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Vampirjägerin inkognito (Chick-lit, Liebesroman, Romantasy)

Bis(s) zum Sieg

von Fiona Winter (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Amelie ist zwar eine Zauberin, doch mit Vampiren hat sie bisher nie etwas am Hut gehabt. Das ändert sich schlagartig, als der Bund – die mächtigste Vampirjäger-Organisation der Welt – ihr einen Handel vorschlägt: Der Bund will für sie herausfinden, was mit ihrem Kindheitsfreund Christopher, der vor Jahren spurlos verschwand, geschehen ist. Der Haken: Amelie soll im Gegenzug einen ganz besonderen Vampir töten – den ebenso mysteriösen wie attraktiven Lucian.

Um sein Vertrauen zu gewinnen, lässt Amelie sich auf eine bizarre Reise mit dem Vampir ein, beschwört einen nervtötenden Dämon, den sie nicht mehr los wird, und gerät schon bald in einen unerwarteten Gewissenskonflikt …

Impressum

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Neuausgabe September 2016

Copyright © Erstausgabe 2012, Fiona Winter

Copyright © 2016 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-052-4
Taschenbuch ISBN: 978-3-96087-501-7

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung eines Motivs von
Bildnachweis: © hauvi/123 RF und © Jörg Stöber/123 RF

Lektorat: Daniela Pusch

Bis(s) zum Sieg ist eine völlig neu überarbeitete Neuauflage des bereits 2012 erschienen Titels Vampirjägerin inkognito.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Kapitel 1

„Bettina Frei.“

„Philippe Nemours.“

„Amelie Berger“, sagte ich, ohne mich von meinem Stuhl zu erheben. Die zum Schütteln dargebotenen Hände ignorierte ich. Das höfliche Getue der beiden änderte nichts daran, dass sie mich und meinesgleichen lieber heute als morgen tot sehen würden. Wieso also dieses Treffen? Was führten sie im Schilde?

Doch anstatt mich aufzuklären, saßen die beiden Abgesandten nur da, musterten erst mich, dann den Raum. Ihre Blicke schweiften abschätzig über die künstlichen Spinnweben an den Fenstern, die Plastiktotenköpfe an den Wänden und die Vintage-Kronleuchter, die von der Decke hingen. Was hatten sie von einem Café mit dem Namen Hexentreff anderes erwartet?

Eine der Kellnerinnen, trat an unseren Tisch. Ihr rotes, mit goldenen Mustern besticktes Samtkleid im Mittelalter-Stil wippte noch einen Augenblick nach, dann lag es still.

„Wenn Sie das erste Mal hier sind, empfehle ich Ihnen eine unserer Gewürz-Kaffee-Kreationen“, schlug sie den beiden vor. Die abfälligen Blicke, die nun ihr und ihrem Kleid galten, ignorierte sie. „Das ist eine Spezialität unseres Hauses.“

„Wir nehmen je ein Glas Wasser“, forderte Bettina Frei kühl.

„Für dich das Übliche?“ Diese Frage war an mich gerichtet.

Ich nickte.

Die Kellnerin lächelte ein letztes Mal gut gelaunt in die Runde, dann verließ sie unseren Tisch.

„Ein höchst … wunderliches Etablissement“, kommentierte Frei, die mit ihren blonden Locken und der hellen Haut wie eine Porzellanfigur aussah. Die kalten blauen Augen verhalfen diesem Bild zur Perfektion.

Ich zuckte mit den Achseln und richtete den Blick auf Nemours. Außer seinem Namen hatte der glatzköpfige Mann noch kein Wort gesagt. Stattdessen fixierte er alles und jeden mit seinen stechenden braunen Augen. Ich sah kühl zurück, gespannt, ob ich auf diese Weise eine Reaktion provozieren könnte. Als wir das Spiel mehrere Minuten lang gespielt hatten und immer noch nichts passiert war, wandte ich mich wieder Bettina Frei zu. „Was wollen Sie?“ Ich wusste nichts von den beiden. Außer, dass sie dem Bund angehörten. Jener Gemeinschaft aus Menschen, die nur ein Ziel hatten: Alle Vampire auszurotten.

