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Ein Mitbewohner zum Verlieben

Was sich liebt, das neckt sich (Chicklit, Liebesroman)

von Fiona Winter (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Ueber dieses E-Book

Es ist der schlimmste Tag in Majas Leben: Erst trennt sich zwischen Frühstückskaffee und Aufbackbrötchen aus heiterem Himmel ihr Freund von ihr, dann trifft sie auch noch ihren Schulschwarm Felix wieder. Und zwar in der WG ihres besten Freundes, wo er das Zimmer besetzt, das eigentlich Maja haben wollte.

Zu allem Überfluss besitzt Felix zwar noch das gute Aussehen von damals, nicht aber den Charme – er lässt keinen Zweifel daran, dass er Maja nicht in der WG haben will. Doch sie gibt sich nicht so schnell geschlagen und quartiert sich kurzerhand in Felix’ Zimmer ein …

Impressum

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Neuausgabe August 2016

© Erstausgabe 2013, Fiona Winter

© Neuausgabe 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

ISBN: 978-3-96087-050-0

Taschenbuch-ISBN: 978-396087-502-4

Covergestaltung: Dipl.-Des. Birgit Stolze
unter Verwendung eines Motivs von
© Sasajo/fotolia.de

Lektorat: Daniela Pusch

Ein Mitbewohner zum Verlieben ist eine völlig neu überarbeitete Neuausgabe des bereits 2013 erschienen Titels Liebster Mitbewohner.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Ein
Mitbewohner
zum Verlieben


Was sich liebt, das neckt sich


Fiona Winter

Kapitel 1

„Wir kennen uns seit der Schulzeit! Seit der Grundschule! Wie lange sind wir jetzt schon befreundet …?“ Ich tat, als müsste ich überlegen.

Daniel biss sich auf die Unterlippe.

„Seit beinahe zwanzig Jahren!“

„In der Grundschule waren wir noch gar nicht befreundet!“, rief mein angeblich bester Freund aus. „Maja, es tut mir wirklich, wirklich leid. Aber ich kann dich nicht hier wohnen lassen.“

Die Endgültigkeit in seiner Stimme trieb mir zum wiederholten Male an diesem Tag Tränen in die Augen.

„Oh nein, bitte nicht heulen!“

Ich zog die Nase hoch und kämpfte die Tränen zurück. „Wenn, dann heule ich nicht wegen dir! Obwohl du genau das verdient hättest! Heute ist der schlimmste Tag meines Lebens und ich verlange nicht mal von dir, dass du dich mit mir betrinkst oder von Club zu Club ziehst. Nicht mal verbalen Trost. Nur das blöde zweite Zimmer deiner WG, das sowieso seit zwei Wochen leer steht!“

„Jetzt nicht mehr.“

Vor Schreck vergaß ich zu atmen.

„Das Zimmer ist weg“, fuhr Daniel fort.

„Weg?“, echote ich.

„Ich habe seit zwei Tagen einen neuen Mitbewohner.“

Mit einem Mal wich jegliche Kraft aus meinem Körper. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Flurwand. Mein Blick blieb an der großen Reisetasche hängen, die ich in Eile mit den nötigsten Sachen vollgestopft hatte.

Ich war so sicher gewesen, dass ich in Daniels WG unterkommen könnte. Was jetzt? In ein Hotel? Die Vorstellung tat sich wie ein finsterer Abgrund vor mir auf. Ich sah mich ganz allein in einem kühlen, unpersönlichen Raum sitzen. Wahrscheinlich würde ich mir vor lauter Einsamkeit und unverarbeiteter Trauer Alkohol aufs Zimmer bestellen und dabei nicht nur mein dürftiges Gehalt vertrinken, sondern gleichzeitig zur Alkoholikerin werden.

„Warum fährst du nicht zu deinen Eltern?“

Ich kratzte meinen letzten Rest Energie zusammen, um Daniel böse anzufunkeln. „Du weißt genau, dass die mittlerweile im letzten Kuhkaff wohnen.“ Trotzdem besaß die Vorstellung, mich so richtig bemuttern zu lassen, einen gewissen Reiz. Aber länger als fünfunddreißig bis vierzig Minuten am Tag hielt ich diese Fürsorglichkeit auch nicht aus. Und den Rest des Tages säße ich dann zwei Zugstunden von meiner Arbeit und meinen Freunden entfernt zwischen Pferdeställen und Heuballen in der Ödnis fest.

„Was ist mit deiner Freundin von der Arbeit, dieser Elena?“, bemühte Daniel sich weiter, mir Alternativen aufzuzeigen und somit sein schlechtes Gewissen zu beruhigen. „Kann sie dich nicht für ein paar Tage aufnehmen?“

„Die wohnt mit ihrem Freund zusammen und beschwert sich ständig, dass der Platz schon für zwei Personen nicht reicht.“

„Ach stimmt, hast du mal erzählt. Und Nadine? Mit der bist du doch auch schon seit der Schule befreundet.“

„Die ist gerade in Frankreich, Auslandssemester.“

„Oh… okay. Wer käme denn noch in Frage? Ich kenne ja leider sonst keine Freunde von dir.“

„Weil ich sonst keine Freunde habe. Danke, dass du mich daran erinnerst.“ Der schlimmste Tag meines Lebens wurde tatsächlich immer schlimmer. Jetzt war ich nicht mehr nur tieftraurig und verlassen, sondern merkte auch, dass es mit meinen selbsternannten Wir-sind-immer-für-dich-da–Freunden nicht wirklich weit her war.

„Okay, stopp!“, befahl Daniel in diesem Moment. „Du hörst sofort auf, dich im Selbstmitleid zu suhlen. Du hast schließlich jede Menge Freunde! Du kennst doch so viele Leute von der Uni.“

„Nur weil ich mit denen studiere und wir ab und zu gemeinsam in der Mensa essen, kann ich noch lange nicht bei denen einziehen!“, rief ich lauter als beabsichtigt. Ich zwang mich, ein paar ruhige Atemzüge zu tun, bevor ich weitersprach. Ich musste jetzt praktisch denken. Alles Selbstmitleid, jegliche falsche Scham beiseiteschieben und alles auf eine Karte setzen. Ich blickte Daniel entschlossen in die Augen. „Ich weiß nicht, wo ich hin soll.“ Ich zögerte, weil mir jetzt schon Leid tat, was ich gleich sagen würde: „Wirf ihn raus.“

„Was?“

„Wenn es sich bei deinem neuen Mitbewohner nicht um deine todkranke Mutter handelt – und wir beide wissen, dass du deine Mutter, selbst wenn sie krank wäre, niemals bei dir wohnen lassen würdest – muss es doch möglich sein, dass du ihm die Lage erklärst. Und ihn höflich darum bittest, sein Zimmer wieder aufzugeben. Du sagst, er wohnt erst seit zwei Tagen hier, wahrscheinlich hat er sich noch gar nicht eingelebt und findet es gar nicht so schlimm, sich noch mal nach was Neuem umzusehen.“

„Du … das ist nicht dein Ernst, oder? Egal, wie sehr du versuchst, es dir schönzureden: Niemandem macht es nichts aus, zwei Tage nach dem Einzug wieder aus der Wohnung geworfen zu werden!“

„Na ja, Rauswerfen ist im Grunde ja auch das falsche Wort … Du könntest einfach mal in Ruhe mit ihm reden. Oder wir alle zusammen. Genau! Ich erkläre ihm die Lage und du –“

„Maja“, unterbrach mich Daniel. „Das geht nicht. Wenn er irgendjemand wäre, ein Fremder, den ich über eine Annonce gefunden hätte, ja, dann würde ich das für dich tun. Ich schwöre, ich würde ihn irgendwie für dich loswerden. Aber mein neuer Mitbewohner ist auch ein Freund von mir und … ehrlich gesagt glaube ich, ihm geht es noch viel schlechter als dir. Du hättest vorher anrufen sollen, Maja. Dann hätte ich dir die Lage erklärt und du hättest noch ein paar Tage bei Leon bleiben können.“

„Das hat er mir auch angeboten, aber das kann einfach nicht euer Ernst sein!“ Meine Stimme kletterte mindestens zwei Oktaven nach oben.

Daniel hob entschuldigend beide Hände. „Nur bis du etwas Neues gefunden hast. Zumindest würdest du dann jetzt nicht auf der Straße stehen. Was ist eigentlich zwischen euch passiert, dass du Hals über Kopf aus der Wohnung geflohen bist?“

„Findest du, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um dir mein Herz auszuschütten? Hier, auf deinem WG-Flur mit diesen hässlichen grünen Wänden? Ich obdachlos und du auf dem besten Weg, unsere Freundschaft auf dem Gewissen zu haben?“

„Jetzt beruhig dich aber mal wieder!“

Ich atmete tief ein und wieder aus. Und tatsächlich brachte mich das auf einen neuen Einfall. „Okay. Ich bin ruhig. Und ich spreche jetzt selbst mit deinem ominösen Mitbewohner.“ Ich quetschte mich an Daniel vorbei und lief eilig den langen Flur entlang. Mein Ziel war die erste Tür auf der rechten Seite, direkt hinter einem kleinen Schuhschrank. Ich streckte die Hand nach der Klinke aus, als Daniel mich plötzlich am Arm packte und zurückriss.

„Das kannst du nicht machen!“, zischte er. „Es geht ihm wirklich nicht gut. Die zwei Tage, die er jetzt hier ist, habe ich ihn kaum zu Gesicht bekommen. Ich glaube, er ist depressiv.“

„Depressiv?“ Ich zwang mich, nicht hysterisch aufzulachen. „Über wen reden wir hier eigentlich? Kenne ich ihn?“

Daniel wich meinem Blick aus. „Du solltest lieber gehen.“

„Ich habe dich was gefragt!“

„Nei… ja“, presste er hervor. Er hatte noch nie lügen können. Doch allein die Tatsache, dass er es versucht hatte, gab mir zu denken.

„Wer ist es?“

Daniel sah zu Boden. Fehlte nur noch, dass er sich gleich die Ohren zuhielt und zu summen anfing.

Mein Blick wanderte von Daniel zu der cremefarbenen Zimmertür und wieder zurück zu Daniel.

Da sah mich mein bester Freund plötzlich wieder an. „Kannst du mir nicht einfach vertrauen und glauben, wenn ich dir sage, dass es besser wäre, wenn du gehen würdest?“

„Nein!“ Mir war bewusst, dass ich schon wieder laut wurde und womöglich auch ein kleines bisschen überreagierte. Doch meine Selbstbeherrschung hatte ich heute, so schien es, am Frühstückstisch zurückgelassen.

„Maja, willst du jetzt auch noch Streit anfangen?“

„Wir sind doch schon längst mittendrin!“

Plötzlich hörte ich, wie hinter mir die Tür geöffnet wurde. „Falls es euch noch nicht aufgefallen sein sollte: Ihr seid extrem laut. Und ich hätte gerne meine Ruhe.“

Während ein Teil meines Gehirns grübelte, woher ich diese kühle Stimme kannte, fragte sich der andere, warum Daniel die Person hinter mir mit einem derart entsetzten Gesichtsausdruck anstarrte.

Ich fuhr herum und starrte ebenfalls. Gleichzeitig begann mein Herz wie verrückt zu schlagen.

Es war Felix.

Dieser siebenundzwanzigjährige Felix sah ein wenig anders aus als der neunzehnjährige Felix, den ich in Erinnerung hatte. Trotzdem erkannte ich ihn sofort wieder. Und plötzlich nahm dieser Tag, der bisher der schlimmste meines Lebens gewesen war, eine unerwartete Wendung. Er wurde zu dem Tag, den ich mir während der letzten acht Jahre immer mal wieder ausgemalt hatte, ohne wirklich daran zu glauben, dass er sich jemals ereignen würde.

Eigentlich hatte der Tag gut begonnen. Schon länger hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mein Jurastudium abzubrechen, die staubtrockene Theorie einzutauschen gegen spannende, inspirierende Praxis. Ich wollte Design studieren. Und im Laufe der gestrigen Nacht, in der ich viel wach gelegen und gegrübelt hatte, war die endgültige Entscheidung gefallen. Danach hatte ich friedlich geschlafen, in dem wohligen Wissen, dass ich das Richtige tun würde: Nämlich meinem Traum folgen.

So wachte ich am nächsten Morgen mit einem Lächeln im Gesicht auf. Voller Enthusiasmus sprang ich aus dem Bett und gab Leon, der neben mir lag, einen Guten-Morgen-Kuss, bevor ich ins Bad ging. Danach setzte ich summend Kaffee auf und schob zwei Aufbackbrötchen in den Ofen. Ich konnte es kaum erwarten, Leon von meinem Entschluss zu erzählen. Um mich von meiner Ungeduld abzulenken, griff ich nach einem der Bleistifte, die bei uns in der ganzen Wohnung verstreut lagen und begann, auf meiner Serviette zu zeichnen. Als Leon endlich in seinem perfekt sitzenden Anzug und mit den perfekt liegenden Haaren in der Tür erschien, waren auf der Serviette bereits zwei menschliche Umrisse entstanden. Der eine mit langen Haaren und einem übermäßig breiten Grinsen, welches die gleichsam übermäßig großen Schneidezähne offenbarte, der andere mit gerunzelter Stirn und zusammengepressten Lippen, so dass ihm das angestrengte Denken unübersehbar ins Gesicht geschrieben stand. Das waren ich und Leon. Der echte Leon warf nur einen kurzen, resignierten Blick auf mein Werk und nahm dann mir gegenüber Platz. Er schätze es nicht besonders, wenn ich ihn mit meinem karikaturhaften Zeichenstil verewigte.

„Habe ich irgendwas nicht mitbekommen? Valentinstag vergessen? Dreijähriges? Oder wie komme ich sonst zu der Ehre?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen beäugte er den gedeckten Frühstückstisch.

Ich musste lachen, denn Leon vergaß niemals etwas. „Alles in Ordnung, keine Sorge. Ich habe heute Nacht eine Entscheidung getroffen, die mir gute Laune macht.“

Zwar fiel mir sein wenig begeisterter Blick auf, doch nur am Rande. Ich war viel zu sehr mit meinem Enthusiasmus beschäftigt und erzählte ihm sofort alles von meinem Entschluss.

Damit begann der Tag, den Bach runter zu gehen.

Zuerst zogen sich Leons Augenbrauen zusammen. Seine Lippen kräuselten sich leicht. In seine Augen trat dieser leicht irritierte Ausdruck. Ganz so, als würde ihm eine penetrante Fliege ums Ohr summen. „Hast du dir das gut überlegt?“

Ich hatte nicht erwartet, dass er meine Begeisterung teilen würde, denn Leon ist sowohl eher ruhig als auch pragmatisch veranlagt. Deshalb grinste ich nur und betonte: „Das habe ich.“

Leon biss in sein Brötchen, kaute und schluckte. „Okay.“

„Okay gut oder okay schlecht?“

Er seufzte und legte sein Brötchen hin. Penibel wischte er seine Finger an seiner eigenen, zeichnungsfreien Serviette ab. Dann sah er mir in die Augen. „Ich muss gestehen, dass ich von deinen Plänen nicht gerade begeistert bin.“

„Oh….“ Ich hätte es mir denken können. Ein Mensch wie Leon dachte natürlich zuerst an die negativen Folgen: Der Zeitverlust, den ein Wechsel des Studienganges bedeutete. Noch mehr Jahre, in denen ich knapp bei Kasse sein würde. Aber sonst? Nein, mehr schlechte Seiten hatte meine Entscheidung beim besten Willen nicht. „Ich verstehe, dass das für dich plötzlich kommt“, versuchte ich, ihm meine Enttäuschung über seine Reaktion nicht zu zeigen. „Aber es ist das Richtige für mich. Gut, es wird noch etwas länger dauern, bis ich Vollzeit arbeite, aber dafür wird es dann auch ein Beruf sein, der mir wirklich liegt.“

Leon schwieg. Er nahm einen Schluck von seinem Kaffee und blickte dabei nachdenklich an mir vorbei.

„Und du weißt ja, dass ich mich schon lange für Kunst und Design interessiere. Eigentlich komisch, dass ich nicht früher darauf gekommen bin. Ich zeichne gerne und auch sonst bin ich gerne kreativ, ich –“

„Du machst viele Dinge gern“, unterbrach mich Leon. „Musst du deshalb immer gleich versuchen, alles zu deinem Beruf zu machen? Nur um dann zu merken, dass deine Interessen als Studium oder Ausbildung nicht mal halb so viel Spaß machen wie als Freizeitbeschäftigung und dir wieder was Neues suchen?“

Ich starrte ihn an. Mit so einem Ausbruch hatte ich nicht gerechnet, Pragmatismus hin oder her. „Es kann ja nicht jeder sofort nach dem Abi Jura studieren, das Studium in Rekordzeit abschließen, in die Kanzlei seines Vaters einsteigen und darin die Erfüllung seines Lebens finden.“ Meine Stimme klang dünn und kläglich. Ich räusperte mich und sagte mit mehr Selbstsicherheit: „Ich bin eben anders als du.“

„Stimmt“, antwortete Leon mit dieser ruhigen, abgeklärten Stimme, die ich so hasste. „Ich bin eher zielorientiert und du … eher nicht.“

Ich schluckte, dann nickte ich langsam. „Kann sein. Ich will eben sicher sein, dass ich nicht Jahre meines Lebens darauf verschwende, einen Beruf zu erlernen, den ich dann nicht leiden kann. Es gibt so viele Möglichkeiten. So vieles, das mich interessiert. Bisher habe ich eben noch nicht das Richtige gefunden, na und? Ich habe doch Zeit.“

„Ich finde, du machst es dir ein bisschen leicht. Immer, wenn ein Punkt kommt, an dem dir etwas keinen Spaß mehr macht, gibst du einfach auf. Anstatt in Erwägung zu ziehen, dass jeder mal eine lustlose Phase hat, die wieder vorübergeht.“

„Ich gebe nicht auf! Aber wenn dieser ganze trockene Gesetzeskram mir schon jetzt zum Hals raushängt, wird es in zwanzig Jahren nicht besser sein!“

Leon sah mich nur abwartend an, wie so oft, wenn ich mich aufregte.

Normalerweise führte dieser Blick dazu, dass ich mich beruhigte, doch heute nicht. „Ich habe mich jedenfalls entschieden. Und nichts, was du sagst, wird etwas daran ändern. Es ist mein Leben und ich halte meine Entscheidung für richtig!“

Leon schwieg. Er nahm noch einen Bissen von seinem Brötchen, wischte sich die Finger wieder an der Küchenrolle ab und trank einen Schluck Kaffee.

„Strafst du mich jetzt mit Schweigen?“, wollte ich wissen.

„Sei nicht albern.“

„Dann sag, was du zu sagen hast. Wir sind lange genug zusammen, ich weiß, wenn da noch was ist, das du loswerden willst.“

Ich konnte sehen, wie Leon sich im Geiste seine Worte zurechtlegte.

Während ich darauf wartete, dass er sie ausspuckte, hob ich meine Kaffeetasse.

„Es tut mir leid, das kommt jetzt sicher plötzlich für dich, aber … Ich glaube, diese Beziehung macht keinen von uns beiden mehr glücklich.“

Ich erstickte beinahe an dem Kaffee, den ich in diesem Moment hinunterschlucken wollte. Brennend verteilte sich ein Teil davon in meiner Luftröhre. Ich hustete so heftig, dass mir Tränen in die Augen stiegen.

