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Ohne Gesicht

booksnacks (Kurzgeschichte, Horror)

von Susanne Ferolla (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Ich möchte dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Aber ich möchte dir vorab ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Stephanie Schönemann

Programmleitung dp DIGITAL PUBLISHERS

Über die Kurzgeschichte

Alles nur ein Traum, ein Hirngespinst nächtlicher Fantasie? Mark wünschte, er könnte darüber lachen. Doch er wird das Gefühl nicht los, dass der nächtliche Sturm ein seltsames Ding auf’s Dach geweht hat. Mit nur einem Ziel: ihm.

Mark schiebt das mulmige Gefühl auf seine schwachen Nerven. Schließlich hat ihn vor kurzem seine Frau verlassen, und das obwohl er ihr zuliebe umgezogen ist. Vereinsamt, mit Haus und Job in einer gottverlassenen Gegend, schleppt er sich durch zähe, eintönige Tage.

Erst als Mark am nächsten Morgen vor die Tür tritt, merkt er, dass etwas nicht stimmt …

Impressum

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Originalausgabe Juli 2016

Copyright © 2016

Ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-048-7

Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design

Bildnachweis: andreiuc88/fotolia.com

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse aller Werke dieser Ausgabe sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Ohne Gesicht



Susanne Ferolla

In der Nacht hatte es angefangen. Zuerst war es ein Säuseln gewesen – eine Viertelstunde später versuchten unsichtbare Hände den Rollladen vom Fenster zu reißen. So etwas hatte Mark noch nie erlebt.

Er lauschte dem Tippeln über ihm, dem Scharren, das aus dem Hohlraum der Decke drang. Der Wind fegte Staub und Mörtelreste vor sich her; manchmal hörte er ein Rieseln hinter den Wänden. Es sollte ihn nicht wundern, wenn hinter dem Putz Mäuse wohnten. 

Im Schlafzimmer war es kalt. Die Fensterrahmen hatten sich schon vor Jahren gesenkt. Durch unzählige Löcher pfiff der Wind, und etwas Kleines, nicht Greifbares schien um Hilfe zu schreien.

Mark zog seinen Fuß unter die Daunendecke zurück und rollte sich ein.

Es war nur ein bescheuerter Traum gewesen.

Kein Mensch kann vernünftig schlafen, wenn die nächste Böe die Scheibe einzudrücken droht.

Er beobachtete die roten Leuchtziffern seines Weckers: kurz vor sieben. Um diese Jahreszeit war es noch düster. In wenigen Minuten würde der Alarm losgehen und ihn in den Tag retten. Dann würde er hoffentlich vergessen, was in der Nacht mit dem Sturm gekommen war.

Er zog die Decke aus dem Gesicht. Lauschte. Jetzt war es verschwunden … dieses Klackern und Klopfen.

Das, was ihn geweckt hatte.

Mark atmete schneller. Auf dem Dach saß nichts. Unmöglich! Wahrscheinlich hatte der Sturm einen Ast gegen die Ziegel gepeitscht. Mit voller Wucht.

Bei dem Sturm konnte sich nichts festhalten. Vor allem nicht herumspringen, nicht einmal ein Affe … und schon gar nicht dieses Ding, das versucht hat, mit einem Stein die Ziegel zu zertrümmern, um zu ihm zu gelangen.

Er lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. Was war er für ein Idiot! Es stürmte, und er hatte schlecht geschlafen, und dass ihm die Landluft nicht bekam, tat sein Übriges. Kein Grund, sich ins Hemd zu machen.

Er stellte den Alarm ab, bevor ihm das Piepsen den letzten Nerv rauben würde, und knipste das Licht an. Am besten, er sah zu, dass er heute rasch aus dem Haus kam.

Er stand mit der Kaffeetasse neben dem Fenster gelehnt und starrte auf die Küchenlampe. Sie schwankte. So leicht, dass er sich fragte, ob er es sich nur einbildete. Nein, sie schwankte … als hätte sich soeben eine Fliege abgestoßen. Sie hing an einem hässlichen Kabel von der hohen Decke, in der immer noch die Haken steckten. Die Trottel hatten sie einfach weiß übertüncht. Als ob er jemals auf die Idee käme, Würste zum Trocknen daran aufzuhängen. Oder zum Räuchern? Hatte man das nicht früher so gemacht? Wie auch immer, der Kamin war schon vor Jahren zugemauert worden.

Marlena hatte beim Einzug gegen die Wand gepocht und den Hohlraum dahinter entdeckt. Sie war von der Vorstellung besessen, mit Wollsocken am knisternden Feuer zu sitzen. Teures Schamott. Geklöppelter Mist und fette Engel. Eine Stuckdecke wollte sie haben.

Dann ihr Tick mit den Gänsen. Sie fauchten den Postboten an und schissen den Rasen voll.

Nachdem Marlena ihn verlassen hatte, hatte Mark einen Bauern gebeten, die Viecher einzufangen und fortzubringen. Seitdem führte er ein ruhiges, beschauliches Leben.

