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Liebe auf den ersten Schlag (Liebe, Chick-Lit, Sports-Romance)

von Saskia Louis (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Luke hat ein Problem. Die Presse denkt, er ist ein Womanizer und das findet das Management des Baseballspielers überhaupt nicht lustig. Eine prüde, langweilige und durchschnittliche Freundin muss her … und wer würde sich da besser eignen als die süße, deutsche Eventplanerin, der ‚normal‘ und ‚langweilig‘ praktisch auf die Stirn geschrieben steht?

Emma hat kein Problem. Bis sie von ihrer Firma nach Philadelphia versetzt wird und sie ausgerechnet ihrem einzigen One-Night-Stand über den Weg läuft. Dass der Kerl berühmt und reich ist, hat er bei der letzten Begegnung wohl vergessen zu erwähnen. Und dann kommt er auch noch mit der wahnwitzigen Idee um die Ecke, sie solle seine Freundin mimen, damit er sein Image aufpolieren kann. Natürlich wird sie das nicht tun. Doch der Mann hat einfach ein paar richtig gute Argumente.

Impressum

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Erstausgabe Juli 2016

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-040-1
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-041-8

Covergestaltung: Antoneta Wotringer Grafikdesign
unter Verwendung eines Motives von
© Geoff Goldswain/123rf.com
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Hi, ich bin Saskia Louis …

… und freue mich, dass auch du zur großen Fan-Gemeinde der Baseball-Love-Reihe zählst. Ich bin noch lang nicht fertig mit den Delphie-Jungs und habe noch eine Unmenge an Ideen, die auf’s Papier wollen und erfolgreich unwichtige Informationen wie die Bedienung einer Waschmaschine oder eines Staubsaugers verdrängen. Wen sollte das auch interessieren?

Was mich aber interessiert, ist deine Meinung! Was denkst du über meine Geschichten? Und noch viel spannender: Über welches Paar würdest du gerne noch etwas lesen? Welche Geschichte sollte in einer Novelle weitergeführt werden? Aus diesem Grund habe ich mit meinem Verlag die Create-your-story-Idee für die Baseball Love-Reihe ins Leben gerufen.

Du – ja, ich rede mit dir, nicht mit deiner Nase, die in den Reader gedrückt ist – du kannst mir schreiben und mitteilen, wie du dir eine neue Novelle aus der Baseball-Love-Reihe vorstellst. Wer verdient ein (weiteres ;)) Happy End oder soll durch einen dramatischen „Cliffhanger“ vom Schicksal auf die Probe gestellt werden? Ich freue mich über deine Ideen!

Hast du Lust? Dann schreib mir einfach eine E-Mail an yourstory@baseball-love.de. Ich freue mich riesig auf deine Nachricht und hibbele schon jetzt deinen Ideen und Vorschlägen entgegen!

Liebe Grüße
Deine

Signatur

Saskia Louis

Prolog

Vor 17 Jahren …

„Bist du sicher, dass du das willst, Luke?“

Er nickte fest. „Ich möchte Baseball spielen, Mama. Und in Deutschland benutzen die Menschen einen Baseballschläger nur, um sich gegen Einbrecher zu verteidigen.“

„Okay.“ Seine Mutter lächelte und strich ihrem Sohn mit der Hand durch die dunklen Locken, sodass sie ihm nicht mehr in die Stirn fielen. Irgendwann würde er sich die Haare abschneiden und anfangen, Frauenherzen zu brechen. Im Moment hatte er sein Herz jedoch an einen Ball und einen Schläger gehängt.

„Du musst dir wirklich keine Sorgen machen.“ Er zog ihre Hand aus seinen Haaren und schulterte den Rucksack. „Papa passt auf mich auf. Das wird schon.“

Er grinste breit. „Ich schicke dir auch meine erste Autogrammkarte.“

Emma starrte ihre ältere Schwester wütend an und rückte das Zeitungspapier auf ihrem Kopf zurecht. „Du bist der Pfarrer, Milla. Du musst nur fragen: ‚Wollen Sie den hier anwesenden Max heiraten?’ Das ist alles.“

Der hier anwesende Max hatte Schweißperlen auf der Stirn und zog die Nase hoch. „Wir müssen nicht heiraten, wir können auch …“

Nein.“ Besitzergreifend griff Emma seine Hand und zog ihn näher zu sich heran. „Jetzt wird geheiratet! Ich habe alles genau geplant. Niemand macht mir das kaputt.“ Ihr Kopf lief rot an und ließ ihre Haare noch heller leuchten.

„Ich glaub’, du willst Max nicht heiraten. Du willst doch nur den Kuchen essen“, sagte die Pfarrerin gehässig.

„Es gibt Kuchen?“ Max war wieder vollkommen im Diesseits und bekam leuchtende Augen. „Okay. Lass uns heiraten, Emma, ja?“

Emmas Mund öffnete sich und anhand ihres glasigen Blicks konnte man erkennen, dass sie nachdachte. Schließlich seufzte sie tief und schüttelte den Kopf. „Wir müssen das alles noch mal von vorne machen. So hatte ich mir das nicht gedacht.“

„Gott.“ Milla verdrehte die Augen. „Du musst immer den Plan verfolgen. Das nervt, Emma!“

„Du nervst.“ Max hinter sich herziehend lief sie noch einmal den Flur hinab und stellte sich in Pose, um den Hochzeitsmarsch auf ein Neues mit ihrer Stimme zu imitieren.

„Du wirst nie heiraten, Emma!“, schrie Milla.

„Wenn meine Pfarrerin so ’ne dumme Nuss ist wie du, dann bestimmt nicht!“, brüllte Emma zornig zurück und wandte sich ihrem baldigen Angetrauten zu. „Und diesmal atme bitte ein bisschen leiser, ja? Sonst können die hinteren Reihen gar nicht hören, was ich sage.“

Eins

Vor etwas mehr als einem Jahr …

„Natürlich würde ich dich gern wiedersehen. Ich habe mich nur nicht gemeldet, weil ich … deine Nummer verloren habe.“ Warum glaubten Frauen diese Ausrede eigentlich noch? Sie war so alt wie der Beruf der Prostituierten.

Na ja, ihm sollte es recht sein. Luke konnte nicht jede Frau, mit der er sich traf, wieder anrufen. Was dachten diese Mädchen sich nur? Dass er neben seinem Beruf zu viel Freizeit hatte?

Er hätte doch eine Assistentin einstellen sollen. Die hätte Flyer verteilen können, auf denen erklärt wurde, was ein One-Night-Stand ist.

Aber seitdem er mit der letzten geschlafen hatte, war sein Manager von der Idee einer Assistentin nicht mehr ganz so angetan.

Luke sah aus dem Fenster und warf einen letzten Blick auf Philadelphias Skyline, bevor sein Taxi auf die Interstate 95 bog und Gas gab. Na ja. Die amerikanische Art des Gasgebens. Großer Gott, freute er sich wieder auf die Autobahn.

Die Frau am anderen Ende der Leitung redete ununterbrochen weiter, sodass Luke den Hörer zeitweilig einfach auf sein Knie legte und noch einmal überprüfte, ob er seinen Pass dabeihatte. Als sein Knie nicht mehr von den Schwingungen der weiblichen Stimme vibrierte, hob er den Hörer wieder auf.

„Hör mal, Be … Br …“

Wie hieß sie noch gleich? Beverly? Brittany? Irgendein Stripperinnenname. „Hör mal, Liebes“, schwenkte er um, „ich verspreche dir, wir werden uns wiedersehen … wann?“ Genervt fuhr er sich mit der Hand durch die kurzgeschorenen Haare. Warum wollten Frauen immer alles kontrollieren? Das war so unglaublich nervig.

„Nein, heute ist es schlecht, ich bin auf dem Weg zum Flughafen. Tut mir leid. Ich werde die nächsten Wochen erst einmal meine Mutter und Freunde besuchen.“ Er beglückwünschte sich für sein Timing. In seinem Ohr piepte es zweimal kurz. „Tut mir leid, Liebes, da ist jemand in der anderen Leitung. Ich rufe dich an, wenn ich wieder aus Deutschland zurück bin, okay?“ Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern legte einfach auf. Seine Nerven waren nicht endlos strapazierbar.

„Luke Carter“, meldete er sich, während das Taxi von der Interstate abfuhr und bereits den ersten Ausschilderungen zum Flughafen folgte.

„Heute schon in die Zeitung gesehen?“

„Dir auch ’nen schönen Abend, Wes.“

„Hast du?“

„Nein. Gibt’s was Interessantes zu sehen?“

„Oh, sehr interessant. Als dein Freund sage ich dir: Respekt, Alter. Als Agent: Hör auf mit dem Scheiß. Die Welt ist nicht deine verfluchte Kirmes! Du bist ein Vorbild für tausende von Kindern, also benimm dich auch so!“

„Wesley.“ Luke seufzte tief und fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht. Heute war wirklich nicht sein Tag. Er hatte einen Kater, elf Stunden Flug vor sich und einen Geduldsfaden in der Länge seines kleinen Fingers. „Sag mir worum es geht, bevor du mich anmachst, okay? Dann könnte ich vielleicht auch einen Kommentar abgeben.“

Für kurze Zeit herrschte Stille am anderen Ende. „Weißt du noch, was du gestern zwischen ein und vier Uhr morgens gemacht hast? Wenn nicht, ist das nicht schlimm, denn ganz Amerika kann dich jetzt daran erinnern.“

Luke runzelte die Stirn. Gestern Nacht … „Wieviel Uhr, sagtest du?“

„Warte. Ich lese es dir vor. Die Überschrift wird dir gefallen:

Kann Luke Carter sich vor sich selbst noch retten?

Gestern Nacht, nach dem 5:2-Sieg über die Bosten Red Sox, konnte man den Starpitcher der Delphies wieder einmal bei einem seiner Partygänge von Bar zu Bar begleiten

Pass auf, jetzt kommt meine Lieblingsstelle:

Nachdem er einem Minderjährigen auf der Straße sein Bier in die Hand drückte, war er im Club „The Haunted“ willkommen, den er gegen vier Uhr nachts, gezwungen durch den Türsteher, wieder verlassen musste. Doch das tat Carters Stimmung keinen Abbruch, denn nichtsdestotrotz konnte er schließlich zwei leicht bekleidete Frauen mit zu sich nach Hause nehmen. Ob er sie für ihre Dienste bezahlen musste, bleibt unsicher.

Und ein hübsches Foto ist auch dabei. Natürlich tragen die Damen keine Unterwäsche.“

„Ich musste sie nicht bezahlen!“, fuhr Luke auf und starrte wütend in den Himmel, den mehrere Flugzeuge kreuzten. „Musste ich nie.“ Was dachte sich die Presse dabei, sowas zu verbreiten?

„Das ist dein Kommentar zu diesem Artikel?“ Wesley hörte sich nicht amüsiert an. „Luke! Das ist in diesem Monat schon der dritte dieser Art. Dein Management macht Druck.“

Luke sank im Taxi zusammen und stöhnte. „Wes, du kennst die Presse, die übertreiben wieder bis ins Maßlose. Der Artikel ist völlig überzogen. Die würden sowas selbst dann schreiben, wenn ich mich benehmen würde.“

„Einem Minderjährigen, Luke!“

„Er sah älter aus.“

„Er war neunzehn.“

„Ich finde diese Regelung, dass man Alkohol erst mit einundzwanzig trinken darf, sowieso bescheuert. Sieh es doch als Statement von mir: Amerika ist gar nicht so frei wie viele behaupten.“

„Wir sind nicht in Deutschland, Luke.“

„Tatsächlich? Danke für den Realitätscheck.“

„Pass einfach auf, was du demnächst so machst, okay? In Deutschland bist du ja sowieso erstmal unterm Radar, also genieße die Zeit, damit du hier dann wieder menschlich werden kannst. Schöne Feiertage, Mann. Ich geb’ dir einen aus, wenn du wieder hier bist.“

Und mit diesen Worten legte Wesley auf. Als Agent konnte er ein echter Arsch sein, aber als Freund war er das Beste, was Luke hätte finden können.

Das Taxi hielt am Gate der First-Class. „Sir, wir sind da.“

„Danke. Was schulde ich Ihnen?“

Der Fahrer tippte auf das Taxameter und lächelte in den Rückspiegel. „Und würde es Ihnen etwas ausmachen, mir ein Autogramm zu geben, Mister Carter? Mein Sohn ist ein Riesenfan.“

Müde nickte Luke, schloss die Augen für ein paar Sekunden und sah dann wieder auf. „Natürlich. Wie heißt Ihr Sohn denn?“

„Es ist ein Junge!“

„Oh nein!“

„Was?“

„Äh …“ Emma wechselte die Hand, in der sie das Telefon hielt, und schlug den Kragen ihres Wintermantels hoch. Das war vielleicht nicht die Reaktion, die ihre Schwester erhofft hatte, aber ernsthaft – ein Junge?

Ein Junge würde zu einem Mann heranwachsen und diese natürliche Strafe hatte ihr Neffe einfach nicht verdient.

„Ich meine, das ist toll!“, sagte sie trotzdem. „Wir brauchen nur mehr starke Frauen auf der Welt, das ist alles!“

„Für weitere starke Frauen musst du wohl selbst anfangen, Kinder zu produzieren“, lachte Milla. „Ich bin erst einmal bedient. Aber ich sage dir: Ich habe noch kein schöneres Baby gesehen!“

Emma verkniff es sich, sie darauf hinzuweisen, dass das alle Mütter dachten. Bei ihrer Schwester musste es nämlich stimmen. „Es hat ja auch erstklassiges Gen-Material.“

„Wohl wahr. Obwohl Steve meint, er sieht nur mir ähnlich.“

„Umso besser.“

„Hey, mein Mann ist absolut heiß!“

Nachdenklich wiegte Emma den Kopf hin und her. „Nicht so heiß wie du, aber ich schätze, ich könnte ihn als lauwarm durchgehen lassen.“

„Du bist unmöglich!“ Millas Lachen ging in ein Seufzen über. „Ich vermisse dich wirklich.“

„Ich weiß.“ Es fing an zu schneien und Emma bog nach rechts. „Ich hasse es, nicht einfach zu dir rübergehen und deinen Sohn bewundern zu können. Schick mir so viele Fotos wie möglich. Ich will ihn mir dreidimensional vorstellen können!“

„Werde ich. Aber er sieht auch in 2D unglaublich aus.“

„Ja, aber wir befinden uns im einundzwanzigsten Jahrhundert, hier wollen wir alles in 3D“, lachte Emma und konnte nicht ganz verhindern, dass ihr der Gedanke daran, dass Milla keine zwei Jahre älter war als sie, aber bereits einen wunderbaren, lauwarmen Ehemann und einen wunderschönen Sohn besaß, einen Stich versetzte. Sie wollte das auch – und sie hatte auch mal daran geglaubt, dass sie das alles haben könnte.

„Ich bin so stolz auf dich, Mill“, flüsterte sie und hoffte, dass die aufkommenden Tränen nicht auf ihrem Gesicht festfrieren würden. „Du wirst eine tolle Mama sein! Ruf an, sobald mein Neffe nach mir fragt, okay? Mir egal, ob es zu teuer ist, von Amerika aus anzurufen. Es gibt Skype und WhatsApp und Rauchzeichen …“

Milla lachte. „Obwohl ich fest davon überzeugt bin, dass mein Sohn ein intelligenter Überflieger ist, fürchte ich, dass es noch etwas dauern könnte, bis er sprechen kann.“

Ja, richtig. Er war ja ein Mann. Emma seufzte. Armer Kerl!

„Na, dann ruf an, wenn ihr euch auf einen Namen geeinigt habt. Ich hab’ gehört, Emmo soll schön sein …“

Milla schnaubte. „Mit diesem Namen wird die Highschool bestimmt ein besonderes Erlebnis für ihn!“

„Na ja, besser als wenn ihr ihn nach einer Frucht benennt! Ich sag’ dir, die spinnen die Amis – dein Ehemann mal ausgeschlossen. All diese armen Kiwi-Melons, die bei euch herumlaufen!“

„Wir werden schon noch einen Namen finden!“, meinte Milla fröhlich. „Die Geburtsurkunde setzt uns da etwas unter Druck … wieso muss ein Kind direkt einen Namen bekommen? Man weiß doch erst nach ein paar Jahren, ob es sich als ein Kevin herausstellt.“

Prustend rieb Emma die kalte Hand an dem Hörer. „Wie sagte noch mein Professor: Kevin ist kein Name, Kevin ist eine Diagnose! Aber ich muss jetzt auch Schluss machen, die Arbeit ruft.“

„Hast du immer noch tausend Jobs, trotz abgeschlossenen Studiums?“

„Ich warte noch auf die richtige Firma.“

„Warte du nur, solange ich ein Kind großziehe.“

„Gemein! Nichtsdestotrotz hab’ ich dich lieb und muss jetzt auflegen.“ Emma sah in das Fenster des Edel-Italieners, bei dem sie als Kellnerin jobbte.

Enrico, der Oberkellner, winkte ihr durchs Fenster zu. „Ich glaub’, mein Chef grüßt mich … vielleicht versucht er auch, eine Fliege zu verscheuchen. Egal, gib meinem Neffen einen Kuss von mir und grüß deinen lauwarmen Ehemann!“

„Steve ist …“
„Ja ja, super-heiß und super-sexy und ich sterbe vor Neid. Wir sprechen uns, Mill!“

„Tun wir!“, verabschiedete sich auch ihre Schwester und legte auf.

Für ein paar Sekunden starrte Emma wehmütig ihr Telefon an, dann seufzte sie schwer und nahm die wenigen Stufen, die ins Giovanni’s führten.

Die Wärme, die ihr entgegenschlug, war ihr so willkommen, dass sie beinahe laut und gar nicht jugendfrei aufgestöhnt hätte.

„Ciao Bella, geht es dir gut?“

„Jetzt schon!“, seufzte sie und zog ihre Jacke aus, um sie an die Garderobe zu hängen. „Und hör auf, mich Bella zu nennen – das sagst du nämlich zu jeder und dadurch fühle ich mich nur billig!“

„Aber du bist die Einzige, bei der ich es ernst meine“, versicherte ihr Enrico und nahm ihr die Jacke aus den Händen, um sie für sie an die viel zu hoch angebrachten Kleiderhaken zu hängen. Ja, Emma war klein – diskriminierend fand sie die Garderobe trotzdem.

Sie sah sich im halbdunklen Raum um und bemerkte, dass es bis jetzt nur wenige Gäste gab. Es wunderte sie nicht, die Rush Hour würde erst in einer Stunde anfangen.

Sie strich die schwarze Bluse glatt, die sie unter einem roten Blazer trug – ihre Arbeitsuniform – und bemerkte, dass Enrico sie noch immer anstarrte.

„Was ist?“, wollte sie wissen. „Habe ich ein großes ‚L‘ auf der Stirn?“

„Nein, ich habe nur vielleicht etwas für dich …“

„Keine Kuppelversuche mehr, Enrico!“, fuhr sie ihm mit erhobener Hand dazwischen. „Deine Verwandten sind ja wirklich nett, aber auch italienische Männer bleiben Männer.“

Enrico grinste. „Du bist seit zwei Jahren nicht mehr ausgegangen, Bella. Das ist ungesund. Das stresst dich. All das nur wegen einer kleinen Trennung …“

„Mein Verlobter hat die Hochzeit abgesagt. Klein ist nicht das richtige Wort.“

„Ich denke trotzdem, dass du dein Herz noch einmal riskieren solltest – aber ich habe nicht von einem Mann gesprochen. Ich habe von einer freien Stelle bei einer Eventmanagementfirma gehört – das hast du doch studiert, oder nicht?“

Wenn das eine gute Stelle war, könnte Emma glatt vergessen, dass er sie an ihren Ex-Verlobten erinnert hatte. Und dass er ebenfalls ein Mann war. Viel eher sollte sie Mitleid mit ihm haben. Er musste schließlich mit diesem Handicap leben!

„Schön, dass du nach vier Jahren endlich herausgefunden hast, was ich eigentlich studiert habe! Und was ist das für eine Stelle? Bei welcher Firma?“

Er zuckte die Achseln, während Emma um das kleine Pult herumging, das für heute Abend ihr Reich sein würde. „Keine Ahnung. Irgendetwas mit Event im Namen. Events & More oder Make More Event oder so?“

Abrupt blieb sie stehen und sah den Oberkellner mit großen Augen an. „Bei More & More-Events ist eine Stelle frei geworden?“

„Ja, richtig. Das war der Name. Kennst du den Laden?“

Ob sie den Laden kannte? Das war der Rockstar unter den Event-Firmen! Das I-Phone unter den Handys, die Ananas unter den Früchten, der Rasenmäher unter den Nagelscheren!

More & More-Events hat eine Stelle frei?“, wiederholte sie. Sie hasste sich dafür, doch ihre Stimme kam einem Quietschen gleich. Sie konnte nicht anders. So geplant Emma auch denken und organisieren konnte, ihre Art und Weise, mit neuen Informationen umzugehen, erinnerte manchmal doch stark an ein Kind im Bälle-Bad.

Wenn sie bei More & More-Events eingestellt würde, könnte sie nach zwei Jahren dort ihre eigene Firma eröffnen – mit garantiertem Erfolg. Der gute Ruf eilte der Firma voraus und würde dann mit großer Wahrscheinlichkeit automatisch auf sie abfärben.

Sie sprang Enrico in die Arme und drückte ihn fest. „Das ist der Hammer, Enrico! Ich bin zu baff, um dich danach zu fragen, woher du das überhaupt weißt!“

Enrico tätschelte ihr etwas unbeholfen den Rücken. „Du hast wirklich die Fähigkeit, dich für Dinge übermäßig zu begeistern.“

„Wie könnte ich sonst hier arbeiten?“

Zwei

Es war schon faszinierend. Luke stieg in einer Welt ein und landete in einer völlig anderen.

Am Kölner Flughafen wurde er von niemandem nach einem Autogramm gefragt. Niemand kannte seinen Namen, niemand hatte diesen dämlichen Artikel gelesen und niemand ging ihm auf die Nerven. Es war wie Urlaub von seinem Leben.

Seine Mutter hatte sich kaum verändert. Ein paar mehr Falten zierten ihr Gesicht, aber sie umsorgte ihn noch genauso wie zu der Zeit, als er dreizehn Jahre alt gewesen war. Er hatte ihr seinen Koffer gewaltsam aus der Hand reißen müssen, um ihr deutlich zu machen, dass er ihn alleine tragen konnte.

Nachdem er geschlafen und den Jetlag so gut wie möglich zu ignorieren versucht hatte, hatte seine Mutter ihm das beste deutsche Mittagessen gemacht, das dieses Land zu bieten hatte: Braten, Knödel, Rotkohl und dazu typisches dunkles Brot.

