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Küsse niemals einen Rockstar - Rockstar Sommer (Teil 3)

(Rockstar Romance, Chick Lit, Liebesroman)

von Sandra Helinski (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Küsse niemals einen Rockstar, denn dadurch wird dein Leben nicht gerade einfacher! Das weiß Anna sehr genau und dennoch kann sie nichts dagegen tun, dass Eddi Markgraf – der Sänger von Damn Silence – ihr immer mehr den Kopf verdreht.

Eigentlich soll sie ihm helfen, seine gesundheitlichen Probleme auszukurieren. Dabei braucht Anna im Moment seine Unterstützung viel mehr, da ihr Traum zu platzen droht. Zum Glück steht ihr der Rockstar mit Rat und Tat zur Seite und auch als Retter in einer brenzligen Situation macht sich Eddi außerordentlich gut. Wie soll Anna es da nur schaffen, sich nicht in ihn zu verlieben?

Rockstar Sommer umfasst vier Bände

Teil 1_100x160 Teil 2_100x160 Teil 3_100x160 Teil 4_100x160

Neuanfang mit Rockmusik – Teil 1
ISBN: 978-3-96087-023-4
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-027-2
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Stumme Rockstars beißen nicht – Teil 2
ISBN: 978-3-96087-024-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-067-8
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Küsse niemals einen Rockstar – Teil 3
ISBN: 978-3-96087-025-8
Taschenbuch-ISBN: 978-396087-029-6 

Haben Rocksongs ein Happy End? – Teil 4
ISBN: 978-3-96087-026-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-030-2
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Impressum

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Erstausgabe August 2016

Copyright © 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-025-8

Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-029-6

Covergestaltung: Antoneta Wotringer Grafikdesign
unter Verwedung eines Motivs von
© pixabay.com

Lektorat: Astrid Rahlfs, RaBe Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse aller Werke dieser Ausgabe sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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ROCKSTAR
SOMMER

Küsse niemals einen Rockstar

Teil 3

Sandra Helinski

Was bisher geschah

Anna Diemer hat Glück: Eine unverhoffte Erbschaft von ihrer Tante eröffnet ihr die Möglichkeit, aus ihrem alten, ungeliebten Leben auszubrechen und noch einmal völlig neu anzufangen. Sie kehrt ihrer Heimatstadt Berlin den Rücken, um ein altes Haus mitten im Niemandsland zu renovieren. Sie verwirklicht ihren Traumberuf und beginnt, Hunden mit Verhaltensproblemen zu helfen. Es gelingt ihr bei ihrem ersten Patienten Pino, einem aggressiven Rottweiler-Mischling, das Vertrauen des Hundes zu wecken und ihn zugänglicher zu machen. Er wächst ihr in dieser Zeit so ans Herz, dass sie ihn schließlich mit nach Hause nimmt.

Unterdessen hat ihre Freundin Suzi, die bei der Plattenfirma von Annas Lieblingsband Damn Silence arbeitet, die spontane Idee, dass deren Sänger Eddi Markgraf, dem eine Auszeit aufgrund gesundheitlicher Überlastung nahegelegt wird, bei Anna auf dem Hof am besten aufgehoben sein könnte.

Das Zusammenleben mit Eddi ist für Anna nicht einfach. Er will nicht einsehen, dass er krank ist. Jeden ihrer Versuche, ihn auf seine Probleme anzusprechen, blockt er ab.

Anna versucht ihr Bestes Eddi zu helfen, ihn mehr in ihr Leben einzubeziehen und ihn mithelfen zu lassen. Nur langsam und fast unmerklich vollzieht sich eine Wandlung in ihm. Er wird offener und beginnt Anna zu vertrauen. Das hat allerdings auch Auswirkungen auf ihr eigenes Seelenleben, denn sie fühlt sich immer stärker zu ihm hingezogen.

1. Kapitel

Es war Montag und damit wieder Zeit für Anna zu arbeiten.
Gleich nach dem Frühstück rief sie bei Michael an, dem Besitzer des rüpelhaften Labradors, und vereinbarte einen weiteren Termin mit ihm und Pepper. Sie war sich sicher, die Lösung für seine Probleme gefunden zu haben und wollte nun seine Meinung zu ihrer Idee hören.

Von Eddi war nichts zu sehen. Das war auch besser für Annas Seelenfrieden.

Erst als sie schon fast auf dem Weg zu ihrem Termin war, kam er die Treppe herunter. Anna hielt unwillkürlich die Luft an. Doch Eddi ließ mit keiner Geste durchblicken, dass er den vergangenen Abend irgendwie merkwürdig gefunden hatte.

Im Gegenteil, er lächelte sie an und fragte: „Hi, hast du einen Termin? Wieder ein Hund mit schlechten Manieren?“

Anna musste aufgrund seiner Formulierung grinsen. Sie nickte.

„Ich lasse Pino wieder bei dir, ja? Kaffee steht noch in der Maschine. Mach’ dir was zum Frühstück, ich bin gegen Mittag zurück.“

Als sie hinausging, lächelte sie immer noch.

Sie war erleichtert, dass sich ihr Zusammenleben nicht unnötig verkompliziert hatte, nur weil sie selbst nicht mehr sicher war, was ihr Gefühlsleben anging.

Ihr kurzer Wortwechsel von gerade eben hatte fast etwas von Eheleben. Sie verabschiedete sich zur Arbeit und ließ noch letzte Anweisungen für „ihren Mann“ zurück.

Gerade als Anna ins Auto steigen wollte, fiel ihr ein, dass Professor Laikkonen heute Vormittag kommen wollte. Sie war schon halb auf dem Weg zurück ins Haus, als sie es sich anders überlegte. Eddi sollte keine Chance haben, dem Arzt schon wieder aus dem Weg zu gehen. Also war es besser, sie sagte nichts. Er würde es schon merken, wenn er da war.

Als sie bei ihrem heutigen Kunden klingelte, wurde sie direkt an der Tür von einem aufdringlich hochspringenden und rempelnden Pepper und seinem geknickten Besitzer Michael erwartet. Allerdings meinte sie einen leichten Hoffnungsschimmer in Michaels Miene zu bemerken. Sie hoffte, dass sie etwas gefunden hatte, was das Zusammenleben zwischen ihm und seinem Hund erleichterte.

Sie ging mit ins Haus und akzeptierte Michaels Angebot, ihr einen Kaffee zu machen. Mit dem Kaffee und ein paar Keksen aus der Packung vor sich erzählte sie ihm von ihrer Vermutung, bei Pepper könnte es sich um einen Retriever aus einer Arbeitslinie handeln.

„Und damit wäre sein Verhalten einfach ein Ausdruck dafür, dass er völlig unterfordert und gelangweilt ist“, schloss sie ihren Monolog.

Das Leuchten in Michaels Augen wurde noch stärker. „Meinen Sie wirklich, dass es so einfach ist? Ich gebe Pepper eine Beschäftigung und dann benimmt er sich besser?“

Sie wiegte den Kopf hin und her.

„So einfach wie es klingt, ist es leider nicht. Für einen Arbeitshund reicht es nicht, hin und wieder auf den Hundesportplatz zu gehen oder mit ihm Apportieren zu üben. Er braucht eine richtige Aufgabe. Arbeit sozusagen. Einen Job, so wie wir, dem er den ganzen Tag lang nachgehen und dann abends seine Freizeit genießen kann.“

Michael schaute sie ungläubig an.

„Sie meinen, er soll zur Arbeit gehen? In ein Büro?“

Anna musste unwillkürlich auflachen.

„Nein, natürlich nicht in ein Büro. Wir brauchen einen Job, den Hunde machen können.“

Dann erzählte sie Michael von diesem Mann, der jetzt mit seinem Schäferhund im Rettungsdienst arbeitete.

Er hörte ihr die ganze Zeit geduldig zu, sie konnte aber sehen, wie es in ihm arbeitete und er schon überlegte, ob das für seinen Hund in Frage kommen könnte.

Genau an diesem Punkt war sie auf Michaels Mithilfe angewiesen. Sie konnte nicht entscheiden, welche Aufgabe für Pepper und ihn angemessen war. Schließlich musste es beiden Spaß machen, sonst würde es auf Dauer nicht gutgehen.

„Hm, ich weiß nicht, ob ich in einer Rettungshundeeinheit mitmachen will. Das ist eigentlich nicht so mein Ding“, gab Michael zu bedenken.

„Er muss ja nicht als Rettungshund arbeiten. Es gibt noch viele andere Aufgaben für Hunde. Es gibt Wach- und Schutzhunde, Hütehunde, Rettungshunde, Therapie- und Begleithunde …“

„Moment“, unterbrach Michael sie. „Ich habe mal von einem Hund gehört, der kranken und behinderten Kindern hilft. Meistens reichte schon die bloße Anwesenheit des Hundes. Würde so etwas auch als Arbeit für Pepper in Frage kommen? Oder ist er dafür zu unerzogen?“

„Klar, für sowas ist Pepper sicher besonders geeignet“, beruhigte sie Michael. Sie war froh, dass er so schnell einen Bereich gefunden hatte, für den er sich interessierte.

„Dafür muss er aber natürlich erst einmal ausgebildet und trainiert werden. Es erfordert sehr viel Selbstdisziplin von einem Hund, in solchen Situationen ruhig zu bleiben. Und genau diese Art Training ist es ja, das Pepper braucht.“

Dann fügte Anna noch hinzu: „Hast du im Beruf mit kranken und behinderten Kindern zu tun?“

Michael schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich arbeite in der psychiatrischen Klinik in Berlin. Vor allem mit Demenzkranken. Vielleicht würde denen so ein Hundetherapeut auch helfen?“ Da hatte Anna zwar keine Erfahrungen, konnte es sich aber sehr gut vorstellen.

