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Nacktgebiete:Camping-Urlaub mal erotisch?

Humorvoller Roman, Humor

von Andreas Geist (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

„Wir hatten vorgestern zum letzten Mal Sex!“ Diese Äußerung hing wie eine giftige Seifenblase in der Luft und drohte durch mein Schweigen zu platzen und alles Leben im Umkreis von einem Kilometer zu vernichten, die Zimmerpflanzen eingeschlossen.

So kann es nicht weitergehen! Kurz entschlossen bucht Martina Gruber bei Gabi im Reisebüro einen Urlaub auf einem FKK-Campingplatz an der französischen Atlantikküste – ohne Wissen ihres Mannes Johannes, der komplett überrumpelt die Sache am liebsten abblasen würde. Dumm nur, dass Gabi stadtbekannterweise so verschwiegen ist wie eine Gießkanne wasserdicht. Es bleibt die Flucht nach vorne vor dem anstehenden Dorffest mit Tratschbörse, auf dem die Grubers mit ihrer Schmuddelbuchung mit tödlicher Sicherheit Thema Nummer eins sein werden.

Während Martina und Johannes anfängliche Schwierigkeiten überwinden, mit ihrer fünfjährigen Tochter die Vorzüge eines textilfreien Sommers am Meer genießen lernen und ihr sexarmes Eheleben mehr als nur reaktivieren, brauen sich über der Idylle dunkle Wolken zusammen: Claudia, die ausgesprochen prüde Mutter Martinas, die keine Ahnung hat, wo ihre Tochter und Enkelin die Ferien verbringen und ohnehin schon wenig von ihrem Schwiegersohn hält, kommt zu Besuch …

„Wer nackt ist, lernt die einzige Rolle zu spielen, die er wirklich beherrscht: Sich selbst.“

Impressum

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Neuausgabe Juli 2016

Copyright © Erstausgabe 2014, neobooks Self-Publishing
Copyright © Neuausgabe 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-031-9

Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-511-6

Covergestaltung: Christin Peulecke

Bildnachweis: Andreas Stamm/fotosearch

Lektorat: Janina Klinck, Lectoreena

Dies ist eine völlig neu überarbeitete Ausgabe des 2014 bei neobooks erschienen Titels Das verlorene Paradies (ISBN: 978-3-73800-463-2).

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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NG_Innentitel

Prolog

Die verrückte Idee stammte natürlich von meiner Frau.

Nein, nicht falsch verstehen!

Es war eine fantastische Idee, wie immer, wenn ich es auch zunächst nicht zugeben wollte, ebenfalls wie immer.

Frauen sagen einfach, was sie fühlen und denken. Sie können beides – keine Frage.

Männer können weder das eine noch das andere. Ich meine nicht, dass sie es nicht könnten. Es ist nur so, dass keiner von ihnen so einfach und unbeschwert damit herausplatzt. Männer müssen zuerst alles in ihren Köpfen und Eingeweiden mit vielfältigen Erwartungen abgleichen. Neue, ganz besonders verrückte Ideen haben kaum eine Chance, die kurze Strecke vom Ort der Entstehung bis zu den Lippen unzensiert zurückzulegen. Ihre Bahn ist die einer Stahlkugel im Flipperautomaten.

Sie wissen, was ich meine. In ganz seltenen Fällen erreicht diese Stahlkugel ihr Ziel, ohne irgendwo gehörig anzubumsen, und in einem schwindelerregenden Zickzackkurs weiterzurasen. In diesem ganz seltenen Fall allerdings, werden auch Männer von einem Tsunami der Begeisterung mitgerissen. Sie heben spontan einen Zeigefinger auf Brusthöhe und öffnen tonlos den Mund, bevor sie ihn wieder schließen und nachdenklich innehalten.

Ich bin übrigens Johannes Gruber, fünfundvierzig Jahre alt, verheiratet, eine Frau, Martina, ebenfalls Gruber, vierzig Jahre, eine Tochter, Friederike, fünf Jahre alt. Nach dem Abitur ging es mir, wie es den meisten ging. Keine Ahnung, was ich machen sollte. Ein gewisser Idealismus, den man der Jugend nachsagt, und der in meinem Jahrgang absolut schick war, verlangte, dass ich Franz von Assisi oder ein bisschen Albert Schweitzer würde. Da das Zölibat für mich nicht infrage kam, entschied ich mich unter dem Jubel meiner Eltern nach längerer Untätigkeit für die zweite Option.

Ich bewarb mich für ein Medizinstudium, obwohl ich kein Blut sehen konnte. Ich will nicht leugnen, dass es ein halbherziger Versuch war, der mehrmals an der Hürde des Numerus clausus scheiterte. Also schrieb ich mich – nun zum Entsetzen meiner Eltern – für das Studium der Philosophie und Germanistik ein, nur um irgendetwas anzufangen, bevor ich ins Rentenalter käme.

Ohne Zugangsbeschränkungen ging es relativ kurzfristig und für mein Empfinden viel zu schnell los. Ich fand Gefallen am Studentenleben, empfand aber die Vorlesungen als unangenehme Unterbrechung desselben. Also reduzierte ich den unangenehmen Teil stetig, um den angenehmen Dingen mehr Raum zu geben. Das führte schließlich dazu, dass ich zwangsexmatrikuliert wurde, da die Fakultät rätselte, ob ich verstorben sei oder man aus anderen Gründen nicht mehr mit mir rechnen müsse.

Am Ende bin ich dennoch auf Umwegen und mit überschaubarem Aufwand etwas geworden. Mein Wissen um die gefährlichen Klippen und gewaltigen Hürden schulischen Lernens prädestinierten mich geradezu für den Lehrerberuf. Zu guter Letzt wurde aus mir eine gesunde Mischung aus Albert Schweitzer, Franz von Assisi und Arnold Schwarzenegger. Auch die Zeit, die ich der Philosophie und Germanistik ohne Abschluss gewidmet habe, möchte ich nicht missen. Es ist eine gewisse Leidenschaft geblieben, Schachtelsätze zu formulieren, deren Sinn mir bisweilen selbst entgleitet, und jeden banalen Sachverhalt philosophisch aufzuarbeiten, bis auch der letzte Zuhörer oder Leser eingeschlafen ist.

Sie werden schon sehen: Das kann bisweilen lästig werden, soll sie aber auf keinen Fall davon abhalten, dieses Buch zu kaufen und, was weniger wichtig ist, auch zu lesen. Nichts im Leben ist umsonst oder zufällig. Davon handelt unter anderem die folgende aberwitzige Geschichte.

Alle Kreise schließen sich. Das weiß ich, seit ich Yoga mit fernöstlichen Weisheiten kombiniere, um Körper und Seele geschmeidig und Arnold Schwarzenegger in mir unter Kontrolle zu halten. Sonst bestünde im Lehrerberuf täglich die Gefahr, einem der demonstrativ gelangweilten Provokateure, die Albert Schweitzer zudem für den Lead-Sänger der Toten Hosen halten, eine Ohrfeige zu verpassen.

Ommmmm, Shanti.

So, jetzt meinen Sie eine ungefähre Ahnung zu haben, worauf Sie sich einlassen. Doch da muss ich Sie enttäuschen. Lassen Sie sich einfach überraschen.

1

Männer – und ich spreche aus Erfahrung – werden sehr früh darauf getrimmt, den Anschein makelloser Seriosität ein Leben lang aufrechtzuerhalten. Mit neun steckte man mich in einen blauen Anzug mit Krawatte, die ein Metallklipp am Kragen meines gestärkten weißen Hemdes befestigte. Rund fünfzig gleichermaßen gestärkte Gäste steckten mir in einem schicken Restaurant diskret Kuverts mit Geldscheinen zu. Nein, es handelte sich nicht um Bonuszahlungen an einen zu kurz geratenen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank auf der Aktionärshauptversammlung, sondern um meine Erstkommunion. Dieselben Aktionärshauptversammlungen absolvierten die Mädels meines Jahrgangs kichernd in weißen Ballerinakleidchen. Wissen Sie, was ich meine? Dieses Ereignis meines frühen Lebens erscheint mir heute wie der erste Spatenstich für ein gewaltiges, fragiles Lügengebäude.

Waren Sie mal in den Universal Filmstudios in Los Angeles? Nein? Macht nichts! Ich erkläre es Ihnen.

Dort stehen noch immer verstaubte Filmkulissen aus den Western meiner Kindertage irgendwo mitten in der Landschaft herum. Wenn Sie näher hinschauen, erkennen Sie überrascht, dass es nur Holzfassaden sind, die von hinten mit langen Stangen gestützt werden. Dann erklärt man Ihnen, dass für John Wayne, der ziemlich kurz war, Hausfassaden mit kleinen Türen gebaut wurden, an deren Rahmen er sich machomäßig abstützen konnte, ohne auszusehen wie Speedy Gonzales, die schnellste Maus Mexicos. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? So ungefähr? Okay.

Stellen Sie sich jetzt ein Bierdeckelhäuschen vor, an dem Sie in Ihrer Lieblingskneipe eifrig den ganzen Abend gebaut haben. Es wird breiter und höher und ihr Erfolg vermittelt Ihnen unterbewusst schließlich das Gefühl, es könne gar nicht mehr einstürzen. Stimmt aber nicht, im Gegenteil. Sie kennen das Phänomen von der Titanic. Größe hat nicht unbedingt was mit Sicherheit zu tun, häufig aber mit Größenwahn. Und der Größenwahn, genährt vom Applaus und dem Schulterklopfen der Anderen, wiegt uns in jener trügerischen Sicherheit, die uns immer übermütiger und unvorsichtiger werden lässt.

Ein einziger Windstoß von der aufschwingenden Eingangstür wird das Bierdeckelhäuschen mathematisch gesehen mit zunehmender Größe immer wahrscheinlicher zum Einsturz bringen. Es beginnt mit einem unmerklichen Zittern und endet in der totalen Vernichtung unseres Lebenswerkes.

Rums … Eisberg ahoi!

Ein Beispiel:

Stellen Sie sich vor, der Bundeskanzlerin würde vor laufenden Kameras der Rock durch einen solchen Windstoß angehoben.

Stellen Sie sich weiter vor, alle Welt schaute unverhofft auf ein Piercing, dem ausgerechnet an diesem herrlichen Sommertag die Bedeckung durch ein standesgemäßes Höschen fehlte.

Sie erinnern sich an die Szene aus dem Film Das verflixte siebte Jahr, in dem Marilyn Monroe mit ihrem weißen Röckchen über einem U-Bahnschacht steht und ihre Löckchen trocken föhnt, also die unterhalb des Bauchnabels. Haben wir doch alle gedacht, zumindest wir Männer, oder nicht? Ein Bild, das alleine in unserer Fantasie Gestalt annimmt und einen Hochdruckpatienten in eine ernste Krise stürzen kann.

Erotik ist ein sensibles Spiel. Wehe aber, wenn das Gesamtbild nicht stimmt. Dann ist es so, als würde sich Lang Lang höchst konzentriert ans Klavier setzen, um den Flohwalzer herunterzunudeln. Natürlich traue ich Lang Lang zu, selbst aus dem Flohwalzer ein Tröpfchen Erotik zu quetschen. Sie wissen aber, was ich meine.

In unserem Fall käme ein Vergleich mit Marilyn Monroe so hinkend daher, dass unsere erotische Fantasie schlicht überfordert wäre. Selbst dem geneigten Berichterstatter bliebe nichts übrig, als gemeinsam mit allen blökenden Lachern die Person nebst Staatsamt in diesem einen Moment der Lächerlichkeit preiszugeben, und zwar für immer.

Ich war nicht die Bundeskanzlerin. Viel schlimmer! Ich war Mathe- und Physiklehrer an einer kleinen Schule in einem Ort, der noch viel kleiner sein konnte, wenn es darauf ankam. Sie werden meinen wirren Vortrag verstehen, wenn Sie gleich erfahren, worum es geht.

Um allen eventuellen Peinlichkeiten vorzubeugen, versuchte mein Gehirn stets, ohne mein besonderes Zutun, potenziell gefährliche Ideen mit den möglichen Reaktionen meiner Schüler, der Gesellschaft, des Arbeitgebers, der Kinder, unserer beiden Zwergkaninchen und nicht zuletzt meiner Ehefrau abzugleichen. Nahezu alle spontanen, vielversprechenden Ideen blieben dabei zwangsläufig auf der Strecke. Mein Mund zuckte in so einem Moment oder öffnete sich stumm, um sich gleich wieder zu schließen. Wenn meine Frau dies mit ihrem sechsten Sinn wahrnahm und mich zur Rede stellte, pflegte ich ertappt rasch „Ach nichts“ zu sagen und irritiert zu lächeln.

Idiotisch aber irgendwie nicht zu ändern, und anderen Männern in meiner staatstragenden Position geht es nicht besser, das weiß ich.

Aber nun zu jener verrückten Idee meiner Frau.

Ich erinnere mich noch genau. Es war ein heißer Sommertag kurz vor den Ferien.

Was Martina laut aussprach, spukt in Männerköpfen spätestens nach der ersten feuchten Nacht herum.

„Wie wär’s, wenn wir mal auf einem FKK-Campingplatz Urlaub machen?“

Ich tat, was ich am besten konnte. Ich lächelte irritiert, als hätte ich nicht richtig verstanden.

Martina ignorierte meine Irritation und lächelte anzüglich zurück.

„Wer weiß, vielleicht ergeben sich Situationen …“

Der Satz hing unvollendet im Raum und erforderte eine Fortsetzung meinerseits. Diese kam prompt. Ich lächelte wie ein Mitverschwörer, modifizierte meine Reaktion aber ungewollt durch ein paar winzige Schweißperlen auf meiner Nase. Schweißperlen sagen oft mehr als tausend Worte, von denen mir nur drei spontan in den Sinn kamen.

„Ganz schön heiß.“

Ich lächelte jetzt schief, weil mir die Zweideutigkeit meiner intelligenten Bemerkung selbst klar wurde.

Meine Frau nahm es als Zustimmung.

Moment. Nicht so schnell.

Ich runzelte die Stirn, als hätte ich eine wichtige Eingebung, über die ihr Vorhaben doch noch stolpern könnte.

„Und unsere Tochter?“

„Johannes, sie wird im Herbst sechs Jahre alt und läuft im Sommer sowieso nackt herum.“

Bedenken rasten durch meine Hirnwindungen, lieferten aber lediglich Ergebnisse, die Martina den Eindruck vermitteln mussten, ich sei ein Spießer und Feigling. Der war ich nun wirklich nicht … eigentlich. Als sich auf meiner panischen Suche schließlich etwas auftat, fiel sie mir ins unausgesprochene Wort, als hätte sie meinen letzten, ernst zu nehmenden Widerstand vorausgeahnt.

„Wir fahren an den Atlantik. Das sind über tausend Kilometer von hier. Da triffst du keine Kollegen oder Freunde.“

Sie sagte dies so kategorisch, dass mir die plötzliche Eingebung, Oberstudienrat Vierteles-Rotwein-Schlotzer Bucher, dessen Tochter mit Friederike in der Krabbelgruppe gewesen war, würde jedes Jahr in die Weinregionen am Atlantik fahren, lächerlich erschien. Meine Lippen bewegten sich stumm und erstarrten, als sie mir den allerletzten Windhauch aus den Segeln nahm.

„Und selbst wenn jemand aus dem Ort an den Atlantik fährt. Die Côte dʼArgent ist hundert Kilometer lang. Da gibt es mindestens genauso viele Campingplätze. Glaubst du, die Spießer hier gehen ausgerechnet auf einen FKK-Campingplatz? Na also!“

Ich hatte das Gefühl, dass mein Gesicht in diesem Moment ungefähr so lang wurde, wie die Côte dʼArgent. Martina schien das nicht zu bemerken. Ich spannte meine Gesichtsmuskeln an, scheinbar zu einem Lächeln, doch tatsächlich, um die Einzelteile zusammenzuhalten, bevor sie auf den Boden kullerten und unter der Couch verschwanden.

Eigentlich fand ich ihre Idee …, vielleicht …, möglicherweise … auch irgendwie toll, … überraschend.

Ich musste erst ausgiebig darüber nachdenken!

Keine Ahnung wie lange. Ich hatte Panik. Nach kurzem Grübeln räusperte ich mich und sah nur einen gangbaren Weg vor mir. Ich musste die Initiative bei alldem übernehmen.

„Dann müssen wir eine schöne Anlage aussuchen. Sind die nicht alle ausgebucht … in den Sommerferien?“, fragte ich und spürte ein Kribbeln am Haaransatz, nicht da, wo Sie jetzt denken. Es war unverhofft eine kleine Hoffnung aufgetaucht, das Ganze ins nächste Jahr zu verschieben. Sie taumelte durch mein Gehirn wie eine Motte auf dem Weg zu einem prasselnden Lagerfeuer.

Martina lächelte verschwörerisch.

„Zum Glück habe ich schon gebucht“, flüsterte sie, als hätten die Wände Ohren.

Mein Herzschlag setzte einen Moment lang aus.

„Und wo?“, flüsterte ich unsinnigerweise ebenso leise zurück.

„Die Anlage heißt Angape und liegt am Atlantik nördlich von Biarritz.“

„Nein, ich meine, wo du gebucht hast?“ Ich wischte mir die kleinen Schweißperlen von der Nase.

„Bei Gabi im Reisebüro natürlich.“

Es roch ein wenig verbrannt, als die Motte in das prasselnde Lagerfeuer am unendlich langen feinsandigen Sandstrand der Côte dʼArgent stürzte, an dem ich mit Martina eng umschlungen und splitterfasernackt saß, während die vollkommen bekleidete Gabi vor uns stand und mit anzüglichem Grinsen fragte:

„Na, hab ich euch zu viel versprochen, ihr Turteltäubchen?“

Ich öffnete die Augen, weil der Film, der hinter meinen geschlossenen Lidern ablief, auf einen unvermeindlichen Showdown zusteuerte, der unerträglich war. Nicht wegen Martina. Unerträglich war die glotzende Gabi, die ihren Blick eindeutig auf mein erigiertes Glied richtete und sich Notizen machte.

Ich muss dazu sagen, dass sie eine meiner verblichenen Jugendlieben war, mit der außer Petting nie etwas gelaufen war. Jetzt wollte sie alles nachholen, das spürte ich. Ich schüttelte mich heftig, und da riss der Film endlich, bevor es zum Äußersten zwischen mir und Martina und Gabi kam.

„Was ist? Du schaust so komisch“, fragte sie besorgt, also Martina, nicht Gabi.

„Du hast was?“ Die Schärfe in meiner Stimme überraschte mich selbst.

„Ist dir klar, dass inzwischen das ganze Städtchen weiß, wohin die Grubers dieses Jahr in Urlaub fahren?“

„Du übertreibst“, beschwichtigte Martina, doch ihre Stimme klang weniger selbstsicher. „Außerdem gibt es eine Schweigepflicht für Reisebüromitarbeiter, oder nicht?“

Ich wusste es nicht, glaubte es aber nicht, und Martina verfügte offensichtlich über keine stichhaltigen Informationen.

Das oder nicht signalisierte mir ganz im Gegenteil schmerzlich, dass es überflüssig wäre, jemandem aus dem Dorf körperlich, also körperlich nackt, auf dem Campingplatz über den Weg zu laufen.

Mir fiel dazu ein, dass Gabi uns letztes Jahr auf dem Stadtfest aufgeregt erklärt hatte, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen könne, woher die Breitlings das Geld hätten, um als vierköpfige Familie einen All-inclusive-Urlaub auf den Malediven zu buchen. Wir hatten sie weder nach den Breitlings im Allgemeinen gefragt, noch nach deren Urlaub im Speziellen. Gabi schien sich nicht mit dem Gedanken an eine berufsbedingte Schweigepflicht zu belasten.

Ich weigerte mich, diese Begebenheit eins zu eins auf unseren Fall zu übertragen. Dennoch zwang mich meine männliche Logik dazu. Das diesjährige Stadtfest, das in unsere Sommerferien fiel, würde uns schlagartig in die Kategorie best-known people in town katapultieren. Wir mussten also unbedingt weg, und selbst, wenn wir den gebuchten FKK-Campingplatz absagten, würde das nichts mehr ändern. Dann wären wir eben die stadtbekannten Ferkel, die erst einen FKK-Urlaub gebucht hatten, um ihn dann wieder abzusagen.

Ich erinnerte mich an Dürrenmatts Physiker, die ich in der Schule gelesen und meinen Schülern ans Herz gelegt hatte, und an den resignierten Ausspruch des Möbius, den ich erst jetzt in seiner vollen Tragweite verstand: Ein einmal ausgesprochener Gedanke kann nicht mehr zurückgenommen werden.

Möbius war ein Mann und hatte gelernt, seine Gedanken für sich zu behalten. Ja, Männer waren in bestimmten Situationen das überlegene Geschlecht. Was nützte das allerdings, wenn man mit einer Frau verheiratet war, die ihr Herz und ihre Ideen auf der feuchten Zunge trug, von der sie ins Freie abglitten, bevor sie einer angemessenen Prüfung unterzogen werden konnten?

Ach zum Teufel. Ich liebte Martina für ihre Spontanität. Auch deshalb hatte ich sie letztlich geheiratet. Ich betrachtete sie als beste Ehefrau von allen, um es mit den Worten meines verstorbenen Lieblingssatirikers Ephraim Kishon zu sagen.

„Was soll’s. Schließlich brauchen wir uns nicht zu verstecken. Noch ein bisschen Radfahren und Bauch-Aufzüge, und ich werde mich gekleidet wie Adam und gebaut wie Adonis in die Fluten des Atlantiks stürzen“, erklärte ich meiner Frau heroisch. „Nur um den bewundernden Blick meiner Eva auf mich zu ziehen“, ergänzte ich mit einem mehrdeutigen Grinsen, das eine Mischung war aus Daniel Craig und Sascha Hehn. Es verfehlte seine Wirkung nicht.

Zuerst wirkte Martina überrascht. Dann fiel sie mir um den Hals.

„Ich hatte schon Angst, du würdest nein sagen.“

„Quatsch“, erwiderte ich. „Ich hatte diese Idee schon lange.“

Der Tag X kam schneller, als mir lieb war. Wir packten unseren Wohnwagen und wurden uns auf angenehme Weise bewusst, dass der kleine Kleiderschrank dieses Mal mehr als ausreichen würde. Natürlich mussten wir auf der Fahrt an den Atlantik Zwischenstopps einlegen, schon weil unsere Tochter die Längen der Etappen durch ihre Launen vorgab. Da man die Notre-Dame in Paris für Nudisten gesperrt und das Verbot sogar auf Spaghettiträger-Tops bei Frauen und Flipflops bei Männern erweitert hatte, nahmen wir pro Person eine geschlossene Garnitur mit.

Ich äußerte scherzhaft Bedenken, ob wir nach so einem Urlaub sonntags nicht gedankenlos nackt in unsere Dorfkirche einlaufen würden, nur weil es Sommer und heiß wäre.

„Haha, sehr witzig.“

Martina war vor Urlauben immer nervös. Die Tatsache, sich zum ersten Mal überlegen zu müssen, was sie nicht mitnahm, schien sie noch nervöser zu machen. Mein penetranter Humor, der lange in dieselbe Kerbe schlagen konnte, erreichte deshalb früher als sonst ihre Schmerzgrenze. Es reizte mich ungemein, mich nun, nachdem ich mich mit dem unbekannten Abenteuer angefreundet hatte, auf meine typische Weise damit auseinanderzusetzen.

„Vielleicht buche ich den nächsten Urlaub bei Gabi gleich nackt im Reisebüro.“

Martina funkelte mich böse an. Ups, ich hatte es übertrieben, zumal ich vor tausend Jahren mit Gabi intim gewesen war. Eine kurze Zeitspanne für die Eifersucht einer Ehefrau.

„Tut mir leid. Hab mir nichts dabei gedacht.“ Ich senkte reumütig den Blick und hoffte, dass Martina das leckere Häppchen meiner Phrase schlucken würde, welche Frauen bei Männern so lieben: Habe nichts gedacht. Weil das für sie impliziert: Habe gefühlt.

„Okay, schon vergessen“, erwiderte sie.

Ihr Blick, den ich auffing, als ich wagte, sie wie ein Dackel anzusehen, der gerade auf den Teppich gepinkelt hatte, war heiter, zu heiter.