„Wir hörten, Sie seien eine Hexe?“, fragte sie mit gehobenen Augenbrauen.

Typisch Vampirjäger. Sie wussten über übernatürliche Wesen nur, was sie für wichtig hielten: Wie man einen Vampir schwächt, ihn tötet und verhindert, ebenfalls einer zu werden. Hexen und Zauberer und die Tatsache, dass die einen nichts mit den anderen gemein hatten, interessierte sie nicht. Warum auch? Bisher hatten sich Hexen und Zauberer wohl zu wenig zu Schulden kommen lassen, um in ihren Aufmerksamkeitsfokus zu rücken. Obwohl es ein offenes Geheimnis war, dass der Bund am liebsten jedes übernatürliche Wesen beseitigt hätte. Leider kamen da die schlechte Wirtschaftslage und der Fachkräftemangel ins Spiel.

„Ich bin eine Zauberin“, startete ich wider besseren Wissens einen Erklärungsversuch. „Hexen und Hexer besitzen nicht wirklich magische Kräfte. Sie sind ganz normale Menschen, wenn Sie so wollen, und nutzen lediglich magische Gegenstände sowie Rituale, um Magie zu erzeugen. Zauberer hingegen werden schon mit magischen Kräften geboren, sie-“

„Besitzen Sie echte Macht oder nicht?“, unterbrach mich Nemours unwirsch. Er sprach mit einem solch schweren französischen Akzent, dass ich ihn kaum verstand.

„Das tue ich. Aber bevor wir weiter von mir sprechen, würde ich gerne erfahren, was Sie von mir wollen. Wieso vereinbaren gerade Sie ein Treffen mit einer Zauberin?“

„Gerade wir? Wie meinen Sie das?“, fragte Frei kühl.

„Das wissen Sie ja wohl selbst am Besten.“

„Wir haben nichts gegen Zauberer.“ Sie lächelte mich einnehmend an. Doch da war etwas in ihrer Stimme, das ihre Worte Lügen strafte. „Und wir wollen Ihnen helfen.“

Sie wollen mir helfen?“

„Im Gegenzug wollen wir natürlich Hilfe von Ihnen. Wir hörten, Sie seien auf der Suche nach dem Zauberer Christopher Margraf?“

Äußerlich blieb ich gelassen. Nur innerlich durchfuhr mich dieser wohlbekannte Schmerz, der jedes Mal in Verbindung mit seinem Namen aufkam. „Woher wissen Sie das?“

Bettina Frei zuckte elegant mit den Achseln. „Wir sind eine große, einflussreiche Organisation. Wir wissen vieles.“

„Wissen Sie, was mit ihm passiert ist? Wo er ist?“ Ich konnte nicht verhindern, dass meine Stimme zitterte.

„Nein“, gab sie zu. „Noch nicht. Aber wir werden ihn finden. Wenn Sie das wollen.“

Die Enttäuschung ließ meine Stimme bitter klingen. „Ich suche ihn jetzt schon seit zwei Jahren, ohne Erfolg. Warum sollte es Ihnen anders ergehen?“

„Wie ich bereits sagte: Wir sind eine große Organisation mit vielen Mitteln und Möglichkeiten. Wer weiß … vielleicht haben wir bereits Informationen über Margrafs Aufenthaltsort, denen wir lediglich nachgehen müssten.“ Frei lächelte mich vieldeutig an.

Ich durchforstete ihre eisblauen Augen. Sie spielte mit mir, das war klar. Es gab keine Garantie, dass der Bund tatsächlich derartige Informationen besaß. Doch sie hatte es geschafft, einen Funken Hoffnung in mir zu wecken. „Was soll ich für Sie tun?“

Sie schwieg einen Moment, schien über ihre Antwort eingehend nachzudenken. „Was wissen Sie über Vampire?“, fragte sie schließlich.

