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Rosenliebe und gefährliches Risotto

12 Geschichten und Rezepte (Liebe, Krimi)

von Gabi Strobel (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

In Rosenliebe und gefährliches Risotto geht es um Dornröschens Schwester auf Selbstfindungstrip, Hochzeitstage mit Apfelrosengeschmack, wieder gefundene Jugendlieben und schicksalshafte Friedhofs-Begegnungen. Die Autorinnen Paula Carlsson, Sigrun Dahmer, Anke Gasch, Ina Glückauf, Pascale Graff, Thea Haanen, Nadin Hardwiger, Katrin Jacob, Susanne Keil, Britta Meyer und Bettina Wagner schildern die Glückssuche im Alltag und in den Alpen. Zwölf Geschichten, zauberhaft garniert von romantischen Risotto-Rezepten, Rosen-Trüffeln und Veilchenmuffins – mit einem Schuss Kornblumenlikör und einer Prise ,So isses‘. Lesen Sie los und kochen Sie sich glücklich!

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe August 2016

Copyright © 2020 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-94529-874-9

Covergestaltung: Rose & Chili Design
unter Verwendung eines Motivs von
shutterstock.com: © STILLFX
bildagentur.fotoskaufen.de
Fotos von Brigitte Wehrfritz, Gabi Strobel
Vignetten: Sabine Straub
Lektorat: Literatur- und Medienagentur Gabi Strobel

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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dp Verlag

Vorwort

Rosenmotive lieben viele Frauen. Blumen als Haupt- oder Nebenmotiv einer Geschichte inspirieren nicht nur gärtnernde Autorinnen, sondern ebenso reiselustige Poetinnen, kreative Lektorinnen und feinsinnige Psychologinnen … Einige Stories dieser Anthologie erzählen von Liebe und romantischen Gefühlen, andere von Last und Lust krimineller Fantasien. Sie bewegen sich zwischen den Polen, die unser Leben spannend gestalten: Liebe und Tod, Gefühl und Verstand, Lust und Frust. Alle Geschichten stammen aus weiblicher Feder. Und jede Autorin steuerte ein eigenes (Lieblings-)Rezept bei: für Risotto, Salat oder Suppe, Rosentrüffel und Veilchen-Muffins, Apfelrosen-Kuchen sowie Käsekuchen-Tarte mit Rhabarberkompott bis zum Likör aus Kornblumen.

Es geht es um ganz besondere Reisen in der Fantasie, beispielsweise um weibliche Entwicklungsreisen von der bescheidenen Büromaus zur selbstbestimmten Donna. Um männliche Verwandlungen - vom Langeweiler zur Sahneschnitte, um die Glückssuche im Alltag, in den Alpen und mittels Kornblumen. Die Hauptrollen spielen eine spezielle englische Rosenart, renitente Zahnarztgattinnen, sensible Moskitoweibchen, die kleine Schwester von Dornröschen oder eine gnadenlose Verwaltungsangestellte. Von Hochzeitstagen mit Apfelrosengeschmack, wieder gefundenen Jugendlieben und schicksalshaften Begegnungen auf dem Friedhof erzählen talentierte Autorinnen. Sie schrecken vor nichts zurück: Reale Abstürze im Frauenleben werden garniert mit Pfingstrosen-Tattoos bei Kartoffelsuppe und einer Prise „So isses“.

Lesen Sie los und kochen Sie sich glücklich!
Zauberhaftes Vergnügen wünscht Ihnen dabei

Gabi Strobel

Rezepte

Blumige Drinks

Rosen-Spritz mit Zitronensorbet

Süßer Likör aus Kornblumen

Rosen-Trank mit viel Magie

***

 

Liebevolle Vorspeisen

Melonen-Nektarinen-Salat mit Schwips

Kartoffelsuppe mit Petersilienpesto und Chorizo

***

 

Gefährliche Hauptgerichte

Risotto à la Rose mit Rote Bete und Rosenhuhn

Lachs-Risotto mit Basilikum

***

 

Rosiger Abschluss

Apfelrosen-Kuchen mit Heidelbeeren

Käsekuchen-Tarte mit Rhabarberkompott

Veilchen-Muffins mit Sommerbeeren

Rosenplätzchen mit feiner Füllung

Rosentrüffel mit kandierten Rosenblättern

Reiseziel: Siebter Himmel

Anke Gasch

Angewidert starrte Lena aus dem Fenster. Seit Tagen regnete es, als solle die Welt vor dem Verdursten gerettet werden. Dabei war Sommer! Und sie hatte Ferien. Aber für einen Urlaub auf Sardinien oder Lanzarote reichte ihr Geld nicht. Noch nicht mal ein Tag in der Claudius Therme mit Jasmin war drin. Weil sie ja unbedingt ihren Sekretärinnen-Job hatte schmeißen müssen, um ein Studium anzufangen. Und was hatte sie jetzt davon?

Während Lena vor lauter Langeweile die vertrockneten Blüten aus ihren Usambaraveilchen zupfte, schepperte etwas gegen die Fensterscheibe. Und dann fielen nicht nur Tropfen zu Boden, sondern auch Bettwäsche, Blechdosen, Herrenschuhe, Bücher, zerfledderte Rosen, Stifte, Pinsel … Pinsel?

Lena stellte die Veilchen zur Seite und öffnete das Fenster. Da schallte ihr die schrille Stimme einer Nachbarin von oben entgegen: „Lass dich hier nie wieder blicken, du …, du fauler Hund, du!“

Lena hängte sich bäuchlings über das Fensterbrett. Der faule Hund, der dort auf dem Rasen stand, war ein ziemlich gut aussehender Mann. Eine Mischung aus Terence Hill (Kinnpartie) und Elyas M’Barek (Stirn und Nase). Unter seinem durchweichten T-Shirt konnte sie deutlich einen trainierten Bizeps erkennen. Und ein Sixpack. „Hallo Nachbarin, neue Bettwäsche gefällig?“

Wie peinlich, jetzt hatte der mitbekommen, dass Lena ihn angestarrt hatte. Sie zuckte zurück und stieß sich den Kopf am Fensterrahmen. „Au!“

„Ich rufe den Notarzt, wenn Sie mir dafür einen trockenen Platz anbieten“, rief der Mann hoch.

Lena rieb sich die schmerzende Stelle und grinste. Der Typ war schlagfertig und lustig. Wenn er nun auch noch warmherzig und intelligent war …

„Das ist kein Scherz, Nachbarin!“, unterbrach der Mann Lenas Gedanken. „Gewähren Sie mir Asyl, wo Sie sich aus der Ferne schon so nett für mein Schicksal interessieren? Ansonsten wäre ich obdachlos! Mein bester Freund sonnt sich an der Adria, meine Eltern campen in Dänemark und ich habe nicht mal das Geld für eine Übernachtung in der Jugendherberge am Dom.“

Na, da waren sie ja schon zwei, die sich nichts leisten konnten.

Lena überlegte. Wenigstens ein Handtuch könnte sie ihm anbieten und einen Tee. Und er könnte ihr seine Geschichte erzählen, gegen die Langeweile … Lena schaute nochmal raus. Sprach etwas dagegen, ihn für kurze Zeit aufzunehmen? Sah er gefährlich aus? Zeigte sein Gesicht brutale Züge? Nö! Aber man wusste ja nie. Andererseits: Konnte sie sicher sein, dass sie jemals wieder einen so attraktiven faulen Hund treffen würde? Und nachdem sie mit „Für-meine-Karriere-mache-ich-alles“-Jan so einen Reinfall erlebt hatte, wäre es doch interessant, einen Blick aufs mögliche Kontrastprogramm zu werfen? Ha. Nein. Es wäre sogar vollpfostenblöd, sich den Mann nicht anzuschauen.

„Sie können in drei Minuten hochkommen“, schrie Lena aus dem Fenster und fischte ihr Smartphone aus der Obstschale mit den überreifen Nektarinen. Anschließend schickte sie Jasmin eine WhatsApp:

Jassi, ich lasse jetzt einen völlig Fremden rein. Wegen erstens Langeweile, zweitens Sechser im Gesichtslotto und  drittens Jan-Therapie. Meldest du dich immer mal bei mir, bitte? Nur für den Fall, dass der Typ ein Psycho ist, was ich natürlich nicht glaube, aber … Na, du weißt schon. Herzgruß: Lena. „Das Kennwort im Fall von Psycho lautet: Rose!“, tippte sie noch, da klingelte es.

Als der Fremde vor ihr im Türrahmen stand, herrschte von jetzt auf gleich totale Leere in Lenas Kopf. Sie konnte nur eines tun: in seine grün-blauen Augen starren, die Iris-gewordene Südsee bei Sonnenschein. „Hallo, mein Name ist Leonard. Leonard Stein. Meine Freunde nennen mich Leo.“

„Schön“, sagte Lena und dachte dabei an die Südseeaugen.

„Schön, dass Sie da sind?“, fragte Leo. „Oder: Schön, dass Sie Leo heißen? Oder: Hallo, mein Name ist Schön?“

Lena schüttelte den Kopf. Als Antwort. Und über sich selbst. „Ich bin Lena. Lena Engel“, brachte sie endlich heraus.

„Freut mich!“, sagte Leo und streckte ihr die Hand hin. „Soll ich noch ein bisschen länger auf Ihre Fußmatte tropfen, Lena?“

„Nee, tropfen Sie mal lieber in mein Badezimmer, gleich die erste Tür rechts. Handtücher liegen im Regal.“ Lena klopfte sich in Gedanken auf die Schulter, dass sie Leo direkt ins Bad geschickt hatte. So konnte sie unbemerkt Jasmins erste WhatsApp beantworten, die vor wenigen Sekunden eingetroffen war. („Lottosechser auch aus der Nähe?“ – „JAAAAAA!“)

„Haben Sie vielleicht was Trockenes zum Anziehen für mich?“ Leo lugte mit nacktem Oberkörper aus dem Badezimmer.

Lena blickte angestrengt über ihn hinweg. „Wird schwierig in Ihrer Größe, aber ich schau mal, was sich finden lässt.“

Wenig später saßen sie mit zwei dampfenden Tassen Rotbusch-Vanilletee auf Lenas Flokati. Leo trug Lenas uralte, schlabberige Jogginghose und eins ihrer bequemen Oversize-Nachthemden. Das absolut Verrückte daran war: Er sah darin kein Stück lächerlich aus! Eher im Gegenteil … Inzwischen wusste Lena, dass Leo Künstler war, seinen Lebensunterhalt damit aber nicht verdienen konnte. Und sie wusste auch, warum sie Leo noch nie auf dem Flur begegnet war. Er war erst vor knapp einer Woche zu ihrer Nachbarin gezogen. Zu Katharina Klenke, der Krankenschwester mit der Ausstrahlung eines Kühlschranks auf Valium.

„Kathi wollte unbedingt, dass ich bei meinen Eltern ausziehe und bei ihr ein“, erzählte Leo. „Und bevor sie mich rausgeschmissen hat, hat sie den Schlüssel zum Haus meiner Eltern ins Klo geworfen.“

„Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?“

„Ich habe Kathi wohl so verletzt …“

Wahnsinn, dieser Kerl zeigte sogar Verständnis für das rachsüchtige Verhalten seiner Ex. Sprach das jetzt für emotionale Intelligenz? Oder eher für Lebensblödheit?

Lenas Smartphone pfiff. Sie angelte es aus der Hosentasche, sah kurz aufs Display und sagte: „Entschuldige, da muss ich kurz antworten. Es ist dringend!“

Leo schaute sie fragend an, das Kinn in die rechte Hand gestützt, während er mit dem Daumen über seine Lippen fuhr. Lena senkte den Blick und tippte.

„Ich wollte dir gerade das Du anbieten“, sagte Leo, „aber wenn du zu den Menschen gehörst, die sich lieber mit Ihrem Smartphone beschäftigen, als mit dem, der Ihnen gerade gegenübersitzt, dann lassen wir es lieber beim Sie.“

Lena knetete ihren Ringfinger. Wenn sie Leo jetzt erzählte, dass sie sonst gar nicht so sei, und das Smartphone immer ausschaltete, wenn sie mit Freunden zusammensaß, würde er ihr das glauben? Sie seufzte. „Okay, Leo, weil ich dich wirklich nett finde, sag ich dir jetzt was, was du vielleicht bekloppt findest, aber ich kannte dich ja nicht, als ich dich in meine Wohnung ließ, da wollte ich mich gern absichern und …“

„Verstehe“, sagte Leo und lächelte, wobei sich ein Netz feiner Fältchen um seine Augen bildete. „Du bist also nicht nur schön, sondern auch klug.“

„Oh“, erwiderte Lena, merkte, dass ihr Mund noch offenstand, und schloss ihn schnell wieder. Herrje. Leo musste ja denken, er habe es mit einem Vollpfosten zu tun. Jetzt schnell was Intelligentes sagen oder fragen!

Leo lächelte immer noch. Diese Südseeaugen!