Michael war Feuer und Flamme für diese Idee. Er malte sich schon in allen Details aus, wie er mit seinem Chef sprechen würde und dass er dann Pepper mit auf die Arbeit nehmen konnte. Das würde sogar sein anderes Problem lösen, weil Pepper bisher immer die Wohnung auseinandernahm, wenn Michael arbeiten war.

Anna hoffte, dass sie mit Pepper richtig lag. Noch hatten sie nicht einmal ausprobiert, ob der Hund wirklich nur unterfordert war. Deshalb unterbrach sie Michaels Zukunftsträume abrupt, als sie aufstand und sagte: „Lass uns rausgehen und mal ein paar Sachen testen. Dann sehen wir ja, ob er sich wirklich für eine so schwierige Ausbildung eignen würde.“

Ausgerüstet mit ein paar Leckerli und einer langen Leine machten sie sich auf in den nahen Wald. Pepper benahm sich genauso rüpelhaft wie bei Annas erstem Besuch. Er achtete überhaupt nicht auf die Menschen am anderen Ende seiner Leine. Höchstens, wenn sie ihm lästig wurden, weil sie seine Scheinangriffe auf vorbeifahrende Autos stoppten. Dann drehte er sich schon mal um und kläffte kurz in ihre Richtung.

Zum Glück war es nicht weit bis zum Wald. Nun würde sich zeigen, ob die Lösung für Peppers Problem wirklich so einfach war.

Bisher hatte er nicht viel Erziehung genossen. Nicht, weil Michael es nicht probiert hätte. Nach dessen Aussage hatte Pepper alles zwar schnell gelernt, aber auch ebenso schnell wieder vergessen. Anna tippte in Anbetracht ihrer Vermutung eher darauf, dass der Hund eben auch schnell gelernt hatte, dass er nicht auf seinen Besitzer hören musste, weil dieser nicht konsequent genug war. Das war Michael auch gar nicht vorzuwerfen. Wirklich schlaue Hunde zu erziehen, war eine schwierige und nervenaufreibende Angelegenheit. Nur, wenn man absolut konsequent blieb und den längeren Atem als sein Hund bewies, hatte man überhaupt eine Chance.

Anna zeigte Pepper als Erstes ein Stück Futter. Immerhin war er hier ein typischer Vertreter seiner Rasse. Futter ging über alles. Sie warf das Futterstück, sobald sie seine Aufmerksamkeit hatte, auf den Wegrand. Pepper schaute sie kurz an, als ob sie ihren Verstand verloren hätte.

Was sollte das jetzt? Erst zeigte sie ihm das Futter und dann warf sie es weg? Sie hätte es ihm doch geben können.

Dann senkte er jedoch seine Nase in der Nähe der Stelle, an der das Futterbröckchen gelandet war. Kurz darauf hatte er es gefressen. Statt wie andere Hunde jetzt aber auf den nächsten Leckerbissen zu warten, hatte schon wieder etwas anderes seine Aufmerksamkeit gefesselt. Offenbar hatte er etwas Interessantes gerochen, denn er zog jetzt tiefer zwischen die Bäume und sein Herrchen direkt mit, denn der hatte damit nicht gerechnet.

Michael war enttäuscht, doch Anna beruhigte ihn. Es war typisch für intelligente Hunde, dass sie sich schnell ablenken ließen. Jedenfalls so lange sie nichts Interessantes fesselte. Und ein Futterbröckchen am Wegrand zu suchen war für Pepper keinerlei Herausforderung.

Beim nächsten Mal warf Anna das Bröckchen etwas weiter ins Gehölz. Diesmal suchte Pepper schon etwas länger, fand es aber auch bereits nach kurzer Zeit. Diesmal schaute er schon aufmerksamer zu Anna.

Nun wollte sie noch einen Schritt weitergehen.

Sie setzte den Futterbeutel ein. Es dauerte keine drei Versuche, da hatte Pepper verstanden, dass er den Futterbeutel zu seinem Herrchen bringen musste, um etwas daraus zu bekommen.

Wo andere Hunde mehrmals versuchten, den Beutel auf eigene Faust zu öffnen, probierte es Pepper einmal und gab dann schnell auf, als er einsehen musste, dass er keine Chance hatte. Anna war wirklich erstaunt, wie schnell der Hund die Zusammenhänge zu begreifen schien. Sie war optimistisch, dass sie auf der richtigen Spur war.

Der nächste Schritt war dann, dass Michael Pepper anbinden und den Beutel im Wald verstecken musste. Die Verstecke sollten mit der Zeit immer komplizierter werden, bei einem Hund wie Pepper musste die Herausforderung immer größer werden, damit er nicht das Interesse verlor. Zum Glück verstand auch Michael schnell, was von ihm verlangt wurde, so dass sich Anna auf ein paar Erklärungen beschränken konnte.

Sie beendeten die Trainingseinheit nach einer halben Stunde, in der Pepper viel weiter gekommen war als andere Hunde in wesentlich mehr Trainingseinheiten.

Auf dem Rückweg wirkte Michael sehr gelöst und erleichtert.

„Was mich am meisten fasziniert hat, war, dass er die ganze Zeit bei der Sache war. Er hat nicht einmal randaliert. Nicht mal, als dieses Pärchen mit dem Mops vorbeigegangen ist. Das ist wirklich toll, danke.“

Sie redeten noch eine Weile darüber, wo Michael sich und den Hund weiter ausbilden lassen konnte, dann waren sie auch schon bei ihm zuhause angekommen und Anna verabschiedete sich. Sie vereinbarten ein weiteres Treffen in zwei Wochen, damit Anna sehen konnte, wie weit er und Pepper schon gekommen waren und damit sie gegebenenfalls noch einmal korrigierend eingreifen konnte. Sie legte Michael auch nahe, sie jederzeit anzurufen, falls sich das Verhalten des Hundes verschlechterte oder neue Probleme dazukamen. Bei Annas nächstem Besuch wollten sie sich dann auch Peppers Unarten widmen.

Insgeheim hoffte sie, dass sich ein paar dieser Unarten schon allein aufgrund des Trainings erledigen würden, aber das sagte sie Michael nicht. Sie wollte seine Erwartungen nicht zu hoch schrauben.

Der Weg bis nach Milmersdorf war lang und dann musste sie noch bis zu ihrem Grundstück fahren. Anna hatte genug Zeit über Pepper, dessen Probleme sie vermutlich lösen konnte, und dann auch über Eddi, dessen Probleme sie nicht lösen konnte, nachzudenken.

Schade, dass sie Eddi nicht auch einfach eine Aufgabe geben konnte und dann wären seine Probleme verschwunden. Er hatte bereits einen Job, der ihn forderte. Sogar so sehr, dass es letztlich zu viel gewesen war. Er war bei ihr, um sich zu erholen. Arbeitstherapie war da sicher das falsche Mittel. An Arbeit und Herausforderungen hatte es ihm nie gemangelt. Höchstens jetzt im Moment. Da war ihm sicher öfter langweilig. Aber er sollte sich ja ausruhen.

Zur Ruhe kommen klang irgendwie nach Ruhestand. Das konnte sie sich bei Eddi nicht vorstellen. Und sie glaubte auch nicht, dass er nach dieser Phase der Ruhe und Erholung etwas anders machen wollte als vorher. Die Band und alles darum herum war schließlich sein Traum. Warum sollte er etwas anderes machen? Das machte doch gar keinen Sinn. Und das konnte auch nicht gut sein.

Der Arzt hatte gesagt, Eddi müsse kürzertreten. Er hatte jedoch nicht gesagt, dass er mit dem, was er tat, aufhören müsste.

Aber konnte Eddi überhaupt kürzertreten? Wie sollte das gehen?

Er musste nun mal all diese Termine, Interviews und Konzerte absolvieren. Es war seine Band und er war das Aushängeschild. Die anderen konnten ihm dabei nur schwer helfen. Und die Band brauchte all das, um weiterhin diesen Erfolg zu haben. Alles andere war keine Alternative.

Wenn der Erfolg ausblieb, würde die Plattenfirma sie sicher nicht weiter unterstützen wollen. Es war ein Dilemma.

In diesem Business ging es immer nur darum voranzukommen. Jeder Rückschritt konnte das Aus bedeuten.

Als Anna vor ihrem Tor stand und es öffnete, war sie mit ihren Gedanken noch keinen Schritt weitergekommen. Für Eddi gab es einfach keine Lösung. Jedenfalls fand sie im Moment keine.

2. Kapitel

Zuhause fand Anna nur einen Zettel mit der Nachricht, dass Eddi mit Pino spazieren gegangen war. Auch gut, dachte sie, da hatte sie einen Moment Ruhe.

Sie hatte sich gerade erschöpft hingesetzt, als das Telefon klingelte.

Anna war versucht nicht abzuheben, dann stand sie aber doch auf und suchte den Hörer.

„Anna Diemer am Apparat.“

„Frau Diemer? Hier ist Thomas Schubert von Universal Music. Ist es bitte möglich, mit Herrn Markgraf zu sprechen?“

„Äh nein, tut mir leid“, antwortete Anna stockend.

Sie war mehr als verwundert, warum irgendjemand von Universal bei ihr anrief. Sie hatten doch wohl Eddis Handynummer?

„Er ist leider gerade nicht da.“

Sie hörte Stimmengemurmel am anderen Ende. Das Gemurmel wurde aufgebrachter, aber Anna verstand noch immer kein Wort.

