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Haben Rocksongs ein Happy End? - Rockstar Sommer (Teil 4)

(Rockstar Romance, Chick Lit, Liebesroman)

von Sandra Helinski (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Rockstar Eddi hat Annas Herz erobert, aber wie soll es nun mit ihnen weitergehen? Alles könnte so schön sein, wären da nicht sein zweifelhafter Ruf und ihre unterschiedlichen Vorstellungen vom Leben. Für Anna gibt es nur eine Möglichkeit, sich selbst davon zu überzeugen, dass Eddi nicht der Richtige für sie ist: Sie lädt seine Freundin ein!

Auch Eddi hadert mit seiner Zukunft. Seit einiger Zeit ist ihm klargeworden, dass er um seine Gesundheit nicht zu gefährden kürzertreten muss. Doch gibt es eine Möglichkeit für ihn und seine Band Damn Silence, etwas an ihrem Leben auf der Überholspur zu ändern – oder haben Rocksongs etwa kein Happy End?

Rockstar Sommer umfasst vier Bände

Teil 1_100x160 Teil 2_100x160 Teil 3_100x160 Teil 4_100x160

Neuanfang mit Rockmusik – Teil 1
ISBN: 978-3-96087-023-4
Mehr Infos hier

Stumme Rockstars beißen nicht – Teil 2
ISBN: 978-3-96087-024-1
Mehr Infos hier

Küsse niemals einen Rockstar – Teil 3
ISBN: 978-3-96087-025-8
Mehr Infos hier

Haben Rocksongs ein Happy End? – Teil 4
ISBN: 978-3-96087-026-5

Impressum

Erstausgabe August 2016

DP_Logo_bronze_150_px

Copyright © 2016 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-026-5

Print-ISBN: 978-3-96087-030-2

Covergestaltung: Antoneta Wotringer Grafikdesign
unter Verwendung von Motiven von
© maximkabb/123RF.com

Lektorat: Astrid Rahlfs, RaBe Lektorat

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse aller Werke dieser Ausgabe sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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ROCKSTAR
SOMMER

Haben Rocksongs ein Happy End?

Teil 4

Sandra Helinski

Was bisher geschah

Anna Diemer hat Glück: Eine unverhoffte Erbschaft von ihrer Tante eröffnet ihr die Möglichkeit, aus ihrem alten, ungeliebten Leben auszubrechen und noch einmal völlig neu anzufangen. Sie kehrt ihrer Heimatstadt Berlin den Rücken, um ein altes Haus mitten im Niemandsland zu renovieren. Sie verwirklicht ihren Traumberuf und beginnt, Hunden mit Verhaltensproblemen zu helfen. Es gelingt ihr bei ihrem ersten Patienten Pino, einem aggressiven Rottweiler-Mischling, das Vertrauen des Hundes zu wecken und ihn zugänglicher zu machen. Er wächst ihr in dieser Zeit so ans Herz, dass sie ihn schließlich mit nach Hause nimmt.

Unterdessen hat ihre Freundin Suzi, die bei der Plattenfirma von Annas Lieblingsband Damn Silence arbeitet, die spontane Idee, dass deren Sänger Eddi Markgraf, dem eine Auszeit aufgrund gesundheitlicher Überlastung nahegelegt wurde, bei Anna auf dem Hof am besten aufgehoben sein könnte.

Das Zusammenleben mit Eddi birgt für Anna einige Herausforderungen. Erst blockt Eddi jeglichen Versuch ihm zu helfen ab, weil er sich nicht eingestehen will, dass er krank ist. Als er sich Anna gegenüber endlich etwas öffnet, spielen plötzlich ihre eigenen Gefühle verrückt.

Als Annas Erbschaft angefochten wird, steht Eddi ihr jedoch bei und hilft ihr, mit der Situation klarzukommen. Er möchte sie auch finanziell unterstützen, was sie jedoch ablehnt. Aus Dankbarkeit für seine Hilfe küsst sie ihn und muss sich letztendlich doch eingestehen, dass sie sich in ihn verliebt hat.

1. Kapitel

Anna staunte nicht schlecht, als plötzlich jemand, der verdächtig nach ihrem Vater klang, rief: „Hallo? Anna, bist du hier?“.

Ungläubig trat sie aus dem Nebengebäude, in dem sie bis eben damit beschäftigt gewesen war, Platz für die neue Sattelkammer zu schaffen. Die passende Ecke dafür hatte sie erst vorhin gefunden, aber sie fand die Idee genial, diesen Gebäudeteil zu nutzen, weil dann der ohnehin begrenzte Platz im Stall nicht noch mehr zugebaut wurde.

„Papa?“, fragte sie vorsichtig.

In diesem Moment sah sie erst ihren Vater und dann ihre Mutter durch den Durchgang zwischen Haus und Nebengebäude treten. Ihr Gesichtsausdruck verwandelte sich von ungläubigem Staunen in große Freude. Sie hatte ihre Eltern bestimmt schon seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen.

Sie rannte auf ihre Mutter zu und fiel ihr um den Hals. Die Begrüßung ihres Vaters fiel ein wenig zurückhaltender aus, aber das war schon immer so gewesen. Schon als kleines Kind hatte sie zu ihrer Mutter den besseren Draht gehabt. Suzi hatte mal behauptet, das sei auch kein Wunder, weil sie ihrem Vater so ähnlich sei, aber Anna hatte dies vehement abgestritten.

Ihr Vater schaute sich interessiert im Hof um, während ihre Mutter eher Anna prüfend musterte. Dann lächelte sie. „Gut siehst du aus. Die Haare sind länger geworden.“

In diesem Moment kam Pino, der bis eben im Nebengebäude geschlafen hatte – Pferd bewachen war ihm irgendwann zu anstrengend geworden – herausgeschossen. Er wirkte keineswegs unfreundlich, aber wenn solch ein Koloss aus Zähnen und Muskeln auf jemanden zu rannte, konnte man schon erschrecken.

Genauso erging es Annas Eltern. Ihre Mutter klammerte sich erschrocken an sie und ihr Vater rettete sich in den Stall, vor dem er eben noch gestanden hatte und schloss die Tür von innen.

„Pino, stopp!“, rief Anna mit ihrer strengsten Stimme. Pino blieb überrascht stehen und schaute Anna fragend an. Sie befreite sich aus dem Klammergriff ihrer Mutter und ging zu dem Hund.

„Das sind meine Eltern, okay? Sei lieb zu ihnen!“

Sie nahm ihn am Halsband und lief ganz langsam auf ihre Mutter zu, die sich noch keinen Millimeter vom Fleck gerührt hatte. Anna wusste, dass ihre Mutter Hunde zwar mochte, aber auch einen gehörigen Respekt vor ihnen hatte.

Doch entgegen Annas Erwartung streckte sie Pino ihre Hand entgegen, ließ ihn ein wenig schnuppern und strich ihm damit kurz über den Kopf, als er anfing zu wedeln. So viel Mut hätte sie ihr gar nicht zugetraut.

Jetzt kam auch ihr Vater aus seinem Versteck, so dass Anna mit Pino auch zu ihm gehen konnte. Er streichelte Pino zwar nicht, wirkte aber auch nicht ängstlich, als der Hund an ihm roch.

Weil Pino ganz entspannt blieb, wagte Anna es ihn loszulassen. Pino fand die Neuankömmlinge zwar interessant genug, um noch einmal zu beiden hinzulaufen und erneut zu schnuppern, doch dann war sein Interesse wieder ganz bei dem anderen tierischen Mitbewohner und er war auf dem Weg zu Stormys Weide.

„Das ist Pino, mein Hund“, stellte Anna ihn vor. „Und das da hinten Stormy, mein neuester Mitbewohner“, fügte sie mit einer Handbewegung in Richtung Weide hinzu.

„Du hast ein Pferd?“, fragte ihre Mutter überrascht, während ihr Vater gleichzeitig mit mahnender Stimme erklärte, dass sie so einen Hund wie Pino unmöglich frei herumlaufen lassen konnte.

„Der erschreckt doch die Leute“, war seine Erklärung.

Anna hatte das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Wie so oft im Umgang mit ihrem Vater.

„Hier kommt ja normalerweise auch niemand einfach so rein. Wie habt ihr das eigentlich geschafft?“

„Der nette Bauarbeiter vorn am Tor hat uns gesagt, du wärest hier und wir sollten einfach nach hinten gehen“, beantwortete ihre Mutter Annas Frage.

„Du lässt dir ein neues Tor einbauen?“, fragte fast gleichzeitig ihr Vater.

Anna nickte automatisch, fragte sich aber im selben Moment, ob ihre Mutter mit der Bezeichnung Bauarbeiter Eddi gemeint haben konnte.

Sie wollte es genauer wissen: „Mama, waren da noch andere Leute am Tor?“

Ihre Mutter schüttelte den Kopf und wollte gerade antworten, als Annas Vater ihr ins Wort fiel: „Anna, Kind. Du musst doch wissen, wer da vorn an deinem Tor arbeitet. Lass’ dich nicht übers Ohr hauen! Heutzutage kann man nicht mal mehr Handwerkern trauen. Da habe ich schon so meine Erfahrungen gemacht.“

Also doch Eddi. Die Handwerker, die vorhin gekommen waren, waren scheinbar schon wieder weg. Sie musste ihren Eltern hier dringend etwas erklären. Sie würden vermutlich sowieso gleich erfahren, was Sache ist, wenn Eddi her kam.

„Mama, Papa, das da vorn beim Tor ist kein Bauarbeiter. Das ist Eddi … ein … Bekannter.“ Sie musste innerlich über das Wortspiel lachen. Ja, bekannt war er, der Eddi. Ihre Eltern kannten ihn aber wahrscheinlich nicht.

Bei ihren nächsten Worten traute sie sich nicht, ihre Eltern direkt anzuschauen, weil sie genau wusste, was sie davon halten würden: „Er wohnt auch hier.“

„Wie meinst du das?“, setzte ihre Mutter gerade an, als der nette Bauarbeiter um die Ecke bog.

Er begrüßte zuerst Annas Mutter, dann ihren Vater mit Handschlag und einem höflichen „Guten Tag!“

Dann stellte er sich neben Anna und legte einen Arm um ihre Hüfte, ohne dass sie das verhindern konnte. Himmel, wie sollte sie diese Geste ihren Eltern erklären, die sich bestimmt auch so schon ihre eigenen Gedanken machten.

„Ja also … das ist Eddi Markgraf“, stellte sie den Sänger ihren Eltern schließlich ordnungsgemäß vor.

„Aha“, sagte ihr Vater nur.

Ihre Mutter sagte gar nichts, schaute aber einigermaßen entsetzt auf ihre Tochter.

„Jedenfalls wollten wir uns mal anschauen, wie du hier so lebst“, versuchte ihr Vater die merkwürdige Situation zu retten. Anna war ihm dankbar dafür.

„Und ich habe einen Kuchen gebacken. Den können wir zusammen essen“, fügte ihre Mutter hinzu. Dann fiel ihr etwas ein. „Der ist allerdings noch im Auto.“

„Ich kann den Kuchen holen gehen“, schaltete Eddi sich eifrig ein.

„Ja, eine gute Idee! Und in der Zeit führe ich euch schon mal herum“, pflichtete Anna ihm schnell bei, bevor ihre Eltern noch etwas dagegen haben konnten. Und an ihren Vater gewandt, sagte sie: „Papa, gibst du ihm dann den Autoschlüssel?“

Weil er überhaupt nicht reagierte, fragte Anna zweifelnd weiter: „Oder habt ihr das Auto offengelassen?“

Das brachte endlich Leben in ihren Vater. Er wühlte hektisch die Autoschlüssel aus seiner Hosentasche und hielt sie Eddi hin. Bevor dieser sie allerdings nehmen konnte, wollte er ihm noch erklären, wie er damit das Auto aufschließen konnte.

