.

Diesen Karl musste sie unbedingt einmal besuchen, um mehr herauszufinden. Aber nicht heute. Für heute hatte sie genug erlebt.

Sie schaffte die Einkäufe ins Haus und machte sich erst einmal eine Tasse Tee. Dann probierte sie, ob der Kühlschrank funktionierte. Zum Glück war das der Fall, denn sie hatte ja einige verderbliche Ware eingekauft.

Sie nahm sich noch etwas zu essen und verzog sich mit ihrer Tasse nach draußen auf die Treppe. Dies konnte ihr neuer Lieblingsplatz werden, auch wenn die Sonne mittlerweile schon so tief stand, dass sie die Stufen nicht mehr erreichte. Sie blieb einfach eine Weile dort sitzen und genoss die Stille, den wärmenden Tee in ihrer Hand und das Gefühl, endlich wieder etwas im Magen zu haben. Dann wappnete sie sich innerlich für die letzten Aufgaben des heutigen Tages: Sie musste ihre Eltern und Suzi anrufen.

Zuerst die schwierigere Aufgabe, beschloss sie für sich selbst und wählte die Nummer ihrer Eltern. Seit sie von der Erbschaft erfahren hatten, gab es Streit mit ihrem Vater. Und dass sie ihr bisheriges Leben einfach so aufgegeben hatte, konnte er überhaupt nicht verstehen. Er war so enttäuscht gewesen, als sie sich von ihrem Freund Marco getrennt hatte. Marco war in den Augen ihres Vaters der ideale Schwiegersohn gewesen. Er konnte anpacken und war handwerklich begabt. Außerdem hatte er sehr hohe materielle Ziele gehabt. Emotionen spielten hingegen nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Genau das war es, was Anna an Marco so gestört hatte. Nur konnte ihr Vater dies absolut gar nicht nachvollziehen.

Zwischen ihr und ihrem Vater herrschte nun schon seit fast zwei Monaten Funkstille. Ihre Mutter hielt sich raus, fand es aber sehr schade, dass Anna sich so von ihnen entfernte, denn eigentlich hatten sie immer ein sehr gutes Verhältnis zueinander gehabt.

Es klingelte ein paar Mal, dann ging schließlich ihre Mutter an den Apparat. Anna konnte sich lebhaft vorstellen, wie es gerade bei ihren Eltern zuhause abgelaufen war. Ihr Vater war zum Telefon gegangen, da normalerweise er die Telefonate annahm, hatte gesehen, wer anrief und den Apparat an ihre Mutter weitergereicht. Sie hatten ein wenig diskutiert, dann hatte ihre Mutter schließlich abgenommen.

„Hallo Kleines, schön, dass du dich meldest!“

„Hallo Mama, ich wollte nur sagen, dass ich jetzt bei Tante Elisas Haus angekommen bin.“

Stille am anderen Ende.

Was hatte ihre Mutter erwartet? Dass sie es sich anders überlegt hatte?

Dann meldete sich ihre Mutter wieder. „Das ist schön. Und? Ist es so toll, wie alle immer sagen? Tante Elisa muss unheimlich reich gewesen sein. Da muss sie ja einen Palast besessen haben.“

Anna zog beide Augenbrauen hoch. Wie kam ihre Mutter denn darauf? Dann dachte sie an die Summe, die sich seit ein paar Wochen auf ihrem Konto befand und musste ihrer Mutter zumindest darin zustimmen, dass Tante Elisa wohl nicht arm gewesen war. Wenn man sich aber das Haus hier anschaute, hatte sie in den letzten Jahren nicht mehr viel Geld in die Instandhaltung gesteckt.

„Es ist zumindest sehr groß“, antwortete Anna zurückhaltend. Irgendwie widerstrebte es ihr, ihrer Mutter ehrlich zu sagen, wie es hier aussah. Das Thema Tante Elisa war in ihrer Familie eine Art Tabu.

Tante Elisa war die älteste Tochter ihrer Oma väterlicherseits. Die Oma hatte Elisa mit in ihre zweite Ehe gebracht, Annas Vater war also nur ein Halbbruder von Tante Elisa. Er hatte sich auch nie besonders für seine älteste Schwester interessiert. Zu groß waren der charakterliche und auch der Altersunterschied gewesen. Deshalb hatte Anna ihre Tante, soweit sie sich erinnern konnte, auch nur einmal gesehen. Annas Mutter kannte Tante Elisa gar nicht. Bei dem damaligen Familientreffen war sie krank gewesen und konnte deshalb nicht mitkommen.

Damals hatte sie nicht allzu viel Gelegenheit gehabt, sich mit Tante Elisa zu unterhalten. Aber es hatte offenbar gereicht, die alte Dame davon zu überzeugen, dass Anna die richtige Erbin für ihr Haus war.

Sie redete mit ihrer Mutter noch ein bisschen über Belanglosigkeiten, dann beendete Anna das Gespräch wieder.

Es machte sie immer etwas traurig, wenn sie mit ihrer Mutter redete. Früher waren sie so was wie die besten Freundinnen gewesen, aber da hatte Anna auch immer getan, was von ihr erwartet wurde. Seitdem sie beschlossen hatte, ihren eigenen Weg zu gehen, war sie seitens ihres Vaters auf totales Unverständnis gestoßen. Er hätte lieber einen Jungen gehabt und so musste Anna dessen handwerkliche Fähigkeiten erlernen, alles können, was ihr Vater konnte. Als sie dann anfing, selbstständiger zu entscheiden und zu handeln und sich so immer mehr von seinen Idealen entfernte, litt das Verhältnis zunehmend. Und ihre Mutter fühlte sich irgendwie gezwungen, sich auf seine Seite zu stellen. Gut, das war vielleicht sogar nachvollziehbar. Aber Anna war trotzdem enttäuscht.

Vielleicht verbessert sich unser Verhältnis ja bald wieder, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Sobald klar war, was sie mit ihrem neuen Leben anfangen wollte, würde ihr Vater einsehen müssen, dass auch ein anderer Weg als seiner richtig sein konnte.

„Hoffentlich ist bald klar, was ich mit diesem neuen Leben anfangen will“, sagte sie laut vor sich hin und erschrak vor ihrer eigenen Stimme.

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, sich selbst damit aufzuheitern, dass sie ihre geliebte Freundin Suzi anrief. Suzi hieß mit Nachnamen Fröhlich und machte diesem Namen auch alle Ehre. Aus Spaß nannte Anna sie oft „Suzi Sonnenschein“.

Sie trank ihren letzten Schluck Tee und wählte Suzis Nummer. Ihre Freundin nahm gleich nach dem zweiten Klingeln ab.

„Hey, Anna-Schatz, endlich! Hab mir schon Sorgen gemacht! Und? Wie ist es?“

Annas Miene hellte sich sofort wieder auf, als sie Suzis Stimme hörte.

„Na ja, ziemlich verwahrlost.“

Bei ihrer Freundin konnte sie ehrlich sein.

„Aber es ist riesig und es hat echt Potenzial. Stell’ dir vor, hier gibt es sogar Ställe.“

Suzi quietschte am anderen Ende begeistert auf.

„Echt? Wahnsinn! Dann kannst du dir ja ein eigenes Pferd anschaffen. Genug Geld hast du ja jetzt. Mensch, ich beneide dich total!“ Suzi war ein echter Pferdenarr.

„Mal langsam! Das Geld ist für die Instandsetzung des Hauses vorgesehen“, versuchte Anna ihre Freundin zu bremsen. Doch da war nichts zu machen.

Sie hörte Suzi lachen. „Wer braucht denn so viel Geld für ein paar Renovierungsarbeiten? Da bleibt bestimmt noch genug für dich übrig.“

Anna musste nun auch lachen. Das war typisch Suzi. Von so viel positivem Denken würde Anna sich gern eine Scheibe abschneiden.