Dann hörte sie ein Kratzen und Schaben und eine Frauenstimme, die sagte „Lass mich mal mit ihr sprechen“. Es war Suzi.

Dann war Thomas Schubert bestimmt Tom.

„Anna? Hier ist Suzi. Ist Eddi wirklich nicht da? Bitte, es ist ganz wichtig, dass wir mit ihm reden.“ Suzis Stimme war ganz eindringlich und aufgeregt. Da war irgendetwas los. Nur leider konnte Anna ihr im Moment nicht helfen. Sie konnte Eddi schlecht herzaubern.

„Nein, sorry Süße“, antwortete sie ihrer Freundin. „Er ist gerade unterwegs mit Pino und ich weiß nicht, wann er zurückkommt.“

„Oh nein! So ein Mist!!!“

Anna musste den Hörer ein Stück vom Ohr weghalten, so sehr hatte Suzi gebrüllt. Da lag anscheinend wirklich etwas im Argen.

„Was ist denn los?“, fragte Anna vorsichtig nach.

Suzi antwortete nicht gleich. Stattdessen hörte Anna sie wieder mit Tom reden. Oder eher streiten.

„Nein, natürlich sage ich ihr, was los ist! Sie ist meine Freundin. Außerdem ist sie die Einzige, die uns noch helfen kann.“

Was Tom darauf erwiderte, verstand Anna nicht.

Suzi allerdings hatte den Telefonhörer wohl noch in der Hand, denn sie war klar und deutlich zu verstehen, als sie sagte: „Ich pfeif’ auf die Vorschriften! Wir brauchen die Unterschrift und du weißt genau, dass daran dein Job hängen könnte. Und meiner auch!“

Das war eindeutig und klang ziemlich ernst. Anna musste dennoch ein wenig lächeln, als sie hörte, wie Suzi mit Tom, der ja ihr Chef war, umsprang. Der hatte es bestimmt zuhause nicht leicht mit ihr.

„Anna?“

 „Ja?“

„Entschuldige die Unterbrechung. Tom meint, dass ich dich nicht einweihen dürfe, aber mit dieser Meinung steht er leider allein da.“

Anna konnte sich gerade bildlich vorstellen, wie Suzi bei diesen Worten giftige Blicke in Richtung ihres Freundes schickte.

„Jedenfalls“, fuhr sie fort, „hat dein Eddi sich tatsächlich bequemt, uns eine E-Mail zu schicken, um darin mitzuteilen, dass das Konzert am Freitag ausfallen muss.“

Anna verdrehte die Augen, als Suzi „dein Eddi“ sagte.

Er war nicht „ihr Eddi“.

Sie sagte aber nichts, sondern hörte weiter zu.

„Leider hat er sich danach auf alle weiteren Versuche, mit ihm Kontakt aufzunehmen, totgestellt. Dabei brauchen wir unbedingt seine Freigabe, damit wir die Stellungnahme wegen der Absage des Konzertes rausschicken können. Er reagiert weder auf E-Mail, noch auf Anrufe oder Textnachrichten. Du bist unsere letzte Hoffnung!“

Beim letzten Satz klang Suzi richtig verzweifelt.

„Könnt ihr die Stellungnahme nicht einfach so rausschicken? Oder kann sie nicht jemand anderes von der Band freigeben?“, versuchte Anna eine Lösung zu finden.

„Nein!“ Suzi klang genervt. „Wir haben einen Vertrag mit der Band und da steht klipp und klar drin, dass jegliche Meldung an die Öffentlichkeit der schriftlichen Freigabe mit Unterschrift von Eddi Markgraf persönlich bedarf. Diesen Passus hat Eddi damals durchgesetzt und er war ihm auch sehr wichtig. Bisher gab es da auch keine Schwierigkeiten, aber diesmal …“

Suzi ließ den Satz in der Luft hängen.

Anna war ratlos. Aber Eddi würde bestimmt demnächst zurückkommen. Das sagte sie Suzi auch. Die war allerdings nicht halb so beruhigt wie Anna gedacht hatte.

„Anna, du musst uns hier unbedingt helfen!“, bat sie eindringlich. „Du musst ihn dazu bringen, diese Stellungnahme zu unterschreiben. Ich habe sie dir gerade per E-Mail geschickt.“

Doch Suzi war noch nicht fertig: „Und – Anna? Bitte lass dir nicht zu lange Zeit damit. Wenn er Änderungswünsche hat, muss das hier auch wieder intern abgesegnet werden, bevor es rausgehen kann. Die Meldung sollte spätestens morgen früh in den Zeitungen stehen, damit die Leute auch noch genügend Zeit haben, ihre Reiseplanungen abzusagen. Sonst kommen da immense Schadensersatzforderungen auf uns zu. Und die Kosten sind jetzt schon in astronomische Höhen gestiegen.“

Anna versprach, ihr Bestes zu geben und Eddi, sobald er auftauchte, die Stellungnahme unter die Nase zu halten.

Nachdem Anna das Telefonat beendet hatte, warf sie das Telefon wütend auf den Tisch. Schon wieder hatte sie sich freiwillig eine Verantwortung aufgeladen, von der sie keine Ahnung hatte, ob sie ihr gewachsen war. Vielleicht hatte Eddi seine Gründe, warum er diese Stellungnahme nicht unterschrieb. Und nun verließen sich sowohl Suzi als auch Tom auf sie, dass sie seine Meinung ändern konnte.

Und von Eddi war immer noch nichts zu sehen. Wohin war er mit Pino gegangen?

Sollte heute Vormittag nicht auch noch Eddis Arzt dagewesen sein? Hoffentlich war er da nicht auch schon unterwegs gewesen. Sie hätte ihm wahrscheinlich doch Bescheid geben müssen. Alles machte sie falsch! Sie war einfach die falsche Person, um für Eddi verantwortlich zu sein.

Missmutig setzte sich Anna nach draußen, um auf ihn und ihren Hund zu warten. Eigentlich hätte sie gut im Garten arbeiten oder im Stall weitermachen können. Aber sie hatte einfach keine Motivation, sich umzuziehen und die Arbeitsgeräte herauszuholen. Lieber grübelte sie noch eine Weile über ihre Situation nach.

Eigentlich ging es ihr gut. Sie hatte diesen tollen Hof geerbt und eine Menge Geld noch dazu. Deshalb konnte sie jetzt endlich ihren Traum leben und als Verhaltenstherapeutin arbeiten. Nicht ganz erfolglos, sollte man meinen. Sie hatte einen eigenen Hund und außerdem wohnte ihr Lieblingssänger bei ihr. Und es war Sommer.

Was wollte sie mehr?

Kein Grund Trübsal zu blasen.

Anna spürte, wie ihre gute Laune zurückkehrte. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Jetzt konnte sie die Wärme spüren, die sie umhüllte. Konnte die Bienen um sich herum summen hören. Sie meinte sogar, diesen typischen Sommergeruch wahrzunehmen, der nach Heu und dem schweren, süßen Duft der Jasminblüten von dem Busch hinter dem Haus roch.

Sie müsste mal wieder den Rasen hinten mähen, das Gras stand schon wieder mehr als knöchelhoch. Außerdem wollte sie das kleine Gemüsebeet hinter dem Haus von Unkraut befreien.

Aber das alles hatte auch noch Zeit. Es war niemand da, der sie dafür kritisierte, jetzt hier zu sitzen und einfach nichts zu tun. Niemand, der ihr mit Sprüchen wie „Zeit ist Geld“ oder „Nichtstun macht dumm“ kam, nur weil sie sich mal fünf Minuten Pause gönnte. Sie war so froh, ihrer früheren Arbeit den Rücken zugekehrt zu haben.

Sie hörte Pino auf sich zu rennen und öffnete die Augen. Die Zunge hing ihm bis zum Anschlag aus dem Maul und die Ohren klappten bei jedem seiner Galoppsprünge vor und zurück. Er bremste kurz vor ihr ab und ließ sich dann zur Begrüßung erst einmal ausführlich streicheln.

„Jetzt gerade wünsche ich mir, ich wäre Pino“, hörte sie plötzlich Eddis tiefe Stimme neben sich.

Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er nähergekommen war.

Sie verzichtete auf eine Antwort und schaute Eddi stattdessen nur an.

Pino nutzte den unbeobachteten Moment und fuhr einmal mit seiner nassen Zunge quer über ihre Nase.

„Bäh!“, rief Anna aus.

„Meine Küsse wären auf jeden Fall sanfter“, kommentierte Eddi lachend die Situation.

Wie kam er denn jetzt auf so etwas?

Doch weil er immer noch lachte, beschloss Anna, dass sie diesen Kommentar nicht ernst nehmen musste und lachte mit.

Eddi ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber fallen und streckte seine langen Beine unter dem Tisch aus.

„Ah, das tut gut“, seufzte er behaglich.

Anna überlegte, wie sie möglichst unverfänglich nach dem Besuch des Arztes fragen konnte.

„Wie lange wart ihr unterwegs?“, wollte sie deshalb zunächst wissen.

„Hm, wie spät ist es?“, fragte Eddi nach kurzem Überlegen zurück und massierte dabei seine Oberschenkel.

Anna sagte es ihm.

„Dann waren wir zwei Stunden unterwegs. Wir sind losgelaufen, als Professor Laikkonen gegangen ist.“

Er hatte den Arzt also zumindest getroffen.

Dennoch war ihre Neugierde noch nicht gestillt.

Hatten sie miteinander gesprochen?

Was war passiert?

War Eddi deshalb wieder unterwegs gewesen?