„Das ist ein VW Passat. Da müssen Sie …“ begann er, wurde jedoch von seiner Tochter unterbrochen.

„Papa! Eddi kennt sich mit Autos aus. Gib ihm einfach den Schlüssel.“

„Ach so, ja, na dann“, druckste ihr Vater herum, händigte aber endlich Eddi den Schlüssel aus.

„Der Kuchen steht im Fußraum hinter dem Fahrersitz“, rief ihre Mutter dem davoneilenden Eddi noch hinterher. Ihr Vater machte den Eindruck, als ob er ernsthaft daran glaubte, Eddi würde sich jetzt mit seinem geliebten Auto davonmachen.

Anna hängte sich bei ihrem Vater ein und meinte scherzhaft: „Keine Angst, Papa. Euer Auto ist vor Eddi sicher. Er steht mehr auf Sportwagen.“

„Dann ist das schicke Auto da draußen auf dem Parkplatz also seins?“, schaltete sich nun auch wieder Annas Mutter ein.

Anna nickte und grinste in sich hinein. Sie wollte gar nicht wissen, was ihre Eltern sich alles für Gedanken machten.

Sie führte die beiden zuerst durch das Haus. Ihre Mutter bestaunte die Einrichtung und die Möbel und ihr Vater wollte vor allem wissen, wie die Heizung aufgebaut war und welche Umbaumaßnahmen erfolgt waren. Er schien einigermaßen beeindruckt, als er erfuhr, wie viele Arbeiten seine Tochter allein oder mit nur wenig Hilfe erledigt hatte.

Als sie auch in der oberen Etage fertig waren – ihre Eltern hatten einigermaßen erleichtert zur Kenntnis genommen, dass Eddi sein eigenes Bett in einer anderen Etage als Anna hatte – war unten aus der Küche Geklapper zu hören. Eddi war dort wohl dabei, die Kaffeetafel zu decken.

„Geht ihr ruhig weiter, ich schau mal nach dem Kuchen.“ Mit diesen Worten eilte ihre Mutter die Treppe hinunter und in Richtung des Lärmes. Ein Mann in der Küche, das gab es bei ihr zuhause nicht. Deshalb traute sie Eddi vermutlich nicht zu, mit ihrem Kuchen fertigzuwerden.

Zusammen mit ihrem Vater ging Anna nun nach draußen, um ihm noch das Nebengebäude und den Stall zu zeigen. Vor allem ihr Vorhaben, eine automatische Tränke zu installieren, interessierte ihn. Sie musste ihm im Detail erklären, was sie tun wollte und was sie dafür brauchte.

Als Annas Mutter zum Kaffee rief, waren sie gerade auf der Wiese hinten und ihr Vater hatte das großzügige Grundstück bewundert und einen kleinen Seitenblick auf Stormy, der schon wieder von Pino bewacht wurde, riskiert. Annas Blick folgte dem ihres Vaters und sie bemerkte, dass sich etwas an der Szene zwischen Stormy und Pino geändert hatte. Beide befanden sich nun in relativer Nähe zum Zaun, Stormy auf der einen, Pino auf der anderen Seite. Pino hatte den Hengst zwar im Blick, wirkte aber ziemlich entspannt. Und auch Stormy graste ruhig auf seiner Seite, ein Ohr in Richtung Pino gedreht.

Doch dann wurde Annas Aufmerksamkeit wieder abgelenkt, weil ihr Vater sie ungeduldig aufforderte, mit ins Haus zu kommen.

In der Küche bot sich ein bemerkenswertes Bild. Der große Eddi und ihre viel kleinere Mutter standen einträchtig an der Kaffeemaschine und lachten über irgendetwas. Dann brachte Eddi den Kaffee und ihre Mutter den aufgeschnittenen Kuchen auf den Tisch. Die beiden wirkten wie ein Herz und eine Seele. Sie ließen sich gegenseitig den Vortritt, als es darum ging, Annas Vater mit Kaffee und Kuchen zu versorgen und mussten wieder lachen.

Anna zuckte mit den Schultern und setzte sich. Es war ja nur gut, wenn ihre Mutter sich mit Eddi verstand. Dann würde sie es weniger schlimm finden, dass Eddi hier bei Anna wohnte und eine wie auch immer geartete Beziehung zu ihr hatte. So lange Anna sich selbst noch nicht sicher war, was für eine Art Beziehung es war, wollte sie das auf keinen Fall mit ihren Eltern ausdiskutieren. Das würde sie aber müssen, wenn diese irgendwelche Bedenken gegen Eddi hegten.

Als alle am Tisch saßen, lehnte sich Annas Vater zurück und räusperte sich kurz.

„Nun, Anna. Ich muss ja sagen, du hast hier schon einiges geschafft“, begann er, „das hätte ich dir gar nicht zugetraut.“

Dieser Satz ihres Vaters sollte wahrscheinlich witzig klingen, aber Anna wusste genau, dass er ein Körnchen Wahrheit enthielt. Ihr Vater hatte ihr noch nie viel zugetraut.

Er blickte in die Runde.

„Wir wollten uns mit eigenen Augen davon überzeugen, was du hier so machst und wie es dir geht. Außerdem wollte ich das Haus von Elisa unbedingt mal wieder sehen. Seit meinem letzten Besuch sind schon viele Jahre vergangen und ich nehme nicht an, dass Elisa hier seitdem noch viel verbessert hat. Also sind alle positiven Veränderungen wohl dein Verdienst.“

Anna verdrehte die Augen. Sie kannte diese Art von Monologen, die ihr Vater nur zu gern führte. Er war vor seiner Rente Chef einer Baufirma gewesen und es gewohnt, große Reden zu schwingen. Seitdem er nicht mehr arbeitete, vermisste er das und beglückte seitdem regelmäßig Freunde und Verwandte mit dieser Art von Rede.

„Und wir sind auch froh, wenn du hier nicht ganz allein bist.“ Er warf einen Seitenblick auf Eddi. „So ein Mann kann in einem Haus ungemein nützlich sein. Können Sie denn auch anpacken?“ Die letzte Frage richtete er direkt an Eddi.

Anna meinte, vor Scham im Erdboden versinken zu müssen.

„Ich glaube schon“, antwortete Eddi mit einem Schulterzucken.

Anna versuchte, ihren Vater zu bremsen: „Papa, können wir das Thema bitte lassen? Das ist peinlich!“

Ihr Vater schaute sie verständnislos an. „Warum? Was ist daran peinlich, wenn ich sicherstellen will, dass dein Freund dir auch hilft. Es ist schließlich nicht einfach, alles umzubauen und oft auch körperlich anstrengend. Da kann er nicht erwarten, dass du das alles alleine machst.“

Anna war sich sicher, dass sie mittlerweile tomatenrot geworden war. Sie wollte richtigstellen, dass Eddi nicht ihr Freund war, jedenfalls nicht so, wie ihr Vater das hinstellte.

„Was machen Sie eigentlich?“, fragte plötzlich ihre Mutter dazwischen. „Ich meine, was arbeiten Sie? Arbeiten Sie hier in der Nähe?“

Eddi schüttelte den Kopf. „Zurzeit arbeite ich nicht.“

„Arbeitslos? Ja, das ist in den heutigen Zeiten wirklich ein Problem geworden. Aber jemand wie Sie findet sicher auf dem Bau jederzeit einen neuen Job. Wenn Sie möchten, kann ich mich ja mal umhören. Ich habe früher ein Bauunternehmen geleitet …“

„Papa!“, unterbrach Anna ihren Vater, bevor dieser Eddi noch eine Stelle als Bauarbeiter in seiner früheren Firma verschaffte.

„Eddi ist Musiker. Er macht nur zurzeit Urlaub.“

Annas Vater schüttelte missbilligend den Kopf. „Musiker? Das ist doch kein Beruf. Jedenfalls kein vernünftiger. Davon kann man doch nicht leben. Wie wollen Sie denn meine Tochter versorgen oder Ihre Kinder, wenn Sie mal welche haben?“

Das Gespräch verlief jetzt eindeutig in die falsche Richtung. Anna bekam Kopfschmerzen. Eddi hingegen schien sich königlich zu amüsieren.

„Oh, das bekomme ich schon hin. Ich verdiene genug, dass ich Anna damit auch mitversorgen könnte. Aber sie will nicht.“ Er warf einen schelmischen Seitenblick auf sie.

Damit spielte er wohl auf sein Angebot an, hier Geld zu investieren oder gleich das ganze Haus zu kaufen, wenn Tante Lisbeth den Erbschaftsstreit gewinnen sollte.

„Möchten Sie mal Kinder haben?“, fragte jetzt ihre Mutter.

„Mama!“, rief Anna entsetzt.

Es wurde immer schlimmer! Ihre Mutter beachtete sie jedoch gar nicht, sondern blickte weiterhin zu Eddi, der in diesem Moment nickte. Er versuchte ernst zu bleiben, doch Anna kannte ihn gut genug, um zu sehen, dass er sich das Lachen kaum noch verkneifen konnte.

„Ja, ich möchte Kinder, irgendwann. Aber im Moment ist es noch ein wenig zu früh darüber nachzudenken.“

Annas Mutter verstand diesen eindeutigen Wink jedoch völlig falsch.

„Wie alt sind Sie denn, wenn ich fragen darf? Heutzutage warten die jungen Leute immer viel zu lange mit dem Kinderkriegen. Und irgendwann ist es dann zu spät.“

Sie wandte sich Anna zu. „Denk nur an deine Cousine Jenny. Immer wollten sie nur reisen. Und als dann der Kinderwunsch kam, war es zu spät. Du bist auch nicht mehr so jung. Ewig kannst du nicht mehr warten.“

„Mama, es reicht jetzt!“, fuhr Anna sie an. „Ich werde definitiv nicht mit euch über Kinder reden. Das ist vollkommen unpassend.“

„Da haben wir wohl einen wunden Punkt getroffen, nicht wahr?“, sagte Annas Vater schmunzelnd zu Eddi, der nun breit grinste.

Anna schämte sich für ihre Eltern.

Was musste Eddi nur denken? Dass sie Torschlusspanik hatte und händeringend einen Mann suchte, mit dem sie Kinder bekommen konnte? Das war ja noch schlimmer als der liebestollste Fan!

2. Kapitel

Nachdem Annas Eltern endlich wieder weg waren, traute sie sich kaum, Eddi anzusehen. Noch immer war ihr das Ganze äußerst peinlich.


Zum Glück hatte ihre Mutter die Kinderfrage schließlich fallen gelassen. Sie hatten Eddi aber noch eine ganze Weile regelrecht verhört und ihn tatsächlich noch zu überzeugen versucht, das Musikerdasein hinzuwerfen und es mit einem in ihren Augen vernünftigeren Job zu versuchen.

Und Eddi? Der hatte dazu genickt und versprochen, es sich zu überlegen. Vielleicht sollte er Schauspieler werden, wenn es mit dem Musikerdasein wirklich nicht mehr klappte. Die Rolle des perfekten Schwiegersohns hatte er jedenfalls hervorragend gespielt.

Aber irgendwann war der Kuchen gegessen, der Kaffee ausgetrunken und Annas Eltern hatten sich wieder verabschiedet.