„Also, ich denke, mit Renovierung ist es hier nicht getan. Eher mit Grundsanierung.“

Sie verdrehte die Augen bei dem Gedanken an die viele Arbeit, die hier auf sie wartete.

Aber Suzis Optimismus war nicht zu bremsen.

„Hey, wer wird denn gleich so schwarzmalen? Da holst du dir erst mal jemanden, der vom Bauen Ahnung hat und lässt dir abschätzen, was alles gemacht werden muss. Dann hast du zumindest einen Plan. Aber mal was anderes: Lust auf ein Konzert? Ich hab’ Karten.“

Suzi hatte es mal wieder geschafft: in Nullkommanichts hatte sie Anna aufgeheitert. Ihre Vorschläge waren wirklich Gold wert. Und mit Suzi auf ein Konzert zu gehen, war ein Erlebnis, dass man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Damn Silence?“, fragte sie wider besseren Wissens hoffnungsvoll.

„Mensch Anna“, seufzte Suzi. „Du weißt doch, dass die nächsten Konzerte seit Ewigkeiten ausverkauft sind. Und die VIP-Tickets waren auch alle sofort weg. Da hatte ich keine Chance.“

Suzi arbeitete bei Universal Music und hatte so die besten Beziehungen, an Karten für alle möglichen Sänger und Bands zu kommen. Manchmal bekam sie sogar VIP-Tickets, mit denen man zu allen Bereichen, auch Backstage, Zugang hatte. Aber Damn Silence war eben sehr beliebt und Suzi betreute die Band auch nicht direkt, so dass sie praktisch keine Chance hatte, an deren begehrte VIP-Tickets zu kommen. Aber immerhin waren sie schon auf zwei Konzerten mit den normalen Tickets gewesen.

Trotzdem war Anna ein bisschen enttäuscht.

„Hey, ich hab aber auch zwei Schätze hier, fast so gut wie Damn Silence“, versuchte Suzi ihre Freundin mit ihrer Begeisterung anzustecken.

„Niemand ist so gut wie Damn Silence“, warf Anna ein.

Sie war jetzt aber doch neugierig, welches Konzert Suzi meinte. Doch die hatte beschlossen, ihre Freundin ein bisschen auf die Folter zu spannen: „Und jetzt rate!“

„Oh Suzi. Ich hasse das. Das weißt du!“, stöhnte Anna.

„Rate trotzdem!“

Anna verdrehte die Augen. Das sah Suzi natürlich nicht, also tat sie ihrer Freundin den Gefallen. Zumindest zum Schein. Sie riet die unwahrscheinlichsten Bands, die ihr einfielen, nur um Suzi ein bisschen zu ärgern.

„Die Beatles?“

„Anna! Die gibt es nicht mehr!“

Anna kicherte und machte weiter.

Bon Jovi.“

Das war Suzis Lieblingsband und ihr Traum war es, eines Tages auf ein Bon Jovi-Konzert zu gehen, was sie trotz aller Beziehungen bisher nicht geschafft hatte. Anna bekam die erhoffte Reaktion.

„Oh Anna, das war echt gemein!“

„Dann sag’ mir doch einfach, wohin du gehen willst.“

„Du meinst, wohin wir gehen wollen“, korrigierte Suzi sie. Das „Wir“ betonte sie dabei besonders.

Anna musste lachen. Ihre Freundin war wirklich unglaublich. Doch schließlich rückte Suzi mit der Sprache raus: „Ich habe Karten für Silbermond!“

Ja, da hatte Suzi wirklich zwei echte Schätze, wie sie sich selbst ausgedrückt hatte. Silbermond war Annas Lieblingsband gewesen, bevor sie Eddi in dieser Fernsehshow gesehen hatte und dadurch auf Damn Silence aufmerksam wurde.

„VIP-Tickets?“

„Leider nicht. Tut mir leid.“

Anna lächelte. „Kein Problem. Ich freue mich auf das Konzert. Wann gehen wir hin?“

„Am übernächsten Freitag. Ich dachte, du kommst schon früh zu mir und übernachtest danach auch hier. Dann machen wir beide uns mal wieder einen schönen gemeinsamen Tag.“

Sie redeten noch eine Weile über dies und das, hauptsächlich über Suzis Arbeit. Anna fand es sehr interessant, was Suzi jeden Tag erlebte.

Nachdem sie aufgelegt hatte, fühlte Anna sich so gut wie schon lange nicht mehr. Sie war plötzlich voller Tatendrang und hätte am liebsten sofort mit der Renovierung angefangen. Draußen ging die Sonne gerade unter, doch Anna nutzte das verbliebene Licht noch für eine erste Bestandsaufnahme.

Als es zu dunkel geworden war, ging sie in die Küche und holte ihren Laptop heraus. Sie wollte sich eine Liste mit Dingen machen, die zu tun und zu besorgen waren.

Sie musste auf jeden Fall jemanden finden, den sie wegen der notwendigen Baumaßnahmen am Haus fragen konnte. Und sie brauchte Internet.

Anna lebte mit der Philosophie, dass das Internet auf alle Fragen eine Antwort kannte. Das kam gleich auf die Liste: Internetanschluss besorgen. Und ein Festnetztelefon brauchte sie auch. Sie wollte sich als erstes ein Büro, das Wohnzimmer und ein Schlafzimmer herrichten. Auch die Küche musste wieder in Schuss gebracht werden, ebenso wie eines der Badezimmer.

Der Einfachheit halber und weil die Küche sowieso unten war, suchte sie sich passende Zimmer im Erdgeschoss aus. Die Entscheidung war schnell getroffen. Die Küche und das Bad standen ja sowieso fest.

Das bisherige Schlafzimmer sollte auch ihr Schlafzimmer werden, dann konnte sie die beiden Durchgangszimmer davor als Wohnzimmer und Büro nutzen. Sie machte sich noch eine Liste mit Dingen, die sie für die Einrichtung dieser Zimmer brauchen würde. Eine Frage war, ob sie Tante Elisas Bett behalten sollte. Sie mochte es eigentlich nicht, in fremden Betten zu schlafen. Außerdem hatte Tante Elisa wohl eine Vorliebe für dunkelbraune und sperrige Möbel gehabt, das Bett war ein Musterbeispiel dafür.

Also schrieb sie als erstes „Bett“ in eine Liste, die „Möbelhaus“ hieß. Auch die Schränke im Schlafzimmer fand sie viel zu dunkel und klobig. Im Wohnzimmer stand eine Kommode, die zwar auch dunkelbraun war, aber ihr wirklich gefiel. Die wollte sie behalten. Ob sie das Sofa auch austauschen wollte, würde sie nach dieser Nacht entscheiden. Wenn es bequem war, behielt sie es lieber, es sah ziemlich wertvoll aus.

Die Küche konnte bleiben, wie sie war. Sie strahlte eine Gemütlichkeit aus, die alten Küchen manchmal zu eigen ist.

Zuletzt stand sie im Bad. Das gefiel ihr gar nicht, es war so klein und vollgestopft. Da konnte man sich nicht wohlfühlen. Doch sie wusste auf die Schnelle nicht, wie sie das ändern konnte. Also musste es erst einmal so bleiben.

Es war schon spät geworden, als Anna ihren Laptop zuklappte. Ihr schwirrte der Kopf, aber sie fühlte sich immer noch gut. Gut, aber total erschöpft. Also trug sie ihr Zahnputzzeug und ein Handtuch ins Bad und wusch sich notdürftig. Dann fiel sie müde auf das Sofa und wickelte sich in ihren Schlafsack.