„Ich hab unterwegs noch einen FKK-Campingplatz gebucht. Er ist bei Deutschen sehr beliebt und in nur fünf Stunden von hier zu erreichen. Von dort aus können wir super Paris erkunden. Heißt Heliomonde. Da können wir uns schon ein bisschen auf den Atlantik einstimmen.“

Ich schluckte. Die Angst, dort mit nicht mehr zu vernachlässigender Wahrscheinlichkeit einem Lehrerkollegen mit hängenden Glocken und einem Bier in der Hand zu begegnen, kehrte zurück. Diese Angst war geradezu physisch. FKK hatte ohnehin etwas ungemein Physisches.

Wer wollte gleich noch mal diesen Sommer nach Paris? Mir fielen dummerweise vier Kollegen ein, die ausgerechnet dieses Jahr einen auf Bildung und Kultur machen wollten. So ein Schwachsinn. Was sollte das für ein Erholungsurlaub sein? In Paris bei dieser Hitze rumzurennen und sich die Klamotten nicht vom Leib reißen zu können. Waren unter jenen Familien verkappte Nudisten? Wahrscheinlich nicht. Es würde allerdings schon genügen, ihnen vollkommen bekleidet in Paris über den Weg zu laufen.

„Auf welchem Campingplatz seid ihr?“

Bingo.

Ich würde mir eine knallharte Lüge zurechtlegen, doch noch bevor ich Luft holen könnte, würde Martina auf ihrer feuchten Zunge alles rausrutschen.

Möbius, alter Leidensgenosse!

Mit einem Mal wurde mir klar, dass man auf einem FKK-Campingplatz keinen Mantelkragen hochschlagen konnte, um an jemandem vorbeizueilen, dem man nicht begegnen wollte. Man war ziemlich nackt. Vielleicht sahen Nudisten niemandem ins Gesicht, weniger aus Diskretion als wegen neuer unverhüllter Körperteile, die man jetzt anstarren konnte. Ein kleiner Trost lag in dieser Vorstellung, wenn ich auch ahnte, dass es die typisch falsche Vorstellung eines Noch-nicht-Nudisten war. Es ging dabei nämlich nicht um einen Schwanzvergleich, sondern um die besondere Verbundenheit mit der Natur. Naturisten war der richtige Begriff, das hatte ich im Internet recherchiert.

Ich bemerkte, dass Martina heimlich zum dritten Mal meine drei Badehosen aus dem Wohnwagenschränkchen zog, wo ich sie in die dunkelste Ecke unter die Handtücher gestopft hatte. Ich fand sie versteckt in der Unterhosenschublade im Schlafzimmer wieder, schlich mich mit ihnen zurück in den Wohnwagen und sah mich um. Schließlich schraubte ich das Blech der Gasheizung ab und schob die drei Synthetikfummel hinein. Da drinnen würde es sehr heiß, stand auf einem kleinen, roten Warnschild, das sich nicht explizit an Synthetikbadehosen richtete. Wer von uns würde schon im Sommer die Gasheizung anstellen? Ich lächelte zufrieden, denn jetzt war ich sicher, dass meine drei Freunde mit auf die Reise gingen. Wer wusste schon, wie ernst die anderen Camper auf dem Platz die Badehosenlosigkeit nahmen? Am Schluss waren wir die Einzigen, die die Hosen runterlassen wollten, und dann musste ich mit meiner Feinripp von Schießer in den Atlantik stürzen, der sich die schlabbrige Schießer sofort schnappen oder komplett mit dem puderigen Sand füllen würde.

Niemals! Sicher ist sicher. Ich rieb mir zufrieden die Hände. Inzwischen übertraf die Spannung meine Ängste. Ich hoffte, dass die üppigen Blondinen von der Homepage des Campingplatzes Angape auch da wären. Der Gedanke, nackte Hintern ungeniert bei vollem Tageslicht in allen Details studieren zu können, bekam etwas Reizvolles. Ähem, etwas Akademisches, wollte ich sagen. Ich war schließlich Lehrer!

Einem Gynäkologen machte man auch keinen Vorwurf, wenn er sich nackte Frauen ansah. Vielleicht gefiele es mir ja, wenn eine junge Brünette dasselbe bei mir täte. Da waren sie wieder, die feuchten Träume der Jugendzeit, die dank der Pornoecke des Kiosks auf dem Schulweg ständig Nahrung erhalten hatten. Alle Jungs saugten die Titelbilder der Schmutzblättchen verstohlen und gierig im Vorbeigehen in sich auf und verarbeiteten sie des Nachts in wilden, erotischen Träumen. Was hätten wir dafür gegeben, ein Zeltlager der Katholischen jungen Gemeinde auf einem FKK-Campingplatz abzuhalten. Warum hatte das nie jemand vorgeschlagen?

Es fehlte der Mut! Musste ich wirklich erst so alt werden, um mutige Entscheidungen zu treffen?

Doch dann fiel mir ein, dass der Vorschlag eigentlich von Martina gekommen war.

2

Der letzte Tag vor der Abreise hatte etwas von einem Spießrutenlaufen. Der an sich unschlüpfrige Begriff warf eine lustig-erotische Fantasie auf meine geistige Leinwand. Ich musste kichern, als Martina ihrer ausgesprochen katholischen Mutter den Hausschlüssel und Anweisungen zum Wasserbedarf der Zimmerpflanzen übergab.

„Wo geht es denn genau hin?“

Martina sah mich streng an, als hätte meine Heiterkeit die Frage von Schwiegermama provoziert.

„Martina hat …“ Doch weiter kam ich nicht, weil mir Martina ins Wort fiel. Glaubte meine Frau wirklich, ich würde ihr den schwarzen Peter zuschieben?

Ein Lachanfall schüttelte mich jetzt, weil ich mir einen schwarzen Peter ohne Hose vorstellte und … naja, Sie wissen schon.

„Wir fahren zum Camping an den Atlantik“, sagte Martina ein bisschen zu schnell, ein bisschen zu heftig. Der vernichtende Blick, den sie mir dabei zuwarf, schien meiner Schwiegermutter nicht entgangen zu sein. Schwiegermama zog eine Augenbraue in die Höhe, was wie bei Mr. Spock nur dann geschah, wenn Alarmstufe rot unmittelbar bevorstand.

Ich verstummte augenblicklich, denn die Mühlen der schwiegermütterlichen Inquisition pflegten zu malen, bis ein Geständnis meiner Frau auf dem Tisch lag. Ich hingegen konnte, wie bereits erwähnt, Lügengebäude errichten, deren Schlüssigkeit mich selbst überraschte. Eine unbedingte Voraussetzung für mein Hobby: die Schriftstellerei.

„Was ist so lustig an meiner Frage?“, war die wenig lustige Frage der Schwiegermama.

Ich stand nun direkt hinter meiner Frau, um ihr emotional zu suggerieren: Ich stärke dir den Rücken. Frauen stehen auf so was.

Leider missverstand sie meine Geste und nutzte meine Kuschelposition, um mir ihren spitzen Ellenbogen in den Solarplexus zu rammen.

„Ihr wollt doch irgendwas vor mir geheim halten“, sagte Schwiegermama.

Wir schüttelten beide den Kopf. Etwas zu schnell, etwas zu heftig, doch auf wundersame Weise lösten sich mit einem Mal die strengen Gesichtszüge der Inquisition in ein strahlendes Lächeln auf.

„Jetzt weiß ich es. Ihr holt mich zu meinem Geburtstag nach, wie letztes Jahr, als wir zusammen auf dem Campingplatz am Bodensee gefeiert haben.“

Die beste Ehefrau von allen nickte für meinen Geschmack etwas zu schnell, etwas zu heftig. Schließlich hätten wir diese Überraschung auch für uns behalten können, um sie einen Augenblick später ganz zu vergessen. Mein Gehirn war nicht groß genug, um alle Konsequenzen zu erfassen, die sich aus einer Anreise Claudias, meiner Schwiegermutter, auf dem FKK-Campingplatz Angape ergeben würden.

Der Name Claudia bedeutete übersetzt: die Verschlossene. Mit einem Mal wurde mir klar, auf welche ihrer Eigenheiten ihr Name tatsächlich abzielte. Claudia, die Zugeknöpfte. Sie hasste Nacktheit, hatte ihrer Tochter bodenlange Faltenröcke in Kombination mit Rollkragenpullis angezogen, mit zwei Aussparungen für die Ohren.

Als der Gesetzgeber meiner Frau Volljährigkeit attestierte, hatte diese sich in einem Aufschrei der Befreiung die Kleider vom Leib gerissen und war in einem gelbgrün karierten Bikini zum ersten Mal in ihrem Leben ins Freibad des Dorfes gegangen.

„Die Männer werden dich lüstern anstarren!“, so die düstere Prophezeiung ihrer verzweifelten Mutter.

Die Männer starrten sie tatsächlich an. Ich war einer von ihnen. Das lag an dem komischen Muster auf ihrer Haut. Ihr Hals war weiß, dort wo sie wie der Graf von Monte Christo ihre Halskrause im Sommer wie im Winter getragen hatte. Ebenso ihre Arme und Beine, die bis zu diesem fünfzehnten August züchtig bedeckt gewesen waren. Lediglich der Kopf, die Hände und die Fußrücken waren gebräunt bis auf ein weißes X, das von ihren Jesussandalen herrührte, dort wo gekreuzte Lederbänder sie vor der lüstern starrenden Sonne verborgen hatten.

Die anderen Mädchen, die ich kannte, schafften es schon damals, sich irgendwo heimlich hüllenlos zu bräunen. Ein Bikini, der auf Männer wirken sollte, konnte niemals weiße Streifen verbergen, die Liebestöterunterhöschen eins zu eins auf der Haut abbildeten. Diese Art Streifen waren definitiv gesellschaftliche Ausbremsspuren. Schlimmer noch: Sie galten als Sakrileg, das sofort und ohne Verhandlung mit dem gesellschaftlichen Tod geahndet werden konnte.

Während die Jungs und Mädels meiner Klasse sich nach anfänglichem Glotzen schockiert oder gar angewidert von Martina abwandten, die mit stoischem Selbstbewusstsein der Sonne zum ersten Mal die sonst verborgenen Stellen ihrer makellosen Haut zeigte, erkannte ich die inneren Werte unter der gescheckten Hülle.

Genaugenommen sah ich auf den üppigen Busen, den prallen Hintern und die weiblichen Hüften, die kokett und ganz natürlich hin und her wippten, und mir Lust auf mehr machten. Männer sind besonders in diesem Alter willenlose Opfer ihrer Hormone und ihrer nächtlichen feuchten Träume. Der berüchtigte Kiosk lag nicht nur auf dem Schulweg, sondern ebenso zufällig auf dem Weg zum Freibad, sodass im Sommer kioskinduziertes Kopfkino mit der hormonellen Brunftzeit zusammenfiel.

Das Sonnenbad hatte Folgen. Am späten Nachmittag desselben Tages zeichnete sich Martinas Liebestöter-Faltenrock in roter Farbe bis zu den Füßen ab, der Hals glühte, und ich meine rückblickend, dass ihre Arme leicht nach verbrannten Härchen rochen, wie ich es vom Brutzeln auf Campinggaskochern her kannte. Vielleicht verströmte diese unangenehme Note aber auch ihr Deo. Hatte ihre Mutter gekauft, die sich selbst heute noch 4711 Echt Kölnisch Wasser hinter die Ohrläppchen tupfte.

Ganz besonders spaßig sahen die beiden roten Sandalenkreuze auf ihren Fußrücken aus. Vielleicht hatte Mama dieses katholische Schuhwerk, das an den Märtyrertod des heiligen Andreas erinnerte, bewusst für ihre Tochter als Mitbringsel von einem der Wallfahrtsorte, die sie besucht hatte, erstanden, als Mahnung an die Bedeutung der Keuschheit. Noch heute benutze ich scherzhaft den Begriff Sandalenkreuz, wenn ich an einen unbeschrankten Bahnübergang komme, doch der Scherz entlockt meiner Frau nur noch ein missbilligendes Grunzen, wie bei allen anderen lustigen Bemerkungen, die ich andauernd wiederhole.

Martina war in der Sonne eingeschlafen. Als ich auf dem Weg vom Schwimmbecken zurück zu meinem Liegeplatz mit verstohlenem Blick, der noch einmal wie zufällig ihre mächtigen Brüste streifte, das Unglück sah, musste ich ihr einfach helfen. Ich streifte noch einmal wie zufällig ihre Brüste, diesmal mit den Händen, und berührte sie sanft auf dem knallroten Bauch, der glühte wie eine Herdplatte. Sie schreckte aus dem Halbschlaf auf, sah mich entgeistert an und langte mir eine. Nun reagierte meine linke Wange – sie war Rechtshänderin – und solidarisierte sich in Farbe und Temperatur mit dem Körper, der vor mir lag. Auch auf meiner Wange musste sich eine Art Sandalenkreuz abzeichnen.

Ich sah aus dem Augenwinkel, dass andere Augenpaare schadenfroh auf mich gerichtet waren. Ich nahm den roten Abdruck Martinas kräftiger Hand als Zeichen der Vorsehung, die uns in diesem Moment als Stigmatisierte und Ausgegrenzte der Gesellschaft zusammenschweißte, und gab meine Annäherungsversuche entgegen eines ersten Impulses nicht auf. Sie wissen ja. Es gibt keine Zufälle im Leben. Ich war der barmherzige Samariter für ihre angeschmorte Haut.

Ommmmm.

„Du … du hast einen Sonnenbrand“, stotterte ich und eroberte mit dieser feinsinnigen Bemerkung sofort ihr Herz. Zumindest blieb eine zweite Ohrfeige aus, und als ich dümmlich lächelnd – das hatte ich damals schon drauf – eine große Flasche Sonnenmilch aus meiner Badetasche zog, entspannten sich ihre Armmuskulatur wie auch ihre Gesichtszüge. Ich tupfte die kühle, feuchte weiße Lotion vorsichtig auf alle erreichbaren Stellen.

Ein erneuter Lachanfall riss mich aus meinen Gedanken in die Gegenwart zurück. Schon wieder eine schlüpfrige Assoziation, als ich mir die Farbe und Textur der Sonnenmilch vorstellte. Hatte Martina deshalb wie ein Kätzchen geschnurrt, weil dieses Eincremen sich anfühlte wie eine Ganzkörperbegattung?

Quatsch. Sie hatte niemals zuvor männliches Sperma gesehen noch von seiner Existenz gewusst. Oder vielleicht doch?

Mein Lachanfall fiel in sich zusammen und wich einem Anflug bohrender Eifersucht. War ich vielleicht doch nicht der Erste gewesen?

Ich schaute streng zu den beiden Frauen hinüber, die meinen Gefühlsausbruch ignorierten, und hörte Martina gerade noch sagen:

„Es sollte eine Überraschung sein. Wir haben ein Ticket für dich beim Reisebüro hinterlegt, das dir rechtzeitig zugestellt wird.“

Ganz klarer Punktesieg, in diesem Fall für Martina. Sie hatte Schwiegermama von ihrer, weniger von meiner, Unschuld überzeugt. Diese hatte ich für immer verspielt, nachdem ihr Martina fünf Jahre nach unserer Hochzeit gestand, dass es vorehelichen Geschlechtsverkehr gegeben hatte. Martina konnte wenigstens den Verdacht ausräumen, ich hätte sie gegen ihren Willen vergewohlwurzelt, und so die schwerstangeschlagene Beziehung zu meiner Schwiegermutter stabilisieren.

Wie der FKK-Gesamtkonflikt aussehen würde, wenn Claudia tatsächlich auf unserem Campingplatz einliefe, um an der von einem Nackten bewachten Schranke aufgefordert zu werden, sie müsse ab hier ihre Kleider ablegen, wollte ich mir nicht im Detail ausmalen. Aber bis dahin konnten wir ja noch eine Strategie entwickeln.

Zum Donnerwetter, dachte ich mit meinem Leidensgenossen Adam, warum müssen wir uns unserer Nacktheit schämen? Das Ganze entwickelte sich nicht zu einem entspannten Urlaub. Es wurde zu einem Versteckspiel, das der grenzenlosen Offenheit meines aufkeimenden Naturismus gehörig auf den Sack ging.

„Das wäre doch nicht nötig gewesen“, hörte ich meine Schwiegermutter heucheln. In Wahrheit freute sie sich über die unerwartete Ausdehnung ihres Kontrollbereiches auf einen Radius von immerhin 1200 Kilometern. Sie wollte ihre Tochter, ihr einziges Kind, nicht loslassen. Warum sie allen Männern misstraute, wusste ich nicht. Warum sie mich in dieses generelle Misstrauen einschloss, verstand ich ebenso wenig. Okay, ich war ein Mann.

Ein witziger Cartoon hing lange an unserem Kühlschrank. Darauf waren ein Ferkelchen und eine Sau, die sich unterhielten.

„Alle Männer sind Schweine“, sagte die Muttersau.

„Na und?“, war die Antwort des Ferkelchens.

Martina fand es komisch und auch passend. Nach einem Urlaub, in dem Schwiegermama die Blumen Gassi führte, war das Bildchen plötzlich verschwunden. Ich hatte danach zeitweise das Gefühl, dass sie mir irgendwie positiver begegnete, als plage sie späte Reue. Hatte sie sich in einem der Hauptdarsteller tatsächlich wiedererkannt?

Ich hatte mich auf dringendes Anraten Martinas schon sehr früh bemüht, Claudias Gunst zu gewinnen, und altmodisch um die Hand ihrer Tochter angehalten. Ihre Mutter würde auf so was stehen, hatte Martina gesagt. Claudia antwortete auf meine schwülstig formulierte Frage ohne zu zögern mit einem bedauernden Lächeln und einem rasierklingenscharfen: „Nein!“.

Ich war so perplex, dass ich mich bleich von den Knien erhob und ihr schon demütig den abgewetzten Ehering küssen wollte, der immerhin bezeugte, dass es auch in ihrem Leben einen Mann gegeben hatte, der einst zum Ritter der Kokosnüsse geschlagen worden war. Mit diesen Kokosnüssen hatte er letztlich Martina gezeugt.

Hans hatte sich von Claudia scheiden lassen, als seine Tochter fünf Jahre alt war, und irgendwie hatte ich mich schon früh in Gedanken mit ihm solidarisiert.

Meine Lippen hielten wenige Zentimeter vor dem Ring inne, weil meine angeborene Ritterwürde mir Einhalt gebot. Ich erhob mich. Es gibt Sätze, die Einzug in die Kultur der gesamten Menschheit halten und über Jahrtausende zitiert werden.

Ich weiß, dass ich nichts weiß, ist so ein Satz. Nein, er stammt nicht von mir, würde aber passen. So ein Satz fiel mir in diesem Moment aus dem zeitlosen Äther direkt ins Hirn. Vielleicht eine göttliche Eingebung wie die Geschichte mit der Sonnenmilch. Es gibt keine Zufälle, nicht vergessen! Das große Rad des Schicksals dreht sich ohne unser Zutun.

„Das ist mir Wurscht“, lautete mein Satz, den zugegeben bis heute niemand in Stein gemeißelt hat. Ich drehte mich um und verließ aufrecht den Audienzraum.

Martina und ich heirateten. Das zwang meine Schwiegermutter schließlich dazu, mich auf eine schwiegermütterliche Art zu lieben, oder so zu tun als ob, zumindest bis das unnötige Geständnis des vorehelichen Geschlechtsverkehrs mein Spielsteinchen um etliche Felder zurückwarf.

Ich wollte ihr fröhlich ins Gesicht sagen, dass es nur ein Scherz gewesen sei, das mit der Einladung auf den Campingplatz. Meine Lippen bewegten sich stumm. Es ging nicht. Ich musste mich mit Martina absprechen. Was ich überhaupt nicht ertragen könnte, wäre, dass wir uns zerstritten und die Spannungen zwischen uns den ganzen Urlaub vergifteten.

Ich nickte also nur, sagte nichts, und als Claudia alle Anweisungen über die Blumenpflege und das Leeren des Briefkastens entgegengenommen hatte, welche nicht explizit das Öffnen der Briefe und die Untersuchung der Schränke des Schlafzimmers mit einschlossen, waren wir wieder allein.

„Puh“, war mein erster Kommentar.

„Wolltest du mir vorhin den schwarzen Peter zuschieben, nur weil ich diese tolle Idee mit dem FKK-Urlaub hatte, um unser eingeschlafenes Sexualleben wiederzubeleben? Ich will unsere Ehe retten, Jo.“

Ich schluckte meine superwitzige Bemerkung Welches Sexualleben? runter, denn der zweite zugegeben etwas theatralische Teil ihres Gefühlsausbruchs machte mir zu schaffen.

„Wie, unsere Ehe retten?“, fragte ich ohne den geringsten Anflug von Spott.

Plötzlich brach Martina in Tränen aus.

„Wir hatten vorgestern zum letzten Mal Sex!“

Diese Äußerung hing wie eine giftige Seifenblase in der Luft und drohte durch mein Schweigen zu platzen und alles Leben im Umkreis von einem Kilometer zu vernichten, die Zimmerpflanzen eingeschlossen.

Ich verkniff mir zu bemerken, dass dies in unserem Alter doch eine starke Leistung sei,  rechnete schnell nach, wann das vorletzte Mal gewesen war, und kam auf Sonntagabend. Jetzt war es Mittwoch. Eindeutig ein sexuelles Defizit, das kaum mehr aufzuholen war. Mit brachialer Gewalt stemmte ich mich gegen den Wunsch, laut loszulachen, und machte ein betrübtes Gesicht.

„So lange?“, fragte ich und wusste in diesem Augenblick, dass ich mich auf Messers Schneide bewegte. Ein Zucken meines rechten Mundwinkels, der in diesem Augenblick teuflisch juckte, konnte jetzt unser sexarmes Ehelebensgebäude zum Einsturz bringen. Es war der bekannte Flügelschlag des Schmetterlings aus der Chaostheorie, der darüber entschied, ob am anderen Ende der Welt eine vernichtende Flut oder herrlichstes Sommerwetter herrschte. Ich klatschte mir mit der rechten Hand auf den rechten Mundwinkel, um seinen unmittelbar bevorstehenden Aufstand im Keim zu ersticken.

„Ein Schmetterling“, erwiderte ich ernst auf Martinas verzweifelten, tränennassen Blick. Dann schloss ich sie in meine Arme. Frauen stehen auf so was.

„Ich verspreche dir, dass alles besser wird. Und deinen Vorschlag mit dem FKK finde ich riesig.“

Damit hatte ich wie Cortés alle Schiffe verbrannt, die mich aus der Schweinchenbucht in den sicheren Hafen des Spießbürgertums zurückbringen hätten können. Ein kluger Schachzug, der mich zwang nach vorne zu blicken, und die Brücken zu meinem alten, sexfeindlichen Leben abzubrechen.

Martina schniefte und lächelte. Als sie sich sanft von mir löste, hinterließ sie einen großen Fleck auf meinem weißen T-Shirt, der eine Mischung aus Tränen, Lidschatten und Lippenstift war. Ihr Make-up erinnerte mich jetzt an eine Darstellerin aus dem Kettensägen-Massaker, doch ich hielt mich mit einer witzigen Bemerkung zurück. Ich war nicht sicher, ob sie schon stark genug war für meinen Humor.

Das ist die wahre Überlegenheit des Mannes. Er kann Gedanken für sich behalten, um sie punktgenau im rechten Augenblick zu landen.

Alles war gepackt. Der Wohnwagen hing an unserer Familienkutsche, einem VW-Sharan. Wir mussten nur noch einsteigen und den Zündschlüssel drehen. Für unseren Aufbruch hatten wir den frühen Morgen vorgesehen, weil man dann noch den ganzen Tag vor sich hat, bei Tageslicht den ersten Campingplatz erreicht und ohne Taschenlampe aufbauen kann. Bla, bla, bla.

Wir bekannten uns zu unserer naturistischen Ader, flüsternd, wenn niemand dabei war. Ich schämte mich vor meinen nackten Vorfahren. Es waren heuchlerische Lippenbekenntnisse. In Wahrheit wollten wir keinen Passanten begegnen, die uns zuwinkten und fröhlich fragten, wohin die Reise ginge. Konnte man Anhänger der naturistischen Blumenkinder werden und mit einer Lüge beginnen?

Ja, wieso nicht? Plötzlich fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Das Feigenblatt. Adam war auch ein verklemmter Heuchler geworden, bevor er aus dem Paradies flog. Und seine Gene waren unsere Gene. Seine unsinnige Scham saß hartnäckig in unseren Köpfen.