Auf dem Rückweg zum Auto hatte ihr Vater Anna noch einmal zur Seite genommen und ihr versprochen, Tante Lisbeth anzurufen, um herauszufinden, was sie mit dieser Anfechtung wirklich bezweckte.

Das war für sie alle ein Rätsel. Die Tante besaß bereits ein Haus mitten in Berlin und hatte eigentlich auch immer behauptet, nie von dort wegziehen zu wollen. Vermutlich neidete sie Anna nur das ganze Geld.

Auch wenn Anna froh war, in dieser Sache ihre Eltern hinter sich zu wissen, hoffte sie, von solchen Überraschungsbesuchen in Zukunft verschont zu bleiben. Es gab wohl kaum etwas Peinlicheres, als dass Eltern mehr in eine Situation hineininterpretierten als wirklich da war und dann auch noch versuchten, dem vermeintlichen Schwiegersohn ins Leben hineinzureden.

„Was ist denn los mit dir?“, fragte Eddi, als sie zusammen an dem schon fast fertiggestellten neuen Tor standen und das Auto ihrer Eltern um die Ecke verschwunden war.

„Meine Eltern. Sie waren so peinlich! Es tut mir wirklich leid“, erklärte Anna zögernd. Sie wollte sich am liebsten für alles entschuldigen. Angefangen damit, dass sie Eddi für einen Bauarbeiter gehalten hatten, obwohl sie nicht mal glaubte, dass er das wirklich mitbekommen hatte, über die Tatsache, dass sie gedacht hatten, Anna und Eddi wären fest zusammen, bis hin zu den Überredungsversuchen von Annas Vater, dass Eddi sich einen ordentlichen Job suchen sollte.

Doch Eddi winkte ab.

„Sie machen sich nur Sorgen um dich. Meine Mutter wäre genauso, wenn sie herkommen würde.“

Das beruhigte Anna nur ein bisschen.

Um sich etwas abzulenken, schaute sie sich an, was Eddi alles schon geschafft hatte. Das neue Tor stand und hatte auch eine Vorrichtung bekommen, durch die es elektrisch auf und zuging. Ob es schon funktionierte, wusste Anna nicht. Eddi hatte es vorhin mit der Hand aufgeschoben. Eine Kamera gab es auch schon, aber die Kabel hingen noch lose in der Luft, sie funktionierte also definitiv noch nicht.

Man konnte sich aber gut vorstellen, wie das in fertigem Zustand aussehen würde. Diese Vorstellung fand Anna grandios.

„Eddi, das Tor sieht wirklich klasse aus. So schön hatte ich es mir gar nicht vorgestellt“, konnte sie nun endlich mit all dem Enthusiasmus in der Stimme sagen, den sie auch fühlte.

Er grinste. „Soll ich dir zeigen, wie es funktioniert?“

„Geht es denn schon? Ich dachte, weil du es vorhin per Hand geöffnet hast …“

„Aber ja. Ich wollte nur, dass du die Erste bist, die es sieht. Und als deine Eltern da waren, hast du ein wenig, nun ja, gestresst ausgesehen. Da wollte ich lieber warten und es dir erst jetzt zeigen. Gute Entscheidung?“

Anna nickte erfreut. Eddi zog mit theatralischer Geste eine kleine Fernbedienung aus seiner Hosentasche und hielt sie ihr hin.

„Du musst diesen Knopf hier drücken, damit das Tor aufgeht“, zeigte er.

Anna musste schmunzeln, weil sie sich an die Szene vorhin erinnerte, als ihr Vater Eddi erklären wollte, wie man sein Auto aufbekam.

Gehorsam nahm sie die Fernbedienung an sich und drückte den besagten Knopf. Die Automatik begann leise zu summen und tatsächlich – das Tor schob sich auf. Anna war begeistert.

Als es offen war, drückte sie gleich den anderen Knopf auf der Fernbedienung und das Tor ging wieder zu.

Und dann machte sie es nochmal auf. Als sie es erneut per Knopfdruck schließen wollte, hinderte Eddi sie daran. Die Wärme seiner Hand auf ihrer verursachte ihr schon wieder Schmetterlinge im Bauch.

Doch er schien nichts davon zu merken, denn er meinte nur: „Das Tor schließt sich nach ein paar Minuten von selbst. Du musst es also nicht unbedingt von Hand schließen.“

Während sie warteten, dass sich der Tormechanismus von allein in Gang setzte, ließ Eddi Annas Hand nicht mehr los. Die Wärme seiner Hand breitete sich in ihrem ganzen Körper aus und sie genoss es, mit ihm Hand in Hand dort inmitten der vielen Kiefern zu stehen und zu warten. Es war unheimlich friedlich.

Beide sagten nichts mehr. So konnte Anna ihren eigenen Gedanken nachhängen. Diese Gedanken hatten so gar nichts mit ihren Eltern, der Anfechtung des Testaments, ihrer Arbeit oder diesem neuen Tor zu tun.

Nein, sie dachte einzig und allein an den Kuss.

Sie wünschte, er würde sie wieder küssen.

Vorhin im Stall hatte Eddi bereits solche Andeutungen gemacht. Hoffentlich hatte der Besuch ihrer Eltern ihn nicht vom Gegenteil überzeugt. Andererseits wäre das vielleicht die beste Lösung für alle, denn sie war sich nicht sicher, ob sie ihre Gefühle für ihn wirklich noch kontrollieren konnte.

Er würde bald wieder weg sein. Sie hatte Angst, dass sie dann vor Liebeskummer nicht mehr in der Lage wäre, ihr Leben hier weiterzuführen. Vielleicht war es aber auch schon viel zu spät für solche Gedanken. Ihr Herz hatte entschieden.

Sie schob die Gedanken an die Konsequenzen entschlossen beiseite und konzentrierte sich wieder auf das Gefühl seiner warmen Finger über ihren.

Irgendwann begann die Automatik zu summen und das Tor schloss sich langsam. Eddi drückte ihre Hand ein wenig fester.

„Für die Kamera muss ich nur noch die Fernsteuerung installieren und den Monitor bei dir im Haus, dann sollte das auch funktionieren. Du kannst dann das Tor von deinem Haus aus öffnen und musst nicht jedes Mal bis hier vorn rennen, wenn jemand kommt.“

Während Eddi ihr das erklärte, hatte er sie ein wenig zu sich gedreht, ließ aber noch immer ihre Hand nicht los. Er sah ihr mit einem ganz leichten Lächeln in die Augen.

„Zeit für ein weiteres Dankeschön?“, fragte er leise.

Anna nickte enthusiastisch und schloss die Augen in freudiger Erwartung, dass er sie erneut küssen würde. Die Sekunden verstrichen und nichts geschah. Sie fühlte Enttäuschung in sich aufsteigen und öffnete die Augen wieder.

Dann atmete sie erschrocken ein, denn sie blickte in seine Augen, die ihren schon ganz nahe waren. So nahe, dass sie seinen Atem auf ihrer Haut spüren konnte. Und doch verharrte er kurz bevor ihre Lippen sich trafen.

Anna stellte sich auf die Zehenspitzen, um den letzten kleinen Zwischenraum zu überwinden und dann küsste sie ihn. Diesmal zog sie sich nicht gleich wieder zurück, sondern vertiefte den Kuss noch weiter, als sie sah, wie er genießerisch die Augen schloss. Seine freie Hand legte er an ihr Gesicht. Sie kuschelte sich dagegen. Sie war in diesem Moment vollkommen in Einklang mit sich selbst. Sie verschwendete keinen Gedanken daran, ob es richtig war, was sie hier taten.

Als Anna später im Bett lag, konnte sie vor Aufregung überhaupt nicht zur Ruhe finden. Zu vieles war heute passiert.

Sie hatte Eddi geküsst.

Er hatte ihr ein Tor gekauft und eingebaut.

Dann waren ihre Eltern gekommen.

Und dann hatte sie ihn wieder geküsst. Bis sie sich vorhin verabschiedet hatten, hatten sie noch drei weitere Gründe gefunden, sich zu küssen.

Die Schmetterlinge in Annas Bauch wollten gar nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie warf sich von einer Seite auf die andere, doch ihr Körper war dermaßen angespannt, dass an Schlaf überhaupt nicht zu denken war.

Doch mit der Nacht kamen auch die Zweifel zurück. Wie sollte es weitergehen zwischen ihnen?

Wie weit war Anna bereit zu gehen?

Eddi hatte zwar noch keinerlei Anstalten gemacht, mit ihr schlafen zu wollen, aber das würde sicher noch kommen. Würde sie das wollen?

Konnte sie überhaupt Nein sagen, selbst wenn sie es nicht wollen würde?

Und was würde in ein paar Tagen oder bestenfalls Wochen passieren, wenn Eddi wieder in sein normales Leben zurückkehrte? Sofern man sein Leben als Superstar überhaupt als normal bezeichnen konnte.

Und was war überhaupt mit seiner Freundin?

So langsam zweifelte sie ja daran, dass es diese Freundin wirklich in seinem Leben gab. Er hatte sie nicht ein einziges Mal erwähnt. Wäre Anna Eddis feste Freundin, würde sie jeden Tag zumindest anrufen und mit ihm reden wollen. Andererseits, vielleicht telefonierte er ja mit ihr, wenn Anna das nicht mitbekam? Schließlich war sie nicht vierundzwanzig Stunden am Tag mit Eddi zusammen.

Trotzdem – wenn Eddi jetzt Anna küsste, schien ihm nicht so viel an seiner Freundin zu liegen.

Oder führten sie vielleicht so eine neumodische, offene Beziehung?

Hatte Anna denn eine Ahnung, wie die Beziehung zu einem Rockstar normalerweise aussah? Vielleicht musste man als Rockstar-Freundin damit leben, dass er andere Frauen küsste oder sogar mit ihnen ins Bett stieg. Dann wäre sie auf jeden Fall ungeeignet als Eddis Freundin. Überhaupt konnte sie sich sich selbst an der Seite von Eddi Markgraf, dem gefeierten Sänger von Damn Silence nicht richtig vorstellen.

Irgendwann fiel Anna dann doch in einen unruhigen Schlaf. Sie träumte, konnte sich aber am nächsten Morgen nicht mehr an den Traum erinnern. Es war alles ziemlich wirr gewesen. Aber Eddi war in diesem Traum definitiv vorgekommen.

Draußen strahlte schon wieder die Sonne. Anna blieb noch eine Weile liegen und dachte über den vergangenen Tag nach. Insbesondere an die Küsse mit Eddi.

Dann hörte sie oben die Dusche rauschen. Er war also schon wach. Dann sollte sie am besten jetzt auch duschen gehen, damit sie nachher zusammen frühstücken konnten.

Als Eddi in die Küche trat, setzte Anna gerade den Kaffee auf. Sie war bester Laune.

„Guten Morgen. Gut geschlafen?“, fragte sie fröhlich.

„Nein, ich war die halbe Nacht wach“, antwortete Eddi.

Als Anna ihn ansah, sah er aber keineswegs mürrisch oder unausgeschlafen aus, sondern im Gegenteil, eher wie das blühende Leben. Er strahlte mit der Sonne um die Wette.

„Kaum war ich im Bett, war da plötzlich diese Melodie in meinem Kopf“, erklärte Eddi und fing an, eine Melodie zu summen, die Anna noch nie gehört hatte. Er wirkte so glücklich und entspannt. Anna konnte sich vorstellen, was es für ihn bedeutete, wenn ihm jetzt doch wieder neue Ideen kamen.

„Wirklich? Das ist ja großartig!“

Er nickte und summte weiter. Dabei tanzte er ungelenk um den großen Tisch herum, bis er direkt bei ihr stand.

