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Stumme Rockstars beißen nicht - Rockstar Sommer (Teil 2)

(Rockstar Romance, Chick Lit, Liebesroman)

von Sandra Helinski (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Ein Rockstar im Niemandsland? Eigentlich undenkbar, doch für Anna ein ganz normaler Anblick. Ihr Lieblingssänger Eddi Markgraf musste aus gesundheitlichen Gründen eine Auszeit nehmen und verbringt diese nun in ihrem frisch geerbten Haus, aber das Zusammenleben mit ihm gestaltet sich alles andere als einfach ...

Anna versucht ihr Bestes, Eddi zu helfen und ihn in ihren Alltag miteinzubeziehen. Der wehrt sich jedoch gegen die Vorstellung, Hilfe zu brauchen. Keine leichte Aufgabe für Anna, die mit ihren Renovierungsarbeiten am Haus und ihrem neuen Job als Verhaltenstherapeutin für Tiere eigentlich mehr als genug zu tun hat.

Langsam öffnet sich Eddi Stück für Stück und beginnt seiner Gastgeberin zu vertrauen – mit ungeahnten Auswirkungen auf Annas Gefühlsleben ...

Rockstar Sommer umfasst vier Bände

Teil 1_100x160 Teil 2_100x160 Teil 3_100x160 Teil 4_100x160

Neuanfang mit Rockmusik – Teil 1
ISBN: 978-3-96087-023-4
Mehr Infos hier

Stumme Rockstars beißen nicht – Teil 2
ISBN: 978-3-96087-024-1

Küsse niemals einen Rockstar – Teil 3
ISBN: 978-3-96087-025-8
Zur Leseprobe

Haben Rocksongs ein Happy End? – Teil 4
ISBN: 978-3-96087-026-5
Mehr Infos hier

Impressum

Erstausgabe Juli 2016

DP_Logo_bronze_150_px

Copyright © 2016 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-024-1

Print-ISBN: 978-3-96087-067-8

Covergestaltung: Antoneta Wotringer Grafikdesign
unter Verwendung von Motiven von

© Alexey Rumyantsev/Dreamstime.com

Lektorat: Astrid Rahlfs, RaBe Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse aller Werke dieser Ausgabe sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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ROCKSTAR
SOMMER

Stumme Rockstars beißen nicht

Teil 2

Sandra Helinski

Was bisher geschah

Anna Diemer hat Glück: Eine unverhoffte Erbschaft von ihrer Tante eröffnet ihr die Möglichkeit, aus ihrem alten, ungeliebten Leben auszubrechen und noch einmal völlig neu anzufangen. Sie kehrt ihrer Heimatstadt Berlin den Rücken und beginnt mit der Renovierung eines alten Hauses mitten im Niemandsland. Sie erhält dabei moralische Unterstützung von ihrer besten Freundin Suzi und tatkräftige Hilfe von Karl, einem Freund ihrer verstorbenen Tante und seinem Sohn.

Um endlich ihren Traumberuf zu verwirklichen und Hunden und Pferden mit Verhaltensproblemen helfen zu können, nimmt sie eine Herausforderung im örtlichen Tierheim an und trainiert einen als unvermittelbar geltenden Rottweiler-Mischling. Im Gegenzug verschafft die Leiterin des Tierheims ihr Kunden. Es gelingt ihr, das Vertrauen des Hundes zu wecken und ihn zugänglicher zu machen. Er wächst ihr in dieser Zeit so ans Herz, dass sie ihn schließlich mit nach Hause nimmt.

Unterdessen hat ihre Freundin Suzi, die bei der Plattenfirma von Annas Lieblingsband Damn Silence arbeitet, die spontane Idee, dass deren Sänger Eddi Markgraf, dem eine Auszeit aufgrund gesundheitlicher Überlastung nahegelegt wurde, bei Anna auf dem Hof am besten aufgehoben sein könnte.

Ein erster Besuch von Eddi auf dem Hof übertrifft Annas schlimmste Befürchtungen. Er ist gar nicht der witzige Typ, als der er in der Öffentlichkeit auftritt, sondern entpuppt sich als unhöflicher Rüpel.

Eddi selbst ist auch nicht begeistert von der Idee, eine erzwungene Auszeit zu nehmen und setzt sich schließlich gegen die Bevormundung der Plattenfirma durch. Er will sie erst später nehmen und zwar an einem Platz seiner Wahl. Als Anna davon hört, ist sie zunächst enttäuscht.

Sie traut ihren Augen nicht, als Eddi plötzlich doch mit Sack und Pack auf ihrem Hof steht – sprachlos, weil er eine akute Stimmbandentzündung erlitten hat.

1. Kapitel

Anna ging mit Pino voran in den Hof, zur Eingangstür hinein und die Treppe hoch. Eddi folgte ihr schweigend. Irgendwie fühlte es sich merkwürdig an, nicht miteinander zu sprechen. Sie hatte das dringende Bedürfnis, irgendetwas zu sagen. Sie war froh, als sie bei dem für Eddi bestimmten Raum angekommen waren.

„Voilà! Hier ist dein Zimmer. Das Bad ist hier drüben, gleich hinter dieser Tür.“

Sie war nahe der Tür im Zimmer stehengeblieben.

Eddi ging mit so viel Sicherheitsabstand zu Pino wie möglich an ihr vorbei in den Raum hinein und schaute sich um.

Auf dem Bett lag kein Bettzeug und auch sonst sah hier alles noch ziemlich kahl aus. Kein Wunder, es hätte ihr ja wenigstens jemand ankündigen können, dass der werte Herr Markgraf doch noch kommen würde. Jetzt musste er eben damit leben wie es war. Das Bettzeug würde sie ihm nachher noch hochbringen, zum Glück hatte sie eine zweite Garnitur da.

Bevor Eddi durch die Tür ins angrenzende Bad ging, musterte er erst die noch nicht geflieste Wand und schaute dann fragend zu Anna. Es sah zum Anbeißen aus, wie er da stand, mit hochgezogenen Augenbrauen und aufforderndem Blick.

Sollte sie sich dummstellen? Nur, um ihn ein bisschen zu ärgern?

Nein, dazu kannten sie sich noch viel zu wenig. Also beantwortete sie ihm seine unausgesprochene Frage und erklärte, dass sie die Wand noch nicht fertig hatte, weil die Fliesen noch nicht da waren. Diese Erklärung schien ihn zufriedenzustellen, denn er ging weiter ins Bad. Anna folgte in einigem Abstand. Pino hatte sich im Flur auf den Boden gelegt. Ihm schien die Fußbodenheizung zu behagen.

Anna war froh, dass das Bad bis auf besagte Wand schon fertig war. Es sah einfach traumhaft aus. Die dunklen Bodenfliesen bildeten einen herrlichen Kontrast zu den fast weißen Wandfliesen, der Eckbadewanne und den anderen Badmöbeln, die ebenfalls in Weiß gehalten waren. Eine Truhe aus hellgrauem Holz und ein Regal aus demselben Material gaben dem Ganzen einen gewissen Chic. Eigentlich fand Anna es schade, dieses Bad nicht selbst nutzen zu können. Jetzt durfte Eddi Markgraf es einweihen. Na ja, vielleicht konnte sie das irgendwann einmal vermarkten: Schauen Sie sich dieses Bad an, Eddi Markgraf hat es als Erster benutzt!

Eddi sah sich auch hier um, dann nickte er anerkennend.

Er öffnete die zweite Tür des Badezimmers, die auf den Flur hinausführte, erschreckte kurz beim Anblick von Pino, ging dann aber zielgerichtet zur Treppe.

Wo wollte er denn jetzt hin?
„Hey!“, versuchte Anna ihn auf sich aufmerksam zu machen. Das funktionierte, nicht nur bei ihm. Auch Pino stand sofort neben ihr und schaute zu ihr hoch. Eddi war immerhin stehen- geblieben und sah sie fragend an.

„Wohin gehst du?“

Er versuchte es mit Gesten, doch sie hatte keine Ahnung, was er meinte. Dann hatte er eine Idee. Er zückte wieder sein Handy und schrieb es ihr auf. Sie musste unbedingt daran denken, ihm einen Block und einen Stift zu geben, nicht dass er sich mal seinen Finger brach bei der wilden Tipperei. Und sie schätzte, dass ihm sein Finger wichtig war als Gitarrist, vor allem jetzt, wo er als Sänger gerade unbrauchbar war.

Als er fertig war, kam er ein paar Schritte auf sie zu und hielt ihr das Handy vor die Nase.

„Ich will zum Auto und meine Sachen holen. Falls das okay ist.“

Der Mann war ja geradezu kommunikativ, zumindest schriftlich. Zwei Sätze! Das war mehr, als er zu ihr gesagt hatte, als er noch sprechen konnte.

Sie nickte nur. Sie hatte immerhin einen gewaltigen Wortvorsprung, da musste er erst mal aufholen. Fragte sich nur wann und wie, immerhin durfte er nicht sprechen. Ob er im Moment überhaupt sprechen konnte und wie lange er den Mund halten musste, wusste Anna natürlich nicht. Und überhaupt, wie sollte das jetzt ablaufen? Alles so, wie es ursprünglich geplant war? In der Zwischenzeit war so viel passiert. Vielleicht gab es eine Planänderung. Sie musste unbedingt mehr erfahren.

Jetzt konnte sie ihm aber zuerst einmal Bettzeug holen. Wenn er sich später hier eingerichtet hatte, wollte sie ihn nicht gleich wieder stören müssen.

Während sie die Bettdecke und das Kissen gleich unten bezog, hörte sie ihn die Treppe hochpoltern. Es war wirklich ein seltsames Gefühl. Das war der echte Eddi Markgraf, wenn auch ohne Stimme, der da in ihrem Haus und momentan direkt über ihr herumlief. Es war irgendwie surreal. Sie versuchte sich ihn in ihrem orange-roten Bettzeug vorzustellen, was sie ihm gerade bezog.