Es war ein anstrengender Weg zurück ins Paradies. Ich lehnte mich zurück in den Beifahrersitz und entspannte mich. Martina fuhr die erste Strecke, saß auffällig tief im Fahrersitz und blickte nervös in die Außenspiegel. Die Straßen waren menschenleer. Ich ärgerte mich plötzlich über unser Versteckspiel, griff ins Lenkrad und hupte. Martina zuckte zusammen.

„Schschsch, die schlafen noch!“

„Die eine Hälfte unseres Spießerdorfes schläft und die andere ist in einem Alter, in dem sie ohnehin nichts mehr hört. Also, was sollʼs? Wir brechen aus, lassen das kleinkarierte Establishment hinter uns. Ist das nicht Wahnsinn?“

3

Die Fahrt verlief ohne Zwischenfälle, und als wir südlich von Paris von der Route nationale auf den FKK-Campingplatz Heliomonde einbogen, waren wir beide aufgeregt wie Kinder am ersten Schultag. Man begrüßte uns sehr freundlich an einer Rezeption, an der die junge Mitarbeiterin zu meiner Enttäuschung komplett angezogen war. Es war blitzsauber und meine Befürchtung, man würde uns mit Argwohn und Misstrauen begegnen, weil wir offensichtlich hierhergekommen waren, um unsere Geschlechtsteile zur Schau zu stellen, lösten sich sofort in Luft auf.

Die knackige Blondine am Tresen heftete unsere Ausweise mit Büroklammern an ein Formular und zeichnete auf einer Karte unseren Stellplatz ein. Für unsere Tochter gäbe es einen Spielplatz, und ich gestehe zu meiner Schande, dass mir bei dem Gedanken, dort mit ein paar nackten, jungen französischen Müttern auf unsere Jüngste aufzupassen, das Blut nicht unbedingt in den Kopf schoss. Nackt auf dem Spielplatz, nackt im Wohnwagen, nackt im Laden vor der Gefriertruhe. Autsch. Ich dachte an meinen Zeigefinger, der letzten Winter an unserem neuen Edelstahllauf auf dem Balkon festgefroren war, und verzog mein Gesicht, als hätte ich in eine Zitrone gebissen, woraufhin mich die Rezeptionsdame besorgt ansah.

„Ça va?“

„Oui, oui“, erwiderte ich in lupenreinem Französisch, das ich fünf Jahre lang auf dem Gymnasium gelernt hatte.

Das Nacktsein hatte sicher seine Tücken. Ich sinnierte noch darüber, dass weit mehr Gefahren auf Adam lauerten als auf Eva, obwohl sie an der Apfelgeschichte schuld gewesen war, da hob sich die Schranke und ich steuerte unser Gespann auf das Gelände. Meine Frau studierte die Karte und unsere Tochter quengelte. Kein Wunder, es war Punkt zwölf und die Temperatur im Wagen war während unseres kurzen Stopps am Eingang ohne die Klimaanlage auf vierzig Grad angestiegen. Friederike war heiß und sie hatte Hunger. Auch mir klebte das Hemd auf der Brust und Schweißtropfen taumelten zu meiner Kinnspitze, um schließlich zwischen meine feuchten Schenkel zu fallen.

Nachdem wir den gesamten Campingplatz dreimal umrundet und die Klimaanlage den Wagen auf 18 Grad heruntergekühlt hatte, sodass ich in den nass geschwitzten Klamotten zu frieren begann, tauschte ich entnervt mit meiner Frau den Platz. Nun las ich die Karte und sie fuhr.

Nach der dritten Runde unter meiner Regie war Fritzi Gott sei Dank wieder eingeschlafen – oder verhungert –, und wir näherten uns erneut der Rezeption. Die junge Dame war noch da, immer noch zugeknöpft, aber freundlich aufgeschlossen, und erklärte in akzentfreiem Französisch etwas, das klang wie:

“… première à droite, après le deuxième arbre à gauche et tout droit, jusquʼà …“

Ich erwiderte in ebenso tadellosem Französisch: „Ah, oui, oui“, lächelte und wollte noch vorschlagen, sie solle bei der Hitze doch wenigstens ihre Bluse öffnen, besann mich aber, dass Martina im Wagen wartete, und verabschiedete mich mit einem knappen „au revoir“, wobei mir bewusst wurde, dass ich genau dies nicht wollte.

„Und, weißt du jetzt wohin?“, drängte Martina.

„Pas de problème“, prahlte ich.

Auf der zweiten Platzrunde fuhren wir an einem freundlichen Herrn mit prallen Glocken vorbei, die aussahen, als blähte eine Putte Michelangelos mit hochrotem Kopf ihre Backen, um einen Ton aus einer Piccoloflöte zu quetschen. Da man auf dem Platz ohnehin nur Schritttempo fahren durfte, konnte ich lange genug hinstarren, um festzustellen, dass sie sich im Rhythmus seines beschwingten Ganges bei jedem Schritt nur knapp davor retteten, plattgepresst zu werden. Vielleicht hätte die Flöte dann einen Ton von sich gegeben. Wie hatte der Mensch die Jahrmillionen bis zur Erfindung der Unterhose mit frontalem Körbchen überbrückt, ohne auszusterben?

Martina winkte den nächsten Nackten freundlich heran und deutete auf die Karte. Ihr fehlten meine profunden Französischkenntnisse, doch der Mann schien zu verstehen, grinste und sagte: „I bin da Doni aus Kemptʼn. Mir sogʼn alle Du hier.“

Er sah auf die Karte, öffnete die Tür und sagte zu Martina:

„Setz de noch hintʼn. I foar mit.“

Martina nickte glücklich und kroch zu Fritzi auf die Hinterbank, während ein gewaltiger Hintern durch die geöffnete Beifahrertür auf mich zusteuerte, der sich obszön dort auf das Sitzpolster presste, wo gerade eben noch Martinas Muschi durch zwei hauchdünne Lagen Stoff zu ruhen geruhte. Ich ekelte mich, nicht vor seinem Hintern, sondern vor mir selbst. Vor meiner dummen wie hässlichen Empörung, die die Hilfsbereitschaft Tonis mit Füßen trat. Ich hatte noch einen langen Weg zur Reinheit der naturistischen Lehre vor mir. Noch war ich kein Erleuchteter. Eher ein Armleuchter.

„Do links, no sama do.“ Toni deutete durch die Windschutzscheibe, dann drehte er sich zu Martina um und fragte wie selbstverständlich: „Wieso ziehst de net aus?“

Ich hätte dem Arsch am liebsten eine zentriert, doch dann erinnerte ich mich an meine langjährige Yogapraxis und atmete tief in das Polster des Sitzes, wobei sich meine rechte Faust öffnete und wieder das Steuer ergriff.

„Und du notierlich au“, grinste mich Toni an, „sonst krigste in so nem Karren nen Hitzschlog.“

Na bitte. Reine Sorge um unser Wohlergehen. So eine lange Autofahrt, die zermürbenden Tage vor der Abfahrt und die Hitze hatten mich aus meiner friedfertigen Mitte geworfen. Außerdem mussten wir alle unbedingt etwas essen. Hunger ist archaisch und macht selbst aus Pflanzenfressern Raubtiere.

Ein seltsames Geräusch, das mich zunächst an eine Fehlfunktion des Autos denken ließ, schien von unter dem Beifahrersitz zu kommen. Jetzt wusste ich, was sich da durch den Mikrospalt zwischen behaarter Haut und Lederpolster gequetscht hatte. Es klang wie der erste Ton, den ich im Musikunterricht von Frau Stolz stolz aus meiner Kinderposaune gepresst hatte.

„Tschuldigung. Wir hottn Bohneneintopf gestern obend.“

Das war Natürlichkeit. Puristische Reduktion des Lebens auf das Wesentliche. Eben Naturismus. Dennoch öffnete ich mit den Knöpfen an meiner Armlehne alle Fenster, als wir schließlich auf B35 rollten, unseren Platz, den wir nach fünf Runden durch den Orbit Heliomondes schließlich eingekreist hatten.

Toni stieg – offenbar peinlich berührt – rasch aus, nickte nochmals freundlich und war schon verschwunden, als nach dem Blitz zeitversetzt der Donner folgte. Wir waren wie vom Donner gerührt. Ich hatte mich auf Bohneneintopf eingestellt, doch nicht auf das, was nun zum Glück durch die offenen Fenster davonwaberte.

Unsere Tochter schlief noch selig und entging damit einer unauslöschlichen Markierung in ihrem limbischen System, die sie zeitlebens Bohneneintopf hätte hassen lassen, ohne zu wissen warum. Dann war der Spuk vorbei.

Martina und ich verloren kein Wort darüber, doch Martina starrte entgeistert auf den Beifahrersitz. Nein, es war nicht, was sie denken. Es war rein die Vorstellung, die man nicht hat, wenn jemand eine Hose trägt, obwohl in dieser genau die gleichen Prozesse ablaufen.

Das Polster war blitzblank und ich lernte an diesem Tag, dass Naturisten immer ein Tüchlein mit sich führen, mit dem sie sich aufs Fahrrad schwingen oder auf fremde Stühle setzten. Die Crux ist, dass man es in Ermangelung einer Hosentasche nicht einfach immer dabei hat. Also konnte ich Toni keinen Vorwurf machen, zumal wir ihn aufgefordert hatten, uns zu helfen.

Nachdem wir den Wohnwagen eingeparkt und schnell ein warmes Essen zubereitet hatten, während Fritzi wie selbstverständlich nackt mit ein paar anderen Kindern den nahegelegenen Spielplatz erkundete, kam auch für uns die Stunde der Wahrheit.

Ich ergriff die Initiative und bemerkte:

„Hmmm.“

Martina nahm meine einleitenden Worte dankbar auf und erwiderte:

„Okay, Hose runter.“

Die Geschwindigkeit überraschte mich dann doch, und ich verfolgte erstaunt, wie schnell sie sich aus ihren Kleidern schälte und alles in einem Knäuel in den Wohnwagen aufs Bett warf.

Ganz ehrlich. Wer hat seine Ehefrau schon mal splitterfasernackt in grellem Sonnenlicht gesehen, das die Erhebung eines kleinen Pickels auf dem Hintern durch den Schattenwurf zu einem Sonnenuntergang am Kilimandscharo macht?

Zum Glück hatte sie keine Pickel. Im Gegenteil. Ihre Haut, der nun die lange Schonung durch Schwiegermamas strenge Erziehung zugutekam, war von einer blendenden Schönheit, die mir mit einem Schlag die Unzulänglichkeiten affig behaarter Männerhaut vor Augen führte.

Ich stammelte etwas, das sich anhörte wie „du siehst atemberaubend aus“, und durch mein trockenes Schlucken sinnfällig betont wurde.

Da war sie wieder. Die Paradiesgeschichte. Sie erkannten, dass sie nackt waren, und schämten sich. Ich war noch nicht nackt und schämte mich schon jetzt.

„Komm, wir gehen abspülen, Fritzi ist mindestens ʼne Stunde weg.“

„Wie, so?“, fragte ich töricht.

Sie warf sich ein Geschirrtuch über die Schulter, dessen Aufhänger sich an ihrer aufgerichteten rechten Brustwarze wie selbstverständlich verhakte und nicht abrutschen konnte. Es sah aus, als hätten die Aufhänger von Geschirrtüchern nie eine andere Funktion gehabt.

Ihr amüsierter Blick reizte mich. Sie dachte, ich sei zu feige, doch weit gefehlt. Dieser Moment forderte meine ganze Männlichkeit heraus, die, wie ich feststellte, eher ängstlich zurückgezogen zum ersten Mal auf einem Campingplatz ins grelle Tageslicht blickte. Dann streifte ich auch die Socken ab, die ohne die restliche Kleidung etwas komisch wirkten.

Sie lachte, kam auf mich zu und umarmte mich.

Ich war sofort Herr der Lage und sagte aus bekannten Schwimmbad-Erfahrungen:

„Wir dürfen die Sonnencreme nicht vergessen.“

„Ach komm, Jo, hier sind überall Bäume und Schatten. Was soll schon passieren?“

Ich ließ mich wider besseres Wissen von ihrer Begeisterung mitreißen.

Wir schlenderten gemächlich zum nächstgelegenen Waschplatz, der in der prallen Sonne lag, die herrlich den Rücken wärmte. Jene Körperteile, die zum ersten Mal in der Öffentlichkeit das Sonnenlicht erblickten, schienen geradezu vor Vergnügen zu jauchzen. Ich war überrascht, wie leicht es doch ging. Man grüßte die anderen Nackten freundlich, machte sich mit Spielarten der Anatomie vertraut, entdeckte unauffälligen Intimschmuck und stellte fest, dass die zugehörigen Gesichter die Normalbürger von nebenan waren.

Als wir unsere Waschschüssel in das Becken unter freiem Himmel setzten, fühlte es sich so an wie bei den anderen Campingferien auch. Oder vielleicht doch nicht. Alles, was wir von nun an taten, hatte den Reiz des Neuen. Eine große Schaumflocke des guten alten Palmolives lief mir zwischen die Beine und bis zur Spitze, um mir zum ersten Mal in meinem Leben zu beweisen, dass Palmolive nicht nur sanft zu den Händen war. So stellte ich mir Schaumpartys vor, und das erotische Kribbeln machte aus dem Abspülen ein Abenteuer ganz besonderer Art.

Martina nahm mit beiden Armen einen gewaltigen Schaumberg aus der Schüssel und lies ihn langsam über ihre nackten Brüste bis zu den großen Zehen gleiten. Dabei lächelte sie selig, als hätte sie ein Marihuana-Pfeifchen geraucht.

Das Abspülen dauerte eine halbe Stunde, ohne dass wir das übliche Gefühl hatten, etwas Lästiges zu tun. Wir duschten uns gemeinsam im Waschhaus ab, in dem Männlein und Weiblein nicht getrennt waren. Logisch, denn was hätte es noch zu verstecken gegeben.

Ich begann die Naturisten, die ihr subversives Werk in einer Zeit in Angriff genommen hatten, als Nacktsein als Straftat galt und Gefängnis nach sich ziehen konnte, für ihre Kühnheit zu bewundern. Als ich jung war, hatte es die berüchtigten Studentenkommunen gegeben, die sich gegen das Nachkriegsestablishment auflehnten, indem jeder mit jedem alles und bei vollem Tageslicht machte. Warum waren Martina und ich nie in so einer Kommune gewesen? Dann hätten wir nicht erst jetzt mit über vierzig den Weg auf einen FKK-Campingplatz gefunden.

Als wir zurück an unserem Platz waren, wurde mir schlagartig – weil schmerzhaft – klar, dass wir einen typischen Anfängerfehler begangen hatten. Der Campingstuhl, in den ich mich fallen ließ, fühlte sich ein bisschen an wie Sandpapier. Heute Abend würde er sich anfühlen wie die Eiserne Jungfrau, die ich im mittelalterlichen Kriminalmuseum Rothenburg gesehen hatte. Sonnenbrand. Martina trug zum Glück keine Faltenröcke mehr, sodass sich der Jammer auf die leicht zu erahnenden Stellen beschränkte.

„Ich habʼs mir doch gedacht“, rief ich aus, schnellte aus dem Klappsessel hoch und drehte mich so weit, dass ich die blassrote Badehose sah, die ich nicht trug.

„Ich hab ʼne Après-Sonnenmilch mitgenommen. Soll ich …?“, flüsterte Martina eher belustigt, deren Hintern heute Nacht leicht unsere Gaslaterne überstrahlen würde. Sie kicherte und ich schmunzelte.

„Vielleicht eher drin als hier in der Sonne“, sagte ich und begab mich ins Innere unseres Eriba Touring, der angenehm kühl geblieben war. Ein sanfter Wind strich durch die Dreiecksfenster an der umlaufenden Zeltbahn, die das Faltdach abdichtete und diesem Wohnwagen einen Rest der alten Zeltromantik verlieh. Deshalb hatten wir ihn auch gekauft. Ich hatte keine Lust mehr gehabt, als einziger Mann der Familie mitten in der Nacht und bei strömendem Regen aus einer Dackelgarage zu kriechen, um mit einem eiligst geschaufelten Graben einen reißenden Sturzbach an meinen Lieben vorbeizuleiten.

Dieses süße Anhängerchen hatte es uns sofort angetan und mir und Martina die Angst genommen, von da an zu jener Sorte Campern zu gehören, die morgens im Feinripp an ihrem Campingtisch mit Blümchenwachsdecke saßen und ihre mitgebrachten Gartenzwerge als Grenzpatrouillen ihres Stellplatzes postierten.

„Nein, niemals!“, hatten wir lange lautstark verkündet und dafür lieber auf einer harten Isomatte auf dem Boden gelegen.

Ich nahm ein Handtuch und legte mich bäuchlings auf das große Bett im Heck. Martina kniete über mir und rieb mir den nackten Hintern mit der weißen Milch ein. Es kühlte herrlich und der Schmerz ließ fast augenblicklich nach.

„Dreh dich um“, befahl sie.

Ein prickelnder Schauer lief mir über den Rücken und beschleunigte meinen Puls. Ich gehorchte und sah sie nun in ihrer ganzen Nacktheit vor mir, die mir natürlicher erschien als je zuvor in unserer Ehe. Ich sah, wohin ihr Blick gerichtet war, und dann fühlte ich ihre zarten Hände, die einen ganz anderen Zweck verfolgten, als gerade noch auf der Rückseite. Es war eine Massage, die definitiv nicht zum Ziel hatte, steife Glieder zu entspannen. Die Sonnenmilch kühlte auch hier zunächst, doch dann kam die Hitze zurück. Ich richtete mich auf, nahm ihr die Flasche ab und verteilte eine große Portion mit kreisenden Bewegungen auf ihren nackten Brüsten. Sie schloss weder die Augen, noch stöhnte sie. Sie hatte nicht nur Lust, sie war die pure Lust. Eine reife Frucht, die sich dem Pflücker anbot. Ich verteilte eine weitere Portion des kühlen weißen Flascheninhalts auf ihrem Gesäß und dort, wo sie die Haare zur Bikinisaison gestutzt hatte. Nun seufzte sie doch wohlig, als meine Finger wie zufällig auf dem heißen, schlüpfrigen Untergrund ausglitten.

„Hallo, koina do?“

Das war die Szene, in der der alte, weißbärtige Mann das nackte Pärchen mit dem angebissenen Apfel in der Hand erwischte. Es war geradezu gespenstisch, wie diese Geschichte nach Jahrmillionen der Evolution seit der Vertreibung aus dem Paradies, aus dem genetischen Filmspeicher abgerufen wurde. Wir fühlten uns nicht wie Adam und Eva, nein, wir waren in diesem Moment Adam und Eva und sehnten uns nach einem Feigenblatt, groß genug um es über den Kopf zu ziehen und komplett darunter zu verschwinden. Panik stieg in mir auf, denn der Mann ist in so einem Augenblick sehr viel nackter als die Frau. Er kann in der Regel seine Gefühle gut verbergen, doch nicht, wenn er die Hose heruntergelassen hat. Zu allem Überfluss schien der Mechanismus, der in diesen Situationen den schnellen Rückzug der Antenne einleitete, zu klemmen. War das bereits der erste Effekt meiner wachsenden Begeisterung für den Naturismus, dass die Panik in meinem Kopf unten schon gar nicht mehr ankam? Oder hatte der Sonnenbrand eine Sicherung durchgeschmort? Er und ich saßen stocksteif da wie gelähmt, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Martina, die lediglich glühende rote Backen hatte, gleich viermal, reagierte sofort. Sie zog die dünne Zudecke über uns beide, und als der große, freundliche Kopf durch die offene Tür lugte, täuschte sie ein herzhaftes Gähnen vor.

„Au, Mittagsschlaf“, sagte Toni, obwohl er wahrscheinlich Schäferstündchen hatte sagen wollen. „Dud ma loid. I wollt eich net wecka. I wollt me entschuldiga fir vorhin im Auto. So was is mʼr noch nie passiert.“

Er errötete und fuhr fort:

„Heit obend wolla ma grilla, bei ons uffm Platz. Siebene aufm C14. Kommat doch au mit eira Dochda. Nix mitbringa, zwanglose Gardrobe.“

Er grinste breit nach seiner letzten Bemerkung, zog seinen Kopf zurück und verschwand. Mir war klar, dass er die Zeltstange nicht übersehen haben konnte, die unsere Decke zwischen meinen Beinen aufrichtete, doch er hatte immerhin den Anstand besessen, keine der lustigen Bemerkungen abzuschießen, die mir an seiner Stelle eingefallen wären.

Martina und mir raste noch immer der Puls, doch dann empfanden wir offensichtlich nahezu gleichzeitig dasselbe. Weshalb und wofür schämten wir uns? Meine Frau setzte diese Erkenntnis sofort in die Tat um, während ich noch über die philosophische Bemerkung des Kirchenlehrers Augustinus grübelte, die besagte, dass nur derjenige Befriedigung erlangte, der auf die Erkenntnis Taten folgen ließ. Und so war es.

Fritzi konnte jeden Moment zurück sein, also wäre Eile geboten. Martina, die in so einer Situation gnadenlosen Pragmatismus an den Tag legte, schnappte sich die Zeltstange und rannte los, wie bei einem Staffellauf. Als sie mit dem Hölzchen zwischen den Beinen und einem Aufschrei schließlich ins Ziel einlief, hörten wir Fritzis Kichern. Während ich mich noch benommen und keuchend von meinem Hundert-Meter-Endspurt erholen musste, war Martina schon wieder auf den nackten Beinen. Sie ging hinaus und gab Fritzi eine Banane, ohne rot zu werden. Ich stand im übertragenen Sinne nun endlich schlaff in der Tür und konnte sie nur bewundern. Meine Frau sah umwerfend aus, hatte einen sexuellen Hunger, von dem ein Mann nur träumen konnte, und schaffte es in nur wenigen Stunden auf einem FKK-Campingplatz alle elementaren Notwendigkeiten des Seins in einer verloren geglaubten archaischen Harmonie zusammenzuführen. Zu Hause unter den Textilos hatten wir, seit der unbeschwerten Nacktheit der frühen Kindertage, einen schleichenden Prozess durchlaufen, der uns unserem Körper entfremdet hatte. Daraus resultierten tiefe und sinnlose Zäsuren zwischen dem normalen Alltag, in dem man alles verhüllte, der Zärtlichkeit zu unseren Kindern, denen man sich ab einem gewissen Alter ebenfalls züchtig verhüllt zeigte, und unserem Sexualleben, das bitteschön unter der Bettdecke und mitten in der Nacht stattfand, als sei es etwas Schmuddeliges wie der Gang zur Toilette. Alles war eins. Sexualität und Alltag waren über Jahrmillionen eine Einheit, die Familien und Sippen zusammenschweißte und gegen eine feindliche Umgebung abgrenzte. Nur der Neandertaler, der seine Frau liebte und wilden Sex mit ihr hatte, konnte sich mutig auf den Löwen stürzen, der sie ihm wegschnappen wollte. Nachts kuschelten sich alle dicht zusammen und Eltern kopulierten neben ihren schlafenden Kindern, denen das Stöhnen im Unterbewusstsein signalisierte: alles in Ordnung.

All das ging mir in diesem Augenblick neben der Überlegung durch den Kopf, wie so ein Grillabend mit zwangloser Garderobe wohl ablief. Hatte Toni tatsächlich garnix an gemeint oder trug Mann am Abend oben Jacke, unten nix und Frau unten Tuch und oben nix?

Wahrscheinlich passte man sich den zu erwartenden Temperaturen an, denn Naturismus war nicht Exhibitionismus.

„Ich bin auf heut Abend gespannt. Wir gehen doch hin?“, fragte Martina, als hätte sie meine Gedanken gelesen, und sah mich an, wobei ihr Blick schon wieder an meiner Körpermitte hängen blieb.

Ich schmunzelte mehrdeutig.

„Logisch. Ich denke gerade über die zwanglose Garderobe nach.“

„Also Fritzi ziehe ich was an. Abends wird es sicher kühl. Ich denk ich gehe so.“

Martina drehte sich einmal splitternackt um die eigene Achse.

„Gefällt mir“, sagte ich, „wo hast du das gekauft?“

„Ist ʼn alter Fummel, den ich lange nicht anhatte. Passt mir immer noch, findest du nicht?“

Wir lachten beide.