Obwohl sie so müde war, konnte sie nicht einschlafen. Zu viele Gedanken waren in ihrem Kopf und wirbelten durcheinander. Außerdem war ihr alles fremd hier. Die fehlenden Geräusche, die fremden Gerüche und vor allem die Dunkelheit machten ihr zu schaffen. In ihrer Wohnung in Berlin hatte immer eine Straßenlaterne direkt in ihr Schlafzimmer geschienen. Außerdem tat ihr schon nach kurzer Zeit auf dem Sofa der Rücken weh. Schließlich setzte sie sich wieder auf, krabbelte aus dem Schlafsack und zog mitsamt Kissen ins Schlafzimmer um. Sie warf das alte Bettzeug auf den Boden, der Rest war ihr gerade herzlich egal. Sie wollte nur noch schlafen. Das Bett war auf jeden Fall wesentlich bequemer als das Sofa. Sie brauchte diesmal nur ein paar Minuten, bis sie im Land der Träume angekommen war.

3. Kapitel

Als Anna am nächsten Morgen die Augen aufschlug und sich aufsetzte, brauchte sie einige Zeit, um zu realisieren, wo sie war und warum. Als es ihr einfiel, legte sie sich spontan wieder hin. Sie konnte tun, was sie wollte. Niemand drängelte sie, sie hatte keine Termine. Selbst wenn sie den ganzen Tag hier im Bett bleiben würde, niemand würde sie dafür schelten.

Doch dann bleibt hier alles so, wie es ist, ermahnte sie sich selbst. Sie hatte gut geschlafen und war voller Tatendrang. Also stand sie schließlich doch auf.

Barfuß und frierend tapste sie ins Bad. Es war ziemlich kalt im Haus. Es war zwar schon Mai, aber über Nacht kühlte es doch noch stark ab. Sie musste unbedingt herausfinden, wie man die Heizung anstellen konnte.

Beim Frühstück überlegte sie, was sie als Erstes machen wollte. Dabei fiel ihr wieder ein, was die Frau aus dem kleinen Laden über diesen Stallburschen von Tante Elisa gesagt hatte. Vielleicht kannte er sich ein bisschen mit dem Haus aus und konnte ihr zumindest mit der Heizung weiterhelfen.

Also stieg sie nach dem Frühstück in ihr Auto und fuhr es auf die Straße hinaus, in der Hoffnung, diesen Karl trotz der mehr als dürftigen Wegbeschreibung zu finden. An der Straße bog sie rechts ab, links ging es zurück nach Milmersdorf. Der Weg schlängelte sich weiter durch den Wald. Nichts machte hier den Eindruck, als ob noch mehr Menschen in dieser Gegend leben würden.

Nach etwas über zwei Kilometern tauchte endlich ein Haus hinter den Bäumen auf. Anna parkte direkt am Straßenrand und suchte an der kleinen Zufahrt eine Klingel. Sie fand schließlich einen Pfosten, der fast vollständig mit Efeu zugewachsen war und sowohl den Briefkasten als auch eine Klingel beherbergte. „K. Lehmann“ stand handgeschrieben an der Klingel. Sie drückte fest und lange darauf.

Doch es tat sich nichts. Vielleicht war er nicht da. Anna überlegte, was sie jetzt tun sollte. Von ihrem Standpunkt aus konnte sie sehen, dass man links am Haus vorbei in den Garten gehen konnte. Sie beschloss, es darauf ankommen zu lassen und begab sich vorsichtig nach hinten. Dabei rief sie immer wieder nach Herrn Lehmann, um ihn nicht zu erschrecken. Er bekam hier bestimmt nicht oft Besuch.

Hinter dem Haus erstreckte sich ein kleiner, gepflasterter Innenhof, ähnlich wie bei ihrem Haus. Auf der rechten Seite war ein kleines Nebengebäude, in dem Anna es nun klappern hörte.

Sie rief noch einmal laut: „Hallo, Herr Lehmann?“

Da streckte ein alter, grauhaariger Mann den Kopf aus der halb offen stehenden Tür.

„Ja?“

Anna ging lächelnd und mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Nebenbei registrierte sie, dass er zwar alt, aber noch sehr vital wirkte. Er trug eine abgetragene blaue Hose und ein rostfarbenes Holzfällerhemd, beides ziemlich staubig und voller Tierhaare. Den Grund dafür hörte sie in eben diesem Moment im Nebengebäude wiehern.

Karl Lehmann kam heraus und schüttelte Anna die Hand.

„Hallo Herr Lehmann, ich bin Anna Diemer, die Nichte von Elisa Reichert.“

Er lächelte erfreut, als sie sich vorstellte.

„Ach, du bist die Anna? Elisa hat mir von dir erzählt. Wie kann ich dir helfen?“

Merkwürdig, Tante Elisa hatte diesem Mann von ihr erzählt? Sie hatte sie doch gar nicht richtig gekannt. Was konnte sie also erzählt haben? Und warum verwendete er so vertraut das Du, obwohl er sie doch noch nie im Leben gesehen hatte? Sie beschloss, trotzdem beim Sie zu bleiben.

„Eine ältere Dame in dem kleinen Laden in Milmersdorf hat mir erzählt, dass Sie bei meiner Tante gearbeitet haben und sie wohl auch ganz gut kannten.“

Der alte Mann nickte und bekam einen träumerischen Ausdruck. Dann bot er Anna erst einmal einen Kaffee an. Sie lief ihm nach ins Haus und setzte sich auf den angebotenen Stuhl.

Während er sich an der alten Kaffeemaschine zu schaffen machte, schwieg er. Erst als er sich mit zwei dampfenden Tassen in der Hand ihr gegenüber setzte, fing er an zu erzählen.

„Ja, du hast recht. Ich habe erst als Stallbursche für Elisa gearbeitet und später habe ich mich dann um alles gekümmert, was so anfiel. Weißt du, in den letzten Jahren war deine Tante nicht mehr bei so guter Gesundheit und konnte nicht mehr allzu viel selbst machen. Ich habe dann für sie ein bisschen sauber gemacht und eingekauft und mich auch um ihre Tiere gekümmert. Zum Schluss freilich konnte sie gar nichts mehr machen, da sollte ich die Tiere alle verkaufen. Nur Mona habe ich behalten.“ Wieder driftete sein Blick ein wenig in die Ferne.

Wer war Mona? Vielleicht das Pferd, das sie vorhin gehört hatte? Sie fragte nach.

Lehmann nickte. „Ja, Mona war Elisas Liebling. Sie hatte sie, seitdem sie ein Fohlen war. Jetzt ist sie auch schon alt, aber sie ist noch sehr fit. Willst du sie mal sehen?“

Anna nickte. Als der Alte gleich aufspringen wollte, hielt sie ihn mit einer kleinen Geste zurück.

„Ich dachte, Sie könnten mir vorher vielleicht etwas über meine Tante erzählen. Wissen Sie, ich habe sie nicht so gut gekannt.“

Er lächelte sie an. Dieses Lächeln vertiefte all die Falten um seinen Mund und seine Augen und ließ ihn unheimlich sympathisch wirken. Er dachte eine Weile nach, nahm einen Schluck Kaffee, dann räusperte er sich.

„Nun ja. Also, deine Tante war eine sehr schöne, gebildete Dame mit den besten Manieren. Und sie hatte ein großes Herz für alle, denen es nicht so gut ging – Menschen und Tiere. Als es ihr noch gut ging, war in ihrem Haus stets Leben, sie hatte Pflegekinder da, die in einem Heim nicht klargekommen wären. Und jedes kranke, alte oder verletzte Tier nahm sie auch noch auf. Es gab immer viel zu tun bei deiner Tante. Aber ich glaube, gerade das hat diesen Kindern auch geholfen, mit dem Leben klarzukommen. Sie hatten ihre Aufgaben und wurden behandelt wie jeder andere auch. Ohne deine Tante hätten sie es wohl nie geschafft im Leben, aber soweit ich weiß, führen alle heute ein gutes und selbstständiges Dasein abseits von Drogen und Kriminalität. Das hätte Elisa auch nie geduldet. Selbst nachdem die Kinder ausgezogen waren, besuchte sie sie regelmäßig oder lud sie zu sich ein. Und wehe dem, der nicht brav zur Arbeit ging oder seine Ausbildungsstelle besuchte. Dem las Elisa dermaßen die Leviten, dass er sich hinterher nie wieder traute, auffällig zu werden. Ja, ohne Elisa wäre die Welt ein ganzes Stückchen schlechter gewesen.“

Anna hatte erstaunt zugehört. Diese Neuigkeiten waren in ihrer Familie, in der meistens über alles und jeden getratscht wurde, nicht bekannt. Elisa hatte sich also um Kinder und Tiere, die niemand mehr haben wollte, gekümmert? Das erklärte zumindest die vielen Zimmer in ihrem Haus.