Bestimmt würde er sich in den nächsten Minuten wieder in Luft auflösen. Oder er überlegte es sich anders und verschwand. Sie verstand sowieso nicht, warum er sich jetzt doch umentschieden hatte und zu ihr gekommen war. Bestimmt fiel ihm gleich wieder ein, dass das hier ja eine Ruine war und damit unter seiner Würde.

Hörte sie ihn da nicht gerade die Treppe hinunterpoltern? Ja, eindeutig.

Er lief an ihrem Schlafzimmerfenster vorbei durch den Durchgang. Sie horchte schon darauf, ob er sein Auto startete, doch sie hörte nur die Autotüren klappern und schon sah sie ihn wieder in entgegengesetzter Richtung laufen, diesmal voll bepackt. Was hatte er dabei, dass er zweimal gehen musste? Oder vielmehr, wie lange hatte er vor zu bleiben?

Sie knüllte die fertig bezogene Bettdecke zusammen, legte das Kissen und noch ein Bettlaken oben drauf. Dann packte sie den ganzen Stapel und versuchte damit unbeschadet nach oben zu gelangen, obwohl sie nicht viel sah.

Pino folgte ihr die ganze Zeit. Für ihn war es sicher auch gewöhnungsbedürftig, dass jetzt hier noch jemand war. Andererseits konnte der Hund ja nicht wissen, dass Eddi nicht schon ewig hier wohnte. Schließlich war er selbst erst einen Tag hier. Oder konnten Hunde so etwas riechen? Und hier roch es noch ganz und gar nicht nach Eddi.

Anna musste über ihre eigenen Gedanken schmunzeln, während sie sich vorsichtig die Treppe hochtastete und dann durch den Flur zu seinem Zimmer ging. Wegen des Bettzeugstapels vor ihren Augen sah sie nicht, dass sie direkt in Eddi hineinlief. Dieser hatte mit dem Rücken zu ihr gestanden und sich gerade über seinen Koffer gebeugt, als Anna ihn anrempelte. Es tat zwar bestimmt nicht weh, sie war ja weich gepolstert, aber irgendwie hatte sie genug Schwung gehabt, um ihn umzuschubsen. Jedenfalls lag er kurz darauf quer über seinem Koffer und Anna wäre beinahe hinterhergefallen. Sie schaffte es gerade noch so, das Gleichgewicht zu halten. Das Bettzeug war beim Zusammenprall aus ihren Händen gerutscht, so dass sie jetzt freien Blick auf das Dilemma hatte.

Sie musste sich mühsam ein Lachen verbeißen. Es sah aber auch zu süß aus, wie er versuchte aufzustehen, sich aber immer wieder in dem Bettzeug zu seinen Füßen verhedderte.

Irgendwann hatte er es geschafft. Sie hatte sich zum Glück auch wieder im Griff und hob das Bettzeug wieder auf. Die letzten Schritte bis zum Bett schaffte sie ohne weitere Kollision. Sie wusste nicht so richtig, was sie sagen sollte, also sagte sie gar nichts, auch wenn ihr das Schweigen unangenehm war. Aber selbst wenn sie reden würde, er würde nicht antworten, also wäre es nur so etwas wie ein Selbstgespräch und darauf hatte sie keine Lust.

Daher beeilte sie sich damit, das Laken auf die Matratze zu ziehen und das Bettzeug möglichst ordentlich darauf zu drapieren. Dann winkte sie ihm kurz zu und verschwand wieder nach unten. Noch immer war Pino ihr dicht auf den Fersen. Sie streichelte kurz über seinen dicken Kopf.

„Das war komisch, nicht wahr mein Kleiner? Jetzt sitzt da oben mein Lieblingssänger und bekommt keinen Ton raus. Das ist die reinste Ironie.“

Pino antwortete nicht. Noch so ein schweigsamer Kerl.

Jetzt war es erst einmal Zeit für Anna, etwas zum Mittagessen zu machen. Eigentlich wollte sie nur schnell ein Müsli essen, doch da sie jetzt einen Gast hatte, verwarf sie diesen Gedanken gleich wieder. Sie musste wohl etwas Ordentliches kochen. Das war ja sogar vertraglich festgelegt.

Ein Blick in ihre Schränke brachte keine große Erleuchtung. Im Kühlschrank fiel ihr Blick auf einen Becher saure Sahne. Das brachte sie auf eine Idee. Im Gefrierschrank musste noch irgendwo Lachs sein. Sie durchsuchte alle Fächer und fand ihn schließlich.

Und Nudeln hatte sie ja immer. Also wurden es Spaghetti mit Lachssoße. Den eingeschweißten Lachs legte sie erst einmal in warmes Wasser, damit er etwas antaute.

Dann öffnete sie sich eine Flasche Weißwein. Es war sonst nicht ihre Art, bereits so früh am Tag etwas zu trinken, aber sie brauchte den Wein für die Soße und heute hatte sie sich einen beruhigenden Schluck verdient, nach all der Aufregung.

Mit ihrem Glas Weißwein setzte sie sich an den Tisch und lauschte nach oben. Es war nichts zu hören. Kein Gepolter mehr. Schlief er?

Das Telefon klingelte und Anna zuckte erschrocken zusammen. Der Hörer lag direkt neben ihr auf dem Tisch und war entsprechend laut. Das Display zeigte an, dass Suzi am Apparat war und von ihrer Arbeitsnummer aus anrief.

„Hallo Suzi, schön dass du dich meldest. Stell dir …“

Weiter kam sie nicht, weil Suzi sie unterbrach. Sie klang angespannt und außer Atem.

„Anna, Süße, es tut mir echt leid wegen des ganzen Hin und Her, aber …“

Pause.

Suzi wusste wohl nicht, wie sie weitermachen sollte. Anna wartete erst einmal ab. Sie hatte so eine dumpfe Ahnung, was ihre Freundin ihr erzählen wollte.

„Eddi hat sich anders entschieden. Er will nun doch die Auszeit nehmen“, fuhr Suzi fort.

„Und er ist wahrscheinlich schon auf dem Weg zu dir!“, ließ sie nun die vermeintliche Bombe platzen. Anna musste breit grinsen, sagte aber nichts.

„Anna? Was ist los, Schätzchen? Du sagst ja gar nichts? Ich weiß, dass du jetzt bestimmt überrumpelt bist, aber …“

„Er ist schon hier“, unterbrach Anna die Überlegungen ihrer Freundin.

„… aber das kam alles ganz spontan … WAS?“

Das letzte Wort schrie Suzi ins Telefon, so dass Anna den Hörer ein bisschen vom Ohr weghalten musste.

„Eddi ist schon hier. Er ist vorhin angekommen.“

Anna versuchte, möglichst normal und unbeteiligt zu klingen. So, als sei es nichts Besonderes, dass jemand wie Eddi Markgraf plötzlich auf ihrem Hof aufkreuzte.

„Echt? Er ist in diesem Moment schon bei dir?“ Suzi konnte es offenbar nicht glauben.

„Ja, er ist oben in seinem Zimmer und … keine Ahnung, was er da macht.“

Oben in seinem Zimmer? Das klang, als ob er ihr ungehorsamer Sohn wäre, dem sie Hausarrest aufgebrummt hatte.

Jetzt konnte Anna nicht länger so tun, als würde sie das alles völlig normal finden.

„Ja, und wusstest du, dass er keinen Ton sagt? Er darf wohl nicht sprechen!“ Ihre Stimme klang jetzt viel aufgedrehter als vorhin.

Suzi prustete los. „Ach so! Das ist also der Grund für seinen plötzlichen Stimmungswandel. Die machen hier alle so ein Geheimnis draus. Und er sagt echt keinen Ton? Muss schwer für ihn sein.“

Anna nickte. Wenn Eddi wirklich so gern redete, wie alle immer behaupteten, hatte Suzi bestimmt recht. Sie selbst hatte sich ja bei ihrer letzten Begegnung keinen wirklichen Eindruck davon machen können.

Ihr kam ein Gedanke.

Suzi saß doch praktisch an der Quelle. Von ihr müsste Anna doch an ein paar Hintergrundinfos kommen, was eigentlich passiert war und wie sich alle Eddis Aufenthalt hier vorstellten. Schnell bat sie ihre Freundin, für sie nachzuforschen. Die wollte das natürlich gerne tun. Jetzt hatte sie ja auch einen offiziellen Grund für ihre Neugier. Die beiden Mädels verabschiedeten sich und Suzi versprach, sich sofort zu melden, wenn sie etwas wusste.

Der Lachs war mittlerweile genug aufgetaut, um ihn zu waschen, abzutupfen und dann zu zerschneiden. Anna summte leise vor sich hin, während sie das Nudelwasser kochte und die Soße zubereitete. Dann bemerkte sie, dass sie gerade ein Lied von Damn Silence summte und verstummte abrupt. Panisch sah sie sich um, aber von Eddi war nichts zu sehen. Wäre ja noch schöner, wenn er mitbekam, dass sie seine Lieder summte. Keine Ahnung, ob er wusste, dass sie ein Fan von ihm war. Wenn nicht, war es sicher besser, das nicht an die große Glocke zu hängen. Er war ja eigentlich hier, um Ruhe zu haben, auch vor seinen Fans.

Bis das Essen fertig war, hatte sie immer noch nichts von oben gehört. Was sollte sie jetzt tun? Einfach hochgehen, um Eddi zum Essen zu rufen?

Aber was, wenn er tatsächlich eingeschlafen war?

Ratlos hielt Anna die zwei Teller in der Hand, die sie eben aus dem Schrank genommen hatte. Dann zuckte sie mit den Schultern und stellte sie auf den Tisch. Sie würde jetzt einfach hochgehen und an seine Tür klopfen. Wenn er dann nicht öffnete, könnte sie ja wieder nach unten gehen. Dann musste er eben später essen.