All diese Fragen brannten Anna auf der Zunge, aber sie traute sich nicht, sie zu stellen. Also wartete sie ab, in der Hoffnung, dass Eddi von sich aus mehr erzählen würde.

Das hatte er aber offenbar nicht vor, denn er lehnte sich wieder zurück und schloss die Augen. Anna starrte ihn noch eine Weile an, aber von ihm kam keine Reaktion mehr.

Sie entschloss sich, dass jetzt ein ebenso guter wie zugleich schlechter Zeitpunkt sein könnte, diese Unterschrift, die Universal noch von ihm brauchte, anzusprechen.

„Eddi? Heute hat Tom von Universal Music angerufen. Thomas Schubert“, fügte sie noch hinzu, falls er mit dem Namen Tom nichts anfangen konnte. Von Eddi kam immer noch keine Reaktion.

„Eddi?“

Jetzt öffnete er zumindest ein Auge und schaute sie an. Sie redete weiter.

„Es geht um eine Stellungnahme zu dem Konzert am Freitag. Weil das ja ausfallen soll. Sie brauchen da wohl noch eine Unterschrift von dir, dass es so an die Presse gehen kann. Sie sagen, dass sie dich versucht haben zu kontaktieren, dich aber nicht erreichen konnten.“

Sie hatte die ganze Zeit ohne Luft zu holen gesprochen und verstummte jetzt.

Eddi hatte die Augen wieder geschlossen. Sie wartete ab, doch er reagierte nicht. Was sollte das jetzt? Er hatte sie eindeutig gehört.

„Eddi? Ich weiß nicht, ob du das verstanden hast …“, begann sie, wurde jedoch plötzlich von Eddi unterbrochen. Er hatte die Augen geöffnet und sah sie durchdringend an.

„Oh, ich habe dich sehr gut verstanden! Aber es ist egal.“

Jetzt verstand Anna kein Wort. Was war egal? Dass sie gesprochen hatte? Dass er sie verstanden hatte? Oder dass Universal eine Unterschrift von ihm wollte? Sie konnte einfach nicht nachvollziehen, was er meinen könnte.

Eddi setzte sich wieder ein wenig aufrechter hin und lächelte sie plötzlich an.
„Warst du schon mal im Wald hinter dem Grundstück? Da ist es wunderschön. So ruhig und friedlich. Ich mag es wirklich sehr!“

Anna glaubte, sich verhört zu haben. Redete er jetzt wirklich über ihren Wald? Sie hatten doch noch gar nichts geklärt. Was sollte das schon wieder?

Doch was er konnte, konnte sie schon lange. Sie tat so, als ob sie seine Worte nicht mitbekommen hätte und kam wieder auf das ursprüngliche Thema zurück: „Eddi, ich glaube, dass diese Unterschrift, die Tom von dir braucht, wirklich wichtig ist. Ohne sie können sie den Fans keine Erklärung für das ausgefallene Konzert geben …“

Wieder unterbrach Eddi sie, diesmal energischer mit einer unwirschen Handbewegung.

„Bitte! Ich möchte darüber nichts mehr hören!“

Anna blieb vor Erstaunen und Empörung der Mund offen stehen. Wahrscheinlich hatte er all die Versuche, ihn zu erreichen, absichtlich ignoriert. Weil der Herr keine Lust hatte, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.

Verdrängung.

Den Kopf in den Sand stecken.

War das seine Taktik, mit der ganzen Situation umzugehen?

Er hatte jedoch auch noch eine andere Taktik, die er zu gerne anwendete: Flucht. Wenn es ihm zu viel wurde, nahm er einfach Reißaus.

Anna wurde schon wieder wütend. Der Ärger stieg aus ihrem Bauch langsam bis in ihren Kopf und suchte sich dann einen Weg nach draußen: „Sag’ mal, bist du noch ganz klar im Kopf? Ich glaub’ es nicht! Denkst du wirklich, alles wäre gut, wenn du dich nicht damit beschäftigst?“

„Anna, bitte lass es!“, versuchte er sie zu stoppen.

Doch es war zu spät. Jetzt musste es aus Anna raus, sonst würde sie platzen. „Du verhältst dich wie der letzte Vollidiot! Mir gegenüber, deinen Fans gegenüber und gegenüber allen, die es gut mit dir meinen. Jeder versucht nur, dir zu helfen. Und was machst du? Du blockst alles ab! Oder du fliehst, wenn dir nichts Besseres mehr einfällt. Aber so funktioniert das nicht im Leben, mein Freund. Mag ja sein, dass es dir schlecht geht. Und dass du all deine Träume aufgeben musst. Mag sein, dass du nicht so weitermachen kannst wie bisher und dir das eine Heidenangst einjagt. Aber was du jetzt machst, ist viel schlimmer. Du riskierst alles. Du riskierst deine Band und die Treue deiner Fans. Sie werden dir vieles verzeihen, aber nicht, dass du sie einfach im Stich lässt. Ohne ein Wort der Erklärung!“

Anna musste erst mal wieder Luft holen. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals und ihre Kehle war wie zugeschnürt. Während sie sprach, hatte Eddis Miene von verwundert über entsetzt bis hin zu trotzig gewechselt. Jetzt sah sie ihn an.

Er saß ihr mit verschränkten Armen gegenüber und hatte sogar einen Schmollmund. Er wirkte wie ein trotziger Fünfjähriger, der nicht verstehen konnte, warum er nach dem Zähneputzen keine Schokolade mehr bekommen würde. Anna funkelte Eddi weiter wütend an.

„Du verstehst das nicht“, setzte er an, doch Anna ließ ihn gar nicht ausreden.

„Ach nein? Kann schon sein, dass ich deine verqueren Gedankengänge momentan nicht nachvollziehen kann. Das will ich aber auch gar nicht. Alles was ich will, ist, dass du endlich kapierst, dass dein Verhalten allen nur schadet. Deiner Plattenfirma, deinen Fans, deiner Band und dir selbst am meisten. Verstehst du nicht, dass dir alle nur helfen möchten?“

Annas Wut ebbte wieder ab und sie fühlte nun eine Art Resignation. Wollte er sie nicht verstehen oder konnte er es nicht?

Sie starrten sich ein paar Minuten gegenseitig an. Dann stand Eddi auf. „Ich denke, ich werde jetzt reingehen …“

„Ja, tu das! Das tust du ja immer, wenn es für dich unangenehm wird“, blaffte Anna ihn an. Sie hatte für sein Verhalten einfach kein Verständnis mehr. Sie schüttelte den Kopf und erwartete, dass er jetzt nach drinnen verschwinden würde.

Doch zu ihrem Erstaunen setzte Eddi sich wieder hin und schaute ihr in die Augen.

„Du willst reden? Gut, dann rede! Aber erwarte nicht, dass ich dir auf alles antworte! Weißt du, was ich denke?“

Anna schüttelte nur den Kopf. Zu einer anderen Reaktion war sie im Moment gar nicht fähig.

3. Kapitel

Eddis Blick wanderte unstet von rechts nach links. Er atmete schnell und flach und die kleine Falte zwischen seinen Augen war tiefer als sonst.

Anna war angespannt. Warum sagte er nichts?

Auf einmal holte er tief Luft und fixierte sie mit seinen strahlend blauen Augen.

„Ich denke …“, begann er und machte eine Pause, um dann etwas zu sagen, womit sie nie im Leben gerechnet hätte: „Ich sollte dich küssen!“

„Warum?“, fragte sie perplex.

Am liebsten hätte sie sich selbst eine Ohrfeige gegeben für diese absolut unqualifizierte Reaktion auf seine offensichtliche Provokation.

Ein Lächeln umspielte Eddis Mundwinkel. Er lehnte sich ein Stück vor und ergriff ihre Hand, die auf dem Tisch lag. Seine Berührung war wie ein Stromstoß und sie hätte die Hand am liebsten weggezogen. Doch sie ließ sie, wo sie war. Er sollte nicht denken, dass seine Worte und seine Berührung irgendeine Reaktion in ihr auslösten.

„Weil …“

Wieder machte er eine kleine Pause. Er hatte seine Stimme gesenkt, so dass der Bass darin deutlicher zu hören war als je zuvor.

Er drückte ihre Hand ein wenig und fuhr fort: „Du dich nicht mit meinen Problemen herumschlagen solltest. Ein schönes Mädchen wie du sollte sich lieber für nettere Dinge interessieren.“

Jetzt fuhr er schwere Geschütze auf und Anna musste sich eingestehen, dass sie sich seinem Flirt kaum entziehen konnte. Sie wendete den Blick von ihm ab, in der Hoffnung, dass sich die Verwirrung in ihrem Inneren dadurch ein wenig auflösen würde. Doch er hielt ja noch immer ihre Hand und ihre ganze Aufmerksamkeit war jetzt auf diese Berührung gerichtet.

Ihre Gedanken flogen durch ihren Kopf, als wären es lauter kleine Geschosse, die sich ab und zu trafen, aber keine klaren Bilder oder Worte zu formen imstande waren. Eine einzige Frage jedoch war klar in ihrem Gehirn ausformuliert und schrie sie beinahe an: „Küsst er mich jetzt oder nicht?“

Unwillkürlich beugte sie sich etwas vor und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen.

Sie spürte die Bewegung mehr als sie sie sah, doch plötzlich war sein Gesicht genau vor ihrem und seine Lippen berührten sanft die ihren. Keine Sekunde später zog er sich auch schon zurück.

Obwohl er sie kaum berührt hatte, brannten ihre Lippen wie Feuer.

Ihr Gesicht war ganz heiß.

