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Victoria Falls: Spannung, Erzählungen, Abenteuer

von D.B. Blettenberg (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Robert Stein, mit seiner Frau Lisa auf den Spuren von Richard Burton und Elizabeth Taylor zwischen Sambesi und Okawango unterwegs, kämpft eine ganze Reise lang um diese Unabhängigkeit. Gehorsam treibt er inmitten einer Schar von Luxustouristen durch die Tropen und beobachtet wilde Tiere. Man nächtigt in noblen Safariherbergen, genießt Haute Cuisine mitten im Busch, und nachts lauscht man dem Husten der Hippos vor der klimatisierten Camphütte. Noch nie hat Robert sich so gefangen gefühlt, gekettet an eine gnadenlos perfekte Frau.

Vielleicht ist es die Weite und Großartigkeit Afrikas, die Steins Sehnsucht nach Freiheit schürt. Vielleicht liegt es aber auch an Rachel, der vermeintlichen Seelenverwandten. Leider ist sie mit einem bornierten britischen Investor verheiratet, der wie ein verspäteter Kolonialherr durch dieses grade von der Herrschaft des weißen Mannes genesende Land trampelt. An den Viktoriafällen greift Robert nach der Unabhängigkeit …

Über den Autor

Blettenberg fuer EbookD. B. Blettenberg, geboren 1949, lebte mehr als 20 Jahre in Übersee – u.a. in Ecuador, Thailand, Nicaragua, Ghana – und bereiste weitere Länder in Lateinamerika, der Karibik, Südost-Asien, Arabien und Afrika. Er schrieb bislang 11 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Für seine Thriller erhielt er bereits vier Mal den Deutschen Krimipreis: 1989 für Farang, 1995 für Blauer Rum, 2004 für Berlin Fidschitown und 2011 für Murnaus Vermächtnis.

Sein Roman Siamesische Hunde wurde mit Heiner Lauterbach, Rolf Hoppe und Günther Maria Halmer in der Produktion von Oscar-Preisträger Manfred Durniok (Mephisto) fürs Kino verfilmt. Außerdem schreibt er Drehbücher für Kino und Fernsehen und veröffentlichte Reiseberichte, Reportagen und Essays in Magazinen wie TransAtlantik, Merian und Cosmopolitan.

D. B. Blettenberg veröffentlicht bei
dp DIGITAL PUBLISHERS außerdem:

Bis zum späten Morgen – Bar-Geschichten

ISBN: 978-3-96087-045-6

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Impressum

Neuausgabe Juni 2016

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© Originalausgabe 1995 by D.B. Blettenberg

© Neuausgabe 2016,
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH, Stuttgart

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Victoria Falls


ISBN 978-3-96087-043-2

Covergestaltung: Antoneta Wotringer Grafikdesign

Bildnachweis: Alexandr Rozhkov/123RF

Korrektorat: Johanna Stotz

Victoria Falls erschien 1995 bereits als Printausgabe im Schweizer Verlagshaus, Buchverlag, Zürich.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse aller Werke dieser Ausgabe sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Victoria Falls

D. B. Blettenberg

Chobe

Im Dunkeln vor dem Bungalow hörte er ein tie­fes Husten.
Lisa bewegte sich. »Draußen ist ein Hippo. Sieh nach! Ich höre es ganz deutlich. Es grast.«
Ihre Flusspferdhysterie, dachte er und blieb liegen.

»Können wir es noch mal machen?«, fragte sie. Er schwieg. Es war vier Uhr morgens, und es wäre das dritte Mal gewesen.

»Ich habe gehört, dass die Schwarzen weichere Erektionen als die Weißen haben. Nicht so steif, weißt du?«

»Ach?«, knurrte er.

»Schwarze sind größer, aber Weiße sind härter«, fuhr sie unbeirrt fort. »Hör auf.« »Wieso?«

»Wenn du weiter über das Thema dozierst, wird nichts draus.«

»Du tust, als ob ich übers Krankenhaus oder über Verdauungsprobleme rede.«

Das Hippo hustete tief und dunkel wie Tropen­donner.