4

Der Nachmittag verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle, außer dass die Schmerzen der geröteten Areale etwas zunahmen. Der Sonnenbrand war nicht so schlimm wie erwartet. Glücklicherweise schluckte der Dunst in der Luft so dicht an der Großstadt Paris einen Teil der UV-Strahlung. Das wäre übermorgen am Atlantik anders, doch wir hofften, dass die entsprechenden Stellen bis dahin eine gewisse Grundbräune hätten. Die Idee Martinas mit der langsamen Eingewöhnung war genau richtig gewesen, wenn auch mehr im Sinne unserer Haut. Fritzi schien die Kleiderlosigkeit ihrer Eltern nicht zu stören, ganz im Gegenteil. Ich konnte es mir nur so erklären, dass ihr Kontakt zu unserer nackten Oberfläche, wenn wir sie auf den Arm nahmen, ein Ur-Gefühl der Geborgenheit auslöste. Es musste ähnlich sein wie bei einem Neugeborenen, das man sofort nach der Entbindung auf den Bauch der Mutter legte, um dort den Grundstein für das Urvertrauen ins Leben zu legen.

Gegen Spätnachmittag suchte ich mit Friederike den Spielplatz auf. Selbstverständlich nackt. Ich blieb mit Haaren, die sonst durch ein weißes Haarnetz mit Eingriff geschützt waren, äußerst schmerzhaft in einer Spalte der Holzbank am Rande des Sandkastens hängen. Nach anfänglicher Enttäuschung, dass ich keine jungen Mütter für einen intensiven Gedankenaustausch über Erziehungsfragen auf Französisch vorfand, war ich schließlich froh, dass mir niemand bei den grotesken Verrenkungen zusah, die es bedurfte, um meine eingeklemmten Schamhaare von unten aus dem Riss im Sitzbrett zu lösen. Ich hatte das obligatorische Handtüchlein vergessen, das hier gute Dienste geleistet hätte. Die schmerzhafte Lektion führte dazu, dass ich zurück im Wohnwagen heimlich mit meinem Rasierapparat jene Haare entfernte, die mir gefährlich werden konnten, während Martina mit Fritzi zum Duschen ging, um die Spuren des Sandkastens aus ihrem dichten Lockenkopf zu waschen. Irgendwie ist eine Schamhaarrasur dann doch eine intime Sache, die man nicht in aller Öffentlichkeit durchführt.

Als meine beiden Lieben zurückgeschlendert kamen, hätte ich gerne den Fotoapparat gezückt, doch das ist auf FKK-Campingplätzen aus gutem Grund verboten. Zudem wurde mir klar, dass wir in diesem Jahr besonders darauf achten mussten, welche Bilder wir überhaupt wem zeigten. Natürlich fotografierte jeder heimlich, was auch geduldet wurde, wenn es sich um die eigene Familie handelte. Dennoch konnte man nie ausschließen, dass im Hintergrund ein Fremder stand, dessen beide Nasen in die Kamera blickten, worüber nicht jeder Doppel-Nasenträger glücklich sein musste.

Der Grund, warum ich diesen Augenblick auf die digitale Ewigkeit meiner Festplatte bannen wollte, war, dass ich ihn als das kraftvollste Bild der archaischen und unzertrennlichen Verbindung einer Mutter und ihres Kindes empfand, das ich je gesehen hatte. Bewirkten wenige dünne Lagen Stoff wirklich eine so vollkommene Trennung zweier Körper und ihrer Seelen?

Ich entwickelte mich zum FKK-Philosophen und der erste Kontakt mit dem, was ich in meiner Jugendzeit für die Schmuddelfantasie eines Pubertierenden gehalten hatte, nahm eine selbst für mich überraschende Wendung. Zurück zu den Wurzeln ist eine Sehnsucht, die uns alle verbindet. Spätestens, wenn unser Leben mit seiner Reizüberflutung zu einem Höllentrip wird, der auf einen Burn-out-Abgrund zurast, verspüren wir das Verlangen, unsere iPads, iPhones und iErkocher im tiefsten Meer zu versenken. Der Ausbruch aus dem Irrenhaus kann so aussehen, dass wir mit unseren Kindern auf einem Campingplatz ein Lagerfeuer entfachen, auf dem alle gebannt beobachten, wie die Spiegel-I-er sich langsam in ein Abendessen verwandeln. In so einem Augenblick begreife ich, warum unser modernes Leben unbefriedigend geworden ist. Es besteht aus kybernetischen Black Boxes, aus I-Boxes. Vorne was reinstecken, hinten kommt was raus. Unsere Handlungen reduzieren sich auf Input und Output, ohne dass wir wissen, was dazwischen geschieht. Die Evolution hat in uns das Bedürfnis entwickelt, Dinge in die Hand zu nehmen, zu formen und dadurch ihre Funktion zu verstehen. Die Blackbox, die zum Synonym für unser ganzes Leben geworden ist, hat uns schleichend diesem sinnspendenden Prozess entfremdet. Der schwarze Anzug, den der Arbeitgeber vorschreibt, ist eine Blackbox. Er verhüllt die Funktionen, die zwischen Input und Output ablaufen, und erleichtert es, andere Menschen zu täuschen. War nicht der größte Teil unseres gesellschaftlichen Lebens Täuschung? Und warum mussten wir täuschen? Weil unsere Wirtschaft nur noch funktionierte, wenn wir bei uns und anderen sinnlose Bedürfnisse weckten. Wenn wir den Menschen suggerierten, dass sie mit iPad und iPhone wertvolle Zeit sparten, um diese Zeit vor dem iMac zu verplempern.

Wir verbrachten unsere Freizeit in Einkaufszentren, die zu Erlebniseinkaufszentren umgebaut worden waren, damit sich das Rädchen immer weiterdrehen konnte. Als ich Kind war, gab es noch keine Selbstbedienungsläden. Ich stand mit dem großen Geldbeutel meiner Mutter an der Ladentheke und sagte, ich wolle ein Brot und eine Büchse Chappi für unseren Dackel. Beides zog die nette Ladenbesitzerin aus einem Regal, steckte es in meine Einkaufstasche und nahm sich das Geld aus dem Geldbeutel. Ist Ihnen der gewaltige Unterschied klar? Damals überlegte man, was man brauchte und ging in den Laden, um es zu besorgen. Heute gehen wir ohne konkrete Vorstellungen in ein Einkaufszentrum, bummeln und bringen Dinge nach Hause, von deren Existenz wir bei unserem Aufbruch noch gar nichts wussten.

Ich war erst wenige Stunden nackt, doch ich hatte das Gefühl, dass sich mein Blick bereits jetzt in einem rasenden, de-evolutionären Prozess schärfte. Ich erkannte, dass wir alle zeitlebens nackt waren, in einem völlig neuen positiven Sinn. Es gibt nur wenige elementare Bedürfnisse. Essen, Trinken, Schlafen, Wohnen, soziale Kontakte und Kleidung – nicht als Statussymbol, sondern für die kalte Jahreszeit. Der Rest ist Schnickschnack.

In diesen wenigen Stunden hatte ich mich auf ein Lebewesen in seiner natürlichen Hülle reduziert, die alle gleichmachte: Chef und Angestellten, Herrn und Sklaven, und die damit alle Unterschiede aufhob, die eine Illusion der Black Box waren, in der wir unseren wahren Kern verbargen.

Ein weiser Mann hatte einmal gesagt: Wenn du Angst vor jemandem hast, stell dir vor, er sei nackt.

Wir waren umgeben von Schafen im Wolfspelz und Wölfen im Schafspelz, und wer waren wir selbst?

„Zurück zur Natur“, blökten wir gerne mit allen anderen Schafen, doch in der Natur sah ein Löwe wie ein Löwe aus und ein Schaf wie ein Schaf, aus dessen Hintern Kugellager fielen und keine Golddukaten.

„Bist du fertig?“, fragte Martina.

Aus meinen Gedanken gerissen schaute ich irritiert auf. Dann lächelte ich.

„Klar. Ich schnappte mir die Crocs und eine Flasche Wein, die wir von zu Hause mitgebracht hatten. Martina hatte inzwischen Friederike in ein luftiges Sommerkleidchen gesteckt und eine Jacke für sie unter den Arm geklemmt. Ich nahm noch zwei Sitzpolster von unseren Campingstühlen als High-End-Variante des Sitzhandtüchleins mit.

Dann schlenderten wir gemächlich zu C14, den wir zu unserer eigenen Überraschung ohne Umwege fanden.

„Subba“, intonierte Toni in seinem sonoren Bass, als er uns erblickte. „Sofort gfundʼn, unsern Platz?“, fragte er grinsend.

Ich grinste entspannt zurück und schwenkte meine Weinflasche.

„Is echt net nötig und hot was von Eilen noch Adhen drogʼn.“

Stimmte allerdings. Die Franzosen hatten den einen oder anderen passablen Wein, wenn sie auch von einem lieblichen Pfälzer Grauburgunder nur träumen konnten.

„Du hast recht“, erwiderte ich und stellte mein Fläschchen neben die Bierbank, auf der wir wie alte Profis mit unseren Unterlagen Platz nahmen.

„Weißt du übrigens, dass die Eulengeschichte auf den griechischen Satiriker Aristophanes zurückgeht, ins vierte Jahrhundert vor Christus?“

Meine neunmalkluge Bemerkung tat mir sofort leid, war aber ein verklemmter Versuch, meine Verlegenheit zu überspielen, die sich daraus ergab, dass ich meine unverhüllte Blöße zur Schau stellte, während Toni mit einer kurzen Hose und T-Shirt dasaß. Hatten wir die Kleiderordnung gründlich missverstanden? Auch Martina rutschte unruhig hin und her. Frau Toni erschien in der offenen Tür des alten Wohnwagens. Nackt. Puh.

„Was’n los, Doni? Wie sitztʼn rum?“, fragte sie ihren Mann.

„Tʼschuldigung. War gerade im Super-U Fisch und Fleisch kaufʼn. Hob i doch glatt die Hosʼn anglassʼn.“

Er stand auf und streifte alles ab. Ich bemerkte, dass er keine Unterhose trug, und stellte mir vor, dass die Supermarkt-Kassiererin mit dem üblicherweise am Boden angebrachten Spiegel gegenüber dem Transportband, tiefe Einblicke entlang der weiten Hosenbeine gehabt haben musste. Ich sah, dass Martina sich entspannte, und stand auf, um Frau Toni, die sich als Silvia vorstellte und wie Toni jenseits der fünfzig und über dem idealen Body-Mass-Index lag, die Hand zu reichen. Ich hielt inne, denn splitterfasernackt hatte diese förmliche Geste etwas Deplatziertes. Einer Eingebung folgend wollte ich sie auf beide Pausbäckchen küssen, wobei ich an diejenigen rechts und links der Nase dachte, hielt aber nochmals inne und entschied mich spontan für einen Handkuss, den Silvia überrascht mit leichtem Erröten entgegennahm.

Toni lachte lauthals, sagte aber dann:

„Echt klassä. Mir gingʼs genauso bei moina erstʼn FKK-Grillfete. Man muss sich von den oidʼn Gʼwohnheiten lösʼn. Eine Art innerer wie äußerer Katharsis.“

Hoppla. Hatte ich mit meiner Aristophanes Geschichte doch nicht so danebengelegen?

„Woist, Johannes“, sagte Toni, „i undaricht Gʼschichde un Französisch am Gümnasium in Kemtʼn. Un der Aristophanes hot worscheinlich net echte Eila gmoinʼt, sonern die antikʼn griechischʼn Drachmen, auf dena hinta druf ne Eile woar. Der wollt sogʼn, doss ma koi Geld nach Athen bringa misst, woil se gʼnug selba hättʼn. Des hot sich dramadisch gʼändert, stimmtʼs?“

Während ich mich freute, dass wir nun alle ungezwungen nackt waren, ließ ich mich auf einen heiteren Disput mit Toni ein. Ich gab zu bedenken, dass die Eule im antiken Griechenland Symbol der Göttin Athene war und damit für die Klugheit stand, von der die Griechen meinten, selbst genug zu haben. Die beiden nackten Frauen umarmten sich ungezwungen und verschwanden mit Fritzi im Wohnwagen.

Als uns beiden Männern schließlich klar wurde, dass der Anlass der gedanklichen Reise in die Antike lediglich der gewesen war, die richtige Flasche Wein zu entkorken, zog Toni einen Bordeaux mit vierzehn Umdrehungen aus einem wassergefüllten Eimer.

Wir quatschten über dies und das und nach dem zweiten Gläschen hatte ich neben meiner Nacktheit auch alles andere vergessen.

„So, jetzt werf i moi den Grill on. Mädels, wie weit sind die Salode?“, rief Toni in Richtung Wohnwagen.

„Gleich fertig“, tönten die beiden Frauen zurück.

Fritzi stand nackt in der Tür, von der Nasenspitze bis zum Bauchnabel mit Vanilleeis besprenkelt, das von einem Holzstäbchen tropfte, an dem sie noch leckte.

Sie grinste und ich verstand, dass sie nicht als Einzige mit Klamotten herumrennen wollte. Warum auch? Die Sonne stand tief und rötlich in den Pappeln, deren Blätter in der angenehmen Brise tanzten und ein lustiges Schattenspiel auf alles warfen. Die Hitze des Tages wich einer angenehmen Wärme, und meine Tochter fühlte sich so pudelwohl wie ihr angeheiterter Papa.

Toni prostete mir zu und erhob sich.

„Schenk dʼr nach, wennʼd mogst.“

Er holte einen Gasgrill aus dem Heck seines alten VW-Busses und schloss ihn an.

Ich erkannte sofort, dass der Gasgrill von einem gedankenlosen Textilo konstruiert worden war. Der Austritt der Flammen lag auf dem gleichen Niveau wie die empfindlichsten Teile des Mannes. Wie war so ein Ding überhaupt durch den TÜV Rheinland gekommen, dessen Plakette auf der Metallabdeckung trügerische Sicherheit versprach?

Ich dachte mir nichts weiter, denn Toni war sicher ein erfahrener FKK-Camper und diesbezüglich mit allen potentiell gefährlichen Situationen vertraut. Dennoch war ich nicht gänzlich beruhigt, da er von dem Schlag Mann war, dessen Kopfbehaarung mit zunehmendem Alter verschwand, um zwischen den Brustwarzen und Beinen wieder aufzutauchen. Es passierte, was passieren muss, wenn man ein Streichholz in einen trockenen Wald wirft. Ich saß selig angesäuselt auf der Bierbank und nahm zunächst den Duft des gebratenen Fleisches wahr, in den sich dann jedoch plötzlich eine unangenehme Note mischte. Vielleicht hätte ich sofort reagiert, wenn ich nüchtern gewesen wäre, doch so brauchte ich den lauten Aufschrei Tonis, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich war sofort hellwach. Mein Puls raste. Ich sprang auf, nahm den Grauburgunder, schlug der Flasche den Hals an der Bierbank ab und goss den gesamten Inhalt zwischen Tonis Beine, der dankbar grunzte. Es war praktisch nichts passiert, außer dass sich jetzt dort, wo eben noch dichter Wald gestanden hatte, eine große schwelende Lichtung auftat. Es roch dezent nach Glühwein. Ich dankte stumm den Pfälzer Winzern, dass sie ihre Weine bei zehn Prozent stoppten. Nicht auszudenken, welche brandbeschleunigende Wirkung ein französischer Hochprozenter gehabt hätte.

„Danke“, war Tonis einziger Kommentar, in dem ein Mann sofort erkennt, dass damit eine Blutsbruderschaft fürs Leben besiegelt wurde.

Silvia hatte den Schrei gehört und eilte mit Martina zu ihrem Mann. Die Frauen umarmten mich und Fritzi weinte, weil sie sich auf das alles keinen Reim machen konnte.

Als sie schließlich beruhigt war, weil alle wieder lachten, ging der Abend seinen gemütlichen Gang. Wir hatten jetzt eine wilde Geschichte, die wir weiterspannen und über die wir Tränen lachten. Martina erklärte, dass in den USA so ein Grillunfall Millionenklagen nach sich ziehen würde. Dort war es passiert, dass eine Frau ihre nasse Katze in der Mikrowelle getrocknet hatte und nach deren grausamen Tod die Mikrowellenfirma verklagte, weil kein Hinweis in der Gebrauchsanweisung gestanden hätte. Silvia wusste, dass ein älterer Herr den Tempomat seines Wohnmobils aktiviert hatte, um sich hinten Kaffee zu kochen, und den Hersteller verklagte, weil sein Fahrzeug mit einem Totalschaden im Straßengraben gelandet war.

„Nicht für FKK-Camper über einssechzig geeignet“, erklärte Toni in tadellosem Hochdeutsch und prustete erneut los.

Wir waren satt, betrunken und Friederike schlief auf Martinas Schoß ein. Als die Familie auf dem Nachbarplatz uns schließlich bat, leiser zu sein, entschuldigten wir uns. Wir umarmten einander herzlich und beschlossen, schlafen zu gehen. Toni und Silvia wollten erst am nächsten Morgen abspülen und ich bot meine Hilfe an, da ich ohnehin wie Toni Frühaufsteher war.

Wir schliefen herrlich, nachdem Martina nochmals da angeknüpft hatte, wo wir bei Tonis Überraschungsbesuch stehen geblieben waren, wobei ich nicht die ganze Zeit stehen geblieben war, zum Glück.

Fritzi war nie zuvor in einem Urlaub so entspannt gewesen. Ich wusste nicht, ob statistische Daten vorlagen, die meine Vermutung untermauert hätten, dass es irgendetwas mit Nacktheit zu tun hatte. Sie schlief bis neun Uhr.

 Als Martina gegen halb zehn in der Tür erschien, war ich schon längst vom Abspülen mit Toni zurück, das diesmal nicht ganz so reizvoll war, weil das weibliche Element fehlte. Martina sah zum Anbeißen aus und ich hatte seltsamerweise auch schon wieder Lust. Die erste Hemmschwelle, die Kleider ausmachten, fehlte einfach. Die visuellen Reize waren um ein Vielfaches höher und Leute, die behaupteten, dass ausgewählte Textilien, die knapp etwas verhüllten, erotischer seien als Nacktheit, waren noch nie auf einem FKK-Campingplatz.

Doch es war utopisch. Friederike war hellwach und außerdem wollten wir an diesem Tag Paris besichtigen. Nach dem Frühstück (nackt) und der Körperpflege im Waschhaus (nackt), mussten wir uns anziehen.

Es war unangenehm. Die Kleider kamen uns unbequem vor wie ein Taucheranzug in der prallen Sonne und wir hatten Lust, einfach dazubleiben. Friederike schien auch kein Problem damit zu haben, auf Notre-Dame und den Eiffelturm zu verzichten, doch wir fürchteten, dass wir es bereuen würden, wenn wir nicht fuhren. Zudem mussten wir zwangsläufig immer wieder in die Welt der Textilos zurückkehren. Konnte es sein, dass wir nach vierundzwanzig Stunden schon ein Problem damit hatten? Wir verabschiedeten uns schließlich von Toni und Silvia, die uns mitleidig anblickten, und setzten uns ins Auto, das mit der Klimaanlage erst nach zehn Minuten auf eine erträgliche Temperatur heruntergekühlt war. In der Zwischenzeit klebten uns schon die Klamotten am Leib und Friederike zerrte nörgelnd an ihren Sandalen und dem Kleidchen. Das konnte ja heiter werden, wenn sie anfinge, sich mitten in der Stadt auszuziehen. Insgeheim hatte ich dasselbe Bedürfnis.

Wir schlängelten uns durch die Staus und fanden nach einer großzügigen Umrundung der Stadt – die Einkreistaktik entwickelte sich zu unserer Standardstrategie – einen überteuerten Parkplatz in einem Parkhaus am Arc de Triomphe.

Wir reihten uns in die Schlange vor dem Eiffelturm ein und fuhren nach gerade einmal zwei Stunden, die wir mit zwei Wasserflaschen und drei nahezu nackten Baguettebrötchen zu insgesamt 25 Euro überbrückten, mit dem Lift auf die Aussichtsplattform. Dort oben erwartete uns ein großartiger Blick auf die Stadt, den wir nicht so recht genießen konnten, weil wir eine ältere Dame wiederbeleben mussten, die einen Sonnenstich erlitten hatte. Diese Aktion kostete uns eine weitere Flasche Wasser zu sieben Euro fünfzig. Um nicht das gleiche Schicksal zu erleiden, fuhren wir eilig wieder nach unten, bestiegen unseren Wagen und versuchten, unsere schreiende Tochter zu beruhigen. Als ich einen funktionierenden Automaten auf dem dritten Parkdeck erreichte, war ich selbst rot angelaufen, von Schweiß bedeckt und fluchte. Nachdem ich das unscheinbare Papierstreifchen auf verschiedenste Weisen in das Gerät eingeführt hatte, was ich scherzhaft aufgrund einschlägiger Erfahrungen als Automatenkamasutra bezeichnete, stieß ich einen Schrei aus und trat mit dem Fuß gegen die Blechkiste. Sechzig Euro neunzig für drei Stunden! Wofür die neunzig Cent waren, konnte ich mir nicht sofort erklären, doch dann hatte ich den Verdacht, dass man in Paris auch für das Papierstreifchen selbst bezahlen musste. Wie die Pariser Stadtpiraten, die unbedarften Touristen an jeder Straßenecke, in jedem dunklen Autokeller auflauerten, nahezu bankrott sein konnten, war mir ein Rätsel. Ich absolvierte ein paar Yogaübungen vor dem Automaten, um zu meiner Mitte zurückzufinden, steckte insgesamt siebzig Euro in den gierigen Schlitz und wartete auf das Rückgeld. Als sich auch nach zwei Minuten nichts tat, widmete ich mich dem Display, das natürlich auf Französisch textete. Eine silberne Taste war mit mehreren Flaggen unterlegt, darunter auch die deutsche. Ich presste so lange, bis eine Übersetzung erschien, die entfernt an meine Muttersprache erinnerte. In winzigen Lettern, die ohne Lupe kaum zu erkennen waren, stand:

Kein Retour-Geld zu expektieren.

Die Information hinter diesen Worten neutralisierte meine Yogaübungen schlagartig. Ich trat noch einmal so heftig gegen die Blechkiste, dass mein rechter Fuß schmerzte. Dann zog ich das überbezahlte Ticket aus dem Schlitz, aus dem es wie eine mir herausgestreckte Zunge hing. Ich humpelte zurück zu unserem Wagen und tröstete mich damit, dass ein Strafzettel in dieser Gegend von Paris wahrscheinlich noch mehr gekostet hätte.

Fritzi und Martina waren zum Glück durch die Kühle der Tiefgarage nahezu wiederhergestellt und warteten schon ungeduldig im Auto. Ich klemmte mich hinters Steuer, wich Fragen zu meiner schlechten Laune aus und verließ das Parkhaus. Als wir nach einer Stunde Fahrt endlich auf die Zufahrt zum Campingplatz einbogen, erschien uns der schattige Platz mit den vielen Nackten als das Paradies, aus dem wir nicht einmal vertrieben worden waren, sondern das wir am Vormittag geistig umnachtet selbst verlassen hatten. Jetzt war es sechs Uhr. Wir hatten einen ganzen Tag in Paris verplempert. Unglaublich. Was hatten wir uns dabei gedacht? Typische Textilo-Gedanken. Man muss dies und jenes gesehen haben, von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzen, um Bilder ins Urlaubsalbum kleben zu können, die schon Millionen von Menschen – mit wechselnden Grimassenschneidern im Vordergrund – vor uns eingeklebt haben. Ich stellte stolz fest, dass wir nicht ein einziges Foto geschossen hatten.

 

Fritzi quengelte. Sie hatte Hunger. Das war ihr gutes Recht, denn wir hatten seit dem kargen übereilten Frühstück außer nackten Baguettebrötchen nichts Vernünftiges gegessen. Als ich vor der Schranke stand, kam Toni aus der Rezeption und winkte uns fröhlich zu. Er war nackt und ich beneidete ihn um diesen Tag, den er augenfällig vollkommen entspannt verbracht hatte. Wir mussten wie verängstigte und verschwitzte Antilopen auf ihn wirken, die ein Löwe von Paris bis hierher gehetzt hatte. Wir winkten erschöpft zurück. Als er auf unser Auto zusteuerte, öffnete Martina die Tür und lud ihn ein, mitzufahren. Er schwang sich auf den Beifahrersitz, nachdem Martina nach hinten gekrabbelt war, und rümpfte die Nase.

„Hot hier jemond transpüriert?“, fragte er in nahezu perfektem Hochdeutsch.

Ich lachte und öffnete alle Fenster.

Wir rollten auf unser Plätzchen. Die Insel der Seligen, dachte ich mit einem breiten Lächeln.

