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Die erste Nacht unseres Lebens

von Joost Renders (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Stephanie Schönemann

Programmleitung dp DIGITAL PUBLISHERS

Über die Kurzgeschichte

Eine Kleinstadt. Eine unglückliche Hausfrau sieht bei der Küchenarbeit aus dem Fenster und plötzlich steht ihr ganzes Leben auf dem Kopf. Manchmal lohnt es sich eben doch, davon zu fliegen.

Impressum

Originalausgabe Juni 2016


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Copyright © 2016


Ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH, Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten


Die erste Nacht unseres Lebens


ISBN 978-3-96087-034-0


Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design

Bildnachweis: Alex Tihonov/fotolia.com


Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.


Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Die erste Nacht unseres Lebens



Joost Renders

Heute, dachte sie, ist es an der Zeit, mal wieder die Küchenspüle auf Hochglanz zu bringen. Es war zwar nicht so, dass es jetzt unbedingt nötig gewesen wäre, aber eine neue Politur konnte nicht schaden. Außerdem schien draußen die Sonne und das große Fenster, das direkt über der Spüle lag, bot eine wunderbare Aussicht auf die Straße sowie natürlich den eigenen und die benachbarten Vorgärten. Sie genoss es zu sehen, wie die Blumen, die sie selber gesät hatte, in der Frühlingssonne anfingen zu sprießen und wie sie anfingen in ihrer ganzen Pracht zu leuchten.

Von der linken Seite her hörte sie plötzlich Stimmen. Also verabschiedete sich ihr Blick zunächst von ihren bunten Blumen und konzentrierte sich auf die Ereignisse zur Linken. Dort fanden ganz eindeutig Gartenarbeiten statt und zwar nicht wie bei ihr, ein wenig graben, pflanzen, hegen und pflegen, sondern in großem Stil. Die Nachbarn hatten allerdings auch einen viel größeren Garten und ließen sich von Zeit zu Zeit eine Anzahl Gartenarbeiter kommen, die gründlich aufräumten und so Platz für Neues schufen. Das zu errichten, war dann der Nachbarin vorbehalten.

Es waren mehrere Männer, die damit beschäftigt waren, die Hecken und vieles Weitere zu schneiden , aber sie konnte zunächst nur die Heckenschneider sehen, das würde sich sicher noch ändern.

Aber das machte ihr nichts aus, so konnte sie die Arbeit an der Küchenspüle damit verbinden, dem Werden des neuen Nachbargartens beizuwohnen. Sie freute sich und stellte das Fenster auf die Kippe, so wehte nicht nur ein frischer Luftzug in ihre Küche, so konnte sie auch besser verstehen, was da draußen vor sich ging.

Gerade als sie beim Wegräumen der Küchenutensilien angefangen hatte zu zählen, wie viele Leute diesmal in Nachbars Garten arbeiteten, klingelte das Telefon. Sie konnte es sich schon denken, wer es war, sicher ihr Schwiegervater. Ihr Mann hatte ihn am Morgen zum Arzt gebracht, jetzt war er fertig mit seiner Behandlung und wollte abgeholt werden.

„Bin fertig, kannst kommen“, bellte der Schwiegervater ins Telefon. Sie seufzte.

„Das geht leider heute nicht.“

„Wieso?“

„Ich habe selber einen wichtigen Termin“, erwiderte sie fest und entschlossen.

„Du wusstest doch, dass ich beim Arzt bin!“, war die erboste Antwort. „Wieso machst du dann so einen Termin?“

„Es ging nicht anders. Tut mir leid.“

Nein, dieses Mal nicht.

Der Alte hatte genug Geld für ein Taxi nach Hause, mehr als genug und er war auch nicht so krank, als dass er Beistand oder sonst eine Hilfe gebraucht hätte, er brauchte einfach ein Ohr, in das er seine Meinung zu Ärzten, der Wirtschaft, der Weltlage und überhaupt hineintröten konnte, dafür hatte sie schon sicher hunderte Male herhalten müssen, aber heute sagte sie Nein! Warum das ausgerechnet heute so war, wusste sie selber nicht. 

Vielleicht war es ja dieser junge Mann in Nachbars Garten, dessen Muskeln sich unter seinem T-Shirt abzeichneten, aber nein, der war es natürlich nicht, der war viel zu jung! Man musste ja nicht übertreiben.

Dem Schwiegervater blieb nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen und ein Taxi zu nehmen. Sie atmete erleichtert aus, als sie ihn endlich abgeschüttelt und aufgelegt hatte. Neulich hatte ihr Mann vorgeschlagen, den Alten zu sich ins Haus zu holen. Platz hätten sie ja genug und der Schwiegervater hatte als alleinstehender Witwer immer mehr Probleme, seinen Haushalt alleine zu erledigen . Außerdem war es sein altes Haus, das sie bewohnten. Das mochte ja gut und schön sein, aber sie hatten dem Alten als Tausch für sein Haus eine schöne Eigentumswohnung in bester Lage gekauft. Die war sicher genauso viel wert wie das Haus und perfekt für ihn.

Sie hörte die Männer im Garten nebenan sprechen, es schien eine Sprache zu sein, die sie nicht kannte.

Woher die wohl kamen?

Dass es welche aus dem Flüchtlingsheim vom anderen Rand der Stadt waren, glaubte sie nicht, der Nachbar saß im Stadtrat und gab sich immer äußerst gesetzestreu, die Flüchtlinge durften ja bekanntlich nicht arbeiten und darüber hinaus schienen die Männer nebenan genau zu wissen, was sie da taten, sie war sich sicher, dass sie das schon oft gemacht hatten.

Wieder fiel ihr Blick auf den jungen Mann im T-Shirt, der wirklich prächtig aussah und sie wünschte sich, wieder jung zu sein. Aber sie war nun mal eher im Alter des anderen Mannes, den sie jetzt sehen konnte. Ihm ging die Arbeit nicht mehr so leicht zur Hand, das bemerkte sie sofort.

Armer Kerl, in dem Alter noch solche Arbeit verrichten zu müssen…

Die Spüle war jetzt leergeräumt und die Politur konnte beginnen. Dabei beobachtete sie weiterhin die Männer, von denen sich in ihrem Blickfeld in erster Linie nur der junge Mann mit dem T-Shirt und der Ältere tummelten. Leider konnte sie in diesem Moment eher den Älteren sehen, die Jüngere bückte sich immer häufiger, wahrscheinlich um die abgeschnittenen Äste fortzuschaffen.

Schade, dachte sie, wenn ich mir den Jüngeren anschaue, bekommt das Polieren immer mehr Dynamik.

Allerdings fiel ihr auf, dass der Ältere doch nicht so alt war, wie sie zuerst vermutete. Er war vielleicht ein wenig jünger als sie, aber immerhin doch wesentlich älter als der Jüngere, so blieb alles doch im Lot und sie konnte die beiden weiterhin gut unterscheiden.

Mit dem Blick auf die Männer ging ihr das Polieren trotzdem besser von der Hand, sie wurde immer flotter.

Irgendwann machten die beiden Pause. Während der Jüngere zu den restlichen Männern ging, blieb der Ältere doch etwas erschöpft wirkend an seinem Arbeitsplatz stehen, trank aus seiner Wasserflasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Plötzlich wandte er sich ihrem Küchenfenster zu und sah hinein, direkt in ihre Augen. Wobei sie nicht genau wusste, ob er ihr jetzt wirklich in die Augen sah. Es konnte gut sein, dass das Fenster reflektierte.

Autor

  • Joost Renders (Autor)

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Titel: Die erste Nacht unseres Lebens