„Nur das Übliche.“ Die Wendung, die dieses Gespräch nahm, gefiel mir überhaupt nicht. „Wenn es hier um Vampire geht, haben Sie sich die Falsche ausgesucht. Ich hatte noch nie mit welchen zu tun.“

„Erfahrung ist für diese Aufgabe nicht von Bedeutung.“

„Was soll ich tun?“, wiederholte ich.

„Sie sollen einen Vampir für uns töten.“

Ich starrte sie an, glaubte für einen Moment, nicht richtig verstanden zu haben.

Da kam die Kellnerin mit einem freundlichen Lächeln an unseren Tisch zurück und stellte die Getränke ab. Die beiden Abgesandten des Bundes musterten die Tonkrüge, in denen sie ihr Wasser serviert bekamen.

„Wir wollten zwei Gläser Wasser. Wasser in Gläsern, verstehen Sie?“

„Tut mir Leid, wir servieren alle unsere Getränke in Krügen. Wir haben keine Gläser.“

Den Dialog zwischen Frei und der Kellnerin, sowie den irritierten Blick, den Erstere ihr noch hinterherschickte, bekam ich nur am Rande mit. Abwesend entnahm ich der Schale, die auf dem Tisch stand, drei Stück Würfelzucker und ließ sie in meinen Kaffeekrug fallen. Dieses Treffen, die ganze Situation – passierte das wirklich? Bettina Freis Andeutung bezüglich ihrer Informationen über Chris waren zwar nicht viel – aber doch die erste Spur seit zwei Jahren. Die einzige Spur. „Warum töten Sie den Vampir nicht selbst? Sie sind schließlich Vampirjäger.“ Die Frage, warum sie den Vampir überhaupt tot sehen wollten, sparte ich mir. Sie brauchten keinen Grund. In den letzten Jahren hatte der Bund hart an seinem Image gearbeitet, um die Gerüchte, dass sie Jagd auf alle Vampire ­­– ob gut oder böse – machten, aus dem Weg zu räumen. Doch im Grund wusste jeder, dass es hinter der Fassade anders aussah.

Bettina Frei kämpfte sichtlich um ihre höfliche Miene. „Lucian ist nicht irgendein Vampir.“ Der Name klang hart, wie ein russisches oder vielleicht rumänisches Wort. „Er ist über vierhundert Jahre alt und seine Macht sowie seine Fähigkeiten erschweren es uns ungemein, ihn überhaupt aufzuspüren. Deshalb brauchen wir Sie.“

„Wie ich schon sagte: Ich hatte noch nie mit Vampiren zu tun. Sie können also davon ausgehen, dass ich diesen Lucian nicht leichter finden kann als Sie.“

„Sie können ihn finden“, beharrte Frei. „Ihnen wird man Auskunft geben, wenn Sie nach ihm fragen.“

„Warum sollte man das tun? Wenn der Vampir gar nicht gefunden werden will?“ Entweder hörte die Frau mir nicht zu oder es gab da etwas, das sie mir verschwieg. Ich hätte jede Summe darauf gesetzt, dass es sich um Letzteres handelte.

„Oh, Lucian will gefunden werden“, erklärte Bettina Frei sichtlich zufrieden. „Nicht von uns, aber von Ihnen schon. Denn Lucian ist in ebendiesem Moment auf der Suche nach einer Zauberin. Nach einer mächtigen Zauberin, die ihm helfen kann, dem Bund zu schaden.“

Ich nickte langsam.

„Wir wissen, dass er etwas plant. Im Grunde hat er wohl schon immer davon geträumt, aber nie gewusst, wie er es anstellen sollte. Jetzt allerdings sieht es so aus, als hätte er endlich einen Weg gefunden.“

„Einen Weg, um was zu tun?“

„Den Bund zu vernichten.“

Ich nahm einen Schluck Kaffee und schüttelte den Kopf. „Ist das nicht ein wenig melodramatisch?“ Der Bund war eine uralte Institution und seine Mitglieder über ganz Europa verteilt. Und solch eine Organisation fühlte sich nun von einem einzelnen Vampir bedroht?