„Hob grad mit da Susi om Eingang geplaudat. Hoit Mittoch is ne Familie aus oirem Hoimatort oigelaufa. Soll ma die glei begrüßa? Oder noch bessa, mir kochat nocher was zam.“

Oh Gott, dachte ich und erstarrte. Ein Gedanke, den man im Paradies schon mal haben konnte. In diesem Fall war es nacktes Grauen und ich meine nackt, im Sinne von nackt!

Toni fing meinen Blick auf, den er sofort richtig deutete.

„Stimmt jo. Ihr seidʼs zum ersten Mol nackt unnerwechs. Ging mir genauso. Will ma auf koin Fall jemerz treffa, den ma kennt. Aba koa Angst. Die schtehʼn am andern End vom Platz.“

Ich entspannte mich nicht vollständig.

Toni kratzte sich an seinem Dreitagebart – den im Gesicht.

„Kloar, ihr wolltʼ eh moiʼn früh weitʼr zom Atlantich, aber im Grund muss ma sich doch irgendwann zu seiʼm Naturismus bekennʼ. Des iss nix Schmuddeliges. Habt ihr ja selber rausgʼfunden, stimmtʼs? Diese verflixte normative Funktion der Massʼn.“

„Wie meinste das denn?“, fragte ich, nachdem nun der erste Schreck verflogen war.

„No, die Mehrheit definiert, wos richtig ist. Die Textilos sind in der Überzahl und deshalb rutschʼn mir als Minderhoit in die düstere Schmuddelecke. Des endert sich oba gʼwaltig grad. In unserer Anfangszeit, do gabʼs noch Demos vor den Campingplätzʼn. Die hom uns als Perverse bezeichnet, dene mʼr die Kinder wegnemma sott, damit se net in onsrʼn Sindapfuhl falla. Dobei hom die Textilos regelmäßig Genitolpilze nach de Sommaferien, weilʼs nix Schlimmers gibt, als nasse Synthetik, die langsam uff dʼr Haut drognt. Ausserdem iss eich sicher uffgfallʼn, dass die Nudistʼn viel öfters des woscha, was die ondern verschteckʼn.“

Toni schwieg einen Augenblick, dann sprach er weiter.

„Unsre Dochta iss wie eire jetz unter Naduristʼn groß gʼwordn. Hosʼd gʼwusst, dass die viel vernünftiger mit Sex omgean als die Textilos? Die ham so viele Gurkʼn gʼseng, dass se ebm net sʼBedürfnis hom, so a Ding in dʼr Buberdäd irgendwo heimlich anzʼfassn, um dann plötzlich schwanger zu werʼn. Des iss fir die normal und deshalb suchʼn se ihre Männer net noch dʼr Länge aus, sondern weil dʼr Charakter stimmt.“

Das hatte ich nicht gewusst, doch es leuchtete mir ein. Ich war noch nicht so weit mit dem Outing und sagte ihm ehrlich, wie das unter Blutsbrüdern, die gemeinsam einen Waldbrand gelöscht hatten, üblich ist, dass ich einer nackten Begegnung mit unseren kleindörflichen Mitbürgern zunächst noch aus dem Weg gehen wolle. Toni nickte verständnisvoll, dann breitete sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht aus.

„Mir hom scho was fir eich mitkocht, weil mʼr gwusst hom, wie lang eier schtrèssiger Stadtbʼsuch dauern würdʼ. Den Bledsinn homa am Ofang au gʼmocht.“

Wir zogen uns aus und folgten Toni dankbar nach C14, der sich nach der kurzen Bekanntschaft mit ihm und seiner Frau schon wie eine zweite Heimat anfühlte. Silvia kam mit einem großen Topf aus dem Wohnwagen, aus dem es herrlich duftete. Der Tisch war bereits für uns alle gedeckt und Fritzi rannte auf Silvia zu, um ihr Bein zu umklammern, nachdem diese den Topf abgesetzt hatte.

„Und, wie war Paris?“, fragte Silvia schmunzelnd, ohne eine Antwort zu erwarten. Wir lachten einschließlich unserer Tochter, die so entspannt wirkte, als hätte es den furchtbaren Paris-Ausflug nie gegeben.

Der Abend verlief feuchtfröhlich, bis wir uns schließlich alle umarmten und voneinander verabschiedeten. Silvia wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, nachdem Fritzi ihr einen dicken Kuss auf die Nase gegeben hatte. Vielleicht war sie dankbar für das tropfende Vanilleeis, das Silvia ihr nach dem Essen zugesteckt hatte, doch ich spürte, dass alles an diesem Ort mehr Tiefe besaß.

Wenn man bereit ist, sich dem anderen nackt zu zeigen, können Beziehungen auf einer unverhüllten, unverfälschten Basis entstehen. Naturisten bringen diese Bereitschaft zwangsläufig mit. Kein Theater mit wechselnden Kostümen. Man steht zu den Unzulänglichkeiten des eigenen Körpers, an dem man im grellen Sonnenlicht nichts verbergen kann. Jetzt, nach all den Jahren, die wir unserer Gesinnung treu sind, erinnere ich mich an die vielen körperlich Behinderten, die wir auf FKK-Campingplätzen getroffen haben. Brustamputierte Frauen, einbeinige Männer, Jugendliche nach einem schweren Unfall, die lediglich mit ihren Krücken bekleidet waren. Sie waren willkommen, wie alle anderen auch. Sie strahlten ihre eigene Kraft, Ruhe und auch Erotik aus, weil sie gelernt hatten, sich selbst zu akzeptieren, so wie sie waren. Das war der wahre Kern des Naturismus, den meine Frau später auf einen einfachen Punkt brachte. Es hätte eine Parole aus der Zeit der Achtundsechziger sein können:

Jeder muss Frieden schließen mit dem eigenen Körper, um dann Frieden zu schließen mit allen anderen.

5

Wir ließen uns mit dem Aufbruch am nächsten Morgen Zeit, wenn auch nicht zu viel Zeit. Einerseits hielt uns das Gefühl zurück, unser kleines Paradies aufgeben zu müssen, das wir in den Menschen und dem atemberaubend Neuen des Naturismus gefunden hatten, andererseits wollten wir nicht noch zu guter Letzt der zweifellos netten Familie aus unserem Dorf begegnen, die Bucher hieß, und im schlimmsten Fall eine Tochter hätte, die mit unserer Tochter in der Krabbelgruppe gewesen war.

Wir fuhren auf die Route nationale. Nach kurzer Zeit hatten wir uns auch innerlich von Toni, Silvia und Heliomonde verabschiedet und fieberten dem nächsten FKK-Campingplatz entgegen, den uns Toni als weiteren Zwischenstopp und besonders reizvollen Ort empfohlen hatte. Er ließ augenzwinkernd durchblicken, dass Silvia und er in ein paar Tagen auch nach Westen weiterfuhren. Sie liebten den Atlantik und besonders Angape, sodass die Aussicht, uns alle bald wiederzusehen, den Abschied versüßte.

Pleine Nature lag nur dreihundert Kilometer südlich in der Region Limousin.

Wir machten unterwegs mehrere Pausen. Friederike schlief nicht und wir hatten das Gefühl, dass sie uns den Tausch des Garten Edens gegen die heiße Hölle der Straße übel nahm. Wir sehnten uns nicht nur wegen der Hitze danach, unsere Kleider vom Leib zu reißen. Wenn mir jemand vor einer Woche erzählt hätte, dass er danach süchtig sei, hätte ich ihn einer psychischen Störung verdächtigt. Doch nun hatte sich alles für uns in nur vierundzwanzig Stunden geändert. Es gab so viele Dinge, die man ablehnte oder sich nicht vorstellen konnte, bis man sie erlebte. Das beste Beispiel war der Sex.

Als Kind schnappt man auf, was hier und da getuschelt wird. Als Jugendlicher findet man eine Pornozeitschrift in einer Mülltonne und empfindet, was man sieht, als ungemein schmutzig, ja unerträglich. Dennoch beschleunigen die Bilder wild kopulierender Leiber unseren Puls. Wir können nicht wegsehen und spüren eine Erregung, die alles noch verbotener und schmutziger macht. Dann kommt der Tag, an dem wir begreifen, dass wir selbst nicht vom Klapperstorch gebracht wurden, und somit die eigenen Eltern einen dieser Pornos im Schlafzimmer abgedreht haben mussten. Doch das ist unvorstellbar, also verbiegen wir das, was nicht sein darf, und überlegen, ob nicht durch einen Unfall auf einem Bettlaken, über das Mutti versehentlich in der Nacht rollte, die Spermien ihren Weg gefunden hätten. Dann erlebt man Sex selbst zum ersten Mal und alle gedanklichen Verrenkungen lösen sich in Luft auf oder vielmehr in einer Realität, die man mit dem eigenen Tun erschafft. Was von außen betrachtet zu intim erschien, als könne man es mit einem wildfremden Partner treiben, wird plötzlich durch die Lust, die es bereitet, zu einer Selbstverständlichkeit und immerwährenden Sehnsucht. Die Natur nimmt sich, was sie in einem langen evolutionären Prozess entwickelt hat, ohne auf unsere infantilen Vorstellungen zu achten: Unsere Eier und Eierstöcke, um sie zusammenzuführen und neues Leben zu erwürfeln, damit der Fortbestand der Art gesichert ist. Sowenig, wie wir das Atmen dauerhaft einstellen können, nur weil die Luft durch ein Missgeschick des Beifahrers nicht mehr unseren Qualitätsansprüchen genügte, sowenig können wir vom Zeitpunkt der Pubertät an den Wunsch nach einem Beischläfer aus unserem Kopf verbannen. Der Wunsch nach Nacktheit steckt in jedem Menschen. Vielleicht gab es einen Lebensabschnitt, in dem er überstark wurde, und wir hatten dieses weise, salomonische Alter erreicht.

Ich war als Zehnjähriger mit meinem Bruder und meinem Vater einmal auf einem FKK-Campingplatz gelandet. Als vorpubertäre Jungs empfanden wir diesen Urlaub als furchtbar peinlich. Die Natur hinterlegt altersgerechte Verhaltensmuster in unseren Köpfen, weshalb wir uns vor der Geschlechtsreife nicht zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen. Im gnadenlosen Kampf der Evolution ist kein Platz für platonische Liebe. Sie ist Unfug, weil sie auf den Punkt gebracht ein Zielen ohne Abdrücken ist. Da nun aber Platon, der alte Heide, spätestens seit der Renaissance von den christlichen Kirchen als Überlehrer in Sachen Sexualethik eingesetzt wurde, rutschte die Fortpflanzung als tieferer Sinn der Liebe in die Schmuddelschublade. Und diese Schublade ist jener geheime, dunkle Ort, an dem sich die Kopulierenden seither mit schlechtem Gewissen verkriechen. Dabei kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass Platon in seinem Gastmahl Männer auf Ideen bringt, wie man heranwachsende Jungs verführt, um sie zu vernaschen. Ehrlich. Das ist ihnen vielleicht neu, doch die Knabenliebe, die Päderastie, war legal in der griechischen Antike, ja mehr noch: Sie schuf die angestrebte enge Bindung zwischen alten Lehrern und jungen Schülern, war also ein Teil der Ausbildung. Den größeren Spaß hatten wahrscheinlich die alten Lehrer, die sonst keine knackigen Lustobjekte mehr abbekamen.

Unser Verständnis von Nacktheit, Liebe, Lust und Sex ist also eine endlose Abfolge von Verirrungen, Missverständnissen und bewussten Manipulationen. Wer die Fortpflanzung kontrolliert, kann den Fortbestand einer Sippe gezielt lenken. Sie ist ein machtvolles Instrument. Denken sie an Königshäuser, die ihr blaues Blut erhalten wollten, indem sie ihre Kinder zwangen, enge Verwandte zu begatten. Der Schuss ging nach hinten los und bescherte den Habsburgern das nach ihnen benannte unschöne Kinn, wenn nicht gar vollkommen Schwachsinnige aus diesen Verbindungen hervorgingen. Die Kirche setzte sich selbst als oberste Kontrollinstanz ein, indem sie allein das Sakrament der Ehe spenden durfte, die Lizenz zum Vögeln.

Es ist ein langer Prozess des Entwirrens und Entrümpelns, um zu einer natürlichen Beziehung zu seinem eigenen Körper zurückzugelangen. Naturismus eben. Wir waren auf diesem Weg und bereuten lediglich, dass wir so lange gebraucht hatten, um ihn für uns zu entdecken. Ja, ich wollte in diesem Augenblick, dass es Friederike besser erginge. Toni hatte meine letzten Bedenken ausgeräumt. Die Sexualität der Naturistenkinder entwickelte sich viel wahrscheinlicher zu einem unverklemmten und doch wachsamen Umgang mit dem anderen Geschlecht, da man es lange studieren konnte, bevor man es anfasste. Dadurch verlor es den Nimbus des Gigantischen, des Verbotenen, des Heimlichen. Seien wir doch mal ehrlich. Haben wir den ersten Geschlechtspartner deshalb ausgewählt, weil wir einen Gleichklang unserer Seelen feststellten, oder eher aus der Notwendigkeit heraus, den lange angestauten Säfteüberdruck abzubauen – egal mit wem? Ich wollte zwanghaft in natura sehen, wovon ich träumte. Anfassen, drücken, streicheln, um dann mit zitternden Fingern die Waffe abzufeuern, bevor die Beute auch nur in Reichweite war.

Es war später Nachmittag, als wir in einen unscheinbaren Waldweg in der Nähe von Boussac abbogen. Von der Straße aus sah man gar nichts und wir hegten schon den Verdacht, uns verfahren zu haben. Doch dann gelangten wir an eine Holzhütte mit Schranke am Waldrand, auf der deutlich Pleine Nature stand. Ich parkte unser Gespann unter den schattigen Bäumen und begab mich zur Rezeption. Dort begrüßte mich der Chef höchstpersönlich, der Holländer war. Ich meldete uns an und schließlich hob sich die Schranke mit einem elektrischen Summen. Nach wenigen hundert Metern bergauf passierten wir den Swimmingpool, aus dem fröhliches Kindergeschrei zu uns schwappte. Unser Platz lag nicht weit davon entfernt an einem kleinen, natürlichen See. Die Bäume waren dicht und schützten vor der Sonne und fremden Blicken. Auch hier nahm man es ernst mit dem Nacktsein. Diese natürliche, vertraute Atmosphäre kann nur entstehen, wenn sich alle daran halten. Ein Textilo wirkt an so einem Ort immer einschüchternd, denn er nimmt, ohne zu geben. Wenn alle nackt sind, ist keiner nackt. Wenn alle Menschen von einer blendenden Schönheit wären, dann gäbe es keine Schönheit mehr, denn der Begriff Definition kommt vom lateinischen definitio, Abgrenzung. Wir müssen Schönheit gegen ihr Antonym, die Hässlichkeit, abgrenzen, um sie zu erkennen. Taucht ein Textilo auf, dann definiert er durch seine bloße Anwesenheit unsere Nacktheit, die nicht unbedingt Scham auslösen muss, aber ein Gefühl der Verletzlichkeit und des Ausgeliefertseins. Es war so einfach, obwohl ich es zunächst nicht hatte glauben wollen. Wir zogen uns wie selbstverständlich aus, noch bevor wir den Wohnwagen in die Lücke zwischen zwei Bäume geschoben und die Stützen herunterkurbelt hatten. Die sanfte Brise, in der die Blätter der Birken aufgeregt zappelten, kühlte unsere überhitzten Körper. Es war wie eine Ganzkörpermassage. Dann schlenderten wir zu dritt, lediglich mit Handtüchern bewaffnet, zum Waschhaus, das nahtlos an den Innenpool und das Freibad grenzte. Wir waren inzwischen ebenfalls nahezu nahtlos. Wir gehörten dazu. Es war ein herrliches Gefühl, nicht mit einer Synthetikbadehose unter die Dusche zu müssen, um die Seifenhände in den zu engen Spalt zu schieben und umständlich herumzufummeln wie ein Porschemonteur, der nur mit Spezialwerkzeug die zu wartenden Teile erreichte. Man sieht, was man tut, und da man nicht sofort wieder schwitzt, bleibt das Gefühl von Sauberkeit den ganzen Tag erhalten. Nach der Dusche stürzten wir uns in den Pool im Freien, Fritzi kreischend mit ihren Schwimmflügelchen.

„Ich will hierbleiben“, rief sie.

Fritzi sprach wenig, was ich auf das mädchenuntypische Verhalten zurückführte, dass sie a) zuhörte und lernte, und b) nachdachte, bevor sie sprach. Mir war sofort klar, dass sie ausgiebig über diese kurze Information nachgedacht hatte, und deshalb nicht leicht davon abzubringen wäre. Sie hatte die Fahrt nach Paris gehasst, die Staus und die Hitze. Sie hatte Heliomonde, Silvia und Toni geliebt. Dann kam wieder die verhasste Straße und jetzt hatten wir ein neues kühles, paradiesisches Plätzchen gefunden. Sie zählte eins und eins zusammen. Ganz ehrlich. Mehr braucht man im Leben auch nicht. Okay, die natürlichen Zahlen machen noch einen begrenzten Sinn, doch spätestens mit den ganzen Zahlen bewegt man sich in einem virtuellen Raum, den Mathematiker uns erklären müssen. Sie können mir glauben. Ich bin Mathelehrer. Ein Mathelehrer, der die Hosen runterließ, und seither begriff, dass höhere Mathematik eine weitere Black Box war, die unser an sich überschaubares Leben in den Wahnsinn stürzte.

Es nahm ein wenig Zeit in Anspruch, doch nun hatte Fritzi die einfache Summe aus all dem gebildet und die hieß: hierbleiben.

 „Ja, jetzt bleiben wir hier“, log ich insofern, als dass wir am nächsten Morgen die letzte Etappe zum Meer in Angriff nehmen wollten.

Wenn ich ihr heute Abend sehr blumig ausmalte, wie herrlich das Meer sein würde und wie schnell wir da wären, würde sie begeistert von selbst ins Auto krabbeln. Hoffentlich.

Wir planschten und waren nach wenigen Augenblicken von fröhlichen nackten Kindern umringt, die Friederike in ihre Spiele einbezogen, als wäre es das Natürlichste der Welt. Auch das ist eine der schönen Seiten des Naturismus. Heute bin ich davon überzeugt, dass die angezogene Variante vor der Begegnung zwischen Menschen eine Barriere errichtet, die in einem langwierigen gegenseitigen Umkreisen mühsam abgebaut werden muss. Wahrscheinlich gibt es in unseren Köpfen einen archaischen Algorithmus, der uns gestattet, Freund und Feind, Artgenossen und menschenfressendes Raubtier schnell und sicher zu unterscheiden. Ist es unvernünftig anzunehmen, dass wesentliche Inputs dieses Algorithmus vom nackten Körper des Gegenübers stammen, wie seine Gebärden, seine Körperhaltung, das Spiel der Muskeln unter der Hautoberfläche und nicht zuletzt sein Körpergeruch? Wenn wir diese Informationen durch das Tragen von Kleidung und künstlichen Düften dem anderen vorenthalten, dann wird im Zweifelsfall automatisch der lebensrettende Alternativalgorithmus gestartet, und der heißt: Misstrauen und Vorsicht.

Sie werden es selbst erleben. Auf einem FKK-Campingplatz wird ihre Begegnung mit den anderen Nackten unmittelbar die alter Freunde sein, die sich nur lange nicht gesehen haben.

Wir ließen Friederike mit den anderen Kindern alleine, weil sie mehr als ihre Eltern eine Wasserratte war. Von der Terrasse des familiär geführten Restaurants konnten wir den Pool einsehen. Schon nach wenigen Augenblicken gesellte sich ein älterer Herr zu uns, der fragte, ob wir mit unserer Tochter an diesem Abend bei einer Theateraufführung mitwirken wollten. Seine Enkel, die gerade mit Friederike im Wasser herumtollten, wären auch dabei. Man würde zusammen kochen und hätte Zeit, sich kennenzulernen. Wir bejahten, und als es Abend wurde und Friederike mit den anderen in den beheizten Innenpool wechseln wollte, zogen wir sie schließlich aus dem Wasser, bevor sie Gefahr lief, sich wie ein Würfelzucker komplett aufzulösen.

Wir duschten uns und sie ab, cremten uns gegenseitig ein, was sich nackt sehr einfach gestaltete, und schlenderten zu unserem fahrbaren Zuhause zurück. Friederike war so vergnügt, dass mir der Gedanke, morgen schon wieder aufzubrechen, schwerfiel. Vielleicht würden wir einen Tag verlängern. Da es sehr heiß und schwül blieb, gingen wir ungeniert nackt zur Abendveranstaltung und sahen sofort, dass wir mit der Garderobe richtig lagen. Der Wetterbericht hatte schwere Gewitter für die Nacht vorhergesagt, doch anders als früher im Zelt, sah ich dem gelassen entgegen, ja freute mich geradezu, die entfesselten Kräfte der Natur trocken in unserem schnuckeligen Wohnwagen und doch in direkter Tuchfühlung zu erleben.

Die Kinder wurden für eine kurze Probe hinter die Bühne geholt und unsere Jüngste ging mit, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Als sie im liebevoll genähten Umhang einer Waldfee auftauchte und stolz mit den anderen im Waldfeenchor holländische Lieder sang, kamen uns beiden fast die Tränen. Martina zückte doch den Fotoapparat, wie andere Eltern auch, denn in diesem Augenblick waren wir tatsächlich eine große Familie und niemand hatte Angst davor, in einem fremden Fotoalbum nackt aufzutauchen.

Wir plauderten mit Händen und Füßen, denn entgegen meinen profunden Französischkenntnissen konnten wir beide kein Holländisch. Was wir an diesem Abend lernten, war Gute Nacht. Kann man sich leicht merken, heißt: slaap lekker.

Nachdem wir allen einen leckeren Schlaf gewünscht hatten, zogen wir uns schläfrig zurück und stellten unsere Campingstühle unter die Markise, die ich auf einer Seite absenkte, damit der zu erwartende Regen ablaufen könnte. Heiße Sturmböen jagten durch die Bäume, die sich knarrend der entfesselten Naturgewalt beugten. Wir legten uns alle ins große Ehebett und sahen uns durch die Heckscheibe die herannahenden zuckenden Blitze an. Friederike kuschelte sich zwischen uns und wir hielten sie gemeinsam im Arm, bis sie eingeschlafen war. Wir lagen lange so da und genossen das Zirpen der Grillen und den warmen, böigen Wind, der durch den Spalt der geöffneten Fenster pfiff.

„Ist es nicht paradiesisch?“, fragte Martina mich leise und sprach aus, was ich selbst in diesem Moment empfand.

Ich brummte nur „hmmm“, blickte dann aber überrascht zu ihr auf, als sie sich vor mir aufrichtete. Die Blitze warfen die Silhouette ihres nackten Oberkörpers auf die gegenüberliegende, weiße Wand des Eribas. Sie sah wunderschön und geheimnisvoll aus. Ich dachte in diesem Moment an eine der Sirenen des Odysseus. Verführerisch und gefährlich . Es war purer Nervenkitzel als Martina mir ins Ohr flüsterte: „Ich will es draußen mit dir … du weißt schon.“ Mir lief ein wohliger Schauer über den Rücken.

Die Blitze erhellten den Himmel im Abstand weniger Sekunden. Wir öffneten leise die Tür und sahen in der stroboskopartigen Beleuchtung, dass sich niemand mehr draußen aufhielt. Es war ungefähr Mitternacht und alles war still, bis auf das tiefe Grollen des Donners, der noch weit entfernt zu sein schien. Sie nahm mich an die Hand und führte mich ein Stück in den Wald hinein. Wir hatten eine Decke dabei. Die Kiefernadeln, die den Boden bedeckten, kitzelten und pieksten an den nackten Fußsohlen. Martina nahm mir die Decke ab und breitete sie auf dem weichen Boden aus, der noch die Wärme des Tages verströmte. Es roch nach Harz und erdig nach den Pilzen des Waldes, ein Duft, der alle unsere Sinne weckte. Wir lauschten in die Dunkelheit und unsere geschärften Sinne steigerten unsere Erregung bis ins Schmerzhafte. Alles war so, wie es sein musste, natürlich oder mit dem Superlativ des Begriffes ausgedrückt: Naturistisch.