»Ich krieg keinen hoch. So, wie du drüber redest, hat es eher was mit Amputieren zu tun. Mit Ab­schneiden und gekachelten Räumen.« Er spürte, wie er klein und schlapp an ihrem nackten Ober­schenkel klebte.

»Soll ich dir helfen?«

»Nein, lass mir nur ein bisschen Zeit.« Er hasste es, wenn sie ihn mit ihren gepflegten Schlachter­händen anfasste, jeder lackierte Fingernagel ein rotes Messer.

Wieder das Husten.

»Sieh nach!«, forderte sie.

Robert Stein stand auf und ging vom Bett über die kühlen Kacheln zur Glasfront des Bungalows. Er schob den Vorhang mit einer Hand zur Seite

und spähte angestrengt in die Nacht. Der klare, weite Sternenhimmel mit der schmalen Mond­sichel stand über dem Chobe River und tunkte die Konturen der Bäume und Büsche an der Ufer­böschung in gedämpfte Töne, von hellem Grau bis Tintenschwarz. Rechter Hand, nur etwa zwanzig Meter entfernt, konnte er einen massigen Schatten ausmachen. Er kniff die Augen zusammen, und der Schatten wurde rundlich, ein riesiges Maul und kurze, säulenartige Beine. Dann hustete der Schatten.

»Siehst du es?«, fragte Lisa ungeduldig.

»Ja, ein Ungetüm.«

»Sie lieben das kurze Gras«, sagte sie in jenem Safarispezialistentonfall, der ihm schon seit dem ersten Tag der Reise auf die Nerven ging. »Sie zup­fen das Gras mit den Lippen«, belehrte sie ihn.

»Ich weiß, dass sie es nicht mit den Zähnen abfressen.« Er schwieg trotzig. Dann sagte er mit einem bösartigen Unterton: »Ich glaube, es ist ein Bulle.«

»Ein Bulle?«, fragte sie aufgeregt. »Kannst du ihn sehen?«

»Ganz deutlich«, antwortete er ruhig und sah auf die verschwommene Bauchlinie des Hippos, das stoisch und wie ein Relikt aus der Urzeit auf dem Rasen stand. Die anthrazitfarbene Haut glänzte feucht wie Gummi.

»Ist er so groß wie bei den Elefanten?«, fragte sie aufgeregt.

»Nicht ganz«, sagte er und sah dem Flusspferd aufs Maul. »Aber beachtlich.« Sein Blick wanderte vor die Hinterbeine des Ungetüms, und er schätzte die wenigen Zentimeter zwischen Bauch und Rasen ab. Er spürte, wie sie mit sich kämpfte. Sie wollte auf­stehen und es sich ansehen. Aber ihr Status als Sach­verständige in Safari und Wildlife ließ es nicht zu.

»Komm wieder ins Bett«, ordnete sie an.

Er ließ den Vorhang vor die Scheibe gleiten und sah zur Decke. Die Ventilatorblätter drehten sich träge. Kaum ein Luftzug. »Soll ich den Propeller eine Stufe höher schalten?«, fragte er.

»Wegen mir nicht.«

Er legte sich wieder neben sie.

Ihre Hand kroch auf seinen Bauch.

»Ich glaube, es wird nichts mehr«, sagte er müde.

Sie zog die Hand zurück, stand abrupt auf und ging mit harten Schritten ins Bad. Die Fußsohlen klatschten auf den Kachelfußboden, und ihre Ver­achtung hing förmlich in der Luft.

Es war von Anfang an ein schlechtes Omen ge­wesen, dass sie in jenem Hotel übernachteten, in dem Liz Taylor und Richard Burton zum zweiten Mal geheiratet hatten. Lisa hatte ihn schon in Eu­ropa auf diese Feinheit in der Reiseplanung hin­gewiesen. Und nicht von ungefähr war ihm dazu »Wer hat Angst vor Virginia Woolf?« eingefallen. Das Hotel machte seinerseits keinerlei Werbung damit. Zum einen – hatte die Vertreterin des Ma­nagements erklärt – war keine Reklame nötig, da die Chobe Game Lodge immer ausgebucht war, zum anderen war mit Elizabeth Taylor kein Staat mehr in der Gegend zu machen. Sie hatte den Ver­kauf eines ihrer wertvollsten Diamanten angekün­digt, um den Leuten in Kasane ein Hospital zu stif­ten. Angeblich hatte sie ihr Versprechen nicht ge­halten. Vielleicht, dachte er, war ihr der Gedanke absurd vorgekommen, nachdem sie in die Ver­einigten Staaten zurückgekehrt war. Warum einen Edelstein veräußern, um einem Land wie Botswa­na, das sich anschickte, der Welt drittgrößter Dia­mantenlieferant zu werden, ein Krankenhaus zu spenden?