„Und weißt du was?“, fragte er mit einem Blick, der ihre Knie augenblicklich weich werden ließ, „ich denke, das habe ich dir zu verdanken! Du bist meine Inspiration!“

Er zog sie in seine Arme.

„Und ich denke auch, dass ich noch ein bisschen mehr Inspiration brauche, um den Song beenden zu können.“ Er zog sie noch näher und senkte seine Lippen auf ihre.

„Hmmm“, brummte er genießerisch. „Jetzt habe ich ganz schön Hunger bekommen!“

Bevor Anna reagieren konnte, zog er sie ganz eng an sich und küsste sie mit einer Inbrunst, die sie alles vergessen ließ.

Atemlos und mit geröteten Wangen stand sie vor ihm, als er sie wieder losgelassen hatte. Sein Lächeln war atemberaubend. Dann grinste er schelmisch und zog beide Augenbrauen kurz hintereinander zweimal hoch.

„Das war gut! Besser als Frühstück!“

Ihr entfuhr ein ziemlich peinliches Kichern. Eddi brachte sie wirklich total durcheinander. Sie war nicht einmal zu einer schlagfertigen Antwort in der Lage, obwohl ihr viel später gleich mehrere einfielen, die an dieser Stelle gepasst hätten. So aber sagte sie gar nichts, sondern wandte sich um, um die Brötchen in den Ofen zu schieben und wenigstens wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.

Eddi holte das Geschirr aus dem Schrank und deckte den Tisch. Als der Kaffee durchgelaufen war, standen Butter, Marmelade, Käse und Tomaten auf dem Tisch und Eddi war eben dabei, noch Rührei für sie zu zaubern. Anna fühlte sich rundum wohl. So konnte es für immer bleiben. In ihrem Inneren sorgen Endorphine für Hochstimmung und um ihr leibliches Wohl kümmerte sich Eddi.

Eine halbe Stunde später war alles verputzt und beide tranken ihre letzte Tasse Kaffee. Sie hatten während des Frühstücks nicht viel geredet, aber immer wieder die Blicke des anderen gesucht. Es war sehr entspannt und langsam fühlte Anna sich auch wieder in der Lage, normal mit Eddi zu reden.

„Was willst du heute machen? Arbeitest du heute an deinem neuen Song?“

Zu ihrer Überraschung schüttelte er den Kopf. „Oh nein, ich denke, ich werde mich lieber um die Kamera kümmern. Heute Nachmittag sollte alles funktionieren, auch die Sprechanlage.“

Anna war gerührt, dass er zuerst an sie dachte.

„Das ist wirklich lieb von dir, aber solltest du nicht lieber an deinem neuen Song arbeiten?“, entgegnete sie vorsichtig. Sie wollte ihn auf keinen Fall verletzten oder ihm vorschreiben, was zu tun war.

Doch er zuckte mit den Schultern. Er lächelte immer noch, also fühlte er sich wohl nicht verletzt.

„Ach nein. Die Melodie ist so gut wie fertig. Jetzt muss ich mir Gedanken über einen passenden Text machen.“ Dann legte er seinen Kopf schräg und meinte versonnen: „Vielleicht sollte ich einen Song darüber schreiben, ein Tor zu bauen?“

Er lachte, als er Annas entsetzten Gesichtsausdruck sah. Dann stand er auf und ging hinaus.

Anna blieb kopfschüttelnd sitzen. Eddi war manchmal eben ein richtiger Kindskopf. Hoffentlich war das nur ein Witz gewesen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Song über ein Tor zu einem neuen Hit werden konnte.

Beim Aufräumen überlegte Anna, was sie mit ihrem Tag anfangen könnte. Sie hatte heute keine Termine, also hätte sie genügend Zeit, gründlich mit Stormy zu arbeiten. Mit Pino wollte sie auch mal wieder eine Trainingseinheit einlegen. Und vielleicht war auch noch Gelegenheit, die Teile für die automatische Tränke zu besorgen.

Sie lächelte vor sich hin bei dem Gedanken daran, was der Tag alles noch bringen konnte.

3. Kapitel

Anna war gerade in der Küche fertig und auf dem Weg nach draußen zu Stormy, als das Telefon klingelte. Sie überlegte kurz, ob sie einfach so tun konnte, als sei sie nicht da, entschied dann aber doch abzunehmen. Es konnte schließlich ein Kunde sein und im Moment konnte sie sich nicht leisten, jemanden vor den Kopf zu stoßen.

Es war kein Kunde, sondern Suzi.

„Hi Anna. Süße, weißt du, wo Eddi ist?“

„Klar, er wohnt hier“, entgegnete Anna ironisch.

„Mensch Anna, du bist blöd.“ Suzi lachte kurz, klang aber insgesamt eher ernst und hektisch. Ungewöhnlich für ihre sonst so fröhliche Freundin.

„Ich meine doch, wo er im Moment ist. Kannst du ihn mal ans Telefon holen?“

„Nee, geht nicht. Der ist vorn am Tor und installiert meine Kamera.“ Anna grinste, denn sie konnte sich die Fragezeichen in Suzis Gesicht gut vorstellen.

„Er macht was?“, kam es auch prompt zurück.

Doch dann wurde Suzi wieder hektisch.

„Ist ja auch egal. Kannst du ihm bitte ausrichten, dass er sich dringend bei seinem Management oder bei seiner Band melden soll? Niemand kann ihn erreichen, weder per Handy noch über das Internet. Es ist wichtig!“

Suzi klang tatsächlich so, als ob es wichtig wäre. Normalerweise nahm sie ihre Arbeit nicht so bierernst und machte sich über den Stress, den die anderen verbreiteten, eher lustig. Aber diesmal schien sie selbst auch Stress zu haben.

„Wieso? Was ist denn?“, wollte Anna wissen. Ihre Neugier war geweckt.

„Hast du noch keine Zeitung gelesen?“, kam sofort die Gegenfrage von Suzi.

Natürlich hatte Anna noch keine Zeitung gelesen. Wo sollte sie die her haben? Sie hatte keine Zeitung abonniert und hier war auch kein Kiosk um die Ecke, bei dem einem die Schlagzeilen immer gleich ins Auge sprangen.

„Was ist denn los?“, versuchte Anna noch einmal, ihrer Freundin Informationen zu entlocken. Zum Glück war Suzi noch nie gut darin gewesen, Geheimnisse für sich zu behalten. Dafür tratschte sie einfach zu gern.

„Was los ist? Die Hölle ist los! Heute sollte doch das Konzert stattfinden. Und irgendjemand muss wohl das Gerücht losgetreten haben, dass die Zeitungsmeldung vom Montag nicht stimmt und dass es Eddi weit schlechter geht als angenommen. Manche reden sogar davon, dass die Band sich schon aufgelöst hat.“

Suzi unterbrach ihren Redeschwall, um kurz Luft zu holen. Dann fuhr sie fort. „Und da kannst du dir sicher vorstellen, dass es auch nicht zur allgemeinen Beruhigung beiträgt, dass die nächsten Konzerte auch noch nicht sicher sind und Eddi wie von der Bildfläche verschwunden ist.“

Sie atmete laut aus.

„Echt?“ Anna wusste selbst, dass ihre Frage dämlich klang, aber zu einer anderen Reaktion war sie im Moment einfach nicht in der Lage.

„Ja, echt“, äffte Suzi sie nach. Heute schien ihr der Humor wirklich abhandengekommen zu sein. Dann wurde ihre Stimme wieder weicher.

„Wie geht es ihm eigentlich? Immer noch die totale Krise? Oder meinst du, er wäre schon wieder in der Lage, einen öffentlichen Auftritt zu absolvieren?“

Anna überlegte.

„Keine Ahnung“, antwortete sie zögernd. „Auf mich wirkt er eigentlich ziemlich normal. Ich würde sagen, dass es ihm besser geht. Die Stimme ist wieder da und er hat auch schon Ideen für einen neuen Song.“

„Na wird ja auch mal Zeit, dass unser Wunderknabe was Neues abliefert.“ Suzis Stimme klang schnippisch.

Was war da nur los? Scheinbar musste ihre Freundin sich jetzt den Frust von der Seele reden, denn sie fuhr gleich darauf fort: „In letzter Zeit haben sie uns immer nur hingehalten. Das mag eine Weile okay sein, aber irgendwann brauchen wir ein neues Album, sonst ist Aus-die-Maus. Und das meine ich nicht mal böse. So ist es einfach. Aber das weiß dein Eddi auch, denke ich. Na ja. Wird schon werden“, schloss sie schließlich mit einem tiefen Seufzer.

Und fast ohne eine Pause, aber mit völlig veränderter Stimme fragte Suzi plötzlich: „Und? Was ist bei dir so passiert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben? Wie läuft es mit deinem Monstervieh? Kann er schon Sitz und Platz?“ Sie kicherte.

Ja, das war Suzi, wie Anna sie kannte. Nahm kein Blatt vor den Mund und war auch oft sehr grob, aber sie meinte es nicht so. Außerdem war es Anna lieber, wenn jemand direkt war als diese Heuchelei, die sie von anderen, ehemaligen Freunden kannte.

„Oh ja, kann er. Und ich habe jetzt auch ein Pferd.“

Anna grinste, als sie sich vorstellte, wie Suzi große Augen bekam.

Suzi war ein riesiger Pferdefan. Sie hatte sogar eine Sammlung dieser kleinen Spielzeugpferde. Die hielt sie aber ganz hinten im Schrank versteckt. Nur Leute, die sie sehr gut kannten, wussten davon.

„Echt?“, fragte diesmal Suzi.

„Ja, echt“, antwortete Anna in genau derselben Stimmlage wie ihre Freundin vorhin. „Er ist ein kleiner, grauer Araber-Mischling und heißt Stormy. Er ist allerdings etwas … na ja … schwierig.“

„War ja nicht anders zu erwarten, wenn er bei dir ist“, entgegnete Suzi sofort. „Den komme ich mir bei Gelegenheit mal anschauen. Mensch, du hast also ein Pferd. Das ist wirklich mal eine Neuigkeit.“

„Das war aber noch nicht alles.“

Anna verspürte auf einmal den Wunsch, Suzi alles zu erzählen. Es tat gut, mit jemandem darüber zu reden, was in den letzten Tagen auf sie eingeprasselt war.

„Meine Eltern waren gestern hier. Sie glauben, ich wäre mit Eddi zusammen“, berichtete Anna kichernd. Jetzt erschien ihr der gestrige Besuch nicht mehr ganz so schlimm, sondern eher lustig zu sein.

Suzi lachte auch. Sie kannte Annas Eltern.

„Oh mein Gott, wie kommen sie denn darauf?“

„Na ja, er hat mich die ganze Zeit festgehalten. Und außerdem wohnt er halt auch hier.“

„Wie jetzt, er hat dich festgehalten?“, fragte Suzi verblüfft nach. „Wie festgehalten? An der Hand? Oder um die Hüfte?“

„Hm, irgendwie beides“, musste Anna zugeben.

„Anna! Sei ehrlich, läuft da was zwischen dir und Eddi?“

Anna druckste herum. „Na ja. Ja. Nein. Irgendwie vielleicht schon.“

Suzi schrie förmlich durchs Telefon: „Irgendwie vielleicht schon? Kannst du das vielleicht mal präzisieren? Was hat er noch gemacht, außer dich vor deinen Eltern festzuhalten?“

Anna musste in sich hineinlächeln, als sie leise antwortete: „Er hat mich geküsst.“

Jetzt gab es auf der anderen Seite kein Halten mehr. Suzi quietschte auf. So aus dem Häuschen hatte Anna sie schon lange nicht mehr erlebt.