Leon lehnte sich über den Tisch und klopfte mir hilfsbereit auf den Rücken. „Geht’s wieder?“

Inzwischen hatte ich die Kaffeetröpfchen erfolgreich aus meiner Luftröhre gehustet. Nur die Tränen flossen immer noch.

„Ach Maja, jetzt wein doch nicht. Mir fällt diese Entscheidung auch nicht leicht.“

„Ich weine doch nicht, das kommt vom Verschlucken!“ Ich schnäuzte mir die Nase und wischte wütend über meine Wangen. Es nützte nichts. Immer mehr Tränen quollen hervor. „Wie kommst du nur auf so was?“, presste ich hervor. Mein ganzer Körper zitterte vor unterdrückten Schluchzern. „Drei Jahre, Leon! Seit einem wohnen wir zusammen. Wie kommst du plötzlich auf so einen Unsinn? Wo kommt das her?“ Ein Teil von mir war der felsenfesten Überzeugung, dass es sich bei der ganzen Sache nur um ein äußerst grausames Missverständnis handeln konnte. Doch der andere Teil – der, der unaufhörlich frische Tränen aus meinen brennenden Augen trieb – ahnte, dass es nicht so war.

„Ich kann das einfach nicht mehr. Zusehen, wie du so orientierungslos durchs Leben treibst.“

Ich lachte trocken auf, doch auch das klang mehr wie ein Schluchzen. „Plötzlich bin ich dir zu orientierungslos? Seltsam, als ich meine Ausbildung zur Erzieherin abgebrochen habe, um Jura zu studieren, hat sich das noch ganz anders angehört. Was hast du damals gesagt? ‚Das ist eine tolle Idee, Schatz. Dann kannst du später in unsere Kanzlei einsteigen.‘ Komisch, dass dich meine Unentschlossenheit erst jetzt stört, wo ich begriffen habe, dass ich doch keine Anwältin werden will!“

„Jetzt wirst du aber ungerecht. Und sei doch mal ehrlich: Kennst du irgendjemanden in deinem Alter, der ähnlich viele Studiengänge und Ausbildungen angefangen und abgebrochen hat wie du?“

„Was kann ich dafür, dass man in der Schule nicht richtig auf die Berufswahl vorbereitet wird? Ein einziges Pflichtpraktikum in der Oberstufe – das ist doch ein Witz!“

„Ich weiß nicht mal, ob ich alles fehlerfrei aufzählen kann“, fuhr Leon fort, meinen Einwurf ignorierend. „Arzthelferin war die erste Ausbildung, oder? Dann das Germanistikstudium, Medizin –“

„Psychologie, nicht Medizin.“

„Dann die Ausbildung zur Erzieherin, Jura, und nun Design? Ich werde einfach das Gefühl nicht los, dass du immer wieder etwas Neues ausprobieren und immer so weiter machen wirst, nur, um nicht arbeiten zu müssen.“

Mit offenem Mund starrte ich ihn an. Ich wollte wütend sein, ihn wegen dieser schrecklichen Unterstellung anschreien, doch ich fühlte mich einfach nur tief verletzt. „Ich arbeite doch“, flüsterte ich.

„Du hast einen Teilzeitjob, um während des Studiums über die Runden zu kommen. Das ist doch keine Arbeit.“

Sprachlos sah ich den Mann an, der so lange an meiner Seite gewesen war. Mit dem ich meine Träume und Geheimnisse geteilt hatte, dem ich näher gewesen war und mehr vertraut hatte, als irgendjemandem zuvor. Etwas in mir war sich sicher, dass ich nur die richtigen Worte finden musste und es würde alles wieder gut werden. Wir würden darüber reden, uns umarmen und alles würde so sein wie immer. Doch der vernünftigere Rest von mir wusste, dass das nicht stimmte. Dass egal, was wir beide tun oder sagen würden, etwas kaputt gegangen war, das man nicht mehr reparieren konnte. „Du denkst, mir gefällt einfach das Studentenleben? Die unregelmäßig stattfindenden Vorlesungen und die viele Zeit, die ich mir frei einteilen kann?“

Leon nickte.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Hast du mir jemals zugehört? Wenn ich dir von meinen Gefühlen und Sorgen erzählt habe? Von meiner Unsicherheit und meinen Ängsten, was die Zukunft angeht?“

„Natürlich habe ich das, aber –“

„Nein, hast du nicht! Wenn es so wäre, hättest du ein anderes Bild von mir! Und würdest nicht glauben, dass ich einfach faul bin und keine Lust auf ein erwachsenes Leben habe!“

„Ich glaube, dass du dich einfach gerne selbst belügst.“

Plötzlich fühlte ich mich nur noch leer. „Das stimmt nicht.“

„Siehst du. Deshalb kann ich das nicht mehr. Wie soll ich mit einem Menschen zusammen sein, der nicht einmal ehrlich zu sich selbst ist?“

„Hast du nur ein einziges Mal in Erwägung gezogen, dass deine Meinung über mich vielleicht falsch sein könnte? Dass ich wirklich so bin, wie ich mich sehe? Dass ich mich selbst besser kenne, als du mich?“

„Ehrlich gesagt, nein.“

Ich nickte mechanisch. „Dann ist wohl alles gesagt.“

Plötzlich sah ich Leon, den Esstisch und die Küche nur noch undeutlich vor mir. So, als hätte ich gerade genug Alkohol getrunken, um mich wie in Watte gepackt zu fühlen. Ich stand auf und schwankte.

Leon sah mich besorgt an. „Alles in Ordnung?“

„Ja, alles super. Ich geh‘ meine Sachen packen.“ Schritt für Schritt schleppte ich mich zur Küchentür und versuchte, dieses seltsam haltlose Gefühl auszublenden.

„Komm schon, Maja“, rief Leon mir hinterher. „Wo willst du denn hin? Bleib hier, bis du was Neues gefunden hast. Es ist doch kindisch, so Hals über Kopf auszuziehen!“

Ich ignorierte ihn und ging ins Schlafzimmer, wo ich meine Reisetasche und meinen Rucksack unter dem Bett hervorzerrte. Willkürlich stopfte ich alles in die Tasche, was mir ins Auge fiel: Kleidung, Bücher, Krimskrams. Mit meinem Rucksack ging ich ins Bad und warf meine Kosmetikprodukte hinein. Dann holte ich die Kisten, die ich schon beim Umzug von meinem kleinen, möblierten WG-Zimmer in Leons Wohnung benutzt hatte, aus der Abstellkammer. Mein komplettes Hab und Gut, mein gesamtes gemeinsames Leben mit Leon war überraschend schnell verstaut.

Als ich die schwere Tasche den Flur entlang zur Haustür zerrte, saß Leon immer noch am Frühstückstisch. Ich spürte seinen Blick auf mir, doch ich sah nicht in seine Richtung.

„Die Kisten hole ich die nächsten Tage ab“, informierte ich die Haustür, bevor ich die Wohnung verließ.

Erst als ich bei minus fünf Grad mit einer Tasche, die ich kaum ziehen, geschweige denn heben konnte, auf dem Bürgersteig stand, begriff ich, was soeben geschehen war: Ich hatte keinen Freund mehr. Ich war Single. Ich war allein. Keine gemütlichen Abende vor dem Fernseher mehr, kein gemeinsames Kochen, kein Kuscheln, keine Gute-Nacht- und Guten-Morgen-Küsse, kein gemeinsames Lachen, kein „Ich liebe dich“ mehr. Drei Jahre. Leon. Meine Zukunft, unsere Pläne. Alles war vorbei.

Ich schniefte und erst da merkte ich, dass mir Tränen über die Wangen liefen. Hastig wischte ich mir über das Gesicht und suchte in meinem Rucksack, in dem ich auch meine Handtasche verstaut hatte, nach einem Taschentuch. Natürlich fand ich keins.

„Scheiße“, murmelte ich. Und dann: „Jetzt reiß’ dich mal zusammen.“

Doch meine Gedanken kehrten ungefragt zu Leon zurück und zu dem Grund für das Ende unserer Beziehung. Wie konnte er das so kühl und kalkuliert entscheiden? Hatte er mich überhaupt je geliebt? So bedingungslos und mit all den kleinen Fehlern, mit denen ich ihn geliebt hatte?

Ich spürte, wie mir schon wieder die Tränen kamen, doch ich spürte noch etwas anderes: Die Kälte. In meinen Fingern hatte ich bereits kein Gefühl mehr, ebenso in meiner Nase und meinen Ohren. Und langsam aber sicher kroch der Winter auch durch meine Jeans.

Ich konnte hier nicht stehenbleiben, bis ich meine Trennung von Leon verarbeitet hatte. Ich musste jetzt praktisch denken, den Luxus der Trauer aufschieben, bis ich wieder ein Dach über dem Kopf hatte.

In diesem Moment fiel mir Daniels WG ein und dass das zweite Zimmer seit kurzem leer stand. Bei dem Gedanken daran fiel zumindest eine kleine Last von mir ab. Ich würde bei Daniel einziehen, über Leon hinweg kommen und mein neues Leben als Design-Studentin beginnen. Auch wenn mir diese Vorstellung im Augenblick nicht viel Freude bereitete und ich alles, inklusive meiner neuen Studienpläne gegeben hätte, wenn zwischen Leon und mir nur alles wieder so wäre wie noch vor zwei Stunden.

Als ich mir ein Taxi rief, einstieg, mich zu Daniel fahren ließ und dort meine Tasche die Stufen hochzerrte, konzentrierte ich mich darauf, mir einzureden, dass ich stark war. Dass ich es schaffen würde, meine Träume zu verwirklichen und glücklich zu werden, auch ohne Leon. Und Daniel, mein bester Freund, würde mir dabei helfen.

Doch dann kam alles anders. Daniel wartete nach meinem Klingeln an der Tür, als ich oben ankam, nahm mir meine schwere Tasche ab und ließ mich herein. So weit so gut.

Doch dann verweigerte er mir sein Zimmer, weil er es schon an irgendeinen depressiven Freund vergeben hatte. Wir gerieten in Streit und plötzlich geschah das Wunder, das mich die grauenhaften Ereignisse vom Morgen kurzzeitig vergessen ließ. Felix stand vor mir. Der Felix, für den ich meine gesamte Schulzeit über geschwärmt hatte.

„Du“, sagte Felix tonlos.

Ich war nicht imstande, auch nur einen Laut von mir zu geben. Er war es wirklich, auch wenn er sich äußerlich etwas verändert hatte: Das dunkelbraune, leicht wellige Haar war jetzt länger als früher, so dass es ihm ins Gesicht fiel. Und seine blaugrünen Augen, die damals vor Ausgelassenheit gesprüht hatten, strahlten eine ungewohnte Ernsthaftigkeit aus. Und noch etwas schien anders, er schien anders, auch wenn ich nicht genau sagen konnte, was dieses Gefühl in mir auslöste.

Doch die hohen Wangenknochen waren noch dieselben, ebenso wie die leicht gebräunte Haut und die geschwungenen Augenbrauen. Ohne, dass ich Einfluss darauf gehabt hätte, glitt mein Blick auch über seinen Körper. Über die Ansätze des Schlüsselbeins, die aus dem Ausschnitt seines Langarmshirts hervorlugten und die sich ganz leicht abhebenden Armmuskeln. Ich zwang meinen Blick zurück auf sein Gesicht und versuchte, das Kribbeln in meinem Bauch zu ignorieren.

„Tja, Überraschung!“, rief Daniel unbeholfen. „Felix, du erinnerst dich bestimmt noch an Maja, oder?“

„Dunkel.“ Der Blick aus seinen hellen Augen wurde von Sekunde zu Sekunde unfreundlicher.

Ich schluckte und das Kribbeln erstarb. Aber was hatte ich erwartet? Dass Felix die letzten acht Jahre ständig an mich gedacht und noch viel öfter von mir geträumt hatte, so wie ich von ihm? Wohl kaum. Ich ignorierte den bitteren Geschmack, den Felix‘ offen zur Schau gestellte Ablehnung bei mir hervorrief. „Was machst du hier?“, fragte ich ebenso unfreundlich. Und fügte mit einem scharfen Seitenblick auf Daniel hinzu: „Ich wusste gar nicht, dass ihr beide noch Kontakt habt.“

„Ich wüsste nicht, was dich das anginge.“

Mit Mühe hielt ich Felix‘ herablassendem Blick stand.

„Also, das ist jetzt wirklich eine blöde Situation“, sagte Daniel und lächelte unsicher. „Felix, ich weiß nicht, ob du das mitgekriegt hast, aber Maja sucht ein Zimmer. Sie dachte, deins wäre noch frei und jetzt … na ja, von mir aus könnt ihr auch vorübergehend beide in dem Zimmer wohnen. Oder wenn es gar nicht anders geht, könntest du auch eine Weile bei mir im Zimmer schlafen.“

Felix quittierte das Angebot mit einem bösen Blick.

Daniel seufzte. „Ich würde es ja auch dir, Maja, anbieten, aber Miri findet es bestimmt nicht so toll, wenn ich mit einer anderen Frau das Zimmer teile.“

Ich nickte. Miri, Daniels Freundin war zwar locker, aber so locker dann auch wieder nicht.

„Also, überlegt es euch, ihr kennt mein Angebot. Denn Rest macht ihr vielleicht am besten unter euch aus?“ Mein Blick folgte ihm, als er sich feige in sein Zimmer zurückzog.

Als ich mich umdrehte, war Felix nicht mehr da. Aus den Augenwinkeln sah ich gerade noch, wie seine Zimmertür von innen zugeschoben wurde. Ich reagierte ohne Nachzudenken. Mit einem großen Schritt platzierte ich meinen Fuß zwischen Tür und Rahmen.

„Was soll das?“, kam es ärgerlich von innen. Felix verstärkte den Druck auf die Tür.

Doch ich trug meine schweren Winterstiefel. Da konnte er drücken, wie er wollte, ohne, dass ich überhaupt etwas spürte. „Du hast Daniel gehört. Wir sollen das unter uns klären.“

Mit einem genervten Seufzer ließ Felix gerade so weit von der Türe ab, dass er mich ansehen konnte, ohne sich den Hals zu verrenken. „Da gibt es nichts zu klären. Ich wohne hier. Du nicht.“

„Aber ich weiß nicht, wo ich sonst hin soll!“

„Wo genau ist das mein Problem?“

„Was machst du überhaupt hier?“, rief ich mit verzweifelter Wut. „Bist du nach dem Zivi nicht nach Berlin gezogen? Warum bist du auf einmal wieder in der Stadt? Und warum suchst du dir nicht vorher eine Wohnung, sondern überfällst Daniel und tust auf depressiv, so dass er sich nicht mal traut, seiner besten Freundin zu helfen?“

„Warum nimmst du nicht das Angebot deines Ex-Freundes an und bleibst bei ihm, bis du was Neues gefunden hast?“

Ich erstarrte. Hatte er etwa alles mit angehört? Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. „Das geht dich überhaupt nichts an!“

„Meine Rede. Wenn du jetzt freundlicherweise deinen Fuß aus meiner Tür nehmen könntest?“

„Vergiss es!“ Ich stemmte mich kurz und heftig gegen die Tür, so dass sie nach innen aufschwang.

Felix sprang zur Seite und ich nutzte die Gelegenheit, um mich ins Zimmer zu schieben.

„Geht’s noch?“, giftete Felix. „Das ist mein Zimmer!“

„Jetzt nicht mehr.“ Ich sah mich um. Der Raum begann mit einer Art Nische, der man nach links folgen musste, bevor man richtig im Zimmer stand. Doch auch hier wirkte der Raum sehr klein, obwohl nicht viele Möbel darin standen. Nur ein breites, sperriges Bett mit einem metallenen Nachttisch daneben, ein hässlicher alter Kleiderschrank und ein Monster von einem schwarzen Sofa. All diese Dinge hatte der vorige Mitbewohner von Daniel hier gelassen. Ich ließ mich auf dem abgenutzten Lederbezug der Couch nieder. „Ich bleibe hier. Entweder du gehst freiwillig … “

„ … oder?“ Felix starrte kalt auf mich herab.

Ich antwortete nicht, sondern streckte mich demonstrativ auf dem Sofa aus.

„Du hast sie ja nicht mehr alle! Ich werde mein Zimmer nicht teilen!“

„Dann geh doch.“ Ich schenkte ihm ein liebenswürdiges Lächeln.

Felix sah aus, als wollte er mich am liebsten am Kragen packen und aus dem Zimmer schleifen.

Ich krallte mich vorsichtshalber am Sofa fest, bereit, Widerstand zu leisten.

Felix machte einen Schritt auf mich zu, die Hände zu Fäusten geballt.

„Ich bin stärker, als ich aussehe“, warnte ich. Das stimmte. Trotzdem blieb ich eine einsfünfundsechzig kleine Person und Felix eine mindestens einsachtzig große. Ich versuchte, überzeugend und furchtlos auszusehen.

Felix starrte mich an, dann hob sich sein rechter Mundwinkel. Nur minimal, doch es erinnerte trotzdem an ein äußerst schiefes Lächeln. Dann war es auch schon wieder vorbei und zurück blieb nur sein grimmiger Gesichtsausdruck. Einen Moment lang stand er so da, dann entspannten sich plötzlich seine Gesichtszüge. „Hör zu“, begann er in überraschend freundlichem Tonfall. „Ich brauche wirklich meine Ruhe. Du kannst hier nicht wohnen.“

Jetzt versuchte er es also mit Vernunft und Diplomatie. Das konnte ich auch. „Ich kann und tue es bereits.“

„Ich habe meinen Arbeitsplatz verloren, habe kein Geld und kann deshalb sonst nirgendwo hin.“

Ich öffnete den Mund, um etwas Fieses zu erwidern, doch es wollte einfach keine Gemeinheit herauskommen. „Das tut mir leid“, sagte ich aufrichtig.

Er nickte langsam. „Ich muss mich völlig neu orientieren. Mir überlegen, wie mein Leben weitergehen soll und dafür brauche ich einfach meine Privatsphäre und Ruhe zum Nachdenken, verstehst du?“

Plötzlich hatte ich das Gefühl, auf mich selbst herabzublicken. Was ich sah, war nicht gerade schön: Eine rücksichtslose, egozentrische Person, die nur ihre eigenen Probleme im Kopf hatte. Die sich nicht mal eine Sekunde lang gefragt hatte, ob Daniel vielleicht recht damit hatte, dass es Felix schlecht ging, bevor sie ihm sein Zimmer wegnahm. Ich erkannte mich selbst nicht wieder.

Felix sprach weiter: „Es tut mir leid, dass du in einer ähnlich verzweifelten Lage steckst wie ich. Aber von Daniel weiß ich, dass du zumindest eine Arbeit hast. Und bestimmt hast du auch eine Menge Freunde hier in der Stadt, zu denen du gehen könntest. Ich habe zu kaum jemandem von den alten Leuten aus der Schulzeit noch Kontakt, eben weil ich damals nach Berlin gezogen bin.“

Meine Wangen brannten vor Scham, als ich mich von der Couch erhob. Es war nicht leicht, den Mut aufzubringen, Felix in die Augen zu sehen. „Entschuldige“, flüsterte ich. „Ich wusste nicht, dass du solche Probleme hast.“

Felix zuckte mit den Achseln. „Woher auch? Ich hätte dir die Situation von Anfang an erklären sollen.“ Auch er lächelte. Plötzlich sah er genauso aus wie damals. Und auch die Schmetterlinge in meinem Bauch meldeten sich zurück.