Jetzt stand er mit seinen Freunden in der verdammten Kälte und wusste nicht wohin. Sie waren zu viert, zwei von ihnen verheiratet – die armen Schweine waren keine dreißig und verheiratet was die Suche nach einem passenden Ort ein wenig einschränkte.
Aus ihm unverständlichen Gründen wollten sie daher nicht in einen Stripclub.

Es war merkwürdig. Luke hatte seine Freunde seit einem Jahr nicht mehr gesehen, aber sie behandelten ihn, als sähen sie ihn jeden Tag, als wäre er immer noch einer von ihnen. Und das nach sechzehn Jahren. In Philadelphia hatte er keine Freunde aus der Highschool mehr. Nachdem er Profi-Baseballspieler geworden war, hatte sich die Gruppe in Neider und solche, die sich im Ruhm sonnten geteilt. Oder vielleicht war Luke auch einfach zum Arsch geworden. So genau war er da noch nicht hintergekommen.

„Wie wär’s mit Club Casanova?“, schlug Daniel – verheiratet – vor.

„Bist du des Wahnsinns? Um acht Uhr abends ist es dort noch vollkommen leer. Und wir sind zu alt dafür.“ Meik sah seinen Freund an, als hätte er zu lange an den Windeln seiner Tochter gerochen. „Worauf hast du Lust, Luke? Du bist doch sozusagen unser Ehrengast heute, was heißt: Du hast die freie Wahl.“

„Ich habe Hunger. Wie steht’s mit Italienisch? Das, was die in den USA Pizza nennen, möchte ich nicht weiter erörtern.“ Der Boden der glutenfreien Pizza bestand aus Hackfleisch. Das war einfach nur falsch.

Der Kreis nickte und Finn, der Vierte im Bunde, der bereits mit drei Kindern gesegnet war – wie lebensmüde musste man sein –

 schlug die kalten Hände aufeinander.

„Italienisch ist eine gute Idee. Giovanni’s?“

„Ist bestimmt überfüllt“, meinte Daniel. „Aber wir können es ja versuchen.“

„Ist das weit weg?“ Luke war nicht gerade scharf darauf, noch Stunden in der Kälte umherzuwandern.

„Gleich um die Ecke“, beruhigte ihn Meik.

Die Gruppe trottete los und stand wenige Minuten später vor dem genannten Lokal. Das Restaurant hatte eine breite Glasfront, durch die man die edlen, komplett überfüllten Esstische und die relativ rustikal eingerichtete Bar erkennen konnte.

„Das sieht verdammt schlecht aus.“ Meik reckte den Hals und Luke musste ihm zustimmen. Es sah aus, als säßen schon zwanzig Leute zu viel in dem Raum.

„Egal. Wir fragen mal nach“, sagte Finn.

Die kalte Luft drängte die Männer in den Eingangsbereich, an deren Garderobe dutzende von Jacken der Schwerkraft trotzten. Mehrere Pärchen und eine Kleinfamilie standen ebenfalls im Wartebereich und rückten langsam in das Restaurant, zu einem dunkelbraunen Holzpult vor, bei dem offenbar die Tische verteilt wurden. Luke konnte nicht erkennen, wer hinter dem Pult stand, weil ihm immer wieder die Sicht von irgendwelchen Menschen versperrt wurde und die Person dort nicht außerordentlich groß zu sein schien.

„Oh, es ist eine Frau. Glück für uns.“ Finn lachte und sah Luke auffordernd an.

„Glück für uns?“, wiederholte dieser die Worte seines Freundes. „Warum Glück?“

Die Menge hatte sich inzwischen gelichtet und jetzt konnte auch Luke einen Blick auf „ihr Glück“ werfen.

Eine blonde Frau, etwa Mitte zwanzig, die Luke in ihrem roten Blazer an eine der Fahrstuhldamen erinnerte, die in amerikanischen Hotels die Knöpfe für die Gäste drückten, schaute auf eine Liste und hakte irgendetwas ab. Ununterbrochen fielen ihr die Haare ins Gesicht, die sie im Sekundentakt wieder hinter ihre Ohren strich.

Sie war wirklich klein. Ihr Kopf würde wahrscheinlich nicht einmal sein Kinn berühren und ihre Faust sah aus, als könne Luke sie mit einer Hand umschließen.

„Die ist doch ganz süß, Luke.“ Meik boxte ihm gegen den Oberarm. „Findest du nicht?“

Süß war eigentlich ganz gut getroffen. Sie war keine umwerfende Schönheit, keine der Frauen, mit denen Luke gestern in der Zeitung abgelichtet worden war, aber ihr Gesicht konnte man durchaus als hübsch beschreiben. Und der Körper … na ja, nicht jeder konnte sein Leben in einem Fitnessstudio verbringen und Größe sechsunddreißig tragen.

„Hundewelpen sind auch süß. Darauf machst du mich aber nicht aufmerksam. Also warum …?“ Luke verengte die Augen und sah sich drei grinsenden Männern gegenüber. „Oh, nein!“

„Komm schon. Nur ein bisschen flirten. Dann kriegen wir schon einen Platz“, bemerkte Daniel.

Luke hob die Augenbrauen hoch. „Warum machst du das nicht?“

„Ich bin verheiratet“, meinte er abwehrend. „Es wäre ungehörig von einem verheirateten Mann zu flirten, nicht wahr?“

Aufmunternd klopfte Finn ihm auf die Schulter. „Außerdem siehst du von uns allen am besten aus und bist Profisportler, also top in Form. Da bleibt doch keine Frage offen, oder?“

Luke stöhnte laut. „Macht ihr das immer so? Schleimen, bis jemand nachgibt?“

„Das ist die deutsche Art, Alter.“

„Ich bin hier aufgewachsen, Finn. Und das ist sicherlich nicht die deutsche Art. Das wirkt eher sehr amerikanisch.“

„Du willst hier doch essen, nicht?“, fragte Meik langsam und sein Grinsen wurde immer breiter.

Ja, diese Kerle behandelten ihn wirklich so, als sähen sie sich jeden Tag.

Schön. Was sollte es? Es war ja nicht so, als hätte Luke ein Problem damit, zu flirten. Er musste ja nicht gleich mit dem Mauerblümchen ins Bett springen.

„Okay, ich opfere mich. Für die Runde. Und nachher gebt ihr mir einen aus.“

Was zum Teufel lungerten diese Kerle da im Eingangsbereich herum? Sie sahen aus wie Hundewelpen, die darauf warteten, abgeholt zu werden. Und jetzt klopften sie sich auch noch auf die Schultern. Emma musste sich korrigieren: Sie sahen aus wie Neandertaler, die darauf warteten, abgeholt zu werden.

Einer der Neandertaler trat auf sie zu. Er schien Ende zwanzig zu sein und eigentlich hätte seine Größe sie einschüchtern sollen. Als sie jedoch dieses schmierige Lächeln auf seinem Gesicht sah, war sie sicher, dass sie es locker mit ihm aufnehmen könnte, wenn es darauf ankam.

Seine braunen Haare waren kurz geschoren und das kantige Gesicht wäre wahrscheinlich als attraktiv eingestuft worden, wenn er nicht dieses Lächeln auf den Lippen gehabt hätte, das ihn als viel zu selbstsicher entlarvte. Dem Körper nach zu urteilen, war er auch noch einer dieser Typen, die ihre Freizeit in einem stickigen Fitnessstudio verbrachten, um dann am Strand mit ihren Muskeln anzugeben.

Überhaupt nicht ihr Typ.

Sie log nur ein kleines bisschen.

„Hallo, schöne Frau.“ Der Mann stützte sich mit den Händen auf dem Pult ab und Emma zwang sich zu einem Lächeln.

„Hallo, fremder Mann. Kann ich Ihnen helfen?“

„Können Sie.“ Er fixierte Emma und sie musste zugeben, dass zumindest die blauen Augen etwas Sympathisches hatten. Vielleicht war er ja ganz nett. Sie wollte ja nicht zu schnell über diesen aufgeblasenen Egomanen urteilen.

„Meine Freunde und ich hätten gerne einen Tisch.“ Er nickte zu den anderen Neandertalern hin, die irgendetwas sehr lustig zu finden schienen.

Vielleicht hatten auch sie das schmierige Lächeln auf dem Gesicht ihres Freundes gesehen.

„Haben Sie reserviert?“

„Das haben wir leider versäumt.“

Emma hob die Augenbrauen und presste die Lippen kurz aufeinander. Er erwartete also, dass er für den heutigen Abend, mitten in der Rushhour, einen Tisch für vier Personen bekam?

Das schien ihr doch ein wenig zu optimistisch.

„Okay.“ Sie ging ihre Unterlagen durch und kam wie erwartet zu der Einsicht, dass das Restaurant vollkommen ausgebucht war. Sie klopfte mit ihrem Stift auf das Papier und schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, aber wir haben leider nichts frei.“ Entschuldigend zuckte sie die Schultern. „Wir sind heute Abend vollkommen ausgebucht.“

„Vollkommen?“ Der Mann lächelte noch immer, als würde das etwas an dem Sitzplan ändern.

„Vollkommen.“

Langsam schüttelte ihr Gegenüber den Kopf und rückte sich den weißen Hemdkragen zurecht. „Na ja“, er beugte sich nach vorne und seine Fingerspitzen strichen über ihren Unterarm, „man könnte ja etwas enger zusammenrücken …“

Ihr Arm bekam sofort eine verräterische Gänsehaut.

Na gut, vielleicht war er doch ein wenig ihr Typ! Was konnte sie dafür, dass Muskeln und ein attraktives Gesicht anziehend auf sie wirkten?

Gott sei Dank hatte er immer noch dieses falsche, unglaublich schmierige Lächeln aufgesetzt – das bewahrte sie davor, ihren Kopf zu verlieren.

„Nun, wenn Sie und Ihre Freunde sich nicht übereinanderstapeln wollen, haben wir immer noch nichts frei.“

Der Mann seufzte schwer. „Dieses Restaurant ist riesig, ich bin mir sicher, Ihrem hübschen Köpfchen wird etwas einfallen.“

Nun etwas ungeduldiger knackte Emma mit ihrem Kiefer. „Mein hübsches Köpfchen sagt mir, dass morgen Heiligabend ist und fragt sich gleichzeitig, wie Ihr schleimiges Köpfchen denken konnte, an dem Tag mit dem regsten Betrieb ohne Reservierung einen Platz zu bekommen.“

„Mhm. Wirklich sehr interessant, nur … Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie einen sehr schönen Mund haben?“

Verwirrt blinzelte sie ihn an. „Äh, was?“

„Ja. Sehr hübsch – noch besser würde er mir aber gefallen, wenn er in den nächsten Minuten die Worte ‚Wir werden Sie gleich zu Ihrem Tisch führen’ bilden würde.“

Ungläubig klappte ihr die Kinnlade hinunter. „Nennen Sie das, was sie da tun, flirten?“

Er grinste. „Ja. Nett, dass Sie es bemerken.“     

Kopfschüttelnd sah sie zu ihm hoch. Es war bewiesen: Je gutaussehender ein Kerl, desto dummer war er. „Sie nennen es flirten, ich nenne es peinlich. Meine Güte, haben Sie denn keinerlei Selbstachtung? Und zum letzten Mal: Wir haben keinen Tisch frei! Seien Sie das nächste Mal einfach ein bisschen weniger spontan!“

Das Lächeln verschwand aus dem Gesicht des Mannes und jetzt verengte er seine Augen. „Hören Sie.“

Er lehnte sich gegen das Pult. „Es ist nicht meine Schuld, dass Sie gerade Ihre Tage haben, würden Sie also …“

„Oh mein Gott!“ Sie hätte beinahe angefangen, laut zu lachen. „Warum stehen Sie immer noch hier? Es ist nichts mehr frei – und wenn ich meine Tage hätte, würde meine Faust schon in Ihrem Gesicht stecken. Glück für Sie also, dass Sie falschliegen.“

Der Mann bewegte sich immer noch nicht. Was sollte sie denn noch tun? Mit ihren Schuhen nach ihm werfen?

Wieder beugte er sich nach vorne und sein Anzug knisterte, als habe er Geld darunter versteckt.

„Sie haben also immer noch keinen Tisch frei?“

Emma wollte gerade entnervt den Mund aufmachen, da zog er etwas aus seiner Tasche und legte es vor sie auf den Tresen.

Mit hochgehobenen Brauen sah Emma auf das Holz. Er hatte also tatsächlich Geld in seinem Hemd versteckt. „Was ist das?“

„Ein Fünfzig-Euro-Schein.“

„Das sehe ich, aber warum liegt der da?“

„Ich dachte, Sie könnten mit diesem Schein vor Augen noch eine neue Perspektive auf die gegebenen Reservierungen bekommen.“

Langsam verschränkte Emma die Arme. Wenn Flirten nicht funktionierte, bestach er also? Sie würde gerne mal ein ernstes Wort mit dem Pfarrer seines Vertrauens wechseln.

„Sehe ich bestechlich aus?“, wollte sie langsam wissen.

„Nein, natürlich nicht. Sie sehen hinreißend aus – dennoch könnte ich mir vorstellen, dass Sie sich gerne mal wieder ein neues Paar Schuhe kaufen würden.“

Emma überlegte. Sie war wirklich schon lange keine neuen Schuhe mehr kaufen gegangen. Sie streckte den Arm aus und steckte das Geld ein. „Vielen Dank. So viel Trinkgeld hat mir noch nie jemand gegeben, der noch nicht einmal einen Platz bei uns bekommen hat.“

Ungläubig sah der Dunkelhaarige sie an. „Sie geben mir immer noch keinen Platz?“

Sie seufzte. „Ach, entschuldigen Sie, sind Sie Angela Merkel?“

„Wie bitte?“

„Barack Obama vielleicht? Oder Madonna? Oh, sind Sie ein Mafiaboss? Nein? Nicht einmal ein Teletubbie?“ Theatralisch hob sie die Schultern. „Dann tut es mir leid, Ihnen ein letztes Mal mitteilen zu müssen: Sie werden in diesem Restaurant innerhalb der nächsten drei Stunden keinen Platz bekommen.“

Der Blick des Mannes wurde düster. Düster stand ihm, fand sie. Wirkte ehrlicher.

„Schön“, knurrte er, „bekomme ich dann bitte mein Geld zurück?“

Verwirrt sah Emma ihn an. „Ihr Geld? Welches Geld?“

„Das, was ich Ihnen zugeschoben habe, Lady“, sagte er nun gar nicht mehr charmant.

„Zugeschoben?“ Emma legte eine Hand auf die Brust. „Aber Sie haben mir doch kein Geld zugeschoben. Denn das wäre doch versuchte Bestechung und somit eine Straftat. Nein, davon weiß ich nichts.“

Ruckartig drückte ihr Gegenüber seinen Rücken durch. „Schön. Behalten Sie es. Gehen Sie von dem Geld mal zum Frisör oder kaufen Sie sich einen sympathischeren Charakter.“

Gespielt ernst nickte Emma. „Vielen Dank, diesen Rat werde ich mir zu Herzen nehmen. Und Sie sollten sich ein Telefon kaufen, mit dem Sie dann Reservierungen machen können!“

Entweder hörte er ihren letzten Kommentar nicht mehr oder er reagierte einfach nicht.

Wahrscheinlich war es ihm nur peinlich, weil er nicht wusste, wie man ein Telefon kaufte.

Finn, Daniel und Meik versuchten nicht einmal, ihr Grinsen zurückzuhalten.

„Ich habe noch nie eine Frau gesehen, die jemanden so abwertend betrachtet hat.“

„Doch. Meine Frau sieht manchmal so aus, wenn ich vergessen habe einzukaufen.“

„Witzig, Leute“, bemerkte Luke trocken. „Ich flirte mir einen ab, verliere fünfzig Euro und ihr macht euch lustig.“

Meiks Lachen wurde lauter. „Du hast dir von ihr fünfzig Euro abknöpfen lassen? Und mir wurde erzählt, du seist ein Frauenversteher!“

„Ich bin ein Frauenversteher! Aber sie war keine Frau – sie war eine Furie! Die Sprache spreche ich nicht. Wer lässt sich heutzutage nicht mehr bestechen?“

So langsam verlor er den Glauben an die zwielichtige Menschheit. Erst wurde er dafür kritisiert, dass er einem Neunzehnjährigen Alkohol gab und dann hatte die Frau ihn behandelt, als sei er ein Kaugummi, das unter ihrem Schuh klebte.

Irgendetwas war mit dieser Welt offensichtlich nicht in Ordnung.

„Ach, ist das schön, mal wieder richtig zu lachen“, sagte Finn und schüttelte den Kopf. „Und mein Lieber: Du hast offensichtlich keine Ahnung von Frauen. Frauen wollen Geld nur in Form von Schokolade, Blumen oder Alimenten.“

Luke schnaubte. Er hatte wirklich keinen Grund, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln … oder fielen in Amerika nur alle Frauen auf seine Masche herein, weil sie wussten, dass er Geld hatte?
Ein zu tiefgründiges Thema für heute, entschied er und schüttelte den Gedanken wieder ab. Die blonde Kellnerin musste einfach einen schlechten Tag gehabt haben. Anders konnte er sich das nicht erklären.

„Dann in die Blackbox?“, schlug Daniel vor. „Vielleicht kann Luke da sein Selbstbewusstsein wieder aufbauen.“

„Was? Hast du gerade gesagt, dort kann ich dir eine reinhauen?“, grinste Luke gespielt verwirrt.

Daniel lachte und klopfte ihm auf die Schulter. „Sei nicht eingeschnappt, Prinzessin. Wir halten dich alle noch für einen Mann. Einen traurigen Mann – aber immer noch für einen Mann!“

Drei

„Ich hasse Menschen, die glauben, mit ihrem Geld könnten sie alles kaufen.“ Emma hängte den Blazer an die Garderobe und zog sich ihren Mantel über. „Sie erwarten für ihr Lächeln und einem Fünfzig-Euro-Schein, dass man ihnen die Füße küsst.“

Und die Füße waren wirklich der letzte Körperteil, den sie von dem Vollidioten hätte küssen wollen.
Moment, nein. Sie wollte überhaupt nichts von diesem Mann küssen! Außer vielleicht seinen Fünfzig-Euro-Schein. Der war wirklich hübsch.

Enrico lehnte im Türrahmen und grinste breit, während der Rest der Kellner die letzten Krümel von den Tischen fegte. „Du hättest in die Politik gehen sollen. Die Arbeiterklasse würde dich lieben.“

„Gott sei Dank“, seufzte Emma und schlang ihren Schal um die Schultern. „Ich weiß nicht, was ich ohne die Akzeptanz der Arbeiterklasse tun würde!“

„Klugscheißerin. Wirst du dich jetzt um den Job bewerben?“

Sie würde sich bewerben und die nächsten Wochen beten und betteln, dass sie ihn bekam! „Vielleicht. Mal sehen.“

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach zwölf und sie war hellwach. Das passte ganz gut, denn sie war noch verabredet.

„Na Enrico, willst du noch mit in die Blackbox auf meinen Mädels-Abend kommen? Jenny und Mira würden dir bestimmt auch einen Weihnachts-Tequila ausgeben.“

Enrico schüttelte den Kopf. „Ich habe eine Frau und Verpflichtungen.“

„Du hättest auch einfach sagen können, dass du zu alt bist“, grinste sie. „Aber wenn du es dir anders überlegst, weißt du ja, wo ich zu finden bin.“

„Du verbringst zu viel Zeit in Bars, Bella.“
„Nein, nur in der Blackbox!“, widersprach sie sofort. „Und das ist eigentlich fast keine Bar … eher eine Toilette. Und jede Frau sollte so viel Zeit wie nötig auf der Toilette zugesprochen bekommen!“

Sie drückte Enrico kurz an sich und trat dann in die Kälte. Schnee bedeckte den Boden und hielt fest, in welche Richtung die Menschen gegangen waren.

Das mochte Emma am Winter. Dass alles so sanft wirkte.

Und den Weihnachts-Tequila, den mochte sie auch.

Die Blackbox war keine zwei Straßen entfernt und um diese Zeit brechend voll. Es war also gut, dass Mira und Jenny bereits einen Tisch belegt hatten und jetzt ihre Jacken von einem Stuhl nahmen, damit Emma sich setzen konnte.

Die Freundinnen umarmten sich und deren verdächtig rote Nasen ließen Emma vermuten, dass sie ihr schon einige Shots voraushatten.

„Na?“, lächelte sie und bekam prompt ein Pinnchen in die Hand gedrückt.

„Tequila?“

„Immer her damit.“ Emma musste sich heute schöntrinken. Sie hatte immer noch ihre schwarze Arbeitskluft an und roch nach geschmolzenem Käse.

„Schon irgendwen ins Auge gefasst?“, fragte sie und biss in die Zitrone. Der ganze Sinn dieses Abends war es, Tequila zu trinken, Männer zu bewerten und Informationen auszutauschen, für die man das letzte Jahr über noch keine Zeit gehabt hatte.

„Hallo.“ Jenny winkte mit ihrer linken Hand und zeigte auf ihren Verlobungsring. „Nichts mit ins Auge fassen.“

Emma prustete und sah Mira an. „Sie spielt wieder die Scheinheilige.“

Ihre Freundin verdrehte die Augen und warf ihr seidig braunes Haar über den Rücken. „Schön. Wir haben hier eine Gruppe von Männern gesichtet, die eigentlich ganz niedlich war. Zwei davon leider verheiratet.“

Emma verzog das Gesicht, als sie die Säure der Zitrone hinunterschluckte. „Wusste ich es doch. Und wo sind sie?“

„An der Bar. Jenny und ich haben unsere Punkte schon vergeben und es gibt einen eindeutigen Sieger, aber vielleicht kannst du an dem Rennen ja noch was ändern.“

Emma zuckte die Schultern und grinste. „Na ja, unser Geschmack war ja eigentlich schon immer sehr ähnlich, aber mal sehen.“

„Noch ’ne Runde?“ Mira hob ein weiteres Pinnchen hoch und sah die beiden anderen fragend an. Die nickten und schnappten sich auch jeweils ein Glas. „Auf uns.“

„Auf uns.“

„Oh, da sind sie ja.“ Mira streckte ihren Arm in eine Richtung und Emma, das Glas an den Lippen, wandte sich um – verschluckte sich prompt und hustete in ihren Arm. Das konnte doch nicht wahr sein! Das war doch …

„Kennst du sie?“, fragte Jenny verwundert.

„Ja.“ Mit hochrotem Kopf stellte Emma ihr Glas zurück. „Einem von ihnen habe ich vor ein paar Stunden fünfzig Euro abgenommen.“

„Du hast ihn bestohlen?“ Mira machte große Augen.

Nein, nicht bestohlen – eine Lektion erteilt! Emma bezweifelte nur, dass der Unbekannte das genauso sah. „Er hat genervt“, sagte sie und hob unschuldig beide Hände in die Luft. „Du weißt, dass ich keine Geduld mit Menschen habe, die mich nerven.“

Ihre Freundinnen legten den Kopf schief. „Und das rechtfertigt jetzt wie genau, dass du ihm fünfzig Euro gestohlen hast?“

Er war ein Mann! In ihren Augen mussten Männer einfach eine gewisse Pauschale an die Welt zurückzahlen. Und warum nicht an sie? Sie war Teil der Welt, oder?