„Anna, Mensch. Und sowas lässt du dir aus der Nase ziehen? Du hast was mit Eddi Markgraf, das ist der absolute Wahnsinn!“

Sie machte eine kurze Pause und fuhr dann fort. „Das passt auch ganz gut, denn ihr wohnt ja schon zusammen. Und dann kommen auch noch deine Eltern und lernen den zukünftigen Schwiegersohn kennen.“

Anna wollte protestieren, doch Suzi ließ sie gar nicht zu Wort kommen.

„Was wollten sie überhaupt bei dir? Ich dachte, dein Paps redet nicht mehr mit dir, seitdem du das Haus deiner Tante geerbt hast?“

Also berichtete Anna Suzi nun auch noch in Kurzfassung, dass ihre Tante Lisbeth das Erbe angefochten hatte und dass sie gehofft hatte, ihre Eltern wüssten mehr. Auch Eddis Rolle und wie er ihr zur Seite gestanden hatte, ließ sie nicht aus.

„Er ist so lieb gewesen. War die ganze Zeit bei mir. Auch als ich Stormy geholt habe. Das ist auch so eine Geschichte, aber die erzähle ich dir wann anders. Und jetzt baut er mir sogar noch ein automatisches Tor ein.“ Anna seufzte aus tiefstem Herzen. Dann schwieg sie.

Suzi schwieg auch.

Doch dann fragte sie mit ernster Stimme: „Hast du dir das gut überlegt?“

„Was meinst du?“ Anna stand auf dem Schlauch.

Jetzt war es an Suzi, zu seufzen. „Ach Anna, Süße.“

Ihre Stimme klang besorgt. „Ich höre doch, was los ist. Du bist bis über beide Ohren in Eddi verliebt! Das freut mich auch für dich. Und wie denkt er darüber?“

„Ich weiß es nicht“, musste Anna zugeben. Dann schob sie lieber schnell hinterher: „Aber er hat mich ja nicht nur einmal geküsst. Und es ging immer von ihm aus.“

Wieder seufzte Suzi auf, diesmal klang es schon eine Spur ungeduldiger.

„Süße, ich sage es nur ungern, aber Eddi Markgraf ist ein Rockstar. Und zwar einer, wie er im Buche steht. Er mag ja nach außen den netten Schwiegersohn mimen, aber in Wirklichkeit lebt er seinen Beruf. Der hat in seinem Leben schon mehr Frauen flachgelegt, als wir beide überhaupt kennen.“

„Woher willst du denn das wissen?“, protestierte Anna halbherzig. Denn eigentlich hatte Suzi nur das ausgesprochen, was sie selbst auch schon die ganze Zeit befürchtete.

„Als Mitarbeiterin seiner Plattenfirma bekomme ich leider mehr mit, als ich wissen will. Und Tom hat auch schon einiges erzählt. Diese Mädchen daran zu hindern, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist eine unserer Aufgaben. Und nicht immer die Schönste, das kann ich dir versichern.“

„Aber, er hat doch seit Jahren eine Freundin“, versuchte Anna erneut für Eddi zu argumentieren.

Suzi lachte trocken auf. „Du meinst dieses Model, das immer mal wieder mit ihm gesehen wird und mit der er letztens im Urlaub war? Die sollen ja angeblich seit mehreren Jahren zusammen sein. Also von den letzten Monaten kann ich nichts sagen, aber davor weiß ich von mindestens einer Gelegenheit, wo er ihr untreu war. Johanna hat damals groß davon erzählt, dass sie mit dem Mädchen reden musste. Sie hat ihr sogar Geld angeboten, damit sie dicht hält und Eddis Beziehung und vor allem seinem Ruf in der Öffentlichkeit nicht schadet. Ich glaube, sie hat ihr sogar gedroht. Mit einer Verleumdungsklage oder so. Egal, hat auf jeden Fall gewirkt. Es ist nie was davon an die Öffentlichkeit gedrungen.“

„Aber vorhin hast du doch gesagt, dass er dauernd mit irgendwelchen Frauen zusammen war. Und jetzt weißt du plötzlich nur von einem Vorfall in den letzten Jahren?“ Anna hatte wieder etwas Hoffnung geschöpft.

Und Suzi musste zugeben, dass sie wirklich nur von einem einzigen Vorfall in den letzten vier Jahren wusste. Davor war er wohl kein Kind von Traurigkeit gewesen, was Frauen anging. Aber seitdem war er entweder diskreter geworden oder er war wirklich größtenteils treu. Bis auf diesen einen Vorfall eben.

„Aber mach’ dir trotzdem nicht allzu viele Hoffnungen, Süße. Ich denke, er braucht einfach jemanden zum Flirten und Spaß haben. Und so lange es nur Küsse bleiben, betrügt er seine Freundin ja auch nicht.“

Für eine Weile herrschte Stille zwischen den beiden Freundinnen. Jede hing ihren Gedanken nach. Anna fühlte sich, als sei sie abrupt in die Wirklichkeit zurückkatapultiert worden. Es war ja nicht so, dass sie sich allzu romantische Vorstellungen von Eddi gemacht hatte, aber irgendwie hatte sie unterbewusst gehofft, dass es für ihn mehr als nur ein Spiel war. Dass auch er sein Herz verlieren könnte. Jetzt wurde ihr bewusst, dass das nur Kleinmädchenträume waren. So etwas passierte vielleicht im Märchen, aber niemals in der Realität.

Suzis Gedanken waren jedoch offenbar in die völlig andere Richtung gegangen. Ihre Stimme war leise, als sie sagte: „Weißt du Anna, vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht hat er sich wirklich in dich verliebt. Ich meine, du bist wirklich großartig, was du da allein leistest. Und du bist ein toller Mensch. Und hübsch bist du noch dazu. Also, abwegig wäre es definitiv nicht.“

Anna brachte bei den netten Worten ihrer Freundin nur ein Danke heraus.

Ihr war plötzlich, als hinge ein Kloß in ihrem Hals fest. Die Erkenntnis, dass Eddi ihr das Herz brechen würde und jetzt Suzis aufmunternde Worte, das war alles zu viel für sie. Sie spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Suzi meinte es nur gut, aber jetzt konnte sie Anna nicht mehr vom Gegenteil überzeugen. Es war wirklich lieb, dass sie dachte, Anna wäre so hübsch und großartig. Aber Suzi war da eben parteiisch. Sie waren Freundinnen.

In Wirklichkeit war sie nichts Besonderes. Sie war eher introvertiert, ziemlich pragmatisch und achtete nur mäßig auf ihr Aussehen. Außerdem fand sie ihr Gesicht sowieso ziemlich durchschnittlich. Wenn sie dagegen an die Bilder seiner Model-Freundin dachte – die war alles, was Anna nicht war: jung, hübsch und erfolgreich. Genau die Richtige für jemanden wie Eddi.

Es stimmte schon, ein Rockstar und ein Model passten einfach perfekt zusammen. Sie hatte noch nie davon gehört, dass sich ein Rockstar in eine Verhaltenstherapeutin aus einem kleinen Dorf im Niemandsland verliebt hätte, die absolut durchschnittlich war. Ja, in ihrer kleinen Welt mochte es Mut erfordert haben, aus ihrem alten Leben auszubrechen und etwas völlig Anderes und Neues anzufangen. Doch in den Maßstäben eines Eddi Markgraf war sie einfach nur spießig.

Suzi redete noch eine Weile weiter, doch Anna hörte ihr nicht mehr richtig zu. Sie war in ihre eigenen Gedanken verstrickt. Also beendete sie das Telefonat, sobald sie eine Gelegenheit dazu sah.

„Tschüss, Suzi. Ich rufe dich wieder an. Und ich richte Eddi aus, dass er sich melden soll.“

Dann legte sie auf.

Den Telefonhörer noch in der Hand, stand sie einfach nur da und starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen. Ihr Kopf war wie leer gefegt. Sie konnte einfach an gar nichts mehr denken.

Anstatt wie geplant nach draußen, ging Anna zurück in die Küche und setzte Wasser für einen Tee auf. Das brauchte sie jetzt. Eine Tasse Tee, um sich wieder zu erden und darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte.

Mit der dampfenden Tasse in der Hand musste sie plötzlich hysterisch lachen. Was war sie doch für eine Idiotin gewesen?

Hatte ihre Träume von der ganz großen Liebe mit Eddi Markgraf geträumt, wie mehr oder weniger jeder weibliche Fan. Nur mit dem Unterschied, dass die meisten Fans sich irgendwo bewusst waren, dass es wohl eine Wunschvorstellung bleiben würde. Und sie hatte für einen Moment geglaubt, dass dieses Märchen Wirklichkeit werden könnte.

Hatte überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass das erstens ziemlich unwahrscheinlich war und zweitens sowieso nie gutgehen könnte. Sie hatte hier ihr Haus und ihren Traum. Und Eddi? Der hatte seinen eigenen Traum. Keiner von beiden würde seinen Traum aufgeben wollen.

Zum Glück hatte sie es noch recht schnell gemerkt und konnte jetzt wieder vernünftig denken. Sie war Suzi mehr als dankbar, dass sie ihr den Kopf zurechtgerückt hatte. Sonst wäre sie womöglich noch weiter gegangen. Und es würde auch jetzt schon schwierig werden, ihn wieder loszulassen.

Aber nun konnte sie damit beginnen, Abstand von ihm zu gewinnen, vor allem seelisch. Keine Küsse mehr. Das war für sie absolut klar.

Sie würde ihm einfach so gut es ging aus dem Weg gehen.

Dumm nur, dass sie Suzi versprochen hatte, ihn gerade jetzt zu suchen, um ihm auszurichten, dass er sich bei seinen Leuten melden musste.

Aber eigentlich war es ganz einfach. Sie würde ihm sein Handy bringen und ihm kurz ausrichten, dass er gesucht wurde und dass es wichtig war. Dann konnte sie ihn allein telefonieren lassen, sich zurückziehen und ihre Wunden lecken.

4. Kapitel

Anna eilte durch den Vorraum zum Flur, die Treppe hoch, durch den schmalen oberen Flur bis zu Eddis Zimmer. Es kam ihr immer noch merkwürdig vor, ungefragt sein Reich zu betreten, doch sie wusste ja, dass er draußen war.

Sie schaute sich im Zimmer um. Alles war so unordentlich wie immer, seitdem er hier wohnte. Der Anblick ließ Wut in ihr hochsteigen. Alles war wie immer und doch waren ihre Illusionen vor ein paar Minuten in tausend Stücke zersprungen.

Für sie hatte sich alles verändert. Eddi war nicht der unschuldige Traumprinz, für den sie ihn unerklärlicherweise gehalten hatte.

Die Wut ließ sie alle Bedenken beiseite wischen. Entschlossen durchsuchte sie seine Sachen nach dem Handy. Es war schon seltsam, in den ersten Tagen war dieses Handy Eddis ständiger Begleiter gewesen. Und zuletzt hatte sie ihn überhaupt nicht mehr damit gesehen. Da sie selbst ihr Handy auch meistens unbeachtet herumliegen ließ, hatte sie sich nichts dabei gedacht.

Da lag es.