Der Kaffee war ausgetrunken und sie gingen gemeinsam nach draußen zu dem Nebengebäude, aus dem der Alte vorhin rausgekommen war. Er bat sie, ihm zu folgen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, doch dann sah sie, dass ein Teil des Gebäudes notdürftig mit einer Stellwand abgetrennt war. Dahinter kam ein weißer Pferdekopf zum Vorschein.

„Hallo Mona, weißt du, wer uns heute besuchen kommt? Das ist Anna, die Nichte von Elisa.“ Während er sprach, kraulte der Mann die Stirn des Pferdes, welches genießerisch die Augen schloss. Dann legte es auch noch seinen Kopf auf die Schulter des Alten, der unter dem Gewicht ein Stück zusammensackte. Die beiden sahen sehr vertraut miteinander aus.

Anna ging langsam näher und streichelte vorsichtig die weiche Nase des Pferdes. Mona prustete sie an.

„Sie mag dich“, kam es jetzt unvermittelt von dem alten Mann. „Sollen wir sie mal rausholen?“

Ohne Annas Antwort abzuwarten, nahm er ein Halfter von der Wand und legte es Mona um. Dann öffnete er die Stellwand und zog das Pferd mit sich nach draußen. Er band die Stute nicht fest, aber die blieb einfach in der Sonne stehen und ließ sich bewundern. Man sah deutlich, dass sie schon älter war. Die Knochen stachen an einigen Stellen hervor und auch das weiße Fell war nicht mehr so glänzend, wie es einst gewesen sein musste. Dennoch strahlte sie eine Würde und Haltung aus, die sie um vieles jünger wirken ließen als sie sein musste.

„Ich würde sie gern einmal putzen“, rutschte es Anna heraus. Dieser Gedanke war ihr gerade durch den Kopf gegangen und sie wurde rot, als sie merkte, dass sie ihn laut ausgesprochen hatte. Das klang ja so, als fände sie, er würde die Stute nicht richtig pflegen.

Doch Karl Lehmann verstand es wohl richtig, denn seine Miene hellte sich noch weiter auf und er ging gleich noch einmal in den Schuppen, nur um dann wenige Augenblicke später mit einem Eimer voller Putzsachen herauszukommen.

„Da freut sie sich sicher. Sie liebt es, geputzt zu werden. Du kannst sie auch gern reiten, wenn du willst. Sie ist sehr brav.“

Anna freute sich über das Angebot, war aber auch verwundert. Warum bot er ihr das an? Sie nahm einen Striegel in die Hand und rieb damit in großen Kreisen über den Hals der Schimmelstute.

Anna war so versunken in die Arbeit, dass sie das Schweigen des alten Mannes erst spät bemerkte. Sie schaute zu ihm. Er sah traurig aus. Und so, als ob ihm etwas auf dem Herzen lag, aber er sich nicht traute, es zu sagen. Ihr Blick gab offenbar den Ausschlag, denn er hustete kurz und sagte dann mit leiser Stimme: „Du kannst sie gleich mitnehmen, wenn du willst.“

Anna war erstaunt. „Wen, die Stute? Warum?“

„Sie gehört dir, zusammen mit allem, was Elisa gehört hatte. Ich habe mich nur um sie gekümmert, weil Elisa es nicht mehr konnte. Ich würde mich auch gern weiter um sie kümmern, aber ich sehe ja, dass du Pferde liebst und du möchtest sie bestimmt zurückhaben, oder?“ Das letzte Wort hatte er beinahe geflüstert.

Jetzt verstand Anna. Er hatte Angst, dass sie ihm seine geliebte Mona wegnehmen könnte. Klar, es wäre super, gleich ein Pferd zu haben. Aber selbst wenn Mona rechtlich gesehen ihr gehörte, so konnte sie doch nicht den alten Mann von diesem Pferd trennen. Das würde ihm das Herz brechen, das sah Anna ein. Wahrscheinlich war Mona so etwas wie eine lebende Erinnerung an Elisa für ihn. Sie überlegte krampfhaft, wie sie ihn beruhigen könnte.

„Ähm, Herr Lehmann …“

„Nenn’ mich doch bitte Karl. Jeder hat das immer so gemacht. Herr Lehmann klingt so alt.“ Trotz seiner traurigen Stimmung musste er kurz kichern.

„Okay, also Karl.“ Sie räusperte sich kurz. „Ich … ich würde mich freuen, wenn Sie sich weiter um Mona kümmern würden.“

Er blickte sie erst ein bisschen ungläubig und dann sehr erfreut an.
„Wirklich?“

„Ja. Es stimmt schon, ich hätte gern ein Pferd.“ Sie dachte kurz über eine möglichst glaubwürdige Erklärung nach. „Aber ich bin gestern erst angekommen und im Haus ist noch so viel zu tun. Da habe ich gar keine Zeit für ein Pferd. Außerdem glaube ich, dass Mona auch gern hier bei Ihnen bleiben würde.“

Jetzt strahlte Karl über das ganze Gesicht. Dann trat er dicht an Mona heran und flüsterte ihr ins Ohr: „Siehst du, altes Mädel, du kannst doch hier bleiben. Bei mir. Freust du dich?“

Mona schnaubte zustimmend. Die beiden waren wirklich ein Traumpaar.

Während Anna weiter putzte, fragte sie Karl, ob er jemanden wusste, den sie wegen der Heizung und den notwendigen Sanierungsarbeiten im Haus fragen könnte. Sie hatte Glück.

„Ich kann meinen Sohn anrufen und ihn bitten, sich das Haus anzusehen. Er hat schon viele Häuser gebaut und kann dir sicher sagen, was getan werden muss. Außerdem kennt er das Haus. Er hat auch Elisa immer wieder bei Reparaturen geholfen.“

„Das wäre super. Ich gebe Ihnen nachher meine Handynummer. Anders bin ich zurzeit noch nicht erreichbar.“

Sie putzte schweigend weiter. Karl setzte sich auf einen Stein und schaute ihr zu. Sehr gesprächig war er ja nicht gerade, aber diesmal wirkte sein Schweigen zufrieden.

Während sie die Hufe auskratzte, fiel ihr noch etwas ein.

„Sie haben vorhin gesagt, dass Sie für meine Tante mit eingekauft haben. Sind Sie dazu immer nach Milmersdorf gefahren?“

„Was sollte ich denn da?“, fragte er erstaunt. Dann dämmerte es ihm.

„Ach, du meinst den Laden von der alten Erika? Nein, da bekommt man ja nichts. Ich war immer im Einkaufszentrum. Da gibt es einen Supermarkt und einen Baumarkt. Ist gar nicht so weit weg von hier. Du musst nur die Straße immer weiter fahren. Nach einer Viertelstunde kommt eine Kreuzung. Da biegst du links ab und dann ist der Supermarkt schon ausgeschildert.“

Seine Definition von „gar nicht so weit weg“ war sehr ungewohnt für Anna, die von Berlin kannte, dass alles, was man brauchte, zu Fuß erreichbar war. Aber es klang ganz gut. Da wollte sie nachher auf jeden Fall mal vorbeifahren. Vielleicht fand sie sogar ein Möbelgeschäft.

Sie bot Karl an, ihm etwas mitzubringen, wenn sie nachher sowieso dorthin fahren würde.