„War er sehr wütend?“, wollte Mira jetzt wissen und sah besorgt aus.

„Schon relativ“, gab Emma zu und biss sich auf die Unterlippe.

„Oh. Das ist nicht gut.“

„Warum?“
„Weil er gerade rüberkommt. Oh Mann, ist der heiß.“

„Was?“

Oh Gott, warum kam er bloß rüber? Er verprügelte doch sicherlich keine Frauen!

„Dreh’ dich nicht um, Emma.“

Emma fuhr herum und ihr Kopf stieß gegen eine Wand aus Bauchmuskeln. Sie mochte zwar vorher nicht eingeschüchtert gewesen sein, aber jetzt, im Sitzen, hatte sie ihre Meinung geändert.

„Ladies.“ Der charmante Tonfall von vorhin im Restaurant war bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

„Hi“, murmelten Mira und Jenny, die sich ein Kichern nicht verkneifen konnten. Emma schwieg und rückte mit dem Stuhl vom Körper dieses Riesen ab. War es falsch von ihr zu bemerken, dass er gut roch?

„Spielt ihr Darts?“

Die drei Frauen sahen sich verwirrt an. „Darts?“

„Ja. Pfeile, eine runde Scheibe, auf die man die Pfeile wirft.“

Emma verdrehte die Augen. Was bezweckte er damit? Wollte er sie zum Dartspielen animieren, damit er sein Geld dann aus ihrer Handtasche zurückklauen konnte?

„Was wäre denn, wenn wir Darts spielen würden?“, wollte Jenny neugierig wissen.

„Dann würden meine Jungs und ich euch zu einer Partie herausfordern.“ Er nickte nach hinten, wo drei neugierige Männer sie angrinsten.

„Ach so.“ Emma fing an zu lachen. „Du willst dein Geld legitim zurückgewinnen. Aber bitte, mit Darts?“

Der Kiefer des Mannes spannte sich kaum merklich an. „Schlägst du etwas anderes vor?“

Emma überlegte kurz und warf einen Blick durch den Raum. „Billard“, sagte sie schließlich entschlossen. „Dann musst du meine Freundinnen nicht auch noch ausnehmen. Und du kannst nicht versuchen, die Kugeln zu bestechen.“

„Aber die Pfeile, ja?“, knurrte er.

Sie grinste. „Nein. Aber ich kann einfach besser Billard spielen. Oder verspürt ihr den ungeheuren Drang, Darts zu spielen?“, wandte sie sich an ihre Freundinnen.

„Nein, Gott nein“, sagte Jenny sofort. „Wir sind zufrieden, hier mit unserem Tequila.“

„Was ist mit dir?“ Jetzt fixierte Emma ihren Herausforderer. „Brauchst du deine Jungs als Unterstützung oder können wir das auch zu zweit regeln?“

Wie konnte eine Frau so gekonnt und gezielt provozieren? Es war Luke ein Rätsel, warum sie nicht längst von jemandem erschlagen und unter einer Brücke verscharrt worden war.

Er konnte partout nicht sagen, was bei diesem Mädchen im Kopf vorging und das machte es ihm unmöglich, nicht wissen zu wollen, was zum Teufel sie gerade dachte.

„Schön“, lächelte er schließlich langsam. „Dann nur wir beide.“

„Gut.“ Sie stand auf und reichte ihm die Hand. „Ich bin Emma und bitte hör auf, so zu lächeln. Es ist schmierig und ich kauf’ es dir nicht ab. Du grinst und redest wie jemand, der du unmöglich sein kannst.“

Sie hatte ihn gerade beleidigt. Eine Frau hatte ihn beleidigt. Das war noch nie vorgekommen! Und dann auch noch so schamlos!

„Luke“, stellte er sich vor. „Und du brauchst wirklich einen neuen Haarschnitt.“

„Beleidigungen werden dir nicht helfen zu gewinnen.“

„Vorwürfe dir auch nicht.“

„War das Lächeln gerade echt?“

„Nein.“

„Dann war es kein Vorwurf, sondern eine erkannte Tatsache. Spielen wir jetzt, oder was?“

Sie waren bei den Billardtischen angekommen und Emma hatte schon einen Queue in die Hand genommen, mit dem sie ungeduldig auf den Boden klopfte.

„Bist du scharf drauf zu verlieren oder warum zappelst du so rum?“, fragte Luke und begann, die Kugeln in dem Plastikdreieck anzuordnen, das bereits auf dem Tisch lag.

Emma antwortete nur mit einem Grinsen und fixierte die weiße Kugel auf der dafür vorgesehenen Stelle. „Du fängst an.“

Mit was für einer Selbstsicherheit sie das sagte.

Als wüsste sie schon, wie das Spiel ausgehen würde. Langsam schüttelte er den Kopf. „Du hörst dich an, als würdest du mich zum Schlachthaus begleiten wollen.“

Emma fing an zu lachen. Es war ihm vorher nicht aufgefallen, aber wenn sie lachte, lachte sie mit ihrem ganzen Gesicht und ihrem Körper.

Wie konnte jemand so lachen und trotzdem nicht unnatürlich dabei wirken? Er glaubte ihr wirklich, dass sie ihn gerade witzig gefunden hatte. Das kam nicht oft vor. Meistens warfen die Frauen, mit denen er zusammen war, ihre platinblonden Haare in den Nacken und kicherten hoch, als hätten sie zu viel Helium konsumiert.

Aber aus welchem Grunde sollte Emma auch versuchen, ihn dazu zu bringen, sie zu mögen?

„Vielleicht mache ich das ja“, erwiderte sie mit süffisantem Blick und bedeutete ihm erneut mit den Händen, dass sie ihm den Vorrang gewährte. Er stieß die weiße Kugel in das Balldreieck.

„Zehn … zwanzig … dreißig … fünfzig. Das kann doch nicht wahr sein.“

Luke reichte ihr das Geld und konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal in seinem Leben so jämmerlich verloren hatte. Eigentlich konnte er sich nicht daran erinnern, überhaupt schon einmal so verloren zu haben. Das Schlimme war, dass er noch nicht einmal verdient verloren hatte. Nein, Emma hatte ihn bis zum Gehtnichtmehr manipuliert. Angefangen damit, dass sie ihm während eines Stoßes ins Ohr gepustet hatte, bis hin zu Momenten, in denen sie verschiedene Tiergeräusche nachahmte. Fatalerweise waren seine Versuche, sie auf irgendeine Art und Weise abzulenken, nicht erfolgreich gewesen. Nicht einmal, als er mit einem Queue während ihres Stoßes vor ihrem Gesicht herumgewedelt hatte. Außerdem hatte sie während ihres Spiels noch ungefähr vier Shots Tequila getrunken. Mit ihrem Alkoholpegel hätte sie sich eigentlich bei jedem Stoß fragen müssen, welche der zwei identischen Kugeln ins Loch zu versenken war.

„Du bist kein guter Verlierer, oder?“, fragte Emma vorsichtig und biss sich auf die Lippen. Sie hatte wirklich schöne Lippen. In der Farbe von Erdbeeren.

„Ich bin gar kein Verlierer“, wehrte sich Luke. „Das passiert einfach nicht. Ich und verlieren.“

Sein Gegenüber räusperte sich. „Na ja. Gerade eben …“

Düster sah er sie an. „Du hast nicht fair gespielt.“

„Aber du, ja?“ Ihre braunen Augen blitzten auf. Sie schien sich mehr als nur zu amüsieren.

„Schön.“ Seine Arme verschränkend sah er sie an. „Doppelt oder nichts. Diesmal im Kickern.“

„Damit willst du deine männliche Ehre retten? Mit Kickern?“

„Ich …“ Doch Luke kam nicht dazu, seinen Satz zu beenden, jemand tippte ihm auf die Schulter.

„Alter, wir gehen.“ Finn und die anderen standen direkt hinter ihm und warfen neugierige Blicke auf Emma. „Kommst du mit?“

Sie gingen schon? Luke sah sich um und bemerkte, dass sich die Bar allmählich leerte. Die Uhr zeigte halb zwei.

Emma reckte ihren Hals und runzelte die Stirn. „Wo sind Jenny und Mira?“

„Du meinst deine Freundinnen?“ Daniel hob die Augenbrauen. „Die sind schon vor einer halben Stunde gegangen.“

„Ohne mir Bescheid zu sagen?“

Daniel zuckte die Schultern. „Sie sagten irgendwas von: Du solltest beim Billard nicht gestört werden, sonst versenkst du deinen Stock in ihren Augen oder so.“

„Oh.“

„Also Luke, kommst du?“ Finn verengte die Augen, als ob er die Antwort bereits kannte.

Luke schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, aber ich fürchte, ich muss hier noch meine Ehre verteidigen.“

Er wollte noch nicht gehen. Er hatte schon seit Langem keinen solchen Spaß mehr gehabt. Seine Freunde nickten ohne nachzufragen. So etwas verstand sich unter Männern einfach. Wenn die Ehre verteidigt werden musste, dann war das so. Ende.

„Ich schaue die Tage aber noch bei euch vorbei. Auf jeden Fall bevor ich fliege, okay?“ Er schlug bei seinen Freunden ein und sie verschwanden in Richtung Tür.

„Bevor du fliegst?“, fragte Emma neugierig und legte ihren Queue wieder auf den Tisch. „Fährst du in den Urlaub?“

Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein. Das hier ist quasi mein Urlaub. Ich besuche meine Mutter hier.“

„Oh, woher kommst du denn?“

„Ich arbeite in Philadelphia.“

„Ernsthaft?“ Überrascht sah sie ihn an. „Witzig! Da wohnt meine Schwester. Also nicht direkt da, aber in einem kleinen Vorort in der Nähe. Was arbeitest du denn?“

„Ich …“ Luke sah in ihr erwartungsvolles Gesicht und blinzelte. Er wollte es ihr nicht erzählen. Er konnte nicht genau sagen warum, aber er wollte ihr nicht verraten, was er machte. Er wollte ihr seinen Beruf nicht als Vorurteil in den Mund legen. Außerdem hatte er das Gefühl, ihr könnte es nicht gefallen, wenn er ihr erzählte, er spiele professionell Baseball.

Mein Gott, seit wann wollte er ihr gefallen?

Er wollte Frauen nicht gefallen, er wollte mit ihnen schlafen!

Aber bei ihr … da wollte er beides.

„Ähm, ich arbeite in einem Stadion. Einem Baseballstadion.“

Sie sah ihn an, als könne sie sich darunter überhaupt nichts vorstellen.

„Also, ich sorge sozusagen dafür, dass das Spiel gut läuft“, fügte er deshalb hinzu. „Ich trage sozusagen die Verantwortung dafür, dass alles funktioniert.“ Er gratulierte sich innerlich zu dieser Formulierung.

„Ah. Du bist sozusagen der allerwichtigste Mann im ganzen Stadion. Ohne dich läuft gar nichts.“

„Genau“, grinste er, „ich bin sozusagen berühmt.“

Sie schnalzte lachend mit der Zunge. „Alles klar, Mr. Wichtig. Dann wollen wir doch mal sehen, ob ohne dich auch beim Kickern nichts läuft. Ein Spiel gegen ein Mädchen zu verlieren, ist die eine Sache, aber zwei …? Ich bezweifele, dass du dich davon wieder erholen würdest.“

Das bezweifelte er auch.

„Du hast mich gewinnen lassen.“

Emma warf die Arme in die Luft und schüttelte heftig den Kopf. „Dir kann man auch nichts recht machen. Erst verlierst du und bist sauer, dann gewinnst du und bist auch sauer. Was passiert beim Unentschieden? Bist du dann auch sauer?“

Luke stürzte den Rest seines Biers herunter und legte sich die Hand in den Nacken, der vom Flug immer noch steif war. „Du hast den letzten Ball absichtlich nicht gehalten. Das hat man doch gesehen.“

„Nein. Das hast du gesehen, Mr. Wichtig, niemand anders!“, widersprach Emma. Ihre Augen strahlten eine Ernsthaftigkeit aus, die Luke sonst nur von Grundschulkindern kannte, die beteuerten, dass der Hamster auf ihre Hausaufgaben gepinkelt hatte. „Ich verliere nicht absichtlich. Du bist doch nicht mein Opa, der einen Herzinfarkt bekommen könnte, wenn er nicht das bekommt, was er will.“
Luke presste die Lippen aufeinander.

Emma runzelte die Stirn. „Lachst du mich etwa aus?“

Stumm schüttelte er den Kopf. Na ja, vielleicht ein bisschen. Aber es war auch amüsant zu beobachten, wie sie versuchte, sich zu verteidigen und dabei mit jeder Faser ihres Körpers verriet, dass sie log. Sie hatte sogar die Finger hinter ihrem Rücken gekreuzt. Außerdem waren ihre Augen so weit aufgerissen, dass sie bestimmt schon alles verschwommen sah.

Jetzt fing Luke doch an, laut zu lachen. „Es tut mir leid. Schön, ich habe gewonnen, du kannst mir mein Geld zurückgeben.“

„Gut. Das war nämlich ein ehrliches Spiel und du hast es dir verdient.“

Ihr Blick flackerte zur Uhr, die hinter dem Tresen hing und Lukes folgte ihm. Es war bereits nach drei, der Barkeeper sah sie genervt an und klopfte auf sein Handgelenk.

„Ich glaube, wir werden höflich zum Gehen aufgefordert“, murmelte Emma leise und lächelte breit. „Lass uns seine Anweisungen lieber befolgen. Ich komme öfters hierher und kann Spucke nicht von Tequila unterscheiden.“

Draußen hatte es immer noch nicht aufgehört zu schneien und die Fußwege lagen so unberührt da, dass es Emma wie ein Verbrechen vorkam darüber zu laufen. Luke schien sich daran nicht zu stören. Er stapfte über den Schnee, als würde er ein tödliches Tier niedertrampeln müssen.

Emma folgte ihm und betrachtete seinen Rücken.

Ihre Freundinnen hatten recht gehabt. Er war heiß. Jetzt, wo er sich nicht mehr verhalten hatte wie ein Vollidiot, konnte auch sie das erkennen. Als er vorhin seinen Arm gehoben und an seinen Nacken gefasst hatte … ach du meine Güte. Wie viel Zeit verbrachte dieser Mann auf einer Stemmbank? Emma war nie dahintergekommen warum, aber die Oberarme waren für sie merkwürdigerweise eine der attraktivsten Stellen an einem Mann. Sie konnten einen halten. Das war aus ihrer Sicht auch schon alles, was man mit Armen können musste. Jemanden halten.

Und ja: Sie hatte ihn gewinnen lassen.

Na und? Was war schon dabei? Es war ja nicht ihr Hobby, Männer in ihrem Stolz zu kränken, also hatte sie den letzten Ball einfach durchgehen lassen. Aber sie war sich sicher, dass er es nicht wusste. Nicht mit Sicherheit zumindest. Sie war eigentlich eine gute Lügnerin. Ihre Mutter hatte ihr immer geglaubt, dass sie die Schokoladenkekse nicht gegessen hatte. Und wie oft sie ihrer Schwester schon vorgeschwindelt hatte, dass sie sich keine Kleidung aus ihrem Schrank genommen hatte – ihre Finger reichten zum Zählen nicht aus.

„Was machst du da hinten? Den Schnee beobachten?“

Nein, nicht den Schnee …

Sie holte ihn ein und legte den Kopf in den Nacken, um mit dem Mund ein paar Schneeflocken aufzufangen.

„Hast du mal überlegt, dir die Haare länger wachsen zu lassen?“, fragte sie schließlich, als ihr Gesicht anfing kalt zu werden. „Das könnte dir gut stehen.“

Luke schielte skeptisch auf sie herunter. „Du, mit deinem Haarschnitt, willst mir Tipps für meinen Stil geben?“

„Was hast du nur mit meinen Haaren? Die sind okay wie sie sind.“

„Sie haben keinen Schnitt.“

„Jeder Frisör, bei dem ich war, hat irgendwas falsch gemacht. Seitdem lasse ich Jenny sie schneiden.“ Emma zuckte mit den Schultern. „Ich finde, das klappt ganz gut.“

„Selbst ich würde deine Haare besser schneiden.“

Jetzt war es an Emma, ihn skeptisch anzusehen.

Luke fing bei ihrem Blick an zu lachen. „Was denkst du gerade?“, fragte er.

„Ich überlege, ob es so intelligent wäre, dir einen spitzen Gegenstand in die Hand zu drücken. Ich meine: So wie ich dich Billard spielen gesehen habe, halte ich das für keine gute Idee.“

Luke streckte ruckartig den Arm aus und schubste Emma in einen Schneehaufen vor ihnen.

Ihr wurde die Luft aus den Lungen getrieben und beinahe hätte sie Schnee eingeatmet. Leicht keuchend wandte sie sich um und sah zu ihm hoch. Er blickte sie an, als erwarte er, dass sie wieder aufspringen und ihn ausknocken oder zumindest beschimpfen würde, aber Emma fing nur laut an zu lachen.

Vielleicht weil sie wusste, dass sie es irgendwie verdient hatte.

Sie blieb im kalten Schnee liegen, streckte die Arme über dem Kopf aus und lehnte sich zurück. „Mann, mit deinem Stolz hast du es wirklich, oder?“

„Entschuldige. Es kam einfach so über mich.“

Sie lachte noch mehr. „Als ob es dir leidtäte!“

Sie war noch nie von einem Mann umgeschubst worden, aber wenn sie so darüber nachdachte, dann könnte ihr das vielleicht gefallen.

Dabei kam es aber wohl doch auf den Mann an.

„Als ob du den Ball nicht absichtlich durchgelassen hast.“

Sie verengte kurz ihre Augen und überlegte, ob es sich lohnte, die Lüge weiter aufrechtzuerhalten. Sie fand ja. „Ich sage nichts ohne meinen Anwalt. Hilf mir mal hoch.“

Er streckte den Arm aus und sie ergriff seine Hand. Gerade als er ihr aufhelfen wollte, zog sie ihn mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut hätte, zu sich herunter. Er verlor das Gleichgewicht und fiel mit dem Gesicht voran halb auf und halb neben sie.

Er rollte sich zur Seite und musste selbst lachen. Er hatte ein schönes Lachen – wenn es ehrlich war.

Sie sah zu ihm hinauf und konnte sehen, wie der Schnee nun vom Wind in sein Gesicht geblasen wurde und auf seinen Lippen schmolz.

„Hey“, sagte sie außer Atem und lachte leise. Die Kälte kroch ihr den Nacken hinauf, den sie in den Schnee drücken musste, um ihn anzusehen. War sein Gesicht gerade schon so nah gewesen? „Jetzt sind wir quitt.“

Luke starrte sie an und er sah nicht aus, als würde er ihr zustimmen. Sein Blick huschte zu ihren Lippen, auf denen ein leichtes Kribbeln eingesetzt hatte.

Oje, sie steckte in Schwierigkeiten.

Und was tat man in so einer Situation?

Man dachte nicht darüber nach und ritt sich tiefer hinein.

Bevor sie es sich anders überlegen konnte, legte sie ihm eine Hand in den Nacken, zog ihn zu sich herunter und küsste ihn.

Seine Lippen waren warm und es war kaum eine Berührung, doch es war genug, um Emma wissen zu lassen, dass ihr mehr von diesem Mann gefallen könnte als nur in den Schnee geschubst zu werden.

Sie ließ ihren Kopf wieder sinken und war ein bisschen schockiert darüber, dass sie den ersten Schritt gemacht hatte. Das hatte sie noch nie getan! Sie zog eine Grimasse. „Tut mir leid. Es … kam so über mich, ich …“

Sie kam nicht dazu weiterzusprechen, denn den zweiten Schritt musste sie nicht machen.

Luke legte ihr die Hände ums Gesicht und jegliche Kälte wurde ihr aus dem Körper getrieben.

Oh Gott, was tat sie hier? Sie lag im Schnee und küsste einen Mann, den sie nicht kannte, dem sie quasi fünfzig Euro gestohlen hatte und der eine Niete beim Kickern war!

Sowas machte sie gewöhnlich nicht: Angefangen mit dem freiwilligen Verlieren, über das Herumwälzen im Schnee, bis zum Küssen eines Fremden.

Und der vor allem viel zu groß für sie war! Geschätzt war sie vielleicht einsfünfundsechzig und im Liegen kam sie sich noch kleiner vor und er wirkte dadurch wie ein Riese! Ein unglaublich gut küssender Riese, der sie den Schnee vergessen ließ.

Wo hatte er so küssen gelernt? Wahrscheinlich hatte er mit vielen Frauen geübt. Wahrscheinlich war sie nur eine von vielen. Wahrscheinlich… Schluss jetzt, Emma, ermahnte sie sich selbst.

Sie konnte nicht aufhören, nachzudenken, doch sie musste …

Luke rollte sich auf sie, sodass sie die vielen Stoffschichten zwischen ihnen kaum wahrnahm, und strich mit seinem Daumen über ihre Unterlippe.

Schon hatte sie ihren Faden verloren.

„Du redest, während du küsst“, lachte Luke leise.
„Tatsächlich?“ Gott sei Dank war ihr Gesicht vor Kälte schon so gerötet, dass es ihm bestimmt gar nicht auffiel, wie ihr das Blut nun noch zusätzlich in den Kopf stieg. „Und? Was sage ich?“

„Du murmelst ‚Was mache ich hier? Was mache ich hier‘!“

„Und? Was mache ich hier?“

„Wenn du das nicht weißt, dann mache ich es offenbar nicht richtig. Warte, lass es mich dir noch einmal erklären …“

Er fing wieder an, sie zu küssen, strich mit dem Daumen über ihre Wange und Emma fing leise an zu lachen.

„Gut, dass du es mir erklärt hast“, murmelte sie. „Jetzt ist mir alles viel klarer.“

Er küsste ihren Kiefer, ließ seine Hände ihren Hals, in den Schal hinabwandern. „Beruhige dich. Es ist ja nicht so, als würden wir gleich miteinander ins Bett hüpfen.“

Sie lachte. „Richtig.“

Heute …

Vier

„Weißt du, ich dachte nie, dass ich dir das einmal sage: Aber ich bin stolz auf dich, Luke. Das waren fünf Monate ohne Negativzeilen in der Presse – und nur in drei von fünf war deine Mutter hier, um auf dich aufzupassen.“

Wesley schlug ihm melodramatisch auf die Schulter. „Pass auf, nachher kaufst du dir noch ein Haus in einem Vorort mit guten Schulen und bekommst Kinder!“

Genau. Luke würde gleich morgen damit anfangen. Nachdem er sich mit einem Baseballschläger den eigenen Kopf eingeschlagen hatte.