Anna spürte in sich plötzlich eine unerklärliche Wut aufsteigen. Warum sollte sie überhaupt so viel Rücksicht auf ihn nehmen? Bisher hatte er nichts getan, was diese Rücksicht gerechtfertigt hätte. Und auf ein Essen mit ihm, bei dem sie selbst mühsam das Gespräch bestritt, weil der gute Mann ja nicht reden konnte, hatte sie jetzt überhaupt keine Lust.

Sie würde einfach auch nichts sagen. Jedenfalls nicht mehr als notwendig. Dann würden sie sich eben anschweigen.

Sie schaute kurz nach Pino, doch der schlief fest auf dem kleinen Läufer im Büro. Den wollte sie jetzt nicht wecken. Sie schloss leise die Bürotür.

Etwas lauter als nötig ging sie die Treppe hoch und durch den neuen, längeren Flur bis zu Eddis Zimmertür. Nach kurzem Zögern klopfte sie an. Sie hörte Schritte, dann öffnete er.

„Essen ist fertig“, sagte sie nur knapp und drehte sich wieder um. Sie ging nach unten, ohne sich zu vergewissern, ob er auch hinterherkam. War ja seine Sache.

Einen kurzen Blick auf ihn hatte sie aber nicht vermeiden können.

Irgendwie hatte er total zerknittert ausgesehen, ein Bartschatten zierte seine Wangen, den sie vorhin nicht bemerkt hatte und seine blonden Haare standen wirr in alle Richtungen ab. Dunkle Augenringe verstärkten den Eindruck, dass er geschlafen hatte, noch zusätzlich. Er trug ein graues T-Shirt mit irgendeinem Spruch darauf, den sie auf die Schnelle nicht hatte lesen können. Vor allem, weil ihr Blick davon abgelenkt gewesen war, dass er nur in Boxershorts vor ihr gestanden hatte.

Es dauerte eine kleine Weile, bis er ihr hinterherkam und dann ebenfalls in der Küche stand.

Sie musste einfach nachschauen. Ja, er hatte jetzt eine Jeans an, allerdings fehlten sowohl Socken als auch Schuhe. Hoffentlich bekam er keine kalten Füße. Hier unten gab es noch keine Fußbodenheizung. Und die Notwendigkeit, sich zu kämmen, hatte er offenbar auch nicht gesehen. Anscheinend fühlte er sich hier schon ganz wie zuhause, dachte sie nicht ohne Sarkasmus.

„Ich hoffe, du magst Lachsspaghetti!“

Anna schaufelte Spaghetti auf beide Teller und goss dann die Soße darüber. Als sie einen Teller vor Eddi abstellte, fragte sie: „Was möchtest du trinken?“

Er schaute sie nur fragend an.

Eine blöde Formulierung.

Zweiter Versuch: „Möchtest du Wasser trinken? Oder Cola?“

Anna fiel auf, dass sie jetzt eine Oder-Frage gestellt hatte. Das war wieder ungeschickt gewesen. Diesmal lächelte er allerdings und hob grinsend den Daumen. Das sollte wohl heißen, dass er das Erste, also Wasser, bevorzugte.

Dieses Grinsen ging Anna durch und durch. Sie fühlte sich beinahe schon entschädigt für all die Unannehmlichkeiten, die sie seinetwegen hatte. Sie hätte das Wasser, was sie jetzt für ihn eingoss, beinahe verschüttet, so fahrig war sie auf einmal.

Es war seltsam, gegenüber von jemandem zu sitzen, den man immer bewundert hatte. Vor allem, weil er gerade so normal aussah. Ja klar, er war groß und kräftig und eindeutig Eddi. Aber er wirkte kein bisschen übermenschlich. Da saß kein Superstar, sondern ein Mann, etwas älter als sie selbst, der müde und erschöpft wirkte und in seinen Spaghetti nur herumstocherte. Vielleicht schmeckte es ihm nicht. Aber das konnte er natürlich nicht sagen.

Das war das eigentlich Merkwürdigste an der Situation: Da saß der Mann, dessen Stimme sie so sehr liebte und konnte keinen Ton von sich geben.

2. Kapitel

Anna war erleichtert, als plötzlich das Telefon klingelte und sie damit einen Grund hatte, vom Tisch aufzustehen, diesem unangenehmen Schweigen zu entgehen. Während des gesamten Mittagessens war ihr kein Thema eingefallen, über das sie mit Eddi hätte reden können. Also hatten sie schweigend gegessen. Bis zu diesem Moment des erlösenden Telefonklingelns hatte sie sich überlegt, wie sie es schaffen sollte, hier weiter sitzen zu bleiben, ohne durchzudrehen.

„Anna Diemer“, meldete sie sich etwas fröhlicher als sie das normalerweise tun würde.

Am Apparat war eine Frau, die genauso wie das Frauchen von Pauli über Heinz eine Empfehlung bekommen hatte, sich bei Anna zu melden. Sie schilderte ihr Problem mit zwei äußerst unbändigen Jack-Russell-Terriern, die sie nicht von der Leine lassen konnte, weil sie sonst alles jagen würden, was sich bewegt. Die Aussage selbst fand Anna nicht unbedingt verwunderlich. Terrier waren Jagdhunde, da war ein gewisser Jagdtrieb nicht unüblich. Leider dachten viele Leute, dass es sich um Schoßhunde handelte, nur weil sie klein sind. Sie wurden dann in der Regel nur verhätschelt und kamen nie in den Genuss irgendeiner Art von Erziehung. Doch all das sagte sie der Dame natürlich nicht. Sie hörte sich deren Erzählung geduldig an und erklärte sich auch bereit, am nächsten Dienstag vorbeizukommen, um sich die Hunde und ihr Verhalten selbst anzusehen.

Als sie wieder auflegte, trug sie freudestrahlend ihren zweiten Termin auf den kleinen Zettel im Büro ein. Sie würde sich demnächst einen Terminplaner kaufen müssen, wenn das so weiterging. Heinz leistete wirklich ganze Arbeit.

In der Küche erwartete sie eine kleine Überraschung. Eddi war weg, hatte aber den Tisch ordentlich abgeräumt und sogar die Teller gespült. Im Müll fand sie den Rest seiner Spaghetti. Sie musste unbedingt herausfinden, was er gerne mochte. Vielleicht konnte er es aufschreiben. Sein Wasserglas und die Flasche fand sie nicht, das hatte er bestimmt mit hoch genommen.

Nach einer kleinen, wohlverdienten Mittagspause schnappte sie sich den mittlerweile ausgeschlafenen Hund und ging wieder nach draußen, um den Zaun fertig zu reparieren. Pino hatte sie an der langen Leine, er sprang glücklich durch den Wald und jagte spielerisch Insekten. Er wirkte absolut mit sich im Reinen. Noch immer musste er dringend einmal gründlich gesäubert werden und außerdem war er viel zu dünn. Dennoch wirkte er völlig verändert im Vergleich zu der Bestie, die sie bei ihrem ersten Besuch im Tierheim kennengelernt hatte. Sie musste sich immer wieder daran erinnern, weiterzumachen und nicht ihrem Hund hinterherzustarren.

Doch irgendwann war der Zaun fertig und Anna ging weiter zum Tor und schob es zu, so dass der Hund sich nicht durchzwängen konnte. Jetzt brauchte sie noch ein Schloss oder eine andere Art der Verriegelung und natürlich noch die Klingel. Sie hatte im Baumarkt ein funkgesteuertes Modell erstanden, das ihr das lästige Kabellegen ersparen würde.

Zurück beim Haus wühlte sie die Klingel zwischen ihren Baumarkteinkäufen heraus und suchte sich eine etwas längere, stabile Kette.

Da sowohl der Zaun als auch das Tor nun dicht waren, konnte Pino sich ohne Leine im Grundstück bewegen, was er aus vollen Zügen genoss. Er blieb zwar immer in Sichtweite, tollte aber wie wild um die Bäume herum. Anna musste lachen, als er einmal an einem Ast hängen blieb, stolperte, und dabei fast auf die sprichwörtliche Schnauze gefallen wäre. Im letzten Moment fing er sich wieder.

Als Anna das nächste Mal auf die Uhr sah, war es schon nach sieben. Die Klingel funktionierte und das Tor war abgeschlossen. Jetzt sollte so etwas wie mit Eddi heute Vormittag nicht mehr passieren.

Jetzt blieb nur noch die Frage offen, was es zum Abendessen geben sollte. Auf Kochen hatte sie aber überhaupt keine Lust mehr. Also blieb nur noch die Variante, etwas zu bestellen.

Diesmal hörte sie von oben Geräusche, als sie die Treppe hochging. Erst dachte sie, Eddi würde reden, doch dann erkannte sie, dass es der Fernseher sein musste, den sie hörte.

Sie klopfte an Eddis Zimmertür. Er öffnete kurze Zeit später.

Diesmal war er vollständig angezogen. Der Fernseher lief tatsächlich. Anna drückte ihm die Speisekarte des Italieners in die Hand, bei dem sie schon einmal bestellt hatte. Er schaute eine Weile darauf und zeigte dann auf Pizza mit Salami.

„Ich hole dich dann, wenn die Pizza da ist“, sagte Anna und ging wieder nach unten.

Eine Dreiviertelstunde später war die Pizza geliefert. Der Pizzabote hatte geklingelt und Anna war so schnell es ging durch den Wald bis zum Tor gelaufen, um die Pizza in Empfang zu nehmen. Auch keine Ideallösung. Man stelle sich einmal vor, sie hätte das Geld vergessen. Da hätte sie glatt noch einmal zurücklaufen müssen. Und es waren jedes Mal fast zweihundert Meter Strecke!

Zum Glück hatte sie es nicht vergessen, so konnte sie Eddi zehn Minuten später Bescheid sagen, dass das Essen da war und unten auf sie wartete.

Er schaltete noch den Fernseher aus, bevor er ihr nach unten folgte.

Diesmal hatte Pino in der Küche gewartet. Nach seinem Auslauf heute Nachmittag und dem kurzen Spaziergang gerade eben war er ausgetobt und müde und Anna hoffte, dass er friedlich sein würde. Tatsächlich knurrte er Eddi zwar kurz an, als dieser in die Küche kam, blieb aber liegen. Eddi schaute skeptisch in Richtung des Hundes und setzte sich dann an den Tisch, so weit wie möglich von Pino entfernt.