Er lächelte erfreut. „Oh, das wäre wirklich gut! Dann bräuchte ich diesen Monat nicht mehr einkaufen zu fahren. Mein Auto ist auch nicht mehr das Jüngste, über eine Pause freut es sich sicher. Elisa hat wirklich recht gehabt. Du bist die Richtige für ihr Haus!“

Der letzte Satz kam so unvermittelt, dass Anna ein paar Sekunden brauchte, um zu realisieren, was er ihr da eben gesagt hatte.

„Wie meinen Sie das? Ich meine, woher wollte sie das wissen? Wir kannten uns kaum. Wir haben uns nur einmal gesehen.“

Karl lächelte sie verschmitzt an. „Elisa war eine sehr gute Menschenkennerin. Sie hat gesagt, dass du ihr Vermächtnis weiterführen würdest, da war sie sich sicher. Außerdem bist du ein guter Mensch und tierlieb. Und sie hatte recht.“ Er schaute ihr direkt in die Augen.

Das war so lieb und rührend, dass Anna spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Schnell wandte sie den Blick ab und räumte das Putzzeug zurück in den Eimer. Das Angebot, Mona zu reiten, lehnte sie für heute ab. Sie hatte noch so viel vor.

Sie gingen zusammen ins Haus zurück, wo er ihr eine kleine Einkaufsliste schrieb. Karl brauchte nicht viel. Fast gar nichts. Dabei hatte er gesagt, dass er dann in diesem Monat nicht mehr einzukaufen brauchte. Der Monat hatte gerade eben erst angefangen …

„Wir Alten brauchen nicht mehr viel zum Leben. Außerdem habe ich eigenes Gemüse und eine große, gut gefüllte Tiefkühltruhe. Du musst dir also um mich keine Sorgen machen.“

Er bot ihr noch einen Kaffee an, den sie aber ablehnte. Sie gab ihm ihre Handynummer und verabschiedete sich dann von dem alten Mann. Er versprach ihr noch einmal, gleich seinen Sohn anzurufen.

4. Kapitel

Der Supermarkt war wirklich leicht zu finden. Auf dem Weg dorthin hatte Anna außerdem noch diverse andere Hinweisschilder zu größeren Geschäften gesehen, unter anderem zu einem Möbelhaus. Dahin wollte sie zuerst.

Sie hatte noch nicht vor, heute dort etwas zu kaufen, aber sie wollte sich zumindest einmal umsehen. In der Bettenabteilung sah sie dann genauer hin. Wie immer, wenn Anna eigentlich nichts kaufen wollte, belehrte das Schicksal sie eines Besseren. In einem Seitengang bei den Doppelbetten stand genau das Bett, das Anna sich schon immer erträumt hatte. Die Gitterstäbe waren weiß lackiert und leicht verschnörkelt.

Anna überlegte und zögerte noch eine Weile. Doch dann fand sie auch noch ein paar passende Kommoden. Es sollte wohl so sein. Sie zuckte ergeben mit den Schultern und ging zurück zu ihrem Bett, wo sie eines der Produktkärtchen aus dem Umschlag zog.

Hoffentlich konnte es geliefert werden, denn in ihr Auto passte es sicher nicht. Noch ein letztes Mal probesitzen. Sich direkt hinzulegen traute sie sich dann doch nicht. Aber sitzen war auch okay. Ja, es war stabil und groß genug. Die Entscheidung war gefallen. Für das Bett und zwei passende Nachtschränkchen sowie eine Kommode in demselben Stil. Wenn schon Geld ausgeben dann richtig, dachte sie und lächelte in sich hinein.

An der Kasse hatte sie wieder Glück. Sämtliche ausgesuchte Möbelstücke waren auf Lager und konnten auch geliefert werden. Der Verkäufer notierte ihre Adresse und ihre Handynummer. Die Lieferung würde in drei Tagen erfolgen.

Später schlenderte sie im Baumarkt interessiert durch die Regale. Sie war gespannt, was sie von all diesen Sachen demnächst alles brauchen würde. Sie beobachtete amüsiert ein Pärchen, das vergeblich versuchte, einen Einkaufswagen durch die Gänge zu manövrieren, der bis oben hin voller Gipskartonplatten gepackt war. Ob es ihr selbst bald auch so ergehen würde?

Zum Glück gab es hier auch Telefone. Den Anschluss dafür hatte sie vorhin in einer kleinen Einkaufsstraße gegenüber des Möbelhauses besorgt. Anna entschied sich für ein Standard-Modell in Dunkelgrau und packte außerdem noch ein bisschen Blumenerde, zwei große Kästen und ein paar Blumen ein. Sie wollte die Kästen auf den Hof stellen, um ihn ein bisschen freundlicher zu gestalten.

Danach ging sie endlich in den Supermarkt. In der einen Hand hielt sie Karls Liste, in der anderen ihre eigene. Den Wagen navigierte sie mehr oder weniger mit ihrem Bauch. So war er wenigstens mal nützlich. Sonst mochte sie ihn nicht so. Sie fühlte sich immer zu dick, obwohl sie bei einem Meter neunundsechzig mit fünfundsechzig Kilogramm eigentlich Idealgewicht hatte.  

In einem Supermarkt einzukaufen, in dem man noch nie war, war immer ein Kampf. Es gab von allem unzählige Versionen, Marken und Größen und die Abteilungen waren in einem wirren Muster angeordnet. Jedenfalls kam es Anna so vor.

Sie brauchte fast zwei Stunden, bis sie alles hatte, was auf den Listen stand und noch einiges mehr. Sie war bestimmt dreimal durch den kompletten Laden gelaufen, der nicht gerade klein war. Aber jetzt war der Wagen bis oben hin voll. Dafür besaß sie bald zumindest eine Grundausstattung für die Küche und zusätzlich ein paar Küchengeräte, die sie bei Tante Elisa noch nicht gefunden hatte. Toaster, Wasserkocher und Handmixer, das musste als Erstausstattung reichen.

Nachdem sie endlich alle Einkäufe im Auto verstaut hatte, war es schon wieder Abend und sie war nahezu durchgeschwitzt. Sie hatte gefühlt zehn Tüten voller Lebensmittel gekauft. Karls Einkäufe hingegen hatten alle in eine einzige Tüte gepasst. Sie hatte diese gleich extra gepackt. Auf dem Rückweg wollte sie kurz bei ihm anhalten und ihm alles bringen.

Als sie eine Stunde später endlich zuhause war, ließ sie sich erschöpft auf die Couch fallen. Einkaufen war wirklich anstrengend.

Nach einem reichhaltigen Essen setzte sie sich, in eine dicke Jacke eingemummelt, auf die Treppe vor dem Eingang. Sie packte ihren MP3-Player aus, steckte sich die Ohrstöpsel in die Ohren und schaltete Damn Silence ein.

Ja, so ließ es sich aushalten. In ihrem eigenen Garten und Eddi Markgraf so nah. Besser ging es eigentlich nicht. Man konnte sich gut vorstellen, er würde hier vor ihr stehen und singen. Ein absurder Gedanke. Was um alles in der Welt sollte er hier im Niemandsland wollen?

Sie liebte die Musik von Damn Silence. Am meisten mochte sie jedoch die tiefe Stimme von Eddi, die ihr manchmal wie dunkler Honig vorkam. Sie mochte auch seinen Humor, den er in der Öffentlichkeit an den Tag legte. Sie hatte ihn nun schon auf zwei Konzerten live gesehen und natürlich kannte sie die Interviews und Konzertmitschnitte, die im Internet zu finden waren. Ansonsten gehörte sie nicht zu denjenigen, die ihrem Lieblingsstar irgendwo auflauern mussten, um ein Autogramm oder Foto mit ihm zu bekommen. Eigentlich fand sie es ganz gut so, dass sie ihn nicht persönlich kannte. So konnte sie sich ein eigenes Bild von ihm schaffen, welches nicht durch irgendwelche Macken oder schlechte Angewohnheiten getrübt wurde. Vielleicht war er in Wirklichkeit gar nicht so ein Sonnyboy. Vielleicht war er durch den Erfolg arrogant und zynisch geworden und konnte das bloß gut überspielen. Das wollte sie gar nicht wissen.