Er verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „War das alles, Wes? Du hast mich herbeordert, um mir zu sagen, dass du stolz auf mich bist? Oder wolltest du mich nur fragen, ob sich unsere Perioden endlich synchronisiert haben und wir uns den Beste-Freunde-Sticker verdient haben?“

Er grinste. „Kann man sich nicht einmal mehr in Ruhe über dich lustig machen? Du bist eine solche Diva geworden! Außerdem sollte das ein ehrliches Lob sein.“

Luke schnaubte. „Wenn das so ist, kann ich jetzt ja wieder gehen und mir ein Sternchen in mein Lob-Buch kleben. Gleich neben unseren Beste-Freunde-Sticker.“

Er stand auf und rückte den Stuhl geräuschvoll an den Tisch. Die letzten sechs Stunden hatte er damit verbracht, wie ein Bescheuerter übers Spielfeld zu rennen und kleinen Kindern Autogramme zu geben, sobald er einmal eine Verschnaufpause hatte. Er wollte in seine Wohnung, duschen und dann nie wieder aufstehen.

„Warte noch“, rief Wesley ihn zurück.

Ungeduldig wandte Luke sich um. Sein Agent saß in einem teuren Hugo Boss-Anzug auf der Ecke seines Schreibtischs und auf den ersten Blick sah er aus wie ein junger Will Smith, der kurz davor war, seine Erinnerung zu löschen, damit er niemanden von den Aliens berichten konnte, die er gesehen hatte.

„Es gibt tatsächlich noch etwas Anderes, das ich mit dir besprechen wollte.“

„Dann reiß endlich deine sonst so große Klappe auf! Ich will nach Hause.“

Wes räusperte sich. „Okay, ich mache es kurz: Ist dir bewusst, dass dein Vertrag bei den Delphies nach dieser Saison ausläuft?“

Luke nickte. Natürlich wusste er das. Nur weil er Zahlen verabscheute, hieß das nicht, dass er sich ein paar Jahreszahlen nicht merken konnte.

„Worauf willst du hinaus?“

„Na ja. Es hängt von dieser Saison ab, ob sie deinen Vertrag verlängern. Und ich will dir nicht zu nahetreten, Mann, aber letztes Jahr war schwach. Außerdem muss ich wissen, ob du bleiben willst oder darüber nachdenkst, die Mannschaft zu wechseln? Als Free Agent hättest du einige Möglichkeiten. Ich hab’ da einige lukrative Angebote … na ja, außer deinem Vater hält dich hier doch nichts.“

Luke schloss die Augen und stöhnte. „Muss das heute sein, Wes? Ich bin doch schon so emotional ausgelaugt, weil du mir endlich den Beste-Freunde-Sticker gewährst …“

„Hör auf mit dem bescheuerten Sticker! Das hier ist ernst!“

Genau das war Lukes Problem.

Er hatte es nicht so mit ernsten Sachen. Ihm waren die vergangenen Wochen, in denen sich seine Mutter bei ihm einquartiert hatte, schon ernst genug gewesen. Nichts war ernster als eine Frau, die ihn fragte, ob er sich denn je zur Ruhe setzen und Kinder bekommen wollte.

„Wes, ich hab’ da gerade echt keinen Bock drauf.“

Abwehrend hob sein Agent die Hände.

„Ich wollte dir nur bewusst machen, dass du dich anstrengen solltest, damit du die bestmöglichen Chancen hast. Du solltest dir alle Optionen offenhalten und das geht nur, wenn du gut spielst.“

Düster sah Luke ihn an. Als ob er das nicht wüsste!

„Wes, ich weiß, dass die letzte Saison nicht so berauschend war. Mir ist klar, dass meine Strikeout-Rate gefallen ist und mein Curveball miserabel war. Um das zu wissen, brauche ich keinen jammernden Agenten, der um seinen Bonus fürchtet.“

Luke machte sich selbst schon genug Druck und für den Druck von außen sorgte die Presse. Da brauchte er nicht noch Wes, der ihm damit in den Rücken fiel.

„Na ja, es ist ein verdammt großer Bonus …“

„Wes!“

„Jaja. Meine Güte, du bist wirklich empfindlich heute! Wir bereden das später. Ich wollte dich nicht blöd von der Seite anmachen.“

„Das könntest du auch gar nicht. Heb’ dir das Anmachen für deine Frau auf.“

Luke erhob sich und drehte den Autoschlüssel zwischen seinen Fingern. „Und mach dir keine Gedanken. Nächste Woche fängt die Saison an und ich bin gut vorbereitet. Das ist alles, was ich tun kann, oder?“

„Klar. Ich schicke dir trotzdem mal die Angebote der anderen Teams durch. Kann ja nicht schaden, sich das mal anzugucken, oder?“

Luke nickte. Eigentlich gefiel es ihm hier in Philadelphia. Er mochte das Team, er mochte die Trainer und er mochte, dass sein Vater direkt um die Ecke wohnte. Aber Wes hatte recht – es wäre dumm, sich die anderen Angebote nicht wenigstens einmal anzusehen. „Mach das. Ich melde mich die Woche nochmal bei dir – und sonst sehen wir uns ja bei deiner Totenfeier nächste Woche, oder?“

Wes schnaubte. „Sich zu verloben bedeutet nicht, dass man mit einem Fuß im Grab steht.“

Zu diesem Thema hatten sie verschiedene Meinungen. „Ja ja, du bist ein Weichei, weiß ich. Aber die Verlobungsfeier steht noch? Oder hast du Michelle schon vergrault?“

Sein Freund grinste. „Das wird nicht passieren, mein Lieber. Du wartest doch nur darauf, dass ich einen Fehler mache, damit du es bei ihr versuchen kannst.“

Luke zuckte die Schultern. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

„Eines ist klar: Wenn du es bei ihr versuchst, stirbst du auf jeden Fall zuerst. Was mit der Hoffnung ist, ist mir dann egal.“

Luke lachte laut und ging zu Tür. „Wie du versuchst, mich zu töten, möchte ich sehen!“

„Ach, ohne deine Schläger bist du doch nichts.“

Luke grinste breit. „Rede dir das nur ein … mein Schläger ist trotzdem größer als deiner.“

„Wissen Sie, ich fliege geschäftlich nach Philadelphia. Ich trete dort eine neue Stelle an.“

Der Mann neben Emma hob eine Augenbraue und schwieg.

„Ich bin bei einer Eventmanagement-Firma. More & More-Events, sagt Ihnen das was?“

Die zweite Augenbraue folgte.

„Na ja, auf jeden Fall bin ich versetzt worden! Nur für ein paar Monate, aber … das ist eine unglaubliche Chance für mich – und echt viel Verantwortung! Ich werde sozusagen der Boss sein … ich war noch nie Boss. Eigentlich ist meine Schwester immer Boss. Weil sie die Größere und Hübschere ist. Aber egal, sie wohnt auf jeden Fall auch da in der Nähe.“

Der Mann grunzte missmutig, kramte in der Reisetasche herum, die vor seinem Sitz stand und steckte sich im nächsten Moment Kopfhörer in die Ohren.

Oh. Richtig. Emma saß im Flugzeug – und niemanden interessierte ihr Leben.

Aber sie war einfach so aufgeregt! Das vergangene Jahr war eines der besten ihres Lebens gewesen. Sie hatte ihren Traumjob bekommen, war der Verwirklichung ihres eigenen Traums, ein eigenes Business zu starten, ein großes Stück nähergekommen und hatte angefangen, Männern dafür zu vergeben, dass sich ihr Kleinhirn in ihrer Hose befand. Nicht so sehr vergeben, dass sie sich wieder auf eine Beziehung eingelassen hätte, aber es war ein Anfang!

Einfach nichts konnte sie aus der Bahn werfen.

Das Flugzeug ruckelte und sie zuckte zusammen.

„Gruselig, Flugzeuge, oder?“, wandte sie sich wieder an ihren Nebenmann. „Hätte Gott gewollt, dass wir fliegen, hätte er uns gleich Flügel gegeben, oder?“

Der Mann zog sich die Schlafbrille über die Augen.

Emma bekam allmählich den Eindruck, dass er vielleicht gar nicht mit ihr reden wollte. Das würde ein langer, langer Flug werden.

Es war ein Anfang, dachte Luke und trocknete sich die Haare, die ihm in die Stirn hingen, mit einem Handtuch ab. Ein Sechs zu Drei-Sieg war solide und mit solide konnte er schon mal anfangen.

In der Umkleide war es stickig, doch die Stimmung ausgelassen. Ein Sieg zum Saisonbeginn war das, was die Mannschaft gebraucht hatte, und die Tatsache, dass Luke zwei von sechs Punkten geholt hatte, war das, was er gebraucht hatte.

„Habt ihr Dysons Gesicht gesehen, als er den Ball das vierte Mal nicht richtig geworfen hatte?“, feixte Jake, der jüngste, aber auch schnellste von den Spielern. „Er sah aus, als wolle er seinen Schläger nach mir werfen.“

Dexter, ein Baseman, lachte. „Hätte der Schiedsrichter nicht geguckt, hätte er es definitiv durchgezogen.“

„Wahrscheinlich.“

„Jake?“ Sam Parker, der neue PR-Manager der Mannschaft und ein ziemlich guter Freund von Dexter, wenn Luke sich richtig erinnerte, trat in die Kabine und winkte dem jungen Spieler. „Hier will jemand ein Interview. Zieh dir was über und komm raus.“
Der Spieler nickte und zog sich schnell an. „Die Pflicht ruft, Leute“, sagte er und verschwand aus der Kabine.

„Die Pflicht ruft“, brummte Ray, einer der ältesten Spieler. „Kaum aus den Windeln und schon spricht er von Pflicht.“

Luke fragte sich, ob er vor fünf Jahren genauso anstrengend gewesen war wie Jake. Es war wohl besser, nicht nachzufragen. Er hatte die Befürchtung, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde.

„Carter“, wandte sich Ray jetzt an ihn. „Du hast aber ganz schön an deinem Curveball gearbeitet, was?“

Luke grinste. „Man tut ja sonst nichts.“

„Ja. Besser darfst du aber nicht werden, sonst setzt meine Frau ihre Drohung um und pinnt dein Bild an unseren Kühlschrank, damit ich mir genauso viel Mühe gebe wie du.“

„Aber ich hab’ doch nie mit deiner Frau geschlafen, woher weiß sie, dass ich mir mehr Mühe gebe?“

„Halt besser die Klappe, Carter, sonst erzähle ich ihr das und sie kommt her, um dich zu verprügeln.“

Luke grinste und klopfte ihm auf die Schulter. „Schön, dass du jemanden gefunden hast, der dich verteidigen und beschützen kann. Ich habe dich schon immer für das kleinere Löffelchen gehalten.“

Ray schnaubte. „Man merkt, dass du in deinem Leben noch mit keiner echten Frau zusammen gewesen bist, Luke! Ich warte auf den Moment, in dem du mich auf Knien um Rat anbettelst, weil du nicht weißt, wie du eine halten kannst.“

„Ah, Ray. Du weißt doch, dass es bei mir die Frauen sind, die auf ihren Knien …“

Kopfschüttelnd wandte Ray ihm den Rücken zu. „Irgendwer sollte dir wirklich mal eine reinhauen … am besten eine Frau.“

Luke würde wohl eher von einem Ehemann eine reingehauen bekommen – obwohl er sich streng von verheirateten Frauen fernhielt. Nur logen Frauen offenbar genauso erfolgreich wie Männer. Luke fand das in Ordnung. Er war vollkommen für Gleichberechtigung.

Die Kabine leerte sich allmählich und Luke beeilte sich damit, sich das T-Shirt über den Kopf zu ziehen. Er war schon spät dran.

„Hey, Luke.“

Luke wandte sich um und sah Dexter fragend an. „Ja?“

„Ray, Sam, ich und noch ein paar andere wollten noch ’ne Runde in die Eve’s Bar. Bist du dabei?“

Er schüttelte den Kopf und schloss seinen Spind ab. „Sorry, bin mit meinem Dad auf ein Bier verabredet.“

„Hat dein Agent dir wieder Ausgangssperre gegeben?“, grinste Dexter.

Er war eigentlich ein anständiger Kerl. Anständiger als er selbst, wenn Luke darüber nachdachte. Das änderte aber nichts daran, dass er manchmal einfach nur nervte.

„Halt die Klappe, Dex. Nur, weil du ohne mich als Wingman niemanden aufreißen kannst, musst du doch nicht gleich persönlich werden.“

„Da ist ja jemand eifersüchtig, weil er um zwölf schon im Bett liegen muss! Wie rührend. Ich werde ja ganz rot. Ich sag’ dir was, Carter. Wenn du mich ganz lieb fragst, rufe ich Wes vielleicht mal an und verspreche ihm, dass ich einen Abend auf dich aufpasse … wie wäre das?“

„Wenn du mich ganz lieb fragst, dann schlafe ich für das gerade aus Rache nicht mit deiner Schwester.“

Dexters Gesicht fiel sofort in sich zusammen. Seine Schwester war so etwas wie sein Schwachpunkt. Sie war längst kein Kind mehr, aber das war bei Dexter noch nicht angekommen. „Du lässt schön deine dreckigen Finger bei dir! Chloe hat im Moment schon genug um die Ohren, um das sie sich kümmern muss!“

Luke schulterte seine Tasche und fischte seine Autoschlüssel daraus hervor. „Mensch, Dexter. Werde doch nicht gleich so empfindlich.“

„Finger weg von Chloe!“

Als wäre Luke dumm genug gewesen, mit der Schwester von Dex etwas anzufangen. Auch wenn sie es sicherlich wertzuschätzen wüsste, zu wissen, dass Dex jedem verbot, sie auch nur anzusehen. „Wir sehen uns morgen, Dex“, grinste er und spazierte aus der Umkleide.

Draußen schlug er seinen Jackenkragen gegen die Kälte und die Presseleute auf. Die richtige Entscheidung, wie er Sekunden später herausfand.

Vor dem Ausgang stand eine Horde Reporter, mit Kameras und Blitzlicht bewaffnet. Das war nichts Ungewöhnliches für das erste Spiel der Saison, doch Luke hätte gut und gerne darauf verzichten können. Er hasste die Presse – doch leider beruhte das nicht auf Gegenseitigkeit.

„Mister Carter, Mister Carter!“, brüllten die Fotografen und drängten sich an die Bande, um den besten Platz zu ergattern.

Luke tat es fast leid, dass Wesley ihm das Versprechen abgenommen hatte, den Presseleuten keinen Mittelfinger mehr zu zeigen. Wo war denn jetzt noch der Spaß an dem Ganzen?

„Carter, Carter! Sehen Sie hier rüber!“

Luke stöhnte innerlich, gab sich aber Mühe, weiterhin unbeteiligt zu gucken. Wenn diese Menschen kein eigenes Privatleben hatten, konnte er sich wenigstens die Mühe geben, nicht den Anschein zu erwecken, seines wäre interessanter.

„Carter, Mister Carter!“, riefen die Reporter weiter und jetzt stand da auch noch ein Fernsehteam und hielt ihm ein Mikrofon unter die Nase.

Meine Güte, er wollte doch nur in die Tiefgarage zu seinem Auto!

„Luke“, rief nun eine schlanke Frau in grauem Kostüm, die das Mikrofon wie eine Pistole in seine Richtung hielt. „Was sagen Sie zu der Verlobung Ihres Vaters mit der Tochter des Medienmoguls Alberto? Hat er Ihren Segen?“

Luke blieb abrupt stehen und blinzelte verwirrt. Der Verlobung von … was?

Er sah über seine Schulter zu der Reporterin und runzelte vor den Kopf gestoßen die Stirn. Sein Vater war verlobt? Mit wem? Warum hörte er gerade zum ersten Mal davon, dass sein Vater überhaupt mit jemandem ausging?
„Hat er Ihren Segen, Mister Carter?“, wiederholte die Frau und sah ihn erwartungsvoll an.

Luke riss sich aus seiner Starre. „Kein Kommentar“, murmelte er und eilte weiter in Richtung Auto.

Luke würde sich selbst nie als Hitzkopf bezeichnen. Aber das lag nur daran, dass er sich sehr erfolgreich selbst belügen konnte.

Aber … sein Vater sollte verlobt sein? Luke hatte nicht einmal gewusst, dass er eine Freundin hatte! Er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Vater ihm eine derart wichtige Information vorenthalten hatte. Vor allem, da seine Eltern zumindest rechtlich gesehen noch verheiratet waren!

Nichtsdestotrotz, er war es seinem Vater schuldig, ihn sich erklären zu lassen.

Luke vertraute nicht vielen Menschen. Wenn man reich war, dann fiel es einem schwer, die Guten von den Schlechten zu unterscheiden – da alle vordergründig immer nett zu einem waren. Doch sein Vater war die eine Person gewesen, der Luke sein ganzes Leben lang blind hatte vertrauen können. Jedenfalls bis vor ein paar Stunden.

Fünf

Er war mit dem Gedanken zu seinem Vater gefahren, dass er sich wie der erwachsene Mann, der er war, mit ihm darüber unterhalten würde, dass er ein lügender Bastard war.

Doch sobald Paul Carter die Tür aufmachte, hatte er jegliche Vorsätze vergessen.

„Du bist verlobt!?“, brüllte er und stieß seinen Vater beiseite, um in die Wohnung zu treten. „Du willst heiraten und erzählst mir nichts davon!?“

„Schön gespielt, Luke, willst du nicht hereinkommen?“, fragte Paul trocken.

„Hör auf mit dem Scheiß! Mir hat gerade eine Reporterin ein Mikro ins Gesicht gerammt und mich gefragt, ob ich dir meinen Segen gebe!“ Wobei ihm jetzt gerade der Sinn eher nach einer Kreuzigung stand.

Luke lief durch das geräumige Appartement seines Vaters, öffnete den Kühlschrank und holte sich ein Bier heraus.

Paul Carter war ihm gefolgt und Luke entging es keineswegs, dass er ihn schuldbewusst ansah.

„Also stimmt es?“, fuhr er auf. „Du bist tatsächlich verlobt?“

„Ja, es stimmt. Und natürlich hätte ich es dir noch gesagt, es ist nur …“

„Weiß Mama Bescheid?“ Fahrig suchte Luke nach einem Öffner in den Schubladen und als er keinen fand, öffnete er das Bier schließlich einfach mithilfe seiner Hand und der Kante des Tresens. „Ihr seid doch auf dem Papier noch zusammen!“

„Sind wir nicht mehr.“

Luke verschluckte sich an seinem Bier und hustete auf den Tresen. „Was?“

„Wir haben uns vor einem Monat, als sie hier war, scheiden lassen. Sie hat Nadia bereits kennengelernt – sie sagte, sie freut sich für mich.“

Er hatte es bereits seiner Mutter erzählt, aber nicht ihm?

„Was soll das denn, Dad? Findest du das Detail nicht etwas zu wichtig, um es mir zu verschweigen? Hattest du Angst, ich könnte die Scheidung meiner Eltern nach zwanzig Jahren Trennung nicht verarbeiten?“ Seine Handknochen wurden weiß, weil er sich an der Anrichte festkrallte.

„Beruhige dich“, sagte sein Vater mit dieser ruhigen, gefassten Stimme, die der Anwalt sonst nur bei seinen Klienten benutzte.

„Ich will mich aber nicht beruhigen! Du heiratest und hast mir einen Dreck erzählt!“

„Ich hätte es dir doch noch gesagt …“

„Ja? Wann? Wenn es als Schlagzeile in der US Weekly steht?“

Er fing an, auf Deutsch zu fluchen, während er immer wieder den Kopf schüttelte und das Bier in einem Zug halb leer trank. Sein Vater beherrschte die deutsche Sprache nur gebrochen, deswegen bestand die große Chance, dass er nicht alle Schimpfworte als solche erkennen konnte. Das Gröbste verstand er allerdings.

„Wenn deine Mutter hier wäre, würde sie dir die Zunge herausschneiden.“

„Mama hätte es mir wenigstens gesagt, wenn sie heiraten wollte!“

Sein Vater sah ihm jetzt fest in die Augen. „Es tut mir leid, dass du es nicht von mir persönlich erfahren hast. Ich habe dich heute Abend gebeten herzukommen, um es dir zu erzählen. Ich konnte doch nicht ahnen, dass die Presse mir zuvorkommt! Ich habe ihr erst gestern den Antrag gemacht, das war so alles nicht geplant …“

Luke war es herzlich egal, dass sein Vater es anders geplant hatte. „Aber gekannt hast du sie doch offenbar schon vorher!“

Paul nickte langsam.

„Natürlich“, murmelte er etwas ernüchtert, „und glaube mir, ich wollte es dir erzählen, aber sie wollte es nicht an die große Glocke hängen. Du stehst so im Rampenlicht, dass sie fürchtete, es würde gleich an die Presse weitergeleitet werden.“
Luke schnaubte und trank den Rest des Biers. „Hat gut funktioniert, euer Plan, oder? Und … wer ist diese Frau überhaupt? Wie lange kennst du sie schon?“

„Etwas mehr als sechs Monate …“

„Sechs Monate? Und dann wollt ihr gleich heiraten? Dad, bist du verrückt? Ich hoffe doch sehr für dich, dass du einen Ehevertrag aufsetzt und …“

„Luke.“ Sein Vater nahm ihm die Flasche aus der Hand, mit der Luke in der Gegend herumgefuchtelt hatte, und stellte sie außerhalb seiner Reichweite ab.

„Ich verstehe, dass du wütend bist. Ich hätte es dir gerne persönlich erzählt. Aber wie gesagt, wir hatten unsere Gründe, es dir noch nicht zu verraten …“
„Wegen der verdammten Presse? Weil ihr dachtet, ich würde es an die Presse weiterleiten?“

„Natürlich nicht!“, widersprach Paul nun mit erhobener Stimme. „Aber hast du die letzten zwei Jahre mal in die Zeitung gesehen? Es sind beinahe täglich Berichte über dich drin! Die Reporter haben es auf dich abgesehen und egal wie viel Mühe du dir damit machst, dein Privatleben für dich zu behalten – es funktioniert ganz offensichtlich nicht. Deswegen habe ich es dir nicht gesagt!“

Luke presste die Lippen aufeinander. Die Presse kreiste um ihn wie die Geier um das Aas. Aber das alles änderte nichts daran, dass er sich nicht beruhigen konnte. Er hatte doch schon kaum Menschen, auf die er sich verlassen konnte. Wenn er jetzt schon nicht mehr darauf vertrauen konnte, dass sein Vater ehrlich zu ihm war … wem konnte er dann noch trauen?

„Du hast meine vorherige Frage nicht beantwortet“, knirschte er. „Kannst du ihr vertrauen? Bist du sicher, dass sie dich nicht benutzt? Und hast du einen Ehevertrag …“

Paul Carter seufzte und lief um den Tresen herum. Er war nur ein paar Zentimeter kleiner als sein Sohn, deswegen fiel es ihm leicht, die Hände auf Lukes Schultern zu legen.