Anna packte die Pizzen währenddessen auf zwei große Teller. Wäre sie allein gewesen, hätte sie sie mit Sicherheit direkt mit der Hand aus dem Pizzakarton gegessen, aber in Anwesenheit von Eddi hielt sie es für angebrachter, mit richtigem Geschirr sowie Messer und Gabel zu essen. Sie stellte noch zwei Gläser und eine Flasche Wasser auf den Tisch, dann setzte sie sich ebenfalls und begann, an ihrer Pizza herumzusäbeln.

Sie hatte es mit Müh und Not geschafft, sich ein kleines Dreieck herauszuschneiden, als sie einen kleinen Seitenblick auf Eddi riskierte. Der hatte gar nicht erst angefangen, sich mit Messer und Gabel abzumühen, sondern hielt eines der vorgeschnittenen Pizzastücke in der Hand und biss herzhaft davon ab. Anna zuckte mit den Schultern und legte ihr Besteck ebenfalls weg. Vielleicht hätte es Eddi nicht einmal schlimm gefunden, wenn sie direkt aus dem Karton gegessen hätten, überlegte sie, während sie nun ebenfalls ein großes Stück ihrer Pizza abbiss.

Bis auf gelegentliche Fragen von Anna, ob es ihm schmeckte, ob er Wasser haben wollte und ob er oben alles hätte, was er brauchte, verlief das Essen in Schweigen. Pino hatte sich ebenfalls wieder beruhigt und so waren das Einzige, was man von Zeit zu Zeit hörte, seine Schnarchgeräusche.

Nach dem Essen war Eddi gleich wieder nach oben verschwunden. Anna räumte das Geschirr in die Spülmaschine und setzte sich dann noch eine Weile an ihren Laptop. Mittlerweile waren auch per Email schon einige Anfragen von potenziellen Kunden eingegangen, die sie in aller Ruhe durchlesen und beantworten wollte.

Es war erstaunlich, wie viel die Werbung einer einzelnen Person ausmachen konnte, denn Anna war klar, dass es einzig und allein Heinz zu verdanken war, dass sie jetzt so viele Anfragen hatte.

Erst kurz vor elf schaltete Anna den Laptop aus und ging ins Bad, um sich bettfertig zu machen. Von oben hatte sie schon seit einiger Zeit nichts mehr gehört.

Eddi war nun schon den ganzen Tag hier und hatte sich eigentlich nur zum Essen blicken lassen. Sonst sah und hörte Anna nicht viel von ihm. Er konnte ja wohl nicht die ganze Zeit schlafen. Vielleicht schrieb er auch neue Songs. In seinem Exil im Niemandsland. Anna grinste bei diesem Gedanken.

Sie hatte ein wenig im Internet geforscht, ob über Eddis Verschwinden schon etwas berichtet wurde. Bisher gab es gar nichts. Der nächste geplante Konzerttermin war in anderthalb Wochen. Man konnte die Tickets hierfür noch ganz normal kaufen, von einer eventuellen Absage des Konzerts stand nichts da. Eddi würde doch nicht ernsthaft vorhaben, dieses Konzert wie geplant durchzuziehen?

Aber es war nicht ihre Entscheidung. Es kam hier nicht mal auf ihre Meinung zu dem Thema an. Einzig Eddi und die Band und vielleicht noch die Plattenfirma konnten hier entscheiden, was das Beste war.

Mitten in der Nacht wachte Anna davon auf, dass Pino an der geschlossenen Schlafzimmertür stand und knurrte.

„Was ist denn los?“, fragte sie verschlafen und versuchte, die Zeitanzeige auf ihrem kleinen Radiowecker zu erkennen. Es war kurz nach Mitternacht, sie konnte noch nicht lange geschlafen haben.

Weil Pino nicht aufhörte zu knurren, schwang sie sich aus dem Bett, packte den Hund am Halsband und ging mit ihm durchs Wohnzimmer und das Büro. Vor der Tür zur Küche, die zur Sicherheit ebenfalls geschlossen war, knurrte Pino wieder, diesmal noch böser. Er stellte sogar sein Nackenfell auf. Jetzt hörte Anna auch etwas. In der Küche klapperte es, wahrscheinlich die Kühlschranktür. Bestimmt war Eddi da draußen und suchte etwas. Vielleicht hatte er noch Hunger oder er suchte etwas zu trinken.

Anna hatte ganz vergessen, ihm zu zeigen, wo sie die Getränke aufbewahrte. Es war bestimmt am besten, wenn sie es ihm jetzt zeigte, ehe er die ganze Küche durchsuchte. Außerdem hatte er bestimmt schon Pinos Knurren gehört, also konnte sie nicht mehr so tun, als würde sie noch schlafen.

Sie hockte sich zu dem noch immer aufgebrachten Hund. Kein Zweifel, seine Warnung galt dem Geräusch in der Küche, er bedrohte nicht sie.

„Hör mal, mein Süßer. Das da draußen ist Eddi. Er ist unser Gast, also so was wie ein Rudelmitglied. Du kannst ihn nicht vertreiben! Er wohnt jetzt hier. Es wäre also besser, du arrangierst dich mit ihm, okay? Ich verspreche dir, er wird dir nichts tun, wenn du ihm auch nichts tust.“

Sie kraulte ihm dabei hinter den Ohren und merkte, wie sich Pino immer weiter entspannte. Schließlich beschloss sie, es einfach zu wagen. Sie packte Pinos Halsband wieder fester und öffnete die Tür zur Küche.

Wie erwartet stand Eddi da, in T-Shirt und Boxershorts und hatte bis eben ihre Schränke durchsucht. Jetzt schaute er etwas unsicher in ihre Richtung.

„Hi! Hast du Hunger?“, fragte Anna.

Er schüttelte den Kopf.

„Durst?”

Er nickte. Okay, jetzt musste sie nur noch herausfinden, was er wollte.

„Wasser? Cola? Kaffee? Tee?“

Er schüttelte viermal den Kopf. Anna war ratlos. Mehr fiel ihr im Moment nicht ein.

Eddi sah aus, als suche er verzweifelt nach einer Möglichkeit, sich ihr mitzuteilen.

Plötzlich hatte sie einen Geistesblitz.

Sie vergewisserte sich, dass Pino brav stehenblieb und ging dann ins Büro, um kurz darauf mit einem Block und einem Kuli zurückzukehren. Beides drückte sie Eddi in die Hand, der auch sofort losschrieb.

„Hast du irgendwas mit Alkohol?“, stand da in krakeligen Buchstaben.

Anna war etwas überrascht, sie hätte sich eher vorgestellt, dass die Schrift eines Künstlers irgendwie … künstlerischer wäre.

„Ich habe etwas Wein. Möchtest du ein Glas?“, fragte sie ihn nun zurück.

Er lächelte und nickte dankbar.

Sie stellte zwei Gläser auf den Tisch und holte die Flasche Weißwein von heute Mittag aus dem Kühlschrank. Anna hasste es, alleine zu trinken, also nahm sie an, dass es allen anderen genauso ging. Als guter Gastgeber wollte sie deshalb einen Schluck mittrinken. Außerdem war sie jetzt wach. Vielleicht half der Wein ihr, wieder müde zu werden.

Sie setzten sich einander gegenüber an den Tisch und prosteten sich wortlos zu. Eddi trank einen Schluck und schnappte sich dann wieder den Block.

„Danke“, hatte er drauf gekritzelt.

„Wofür?“, fragte Anna perplex.

Er grinste leicht und zeigte auf Pino, der ihn zwar argwöhnisch musterte, sich aber nicht vom Fleck bewegt hatte. Dann schrieb er erneut etwas auf und zeigte es ihr.

„Du hast ihm befohlen, mich nicht zu fressen. Das war nett von dir.”

Jetzt lächelte Anna auch. Er hatte gehört, was sie hinter der Tür zu Pino gesagt hatte. Irgendwie hatte Anna jetzt das Bedürfnis, Eddi etwas über Pino zu erzählen.

„Er hat keine guten Erfahrungen mit Menschen gemacht. Deshalb ist er so misstrauisch.“

Schweigend tranken sie weiter.

Dann schrieb Eddi ein neues Wort auf den Block: „Entschuldige“.

Anna sah ihn nur fragend an, da schrieb er schon weiter. Er schrieb ewig, die halbe Seite war schon gefüllt. Dann schob er ihr den Block herüber.

„Dafür, dass ich hier bin und dir solche Umstände bereite. Und für mein Verhalten bei meinem letzten Besuch hier. Ich war so wütend auf diese Leute von Universal. Die denken, sie können einfach über mein Leben entscheiden. Sie haben unsere Konzerte abgesagt, ohne mich oder die anderen aus der Band zu fragen. Und dann haben sie einfach bestimmt, dass ich irgendwo eine Auszeit nehmen muss. Es tut mir wirklich leid, dass ich so unhöflich war.”

Das erklärte natürlich einiges.

Ganz versöhnt war Anna trotzdem noch nicht. Aber sie fand es nett, dass er sich wenigstens entschuldigte. Sie nickte.
Wenn er schon so kommunikativ war, musste sie jetzt einfach wissen, was passiert war und warum er seine Meinung dann doch noch geändert hatte. Sie schob ihm den Block wieder hin.

„Okay. Das verstehe ich. Und soweit ich das mitbekommen habe, hast du alles rückgängig gemacht und die zwei Konzerte vorgestern und gestern haben wie geplant stattgefunden. Und was ist dann passiert? Wie hast du deine Stimme verloren? Und warum bist du jetzt doch hier?“

Er dachte kurz nach.

Dann begann er erneut zu schreiben. Die Minuten vergingen und Eddi war mittlerweile auf dem zweiten Blatt angekommen, als er endlich fertig war und es ihr zu lesen gab.