Lena räusperte sich. „Wenn deine Kunst dich noch nicht ernährt, warum arbeitest du dann nicht was nebenbei?“

„Das hat Kathi mich auch immer gefragt. Die ganzen zwei Jahre, die wir zusammen waren. Zum Schluss hat sie sogar von mir verlangt, dass ich mir endlich was suche, womit ich richtig Geld verdiene. Aber Lena, es ist so: Andere Arbeit lenkt mich vom Malen ab, sie saugt mir die Kraft raus, und dann wirken meine Bilder leblos. Ich habe es probiert, ehrlich. Aber es geht nur eins von beiden. Wenn ich etwas tue, tue ich es ganz, verstehst du?“

Lena nickte. „Nur … von irgendwas musst du doch auch leben. Wovon also?“

„Ab und an verkaufe ich ein Porträt oder ein Landschaftsgemälde. Oder ich besprühe ein Garagentor gegen Bezahlung. Ansonsten haben meine Eltern mich weiter unterstützt und letzte Woche Kathi.“

„Und das will sie jetzt nicht mehr?“

„Nein. Sie hat mir heute zum ersten Mal gesagt, dass sie ein Kind will. Und Sicherheit …“

„Aber du willst das nicht?“

„Ein Kind? Später vielleicht. Und finanzielle Sicherheit? Ist mir nicht so wichtig. Hauptsächlich will ich malen und leben. Stell dir vor, morgen ist dein Leben zu Ende und du hast es mit nichts Anderem gefüllt, als für deine Rente zu arbeiten …“ Leo schüttelte sich.

„Du wusstest vorher nicht, dass sie ein Kind will?“, hakte Lena nach.

„Mir hat sie nur gesagt, dass sie endlich testen will, ob wir für immer zusammenleben könnten. Und dann hat sie vom ersten Tag meines Einzugs an versucht, mich dazu zu bringen, alle möglichen Dinge zu tun, die sie für richtig hält.“

„Welche Dinge?“

„Meinen Tagesablauf zu strukturieren, unser Essen rechtzeitig in den Ofen zu packen, das Klo zu putzen. Solche Dinge.“

„Und das hast du nicht geschafft?“

Leo fing Lenas Blick auf, hielt ihn fest. „Sagen wir mal so: Nicht in der Form, wie sie sich das gewünscht hat. Heute habe ich das Essen rechtzeitig in den Ofen gestellt, es aber über meinem Bild vergessen und als Kathi nach Hause kam, war es verbrannt. Jetzt guck nicht so entsetzt, Lena! Ich weiß, dass das blöd war, aber es passiert mir eben immer wieder, dass ich in einem Bild versinke.“

„Ich fange an, Kathi zu verstehen …“, gestand Lena.

„Ui, dann wechseln wir lieber schnell das Thema“, sagte Leo und legte den Kopf schief. „Was machst du? Und: Wovon lebst du?“

„Ich studiere Kunstgeschichte. Weil ich Kunst liebe und davon träume, vielen Menschen einen Zugang dazu zu vermitteln. Zum Beispiel möchte ich Ausstellungen organisieren, bei denen Besucher sich auch mit lebenden Künstlern austauschen können. Aktuell arbeite ich allerdings nur nebenbei in einem Museum. Als Führerin. Was ich damit verdiene, reicht gerade mal für diese Wohnung und fürs Essen. Kino, Urlaub, Rundfunkgebühren – all diese Dinge kann ich mir nicht leisten.“

„Ist dir das denn wichtig?“

Lena nickte kräftig. „Und wie. Vor allem der Urlaub. Aber bevor ich meine Träume verkaufe und wieder für irgendeinen Choleriker als Sekretärin arbeite, der schon aus dem Anzug springt, wenn zu viel Milch im Kaffee ist, nehme ich so einiges in Kauf.“ Sie seufzte. „Ich muss mir das zwischendurch allerdings immer wieder klarmachen, um nicht aufzugeben.“

Unvermittelt sprang Leo auf und stürzte aus der Tür. „Ich hab da eine Idee!“

Als er zum ersten Mal wiederkam, schob er drei Rollen Raufasertapete und eine Pappschachtel in den Flur. Dann kehrte er mit drei verbeulten Blechdosen zurück, sprang in Lenas Bad und brachte seinen Rucksack mit, aus dem eine Spraydose und mehrere Pinsel ragten. „Hast du ein Stück Schnur oder Wäscheleine für mich und alte Zeitungen?“

Lena hatte Packband und einen ganzen Stoß alte Wochenblätter. Beides reichte sie Leo. „Danke“, sagte er. „Jetzt musst du nur noch für ordentliche Lüftung sorgen. Dann können wir gleich Urlaub machen.“

Er bedeckte ihren Boden mit alten Zeitungen, entrollte die erste Bahn Tapete und beschwerte die Enden mit den Usambara-Töpfen. Nun skizzierte er mit einem Filzstift aus dem Rucksack etwas, was Lena nicht sofort erkannte. Erst, als Leo Ölkreide und die zweite Sprühdose einsetzte, begriff sie und schickte eine WhatsApp an Jasmin: „Du glaubst nicht, was hier gerade passiert!“

Leo arbeitete wie ein Besessener. Innerhalb von drei Stunden verwandelte er Lenas Wohnung in ein Südseeparadies. Die Tapetenbahnen, die er zu einer großen Leinwand zusammengefügt hatte, hingen von einer Leine bis auf den Boden. Meer, Strand und Palmen und ein Berg im Hintergrund waren darauf abgebildet. Sogar ein altes Schifferboot dümpelte unter dem fast wolkenlosen Himmel dahin. Lena schien es, als könne sie ins Meer hineinsteigen … Da schwamm sogar ein Schuh drin, und ein Bikinioberteil dümpelte auf einer Miniwelle dahin. „Das ist toll!“, rief sie ehrlich beeindruckt.

„Es wird noch besser!“, versprach Leo, holte Strandlaken aus ihrem Badezimmer und breitete sie auf dem Flokati aus. „Bitte sehr Madame, Ihr Urlaub! Sozusagen als kleines Dankeschön, dass ich mich hier aufwärmen durfte. Und jetzt sollte ich lieber gehen. Mir ist gerade eingefallen, dass die Eltern meines Freundes einen Ersatzschlüssel für seine Wohnung haben könnten. Und falls nicht, komme ich wieder und rolle mich vor deiner Tür zusammen, okay?“

Lena wollte nicht, dass er schon ging. Nur, sollte sie ihm das einfach so gestehen? Und wäre das sinnvoll? Sie müsste ja verrückt sein, so eine aussichtslose Sache mit einem Hallodri anzufangen. Das sagte ihr Verstand. Ihr Herz sagte: „Tu was, lass ihn nicht gehen!“

Als Lena den Mund öffnete, um Leo zu fragen, ob er denn mal eine Ausstellung plane und sie dann einladen würde, kam nur ein Knurren heraus.

Leo lachte. „Auweia, da schenke ich dir einen Urlaub und du brauchst viel dringender was zu essen … Soll ich dir schnell was zubereiten? Du müsstest nur sagen, was du im Haus hast.“

„Klar, ich hab allerdings hauptsächlich Nektarinen da und drei Wassermelonen, weil die im Angebot waren.“

„Mehr nicht?“

„Jedenfalls nicht viel. Es ist Monatsende.“

Im Kühlschrank fanden sich noch Joghurt, Käse, Butter und eine Miniflasche Kirschwasser. Und im Tiefkühlfach zwei Tüten Bohnen und eine Tüte Himbeeren. Der Anblick ließ Leo zuerst ganz still werden. Dann, während er ein Fladenbrot aus Mehl, Selters und Joghurt zubereitete, fragte er: „Wenn wir das jetzt aufessen, kannst du dir von deinen Eltern noch Brot geben lassen?“

„Meine Eltern sind tot. Aber selbst wenn nicht, würde ich nicht von ihnen erwarten, dass sie auf etwas verzichten, während ich locker meinen Träumen nachgehe. … Oh, tut mir leid“, sagte Lena. „So hart wollte ich das gar nicht klingen lassen.“

„Schon gut …“, erwiderte Leo sanft. „Du hast mir gerade was Wichtiges zu denken gegeben. Schnippelst du die Nektarinen klein?“

Schweigend arbeiteten Lena und Leo nebeneinander, bis er Melonen, Nektarinen und Tiefkühlhimbeeren mit einem Schuss Kirschwasser übergoss. „Magst du probieren?“ Er hielt ihr einen Löffel hin.

„Köstlich“, sagte Lena und leckte sich die Lippen.

„Weißt du, was noch viel köstlicher ist?“, fragte Leo und strich sehr langsam etwas klebrigen Saft von Lenas Kinn.

Lena starrte ihn verständnislos an.

„Es ist die Idee, auf die du mich gebracht hast!“

Genau vier Monate später blickte Lena glücklich auf ihren Kontoauszug. „Mensch Leo, hättest du gedacht, dass man mit gemalten Ferien so viel Geld verdienen kann?“

Leo schüttelte den Kopf, zog Lena behutsam in seine Arme und sagte: „Genauso wenig, wie ich je gedacht hätte, dass ich mich dermaßen verlieben könnte. Und jetzt habe ich sogar das Geld, dieser Frau einen richtig teuren Ring zu kaufen, wenn sie meine werden und mit mir dafür sorgen will, dass wir immer genug Essen im Kühlschrank haben!“ Dann küsste er sie. Und Lena fühlte sich, als hätte sie gerade die Traumreise ihres Lebens gebucht. Nur dass das Ziel nicht die Südsee war, sondern der siebte Himmel …

 

Melonen-Nektarinen-Salat mit Schwips

(Rezept überliefert von Karen Steffin, Ankes Mutter)

Zutaten für 2 hungrige Personen

½ Wassermelone (kernarm oder kernfrei)

3-4 reife, süße Nektarinen

250-300 g Tiefkühlhimbeeren

1-2 EL Kirschwasser (alternativ: Obstler oder Brandy)

Minze- oder Zitronenmelisseblätter für die zur Deko

 

Zubereitung

Mit einem Löffel oder Eisportionierer Kugeln aus der Melonenhälfte stechen.

Nektarinen waschen, schälen, entkernen und in Stücke schneiden.

Melonen und Nektarinen in eine Schale geben, mit den Tiefkühlbeeren mischen und mit Kirschwasser beträufeln.

Alles kurz im Kühlschrank ziehen lassen.

Minz- oder Zitronenmelisseblätter waschen, trocken tupfen und den Salat damit garnieren.

Der fruchtige Salat ist ein erfrischendes Dessert, schmeckt aber auch  als Hauptgericht zu Fladenbrot und mit Knoblauch verrührtem Naturjoghurt.

 

Dornröschens kleine Schwester

Pascale Graff

„Die mit dem mittelhohen Absatz machen ein schöneres Bein!“

Überrascht wende ich mich der Stimme zu, die mich aus meinem Dilemma reißt. So ziemlich das Gegenteil von mir steht seitlich am Schuhregal und mustert unverhohlen meine Füße und was da so abläuft. Sie ist attraktiv, sehr attraktiv, wie ich neidlos anerkennen muss. Vielleicht um die Vierzig, lange schwarze Haare, glänzend und sorgfältig frisiert, die Haut leicht gebräunt, strahlen ihre Augen hellblau. Erinnern mich ein bisschen an Eisblumen vor himmelblauem Fenster. Mein Blick wandert weiter an ihr herunter. Der hellbraune Mantel ist, wie ihre ganze Erscheinung, edel und wahrscheinlich sehr teuer. Ihre Füße stecken in High-Heels, deren Farbton exakt zum Mantel passen, eine goldene Spange ziert deren Absätze. Raffiniert. Eingeschüchtert konzentriere ich mich wieder auf meine Schuhanprobe. Es ist wichtig, es geht um alles. Unsere Betriebs-Weihnachtsfeier steht an. Wir gehen in einen Club. Dort kann man nach dem Essen auch tanzen. Club, Lounge, schick, smart: Begriffe, die in meinem Universum ehrlicherweise wenig zu suchen haben. Darf man mit 30 Jahren Rosamunde Pilcher-Fan sein und erst zwei Freunde gehabt haben? Darf man Disco schon immer doof gefunden haben und sein Heil in endlosen Fernsehserien finden? Das ist, meinen Freundinnen zufolge, hoffnungslos, laut meiner Mutter die einzige Möglichkeit, nicht in die Hölle zu kommen. Nachdem sie eine ziemlich wilde Zeit hinter sich hatte und mich quasi als Abschiedsgeschenk bekam, subsumierte sie Männer und Vergnügungen unter “Laster“ und wandte sich fortan der Religion zu. Nicht so schlimm wie in „Carrie“, aber trotzdem nervend. Vielleicht wollte sie mich abhalten, ihre Fehler zu wiederholen. Aber immerhin hatte meine Mutter irgendwann einmal etwas erlebt, während ich ohne Umweg direkt zu einem Mauerblümchen geworden war, das sich heimlich danach sehnte, eine geheimnisvolle Rose zu sein. Wenigstens einmal so richtig blühen und bewundert werden, mit allem Drum und Dran. Vorzugsweise von und mit Gregor, dem smarten Controller vom zwölften Stock.

Allein der Gedanke an ihn lässt mich erröten.

„Entschuldigung, wir schließen in zehn Minuten!“, spricht mich eine Verkäuferin an. Entsetzt greife ich nach dem nächsten Paar Schuhe. Sie warten im Kreise ihrer Mitbewerber auf den Einsatz. Es muss eine Entscheidung getroffen werden, sonst wird nichts aus meinen rosigen Wünschen, die Feier ist morgen Abend. Ein Kleid, ein „Kleines Schwarzes“ in Größe 40, besitze ich bereits seit drei Wochen. Also Konzentration! Links: schwarz, vorne rund mit kleinem Blockabsatz. Bequem, gutes Preis-Leistungsverhältnis aber bisschen Omi. Rechts: schwarz, spitz mit kleinem Pfennigabsatz. Unsicheres Gefühl, wie ein Elefant auf Ministelzen.