„Luke, ich weiß, dass du Beziehungen nicht traust. Vielleicht, weil die Leute von Anfang an nur mit dir befreundet oder zusammen waren, um etwas von deinem Kuchen abzubekommen. Du bist zutiefst misstrauisch gegenüber Menschen, die behaupten, dich zu lieben – und ich hoffe wirklich, dass sich das irgendwann noch ändert. Aber ich liebe Nadia und sie liebt mich. Aufrichtig und ehrlich. Und ich würde mir sehr wünschen, dass du sie kennenlernst.“

Luke lachte trocken. „Du bist also unter die Lügner und die Psychologen gegangen?“

Bittend sah Paul ihn an. „Ich habe dich nicht angelogen – und ich bleibe dabei, dass sie dich gerne kennenlernen würde.“

Natürlich wollte sie das. Jeder wollte ihn kennenlernen. Da musste sie sich hinten anstellen! „Weißt du was, Dad? Schau doch einfach in die US Weekly. Ich werde den Reportern dann schon stecken, wann ich bereit bin, deine Verlobte kennenzulernen!“, murmelte er und ohne einen Blick zurückzuwerfen, lief er aus der Tür.

„Oh Gott, ich liebe es, dass du da bist, ich liebe es, dass du da bist, ich liebe es, dass du da bist!“ Emmas Schwester drückte sie so fest an sich, dass es ihr schwerfiel zu atmen. Aber es war ihr egal. Sie hatte Milla so unglaublich vermisst, dass es sie nicht kümmerte, dass ein Security-Guard des Flughafenpersonals skeptisch zu ihnen herübersah und bestimmt im nächsten Moment „Move!“ schreien würde. Wenn Geschwisterliebe zu gefährlich für die USA war, dann wollte Emma nichts mit diesem Land zu tun haben.

„Werde ich das jetzt immer ertragen müssen? Dass ihr beiden auf Deutsch vor euch hinredet und ich kein Wort verstehe?“, meldete sich Steve, Millas Ehemann, zu Wort, der mit dem Kinderwagen neben seiner Frau stand.

Milla lachte und löste sich endlich von ihrer Schwester. „Tja, mein Lieber. Du wolltest meine Sprache nicht lernen. Dann musst du wohl mit den Konsequenzen leben.“

Er stöhnte und zog Emma ebenfalls in eine Umarmung. „Ich wollte die Sprache lernen, glaub mir“, raunte er ihr zu. „Wäre sie nicht so verdammt schwer, hätte ich es bestimmt sogar durchgezogen.“

Emma drückte ihren Schwager, der mit seinen blonden Haaren zum Seitenscheitel, Brille, Hemd und Krawatte wie der typische amerikanische Bankkaufmann aussah, der er war.

„Hättest du nicht“, widersprach seine Frau und knuffte ihn in die Seite. Zu ihrer Schwester gewandt, sagte sie auf Deutsch: „So ist es auch viel besser, denn dann kann ich dir erzählen, wenn ein süßer Typ vorbeikommt, ohne dass er es mitbekommt.“

Emma grinste. „Dann halte die Augen für mich auf. Aber jetzt …“, sie wandte sich dem Kinderwagen zu und ging in die Hocke, „muss ich meinen Neffen verspeisen, weil er so unglaublich süß ist. Du wirst mal ein Herzensbrecher, nicht? Ja, das kann ich in deinen Augen sehen.“

Sie gab ihm einen Kuss auf die Babywange. „Er sieht wirklich aus wie du, Milla.“ Sie war wieder ins Englische gewechselt, um Steve nicht unnötig zu verärgern. „Und ich bin sehr froh, dass ihr euch gegen den Namen Ron Ronsen entschieden habt. Mit Randy Ronsen wird er es in der Highschool leichter haben.“

Milla verdrehte die Augen. „Niemand hat es in der Highschool leicht. Das ist eine landesübergreifende Regelung. Ich glaube, das steht sogar im Grundgesetz.“

„Ja, bestimmt“, lachte Emma. „Der amerikanische Traum: Life, Liberty, the Pursuit of Happiness und der gleiche mentale Schaden für alle in der Highschool. Ich glaube, so steht das in der Unabhängigkeitserklärung.“

Steve schnappte sich Emmas Koffer, schüttelte den Kopf und trat den Weg zum Ausgang an. „Ich sehe schon, in Deutschland wird die geschichtliche Bildung mehr als ernst genommen.“

„Als ob du wüsstest, wann die Mauer gefallen ist!“, verteidigte Emma ihre Heimat.

„Reicht es nicht, dass ich weiß, dass es eine gab?“

Mitleidig schüttelte Milla ihren Kopf, nahm den Kinderwagen und gab ihrem Mann einen Kuss. „Schätzchen. Sag’ das mal Angela Merkel.“

„Angela wer?“

Sie seufzte. „Lasst uns lieber gehen.“

Milla und Steve hatten nicht weit entfernt geparkt und Emma wäre es auch egal gewesen, wenn sie zwanzig Kilometer hätten laufen müssen. Die Sonne schien, sie war bei ihrer Schwester und morgen würde sie ihren neuen Job antreten, der ihren Gehaltsscheck um ein Drittel der bisherigen Summe überstieg. Das Leben war schön und Philadelphia auch.

Am Auto angekommen, hievte Millas Mann ihr Gepäck in den Kofferraum und schnallte Randy in einen Babysitz. Emma nahm mit Freuden auf der Rückbank Platz. Sie hatte nur fünf Monate Zeit, um ihrem Neffen beizubringen „Ich liebe dich, Tante Emma“ zu sagen. Da sollte sie möglichst früh mit anfangen.

Der Kommentar ihrer Schwester, dass es wohl noch etwas dauern könnte, bis Randy dazu fähig wäre, ganze Sätze zu sprechen, entmutigte sie da keineswegs. Randy hatte die nötige Intelligenz dafür, das sah sie sofort. Und ein „Da Da Emma“ würde ihr schon genügen.

„Wo müssen wir überhaupt hin?“, fragte Steve und fuhr auf die Route 95.

Emma kramte einen kleinen Zettel aus ihrer Hosentasche und versuchte, ihre eigene Schrift zu entziffern. „12 Paddington Road, Philadelphia“, las sie, „da haben sie mir eine Wohnung eingerichtet. Sie meinten, ich bräuchte nur noch mich selbst zu bringen.“

„Du hast nichts aus Deutschland mitgenommen? Keine Möbel oder Sonstiges?“, fragte Steve weiter und drückte aufs Gas.

„Na ja, doch. Kleidung … und mich selbst.“

Den Rest der Fahrt über redete Milla ununterbrochen von all den Dingen, die sie noch zusammen tun mussten und wechselte dabei immer wieder aus Versehen ins Deutsche, nur um dann von Steve mit einem Räuspern daran erinnert zu werden, dass er doch gerne an der Konversation teilnehmen würde. Seine Frau entschuldigte sich immer wieder mit den Worten, dass sie ja sonst nie die Möglichkeit hätte, ihre Muttersprache zu sprechen.

Emma sah dieses Argument als ein wenig schwach an, da ihre Schwester an der Philadelphia University Deutsch unterrichtete, sagte aber nichts dazu.

Sie hielten vor der genannten Adresse an und Milla entschuldigte sich zum tausendsten Mal, dass sie leider nicht noch mit hineinkommen konnten. Sie hatten eine Hausbesichtigung, die nicht verschoben werden konnte.

Emma kannte das winzige Appartement, in dem die beiden lebten, und hoffte inständig, dass sie bald etwas Größeres fanden. Möglichst, bevor Milla und Steve sich auf dem engen Raum an die Gurgel gingen.

„Morgen komme ich bei dir im Büro vorbei und wir gehen in der Mittagspause zusammen etwas essen“, versprach Milla noch, bevor das Auto anfuhr und Emma alleine auf dem Bordstein zurückblieb.

Aber sie fühlte sich nicht allein. Sie fühlte sich frei! Sie hatte schon immer für längere Zeit ins Ausland gewollt und konnte es nicht fassen, dass sie wirklich hier war – und auch noch einen Batzen Geld dabei verdiente!

Fröhlich atmete sie die stickige Luft ein, die sie viel gesundheitsschädigender eingeschätzt hatte, als sie sich wirklich anfühlte und schloss die Tür zum Hausflur des großen Gebäudes mit der Nummer zwölf auf. Die Klingelschilder machten deutlich, dass in diesem Haus noch etwa ein Dutzend anderer Leute wohnte und einer von diesen kam Emma just in dem Moment entgegen, als sie die Tür aufstieß.

Eine Frau, vielleicht Ende dreißig, die mausbraunen Haare zu einem modernen Bob geschnitten, betrachtete ihr Gegenüber neugierig und zugleich misstrauisch und rümpfte die Nase. „Sie müssen die neue Nachbarin sein.“
Emma nickte lächelnd. „Ich bin Emma Sander.“

„Und ich bin spät dran, also würden Sie mir bitte aus dem Weg gehen?“

„Oh, entschuldigen Sie.“ Eilig machte Emma Platz und ließ die Haustür hinter der gehetzt wirkenden Dame ins Schloss fallen.

Na ja. Sie schätzte dann mal, dass ihre Willkommens-Party wann anders geschmissen wurde …

Aber selbst das tat ihrer Laune keinen Abbruch und als sie ihr Appartement sah, das zwar ungefähr halb so groß wie ihre Wohnung in Köln war, aber dafür umso mehr Flair besaß, fühlte sie sich endlich angekommen.

Nichts könnte sie hier in dieser Stadt noch aus der Bahn werfen.

Sechs

Lukes Kopf tat weh und es lag nicht am Alkohol. Er hatte die letzte Nacht damit verbracht, im Internet nach den Begriffen „Tochter Alberto“ und „Medienmogul“ zu suchen und war mit seinen Ergebnissen alles andere als zufrieden.

Nadia Alberto war weder viel zu jung für seinen Vater noch hatte sie eine Schönheits-OP hinter sich. Sie war noch nie dabei gesehen worden, wie sie einen Hund getreten oder ein krebskrankes Kind ausgelacht hatte und den Regenwald holzte sie auch nicht ab.

Im Gegenteil: Sie war im Tierschutzbund und unterstützte das Philadelphia Krankenhaus mit großzügigen Spenden. Sie war Witwe und es gab keinerlei Hinweise darauf, dass sie ihren toten Mann vergiftet oder erstochen oder dass sie auch nur auf irgendeine erdenkliche Art etwas mit seinem Tod zu tun hatte. Er war an einem Herzstillstand gestorben. Niemand hatte es kommen sehen und es lag schon mehr als sieben Jahre zurück. Sie hatte keine Kinder, eine Menge Geld und noch alle Zähne und was Luke am meisten störte: Sie lächelte sympathisch.

Diese Frau konnte nur einen furchtbaren Charakter haben, das war Luke vollkommen klar.

Außerdem war ihm bewusst, dass er überreagierte. Er hätte seine Abneigung gegen diese Frau nur dann rechtfertigen können, wenn er einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen hätte.

Er stand auf und stellte sich erst einmal unter eine kalte Dusche, die ihn zwar nicht von den Kopfschmerzen, aber vorerst von dem unsinnigen Gedanken abhielt, einen Privatdetektiv zu engagieren. Er sollte sich lieber auf sein Spiel konzentrieren. Sie hatten in den nächsten Tagen noch zwei Spiele gegen die Pittsburgh Pirates und würden dann für eine weitere Spielserie nach Atlanta fliegen. Am Samstag hatte Wes ein CG in seinem Kalender vermerkt. Was genau das bedeuten sollte, wusste Luke nicht, aber es würde wohl wichtig sein.

Er stieg aus der Dampfdusche – seine erste Investition nach dem Kauf des Lofts – und schlang sich ein Handtuch um die Hüften. Sein Telefon klingelte und seufzend hob er es vom Waschbeckenrand.

„Ja?“

„Luke“, säuselte es in sein Ohr, „ich kann gar nicht glauben, dass ich dich endlich erreiche.“

Luke schwieg und runzelte die Stirn. Es war eine Frau am anderen Ende, aber weiter kam er in seiner Ermittlung nicht. „Hey, wer ist denn da?“

Ein entrüstetes Husten kam bei ihm an. „Brittany natürlich.“

Er hätte auf die Anruferkennung gucken sollen. Wieso hatte er das nicht getan? Dafür war sie doch geschaffen worden. „Hey Brittany, lange nicht gesprochen.“

„Allerdings. Dabei hattest du doch versprochen anzurufen.“

Hatte er das? Er hatte innerhalb der letzten Jahre so viel versprochen. Unter anderem, Greenpeace zu unterstützen und einen Hund zu adoptieren. Versprechen wurden heutzutage einfach überbewertet.

„Muss ich wohl versäumt haben“, stellte er fest.

„Na, ist ja nicht schlimm. Deswegen rufe ich dich ja jetzt an.“

Halleluja.

„Richtig“, murmelte er und zog sich mit einem Arm ein T-Shirt über den Kopf. Welche Frau rief am Montagmorgen um neun bei einem Baseballspieler an?

„Also, hast du die Tage Zeit für … eine alte Freundin?“

Oh Gott, er hatte dafür jetzt wirklich keine Nerven – deswegen legte er spontan einfach auf und warf das Handy auf sein Bett, in dem eine Kindergartengruppe Platz gefunden hätte. Brittany würde sich schon einreden, dass die Verbindung irgendwie unterbrochen worden war. Das passierte Telefongesellschaften doch sicherlich öfters.

Oder noch besser! Er schaltete sein Handy aus. Sein Akku könnte leer gewesen sein! Wenn sie mit ihm sprechen wollte, musste sie wohl beim offenen Training vorbeikommen, so wie jeder andere Fan.

Bagel mit Cream Cheese, Rühreier, ein Muffin und Kaffee. Ein amerikanischeres Frühstück war Emma nicht eingefallen. Außerdem war ihr danach so schlecht, dass sie sich vornahm, erst einmal für die nächsten Tage auf übermäßige amerikanische Esskultur zu verzichten. Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Magen, betrat sie schließlich um Punkt neun Uhr dreißig das große Bürogebäude, auf dessen dritter Etage sie die kommenden Wochen arbeiten würde.

Es sah so aus, wie ein Bürogebäude auszusehen hatte. Sterile Farben, sterile Möbel, eine Menge Schreibtische und eine angespannte Stimmung. Das änderte sich auch nicht, als Emma in ihrem Stockwerk ankam. Das einzig Andere war, dass direkt eine junge Frau mit hoch gestecktem Pferdeschwanz und freundlichen blauen Augen auf sie zugeeilt kam und wie ein Honigkuchenpferd lächelte.

Emma mochte Honigkuchen. Aber keine Pferde.

„Sie müssen Emma Sander sein.“

An ihrem Akzent konnte Emma erkennen, dass sie ebenfalls aus Europa kommen musste. Den dunklen Haaren nach zu urteilen aus irgendeinem südlichen Land. „Hallo.“

Sie reichte Emma ihre kleine Hand. „Ich bin Linda, Ihre Assistentin und ich freue mich wirklich sehr, dass Sie hier sind. Ich werde Sie in den kommenden Tagen ein bisschen in das Business einführen und ansonsten helfen, wo ich nur kann.“ Sie verstummte und blickte Emma erwartungsvoll an.

Emma, die nicht recht wusste, was ihr Gegenüber von ihr erwartete, vielleicht einen Luftsprung oder einen kleinen Freudentanz, lächelte nur und ergriff die immer noch ausgestreckte Hand. „Sie haben recht, ich bin Emma Sander und freue mich mindestens genauso sehr, hier zu sein.“

Diese Antwort war offenbar zufriedenstellend, denn Linda stieß ein kleines Kichern aus und schritt eilig den Gang entlang, der hinter der Rezeption entlangführte. Emma folgte ihr und starrte auf Lindas Schuhe. Das mussten mindestens zwölf Zentimeter Absatz sein – wieso hatte Linda mittlerweile keinen offenen Bruch und lag am Boden?

„Okay. Sie haben heute natürlich noch kein Meeting, da es ja erst Ihr erster Tag ist und Sie sich ein wenig einarbeiten sollen, aber morgen haben Sie bereits ein Treffen mit dem hiesigen Geschäftsführer, damit Sie sich kennenlernen, und dann natürlich noch die Termine, die Sie einplanen müssen, um das Event am Wochenende organisieren zu können.“ Linda redete so schnell, dass Emma Schwierigkeiten hatte, ihr ohne Weiteres zu folgen.

Zwar konnte sie von sich behaupten, die englische Sprache fließend zu beherrschen, nicht zuletzt, weil sie ein Au-pair-Jahr in Los Angeles verbracht hatte und Steve nun einmal nur Englisch sprach, aber mit dem Akzent und den verschluckten Vokalen musste sie sich doch etwas mehr anstrengen als sie geglaubt hatte.

„… aber das werde ich Ihnen gleich noch genauer erklären, hier ist erst einmal Ihr Büro.“ Linda trat lächelnd einen Schritt nach vorne und öffnete Emma eine Tür, die zu einem quadratischen, geräumigen Raum führte, in dem nichts weiter als ein Schreibtisch und eine Lampe standen.

„Mein Vorgänger mochte es offenbar gemütlich.“

Linda kicherte. „Ihr Vorgänger war in der Tat nicht der häusliche Mensch, aber ich kann Ihnen gerne ein Bild oder Ähnliches besorgen, um es hier gemütlicher zu machen, wenn Sie wünschen.“

Emma lächelte. Ihr könnte es gefallen, der Boss zu sein.

„Erstmal nicht, aber danke. Ich werde später wahrscheinlich darauf zurückkommen.“

„Gut. Sehen Sie sich doch kurz um, ich bin gleich wieder da.“ Sie hob einen Zeigefinger, als erwarte sie, dass Emma gleich aus dem Fenster springen würde, und eilte den Gang wieder zurück.

Emma grinste in den Raum und sah aus dem Fenster. Sie hatte direkte Aussicht auf einen Betonblock. Das schrie nach Freiheit. Langsam schlenderte sie auf den Schreibtisch zu und strich mit den Fingern über die Oberfläche. Sie war nicht staubig, sondern glatt wie aus Glas, bestand aber aus poliertem Holz. Es standen sogar schon ein Locher, Stifte, ein Computer und ein Behälter mit Heftzwecken darauf. Als sie sich in den großen Chefsessel fallen ließ, stellte sie mit noch mehr Begeisterung fest, dass man ihn in die Horizontale stellen konnte. Sie konnte schlafen und gleichzeitig geschäftig aussehen! Grinsend lehnte sie sich nach vorne, sodass der Stuhl wieder in die Senkrechte gerückt wurde, und sah sich einer lächelnden Linda gegenüber, die einen Berg Akten auf den Schreibtisch fallen ließ.

„Das sind Ihre kommenden Aufträge für die nächsten vier Wochen, ich dachte, Sie wüssten das gerne im Voraus und das hier …“, sie öffnete einen Ordner für sie und legte ihn obenauf, „… sind die Informationen für den kommenden Samstag, für die Delphies Bowling Charity Gala gegen Knochenkrebs.“

Leichte Panik kroch Emma den Nacken hoch. „Kommenden Samstag? Im Sinne von … diesem Samstag?“

Linda nickte aufgeregt. „Ja. Aber keine Sorge. Der Großteil ist schon organisiert, Sie sind nur noch für den Feinschliff verantwortlich und müssen Samstag natürlich anwesend sein und nach dem Rechten schauen.“

„Okay.“ Eilig überflog Emma das oberste Blatt des Ordners. „Charity Gala, sagten Sie?“

Wieder nickte ihre Assistentin. „Ja. Eine große Veranstaltung, die ganze High Society von Pennsylvania wird da sein.“

Das hieß also: niemand, den Emma schon mal auf irgendeinem Magazin zu Gesicht bekommen hätte. „Und … wieso Delphies Charity Gala?“

Was zum Teufel war ein Delphies? Ein Energiekonzern? Ein Schokoriegel? Es hörte sich an wie ein Schokoriegel, irgendetwas Süßes. Snickers, Delphies, Twinkie.

Linda kicherte und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sie sind lustig.“

Emma hob ihre Augenbrauen und wurde rot. Sie hatte nicht vorgehabt, lustig zu sein.

„Oh.“ Bei Linda fiel der Groschen. „Sie wissen tatsächlich nicht, was die Delphies sind?“

Wenn man Linda ansah, konnte man meinen, Emma hätte behauptet, die Titanic nicht zu kennen. Emma fühlte sich dämlich dabei, musste aber wahrheitsgemäß den Kopf schütteln. „Nein, tut mir leid. Noch nie gehört.“

„Natürlich nicht! Ich vergaß, dass Sie ja aus Deutschland kommen!“ Entschuldigend schlug sie sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Also, die Philadelphia Delphies sind unsere Baseballmannschaft“, erklärte Linda langsam und strich ihren Bleistiftrock glatt.

Baseball? Um Gottes willen. Das Einzige, wofür sich Emma weniger interessierte, waren Wasserball und Hundeshows. Männer, die mit einem Stock auf einen Ball einschlugen und ihm dann hinterherrannten, beziehungsweise davor wegrannten – wieso sollte einem das Spaß machen?

„Okay und was ist mit dieser Baseballmannschaft?“, fragte sie weiter nach.

„Sie veranstalten diese Gala schon seit mehreren Jahren, weil einer ihrer vielversprechendsten Rookies auf Grund seines Knochenkrebsleidens aufhören musste zu spielen.“

Rookies? Emma fühlte sich nicht verpflichtet, sich mit der Frage nach diesem Wort noch einmal zum Affen zu machen.

„Alles klar.“

Ein Haufen Sportler würde anwesend sein und bowlen. Das Catering sollte Fleisch als Appetizer verteilen. Das war alles, was sie wissen musste.

„In Ordnung. Vielen Dank.“ Sie nahm sich einen Stift und schrieb die Informationen, die sie gerade gesammelt hatte, auf das Anfangsblatt des Ordners. „Ich denke, ich werde mich erst einmal ein wenig einarbeiten und die Akten durchsehen.“

Linda nickte. „Soll ich Anrufe zu Ihnen durchstellen?“

„Ähm ja, bitte. Aber sagen Sie mir vorher, mit wem ich es zu tun bekomme.“ Damit sie ihn oder sie zur Not noch einmal schnell googeln konnte. Direkt, nachdem sie das Wort „Rookie“ in ihre Suchmaschine eingegeben hatte.

„In Ordnung. Bitte zögern Sie nicht, mich zu rufen, wenn Sie noch Fragen haben. Meine Lehrerin sagte immer, es gibt keine dummen Fragen – nur dumme Antworten.“ Sie zwinkerte und schloss die Tür hinter sich.

Emma starrte erst die Tür und dann die Mappen an. Es waren ungefähr sieben, die Charity Gala nicht mitgerechnet.

Sie ging sie einzeln durch. Eine Verlobungsfeier, die dazugehörige Hochzeit, eine Versteigerung, eine Autovorstellung und ein alljährliches Jägertreffen schienen die Wichtigsten zu sein. Aber um die konnte sie sich auch noch nach dieser Woche kümmern. Erst einmal galt es, sich über die Charity Gala zu informieren.