„Während des ersten Konzerts am Freitag habe ich bemerkt, dass ich ein Problem mit meiner Stimme habe. Aber mit ein paar Wick-Bonbons und einem halben Liter Whisky habe ich das wieder hinbekommen.”

Anna musste spontan auflachen. Wick und Whisky, das konnte glatt als Werbespruch durchgehen. Stimme weg? Wick und Whisky hilft!

Dann las sie weiter: „Am Samstagmorgen war meine Stimme komplett weg. Wir mussten entscheiden, was wir tun. Schließlich war es nur noch das eine Konzert und dann hatten wir ohnehin eine längere Pause geplant. Also haben wir entschieden, dass ich es durchziehe. Ich habe so eine Medizin bei mir, für Notfälle. Das ist einfach hochdosiertes Kortison. Hilft meinen Muskeln im Hals wieder zu arbeiten. Normalerweise wirkt das für mindestens sechs Stunden, danach darf ich aber absolut nicht mehr sprechen, mindestens für zwölf Stunden. Aber dieses Mal brach meine Stimme schon nach zwei Stunden immer wieder weg. Beim letzten Song auf der Setliste war sie dann komplett hin. Ich glaube aber nicht, dass das jemand bemerkt hat. Unsere Fans haben die letzten Zeilen des Songs alleine gesungen. Das machen wir öfter so.

Gleich nach dem Konzert bin ich zu einem Arzt gegangen und der hat mir gesagt, dass das Risiko besteht, dass meine Stimmbänder komplett ruiniert werden, wenn ich mich nicht vollständig erhole und mindestens für zwei volle Tage nicht spreche. Und das probiere ich gerade. Ich hoffe, dass meine Stimme morgen Abend wieder da ist.”

Anna las den Zettel zweimal. Sie war schon ganz schön müde und hatte deshalb etwas Mühe, die Buchstaben zu entziffern. Von dieser Medizin, die er erwähnt hatte, hatte sie irgendwo schon einmal gelesen, ihr fiel nur gerade nicht ein, wo.

Auch Eddi gähnte nun hinter vorgehaltener Hand. Es war wohl besser, wenn sie jetzt ins Bett gingen.

Anna trank noch schnell den letzten Schluck Wein aus. Sie war überrascht, als Eddi nochmal nach dem Block griff. Er schrieb nur ein Wort quer über die Seite: „Schau!“ Dann zeigte er auf seinen Schoß.

Anna überlegte kurz, ob das eine Art verquere Anmache sein sollte, doch dann schaute sie genauer hin. Sie musste spontan grinsen. Pino war unbemerkt näher an Eddi herangekommen und stand jetzt neben ihm, den Kopf auf seinen Schoß gelegt und ließ sich hinter den Ohren kraulen.

„Ich glaube, er mag dich“, kommentierte Anna die Situation. Eddi nickte glücklich und lächelte sie dankbar an.

Sobald Anna aufstand, war Pino aber schon wieder bei ihr. Sie verabschiedete sich von ihrem Gast und ging mit einem Umweg übers Bad zurück in ihr Bett. Innerhalb weniger Minuten war sie eingeschlafen.

3. Kapitel

Der Wecker hatte am Morgen einige Mühe, Anna wach zu bekommen. Doch schließlich schälte sie sich ergeben aus der gemütlichen Decke und wankte noch halb blind ins Bad, um sich mithilfe einer Dusche zu wecken.

Nachdem sie angezogen und geföhnt war, fühlte sie sich endlich richtig wach. Jetzt war es Zeit, das Frühstück für sich und ihren Gast zu machen. Normalerweise trank sie morgens lieber Tee, aber heute musste es unbedingt ein Kaffee sein. Dann machte sie den Ofen an, um ein paar Brötchen warm zu machen.

Als Teller, Tassen, Besteck, Butter, Marmelade, Wurst und Käse auf dem Tisch standen, ging sie nach oben, um Eddi zu rufen. Erst nachdem sie schon das erste Mal geklopft hatte, fiel ihr ein, dass sie mal irgendwo von ihm gelesen hatte, er wäre kein Morgenmensch und würde freiwillig nie vor Mittag aufstehen. Sie wartete, doch von drinnen war kein Laut zu hören.

Na gut, es zwang ihn ja niemand aufzustehen und zu frühstücken. Also ging sie wieder nach unten und setzte sich allein an den gedeckten Frühstückstisch.

Heute hatte sie ihren ersten Termin als Verhaltenstherapeutin. Mal sehen, wie dieser Pauli so war. Frau Schmidt hatte ja gesagt, er würde alles anbellen, was sich bewegte. Das klang nach Jagdverhalten. Leider hatte sie vergessen zu fragen, um welche Rasse es sich bei Pauli handelte, das würde schon einiges ausschließen.

Pino konnte sie zu dem Termin nicht mitnehmen. Hoffentlich blieb der auch lieb zuhause. Gestern Nacht hatte er sich ja noch mit Eddi angefreundet, aber hieß das auch, dass sie die beiden allein zuhause lassen konnte? Nicht, dass er ihr alles in Schutt und Asche zerlegte. Der Hund natürlich, nicht Eddi! Sie hoffte, dass Eddi schon so gut erzogen war, dass er nichts kaputt machte.

Anna ließ den Rest des Frühstücks stehen. Dann konnte Eddi sich selbst bedienen, wenn er wach wurde. Sie wollte inzwischen zu Karl fahren. Das hatte sie zwar eigentlich schon gestern geplant, aber da war ja etwas dazwischen gekommen.

Sie packte die Sense und den Hund ins Auto. Zu Karl durfte Pino mit. Er würde den alten Mann sicher öfter sehen, da war es gut, die beiden so früh wie möglich in für Pino neutralem Terrain aneinander zu gewöhnen.

Mit Pino an der kurzen Leine in der einen und der Sense in der anderen Hand ging Anna die kurze Auffahrt zu Karls Garten hoch. Im Spiegelbild eines Fensters wirkte sie, als wäre sie als Gevatter Tod unterwegs, um sich ein paar unschuldige Seelen zu schnappen. Der Höllenhund neben ihr wirkte sogar noch realer als sie selbst mit ihrem Grinsen im Gesicht. Pino nahm seine Rolle wirklich sehr ernst und knurrte leise. Er hatte Karl wohl schon gewittert.

Kaum war sie durch das kleine Tor in seinen Garten gelangt, sah sie ihn auch schon. Er pflanzte ein paar Blumen in einen kleinen Tontopf am Eingang. Wenn er sich vor Pino erschrak, zeigte er das zumindest nicht, denn er stand ruhig auf, als er Anna sah und gab ihr die Hand. Dabei musste er sich etwas strecken, denn sie hatte etwas Mühe, den Hund und die Sense mit einer Hand zu halten.

Zumal Pino sich sehr interessiert an Karl zeigte. Leider konnte Anna noch nicht einschätzen, ob dieses Interesse eher in Richtung Wer bist du und wie heißt du? ging oder eher in Richtung Ich will dich fressen!. Deshalb hielt sie Pino lieber etwas auf Abstand.

Karl nahm schließlich die Sense wieder in Empfang und fragte Anna, wie es ihr ging. Dann hockte er sich hin und hielt seine Hand in Richtung von Pinos Nase. Anna ließ ihm so viel Leine, dass er Karls Hand zwar beschnuppern, aber nicht beißen konnte. Der Hund schnupperte kurz daran und entspannte sich dann. Jetzt konnte Anna die Leine lockerer lassen.

Karl bat sie, mit hineinzukommen und einen Kaffee mit ihm zu trinken. Sie hatte zwar keine Lust mehr auf Kaffee, lehnte aber dennoch nicht ab. Pino nahm sie kurzerhand mit, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass das in Ordnung für Karl war.

Bei Kaffee und Keksen unterhielten sie sich ein bisschen über den Fortschritt in Annas Haus. Dann erzählte Anna, warum Pino jetzt bei ihr war und dass sie einen Gast hatte.

Es tat gut, mit jemandem über alles zu reden. Oder überhaupt mal wieder mit jemandem zu reden, der antworten konnte.

Viel zu schnell war es Zeit für Anna aufzubrechen. Sie musste Pino noch zurückbringen und hatte dann den Termin mit Paulis Frauchen. Hoffentlich war Eddi schon wach. Sie wollte ihn wenigstens vorwarnen, wenn sie schon vorhatte, den Hund bei ihm zu lassen.

Sie hatte Glück, Eddi saß in der Küche mit einer Tasse Kaffee vor sich. Gegessen hatte er offenbar nichts, denn alles stand noch so da wie sie es verlassen hatte. Als sie in die Küche kam, drehte er sich zu ihr um und hob grüßend die Hand.

„Guten Morgen“, grüßte sie zurück. „Wie hast du geschlafen?“

Er hob den Daumen und grinste leicht.

„Ich habe jetzt einen Termin und kann Pino leider nicht mitnehmen. Kann er bei dir bleiben?“

Eddi nickte und winkte Pino zu sich heran. Erstaunlich, wie sich seine Einstellung zu dem Hund verändert hatte.

Sie ermahnte Pino noch einmal ausdrücklich, lieb zu sein. Dann ging sie hinaus.

Hoffentlich würden die zwei miteinander klarkommen. Verständigungsprobleme sollten sie schon mal keine haben, schließlich konnten beide nicht sprechen. Das war ein gemeiner Gedanke, dennoch grinste Anna in sich hinein. Sie wünschte Eddi ja schon, dass er seine Stimme bald wieder hatte. Es musste gerade für einen Sänger unheimlich schlimm sein, ausgerechnet seine Stimme zu verlieren. Das ist, als würde man dem Gitarristen den Arm abhacken. Andererseits betrachtete sie es als kleine Strafe für sein Verhalten bei seinem ersten Besuch hier.

Eine halbe Stunde später erreichte Anna die von Frau Schmidt angegebene Adresse. Es handelte sich um ein kleines Einfamilienhaus mit noch winzigerem Garten. Anna klingelte.