Am nächsten Morgen wachte sie davon auf, dass Regen an ihr Fenster klopfte. Sie schaute hinaus und sah nichts als dunkle Wolken und trübes Wetter. Ein Tag zum Drinnenbleiben. Aber sie hatte ja auch im Haus genug zu tun.

Nach einem kurzen Frühstück begann sie als Erstes die Küche sauber zu machen. Sie räumte jeden Schrank aus, wischte ihn ordentlich sauber und räumte dann nur die Sachen wieder hinein, die sie selbst gekauft hatte.

Sie brauchte bis in den Nachmittag hinein, erst dann war sie zufrieden.

Ein schneller Blick nach draußen zeigte keine Wetterbesserung. Also nahm sie sich das nächste Zimmer vor, das Esszimmer. Den Tisch und die Stühle schaffte sie in das Durchgangszimmer auf der anderen Seite der Küche. Der Tisch war ganz schön schwer und passte nicht durch die Tür.

„Wie hat Tante Elisa dich hier rein bekommen?“, überlegte sie laut. Durch das Fenster passte er definitiv auch nicht. Zum Glück war niemand hier, denn als ihr endlich die rettende Idee kam, den Tisch einfach auf die Seite zu drehen, schämte sie sich dafür, dass sie nicht gleich darauf gekommen war.

Das einzige andere Möbelstück im Esszimmer war eine große, klobige Vitrine in dunkelbraun. Ohne die anderen Möbelstücke wirkte dieses Stück noch größer und sperriger als vorher. Sie öffnete probehalber eine der Türen um zu schauen, wie sie sie abmontieren könnte und erlebte eine kleine Überraschung.

Sie hatte erwartet, dass die Vitrine leer war, doch weit gefehlt. Jede der unzähligen Türen brachte neue Schätze zutage: verschiedenste Sorten Geschirr und Gläser, teilweise noch original verpackte Tischtücher und Vasen in allen Formen und Größen füllten jeden noch so kleinen Platz. Alles war altmodisch, sah aber ziemlich wertvoll aus. Anna beschloss, ihren Fund erst einmal einzulagern. Vielleicht konnte sie später ein paar Anzeigen schalten, wenn sie wieder Internet hatte. Im Nebengebäude fanden sich noch zwei alte Wäschekörbe, die sie vollstapelte. Sie notierte sich auf ihrem Zettel „Umzugskartons“.

Erst am Abend hatte sie es endlich geschafft, die Vitrine war leer. Wie sie die jetzt aber hier herausbekommen sollte, war ihr immer noch ein Rätsel. Behalten wollte sie sie auf keinen Fall. Die war ihr viel zu klobig.

Schließlich hatte sie eine Idee: Sie würde die Vitrine erst fotografieren und dann auseinanderbauen. Das Foto konnte sie ebenfalls im Internet einstellen.

Am nächsten Morgen sah es noch genauso trüb aus wie am Vortag.

Spontan beschloss Anna, noch einmal einkaufen zu fahren.

Drei Stunden später war sie vollbepackt zurück. Es hatte mittlerweile auch aufgehört zu regnen. Sie stöpselte den MP3-Player an ihre neu erstandenen Lautsprecherboxen und schaltete Damn Silence ein. Was auch sonst?

Eddis Stimme erfüllte das ganze Haus und endlich kam sie sich nicht mehr ganz so einsam vor. Außerdem hatte sie einen Flachbildfernseher gekauft. Die Kiste war schwer, doch schließlich stand der Fernseher ausgepackt auf der kleinen Kommode im Wohnzimmer, die Anna sowieso behalten wollte. Einen Fernsehanschluss hatte sie schon gefunden. Jetzt musste er nur noch funktionieren.

Tat er natürlich nicht. Anna drückte enttäuscht auf allen Knöpfen herum. Der Bildschirm zeigte nur Schnee. Und sie hatte keine Ahnung, an was es liegen könnte.

Frustriert wandte sie sich der nun leeren Vitrine im Esszimmer zu. Sie hatte im Baumarkt auch einen kleinen Werkzeugkasten und einen Akkuschrauber gekauft. Damit wollte sie der Vitrine nun zu Leibe rücken. Doch das Ungetüm wehrte sich nach Kräften. Bis sie es geschafft hatte, die erste Tür abzuschrauben, war schon eine halbe Stunde vergangen und sie hatte Hunger. Also erst mal Mittagessen machen.

Als Nachtisch gönnte sie sich noch ein Stück Schokolade, um sich selbst aufzuheitern.

Das war auch bitter nötig, denn ihre Laune war auf dem Tiefpunkt. Sie wünschte sich schon, statt dem Akkuschrauber hätte sie sich eine große Axt gekauft. Aber es half nichts, wenn sie das Ding aus dem Zimmer haben wollte, musste sie das mit ihren eigenen Händen schaffen. Hier war niemand, der ihr helfen konnte.

Noch während sie ihren Gegner skeptisch beäugte, klingelte es plötzlich an der Tür. Anna erschrak mächtig, denn die Türklingel hatte sie noch nie gehört und auch nicht damit gerechnet.

Nun hieß es erst einmal herausfinden, an welcher Tür geklingelt worden war. Sie versuchte es zuerst an der Tür zum Hof, doch da war niemand. Also wieder durch das ganze Haus zurück zur anderen Tür. Dort stand ein kräftiger, ziemlich großer Mann in Jeans und T-Shirt. Er war so groß und breit, dass er den Türrahmen fast vollständig ausfüllte und Anna erst nach ein paar Sekunden bemerkte, dass noch jemand hinter ihm stand: Karl.

Der drängelte sich eben an dem jüngeren Mann vorbei und schüttelte ihr die Hand.

„Hallo Anna, ich dachte, ich komme gleich mal mit Thomas, meinem Sohn, hier vorbei, dann kann er sich alles anschauen.“

Anna schüttelte dann auch Thomas die ausgestreckte Hand und bat die beiden Männer herein.

Verstohlen musterte Anna ihre Gäste. Obwohl Thomas Karls Sohn war, hätte es keinen größeren Unterschied zwischen den beiden Männern geben können. Karl war klein und schmächtig, hatte weißes, dünnes Haar und viele Falten im Gesicht. Thomas war groß und breitschultrig. Seine dunklen Haare lockten sich wild und auf seinem Gesicht war ein leichter Bartschatten zu sehen. Er war nicht unattraktiv, wirkte auf Anna aber etwas grobschlächtig.

Ohne Scheu gingen Thomas und Karl durch alle Räume und Anna blieb nichts anderes zu tun, als ihnen hinterherzulaufen. Die Führung hatte Karl übernommen, er kannte sich hier offenbar bestens aus. Dann gingen die beiden Männer nach oben und Anna beschloss, unten erst einmal Kaffee für alle zu machen. Sie wurde ja im Moment nicht gebraucht. Als der Kaffee durchgelaufen war, hörte sie die beiden gerade draußen auf dem Hof über irgendetwas sprechen. Sie fand sie im Stall, beide schauten aufs Dach und diskutierten, wie man das am besten dicht bekommen könnte.

Die Einladung zum Kaffee nahmen sie gern an und folgten Anna in die Küche. Nachdem alle mit Milch und Zucker versorgt waren, bezogen Karl und sein Sohn sie endlich in ihre Überlegungen mit ein.

„Also Frau Diemer, so viel ist hier gar nicht zu tun. Zumindest, wenn Sie alles so lassen wollen, wie es ist. Die Grundsubstanz ist sehr gut, keine Feuchtigkeit, kein Schimmel.“

„Bitte nennen Sie mich Anna“, begann sie, während sie zum ersten Mal überlegte, ob sie im Haus alles so lassen wollte oder was sie eigentlich anders haben wollte.