„Nochmal, Entschuldigung. Ich weiß wirklich nicht, was mit mir los ist.“ Ich wandte mich der Tür zu. Als von Felix nichts mehr kam, griff ich nach der Klinke. „Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.“ Dann flüchtete ich aus dem Zimmer. Draußen lehnte ich mich schwer atmend gegen die Tür. Am liebsten hätte ich meinen Kopf dagegen gehämmert. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder? Ich musste wirklich dringend lernen zu denken, bevor ich den Mund aufmachte.

Neben mir öffnete sich Daniels Zimmertür. Vorsichtig steckte mein ehemals bester Freund seinen Kopf heraus.

„Wieso hast du mir nicht gesagt, dass er dein neuer Mitbewohner ist?“, zischte ich.

„Eben deshalb“, flüsterte er gleichermaßen gereizt. „Sieh dich an. Du bist total von der Rolle. Denkst du nicht, es ist langsam an der Zeit, ihn zu vergessen?“

„Was du wieder denkst! Mein Freund hat gerade mit mir Schluss gemacht und ich bin einfach überrascht, Felix wieder zu sehen. Das ist alles. Und selbst, wenn es anders wäre: Du hast nicht zu entscheiden, wen ich vergesse und wen nicht!“ Jetzt war ich doch wieder nahe dran Daniel anzuschreien. Schlimmer noch: Ich war kurz davor, ihn mitten im Flur vor Felix’ Zimmertür anzuschreien. Vor Felix’ überaus hellhöriger Zimmertür. Also schubste ich Daniel zurück in sein eigenes Zimmer, folgte ihm und schloss die Tür hinter uns. „Und wieso hast du mir nicht gesagt, in welcher Situation er sich befindet?“

„Ich habe dir gesagt, dass er Probleme hat!“

„Das hätte auch bedeuten können, dass er sich mit einem Freund gestritten oder einfach schlechte Laune hat.“

Daniel versuchte, etwas einzuwerfen, doch ich ließ mich nicht unterbrechen. „Du hättest mir sagen müssen, dass er entlassen wurde! Dann hätte ich doch niemals … “ Ich brach ab und raufte mir die Haare. „Hast du eine Ahnung, was er jetzt für einen Eindruck von mir hat? Der muss mich doch für eine selbstbesessene Ziege halten.“

„Eher für eine extrem gutgläubige Ziege.“

Ich blinzelte irritiert. „Was?“

„Mir hat er erzählt, dass er selbst gekündigt hat, weil er …“ Er unterbrach sich kurz und zeichnete mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft, „die Nase voll hatte von dem ganzen Scheiß.“

„Was soll das heißen?“

Daniel hob mitleidig die Augenbrauen. „Dass er gelogen hat.“

Mir klappte der Mund auf. „Dieser … “

Bevor Daniel etwas sagen oder tun konnte, war ich schon zurück auf den Flur gestürmt und riss Felix’ Zimmertür auf.

„Ich wusste, ich hätte einen Küchenstuhl unter die Klinke klemmen sollen.“ Er hockte auf dem Bett und sah mir gelassen entgegen. „Ich dachte, du wolltest dich nicht einmischen“, meinte er mit einem Seitenblick auf Daniel, der hinter mir ins Zimmer trat.

„Wollte ich nicht, aber ihr bekommt es ja alleine nicht hin.“ Die unterschwellige Schärfe in Daniels Stimme überraschte mich. War er nun doch auf meiner Seite?

Felix zuckte mit den Achseln und widmete sich wieder seiner Zeitschrift. „Halte deinen Moralvortrag doch einfach jemandem, den er interessiert.“

Ich warf Daniel einen fragenden Blick zu. Als er den Mund öffnete, kam ich ihm zuvor: „Ich weiß schon: Er macht eine schwere Zeit durch“, wisperte ich.

„Eigentlich ist er immer so“, flüsterte mein bester Freund zurück.

„Das hab ich gehört“, kam es von Felix.

„Gut“, gab Daniel zurück.

Einen Moment lang standen wir beide unschlüssig da und starrten Felix an, der weiterhin vorgab zu lesen.

„Weißt du was: Ist mir egal, ob du gekündigt hast, gefeuert wurdest oder suizidal bist. Ich bleibe hier!“ Ich quetschte mich an Daniel vorbei, trat auf den Flur und griff mir meinen Rucksack sowie meine Reisetasche. Unter Keuchen schleppte ich beides in Felix‘ Zimmer bis neben die große Couch. Auf dieser ließ ich mich nun zum zweiten Mal heute nieder, öffnete den Reißverschluss meiner Tasche und begann mit einem provozierenden Blick in Felix‘ Richtung, meine Sachen auszupacken.

„Was machst du da?“, kam auch prompt die ebenso scharfe wie unnötige Frage.

„Ich richte mich hier häuslich ein.“

„Das … “ Zum ersten Mal schienen ihm die Worte zu fehlen.

Ich zuckte nur mit den Achseln und zog ein Kleidungsstück nach dem anderen aus meiner Reisetasche. Ich bildete einen Stapel für Jeans, einen für Röcke, einen für Pullis und einen für T-Shirts. Nur die Unterwäsche und Socken ließ ich, wo sie waren. „Du hast nicht zufällig noch ein bisschen Platz in deinem Kleiderschrank übrig?“

Felix öffnete den Mund, schloss ihn wieder, öffnete ihn abermals, doch brachte auch diesmal keinen Ton heraus.

„Ach, mach dir keine Mühe. Auf dem Boden ist ja genug Platz.“ Nachdem ich mit der Kleidung fertig war, machte ich mich daran, meine restlichen Sachen auszupacken. Ein seltsames Grunzgeräusch ließ mich zur Tür blicken. Daniel stand noch immer dort und sah aus, als ob er sich nicht entscheiden könnte, ob er lachen oder weinen sollte. „Wenn du nichts Besseres zu tun hast, könntest du mir vielleicht eine Wolldecke bringen?“

Er machte Anstalten, das Zimmer zu verlassen, doch entschied sich anders. „Maja, wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gerne ganz kurz mal mit dir reden.“

„Geht leider nicht. Sonst wird er wahrscheinlich die Gelegenheit nutzen, meine Sachen hinauswerfen und irgendwie die Tür verriegeln.“ Ich warf Felix einen Blick zu.

Der lächelte nur freudlos und machte keinen Versuch, es abzustreiten.

Daniel lehnte sich seitlich gegen den Türrahmen. „Jetzt mal Spaß beiseite, Maja. Hältst du das wirklich für eine gute Idee? Was willst du denn machen, wenn du mal aufs Klo musst?“

Ich biss mir auf die Unterlippe. Gute Frage. Der Meinung schien auch Felix zu sein, denn ein triumphierendes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Hast du keinen Schlüssel für diese Tür?“, fragte ich Daniel.

Der schüttelte den Kopf. „Wenn es beim Einzug einen gab, hab ich den zumindest seit Jahren nicht gesehen.“ Er seufzte. „Denkst du nicht, dass du ein bisschen übertreibst?“

„Ja, ein kleines bisschen?“, kam es von Felix.

„Nein.“ Na gut, möglicherweise. Die Energie, die mich die letzte halbe Stunde angetrieben hatte, verpuffte plötzlich ins Nichts. Ich fühlte mich nur noch müde. Zu müde, um zu streiten. „Freu dich nicht zu früh“, sagte ich trotzdem zu Felix. „Ich habe heute so gut wie noch nichts getrunken. Kannst du das auch von dir behaupten?“

Felix strafte mich nur mit einem kalten Blick.

Daniel verließ wortlos das Zimmer und kam wenig später mit einer Wolldecke und einem kleinen Kissen zurück. Wenigstens ein klitzekleines Lächeln warf er mir zu, als er alles auf der Couch ablegte. „Bringt euch nicht gegenseitig um, ja?“

Als weder Felix noch ich antworteten, ging Daniel kopfschüttelnd hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Die Stille, die sich nun im Zimmer ausbreitete, war erdrückend.

Um mich abzulenken angelte ich aus meinem Rucksack ein Buch und schlug es auf. Ich versuchte mich zu konzentrieren, doch es war aussichtslos. Meine Gedanken schweiften unaufhörlich ab. Ich las den ersten Satz ein zweites und ein drittes Mal, ohne seine Bedeutung zu verstehen. Schließlich gab ich auf und ließ das Buch sinken. Meine Hand tastete nach dem Rucksack, zog den Reißverschluss auf und holte mein Smartphone heraus. Kein Anruf. Keine Nachricht. Betäubt steckte ich das Smartphone zurück in den Rucksack.

Leon meinte es ernst. Er war niemand, der eine solch weitreichende Entscheidung leichtfertig traf. Er würde sich nicht bei mir melden, würde sich nicht entschuldigen. Die Beziehung war vorbei. Doch der Grund dafür entzog sich noch immer meinem Verstand.

Ich hätte mir einreden können, dass Leon sich einfach verändert hatte. Dass ich den Mann von heute Morgen gar nicht wiedererkannte, dass er nichts mit dem gemein hatte, in den ich mich vor drei Jahren verliebt hatte. Doch das war falsch. Leon war derselbe. Und ich war es auch. Wie also konnte es sein, dass ich ihn noch immer liebte, er aber über die Zeit seine Gefühle für mich abgelegt zu haben schien? Und wieso hatte ich es nicht bemerkt?

Wie konnte es sein, dass ich heute Morgen aufgestanden war und nicht die geringste Ahnung gehabt hatte, was meine Entscheidung bezüglich meines Studiums bei Leon auslösen würde? Nicht im Traum hätte ich es für möglich gehalten, dass meine Beziehung heute enden würde. Dass ich auszog, Felix wieder traf und mit diesem ein Zimmer teilte.

Mein Blick wanderte zum Bett. Hatte ich übertrieben? War ich aufgrund der Erlebnisse heute Morgen zu einer selbstsüchtigen Hexe mutiert? Ich versuchte, mich aus Felix’ Sicht zu sehen. Er legte ja offenkundig den größten Wert auf seine Ruhe. Hatte ich das Recht, ihm diese zu nehmen, nur weil es mir ebenfalls nicht gut ging? Doch dann musste ich daran denken, wie er mit mir umgegangen war. Wäre er ein wenig netter gewesen, hätte er mich auch nur mit einem Mindestmaß an Respekt behandelt, wäre das alles nicht passiert.

Ich lehnte mich ein wenig zur Seite, um Felix’ Gesicht von vorne sehen zu können. Er wirkte so viel ernster als früher. Wie er auf die Zeitschrift in seiner Hand starrte kam er mir vor, als hätte er seit Wochen nicht mehr richtig gelacht. Und noch etwas fiel mir auf: Felix’ Augen waren nicht auf die Zeitschrift gerichtet. Auf den ersten Blick sah es so aus, doch in Wirklichkeit starrte er über das Magazin hinweg ins Leere.

Die Erinnerung traf mich völlig überraschend. Ich war wieder neunzehn Jahre alt und saß zusammen mit ein paar Freundinnen auf einer Bank in der Pausenhalle. Ich hörte Tina und Annabella, die neben mir über die gestrige Matheklausur diskutierten, überhaupt nicht. Stattdessen folgte ich mit meinem Blick Felix, der einige Meter entfernt auf der gegenüberliegenden Seite der Pausenhalle saß. Vor ihm stand Saskia, ein zierliches, dunkelhaariges Mädchen, von dem ich wusste, dass sie im selben Deutschkurs wie Felix war. Ich konnte sie nicht leiden. Wild gestikulierend redete sie auf Felix ein. Doch der sah das Mädchen nicht an, vielmehr blickte er an ihr vorbei ins Leere, genau in meine Richtung. Als mir klar wurde, dass er mit den Gedanken offensichtlich ganz woanders war und Saskia nicht einmal zuhörte, musste ich lächeln. Plötzlich fokussierte sich Felix’ Blick und richtete sich direkt auf mich. Unsere Augen trafen sich für einen Moment. Und Felix lächelte ebenfalls.

Ich blinzelte und sah wieder das Profil desselben, jedoch acht Jahre älteren Mannes vor mir. Und plötzlich fand ich den Gedanken, dass wir beide auf diese Art und Weise möglicherweise Tage oder Wochen nebeneinander her leben würden, schlichtweg unerträglich.

„Ähem“, sagte ich vorsichtig.

Felix blinzelte und drehte den Kopf in meine Richtung. Unfreundlich sah er mich an.

„Lass uns noch mal über alles reden, ja? Vielleicht finden wir ja doch eine Lösung.“

„Vielleicht habe ich mich vorhin nicht deutlich genug ausgedrückt – was ich bezweifle – aber ich sage es trotzdem noch mal: Ich will dich hier nicht haben. Ich will nicht mit dir reden und schon gar nicht will ich, dass du in derselben Wohnung, geschweige denn im selben Zimmer wie ich wohnst. Daran wird kein Gespräch der Welt etwas ändern.“

Diese offene Feindseligkeit traf mich mehr, als ich mir selbst eingestehen wollte. Fast war ich versucht, meine Sachen zu packen und zu gehen, um nicht mehr Felix’ Abneigung ausgesetzt zu sein. Gleichzeitig regte sich die Wut in mir, die auch vorhin schon dazu geführt hatte, dass ich mir einfach genommen hatte, was ich wollte: Ebendieses Zimmer. Was fiel Felix ein, so mit mir zu sprechen? Was hatte ich ihm jemals getan? Ich war ein Mensch in einer verzweifelten Lage!

Trotz der neu erwachten Wut zwang ich mich zur Diplomatie: „Du kannst mich offensichtlich nicht leiden, okay. Ich finde dich gerade auch nicht wirklich sympathisch. Aber wir beide befinden uns in einer ähnlichen Situation: Wir brauchen eine Unterkunft, also könnten wir uns doch genauso gut arrangieren.“

„Nein.“

„Wieso denn nicht, verdammt noch mal?“

„Weil ich zuerst hier war. Es ist mein Zimmer, ich zahle Miete dafür. Du hast kein Recht, dich hier einzunisten!“

„Schön.“ Ich atmete tief ein und aus, bis ich mich ein wenig beruhigt hatte. Dann presste ich die folgenden Worte aus mir heraus: „Wahrscheinlich stimmt das.“

Felix sah mich abwartend an.

„Ich hatte das so auch nicht vor. Ich wollte mit dir reden und dir meine Situation erklären, aber dazu warst du ja nicht bereit.“ Ich merkte, wie ich wieder auf die vorwurfsvolle Schiene abdriftete und erinnerte mich an einen Artikel, den ich während meines zweisemestrigen Psychologiestudiums gelesen hatte: Konstruktives Streiten. Was hatte da noch drin gestanden? Richtig, man sollte immer von sich selbst ausgehen, dem anderen die eigene Sichtweise ruhig darlegen und Vorwürfe vermeiden. „Du hast Daniel und mich vorhin auf dem Flur gehört und weißt, was passiert ist. Mein Freund hat sich von mir getrennt und deshalb bin ich aus seiner Wohnung ausgezogen. Natürlich könnte ich mir ein Hotelzimmer nehmen, aber ich will ganz einfach nicht allein sein.“

Felix’ Mund verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. „Siehst du, hier ist der Unterschied zwischen uns beiden: Ich wäre gern allein, aber da ich momentan arbeitslos bin, kann ich mir kein Hotelzimmer leisten.“

„Warum suchst du dir dann keinen Nebenjob?“, rutschte es mir heraus.

Felix’ Miene sagte mir, dass ich einen großen Fehler gemacht hatte. Sein Blick wurde eiskalt. „Ich kann dich nicht loswerden, soviel ist mir klar. Wahrscheinlich würdest du mich noch anzeigen, wenn ich dich mit Gewalt vor die Tür setze.“

Das würde ich nicht. Trotzdem würde das eine hässliche Angelegenheit werden, da ich mich mit aller Kraft wehren würde. Daher begrüßte ich seine Befürchtung und hütete mich, ihn zu korrigieren.

„Ich muss dich also dulden“, fuhr er fort. „Aber dann sei wenigstens still und verschone mich mit deinen Pseudo-Problemchen. Die sind nicht so interessant wie du anscheinend denkst.“ Er drehte mir demonstrativ den Rücken zu.

Ich ballte meine Hände zu Fäusten, lockerte sie und ballte sie abermals. Eine weitere Erinnerung drängte sich in mein Bewusstsein. Nämlich daran, wie Daniel mich schon in der Schule gewarnt hatte, dass Felix extrem launisch sein konnte. Aber von einem derartigen Verhalten war ich nie Zeuge geworden. Schade eigentlich. Hätte ich schon damals diese Seite an Felix kennengelernt, hätte ich sicher nicht so lange für ihn geschwärmt. Was für eine Zeitverschwendung.

Ich warf seinem Rücken einen letzten Blick zu, dann wandte ich mich ab. Wenn Felix glaubte, mich mit solchem Verhalten aus seinem Zimmer ekeln zu können, hatte er sich sowas von getäuscht.

Kapitel 2

Bis zum Nachmittag schlug ich die Zeit mit Lesen tot. Schon nach einer Stunde waren meine Augen müde und es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Es handelte sich bei dem von mir ausgewählten Buch auch noch um einen trockenen Schinken über Designgeschichte. Der aber leider im Internet hoch gelobt und als Pflichtlektüre für jeden Design-Studenten gehandelt wurde. Also hatte ich mir das Buch vor einigen Tagen gekauft, um mich selbst zu testen. Wenn ich es über mich brachte, es zu lesen, würde ich mir selbst erlauben, mein neues Studium zu beginnen. Und ich hatte gestern Abend erfolgreich die erste Hälfte des 800-Seiten-Wälzers geschafft. Für mich der Beweis, dass ich dieses Studium wirklich wollte. Und der ausschlaggebende Punkt für die Entscheidung, die mich meine Beziehung gekostet hatte.

Also zwang ich mich, weiter zu lesen. Ich schaffte noch zwei Stunden, dann ging gar nichts mehr und ich holte stattdessen mein Notebook hervor, um Daniels WLAN zu testen. Es war passwortgeschützt. Ich verkniff mir erst einen Fluch, dann einen Seufzer, als ich wieder mein Buch zur Hand nahm.

Ich hatte gerade weitere zwei Stunden geschafft, als mir mein Körper durch eine fiese Hungerattacke in Erinnerung rief, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte.

Sollte ich es riskieren? Aber während ich die Küche nach etwas Essbarem durchforstete, könnte Felix das Zimmer von innen abriegeln. Doch was hatte ich für eine Wahl? Im Gegensatz zu mir hatte Felix bestimmt gefrühstückt und würde diesen Stellungskrieg länger durchhalten. Mein Magen knurrte laut und vernehmlich. Ich schielte zu Felix hinüber.

Der grinste.

Geschlagen stand ich vom Sofa auf. Die erste Runde ging an ihn. Aber das hieß noch lange nicht, dass er den Kampf gewonnen hatte.

Ich verließ das Zimmer und zog sogar die Tür hinter mir zu. Wo ich schon mal draußen war, konnte ich mich auch kurz mit Daniel unterhalten. Und was ich mit ihm zu besprechen hatte, ging Felix nun wirklich nichts an.

Noch bevor ich in die Küche ging, klopfte ich an Daniels Zimmertür. Ich musste ihn auch fragen, ob er mir ein paar Lebensmittel borgen konnte. Daran hatte ich nicht gedacht, als ich heute Morgen wahllos Sachen in meine Tasche geworfen hatte. Ach ja, und das Passwort fürs Internet wäre auch nicht schlecht.