„Sie kennen Lucian nicht“, sagte Frei nur. „Er hatte mehrere hundert Jahre Zeit, sich zu überlegen, wie er am effektivsten vorgeht. Wir beobachten ihn schon sehr lange und die meiste Zeit hat er sich unauffällig verhalten.“

„Bis auf die Leichen“, warf Nemours mit tiefer, knurrender Stimme ein.

„Bis auf die Leichen“, stimmte Frei zu.

„Welche Leichen?“ Ich musste fragen. Obwohl ich mir sicher war, dass Nemours Einwurf genau das zum Ziel gehabt hatte.

„Lucian hatte eine Phase, in der er willkürlich Jagd auf unsere Mitglieder machte und sie uns tot vor unsere Stützpunkte legte. Durch diese … Laune von Lucian haben wir über zwanzig treue Anhänger verloren. Jedenfalls“, nahm Frei den Faden wieder auf, „hat Lucian sich, bis auf diese Zwischenfälle, in den letzten dreißig Jahren verdächtig ruhig verhalten. Er hat etwas geplant. Und genau das setzt er nun in die Tat um. Er ist eine Gefahr für jedes einzelne Mitglied unserer Organisation. Wenn wir nichts unternehmen, werden unzählige Menschen sterben.“

„Ist das eine Vermutung oder haben Sie Beweise dafür?“

„Lucian hat bereits eine große Zahl Unschuldiger auf dem Gewissen. Denken Sie nicht, dass das seinen Tod rechtfertigt?“, fragte Bettina Frei scharf. Das Lächeln war nun endgültig aus ihrem Gesicht verschwunden.

„Doch. Aber ich bin kein Racheengel. Und auch keine Auftragsmörderin. Sie können nicht erwarten, dass ich einfach so jemanden töte, ohne die Hintergründe zu kennen. Nur, weil Sie eine schwammige Vermutung haben.“ Ich kramte zwei Euro aus meinem Portemonnaie und legte sie neben meinen fast vollen Kaffeekrug auf den Tisch.

„Wenn es um Ihre Sicherheit geht: Natürlich verstehe ich, dass jemandem, der noch nie einen Vampir getroffen hat, das bloße Wort einen Schauer den Rücken hinunter jagt, aber -“

„Darum geht es nicht“, unterbrach ich. Tatsächlich löste die Vorstellung, einem echten Vampir zu begegnen, nichts als Neugierde in mir aus.

„Seltsam“, sagte Frei nachdenklich, als ich gerade aufstehen wollte. „Uns wurde gesagt, dass Sie Christopher Margraf um jeden Preis finden wollen.“

„Nicht um jeden Preis“, stellte ich klar und stand auf.

„Sie finden unseren Preis zu hoch?“, fragte sie ungläubig. „Einem Vampir, der unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hat, ein bisschen Theater vorzuspielen, um sein Vertrauen zu gewinnen, und ihm dann einen Pflock ins Herz zu jagen, wenn er nicht damit rechnet?“

Ich konnte über so viel Unverständnis nur den Kopf schütteln. „Es geht mir nicht um das Leben dieses Vampirs. Sondern darum, dass Sie mir Informationen verweigern.“

„Also gut“, lenkte die Vampirjägerin ein und sogar ihr altes, einnehmendes Lächeln meldete sich zurück. „Setzen Sie sich. Ich erkläre Ihnen, was Lucian vorhat.“

Unschlüssig blieb ich stehen, obwohl ich mir ein Lächeln kaum verkneifen konnte. Denn dieses Angebot hatte mein Interesse geweckt. Von Anfang an.