Sofort hörte sie es im Haus bellen. Und kaum öffnete sich die Tür, schoss auch schon ein weißes Fellbündel nach draußen und auf sie zu. Kurz vor der Gartentür stoppte der Hund ab und fing an, sie wie wild anzubellen.

Es sah süß aus, weil seine Ohren dabei so wippten. Aber der Hund meinte es ernst, daran bestand kein Zweifel. Da Anna fast regungslos vor dem Gartentor wartete, kam Jagdverhalten als Ursache für das aktuelle Bellen schon mal nicht in Frage. Eher Revierverteidigung.

Hinter dem Hund kam eine ältere, ziemlich dicke Frau aus der Tür und rief: „Pauli! Hör auf mit dem Krach! Du verschreckst uns ja unseren Gast. Bitte, hör jetzt auf.“

Anna musste in sich hineingrinsen. Solche Höflichkeiten einem Hund gegenüber waren irgendwie niedlich. Wenn auch völlig unangebracht. Pauli sah eher so aus, als würde ihm ein ordentlicher, knapper Befehl guttun. Mittlerweile war die Frau bei Anna angekommen und reichte ihr über die Gartentür hinweg die Hand.

Sie schrie gegen das Gebell ihres Hundes an: „Guten Tag Frau Diemer. Schön, dass Sie da sind. Kommen Sie doch herein! Er tut nichts.“
Dann öffnete sie die Gartentür, damit Anna eintreten konnte. Pauli sah zwar nicht so aus, als würde er wirklich nichts tun, aber sie wagte es jetzt einfach einmal. Sie konnte ja nicht draußen bleiben. Und außerdem hatte sie eine Versicherung abgeschlossen. Zu irgendwas musste die schließlich gut sein.

Frau Schmidt behielt Recht und Anna kam unbehelligt bis ins Haus. Sobald sie eingetreten waren, beruhigte Pauli sich schlagartig und zeigte nun seine andere Seite. Er legte sich in sein Körbchen und war völlig uninteressiert an dem Gast.

Frau Schmidt bot Anna einen Platz auf dem Sofa an und stellte ein kleines leeres Glas vor sie. Das war doch nicht etwa …

„Trinken wir auf den Schreck erst mal einen kleinen Likör“, bestätigte sie Annas Vermutung auch sofort und zauberte eine halbvolle Flasche Eierlikör hervor. Sie ignorierte Annas Protest, dass sie noch Auto fahren müsste und goss beide Gläser so voll, dass sich der Likör über den Rand wölbte.

„Prost!“

Wie sie es schaffte, das Glas auch noch anzuheben, ohne dass etwas über den Rand schwappte, war Anna ein Rätsel, aber sie nahm sich ergeben auch ihr Glas und hob es einen Millimeter über den Tisch, damit Frau Schmidt mit ihrem Glas anstoßen konnte. Wie erwartet kleckerte etwas von dem gelben Likör auf den Tisch.
„Das ist doch nicht schlimm“, kicherte Frau Schmidt und tänzelte schon in die Küche, um einen Lappen zu holen. Man konnte es einfach nicht anders beschreiben, so, wie die dicke Frau sich bewegte.

Als der Eierlikörfleck aufgewischt war und beide einen Schluck getrunken hatten, beschloss Anna jetzt zum eigentlichen Grund ihres Besuches zu kommen.
„Dann erzählen Sie mal von Pauli! Welches Verhalten stört sie am meisten und wann tritt das auf?“

Die nächste Viertelstunde lang klagte Frau Schmidt Anna ihr Leid. Nicht nur von Paulis aggressivem Verhalten draußen, sondern auch davon, dass ihre Tochter und deren Mann ihr Pauli eines Tages mitgebracht hatten, weil sie der Meinung waren, ihre Mutter wäre einsam. Dass sie überhaupt keine Ahnung von Hunden hatten, alle drei nicht. Und dass sie es nicht übers Herz gebracht hatte, den kleinen Kerl wieder wegzugeben, weil er doch „so ein Lieber“ sei.

Zwischen all diesen Informationen filterte Anna die für sich Wesentlichen heraus. Pauli kam wohl aus dem Tierheim. Am Anfang war er noch ganz lieb gewesen, wenn auch etwas wilder draußen als drinnen. Doch mit der Zeit wurde es immer schlimmer draußen, bis Frau Schmidt sich keinen Rat mehr gewusst hatte. Dann hatte sie Frau Heinz aus dem Tierheim angesprochen, weil sie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt hat, Pauli zurück ins Tierheim zu bringen.

„Wissen Sie, ich schaffe es einfach nicht mehr, ihn zu bändigen. Ich möchte ihn unheimlich gern behalten. Ich brächte es wahrscheinlich gar nicht übers Herz, ihn im Tierheim zu lassen. Deshalb war ich auch so dankbar, als Magarete mir Ihre Telefonnummer gegeben hat.“

Anna schaffte es mit Müh und Not, den Eierlikör auszutrinken. Bevor Frau Schmidt die Gelegenheit hatte nachzugießen, bat sie sie, zusammen mit Pauli nach draußen zu gehen, damit sie sich das Verhalten des Hundes zu verschiedenen Gegebenheiten anschauen konnte.

Frau Schmidt holte ein Geschirr und eine Leine und legte Pauli beides an. Der wurde beim Anblick von Leine und Geschirr etwas munterer und hopste nun zwischen den beiden Frauen auf und ab. Noch sah er eher fröhlich als aggressiv aus. Doch sobald er durch die Tür getreten war, änderte sich alles in seinem Ausdruck und er wirkte plötzlich eher wie ein Kampfhund in der Arena, ständig darauf gefasst, gleich einen Kampf auf Leben und Tod ausfechten zu müssen.

Trotz Paulis geringer Größe hatte Frau Schmidt alle Hände voll zu tun, den Hund zu halten. Er zog und zerrte an seiner Leine und Anna hatte Angst, dass Frau Schmidt stolpern könnte. Entspanntes Spazierengehen sah anders aus.

Anna war schnell klar, was los war. Pauli zeigte kein fehlgesteuertes Verhalten. Er war einfach total unerzogen und hatte sich einige Macken angewöhnt und gepflegt. Frau Schmidt war nicht einmal ein Vorwurf zu machen. Sie wusste ja, dass sie keine Ahnung von Hunden hatte. Man könnte höchstens ihre Tochter und den Schwiegersohn dafür rügen, den Hund einfach angeschleppt zu haben, aber auch die hatten es eigentlich nur gut gemeint.

Schon nach zehn Minuten bat Anna, wieder umzudrehen. Frau Schmidt war erleichtert. Sie schafften den Rückweg relativ unbeschadet, auch wenn Pauli in dieser Zeit mindestens drei Autos gejagt und mehrere Passanten böse angebellt hatte.

Zurück im Haus goss sich Frau Schmidt erst noch einen Eierlikör ein, Anna hatte es gerade noch geschafft abzulehnen.

„Kennen Sie eigentlich diesen … diesen … wie hieß der noch gleich?“, fragte Frau Schmidt plötzlich, noch immer völlig außer Atem.

„Wen?“ Anna hatte keine Ahnung, was Frau Schmidt meinte.

„Na diesen Hundemenschen im Fernsehen! Der sich um die ganzen Problemfälle kümmert.“

Jetzt verstand Anna. Sie redete von einem sogenannten Hundeprofi. Anna nickte.

„Sie machen das genauso wie er“, erklärte Frau Schmidt ihren Gedankengang.

„Ach so? Ich hab doch noch gar nichts gemacht.“

Anna war verwundert. Bisher hatte sie sich doch nur angeschaut, was los war. Machte das nicht jeder Therapeut auf die gleiche Weise?

„Ich finde ihn einfach toll“, schwärmte Frau Schmidt. „Wenn Sie ihn sehen, können Sie mir dann vielleicht ein Autogramm besorgen?“

Anna nickte. Was sollte sie auch anderes tun? Sie konnte ja schlecht erklären, dass ihre Chance, den Hundeprofi auf der Straße zu treffen, eher klein war, auch wenn sie vielleicht etwas Ähnliches machten. Vielleicht sollte sie Frau Schmidt aber anbieten, ihr ein Autogramm von Eddi Markgraf zu besorgen. Da hatte sie bessere Karten.

Sie ließ es bleiben. Nachher war Frau Schmidt noch ein heimlicher Fan von Eddi und wollte wirklich ein Autogramm.

„Jedenfalls“, versuchte Anna auf das eigentliche Thema Pauli zurückzukommen, „glaube ich, dass ich weiß, was mit Pauli los ist.“

„Ehrlich?“ Frau Schmidt war wieder mit voller Aufmerksamkeit bei Anna und beugte sich sogar etwas nach vorn, um nichts zu verpassen.

Anna überlegte, wie sie es am besten formulieren konnte, ohne Frau Schmidt zu nahe zu treten.

„Die gute Nachricht ist, Pauli ist ein ganz normaler Hund und die Probleme mit ihm sind gut in den Griff zu kriegen.“

Frau Schmidts Gesicht leuchtete auf, so sehr freute sie sich. Anna musste die Freude aber gleich wieder ein wenig dämpfen.

„Die schlechte Nachricht ist, seine Probleme sind hausgemacht. Er ist vollkommen unerzogen und macht, was er will. Und mit der Zeit hat er seine Unarten immer weiter ausgebaut, weil er dafür Aufmerksamkeit bekommt und weil es ihm einfach Spaß macht.“

Jetzt zeichnete sich auf Frau Schmidts Gesicht Unglaube ab.

„Pauli macht es Spaß, andere zu erschrecken?“

„Ich fürchte ja“, bestätigte Anna.

„Und was kann man dagegen tun?“

Anna hatte die dumpfe Ahnung, dass Frau Schmidt jetzt erwartete, sie würde eine Pille hervorzaubern, die Paulis Problem ein für alle Mal lösen würde. Den Gefallen konnte sie ihr nicht tun.