Daniel reagierte nicht auf mein Klopfen. Ich versuchte es noch einmal. „Daniel, ich bin’s, Maja!“ Wieder nichts. War er gegangen? Es sah ganz danach aus. Dabei hatte ich die Haustür gar nicht gehört.

Ich versuchte, die Enttäuschung nicht zu sehr an mich herankommen zu lassen. Trotzdem: Warum ging er einfach? Hätte er sich nicht denken können, dass ich noch mal mit ihm reden wollte? Was konnte so wichtig sein? In die Uni ging er nur sporadisch und die Bar, in der er arbeitete, öffnete erst abends. Ich stöhnte unwillig, als mir der wahrscheinlichste Grund für seine Abwesenheit einfiel: Miri.

Ich schlurfte in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Es gab zwei Eier, ein bisschen Wurst, Milch, die Reste einer Paprika, einen Sixpack Bier, eine halbe Flasche Cola und eine Fertigsuppe – was hatte letztere überhaupt im Kühlschrank verloren?

Nach längerem Stöbern fand ich auch eine Pfanne, aber kein Öl. Doch es würde auch so gehen. Ich schlug die beiden Eier in die heiße Pfanne und verrührte sie zu Rührei. Dann schnitt ich noch Paprika und Wurst hinein. Während das Rührei briet, durchsuchte ich Daniels Zimmer nach dem Passwort für sein WLAN. Ich fand es auf den Boden der Schreibtisch-Schublade geklebt. Zumindest nahm ich an, dass die fünf wahllosen Wörter, die Daniel ohne weitere Erläuterungen auf diesen Zettel gekritzelt hatte, Passwörter waren. Und dass eines davon das des Internets war. Ich riss den Zettel ab und steckte ihn in meine Jeanstasche. Als ich in die Küche zurückkam, war das Ei gerade von flüssiger zu fester Form übergegangen. Ich nahm mir einen Löffel und aß direkt aus der Pfanne. Innerhalb einer halben Minute hatte ich alles hinunter geschlungen. Ich goss mir ein Glas Cola ein, trank einen Schluck und schüttete den Rest des abgestandenen Getränks weg.

Gesättigt und bereit, den Kampf wieder aufzunehmen, ging ich zurück zu Felix’ Zimmer. Vor der Tür blieb ich stehen. Als ich die Hand auf die Klinke legte, hielt ich den Atem an. War sie noch offen? Oder hatte Felix die Gelegenheit genutzt, sich zu verbarrikadieren? Meinen Rucksack und meine Tasche hatte er jedenfalls nicht auf den Flur hinausgeworfen, also standen meine Chancen gut.

Ich drückte die Klinke hinunter. Oder zumindest wollte ich das, doch sie bewegte sich nicht. Felix musste von innen etwas darunter geklemmt haben.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Was versprach er sich davon? „Denkst du allen Ernstes, dass ich ohne meine Sachen gehe?“, rief ich durch die Tür.

„Sieh nach draußen!“

Einen Moment lang dachte ich, er hätte mein Zeug einfach aus dem Fenster geworfen. Dann fiel mein Blick auf die Wohnungstür. Sie war nicht mehr zu, nur angelehnt.

„Das ist nicht dein Ernst“, flüsterte ich mehr zu mir selbst. Ich zog die Haustür auf und sah, dass es sehr wohl Felix’ Ernst war. Dort, mitten auf dem Fußabtreter vor der Haustür, lagen meine große Reisetasche und mein Rucksack. Der Reißverschluss der Tasche war noch offen. Felix hatte meine Kleidung, die ich vorher ausgeräumt hatte, willkürlich hineingestopft. Auch der Rucksack war nicht geschlossen. Als Felix ihn vor die Tür geworfen hatte, waren ein paar Bücher, mein Zeichenblock und mein Smartphone heraus gefallen. Die Sachen lagen weit verstreut auf den Fliesen.

Ich sank auf die Knie. Wie dumm ich doch war. Ich hatte allen Ernstes geglaubt, dass die Situation sich schon irgendwie klären würde, dass Felix und ich uns arrangieren könnten, wenn ich nur lange genug durchhielt.

Antriebslos wanderte mein Blick über meinen im Treppenhaus verstreut liegenden Besitz. Weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, griff ich nach meinem Smartphone. Es zeigte an, dass ich eine neue Nachricht erhalten hatte. Mein Herzschlag beschleunigte sich.

Doch sie war nur von Daniel: Falls du noch lebst: Ich bin bei Miri, wir haben Stress. Wird wohl spät werden.

Erschöpft legte ich mein Smartphone neben mich auf den Boden. Leon hatte sich nicht gemeldet. Und Daniel würde anscheinend die komplette Nacht wegbleiben.

Ich krabbelte auf allen Vieren zurück in den Wohnungsflur. Dort lehnte ich mich mit dem Rücken gegen die Wand und zog die Beine an. Ich spürte, wie Tränen hinter meinen Augen brannten und griff wieder zum Smartphone. Ich schrieb Elena eine Nachricht. Die einzige Person außer Daniel, mit der ich gerade reden wollte.

Wie lange arbeitest du heute?

Die Minuten zogen sich endlos hin. Mir wurde klar, dass Elena wahrscheinlich noch im Buchladen an der Kasse stand und ihr Smartphone nicht bei sich hatte. Da konnte ich lange aufs Display starren und auf eine Antwort warten.

Achtlos warf ich mein Smartphone zu den anderen Dingen im Treppenhaus. Sollte es doch jemand klauen. Das machte jetzt auch keinen Unterschied mehr. Mit dem Fuß schob ich die Wohnungstür zu. Sie fiel mit einem lauten Klicken ins Schloss.

Erschöpft legte ich meine Arme auf die Knie und bettete meinen Kopf darauf. Ich schloss die Augen. Was nun? Plötzlich hörte ich Schritte. Erst dachte ich, sie kämen vom Treppenhaus, dann realisierte ich, dass es Felix war. Im nächsten Moment ging quietschend seine Zimmertür auf.

Ich schaute hoch und direkt in Felix’ überraschtes Gesicht. Wir starrten uns an. Er mit der Hand an der Türklinke, ich auf dem Flurboden kauernd.

Dann ging er kommentarlos an mir vorbei und verschwand im Badezimmer.

Das war meine Chance! Ich könnte meine Sachen zusammenkramen und zurück in sein Zimmer flüchten. Meinem Verstand gefiel der Plan. Klar, dort war ich nicht willkommen. Aber ich war zumindest irgendwo. Doch mein Körper weigerte sich, mitzuspielen.

Da hörte ich auch schon die Toilettenspülung und anschließend den Wasserhahn. Die Badezimmertür ging auf und Felix trat auf den Flur. Diesmal sah ich ihn nicht an, denn mein Körper verweigerte mir mittlerweile sogar die Kontrolle über meine Halsmuskulatur. Ich sah aber aus den Augenwinkeln, dass er kurz im Flur stehen blieb. Dann ging er zurück in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. 

Es dauerte einen Moment, bis mir auffiel, dass etwas nicht stimmte. Und einen weiteren, bis mir klar wurde, was es war: Ich hatte Felix’ Zimmertür nicht zugehen gehört. Ich hob den Kopf und sah genauer hin. Tatsächlich: Die Tür war nur angelehnt. Unentschlossen starrte ich auf den schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen. Das war nie und nimmer ein Versehen gewesen. Felix hatte die Tür absichtlich offen gelassen.

„Hast du jetzt Mitleid oder was?“, rief ich trotzig in Richtung Türspalt.

„Mit dir? Mach dich nicht lächerlich.“ Ich hörte abermals seine Schritte.

Ohne nachzudenken sprang ich auf, hastete zur Tür und stieß sie auf.

Felix gefror in seinen Bewegungen. Anscheinend hatte er gerade nach der Klinke greifen und die Tür doch zudrücken wollen. Felix zeigte mir einen Vogel, machte kehrt und ließ sich auf sein Bett fallen.

Ich beäugte ihn misstrauisch, doch er hatte sich seine Zeitschrift zur Hand genommen und rührte sich nicht. Ich ließ die Tür sperrangelweit offen, zog die Haustür auf und verstaute in Rekordgeschwindigkeit meine Besitztümer wieder im Rucksack, den ich anschließend mitsamt der Reisetasche in Felix’ Zimmer zurückschleifte. Schwer atmend ließ ich mich aufs Sofa fallen. In diesem Augenblick piepte mein Smartphone. Ich fischte es aus meinem Rucksack und löste die Tastensperre. Eine Nachricht von Elena.

Tut mir leid, ich mach jetzt erst Pause. Hab heute Spätschicht bis halb neun. Gibt’s irgendwas Wichtiges?

Ich schielte zu Felix, der mir den Rücken zugewandt hatte.

Nichts Wichtiges. Wir sehen uns morgen auf der Arbeit.

Ich streckte mich auf dem Sofa aus, die Arme unter dem Kopf verschränkt. „Sag mal, was war das eigentlich für eine Arbeit, die du gekündigt hast?“

Ich bekam keine Antwort. Und obwohl ich damit gerechnet hatte, nervte es. „Du bist auch nie über die Pubertät hinausgekommen, oder?“

„Ich hätte dich einfach heulend draußen sitzen lassen sollen. Da reicht man jemandem den kleinen Finger und bekommt dafür den halben Arm abgebissen.“

„Ich hab nicht geheult!“

„Wenn du das sagst …“

„Das sage ich!“

„Schön, ich sag dir auch was: Entweder, du hältst endlich die Klappe oder das nächste Mal, wenn du das Zimmer verlässt, fliegen deine Sachen wieder raus. Diesmal durchs Fenster. Und dann bleibt die Tür zu, ob du dir nun die Augen aus dem Kopf heulst oder dich in der Badewanne zu ertränken versuchst.“

„Arschloch“, murmelte ich.

„Das hab ich gehört.“

Ich erwiderte nichts.

Ich probierte die Passwörter aus Daniels Schreibtischschublade nacheinander durch. Das vierte war endlich das richtige. So verbrachte ich den Rest des Abends mit Internetrecherche. An den meisten Kunsthochschulen konnte man sich nur zum Wintersemester bewerben. Es war Januar. Bis Oktober darauf zu warten, die Erfüllung meines Traums anzugehen, war vollkommen inakzeptabel. Andererseits gab es vor meiner Bewerbung auch noch einiges zu klären, zum Beispiel, in welche Richtung mein Studium genau gehen sollte. Darüber hatte ich mir bisher keine Gedanken gemacht. Ich wusste nur, dass ich etwas mit Kunst und Gestaltung machen wollte. Von Mediendesign, Produktgestaltung oder Industriedesign, und wie sich die Richtungen voneinander unterschieden, hatte ich keine Ahnung. Also vielleicht doch erst zum Wintersemester bewerben und mich bis dahin genau informieren? In der Zeit könnte ich auch ein Praktikum machen, das wäre sicherlich auch hilfreich, um herauszufinden, in welche Richtung ich gehen wollte. Außerdem musste man bei vielen künstlerischen Studiengängen eine eigene Mappe bei der Bewerbung vorzeigen. Ich hatte noch nicht einmal mit einer solchen angefangen und wusste auch gar nicht genau, wie man so etwas anging. Klar könnte ich einige meiner karikaturartigen Momentzeichnungen dafür verwenden, ich besaß sogar ein paar Comics, die ich in diesem Stil gefertigt hatte. Aber ich fürchtete, dass das nicht reichen würde.

Gegen elf Uhr schaltete ich frustriert mein Notebook aus. Irgendwie hatte ich mir alles einfacher vorgestellt. Ich wollte neu anfangen, etwas machen, das mich interessierte. Am besten sofort. Und mich nicht erst durch fünfzigtausend Internetseiten wühlen.

Als ich es mir im Halblicht von Felix’ Nachttischlampe in meinem provisorischen Bett gemütlich gemacht hatte und die Augen schloss, rechnete ich aus, wie alt ich wäre, wenn ich meinen Abschluss machte. Vorher hatte ich mir nie Sorgen darum gemacht, dass ich möglicherweise zu alt sein könnte, um etwas Neues anzufangen. Da hatte Leon wirklich ganze Arbeit geleistet. Aber das hätte er wohl gerne, dass ich hier lag und darüber nachgrübelte, ob er nicht doch Recht hatte.

Mein Smartphone-Wecker riss mich um halb acht aus dem Schlaf. Ich öffnete die Augen und wusste nicht, wo ich war. Doch noch bevor die Erinnerungen an gestern zurückkehrten, sah ich aus den Augenwinkeln, wie eine Gestalt aus dem Bett auf der anderen Seite des Raumes hochschoss und kerzengerade sitzen blieb.

Ich starrte Felix erschrocken an. Dann prustete ich los.

Mein Zimmergenosse blinzelte verwirrt. Es dauerte mehrere Momente bis sich sein Blick schließlich klärte. „Haha, ich lach mich tot! Machst du jetzt vielleicht mal den scheiß Wecker aus?“

Ich fand die richtige Taste und strahlte Felix an. Das verstand ich unter einem guten Start in den Tag.

Felix pellte sich aus dem Bett und schlurfte zur Zimmertür. Ich musterte sein Schlafoutfit, das aus einem hellblauen T-Shirt und schwarzen Boxershorts bestand. Jetzt sah ich zum ersten Mal die Armmuskeln, die gestern noch unter den langen Ärmeln versteckt gewesen wären. Was für eine Art von Sport er wohl trieb? Denn dass er sich körperlich betätigte, sah man sowohl seinem Bizeps als auch seinen Beinen an. Nur mit Mühe widerstand ich dem Drang, ihm hinterher zu pfeifen. Einer von uns beiden hätte das mit Sicherheit nicht überlebt.

„Ist doch geisteskrank, um diese Uhrzeit gute Laune zu haben“, hörte ich Felix noch murmeln, bevor er die Zimmertür hinter sich zuknallte.

Ich gähnte und streckte mich, dann erhob ich mich vom Sofa und sah an mir herunter. Weil ich gestern Abend weder Lust gehabt hatte, mich hier im Zimmer vor Felix’ Blicken umzuziehen, noch, das Zimmer zu verlassen und das Risiko einzugehen, einmal mehr vor einer verschlossenen Tür zu stehen, hatte ich in meiner Jeans geschlafen. Das war wider Erwarten gar nicht so unbequem gewesen. Sogar der Grad der Jeansverknitterung hielt sich in Grenzen. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, sie einfach anzubehalten. Im nächsten Moment hatte ich die entsetzte Stimme meiner Chefin im Ohr, die stets darauf pochte, dass wir als Verkäuferinnen das Aushängeschild des Ladens seien. Seltsam nur, dass Patrick, unser Auszubildender, wegen seiner Kleidung nie etwas zu hören bekam und sich wahrscheinlich sogar im Unterhemd hinter die Kasse stellen dürfte. Aber Patrick war schließlich jung und gutaussehend und unsere Chefin Frau Schneider, so banal es klang, eine von ihrer Ehe und der Welt frustrierte Frau.

Ich wühlte in meiner Reisetasche nach einer durchsichtigen Strumpfhose und dem rot-weiß karierten Rock. Perfekt. Frau Schneider würde nichts dagegen sagen können und trotzdem war der Aufzug nicht so spießig, dass ich mich hinter der Kasse ducken müsste, wenn mir bekannte Gesichter im Laden begegneten.

Ich zog noch die obligatorische weiße Bluse hervor, dazu frische Unterwäsche und Socken, sowie meinen Kosmetikbeutel und machte mich auf den Weg zum Bad. Die Tür war verschlossen. Genervt hämmerte ich dagegen. „Bist du auf dem Klo eingeschlafen? Ich muss zur Arbeit!“

Ich hörte ein Poltern und einen nicht jugendfreien Fluch. Die Tür öffnete sich und Felix rauschte an mir vorbei.

„Sag bloß, ich hatte recht!“

„Selbst wenn ich um diese Uhrzeit Lust hätte, mit jemandem zu sprechen, wärst du sicher die letzte!“

„Du warst auch schon mal schlagfertiger.“

Felix knallte seine Zimmertür hinter sich zu.

Ich grinste. Der Morgen wurde besser und besser. Vor allem, als ich das Badezimmer betrat und mir der heruntergerissene Duschvorhang ins Auge sprang. Ich sah das Szenario vor mir: Wie Felix sich im Halbschlaf auf dem Wannenrand niederließ und einnickte, bis ich ihn mit meinem Klopfen weckte und er vor Schreck in die Wanne fiel. Das würde ich ihm heute Abend noch mal aufs Butterbrot schmieren. Es gab schließlich nichts Schöneres, als etwas zu haben, worauf man sich nach der Arbeit freuen konnte.

Obwohl ich pünktlich aufgestanden war, vertrödelte ich mich – wie so oft – im Bad. Nach ausgiebigem Duschen, Schminken und Nicht-Entscheiden-Können zwischen offenen Haaren und hochgebundenen, war es plötzlich schon halb neun und ich hatte nicht mal mehr Zeit für einen Kaffee. Ich warf schnell die Sachen, in denen ich geschlafen hatte, aufs Sofa, wühlte meine Handtasche aus dem Rucksack hervor und verstaute mein Smartphone darin.

Felix rührte sich nicht. Er hatte mir den Rücken zugewandt und schien wieder tief und fest zu schlafen.

Auf dem Weg zur Arbeit verdrängte ich die hochkommenden Gedanken an Leon. Ein Blick auf mein Smartphone zeigte mir, dass er sich noch immer nicht gemeldet hatte.

Ich tat mein Bestes, an andere Dinge zu denken. Zum Beispiel musste ich mich bald entscheiden, ob ich mein Jurastudium sofort abbrechen oder es weiterführen wollte, bis ich im Oktober mit dem Designstudium begann. Ich neigte spontan dazu, es einfach abzubrechen. Was brachte es mir, weiter trockene Paragraphen auswendig zu lernen, wenn ich mir jetzt schon sicher war, dass ich bald etwas Anderes machen wollte? Komplette Zeitverschwendung. Ein halbes Jahr ohne Studium dagegen reizte mich enorm, da eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten. Was ich nicht alles tun könnte! Nur fiel mir in diesem Moment leider nichts ein, was ich tatsächlich tun wollte. Aber das war sicher nur eine Frage der Zeit. Zum Beispiel könnte ich ins Ausland gehen. Einige meiner Freunde hatten das direkt nach dem Abitur gemacht. Mit dem Working Holiday Visum nach Kanada oder Australien. Das war jedenfalls sinnvoller, als mich hier weiter durchs Jurastudium zu quälen. Doch wenn ich ehrlich war, löste auch die Vorstellung eines Auslandsaufenthaltes keine richtige Begeisterung bei mir aus. Oder doch ein Praktikum, vielleicht irgendwas mit Mediengestaltung. Aber wo fand man solche Praktikumsplätze?

Zum Glück hatte ich in diesem Moment das Einkaufszentrum erreicht und konnte die Nachdenkerei auf später verschieben. Ich warf einen kurzen Blick auf meine Armbanduhr. Fünf Minuten vor neun. Leider ging meine Uhr erfahrungsgemäß ein paar Minuten nach.

Ich beschleunigte meine Schritte und erreichte um eine Minute vor neun den Buchladen, in dem ich arbeitete. Um Punkt neun passierte ich die Tür, die zum Personalbereich führte.

Erleichtert atmete ich aus und verstaute Jacke und Tasche in meinem Spind. Ich klippte mir mein Namensschildchen an die Bluse und wollte gerade den Kundenbereich betreten, als die Tür von außen aufgestoßen wurde und mir fast ins Gesicht schlug. Ich sprang erschrocken einen Schritt zurück.