Auf dem kleinen Nachttisch neben seinem Bett, er hatte es wohl als Wecker benutzt. Sie griff danach, war aber etwas zu schwungvoll und schubste es über die Kante. Entsetzt rannte sie um das Bett herum und hob das Handy auf. Zum Glück war nichts kaputtgegangen, doch der Aufprall hatte das Handy scheinbar zum Leben erweckt. Der Bildschirm leuchtete auf und zeigte einige Nachrichten an. Anna warf neugierig einen Blick darauf.

Ein Haufen Leute hatte bereits versucht Eddi zu erreichen. Keiner der Namen kam Anna bekannt vor, doch das musste nichts heißen.

Während sie noch auf das Handydisplay starrte, begann das Telefon in ihrer Hand wie wild zu vibrieren. Erschrocken hätte sie es beinahe erneut fallen lassen. Das Bild einer Gitarre erschien und die Buchstaben NG.

Anna starrte auf das Handy und hoffte, der Anrufer würde aufgeben. Sie atmete erleichtert auf, als das Vibrieren kurz darauf verstummte. Sie wollte sich das Handy gerade in die Tasche stecken, als es schon wieder vibrierte.

Sie war unsicher. Sollte sie rangehen? Es schien wichtig zu sein.

Aber sie konnte doch nicht an Eddis Handy gehen, so etwas gehörte sich einfach nicht. Sie musste warten, bis der Anrufer aufgab und dann Eddi so schnell wie möglich sein Telefon bringen.

Diesmal dauerte es ewig, bis das Vibrieren aufhörte. Anna zögerte nicht länger, sondern ging so schnell wie möglich nach unten, das Telefon behielt sie gleich in der Hand. Sie hatte noch nicht einmal die Hälfte der Stufen bewältigt, als der Apparat schon wieder einen wilden Tanz in ihrer Hand aufführte. Diesmal hörte das Vibrieren jedoch bereits unerwartet schnell auf.

Dafür hörte sie plötzlich eine Stimme aus ihrer Handfläche. Sie blieb verwirrt stehen. Was war das gewesen? Ein Blick auf das Display zeigte ihr, dass sie offenbar aus Versehen auf den „Gespräch annehmen“-Knopf gedrückt hatte. Noch immer redete jemand am anderen Ende, sie glaubte ein fragendes Eddi zu hören. Ohne darüber nachzudenken, hielt sie das Telefon an ihr Ohr.

„Hallo? Hier ist nicht Eddi. Ich bin Anna Diemer.“

Unvermittelt herrschte Stille.

„Äh … hi“, stammelte es dann am anderen Ende der Leitung. „Hier ist Nick Gerner. Entschuldigung, ich habe mich wohl verwählt.“

„Nein nein“, beeilte Anna sich zu sagen. „Das ist schon Eddis Telefon. Aber ich muss es ihm erst bringen. Er ist draußen am Tor. Es wird ein paar Minuten dauern, bis ich da bin.“

„Aha“, sagte Nick nur.

Anna brauchte ein paar Momente bis ihr aufging, wen sie da am Telefon hatte. Sie lächelte in sich hinein. Vor ihrem inneren Auge entstand das Bild des braunhaarigen Gitarristen von Damn Silence.

Er wunderte sich bestimmt, wen er da am Telefon hatte. Hoffentlich legte er nicht einfach auf.

„Ich habe gehört, die Band hat ein paar Probleme mit den Medien?“, fragte sie einfach rundheraus.

Das war eigentlich gar nicht ihre Art. Normalerweise war sie bei Fremden sehr zurückhaltend. Aber erstens fühlte sich Nick für sie nicht fremd an, weil sie seine Musik nun schon seit Jahren hörte und zweitens war im Moment sowieso alles anders als sonst. Da konnte sie ihre Verwirrung auch mal dazu nutzen, etwas zu tun, was sie sonst nie tun würde.

„Ähm, ja“, erklang es zögernd von Nick. „Deshalb müssen wir auch unbedingt mit Eddi reden und gemeinsam überlegen, was wir jetzt tun wollen.“ Nick war offensichtlich nicht sicher, wie viel er ihr verraten durfte.

Annas Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Sie hatte plötzlich einen aberwitzigen Einfall. Wie automatisch wurde sie langsamer und blieb schließlich ganz stehen.

„Nick?“, sie beschloss, den Gitarristen einfach beim Vornamen anzusprechen. Das war er sicher gewohnt. „Ihr müsst unbedingt mit Eddi sprechen, nicht wahr?“

„Ja?“, erklang es fragend. Er wusste nicht, worauf sie hinauswollte.

„Würde es dann nicht besser sein, mit ihm persönlich zu sprechen? Ich meine, von Angesicht zu Angesicht, nicht nur am Telefon?”

„Klar, das wäre das Beste“, klang es hoffnungsvoll am anderen Ende.

Und dann unterbreitete Anna ihm den Vorschlag, den sie sich gerade zurechtgelegt hatte. Sie lud ihn und den Rest der Band sowie alle wichtigen Personen des Managements zu sich nach Hause ein. Sie sollten einfach so schnell es ging mit dem Flieger nach Berlin und dann mit Mietwagen zu ihr nach Milmersdorf kommen. Sie nannte Nick ihre Adresse. Er war mittlerweile Feuer und Flamme für die Idee und versprach mit den anderen zu reden. Wenn alle einverstanden waren, konnten sie schon am nächsten Tag ankommen.

Dann nahm noch ein weiterer Gedanke in Anna Gestalt an. Sie sprach ihn aus, noch ehe sie sich selbst Gelegenheit gab, darüber lange nachzudenken.

„Nick? Kannst du vielleicht Eddis Freundin bitten, euch zu begleiten?“

Nick zögerte etwas. „Seine Freundin, sicher … warum das?“

Anna beeilte sich, ihm eine möglichst glaubhafte Erklärung zu liefern.

„Er vermisst sie“, behauptete sie, biss sich aber gleich darauf auf die Zunge. Selbst wenn sie sich keineswegs sicher war, dass das stimmte, verursachte allein der ausgesprochene Gedanke ein schlechtes Gefühl in ihr.

„Okay“, hörte sie Nick sagen, er klang aber nicht sehr überzeugt. Anna wertete es trotzdem als Zustimmung.

In ihr krampfte sich zwar alles zusammen, wenn sie daran dachte, wie Eddi in Kürze schon seine Freundin vor ihren Augen in die Arme schließen würde, aber sie hielt das für eine angemessene Schocktherapie. Vielleicht würde sie schneller über Eddi hinwegkommen, wenn sie mit eigenen Augen sah, dass er vergeben und nicht an ihr interessiert war.

Als sie sich von Nick verabschiedete, hatte sie sogar Tränen in den Augen. Sie trauerte ihrer Zukunft mit Eddi hinterher, etwas, was es aus ihrer Sicht sowieso nie gegeben hätte.

Sie war schon halb im Wald, als ihr plötzlich der Gedanke kam, dass Eddi vielleicht gar nicht so erfreut über ihre spontane Idee sein könnte, wie sie gedacht hatte. Er hatte schließlich sämtliche Anrufe und andere Versuche, mit ihm Kontakt aufzunehmen ignoriert und das hatte er sicher nicht ohne Grund getan. Und jetzt hatte sie einfach alle eingeladen. Seine Band, sein Management, sogar seine Freundin. Vielleicht war das doch keine so gute Idee. Wenn sie schon so tolle Einfälle hatte, hätte sie auch mit Eddi darüber sprechen können. Dann wäre zumindest klar, wie er darüber dachte.

Der Wunsch, ihm die Nachricht vom bevorstehenden Besuch seiner Freunde zu berichten, erlosch. Nein, sie konnte jetzt auf keinen Fall zu ihm gehen und ihm ihren Fehler beichten. Dann sollte er sich lieber von allen überraschen lassen. Dann hatte er wenigstens keine Zeit, wütend auf sie zu sein. Oder zumindest würde sie es nicht mit voller Wucht abbekommen.

Also ging Anna stattdessen zu Stormy. Der Hengst schaute ihr aufmerksam und mit gespitzten Ohren entgegen, wich dann allerdings ein paar Schritte zurück, als sie an seinen Zaun trat. Doch im Moment hatte sie gar nicht vor, weiter zu ihm zu dringen. Sie setzte sich, mit Blick zu Stormy und dem Rücken an einen Apfelbaum gelehnt, auf den Boden und streichelte Pino, der sofort zu ihr gekommen war.

„Ich bin so eine Idiotin, wisst ihr das?“, vertraute sie den Tieren an. „Ich habe mich in Eddi verliebt, dabei weiß ich doch, wie aussichtslos das ist.“

Die Worte auszusprechen machten sie irgendwie noch realer. Pino schaute sie mitleidig an. Stormy hingegen hatte schon wieder den Kopf gesenkt und zupfte Gras. Ein Ohr war allerdings in ihre Richtung gedreht, also hatte sie seine Aufmerksamkeit noch nicht völlig verloren. Sie freute sich, dass er in ihrer Nähe so entspannt blieb.

„Aber er sieht einfach so unfassbar gut aus“, fuhr sie fort und hatte dabei Eddis Bild vor Augen, wie er sich gerade die Haare aus dem Gesicht strich und sie dabei angrinste.

„Das weiß er natürlich auch. Ist ja klar. Wenn einem Tausende von Mädchen und erwachsenen Frauen hinterherlaufen und man Liebeserklärungen am laufenden Band bekommt, weiß man natürlich, dass man sich nicht gerade zu verstecken braucht.“

Stormy schnaubte. Anna wertete das als Zustimmung.

„Schön, dass du es auch so siehst, mein kleiner grauer Freund. Aber warte ab, bis wir dich ein wenig auf Vordermann gebracht haben. Dann bist du auch bildhübsch und kannst dich vor verliebten Stuten wahrscheinlich kaum retten.“

Pino stupste sie mit der Nase an, um sie daran zu erinnern, dass er auch noch da war.

„Ja, du bist natürlich auch ein Prachtkerl. Ich bin von lauter Prachtkerlen umgeben. Eigentlich sollte ich ja glücklich sein.“ Sie kicherte über ihre eigenen Worte.

Anna blieb noch eine Weile sitzen und genoss die Stille und den kurzen Moment der Unbeschwertheit. Dann stand sie auf und streckte ihre schmerzenden Glieder. Sie musste jetzt etwas tun, um sich von Eddi und der bevorstehenden Katastrophe abzulenken.

„So, und jetzt mein Süßer, arbeiten wir ein wenig, okay?“

Sie holte das Halfter und einen Führstrick und ging damit zu Stormy auf die Weide.

Dann allerdings wandte sie sich von dem kleinen Hengst, der längst alarmiert zu ihr schaute, vollständig ab und beschäftigte sich mit allem anderen, nur nicht mit ihm. Mit den kleinen Blümchen, die ihr zu Füßen wuchsen, mit den halbreifen Äpfeln, die am Baum hingen oder mit Pino, der hinter der Umzäunung stand und sie aufmerksam beobachtete.

Fast unmerklich näherte Anna sich dem Hengst auf diese Weise. Als sie etwa vier Meter von ihm entfernt war, blieb sie seitlich zu ihm stehen und starrte in die Ferne. Sie versuchte so wenig bedrohlich und uninteressiert wie möglich zu wirken. Dabei hielt sie das Halfter jedoch gezielt so, dass Stormy es sehen konnte.

Es dauerte erstaunlich lange, aber irgendwann bemerkte Anna aus dem Augenwinkel, wie Stormy ein paar kleine Schritte auf sie zu tat und den Hals lang machte, um ihren Geruch einzuatmen. Sobald sie sich seines Interesses sicher war, tat Anna etwas für den Hengst völlig Unerwartetes: Sie ging ein paar Schritte von ihm weg.