„Probieren Sie diese!“, spricht mich die schicke Unbekannte erneut an und reicht mir einen Karton. Die Art, wie sie es sagt, lässt mich die Schuhschachtel ohne Widerspruch entgegennehmen und öffnen. Schwarz, schmal geschnitten, hohe lederbezogene Absätze, so gar nicht Pilcher, so gar nicht ich, so ziemlich sexy. Die kann ich unmöglich anziehen! Nur wie den Karton loswerden – unter Dauerbeobachtung und ohne unhöflich zu sein? Zeitnot drückt auf meine Urteilskraft. Bringe es hinter mich, probiere einen Schuh, finde mich in wackliger Situation. Weder Komfortschuh noch Anti-Schock, aber ein schneller Blick in den Spiegel bietet zugegebenermaßen einen interessanten Anblick. Mein Bein sieht nicht mehr nach meinem Bein aus. Transformation. Nun müsste nur noch mein restliches Ich dazu passen. Vielleicht mit dem schwarzen Kleid? „Was würde Gregor denken?“, rauscht es durch meinen Kopf.

„Passt er?“, fragt meine Ratgeberin. Schüchtern murmele ich etwas vor mich hin, gehe ein paar Schritte auf und ab.

„Passt er?“, erkundigt sie sich erneut und ich fühle mich wie Cinderella auf der Anprobe ihrer gläsernen Schuhe, vor dem großen Schlossball, auf dem sie ihren Gregor, äh, Prinzen treffen soll. Statt einer Antwort knicke ich prompt um.

„Hm, die anderen waren bequemer!“, urteile ich ehrlich.

„Sie sind auch ziemlich eng vorne!“ Sie kommt zwei Schritte auf mich zu. Ihrem Gang haftet etwas Katzen-, ja sogar Tigerartiges an.

„Das ist reine Übungssache!“, verspricht sie. „Außerdem lässt man sich doch nicht von etwas Zwicken abhalten. Jedes Gramm Schmerz wird durch das schöne Bild süß aufgewogen, oder?“ Ich verdaue ihre bildhafte Aussage. Gefühle in Gramm ausdrücken? 134 Pfund Unglück oder eine Tonne Verzagtheit? Hin- und hergerissen schaue ich von meinen Spiegelbeinen zu meinen Füßen und wieder hoch in mein ungeschminktes Gesicht. Ich denke an Gregor und tausend Kilo Schmetterlingskribbeln vernebeln mir den Kopf und lösen meine Zunge: „Eigentlich habe ich morgen eine Verabredung, dafür wären diese Schuhe eigentlich … wahrscheinlich … genau richtig“, stottere ich verlegen.

„Eine romantische Verabredung?“, erkundigt sie sich. Ich nicke.

„Ja, aber dann müssen Sie diese Schuhe auf jeden Fall nehmen. Sie stehen Ihnen hervorragend!“ Jetzt brenne ich lichterloh. Komplimente bekomme ich selten. Nicht dass ich so hässlich wäre, eher auf farblose Art unsichtbar, nehme ich an.

„Wenn die Füße schmerzen, dann denken Sie einfach an das Märchen von der kleinen Meerjungfrau. Kennen Sie es? Sie hatte ihr sicheres Meer verlassen, war an Land gegangen für ihren Prinzen, auch wenn jeder Schritt sie so geschmerzt hatte, als würde sie über Rasierklingen laufen. Sie ertrug es aus Liebe.“

„Wir schließen jetzt“, unterbricht die Verkäuferin unsere kleine Märchenstunde, was mich zu hektischer Betriebsamkeit antreibt.

„Ich nehme sie“, erkläre ich, woraufhin die blonde Verkäuferin mir den Karton fast aus der Hand reißt und in Richtung Kasse abdampft. Um Höflichkeit bemüht drehe ich mich zu meiner Beraterin um: „Danke!“

„Gern geschehen, und viel Spaß damit!“, wünscht sie mir, vertieft sich in die Auslage des Regals und mustert prüfend ein paar Schuhe, als hätte sie noch alle Zeit der Welt. Ich eile davon und vor mir stehen sogar noch zwei späte Kundinnen an der Kasse. Aufgeregt warte ich und meine Gedanken schweifen ab. Noch einmal schlafen! Heute Abend werde ich mir eine Creme-Maske aus Honig-Sahne machen. Mein Magen knurrt vernehmlich und ich erwäge mir einen Hamburger zu holen, doch mein neues schwarzes Kleid, dessen Reißverschluss ohnehin schon bedenklich eng sitzt, sendet mir telepathische Knäckebrot-Signale.

„Das macht neunundachtzig Euro zwanzig!“, verkündet die Kassiererin. Ich friemle meine Geldbörse aus der Tasche. „Moment …“ Mit fahrigen Bewegungen suche ich nach den passenden Scheinen, doch es werden leider nicht mehr.

„Ich … ich habe nur sechzig Euro“, stelle ich kleinlaut fest und wünsche mir, im Erdboden zu versinken.

„Sollen wir Ihnen die Schuhe bis morgen zurücklegen?“, bietet die Kassiererin an, nachdem sie genervt mit ihren Augen gerollt hat. Meine Vorfreude löst sich auf wie Kakaopulver in heißer Milch. Ich brauche sie jetzt, sofort, morgen habe ich keine Zeit sie abzuholen. Resigniert schüttle ich den Kopf und stecke meine Geldbörse weg.

„Ich lege das Geld vor.“ Überrascht schaue ich auf und blicke in eisblaue Augen. Die Kassiererin fragt neugierig und feierabendungeduldig: „Also was denn jetzt?“

Entschieden zückt meine persönliche Märchenfee eine goldene Kreditkarte aus ihrem schwarzen teuren Designer Portemonnaie.

Entsetzt wehre ich ab. „Das, das geht doch nicht!“. Mit einer Handbewegung wischt sie meinen Einspruch weg. Fasziniert haftet mein Blick an ihren knallroten Nägeln.

„Keine große Sache, Sie können mir das Geld am Samstagnachmittag vorbeibringen und mir erzählen, wie Ihr Date gelaufen ist.“

Sie zwinkert mir zu. Ich atme ihren Duft ein: Süß, schwer, Vanille. Die Sorte Parfüm, die man wiedererkennt. „Sündig“, würde meine Mutter sagen. Ich nenne es „aufregend“ und wünschte, ich hätte einen solchen Duft, nach dem sich Gregor bestimmt umdrehen würde.

„Hier ist meine Karte. Bis Samstag dann, so gegen 14 Uhr?“ Ihr Ton klingt eher bestimmt als fragend.

„Ja, ja natürlich“, stottere ich überrumpelt und stecke ihre Visitenkarte in meine Manteltasche. Dann halte ich auch schon meine Einkaufstüte in der Hand.

„Wollen Sie nicht irgendeine Sicherheit?“, siegen meine Manieren und mein schlechtes Gewissen über meine Schüchternheit. Sie winkt erneut ab, hebt den Arm mit der Grazie einer indonesischen Tempeltänzerin.

„Was sie wohl beruflich macht?“, frage ich mich.

„Und diese hier sind für Sie?!“, will jemand wissen.

Meine Schuhkreditgeberin nickt.

„Sehr ausgefallen!“, urteilt die junge Einpackhilfe und ich verstehe sofort, was sie meint. Schwarzes Lackleder, unendlich hoch mit Plateau und silbernen Nieten an Ferse und Absatz. „Achtung, damit können Sie ganz schöne Tritte verteilen!“, scherzt eine Dame neben uns. Ich lache verlegen mit.

Meine Gönnerin zückt erneut ihre Kreditkarte und begnügt sich mit einem geheimnisvollen Lächeln. „Also bis Samstag!“, wiederholt sie zum Abschied und nun haste ich los. Die Luft ist kalt, mein Herz warm, Gedanken machen sich auf Entdeckungsreise, was morgen Abend geschehen könnte. Zu Hause, später, im Pyjama, mit einer pflegenden Gesichtsmaske auf der Haut, fische ich die Visitenkarte hervor und halte sie in den trüben Lichtpegel meiner Nachttischlampe: Vera Douleur, Merzigweg 12, lese ich laut vor. Klingt französisch, wie man es wohl ausspricht? Egal. Ich wünschte, ich wäre ein bisschen so wie diese Wahnsinns-Frau.

Ach Gregor! Seufzend drehe ich mich auf den Rücken. Ich träume, er stünde vor mir, und fordert mich zum Tanzen auf. Vielleicht morgen Abend? Meine Lippen schmecken süß nach Honig. Einen Augenblick ist mir, als läge der verführerische Duft von Vanille in der Luft. Fast schon am Einschlafen stelle mir vor, Veras selbstsichere Ausstrahlung überzuziehen, so einfach wie das Paar neuer Schuhe, das neben dem Spiegel steht. Ich hoffe, sie gefallen Gregor – und ich hoffe, ich gefalle ihm. Mein Körper sehnt sich so sehr nach seiner Berührung. Sachte streicht meine Hand über den Bund meiner Pyjamahose. Die sinnliche Stimmung verfliegt. Ich muss unbedingt mein Ganz-Körper-Form-Mieder anziehen. Stöhnend raffe ich mich auf und wasche mir im Bad die Maske vom Gesicht. Meine Haut fühlt sich schön zart an, aber dasselbe langweilige Gesicht blickt mir entgegen. Wie diese Vera wohl ungeschminkt aussieht? Es hat sich gut angefühlt, als sie mir sagte, ich hätte schöne Beine, beziehungsweise, dass die Schuhe schöne Beine machen. Oder wie sie von der kleinen Meerjungfrau erzählt hat. Ich liebe Märchen! Entschlossen zwänge ich mich in den Elastikschlauch, der laut Hersteller garantiert im Schlaf dauerhaft den Bauchumfang reduziert. Dann lege ich mich hin und versuche flach zu atmen. Ganz schön eng, das Ding. Wenn es bis zu den Füßen reichen würde, könnte ich Meerjungfrau spielen. Vielleicht nicht die kleine, aber die vollschlanke Meerjungfrau. Ich will seufzen, aber die Luft reicht nicht. So kann ich doch nicht schlafen! Eine kleine Stimme flüstert mir ins Ohr: Meerjungfrauen jammern nicht und sie brauchen keine Luft zum Atmen. Um mich abzulenken, denke ich an morgen Abend. Da soll es geschehen. Gregor und ich. Unser Anfang, dem ein Zauber innewohnt. Der Zauber meiner neuen Schuhe …

Wir kamen noch nicht dazu, uns zu unterhalten. Er ist in ein Gespräch mit Sabine vertieft, der Sekretärin vom zweiten Stock. Ich führe eine aufmunternde Unterhaltung mit meinem Nachtisch. Für den Vanillepudding ist es glasklar, dass Gregor mich bereits erblickt hat und sich nur noch nicht traut, mich anzusprechen. Jeden Moment kann er mir auf die Schulter klopfen und sagen … „Na Karo? Alles klaro?“

Mein halbvolles Nachtischglas landet scheppernd auf dem Tresen. Frau Bierstett, eine ältere Kollegin, lächelt breit und nickt in Richtung Tanzfläche.

„Für mich ist das ja nichts mehr, aber du solltest ein bisschen Spaß haben!“ Meine Stimmung kippt. Gregor und Sabine hotten auf der Tanzfläche ab. Wespentaillenschlank, lange blonde Haare in sanften Wellen. Ich hasse ihre Stupsnase, ihre kokette Art, wünsche ihr Erwachsenen-Akne an den Hals … oder Blähungen.

„Ich hole mir noch eine Weinschorle, soll ich dir etwas mitbringen?“, bietet Frau Bierstett an. Das Einzige, was ich gerade brauche, ist eine Toilette. Dann Nase pudern und wieder strategisch günstig platzieren. Gregor wird mich ansprechen, sobald ihn die dumme Pute atmen lässt. Rasch suche ich mich durch den Club. An der Damentoilette steht die obligatorische Warteschlange. Auf Anraten der dankbaren Toilettenfrau, der ich bereits zweimal heute Abend einen Euro hingelegt hatte, begebe ich mich ich in den ersten Stock. Hier soll es ein weiteres WC geben. Tatsächlich finde ich den Damenwaschraum etwas versteckt am Ende des Flures, als ich eintrete, ist keine Menschenseele zu sehen. Die Einrichtung ist hier ebenso modern wie unten. Teure, goldene Spiegelrahmen und Armaturen, schwarze Kacheln. Dunkle Lampenschirme mit Diamantsträngen, in denen sich das Licht bricht. Mein Gesicht strahlt nicht, aber der Abend ist ja noch nicht zu Ende. Sabine hat sich Gregor bestimmt an den Hals geworfen. Er muss sie nur loswerden. Vielleicht sollte ich ihn ansprechen? Was habe ich zu verlieren? Mein Herz klopft und vor lauter Aufregung ziehe ich die Strumpfhose hoch, vergesse aber meine Unterhose. Umständlich fuchtele ich vor mich hin, als ich Türenklappern höre und bald darauf aus der Nachbarkabine unterdrücktes Keuchen dringt. Da scheint es jemandem nicht gut zu gehen. Noch ein gebrochenes Herz oder eine Magenverstimmung? Ein Schlaganfall? Ich spitze meine Ohren und versuche, weitere Indizien zu erhaschen. Heiseres Stöhnen, gurrendes Kichern. Füße scharren. Schlagartig wird mir klar, was da gerade vor sich geht. Ein Quickie! Während unserer Betriebsfeier! Angewidert will ich gehen, doch etwas hält mich zurück und ich bleibe wie eingefroren stehen. Lauschend stelle ich mir vor, was wäre, wenn Gregor und ich es tun würden. Hatte ich mir nicht genau so etwas gewünscht? Wilde Leidenschaft und heiße Küsse? Nun, vielleicht nicht gerade auf dem Damenklo, aber trotzdem …

Das Stöhnen wird lauter. Aufregung erfasst mich. Wie kann es sie nicht scheren, ob andere etwas mitbekommen? Und wie lange geht das noch? Sollte ich mich bemerkbar machen? Würde man denken, ich hätte mit Absicht gelauscht? Plötzlich löst sich mein Problem, eskalierendes Stöhnen läutet das Finale ein. Mucksmäuschenstill warte ich, bis die Nebentür geöffnet wird und Schritte folgen „Die Luft ist rein!“, kichert eine helle Stimme, worauf der männliche Part antwortet: „Lass uns zu mir fahren und weitermachen, wo wir gerade aufgehört haben.“ Die Toilettenwände beben einen kurzen Moment. Diese Stimme. Unter tausenden hätte ich sie erkannt. Mein Gregor und Sabine haben es gerade getrieben. Miteinander. Neben mir. Ich will sterben!