„Sie sind schon wieder zu spät, Maja.“

Ich starrte in das solariumgebräunte Gesicht meiner Chefin und fragte mich zum wiederholten Male, wer ihr eigentlich erlaubt hatte, mich beim Vornamen zu nennen. „Bin ich nicht“, behauptete ich mit falscher Sicherheit. „Um Punkt neun war ich hier.“

Frau Schneider legte den Kopf schief, so dass ihre kurzen, dunklen, zur Igelfrisur gegeelten Haare leicht mitwippten. „Da um neun unser Geschäft öffnet und Sie durch den Vordereingang gekommen sind, bedeutet das, dass Sie zur Geschäftsöffnung nicht anwesend waren. Genau das ist aber Sinn und Zweck Ihrer Frühschicht. Es geht darum, dass schon bei der Öffnung pro Stockwerk zwei Verkäufer bereit stehen, damit einer von ihnen an der Kasse bleiben und der andere die Regale auffüllen kann. Und ich bin mir sicher, dass ich Ihnen diesen Sachverhalt bereits mehr als einmal erläutert habe.“

Ich verkniff es mir, sie darauf hinzuweisen, dass in der ersten Stunde nach Ladenöffnung meist so wenig los war, dass eine Person sowohl Regalbestückung als auch Abkassieren locker unter einen Hut bekam. Stattdessen nickte ich brav. „Es tut mir leid.“

„Gut, und jetzt an die Arbeit.“ Ich war bereits im Begriff, mich umzudrehen, als Frau Schneider noch einmal das Wort ergriff: „Was ich fast vergessen hätte: Ihr Rock entspricht nicht gerade dem Geschmack der allgemeinen Bevölkerung. Nächstes Mal etwas dezenter, ja?“ Damit verließ sie den Personalbereich.

Ich wartete, bis die Tür zugefallen war, dann zog ich eine Grimasse. Das half wenigstens ein bisschen. Dann folgte ich meiner Chefin in den Kundenbereich. Ich winkte Patrick zu, der hier im ersten Stock die bis jetzt kundenlose Kasse übernommen hatte. Frau Schneider bewegte sich zielstrebig auf ihn zu und obwohl sie ihm gegenüber stets freundlich war, so wusste ich doch, dass auch er die Gespräche mit ihr keineswegs genoss.

Ich steuerte auf die Treppe zu, die zum Erdgeschoss führte, wo vor allem die aktuellen Bestseller und Krimis in den Regalen standen. Schon nach der Hälfte der Stufen konnte ich Elena ausmachen. Sie stand mitten im Laden und diskutierte mit einem Kunden. Sie hatte ihr geduldigstes Lächeln aufgesetzt. Doch an der Art, wie sie eine Strähne ihrer langen, schwarzbraunen Haare um den Zeigefinger zwirbelte, merkte ich, dass der Kunde einer von denen war, die mir regelmäßig den letzten Nerv raubten. Doch Elena verfügte über eiserne Selbstkontrolle.

Ich näherte mich den beiden, neugierig, wo das Problem lag. Doch kaum war ich in Hörweite, drehte sich der Kunde plötzlich abrupt um und verließ das Geschäft. Ich hörte meine Freundin aufseufzen. Ihre mit Lidstrich und viel Wimperntusche betonten braunen Augen richteten sich gen Decke, als betete sie, heute vor weiteren solchen Kunden verschont zu bleiben.

„Schlechter Start in den Tag?“

Elena lächelte mir entgegen.

Sofort fühlte ich mich besser.

„Ich weiß nicht, warum die Problemkunden sich immer mich aussuchen.“

„Du wirkst eben kompetent. Perfektes Make-up, perfektes Outfit. Du hast die Ausstrahlung einer Bankkauffrau. Vielleicht solltest du eine Umschulung machen. Ich würde jedenfalls sofort einen Bausparvertrag bei dir unterschreiben.“

„Hör doch auf.“ Sie grinste. „Schöner Rock übrigens.“

„Danke.“ Ich strahlte. Wir schlenderten Richtung Kasse, wo ein Kunde stand und in 2-Sekunden-Intervallen ungeduldig zu uns herüber blickte.

„Der hat aber Frau Schneider nicht gefallen, oder?“

„Woher weißt du das?“

„Na ja …“ Elena, die ihre Kasse bereits angemeldet hatte, scannte das Buch des Kunden, der sie mit einem giftigen Blick bedachte. „Wurde ja auch Zeit“, sagte er und rückte mit gewichtiger Miene seine Krawatte zurecht.

„Der Rock ist doch wirklich nicht übertrieben“, protestierte ich.

„Na ja …“, wiederholte Elena.

„Vielleicht könnten Sie Ihren Kaffeeklatsch auf die Pause verschieben? Es gibt Leute, die zur Arbeit müssen.“ Der Kunde wedelte mit seinem 20-Euro-Schein vor Elenas Nase herum.

„Muss ja eine extrem wichtige Position sein, wenn man um halb zehn vormittags noch Zeit zum Shoppen hat“, flüsterte ich. „Da will ich auch arbeiten.“

Elena presste die Lippen zusammen und schob das verkaufte Buch samt Kassenbon in eine Plastiktüte. „Schönen Tag noch“, presste sie hervor, doch konnte sich ein Kichern nicht ganz verkneifen.

Mit rotem Kopf rauschte der Kunde ab.

Elena schlug mir auf den Oberarm. „Keine Witze, während ich abkassiere! Die Schneider hat es schon auf dich abgesehen, da soll sie mich nicht auch noch auf ihre Liste setzen!“

„Danke auch. Schön, wie wir zusammen durch dick und dünn gehen. Wie Hanni und Nanni.“

„Ach komm, dieses Freundschaftsideal ist doch komplett veraltet. Heute hat man Nutz-Freundschaften.“

„Wo hast du das schon wieder her? Bild-Zeitung? Frauentausch?“

„Meine Mutter.“

„Oh.“ Mir schwante Böses. „Hat sie dich besucht?“

„Übers Wochenende. Es war die Hölle.“

„Halten Sie Elena schon wieder von der Arbeit ab, Maja?“ Wie aus einem Staubkorn gewachsen, stand plötzlich Frau Schneider vor mir. „Wenn das so weiter geht, kann ich Sie beide nicht mehr zusammen zum Arbeiten einteilen. Und jetzt hopp hopp, füllen Sie die Regale auf. Na los!“

Mit einem letzten gequälten Blick in Elenas Richtung machte ich mich auf den Weg ins Lager.

Während meines restlichen Arbeitstages hatte ich keine Gelegenheit mehr, mit Elena zu reden. Nachdem ich die Regale aufgefüllt hatte, war es schon nach elf und der Kundenansturm so groß, dass keine Zeit zum Plaudern blieb. Die Pause machte jede von uns allein, damit die andere sich zusammen mit der Verstärkung von der Spätschicht, die mittlerweile eingetroffen war, um die Kasse kümmern konnte.

Als wir um vier Uhr nachmittags endlich Feierabend hatten, setzten wir uns noch in das Café, das sich direkt gegenüber des Buchladens befand.

„Deine Mutter war also da?“

Elena grinste mich über die Tasse ihres Milchkaffees hinweg an. „Ach komm, du willst mir doch schon den ganzen Tag was erzählen. Meine Mutter kann warten.“

Ich nickte und verstärkte den Griff um meine Kaffeetasse. Wo sollte ich anfangen? „Leon hat gestern mit mir Schluss gemacht.“

Elenas Mund öffnete sich und verharrte unelegant in dieser Position.

„Ich bin zu Daniel, aber das zweite Zimmer war schon an meinen ehemaligen Mitschüler vergeben und jetzt wohnen wir zusammen in diesem Zimmer.“ Ich überlegte kurz, ob es noch etwas hinzuzufügen gab. „Mein Mitbewohner hasst mich.“

„Oh … warte mal, der Reihe nach.“ Elena brauchte sichtlich einen Moment, um sich zu sortieren. „Wieso hat Leon mit dir Schluss gemacht?“

„Weil ich Jura abbrechen und stattdessen Design studieren will.“

„Mistkerl!“, rutschte es Elena raus. „Aber so was passt zu ihm.“

„Findest du?“, fragte ich perplex.

Elena nickte ernst. „Tut mir leid, aber jetzt kann ich es ja sagen: Leon hat einen dermaßen begrenzten Horizont, dass er nicht mal die Schrankwand hinter seinen Aktenordnern sehen kann. Er hat sein Leben schon vor langer Zeit durchgeplant und da passt jemand, der so spontan ist wie du, einfach nicht rein.“

„So simpel ist das?“ Plötzlich war ich wütend. Nicht nur auf Leon, sondern auch auf Elena, die meine jahrelange Beziehung so bagatellisierte.

„Sicher nicht. Leon hat dich bestimmt geliebt, sonst wäre er ja nicht mit dir zusammen gewesen. So kalt schätze ich ihn dann doch nicht ein. Aber wenn man so genaue Vorstellungen hat wie er, und man immer mehr merkt, dass die Freundin nicht so ist, wie man sie gerne hätte, verfliegen die Gefühle mit der Zeit. So ähnlich war es bei mir und Alejandro auch, weißt du noch?“

Widerwillig ließ ich mich auf Elenas Gedankengang ein. „Dein Spanier, den du unbedingt heiraten wolltest?“

„Genau der.“

Ich dachte an den Tag vor zwei Jahren zurück, als ich Elena das erste und einzige Mal völlig aufgelöst erlebt hatte. Plötzlich stand sie bei mir vor der Tür, klitschnass, weil sie Mitten im April keinen Schirm dabei gehabt hatte. So etwas passierte ihr sonst nie. Man konnte ihren schwarzen BH durch den nassen weißen Blazer sehen. Das durch die Feuchtigkeit pechschwarz wirkende Haar hatte seine natürliche Lockenform angenommen und die vormals weißen Riemchensandalen waren dreckig-braun verfärbt.

„Hast du …?“, fragte ich, doch Elena wischte meine Frage mit einer unwirschen Handbewegung weg.

„Ich hab nicht geheult. Das war der Regen.“

„Was ist passiert?“

„Ich habe mich von Alejandro getrennt.“

Ich konnte sie damals nur anstarren. Alejandro war der Mann ihres Lebens, das hatte sie immer wieder gesagt. Seit dem Tag, an dem sie zusammengekommen waren, hatte Elena Pläne vom Zusammenziehen und Heiraten geschmiedet.

„Wieso?“, hatte ich herausgebracht.

„Dieses ständige Hin und Her. Ich hab einfach keine Lust mehr. Erst will er mit mir zusammenziehen und wir schauen uns gemeinsam Wohnungen an. Dann ist ihm plötzlich alles zu viel und er sagt, er braucht noch Zeit. Wir passen einfach nicht zusammen.“

Das hatte sie auch in der Zeit danach immer wieder gesagt, wenn die Sprache auf Alejandro kam: Wir passten nicht zusammen.

Jetzt grinste mich Elena an, doch auf mich wirkte es traurig und reuevoll. „Leons Verhalten erinnert mich ein bisschen an mein eigenes damals. Ich habe so viele Erwartungen an Alejandro gestellt und als er sie nicht erfüllen konnte, habe ich Schluss gemacht. Ich dachte, er wäre einfach nicht der Richtige.“

Ich lauschte ihr schweigend, doch eigentlich gefiel mir die Richtung nicht, die unser Gespräch genommen hatte. Ich wollte nicht hören, dass Elena Leon verstand, wollte nicht, dass sie ihn analysierte und mir das Gefühl gab, dass sie meinen Freund besser kannte als ich selbst.

Elena schien von meinem Unwillen nichts mitzubekommen oder sie ging einfach darüber hinweg und fuhr fort: „Ein paar Monate später habe ich meine Entscheidung dann bitter bereut. Habe verstanden, dass nicht Alejandro das Problem war, sondern ich. Doch da war es bereits zu spät, er wollte mich nicht zurück. Daran hatte ich lange zu knabbern. Aber ich habe auch daraus gelernt und versuche jetzt bei Steffen, nicht den gleichen Fehler zu machen. Wann immer mich etwas aufregt, wann immer ich unzufrieden mit ihm bin, denke ich an Alejandro und sage mir, dass Steffen eben so ist, wie er ist. Und dass ich nicht das Recht habe, ihn zu ändern, nur damit er mir besser in den Kram passt.“

„Glaubst du wirklich, dass das immer so sein muss? Dass es nicht auch Menschen gibt, die einfach gut zusammenpassen und sich so verstehen, wie sie sind?“

„Idealistin.“ Elena grinste und ich grinste zurück.

Aber insgeheim dachte ich, dass die Reibereien in ihrer Beziehung diesmal nicht Elenas Schuld waren. Sondern die ihres Freundes Steffen, mit dem sie seit sechs Monaten zusammenwohnte. Nach allem, was sie mir bisher über ihn erzählt hatte, konnte er ein echter Kotzbrocken sein. Und die paar Mal, die ich ihm begegnet war, hatte er auch nicht gerade als Freund des Jahres geglänzt.

„Irgendwann wird Leon auch auffallen, dass er sich die perfekte Freundin nicht backen kann“, sagte Elena mit ernster Miene. „Aber dann bist du hoffentlich nicht so blöd, ihn zurückzunehmen.“

„So weit wird es nicht kommen“, entgegnete ich und konnte nicht verhindern, dass sich tiefe Verzweiflung in meine Stimme mischte. „Er hat sich bis jetzt noch nicht bei mir gemeldet und wird es sicher auch nicht. Er liebt mich nicht mehr.“ Ich zog die Nase hoch.

Elena hielt mir kommentarlos ein Taschentuch hin, das ich dankbar annahm. Nachdem ich meine feuchten Augen getrocknet hatte und meiner Stimme wieder zutraute, normal zu funktionieren, sagte ich: „Es kam alles so plötzlich. Bin ich denn irgendwie emotional beeinträchtigt, dass ich nicht gemerkt habe, dass er mich nicht mehr liebt? Beziehungsweise, dass er mich nur weiter liebt, wenn ich seinen Erwartungen folge? Wie kann man denn nicht merken, dass der eigene Freund, mit dem man sein Leben teilt, so berechnend ist?“

„Vergiss ihn“, sagte Elena lapidar. „Lösch seine Nummer, dann kommst du wenigstens nicht in die Versuchung, ihn anzurufen. Und block ihn bei Facebook. Versuch, nicht mehr an ihn zu denken. Es bringt gar nichts, dich ständig zu fragen, was seine genauen Beweggründe waren, wann er seine Liebe für dich verloren hat, und so weiter. Du wirst auf all diese Fragen keine Antworten finden. Er ist ein Arsch, fertig. Hast du eigentlich noch Sachen in seiner Wohnung?“

Wieder regte sich Wut in mir, diesmal ausschließlich auf Elena. Einfach nicht mehr an Leon denken? Die Sache abhaken und mein Leben weiterleben? Da machte es sich jemand aber wirklich einfach!

„Maja, ich weiß, dass es schwer ist“, sagte meine Freundin, die anscheinend meinen Stimmungsumschwung bemerkt hatte. „Aber irgendwie musst du doch weiter machen. Ist es da nicht besser, stark zu sein und den Mistkerl auszublenden, als wegen ihm heulend und schokoladefutternd in einer Ecke zu hocken?“

„Du hast ja recht“, gab ich widerwillig zu.

„Also, hast du noch Sachen bei ihm in der Wohnung?“

Ich nickte. „Zum Glück keine Möbel, nur ein paar Umzugskisten, die ich gestern schon gepackt habe.“

„Hast du noch den Wohnungsschlüssel?“

„Ja“, sagte ich erschrocken. Das hatte ich vollkommen vergessen.

Elena streckte fordernd die Hand aus. „Gib ihn mir. Ich nehme Steffen mit und erledige das.“

„Danke.“ Ich händigte ihr den Schlüsselbund mit Haus-, Wohnungs- und Briefkastenschlüssel aus. Gleichzeitig fiel mir ein, dass ich gar keinen Schlüssel zu Daniels Wohnung besaß. Hoffentlich war Felix nachher zu Hause. Und hoffentlich machte er mir auf, wenn ich klingelte. Ob ich mich lieber gleich als Postbotin ausgeben sollte?

„Von jetzt an konzentrierst du dich auf die wichtigen Dinge in deinem Leben. Auf dein neues Studium zum Beispiel und … was ist eigentlich mit diesem Kerl, mit dem du dein Zimmer teilst?“

„Hab ich doch gesagt: Der hasst mich.“

„Komm, jetzt übertreibst du doch.“

„Er hat meine Sachen ins Treppenhaus geworfen und das Zimmer von innen verriegelt, als ich mir in der Küche Rührei gemacht habe.“

„Oh.“

„Genau.“

„Klingt nicht wie jemand, mit dem man unbedingt in demselben Zimmer wohnen will.“

„Kein bisschen. Und das schlimmste ist, dass ich ihn noch von früher kenne. Er ist mein ehemaliger Mitschüler und ein Freund von Daniel. Erst habe ich mich sogar gefreut, ihn wieder zu sehen. Unglaublich, was die Zeit aus Menschen machen kann! Früher war er ganz anders.“

Elenas Augen begannen zu glänzen. „Du warst in ihn verschossen?“

Ertappt nickte ich. „Wie gesagt, erst habe ich mich gefreut, ihn zu sehen. Aber dann hat sich rausgestellt, dass er mittlerweile total launisch und arrogant ist. Ein einziger Tag hat genügt, dass ich jemandem, in den ich ewig verliebt war, am liebsten Zyankali in die Zahnpastatube füllen würde.“

„Und wieso wohnst du dann mit ihm zusammen?“

„Weil ich nirgendwo anders hin kann, außer in ein Hotel.“

„Dann kommst du mit zu mir. Komm, wir holen sofort deine Sachen.“ Sie war bereits im Begriff aufzustehen, als ich sie zurückhielt.

„Das ist lieb gemeint, aber du und Steffen habt auch nur anderthalb Zimmer. Da pass ich wirklich nicht mit rein.“

Elena wollte widersprechen, doch ich war schneller: „Außerdem geht es ums Prinzip. Felix soll nicht gewinnen. Du hättest ihn gestern sehen sollen. So geht man mit keinem anderen Menschen um, punkt! Er soll mit diesem kindischen Verhalten nicht auch noch Erfolg haben.“

„Bist du sicher? Hört sich wie ein echter Kampf an. Willst du dir das in deiner jetzigen Situation wirklich antun?“

„Das wird halb so schlimm. Wir waren gestern immerhin schon so weit, dass Felix mich nicht mehr ausgesperrt hat. Irgendwie … keine Ahnung, aber die ganze Sache lenkt mich wenigstens ab. Es ist anstrengend und ich ärgere mich fast ununterbrochen über Felix, aber dafür denke ich nicht so oft an Leon.“

„Diesen Felix würde ich ja ganz gerne mal kennenlernen.“

Ich grinste bei dem Gedanken. „Wenn du und Steffen die Sachen aus Leons Wohnung geholt habt, kommt ihr einfach noch mit hoch. Felix wird im Achteck springen, wenn ich auch noch Besuch mit in unser Zimmer bringe.“

Kapitel 3

Als ich vor dem Haus stand, in dem sich Daniels WG befand, drückte ich mit einem mulmigen Gefühl auf die Klingel. Felix würde nicht aufmachen. Das wusste ich einfach.

„Hallo?“, kam es kratzig aus der Sprechanlage.