Es passierte genau das, was sie beabsichtigt hatte. Er ging ihr verwirrt hinterher.

Sie blieb stehen und wartete bis er so nah bei ihr war, dass sie ihn berühren konnte. Sie schaute ihn noch immer nicht an, doch sie hob langsam die Hand mit dem Halfter an seinen Hals. Seine Haut zuckte an der Stelle, an der sie ihn berührte, doch er blieb stehen. Sie streichelte ihn ein wenig und ließ ihre Hand dann wieder sinken.

Sie beschloss, es für den Moment gut sein zu lassen und ging langsam von ihm weg. Sie schlüpfte durch den Zaun und streichelte Pino, der wedelnd zu ihr kam. Erst jetzt riskierte sie einen Blick auf Stormy. Beinahe hätte sie laut gelacht. Der Hengst stand immer noch an genau der Stelle, an der sie ihn eben verlassen hatte und sah ihr verwundert hinterher. So etwas hatte er in seinem Leben wahrscheinlich noch nie erlebt.

Die meisten Menschen gehen, wenn sie ihr Pferd von der Weide holen wollen, frontal darauf zu und stülpen ihm dann sofort das Halfter über. Selbst für normale und gut sozialisierte Pferde ist das nicht einfach zu ertragen. Wäre sie auf diese Weise auf Stormy zugegangen, hätten sie sich wahrscheinlich ein Wettrennen um die Weide geliefert, bei dem sie nur verlieren konnte. Aber Anna hatte mit dem kleinen Hengst alle Zeit der Welt und die beschloss sie auch zu nutzen.

Sie hörte Eddi den Weg heraufkommen, noch ehe sie ihn sah. Er summte fröhlich eine Melodie vor sich hin, vermutlich dieselbe, die sie heute schon mal von ihm gehört hatte. Fieberhaft überlegte Anna, wie sie ihm möglichst unauffällig aus dem Weg gehen konnte. Dann hatte sie eine Idee. Sie schnappte sich den Führstrick, der lose über ihrem Arm baumelte und leinte damit Pino an. Sie würde jetzt einfach das tun, was sie sowieso geplant hatte und mit Pino trainieren.

Als Eddi um die Ecke bog, legte sie gerade das Halfter zurück in die behelfsmäßige Sattelkammer. Sie konnte nicht anders, sie musste ihn ansehen. Er wirkte zufrieden und glücklich und strahlte sie an. Seine Frisur war ziemlich durcheinander, seine Kleidung hatte den einen oder anderen Fleck abbekommen und quer über seine Nase zog sich ein schwarzer Strich. Wie hatte er das hinbekommen?

Doch ein Blick auf seine Hände brachte die Antwort. Wenn er mit diesen schwarzen Fingern irgendwo entlang strich, hinterließ er unweigerlich eine schwarze Spur.

Trotz seines etwas mitgenommenen Äußeren war er immer noch unvergleichlich sexy und verursachte schon wieder Schmetterlinge in Annas Bauch. Sie wandte sich schnell ab. Sie musste sich unbedingt in Sicherheit bringen, ehe sie alle ihre Vorsätze über Bord warf.

„Muss mit Pino mal wieder trainieren“, waren ihre knappen Worte, bevor sie davoneilte. Seine Antwort ließ sie dennoch inne halten: „Hey, möchtest du nicht wissen, ob alles fertig geworden ist?“, Er wirkte etwas enttäuscht.

Sie zwang sich, sich ruhig wieder umzudrehen und ihn anzulächeln.

„Doch“, antwortete sie leicht gepresst. „Bist du denn fertig geworden?“

Er nickte und grinste über beide Ohren.

„Ich muss nur noch den Monitor installieren, dann sollte alles funktionieren.“

Sie nickte und hoffte, dass es nicht zu unhöflich wirkte, als sie sich wieder abwandte und mit Pino im Schlepptau in Richtung Wald marschierte.

„Hey!“, rief er ihr hinterher.

Sie zögerte, drehte sich dann aber doch noch einmal um.

„Was ist los?“ Er sah sie fragend und ein wenig verwirrt an.

Sie konnte es ihm nicht verübeln, ihr Verhalten musste für ihn sehr irritierend sein.

„Nichts“, antwortete sie, während sie rückwärts ein paar Schritte weiter in Richtung Wald ging. „Ich muss noch mit Pino trainieren.“

Dann wandte sie sich endgültig um.

Eine Stunde später kam sie erschöpft und frustriert zurück. Heute hatte einfach nichts klappen wollen. Es schien, als habe Pino alles verlernt. Er war unaufmerksam und störrisch gewesen. Sie war mehrmals kurz davor gewesen ihn anzuschreien. Was sie davon abhielt, war die leise Erkenntnis, dass nicht der Hund das Problem war, sondern sie selbst. Sie war mit ihren Gedanken nicht bei ihm und ihrer Trainingseinheit gewesen, sondern bei Eddi und seinem enttäuschten Blick. Kurz bevor sie sich endgültig umgedreht hatte, hatte sie ihn noch einmal angesehen. Er sah nicht aus wie ein Rockstar, der mit ihr seine Spielchen trieb. Eher wie ein Mann, den sie mit ihrem Verhalten verwirrt und verletzt hatte.

Diesen Blick hatte sie die ganze Zeit vor Augen gehabt, als sie versucht hatte mit Pino zu trainieren. Kein Wunder, dass der Hund nicht machte, was er sollte. Er spürte genau, dass sein Frauchen mit den Gedanken ganz woanders war.

Pino stand schon wieder vor Stormys Weide. Sie hatte ihn schon im Wald von der Leine gelassen und er war ihr vorausgelaufen. Es war schon seltsam, wie sehr der Hund die Nähe des Pferdes suchte. Und auch Stormy schien Pinos Nähe zu genießen. Die beiden mochten unterschiedlichen Tierarten angehören, aber sie hatten beide eine problematische Vergangenheit und gingen auf ähnliche Weise damit um. Es war, als würden sie beide diese Verbundenheit spüren. Anna zuckte mit den Schultern und lächelte, als sie an Hund und Pferd vorbei in Richtung Haus lief.

Und sie lächelte immer noch, als sie durch die Eingangstür trat und dort erschrocken mit Eddi zusammenprallte.

Er trug eine Akustik-Gitarre in der linken Hand. Mit der rechten hielt er sie fest, weil Anna durch den Zusammenprall das Gleichgewicht verloren hatte. Als sie sich wieder gefangen hatte und nicht mehr Gefahr lief gleich zu stürzen, blickte sie erst auf seine breite Brust und von da aus weiter nach oben, bis sie bei seinem Gesicht angelangt war. Er schaute ganz ernst, in seinen Augen glaubte sie aber, ein belustigtes Funkeln wahrzunehmen.

5. Kapitel

Anna war die Situation äußerst unangenehm. Eigentlich wollte sie Eddi doch aus dem Weg gehen. Und stattdessen stand sie jetzt hier in seinen Armen, spürte ihr Herz klopfen und ihre Knie schon wieder weich werden.

Halbherzig versuchte sie sich zu befreien, doch gegen seine starken Arme hatte sie keine Chance.

Fragend zog er beide Augenbrauen nach oben. „Was ist mit dir los? Warum bist du so nervös?“

Sie sah nur eine Chance, hier wieder mit heilem Herzen herauszukommen: den Frontalangriff.

„Du hast deine Freundin betrogen?“ Es war nur halb als Frage gemeint.

Seine Augenbrauen bewegten sich noch ein Stück weiter in die Höhe

„Was zum Teufel …“, stieß er erstaunt aus.

Er ließ sie los, packte nun jedoch ihr Handgelenk.

„Was redest du da?“ Seine Stimme war auf einmal sehr ernst. Aber dennoch sehr sexy, wie Anna feststellen musste.

Sie musste sich regelrecht zwingen, daran zu denken, dass er dazu fähig war, seinen eigenen Spaß vor die Gefühle seiner Freundin zu stellen. Das ernüchterte sie schlagartig.

„Ich habe gesagt“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, „dass du deine Freundin betrogen hast.“

Sie ignorierte seinen vollkommen perplexen Gesichtsausdruck und schaute stattdessen demonstrativ auf ihr Handgelenk, dass er noch immer schmerzhaft festhielt. Sein Blick folgte ihrem und dann ließ er sich so plötzlich los, als hätte er sich an ihrer Haut verbrannt.

„Ich verstehe dich nicht!“ Jetzt klang er ziemlich verärgert.

Anna rieb sich das schmerzende Handgelenk. Doch sie blickte ihm wieder fest in die Augen. Sie wollte sich jetzt nicht einschüchtern lassen.

„Es ist zwar schon eine Weile her, aber ich habe davon erfahren, dass du deine Freundin mindestens einmal mit einem Fan betrogen hast. Und nur, weil dem Mädchen Geld geboten und ihr mit einer Verleumdungsklage gedroht wurde, ist davon nichts an die Öffentlichkeit gedrungen.“

Damit hatte Anna vollkommen sachlich all das wiedergegeben, was sie vor knapp anderthalb Stunden erfahren hatte. Sie hatte bewusst alle Gefühle aus ihren Worten herausgehalten. Sie wollte ihn einfach mit den Tatsachen konfrontieren und sehen, wie er reagierte. Wirkte er zerknirscht und bereute diese Tat? Oder tat er es einfach mit einem Schulterzucken ab?

In diesem Fall würde sie wenigstens wissen, dass es für ihn keine große Sache war, seine Freundin zu betrügen. Und das würde ihr sicher helfen, schnell über ihn hinweg zu kommen.

Seine Reaktion überraschte sie dann umso mehr.

Er brach in schallendes Gelächter aus.

„Und ich dachte, du meinst unsere Küsse“, brachte er zwischendrin hervor. Er lachte immer lauter.

Anna zog die Augenbrauen zusammen.

„Ja, die meine ich auch. Aber viel schlimmer finde ich es, dass du mit einem anderen Mädchen noch viel weitergegangen bist und das jetzt offenbar auch noch zum Lachen findest.“

Langsam wurde sie wirklich wütend. Mit seiner Reaktion hatte er sie ganz schön aus dem Konzept gebracht.

Seine Lacher ebbten wieder ab. Aber er grinste immer noch, als er meinte: „Ich habe keine Ahnung, wovon du überhaupt redest.“

Anna wand sich unter seinen Blicken.

Was nun? Er stritt es ab. Damit hatte sie nicht gerechnet.

Und was bedeutete das nun? Sie entschloss sich zu einem erneuten Angriff. So leicht würde sie sich nicht geschlagen geben.

„Du brauchst es nicht zu leugnen. Ich weiß es genau. Suzi hat gesagt …“

„Suzi? Dieses Mädchen, was letztens hier war?“, fiel er ihr ins Wort.

„Genau! Sie hat gesagt, dass du früher jede Frau abgeschleppt hast, die nicht bei drei auf dem Baum war. Und auch noch während deiner Beziehung hast du mit mindestens einem Mädchen geschlafen.“ Sie starrte Eddi herausfordernd an.

Er starrte zurück.

Seine gute Stimmung schien wie weggeblasen. „Was ich in meiner Vergangenheit gemacht habe, war bestimmt nicht immer richtig. Ich war jung und habe die Gelegenheiten genutzt, die sich mir geboten haben. Aber ich war meiner Freundin niemals untreu.“

Seine Stimme war schneidend geworden und ziemlich kalt.

Anna wurde unsicher. Er klang ziemlich überzeugend.

„Warum sagt deine Freundin solche Dinge über mich? Ich kenne sie nicht einmal richtig.“

Anna bekam ein schlechtes Gewissen. Stimmte es etwa nicht?