Der nächste Morgen löst sein vielgerühmtes Versprechen nicht ein. Es sieht mitnichten alles anders aus. Ich bekomme Gregors keuchendes Stöhnen nicht mehr aus dem Kopf. Zu gerne würde ich mich einfach nur wieder hinlegen und schlafen. Ach, könnte ich drei Wochen im Bett bleiben, drei Monate, oder warum nicht 100 Jahre, wie Dornröschen? Ja, das gefiele mir besser als eine dämliche, liebeskranke Meerjungfrau zu sein. Wo ich noch nicht mal anständig kraulen kann. Mein Blick fällt auf die Schuhe, achtlos in die Ecke gestellt. Ich hasse sie! Sie haben mir Hoffnung gemacht und mich enttäuscht. Wütend greife ich erst den einen, dann den anderen Schuh und pfeffere sie so fest ich kann gegen die Wand. Tut gut. Nach einem tiefen Atemzug hole ich die Visitenkarte vom Schreibtisch. Bevor ich in hundertjährigen Schlaf verfalle, möchte ich Vera Douleur anrufen und pflichtbewusst meine Schulden begleichen, möglichst per Überweisung. Es klingelt zehnmal, sie geht nicht ran. Weder jetzt, noch nach fünf, zehn, fünfzehn Minuten. Dem nicht genug, hätte ich fast das samstägliche Mittagessen bei meiner Mutter vergessen. Absagen wäre schwierig und zöge erfahrungsgemäß ellenlange Vorträge und Gejammer nach sich. Schlecht gelaunt ziehe ich mich an und verschiebe meinen 100jährigen Schlaf auf später.

Draußen gibt sich das Wetter dem Anlass entsprechend grau in grau. Wie unter einer Glasglocke sehe ich Menschen umhereilen, Einkäufe erledigen oder ins Wochenende starten. Meine Mutter öffnet, bevor ich geklingelt habe.

„Du bist blass! Geht es dir nicht gut? Du hast bestimmt nicht genug gegessen! Machst du etwa eine Diät?!“ Wenig später lädt sie mir eine doppelte Kelle Kartoffelpüree und zwei Scheiben Leber auf den Teller. Ich wehre mich schwach, aber wenig erfolgreich. Sie würde nur bissige Kommentare abgeben oder noch schlimmer, verletzt reagieren. Widerwillig probiere einen Bissen Kartoffelbrei und muss fast würgen. Ein tieftrauriges Dornröschen kann man doch nicht zum Essen zwingen! Kein Wunder, dass die Märchen-Prinzessinnen im Allgemeinen gertenschlank waren. Ständig diese Probleme. Aschenputtel litt unter einem Putzfimmel und bekam nur die Essensreste ihrer Stieffamilie, Dornröschen schlief sich schlank, Schneewittchen musste ständig aufpassen, was sie aß und von wem es kam. Und die kleine Meerjungfrau? Tja, Algen haben weniger Kalorien als Schokolade. Hat man jemals von einer satten, vollschlanken, glücklichen Märchen-Prinzessin gehört? Jedenfalls nicht, bevor sie den Prinzen heiratet und sich das Festbankett schmecken lässt … Und sollte sie in den Zeiten danach ein paar Kilos zulegen wie jede normale Frau, so erfahren wir das nicht mehr.

Mutter geht in die Küche, um eine Flasche Wasser zu holen, panisch krame ich meine Allzeitbereit-Plastiktüte aus der Tasche und schaufle Püree und Leber hinein.

„Du hast schon aufgegessen?“, fragt sie kurz darauf überrascht.

Auf mein Nicken erwidert sie: „Du musst etwas langsamer machen, sonst nimmst du noch mehr zu!“ Das mag ich besonders. Erst mäkelt sie, ich würde zu wenig essen, dann ist es doch zu viel. Nie kann ich es ihr recht machen. Inzwischen hat sie das Thema gewechselt. Müde lausche ich ihrem Hausfrauen-Klatsch und treibe die Zeiger der hölzernen Wohnzimmer-Uhr mit meinen Augen zur Eile an: Los-jetzt-dreht-euch-doch-endl-lich-schnel-ler! Gefühlte Stunden später ist es soweit. Ich verabschiede mich von meiner Mutter samt Ratschlägen und Beschwerden. Hinter der nächsten Ecke lasse ich die Plastiktüte im Mülleimer verschwinden, versuchte erneut diese Vera Douleur anzurufen. Ohne Erfolg. Schicksalsergeben mache ich mich auf den Weg. 14 Uhr war ausgemacht. Sie hatte es vorgeschlagen, eigentlich eher angesagt und dabei so natürlich selbstsicher geklungen. Wie Gregor sie wohl fände? Bestimmt geheimnisvoll und sexy. Ich schließe einen klitzekleinen Moment meine Augen und stelle mir vor, ich sei Vera, wiege meine Hüften, imitiere ihren katzenhaften Gang.

„He, machen Sie gefälligst Ihre Glubscher auf!“, beschwert sich prompt jemand lautstark, den ich angerempelt habe.

„Entschuldigung!“ Tja, Karo bleibt eine unverbesserliche Träumerin. Peinlich berührt laufe ich zur U-Bahn und fahre drei Stationen bis zum Alleenring. Dort befinden sich einige Mehrfamilienhäuser und ein Gewerbegebiet. Nicht gerade das schickste Viertel. Ich hätte mir etwas Mondäneres vorgestellt. Wenig später stehe ich vor der Hausnummer 14. Ein dreigeschossiger moderner Neubau. Zaghaft drücke ich auf die Klingel und antworte auf ihr wohlklingendes „Ja bitte?“ mit zitternder Stimme „Karoline Schneider … aus dem Schuhgeschäft von vorgestern“, beende ich meine Erklärung, obwohl sie schon längst den Türöffner gedrückt hatte. Helle Marmorfliesen im Treppenhaus, machen das Grau der Fassade vergessen.

Vera steht im Wohnungseingang, begrüßt mich freundlich lächelnd. Ganz in helle Farben gekleidet, wirkt sie mehr denn je wie eine Fee. Neben ihr komme mir in meinem übergroßen, grauen Strickmantel langweilig und unbeholfen vor. Nervös krame ich in meiner Tasche nach dem Geldbeutel, aber sie winkt mich hinein.

„Sie haben es doch nicht eilig?“ Ich trete mir meine Schuhe sorgfältig auf der Fußmatte ab. Ausziehen muss ich sie wohl nicht, sie selbst trägt keine Hausschuhe, sondern extra hohe Schlangenleder-High-Heels. Wir gehen durch den Flur, er ist fast so groß wie mein Wohnzimmer. Ein riesiger Barock-Spiegel, die ellenlange weiße Garderobe in Hochglanz mit viel Chrom. Alles todschick.

„Es ist genau 14 Uhr. Sind Sie immer so pünktlich?“, richtet Vera das Wort an mich, geht aber ohne meine Antwort abzuwarten weiter. Das Wohnzimmer ist lichtdurchflutet, modern und hell eingerichtet. Nippes scheint jedenfalls nicht so ihr Ding zu sein. Über dem cremefarbenen Ledersofa prangt ein riesiges Bild, in dessen Mitte eine jesusähnliche Gestalt an einem Metall-Gerüst hängt. Um die Figur herum blühen tiefrote Rosenbüsche, im gleichen Farbton wie die dünnen Blutstropfen, die aus seinen Wunden an Füßen und Händen sickern. Das Bild ist modern, aber auf verstörende Art großartig. Meine Mutter würde es wohl blasphemisch nennen.

„Setzen Sie sich!“ Veras Stimme haftet etwas Hypnotisches an. Ich komme ihrer Aufforderung nach, setze mich vorsichtig an den Rand der Couch, als könnte sie mich sonst in sich aufsaugen. Mit geschlossenen Knien halte ich mich so gerade es geht.

„Ich, ich möchte Sie nicht lange aufhalten, eigentlich nur das Geld abgeben …“, beginne ich.

Sie fragt „Kaffee oder Tee?“, erneut ohne auf das, was ich gesagt habe, einzugehen.

„Kaffee, bitte!“ antworte ich ergeben und sehe ihr fasziniert nach, wie sie aus dem Zimmer schwebt, in ihrer figurbetont geschnittenen, hellen Hose und dem passenden Pullover. Ihre schwarzen Haare trägt sie heute zu einem Pferdeschwanz gebunden, was sie jünger wirken lässt. Vielleicht ist sie erst Mitte Dreißig? Versonnen mustere ich die teuren Magazine die unter der Glasplatte des Couchtisches ihren teuren Charme versprühen. So etwas könnte ich mir auch mal kaufen, macht mehr her als die Klatsch-Magazine, die ich so gerne lese. Als sie Porzellantassen und Kaffeekanne auf einem Kupfertablett balancierend zurückkommt, fühle ich mich genötigt, das Schweigen zu brechen. „Sie wohnen hier sehr schön!“ Vorsichtig stellt sie eine Tasse vor mich auf den Couchtisch.

„Ja, das habe ich mir vor zwei Jahren geleistet. Die beiden oberen Etagen gehören mir ebenfalls und ich habe sie gut vermietet.“ Ich nicke und versuche intelligent auszusehen, als würde ich etwas von Immobilien und Investitionen verstehen. Mir fällt die silberne Zuckerzange meiner Großmutter ein, die sie mir vererbt hat. Kaum nippe ich an meinem Kaffee erhebt sich Vera. „Möchten Sie sich die Wohnung ansehen?“

Reflexartig stehe ich auf. „Aber der Kaffee …“

„Ich kann uns neuen machen, das geht ganz schnell!“, versichert Vera und lässt keinen Zweifel darüber, dass ihr der Kaffee piep-egal ist. Sie macht, wozu sie Lust hat und alles andere passt sich an oder wird erneuert. Kaffeetemperaturen, Menschen, Wohnlandschaften.

„Wie war eigentlich ihre Feier? Sind die neuen schwarzen Schuhe gut angekommen?“ Überrascht darüber, dass sie sich erinnert, suche ich nach Worten und zucke verlegen mit den Schultern. „Nicht so gut?“, hakt sie nach und obwohl ich sonst wirklich nicht mit quasi fremden Menschen über meine Gefühle spreche, spüre ich das Verlangen, ihr ehrlich zu antworten.

So erzähle ich ihr nicht alle Einzelheiten, aber das Wesentliche. Über das Toilettenfiasko lächelt sie. Nicht überheblich, eher amüsiert, anteilnehmend.

„Wie schade, aber ist es nicht oft so, dass überzogene Erwartungen nur enttäuschen? Und was für eine Ironie. Über diese Geschichte werden Sie irgendwann herzlich lachen.“

Perplex frage ich mich, ob sie Recht haben könnte. Gleichzeitig bestaune ich die exklusive Küche, dessen Herzstück ein riesiger schwarzer Granitküchenblock ist. Alles sehr sauber und porentief rein. Ob sie eine Putzfrau hat? Ich kann sie mir schwer in alten Jeans, mit Gummihandschuhen und Putzeimer vorstellen. Oder sie gehört zu den Menschen, die schlicht keine Unordnung verursachen, bei denen sich selbst Krümel nicht trauen, aus der Reihe zu tanzen, der Staub sich freiwillig verzieht. Ich verursache beim bloßen Drehen um meine eigene Achse komplettes Durcheinander. Ein fragwürdiges Talent. Neidisch mustere ich ihr Badezimmer, eher eine Wellness-Oase, mit freistehender Badewanne, in der Meerjungfrauen nach Herzenslust planschen können. Ein Waschbecken aus schwarzem Naturstein habe ich tatsächlich noch nie vorher gesehen. Ich lasse mir mein Staunen nicht anmerken, wobei sich der Vergleich mit meinem Mini-Badezimmer im Fünziger Jahre-Hellgrün und einer Sammelleidenschaft für Porzellandöschen aufdrängt.