„Dani?“

„Maja! Mist, du hast ja gar keinen Schlüssel!“

Es summte und ich drückte die Tür auf.

Daniel wartete an der Türschwelle und umarmte mich, sobald ich die Wohnungstür erreicht hatte. „Tut mir leid wegen gestern. Oh mann, was für ein Tag. Warum passiert immer alles auf einmal?“

„Schon gut.“ Ich schob mich an ihm vorbei in die Wohnung. Als ich den Flur entlang ging, stoppte ich kurz vor Felix’ Zimmertür und lauschte. Es war nichts zu hören.

Nachdem Daniel sich mir gegenüber am Küchentisch niedergelassen hatte, nickte ich gen Flur. „Ist er da?“, fragte ich so leise wie möglich, denn die Küche besaß keine Tür, nur einen Trennvorhang.

Daniel zuckte mit den Achseln. „Ich bin selbst grad erst nach Hause gekommen. Hab ihn noch nicht gesehen.“

„Gut, dass du da warst. Er hätte mich bestimmt nicht rein gelassen.“

„Ich lass dir morgen einen Schlüssel machen. Versprochen.“

„Den brauche ich auch dringend“, sagte ich mit Nachdruck.

„Hallo? Ich hab mich doch schon entschuldigt.“

„Ist ja gut.“ Mir lag immer noch schwer im Magen, dass er gestern einfach verschwunden war. „Was ist denn los mit dir und Miri?“ Ich hatte sie erst einmal getroffen, aber der erste Eindruck war sehr positiv gewesen. Miri war eine hübsche, sehr lebhafte Frau. Und nach meiner ersten Einschätzung völlig unkompliziert. Genau wie Daniel. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, aus welchem Grund die beiden sich streiten könnten.

„Nicht der Rede wert.“ Daniel hatte die Kiefer aufeinander gepresst und schaute zur Seite.

Beinahe musste ich über seine klägliche Lüge lachen.

„Hast du was von Leon gehört?“

Mein Lächeln verging mir augenblicklich. „Nein.“

„Tut mir leid.“

„Kannst du ja nichts für.“

„Wie kam es denn überhaupt dazu?“

Ich seufzte lautlos und erzählte die ganze Geschichte noch einmal.

Daniel sah mich nur schweigend an. Ihm schienen die Worte zu fehlen.

„Aber weißt du was? Ich will mir einfach nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen. Ständig frage ich mich, ob er mit seiner Meinung über mich nicht doch recht hat. Das macht mich wahnsinnig.“

„Du bist wie du bist. Was sollte daran falsch sein?“

Irgendwie ärgerte es mich, dass Daniel nicht mehr als so eine blöde Floskel zu meiner Situation beizusteuern hatte. „Leon und Felix sind auch wie sie sind und daran ist eine Menge falsch.“

„Apropos.“ Anscheinend hatte Daniel nicht gemerkt, dass er mich mit seinem Kommentar verstimmt hatte, denn er grinste und wechselte das Thema: „Wie lief’s?“

„Wie lief was?“, stellte ich mich blöd.

„Na, die erste Nacht mit deinem Schulschwarm.“

Erschrocken langte ich quer über den Tisch und hielt ihm den Mund zu. „Wenn er das hört!“, zischte ich.

Daniel befreite sich lachend von meiner Hand. „Also?“

„Außerdem ist es sehr, sehr lange her, dass ich für ihn geschwärmt habe.“ Ich bemühte mich, meine Stimme so leise wie möglich zu halten.

„Wer’s glaubt. Immer, wenn sein Name gefallen ist, hast du ganz leuchtende Augen bekommen. Sogar, als du schon mit Leon zusammen warst.“

„Das stimmt nun wirklich nicht!“

„Doch. Und deshalb hab ich dir auch nie erzählt, dass ich noch Kontakt mit ihm hab.“

„Aber dass er bei dir eingezogen ist hättest du ruhig mal erwähnen können.“

„Damit du unter falschem Vorwand hier auftauchst und um sein Zimmer rumschleichst, nur darauf wartend, dass du ihn zu Gesicht bekommst?“

Ich sagte nichts. Das Dumme war, dass er möglicherweise recht hatte. „Wenn es dein Ziel war, meine dumme Schwärmerei zu ersticken, dann hast du genau das Falsche gemacht.“

„Sag nicht, du bist immer noch …“

„Nein! Das erkläre ich dir doch gerade. Ehrlich, wie kann man für den Kerl, der aus ihm geworden ist, noch schwärmen? Hättest du mir früher von deinem Kontakt zu ihm erzählt, hätte ich ihn früher wieder getroffen und früher bemerkt, was für ein Idiot aus ihm geworden ist.“

„Also keine kuschelige Nacht gehabt?“

„Wir haben es irgendwie geschafft, uns zu arrangieren. Von gelegentlichen Zickenattacken seinerseits mal abgesehen. Was gibt es da zu grinsen?“

„Gar nichts. Ich bedaure nur, dass ich so lange weg war. An eurer Tür zu lauschen hätte bestimmt viel Spaß gemacht.“

„Du hättest dich nur gelangweilt. Die meiste Zeit war es totenstill. Weißt du, warum er so bockig wird, wenn man ihn auf seine Arbeit anspricht?“

„Ich bin mir nicht sicher“, sagte Daniel ausweichend.

„Als was hat er gearbeitet?“, wiederholte ich die Frage, die gestern von Felix unbeantwortet geblieben war.

„Arzt.“

Mein Unterkiefer klappte auf.

„Na ja, aber noch nicht ganz fertig. Ich glaub, Assistenzarzt heißt das, wenn man frisch aus dem Studium kommt und sich noch in einem Fachbereich weiterbilden muss.“

„Felix hat Medizin studiert?“ Darauf wäre ich nie gekommen. Klar, er hatte immer gute Noten in der Schule gehabt, auch wenn ich seinen genauen Abiturdurchschnitt nicht kannte. Aber mir war er nie besonders ehrgeizig vorgekommen. Eher wie einer dieser beneidenswerten Menschen, denen der Erfolg zuzufliegen scheint. Soviel ich damals mitbekommen hatte, war er ständig mit Freunden unterwegs gewesen. Daheim am Schreibtisch sitzend und lernend hatte ich ihn mir nie vorgestellt.

„Ja, aber er hat sich ziemlich oft über das Studium beschwert.“

„Warum hat er es dann studiert?“

Daniel zuckte mit den Achseln. „Am Anfang wusste er wahrscheinlich noch nicht, dass es ihm so auf die Nerven gehen würde.“

„Wieso hat er dann nicht damit aufgehört, als es ihm klar wurde?“

„Sehe ich aus wie sein Therapeut? Ist ja nicht so, dass wir alle paar Tage telefoniert hätten. Er kam halt immer mal vorbei, wenn er in den Semesterferien hier war und seine Eltern besucht hat. Und da hat er meistens erzählt, dass ihm sein Studium zum Hals raushängt und er keine Lust auf die ganze Lernerei hat.“

Also schien ihm das Am-Schreibtisch-über-Büchern-Brüten tatsächlich nicht sonderlich zu liegen. Irgendwie fühlte es sich gut an, dass ich Felix nicht vollkommen falsch eingeschätzt hatte. „Ist doch blöd, oder? Etwas weiter zu studieren, wenn es einem nicht gefällt.“

Daniel war aufgestanden und machte sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. Er antwortete nicht.

„Andererseits … auch irgendwie bewundernswert, etwas so Schwieriges und Langwieriges wie ein Medizinstudium bis zum Ende durchzustehen, wenn es einem gar keinen Spaß macht. Ich könnte das nicht.“

„Deswegen bist du du und er ist er. Vielleicht vertragt ihr euch genau aus diesem Grund nicht.“ Die Kaffeemaschine begann, gluckernde Geräusche von sich zu geben und Daniel setzte sich wieder.

„Wieso sollte das der Grund sein? Bis eben hatte ich doch keine Ahnung von alldem und dass er so anders ist als ich. Und er weiß auch nicht, dass ich ganz andere Ansichten habe als er, er kennt mich doch gar nicht.“

„Er kennt dich nicht direkt.“

Ich sah ihn an. Die Geräusche der Kaffeemaschine kamen mir plötzlich unangenehm laut vor. „Kommt da jetzt noch eine Erklärung oder muss ich dich tatsächlich fragen, was du damit meinst?“

Gluck. Gluck. Gluck.

„Es kann sein, dass ich das ein oder andere Mal, wenn Felix hier zu Besuch war, von dir erzählt habe.“

Gluck. Gluck. Gluck.

„Und was hast du erzählt?“

„Was man eben Freunden so über andere Freunde erzählt. Interessante Neuigkeiten. So was wie: Du kennst doch noch Maja, oder? Die hat gerade ihre Ausbildung zur Arzthelferin abgebrochen und studiert jetzt Germanistik. Oder: Ja, ich hab auch gehört, dass das Psychologiestudium gar nicht so interessant sein soll, wie man denkt. Maja hat es nach zwei Semestern abgebrochen und stattdessen eine Ausbildung zur Erzieherin angefangen.

Endlich war der Kaffee durchgelaufen. Stille breitete sich in der Küche aus.

„Maja? Warum sagst du nichts mehr?“

„Ich brauche all meine Kraft, um nicht auf dich loszugehen und dich zu erwürgen.“

„Mich?“, quiekte Daniel. „Wieso denn?“

„Wieso?“ Ich erinnerte mich an Felix’ Zimmer, das nicht allzu weit entfernt lag, und senkte wieder die Stimme. „Weil du Schuld bist, dass Felix mich hasst. Deswegen!“

„Es ist ganz normal, dass man mit Freunden über andere Freunde redet!“

„Du hättest auch sagen können: Maja ist total motiviert und gibt in dem, was sie gerade macht, immer hundert Prozent. Oder: Maja macht sich richtig viele Gedanken um ihr Leben und um ihre Zukunft.

„So was will doch kein Mensch hören.“

„Du hast mich genauso hingestellt, wie Leon. So, als würde ich einfach aus Spaß oder Langeweile oder Arbeitsscheu ständig was Neues anfangen.“

„Woher sollte ich denn wissen, dass du und Felix euch jemals wieder begegnet?“

„Das ist doch gar nicht der Punkt!“ Den nächsten Satz flüsterte ich. „Was würdest du denn sagen, wenn ich der Frau, in die du verknallt bist, nur Schlechtes über dich erzählen würde?“

„Wenn sie zufällig deine Freundin wäre, würde ich jedenfalls nicht verlangen, dass du plötzlich ganz anders mit ihr umgehst.“ Daniel stand auf und goss zwei Tassen Kaffee ein.

„Das würdest du nicht mehr so locker sagen, wenn du gestern an meiner Stelle gewesen wärst.“ Ich nahm eine der Kaffeetassen entgegen.

„Im Nachhinein tut es mir leid. Aber ich konnte echt nicht ahnen, dass Felix seine Stelle kündigen und zu mir ziehen würde. Genau in derselben Woche, in der du von Leon verlassen wirst und auch hier einziehen willst.“

„Ist ja gut, ich verzeihe dir“, sagte ich großzügig. Vor allem aber war ich die Diskussion leid, die an der jetzigen Situation mit Felix auch nichts ändern würde. Zumindest aber hatte ich nun einen Anhaltspunkt, warum Felix so ein schlechtes Bild von mir hatte. „Ich werde ihn fragen. Das kann doch nicht sein, dass er mich nur hasst, weil er von dir ein paar nicht hundertprozentig positive Geschichten über mich gehört hat.“

„Und weil du dir die Mitbewohnerschaft in seinem Zimmer erzwungen hast?“

Diesen Einwand wischte ich mit einer Handbewegung zur Seite.

„Im Ernst, ich würde Felix lieber nicht darauf ansprechen“, riet Daniel.

„Weil …?“

„ … er mit dir im Allgemeinen und über das Thema Berufswahl im Besonderen nicht sprechen will?“

„Und ich soll jetzt deiner Meinung nach …?“

„ … zufrieden mit deinen neuen Erkenntnissen sein, möglichst schnell über Leon hinwegkommen und dir eine neue Bleibe suchen.“

Ich lehnte mich nachdenklich in meinem Stuhl zurück. „Klingt vernünftig.“

„Du magst mich also nicht, weil ich ein bisschen unentschlossen bei meiner Berufswahl bin?“ Ich unterdrückte den Reflex, mir erschrocken die Hand vor den Mund zu schlagen. Das hatte ich doch gar nicht sagen wollen. Aber diese Art, wie Felix schon wieder auf seinem Bett lag, das Gesicht von mir abgewandt, und vorgab, ein Buch zu lesen, zehrte an meinen Nerven. Dazu der Umstand, dass er die Tür zwar nicht abgesperrt hatte, mich aber, seit ich hereingekommen war, keines einzigen Blickes würdigte.

Ich wartete und wartete, doch bekam keine Antwort.

Wenn ich jetzt einfach den Mund hielt, wäre es beinahe, als hätte ich nie etwas gesagt. Ich bekam quasi die Chance, meinen Ausrutscher wieder rückgängig zu machen. „So hätte ich dich gar nicht eingeschätzt. Jemanden nur nach dem Hörensagen zu beurteilen ist ganz schön oberflächlich und ehrlich gesagt auch ein bisschen dumm.“ Manche Chancen waren wohl einfach dazu da, ungenutzt zu bleiben.

„Oberflächlich und dumm ist es, von Studium zu Ausbildung und zum nächsten Studium zu hüpfen, ohne sich jemals Gedanken zu machen, wo das enden soll!“ Felix war herumgefahren und starrte mich an. Die gestrige Kälte war aus seinen Augen gewichen und hatte heißem Zorn Platz gemacht.

Ich war so erschrocken, dass ich nicht mal über eine Erwiderung nachdenken konnte.

Felix hatte sich in Rage geredet. „Dein Leben ist schön einfach, oder? Wenn irgendwas gerade keinen Spaß mehr macht, wird eben etwas anderes angefangen. Wie ein Kind, das erst den 100-Euro-teuren Legobausatz haben will, aber wenn es den hat, lieber die Carrerabahn möchte. Aber leider bist du nicht mehr sechs!“

Als ich mich einigermaßen wieder gefangen hatte, sagte ich das erste, das mir in den Sinn kam: „Kann es sein, dass du neidisch bist?“

Felix sprang auf. Sein ganzer Körper schien unter Spannung zu stehen. „Sicher, ich beneide alle unsere ehemaligen Klassenkameraden, die jetzt immer noch im dritten Semester sind, weil sie fünfmal den Studiengang gewechselt haben. Und natürlich die, die sich vom Geld ihrer Eltern ein Auslandssemester spendieren lassen und das dann auf zwei Jahre ausdehnen. Ganz besonders beneide ich euch dafür, dass ihr in zehn Jahren immer noch auf der Stelle treten werdet!“

Instinktiv wich ich auf meinem Sofa zurück. Doch den Mund konnte ich nicht halten. „Ja, man merkt wirklich, wie zufrieden du mit deinem Leben bist.“

Felix schleuderte sein Buch quer durchs Zimmer. Mit einem dumpfen Knall krachte es gegen die Wand und fiel zu Boden.

Ich hatte reflexartig den Kopf eingezogen, obwohl Felix das Buch nicht mal in meine Richtung geworfen hatte. Als ich wieder aufblickte, sah ich gerade noch, wie er an mir vorbeistürmte.

Die Zimmertür knallte mit einem lauten Krachen zu.

Ich saß noch immer am selben Platz, starrte noch immer auf die geschlossene Tür, als Daniel wenig später seinen Kopf ins Zimmer steckte. „Lebst du noch?“

„Sehr witzig“, fauchte ich. „Lass dir mal einen neuen Spruch einfallen.“ Ich stand auf. Meine Beine zitterten.

„Das war eine durchaus ernst gemeinte Frage. Was ist denn passiert?“

Ich lehnte mich gegen die Lehne des Sofas, um meinen schwächelnden Beinen etwas Erholung zu gönnen. „Dein Freund hat einen Schaden.“

Daniel zog die Augenbrauen zusammen. „Maja …“, sagte er streng. Es fehlte nur noch der erhobene Zeigefinger, um das Bild perfekt zu machen. „Du konntest die Klappe nicht halten, oder?“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust.

„Und wo ist er jetzt?“

„Leider hat er mir seine weiteren Pläne für den Abend nicht mitgeteilt.“

„Das ist nicht lustig. Ich glaube, ich habe die Wohnungstür gehört.“

Ich rollte mit den Augen. „Oh nein, er hat die Wohnung verlassen. Ich hoffe, du hast ihm eingeschärft, nicht mit Fremden mitzugehen.“

„Maja!“

„Daniel.“ Ich stellte mich vor meinen Kindheitsfreund, legte ihm die Hände auf die Schultern und sah ihm fest in die schokobraunen Augen. „Felix ist erwachsen. Und ich bin mir fast sicher, dass er schon mal alleine draußen unterwegs war. Er wird es überleben.“

Gegen sieben bekam ich eine Nachricht von Elena.

Steffen hat heute keine Lust. Tut mir leid, wir holen deine Sachen morgen gegen Nachmittag.

Wenn da nicht mal wieder der Haussegen schief hing.

Kein Problem. Meld dich vorher einfach kurz, ich bin da.

Ich legte das Smartphone beiseite und versuchte, eine bequemere Sitzposition auf dem Küchenstuhl zu finden.

„Leon?“ Daniel schenkte mir Kaffee nach.

„Nein, Elena. Hast du Milch?“

„Hat er sich gar nicht mehr bei dir gemeldet? Ich dachte, du trinkst deinen Kaffee schwarz.“

„Nein, und ich habe nicht das Gefühl, dass er das noch tun wird. Ich trinke meinen Kaffee schwarz, wenn er schwarz genießbar ist.“

Daniel holte eine volle Milchpackung aus dem Kühlschrank und stellte sie mir hin.

„Elena und ihr Freund holen morgen meine restlichen Sachen aus Leons Wohnung. Kannst du das mit der Milch nicht machen? Ich hasse volle Packungen, da blubbt es immer so und danach hab ich den halben Kaffee auf dem Tisch.“

„Kleinkind.“ Daniel nahm meine Tasse in die eine, die Milchpackung in die andere Hand und goss ganz langsam etwas Milch in den Kaffee. Ganz ohne Blubb.

„Wie hast du das gemacht?“

„Das ist nicht schwer. Man braucht nur etwas Geduld. Die du nicht hast.“

„Bist du immer noch sauer, weil Felix weg ist?“

„Ich bin nicht sauer, nur besorgt.“

Ich öffnete den Mund, doch Daniel kam mir zuvor: „Ich weiß, dass er erwachsen ist. Aber er ist auch stur. Und er kann nirgendwo hin.“

„Dann muss er wohl zurückkommen und sich mit der Situation hier auseinandersetzen.“

„Wie gesagt: Er ist stur.“

Als ich gegen zwölf in mein Zimmer zurückkehrte um schlafen zu gehen, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen: Zuerst ging ich zu dem dunkelbraunen Holzkleiderschrank, an dem bereits der Lack abbröckelte. Ich zog die Türen auf und blickte auf leeren Stauraum. Auf der Kleiderstange, die sich durch den Schrankkörper zog, hingen mindestens zwanzig Bügel, die jedoch allesamt leer waren. Ich zog die dritte Tür des Kleiderschranks auf. Dieser Teil bestand aus Ablagefächern. Doch auch hier herrschte Leere, bis auf ein einziges Fach. Darin lagen zusammengeknüllte Kleidungsstücke, wahrscheinlich benutzte Wäsche.