Ein Blitz erhellte unsere Körper. Ich sah, wie Martina die Augen schloss und ihre Hand zwischen ihre Beine glitt. Es war mehr als nur die hohe Luftfeuchtigkeit, die uns den Schweiß aus allen Poren trieb. Ich brauchte keinen Blitz, um zu wissen, was ich deutlich spürte. Es war eine Schwellung, in der ich meinen rasenden Puls fühlte. Sie öffnete die Augen wieder und richtete den Blick auf meine Mitte. Martina lächelte anzüglich. Dann packte sie mich zwischen den Beinen und zog mich zu sich, während sie selbst mit gespreizten Beinen zurücksank. Ich glitt ohne jeden Widerstand in sie hinein und die feuchte Hitze raubte mir fast den Atem. Ich war kurz davor, zu explodieren, doch Martina drückte so fest zu, dass ich nicht kam. Wo hatte sie das nur gelernt? Es war schmerzhaft wie lustvoll und ich hatte das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Ich bewegte mich in ihr, schnell und heiß, und spürte die ersten Regentropfen auf meinem Rücken. Wenige Augenblicke später öffnete der Himmel seine Schleusen und wir erlebten zu dritt nahezu zeitgleich einen Orgasmus. Martina lag unter mir und küsste mich leidenschaftlich auf den Mund, während der Himmel mich feucht auf Rücken und Hintern küsste. Es mischten sich eiskalte Hagelkörner in diesen leidenschaftlichen Kuss von oben und schließlich wurde mir die ganze Küsserei zu viel. Wer nackt ist, der ist zwangsläufig sofort nass bis auf die Haut, und schließlich begann ich zu frieren. Ich löste mich von Martina und dann rannten wir kichernd zurück zum Wohnwagen. Ich hängte die tropfende Decke über einen Stuhl und reichte Martina ein Handtuch. Sie zitterte jetzt auch. Die Bäume rauschten und bogen sich knarrend in einem Wind, der zu einem Sturm anschwoll. Wir stiegen in den Wohnwagen und schlossen die Tür, während Sturzbäche unter uns hindurch rauschten. Wir kuschelten uns erschöpft und zufrieden aneinander. Dann zogen wir die Decke über unsere nackten Körper und deckten Fritzi, die an die Wand gerollt war, mit ihrer warmen Kinderdecke zu. Sie atmete tief und gleichmäßig und schien völlig unbeeindruckt vom Inferno vor der Tür. Der Sturm wurde zum Orkan. Die Bäume schützten uns, doch mich beschlich die Angst, dass einer brechen und uns unter sich begraben könnte. Andererseits waren auch sie Teil einer Natur, in der gewaltige Stürme stattfanden und die Strukturen sich den Kräften angepasst hatten. War es nicht töricht anzunehmen, die kleiderlose Hülle des Menschen wäre in seiner Entwicklungsgeschichte nicht ebenso geformt worden, um den zu erwartenden Kräften, die auf sie einwirkten, zu trotzen? Waren wir im Umkehrschluss deshalb so labil geworden, weil wir unsere Hülle dem Wechselspiel der uns umgebenden Welt entzogen hatten und deshalb in der ersten Lebenskrise vollkommen den Halt verloren? War vielleicht unsere nackte Haut mit ihren Abermillionen Sensoren das wichtigste Interface zur Realität, und nicht die Augen und der Verstand, die der Mensch maßlos überbewertete? Ich hatte an diesem Abend einen Blinden auf dem Campingplatz gesehen. Er nahm seine Nacktheit bestimmt tausendmal intensiver wahr als ich. Er sah und in Wahrheit war ich der Blinde. Die Bäume ächzten und knackten, doch ich entspannte mich und genoss das Unwetter schließlich, wie der Neandertaler, der rechtzeitig Schutz in seiner Höhle gefunden hatte. Wir lagen im Trockenen und ich musste keine Gräben ausheben. Ich seufzte und Martina, die wach neben mir lag, fragte:

„An was hast du gedacht?“

„Ich musste gerade an unser letztes Zeltabenteuer am Comer See denken.“

Ich hörte sie kichern, denn sie wusste sofort, was ich meinte.

„Du bist mitten in der Nacht in Unterhose mit Gummistiefeln und einem Klappspaten bewaffnet in den furchtbaren Gewitterregen hinaus. Es sah urkomisch und doch heroisch aus“, versuchte sie ernst zu sagen und unterdrückte ein Lachen.

Ich erwiderte ebenso ernst:

„Ich habe in einem urzeitlichen Reflex unsere Sippe vor dem Tod durch Ertrinken bewahrt. Das ist ausschließlich heroisch und nicht komisch.“

Doch dann kicherten wir beide, darauf bedacht, Friederike nicht zu wecken.

„Der Zeltboden fühlte sich wie ein Wasserbett an, nur dass er mehrere Löcher hatte, aus denen kleine Fontänen schossen. Ich fand es irgendwie gemütlich“, fuhr Martina fort.

„Das ist ja wohl nicht dein Ernst. Ich hab draußen im Schlamm gekniet und mit dem Spaten eine Abflussrinne gehackt, war klatschnass und habe jämmerlich gefroren“, erwiderte ich empört.

„Das war ein wunderbarer Liebesbeweis. Du warst mein Held und hast uns gerettet. Hier in unserem Wohnwagen kann ich mir deiner heroischen Liebe nicht mehr so sicher sein. Das musst du doch einsehen.“

Martina gluckste wieder.

„Dann muss ich eben zu einem anderen Liebesbeweis greifen“, sagte ich und griff nach ihren nackten Pobacken. Sie schmiegte sich an mich und ich spürte, dass sie zitterte.

„Wärme mich, mir ist kalt“, schnurrte sie.

Ich drückte sie fest an mich. Das Geräusch der Regentropfen auf dem Dach machte mich schläfrig.

„Wir haben doch eine Heizung“, flüsterte Martina plötzlich und richtete sich auf.

Ich war bereits mit einem Fuß im Reich der Träume und brabbelte nur:

„Stimmt. Musst nur den Knopf drehen. Startet automatisch.“

Es war ein seltsamer Traum, dessen Analyse dennoch auf den zweiten Blick nicht schwerfiel. Ich träumte von meinen drei Badehosen, die mich verfolgten. Ich flüchtete nackt und schrie, denn sie wollten mich beißen und sich über mich stülpen. Der Bund war ein großes Maul mit spitzen Zähnen, dem ich meinen nackten Hintern immer in dem Moment entzog, wenn es zuschnappte. Es war nicht bedrohlich, sondern eher komisch wie ein Tom-und-Jerry-Cartoon. Doch dann streifte mich eine vage unangenehme Ahnung, ohne dass ich sie sofort verstand. Die Mühle meines Verstandes musste erst wieder in Gang kommen und aus dem Stand-by auf Arbeitstemperatur. Ratter, ratter. Es wurde langsam warm im Wohnwagen, das spürte ich selbst durch den Nebel meiner Erschöpfung. Doch dann mischte sich ein unangenehmer Geruch in die wohlige Wärme. Ratter, ratter. Endlich fielen die Puzzlesteinchen an ihren Platz.

„Nicht“, flüsterte ich und richtete mich abrupt auf.

Ich spannte alle Muskeln an und befreite mich von der Decke und meiner schlafenden, mich umklammernden Frau.

„Wasnlos“, nuschelte sie, ohne wirklich wach zu werden. Dann grunzte sie einmal auf und schnarchte leise weiter.

Ich drehte sofort den Gashahn zu, nahm meine Taschenlampe und suchte in der Werkzeugkiste fieberhaft nach dem richtigen Schraubenzieher, um das Frontblech abzuschrauben, aus dem mir der Gestank verbrannter Kunstfasern entgegen strömte.

In einem Anflug von Panik zog ich schließlich das Blech ab, wobei ich mir die Finger verbrannte, und zerrte mit einem Topflappen bewaffnet einen dampfenden blaurotkarierten Klumpen von der Brennkammer, die gerade dabei gewesen war, meine drei Badehosen zu einer einzigen zusammenzuschweißen. Zum Glück hatten sie nicht Feuer gefangen. Ich riss die Tür auf und warf die dampfende Masse hinaus in den Regen. Ein Zischen ertönte, als sie den Boden berührte, dann war es still und ich atmete auf. Mein Herz raste. Ich ließ die Tür noch eine Minute geöffnet, dann hatte sich der beißende Gestank verflüchtigt, und ich schloss sie vor Kälte zitternd. Martina schnarchte noch immer und Friederike atmete ruhig. Sie hatten nichts von alldem bemerkt. Auch in einem Wohnwagen war offensichtlich Platz für Heldentum. Ich, der Mann und Häuptling, hatte die Sippe vor dem giftigen Biss schnappender Badehosen bewahrt, sie überwältigt und ihre Kadaver in hohem Bogen aus der Wohnhöhle geworfen. Mein Traum verschmolz schließlich mit der Realität zu einem unentwirrbaren Knäuel wie die Badehosen selbst, als ich erschöpft und zufrieden neben Martina einschlief.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, erschienen mir die vergangenen zehn Stunden wie ein softerotisches Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Als ich die Tür des Wohnwagens leise öffnen wollte, stellte ich fest, dass sie klemmte. Irgendetwas drückte von oben dagegen. Ich schob kräftiger und konnte sie einen Spaltbreit öffnen. Dann griff ich durch den Türspalt und ertastete unsere Markise, in der sich ein riesiger Wassersack gebildet hatte, der die Tür blockierte. Verdammt. Anscheinend war sie aber nicht gerissen. Ich drückte das schwabbelnde Tuch, bis sich das Wasser einen Weg zum Rand bahnte und in einem Wasserfall auf den Boden klatschte. Dann konnte ich nach draußen und wusste sofort, dass diejenigen, die hier zelteten, keine ruhige Nacht gehabt hatten. Über den Platz zog sich eine Schneise der Verwüstung. Abgerissene Äste und Blätter bedeckten den Boden und das Dach unseres Wohnwagens. Die Stromversorgung war ausgefallen, und als ich das Waschhaus erreichte, sah ich mehrere Stühle in einem Blätterteppich auf dem Swimmingpool treiben, die der Sturm offensichtlich von der Terrasse hineingeweht hatte. Ich stellte mich unter die Dusche und genoss das entspannende Gefühl des heißen Wassers. Als ich zurückging, löste sich eine rote Sonne vom makellos blauen Horizont. Der Himmel war reingewaschen von allem Staub der vergangenen heißen Tage, und es würde sehr warm werden. Ich wischte die Stühle und den Tisch trocken und bereitete leise das Frühstück vor, denn meine beiden Frauen schliefen noch immer selig. Dabei fiel mein Blick auf ein buntes Knäuel am Boden. Ich lächelte, denn mir war klar, dass die drei Textilleichen, die in einer tödlichen Umklammerung vor mir lagen, ihre Schuldigkeit für immer getan hätten. Lediglich ins Schwimmbad zu Hause würde ich eine Badehose anziehen müssen, widerwillig. Ich warf das Knäuel in den Müllsack, dann klatschte ich auf meinen nackten Hintern. Ein blutsaugendes Insekt hatte sich auf mich gestürzt, um aus meinen gut durchbluteten Backen einen Schnaken-Espresso zu schläucheln.

„Hast du dir so gedacht“, sprach ich zu dem zerquetschen Tierchen auf meiner Handfläche, dann wischte ich es ab. Ich hatte jetzt auch Lust auf einen starken Kaffee.

Klatsch! Diesmal hatte ich das hohe Sirren an meinem linken Ohr wahrgenommen und reflexartig so heftig zugeschlagen, dass ich davon ausging, nicht das Insekt getötet, wohl aber die Landebahn für weitere Anflüge unbrauchbar gemacht zu haben.

Zu dieser Annahme passte das Pfeifgeräusch in meinem Ohr, das jedoch zum Glück schnell wieder abklang, sodass ich nicht von einem dauerhaften Schaden meines Trommelfells ausging.

Es gab neben den Sternstunden auch die dunklen Stunden des Naturismus. Wir hatten die plötzlichen Insektenplagen nach einem Gewitter auch auf früheren Campingurlauben kennengelernt, doch jetzt bot man den Tieren mehr Hautoberfläche an, auch wenn der Unterschied marginal war. Die plötzliche Feuchtigkeit erweckte die Blutsauger zum Leben. Sie saugten und kopulierten fröhlich, um die optimalen Lebensbedingungen für den zu erwartenden Nachwuchs auszunutzen. Naturismus pur, musste ich anerkennend eingestehen, und vielleicht war unsere wilde Vereinigung im Wald demselben alten Muster entsprungen. Den ersten sesshaften Menschen in der trockenen Steppe signalisierte ein nahendes Gewitter die Chance auf eine vernünftige Ernte, und es machte Sinn, den Samen an so einem Festtag großzügig in die Erde und in paarungswillige Frauen einzubringen.

Nachdem sich jedoch ein Rüssel in meinen Rüssel gebohrt hatte, worauf ein unsäglicher Juckreiz folgte, flüchtete ich in den Wohnwagen und zog das Fliegengitter zu. Meine beiden Lieben gähnten herzhaft und ich schlug vor, drinnen zu frühstücken. Nach kurzem Umbau hatten wir unser Schlafzimmer in ein gemütliches Esszimmer verwandelt, durch das die mückengefilterte Luft aus allen geöffneten Fenstern strömte. Es wurde warm und schwül und wir schwitzten.

„Papa, gehʼn wir schwimmen?“, nervte Fritzi unentwegt, nachdem wir uns mit Müsli, Kakao und Kaffee gestärkt hatten. Entgegen meiner Bedenken folgte ich ihrem Wunsch. Wir stellten uns an der Tür in Startposition, sie huckepack auf meinem Rücken, die Schwimmflügelchen übergestreift, Martina dahinter.

„Bereit?“, schrie ich und schaute nach hinten. Ein großer und ein kleiner Daumen gingen in die Höhe. Ich riss die Tür auf und wir stürzten uns nackt in die Schlacht. Wir rannten so schnell wir konnten und schrien dabei unentwegt, sodass uns mehrere verwunderte Augenpaare folgten. Ich sah im Augenwinkel, dass einige Familien zum Frühstück seelenruhig draußen saßen. Natürlich: Autan, der Insektenkiller.

Hatte das eine Zulassung für Naturistenplätze? War der Naturist zwangsläufig Vegetarier, weil er mit der Natur auch alle ihre Lebewesen lieben musste? Konnte er beliebig Ausnahmen machen, nur weil die Schnaken selbst nicht nach diesem vegetarischen Codex lebten? Sie schlürften Blut, okay, ließen aber ihre Beute am Leben. Schwer zu entscheiden. Hmm. Sollte man also Autan dabeihaben und in absoluten Notfällen einsetzen? Würde ein Vegetarier für alle Fälle eine Büchse Wurst in den Urlaub mitnehmen? Wir jedenfalls hatten es zu Hause gelassen oder besser vergessen, nicht die Wurst, das Autan. Wir würden hier und jetzt mit unserer todesmutigen Aktion ein Zeichen für alle Halbherzigen setzen. Die Schnaken waren von unserem Tempo und Geschrei derart überrumpelt, dass wir ihnen bis zum Pool entwischten. Dort allerdings mussten wir abbremsen und zogen uns sofort ein paar Stiche an uneinsehbaren Stellen zu. Wir sprangen ins Wasser, das ein Reinigungstrupp bereits gesäubert hatte, und tauchten unter.

„Puh, das war knapp“, sagte ich und sah rasch nach, wo meine Frauen notgewassert waren. Alles in Ordnung. Wir waren außerdem nicht alleine. Viele Kinder und wenige Erwachsene hatten dieselbe Idee gehabt. Der Kopf und die Ohren waren leicht zu verteidigen und das Wasser war herrlich kühl. Wir planschten eine Stunde herum, bis die Sonne die Feuchtigkeit und den Großteil der Schnaken vertrieben hatte. Dann gingen wir unter die Dusche und packten zusammen. Wir hatten ein weiteres paradiesisches Plätzchen gefunden, doch nun zog es uns weiter zum Atlantik, nicht zuletzt wegen der blutrünstigen Raubtiere. Fritzi freute sich darauf, mit Papi riesige Sandburgen zu bauen, und es dauerte keine Stunde, bis wir unseren Wohnwagen anhängten und zur Schranke vor der Rezeption rollten. Wir checkten aus und es wurde mir klar, wie viel sicherer FKK-Campingplätze waren. Es konnte niemand unkontrolliert einfach mal so drüberschlendern. Als Textilo zog man sofort Blicke auf sich und wer sich nackt auszog, konnte schlecht unbemerkt Diebesgut beiseiteschaffen. Auf einem der letzten Frankreichurlaube hatte ein Textilo-Spitzbube uns den Fotoapparat geklaut, der auf dem Campingtisch im Freien gelegen hatte, während wir im Waschhaus waren. Hier kam mir nicht einmal der Gedanke, ihn wegzupacken. FKK-Campingplätze mussten für das einschlägige Publikum, das es mit dem Eigentum anderer nicht allzu genau nahm, uninteressant sein. Besonders in Frankreich, dem Land der Liebe und Diebe, ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

6

Wir aßen unterwegs ein paar Brote und Früchte und hielten nur an, um zu pinkeln. Ich hatte eine weiße, kurze Hose an, keine Unterhose, und war über den starken Kontrast erstaunt, der bereits nach zwei Tagen an den Pissoirs buchstäblich zutage trat, wenn ich den Hosenladen öffnete.

Es wurde später Nachmittag, als wir bei Bordeaux nach Süden abbogen und prompt im Stau die nächsten Kilometer vorwärtskrochen. Es dämmerte bereits, als wir dank unseres Navis bei Saint-Girons die richtige Abzweigung nahmen und nach zehn Minuten Fahrt durch herrliche Pinienwälder auf einer Kuppe den Atlantik erblickten. Die Sonne versank als glutroter, riesiger Ball am fernen Horizont, hinter dem irgendwo der amerikanische Kontinent lag. Die Szene hatte etwas Gewaltiges, Kraftvolles, nicht vergleichbar mit dem Mittelmeer, das mir jetzt vergleichsweise wie eine Pfütze erschien. Selbst Friederike sah staunend durch die Windschutzscheibe und vergaß ihr Nörgeln, weil sie Hunger hatte.

Nach wenigen Kilometern bogen wir rechts in eine Seitenstraße und erreichten die obligatorisch bewachte Schranke. Nach Erledigung der Formalitäten durch wiederum eine hochgeschlossene Schönheit, öffnete der uniformierte Wachmann freundlich dreinblickend den Schlagbaum. Der Platz wirkte ruhig, dennoch hatte man uns am Eingang gesagt, dass nur noch wenige Stellplätze frei seien, die aber die Rezeption neben dem Pool vergebe. Ich war erstaunt gewesen, wie mühelos ich in der Zwischenzeit Französisch verstand, bis mir klar wurde, dass Claudia Schiffer in der Wachhütte Deutsch gesprochen hatte. Hoffentlich bedeutete das nicht, dass die Anlage insbesondere deutsches Publikum anzog, möglicherweise auch noch aus dem Süden. Meine Sorge, jemand, den ich kannte, könne mich nackt sehen, war der Sorge gewichen, ein Schwabe könne mit der ihm eigenen Plumpheit den Zauber entzaubern, den wir erlebten. Ein eigener Reiz bestand tatsächlich darin, fremden Menschen nackt zu begegnen und diesen Zauber mit ihnen zu teilen. Toni und Silvia waren gute Freunde geworden, keine Frage, doch seit Pleine Nature stellte sich bei uns das wohlige Gefühl ein, eben nicht zu Hause, sondern weit weg von zu Hause zu sein. Es klingt paradox, aber es fällt leichter, vor Wildfremden die Hose runterzulassen, als vor Bekannten, die einen als Textilo kennen. Es liegt einfach daran, dass man nicht nur aus den Kleidern, sondern auch aus der Rolle schlüpft, die man sonst bewusst oder unbewusst spielt oder spielen muss. Man wird zu einem anderen Menschen, wird zurückgeworfen auf ein ursprünglicheres Menschsein, das man als Textilo mit den Kleidern zwangsläufig zudeckt. Ich konnte es mir nur so erklären und war dennoch erstaunt, wie eilig ich es hatte, die lästigen Kleider abzustreifen. Martina ging es genauso. Wir waren schon wieder nackt, bevor wir den Eriba auf ein schattiges Plätzchen manövriert hatten, von dem wir die große Düne sahen, die uns vom Meer trennte. Ich hob die Fahrräder vom Deichselträger, mit denen man am Atlantik gut beraten war, denn die Wege zum Meer sind lang, so wie alles an diesem Meer für Riesen gemacht scheint. Die Düne ist der natürliche Schutz des Hinterlandes und niemand darf dort Zelten oder seinen Caravan abstellen. Wir rochen das Meer und Martina behauptete, dass sie es rauschen hören konnte. Es lag vielleicht daran, dass ich mir diese reflexartigen Selbstohrfeigen bei Fliegerangriffen verpasste, seit ich denken konnte. Es konnte aber auch daran liegen, dass Frauen keinen Unterschied zwischen Sensation, Intuition und Fantasie machten, während der Mann stets versuchte, diese Dinge akribisch zu trennen.

Wir stiegen auf unsere Fahrräder, nachdem sich Fritzi mit ein paar Keksen in den Anhänger gesetzt hatte, und radelten in den Abend hinein. Die salzige Brise umschmeichelte unsere Körper. Es war kühl, doch um nichts in der Welt wollten wir etwas anziehen. Dabei stellten wir fest, dass in unseren Körpern immer noch eine funktionierende Software lief, die unsere Oberflächen- und Körperkerntemperatur zufriedenstellend regelte. Ich ahnte, dass die Bilder, die ich von einem FKK-Wintercampingplatz im Internet gesehen hatte, doch nicht gestellt waren. Überhaupt geht mir heute die übervorsichtige Art, mit der wir die Außentemperatur in zehntel Grad messen, um unsere Kinder richtig einzukleiden, komplett gegen meine neugewonnene naturistische Gesinnung. Ein Arzt erzählte mir einmal, dass in Deutschland keine Kinder erfrieren, nicht wenige aber überhitzt kollabieren und tatsächlich sterben. Der Körper kann leichter Wärme produzieren als abgeben, und wie man weiß, überleben unterkühlte Menschen lange ohne messbaren Stoffwechsel, wohingegen Eiweiße bei rund 45 Grad denaturieren und dann aussehen wie unser hart gekochtes Frühstücksei. Das überlebt niemand. Ein anderes Märchen, das sich hartnäckig besonders in Frauenköpfen hält, ist der Zusammenhang zwischen Frieren und Erkältungskrankheiten. Krank wird, wer sich bei Kranken ansteckt. Das passiert häufiger in der kalten Jahreszeit, die man gern in geschlossenen Räumen mit irgendwelchen Hustern verbringt. Zudem friert man, wenn man sich bereits erkältet hat. Ergo wird seit ewigen Zeiten fälschlich im Umkehrschluss kalt mit krank assoziiert. Ein Eskimo auf einer einsamen Eisscholle friert, sonst nichts. Spätestens seit wir wissen, dass sich nordische Völker in Schwitzhütten mit anschließendem Bad im Eiswasser gesund halten, sollte uns berechtigter Zweifel an dieser vermeintlichen Tatsache beschleichen.

Martina und ich machen nun schon so lange nackt Urlaub und haben uns außer einem Sonnenbrand in den Anfangsjahren nichts geholt, im Gegenteil. Seit wir unseren ganzen Körper dem Spiel der natürlichen Kräfte und Gezeiten überlassen, sind wir gesünder. Hautunreinheiten, wie auch den vielen kleinen Lebeweschen, die sich in den feuchtwarmen Zuchtanstalten unserer künstlichen Körperbedeckungen fröhlich vermehren, wird der Nährboden entzogen.

Als wir den Kamm der Düne erreichten, tauchte der letzte Zipfel der Sonne ins Meer. Dieses Schauspiel hatte etwas von der Kraft einer körperlichen Vereinigung. Die Sonne sank in den Schoß von Mutter Erde. Mir gefiel die Vorstellung, dass aus dieser Vereinigung Aphrodite hervorgegangen war, die schließlich dem Meer entstieg. Für meinen Geschmack wurde allerdings die Vorstellung der Griechen, die Begattung habe sich ereignet, indem der Sohn des Uranos dessen abgeschnittenen Schniedel in einem Weitwurfversuch ins Meer schleuderte, der Sache nicht gerecht. Ich konnte mir gut vorstellen, dass man mit so einer Stilhandgranate relativ weit werfen konnte, und die Griechen waren ein Volk von Weitwerfern. Schließlich hatten sie die Olympischen Spiele erfunden.

Fritzi war in ihrem Kinderanhänger an einem Keks lutschend eingeschlafen. Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken, als ich mir vorstellte, der Kindergartenzahnarzt könne einen Blick auf die rührende Szene werfen. Morgen würde ich meiner Tochter die Zähne gründlich putzen.