„Es hat lange gedauert, bis ich alles ausgesucht hatte, aber jedes Stück ist einhundert Prozent so, wie ich es will. Ich finde man sollte sich nicht mit dem zweitbesten abgeben.“

Was soll ich darauf sagen? Dass ich nach einer Art Ranglisten-Ökonomie lebe? Nimm, was du kriegen kannst, bevor du gar nichts bekommst?

Auf der nächsten Türschwelle zögere ich. Ihr Schlafzimmer. Ist das nicht zu intim? Vera findet offensichtlich nichts dabei. Das riesige weiße Bett sieht gemütlich aus. Eine violette Seidentagesdecke mit farblich passenden Kissen bildet einen schönen Farbkontrast. Über dem Bett hängt ein riesiges Gemälde, wahrscheinlich von dem gleichen Künstler wie das im Wohnzimmer. Wieder viele Rosen, ganz plastisch und tiefrot, übergroß mit deutlichen schwarzen Dornen. Sie dreht sich zu mir und winkt mich weiter.

„Mein besonderes Schatzkästchen.“ Hinter der linken Schlafzimmerwand begeben wir uns in einen dunklen Raum, der mit dem Bedienen des Lichtschalters in Helligkeit getaucht wird. Links und rechts hängen meterlang Kleider, nichts als Kleider. Auf Regalbrettern darüber türmen sich Taschen und auf Regalbrettern darunter Schuhe, fast ausnahmslos hochhackig, jeglicher Form und Farbe. Sie sieht glücklich aus, als sie weiterspricht: „Kleidung ist was Wundervolles. Schon als kleines Mädchen habe ich es geliebt, mich zu verkleiden. Mal war ich Prinzessin, mal Eiskunstläuferin oder mal ein Junge in Jeans-Latzhosen.“ Sie geht die Reihen entlang, zieht hier eine Seidenbluse, dort ein Spitzenkleid heraus. Ich würde mich nie trauen so etwas anzuziehen.

„Sie sind wunderschön …“, flüstere ich, „… die Kleider!“, füge ich hinzu. Vor einem Abteil mit schwarzen Kleidungsstücken bleiben wir stehen. Bei genauerem Hinsehen entdecke ich Lack, Leder und  Gummi-Schuhe mit Plateau, deren Höhe mir schwindelerregend vorkommt. Ich frage mich, wo man so etwas tragen kann ohne verhaftet zu werden. Meinem Blick folgend holt sie ein schwarzes, langes Seiden-Kleid mit Korsagenoberteil hervor.

„So etwas trage ich natürlich nicht jeden Tag, aber in meinem Beruf passt es ganz gut“, erklärt sie und ich spüre eine Art Aufforderung mitschwingen. Los, frag! Ein weiterer Blick aus ihren eisblauen Augen und ich frage wie ferngesteuert: „Was arbeiten Sie denn?“ Hoffentlich antwortet sie: “Schauspielerin“ oder “Statistin in einer Geisterbahn“ oder “Musicaldarstellerin“.

„Ich bin Domina!“, offenbart sie stattdessen. Beiläufig wie „Ich stricke in meiner Freizeit Schlauchschals.“

„Domina“, wiederhole ich. Was soll ich auch darauf erwidern? „Herzlichen Glückwunsch“ oder „Das ist ja mal was ganz Ausgefallenes“?

Vera redet unbefangen weiter. „Ich habe BWL studiert und eine Banklehre absolviert, ganz bürgerlich“, erklärt sie. „Dem Wunsch meiner Eltern folgend. Dann habe ich mich unglaublich verliebt, geheiratet und, tja irgendwie kam alles ein bisschen anders als geplant.“ Sie stockt kurz, deutet dann zur Tür. „Lassen Sie uns jetzt Kaffee trinken, in Ordnung?“

Froh dieser seltsamen Seelenschau zu entkommen, folge ich und setze mich wieder auf die Ledercouch. Jesus blickt vorwurfsvoll zu mir herunter, die Stimme meiner Mutter faselt von Sodom und Gomorrha, eigentlich möchte ich ganz gerne wegrennen. Hektisch fummele ich das Geld aus meiner Tasche und als Vera mit frischem Kaffee aus der Küche kommt, halte ich ihr die Scheine entgegen.

„Ich, ich habe Sie wirklich lange genug aufgehalten. Es war sehr nett, dass Sie mir das Geld vorgestreckt haben“

„Mit Milch, stimmt’s?“, erkundigt sie sich als hätte ich nichts gesagt.

„Ja, bitte!“, antworte ich mit den Scheinen in der Hand und ein paar endlose Sekunden schweigen wir, bis Vera mich endlich erlöst und das Geld entgegennimmt.

„Sie erinnern mich an mich selbst, wie ich früher einmal war. Ohne Ihnen nahetreten zu wollen, es ist offensichtlich, dass Sie nett sind, sehr nett, zu nett, unsicher, wenig Selbstvertrauen haben. Sie fühlen sich in ihrem Körper nicht wohl, mögen keine Konfrontationen. Sie warten auf den Märchen-Prinzen, der kommt und Sie aus Ihrem Leben rettet. Selbstverständlich würden Sie alles für ihn tun, nicht wahr?!“

Beleidigt und um Haltung ringend, rühre ich mit meinem Löffel im Kaffee. Dies aus dem Mund einer anderen Person zu hören ist ungleich schlimmer, als es selbst von sich zu denken. Steht es auf meiner Stirn geschrieben? Nette Versagerin?

Ich nehme einen Schluck Kaffee, verschaffe mir eine Denkpause. Sie sagt sie war früher so wie ich? Das wage ich zu bezweifeln. Aber wenn, was hat ihre Veränderung bewirkt?

„Sie sind also wirklich eine Domina? So wie man das im Fernsehen manchmal sieht?“, siegt meine Neugier. Sie zuckt mit den Schultern.

„Ich weiß nicht, was Sie im Fernsehen gesehen haben. Es geht um mehr als mit tiefer Stimme „Ruf mich an“ zu verlangen. Es geht um Psychologie, um Vertrauen, um Unterwerfung und um Macht.“

„Und um Sex“, rutscht mir heraus. Sie schlägt ein Bein über das andere, lehnt sich entspannt zurück und löst das Haargummi. Ihr schwarzes Haar ergießt sich auf den hellen Pullover wie flüssige dunkle Schokolade auf Vanilleeis. „Manche meiner Klienten würden alles dafür geben, nur mein Haar berühren zu dürfen. Erotik ist etwas ganz Anderes als Sex!“

„Sie schlafen nicht mit denen?“, frage ich ungläubig.

„Die Männer, die zu mir kommen, wollen keinen Sex. Sie wollen dominiert werden. Sie wollen schwach sein dürfen. Manche empfinden das als befreiend und befriedigend. Es sind oft erfolgreiche, sehr attraktive Männer: Ärzte, Anwälte. Sie genießen, bei mir nicht wie eine Maschine funktionieren zu müssen. Der Schmerz lässt sie sich spüren.“

„Ich habe das noch nie verstanden“, gebe ich ehrlich zu. „Ich möchte einfach nur ganz romantisch lieben und geliebt werden.“

Vera denkt anscheinend kurz darüber nach, was ich gerade gesagt habe. Dann beugt sich zu mir vor: „Ich hätte früher das Gleiche geantwortet. Ich war Dornröschen im Tiefschlaf und dachte, mein geliebter Prinz hätte mich gefunden und wir lebten ein wundervolles Leben voller Schönheit und ewiger Liebe. Doch dann geschah etwas ganz Seltsames …“

Gebannt hänge ich an ihren Lippen, während sie noch einen weiteren Schluck Kaffee nimmt und fortfährt. „Ich wachte auf, nachdem ich eine Visitenkarte in seiner Tasche fand. Ich wollte lediglich sein Jackett in die Reinigung bringen, stell dir Dornröschens Überraschung vor, als sie herausfindet, dass ihr Prinz ein Verhältnis hat. Was hat sie, das ich nicht habe, fragte ich mich und ihn. Er antwortete, sie sei selbstbewusst, würde das Tempo vorgeben. Bei ihr müsse er um alles, jedes Lächeln, jede Berührung, betteln, kämpfen.“ Vera macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ich war so sehr mit meinem Dornröschen-Ideal verwoben, dass ich nicht beachtet hatte, dass in dem Märchen noch andere mitspielten. Er und all die anderen Prinzen und Männer, die sich immer und immer wieder durch Rosenhecken und Dornenwände schlugen. Warum taten sie das? Weil sie Dornröschen retten wollten? Oder weil sie von ihrem Ego getrieben wurden und weil sie auf den Kick, auf Schmerzen standen? Schließlich hörte ich auf zu träumen, ließ mich scheiden und wurde ein vorbildliches Dornröschen. Ich war unerreichbar, stachelte die Männer trotzdem an, sich noch mehr Mühe zu geben. Und dieses Gefühl der Macht machte etwas mit mir. Diejenige zu sein, die über das Wohlempfinden eines anderen bestimmt, die begehrt wird, aber unerreichbar bleibt: Das Objekt ewiger Sehnsucht.“

Ich habe eine Gänsehaut am ganzen Körper. Was für ein seltsamer Zufall, wir sitzen hier und reden über Dornröschens Erwachen, wo ich selbst vor wenigen Stunden nichts anderes wollte als für lange Zeit einzuschlafen.

„Dieser Mann, den Sie so begehren, der sich gestern Abend mit ihrer Kollegin auf der Toilette vergnügt hat, würde vielleicht irgendwann alles dafür geben, wenn sie ihm ein verächtliches Lächeln schenken.“

Ich warte auf die Pointe. Vera erklärt weiter: „Es dreht sich um das Verhältnis von Macht und Schwäche. Das hat nichts mit dem Äußeren oder dem Status zu tun, nur mit Körpersprache, bewussten und unbewussten Signalen.“

„Wollen Sie mir sagen, Sie können mir helfen, Gregor zu bekommen?“, frage ich hoffnungsvoll.

Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Männer, die Dornenhecken durchpflügen, leben für die Sehnsucht, nicht für die Liebe, sie begehren nur, solange sie die Erfüllung nicht haben können.“

Jetzt bin ich auch nicht schlauer als vorher. Und mir wird langsam flau. Kein Wunder, mein Mittagessen hatte ich ja im Müll entsorgt.

„Ich habe in einer halben Stunde einen Termin und muss mich vorbereiten“, leitet Vera unsere Verabschiedung ein.

 „Arbeiten Sie hier?“ frage ich vorsichtig. Sie reicht mir ihre Hand. Es ist ein fester Händedruck und genauso fest sieht sie mir in die Augen: „Kommen Sie doch nächsten Samstag wieder, gleiche Zeit, dann zeige ich Ihnen, wo ich arbeite.“ Das werde ich ganz bestimmt nicht tun, nehme ich mir vor und gehe. Mein Kopf schwirrt vor seltsamen Ideen und Bildern, Märchenfragmenten. Ich brauche dringend etwas Zucker und Rosamunde.

„Na, Karoline, wie war dein Wochenende?“ Ich sehe ihn an, stelle mir vor, was Vera tun würde, kehre alle Gefühle beiseite und begegne seiner flapsigen Begrüßung lediglich mit einem knappen „Gut!“ Kein Lächeln, kein Stottern, kein Erröten. Ohne seine Antwort abzuwarten, drehe ich mich um und gehe. Ich spüre, dass seine Augen mich verfolgen. Vielleicht, weil ich die schwarzen, schicken Schuhe trage. Meine Füße schmerzen ein bisschen. Besser die Füße als mein Herz. Ich möchte nicht mehr die schwache Meerjungfrau sein. Vera ist Dornröschen, dann bin ich halt Dornröschens kleine Schwester. Am Schreibtisch überlege ich, was für ein Typ Mann Gregor eigentlich ist. Steht er auf Spielchen? Wahrscheinlich schon. Warum habe ich mich dann ihn verliebt? Bestimmt weil er mir Seiten des Lebens zeigen könnte, die ich nicht kenne. Seine offene Art, der Witz, seine Unbekümmertheit. Könnte ich ihm die Spielchen liefern, die er braucht, um ihn zu erobern und an mich zu binden? Würde es reichen, die Unerreichbare zu spielen? Veras Rede fällt mir wieder ein. Vielleicht etwas zu pathetisch, zu viel Märchen. Wir sind hier nicht bei Grimm, wir leben im 21.Jahrhundert. Da ist alles möglich, auch Experimentieren.

Unerwartet taucht Gregor nachmittags nochmal vor meinem Schreibtisch auf. „Hey Karo, holst du dir was aus der Kantine? Ich könnte ein Stück Kuchen vertragen!“ Sonst würde ich alles stehen und liegen lassen, ihm umgehend seinen Lieblings-Streuselkuchen besorgen. Heute und jetzt bleibe ich sitzen, gebe mich beschäftigt, als müsse ich dringend meine Mails checken, weil Frau Merkel höchstpersönlich die Elektroinstallationen des Bundestags bei uns in Auftrag geben wollte. „Keine Zeit!“, antworte ich knapp, auch wenn mein Herz wie wild klopft. Er bleibt stehen, steckt die Hände in die Hosentaschen, als glaubte er, sich verhört zu haben. Nachdem er gegangen ist, blende ich den Gedanken aus, dass er jetzt bestimmt Sabine zu einer Kuchenstunde einlädt, oder irgendeine andere. „Aber vielleicht denkt er dabei an dich, und was er tun muss, damit er deine Gunst zurückerobert!“, tröste ich mich.