Seufzend schlug sie die Seite um. Das sah ihrer Arbeit in Deutschland doch sehr ähnlich. Nur mit dem Unterschied, dass eben alles auf Englisch zu lesen war.

Die Räumlichkeiten waren bereits gebucht – zum Bowlen bot sich eine Bowlingbahn an –, das Catering angeheuert und die Bar gefüllt worden. Die Einladungen waren offenbar verschickt und die Presse geladen worden. Das wäre wohl auch vier Tage vor dem Event zu kurzfristig gewesen. Emmas Puls beruhigte sich wieder ein klein wenig, als sie realisierte, dass wirklich kaum noch etwas zu tun war. Nur als sie eine kleine Randnotiz bemerkte, die besagte, dass Abendgarderobe erwünscht war, sank ihr Herz ein wenig auf Grundeis.

Ihr Cinderella-Traumkleid hatte sie in Deutschland gelassen.

„Und dann bist du wirklich zwischen all den Stars auf dieser Party und könntest theoretisch mit jedem flirten, den du triffst?“ Milla drückte rasant aufs Gaspedal und niemand wäre in diesem Moment auf die Idee gekommen, dass sie vor kurzem Mutter geworden war.

„Na ja. Ich muss arbeiten. Da ist nicht viel mit Flirten. Außerdem kenne ich doch keine Stars. Ich weiß doch gerade mal, wer Brad Pitt ist, wie soll ich dann lokale Berühmtheiten von normalen Menschen unterscheiden?“

Milla zuckte die Achseln. „Gar nicht. Du flirtest einfach mit jedem.“

„Willst du mich verkuppeln, Mill?“

Sie seufzte und bog auf den Parkplatz einer Mall. „Nein, ich vermisse nur manchmal das Daten. Das war immer so aufregend.“
„Anstrengend.“

„Spannend.“

„Langweilig.“

„Und wenn man dann Herzklopfen bekam …“

„Oder anfing zu sabbern, weil dein Date dir von seiner Briefmarkensammlung erzählt hat.“

„Och, Emma. Du siehst das alles viel zu schwarz.“ Sie parkte neben einem blauen Chevrolet und schaltete den Motor aus.

„Ha“, antwortete sie und löste den Gurt, „nein, du siehst das viel zu rosarot, weil du den perfekten Mann und das süßeste Baby der Welt zu Hause hast. Alle anderen Frauen, die danach noch suchen, sind in Sachen Dates etwas realistischer.“

Sie stiegen aus und schulterten ihre Handtaschen. Milla musste noch ein Buch für Steve bei Barnes & Nobles besorgen, danach wollte sie ihre Schwester zu einem Mittagessen einladen, das auf Wunsch von Emma nicht ganz so amerikanisch ausfallen sollte.

„Gibt es denn jemanden in Deutschland, für den es sich lohnen würde, das Daten aufzugeben?“, fragte Milla neugierig nach, während sie auf die Eingangshalle zu schlenderten. Sie bekam dabei diesen Gesichtsausdruck, den nur eine Frau haben konnte, die sich nichts sehnlicher wünschte, als dass ihre kleine Schwester glücklich war.

Doch besagte Schwester war auch ohne Testosteron-Opfer sehr glücklich.

Emma umarmte ihre Schwester spontan. „Milla, ich erzähle dir immer alles am Telefon. Es gibt nichts, was du nicht weißt.“

„Schade. Ich dachte, du hättest vielleicht mit manchem gewartet, um es mir persönlich zu erzählen.“

„Nein, habe ich nicht. Und warum dreht sich alles immer darum, eine Familie zu gründen und die Zukunft zu planen?“

Emma liebte es zu planen. Aber doch nur, wenn es um die Angelegenheiten der Anderen ging!

Sie konnte doch nicht ihr eigenes Leben fünf Jahre im Voraus planen. Wer tat denn sowas? Man musste ja auch nicht in jedem Bereich ein Kontrollfreak sein.

Außerdem war es das letzte Mal, als sie sich bereits im weißen Kleid gesehen hatte, nicht unbedingt gut ausgegangen. Es mochte ja sein, dass nicht alle Männer Idioten waren. Aber wenn sie einfach mit niemandem etwas anfing, ging sie auf Nummer sicher, oder?

„Nein, natürlich nicht. Tut mir leid. Seit ich Randy habe, denke ich nur so häufig darüber nach. Und ich weiß einfach, dass du so eine wunderbare Mutter wärest!“
„Vielen Dank. Aber das werde ich ja vielleicht auch noch in fünf Jahren sein können.“ Emma war achtundzwanzig. Sie hatte noch genug Zeit, um ihr derzeitiges Männer-Misstrauen zu überwinden und ein bis drei Kinder zu backen. Drei Jahre für das Männerproblem, drei Jahre für die Kinder.

„Natürlich. Okay, hier muss ich kurz rein.“

Sie passierten die Türen des Buchladens und Emma fühlte sich von der Größe des Geschäftes erschlagen.

Nicht nur, dass es über mehrere Etagen ging, es schien auch dazu ausgelegt, dass Kunden sich in den Buchreihen verliefen und nie mehr nach Hause fanden.

Milla lachte, als sie das Gesicht ihrer Schwester sah. „Ja. Es ist viel und groß. Gewöhne dich dran. Schau dich doch einfach um, ich finde das Buch schon alleine.“

Dass sie das Buch finden würde, glaubte Emma. Aber dass ihre Schwester sie wiederfand, bezweifelte sie. Doch Milla war schon in der nächsten Regalreihe verschwunden, sodass Emma sie nicht auf das mögliche Problem aufmerksam machen konnte.

Da konnte sie sich genauso gut ins Labyrinth der Worte stürzen. Wahllos schlenderte Emma durch den Laden und war von einer Ecke faszinierter als von der anderen.

Ganz hinten im Laden gab es zum Beispiel eine Regalreihe, die nur Bibeln anbot. Die Barbie-Bibel, die Pfadfinder-Bibel, die Comic-Bibel, die My little Pony-Bibel und natürlich die Bibel mit besonders großer Schrift für alte Leute.

Verrückte Gesellschaft. Emma ging weiter und wurde plötzlich in Blau und Rot getaucht. „Die Delphies“ wies ein großes Schild die Sektion aus.

Emma lachte leise und schüttelte anhand der Variationsbreite den Kopf. Hier war sie genau richtig, um sich für kommenden Samstag zu bilden.

Du meine Güte, war das viel Kram. Sie hatte gedacht, der Fußball-Hype in Deutschland wäre schlimm – aber das war ja ein Witz gegen diesen Baseball-Kult. Es gab Trikots, Wimpel und Spielkarten, aber genauso fand man Regenschirme, Hundedecken, Toilettenüberzüge und Grills.

Am faszinierendsten war jedoch das oberste Regal, das aus einer Reihe von Miniaturversionen der Spieler zu bestehen schien.

Überall standen kleine Baseballfigürchen mit wackelnden Köpfen herum. Emma kannte keinen einzigen Spieler.

Lachend schlenderte sie an dem Regal entlang. Wie konnten Menschen nur so von Sport besessen sein, dass sie sich Wackeldackelfiguren von ihren Lieblingsspielern kauften? Trikots, die waren okay, aber solche Figuren? Das überstieg Emmas Horizont.

„Und, willst du in das amerikanische Leben eintauchen, indem du dir einen Sportler neben das Bett stellst?“

Milla war neben ihr aufgetaucht und hielt triumphierend das Buch in die Luft, das sie gesucht hatte.

Emma verdrehte die Augen. „Genau, ich kaufe mir …“ Wahllos griff sie eine der Figuren. „Den hier. Der sieht doch ganz süß aus.“ Sie drehte ihn in den Händen und betrachtete das Gesicht genauer. „Ja, wirklich sehr ansehnlich.“

Ihn näher an ihre Augen haltend, musste sie anfangen zu grinsen. Der erinnerte sie sogar ein bisschen an Luke, den Mann, den sie vor einem Jahr im Kickern hatte gewinnen lassen … mit dem sie dann geschlafen hatte. Ihr einziger One-Night-Stand überhaupt. Und es hatte sich verdammt nochmal gelohnt.

Verrückt. Das Letzte, was sie von ihm gesehen hatte, war sein nackter Hintern gewesen, weil er ohne Unterwäsche in seine Jeans gestiegen war. Und dann hatte er sie gefragt, ob sie sich wiedersehen würden … meine Güte. Die Ähnlichkeit war schon verblüffend.

„Oh, sehr gute Wahl.“ Milla nahm ihr die Figur aus der Hand. „Hey“, lachte sie, „du hast wirklich Geschmack. Das ist in der Tat einer der Sahneschnitten der Delphies. Luke Carter, Starpitcher und … alles in Ordnung mit dir?“

Besorgt sah Milla ihre Schwester an, der plötzlich jegliche Gesichtsfarbe aus den Wangen gewichen war.

Geschockt sah Emma auf die Figur. Das konnte doch nicht sein! Er hatte doch nicht … er war doch …

„Wie heißt der?“, fragte sie mit trockener Kehle nach.

„Luke Carter“, wiederholte Milla langsam und ging einen Schritt zurück, wahrscheinlich aus Angst, Emma könne sich gleich auf ihre Füße übergeben. „Er ist Pitcher bei den Delphies. Ähm …“

Sie sah sich um, griff einen Bildband aus einem Regal und schlug eine Seite auf. „Hier. Das ist er.“ Sei deutete mit dem Zeigefinger auf ein Foto.

Emma beugte sich nach vorne und schlug ihre Hände über den Mund. „Oh Gott! Ich habe mit einem Typen geschlafen, der seine eigene Wackeldackelfigur hat!“

„Du hast … was?“ Ungläubig starrte Milla sie an. „Wann? Du bist seit gestern hier!“

„Schon vor Längerem. Letztes Jahr, in Köln.“

„Du hast letztes Jahr mit einem VIP geschlafen und mir nichts erzählt? Das zum Thema, es gibt nichts, was ich nicht weiß!“ Milla schien ernsthaft in ihrem Stolz verletzt.

„Nein! Ich wusste doch nicht, dass er sowas wie berühmt ist.“

„Sowas wie berühmt?“ Milla sah ungläubig auf die Figur und wedelte damit vor ihrem Gesicht herum. „Emma, er ist ein Wackeldackel! Jedes Kind in diesem Land kennt seinen Namen und jedes Playmate hat ihm ihren String zugesteckt!“

„Er hat mir doch nicht gesagt, dass er Baseball spielt!“, verteidigte Emma sich. Ihr wurde ein wenig schwindelig. „Ich hatte doch keine Ahnung, dass ich mich zum Groupie mache. Er hat … er hat zwar irgendetwas von Stadion gefaselt und dass ohne ihn nichts laufen würde oder so … ich weiß es doch auch nicht mehr. Das ist echt lange her! Aber er hat nicht erwähnt, dass er berühmt ist.“

Milla öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Diesen Vorgang wiederholte sie mehrmals, bis sie kurz Luft holte und fragte: „Und? Wie ist er? Ich wollte schon immer wissen, wie gut ein Baseballstar im Bett ist.“

„Ja, sag’ es doch noch ein bisschen lauter“, stöhnte Emma. Ein Baseballstar. Sie war mit einem Baseballstar im Bett gewesen! Heilige Scheiße, da waren so unglaublich viele Dinge falsch an diesem Bild!

„Ach, hier versteht uns doch sowieso niemand. Erzähl schon.“

Emma hob die Augenbrauen und wandte sich demonstrativ um. Sie würde ganz sicher nicht darüber reden. „Komm, wir gehen.“

„Tu mir das nicht an!“

„Vergiss nicht, dein Buch zu bezahlen. Ich glaub, Diebstahl ist in jedem Land strafbar.“

„Emma! Du kannst mir doch sowas nicht erzählen und mich dann hängen lassen!“

„Es ist schon lange her, ich erinnere mich überhaupt gar nicht mehr.“
„Das ist doch gelogen!“

War es. „Nein, ist es nicht.“

„Ich wette, es war unglaublich.“ Milla seufzte. „Er hat so schöne Muskeln. Der einzige Grund, warum ich mir Sportsendungen ansehe. Ich wette, er war der Beste, den du je hattest.“

War er. „Mhm.“ Emma zuckte die Schultern und stellte sich an die Kassenschlange. „Geht so.“

Milla grinste breit. „Du kleine Lügnerin.“

Sieben

Klatschen und Johlen empfing Luke in der Umkleidekabine und er blieb mit hochgezogenen Augenbrauen im Türrahmen stehen.

Das Spiel lag noch vor ihnen und so gut sah er heute nun auch wieder nicht aus.

„Herzlichen Glückwunsch!“

Jake sprang nach vorne und tätschelte Lukes Rücken. „Was für eine Ehre. Ein solcher Star in unserer Mannschaft!“

Irgendetwas war los. Halbnackte Baseballspieler überlegten es sich zweimal, sich gegenseitig anzufassen.

Luke schubste die Hand von seinem Rücken und ging auf seinen Platz. „Was ist los? Hat jemand Lust, mich einzuweihen?“

Ray, der bereits sein Trikot anhatte, trat vor und schüttelte etwas ungläubig den Kopf. „Alter, du liest wirklich keine Zeitung, was?“
„Warum sollte ich?“ Lügen, Spekulationen und Anmaßungen bekam er von überall her, da brauchte er nicht extra die Zeitung zu öffnen.

„Hier. Darum solltest du.“ Ray langte in seinen Spind und holte eine Zeitschrift hervor. Sein eigenes Gesicht lächelte Luke entgegen.

Der Sieger: Der Junggeselle mit dem schlechtesten Frauengeschmack

„Was zum …?“

„Seite 43“, murmelte Ray, bevor er sich zur Tür bewegte.

Luke starrte einen Moment sein Gesicht an, dann schlug er die Seiten auf.

Baseballschönling Luke Carter (30) hat es in den vergangenen Jahren rundgehen lassen. Nicht nur, dass die Hälfte der High Society Amerikas schon in seinem Bett gelegen zu haben scheint, vor allem fällt auf, dass er immer wieder aufs Neue schlechten Geschmack bei seinen Auserwählten beweist. Blond und Silikon, dies scheinen Carters Vorlieben zu sein. Der Delphies-Spieler will sich nicht dazu äußern, doch wir haben hier schon einmal die Top Ten seiner Geschmacksverirrungen für Sie zusammengestellt.

Luke blätterte weiter und mit dem Kiefer knackend überflog er die zehn Bilder seiner vermeintlichen Date-Fehlgriffe. Überwiegend blonde, aufgeblasene Tussies, die mit Schmolllippen in die Kamera sahen. Brittany, die ihn immer noch belästigte, war auch dabei.

Luke knüllte das Klatschblatt zusammen, zielte und warf es in den Mülleimer. Bei mindestens fünf von ihnen war er sich sicher, dass er zwar mit ihnen ausgegangen war, aber nicht mit ihnen geschlafen hatte. Bei den anderen fünf war er sich ziemlich sicher, dass er mit ihnen geschlafen hatte, wusste jedoch auch, dass die Dates mit ihnen mindestens vier Jahre zurücklagen.

Shit. Das durfte doch nicht wahr sein!

Wütend zog er sein T-Shirt aus und warf es in den Spind.

Jetzt benahm er sich endlich in der Öffentlichkeit und die Presse suchte in seiner Vergangenheit nach Mist, damit sie ihn weiter auf den Titelseiten abdrucken konnten!

Wes war bestimmt begeistert. Es wunderte Luke, dass er sich noch nicht bei ihm gemeldet hatte. Vielleicht hatte er zu viel Stress aufgrund seiner Hochzeit.

Der Delphies-Spieler will sich nicht dazu äußern – so ein Schwachsinn!

Luke hätte sich herzlich gerne dazu geäußert. Am liebsten mit einem Faustschlag.

Warum interessierte sich überhaupt irgendwer für sein Leben? Manchmal hatte er das Gefühl, seine Fans wussten mehr über ihn als er selbst.

„Luke, mach dir nichts draus.“ Dexter klopfte ihm auf die Schulter. „Die Aasgeier schreiben eh was sie wollen. Morgen steht wieder was Neues drin und die Welt hat den Artikel vergessen.“

Ja, die Welt. Sein Management nicht.

„Danke“, murmelte er und streifte sich sein Trikot über, „und mein Geschmack ist tadellos!“

Dex sah ihn mitleidig an. „Dein Geschmack ist das Letzte – mich wundert es, dass dir noch keiner deiner lieblichen Eroberungen das Auto zerkratzt hat.“

„Oh, mir wurde schon oft das Auto zerkratzt. Aber solange sie mir vorher erst etwas anderes zerkratzen, komme ich damit klar …“

„Weißt du, ich stimme Ray zu. Dir sollte wirklich mal jemand etwas auf die Fresse geben!“

Luke lächelte. „Erzähl mir doch noch mal: Wie geht es deiner Schwester?“

„Vielleicht übernehme ich das auch, das mit dem In-die-Fresse-hauen“, murmelte Dex. „Ich würde allen Frauen der Welt einen Gefallen tun …“

„Lass mich raten, wir schlachten unsere eigene Kuh und gehen vor unseren Autos grillen?“

Emma stand mit ihrer Schwester vorm Auto und hatte die Augen verengt. Als Milla gesagt hatte, sie beide sollten sich mal eine Auszeit gönnen, hatte sie eher an ein Spa gedacht, nicht an … das hier.

„Nicht ganz.“

Emma blickte sich um. Da waren mindestens ein Dutzend Männer, die einen kleinen Barbecue vor ihren Geländewägen hielten und ganze Kühe verspeisten. „Wir schlachten unser eigenes Schwein und grillen das dann?“

Milla lachte. „Nein … wir gehen da rein.“

Sie streckte ihren Arm aus und zeigte auf das riesige Gebäude vor ihnen, das Emma schon wehleidig als Stadion erkannt hatte. Sie ahnte Böses.

„Bitte sag mir, dass wir uns keinen Sport ansehen“, bettelte sie und legte ihren Kopf in den Nacken.

Emma und Sport waren sich bereits mehrmals begegnet. Sie hatten sich angelächelt, Hände geschüttelt und entschieden, dass es das Beste war, getrennte Wege zu gehen.

Unter Entspannung verstand Emma etwas anderes.

Ihre Schwester grinste sie breit an und streckte ihre Arme zu einem V in die Luft, sodass es aussah, als mache sie einen Luftsprung, ohne dabei zu springen. „Wir sehen uns ein Baseballspiel an!“

Emma stöhnte laut auf und legte sich eine Hand über die Augen.

„Milla, ich hasse Sport. Sport ist langweilig!“

„Ach Quatsch.“ Sie schloss das Auto ab und hakte ihre Schwester unter. „Wir haben einmalige Plätze, ziemlich weit vorne und mit genauer Sicht auf das Schlagmal, das wird lustig.“

Emma teilte die Zuversicht ihrer Schwester nicht.

Sie verstand nicht, warum Leute Spaß dabei empfanden, einem Ball oder Sonstigem hinterherzulaufen – und welcher Idiot war auf die Idee gekommen, sie dafür zu bezahlen?

„Sieh’ es als Recherche an“, lachte Milla und zusammen überquerten sie die Straße.

„Recherche?“, grummelte Emma und schüttelte den Kopf. „Was für eine Recherche?“

„Na ja, du organisierst doch morgen diese Charity Gala und heute kannst du die Delphies, die Gastgeber, schon kennenlernen.“

Emma prustete. „Kennenlernen? Ich sehe sie aus mehreren hundert Metern Entfernung. Das kann man wohl kaum Kennenlernen nennen.“

„Na ja, sagen wir, ich gebe dir die Möglichkeit, dir schon ein paar Promi-Gesichter einzuprägen, damit du morgen nicht vollkommen blöd jeden fragst, ob er berühmt ist.“

Das war gar nicht so dumm. Sie fürchtete sich tatsächlich ein wenig davor, sich morgen Abend vollkommen zum Affen zu machen.

Sie kamen an der Security an und mussten ihre Handtaschen öffnen und die Karte vorzeigen. Der Türsteher nickte Emma zu und sie durfte passieren.

„Nach dem hier schuldest du mir etwas“, murrte sie und reckte den Kopf in die Höhe. Das Stadion war riesig und besaß mehrere Etagen. Sie und Milla stiegen in den Fahrstuhl, fuhren bis zur zweiten und befanden sich vor einem Haufen von Hot Dog-, Brezel- und Fanartikelständen. Jeder dritte Mensch, dem sie begegneten, trug ein rot-blaues Trikot mit irgendeiner Zahl und einem Namen auf dem Rücken. Emma fühlte sich, als wäre sie in den Kreis einer Sekte geraten, die die Farben Rot und Blau anpries und auf Kappen stand.
„Zieh’ nicht so ein Gesicht“, beschwerte sich Milla, „ich dachte, du freust dich vielleicht, deinen One-Night-Stand wiederzusehen.“

„Halt die Klappe, Milla!“

„Ach, das wird wunderbar! Ist doch lustig!“

Ja, todlustig! Sie könnte sich kaputtlachen! So sehr, dass ihr ein wenig schlecht bei dem Gedanken wurde, dass sie Luke womöglich wirklich wiedersehen würde und sei es auch nur aus weiter Entfernung. Irgendwie kam ihr die Nacht, die sie zusammen verbracht hatten, so surreal vor. Nicht nur, weil es ihr einziger One-Night-Stand in ihrem ganzen Leben gewesen war, sondern auch, weil Luke einfach in einer anderen Liga gespielt und letztendlich trotzdem neben ihr gelegen hatte. Jetzt, wo sie wusste, dass er hier berühmt war, fühlte sie sich noch unwohler. Er hatte seine eigene Wackeldackelfigur!

Gemeldet hatte er sich natürlich auch nie wieder. Aber das hatte sie auch gar nicht gewollt. Fast gar nicht. Nun gut, ein wenig schon. Ein ganz klein wenig.

Emma blinzelte mehrmals, um die Gedanken an die Nacht aus ihrem Kopf zu bekommen, und streckte ihrer Schwester die Zunge heraus. „Okay, du Klugscheißer. Hör auf, darüber zu reden und ich gebe mir Mühe, dem Ganzen hier etwas Gutes abzugewinnen.“

Milla tat so, als würde sie ihren Mund abschließen und den Schlüssel wegwerfen. „Alles klar. Setzen wir uns hin?“

„Ja, okay. Wir wollen das Spiel ja nicht verpassen.“

„Ach“, Milla machte eine wegwerfende Handbewegung, „das ist egal. Meistens kommt man sowieso nicht zu Spielbeginn. Eigentlich geht man nur zum Baseball, um Hot Dogs und Brezeln zu essen.“

Im Innenraum sah die Arena aus wie ein Quidditch-Stadion. Manche der Ränge lagen so hoch, dass sie nur mit einem Fahrstuhl erreicht werden konnten – die Treppe zu nehmen, hätte einen wahrscheinlich umgebracht – und die Sitze waren unglaublich eng aneinandergedrängt. Von drei sich überlappenden Rängen aus konnten die Zuschauer das grüne Spielfeld bewundern. Oder eben auch nicht, denn Emma bezweifelte, dass man von den obersten Sitzen aus auch nur das Geringste erkennen konnte. Sie wünschte sich, dass die Spieler auf Besen aufs Feld fliegen würden. Dann würde das ganze vielleicht sogar interessant.