„Nachts schlafen die Bakterien auch“, hatte meine Oma immer behauptet und uns nach dem abendlichen Zähneputzen heimlich ein Betthupferl in den Mund gesteckt. Mutter machte sich Vorwürfe, dass unser Zahnarzt stets selig lächelte, wenn ihre Jungs bei ihm anrückten, doch sie traf keine Schuld. Als Omi schließlich in die ewigen Jagdgründe einging, wo sie von nun an mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Indianerkinder nach dem abendlichen Zähneputzen mit gesundem Feuerwasser gurgeln ließ, besserte sich unsere Mundgesundheit schlagartig. Von da an lächelte Mutti und der Zahnarzt machte ein betrübtes Gesicht.

Martina und ich standen eng umschlungen am endlosen Sandstrand der Côte dʼArgent, bis das prächtige Feuerwerk der Farben einem tiefen Blauschwarz wich, dann machten wir uns auf den Rückweg. Das ununterbrochene Mahlen der Brandung war wie ein Konzert tausender Instrumente, das uns ehrfürchtiges Schweigen gebot. Es verklang schließlich zu einem Murmeln, als das Meer hinter der Düne verschwand. Wir hatten einen der seltenen Orte gefunden, denen nichts hinzuzufügen war. Zum ersten Mal in einem Campingurlaub fand ich zu einer inneren Ruhe, die mich acht Stunden ohne Unterbrechung schlafen ließ. Ich erwachte, als die Sonne bereits wärmend zwischen den Pinien im Osten stand.

Ich gähnte herzhaft und sah überrascht, dass es sechs Uhr war.

Ein Blick in zwei entspannte schlafende Gesichter sagte mir, dass ich leise sein musste. Ich schlich hinaus und setzte mich mit einem Liegestuhl in die Sonne. Die Wärme schien von der Oberfläche meiner inzwischen nahtlos braunen Haut bis zu meinem innersten Kern vorzudringen. Es war herrlich. Ein paar Möwen kreisten kreischend über mir in der lauen Brise, die vom Meer her wehte und mich sanft berührte. Es war immer noch interessant festzustellen, dass diese Berührungen an Körperstellen, die sonst im wahrsten Sinne des Wortes ein Schattendasein führten, um einiges intensiver waren. Offensichtlich entwickelte sich an allen anderen Stellen eine Form von sensorischer Elefantenhaut oder aber das Gehirn regelte den Input herunter, damit das Individuum nicht andauernd in romantische Verzückungen verfiel und sonst gar nichts mehr zustande brachte. Ich gab mich meinen romantischen Verzückungen hin, schloss die Augen und erkannte am Druckanstieg in meinem Thermometer, dass diese erotischer Natur waren. Es war für mich eine neue Erfahrung. Martina bekam immer Lust, wenn sie zu Hause ein paar Minuten nackt an einer uneinsehbaren Stelle des Gartens in der Sonne lag. Es waren kaum Leute unterwegs, doch da mir die anschwellende Offensichtlichkeit meines Zustandes peinlich wurde, schnappte ich mir ein Handtuch und beschloss, ins Waschhaus unter die Dusche zu gehen. Auf dem Weg dorthin verschwanden glücklicherweise die Symptome, doch Windows wechselte lediglich in den Stand-by-Modus, aus dem es mit einem einzigen Mausklick reaktiviert werden konnte. Das war mir in diesem Augenblick nicht klar.

Als ich im Duschraum ankam, war ich allein. Es war ziemlich dunkel, da das Gebäude von großen Bäumen umstanden war und die Sonne noch recht tief stand. Zudem hatte ein Lichtsensor den Strom für die Beleuchtung unterbrochen, doch ich konnte auch so genug erkennen. Keine Abtrennungen und keine Trennung der Geschlechter. In zwei großen gefliesten Räumen, die sich zu einem zentralen Gang mit Holzbänken und Ablagen öffneten, verteilten sich an den Wänden je fünf Duschköpfe, sodass insgesamt dreißig Leute gleichzeitig duschen und sich dabei ansehen konnten. Ich ging in die dunkelste Ecke des fensterlosen Duschraums zu meiner Rechten. Dort drehte ich einen Mischknopf in den roten Bereich und drückte ihn. Das heiße Wasser weckte meine Lebensgeister und startete eine Subroutine, die das Betriebssystem erneut bis knapp an die Aktivierungsschwelle hochfuhr. Ich schloss die Augen und gab mich ganz der Hitze hin, die jetzt auch von innen zu kommen schien. Ich verlor jedes Zeitgefühl. Vielleicht war ich einen Augenblick im Stehen eingenickt, doch mit einem Schlag meldeten mir die Sensoren aus dem Maschinenraum Alarmstufe Rot.

War Raumschiff Enterprise am Ende nur ein fliegender Bumsbomber gewesen, der dazu diente, Captain Kirk mit Warp 7 von einem galaktischen Bordell ins nächste zu fliegen? Schließlich fummelte er auf jedem Planeten an irgendeiner Außerirdischen herum, mal mit grüner Haut, mal mit Hörnchen auf den Ohren, doch im entscheidenden Bereich erstaunlich humanoid konstruiert. Ein modernes Märchen eben, und Märchen hatten nahezu alle einen erotischen Hintergrund, erklärten uns die Psychologen. Sie waren tiefsinniger Sexualkundeunterricht, wie beispielsweise Dornröschen, die bis zur Geschlechtsreife hinter ihrer Dornenhecke saß und den gezückten Stachel des Prinzen mit tausend Stacheln abwehrte. Eine frühe Form der Homöopathie, die bekanntlich Gleiches mit Gleichem bekämpft.

Eine Explosion erschütterte mein Raumschiff. Leute und Gegenstände flogen durch die Luft, ohne dass jemand verletzt wurde, wie immer. Es war ein letzter Tagtraum, bevor ich ganz aus meinem Dämmerschlaf in die Realität zurückkehrte.

Dennoch wollte ich nicht die Augen öffnen. Lag es daran, dass eine sanfte Hand meinen Mischhebel – sie ahnen, von welchem ich spreche – in den roten Bereich bewegte, eine Hand, die nicht mir gehörte?

 Es musste einfach ein herrlicher erotischer Traum in einem Traum in einem Traum sein. Vielleicht war ich durch das heiße Wasser ohnmächtig zu Boden gesunken oder ich war gar nicht duschen, sondern lag noch immer im Wohnwagen neben …

Panik stieg in mir auf. War ich gerade dabei, meine Frau im Waschraum mit einer hübschen Französin zu betrügen?

Es auf Französisch zu machen? Eine ganz andere Panik gesellte sich dazu. Woher wusste ich, dass es kein Franzose war?

Die Hände fühlten sich klein und nicht schwielig oder gar ungehobelt an … in meinem Traum, selbstverständlich.

Konnte ich mich darauf verlassen, dass die sensorischen Daten von einem derart geschwollenen, pulsierenden Körperteil unverfälscht mein Gehirn erreichten?

Im nächsten Moment spürte ich heißen Atem an und eine Zunge in meinem Ohr, deren Größe und einschlägigen Erfahrungen nach zu urteilen eher zu einer Frau passte.

Und wenn ich wach wäre, müsste ich dann nicht akzeptieren, dass auch dies ein Teil des Naturismus war?

Es war eine Prüfung, ein Bekenntnis mit allen Konsequenzen. Schluss mit den Halbheiten. Naturismus total oder gar nicht.

Ich versuchte die unbequemen Gedanken zurückzudrängen und den angenehmen mehr Raum zu geben. Diese speziell männliche Fähigkeit hatte mir im Germanistikstudium schon gute Dienste geleistet. Sie erinnern sich. Es ermöglichte dem nach einer Jagd schwerverletzten Neandertaler das Durchhalten und Überleben in einer hoffnungslosen Lage. Klingt logisch, oder nicht?

Ich bewegte mich jetzt im Rhythmus, den die fremde Hand vorgab, oder war es gar keine Hand mehr? Unter einer heißen Dusche erscheinen alle Körperteile warm und feucht. Lange würde ich nicht mehr durchhalten. Es war eine mehr als hoffnungslose Lage, Neandertaler hin oder her. Mein letzter innerer Widerstand brach in sich zusammen. Ich war ganz Opfer und ergab mich in mein Schicksal. Mir blieb lediglich die Hoffnung, dass es bald vorüber wäre.

Leider war es viel zu schnell vorüber. Als ich meinen kleinen Schwächeanfall überwunden hatte, das typische Zeichen eines männlichen Orgasmus, schlug ich die Augen auf und erblickte … niemanden.

Ich war allein. War überhaupt nichts passiert? Ich schaute an mir hinunter und erkannte erleichtert im Dämmerlicht, dass sich alles an seinem Platz befand oder vielmehr hing, doch nicht exakt so, wie ich es erwartet oder vielleicht in einem Anflug von Panik gehofft hatte. Er sah aus wie nach einem unmittelbar zurückliegenden … Sie wissen schon.

Ich drehte energisch den Mischhebel auf Blau, den anderen, und fühlte dankbar, wie das kalte Wasser mich in eine Realität zurückholte, die offensichtlich eine war, ohne Grauzone. Dann trocknete ich mich ab und knotete mir das Handtuch um die Taille. Das plötzliche Gefühl, nackt zu sein, ließ mich wieder an Adam denken. Es ist ein Gefühl, das sich danach bei jedem Mann einstellt, vor allem, wenn er nicht seine, sondern eine verbotene Frucht vernascht hat.

Als ich an unserem Platz angekommen war, hatte ich jede Leichtigkeit und Fröhlichkeit verloren. Könnte ich Martina in die Augen sehen? Hatte ich sie betrogen? Mit wem? Ich kannte nicht einmal ihr Gesicht. Konnte eine gesichtslose Fee, die sich in den erotischen Traum eines Mannes verirrt hatte, überhaupt als Ehebruch gewertet werden?

Ich erzählte Martina nie von meinen erotischen Träumen, so wenig wie sie mir. War denn ein erotischer Traum, für den man nichts konnte, schon Betrug am Partner? Oder konnte man vielleicht doch etwas für diese Träume, weil ihnen eine Sehnsucht vorausging, die man nicht unterdrückte? Gegen die man nicht entschieden vorging?

Oder waren diese Träume Folge eines Mangels, an dem keiner Schuld hatte, an dem die Partnerschaft jedoch litt und letztlich scheitern musste? War dieser letzte Schritt aus dem sehnsüchtigen Traum heraus in die Phase der Realisierung das Ende eines langen Prozesses? Nicht der Anfang vom Ende, sondern das Ende vom Ende?

Quatsch. Ich liebte meine Frau. Aber alle Frauen dieser Welt machten sich was vor. Männer waren nicht treu, das hatte die Evolution nie gewollt. Ich wollte es wütend hinausschreien, blieb aber stumm.

Frauen waren keine Jäger und Sammler, denn die Verletzlichkeit der Kinder brauchte die Treue eines starken Erwachsenen und das war die Mutter. Die Väter waren immer entbehrlich gewesen und einige Insektenmütter sahen in ihnen direkt nach der Begattung lediglich einen proteinreichen Energieriegel.

Um dem energetischen Recycling zu entgehen, machten sich die Männer lieber rechtzeitig aus dem Staub, damit ihr Samen noch an anderer Stelle aufging, bevor man sie schnappte oder das natürliche Selbstmordprogramm ihrer Gene sie vor der Frau zur Strecke brachte.

Ja, ich bin fest davon überzeugt, dass Frauen intelligenter konstruiert sind und deshalb länger leben. Der Mann ist ein italienischer Sportwagen, außen Hui und unter der Motorhaube Pfui, die Frau ein zweckmäßiger VW-Bus, in den man alles reinladen kann und der noch wartungsfrei läuft, wenn die ersten Männer, die am Steuer saßen, längst in einer Holzkiste ohne Schiebedach fahren.

Die Genetik bestätigt inzwischen meinen Verdacht. Das Y-Chromosom ist ein einbeiniger Krüppel. Es fehlt ihm nicht nur die Information über die primären und sekundären weiblichen Geschlechtsmerkmale, sondern auch, wo sinnvollerweise die Haare hingehören, die sich beim Mann in einer verzweifelten lebenslangen Odyssee vom Kopf in die Ohren, zum Rücken und zu den Beinen bewegen und ihn auf die Stufe seiner affenartigen Vorfahren zurückfallen lassen.

Die Frau, das perfekte Wesen, kann auf sechsundvierzig Chromosomen zu je vier Füßchen zurückgreifen. Dem fehlenden Bein des Y-Chromosoms entsprechen somit grob fünf Promille des gesamten Bauplanes. Das klingt nach nicht sehr viel, doch jeder weiß, wie schnell sich solche Zahlen relativieren, wenn man mit einem entsprechenden Blutalkoholspiegel von der Polizei gestoppt wird. Unwahrscheinlich, dass man überhaupt noch stoppen kann. Vielleicht lallt man dem schicken grünen Mann mit der praktischen Blinkkelle lediglich aus dem Fenster zu, dass man nachts keine Anhalter mitnehme, schon gar keine grünen Marsmännchen, um ihm mit Vollgas über die Füße zu rollen.

Sie müssen sich das Genom vorstellen wie den Bauplan für eine komplizierte Maschine. Die letzte der zweihundert Seiten fehlt. Das ist immer die mit dem Troubleshooting oder gefälliger ausgedrückt mit den FAQs, den frequently asked questions.

Jetzt gebe ich ihnen mal einen Tipp. Ich mache das schon immer so. Blättern Sie auf die letzten Seiten der Gebrauchsanweisung, wenn Sie sich zum Beispiel eine neue Digitalkamera kaufen. Ist der FAQ-Abschnitt sehr umfangreich …

Alles klar?

Sie können damit rechnen, dass die Kamera über kurz oder lang vom Markt verschwindet, weil sie nicht kann, wann sie soll, oder zu schnell kommt und dann keinen Saft mehr hat. Sie wissen, was ich meine.

Vielleicht hat der liebe Gott die letzte Seite aus der Gebrauchsanweisung des Mannes bewusst weggelassen, damit er nicht direkt nach der Produktion zum Ladenhüter wird. Einige Frauen bringen es mit einem Seufzen auf den Punkt: „Es geht nicht mit ihm, es geht nicht ohne ihn.“

Wussten Sie, dass der Unterschied zwischen dem menschlichem Genom und dem des Schimpansen nur rund 1,5% beträgt?

Aber jetzt kommt der Hammer: Zwischen Mann und Frau liegt der Unterschied bei bis zu vier Prozent!

Das heißt, dass Männer mit einem Schimpansen mehr Gemeinsamkeiten haben als mit der eigenen Ehefrau und sich ernsthaft mit dem Gedanken auseinandersetzen müssen, nicht in der Disco, sondern im Zoo den geeigneten Partner fürs Leben zu finden.

 Es verwundert also nicht, wenn die sexuellen Fantasien des Mannes sich von denen der Frau im Rahmen dieser gewaltigen vier Prozent grundlegend unterscheiden.

Nein, nicht missverstehen, normalerweise hat ein Mann kein größeres Bedürfnis nach Sex mit einem Schimpansen als mit einer Frau. Seine Bedürfnisse sehen aber anders aus. Er ist nicht zärtlich, sondern erobernd, fordernd, rau, ja manchmal brutal.

In der Natur ist es wie in alten Doppeldeckern. Der Passagier sitzt vorne und genießt die Aussicht, während der Pilot hinten sitzt und mit dem Steuerknüppel zwischen den Beinen die Richtung, die Geschwindigkeit und den Zeitpunkt der Landung vorgibt. Und wenn es ein Crash wird, dann wird es eben ein Crash. Die Natur interessiert nur was unmittelbar vor diesem Crash passiert. Nicht die Qualität, sondern die Quantität zählt im Sinne der Fortpflanzung. Kuschelsex ist ein Wunsch der Frau und macht dem Mann regelmäßig ein schlechtes Gewissen, seit Männchen versuchen, ihre Weibchen angemessen zu befriedigen. Der weibliche Orgasmus braucht erheblich länger als der des Mannes und ist von der Natur vielleicht gar nicht vorgesehen. Warum?

Weil er keinen größeren Sinn macht.

Selbst wenn jetzt ein Raunen durch die Frauenwelt geht, sage ich knallhart, bevor ich in Deckung gehe: Fortpflanzung geht sehr gut ohne weiblichen Orgasmus, nicht aber ohne den männlichen.

Stellen Sie sich vor, die Frau wäre regelmäßig früher fertig, um den hinter ihr stehenden Mann ohne Vorwarnung im Regen stehen zu lassen. Der Schuss ginge zu spät los und damit ins Leere. Das wäre eine der Natur komplett zuwiderlaufende Verschwendung knapper Ressourcen, die zudem den Fortbestand der Art unmittelbar gefährdete.

Ja, bei Fröschen funktioniert das prächtig. Da kommt der Mann tatsächlich später. Mamafrosch wirft die Eier irgendwo hin und Papafrosch onaniert drüber, doch bei Plazentariern geht das so nur im Reagenzglas.

 Ach verdammt. Die bohrende Frage, die mich beschäftigte, war: Hatte ich etwas Unrechtes getan, wenn es tatsächlich passiert war? Klingt es wie eine billige Rechtfertigung, wenn ich sage, dass ich kein Problem damit hätte, wenn Martina an meiner Stelle gewesen wäre?

Es ist so: Ich verbinde Liebe und Treue nicht mit dem Geschlechtsakt. Ich behaupte, dass er Männer nicht bindet und keine tiefen Gefühle auslöst. Bei Männern spielt sich Sex definitiv zwischen den Beinen ab.

Was, wenn das bei meiner Frau anders war? Wenn ihr Sex im Kopf und damit in der Seele stattfand, dann hatte ich sie verletzt.

Ich wusste es nicht sicher. Es gab Frauen, die schlugen ihren Männern nach Jahren treuer und unauffälliger Ehe vor, in Swingerklubs zu gehen, um sich gegenseitig mit wechselnden Partnern zuzusehen. Martina hatte immerhin den FKK-Urlaub vorgeschlagen. Okay, das war nicht ganz dasselbe.

War es eine Vorstufe zum Swingerklub?

Dann hätte ich mir ja gewissermaßen nur einen Vorgeschmack auf das geholt, was wir als Nächstes ausprobieren würden. Dann hätte ich bestenfalls ein klitzekleines schlechtes Gewissen, weil ich etwas ungeduldig kurz vor Mitternacht eine Silvesterrakete abgefeuert hatte.

Mist! Ich hatte richtig Mist gebaut und etwas sagte mir, dass ich es beichten müsste. Doch was wäre, wenn sie mir die Absolution verweigerte? Sie würde nicht mehr mit mir reden, würde abreisen, sich scheiden lassen, mir jeden Zugang zu unserer Tochter verwehren.

O.K. Tief durchatmen. Neue Strategie. Gar nichts erzählen. Gefiel mir ohnehin besser.

Ich hatte mich nach rastlosem Auf- und Abgehen matt in den Campingstuhl fallen lassen. Im Wohnwagen war noch alles ruhig. Ich stand wieder auf und fasste einen Entschluss. Wenn ich mich leise reinschleichen, mich neben Martina legen und so tun würde, als schliefe ich noch, um dann scheinbar gemeinsam mit ihr aufzuwachen, …

Sie käme nicht auf die Idee, mich zu fragen, was ich den ganzen Morgen über gemacht hätte. Ich schaute auf die Uhr. Es war erst kurz nach sieben. Gut. Sollte klappen.

Klappte auch. Zunächst. Ich schlüpfte unter die Decke. Martina regte sich nicht. Ich schloss die Augen und entspannte mich so gut es ging.

„Und, wie war’s für dich?“

Ich konnte nichts aus dem Tonfall ihrer Stimme heraushören.

Wie war was für mich? Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken. Hatte sie mich verfolgt und beobachtet? Das konnte nicht sein. Ich räusperte mich, als sei ich gerade aufgewacht.

„Was meinst du, Schatz?“, fragte ich so unschuldig, wie ich konnte, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlug.

„Ach komm. Du weißt doch genau, was ich meine.“

Klang ihre Stimme kühl, scharf, verbittert?

 Scheiße, scheiße, scheiße, dachte ich und suchte fieberhaft nach einer neuen Strategie. Ein innerer Kampf zerriss mich. Vielleicht konnte ich noch etwas retten, wenn ich gestand. Denn wenn ich alles leugnete und sie wusste es wirklich, dann würde sie mir nie mehr vertrauen. Tief Luft holen hilft immer, doch nur solange, bis man tief Luft geholt hatte. Danach ist alles beim Alten.

„Ach … daaas“, stammelte ich, ohne mich weiter zu erklären. Zeit schinden und erst mal sondieren, was sie wirklich weiß oder vielleicht nur ahnt. Hatte ich den Duft einer fremden Frau an mir? Es durchzuckte mich wie ein Blitz. Hatten Frauen einen Geruchssinn, der differenzierter war als der eines Polizeihundes?

Es wäre plausibel, denn Gerüche wurden da verarbeitet, wo das Fühlen stattfand, und auf diesem Gebiet war sie mir haushoch überlegen. Sie brauchte keinen Detektiv oder versteckte Kameras. Sie musste mir nicht heimlich folgen. Sobald ich zurückkam, konnte sie das Parfüm aller Frauen erschnüffeln, denen ich nur die Hand gegeben hatte. So musste es sein. Ich Idiot. Ich hatte sie – Frauen allgemein – komplett unterschätzt. Allerdings hatte ich mich danach abgeduscht und damit mit Sicherheit jeden verräterischen Duft getilgt.

„Ja … doch …“, stammelte ich weiter und wusste in diesem Moment selbst nicht, worauf sich das eigentlich bezog.

Jetzt drehte sie sich zu mir und stützte ihren Kopf in die Hände. Ich sah ihren wohlgeformten Po, der unter der Decke zum Vorschein kam. Was war ich für ein Superidiot. Hier lag alles in Reichweite, stressfrei, und ich musste genau danach heimlich in einer öffentlichen Dusche suchen.

„Was heißt ja doch. Mehr hast du nicht dazu zu sagen?“

Lächelte sie jetzt? Nein, ich musste mich täuschen.

Oder doch. Es war ein überhebliches Lächeln, das sagen sollte: Ich hab dich bei den Eiern, du Schwein.

„Okay, die Wahrheit ist: Ich wollte es nicht, aber …“

Weiter kam ich nicht.

„Aber es hat dir gefallen, oder nicht?“

Ich nickte stumm. Sollte ich in Tränen ausbrechen, auf Knien rutschend um Verzeihung bitten?

Martina hatte sich wieder auf den Rücken gedreht und schaute versonnen an die Decke.

„Mir hat es auch gefallen, sehr sogar.“

„Jaaaa, na dann …“

Es war nicht unbedingt eine meiner intelligentesten Äußerungen. Ich war froh, dass sie mein Gesicht nicht sah. Ich ließ mich auf die Matratze zurücksinken und versuchte aus den verwirrenden Informationen ein schlüssiges Bild zusammenzusetzen.

„Weißt du, dieses Heimliche, Verstohlene und dann in einer öffentlichen Dusche. Es war ein ganz besonderer Reiz. Ich hatte wahnsinniges Herzklopfen und auch einen …“

Sie beendete den Satz nicht, drehte sich zu mir und lächelte.

„Also ich nicht“, log ich, nachdem ich wieder Herr der Lage war.

„Du Schuft.“ Sie lachte und trommelte mit ihren Fäusten auf meine nackte Brust.

Mir fiel ein Felsbrocken vom Herzen. Ich hatte nichts Verbotenes getan und der besondere Reiz, es in Gedanken mit einer anderen zu tun, hatte meine Lust noch gesteigert. Der winzige Rest eines schalen Geschmacks blieb zurück, und als mein Puls auf normales Niveau zurückgekehrt war, führte ich mir die Situation unter der Dusche noch einmal vor Augen. War Martina mir gefolgt oder war sie vielmehr wie ich mit einem Ständer aufgewacht – Sie wissen was ich meine – und unter die Dusche gegangen auf der Suche nach einem erotischen Abenteuer, in dem ich gar nicht vorkommen sollte? Doch selbst wenn. Konnte ich ihr einen Vorwurf daraus machen, den ich mir nicht selbst machen musste? Eins zu eins, dachte ich, und in diesem Unentschieden lag eine überraschende Erkenntnis: Ich besaß meine Frau nicht, sondern musste sie immer wieder erobern. Auch das war im Sinne der Evolution. Mann musste sich vor der Frau und die Frau vor dem Mann stets von Neuem als genetisch würdig erweisen, um die gemeinsamen Nachkommen mit der besten Mischung aller möglichen Genome auszustatten.