„Bitte. Danach können Sie immer noch gehen.“

Wortlos setzte ich mich wieder.

„Lucian sucht eine Zauberin, die für ihn Dämonen beschwört.“

„Wozu braucht dieser Vampir Dämonen?“ Ich wusste nicht besonders viel über das Thema, denn ich hatte noch nie einen Dämon beschworen. Dämonenbeschwörungen ordnete man der dunklen Seite der Magie zu und waren somit nicht meine Baustelle.

„Nun, offensichtlich wird er die Dämonen beauftragen, führende Mitglieder des Bundes zu töten.“

„Morddämonen?“, fragte ich ungläubig. „Braucht man für deren Beschwörung nicht Blut?“ Wie gesagt, ich kannte mich damit nicht aus. Aber ich hatte Gerüchte gehört. Und laut derer war für die Beschwörung eines Morddämons – oder vielmehr für dessen Kontrolle – Blut nötig, und zwar eine ganze Menge. So viel, dass kein Mensch das überleben konnte. Kurz und bündig: Wer einen hübschen, gehorsamen Morddämon wollte, brauchte dafür ein Opfer.

„Mit solcherlei Dingen beschäftigen wir uns nicht“, antwortete Bettina Frei spitz. „Das ist ja wohl Ihr Metier.“

Diesmal unterdrückte ich den Impuls, die Sache mit der weißen und schwarzen Magie zu erklären. Stattdessen fragte ich. „Woher sind Sie eigentlich so gut über diesen Vampir informiert?“

Um ihren Mund bildete sich ein selbstzufriedenes Lächeln. „Es gibt da jemanden, der Lucian nahe steht und dem wir, ähnlich wie Ihnen, etwas bieten können, das er unbedingt haben will.“

„Ein Spion?“

Sie nickte.

„Und warum tötet der nicht einfach diesen Lucian, wenn er ihm so nahe steht?“

„Aus verschiedenen Gründen, die ich hier nicht näher erläutern möchte. Allerdings haben wir den Spion angewiesen, sich Ihnen beim ersten Kontakt zu erkennen zu geben. Dann können Sie seine Motive selbst ergründen.“

„Danke.“ Ich war mir nicht sicher, ob die Ironie in meiner Stimme richtig zur Geltung kam. Jedenfalls reagierte Bettina Frei nicht darauf. Nun blieb noch die Klärung einer wichtigen Frage: „Warum gerade ich?“ Zwar gab es Zauberer und Zauberinnen nicht wie Sand am Meer, aber es gab sie. Und der Bund war schließlich nicht nur auf Deutschland beschränkt, er hätte aus vermutlich hunderten Zauberern in ganz Europa wählen können.

„Nun, wir hörten, Sie seien mächtig“, sagte Bettina Frei langsam. „Und das wird Lucian zweifelsfrei wissen, wenn er Ihnen gegenüber steht. Mit einer schwachen Zauberin kann er schließlich nichts anfangen.“

Ich nickte. Das war einleuchtend. Trotzdem war ich nicht die einzige mächtige Zauberin und genau das wollte ich gerade einwenden, als Frei weitersprach: „Außerdem haben Sie einen Herzenswunsch, den der Bund zu erfüllen imstande ist. Die Sache mit Christopher Margraf.“

„Woher wissen Sie eigentlich davon?“

„Wie ich schon sagte …“

„Sie sind eine große Organisation“, führte ich den Satz zu Ende. „Trotzdem würde ich gerne wissen, wer den Informanten gespielt hat. War es jemand von hier?“

Sie sah mich lange an, schien an ihrer Antwort zu feilen. „Das könnte man so sagen, ja“, gab sie schließlich zu. „Aber sicher verstehen Sie, dass wir den Namen unseres Informanten nicht preisgeben können. Würden wir das tun und es spräche sich herum, würde wohl kaum jemand noch Informationen an uns weitergeben wollen.“

Ich nickte nur. Trotzdem hätte ich zu gern gewusst, wer da hinter meinem Rücken über mich plauderte. Im Grunde konnte es jeder einzelne meiner Kunden sein. All jene, die sich regelmäßig von mir die Zukunft voraussagen ließen, wussten auch von Chris. So etwas sprach sich herum. Gut möglich, dass auch andere, die meine Dienste als Zauberin nie in Anspruch genommen hatten, Bescheid wussten.