„Frau Schmidt, Pauli kann zu einem sehr netten, ruhigen Hund werden. Aber das geht nicht ohne Arbeit. Und ich fürchte, Sie müssen diese Arbeit machen. Das kann Ihnen niemand abnehmen.“

Sie wartete ein bisschen ab, bis ihr Gegenüber diese Nachricht verdaut und mit einem weiteren Schluck Eierlikör hinuntergespült hatte, dann begann Anna der Frau zu erklären, dass sie dem Hund Grenzen setzen musste und ihm die Grundbegriffe des Gehorsams beibringen sollte.

„Außerdem müssen Sie sich viel mit Pauli beschäftigen, damit er nicht auf dumme Ideen kommt, verstehen Sie?“

Die folgende Stunde zeigte Anna Frau Schmidt, was sie tun konnte, um Pauli geistig zu fordern. Sie war körperlich nicht so fit, um stundenlang mit dem Hund durch den Wald zu laufen. Also musste sie ihn wenigstens hier beschäftigen. Am besten mit Apportier- und Futtersuchspielen. Frau Schmidt stellte sich gar nicht so dumm an. Sie hatte ein gutes Timing. Allerdings bezweifelte Anna, ob sie es durchhalten würde, den Hund nur noch zur Belohnung zu füttern. Deshalb suchten sie gemeinsam nach einem Leckerli, für das Pauli alles tun würde. Es war schnell gefunden: Pauli war ein Fan von Leberwurst.

Sie vereinbarten einen weiteren Termin in vier Wochen. In dieser Zeit hatte Frau Schmidt die Aufgabe, ihrem Hund ein paar Grundkommandos beizubringen, ihn sein Spielzeug apportieren zu lehren und jeden Tag mindestens zweimal fünfzehn Minuten mit ihm zu spielen. Außerdem durfte Pauli nur noch an der Leine aus dem Grundstück raus und im Haus nicht mehr auf die Couch und nicht mehr im Bett schlafen.

„Aber nur so lange, bis er gelernt hat, dass Sie die Regeln hier aufstellen“, beruhigte Anna die alte Frau, die nun Angst hatte, ihr würde das Schmusen mit ihrem Liebling für immer verboten.

„Und Sie können mich natürlich jederzeit anrufen, wenn Sie nicht weiterkommen oder eine Frage haben.“

Anna war zufrieden mit sich, als sie nach Hause fuhr. Wenn Frau Schmidt nur die Hälfte der ihr auferlegten Regeln einhalten würde, würde Pauli in vier Wochen schon kaum noch wiederzuerkennen sein.

4. Kapitel

Als Anna zuhause ankam, war von Eddi und Pino nichts zu sehen. Sollte sie sich Sorgen machen? Aber da im Haus alles normal aussah, keine Spuren eines Kampfes, zuckte Anna mit den Schultern und ging ins Büro, um sich Heinz‘ Telefonnummer herauszusuchen. Sie musste unbedingt bei der Tierheimleiterin anrufen und sich bedanken.

Sie erreichte eine Mitarbeiterin, die Heinz ans Telefon holte.

„Heinz“, rief eine barsche Stimme ins Telefon.

Anna musste grinsen, nannte Heinz sich jetzt schon selbst so?

„Hallo, Frau Heinz. Hier ist Anna Diemer. Ich wollte …“

„Frau Diemer! Schön, dass Sie sich mal wieder melden“, unterbrach Heinz sie freudig. „Wie geht es Ihnen mit unserem Pino?“

„Pino geht es gut. Er gewöhnt sich immer mehr an fremde Menschen und ich selbst habe überhaupt keine Probleme mit ihm“, berichtete Anna.

„Das ist aber schön!“ Heinz schien sich wirklich zu freuen, man hörte ihr sogar an, dass sie lächelte.

„Ich wollte mich noch bei Ihnen bedanken“, kam Anna jetzt auf den eigentlichen Grund ihres Anrufes zurück. „Dank Ihnen war ich heute bei meiner ersten Kundin und habe auch schon die nächsten Termine mit anderen möglichen Klienten.“

Heinz lachte dröhnend. „Klar, das hab ich Ihnen doch versprochen! Erika hat mich auch schon angerufen und mir von Ihren Wundertaten erzählt.“

„Erika?“, fragte Anna nach.

„Erika Schmidt, das Frauchen von Pauli“, bestätigte Heinz ihre Vermutung. „Ich hoffe wirklich, Sie können ihr helfen. Die Gute war ja wirklich verzweifelt und wollte den armen Pauli schon zu mir bringen. Dabei können die zwei nicht ohneeinander.“

Anna war erstaunt über Heinz‘ Mitgefühl. Das hätte sie dieser burschikosen Frau gar nicht zugetraut. Sie schien sich wirklich für das Schicksal der Tiere zu interessieren.

Anna hatte spontan eine Idee.

„Möchten Sie nicht in den nächsten Tagen einmal zu mir kommen? Dann können Sie sich anschauen, wie Pino jetzt wohnt und ich kann mich bei Ihnen noch einmal richtig mit Kaffee und Kuchen bedanken.“

„Gerne“, nahm Heinz den Vorschlag sofort an. „Passt es Ihnen morgen? Da muss ich sowieso in Ihre Richtung fahren. Ich könnte dann gegen fünfzehn Uhr bei Ihnen sein.“

Anna hätte nicht damit gerechnet, dass Heinz überhaupt zusagte und schon gar nicht damit, dass sie gleich morgen kommen wollte. Aber sie stimmte zu und überlegte in Gedanken schon, wo sie bis zum nächsten Tag noch einen Kuchen herbekam.

Kaum hatte sie das Telefonat beendet, kamen Eddi und Pino zur Tür herein. Pino hechelte, aber auch Eddi sah verschwitzt aus. Hatten sie ein Wettrennen veranstaltet?

„Wo wart ihr denn?“, fragte sie.

„Wir waren spazieren“, flüsterte Eddi ihr zu. Hey, er konnte wieder reden. Na ja, eher flüstern. Immerhin.

„Oh, ist deine Stimme wieder da?“

Sofort verdüsterte sich Eddis Miene und er schüttelte traurig den Kopf.

„Hab’s probiert, aber ich kann nur flüstern. Für den Hund ist das aber anscheinend zu leise.” Er lächelte ein wenig schief.

Anna brauchte eine Sekunde, doch dann wurde ihr klar: Er hatte einen Witz gemacht. Trotz seiner wirklich unangenehmen Situation machte er einen Witz. Das erste Mal hatte Anna das Gefühl, dass jetzt wirklich ihr Eddi vor ihr stand. So wie sie ihn sich immer vorgestellt hatte.

Sie lächelte ihn an. „Das wird schon wieder!“

Dann machte sie erst einmal Mittagessen für sie beide. Eddi bot sogar an zu helfen, also ließ Anna ihn einen Salat klein schneiden.

Diesmal verlief das Essen nicht in komplettem Schweigen. Eddi konnte zwar wirklich nur flüstern, aber er nutzte seine neugewonnene Kommunikationsfähigkeit, um sich für das Essen zu bedanken und Anna zu informieren, dass übermorgen sein Arzt vorbeikommen würde. Anna wiederum warnte Eddi vor, dass sie am nächsten Nachmittag Besuch von Heinz bekommen sollte. Er nickte nur, äußerte sich aber nicht weiter dazu.

Als das Geschirr in der Spülmaschine verstaut war, verschwand Eddi nach oben und Anna beschloss, sich für eine halbe Stunde hinzulegen.

Nach kaum zehn Minuten wurde sie allerdings von ihrer neu installierten Klingel geweckt. Verschlafen rieb sie sich die Augen und brauchte eine ganze Weile, bis sie realisierte, dass es die Klingel am Tor sein musste. In Windeseile zog sie ihre Schuhe wieder an und rannte hinaus. Pino ließ sie im Haus. Er war zwar interessiert mit aufgestanden, machte aber keine Anstalten, jetzt unbedingt hinaus zu wollen. Für ihn war diese Klingel wohl noch kein Signal für Besuch.

Anna joggte durch den Wald zum Tor. Dabei überlegte sie, dass dies absolut kein Zustand war. Wer immer an ihrem Tor klingelte, musste ewig warten, bis sie endlich dort war. Und sie selbst rannte jedes Mal, als ob es um ihr Leben ginge. Sie hatte allerdings im Moment noch keine Idee, wie sie das ändern könnte.

Sie hatte Glück, ihr Besuch hatte gewartet. Vor dem Tor stand ein Lieferwagen. Sie kannte die Firma nicht, aber der freundliche Fahrer, der sofort ausstieg als er sie kommen sah, klärte sie auf, dass sie eine Ladung Naturstein-Fliesen bekommen würde. Ach ja, die sehnlichst erwarteten Fliesen für oben. Anna öffnete das Tor und wies den Fahrer an, bis ans Haus zu fahren. Sie selbst joggte dem Lieferwagen hinterher.

Die Fliesen waren schnell ausgeladen, der Lieferschein unterschrieben und auch der Fahrer wieder weg. Jetzt musste Anna zurück zum Tor und dieses schließen. Sollte sie jetzt jedes Mal, wenn jemand herkam, zweimal zum Tor und zurück laufen? Das musste doch auch anders gehen.

Sie ließ Pino raus, der endlich auch mitbekommen hatte, dass ein Fremder da gewesen war und als Erstes den gesamten Weg vom Haus bis zum Tor und zurück nach möglichen Bedrohungen absuchte. Anna sah ihm kopfschüttelnd hinterher. Sie verfluchte kurz die Schnapsidee, sich einen Hund anzuschaffen, der Fremde generell als potenzielle Bedrohung ansah. Hinter Pino kam auch Eddi heraus. Er hatte wohl ebenfalls etwas gehört. Wie schön, jetzt hatte sie zwei Wachhunde. Vielleicht war es aber auch ganz praktisch, dass Eddi da war. Der konnte ihr gleich mal helfen, die schweren Fliesenpackungen in den ersten Stock hochzutragen.