In diesem Kaff.

Mit einem Job in der Dorfsparkasse, den er nur angenommen hatte, weil Marlena der Meinung war, dass Städter alle an Herzinfarkt sterben würden.

Er drückte die warme Tasse gegen die Brust und drehte sich zum Fenster um. Bei ihm auf dem Berg gab es keine Straßenlaternen. Der Wald lag in einem schwarzen Loch. Am Hang flackerten Lichter aus Küchen- und Badezimmerfenstern. Winzige Sterne, die plötzlich erloschen und an anderer Stelle wieder aufleuchteten. Ob in diesem Moment jemand, so wie er, am Fenster stand und seinen einsamen Stern bemerkte? Kaum. Er könnte hier krepieren und verrotten, und keiner würde sich an ihn erinnern. Ach, der aus der Stadt … schlimm. Der hat nie den Mund aufgekriegt.

Etwas klatschte in Kopfhöhe gegen das Fenster. Erschrocken wich er zurück. Ein nasses Blatt klebte an der Scheibe.

Wann würde der verdammte Sturm endlich nachlassen? Das war doch nicht normal!

Zum ersten Mal kamen ihm Bedenken, ob die Straße überhaupt passierbar war. Gut möglich, dass ein entwurzelter Baum alles blockierte. Ganz abgesehen von der Gefahr, erschlagen und zerquetscht zu werden. Es wäre ratsam, zu Hause zu bleiben.

Das Blatt fing an zu flattern und wurde fortgerissen. Mark kaute auf seiner Unterlippe herum und beobachtete, wie Schlieren aus Dreck und Wasser sich wie die Arme eines Kraken ausbreiteten.

Das Ding hält mich gefangen!

Es war mit dem Sturm gekommen, ja, vielleicht hatte es den Sturm gebracht.

Er musste sich setzen, fast hätte er den Kaffee verschüttet. Mit zitternden Händen fuhr er sich über das Gesicht. Herrgott, es war nur ein Traum gewesen. Er war zu viel allein und hörte die Mäuse hinter den Wänden knabbern; offensichtlich ein Phänomen, das nicht nur im Rentenalter auftrat, na und? Er war jung, er konnte gehen, wohin er wollte. Eines Tages würde er einen Dummen finden, der ihm diese Bruchbude abkaufte.

„Wunderbare Sonnenuntergänge … so einen Sternenhimmel erleben Sie nie in der Stadt. Naja, die Marder sind manchmal problematisch.“ Er war so blöd gewesen, in das Gelächter dieses Fettsacks mit einzustimmen.

Nicht schlecht …“ Der Fettsack hatte die Motorhaube getätschelt und dabei Marlena angegrinst. Mark fragte sich bis heute, wie er das genau gemeint hatte.

Leider ließ der Dumme auf sich warten. Offenbar waren alle schlauer als er.

Er sprang auf und schmetterte die Tasse in die Spüle. Der Henkel platzte ab, der Kaffee spritzte bis an die Decke und verteilte sich auf das gespülte Geschirr.

Mark keuchte und ballte die Hände zu Fäusten. Ein Traum! Weiter nichts! Verdammt! Sollte er sich die Worte auf die Stirn tätowieren? Draußen tobte ein Sturm, okay, aber das war um diese Jahreszeit völlig normal.

Also … Er würde jetzt seinen Verstand einschalten und ins Auto steigen. In der Talsenke wäre der Sturm sicher nur halb so wild. Hatte er das erste Stück bewältigt, war die Sache gegessen. Es zu versuchen war immer noch besser, als dem Chef am Telefon was von Mäusen zu erzählen. Um seine Mundwinkel zuckte es. Was würde Marlena jetzt wohl sagen, könnte sie ihn sehen?

Für einen Augenblick hatte er das Gefühl, in der Luft zu ertrinken. Er schlug die Tür zu und sperrte ab. Der Wind blähte seine Hosenbeine auf und versuchte, ihm den Mantel vom Leib zu reißen.

Das Kupferrohr, das er im Keller gefunden hatte, umklammerte er wie ein Schwert. Er stieg die vier Stufen hinab und folgte im Schutz der Hauswand dem Kiesweg. An der Ecke blieb er stehen und versteckte sich hinter dem Regenrohr.

Das, was von dem Jägerzaun noch an Ort und Stelle war, sah aus, als hätte ein Riese Ziehharmonika damit gespielt. Nur die Büsche, die bei jeder Böe drohten herausgerissen zu werden, hielten den jämmerlichen Rest noch zusammen.

Entsetzt starrte er auf die Ausfahrt.

Die war dicht. Zu.

Der tote Ast. Er lag quer über dem Weg. Dass er irgendwann herunterbrechen würde, war abzusehen gewesen. Aber er hatte es immer auf die lange Bank geschoben. Dafür bekam er heute die Quittung.