„Ich habe noch gar nicht so genau darüber nachgedacht, ob ich alles so lassen will. Ich würde vielleicht das Bad unten vergrößern wollen, wenn das geht. Oder vielleicht die eine oder andere Wand rausreißen, um größere Zimmer zu schaffen. Und ich finde auch, dass es viel zu viele Durchgangszimmer gibt. Vielleicht gibt es dafür auch eine Lösung. Ehrlich gesagt, muss ich mir das erst einmal genau überlegen.“

Thomas schaute sie lange an. Dann lenkte er seinen Blick auf Karl, der fast unmerklich nickte. Thomas räusperte sich.

„Ich habe einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn ich mir auch Gedanken machen würde, dann könnte ich Ihnen in ein paar Tagen meine Ideen vorstellen. Dann können Sie sich in der Zwischenzeit auch überlegen, was Sie haben möchten. Vielleicht gefallen Ihnen aber auch einige meiner Ideen.“

Karl mischte sich nun ein. „Thomas hat dafür wirklich ein gutes Händchen, Anna. Du kannst ihm vertrauen. Was er sich überlegt, hat immer Hand und Fuß.“

Anna blickte von einem zum anderen und ließ sich Thomas’ Vorschlag durch den Kopf gehen. Das klang eigentlich ganz gut.

„Sind Sie Architekt?“ Die Frage war ihr so herausgerutscht und klang in Annas Ohren ziemlich direkt und unhöflich.

Als die beiden Männer ihr gegenüber nun auch noch in schallendes Gelächter ausbrachen, war Anna vollends verwirrt.

„Nein, Anna“, brachte Thomas unter Lachen hervor. „Ich bin kein Architekt. Ich bin Maurer.“

5. Kapitel

Später, als Anna wieder allein war, musste sie immer noch den Kopf über Karl und seinen seltsamen Sohn schütteln.

Nach dem Kaffee waren sie noch einmal zu dritt durch das ganze Haus gelaufen und Thomas hatte sich ein paar Notizen gemacht. Irgendwann standen sie im Esszimmer und die beiden Männer schauten fragend auf die Vitrine ohne Türen. Anna erklärte ihnen, dass sie selbige auseinanderbauen wollte, aber bisher einfach nicht weitergekommen war. Dann konnte sie nur noch wortlos zusehen, wie die beiden Männer anfingen, die Vitrine Stück für Stück und scheinbar mühelos zu zerlegen. Schon nach knapp zwei Stunden war das gute Stück im Stall eingelagert. Anna hätte dafür sicherlich Tage gebraucht. Wenn sie es überhaupt geschafft hätte. Sie war den beiden unheimlich dankbar für ihre Hilfe und wusste gar nicht, was sie sagen oder tun sollte. Doch die beiden winkten nur ab und verabschiedeten sich dann. Thomas wollte in zwei Tagen mit einem Vorschlag zum Umbau wiederkommen.

Anna stand im nun leeren Esszimmer und überlegte, wie sie dieses jetzt in ein Büro verwandeln konnte. Sie brauchte einen Schreibtisch, einen Rollcontainer, ein paar Regale und Ordner-Schränke. Aber wie wollte sie die Wände und den Boden gestalten? Die Tapeten behalten?

Und der Boden? Es war ein Dielenboden, soweit gefiel er Anna ganz gut. Nur leider sah man deutlich, wo die Vitrine gestanden hatte. Und auch der Tisch und die Stühle hatten schon einige Kratzer am Boden hinterlassen. Vielleicht konnte man den Boden abschleifen und neu lackieren. Dann müsste es eigentlich gut aussehen. Sie schrieb diese Idee gleich auf den Einkaufszettel für den Baumarkt. Dort konnte ihr sicher jemand helfen.

Nach einem kurzen Abendbrot und einem erholsamen Bad ging Anna zeitig schlafen.

Sie wurde am nächsten Morgen abrupt von der Türklingel geweckt. Was war los? Thomas wollte doch erst am nächsten Tag kommen. Sie war etwas orientierungslos und es dauerte eine kleine Weile, bis sie sich etwas übergezogen hatte und zur Tür wanken konnte. Draußen stand ein Typ von der Telekommunikationsfirma, bei der Anna ihren Anschluss beantragt hatte. Ihr Ärger über die frühe Störung flaute augenblicklich ab. Zumal ein Blick auf die Uhr ihr auch gezeigt hatte, dass es bereits nach neun war. Sie hatte schlicht und einfach verschlafen.

Der Typ wollte die Anschlüsse sehen und einen kleinen Kasten, den er im größeren Flur direkt unter der Treppe fand. Schon nach kurzer Zeit war er fertig und meldete Anna, dass Internet und Telefon nun funktionieren sollten. Die Nummer hatte sie ja schon im Geschäft bekommen. Sie wollte ihn schon verabschieden, da fiel ihr noch etwas ein. Das gehörte zwar nicht in seinen Bereich, aber – ob er ihr wohl mit dem Fernseher helfen könnte?

Er konnte. Es war auch ganz einfach. Sie musste einfach nur kurz bei der Kabelfirma anrufen, deren Telefonnummer auf der Netzsteckdose stand. Die konnten den Anschluss dann freischalten.

Anna wollte gerade aufbrechen, um zum Baumarkt zu fahren, als es schon wieder an der Tür klingelte.

Was war denn nur los? Hier, mitten im Niemandsland, bekam sie mehr Besuch als in Berlin.

Diesmal war es ihr Schlafzimmer, oder vielmehr zwei kleine, dickliche Männer in roten Anzügen, auf denen deutlich sichtbar das Logo des Möbelhauses prangte, in dem sie ihre Schlafzimmermöbel erstanden hatte. Eigentlich hatte sie noch gar nicht mit ihnen gerechnet. Sie wollte nämlich erst heute Nachmittag beginnen, das Schlafzimmer auszuräumen.

Aber gut. Was da war, war da. Und es war ja auch egal, wann sie die Möbel letztlich aufbaute. Das Angebot des Möbelhauses für die Montage der Möbel war ihr horrend hoch erschienen, da hatte sie dankend abgelehnt. Also ließ sie die Typen die Kartons bis ins Schlafzimmer beziehungsweise ins Wohnzimmer tragen.

Als die beiden Möbelpacker weg waren, stand sie vor der Entscheidung, erst in den Baumarkt zu fahren oder erst die Schlafzimmermöbel zusammenzubauen.

„Am besten erst mal Schlafzimmer ausräumen“, sagte sie schließlich laut zu sich selbst.

Dann machte sie sich zunächst daran, das Bett auseinanderzuschrauben.

Im Gegensatz zur Vitrine ging das ganz leicht. Schon nach kurzer Zeit war sie fertig.

Den ganzen restlichen Tag war sie damit beschäftigt, ihr neues Bett und die Kleinmöbel aufzubauen, doch am Abend stand schließlich alles und sie konnte sich zufrieden in ihr neues, weißes Gitterbett legen.

Sie hatte dort wunderbar geschlafen. An einen Traum konnte sie sich zwar nicht erinnern, aber wenn sie geträumt hatte, musste es ein schöner Traum gewesen sein. Sie fühlte sich jedenfalls erholt wie schon lange nicht mehr. Um das schöne Gefühl noch ein bisschen genießen zu können, blieb sie noch eine Weile im Bett liegen und überlegte, was heute zu tun war.

Thomas wollte heute kommen. Also musste sie sich vorher einmal Gedanken machen, was sie gern alles verändert hätte. Außerdem wollte sie unbedingt in den Baumarkt. Das hatte sie gestern einfach nicht mehr geschafft.

Bis Thomas kam, hatte sie gefrühstückt, war durch das ganze Haus gegangen und hatte ihre Ideen aufgeschrieben.