Unglaublich. Felix hätte ja auch mal erwähnen können, dass neunzig Prozent des Kleiderschrankes leer standen.

Ich warf einen prüfenden Blick durchs Zimmer. Ein blauer Zipfel, der unter dem Bett hervorlugte, sprang mir ins Auge. Er gehörte zu einer großen, blauen Reisetasche.

Ich warf einen prüfenden Blick zur geschlossenen Zimmertür. Von Felix dabei erwischt zu werden, wie ich in seinen Sachen schnüffelte, war das absolut letzte, worauf ich heute Abend Lust hatte. Doch bis auf die gedämpfte Musik, die aus Daniels Zimmer drang, war es in der Wohnung still.

Ich zog die Reisetasche unter dem Bett hervor. Der Reißverschluss war offen. Obenauf lagen unordentlich gefaltete T-Shirts, Pullover, Jeans und andere Kleidungsstücke. Ich hob sie vorsichtig an, um zu sehen, ob sich am Boden der Tasche noch etwas anderes befand. Fehlanzeige. Auch in den beiden Seitentaschen fand ich nur Socken und Unterwäsche. Die ganze Tasche war voller Kleidung. Keine Bücher, keine anderen persönlichen Gegenstände. Gut, sein Smartphone und sein Portemonnaie trug er sicher in seiner Jacken- oder Hosentasche mit sich herum. Und ich meinte, gestern Abend auch einen iPod bei ihm gesehen zu haben. Der lag nicht auf dem Nachttisch, also hatte er ihn wahrscheinlich auch bei sich.

Mein Blick fiel auf eine zerknitterte Zeitschrift, die hinter der Matratze klemmte. Ich schob die Reisetasche wieder unters Bett und angelte mir das Magazin. Schon einen Moment später warf ich es enttäuscht zurück aufs Bett. Men’s Health. Ging es noch trivialer?

Ich trottete zum Sofa zurück, packte die Kleidungsstapel, die ich ringsherum aufgebaut hatte und räumte einen nach dem anderen in den Kleiderschrank. Zuletzt hing ich meine Hosen und Röcke auf die Bügel. Zufrieden betrachtete ich mein Werk. Ich hörte Felix’ Stimme schon in meinem Ohr, wenn er sah, dass ich den Schrank in Beschlag genommen hatte: „Ich nutze ihn zwar nicht, trotzdem ist es meiner. Schließlich war ich zuerst hier und zahle Miete.“ Oder so ähnlich. Wenn es möglich wäre, normal mit ihm zu sprechen, hätte ich ihm schon längst angeboten, die Hälfte seiner Miete zu übernehmen.

Ich sah auf die Uhr. Viertel vor eins. Ob Felix heute Nacht überhaupt heimkommen würde? Hatte Daniel mit seiner Sorge vielleicht doch nicht ganz Unrecht gehabt? Ach was. Wahrscheinlich schlief er bei irgendeinem anderen Freund. Am besten blieb er gleich dort, dann wären alle Probleme gelöst. Andererseits hatte er gesagt, dass er außer Daniel keine Freunde in der Stadt hatte.

Ich zog willkürlich das oberste T-Shirt aus dem Schrank und warf es auf das Sofa. Dann zog ich meine Bluse, meinen BH und meinen Rock aus. Die transparente Strumpfhose tauschte ich gegen eine schwarze Leggins, nur für den Fall, dass Felix heute Nacht doch noch heimkehrte. Nachdem ich mir das T-Shirt übergezogen hatte, legte ich mich unter meine Wolldecke. Ich drehte mich zur Seite und wollte gerade die Augen schließen, als mir ein Buch ins Auge fiel. Es lag nahe der Wand auf dem Boden, aufgeklappt, einige der Seiten umgeknickt. Das Buch, das Felix in seiner Wut gegen die Wand geworfen hatte.

Ich verließ mein provisorisches Bett und kniete mich vor dem Buch auf den Boden. Erwartungsvoll hob ich es auf und las den Titel. Mir entwich ein frustriertes Stöhnen. Ein stinknormaler Krimi. Ich pfefferte ihn dahin zurück, wo er gelegen hatte, machte das Licht aus und kuschelte mich wieder aufs Sofa. Jetzt war es endgültig offiziell: Es gab nichts in diesem Zimmer, das mir auch nur annähernd etwas mehr über den Menschen verriet, zu dem mein Schulschwarm geworden war. Er hatte so gut wie nichts außer Kleidung mitgenommen, als er Berlin verlassen hatte. Die Men’s Health und den Krimi hatte er sich wahrscheinlich am Bahnhof gekauft. Seltsamerweise heizte dieser Mangel an Informationen meine Neugier nur weiter an. Wenn er einfach heimkommen würde, so dass ich ihm all die Fragen, die sich in meinem Kopf geformt hatten, stellen konnte.

Mit offenen Augen stierte ich in die Dunkelheit. War da nicht gerade die Außenbeleuchtung des Hauses angegangen? Ich eilte ans Fenster. Nichts. Die Außenbeleuchtung war aus, nur einige Straßenlaternen erhellten die Umgebung. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

Als ich wieder auf dem Sofa lag, drehte ich mich entschlossen mit dem Rücken zum Fenster. Es konnte doch nicht sein, dass ich mich wegen Felix verrückt machte. Er war erwachsen. Er konnte auf sich selbst aufpassen. Und wenn er sonst keinen Ort hatte, wo er schlafen konnte, würde er wieder herkommen. So einfach war das.

Irgendwann fiel ich in einen unruhigen Schlaf. Kurz darauf schreckte ich wieder hoch, weil ich glaubte, die Türklingel gehört zu haben. Doch als ich den Hörer der Sprechanlage abnahm, meldete sich niemand. Ich horchte an Daniels Zimmertür, doch auch er rührte sich nicht. Wahrscheinlich hatte ich geträumt.

Danach hatte ich das Gefühl, stundenlang nicht wieder einschlafen zu können. Und als ich gegen halb neun von der Sonne, die ins Zimmer schien, geweckt wurde, war ich sicher, gerade erst weggedämmert zu sein. Mein erster Blick galt Felix’ Bett. Es war leer. Ich quälte mich hoch und schlurfte in die Küche. Doch Daniel schien noch zu schlafen. Kurz überlegte ich, ihn zu wecken, doch entschied mich dagegen. Stattdessen legte ich mich ebenfalls zurück in mein provisorisches Bett auf der Couch und schloss die Augen. Nach ein paar Minuten drehte ich mich auf die andere Seite. Dann wieder zurück. Schließlich stand ich auf. Nachdem ich die Kaffeemaschine angestellt hatte, machte ich mich im Bad fertig und zog mich an. Schließlich setzte ich mich an den Küchentisch und hoffte, dass das Geglucker der Kaffeemaschine Daniel aufwecken würde.

Es war kurz vor zehn, oder anders ausgedrückt, als ich gerade meine dritte Tasse Kaffee trank, dass ich endlich Schritte in Daniels Zimmer hörte. Kurz darauf kam er mit verwuschelten Haaren und nur in Boxershorts in die Küche.

„Kaffee?“, nuschelte er.

Ich schob ihm meine halbvolle Tasse hin.

Er trank sie im Stehen leer.

„Hast du was von Felix gehört?“ Eigentlich hatte ich warten wollen, bis wir zusammen beim Frühstück saßen, um dann ganz beiläufig diese Frage zu stellen. Doch ich konnte nicht warten.

„Ist er die ganze Nacht nicht heimgekommen?“

Ich schüttelte den Kopf.

Diese Information schien Daniel wacher zu machen, als die halbe Tasse Kaffee. „Warte, ich guck auf mein Smartphone.“ Er verschwand in sein Zimmer und rief kaum zwei Sekunden später: „Nichts!“ Kopfschüttelnd kam er zurück in die Küche. „Und jetzt?“

„Bist du sicher, dass er hier nicht doch irgendwo Freunde hat? Oder vielleicht ist er bei seinen Eltern.“

 „Immer, wenn er zeitweise in der Stadt war, kam er zu mir. Nur zu mir. Er hat hier sonst keine Freunde. Und seinen Eltern stattet er nur Anstandsbesuche ab … eigentlich hat er zu ihnen ein ähnliches Verhältnis wie ich zu meiner Mutter.“

„Er versteht sich nicht mit seinen Eltern?“ Endlich wieder mal eine handfeste Information. „Wieso nicht?“

„Das ist doch jetzt egal, Maja! Er war die ganze Nacht allein da draußen. Vielleicht ist er tot!“

Zugegeben: Ich machte mir auch Sorgen um Felix, aber Daniel übertrieb ja wohl maßlos.

Anscheinend erriet er meine Gedanken. „Menschen tun die seltsamsten Dinge, wenn es ihnen nicht gut geht. Da weiß man nie“, rechtfertigte er sich.

„Denkst du, er tut sich was an?“, fragte ich skeptisch. Ich kannte Felix zwar nicht besonders gut, aber das konnte ich mir wirklich nicht vorstellen.

„Nein“, gab Daniel zu. Zerstreut fuhr er sich durchs Haar und füllte meine Tasse mit dem letzten Rest Kaffee aus der Maschine. „Aber denk doch mal nach: Es ist eisig kalt. Wenn er irgendwo auf einer Bank eingeschlafen ist, könnte er erfroren sein.“

Ich verdrehte die Augen. „Trink den Kaffee“, befahl ich. „Vorher führen wir dieses Gespräch nicht weiter. Du bist völlig irrational.“ Nachdem ich ihn mehrere Male schlucken gehört hatte, sagte ich: „Gerade weil es draußen so kalt ist, wäre er gar nicht erst eingeschlafen.“

„Und wenn er getrunken hatte?“, hielt Daniel dagegen.

„Meinst du, er ist der Typ dafür?“

Ein Piepen ließ uns beide aufschrecken. Wir sahen uns an. „Nun sieh schon nach!“, zischte ich.

Daniel blickte auf sein Display. „Nichts.“

Ich blinzelte verwirrt, bis mir klar wurde, was das bedeutete. Hektisch kramte ich mein Smartphone aus der Hosentasche. Tatsächlich. Ich hatte eine Nachricht bekommen.

„Stell gefälligst deinen Signalton um“, meckerte Daniel. „Das macht einen ja wahnsinnig, wenn man nicht weiß, welches Smartphone gerade piepst.“

„Stell du doch deinen um.“ Die Nachricht war von Elena. Sie schrieb, dass sie mir gegen fünf Uhr meine Sachen bringen würde. Jetzt war es gerade halb elf. Auf keinen Fall würde ich es noch sechseinhalb Stunden allein mit Daniels Paranoia aushalten.

Einem spontanen Einfall folgend stand ich auf.

„Was machst du?“, wollte Daniel wissen.

„Ich gehe zur Uni. Um halb zwölf fängt die Vorlesung zu Strafrecht 3 an.“

Daniel starrte mich an.

Ich hatte keine Zeit zu warten, bis er sich wieder gefangen hatte. Wenn ich pünktlich sein wollte, musste ich los. „Ich weiß, dass ich gesagt habe, dass Jura mir keinen Spaß macht und ich aufhören will“, griff ich deshalb Daniels Fragen vor. „Aber noch bin ich eingeschrieben. Also gehe ich hin. Bis später.“ Ich angelte mir meine Handtasche aus Felix‘ Zimmer, stopfte noch ein paar gefaltete Seiten Papier und einen Kuli hinein und verließ die Wohnung. Bevor ich die Tür hinter mir zuwarf, rief Daniel mir noch etwas hinterher, das ich nicht verstand. Ich ging nicht zurück, um nachzufragen. Mir war klar, dass sein Kommentar kein Kompliment gewesen sein konnte.

Ich erreichte den Hörsaal um fünf Minuten vor halb zwölf. Die Vorlesung fand in einem der größten Säle der Universität statt, trotzdem gab es kaum freie Plätze. Die Sitzreihen verliefen in einem Halbkreis um das Podium. Wie im Kino war jede Reihe etwas höher als die vorherige platziert. Ich blieb an der obersten Treppenstufe stehen und suchte die Reihen mit den Augen ab. Irgendjemand anwesend, den ich nicht nur kannte, sondern auch mochte? Schließlich entdeckte ich den langen blonden Zopf von Selina. Sie saß vorne in der dritten Reihe, genau in der Mitte. Wahrscheinlich war sie mehr als eine halbe Stunde vor Vorlesungsbeginn hier gewesen, um diesen Platz zu ergattern. Selina war überaus strebsam und ehrgeizig, was ich bei diesem Studiengang nicht nachvollziehen konnte. Doch sie war auch aufgeschlossen und hilfsbereit. Sie redete angeregt mit einer Kommilitonin zu ihrer Rechten. Links von ihr war ein Höflichkeitsplatz freigelassen worden. Die zehn Plätze von da bis zum Gang waren von einer zusammengehörenden Gruppe besetzt.

Ich warf einen Blick auf die riesige Uhr, die über dem Podium an der Wand hing. Eine Minute vor zwölf. Ich trabte die Stufen hinunter, stellte mich neben die dritte Reihe und warf der Gruppe einen auffordernden Blick zu. Die zehn sahen mich ungläubig an. Einige rollten mit den Augen, einer stöhnte genervt auf. Doch dann erhoben sie sich brav, drängten sich mit dem Hinterteil gegen ihre hochgeklappten Sitze und ließen mich durchrutschen. Ich rempelte mehr als einen an und stolperte über mindestens zwei Rucksäcke. Normalerweise hätte ich mich dafür entschuldigt oder wäre zumindest peinlich berührt gewesen. Vor allem, weil der Professor, der mittlerweile hinter dem Podium stand, mich ebenfalls mit gehobenen Augenbrauen beobachtete. Seltsamerweise war mir heute all das egal. Schon bald würde ich nicht mehr hier sein. Es war gleichgültig, was sie alle von mir dachten.

Als ich mich neben Selina setzte, drehte sie sich überrascht zu mir um. „Maja!“ Sie wirkte ehrlich erfreut, mich zu sehen.

Der Professor, von dem ich nicht mal den Namen kannte, räusperte sich. War der neu? Ich hatte ihn noch nie gesehen. Aber in letzter Zeit hatte ich auch nicht viele Vorlesungen besucht.

„Wenn dann auch die Damen in der dritten Reihe so weit wären?“, fragte er ins Mikro.

Selinas Augen weiteten sich erschrocken. Sie wandte sich dem Podium zu und nickte heftig. Wahrscheinlich war es das allererste Mal, dass sie in der Uni wegen irgendetwas negativ aufgefallen war.

Ich konnte mir ein Kichern nicht verkneifen.

Der Professor räusperte sich noch einmal und begann mit seiner Vorlesung.

Ich lehnte mich entspannt zurück. Alle anderen machten sich Notizen auf ihren Notebooks. In einem Monat standen die Klausuren an, daher war der allgemeine Eifer nicht verwunderlich.

Kurz dachte ich an die Zettel in meiner Tasche, doch entschied mich gegen das Mitschreiben. Wozu? Selbst wenn ich mich entschloss, dass nächste Semester noch weiter zu studieren, wären die Noten, die ich erzielte, unbedeutend. Das Studium würde ich ohnehin nicht beenden.

So wurde die Vorlesung zu einer ganz neuen Erfahrung für mich. Statt in Rekordgeschwindigkeit so viel wie möglich des Gesagten schriftlich festzuhalten, hörte ich das erste Mal wirklich zu. Und es war gar nicht so übel. Strafrecht war für mich von Anfang an das interessanteste Fach gewesen. Und plötzlich wusste ich wieder, wieso. Weil es wirklich interessant war, wenn man es nur zuließ.

Als nach der Vorlesung alle ihre Taschen zusammenpackten, stupste mich Selina an. „Ich dachte, du kommst nicht mehr.“

Ich zuckte mit den Achseln und stand auf. „Hatte ich auch nicht vor. Das heute ist eher ein Zufall.“

„Willst du ganz aufhören?“

Ich nickte.

„Wieso?“

Ich rutschte seitlich aus der Sitzreihe heraus. Selina folgte mir.

„Es interessiert mich einfach nicht.“

„Da hatte ich eben aber einen anderen Eindruck.“

Ich fühlte mich ertappt. „Na ja, ohne jeglichen Prüfungsdruck ist Strafrecht vielleicht gar nicht so übel. Das Problem ist nur, dass man im Studium immer Druck hat. Und Jura eben nicht nur aus Strafrecht besteht.“

Wir hatten die Treppe erreicht und mischten uns unter die Menschenmenge, die gen Ausgang strebte.

„Selbst wenn man Druck hat, kann man sich trotzdem für den Stoff interessieren. Aber wenn du nur wie eine Maschine mitschreibst, ohne das Gesagte überhaupt zu verarbeiten, muss es ja langweilig sein. Das liegt dann aber weder am Studiengang noch am Vorlesungsinhalt.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

„Am Anfang hat dir Jura doch Spaß gemacht.“

Ich zuckte nur mit den Achseln, weil ich mittlerweile zu dem Schluss gekommen war, dass jemand wie Selina meinen Standpunkt ohnehin nicht verstehen würde. Sie liebte diesen Studiengang abgöttisch, außerdem war sie gut fünf Jahre jünger als ich.

„Du, ich muss direkt weiter zu Zivilrecht. Da willst du wahrscheinlich nicht mit hin, oder?“ Sie grinste.

Ich schüttelte den Kopf, musste aber ebenfalls lächeln.

Selina zog mich auf die Seite, damit wir den hinter uns aus dem Saal strömenden Studenten nicht im Weg standen. „Eins noch: Es ist dir wahrscheinlich nicht klar, aber auch mir macht das Ganze hier nicht immer Spaß. Auch ich denke nicht ununterbrochen, dass Jura das tollste auf der Welt ist. Und auch ich hatte während der letzten drei Semester Zeiten, in denen ich gezweifelt habe, ob das hier wirklich das ist, was ich machen möchte. Aber ich bin froh, dass ich dran geblieben bin. Denn früher oder später gingen diese Phasen immer wieder vorbei. Und danach hat mir das Studium noch mehr Spaß gemacht als vorher. Bis zur nächsten Zweifel-Phase.“

Ich lächelte geduldig. Natürlich verstand ich, was sie mir sagen wollte: Dass ich zu schnell aufgab. Und es war ja auch nicht so, dass mir der Gedanke nicht selbst schon gekommen wäre, gerade in letzter Zeit, gerade seit der Sache mit Leon. Aber ich konnte mir nicht helfen: Die Möglichkeit, einfach an Jura dranzubleiben, mir einfach noch mal ein Jahr Zeit zu nehmen und zu schauen, ob sich meine Abneigung wieder geben würde, fühlte sich falsch an. Vom Kopf her verstand ich den Standpunkt von Selina und Leon und Felix, aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich weitersuchen sollte. Und dass Design das Richtige für mich war.

Selina hob die Hand zum Abschied. „Ich hoffe wirklich, wir sitzen bald wieder zusammen in einer Vorlesung.“

„Du, warte mal kurz.“ Ich zögerte, dann gab ich mir einen Ruck und sprach es aus: „Du kennst nicht zufällig eine WG mit einem freien Zimmer?“

Sie schaute mich überrascht an, warf dann einen kurzen Blick auf ihre Uhr und entschied sich anscheinend, nicht näher nachzuhaken. „Nein, normalerweise werden Zimmer ja auch eher zum Ende des Semesters frei. Da müsstest du also noch ein Weilchen warten. Oder du versuchst es mal mit einem Aushang, vielleicht hast du ja Glück. Tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich los.“ Schon hatte sie sich umgedreht und noch bevor ich auch nur „Tschüss“ sagen könnte, war sie schon zwischen den anderen Studenten verschwunden.