Anna konnte nicht anders, sie sah ihn an.

Seine Augen glitzerten leicht. Sie waren immer noch ganz nah vor ihr. Dann vertieften sich die kleinen Fältchen um seine Augen und als er sich zurücklehnte, sah Anna, dass er lächelte. Er hielt noch immer ihre Hand fest und drückte sie nun wieder leicht.

„Und jetzt … rede!“, forderte er sie auf.

Doch Anna wusste gar nicht mehr, was sie ihm überhaupt sagen wollte. Sie wusste nicht einmal mehr, was sie denken sollte. So lange er ihre Hand festhielt, war sie einfach viel zu abgelenkt. Deshalb zog sie entschlossen ihre Hand unter seiner hervor und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sein Blick folgte ihrer Hand und sein Lächeln wurde noch breiter. Machte er sich etwa über sie lustig?

Anna kratzte ihren letzten Rest Selbstbeherrschung zusammen und konzentrierte sich wieder darauf, was sie eigentlich von ihm wollte. Außer ihn hier und jetzt bis zur Besinnungslosigkeit zu küssen natürlich.

 „Die … Stellungnahme. Du musst diese Stellungnahme unterschreiben“, sagte sie ziemlich lahm. Das klang überhaupt nicht überzeugend, das wusste sie selbst.

Dennoch nickte er: „Okay. Wenn es dir so wichtig ist.“

Anna brauchte ein paar Sekunden, bis sie den Sinn seiner Worte begriffen hatte. Wollte er tatsächlich die Stellungnahme unterschreiben? Warum jetzt auf einmal? Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass es etwas mit dem Kuss gerade eben zu tun hatte.

Auf einmal hatte sie es sehr eilig aufzuspringen und nach drinnen zu ihrem Drucker zu hasten. Sie hatte das Dokument vorhin schon ausgedruckt, doch noch im Drucker liegen gelassen. Außerdem tat ihr ein bisschen Abstand von ihm und den verwirrenden Gefühlen, die er in ihr auslöste, mehr als gut.

Den Rückweg nach draußen zu Eddi trat Anna dann deutlich langsamer an. Sie wusste nicht, wie sie ihm gegenübertreten sollte.

Würde er sie auslachen?

Doch sie konnte unmöglich drinnen bleiben. Und außerdem hatte sie eine Aufgabe. Also holte sie tief Luft und ging dann, ohne einen weiteren Gedanken, nach draußen zurück. Sie übergab Eddi wortlos den Ausdruck.

Er las schweigend und ohne eine Miene zu verziehen. Dann legte er den Zettel auf den Tisch.

„Das ist absoluter Mist“, sagte er verächtlich, nahm aber trotzdem den von Anna bereitgehaltenen Stift und unterschrieb.

„Zufrieden?“, fragte er mit leicht ironischem Unterton.

Anna nickte, nahm den Zettel an sich und ging damit wieder hinein. Die ganze Zeit hatte sie kein Wort gesagt.

Zurück in ihrer Küche musste sie sich erst einmal setzen und durchatmen. Die von Eddi unterschriebene Stellungnahme hielt sie noch immer fest, als könnte sie ihr Halt geben.

Sie wollte einfach nicht an den Kuss denken. Das würde sie momentan zu stark verunsichern. Sie musste jetzt etwas tun.

Das Naheliegendste war wohl, sich zuerst darum zu kümmern, dass Suzi das unterschriebene Dokument bekam. Sie suchte ihren Telefonhörer und wählte deren Arbeitsnummer.

Es dauerte eine Weile, doch dann ging ihre Freundin ans Telefon.
„Universal Music, Fröhlich am Apparat.“

Anna grinste wie immer, wenn sie Suzi das sagen hörte. Das klang so lustig. Fröhlich am Apparat, als hätte Suzi immer nur gute Laune.
„Hi, Süße. Ich hab’ die Unterschrift, die du wolltest.“

„Was?“, brüllte Suzi ins Telefon und quietschte gleich darauf begeistert los.

„Echt? Du hast es wirklich geschafft? Du bist so klasse, weißt du das? Ohne dich wäre ich verloren. Was heißt nur ich? Auch Tom und der ganze Laden hier. Und Damn Silence vermutlich auch. Wie hast du es geschafft?“

„Hm“, begann Anna zögernd. Dabei malte sie mit dem Finger gedankenverloren kleine Kreise auf den Tisch. Sie würde Suzi auf keinen Fall von dem Kuss erzählen. Der hatte sowieso nichts zu bedeuten.

„Ich habe ihn einfach gefragt.“

Das war zwar nur die halbe Wahrheit, aber das konnte Suzi ja egal sein. Schließlich hatte sie, was sie wollte.

„Und wie soll ich dir diese Unterschrift nun zukommen lassen? Soll ich sie dir schicken?“, fragte Anna, um Suzi auf andere Gedanken zu bringen.

„Ja, okay“, erwiderte diese, „oder nein, warte. Ich hab’ eine bessere Idee. Kannst du von der Unterschrift ein Foto machen und es mir schicken? Aber bitte so, dass man erkennt, was es ist. Wir brauchen ja momentan nur den Nachweis, dass er unterschrieben hat. Das Originaldokument kannst du mir geben, wenn wir uns das nächste Mal sehen.“

Anna zuckte mit den Schultern. Ihr war es egal. „Gut. Ich mache ein Foto.“

„Warte mal, Anna. Hat Eddi etwas verändert?“, fragte Suzi nach.

„Nein, aber ich glaube, er war vom Inhalt nicht sehr begeistert.“

Suzi kicherte am anderen Ende des Telefons. „Das ist er nie“, erklärte sie. „Ihm ist immer alles entweder zu sachlich oder zu schnulzig geschrieben. Manchmal ändert er es ein bisschen, aber meist lässt er doch alles wie es war.“

Kurz darauf beendete Anna das Telefonat wieder mit der Ausrede, dass sie noch zu einem Termin müsste. Sie hatte keine Lust auf irgendwelche unangenehmen Fragen von Suzi, die sie momentan weder beantworten wollte noch konnte.

Jetzt musste sie erst einmal selbst alles auf die Reihe bekommen.

Was hatte dieser Kuss von Eddi vorhin zu bedeuten? Wenn sie jetzt darüber nachdachte, kam ihr das alles ziemlich unwirklich vor.

Hatte er sie wirklich geküsst?

Oder hatte sie sich das vielleicht nur eingebildet?

Alles war so schnell gegangen.

Aber wenn er sie wirklich geküsst hatte, warum hatte er es getan? Was hatte er damit bezweckt?

Annas Gedanken drehten sich im Kreis. Sie würde hier und jetzt zu keinem Ergebnis kommen. Also schob sie die Gedanken an Eddis Kuss entschlossen beiseite und holte ihr Handy aus ihrer Handtasche. Sie musste eine Weile wühlen und bemerkte dann, dass der Akku leer war. Die Suche nach dem Ladegerät beanspruchte dann weitere zehn Minuten. Als das Handy mit dem Strom verkabelt war, platzierte sie die unterschriebene Stellungnahme so auf dem Küchentisch, dass sie sie trotz eingeschränkten Bewegungsradius gut fotografieren konnte. Beim ersten Versuch war zwar die Unterschrift gut zu erkennen, leider war der Text ziemlich stark verwackelt. Beim zweiten Versuch klappte es besser.

Jetzt packte Anna die Neugierde. Sie wollte auch lesen, was über das ausgefallene Konzert berichtet werden sollte. Wie viel von der Wahrheit würde die Plattenfirma preisgeben?

Anna setzte sich auf einen der Stühle und zog das Blatt zu sich heran. Interessiert begann sie zu lesen.

Zwei Minuten später legte sie es enttäuscht beiseite. Kein Wunder, dass Eddi so verächtlich „großer Mist“ gesagt hatte, denn das war es. In der Stellungnahme stand, dass Eddi aufgrund einer verschleppten Erkältung eine akute Stimmbandentzündung erlitten hätte. Obwohl es ihm schon wieder einigermaßen gut ging, wollte er auf seine Ärzte hören, die ihm geraten hätten, für einige Wochen nicht zu singen, um keine dauerhaften Schäden zu riskieren.

Damit waren sie so ziemlich bei der Wahrheit geblieben, jedenfalls was die Gründe für die Konzertabsage betraf. Der Rest jedoch glich einem Märchen. Eddi weilte angeblich momentan in einem Kurort im Ausland, wo er neben seiner Stimme auch noch den Stress der vergangenen Monate auskurieren würde.

Eigentlich hatten sie nicht wirklich gelogen. Die Wahrheit hatten sie aber auch nicht geschrieben. Sie hatten das bestätigt, was sowieso die meisten vermutet hatten und es noch mit ein paar Informationen unterlegt, die nur zum Teil stimmten. Zum Beispiel, dass eine Stimmbandentzündung der Grund für die ausgefallenen Konzerte war, was ja stimmte. Und dass er momentan in einem Kurort im Ausland weilte, was absoluter Blödsinn war. Aber sie konnten ja auch schlecht schreiben, dass sich Eddi momentan ein Stück außerhalb von Milmersdorf in der Nähe von Berlin befand. Sonst wäre es mit der Ruhe hier vorbei.

Anscheinend gab es keine andere Möglichkeit, als die Wahrheit ein wenig auszuschmücken und zu verbiegen. Deshalb machte Anna es letztlich ähnlich wie Eddi. Sie fand die Stellungnahme zwar wirklich enttäuschend, schickte Suzi aber dennoch das entsprechende Foto, ohne auch nur einen einzigen Kommentar dazu abzugeben.