„Damit ist es also entschieden?“, riss mich Frei aus meinen ohnehin sinnlosen Grübeleien. „Sie nehmen den Auftrag an?“

Alles sprach dafür, mich darauf einzulassen. Nun gut, alles außer dem Teil, in dem ich einen Vampir töten musste. Wie wahrscheinlich war es, dass ich das schaffte, ohne selbst getötet zu werden? Aber selbst bei dem Gedanken an meinen möglichen Tod spürte ich keine Angst. Wenn ich ehrlich zu mir war, war mein Leben ohnehin sinnlos geworden – und zwar in dem Moment, in dem Chris verschwunden war. Seitdem hatte ich ausschließlich für die ständig geringer werdende Hoffnung gelebt, ihn doch eines Tages wiederzufinden. Für eine Chance wie diese. „Ich mache es.“

Einige Sekunden herrschte Stille. Dann: „Hier.“ Frei schob mir einen Zettel über den Tisch entgegen. „Diese Nummer rufen Sie an, wenn Sie mit Lucian Kontakt aufgenommen haben. Am Telefon werde ich Ihnen dann das weitere Vorgehen erklären.“

Etwas an ihrem Ton gefiel mir ganz und gar nicht. „Und das können Sie nicht sofort tun, weil …?“

Sie lächelte liebenswürdig. „Weil Sie uns erst einmal beweisen müssen, dass Sie der Sache gewachsen sind. Indem Sie Ihre erste Begegnung mit Lucian überleben.“

Nun wurde mir doch ein wenig mulmig, doch nicht genug, um mich von meinem Entschluss abzubringen. „Sie haben nicht …“ Ich musste mich räuspern, um weitersprechen zu können, „… nicht zufällig irgendwelche Tipps für mich, oder? Für das erste Treffen?“

Bettina Freis Lächeln wurde breiter. Ihr machte das Ganze einen Heidenspaß, das war nicht zu übersehen. „Überzeugen Sie ihn, dass Sie auf seiner Seite stehen. Dass Sie uns ebenso hassen wie er. Bringen Sie ihn dazu, Sie als seine Komplizin anzuheuern.“

Ich schluckte. „Und wie soll ich das anstellen?“

„Seien Sie kreativ, aber vor allem überzeugend. Nur so können Sie überleben. Und nur so haben Sie eine Chance, ihn zu töten. Er muss Ihnen bedingungslos vertrauen, dann können Sie ihn in einem unachtsamen Moment erwischen.“

Ich nickte und wischte die tausend Zweifel und Fragen, die plötzlich in mein Bewusstsein drangen, beiseite. Die beiden Vampirjäger würden mir nicht mehr helfen, als sie unbedingt mussten, das war offensichtlich. Wenn ich versagte, war es in ihren Augen schließlich nur ein weiteres wertloses, übernatürliches Leben, das beendet wurde.

Ich seufzte und wollte den Zettel, auf den Bettina Frei ihre Telefonnummer gekritzelt hatte, gerade in meine Tasche stopfen, als ihre eiskalte Hand meinen Arm wie einen Schraubstock umschloss. Ich starrte sie an.

„Keine Beweise“, zischte sie.

Mein Blick wanderte unsicher zu meiner Hand, die noch immer den Zettel umschloss, und wieder zu Freis eisblauen Augen, die sie in diesem Moment verdrehte. „Prägen Sie sich die Nummer ein. Jetzt.“ Sie ließ mich los.