Ihre Stimme hatte viel von ihrer Sicherheit verloren, als sie antwortete: „Sie sagte nur, dass Johanna davon erzählt hat. Und Johanna hatte sehr viel mit euch zu tun, nicht wahr?“

Wenn sich alles als Lüge herausstellte, stand sie ziemlich dumm vor Eddi da.

„Johanna?“, fragte Eddi. Und plötzlich schien er zu verstehen.

Er schloss kurz die Augen. „Soll ich dir mal was über Johanna erzählen?“

Anna nickte automatisch.

„Johanna hat sich in mich verliebt und konnte es nicht ertragen, dass ich meiner Freundin treu bleiben wollte. Sie war wirklich sauer, als ich sie aus meinem Hotelzimmer geworfen habe. Dort hat sie nämlich nach einem Konzert mal auf mich gewartet. Sie war nackt!“ Beim letzten Satz hatte Eddi seine gute Laune wiedergefunden und kicherte.

Anna musste unwillkürlich auch kichern, denn sie hatte diese Johanna gleich nicht leiden können und gönnte ihr solch eine Schmach. Außerdem war sie ungemein erleichtert.

Was Eddi sagte, klang absolut glaubhaft.

Johanna hatte ihm also eins auswischen wollen, indem sie zumindest innerhalb der Plattenfirma verbreitete, dass er fremdgegangen sei.

Das Kichern verebbte und wich einer peinlichen Stille. Anna wusste plötzlich nicht mehr, wo sie hinschauen sollte. Sie hatte sich hier vor Eddi mit ihrer Anschuldigung ganz schön lächerlich gemacht.

Eddi rettete die Situation, indem er aus heiterem Himmel vorschlug ihr zu zeigen, wie die neue Gegensprechanlage zu ihrem Tor funktionierte. Dankbar über den Themenwechsel schaute Anna auf den Monitor, den Eddi im Treppenflur an die Wand gehängt hatte. Eigentlich starrte sie vielmehr darauf, als sei dieser Monitor das achte Weltwunder. Alles nur, um Eddi nicht ins Gesicht sehen zu müssen.

Er nahm eine kleine Fernbedienung aus ihrer Halterung neben dem Monitor und zeigte ihr zuerst, wie sie den Monitor einschalten konnte. Auf dem Bildschirm waren auf einmal der Wald und die Straße zu sehen.

„Mit den Pfeiltasten hier kannst du die Kamera bewegen.“ Eddi drückte auf den nach oben zeigenden Pfeil und das Kamerabild wanderte ein Stück nach oben. Dann das ganze wieder nach unten. Er ließ die Kamera auch einmal nach rechts und einmal nach links wandern. Anna war beeindruckt, sagte aber fast gar nichts dazu. Noch immer war ihr ihr Verhalten von vorhin mehr als peinlich.

„Weißt du was?“, fragte Eddi plötzlich mit einem angedeuteten Lächeln.

Anna schüttelte den Kopf.

„Wir werden es einfach ausprobieren.“ Er schaute sie auffordernd an. Anscheinend erwartete er etwas von ihr. Nur verstand sie leider überhaupt nicht, was er meinte.

„Wie …?“, fragte sie leise. Es war das Erste, was sie überhaupt seit einigen Minuten von sich gab.

„Ganz einfach! Ich gehe vor ans Tor und spiele den Besucher. Du wartest einfach hier!“

Er nickte ihr auffordernd zu und ging schon los, noch bevor Anna die Gelegenheit hatte zu protestieren.

Während sie wartete, lehnte sie mit dem Rücken am Treppengeländer und starrte auf die Gitarre, die Eddi einfach dort hingestellt hatte. Was hatte er vorgehabt, bevor sie in ihn hineingerannt war und ihn dann mit ihren Anschuldigungen überschüttet hatte?

Eine Bewegung auf dem Bildschirm ließ sie hochblicken. Dort stand Eddi, schaute mitten in die Kamera und winkte ihr. Eigentlich winkte er nicht, sondern bedeutete ihr, den Monitor auszuschalten.

Sie drückte den kleinen roten Knopf auf der Fernbedienung und wartete.

Es klingelte. Was jetzt? Sie schaute auf die Fernbedienung. Aha, da war ein Symbol, das aussah wie ein Hörer. Sie drückte versuchsweise darauf.

Erfolg auf ganzer Linie. Das Klingeln verstummte, dafür ging der Monitor an und aus dem kleinen Lautsprecher unten hörte sie Eddis Stimme.

„Kannst du mich hören?“, brüllte er ihr entgegen.

„Ja!“ Sie bekräftigte ihre Aussage mit einem deutlichen Nicken, falls er sie nicht hören konnte. „Aber du bist ganz schön laut.“

Er grinste und fuhr dann in normaler Lautstärke fort: „Ich war mir nicht sicher, wie gut das funktioniert. Ich kann dich auch hören. Kannst du mich sehen?“

Anna nickte wieder. Es war seltsam, Eddi so zu sehen. Er schien so immens weit weg zu sein. Fast so wie früher, als sie ihn nur vom Bildschirm her kannte. Nur dass das Bild hier nicht so gestochen scharf war wie am Fernseher.

Jetzt hampelte er herum und zog Grimassen, so dass Anna lachen musste. Wie ein kleiner Junge, dachte sie, nicht wie ein Mann, der Frauen nur als Sexobjekt betrachtete. Sicher, Eddi sah die Welt vielleicht wirklich als eine Art großes Spiel. Aber er spielte dabei nicht mit den Gefühlen anderer.

Auf einmal wurde der Drang in ihr übermächtig sich bei ihm zu entschuldigen.

„Eddi? Bitte entschuldige“, sagte sie zerknirscht zu dem herumhampelnden Eddi auf dem Bildschirm. Er hörte augenblicklich auf und kam näher an die Kamera heran. Aufmerksam und fragend schaute er sie an. Seine Haare waren ihm in die Stirn gefallen, er strich sie sich gedankenverloren aus den Augen.

Anna räusperte sich. „Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Dafür, dass ich Suzi sofort geglaubt habe. Und dass ich dich so blöde angemacht habe.“

„Oh … okay“, kam seine zögernde Antwort.

Anna hatte noch immer das Gefühl, sich nicht verständlich genug ausgedrückt zu haben.

„Weißt du, ich glaube normalerweise nicht alles, was ich über dich höre, aber ich weiß eben fast gar nichts über dich.“

Noch während sie diese Worte aussprach, merkte sie, wie merkwürdig das klang. Gerade über ihn, über den so viel geschrieben wurde, wusste sie aus ihrer Sicht nicht genug.

„Ich meine“, fuhr sie fort, weil er immer noch nichts sagte, sondern ihr nur interessiert zuhörte, „klar weiß ich die Sachen, die alle wissen. Über deine Band und deine Musik und so. Ich weiß, wie du mit Zweitnamen heißt …“.

Sie merkte selbst, dass sie plapperte. Aber sie konnte auch nicht aufhören. „… und dass sich deine Eltern getrennt haben, als du noch ganz klein warst. Ich weiß, dass du zwei Katzen hast …“

„Du weißt, dass ich Katzen habe?“ Seine Verwunderung überraschte sie.

„Ja, du hast doch erst vor Kurzem in deinem Blog von ihnen gesprochen …“.

Dann fiel es ihr selbst auf: All die anderen Sachen konnte man wissen, wenn man mal das eine oder andere Interview von Damn Silence gelesen hatte. Aber das mit den Katzen wusste nur, wer seinen Blog las. Und das waren im Normalfall nur die eingefleischten Fans.

„Ja, okay. Ich gebe es zu“, meinte sie schmunzelnd. „Ich bin ein großer Fan. Nicht nur von deiner Musik und deiner Band. Auch von dir persönlich.“

Sie wagte es kaum hinzusehen und seine Reaktion auf diese Worte mitzubekommen. Würde er lachen? Böse sein? Verwundert?

Eddi wirkte vor allem nachdenklich. Eine kleine Falte war auf seiner Stirn erschienen. Dann nickte er beinahe unmerklich. Er hob seine rechte Hand und das Kamerabild bewegte sich etwas. Er kam noch näher, so dass sein Gesicht jetzt den gesamten Monitor ausfüllte.

„Du weißt nichts über mich? Dann frag mich!“, forderte er sie auf.

Seine Stimme war um eine Oktave nach unten gerutscht, was Annas Körper sofort mit Gänsehaut reagieren ließ.

Was sollte sie fragen? Ihr war, als wäre ihr Kopf wie leer gefegt. Dieses ständige Auf und Ab der Gefühle hinterließ seine Spuren.

Schließlich fragte sie das Erste, was ihr in den Sinn kam.

„Erzähl’ mir was von deiner Familie.“

Und dann begann Eddi zu erzählen. Von seiner Mutter, seinen Geschwistern und deren Familien. Aber auch von seinem Vater, der ausgezogen war, als Eddi noch ein Kind war und von dem anfangs schwierigen Verhältnis zu seinem Stiefvater.

Er hatte es sich mittlerweile auf dem Waldboden gemütlich gemacht. Anna hatte die Kamera mithilfe der Fernbedienung so eingestellt, dass sie ihn ganz im Blick hatte. Sie selbst hatte sich auch hingesetzt. Sie stellte immer wieder Zwischenfragen und erzählte auch von ihren eigenen Erfahrungen in der einen oder anderen Sache.

Es war, als gäbe ihnen die räumliche Distanz endlich die Gelegenheit, in Ruhe miteinander zu reden. Über alles – ohne, dass das Gespräch in eine unerwünschte Richtung abdriftete oder dass Anna das Weite suchen musste, weil sie ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hatte.

Als ihr Po vom Sitzen auf dem nackten Steinboden wehtat, fragte sie Eddi, ob er nicht zurückkommen wollte, damit sie sich irgendwo an einer gemütlicheren Stelle weiter unterhalten konnten.

Er war von der Idee sehr angetan. Sie musste schmunzeln, als sie sah, wie er sich den Rücken hielt, während er sich langsam und umständlich vom Waldboden erhob. Er war eben auch nicht mehr der Jüngste.

Als Anna den Monitor ausschaltete, sah sie kurz die Zeit eingeblendet. Sie hatten fast eine Stunde miteinander geredet. Hoffentlich ging das auch noch so gut, wenn sie sich wieder gegenübersaßen.

Sie bestellten Pizza, weil keiner von ihnen richtige Lust hatte zu kochen.

Mittlerweile war es schon lange nicht mehr Mittag, aber auch noch nicht Abend. Nicht gerade Hochsaison beim Pizza-Service. Es dauerte deshalb nicht lange, bis die bestellte Lieferung eintraf. Anna war glücklich und Eddi stolz, als sie gleich ihre neue Gegensprechanlage und das automatische Tor ausprobierte und den Pizzaboten bis ans Haus lotste.

Pino ließen sie vorsichtshalber eingesperrt. Sie gingen gemeinsam nach draußen, um die Pizza in Empfang zu nehmen. Der Fahrer war derselbe, der schon öfter Pizza zu Anna geliefert hatte. Er beglückwünschte sie kurz zu ihrer neuen Errungenschaft und fuhr dann glücklich mit seinem großzügig bemessenen Trinkgeld wieder von dannen.

Die Sonne schien noch hoch am Himmel, so dass es sich etwas seltsam anfühlte, Wein zur Pizza zu trinken, aber es erschien beiden passend, also hatten sie eine Flasche geöffnet.

Autor

  • Sandra Helinski (Autor)

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