Die nächsten zwei Stunden verbrachte Anna damit, Eddi möglichst aus dem Weg zu gehen. Sie verschanzte sich in ihrem Büro und arbeitete an ihrer Webseite. Sie wollte unbedingt ein paar Erfolgsgeschichten einbauen und da hatte sie mit Rex, Pino und Pepper erst einmal genug Stoff. Die erste Zeit schaffte sie es gut, sich auf die Geschichten zu konzentrieren, aber nach etwas über einer Stunde ließ ihre Konzentration nach und ihre Gedanken kehrten wie von selbst zurück zu Eddi.

Warum um alles in der Welt hatte er sie geküsst? Dazu gab es doch gar keinen Anlass. Sie hatten doch gestritten vorher. Oder etwa nicht? So richtig konnte Anna sich gar nicht mehr erinnern.

Hatte er den Kuss nur als Mittel zum Zweck verwendet? Um von sich selbst abzulenken? Aber das machte doch gar keinen Sinn.

Egal von welcher Seite sie diesen Kuss auch betrachtete, alles blieb an einer entscheidenden Frage hängen: Warum hatte Eddi das gemacht und was wollte er damit erreichen?

Diese Frage würde Anna sich nicht selbst beantworten können. Sie würde es nur erfahren, wenn sie Eddi wieder gegenübertrat. Vielleicht würde er sich entschuldigen, weil er nicht Herr seiner Sinne gewesen war. Vielleicht hatte er jetzt auch ein schlechtes Gewissen seiner Freundin gegenüber. Oder er würde so tun, als wäre gar nichts gewesen. Dann konnte sie auch so tun und alles wäre wie vorher. Vielleicht würde er auch versuchen, den Kuss zu wiederholen. An diese letzte Möglichkeit wagte Anna nicht einmal zu denken.

Deshalb lenkte sie ihre Aufmerksamkeit schnell wieder auf den Bildschirm vor sich und die Frage, ob sie Bilder von den beschriebenen Hunden einfügen sollte oder nicht.

Natürlich war es ein sinnloses Unterfangen, sich jetzt auf ihre Arbeit am Laptop zu konzentrieren. Also fuhr sie ihn keine zehn Minuten später endgültig herunter. Es war sowieso langsam Zeit, sich über das Abendessen Gedanken zu machen.

Ein weiteres Aufeinandertreffen mit Eddi war unvermeidlich.

Warum nur freute sie sich so darauf? Das war ihr selbst absolut unverständlich.

Sie fand Eddi mit Pino hinten auf der Wiese. Eddi warf den Futterbeutel und Pino tobte hinterher. Seitdem der Hund dieses Spiel begriffen hatte, war er begeistert bei der Sache. Anna musste schon damit beginnen, die abendlichen Futterrationen einzuschränken, damit Pino nicht zu viel fraß. Er war zwar immer noch ziemlich dünn, aber sein Fell hatte schon wieder mehr Glanz angenommen und seine Rippen stachen auch nicht mehr so deutlich hervor wie noch vor ein paar Tagen. Das Training und das gute Futter zeigten ihre Wirkung.

Anna ging extra langsam nach hinten zur Wiese, um dieses Bild noch eine Weile zu genießen. Nicht nur Pino wirkte begeistert, sondern auch Eddi machte den Eindruck, als hätte er ziemlich gute Laune. Er lächelte die ganze Zeit und alberte mit Pino herum, wenn er den Beutel in der Hand hatte. Wenn er ihn dann geworfen hatte, feuerte er den Hund lautstark an.

Anna war nur noch wenige Meter von ihm entfernt, als er sie endlich bemerkte.

Im ersten Moment waren beide etwas befangen, doch dann brach Eddi das Eis, indem er Pinos Fortschritte im Apportiertraining begeistert lobte. Darauf konnte Anna ohne weiteres eingehen und schon kurze Zeit später plauderten sie wie alte Freunde über Pino.

Auf dem Rückweg machte sie noch eine kurze Bestandsaufnahme im Stall. Eddi gesellte sich zu ihr und schaute sich prüfend um.

Verstohlen blickte Anna auf den Mann neben ihr. Eddi war um einiges größer als sie und kam problemlos an die Decke, wofür sie immer eine kleine Leiter benötigte. Eigentlich wäre er ideal geeignet, um die Decke zu weißen. Sie sah ihn schon vor sich, weiße Farbspritzer überall auf seinem Gesicht und in seinen blonden Haaren, die blauen Augen schelmisch unter all der Farbe hervorblitzend.

Aber warum eigentlich nicht? Oben mit den Fliesen hatte er ihr doch auch immer geholfen. Und Fragen kostete nichts.

„Du, Eddi…“, begann sie vorsichtig. Gerade verließ sie der Mut wieder und sie vermied es, ihm in die Augen zu schauen.

„Ja?“, fragte er neugierig.

Jetzt konnte sie keinen Rückzieher mehr machen. Sie räusperte sich kurz und wagte nun doch ihn anzusehen.

Da war er wieder, der Blick aus diesen unglaublich blauen Augen, der ihr durch Mark und Bein fuhr. Beinahe hätte sie wieder vergessen, was sie eigentlich fragen wollte. Aber sie fing sich: „Hast du vielleicht Lust, mir auch hier draußen im Stall zu helfen?“

Anna war stolz auf sich selbst. Sie hatte es geschafft, einen vollständigen Satz zu formulieren und das, obwohl er sie immer noch so durchdringend ansah. Ob er sich dieser Wirkung auf andere bewusst war?

Er hatte die ganze Zeit ein feines Lächeln auf den Lippen gehabt, aber nun wurde es deutlich breiter.

„Sicher“, meinte er nur. „Was kann ich tun?“

Anna war erleichtert, weil er so begeistert reagierte.

„Ich hatte überlegt, morgen den Stall zu streichen. Innen fehlt noch die Decke und außen die Türen. Und weil du so groß bist, dachte ich, ob du vielleicht die Decke …“ Sie brach ab. Das klang infach zu lächerlich.

Er nickte allerdings schon wieder.

„Natürlich.“

Es war also abgemacht. Er würde ihr morgen hier im Stall helfen. Das war sehr schön, erklärte aber nicht die unbändige Freude, die sich plötzlich in ihrem Inneren breit machte und lauter Schmetterlinge in ihrem Bauch tanzen ließ.

4. Kapitel

Zum Abendessen hatten sie Pizza bestellt.
Sie schlenderten zu dritt zum Tor, um dem Pizzalieferanten entgegenzugehen. Anna hatte vermeiden wollen, wieder voller Hektik nach vorn rennen zu müssen. Deshalb wollte sie lieber gleich am Tor warten. Pino begleitete sie wie immer, aber auch Eddi hatte gefragt, ob er mitkommen könne. Da nichts dagegen sprach, stimmte Anna zu, obwohl sie es merkwürdig fand, wenn er jetzt mit ihr am Tor wartete. Schließlich konnte es eine Weile dauern, bis der Pizzabote da war.

Was sollten sie so lange tun? Worüber konnten sie sich unterhalten?

Die Antwort auf diese Frage hatte Eddi jedoch bereits parat. Sobald sie nebeneinander am Waldrand direkt am Tor saßen, meinte er: „Kann es sein, dass du ein bisschen irritiert bist, weil ich dich geküsst habe?“

Anna verschluckte sich fast bei dieser völlig nebensächlich gestellten Frage.

„Äh …“

Wie gern hätte sie jetzt eine schlagfertige Antwort gegeben, aber ihr fiel partout nichts ein, was sie sagen könnte.

„Du solltest vielleicht wissen, dass ich nicht herumlaufe und alle Mädchen küsse“, fügte er erklärend hinzu.

Für Anna allerdings erklärte das rein gar nichts.

Doch sie kam gar nicht dazu, sich eine Antwort zu überlegen, denn Eddi fuhr schon fort: „Aber es ist eben so, dass du immer so selbstbewusst und sicher wirkst. Ich glaube, ich wollte dich einfach mal schockieren.“

„Oh“, entfuhr es Anna wenig geistreich.

Doch Eddi achtete gar nicht auf sie und redete weiter.

„Ich meine, du hast auf alle Fragen eine Antwort. Was auch immer passiert, du bleibst ruhig und vernünftig.“

Eddi unterstrich jedes Wort mit einer Geste, um zu zeigen, wie ernst er es meinte.

„Als ich vor ein paar Tagen hier angekommen bin, hat dich niemand vorgewarnt. Und du? Du hast mich einfach eingeladen mit hineinzukommen. Ich habe dein Schloss zerstört und du hast mich nicht mal angeschrien. Nichts scheint dich je aus der Ruhe zu bringen. Du hast vor nichts Angst. Ich glaube, du bist die couragierteste Frau, die ich je kennengelernt habe. Also wollte ich irgendetwas tun, was dich schockiert. Und du? Du wirkst lediglich ein wenig irritiert!“

Annas Augen waren bei seiner kleinen Rede immer größer geworden. Er konnte doch wohl nicht sie meinen!

Sie sollte vor nichts Angst haben und auf jede Frage eine Antwort wissen?

Das Gegenteil war der Fall. Sie fühlte sich meistens völlig verloren und hatte vor einfach allem Angst. Sie war nicht mutig und vernünftig war sie in letzter Zeit auch selten gewesen. Da hatte Eddi aber einiges gründlich falsch verstanden.