Robert Stein lächelte matt. Dann hörte er ihren spitzen Schrei aus dem Badezimmer, und sein Lächeln wurde zu einem schadenfrohen Grinsen. Die Hippoexpertin war wieder auf eine Kakerlake gestoßen.

Beim Frühstück auf der Hotelveranda gaben die Warzenschweine eine Sondervorstellung. Eine ganze Familie kletterte die Treppenstufen vom Ufer hoch, die Vorderläufe angewinkelt wie Gläu­bige auf den Knien, die Schnauzen nach Freßbarem schnuppernd.

»Was suchen sie?«, fragte Lisa Stein.

»Sicher irgendeine Frucht. Kastanien oder etwas in der Art, denke ich.« Robert sah Rachel Shaw an und verdrehte in gespielter Verzweiflung die Au­gen. Die jüdische Schönheit war neben der Fauna und Flora Afrikas das einzige menschliche Lebe­wesen, das ihn aufmuntern konnte. Leider war sie mit diesem Investor verheiratet.

Michael Shaw kam an den Tisch. Er hatte sich die zweite Portion Rührei vom Buffet geholt, setzte den Teller ab, machte eine jener großspuri­gen Armbewegungen, wie sie nur Leute mit un­beschränkter Kaufkraft produzieren können, und sagte in seinem Aufklärertonfall: »Der Chobe-Park ist wahrhaftig ein Juwel der Krone.«

Damit setzte er sich und widmete sich den Eiern.

»Ist das nun ein Lob für die Königin oder für die Premierministerin?« Robert erinnerte sich an den Vorabend in der Hotelbar. Michael hatte eine Hymne auf Frau Thatcher angestimmt und sie bei der zweiten Flasche südafrikanischem Paarl Ries­ling unter seinesgleichen aufgenommen.

»Er meint das nur allgemein imperialistisch«, erläuterte Rachel sarkastisch. Sie verdrehte da­bei zwar nicht die Augen, aber ihr Gesichtsaus­druck verriet, dass sie und Robert Leidensgenossen waren.

»Ich fände alles noch viel schöner, wenn es diese schrecklichen Kakerlaken nicht gäbe«, stellte Lisa fest.

»Meinst du das politisch?«, fragte Robert sanft und sah erst Lisa und dann Rachel an, bevor er lächelte.

»Du weißt genau, wie ich das meine!«

»Kakerlaken und Ratten werden die letzten

Überlebenden sein«, intervenierte Michael. »Sie können sechs Monate ohne Nahrung überleben!«

»Das können Krokodile auch«, stellte Robert fest.

»Woher weißt du das?«, insistierte Lisa.

»Fachartikel.«

»Seit wann liest du Fachartikel über Wildlife?« Sie betonte das letzte Wort mit absolutem An­spruch auf Zuständigkeit.

»Auch ich lese ab und zu«, stellte Robert Stein mit aufgesetzter Demut fest. »Man muss ja schließ­lich wissen, aus welchem Material diese teuren Da­menhandtaschen gemacht werden. Das sogenannte Nilkrokodil ist übrigens bei weitem aggressiver als der Florida-Alligator.«

Für einen Augenblick wusste Lisa nicht, ob sie den Bildungsanfall ihres Mannes kontern oder das Stichwort Florida aufgreifen sollte. Sie entschied sich für offensive Weitläufigkeit gegenüber den bri­tischen Snobs. »Wir waren nämlich letztes Jahr in den Everglades«, sagte sie zu Rachel und Michael.

»Ach wirklich?«, sagte Rachel und sah Robert an.