„Kannst du die vielleicht mit hochtragen?“, fragte sie ihn mit einem Blick auf den Stapel Kartons. Er nickte und packte gleich die ersten drei Kartons. Anna schaffte es gerade einmal, einen Karton auf einmal anzuheben und lief ihrem Packesel staunend hinterher.

Mit Eddis Hilfe hatten sie die Kartons mit den Fliesen in kürzester Zeit oben in den Flur gebracht. Anna erklärte Eddi, was sie damit vorhatte und bat ihn auch, den Sack Fliesenkleber, den sie extra zu diesem Zweck beim letzten Baumarktbesuch mitgebracht hatte, hochzuschleppen. So konnte sie vielleicht gleich anfangen.

Sie selbst holte noch einen Eimer und das notwendige Werkzeug. Dann verschwand sie kurz nach unten, um sich ihre Arbeitssachen anzuziehen. Diesen Aufzug kannte Eddi ja nun schon. Es war dieselbe fleckige Jeans und das alte T-Shirt, mit denen sie ihn schon bei seinem ersten Besuch begrüßt hatte.

Während der Kleber zog, überlegte sie sich, wie sie anfangen wollte. Sie hatte schon entschieden, in Eddis Zimmer anzufangen, dort lag auch die Unterlage zum Schutz des Bodens.

Dann ging es los, den ersten Klecks Fliesenkleber an die Wand, mit der Kelle abziehen und die Fliese darauf platzieren. Und schon gab es das erste Problem: Der Kleber hielt die schwere Steinfliese nicht fest. Sie rutschte unaufhörlich nach unten, sobald Anna sie losließ. Sie probierte es eine Weile mit Festhalten, gab dann aber schnell auf. Auf diese Weise wäre sie Wochen beschäftigt, bis sie alle Fliesen an der Wand hatte. Eine andere Lösung musste her.

Eddi hatte ihr die ganze Zeit über interessiert vom Schreibtisch aus zugesehen. Vor ihm stand ein aufgeklappter Laptop, doch seitdem sie oben waren, hatte er noch kein einziges Mal auf den Bildschirm geschaut. Er lachte lautlos, als er Annas hilflosen Versuch sah, die Fliese dazu zu bringen, an der vorgesehenen Stelle an der Wand kleben zu bleiben.

Dann sah er sich suchend im Zimmer um. Weil er nicht fand, was er suchte, machte er ein kurzes Zeichen in Annas Richtung und verschwand nach draußen. Sie interpretierte seine Handbewegung als „Bleib da“.

Zwei Minuten später war er zurück, bewaffnet mit einem etwa einem Meter langen Brett und einem Ziegelstein. Anna schaute verwundert zu, wie er das Brett schräg unter ihrer Fliese platzierte und mit dem Ziegelstein am Wegrutschen hinderte.

Gute Idee, das musste sie ihm lassen. Jetzt musste sie die Fliese immerhin nicht selbst halten.

Also trabte Anna noch einmal die Treppe hinunter und holte aus dem Stall noch ein paar Bretter, die sie beim Umbau dort zwischengelagert hatte. Eddi, der ihr hinterhergelaufen war, drückte sie drei Ziegelsteine in die Hand. Die würde er ja wohl tragen können. Ungerührt packte er sich noch zwei weitere oben drauf. Die Muskelstränge an seinen Armen traten nun deutlich hervor. Er schien offenbar ein bisschen rumprotzen zu müssen. Sollte er mal ruhig, damit war ihr ja geholfen.

Dann setzte er sich wieder auf seinen Aussichtspunkt am Schreibtisch und sah Anna zu, wie sie eine größere Menge Kleber auf die Mitte der Wand verteilte. Sie klebte die Fliesen eine nach der anderen auf und stützte sie mit den Brettern. Die ganze Zeit über spürte sie Eddis Blicke auf ihrem Nacken.

Nachdem die zweite Reihe angebracht war, beschloss sie, für heute aufzuhören. Es ging ihr ein bisschen auf die Nerven, bei der Arbeit so unter Beobachtung zu stehen.

Als Anna später im Bett lag, fiel ihr wieder ein, wie viel Eddi gelächelt hatte, als er ihr geholfen hatte. Vielleicht war es nicht gut für ihn, oben in seinem Zimmer auf eine gewisse Weise eingesperrt zu sein. Für sie selbst wäre das auch furchtbar langweilig. Sie wusste ja nicht, was er mit seinem Laptop machte, aber auf die Dauer war das bestimmt nicht sehr fesselnd. Sie beschloss, ihn ein bisschen mehr einzuspannen. Er würde schon sagen, wenn es ihm zu viel würde. Oder flüstern, dachte sie noch, bevor sie mit einem Lächeln auf den Lippen einschlief.

Am nächsten Tag war Eddi beim Frühstück wieder sehr ruhig und verschlossen. Er stopfte nur schnell einen Toast mit Marmelade in sich hinein, goss sich eine Tasse Kaffee ein und verschwand damit nach draußen. Anna ließ sich nicht beirren und frühstückte in Ruhe weiter. Es war ihr unerklärlich, warum seine Laune wieder so stark gesunken war. Gestern Abend war doch alles in Ordnung gewesen. Vielleicht hatte er schlechte Nachrichten bekommen. Oder vielleicht hatte sie auch unwissentlich irgendetwas falsch gemacht. Das war ihr momentan aber ziemlich egal.

Sie hatte heute den zweiten Kundentermin und war schon ganz gespannt, was sie erwartete. Pino wollte sie wieder bei Eddi lassen. Das hatte ja ganz gut geklappt. Vielleicht schaffte es der Hund, den wortkargen Sänger wieder zum Lachen oder zumindest zum Lächeln zu bringen.

Sie räumte das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine, schaltete diese an und machte sich dann auf dem Weg zu ihrem Termin. Auf dem Rückweg musste sie unbedingt daran denken, Kuchen mitzubringen. Schließlich wollte Heinz sie heute besuchen kommen.

Eddi saß draußen auf der Treppe und starrte in die Ferne. Seine leere Tasse stand neben ihm. Als Anna ihn fragte, ob sie Pino noch einmal bei ihm lassen konnte, nickte er nur, ohne sie dabei anzusehen. Er sah sehr nachdenklich aus, fast unglücklich. Hätte Anna jetzt etwas Zeit gehabt, hätte sie ihn gefragt, was los war. So musste sie sich aber beeilen, um nicht zu spät zu kommen.

Als sie wenig später vor der angegebenen Adresse stand und klingelte, hatte sie Eddi schon fast wieder vergessen. Ihre heutige Kundin war die Dame mit den zwei Jack-Russell-Terriern, die alles jagten, was sich bewegte. Sie wohnte in einem Mehrfamilienhaus in Milmersdorf, nicht weit von dem kleinen Laden entfernt, an dem Anna vor einigen Wochen nach dem Weg zu ihrem Haus gefragt hatte.

Anstatt sie herein zu bitten, kam die Frau direkt mit den zwei Hunden an der Leine nach draußen. Sie begrüßte Anna und stellte ihre Hunde vor.

Jimmy und Jacky waren wahre Energiebündel. Sie sahen sich ziemlich ähnlich und liefen aufgeregt um Anna herum, soweit es ihre Leinen zuließen. Schon nach kürzester Zeit war Anna von den Hunden hoffnungslos eingewickelt worden.

„Die haben ja eine schlaue Jagdtechnik“, versuchte Anna mit einem Witz, die etwas angespannte Stimmung aufzulockern. Doch Frau Wellek, die Besitzerin der beiden Hunde, schaute Anna nur verständnislos an. Dann band sie einen der beiden kurz los, um die Hundeleine von Annas Beinen zu ziehen. Sie hielt ihn zum Glück die ganze Zeit am Halsband fest. Der Hund war so zappelig, dass er aussah, als würde er sofort mit Lichtgeschwindigkeit davonsausen, wenn sie ihn für eine Sekunde losließ.

Der andere Hund wurde auch noch schnell befreit, dann gingen sie zusammen in Richtung Ortsausgang. Unterwegs schilderte Frau Wellek ihre Probleme mit den beiden Tieren.

„Ich habe Jacky von Frau Heinz aus dem Tierheim geholt, weil ich einen kleinen Hund gesucht habe. Ich brauche mehr Bewegung, sagt mein Arzt. Aber wir haben nur eine kleine Wohnung, da konnte es eben kein großer Hund sein. Magarete hat mich damals gewarnt, dass Jacky ein Jagdhund ist. Aber mein Mann, der Horst, meinte, dass er sich mit Hunden auskennen würde, er hätte früher immer welche gehabt. Er wüsste schon, wie man solche Hunde erzieht.“

Sie hielt kurz inne und schüttelte den Kopf. „Was niemand wusste, auch Magarete nicht, war, dass Jacky damals schon schwanger war oder wie das bei Hunden heißt. Sie hat Jimmy dann bei uns zuhause bekommen.“

Frau Wellek machte eine Pause. Das Laufen strengte sie etwas an. Zumal sie reichlich damit zu tun hatte, die beiden wild durcheinander laufenden Hunde davon abzuhalten, sich mit ihren Leinen zu verheddern.

„Und hatten Sie das Problem mit dem übermäßige Jagen von Anfang an?“, hakte Anna nach.

Frau Wellek nickte. „Horst hat am Anfang, als Jimmy noch nicht auf der Welt war, immer mit Jacky geübt. Sie sollte eben zurückkommen, wenn sie gerufen wird. Horst behauptet zwar, dass sie das bei ihm immer gemacht hätte, aber ich kann das ehrlich gesagt nicht glauben. Bei mir hat sie nicht ein einziges Mal gehört und ich gehe weitaus häufiger mit den Hunden raus als mein Mann.“

Soso, Horst war also ein Hundeversteher. So einer von der Sorte Ich kann das, weil ich schon immer Hunde hatte.

Autor

  • Sandra Helinski (Autor)

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Titel: Stumme Rockstars beißen nicht -  Rockstar Sommer (Teil 2)