Vielleicht wäre es mit Gregor möglich. Ein paar Spielchen am Anfang, bis er seine Gefühle für mich entdeckt, und dann werden wir ein normales Liebespaar. Und wenn wir nicht gestorben sind, lieben wir uns noch heute. Ich müsste ihn nur erst dazu bringen. Vera würde mich vielleicht nicht verstehen, aber es gibt ja noch andere versierte Profis im Spielchen spielen.

Es ist Mittwochabend. Wahrscheinlich habe ich tatsächlich den Verstand verloren. Bevor ich es mir anders überlege, öffne ich die Tür zum Studio, drehe mich mehrmals unsicher um, bevor ich eintrete. Drinnen möchte ich am liebsten flüchten, aber wie aus dem Nichts taucht auch schon die Gastgeberin auf.

„Willkommen, ich bin Lady Luna. Du bist Karoline M.?“

Eingeschüchtert verdaue ich den ersten Schock. Wie sehr sich diese Lady Luna von Vera unterscheidet. Sie wirkt ein bisschen wie ein Bodybuilder, hat kantige Gesichtszüge, ist stark geschminkt, ohne Veras Schönheit, ihrer geheimnisvollen Aura, auch nur nahe zu kommen. Allerdings kenne ich Vera natürlich nicht in ihrer Arbeitskleidung.

„Komm mit, die anderen sind auch schon da“, treibt Luna mich zur Eile an. Gut. Ich hoffe es ist einfacher, wenn man sich nicht alleine zum Idioten macht. Lady Luna führt mich in eine Art Salon mit roten Polstermöbeln und einem großen schwarzen Tisch, an dessen Kopfende sie Platz nimmt. Der Raum wirkt ein wenig wie das Zimmer einer Wahrsagerin oder wie eine Folterkammer. Unsicher mustere ich Werkzeuge, die an der Wand montiert sind, teilweise wirken sie bedrohlich bis museumsreif. Ich setze mich auf einen der schwarzen Stühle. Unsere Gruppe ist klein, wir sind insgesamt nur vier Frauen. Bis auf eine, ganz in schwarzes Latex gezwängt, mächtig aufgedonnert, wirken alle normal und zurückhaltend.

Lady Luna ergreift das Wort: „Willkommen in unserem Seminar „`Entdecke die Domina in dir! Mehr Spaß in der Partnerschaft´.“ Eifrig schlage ich meinen mitgebrachten Notizblock auf.

„Wir beginnen mit einer leichten Übung. Werner, der Tee“, brüllt sie plötzlich so laut, dass wir alle zusammenzucken. Einen Moment später betritt ein Mann, ich nehme an, es ist Werner, den Raum. Eine Ledermaske bedeckt sein Gesicht. Sein untrainierter Oberkörper ist nackt, von Hosen scheint er ebenfalls nicht viel zu halten. Immerhin trägt er eine Art Leder-Tangastring, der das Schlimmste verhüllt, seine Pobacken allerdings freilässt. Ich beginne mich fremdzuschämen. Der sieht so ganz anders aus als ein Prinz, der sein Dornrösschen retten möchte.

„Bitte sehr, der Tee.“ Vorsichtig stellt er die dampfende Tasse auf der dunklen Tischplatte vor Lady Luna ab. Seine Hände zittern und einige Funken seiner Erregung springen auf mich über, als ich ­ zwischen Neugier und Furcht hin- und hergerissen ­ Lady Luna mustere. Ihr Mund bildet eine strenge Linie.

„Was war das? Ich glaube ich höre nicht recht?“, weist sie ihn scharf zurecht. Sie durchbohrt ihn mit frostigen Blicken, die auf einer karibischen Sonneninsel Palmen einfrieren könnten. Er beugt sein Haupt noch etwas tiefer, das Kerzenlicht wirft sein demütiges Abbild an die Wand gegenüber. Mit jetzt noch stärker zitternden Fingern hebt er ungelenk die Tasse vom Tisch, nur um sie gleich darauf noch einmal mit leisem Klirren abzustellen „Ich bitte vielmals um Vergebung. Hier ist der Tee – Herrin!“

Lady Luna ist, wie es scheint, damit nicht zufrieden.

„Das kann ich dir nicht durchgehen lassen!“ Vielsagend blickt sie auf die Wand mit den Peitschen. Nun, sie sehen wenigstens nicht so rostig aus wie die Klemmen und Riegel.

„Bring mir die Dornenrute!“ Er stolpert fast vor Eifer, ihrem Auftrag nachzukommen. In meine diffuse Aufregung mischen sich Widerwillen und Unverständnis. Ich wohne diesem absonderlichen Schauspiel mit dem vagen Gefühl bei, mein Leben jetzt endgültig auf den Kopf zu stellen. Wird die naive, trutschige Karo nun unter tropfendem Kerzenwachs und dunklem Mauerwerk vergraben?

„Du hast Glück!“, höre ich. „Heute wird dich Lady Karlotta, bestrafen.“ Sie deutet in meine Richtung. Ungläubig wende ich den Kopf suchend nach links und rechts. Lady Karlotta? Ich? Sein Blick, voll bereitwilliger Unterwerfung fliegt mir zu, während unsere Dozentin aufmunternd nickt. Peinlich berührt schaue ich zu meinen Kolleginnen, lediglich in den Augen der Aufgedonnerten sehe ich abenteuerlustiges Funkeln, die anderen wirken ähnlich entgeistert wie ich. Das hatte ich mir anders vorgestellt, mehr Theorie und ein paar psychologische Tricks und Kniffe. Ich verfluche meine dämliche Idee, an diesem Seminar    teilzunehmen, während der arme Werner ergeben wartet. Doch so einfach ist das nicht. Ist ja was Anderes als Fliegen abklatschen. Ich mustere das lederne Dings in meiner Hand. Soll ich einfach ins kalte Wasser springen? Ja, vielleicht brauche ich mir tatsächlich nur fest vorstellen, dies sei eine Fliegenklatsche und da säße gerade eine Fliege auf seinem mageren, bleichen, nackten Hintern? Und überhaupt, wenn er es doch so gerne will? Aber ist die Frage nicht viel mehr, ob ich es will?

Unwillkürlich schließe ich die Augen, erinnere mich an meinen Besuch bei Vera vor gar nicht so langer Zeit an jenem Samstag. Sie sagte „Es geht immer nur darum, was du willst, um deine Grenzen!“

„Ich kann das nicht!“, gebe ich zu. Lady Luna verzieht verächtlich die Mundwinkel. „Hach, wie niedlich! Na dann Freiwillige vor!“ Die fette Latexwurst, und das sage ich als üppiges Mädchen, springt auf und reißt mir geradezu die Peitsche aus der Hand. Das folgende Spektakel dauert für meinen Geschmack viel zu lang. Immerhin, Werner scheint zufrieden, Sein Hintern leuchtet wie ein Pavianpopo. Eine Kollegin ist weinend hinausgegangen. Lady Luna nickt der Latex-Wuchtbrumme zufrieden zu: „Du hast eine große Karriere vor dir.“ Mich würdigt sie an diesem Abend keines Blickes mehr. Dankenswerterweise verzichtet sie auf weitere Live-Demonstrationen, zeigt uns stattdessen Bilder von Domina-Outfits und gibt Schminktipps fürs Schlafzimmer. Mir wird klar, dass es wie in allen Berufsgruppen enorme Qualitätsunterschiede gibt. Vielleicht sollte ich doch lieber hören, was Vera sonst noch zu sagen hat, selbst wenn sie nicht daran glaubt, dass Gregor zu ewiger Liebe taugen würde. Vor dem Einschlafen denke ich mir noch, dass Lady Luna ein fantastischer Domina-Name ist.

„Du bist so anders, ist dir eine Laus über die Leber gelaufen?“, will Gregor wissen.

„Nein“, antworte ich, als wäre damit alles gesagt. Er wirkt ratlos. Ich genieße seine Hilflosigkeit. Warum es funktioniert, weiß ich nicht genau, aber je schlechter gelaunt ich bin, je mehr ich ihn ignoriere, desto netter wird er zu mir. Das Dumme an der Sache ist natürlich, dass ich innerlich frohlocke und sehnsüchtig auf den Moment warte, an dem ich meine Tarnung aufgeben kann und ihm zu Füßen sinke. Morgen ist Samstag, ich werde Vera besuchen und hoffe, sie kann mir im Gegensatz zu dem Domina-„Workshop“ etwas Inspiration geben. Ich sehe sie nicht als Domina, die Männer aufsuchen, um sich den Hintern versohlen zu lassen. Ich bin davon überzeugt, Männer gehen zu ihr, weil Vera eben Vera ist. Ich hoffe nur, sie bringt nicht wieder düstere Prognosen über Gregors schwindendes Interesse, sobald er Dornröschens kleine Schwester erobert hätte.

„Willkommen in meiner Welt“, schickt Vera voraus und lässt mich eintreten. Wir hatten uns Punkt 14 Uhr bei ihr getroffen und sind dann gemeinsam mit ihrem schicken, schwarzen Sportwagen die wenigen Meter ins Gewerbegebiet gefahren. Dort in einem Hinterhof, von der Hauptstraße nicht einsehbar, liegt ihr Etablissement, schlicht Studio V genannt.

Helle Sichtschutzlamellen in den Fenstern schützen vor neugierigen Blicken. Ein heller, neutral eingerichteter Vorraum könnte auch zu einer Arztpraxis oder einem Beautysalon gehören. Vera trägt einen Kleidersack über dem Arm. „Zuerst dusche ich und ziehe mich um, das ist mein Ritual und symbolisiert den Übergang von einer Welt zur anderen“, erläutert sie mir. Ich laufe ihr ohne Fragen zu stellen einfach hinterher. Als wir uns wiedersahen, freute ich mich ehrlich. Irgendwie war es, als würden wir uns schon viel länger kennen. Wer weiß, vielleicht sind wir uns wirklich ähnlicher, als ich zunächst dachte. Wenn auch leider nicht optisch. Wir gehen den goldfarben gestrichenen Gang entlang, bis wir an einer roten Tür stehen bleiben.

„Dies ist mein Boudoir“, stellt sie mir das Etablissement mit ausholender Bewegung vor: Ein großer, opulent eingerichteter Raum mit frei stehender Badewanne und goldglänzenden Armaturen, einem zimmerhohen Spiegel, in dem man sich von Kopf bis Fuß bewundern kann, sofern es was zu bewundern gibt, und einem fantastischen Schminktisch im Barockstil. Darauf etliche Tiegel und Töpfchen. Eine Schatulle mit glitzerndem Schmuck. Sie lächelt und beginnt sich auszuziehen, ohne dass ihr meine Anwesenheit peinlich wäre. Unsicher hänge ich inzwischen ihren Kleidersack an die Garderobe, nehme dann auf einem roten Samtsessel Platz, der mit goldenen Armlehnen und Füßen an einen Königsthron erinnert. Im Spiegel sehe ich, wie sie in die Wanne steigt. Sie hat in ihrem Alter einen besseren Körper als ich ihn jemals hatte. Sie dreht mir ihren Rücken zu, schüttet eine Flüssigkeit in die Wanne und betörender Rosenduft vermischt sich mit süßer Vanille. „Das riecht gut“, sage ich.

„Ich gebe dir eine Probe davon mit“, verspricht sie. Vorfreude lodert in mir auf. Bestimmt würde es Gregor gefallen. Sofort erscheint eine leidenschaftliche Liebesszene vor meinen Augen.

„Reichst du mir bitte das Handtuch?“ Mit roten Wangen stehe ich auf. Als ich es ihr gebe, sehe ich eine Tätowierung auf ihrer linken Schulter. „Schönes Tattoo!“, kommentiere ich ihren Körperschmuck und meine das ehrlich, selbst wenn ich eigentlich kein Freund davon bin. Ihr Tattoo zeigt, wie sollte es anders sein, eine Rose, sehr künstlerisch.

„Ich habe es mir stechen lassen, als ich mich scheiden ließ, ein Sinnbild für das Recht, mein Leben und meinen Schmerz selbst zu bestimmen.“

Nachdenklich setze ich mich wieder, während sie sich abtrocknet und weiter erzählt. „Irgendwann wurde es zu einer Art Geheim-Code!“

„Für was?“ Das klingt in meinen Ohren wie den Seiten eines  Mystery-Romans entsprungen. „Eines Tages tauchte einer meiner Stammklienten mit genau dieser Tätowierung auf. Er hatte sie sich ganz unten am Rücken tätowieren lassen.“ Sie berührt einen Punkt am Ende ihres Wirbelsäule.“ Ich beschließe, mich am Montag beim Bauch-Beine-Po-Training anzumelden. Versonnen reibt sie ihren Körper mit einer Lotion ein. „Erst war ich wütend, immerhin war es mein Tattoo. Je länger ich darüber nachdachte, desto grandioser fand ich es. Er würde sein Leben lang mit mir verbunden sein. Ich habe mir also eine Tätowier-Ausrüstung besorgt und mir von einem Freund zeigen lassen, wie es funktioniert. Nur wenige, aber meine treuesten Stammklienten, bekommen dieses Tattoo. Ein Zeichen ihrer Hingabe an mich, an den Schmerz, den ich ihnen bereite. Dornröschens kleine Armee.“

Wieder bekomme ich eine Gänsehaut. Diese Welt, Veras Welt ist so anders als meine oder Lady Lunas. So tief und geheimnisvoll.