»Wir haben ein Haus in Florida«, sagte Michael nachsichtig. »In Coral Gables.«

»Die Schwanzschläge sind besonders gefährlich«, fuhr Robert Stein unbeirrt fort. »Diese Panzer­echsen haben ein Menge Kraft. Neunzig Prozent ihrer Nahrung besteht aus Fisch. Man sagt, dass die Krokodile sich in der Nähe von Flusspferden auf­halten.« Er schenkte Lisa ein schwaches Grinsen. »Die Fische werden von den Exkrementen der Dickhäuter angezogen.«

»Du meinst, die Krokos fressen Hipposcheiße?«, fragte Michael blasiert.

»Genau. Krokodile unternehmen übrigens bei Nacht auch Landausflüge. Man hat Exemplare bis zu vierzig Kilometer vom nächsten Flusslauf ent­fernt gesichtet.«

»Ich glaube, das reicht jetzt, mein Lieber«, sagte Lisa nachsichtig.

»Sie mag lieber Perlhühner«, sagte Robert zu dem Paar aus London und lächelte sehr milde. Der Wind vom Fluss war kühl und hielt die aufkom­mende Hitze in Schach. Der Schrei eines Fisch­adlers hallte über das Wasser. Weit entfernt war das Brummen eines Außenbordmotors zu hören.

»Ich habe noch keine einzige Giraffe gesehen«, klagte Lisa.

»Wie traurig.« Rachel war voller Verständnis.

»Michael und Rachel haben vorgestern ein ganzes Rudel beobachtet.« Lisa warf Robert einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Tolle Biester«, betonte Michael. So, als würden die Tiere bei British Leyland in Serie gefertigt.

»Wir haben doch jede Menge Kudus gesehen«, tröstete Robert seine Frau. »Und Giraffen sind schließlich auch nichts anderes als Steppenhuftiere mit langen Hälsen.«

»Wie mitfühlend du sein kannst.« Lisa sah belei­digt zu den Warzenschweinen hinüber.

»Im Übrigen sagt man bei Giraffen Herde und nicht Rudel«, stellte Robert beiläufig fest.

»Ach wirklich, Liebling?« Ihre Stimme war pu­rer Frost.

Michael musterte die Warzenschweine mit ver­haltenem Ekel. »Die Punks unter den wilden Tie­ren!« Es klang wie der Kommentar eines Tory-Politikers, der sich in die Außenbezirke Londons verirrt hat und auf Farbige trifft.

»Wann geht unser Bus?«, fragte Rachel.

»Um zwölf.« Robert schenkte ihr einen bewun­dernden Blick. Ganz egal, was sie sagt, sie sieht im­mer attraktiv dabei aus, dachte er.

»Check-Out ist um elf.« Michael Shaw sah ge­langweilt auf die Armbanduhr an seinem linken Handgelenk. Eine Kreuzung aus Tiefseegrabenfor­scher-Chronometer und Jagdbomber-Stoppuhr. »Noch eine gute Stunde.«

»Zeit zum Packen, Liebling«, stellte Stein fest.

»Wem sagst du das?«

»Der Person, die immer behauptet, dass Männer so was nicht können«, versetzte er.

Lisa stand auf und sah Robert verächtlich an. »Männer können manches nicht«, erwiderte sie und ging zu den Koffern.

Victoria Falls

Die Fahrt über die Grenze bei Kazungula dauerte zwei Stunden. Eine Stunde in dem kleinen Bus mit den dunkel getönten Scheiben, eine in den Grenzstationen. Dass es auf botswa­nischer Seite nur fünfzehn Minuten dauerte, in Simbabwe aber fünfundvierzig, veranlasste Michael Shaw zu einer drastischen Aussage über die Vorzüge des kapitalistischen Systems. Rachel Shaw machte eine spitze Bemerkung über die Plakate, die einreisende Besucher vor AIDS warnen sollten. Auf der Straße zwischen der Grenze und Victoria Falls war der Asphalt in un­regelmäßigen Abständen von Elefantenkot be­deckt, was Lisa Stein zu einem Vortrag über die intelligente Politik des Landes zum Schutz wilder Tierarten animierte.

Das Victoria Falls Hotel war ein Prachtstück von Kolonialarchitektur.