7

Die Tage plätscherten harmonisch dahin. Wir genossen die Sonne, das Meer, die Nacktheit. Wir schlossen Freundschaften und stellten erstaunt fest, dass Friederike keine Sprachbarriere kannte. Kinder sind in diesem Alter weniger auf verbale Kommunikation angewiesen als auf die des gemeinsamen Spielens, und so saßen holländische, französische und englische Kinder bei uns mit am Tisch. Friederike verschwand selbst den halben Tag mit den anderen auf die Spielplätze oder wurde von den Familien ihrer Freunde zum Spielen und Essen eingeladen. Wir hatten niemals Angst, denn wie auch auf den anderen FKK-Plätzen, konnte kein Fremder so einfach den Platz betreten.

Ich hatte es verdrängt, vollkommen vergessen, bis Martina eines Morgens am Frühstückstisch mit einem Seufzen erklärte:

„Wir müssen uns jetzt Gedanken machen, wie wir das übermorgen managen.“

Ich schaute verständnislos, doch dann traf es mich mit der Wucht einer Dampfwalze.

Der Geburtstag von Schwiegermama! Für diesen Tag hatte sie ein Flugticket nach Bordeaux von uns geschenkt bekommen. Einen Moment lang hoffte ich, dass sie anrufen und uns mitteilen würde, sie sei erkältet oder sonst was. Ich überprüfte verstohlen mein Handy, das ich aus offensichtlichem Grund nicht ständig bei mir trug.

Nichts. Ich klappte das Handy zu wie ein enttäuschter Captain Kirk, dem Scotty gerade mitgeteilt hatte, dass er ihn nicht herausbeamen könne.

„Übermorgen um 9.30 Uhr landet sie in Bordeaux“, sagte Martina.

„Hurra, Omi kommt“, rief Friederike aus.

Ich beneidete sie um ihre paradiesische Unbeschwertheit.

„Hast du eine Idee?“, fragte Martina.

Wir brauchten schnell eine. Es war undenkbar, Claudia hier unkontrolliert herumspazieren zu lassen. Sie wäre nur einen Tag da. Der Rückflug ginge am nächsten Morgen um 11.00 Uhr.  Ich erinnerte mich an den Film Goodbye Lenin, in dem ein Sohn seiner Mutter über Wochen den Fortbestand der DDR vorgaukelte, um sie nicht durch den plötzlichen Schock über die freilaufenden Wessis umzubringen.

Claudia würde der Anblick freilaufender, nackter Menschen nicht umbringen. Ich hatte eher die Befürchtung, dass sie mich umbringen könnte. Bei ihrer Tochter musste sie vielleicht eine Ausnahme machen, doch sie würde uns Rabeneltern sofort das Sorgerecht für Friederike absprechen.

„Ich arbeite daran“, erwiderte ich mit gespielter Zuversicht.

„Und wenn wir einfach für den einen Tag den Campingplatz wechseln?“

Martina sprach aus, woran ich gerade gedacht hatte oder zumindest hatte denken wollen.

„Gute Idee. Ich klemmʼ mich gleich hinter den PC an der Rezeption und suche was in der Nähe.“

Ich schwang mich aufs Fahrrad und radelte mit einem Rucksack, in dem ein Stift und ein paar lose Blätter Papier steckten, sowie einem kleinen Handtüchlein los. Die Hitze wurde mit zunehmender Entfernung von unserem seewindumschmeichelten Plätzchen mörderisch, und ich war erleichtert, als ich in der klimatisierten Rezeption stand und vor dem PC platznahm. Der dunkle Holzstuhl verströmte selbst durch meine Unterlage eine wohlige Kühle, die mir einen Schauer über den nackten Rücken jagte.

Ich googelte eine Karte der näheren Umgebung mit allen Campingplätzen. Nach rund einer Stunde und zunehmendem Radius um Angape, musste ich feststellen, dass um diese Zeit alle Textilo-Plätze ausgebucht waren. Ich hätte es ahnen müssen. Ein anderer FKK-Platz machte natürlich wenig Sinn. Etwas abgeschlagen und verschwitzt kam ich an unseren Platz zurück. Ich hatte Lust auf das Meer und wenigstens drei Liter alkoholfreies Bier, das ich in einer Extrakühlbox lagerte. Martina wartete mit ihrem „Und?“, bis ich die erste Flasche geleert und einen sonoren, naturistisch untadeligen Rülpser losgelassen hatte.

„Alles ausgebucht, bis auf unseren und wahrscheinlich andere Naturisten-Plätze.“

„Dann müssen wir in den sauren Apfel beißen. Ich rufe Mutti an und sage ihr, wo wir sind. Dann kann sie entscheiden, ob sie lieber zu Hause bleibt, oder …“ Martina zuckte mit den Schultern.

„Oder was?“, fragte ich. „Zuerst wird es ihr die Sprache verschlagen und dann spricht sie mit mir ein Jahr lang kein Wort mehr. Außerdem freut sie sich auf ihren Geburtstag. Das letzte Mal am Bodensee warʼs doch auch schön, zumindest für sie, und das gönne ich der alten Dame. Wir feiern mit ihr … irgendwie.“

Martina umarmte mich.

„Danke.“ Sie lächelte und rieb ihr Schambein wie zufällig an einer Stelle, die, obwohl an meiner Außenfassade angebracht, eher sie kontrollierte als ich. Ich reagierte deshalb nicht, weil inzwischen sämtliches Blut in meinen zerebralen Schwellkörpern um die Frage kreiste, wie wir auf einem FKK-Campingplatz die Filmkulisse eines Goodbye Lenin schaffen könnten, und das innerhalb von vierundzwanzig Stunden.

„Danke, dass du das für meine Mutter tun willst, obwohl ihr euch nicht so sehr mögt. Übrigens. Was wollen wir denn überhaupt tun?“, fragte Martina, stieß sich von mir ab und sah mich erwartungsvoll an.

„Hmmm, wir kennen doch inzwischen ein paar nette Familien. Die Browns aus Cornwall und die Vanmeers aus Amsterdam. Die sprechen so gut Deutsch, dass wir sie einweihen könnten. Ich denke, die machen mit. Wird für die ein riesen Spaß.“

„Was genau meinst du?“, fragte Martina skeptisch.

„Wir überlegen uns, wie wir Claudia hier rein und auf unseren Platz schleusen, einen netten Abend mit ihr und unseren Freunden verbringen und sie am nächsten Morgen wieder rausschleusen …“ Ich holte tief Luft.

„Und?“

“... und das alles, ohne dass sie einem einzigen Nackten begegnet.“

Martina sah mich ungläubig an.

Ich lächelte irritiert, denn ich hatte das vollkommen ernst gemeint, wenn mir auch klar war, dass Claudia zu einer Zeit ankam, in der die meisten Nackten im Freien waren. In der Nacht wäre unser Goodbye Lenin viel einfacher abzudrehen gewesen.

„Ich habe noch ʼne Idee“, sagte ich schnell, bevor Martina etwas einwenden konnte. „Ich könnte mit ihr erst ʼne kleine Besichtigungstour durch Bordeaux machen und dann eine kleine Autopanne vortäuschen, sodass wir erst spätabends einlaufen, wenn die meisten schon in ihren Wohnwagen sind“, fuhr ich fort.

Martina zupfte sich stirnrunzelnd am Kinn.

„Und Friederike? Wenn die sich verplappert?“

„Ein Restrisiko bleibt immer. Wir werden ohnehin improvisieren müssen“, erwiderte ich.

„Könnte klappen.“ Martinas Mine hellte sich auf.

Wir gingen sofort in medium rex, wie weniger der Lateiner als mein Lieblingskabarettist Christian Überschall zu sagen pflegte. Wir besuchten zuerst die Browns und dann die Vanmeers zu einer Manöverbesprechung. Es stellte sich heraus, dass die Vanmeers bereits eine ähnliche Situation erlebt hatten. Sie gestanden allerdings, dass der Schwindel aufflog, als die ältere Dame auf ein gewisses Örtchen verschwand und dort prompt einem Nackten in die Arme lief, dem sie schreiend eins mit der Handtasche verpasste. Sie nahm an, ein Wüstling habe ihr aufgelauert. Selbst die fingierte Festnahme des Flitzers durch einen Uniformierten mit Handschellen, den man spontan aus den hilfsbereiten Mitcampern rekrutiert hatte, konnte die Situation nicht mehr retten. Der Nackte setzte sich fluchend zur Wehr und behauptete, dass er sich auf einem FKK-Campingplatz befinde und die Omi sich gefälligst ausziehen solle.

Wir waren für diesen wertvollen Hinweis dankbar und beschlossen, das uns nächstgelegene Waschhaus besonders im Auge zu behalten. Unser Stellplatz lag strategisch günstig, versteckt ohne nackten Durchgangsverkehr. Die Browns hatten eine große Zeltplane, die wir so an unserer Markise anbringen könnten, dass sie unseren Sitzplatz gegen Blicke nach draußen abschirmte. Alle waren sehr hilfsbereit und wir teilten Wachen ein, die unserer Schwiegermama unauffällig folgen würden, um den Nudistenverkehr so umzuleiten, dass keine Zusammenstöße stattfänden. Nachdem wir diverse Gefahrensituationen durchgespielt und Gegenmaßnahmen zu Papier gebracht hatten, fühlten wir uns wohler. Es musste einfach klappen. Wir genossen die letzten Stunden vor dem Tag, den wir scherzhaft C-Day getauft hatten. Wir entspannten uns und sammelten unsere Kräfte. Ich verbesserte meine körperliche Fitness durch ein paar Runden Jogging innerhalb des Geländes, das bei Männern mit Hose zugegebenermaßen ästhetischer aussah. Ich ahnte, dass auch die alten Griechen, die ihre Wettkämpfe nackt auszutragen pflegten, einige Sportarten davon ausgenommen hatten. Wussten Sie, dass in dem Begriff Gymnasion, das griechische Wort gymnos, nackt, steckt? Es war eine Trainings- und Bildungsstätte für junge Athleten, die sich vorher in einer Umkleide splitternackt auszogen und einölten. Ein Brauch, von dem man in den heutigen Gymnasien abgekommen ist, ja nicht einmal mehr weiß, obwohl es die Sache mit den Spickzettelchen für uns Lehrer ungemein vereinfachen würde.

8

Als es Abend und etwas kühler wurde, begab ich mich mit einem Einkaufszettel meiner Frau bewaffnet in den nahe gelegenen Super-U, den mit dem Spiegel am Boden gegenüber der Kasse, nicht ohne zuvor eine Unterhose unter die kurze Sporthose zu ziehen. Ich schwitzte schon, bevor ich mich ins Auto setzte, und bis die Klimaanlage in Fahrt kam, hatte ich einen Schweißfilm auf der Haut, an dem alles klebte, einschließlich des heißen Sitzpolsters. Ich wusste nicht, ob ich mich je wieder an das Tragen von Kleidern gewöhnen könnte, setzte meine Hoffnung aber auf die Herbst- und Winterzeit im kalten Deutschland.

Ich passierte widerwillig die Schranke am Ausgang und hatte unmittelbar das Gefühl, in einer mir fremden, feindseligen Welt zu stehen.

Wie oft war Captain Kirk mit seiner Crew von seinem voll klimatisierten Raumschiff auf einen heißen, blubbernden, stinkenden Planeten gebeamt worden, um sich fassungslos umzusehen? Kein Wunder, dass er das nur ertrug, indem er den Blick abwendete und weiblichen Wesen zuwandte, die seinen Schmerz lindern konnten. Wieder sah ich Adam vor mir, hinter dem das Tor zum Paradies ins Schloss gefallen war. Von da an empfand er seine Nacktheit mit Sicherheit doppelt unangenehm, denn es konnte ihm jeden Moment die perfekt gekleidete Gabi aus dem Reisebüro mit geilem Blick auf sein schlecht sitzendes Feigenblatt über den Weg laufen. Ich schüttelte den unangenehmen Gedanken ab, vergewisserte mich aber zum zehnten Mal, ob mein Hosenladen geschlossen war. Er war es – zum zehnten Mal.

Nach zwanzig Minuten parkte ich in eine Lücke auf dem kochenden Asphalt vor dem gigantischen Betonquader, mit dem riesigen roten U auf der hässlichen Fassade. Das Einkaufszentrum war zum Glück klimatisiert. Die Rädchen meines glühenden Einkaufswagens hatten sich im Freien so aufgeheizt, dass mir jetzt der Geruch verbrannten Gummis in die Nase stieg. Deshalb neigte man an so einem Tag dazu, in einem Super-U länger zu bleiben, als man wollte und mehr zu kaufen, als auf dem sorgfältig ausgearbeiteten Einkaufszettel der Ehefrau stand. Eine klare Strategie der Männer, die dem Wahnsinn eines Erlebniseinkaufszentrums mangels ausreichenden Trainings hilflos ausgeliefert waren. Zu Hause pflegte Martina die Einkäufe zu machen oder aber wir waren zu zweit und ich damit unter Kontrolle. Jetzt aber erschien mir die gigantische Kühl-Gefrier-Kombi mit dem frontalen Eiswürfelspender wie eine Verheißung des verloren gegangenen Paradieses. Vielleicht lag es an der Außentemperatur oder daran, dass er im Angebot für schlappe 299 Euro zu haben war, nachdem er eine Woche zuvor noch 999 Euro gekostet hatte. Vielleicht lag es auch an dem Bild mit dem grinsenden Mann und seinem riesigen grinsenden Vanilleeis, das dahinter an der Wand hing und mir verblüffend ähnlich sah, also der Mann, nicht das Vanilleeis. Ich nehme an, dass es schließlich alle vernünftigen Argumente zusammengenommen waren, die mich überzeugten, den Super-Cool-U zu kaufen, nicht ohne vorher die Maße unseres Sharan im Fahrzeugschein zu prüfen und mir zu vergegenwärtigen, dass wir im Freien unter unserer Markise noch exakt eine freie Steckdose hätten. Zweifellos ein weiterer Wink des Schicksals. So eine Wahnsinnsmaschine könnte ich problemlos vor der Rückfahrt weiterverkaufen, also zerbrach ich mir nicht weiter den Kopf und konzentrierte mich darauf, die Lebensmittel zusammenzusuchen, die wir für die Geburtstagsfeier benötigten. Ich begann in der eiskalten Luft zu frieren, bis ich endlich alles zusammenhatte und noch dies und das kleine Schnäppchen in meinem Wagen lag.

Die Hitze auf dem Parkplatz traf mich wie ein Keulenschlag. Die Wärme tat erst mal gut, doch die Freude war von kurzer Dauer. Die Sonne stand nur noch zwei Fingerbreit über dem westlichen Horizont, doch im Hinterland wehte nicht das gewohnte Lüftchen und ich fühlte mich deshalb bereits nach wenigen Minuten doppelt overdressed.

Zwei freundliche Möbelpacker hievten meine mannsgroße Eiswürfelmaschine ins Auto. Ich dankte es ihnen mit je einem Zweieurostück, das sie ohne übertriebenen Enthusiasmus grunzend entgegennahmen. Nachdem ich den Rest der Einkäufe in die noch vorhandenen Lücken geschoben und einen Teil in der Eiswürfelkanone selbst verstaut hatte, die man aufgrund ihrer Isolierung auch als große praktische Kühltasche sehen konnte, fuhr ich zurück. Ich bog, kurz nachdem ich das Ortsschild hinter mir gelassen hatte, in einen Waldweg ein, vergewisserte mich, dass niemand zusah, und zog mich aus. Ich warf die Kleider auf den Beifahrersitz und fuhr splitterfasernackt zurück zur Hauptstraße. Ein herrliches Gefühl. Zudem verursachte der Reiz des Verbotenen ein angenehmes Kribbeln am Ansatz meiner Nackenhaare. War es in Frankreich verboten, nackt Auto zu fahren? Im Rahmen unserer Urlaubsvorbereitungen hatte ich mich in vielerlei Hinsicht schlaugemacht. In Deutschland war ich überrascht zu lesen, dass Nacktheit außerhalb der eigenen vier Wände erlaubt und legal war. Jeder durfte also nackt in der Natur herumspazieren oder -joggen, solange er nicht das Schamgefühl anderer verletzte. In Freiburg war ein Diplompsychologe nur mit Socken und Turnschuhen bekleidet sportlich in Wald und Parks unterwegs gewesen. Er kündigte seine Ausflüge mit Flugblättern und Meldungen bei den Polizeidienststellen an, um Spaziergängern die Möglichkeit zu geben, ihm auszuweichen oder ihn gezielt zu begaffen. Damit war das verbotene Moment, andere wie ein Exhibitionist zu schockieren, eigentlich vom Tisch, dachte er. Leider wurde er in zweiter Instanz dann doch zu einer Geldbuße verurteilt. Diese bezog sich allerdings lediglich auf seine Ausflüge in öffentliche Anlagen und Parks. Nackt Auto zu fahren war in Deutschland unproblematisch, da man durch einen Blechanzug die strittigen Teile verhüllte. Stieg man aber im Stadtzentrum Stuttgart aus, um einen Parkschein zu lösen, und eine ältere Dame fiel kreischend in Ohnmacht, hatte man ein Problem. Wie das in Frankreich gehandhabt wurde, wusste ich nicht, doch ging ich davon aus, dass im Land der Liebe, mit der größten Dichte an FKK-Campingplätzen, eine noch liberalere Haltung zu erwarten war. Darin hatte ich mich gründlich getäuscht. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, dass die Strafen für Nacktheit in der Öffentlichkeit im Land der Moulin Rouge bis zu 15000 Euro und ein Jahr Gefängnis betrugen, dann hätte ich im Auto meinen Winterparka übergestreift.

Es kam, was kommen musste.

Ich hatte bereits mehrere hundert Meter auf der Route nationale zurückgelegt, da stand ein blaues Männchen mit Kelle am Straßenrand und winkte. Definitiv kein Marsmännchen, denn die waren ja grün. Ich warf vom Beifahrersitz die Sporthose über mich, nachdem ich dem ersten Drang widerstanden hatte, sie mir über den Kopf zu ziehen. Dann bremste ich ab, fuhr auf den Seitenstreifen und sah im Rückspiegel ein verstecktes Polizeiauto und den freundlichen Winker, der auf mein Auto zuschlenderte. Gut. Ich hatte ihn offensichtlich nicht verärgert, sondern ihn durch meine bedingungslose Kapitulation in den Kooperationsmodus geschaltet. Ich grinste von einem Ohr zum nächsten und öffnete servil das Seitenfenster. Der Blaumann lehnte sich mit einer Hand ans Dach und begann in elsässisch gefärbtem Deutsch freundlich auf mich einzureden.

„ʼaben Sie das Stoppschild nischt gesehen?“

Hatte ich vielleicht, doch ignoriert, weil außer mir bei dieser Hitze kein weiteres Fahrzeug auf der für hundert Kilometer gut einsehbaren Côte dʼArgent unterwegs war, sodass mir ein Stopp an diesem Schild so überflüssig erschien wie Eiswürfel am Nordpol. Das sagte ich so nicht, sondern lediglich:

„Tut mir leid. Soll nicht wieder vorkommen. Die Hitze …“ Dabei wischte ich mir demonstrativ mit der linken Hand über die Stirn und stopfte mit der rechten unauffällig die Sporthose links und rechts unter die Pobacken. Jetzt sah es beinahe so aus, als hätte ich sie übergestreift.

„Bitte steigen Sie aus und zeigen Sie mir Führerschein und Fahrzeuchschein“, fuhr das nette Streifenhörnchen in nahezu perfektem Deutsch fort, sodass ich keine Möglichkeit sah, mich zunächst dumm zu stellen.

Ich überlegte fieberhaft und spürte jenes Kribbeln wieder, das Verbotenes so aufregend machte. Ich war aufgeregt, hatte Extrasystolen und stand kurz vor einem Kreislaufkollaps, doch das hätte zur Folge gehabt, dass der freundliche Kellenschwenker mich aus dem Wagen zöge, um mich zu reanimieren. Danach käme ein Krankenwagen voller Ärzte und glotzender Krankenschwestern, um mich einzuladen. Am nächsten Tag stünde in jeder Dorfzeitung, dass man einen ohnmächtigen deutschen Exhibitionisten aus seinem Auto gezogen hätte, vielleicht sogar mit einem Bild, das der Polizist am Tatort geschossen hatte. Also bemühte ich mich, nicht ohnmächtig zu werden, beugte mich zum Handschuhfach und zog meinen Geldbeutel mit den Papieren heraus. Als ich mich zurückdrehte, sah ich noch, wie der freundliche Blaumann in die Klinke der Fahrertür griff, um mir behilflich zu sein. Ich hielt den Atem an. Jetzt war alles vorbei. Er würde mich mit gezückter Waffe die Beine spreizen lassen, um mich abzutasten. Nein, das war Quatsch. Wo sollte ich eine Waffe verstecken, außer …

Oh Gott, dachte ich. Und wenn er mehr auf Männer stand? Seine Aussprache war ungewöhnlich sanft, fast schnurrend. Dann würde ihm die Untersuchung besonderes Vergnügen bereiten. Ich sah mich für den Bruchteil einer Sekunde als Sexsklaven eines jungen steifen Mannes, der außer einer blauen Schirmmütze nichts anhatte. Dann kehrte mein überhitzter Verstand in meine nackte Realität zurück und bemerkte, dass irgendetwas falsch war. Tatsächlich. Der vollkommen angekleidete Polizist zerrte an der Tür, doch sie öffnete sich nicht.

Klick, klick, klack. Die Puzzlesteinchen fielen an ihren Platz. Danke Sharan, danke Volkswagenkonzern, danke Shareholder Value. Danke. Danke. Danke. Die Kabelbäume des Sharan, Galaxy und Alhambra (drei Namen für dasselbe Auto) waren aus schlechten und deshalb billigen Kabeln gefertigt, die meistens kurz nach Ende der Garantiezeit durch das Öffnen und Schließen der Türen brachen und Kurzschlüsse verursachten. Regen und Hitze beschleunigten den Prozess, der schließlich damit endete, dass die elektrischen Fenster sich nicht mehr öffneten oder schlossen und die Türen sich selbstständig verriegelten. In den Werkstätten hörte man dann, dass man das Problem schon lange kenne, leider aber von den Kabelbäumen eine Million produziert worden seien und diese ja irgendwo eingebaut werden müssten. Man hatte mir also bereits zum zweiten Mal den defekten Kabelbaum gegen einen anderen defekten getauscht. Die hielten dann ungefähr ein Jahr und dieses Jahr war praktisch um. Ich hatte vor dieser bestechenden Logik sprachlos kapituliert und rechnete nun täglich mit dem Ausfall der Elektrik. Konnte man so viel Glück haben? Es gab keine Zufälle. Sie erinnern sich!

„Ommmm, Sharan“, sagte ich durch das offene Fenster, das nun offenbleiben würde, und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Das Gesicht des verschwitzten Polizisten wurde weich. Er lächelte.

„Scharan ʼab isch auch. Schöne Scheiße.“

Na bitte. Das war fast so gut wie die Blutsbruderschaft mit Toni nach dem Kabelbrand zwischen seinen Beinen. Mein rasender Puls verlangsamte sich, wenn ich auch noch nicht aus dem Schneider war. Der junge Schirmmützenträger nahm meine Papiere durch das Fenster entgegen und warf einen flüchtigen Blick darauf. Alles in Ordnung. Dann ging er zur Heckklappe und schaute durch das Fenster. Er musste mich für den Kopf einer Hehlerbande halten, denn für einen Touristen hatte ich bedenklich viel geladen. Meine gigantische Eiswürfelmaschine schien es ihm besonders angetan zu haben. Er kam zurück zu meinem Fenster und schien zu überlegen, in welche Schublade er mich schieben sollte: Unbewaffneter Kleinkrimineller oder Pate der Cosa Nostra, der gerade die Panzerfaust zwischen seinen Beinen entsicherte. Ich rechnete damit, dass ich mich auf das Winken seiner gezückten Waffe durchs Fenster zwängen müsste. Dabei würde ich mir an dem heißen schwarzen Gummi jämmerlich …, aber das war jetzt nicht wichtig. Sein Blick war unergründlich, abschätzend, … anerkennend?

Nun war ich doch irritiert. Er lächelte, nickte eifrig mit dem Kopf und sah dabei aus wie ein lustiger Clown in einem Faschingskostüm. Ich lächelte also auch.

Autor

  • Andreas Geist (Autor)

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Titel: Nacktgebiete:Camping-Urlaub mal erotisch?