„Allerdings …“, meinte Eddi nun und hatte dabei ein breites Grinsen im Gesicht, „jetzt siehst du tatsächlich ein wenig geschockt aus.“

Er hob beide Augenbrauen zweimal schnell nach oben. Dann fuhr er mit verschwörerischem Tonfall fort: „Ich würde sogar wagen zu behaupten, dass du in diesem Moment Ähnlichkeit mit einem Reh im Scheinwerferlicht hast.“

Anna prustete los. Sofort erschien vor ihrem geistigen Auge das Bild eines erschreckten Rehs. Sie konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Es war ein befreiendes Lachen. Eines, in das Eddi mit einfiel.

Da saßen sie hier nebeneinander und lachten.

Über ihnen schüttelten die hohen Kiefern sanft ihre Köpfe. Und Pino stand vor ihnen und schaute irritiert auf seine beiden seltsamen Menschen.

Sie beruhigten sich erst wieder, als der kleine Fiat mit der gelieferten Pizza vor dem Tor anhielt. Tapfer wartete der dünne, pickelige Junge, der ihre Kartons in der Hand hielt, bis Anna ihm das Geld über den Zaun gereicht hatte. Pino führte sich währenddessen auf, als wolle er die Pizza samt Karton und Pizzabote auffressen, sollte dieser ihm auch nur einen Millimeter zu nahe kommen.

Eddi stand nur unbeteiligt daneben und genoss das Schauspiel. Vielleicht erinnerte er sich an seine erste Begegnung mit Pino und wollte nun auch andere an dieser Erfahrung teilhaben lassen.

Auf dem Rückweg zum Haus wirkte Pino sehr mit sich zufrieden. Er hatte dem armen Jungen ja auch die Pizza abgejagt. Wahrscheinlich hoffte er nun auf seinen Anteil der Beute. Da würde er lange warten müssen. Anna hatte hier strikte Regeln.

Sie blieben gleich draußen zum Essen, da es noch immer sehr warm war. Die Pizza schmeckte ganz gut und beide aßen schweigend.

Anna schüttelte noch ab und zu den Kopf, wenn sie an Eddis Worte dachte.

Hatte er wirklich so ein Bild von ihr?

Er hatte gesagt, sie sei die couragierteste Frau, die er je kennengelernt habe. Er war also beeindruckt von ihr. Das hätte sie nicht erwartet. Und dass sein Kuss nur als eine Provokation gemeint war, um sie ein bisschen zu schockieren, fand sie doch ziemlich beruhigend.

Einerseits.

Andererseits musste sie vor sich selbst auch zugeben, dass sie ein wenig enttäuscht war. Nein, eigentlich sogar ziemlich enttäuscht. Ein winzig kleiner Teil in ihr hätte sich gewünscht, dass sich Eddi Markgraf unsterblich in sie verliebt. Noch ließ sich dieser Teil gut ignorieren, aber wenn sie ihn jetzt zum Beispiel ansah, wie er mit genießerischem Gesichtsausdruck eine Olive von der Pizza aß, seine Augen halb geschlossen und der ganze Körper im Zustand purer Entspannung, spürte sie, wie dieser Teil zu wachsen begann.

Sie wendete den Blick ab, schaute aber gleich darauf wieder hin. Eddi war wie ein Magnet, von dem sie sich nicht lösen konnte.

Sie nahm noch mehr Details auf. Seine Haare hingen ihm bis über die Augen, aber im Moment schien ihn das nicht zu stören. Dennoch musste Anna die Hände zu Fäusten ballen, um den Impuls zu unterdrücken, diese Haare aus seiner Stirn zu streichen. Als er erneut in das Pizzastück biss, wanderte ihre Aufmerksamkeit zu seinem Mund und kurz meinte sie noch einmal den Kuss zu spüren. Unwillkürlich befeuchtete sie ihre Lippen und seufzte unhörbar.

Zum Glück bemerkte er ihre Blicke nicht, da er noch immer voll auf seine Pizza konzentriert war. Ihre hingegen lag vergessen vor ihr und wurde kalt.

„Kann ich dich was fragen?“

Anna zuckte zusammen. Sie war dermaßen in ihren Tagträumen versunken gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie Eddi sie nun seinerseits musterte. Sie spürte, dass sie unter seinen Blicken rot wurde. Oh Gott, hatte er etwa was bemerkt?

Am liebsten wäre Anna jetzt im Erdboden versunken. Sie wünschte sich, irgendetwas würde passieren, was ihn ablenken würde. Das Haus könnte abbrennen. Oder ein Erdbeben wäre auch nicht so schlecht. Aber natürlich geschah nichts dergleichen und Anna musste sich ihm stellen.

„Äh … ja?“, erwiderte sie vorsichtig.

„Wie kommst du zu diesem Haus? Du hast nicht immer hier gelebt, oder?“

Erleichterung schlug über Anna zusammen wie Wellen im Meer. Er wollte sie gar nicht auf ihre unpassenden Gedanken ansprechen. Anna atmete ein paar Mal ein und aus, um sich selbst wieder zu beruhigen und auf einen normalen Puls zu kommen.

Ihre Stimme klang immer noch ein wenig atemlos, als sie antwortete: „Stimmt. Ich habe das Haus erst vor Kurzem geerbt. Von meiner Tante.“

„Aber du wolltest schon immer hier leben?“ Das Interesse in seiner Stimme klang ehrlich. Er wollte einfach nur verstehen, warum sie dieses alte Haus renovierte. Eine berechtigte Frage, fand sie.

„Nein, ich kannte das Haus vorher nicht einmal. Ich kannte nicht einmal meine Tante richtig“, fügte sie mit aufrichtigem Bedauern in der Stimme hinzu.

„Aber warum bist du dann hierher gezogen? Es ist ein altes Haus mitten im Niemandsland.“

Sie kicherte, weil seine Worte so ziemlich wortwörtlich ihre ersten Bedenken ausdrückten, als sie von ihrem Erbe erfahren hatte.

Es wurde ein wunderschöner Abend.

Irgendwann brachten sie die leeren Pizzakartons weg und holten sich eine Flasche Rotwein und zwei Gläser nach draußen. Und die ganze Zeit redeten sie. Oder vielmehr erzählte Anna, wie sie von der Erbschaft erfahren hatte und dass ihre Familie damit nicht einverstanden war, vor allem, weil sie ihr komplettes vorheriges Leben aufgegeben hatte. Sie erzählte auch von ihrer Arbeit als Projektmanagerin eines wissenschaftlichen Institutes, in dem sie mehr und mehr Aufgaben und Verantwortung übernommen hatte, bis es ihr alles zu viel geworden war. Sie schilderte, wie nah sie einer Überforderung schon gewesen war und dass es bis zum Burn-out wahrscheinlich auch kein weiter Weg mehr gewesen wäre.

„Ich konnte mir meinen Traum erfüllen, indem ich das Erbe angetreten habe und hierhergezogen bin. Jetzt kann ich endlich als Verhaltenstherapeutin arbeiten und über meine Zeit frei bestimmen.“

Anna lehnte sich zurück und trank einen Schluck von ihrem Rotwein. Die letzte halbe Stunde hatte sie beinahe ununterbrochen geredet. Eddi war ein aufmerksamer Zuhörer. Er hatte sie die ganze Zeit angesehen. Sie hatte keine Sekunde das Gefühl gehabt, ihn mit ihrer Geschichte zu langweilen. Jetzt im Nachhinein jedoch fragte sie sich, ob ihn all das wirklich interessiert hatte.

Eddi trank ebenfalls einen Schluck Wein und lächelte sie dann an.

„Ich freue mich sehr für dich, dass du noch immer Träume hast und jetzt sogar die Möglichkeit, einige davon zu leben. Das ist das Beste, was dir im Leben passieren kann. Ich weiß, wovon ich rede.“

Sie lächelte zurück und nickte zustimmend. Er hatte oft genug betont, dass seine Band sein Traum war und noch immer ist. Es war einfach schön, beruflich das tun zu können, was man am meisten mochte und auch noch Geld dafür zu bekommen. Anna war zwar noch weit davon entfernt, von ihrem Traum auch leben zu können, aber dafür hatte sie ja das Geld von Tante Elisa geerbt und kam damit noch eine Weile über die Runden.

5. Kapitel

Am nächsten Morgen blieb Anna noch eine Weile wach im Bett liegen und dachte über den vergangenen Abend nach. Sie hatten sich unheimlich gut unterhalten und zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dem Menschen Eddi etwas näher gekommen zu sein. Sie hatten geredet, bis beide mehr gähnten als zu sprechen. Zur Verabschiedung hatte Eddi Anna sogar kurz an sich gedrückt. Diese Geste hatte sich für sie nach viel mehr Nähe angefühlt, als der Kuss am Nachmittag. Seltsam, zwischen diesem Kuss und der Umarmung gestern Nacht schien so viel mehr Zeit zu liegen als tatsächlich vergangen war.


Anna war gespannt darauf, was der neue Tag ihr bringen würde. Heute wollten sie zusammen am Stall weiterarbeiten, darauf freute sie sich schon. Und außerdem war sie mittlerweile überzeugt davon, dass die körperliche Arbeit Eddi gut tat.

Beschwingt stieg sie aus dem Bett und tappte barfuß ins Bad. Es war schon wieder ziemlich warm im Haus, weshalb sie die Dusche auf lauwarm stellte. Ihr Körper reagierte prompt mit einer umfassenden Gänsehaut. Sie seifte sich gründlich ein und wusch auch ihre Haare. Das war zwar irgendwie Unsinn, wenn sie heute streichen würde, aber sie hatte das Gefühl, dass ihre Haare strähnig waren und so wollte sie Eddi nicht gegenübertreten. Nicht mal zum Arbeiten. Sie hatte auch ihren Stolz.