»Erinnert mich an das Raffles«, sagte Robert, als sie aus dem Kleinbus stiegen. Eine graue Wolke aus dem Schornstein der Lokomotive, die auf der ge­genüberliegenden Bahnstation unter Dampf stand, hüllte die Reisegruppe für Sekunden ein.

»Wir waren vor drei Jahren in Singapur«, erläu­terte Lisa beiläufig.

»Diese Hotels sehen sich so ähnlich, weil sie von ein und denselben Leuten gebaut wurden«, klärte Michael sie auf.

Robert wischte sich den Schweiß von der Stirn und warf einen Blick auf die Lokomotive. »Die Eisenbahngesellschaft?«

Michael grinste mitleidig. »Die Briten.«

Die Eingangshalle des Hotels war von müder Eleganz. Leicht angegammelt, aber mondän.

»Willkommen in Rhodesien«, sagte Michael stolz wie ein Großgrundbesitzer, der Gäste auf hei­mischem Rasen empfängt.

»Das Land ist mittlerweile unabhängig, Mi­chael«, rügte Rachel.

»Ach, wirklich?« Arrogant zog er die hellblonden Brauen nach oben und warf dem Schwarzen an der Rezeption einen prüfenden Blick zu. »Mal abwar­ten, ob noch Wasser aus der Dusche kommt.« Er sah Robert direkt in die Augen. »Sie haben jetzt so etwas wie Sozialismus hier.«

Der Empfangschef ignorierte die Konversation und überwachte geduldig das Ausfüllen der Mel­dezettel. Dann händigte er die Zimmerschlüssel aus, und zwei Boys griffen sich das Gepäck.

Die beiden Paare folgten den Kofferträgern aus der Eingangshalle in den Innenhof. Die Umrisse der großblättrigen Pflanzen und alten Bäume ho­ben sich in der Mittagssonne hart gegen das Ge­bäude ab. Helles und dunkles Grün vor weißen Mauern. Die Gruppe durchquerte den Hof und betrat die Haupthalle, in der auch bei Tageslicht die elektrischen Kerzenleuchter brannten. Die Ventila­toren rührten die Luft mit trägen Drehungen um. Auf dem olivgrünen Teppichboden standen Sessel und niedrige Rauchtische aus weiß gestrichenem Holz. Die Möbel waren in Vierergruppen und Reihen ausgerichtet. Die weißen Leinenschoner mit dem eingestickten Goldinitial VFH, die frisch gestärkt die Kopfenden der lindgrünen Sesselpol­ster zierten, unterstrichen die gediegene Ausstrah­lung eines Wartesaals der Luxusklasse. Vier Kellner in schwarzen Hosen und weißen Jacken mit Steh­kragen standen neben zwei Töpfen mit Zimmer­palmen. An den Wänden hingen Reproduktionen von Thomas Baines Gemälden in schweren Rah­men. Einziges Motiv in mehreren Variationen wa­ren die Wasserfälle.

»Wir müssen wohl nach oben«, stellte Michael fest. Er folgte Rachel und einem der Boys zur Treppe, die in zwei schwungvollen Bogen in den ersten Stock führte.

»Wir haben Zimmer 75.« Robert blieb an der untersten Stufe stehen und hielt den Schlüssel mit dem großen Anhänger demonstrativ hoch. »Muss irgendwo hier unten sein.« Sein Blick folgte dem anderen Bediensteten, der mit Lisa und dem

Gepäck einen der langen Gänge im Erdgeschoss ansteuerte.

»Ich rufe an«, sagte Michael und verschwand in höheren Gefilden.

Zimmer 75 hatte ein französisches Doppelbett.

Während Lisa eine Dusche nahm, studierte Robert die Informationsschrift, die in aller Kürze die Hotelgeschichte wiedergab.

Ohne den Traum von einer Eisenbahnverbin­dung von Kapstadt bis Kairo hätte es das Hotel nicht gegeben. Im Jahr 1904 hatte der Schienen­strang die Wasserfälle erreicht, und ein italienischer Manager eröffnete ein Gästehaus mit zwölf Einzel- und vier Doppelzimmern, einem Speisesaal und einer Bar. Pierre Gavuzzi hatte zuvor zehn Jahre im Carlton und im Savoy in London gearbeitet, und schon zur Geburtsstunde der Herberge setzte er schillernde Maßstäbe, indem er einen französischen Küchenchef, einen Barkeeper aus Chicago und arabische Kellner einstellte. Gavuzzi wurde unter anderem dadurch bekannt, dass er am Sam­besi Tischtennis einführte. Die Eisenbahnlinie er­reichte Kairo nie, aber Imperial Airways setzte viele Jahre später mit einem Flugboot, auf dem Weg von London nach Südafrika, zur Zwischenlandung an den Wasserfällen auf.