Seit zwei Jahren trug der Nussbaum außer ein paar deformierten Nüssen, die schnell faulten, kaum mehr etwas. Obwohl große Teile abgestorben waren, der Baum von Pilzen am lebendigen Leib verdaut wurde, trieb er immer wieder aus und versaute mit seinen stinkenden Blättern den Garten.

Das Auto konnte er vergessen. Seine Kräfte reichten nicht aus, den gewaltigen Ast zur Seite zu ziehen.

Er saß fest.

Doch er dachte nicht daran, ins Haus zurückzugehen. Wenn es dieses Ding wirklich gab und es zu ihm wollte, würde er sich ihm hier und jetzt stellen. Es würde kommen. Sicher war es längst vom Dach geklettert. Versteckte er sich im Haus, hörte er heute Nacht wieder das Klopfen. Für einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, ins Dorf zu fliehen, doch was, wenn er im Hotelbett lag und es neben ihm stände?

Es war ein Kampf um den Verstand. Ein Kampf, den er allein durchstehen musste. Den er gewinnen musste. Marlena zum Trotz. Diesem Fettsack, der ihm das Haus aufgeschwätzt hatte, zum Trotz.

„Diesem Scheißleben zum Trotz!“, brüllte er gegen den Wind.

Er trat hinter der geschützten Ecke hervor und presste seinen Rücken gegen das Garagentor. Der Wind traf ihn mit voller Wucht; etwas peitschte gegen seine Wange und verursachte einen brennenden Schmerz. Schützend hielt er einen Arm über den Kopf. Er brauchte all seine Kraft, um das Kupferrohr mit nur einer Hand stabil zu halten.

Zu seiner Freude hatte der Ast beim Abbrechen ein gesundes Stück Rinde aus dem Stamm gerissen; die Wunde hob sich hell hervor. Abgestorbene Zweige und Flechten fegten über die Platten oder hatten sich in den Büschen verfangen. Fast schien ihm, der Baum hätte sich von allem Toten befreit und sich erneuert. Er dachte an die Wurzeln, die sich bis unter das Haus verzweigten und den Boden auslaugten. Im Frühjahr würde er den Baum fällen lassen, das stand fest!

Die gesunden Äste wiegten sich geschmeidig im Wind.

Marks Blicke tasteten die Krone ab, folgten jeder Bewegung bis in die Wipfel.

Nichts.

Natürlich. Wieso glaubte er eigentlich, das Ding wartete im Baum auf ihn? Vielleicht irrte er sich, und es wollte sich gar nicht zeigen. Gut möglich, dass es an der Haustür auf ihn lauerte; schließlich konnte er nicht ewig hier draußen bleiben. Oder es hockte in der Regenrinne und wartete auf den richtigen Moment, sich auf ihn zu stürzen.

Vielleicht war er auch nur ein Narr, der nach einem Beweis für seinen kranken Verstand suchte.

Na und? Dann wartete er eben umsonst. Alles war besser als die Angst.

Er verharrte eine Ewigkeit.

Der Wind schmerzte in seinen Ohren und brachte das Kupferrohr leise zum Brummen. Schließlich kam er sich vor wie einer dieser Künstler in den Fußgängerzonen, die so lange in verrenkter Haltung aushielten, bis ein Neugieriger eine Münze in den Hut warf. Er hasste diese Typen, die so taten, als wären sie nicht echt.

Wie er es vermutet hatte: Er war ein Narr. Er wünschte, er hätte darüber lachen können.

Schon wollte er das Rohr in den Wind schleudern. Nur weil ihm die Kälte die Kraft aus den Muskeln gezogen hatte, reagierten seine Augen schneller als seine Arme.

Das bewahrte ihn vor einem schwerwiegenden Fehler.

Es klebte an einem Ast. Ein Ding von einer absurden Hässlichkeit, wie er sie noch nirgends gesehen hatte. Sein Körper glich einem grauen Beutel, auf dem ein Kopf saß. An den Stellen, wo seine Ohren hätten sein sollen, pulsierte eine Haut.

Als es ihn ansah, musste er sich zwingen weiterzuatmen.

Es bewegte seinen Unterkiefer.

Es kaute.

Aber Mark sah keinen Mund. Nichts, was dem im Entferntesten ähnlich gesehen hätte. Kein Loch, kein Strich. Weder Beißwerkzeuge noch Saugrüssel. Warum, verdammt, hatte es dann einen Unterkiefer?

Da, wo die Augen hingehörten, bewegten sich zwei milchige Punkte wie unter einer … Gallertschicht? Überhaupt schien ihm, als steckte der ganze Kopf unter einer Haut.

Aufschlitzen!

Details

Seiten
0
Erscheinungsform
Erstausgabe
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960870487
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v336472
Schlagworte
Horror Enttäuschung Unwetter Sturm Land Dorf Trennung Scheidung Traum Hass Hirngesprinst Fantasie Mystery Fantasy Monster Albtraum Regen Baum Wald

Autor

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    Susanne Ferolla (Autor)

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