Von oben war noch nichts zu hören. Also machte Anna sich nur ein schnelles Müsli und kochte einen Tee. Kaffee konnte sie nachher mit Eddi zusammen trinken.

Nach dem Frühstück suchte sie in Ruhe die notwendigen Arbeitsmaterialien zusammen. Sie stellte alles im Stall bereit und ging dann noch eine kleine Runde mit Pino durch den Wald. Die Grundkommandos klappten mittlerweile ganz gut. Noch immer belohnte sie jedes richtig ausgeführte Kommando mit einem Leckerli. Das würde sie so lange tun, bis sie sich sicher war, dass Pino alles gut beherrschte. Dann kam die schwierigste Phase: Der Hund musste lernen, dass sie die Kommandos auch ohne Belohnung durchsetzte. Dann wurde aus Spiel Ernst. Doch Anna war der Überzeugung, dass Hunde wie Pino, die schon allein durch ihren Anblick den Leuten Angst einjagen, absolut sicher und verlässlich gehorchen mussten. Das hieß natürlich nicht, dass es für den Hund fortan nur noch Grenzen und Drill geben würde. Ganz im Gegenteil: Je sicherer ein Hund gehorchte, desto mehr Freiheiten konnte man ihm lassen.

Als Anna wieder zurückkam, sah sie, dass es schon fast zehn Uhr war und damit wirklich Zeit für Eddi aufzustehen. Sie lauschte zuerst prüfend, ob sie etwas hörte. Oben war alles ruhig. Also ging sie entschlossen hoch und klopfte laut an Eddis Zimmertür. Keine Reaktion.

Dann aber hörte sie im Bad nebenan das Wasser rauschen. Das klang nach Dusche. Unwillkürlich lieferte ihr Kopf die passenden Bilder von Eddi unter der Dusche.

Nackt, das Wasser tropfte aus seinen Haaren und lief an seinem Körper hinunter. Sie spürte, wie ihre Unterleibsmuskeln auf dieses Bild reagierten und verdrängte es schnell und entschlossen wieder.

Sie konnte ebenso gut wieder nach unten gehen. Wenn er schon unter der Dusche stand, würde er sicher bald auftauchen. Und da unten käme sie hoffentlich auf andere Gedanken – jugendfreiere.

Eddi kam kurz darauf in die Küche. Seine Haare waren noch ganz feucht. Auch auf seinem hellgrauen T-Shirt waren einige feuchte Flecken zu sehen. Da hatte sich wohl jemand nach dem Duschen nicht richtig abgetrocknet. Sonst trug er lediglich eine knielange Hose und Flipflops.

„Guten Morgen“, begrüßte er sie lächelnd.

Anna lächelte zurück. „Kaffee?“

„Ja, gerne. Danke!“

Erfreut über seine gute Laune, goss sie ihm eine Tasse von dem gerade frisch gebrühten Kaffee ein und fragte ihn, was er frühstücken wollte.

„Ich nehme dasselbe, was du nimmst“, erklärte er.

„Ich habe schon gefrühstückt“, klärte Anna ihn auf. Und fügte noch hinzu: „Müsli.“

Er verzog angeekelt das Gesicht.

Anna musste lachen. Gesundes Essen war nicht so sein Ding, hatte sie das Gefühl. Aber sie war ihm heute wohlgesonnen und bot ihm deshalb an, Toast und Rührei zu machen.

Sein Lächeln wurde eine Spur breiter, was Anna einfach als Einverständnis wertete und die Pfanne aus dem Schrank holte.

Eddi sollte ruhig ordentlich frühstücken. Schließlich wartete eine Menge Arbeit auf ihn. Kurzentschlossen warf sie auch noch ein Würstchen, das eigentlich für Pinos Erziehung bestimmt war, in die Pfanne. Pino würde es schon verstehen. Dafür spielte Eddi vielleicht eine Extrarunde mit ihm.

Nachdem Eddi glücklich sein Frühstück verspeist hatte, machten sie sich an die Arbeit.

Eddi begann damit, die Decke zu weißen und Anna maß endlich einmal die Ecke aus, in der sie die automatische Tränke anbauen wollte. Sie hatte sich im Internet dazu schlau gemacht und wusste nun, dass das gar nicht so schwer war. Sie brauchte nur einen Wasseranschluss, Rohre und diese Tränken, mit denen die Pferde durch Drücken mit der Nase selbst Wasser einlassen konnten. Einen Wasseranschluss hatte sie hinten in der letzten Box gefunden, die Rohre konnte sie aus dem Baumarkt holen und die Tränken würde sie im Internet bestellen. Jetzt musste sie nur noch alles ausmessen, damit sie auch die richtigen Rohre kaufte.

„Was machst du da?“, fragte plötzlich eine tiefe Stimme direkt neben ihrem Ohr.

Als Anna sich umdrehte, stand sie so nah vor Eddi, dass ihr T-Shirt seines berührte und sie seinen Atem in ihren Haaren spüren konnte. Ihr ganzer Körper spannte sich an und sie hielt unwillkürlich die Luft an. Da trat Eddi aber auch schon wieder einen Schritt zurück und sah lächelnd auf sie hinunter.

Annas Herzschlag beruhigte sich wieder etwas. Sie atmete noch einmal tief ein und aus, bevor sie antwortete: „Ich möchte eine automatische Tränke hier einbauen.“

Weil sie den fragenden Ausdruck in seinen Augen bemerkte, fügte sie gleich erklärend hinzu: „Für die Pferde.“

„Du möchtest Pferde haben?“ Er klang aufrichtig verwundert.

Was dachte er wohl, wozu sie sonst einen Stall brauchte? Als exotisches Etablissement für Gäste? Oder als Lagerraum? Dafür müsste sie aber nicht renovieren.

„Ja“, antwortete sie zögerlich, „ich möchte Pferde. Wenigstens eines. Das hier ist ein Stall und sobald der fertig ist, kann theoretisch ein Pferd einziehen.“

Er schaute noch immer ungläubig. „Hast du keine Angst?“

Jetzt war es an ihr, verwundert auszusehen.

„Angst vor was? Vor den Pferden?“, hakte sie nach. Er nickte nur und sah sich ängstlich um. Es sah aus, als erwartete er, dass jeden Moment so ein grässliches Ungeheuer zur Tür hereinkommen könnte. Sein Gesichtsausdruck war wirklich panisch. Scheinbar hatte er Angst vor Pferden. Anna grinste in sich hinein. Jetzt dachte er bestimmt wieder, sie hätte vor gar nichts im Leben Angst.

Kopfschüttelnd setzte sie ihre Arbeit fort und auch Eddi machte weiter. Sie hatte allerdings den Eindruck, dass er nun ein deutlich langsameres Arbeitstempo vorlegte als vorher. Vielleicht bildete er sich ernsthaft ein, dass er den Einzug eines Pferdes herauszögern könnte, wenn er langsamer arbeitete.

Es klingelte und Pino, der bisher schlafend im Schatten vor dem Stallgebäude gelegen hatte, sprang auf und bellte einmal scharf. Wie es aussah, hatte er letztlich doch die Klingel mit einem anstehenden aufregenden Ereignis verknüpft.

Anna schnappte sich die Leine und ging mit dem Hund im Schlepptau zum Tor. Eddi machte diesmal keine Anstalten, sie zu begleiten. Umso besser, dann wurde er schneller fertig und das Pferd konnte schneller einziehen, dachte Anna und lachte in sich hinein.

Vor dem Tor stand nicht der vermutetet Postbote, sondern Thomas, Karls Sohn. Er hatte die Hand zum Gruß erhoben, hielt aber wegen des knurrenden Hundes gebührenden Abstand. Anna gab Pino das Kommando „Sitzen“, was er auch brav tat, allerdings stand er sofort wieder auf, als Thomas das Tor ein Stück öffnete.

„Sitzen!“, ermahnte Anna ihren Hund noch einmal streng. Er senkte beinahe sofort sein Hinterteil in Richtung Boden und wedelte Anna leicht an. Wo blieb das Leckerli?

Dann fiel sein Blick erneut auf Thomas, der sich gerade durch den Spalt im Tor zwängte, er stand wieder auf und machte sich steif, die Nackenhaare aufgestellt.

Anna zuckte resignierend mit den Schultern. Soweit war sie einfach noch nicht mit Pino. Also ergriff sie ihn am Halsband und bedeutete Thomas, dass er jetzt gefahrlos hereinkommen konnte.

Dann begann die übliche Prozedur, bei der Thomas sich möglichst wenig bedrohlich hinhocken sollte und jeglichen Blickkontakt mit Pino zu vermeiden hatte. Das war zwar umständlich, aber auf die Dauer gesehen einfacher, wenn Thomas öfter vorbeikommen würde.

Nachdem der Hund an Thomas geschnuppert hatte und sich wieder entspannte, hielt Anna ihrem Besucher zur Begrüßung die Hand hin. Thomas jedoch verstand ihre Geste offenbar falsch und zog sie in eine feste Umarmung. Anna befreite sich so schnell es ging aus seinem Klammergriff, vor allem auch in Hinblick auf Pino, der Thomas gerade erst als ungefährlich akzeptiert hatte.

„Schön, dass du vorbeikommst“, begrüßte Anna ihren Gast freundlich.

„Ja, endlich habe ich es mal wieder geschafft. Karl hat dir von meinem Auftrag in Thüringen erzählt?“

Anna nickte.

Autor

  • Sandra Helinski (Autor)

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Titel: Küsse niemals einen Rockstar - Rockstar Sommer (Teil 3)