Robert Stein legte die Broschüre auf den Fri­siertisch, ging zum geöffneten Fenster und sah durch das Fliegengitter auf den Rasen. Die Mit­tagshitze flirrte über den Dächern der Nebenge­bäude, aber im Zimmer war es nur mäßig warm. Er knöpfte sein Hemd auf, zog es aus, streifte die Schuhe von den Füßen und legte sich auf das Bett. Im Bad brach das Rauschen des Wassers abrupt ab. Er liebte diese Siestastunden und ihre träge Stille. Eine laszive Müdigkeit überkam ihn. Er sah, wie Lisa aus dem Bad kam. Sie hatte die nassen Haare streng nach hinten gekämmt und sich ein gelbes Handtuch um die Hüften gebunden. Ihre an­sehnlichen Brüste hingen nur leicht durch. Viel­leicht, dachte er, ist doch noch so etwas wie Erotik möglich.

»Kannst du bitte das Fenster schließen und die Klimaanlage anstellen, Liebling? Es ist so warm hier, und ich habe frisch geduscht.« Beschwerde, Anklage und Befehl zugleich. Die Tonlage war ein wehleidiges Nörgeln.

Sie hasst die Tropen, dachte er. Warum wollte sie überhaupt nach Afrika? Sie hasst alles Fremde. Und sie macht mich zu einem Fremden in ihrem Leben. Er stand auf, ging zum Fenster, schloss es und schal­tete die Klimaanlage ein.

»Kannst du bitte die Vorhänge zuziehen?« Sie machte Licht, legte sich hin und zündete sich eine Zigarette an.

Er stand unentschlossen im Zimmer und sah ihr zu. »Willst du nicht duschen?«, fragte sie.

Er nickte und ging ins Bad. Anstatt zu duschen, ließ er die Wanne volllaufen. Er würde sich Zeit nehmen. Er hatte keine Lust auf das, was sie sich unter sauberem Sex vorstellte. Desinfizierte Haut, frisch gebügelte Laken, kühle Zimmertemperatur und unterdrücktes Keuchen. Klinikfickerei. Er streckte sich im Wasser aus, döste vor sich hin und träumte von einer verschwitzten Orgie auf einem Feldbett unter einem Moskitonetz. In einem Zelt, mitten im Busch und mit Rachel.

»Imperial Airways war der Vorläufer von British Airways«, erläuterte Michael Shaw. Er hatte einen Tisch im Livingstone Room des Hotels reservie­ren lassen und zum Abendessen geladen.

Eine vierköpfige Band aus Mosambik spielte klassischen Jazz in einer eigenwilligen Besetzung mit Piano, Orgel, Gitarre und Schlagzeug. Die Mu­siker standen mit den Rücken zur Wand und tru­gen türkisfarbene Hemden. Sie waren vor einer kleinen Tanzfläche postiert, deren Parkett wie eine Insel im roten Teppichboden des großen Speisesaals lag. Die rosafarbenen Wände mit ihren weißen Or­namenten und die roten Samtvorhänge an den Fenstern zum Innenhof ergänzten die palastartige Schwere der Architektur. An der hohen Decke hielten vierzehn Ventilatoren in zwei Siebenerrei­hen die Luft in Bewegung. Ein Dutzend Kellner in schwarzen Hosen und weißen Jacken und ein Oberkellner ganz in Schwarz bedienten das weite Feld der weiß gedeckten Tische.

»Sind diese Imperial Airways wirklich mit einem Flugboot von England nach Afrika geflogen?«, fragte Lisa.

»Ganz richtig«, bestätigte Michael stolz. »Sie sind auf dem Weg zum Kap auf dem Victoria See und auf dem Sambesi zwischengelandet.«

»Sicher auch auf dem Nil?«, erkundigte sich Robert.