Kapitel 4

Ich folgte Selinas Rat und hängte einen Zettel mit einem Zimmergesuch ans Schwarze Brett. Irgendwo in dieser großen Stadt musste es doch ein freies WG-Zimmer geben. Dann würde ich aus Felix’ Zimmer ausziehen, er würde zurückkommen, die Wogen würden sich glätten … und vielleicht würde ich in ein paar Wochen, wenn Gras über die Sache gewachsen war, Daniel und Felix einen Besuch abstatten, letzterer hätte sich wieder eingekriegt und wir könnten über unser kurzes, heftiges Zusammenleben lachen. Nun ja, zumindest in der Theorie klang es plausibel.

Auf dem Weg nach Hause erreichte mich eine Nachricht von Elena: Bin auf dem Weg zu Leon. Bis gleich.

Ich schluckte. Meine beste Freundin würde also gleich meinem Ex-Freund gegenüberstehen. Vielleicht war er ja auch gar nicht zu Hause. Andererseits machte er freitags immer früher Feierabend. Aber er könnte nach der Arbeit auch noch etwas anderes zu erledigen gehabt haben. Ich wusste nicht, welches Szenario unerträglicher für mich war: Dass Elena Leon begegnete, er aber nicht mal nach mir fragte? Oder dass er nicht zu Hause war und ich nie erfahren würde, wie er auf Elena reagiert hätte?

Schon im Treppenhaus hörte ich Daniels laut aufgedrehte Rockmusik. Ich schloss die Tür auf und schrie gegen den Lärm an: „Bin wieder da!“

Keine Reaktion.

Nachdem ich die Wohnungstür geschlossen, meine Jacke abgelegt und meine Schuhe ausgezogen hatte, hämmerte ich gegen Daniels Zimmertür. Sie wurde mit solch einer Wucht aufgerissen, dass ich erschrocken zurücksprang.

Daniel starrte mich an, dann fielen seine Gesichtszüge enttäuscht zusammen. Er sagte etwas, doch ich verstand kein Wort.

„Mach die Musik leiser!“, schrie ich ihn an.

Er folgte meiner Aufforderung, dann sagte er: „Ich dachte, du wärst Felix.“

„Ist er immer noch nicht aufgetaucht?“

Daniel schüttelte den Kopf. „Ich hab ihn bestimmt zehnmal angerufen, aber er geht nicht dran.“

„Aber es ist zumindest nicht ausgeschaltet, oder? Wenn er überfahren worden oder von einer Brücke gefallen wäre, wäre das Smartphone wahrscheinlich kaputt und es würde die Mailbox drangehen.“

Daniel setzte zu einer Erwiderung an, als die Türklingel schrillte.

„Das ist für mich“, rief ich und ging an die Sprechanlage. „Elena?“

Erst hörte ich gar nichts. Dann war da plötzlich eine Art heiseres Röcheln. „Wer ist da?“

Das Röcheln wurde zu einem Schnaufen. Dann hörte ich einen lauten Rumms. „Die, die gerade deine Kisten vom Auto zur Haustür schleppt. Schick deine beiden Mitbewohner runter, damit sie mithelfen.“

Als wir unten ankamen, hatte Elena schon drei der fünf Kisten vor dem Hauseingang abgestellt.

„Nenn mich eine mathematische Analphabetin, aber fehlt da nicht jemand?“, fragte sie augenzwinkernd.

„Dasselbe könnte ich fragen: Wollte Steffen nicht mitkommen?“

„Nein, wollte er eben nicht.“ Sie seufzte. „Erzähl ich dir oben. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ Sie grinste schief. „Hi Daniel.“

„Selber Hi.“ Er nickte meiner besten Freundin zu. Sie kannten sich nur flüchtig. Die paar Mal, die sie Gelegenheit gehabt hatten, sich länger als zwei Minuten zu unterhalten, hatten sie sich gut verstanden. Auch wenn die beiden, was Lebensziele und -einstellungen anging, so verschieden waren wie … na ja, wie Felix und ich.

Zu dritt hatten wir mein Hab und Gut innerhalb von zehn Minuten nach oben geschafft. Die Kisten platzierten wir kreuz und quer im Zimmer. Bei dem Anblick musste ich grinsen. Felix würde einen Anfall kriegen, weil er nicht mal mehr von seinem Bett zur Tür gelangen konnte, ohne über eine Kiste klettern zu müssen. Das Grinsen verging mir augenblicklich bei dem Gedanken, dass Felix vielleicht gar nicht wiederkommen würde.

Ich ließ mich seufzend auf das Sofa fallen. Elena blieb mitten im Raum stehen und sah sich um. „Gemütlich ist was anderes.“

Ich zuckte mit den Achseln. „War Leon da?“

Elenas Miene veränderte sich augenblicklich. Obwohl sie diesen Ausdruck nicht oft in den Augen hatte, erkannte ich ihn sofort. Es war Mitleid. „Ja, war er.“

„Und?“

Elena seufzte. „Und gar nichts, Maja. Ich hab ihm deinen Schlüssel zurückgegeben, er hat mir geholfen, die Kisten runter zu tragen. Das war alles.“

„Das war alles?“, wiederholte ich ungläubig.

„Er hat noch gefragt, wie es dir geht. Ich habe gesagt, es geht dir super und du bist froh, ihn los zu sein.“ Elena grinste selbstzufrieden.

Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Hatte Elena durch ihre Aussage die Kluft zwischen mir und Leon nicht noch vergrößert? Jetzt dachte er wahrscheinlich umso mehr, dass seine Entscheidung, die Beziehung zu beenden, die richtige gewesen war.

„Schau mich nicht so an, Maja. Glaub mir: Was ich gesagt habe, war das Beste. Oder willst du etwa das Opfer sein, das ihrem Ex-Freund, dem Arschloch, ewig hinterher heult?“

„Wenn du es so formulierst …“

„Das ist keine Frage der Formulierung, sondern des Prinzips. Ach ja, und er wollte wissen, wo du jetzt wohnst.“

„Und was hast du geantwortet? Dass ich mir noch am Abend der Trennung einen heißen Lover zugelegt habe und direkt zu ihm gezogen bin?“

„Ich habe zugegebenermaßen mit dem Gedanken gespielt, kam aber zu dem Schluss, dass das meine Glaubwürdigkeit untergraben würde. Also habe ich ihm die Wahrheit gesagt. Aber nein, ich glaube trotzdem nicht, dass er demnächst vor eurer Tür steht und dich wiederhaben will. Vergiss ihn! Der ist es nicht wert!“

Sagte sie so einfach. Aber weil ich keine Lust auf weitere Diskussionen zu dem Thema hatte, schnitt ich ein neues an: „Hast du dich mit Steffen gestritten?“

Nun war es an Elena zu seufzen. Sie setzte sich neben mich. „Nicht so richtig. Aber manchmal habe ich seine Launen und diese Ich-mache-nur-was-ich-will-Haltung so was von satt. Ist es ein dermaßen großes Opfer, mir zu helfen, fünf Kisten von A nach B zu fahren?“

„Das sollte es zumindest nicht sein“, gab ich ihr recht. Zum einen, weil ich das Gefühl hatte, dass Elena Zustimmung wollte. Und zum anderen, weil ich schon lange so über Steffen dachte. Bisher war Elena es gewesen, die das Verhalten ihres Freundes konsequent schöngeredet hatte.

„Genau! In einer Beziehung sollte es doch selbstverständlich sein, dass man sich gegenseitig hilft. Auch, wenn mal nichts für einen selbst dabei herausspringt!“

Ich war versucht, ihr wieder zuzustimmen, doch hielt inne. „Sag mal, willst du gerade nur deine Wut rauslassen oder bist du allgemein mit der Beziehung unzufrieden?“

Elena verengte ihre dunklen Augen zu misstrauischen Schlitzen. „Wieso?“

„Weil … es würde mir helfen, die Situation besser einzuschätzen.“ An Elenas finsterer Miene merkte ich, dass ich einen Stein ins Rollen gebracht hatte.

„Du würdest dich also anders verhalten, wenn du wüsstest, dass ich nur mal Dampf ablassen muss? Inwiefern?“

„So ist das auch wieder nicht. So hört es sich an, als wäre ich total berechnend.“

Elena hob nur ihre akribisch gezupften Augenbrauen.

Bei allem Mitgefühl für ihre Situation: Als berechnend ließ ich mich von ihr nicht bezeichnen. Auch nicht non-verbal. „Ich mag Steffen nicht“, sagte ich deshalb ganz ehrlich.

Seltsamerweise verzog Elena keine Miene. „Ich weiß.“

Mir klappte der Mund auf.

„Ach komm“, sagte Elena ungeduldig. „Ich habe andere Freundinnen, die weitaus subtiler sind als du. Und selbst bei denen weiß ich, dass sie Steffen für einen großen Fehlgriff halten.“

„Aber … wieso hast du nie was gesagt?“

„Wieso sollte ich? Ehrlich gesagt ist es mir egal, was alle anderen von meinem Freund halten, solange ich mit ihm zufrieden bin.“

„Und das warst du auch die ganze Zeit, oder?“

Elena grinste, doch es wirkte bitter. „Ist das jetzt Wut-rauslassen-konformes Verhalten von dir?“

Ich verdrehte die Augen. „Ich meine es ernst. Du hast immer den Eindruck gemacht, dass dir Steffens Launen egal sind.“

„Wie naiv du manchmal bist, Maja. Natürlich ist es mir nicht egal, wenn er in der Wohnung keinen Finger krumm macht, weil er damit rechnet, dass ich schon irgendwann aufräume; wenn er die ganze Nacht wegbleibt, ohne mir Bescheid zu sagen, und ihm ein Gammelnachmittag vor dem Fernseher wichtiger ist, als mir einen Gefallen zu tun. Wem wäre so was egal?“

Ich erwiderte nichts. Zum einen, weil ich die Frage für eine rhetorische hielt und zum anderen, weil Elena sehr aufgebracht war. Das kam selten vor, aber wenn es eintrat, konnte sie ziemlich biestig werden.

„Ich habe es so satt“, fuhr sie fort. „Ständig alles zu schlucken und mir zu sagen, dass ich ihn so nehmen muss, wie er ist. Eure Blicke und eure unausgesprochenen Gedanken, dass ich jemand so viel Besseren haben könnte. Jemanden, der besser aussieht als Steffen, der mehr verdient, der die Wohnung ordentlich halten und mir jeden Wunsch von den Augen ablesen würde. Und ihr habt recht!“ Sie blickte mich herausfordernd an.

Ich beeilte mich zu nicken: „Natürlich kannst du das.“ Und ich meinte es ernst. Elena war eine der hübschesten Frauen, die ich kannte. Sie war intelligent, ehrgeizig, humorvoll und wirklich für jeden Spaß zu haben. Wenn ich ein Mann wäre, wäre sie meine absolute Traumfrau. Und ich hatte während der letzten Jahre tatsächlich mehrmals gedacht, was für eine Verschwendung es war, dass Elena sich ausgerechnet Steffen als Freund ausgesucht hatte. „Aber … willst du denn einen anderen?“

Elenas Miene wurde noch eine Spur finsterer. „Manchmal schon. Vielleicht habe ich mich bei Steffen in etwas verrannt. Nach der Sache mit Alejandro war ich entschlossen, meinen nächsten Freund einfach so zu nehmen, wie er ist. Aber man kann es wohl auch übertreiben.“

„Bist du dir sicher?“

Elena schüttelte den Kopf. „Nein. Aber es ist anstrengend, meinen Freund ständig vor all meinen Freunden und Bekannten rechtfertigen zu müssen. Meine Familie kann ihn auch nicht leiden. Ich habe mir die ganze Zeit eingeredet, dass es egal ist und das war es mir auch meistens. Aber manchmal denke ich mir auch, dass da was dran sein muss, wenn alle, die ich gern hab, diese schlechte Meinung über Steffen teilen. Und manchmal wünsche ich mir, ich könnte meinen Freund zu meiner Familie oder meinen Freunden mitbringen.“

„Ich hab nie gesagt, dass du Steffen nicht mitbringen darfst.“

„Brauchtest du auch nicht. Das war klar.“

Wir schwiegen lange.

„Und jetzt?“, fragte ich schließlich.

Elena zuckte mit den Achseln. „Ich habe nicht die geringste Ahnung. Aber sag mal, wo ist denn dein unfreiwilliger Mitbewohner? Der Ausblick, ihn kennenzulernen, war heute der einzige Lichtblick für mich.“

Automatisch sah ich auf die Uhr. Halb sechs. Es war schon wieder dunkel draußen und Felix war immer noch nicht wieder aufgetaucht.

„Der ist verschwunden. Wir hatten eine kleine Auseinandersetzung. Daraufhin ist er aus der Wohnung gestürmt und hat sich seitdem nicht mehr blicken lassen. Das war gestern Abend. Daniel macht sich Sorgen um ihn.“

„Wieso? Er ist doch erwachsen.“

„Meine Rede. Aber Daniel meint, er hätte niemanden in der Stadt, bei dem er bleiben könnte. Ich glaube, er hat ernsthaft Angst, dass Felix heute Nacht unter einer Brücke erfroren ist.“

„Im Ernst?“ Elena kämpfte sichtlich mit dem Lachen und gab dem Drang schließlich nach. „Das ist ja putzig.“

Ich freute mich, dass das Thema Elena aufzuheitern schien, wirklich. Und im Grund tat sie ja nichts anderes, als was ich gestern Abend getan hatte – sie machte sich über Daniels überzogene Sorge bezüglich Felix’ Verschwinden lustig. Trotzdem irritierte mich die Leichtfertigkeit, mit der Elena der Sache begegnete.

„Jetzt sag nicht, dass du dir auch Sorgen machst.“ Elena grinste immer noch.

Ich gab ein undefinierbares Geräusch von mir.

„Tja, alte Schulschwärmereien aus dem Kopf zu bekommen ist schwerer als man denkt.“

„Sehr witzig.“ Ich zog die Beine eng an meinen Körper. „Aber mittlerweile befürchte ich, dass Daniel Recht haben könnte. Selbst wenn Felix niemanden hat, bei dem er schlafen kann, würde er wahrscheinlich lieber die ganze Nacht draußen frieren, anstatt hierher zurückzukommen.“

„Aber wieso denn, um Himmels Willen?“

„Weil er nicht zurückkommen will, denke ich. Für ihn war das Zusammenleben mit mir von Anfang an eine Zumutung. Aber der Streit gestern war der Höhepunkt. Er hat ein Buch nach mir geworfen! Und ich glaube, der Gedanke, sich mit mir noch mal im selben Raum befinden zu müssen, ist für ihn unerträglich.“

„Sieh an. Du kennst diesen Mann, den du acht Jahre nicht gesehen hast und der angeblich nichts mehr mit deinem Schwarm von früher gemein hat, aber ziemlich gut.“

Ich zuckte mit den Achseln. „Daniel hat mir ein bisschen auf die Sprünge geholfen.“

„Wie auch immer: Du denkst, er würde aus reiner Sturheit die Nacht draußen verbringen? In dieser Kälte?“

„Ich könnte es mir zumindest vorstellen.“

„Vielleicht ist er in ein Hotel gegangen.“

Ich schüttelte den Kopf. „Er hat momentan wenig Geld. Ich glaube nicht, dass er es für ein Hotelzimmer zum Fenster rauswerfen würde. Und Daniel meint, dass er auch nicht zu seinen Eltern gehen würde, weil er kein gutes Verhältnis zu ihnen hat.“

Elena lehnte sich zurück und legte den Kopf in den Nacken. Einen Moment lang starrte sie schweigend an die Decke. Dann sagte sie: „Bleibt nur eins: Du musst ihn finden.“

„So eine 700000-Einwohner-Stadt ist ja auch schnell durchkämmt.“

„Mann, Maja.“ Elena setzte sich kerzengerade auf. „Jetzt sei nicht so phantasielos. Ruf ihn doch erst mal an.“

„Hat Daniel schon probiert. Er nimmt nicht ab.“

„Aber das Smartphone ist nicht aus? Das ist super! Versuch es! Los!“

„Hast du mir nicht zugehört? Daniel hat –“

„Daniel ist nicht du. Und auch nicht der Grund, aus dem dieser Felix aus der Wohnung geflohen ist. Vielleicht wartet er nur darauf, dass du dich bei ihm entschuldigst.“

Ich musterte sie nachdenklich. Auf den Gedanken war ich noch gar nicht gekommen. Einerseits konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass Felix wie ein eingeschnapptes kleines Kind darauf wartete, dass die böse Maja ihren Fehler einsah und sich entschuldigte, andererseits …

Ich stand auf.

„Was machst du?“, fragte Elena perplex.

„Daniel nach Felix’ Nummer fragen.“

Als ich mit einem gelben Post-it in der Hand ins Zimmer zurückkehrte, hatte Elena sich vom Sofa erhoben.

„Ich geh mal besser.“

„Wohin?“

„Äh… heim?“ Sie sah mich an, als hätte ich gefragt, ob Daniel fliegen würde, wenn ich ihn aus dem Fenster stieß.

„Zu Steffen?“

„Lässt sich schwer vermeiden, schließlich wohnen wir zusammen.“

„Was willst du tun?“

„Erst mal gar nichts. Ich brauche etwas Zeit zum Nachdenken. So eine Entscheidung will ich nicht überstürzt treffen.“

„Du könntest auch hier bleiben, wenn du Abstand von Steffen brauchst.“ Noch während ich das sagte, fragte ich mich, was ich tun würde, wenn sie ja sagte. Falls Felix zurückkehrte, gab es kein Fleckchen in dieser Wohnung, wo Elena schlafen konnte. Keine freien Betten, Matratzen, Sofas, Teppiche …

„Ach was, ich bin doch keine sechzehn mehr. Ich regele diese Situation wie eine Erwachsene. Nichts gegen dich“, fügte sie eilig hinzu, während sie an mir vorbei in den Flur schritt.

Ich brauchte einen Moment, um den Seitenhieb zu verstehen. „Du meinst, weil ich bei Leon ausgezogen bin? Elena, warte!“ Ich holte sie ein und packte sie am Arm. Ihre andere Hand lag bereits auf der Klinke der Haustüre.

Sie lächelte ihr einnehmendstes Lächeln. „Das ist mir so rausgerutscht. Tut mir wirklich leid.“

„Elena!“ Komischerweise hatte mich der Vorwurf nicht so sehr gestört, als er von Daniel gekommen war. „Leon hat mit mir Schluss gemacht! Was soll erwachsen daran sein, sich nach so was noch wochenlang die Wohnung miteinander zu teilen? Das ist doch naiv!“

„Du hast recht.“ Elena strich mir über den Oberarm. Eine ungewöhnliche Geste von ihr, da wir nicht die Art von Freundinnen waren, die sich ständig knuddelten. „Ich bin nur unglaublich schlecht drauf. Sei nicht sauer.“

„Schon gut.“

„Wirst du ihn anrufen?“

Ich zuckte mit den Achseln. „Es kann ja nicht schaden.“

„Versprich es!“

„Sag mal, was hast du eigentlich davon, wenn ich Felix anrufe?“

Autor

  • Fiona Winter (Autor)

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Titel: Ein Mitbewohner zum Verlieben