Bei Tee und Keksen saßen sie zusammen in der Küche und hatten einige Zettel vor sich ausgebreitet. Annas Ideen bestanden hauptsächlich darin, kleine Zimmer durch Wanddurchbrüche zu vergrößern und die beiden Flure im Obergeschoss miteinander zu verbinden. Dadurch würde auch das bisherige Durchgangszimmer geschlossen. Thomas’ Überlegungen betrafen Lichtkonzepte und Heizungspläne. Er meinte, dass man den alten Gasofen am besten durch ein neues Brennwertgerät ersetzen sollte, das deutlich effektiver arbeitete. Er erklärte ihr auch, wie sie die Heizung, die sie momentan noch hatte, bedienen konnte.

Außerdem hatte er eine Idee für ihr Bad im Erdgeschoss. Er schlug vor, die vordere Haustür, ganz zuzumauern und den Flur zum Badezimmer mit dazu zu nehmen. Dann wäre es immer noch kein riesiges Bad, aber eine schöne Badewanne und eine Dusche könnten locker hineinpassen.

Für die Waschmaschine hatte er auch eine Lösung. Er schlug vor, dass man diese in der Abstellkammer unterbringen könnte. Dort hatte sie vor ein paar Jahren nämlich schon einmal gestanden.

Anna war begeistert von diesen Vorschlägen. Thomas hatte als Maurer aus der Gegend auch noch sehr gute Kontakte zu allen möglichen Baufirmen und versprach ihr, in der nächsten Zeit Angebote für sie einzuholen. Dann könnten die Umbauarbeiten vielleicht schon sehr bald beginnen.

Voller Euphorie fuhr Anna nach dem Mittagessen zum Baumarkt.

Es dauerte ewig, bis sie Tapete, Tapetenkleister und passende Farbe zusammen hatte. Man sollte meinen, bei Raufasertapete und weißer Farbe gäbe es nicht so viel Auswahl, aber weit gefehlt. Vermutlich könnte sie all ihre Räume weiß streichen und sie trotzdem mit unterschiedlichen Tapeten-Farben-Kombinationen ausstatten.

Als Nächstes wollte sie nach einer Möglichkeit schauen, den Dielenboden abzuschleifen. Sie musste sehr hilflos gewirkt haben, als sie vor all diesen unterschiedlichen Schleifmaschinen stand, denn ein Baumarkt-Mitarbeiter fragte sie höflich, ob sie Hilfe bräuchte. Das war ihr in ihrem ganzen Leben vorher nie passiert. Normalerweise war sie erst Stunden damit beschäftigt, überhaupt einen Mitarbeiter zu finden, dann dauerte es, bis sie an einen anderen Mitarbeiter verwiesen wurde, der ihre Frage auch tatsächlich beantworten konnte und schließlich musste sie nochmals warten, weil vor ihr noch mehrere andere Kunden Fragen hatten.

Sie schilderte dem hilfsbereiten Mann ihr Vorhaben und beantwortete auch noch ein paar Fragen zur Beschaffenheit des Holzes und dem Nutzungsgrad. Ob ihre Antworten „hellbraun-graues Holz“ und „soll ein Büro werden“ dem Mann allerdings wirklich weiterhalfen, wusste sie nicht. Jedenfalls zog er nach kurzer Zeit ein ziemlich großes Gerät aus dem Regal und drückte es ihr in die Hand. Und dann hatte er noch eine positive Überraschung für sie: Er eröffnete ihr, dass man dieses Gerät auch mieten konnte und dass dies für ihr Vorhaben sicher das Beste wäre.

Anna wäre ihm vor Freude und Dankbarkeit beinahe um den Hals gefallen, konnte sich das aber gerade noch verkneifen. Er hätte sonst wahrscheinlich nie wieder jemandem von sich aus seine Hilfe angeboten.

Mit einem Leih-Gerät, passendem Lack und ihren Tapeten-Kleister-Farben-Einkäufen im Auto und Damn Silence im CD-Player fuhr sie fröhlich mitsingend zurück in ihr Haus.

6. Kapitel

Die nächsten Tage verbrachte Anna damit, ihr Büro zu renovieren. Es dauerte ewig, bis sie die alte Blümchentapete von den Wänden gekratzt hatte. Sie ließ sich nicht in großen Bahnen abreißen, sondern man erwischte immer nur winzige Fetzen, die sich auch noch hartnäckig an der Wand festklammerten. Sie riss etlichen Putz mit den Tapetenstücken ab. Auch die alten Steckdosen saßen bombenfest. Ehe sie den Trick raushatte, wie sie den Schraubenzieher ansetzen musste, um die Dosen von der Wand zu stemmen, hatte sie schon zwei Steckdosen zerbrochen. Nun musste sie also auch noch neue Steckdosen für den ganzen Raum kaufen, die alten gab es sicher schon seit einem halben Jahrhundert nicht mehr.

Als sie endlich fertig war, sah der Raum aus wie nach einer Explosion. Ein paar Tapetenreste hingen noch an der löchrigen Wand. Unten auf dem Boden lagen Staub und größere Putzbrocken herum.

Also musste sie auch noch die Wand großzügig mit Feinspachtel ausbessern, bevor sie sich endlich an die Tapezierarbeiten machen konnte. Sie war in dieser Zeit bestimmt täglich im Baumarkt, weil ihr irgendein wichtiges Werkzeug fehlte.

Die frisch gespachtelte Wand sah nicht so glatt aus, wie Anna das gern gehabt hätte. Immer wenn sie eine Schadstelle glattgezogen hatte, riss sie sich an anderer Stelle mit dem Spachtel eine neue Rille in die Wand. Es war eine undankbare Arbeit. Sie hoffte, dass das Tapezieren einfacher war. Tapeziert hatte sie schließlich schon öfter in ihrem Leben.

Zwei Tage später war sie jedoch fest davon überzeugt, dass die schrecklichste Arbeit beim Renovieren das Tapezieren war. Die eingeweichte Tapete war schwer und unhandlich und riss dauernd ein. Sie klebte grundsätzlich nur dann an der Wand, wenn sie es nicht sollte und klappte von oben wieder weg, wenn Anna gerade den unteren Teil an die Wand klebte. Mehr als einmal schon war die nasse Tapete auf ihrem Kopf gelandet, so dass sich ihre Haare mittlerweile schleimig und eklig vom ganzen Kleister anfühlten. Hoffentlich konnte man das auswaschen.

Nach einer Weile hatte sie jedoch eine gewisse Routine entwickelt und kam nun einigermaßen schnell voran. Man sah zwar recht deutlich, an welcher Stelle sie angefangen hatte, dort klafften doch ein paar Lücken zwischen den einzelnen Tapetenbahnen, doch sie hoffte, dass das nach dem Streichen nicht mehr ganz so deutlich sichtbar war. Und wenn doch, würde sie einfach ein Regal davorhängen.

Das Malern ging im Gegensatz zu den Vorarbeiten recht einfach vonstatten. Zum Glück hatte sie gute Farbe bekommen, so dass nach zwei Anstrichen das ganze Zimmer und auch Anna selbst in hellem Weiß erstrahlten. Glücklich drehte sie sich einmal um die eigene Achse und bewunderte ihre Arbeit. Es war all die Anstrengung wert gewesen, beschloss sie für sich und machte erst einmal Feierabend.

Der nächste Schock wartete gleich am folgenden Morgen.

Anna schraubte ihre neu gekauften, schneeweißen Steckdosen in die Löcher. Als sie jedoch die letzte Dose in die Hand nahm, war kein weiteres Loch in der Wand vorhanden. Hatte sie sich verzählt? Das konnte doch nicht sein!

Zum Glück hatte sie die alten Steckdosen noch. Sechs Stück und zwei Zerbrochene lagen da. Und sie war sich sicher, dass sie acht neue Dosen gekauft hatte.

Autor

  • Wenn Sie diese Meldung sehen, konnt das Bild nicht geladen und dargestellt werden.

    Sandra Helinski (Autor)

Zurück

Titel: Neuanfang mit Rockmusik - Rockstar Sommer (Teil 1)