Ich wagte nicht einzuwenden, dass ich noch nie gut darin gewesen war, mir Zahlen zu merken. Stattdessen begann ich kommentarlos, mir die zwölfstellige Nummer immer und immer wieder durchzulesen. Dann gab ich Bettina Frei den Zettel zurück. Im selben Moment hatte ich die letzten beiden Zahlen schon wieder vergessen. Aber das war nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, sich mit Kleinigkeiten aufzuhalten. „Wie soll ich Lucian finden?“

Sie sind die Zauberin. Sie sind Teil der übernatürlichen Gesellschaft. Wenn wir wüssten, wie wir ihn finden können, bräuchten wir Sie nicht.“ Damit wandte sich Bettina Frei demonstrativ Nemours zu und begann, sich auf Französisch mit ihm zu unterhalten.

Es war alles gesagt.

Ich stand auf.

Als ich auf die Straße trat und die kalte Novemberluft einatmete, fühlte ich mich so frei wie lange nicht mehr. Von einem auf den anderen Moment hatte sich einfach alles verändert. Plötzlich, wie aus dem Nichts, hatte ich einen Hinweis auf Chris erhalten, eine reelle Chance zu erfahren, was damals geschehen war. Plötzlich hatte mein Leben wieder einen Sinn.

Ich schlug den Weg nach Hause ein und konnte meine Gedanken nur mühsam von Chris weg und hin zu dem Vampir namens Lucian lenken. Damit dieses ganze Unterfangen nicht zu einem Selbstmordkommando wurde, musste ich mehr über Vampire herausfinden. Musste mir einen Plan zurechtlegen, wie genau ich es anstellen konnte, ihn zu töten. Doch zuerst musste ich ihn aufspüren. Aber wie? Erst als ich mein Haus schon fast erreicht hatte, fiel mir Kim ein und ich drehte wieder um.

„Du siehst nicht gut aus, Amelie“, war das erste, das Kim zu mir sagte, nachdem sie die Tür geöffnet hatte. „Soll ich dir einen Kräutertee machen?“ Sie zog mich ins warme Wohnzimmer und eilte in die Küche. „Ich hab was ganz Neues da“, rief sie mir zu. „Aus dem Zauberbedarfsladen neben dem Hexentreff. Sie sagen, wenn man den Tee weiht, während er zieht, bekämpft er so ziemlich alles, von Kopfschmerzen bis hin zu Depressionen.“

„Aha“, machte ich nur, weil ich wusste, dass es sinnlos wäre, den Tee auszuschlagen.

„Und sie sagen, den gibt es nur hier, exklusiv in der Schauersiedlung! Kannst du das fassen? Ich bin so froh, dass ich hierher gezogen bin!“

Ich bezweifelte, dass sie die Schauersiedlung genauso toll fände, wenn sie hier aufgewachsen wäre. Obwohl, Kim traute ich sogar das zu. In mir dagegen kam inzwischen täglich der Wunsch auf, diese Vorstadtsiedlung, die in den letzten Jahren vollends zu einer Touristenattraktion nach dem Motto „Okkultes und Magisches“ verkommen war, endgültig hinter mir zu lassen. Ich müsste nur das Haus verkaufen und irgendwo ganz neu anfangen. Leider war das viel leichter gedacht als getan.

Ich seufzte und ließ mich auf Kims plüschiges Sofa sinken.

Hier, in der Schauersiedlung, war es einfach, mit Wahrsagerei sein Geld zu verdienen. Ich bezweifelte, dass das irgendwo anders der Fall wäre. Wenn ich wenigstens einen richtigen Beruf gelernt hätte.