Milla hatte recht gehabt, ihre Plätze waren wirklich ziemlich gut. Emma konnte sowohl das Feld, das eine wirklich merkwürdige gezackte Form aufwies, als auch die riesige Leinwand, die alles, was passierte aufzeigte, gut erkennen und wenn sie sich angestrengt hätte, hätte sie wahrscheinlich sogar versuchen können, die Gesichter der Spieler zu erkennen, die sich schon auf dem Spielfeld warm machten. Was sie aber auf keinen Fall wollte. Nein – möglichst wenige Gesichter zu erkennen, das war ihr Motto.

„Ist die Stimmung nicht toll?“, verlangte Milla Emmas Bestätigung und deutete auf die Ränge um sie herum, die fast vollkommen besetzt waren. „Stell’ dir vor, wie viele Menschen hier gerade sind!“

Emma stellte es sich vor und fragte sich, was passieren würde, wenn alle, die gerade hier waren, Greenpeace beitreten würden. Oder noch besser: Ihr einen Euro gaben.

„Ja, die Stimmung ist gut“, gab sie widerwillig zu und klatschte sogar mit, als der Spielbeginn durch einen Lautsprecher angekündigt wurde.

Die Philadelphia Delphies traten gegen die Detroit Tigers an und zumindest diesen Namen fand Emma eindrucksvoll. Aber was wusste sie schon?

Dann ging das Spiel los. Jedenfalls wurde das angesagt, aber passieren tat Emmas Meinung nach erst einmal nichts. Es wurden zwar das Gesicht eines Spielers und eine Menge Zahlen auf die Leinwand projiziert, doch das war auch schon alles.

Sie beugte sich zu Milla, deren Augen auf den kleinen Hügel gerichtet waren, auf dem ein einziger Mann mit einem Ball in der Hand stand. „Was passiert jetzt?“, fragte sie und folgte Millas Blick.

„Jetzt werfen sie den Ball.“

„Und dann?“

„Dann versucht der andere, ihn zu treffen.“
„Und dann?“

Plötzlich fingen die Fans an zu kreischen und Emma sah sich verwirrt um.

Was war passiert? War ein Spieler in Ohnmacht gefallen? Hatte jemand sein T-Shirt ausgezogen?

„Warum schreien alle?“, brüllte sie ihre Schwester über den Lärm hinweg an.

„Es wurde ein Ball aufs Grün getroffen.“

Emma schätzte, dass das wohl gut sein musste. Sie jubelte einfach mal mit.

Ah ja! Auf der riesigen Leinwand wurde jetzt gezeigt, dass ein Mann, der mit dem kleinen Hölzchen auf seinen Schultern unglaublich albern aussah, brutal auf einen Ball eingedroschen hatte und dieser irgendwo auf dem Rasen gelandet war. Ferner konnte man erkennen, wie die Spieler der gegnerischen Mannschaft hinterherhetzten und versuchten, den Spieler mit dem Ball abzuwerfen. Oder vielleicht spielten sie auch ihren Mitspielern den Ball zu, die dann aus irgendeinem Grund auf den Boden schlugen. Emma konnte das nicht so ganz nachvollziehen. Warum sollte man auf den Boden schlagen, kurz bevor ein Spieler angehetzt kam und einem womöglich noch auf die Finger trat?

„Du siehst skeptisch aus“, lachte Milla und beobachtete, wie jetzt ein grünes, großes Maskottchen auf den Rasen lief und dämlich herumtanzte.

„Nicht skeptisch. Verstört! Was ist, wenn so ein Ball einen Spieler am Kopf trifft?“

„Dann muss er wahrscheinlich ins Krankenhaus.“

„Oh. Und wenn ein Vogel getroffen wird?“

„Dann hat man einen toten Vogel.“

„Und wenn ein Zuschauer getroffen wird?“

„Dann hat man einen Home Run, einen verletzten Zuschauer und eine Klage gegen das Baseballteam.“

„Ach so.“

Wer rannte nach Hause?

Anderthalb Stunden später hatte Emma immer noch keine Ahnung, warum Spieler auf den Boden schlugen, aber sie wusste jetzt, dass so ein Spiel neun Innings dauerte und sie gerade einmal im vierten waren. Es hatten noch mehrere Spieler den Ball getroffen und es stand 3:2 für die Tigers.

Doch jetzt waren die Delphies an der Reihe. Warum genau, konnte Emma auch nicht sagen. Irgendetwas mit Offense und Defense und das, wenn drei out waren, gewechselt wurde – Milla schien wirklich ein wenig Ahnung zu haben.

„War das jetzt ein Out?“, fragte Emma und beobachtete, wie eine Reihe von Männern über den Sandteil des Feldes lief und eine Harke hinter sich herzog. Gartenarbeiter hatten sie also auch angestellt.

„Was war ein Out?“

„Na … das, was vorher passiert ist. Wo der eine geschlagen, aber nicht getroffen hat und dann gewechselt wurde.“

„Ja. Der Spieler hat dreimal daneben geschlagen, obwohl der Pitcher einen guten Ball geworfen hat, das heißt, er ist out.“

Emma nickte, damit es wenigstens den Anschein machte, als ginge diese Regelung nicht in ihr eines Ohr herein und zum anderen wieder heraus.

Einen Hot Dog später liefen die Spieler wieder auf das Feld und stellten sich in Position. Wo sie dann auch erst einmal wieder für einen längeren Zeitraum blieben, in dem nichts zu passieren schien, außer dass jemand einen Ball warf und der Mann, der hinter dem Typen mit dem Schläger stand, den Ball auffing.

Dass man das überhaupt Sport nennen durfte!

Die meiste Zeit über standen die Spieler nur scheinbar gelangweilt herum, um dann im richtigen Moment loszusprinten und dann wieder dumm herumzustehen.

Emma fand, selbst bei Curling und Golf gab es mehr Bewegung. Aber die große Leinwand war witzig. In jeder Pause wurden die Zuschauer zu irgendetwas aufgefordert. Ob nun zum Robot-Dance, Freaky-Dance oder zum Küssen für die Kiss-Cam. Egal was – lustig war es immer. Amerikaner hatten keine Hemmung, sich lächerlich zu machen, nur um ins Fernsehen zu kommen. Aber das galt wohl nicht nur für die Amis. Das war eher eine globale Sache.

Die Menge schrie wieder auf und sprang auf die Füße. Emma reckte den Hals und sah in den Himmel, der sich inzwischen verdunkelt hatte. „Ich sehe den Ball gar nicht.“

„Ja, manchmal ist der schwer zu erkennen, weil er so weiß ist.“

„Wo ist er denn jetzt?“

„Da hinten. Reynolds hat ihn.“

Wer war Reynolds?
„Der in der Uniform“, erriet Milla ihre Gedanken.

Emma verdrehte die Augen. „Na, vielen Dank.“

„Das gibt es doch nicht!“, schrie Milla plötzlich auf. „Jake Braker war mit dem Fuß drauf. Das hat man doch genau gesehen! Der war nie im Leben out!“

Erstaunt sah Emma ihre Schwester an, die mit hitzigem Gesicht schon beinahe über der Reling hing. So emotional kannte sie Milla nur bei Monopoly.

„Hast du keine Augen im Kopf, Schiri? Der Ball hat Reynolds nach Braker erreicht!“

„Hat der keine Augen im Kopf? Jake hatte den Fuß darauf!“, brüllte Luke und stand von der Bank auf. „Er war der Erste!“

„Out“, beharrte der Schiedsrichter und ermahnte den Haupttrainer der Delphies zur Ruhe, der cholerisch angefangen hatte zu brüllen. „Schickt den Nächsten raus.“

Luke fing an, auf Deutsch zu fluchen und der Schiedsrichter warf ihm zwar wütende Blicke zu, konnte ihn aber nicht zurechtweisen. Luke könnte auch gerade seine Einkaufliste aufgezählt haben, der Schiedsrichter konnte nur Mutmaßungen anstellen.

„Los, Carter“, blaffte Coach Thompson, der schon Schaum vor dem Mund zu haben schien, „zeig dem Blindfisch, dass diese Mannschaft es verdient hat zu gewinnen.“

Luke war Pitcher, was bedeutete, dass sein Schlagtraining nicht auf dem Niveau der eigentlichen Batter, der Schlagmänner, war. Pitcher waren meistens schlecht am Schlagmal. Meistens.

„Und aufs Spielfeld kommt Luuuuuuuukeeeeee Caaaaaaarter, mit der Nummer vierzehn“, hallte es durch die Lautsprecher und Emma sah, wie Lukes Gesicht auf der Leinwand erschien. Ihr Herz schlug automatisch ein paar Takte schneller.

Peinliches, peinliches Herz!

Es sollte überhaupt nichts fühlen. Sie kannte den Mann nicht. Na ja, seinen Körper kannte sie schon, aber den Rest – das, was wichtig war – kannte sie nicht!

Trotzdem ignorierte ihr Herz diese Tatsache. Ebenfalls ignorierten Emmas Hormone, dass Luke mit dem Helm vollkommen lächerlich aussah.
Okay, vielleicht heiß und lächerlich. Aber doch größtenteils heiß – äh, lächerlich! Das hatte sie sagen wollen. Größtenteils lächerlich.

Er sah aus wie … hatte er die Haare wachsen lassen? Unter dem Helm sprangen dunkle Locken hervor.

Emma merkte, wie Milla sie anstarrte und dabei den Kopf schüttelte. „Ich fasse es nicht, dass du mit diesem Mann Sex hattest und mir nichts erzählt hast.“

Emma wurde rot und wandte ihr Gesicht ab. Sie war auf einmal sehr aufs Spiel konzentriert.

Der Pitcher warf den Ball und – Luke bewegte nicht einmal den Arm.

„Warum hat er nicht geschlagen?“

„Weil es ein Ball war.“

„Ich weiß, dass es ein Ball ist, so hinterm Mond wohne ich jetzt auch nicht.“
„Nein, es heißt Ball, wenn der Pitcher zu hoch oder zu niedrig wirft. Wenn Carter geschlagen hätte, wäre es sein Fehler gewesen.“
„Ach so.“ Emma verstand kein Wort.

Der Pitcher warf erneut und wieder ließ Luke den Ball an sich vorbeiflattern.

„Wow, er hat echt ein gutes Auge.“

„Hat er?“

„Ja, hat er.“

„Okay.“ Entschuldigend hob Emma die Hände. „Ich kann von hier nicht erkennen, ob er ein gutes Auge hat. Ich dachte eigentlich, er hat zwei.“

„Pscht.“

Emma verdrehte die Augen und sah wieder aufs Spielfeld, wo der Pitcher jetzt zum dritten Mal ausholte und den Ball warf. Diesmal schlug die Nummer 14 zu. Und wie er zuschlug.

Der weiße Fleck flog über den Sandteil, über die Wiese und immer näher auf die Zuschauerränge zu.
Oh Gott!

Jetzt kam der Ball Emma aber ein wenig zu genau auf die Zuschauerränge zu und nicht auf die Ränge, sondern auf … sie.

„Ich fang’ ihn, ich fang’ ihn!“, schrie Milla und stand von ihrem Platz auf.

Aber sie fing ihn nicht. Er flog direkt in Emmas Beine, die sich erschrocken nach hinten lehnte, aber den blauen Flecken trotzdem nicht entkommen konnte.

„Du hast ihn!“ Mit freudestrahlendem Gesicht riss Milla den Arm ihrer Schwester in die Höhe, während sich alle Besucher um sie herum enttäuscht wieder auf ihre Plätze sinken ließen. „Ich fasse es nicht. Dein erstes Spiel und du fängst einen Ball. Du bist so ein Glückspilz!“

Emma hob den rot-weißen Ball auf. „Scheint so.“

„Luke Carter erreicht die vierte Base. Sein erster Home Run dieser Saison!“, brüllte der Stadionsprecher.

Luke strich sich die Haare aus den Augen und klatschte seine Teamkollegen ab.

„Da wird morgen ja vielleicht sogar was Erfreuliches über dich in der Presse stehen“, feixte Jake und klopfte auf Lukes Helm.

Luke boxte zurück. „Das hoffe ich doch – über dich wird nur drinstehen, dass sich das Trikot mit deiner Haarfarbe beißt.“

„Von wegen …“, murrte die Nummer 6. „Ich werde in der InTouch als derjenige mit dem besten Frauengeschmack aufgeführt.“

Luke prustete. Nicht einmal dieser bescheuerte Artikel konnte ihm diesen Moment zerstören. „Den Geschmack musst du erst mal beweisen.“

„Und jetzt zeigen wir noch einmal die glückliche Fängerin des Home Run-Balls!“, verkündete der Stadionsprecher laut und die Menge fing an zu jubeln.

„Die“, grinste Jake und nickte zur Leinwand hin. „Die würde ich auch nehmen. Sieht süß aus. Wow … diese Augen. Ich wette, die bekomme ich noch eine Spur dunkler hin.“

Irritiert folgte Luke Jakes Blick …

„Ihr Körper ist vielleicht ein wenig zu stämmig“, setzte Jake nachdenklich hinzu, „aber sonst …“

„Nein“, murmelte Luke mit offenem Mund, „ihr Körper ist perfekt. Das verdammt noch mal heißeste, was ich je …“

Was zum Teufel tat sie hier?

Sie wohnte in Deutschland! Die süße Emma, die überhaupt nicht so süß war. Diese Frau strahlte pure Sinnlichkeit aus. Selbst über einen Bildschirm!

Und Luke erinnerte sich noch an alles von ihr. Wie sie redete, wie sie ihre Lippen bewegte, während sie ihn anschrie, wie sie mit den Händen wedelte, um ihn aus ihrer Tür zu bekommen. Alles an ihr war … faszinierend. Allem voran die multiple Persönlichkeitsstörung, die sie gehabt hatte. Sie hatte mindestens zwei. Eine im Schlafzimmer und eine außerhalb – und er hatte keine Ahnung, welche der beiden Personen ihn mehr aus dem Konzept gebracht hatte.

Sein Kollege starrte ihn verwirrt an. „Das verdammt noch mal Heißeste, was du je … was?“

Luke riss seinen Kopf hoch. „Halt die Klappe, Braker und konzentrier dich lieber auf dein Spiel und nicht auf hübsche Frauen!“

Braker schnaubte. „Klar, wenn du das auch tust!“

„Ich bin multitaskingfähig“, murmelte er und starrte wieder zur Leinwand hoch. Dieser Tag wurde immer interessanter.

„Oh, guck mal, du bist auf der Leinwand!“, kreischte Milla und zog unsanft an Emmas Ärmel. Emma wandte ihren Blick und betrachtete erschrocken ihr überdimensionales Ich auf der Leinwand. Sie lächelte breit und wurde rot.

So sehr alle anderen auch ins Fernsehen wollten – sie gehörte nicht dazu.

Milla sah das anders. Sie strahlte mit den Sternen um die Wette und schwang ihre Arme hin und her.

Das Bild verschwand wieder und erleichtert sank Emma in ihrem Sitz zusammen.

Acht

„Und dir macht es wirklich nichts aus?“

„Jetzt fahr’ schon.“ Emma schlug die Autotür ihrer Schwester zu. „Dein Sohn wartet auf dich. Wir gehen ein anderes Mal noch was trinken. Ich brauche für morgen Abend sowieso meinen Schönheitsschlaf.“

Nicht, dass der im Vergleich zu den tausend Models, die morgen kommen würden, etwas bringen würde.

Milla kurbelte das Fenster herunter. „Sag’ erst noch einmal, dass ich recht hatte.“
Emma sah sie düster an.

„Sag’ es.“

„Du hattest recht, es war witzig.“

„Siehst du! Ich habe immer recht. Das solltest du doch seit achtundzwanzig Jahren wissen.“ Milla warf ihrer Schwester durch das Autofenster hindurch einen Kuss zu und parkte elegant aus.

Der Parkplatz wurde durch eine Schlange von Autos blockiert und Emma hatte wenig Lust, sich auch noch hinten einzureihen, deswegen machte sie noch zwanzig Minuten lang einen Spaziergang um das Stadion herum, bis sie sah, dass er sich fast vollständig geleert hatte.

Erst dann stieg sie ins Auto und stellte ihr Navigationssystem ein. Sie war müde und erschöpft. Den Jetlag hatte sie zwar besiegt, doch ihre acht Stunden Schlaf bekam sie zurzeit trotzdem nicht. Zu viel Neues, zu viel Aufregung.

Sie drehte den Schlüssel herum. Der Motor hörte sich an, als wäre er auf einem Crack-Trip.

Das konnte nicht sein! Das Auto war ein Firmenwagen, sie hatte es gestern erst bekommen.

Wieder drehte sie den Schlüssel.

Der Motor stotterte eine Entschuldigung und verabschiedete sich.

„Gutes Spiel, Carter.“

„Du bist wieder da, Mann.“

„Wen interessiert es, dass du keinen Frauengeschmack hast, wenn du weiter solche Bälle schlägst?“

„Ich habe einen guten Frauengeschmack!“

Jemand schnaubte. Vielleicht waren es auch alle. „Bleib’ du lieber mal bei deinen Curveballs!“

Er seufzte und ließ sich auf die Bank sinken. Er hatte noch ein Interview gegeben, bei dem er jede Anspielung auf den Zeitungsartikel galant ignoriert und sich nur zu seinem Baseballspiel und nicht zur Hochzeit seines Vaters geäußert hatte, und deswegen waren die meisten Spieler schon umgezogen und auf dem Sprung.

„Ich hoffe, das bleibt auch so. Es hat nämlich keinen Spaß gemacht, mit einem Mädchen zu spielen“, meinte Dexter und grinste Luke an, bevor er die Umkleide verließ.

„Das hoffe ich auch“, murmelte Luke mehr zu sich selbst als zu seinem Kollegen.

Es befand sich kaum noch jemand in der Umkleide und Luke hatte sich bereits umgezogen, als sein Handy klingelte und die Anruferkennung Wes anzeigte.

Luke hatte so gute Laune, dass ihn auch die Standpauke seines Agenten nicht erschrecken konnte.

„Hey, Wes“, meldete er sich und zog sich die Jacke über.

„Gutes Spiel, Luke“, begrüßte ihn sein Freund.

Was war denn nun los?

„Sollte ich mir Sorgen machen, dass du mich nicht anschreist?“

„Soll ich in den Hörer schreien, dass du ein gutes Spiel abgeliefert hast? Beruhigt dich das dann?“

Ja, das hätte es wahrscheinlich.

„Sei nicht beleidigt und sag’ mir, warum du wirklich anrufst. Du würdest das Telefon nicht in die Hand nehmen, nur um mir zu gratulieren.“

„Natürlich würde ich das nicht. Ich würde ja kein Privatleben mehr haben, wenn ich immer anrufe, sobald du den Ball triffst.“

„Geht’s um den Artikel?“

„Den lassen wir mal außen vor. Die Reporter haben es auf dich abgesehen, du kannst nichts dafür.“ Der Tag wurde immer verrückter. So viel Weitsicht hatte Luke seinem Freund gar nicht zugetraut.

„Nein, es geht um das Charity-Event morgen. Ich wollte wissen, ob ich mich um einen Smoking für dich kümmern soll oder ob du ihn bereits besorgt hast.“

Luke starrte auf seinen Spind und schloss die Tür, bevor er sich räusperte. „Was für ein Charity-Dings?“

Stille.

„Das ist nicht dein Ernst.“
Luke fuhr sich durch die noch feuchten Haare und runzelte die Stirn. Charity-Event? Da klingelte nichts. „Ich weiß nichts von einem Charity-Event.“

„Was soll das heißen?“, fuhr Wes auf. „Ich hab’ dir schon vor Monaten die zwei Karten gegeben!“

Luke öffnete seine Brieftasche und fand zwei Karten darin, die sich als Eintrittskarten für die Delphies-Charity Gala gegen Knochenkrebs entpuppten.

„Stimmt. Hast du mir gegeben.“ Er nickte. „Ich hab’ gedacht, es wären McDonalds Gutscheine.“

„Luke, zwing mich nicht dazu, dir vor die Haustür zu pinkeln.“

„Ich hab’ es halt verpennt, Wes!“

„Ich habe es dir in deinen Kalender geschrieben!“

„Ach, das heißt CG.“
„Ja, heißt es.“

„Ah.“ Luke wiegte seinen Kopf von der einen zur anderen Seite. „Ich weiß nicht, ob ich da hingehen sollte.“

Du weißt es nicht?“ Die Stimme seines Agenten überschlug sich. „Das steht nicht zur Debatte, du wirst hingehen und wenn ich die Hunde auf dich hetzen muss. Du musst dich dort blicken und von ’nem Kameramann abknipsen lassen, hast du verstanden? Sonst steht morgen in der Zeitung, dass du Knochenkrebs befürwortest.“

„Verdammt, Wes.“ Luke grinste breit. „Du bist viel zu leicht zu provozieren! Habe ich dir denn gar nichts beigebracht? Und stress dich nicht so. Ich bezahle dich nicht dafür, dass du meine Anstandsdame spielst.“

Einen Moment lang war es still und Luke wusste genau, welches Gesicht sein Freund jetzt aufgesetzt hatte. „Hör mal zu, du Klugscheißer“, fing Wes schließlich an, „du wirst kommen. Mit Begleitung oder ohne. Ist mir egal. Am besten einfach ganz ohne. Wer weiß, wen du bis morgen noch aufgabeln würdest. Der Artikel heute war nicht wirklich die beste Publicity für deinen Frauengeschmack und wir müssen das ja nicht noch ankurbeln.“

„Gut. Ich gehe alleine hin.“ Luke hatte genug davon, dass ihm ein schlechter Frauengeschmack vorgehalten wurde. Wenn er komplett ohne Begleitung ging, konnte ihm wenigstens nichts passieren.

„Gut. Ich werde auch da sein und dein Vater wahrscheinlich auch – mit seiner Verlobten – also mach keine Szene.“

Na, das würde ja ein toller Abend werden. „Ich gebe mir Mühe. Aber du kennst mich, ich stehe eben auf Drama.“

„Ja, ich kenne dich und es ist egal, dass du Drama verabscheust! Du schaffst es trotzdem immer, es irgendwie zu erzeugen.“

Nein, er erzeugte es nicht! Das waren immer die Frauen, die sich auf ihn warfen, als wäre er ein Football und sie beim Super Bowl. Aber er hatte wirklich keine Lust, das weiter zu erörtern. „Bis morgen, Wes.“

„Bis morgen. Und das war wirklich ein super Spiel.“

Es klickte in der Leitung und Luke schulterte seine Sporttasche.