Inzwischen hat Vera sich fertig angezogen. In einem bodenlangen schwarzen Seidenkleid, das ihren Körper fantastisch zur Geltung bringt, sitzt sie am Schminktisch und umrandet ihre Augen mit schwarzem Kajal. Ihre Lippen glänzen lackrot. Das ist also ihr Arbeitsgesicht? Obwohl sie stark geschminkt ist, sieht sie trotzdem nicht billig aus. Eher eindrucksvoll, als wäre sie eine wunderschönen dunkle Fee, die anderen hilft, mit ihren Seelenschmerzen umzugehen. Da kann Lady Luna einpacken!

„Ich könnte das nicht“, bekenne ich, weil mir Werners blasser Po wieder einfällt.

„Was könntest du nicht?“, will sie wissen und legt sich eine silberne Kette um den Hals. Verlegen berichte ich von meinem Domina-Seminar. Sie legt den Kopf in den Nacken und lacht herzlich. „Karo, du bist ein Original! So schüchtern und trotzdem so experimentierfreudig. Ich führte damals wochenlange Gespräche mit meiner Mentorin, bevor ich bereit war, ihr Studio anzuschauen oder auch nur zu verstehen, wovon sie spricht. Und du gehst los und besuchst ein Domina-Seminar. Jetzt sitzt du hier bei mir. Ich bin begeistert!“

„Ich fand es grauenvoll!“, stelle ich klar. “Es liegt mir einfach nicht, anderen Schmerzen zu bereiten!“, wiederhole ich mit Nachdruck. Sie soll mich ernst nehmen.

„Ich habe dir etwas mitgebracht“, wechselt sie das Thema. Ängstlich erwarte ich das Schlimmste. Eine Peitsche oder ein netter Schlagring? Stattdessen nimmt sie ein Kleid von ihrer Garderobe. „Zieh das mal an.“

Zögernd versuche ich herauszufinden, wie ich das anstelle.

„Es ist ein Wickelkleid, das macht eine schöne Figur.“ Ich überwinde meine Scham, ziehe mich aus und lasse mir von ihr helfen. Fürsorglich schnürt sie den Gürtel, lässt die Enden seitlich hängen. Der lockere Schnitt umschmeichelt tatsächlich meine weibliche Figur. Der Ausschnitt betont mein Dekolleté. Ich komme mir sinnlich vor. Blühend. Wahrscheinlich vernebelt der Rosenduft meine Sinne.

„Sehr schön!“, urteilt Vera und führt mich nun zum Schminktisch. Ich lasse sie gewähren, schließe meine Augen, während sie mit Fingerspitzen, Pinselstrichen und dem Hauch einer Berührung hier und da an mir streicht und zupft. „Mach deine Augen erst wieder auf, wenn ich es sage“, ordnet sie an und ich spüre Vorfreude in mir aufkeimen. Sie kämmt meine Haare und zwirbelt sie zusammen. Vielleicht will sie mir eine Hochsteckfrisur machen? Fühlt sich nach Haarklammern an. Ein bisschen Angst vor dem, was mich erwartet, flammt auf, dann werde ich erlöst. „So, jetzt darfst du schauen!“

Mir ist, als würde ich gleichzeitig eine kalte Dusche bekommen und in der Sauna sitzen. Karo, das Mauerblümchen, ist verschwunden. Da steht eine verführerische junge Frau, mit rotem glattem Pagenschnitt, der die Rundungen ihrer mit Goldschimmer betonten Wangen umspielt. Der Blick meiner großen grünen Augen, von Gold- und Bordeauxtönen umrandet, wirkt ausdrucksvoll und dennoch geheimnisumflort. Die Lippen schimmern nur leicht golden, aber Vera hat mit einem Stift die Konturen nachgezogen, sie wirken voll und sinnlich.

„Unglaublich, das kann nicht ich sein“, platze ich heraus.

Veras Hand streicht langsam über meinen Rücken. „Es kann sein. Du kannst vieles sein. Du kannst ausprobieren, wer du sein möchtest, was du sein möchtest. Lass dir von niemandem einreden, er wüsste, wer du bist.“ Ich zucke zusammen, verdränge den ersten Gedanken, der mich gerade durchzuckt hat: Wenn Gregor mich so sehen würde.

„Das reicht für heute“, beschließt Vera. „Erzähl mir nächste Woche, wie es dir ergangen ist. Wieder 14 Uhr!“

„Ich werde kommen“, verspreche ich, und als es klingelt, drückt Vera mir zwanzig Euro in die Hand „Der Taxifahrer bringt dich, wohin du möchtest.“

„Hallo Karo? Neue Frisur? Sieht klasse aus.“ Ich halte seinen Blick, bis er ihn als Erster senkt. Dabei wirkt er wie ein kleiner Junge.

„Danke!“, antworte ich und gehe dann den Gang entlang zu meinem Büro. Extra langsam, nicht mal nur wegen ihm, weil ich spüre, wie seine Blicke mir folgen, sondern weil ich mich so wohl fühle. Letzte Woche habe ich mir zwei weitere Wickelkleider gekauft. Bürotauglich setzen sie trotzdem meine Figur in Szene. Außerdem war ich beim Friseur und habe mir einen Pagenschnitt machen und meine blonden Haare in einem dezenten Erdbeerton färben lassen. Ich schminke mich, dezent zwar, aber es macht einen riesigen Unterschied.

Meine Mutter reagierte misstrauisch bis fassungslos auf meine Verwandlung.

„Schminke verstopft die Poren“, prognostizierte sie düster und tischte Knödel mit Schweinebraten und Sahnepudding auf. Ich weigerte mich, auch nur einen Bissen zu nehmen. „Du bist krank!“, jammerte sie. Ich genoss meine späte Pubertät und erwiderte: „Ich hasse Knödel und jetzt muss ich gehen, weil ich eine Verabredung habe.“

„Mit einem Mann?“, fragte meine Mutter ungläubig, fasste sich mit der Hand an die Kehle, als hätte ich verkündet dem Teufel meine Seele zu verkaufen.

„Nein, ich treffe mich mit einer Frau“, antwortete ich mit boshaftem Vergnügen.

Während ich weiter aufblühte und versuchte, Gregor in meinen Bann zu ziehen, traf ich Vera weiterhin jeden Samstag. Sie blieb für mich eine rätselhaft faszinierende Frau, aber ich vertraute ihr. Wir unterhielten uns nur noch wenig über ihren Beruf, sondern unternahmen ganz normale Dinge wie Shoppen, Kino oder uns in Galerien sündhaft teure Bilder anschauen. Sie wurde ein echtes Vorbild für mich. Manchmal dachte ich, sie hat vielleicht doch noch nicht komplett die Hoffnung auf Liebe aufgegeben und wird eines Tages einen Prinzen finden, der einfach nicht auf Dornen steht.

„Ich dachte schon, du lässt mich ewig zappeln!“ Mühsam reiße ich mich zusammen. Mir liegen so viele Sachen am Herzen, die ich ihm gerne verraten, anvertrauen möchte. Ich hatte meine Strategie durchgezogen, von der ich zunächst nie vermutet hätte, dass sie funktioniert. Dann wurde es offensichtlich. Er baggerte mich an. Je unfreundlicher ich wurde, desto mehr wollte Gregor mich.

Endlich gab ich nach, nahm seine Einladung an. Ich war es leid. So oder so, ich konnte nicht ewig die Prinzessin auf der Erbse spielen, wollte weder Dornröschens Schwester sein noch Meerjungfrau. Ich wollte Karo sein, lieben dürfen und geliebt werden. Er vergräbt sein Gesicht an meinem Hals, ich spüre seinen Kuss und seine Hände an meinem Körper hinabgleiten. Meine Sinne spielen verrückt. Mit allergrößter Mühe kann ich mich davon abhalten es endlich zu sagen: Ich liebe dich.

„Ich bin verrückt nach dir!“, sagt er stattdessen, was nicht das Gleiche ist, aber von mir als positiv bewertet wird. Wir taumeln in Richtung Bett. Direkt davor steht ein großer Spiegel, irgendwie peinlich. Was würde der Spiegel von meinen Schenkeln, halten? Gregors Hände holen mich ins Hier und Jetzt. Er löst sich ein wenig von mir, steht vor mir und zieht sich langsam aus. Dabei fixiert er meinen Blick. „Sag mir, was du willst!“, fordert er. Verdammt, was soll ich sagen? „Mach weiter!“ Meine Stimme klingt zittrig und Vera fällt mir ein. Sie würde das anders sagen, bestimmender. Ich bin nicht Vera. Er zieht seine Unterhose herunter. Rosamunde würde es so ausdrücken: Ich brannte vor Leidenschaft und verging vor Sehnsucht nach ihm, als mein Blick in den Spiegel fällt. Es ist nicht viel, nur ein Fleck auf seinem Steißbein, eine Tätowierung. Ich blinzele, die Rose bleibt. Veras Geheim-Code?

„Sag mir, was ich tun soll!“, bittet, bettelt er erneut. Ich atme ein und aus, stehe langsam auf. Wie in Zeitlupe ziehe ich meine Unterwäsche an und streife mir mein Kleid über. Er will wissen, was plötzlich in mich gefahren sei. Für einen Augenblick befürchte ich, er fängt gleich an zu heulen. „Ich tue alles was du verlangst, sag mir was du willst!“

Ich muss Vera Recht geben. Manche Männer sind nicht für die Liebe gemacht.

Als ich gehe, bin ich ein bisschen traurig, aber ich fühle mich auch stark. Meine Verweigerung ist seine Bestrafung und Erfüllung. Ich werde meine bestimmt auch noch finden.

Irgendwann.

Risotto à la Rose mit Rote Bete und Rosenhuhn

Zutaten für 2 bis 3 Personen

 

Für das Risotto

2 Schalotten

1 Knoblauchzehe

2 Rote Beten (gerne vorgekocht)

1 EL Olivenöl

300 g Risotto-Reis

1 Schnapsglas Sambuca (oder Weißwein)

1 Liter Gemüse oder Hühnerbrühe

Salz und Pfeffer

1 EL Butter

 

Für das Rosenhuhn

500 g Hühnchengeschnetzeltes

1 EL Olivenöl

2 EL Rosensirup

Salz und Pfeffer

1 Prise Zimtpulver

1 Prise Chilli-Pulver

1 Messerspitze gemahlener Kardmom

1 Messerspitze gemahlener Kumin

 

Zubereitung

Für das Risotto Schalotten und Knoblauch in feine, Rote Bete in etwas größere Stücke schneiden. Am besten Plastikhandschuhe tragen, Rote Beete färbt!

Zwiebeln und Knoblauch in Olivenöl glasig andünsten. Reis (ungewaschen, damit er mehr Stärke beim Kochen abgibt) hinzugeben und mit einem guten Schuss Sambuca anschwitzen.

Rote-Beete-Würfel unterrühren. Tassenweise Gemüsebrühe zugeben. Dazwischen immer rühren, bis alle Flüssigkeit aufgesogen ist. Nach ca. 20 Minuten probieren. Der Reis sollte nicht matschig sein sondern noch etwas Biss haben. Aber das ist natürlich Geschmackssache. Je mehr Brühe aufgesogen wird, desto cremiger wird das Risotto. Mit Salz und Pfeffer abschmecken.

In der Zwischenzeit das Hühnchenfleisch in einer Pfanne in Olivenöl und mit dem Rosensirup scharf anbraten. Mit Pfeffer und Salz sowie den restlichen Gewürzen abschmecken.

Hühnchen fertig garen, anschließend unter das Risotto heben und mit Butter verfeinern ‑ bon appétit!

Apfelrosen

Nadin Hardwiger

Es gibt eine stillschweigende Vereinbarung zwischen mir und meinem Mann. Obwohl, das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Wir haben diverse stillschweigende Vereinbarungen, auch wenn ich vermute, dass er das nicht immer so weiß. Aber die eine, die ich meine, betrifft unseren Hochzeitstag. Unseren herrlichen, jährlich wiederkehrenden Hochzeitstag. Für mich ist dieser Tag ein Geschenk wie Weihnachten, Ostern, Geburtstag und der Beginn des Sommerurlaubs, in buntes Papier gewickelt und zusammengebunden mit einer Schleife.

Seit Oliver und ich vor zehn Jahren geheiratet haben, überraschen wir uns alljährlich frühmorgens gegenseitig zu unserem Hochzeitstag. Und dieses Jahr gedenke ich, ihm eine ganz besondere Überraschung zu bereiten. Seit Wochen male ich mir diesen Tag jetzt schon in Neonfarben aus.

Oliver schläft noch, also schleiche ich mich in unsere Küche, um Frühstück zu machen. In Erwartung meines Blumenstraußes strahle ich unsere große Altbauküche an. Sie strahlt auch makellos zurück, nur leider völlig blumenlos. Bis auf die Töpfchen mit Petersilie, Schnittlauch und Basilikum auf der Fensterbank. Die stehen allerdings auch dort, wenn wir nicht gerade Hochzeitstag haben, also quasi immer.

Oookay. Oliver kam gestern Abend spät nach Hause. Allerdings habe ich ihm demonstrativ die Chance gegeben, in der Küche meine kleine Überraschung vorzubereiten. Das weiß er doch! Vielleicht aber hat er heute ebenfalls etwas ganz Besonderes vor, schließlich ist es unser zehnter Hochzeitstag – unsere Rosenhochzeit. Meine Überraschung ist immerhin auch nicht ohne.