»Ich nehme es an«, beendete Michael vorsichtig seinen Fluglinienexkurs. »Apropos Kap … « Er sah in die Weinkarte. »Mugabe gestattet uns keinen südafrikanischen Tropfen.« Er warf seinem Gast einen strengen Blick zu. »Trägt übrigens Ihren Vornamen, mein Lieber.«

Robert Stein ertrug es gelassen.

»Ich habe gehört, dass die rhodesischen Weine nicht schlecht waren. Ich nehme an, dass das noch seine Richtigkeit hat. Alles können sie ja noch nicht kaputt geschlagen haben.«

»Fidel Castro hat den Rum und die Zigarren auch nicht abgeschafft«, stellte Robert trocken fest.

»Was ist denn kaputt, Darling?«, fragte Rachel. »Soweit ich sehe, ist doch alles beim Alten.«

»Warte ab, bis der erste Kellner den Daumen in deiner Suppe hat«, konterte Michael und winkte den Ober heran.

Nach längeren Beratungen einigten sie sich auf eine Flasche Philip’s Premier Grand Cru.

Robert Stein studierte die Speisenkarte, auf deren erster Seite ein Plastikfenster prangte, das den Blick auf einen kolorierten Stich auf der zweiten zuließ. Ein oranger Sonnenuntergang über den Wasserfällen. Über dem Motiv stand in großen Let­tern »The Livingstone Room«. Bei den Speisen blieb sein Blick auf einer exotischen Vorspeise hän­gen. »Zambesi Crocktail Sansimba« The Prince of cocktails, flaked crocodiletail expertly prepared with tangy mayonaise. Der Prinz der Cocktails kostete nicht ganz sechs Simbabwe-Dollar. »Es gibt Krokodil­schwänze«, sagte er zu seiner Frau.

Lisa schwieg drohend.

»Es gibt auch Wild.« Michael lächelte Lisa an.

»Dieses Matetsi-Steak mit Gazellensoße?« Sie zog zweifelnd die Stirn in Falten.

»Vielleicht ist es ja Hippo-Filet«, stellte Robert sarkastisch in Aussicht.

»Es reicht«, sagte sie und sah ihren Mann mit un­verhohlener Verachtung an.

Ein Kellner brachte den Wein. Er zog das linke Bein nach, und sein markantes Gesicht über dem Stehkragen der abgewetzten weißen Jacke veranlasste Rachel zu der geflüsterten Bemerkung: »Er sieht aus wie Erich von Stroheim.«

»War der gute von Stroheim nicht weiß?«, fragte

Michael, kostete vor und nickte dem Kellner gnä­dig zu.

Der Ober erschien am Tisch und wollte gerade die Bestellungen entgegennehmen, als am Neben­tisch ein Aufschrei ertönte, gefolgt vom Geräusch zerbrechenden Porzellans.

Robert beobachtete Rachel, die gebannt ver­folgt hatte, wie der junge Kellner einer alleinste­henden Dame mittleren Alters eine Terrine Suppe über den Schoß schüttete, bevor ihm das Gefäß endgültig vom Tablett rutschte und auf dem Boden zerbrach.

Michael Shaw drehte sich um, registrierte die Scherben und warf seiner Frau einen triumphie­renden Blick zu. Dann lächelte er Lisa Stein an und sagte entschuldigend: »Sie sind halt noch nicht so weit.«

Lisa hatte gesehen, wie die Frau den Kellner ver­sehentlich angerempelt hatte, aber sie schwieg.

Der Vorfall zog für einen Moment die Aufmerk­samkeit der Gäste auf sich. Auf den Gesichtern vieler Rassen spiegelte sich die gesamte Bandbreite der Gefühle wider, mit denen schwarze und weiße Afrikaner, Europäer, Asiaten und Amerikaner bei­derlei Geschlechts das Geschehen aufnahmen – von Geringschätzung bis Mitgefühl.

Die Musiker aus Mosambik entschärften die Si­tuation mit einer besonders soften Version von »Ebony and Ivory«.

Zum Frühstück auf der Veranda erschien Robert Stein mit Sonnenbrille.

Autor

  • D.B. Blettenberg (Autor)

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