Die Tiefgarage war schon fast vollkommen geleert, als er zu seinem Audi A8 – er brauchte zwar kein Statussymbol, aber gegen ein schönes Auto konnte ja niemand etwas einwenden – gelangte.

Es war ein guter Tag gewesen und Luke hatte das Gefühl, dass nichts diesen Tag noch verbessern konnte. Doch als er losfuhr und am Besucherparkplatz vorbeifuhr, auf dem nur noch ein einsames Auto stand, gegen das eine kleine Frau gerade mit Füßen und Händen kämpfte, bekam er den Eindruck, dass er zu schnell geurteilt hatte.

„Ich hasse amerikanische Autos, ich hasse sie!“ Emma trat gegen die Reifen und schlug mit ihren Fäusten auf die Motorhaube ein. „Warum gehst du nicht an? Verdammte Mistkarre!“

Sie hatte einen Abschleppdienst und ein Taxi gerufen, doch beide hatten ihr mitgeteilt, dass es eine Weile dauern könnte, bis sie durch den regen Verkehr kämen.

Scheinwerfer leuchteten auf und hoffend hob Emma den Kopf.

Doch als sie eine Hand vor ihr Gesicht hielt, um durch das Scheinwerferlicht etwas erkennen zu können, musste sie zugeben, dass dieses Auto doch ein wenig zu schick für ein Taxi war. Außerdem sahen Taxifahrer in ihrer Vorstellung nicht so aus wie der Mann, der aus dem Audi stieg.

Oh Gott! Jetzt fing ihr verdammtes Herz schon wieder an, Polka zu tanzen und jede Mühe, ihr Blut zurück in ihre Füße zu zwingen, war vergebens.

Mit trockenem Mund verschränkte sie die Arme vor ihrem Körper und lehnte sich gegen das Auto.

„Du kommst mir bekannt vor“, sagte Luke grinsend und schloss die Autotür hinter sich.

Emma lächelte ihn etwas gezwungen an. „Ich wette, das sagst du zu allen Frauen, mit denen du geschlafen hast.“

Er schüttelte ernst den Kopf. „Nein. Manche frage ich auch: Kennen wir uns?“

Emma schnaubte. „Also sollte ich mich geehrt fühlen, weil du mich noch erkennst?“
„Mir sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als ich dich auf der Leinwand gesehen habe“, gab er zu und zuckte die Schultern. „Ich dachte, ich würde mir dein Gesicht einbilden – aber als ich hörte, wie du dein armes Auto anschreist, wusste ich, dass du es bist. Deine Schreie sind mir noch sehr gut im Gedächtnis geblieben.“

Emma lief tiefrot an. Großer Gott, dieser Kerl machte sie fertig – aber bevor sie sich das anmerken ließ, fiel sie lieber tot um. „Der Motor ist faul und möchte nicht laufen. Das heißt, ich hänge hier fest.“

„Hast du schon den Abschleppdienst gerufen?“

„Nein, ich hoffe darauf, dass der Weihnachtsmann vorbeikommt und mir seine Rentiere leiht.“ Das war eine Spur trotziger gewesen als Emma es eigentlich gewollt hatte.

Aber Luke stand vor ihr und redete mit ihr, als hätten sie sich gestern noch in der Bar getroffen und eine Runde Billard gespielt. Wo nahm er die Nerven her? Oder war das so eine Baseballspieler-Angewohnheit? Waren sie alle besonders gut darin, unangenehme Situationen in etwas Positives zu verwandeln? Oder war Luke so sturzbesoffen, dass er zu so etwas wie Peinlichkeit gar nicht mehr empfänglich war? Emma hoffte es nicht, da er ja noch fahren musste.

„Was machst du überhaupt hier?“, ignorierte Luke Emmas Sarkasmus.
„Ich habe ein Baseballspiel besucht.“

Luke lachte. „Ach, tatsächlich! Mich würde aber mehr interessieren, warum du dafür extra in die USA gekommen bist.“

Warum interessierte ihn das?

„Ich arbeite hier für ein paar Monate“, erklärte sie und wünschte sich, ihr Mundwinkel würde endlich aufhören, nervös zu zucken.

„Aha … und dann dachtest du dir: Wenn ich schon mal hier bin, stalke ich doch mal meinen One-Night-Stand?“

Arroganter Egomane!

„Abgesehen davon, dass du wohl vergessen hattest zu erwähnen, was du wirklich von Beruf bist, wollte ich gar nicht herkommen. Ich finde Baseball blöd. Meine Schwester hat mich hergeschleift – dich in albernen Hosen zu sehen, stand nicht weit oben auf meiner Wunschliste.“

Sein Grinsen wurde breiter. Offensichtlich war er nicht nur gegen Peinlichkeiten, sondern auch gegen Beleidigungen immun. „Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du anfängst wahllos Leute zu beleidigen, wenn dir etwas peinlich ist?“

„Wahllos? Nein. Ganz sicher nicht wahllos. Ich beschränke mich auf Leute, die es ein bisschen verdient haben.“

„Also, jetzt beleidigst du mich wirklich! Ich habe es mehr als ein bisschen verdient! Nichtdestotrotz spiele ich gerne Ritter. Also, soll ich dich mitnehmen?“

Sie verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich muss noch auf den Abschleppdienst warten und ich habe mir schon ein Taxi gerufen, aber danke.“
Eine halbe Stunde in einem Auto mit diesem Mann? Ganz bestimmt nicht! Stresssituationen waren genau das, was Emma zurzeit vermeiden wollte.

„Aber das kann ewig dauern, wann hast du da angerufen?“

„Gerade eben, die kommen bestimmt gleich.“

Luke steckte eine Hand in die Hosentasche, zog sein Telefon heraus und drückte ein paar Knöpfe. „Hey Larry, hier ist Luke. Ja danke, ich fand das Spiel auch super. Hör mal, kannst du ’nen Abschleppdienst zum Stadion schicken? Ja ich weiß, der Verkehr ist die Hölle, aber du bist der Schnellste. Vielen Dank. Es ist der silberne Ford. Ja, schlepp ihn einfach ab, repariere ihn und bring’ ihn zur …“ Er hob die Augenbrauen und sah in Emmas Richtung.

„Äh, 12 Paddington Road“, sagte sie, „Philadelphia.“

„Hast du das gehört? Ja, alles klar. Sag’ Bescheid, wenn dein Jüngster gerne mal wieder in der VIP-Lounge sitzen würde, ja? Alles klar. Bis dann.“ Luke legte auf, grinste Emma an und nickte zu seinem Auto. „Alles geregelt, steig ein.“

 „Aber was ist mit dem Taxi?“

„Was soll mit dem Taxi sein? Es wird dein Auto schon nicht rammen, wenn es einen leeren Parkplatz vorfindet.“

„Aber das ist unhöflich!“
„Wir sind in Amerika, Schätzchen. So läuft das eben.“

Er stieg auf der Fahrerseite ein und Emma blieb wohl oder übel nichts anderes übrig, als ihre Handtasche aus dem Wagen zu holen, den Schlüssel stecken zu lassen und ebenfalls einzusteigen.

Luke hatte bereits ihre Adresse in ein Navi eingegeben. „Warum trägst du eigentlich kein Trikot?“

„Warum sollte ich ein Trikot tragen?“

„Um die Mannschaft zu unterstützen.“

Sie zuckte die Schultern und starrte stur geradeaus, als er den Parkplatz verließ. „Und? Nur weil ich aus Versehen mit einem Baseballspieler geschlafen habe, heißt das ja nicht gleich, dass ich ein Fan von seiner Mannschaft bin.“

Er lachte laut und bog auf den Columbus Boulevard. „Aus Versehen?“

„Ich wusste nicht, dass du ein Spieler bist!“

„Und wenn? Wäre das dann was anderes gewesen?“

„Natürlich! Dann hätte ich nie mit dir geschlafen. Ich bin doch kein bescheuertes Groupie.“

„Nein, bescheuert bist du sicher nicht … was das Groupie angeht: Du hast schon mit mir geschlafen. Und ich bin berühmt. Wenn man es also genau nimmt …“

„Du hast mir nicht gesagt, dass du berühmt bist!“, fuhr sie ihn an. „Woher hätte ich das bitte wissen sollen?“

„Na ja, ich habe einfach diese Ausstrahlung. Und warum hätte ich es dir sagen sollen? Mein Beruf ändert doch nichts an meinem Charakter. Außerdem wollte ich nicht, dass du mich sofort verurteilst.“

Emma schnalzte mit der Zunge. „Ich hätte doch nicht …“

„Sagt die Frau, die sich nicht zum Groupie machen wollte.“

Emma öffnete den Mund und schloss ihn dann wieder. Schließlich räusperte sie sich. „Schön. Du hast recht. Ich hätte dich vielleicht verurteilt. Ist okay, dass du es nicht gesagt hast.“

„Ich weiß.“

Sie schnaubte und verdrehte die Augen. „Ich war trotzdem geschockt, als ich deine Wackeldackelfigur gesehen habe.“

Wieder lachte er. „Daran hast du mich erkannt? Dabei sehe ich ihr noch nicht mal besonders ähnlich.“
„Doch, tust du. Sie hat genau deinen Hintern …“ Sie verstummte kurz. „Na ja, egal. Sie sieht dir auf jeden Fall ähnlich.“

„Sie hat meinen Hintern?“, grinste er.

Warum konnte sie bloß ihr Mundwerk nicht zügeln? „Konzentrier’ du dich lieber mal aufs Fahren!“

Sie saßen einige Minuten schweigend nebeneinander, während Luke sich durch den zähen Verkehr kämpfte. Mehrmals öffnete Emma den Mund, wollte etwas sagen, entschloss sich dann jedoch dazu, dass man manchmal besser die Klappe hielt. Das empfand sie taktisch als klug.

Als sie das vierte Mal ihren Mund öffnete und wieder schloss, schnaubte Luke. „Meine Güte, du raubst einem ja den letzten Nerv! Entweder sagst du jetzt, was du sagen willst oder ich überlege mir, ob ich dir die Möglichkeit gebe, dich aus dem Wagen abzurollen oder dich einfach rausschmeiße.“

 „Schön!“, fuhr sie gereizt auf. „Wenn du es unbedingt wissen willst … ich habe mich gefragt … warum hast du nie angerufen?“

Sie konnte sehen, wie er die Augenbrauen hob, als hätte er das nicht erwartet. „Ich hatte deine Nummer nicht.“

„Na, und wessen Schuld ist das?“

„Was? Etwa meine?“

„Natürlich. Du hast nie nach meiner Nummer gefragt.“

Verärgert runzelte Luke die Stirn und wechselte die Spur. „Ich habe gefragt, ob wir uns wiedersehen.“

Emma schob ihre Unterlippe vor. „Das war ja wohl etwas kryptisch.“

„Das war nicht kryptisch! Wenn ein Mann dich fragt, ob man sich wiedersehen kann, dann ist das mehr als eindeutig!“, verteidigte er sich. „Deine Antwort Keine Ahnung, werden wir? hingegen …“

„Ich war ehrlich. Ich wusste es nicht!“

„Du warst nicht ehrlich, du warst absichtlich geheimnisvoll, weil du in irgendeiner Zeitschrift gelesen hast, dass Männer darauf abfahren.“

Emma lachte und legte sich die Hand über die Augen. „Nein, um Gottes willen! Ich lese keine Zeitschriften.“

„Jede Frau liest Zeitschriften! Das ist das Einzige, worauf man sich bei euch verlassen kann!“
„Weißt du, du solltest vielleicht wirklich mal dein Frauenbild überholen, du Chauvi! Ich habe keine Ahnung von Stars und Sternchen und wer den Oscar gewinnt und wem das Kleid besser steht, glaub’ mir. Ich lese Bücher, Einkauflisten und Packungsbeilagen, mehr nicht. Ich habe mir nichts dabei gedacht, als ich so geantwortet habe.“

„Dann muss es dein weibliches, verworrenes Unterbewusstsein gewesen sein.“

Emma wandte ihren Kopf und lächelte verschmitzt. „So so … meine geheimnisvolle Ader hat dich also auf mich abfahren lassen, wie du so schön gesagt hast?“

Ein Muskel an seinem Kiefer spannte sich. „Nein. Deine Brüste haben mich auf dich abfahren lassen. Die Geheimnistuerei hat mich nur … noch etwas angespornt.“

Sie verdrehte die Augen. „Du bist ein solcher Mann!“

„Ja, ich weiß. Das hat bis jetzt noch jede Frau behauptet.“

Stöhnend schlug sie ihren Kopf gegen das Armaturenbrett. Sein Ego war nicht zu brechen! Hiermit war es offiziell: Diamant war nicht mehr das härteste Element!

„Wenn du meine Nummer nicht hattest, hättest du auch einfach im Restaurant vorbeischauen können, wenn du mich hättest wiedersehen wollen. Oder bei meiner Wohnung!“

Luke schwieg eine Weile und starrte auf die dunkle Straße vor sich, dann nickte er.

„Hätte ich“, gab er zu und das war das erste Mal am ganzen Abend, dass er sich tatsächlich ernst anhörte.

Sie schwiegen geschlagene weitere fünf Minuten, bis Luke vor ihrer Haustür hielt. Doch es war keine unangenehme Stille.

Sie hatten sich die letzte Viertelstunde eigentlich nur beleidigt und provoziert, aber Emma fühlte sich nicht im Geringsten unwohl. Vielleicht sollte sie sich deswegen Sorgen machen.

„Danke“, sagte sie und spielte mit dem Riemen ihrer Handtasche, „dafür, dass du mir aus den Schwierigkeiten mit meinem Auto geholfen hast.“

„Ach, diese Worte aus deinem Mund …“

Sein Lächeln war echt.

„Und wenn es dir hilft: Ich hab’ dich nie als ein Groupie angesehen. Du warst eher meine heiße deutsche Affäre.“

Er konnte tatsächlich charmant sein.

„Ach“, seufzte Emma übertrieben und lächelte ihn an, „jedes Mädchen hat mal diese Phase, oder?“

Sie wollte die Tür schon schließen, als Luke sie noch einmal zurückrief.

„Hey, Emma. Wie stehst du zu Bowling?“

„Ich bin stark dagegen, dass man es als Sportart bezeichnet, stehe aber drauf, die zehn Männer am Ende umhauen zu dürfen.“

Luke grinste. „Ich hätte anders fragen sollen. Gehst du gerne zum Bowlen?“

Sie hob die Augenbrauen. „Wieso? Soll ich dich darin auch noch schlagen?“

„Ich habe im Kickern gewonnen.“

„Komm, wir beide wissen, dass ich dich habe gewinnen lassen.“

„Du gibst es also zu!“

Emma lachte. „Ich wollte dich nicht bestehlen!“

„Das Geld war mir doch egal.“

„Na ja, ich meinte eigentlich deine Männlichkeit.“

Luke schnaubte. „Da ich weiß, dass ich dir meine Männlichkeit nicht mehr beweisen muss, sehe ich darüber mal hinweg. Hier.“ Er zog etwas aus seinem Portemonnaie und reichte es ihr. Es war eine Karte. Eine Karte zu der Charity Gala, die sie organisierte. „Ich hatte noch eine übrig. So ist es leichter für dich, mich zu stalken.“

Emma nahm die Karte entgegen und presste die Lippen aufeinander, um nicht loszulachen.

Sollte sie ihm sagen, dass er sie gerade zu ihrem eigenen Event eingeladen hatte? Besser nicht. Er hatte ihr auch nicht gesagt, dass er ein berühmter Baseballspieler war.

„Danke. Vielleicht gehe ich sogar hin, Mr. Wichtig.“
„Solltest du. Es gibt eine offene Bar – und mich.“ Er grinste sie noch ein letztes Mal an, bevor Emma die Tür zuschlug und er losfahren konnte. Sie sah den Rücklichtern nach und erwischte sich bei einem Lächeln. Vielleicht würde der Abend morgen doch noch eine Spur interessanter als sie geglaubt hatte.

Neun

„Wollen Sie einen der Gäste mit diesem Tablett erschlagen?“

Der Kellner lief puterrot an. „Nein.“

„Sie verstecken auch keine Drogen darauf?“

„Nein, natürlich nicht.“

„Gut. Dann halten Sie es gefälligst etwas tiefer, sodass die Menschen auch sehen können, was sie vielleicht essen wollen!“

„Natürlich, Miss.“

Emma fühlte sich, als müsse sie Grundschulkindern erklären, dass sie erst zu beiden Seiten sehen mussten, bevor sie über die Straße gingen. Sie rückte den Ausschnitt ihres Kleides zurecht und lief zu den Tischen, die gerade noch den letzten Dekorationsschliff bekamen.

Zur Feier des Tages trug sie sogar High Heels. Zwar nur mit sieben Zentimetern Absatz, aber für sie war selbst das schon eine Zumutung. Sie hatte sich ein kleines Schwarzes von ihrer Schwester ausgeliehen, das sie genug bedeckte, damit sie sich wohlfühlte. Emma wusste, dass sie nicht die schlankeste, atemberaubendste und schönste Figur hatte, aber sie wusste auch, dass sie nie auf Essen verzichten würde. Und das mit dem Sport hatte sie ja bereits versucht

„Könnten Sie ein paar von den Pappbowlingkugeln wegstellen?“, bat Emma einen der Dekorateure. „Ich weiß, dass das Thema Bowling ist, aber wir sind auf einer Bowlingbahn. Ich glaube, der Bezug wird auch ohne diese Attrappen deutlich.“ Der Mann nickte und steckte sich einige der Pappaufsteller wieder unter seinen Arm.

Es war jetzt sieben Uhr und um sieben sollte die Gala eigentlich beginnen, doch Emma wusste aus Erfahrung, dass die ersten Gäste wahrscheinlich erst in etwa einer halben Stunde auftauchen würden. Genug Zeit, um ihre Checkliste noch einmal durchzugehen.

Sie zog ein Papier aus ihrer Handtasche und sah sich die Liste an.

Catering. Check.
Deko. Check.
Unfähige Kellner. Check.
Ausschnitt zurechtrücken. Check.


Jetzt musste sie nur noch die Gästeliste an die Türsteher weiterreichen und festlegen, ab welchem Alkoholpegel Leute, die auf der Liste standen, doch nicht hereinzulassen waren.

Luke hasste Smokings. Nicht, weil die Fliege unbequem war, sondern schlichtweg, weil er sich wie ein aus dem Zoo ausgebrochener Pinguin fühlte. Außerdem schwitzte man unter all dem Stoff mehr, als er es je bei einem Spiel getan hatte.

Er stieg aus dem Wagen und sah auf seine Armbanduhr. Es war bereits acht. Eine Stunde zu spät. Genug, um Wes nervös zu machen und noch anständig zu wirken.

Er kramte die Karte aus seiner Brieftasche, doch der Türsteher erkannte ihn schon von Weitem. „Na, Luke? Lässt du dich auch blicken? Ich dachte, solche Charity-Dinge wären nicht dein Style.“

„Sind sie auch nicht. Aber manchmal muss man Dinge tun, die man nicht will – das hat meine Mutter zumindest immer gesagt.“

Der große Mann nickte. „Auf Mütter sollte man hören.“

„Ja, das sollte man.“

Ausgenommen dann, wenn sie einem erzählten, man solle sich langsam mal Gedanken über Heirat und Kinder machen. Er nickte dem Türsteher noch einmal zu und stürzte sich dann ins Getümmel. Luke konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so viele Frauen gesehen hatte, die mit Sicherheit keine Unterwäsche trugen. Dann dachte er daran zurück, dass er vorletzte Woche auf Wes’ Verlobungsfeier gewesen war. Unterwäsche war offensichtlich gerade nicht modern.

Er hatte das Glück, größer als die meisten Frauen zu sein – trotz ihrer Fünfzehn-Zentimeter-High Heels – und entdeckte seinen Agenten relativ schnell.

Er näherte sich ihm von hinten und schlug seinem Freund auf die Schultern. „Na, suchst du mich?“

Wesley und die hübsche Latina an seinem Arm drehten sich zu ihm um.

„Hey, Michelle“, grüßte Luke Wes’ Verlobte und gab ihr einen Kuss auf die Wange, „schon kalte Füße bekommen?“

„Hey“, beschwerte sich Wes, „mach’ eine andere Braut unsicher!“

„Meine Füße sind noch lauwarm“, versprach Michelle und lächelte ihren Zukünftigen an. „Was ist mit deinen?“

Wesley küsste sie liebevoll. „Heißer können sie nicht werden.“

„Sehr gut.“

Luke schüttelte den Kopf. „Oh, Mann. Warum steht ihr nicht dauernd in der Zeitung? Ihr seid viel schnuckeliger als ich.“

Michelle lachte. „Na ja, aber auch langweiliger.“
„Ich bin langweilig! Mir glaubt das nur nie jemand.“

„Hör auf, wegen der Presse zu heulen. Sonst schreib ich der US Weekly vielleicht, dass du bei Titanic Tränen in den Augen hattest.“

„Lachtränen, Mann.“

Wesley schnaubte. „Genau. Du hast nach einem Taschentuch …“

„Wes.“ Michelle schlug ihrem Verlobten auf die Schulter.

„Es ist doch so. Er ist eine Heulsuse!“

„Dein Angetrauter in spe hat recht, Michelle.“ Luke zuckte die Schultern. „Ich bin ein Waschlappen. Ein verdammt fotogener, gutaussehender und erfolgreicher Waschlappen. Wes weiß das seit dem College – aber ich war immer schlau genug, das vor allen Frauen zu verstecken. Außerdem sehe ich so gut aus, dass es auch egal ist, wie oft ich weinend in der Dusche sitze. Bei deinem baldigen Ehemann ist das anders. Er muss mutig und stark sein, um sein Aussehen wieder aufzuwiegen. Gott hat ihm da harte Karten zugespielt.“

Michelle lachte und schüttelte den Kopf. „Warum hat noch keine Frau sich deiner angenommen?“, fragte sie beinahe tadelnd. „Bei dir gäbe es so viel, das nur eine Frau wieder geraderücken könnte. Von deinem Ego mal ganz abgesehen.“

„Geraderücken?“ Luke tat bestürzt. „Michelle, mich kann man nicht mehr geraderücken.“

Wissend lächelnd schob sie eine ihrer Hände in die von Wes. „Es gibt nichts, was die richtige Person nicht noch ändern könnte.“

Luke war davon nicht überzeugt, aber er würde einen Teufel tun, Michelle weiter zu widersprechen. Frauen sollte man nicht widersprechen, irgendwann endete das in einem Desaster. Diese Erfahrung hatte er schon oft genug gemacht.

Interessiert wandte Wes sich seiner Verlobten zu. „Ändern? Was hast du an mir geändert?“

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

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Titel: Liebe auf den ersten Schlag (Liebe, Chick-Lit, Sports-Romance)