Ich freue mich so!

Gut, dann halt das Frühstück zuerst. Mein Mann ist kein Kontinentalfrühstücker und so kredenze ich wenigstens sämtliche Müslis, die ich für ihn finden kann. Getrocknete Aprikosen, Pflaumen und Datteln verteile ich augengefällig auf einer Cupcake-Platte und dazu schütte ich Cashewnüsse, Walnüsse und Mandeln in kleine Schälchen. Nun noch frisch gepresster Orangensaft und saftige Ananasstückchen – und fertig. Zufrieden mit mir und meinem Werk streiche ich mein kirschrotes Seidenkleid glatt. Irgendwo da draußen hat eine gute Fee dieses Kleiderwunder extra für mich designt. Meine Hand ruht für einen Moment auf meinem Bäuchlein. Als Törtchen-Bäckerin liegt mir das Naschen nicht fern, doch dieses Kleid kaschiert so manches Extra.

Ein Blick auf die Küchenuhr lässt mich eine Schnute ziehen. Es ist schon kurz nach sieben, so langsam könnte Oliver echt mal aufstehen. Selbstverständlich haben wir beide heute frei, dieser Tag ist bei uns auf Jahre im Voraus rot in unseren Kalendern eingekreist.

Endlich höre ich die Schlafzimmertür aufgehen und Oliver über die knarzenden Dielen ins Bad laufen. Mein Herzschlag verdoppelt sich, während es in meinem Magen kribbelt wie Brausepulver. Um mich abzulenken setze ich Wasser auf und bereite zwei Tassen mit frischem Darjeelingtee vor. Dabei kontrolliere ich in dem polierten Wasserkocher den Sitz meiner Haare. Heute trage ich sie offen, was eine echte Ausnahme ist. In meinem Café, dem Sahneklecks, in dem ich die meiste Zeit des Tages verbringe, wären offene Haare keine gute Idee – weder beim Hantieren mit der spacigen Espressomaschine noch beim Bedienen meiner Gäste und schon gar nicht beim Backen meiner Törtchen. Und da ich vom Backen im Sahneklecks nicht genug bekomme, backe ich zu Hause weiter, natürlich mit hochgesteckten Haaren. Obwohl man das, was ich zu Hause anstelle, eher als Experimentieren denn als Backen bezeichnen würde. Da landet schon mal eine Tonkabohne im guten alten Gugelhupf, zusammen mit einem Hauch Chilischokolade im Schokoguss mundet das allerdings hervorragend.

Und ein Gugelhupf gehört mit zur Überraschung für Oliver heute Nachmittag, wenn ich ihn im Sahneklecks mit ein paar meiner Leckereien kulinarisch verführen werde. Zumindest ein Gugelhüpfchen.

„Guten Morgen, mein Schatz.“ Mit großen Schritten läuft Oliver durch die Küche auf mich zu. Sein Olivergeruch und er umarmen mich und ich schmiege mich mit jedem Zentimeter meines Körpers an ihn. Seine warmen Lippen berühren meine. Genau so habe ich es mir vorgestellt, ich glaube sogar, meine Füße in den feinen Seidenstrümpfen schweben über dem Boden.

„Du strahlst ja in allen Regenbogenfarben.“

„Das gehört sich doch auch an diesem wunderschönen Sommertag“, necke ich ihn.

Fest drücke ich mich an ihn, nur leider lässt er mich viel zu schnell los und schnappt sich stattdessen vom Frühstückstisch eine Handvoll Nüsse.

„Ich muss los“, mümmelt er und küsst mich erneut. Dieser Kuss landet irgendwo zwischen meiner Schläfe und meinem mokkabraunen Haaransatz.

Moment! Wäre ich jetzt in einem Film, würde ich so ein Geräusch hören, welches entsteht, wenn die Abspielnadel über eine Schallplatte schrammt.

„Wie? Du musst los?“

„Na zur Arbeit. Donnerstags haben wir doch immer gleich früh unsere Investmentrunde.“

„Aber das Frühstück, ich dachte …“ Mein Magen schrumpelt auf Dattelgröße. Hilflos breite ich meine Arme aus, als wolle ich den Frühstückstisch umarmen.

„Frühstücke ruhig zu Ende. Im Sahneklecks läuft es doch bestens. Da kannst du dir auch mal einen späteren Start leisten.“

Oliver geht hinaus in den Flur und überprüft, wie jeden Morgen bevor er zur Arbeit geht, den Inhalt seiner Aktentasche. Und da dringt es in mein Bewusstsein. Er trägt seinen anthrazitfarbenen Donnerstagsanzug mit der dunkelblauen Krawatte.

„Kommst du …“ Da meine Stimme tonlos ist, räuspere ich mich und beginne den Satz erneut. „Kommst du nach dem Meeting nach Hause?“

Für eine Sekunde hält Oliver inne und wenn ich ihn nicht so genau beobachten würde, wäre mir die winzige Pause vermutlich entgangen. Schwungvoll dreht er sich zu mir um und küsst mich auf die Wange.

„Du und deine kleinen Scherze. Wir sehen uns heute Abend zum Essen. Wenn du magst, bringe ich etwas von Luigi mit. Ich wünsch dir einen schönen Tag.“

Oliver öffnet die Wohnungstür, winkt mir noch einmal zu und rumms, fällt diese wieder ins Schloss.

„Alles Liebe zum zehnten Hochzeitstag“, flüstere ich ihr entgegen.

„Ich bin aber sicher, dass er mich betrügt!“ Mit Verve zuppele ich ein neues Taschentuch aus der Box vor mir. Gleich zehn Tücher rutschen mit heraus. Geduldig stopft meine Freundin Jasmin sie wieder zurück und lässt sich nach hinten in ihre buntgekleckste Sofalandschaft sinken.

„Er betrügt dich nicht.“

„Meinst du, wenn du mir das weiter so vorbetest, wird es wahrer?“

„Hallo Logik? Und glaubst du, wenn du weiter jammerst, dass er dich betrügt, wird das zur Wahrheit? Er betrügt dich nicht.“

Ich rolle mit den Augen und verschränke die Arme vor der Brust. Das ist nicht gerade der Trost, den ich von meiner Freundin erwarte. Wir beide kennen uns seit ungefähr hundert Jahren und sie sollte somit wissen, dass ich Recht habe.

„Du kannst gerne vor dich hin schmollen, aber ich bleibe dabei: Oliver betrügt dich nicht. Und weißt du auch warum?“

Ich spüre, wie sie mich von der Seite her ansieht. Aber zu mehr, als meine Augenbrauen in die Höhe zu ziehen, bin ich nicht bereit.

„Er liebt dich, Dummerchen. Und du liebst ihn.“

Als wäre dies das quietschgelb markierte Stichwort in einem Theaterskript, schluchze ich auf und die Tränen, die ich gerade anhalten konnte, rollen wieder im Akkord über meine Wangen.

„Dann sag mir doch“, ich hickse kräftig, „sag mir doch, warum er heute einfach gegangen ist? Heute! An unserem Hochzeitstag! Das haben wir noch nie gemacht!“ Hicks.

„Ihr bisher nicht, nein. Aber er heute schon. Und ich verspreche dir, dafür gibt es einen guten Grund.“

Hicks. „Und welchen? Und wenn wir schon dabei sind, welche Gründe gibt es für seine vielen Meetings, die er seit ein paar Wochen abends hat? Und für sein plötzliches Interesse am Tischtennis jeden Samstag, seit seinem vierzigsten Geburtstag letzten Monat?“ Hicks. „Außerdem stellt er mir seit kurzem ganz viele komische Fragen in der Küche. Was ich denn lieber mag, Muscovadozucker oder Kokosblütenzucker und ob ich lieber Blaubeeren esse oder Johannisbeeren. Gerade er, der nicht einmal weiß, wie man eine Tütensuppe aufschneidet, geschweige denn Wasser dafür zum Kochen bringt!“ Hicks.

Jasmin rutscht auf dem Sofa noch näher an mich heran, legt einen Arm um mich und schmiegt ihre Stirn an meine Wange. „Er. Betrügt. Dich. Nicht.“

„Siehst du, du weißt es auch nicht.“ Jasmin zuckt vor mir zurück, und ich erschrecke mich selbst ein wenig anlässlich meiner schrillen Stimme.

„Soll ich vielleicht einen Tee kochen?“ Thujan, Jasmins Mann, steckt seinen kupferroten Blondschopf durch den Türspalt ins Wohnzimmer. „Wir haben noch Massen an Baldrian und Melisse da.“

„Nein, ich hab jetzt keine Zeit, ich chille gleich“, ertönt eine ruppige Stimme aus Thujans Hintergrund.

„Keine Sorge, ich habe dich nicht gerufen! Ich rede vom Melissentee“, antwortet er in den leeren Flur hinter sich, in Richtung von Melissa, Jasmins und Thujans Teenagertochter.

Jasmin seufzt tief und legt sich die Hände auf ihren kugelrunden Bauch. „Du mein Kleiner, wirst ein ganz pflegeleichter Teenager, okay? Dafür wird dir deine Mami auch bald die leckerste Sahnemilch spendieren.“

Trotz meines Frustes über Oliver muss ich lächeln. Seitdem die süße kleine Melissa die Grenzen des Kindseins mit ihren langen Storchenbeinen überschritten hat, kann ich mir Kinokarten für Familienkomödien sparen. Hier gibt es alles live und in Farbe. Und das meine ich wörtlich, denn nicht nur Thujans Haupthaar glänzt kupferrot, sondern auch Jasmins. Und das wiederum muss Melissa ausbaden, wie sie meint. Denn sie als Rotschopf in die Welt gesetzt zu haben, verübelt sie ihren Eltern täglich in kleinen oder größeren Dosen.

Scheppern und das Geräusch von zu Bruch gehendem Geschirr lässt mich aufspringen. Jasmin hingegen schließt nur ergeben die Augen, während Thujan sich mit der flachen Hand an die Stirn klatscht. Flüche, wie ich sie nie einem solch zarten Wesen wie meinem Patenkind zutrauen würde, begleiten das Spektakel.

„Ich gehe mal nach ihr sehen“, biete ich Jasmin an.

„Wenn du dich traust.“

Ich putze mir die Nase und gehe dann an Thujan vorbei in die Küche. Beim Betreten von dem, was ich bisher für die Küche hielt, richten sich sämtliche Härchen an meinem Körper auf, selbst die, die ich gestern extra für den großen Hochzeitstag hinwegepiliert habe. Dieser Küchenanblick bereitet mir Augenschmerzen. Überall, wirklich überall auf den Ablageflächen – und hier gibt es viele Ablageflächen – liegt Zeug herum: verschüttetes Mehl, verschiedenfarbiger Zucker, verkleckste Eier, aneinanderklebende Schneebesen in unterschiedlichen Größen, Schüsseln mit und ohne Inhalt und rosa Zuckerherzen, zu hunderten, ach was, zu tausenden.

Doch in der Mitte des Ganzen, auf dem rustikalen Eichenholztisch, thront eine zweistöckige schneeweiße Herztorte, die aussieht, als wäre sie nur aus zwei Hauptzutaten gebacken: Leidenschaft und Liebe. Und daneben steht Melissa, beschmiert wie eine Dreijährige, die beim Kekse backen geholfen hat, doch so stolz wie nur eine Sechzehnjährige es sein kann.

„Und?“ Sie funkelt mich mit ihren meergrünen Augen an. „Du brauchst nichts zu sagen, ich weiß, dass sie gut ist.“ Was überheblich hätte wirken können, ist es nicht, denn sie hat Recht und sie stellt es lediglich fest.

Überschwänglich schlingt sie die Arme um mich. „Das habe ich von dir gelernt. Ich habe alles gemacht, wie du es mir beigebracht hast. Vor allem den Teig habe ich mit Luft und Liebe gerührt, mehrfach. Und für die Ganache habe ich meine Lieblingsschokolade geschmolzen, du weißt schon, die weiße mit Vanillemark aus dem kleinen Schoko-Laden am Rosenplatz.“

„Wusste ich es doch, dass du mir zuhörst, wenn ich dir etwas erkläre.“

„Was ist mir dir?“

Verwirrt sehe ich Melissa an. „Nichts, was sollte sein?“ Für einen Moment weiß ich nicht, was sie mir sagen will.

„Du siehst so traurig aus.“

Mir wird heiß bei ihren Worten und ich schüttele den Kopf. „Nop, alles gut.“

„Ja klar, und ich habe gerade einen Rosenkohlauflauf gebacken! Stress mit Oliver?“

Ich räuspere mich und nehme den Rührlöffel vor mir in die Hand, um an der pinken Klebemasse herumzukratzen.

„Florentina, ich bin sechzehn und ich habe einen Freund. Ich weiß, wo es langgeht mit den Jungs.“

Was ist jetzt die angemessene Erwiderung? Bestürzt schauen oder lachen? „Ich glaube, Oliver betrügt mich“, entfährt es mir.

„Never! Er betrügt dich nicht.“

Nun muss ich doch lachen. „Du hörst dich an wie deine Mutter.“

„Na bitte, schließlich habe ich doch hoffentlich mehr von ihr geerbt als diese unsäglichen Pumucklhaare!“

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    Gabi Strobel (Autor)

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Titel: Rosenliebe und gefährliches Risotto