„So.“ Kim kam mit einem kleinen Tablett aus der Küche zurück und stellte es auf den Tisch. Sie reichte mir eine dampfende Teetasse. „Ich hab auch selbst gebackenen Käsekuchen da. Ich hole dir ein Stück, ja?“

„Bleib hier, Kim“, hielt ich sie ein wenig unwirsch zurück. „Ich habe nicht viel Zeit, aber ich brauche deine Hilfe. Oder eher: Eine Information. Über Vampire.“ Kim war die einzige, die ich jemals über Vampire hatte sprechen hören. Nämlich jedes Mal, wenn sie zu mir kam, damit ich für sie einen Blick in die Zukunft warf. Obwohl sie eine der wenigen war, die genau wussten, dass meine Zukunftsvorhersagen sich nur auf wage Ahnungen stützten, kam sie mindestens zweimal pro Woche. Und es verging keine Sitzung, in der sie nicht wenigstens ein paar Minuten über Blutsauger brabbelte. Wenn mir jemand weiterhelfen konnte, dann sie.

Kim nahm sich ebenfalls eine dampfende Tasse und setzte sich neben mich. Mit ihren warmen, braunen Augen blickte sie mich an. „Es geht um Chris, nicht wahr? Hast du eine Spur von ihm?“

Ich zögerte, überlegte, wie viel ich ihr erzählen konnte, als Kim hinzufügte: „Du musst es mir natürlich nicht sagen. Eigentlich geht es mich ja auch nichts an. Schließlich sind wir keine Freundinnen.“ Sie lächelte warm.

Ich wappnete mich innerlich, denn ich wusste, was jetzt kam.

„Obwohl ich manchmal denke, dass dir eine Freundin sehr gut tun würde.“

Mindestens einmal im Monat führten wir dieses Gespräch. Sie sagte, jedenfalls sinngemäß, immer das Gleiche und ich antwortete ihr stets das Gleiche: „Ich komme bestens allein zurecht.“

„Bist du sicher? Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber …“

Ich hob die Augenbrauen. Diese Wendung war neu.

„Amelie, du hast dich verändert. Seit Chris fort ist.“

Einige Minuten vergingen in unangenehmem Schweigen. Was sollte ich auch sagen? Ja, ich hatte mich verändert? Aber keine Lust, darüber zu diskutieren? Ich war kurz davor, sie auf letzteres hinzuweisen, als Kim auf einmal seufzte. „Du brauchst also Infos über Vampire?“

Tatsächlich wusste Kim über die Vampiraktivitäten in der Schauersiedlung bestens Bescheid. Sie erzählte mir, dass es nur einen einzigen echten Vampir gab, der hier sein Zuhause gefunden hatte.

„Dario …“, wiederholte ich seinen Namen nachdenklich. „Kenne ich ihn?“

Kim schüttelte lachend den Kopf. „Kann ich mir nicht vorstellen. Du registrierst Menschen doch erst, wenn sie durch deine Haustür kommen und verlangen, dass du für sie einen Blick in die Zukunft wirfst. Ich bezweifle, dass Dario das jemals getan hat.“

Außerdem verriet sie mir, dass der Vampir sich nach Einbruch der Dunkelheit meistens im Singenden Zombie aufhielt, einer Karaoke-Bar am Rande der Schauersiedlung, die vor allem von Touristen frequentiert wurde und in der ich noch nie gewesen war. Auf meine Frage, ob Dario sich dort auch seine Mitternachtssnacks aussuchte, erhielt ich keine Antwort. Aber ich kannte Kim und wusste ihre Mimik bestens zu deuten. Ich hatte ins Schwarze getroffen.

Als ich Kims Haus verließ, war es bereits vier Uhr nachmittags. Der Sonnenuntergang ließ nicht mehr lange auf sich warten. Da ich die ganze Sache schnellstmöglich hinter mich bringen wollte, machte ich mich geradewegs auf zum Singenden Zombie. Das Lokal befand sich passenderweise im Keller und war zu einer Art Gewölbe ausgebaut worden. Die Atmosphäre war hier um einiges düsterer als im Hexentreff, was nicht nur an der stark heruntergedimmten Beleuchtung lag. Im Hintergrund lief Gothik–Musik, anscheinend wurde die Karaoke-Maschine erst später am Abend angeworfen, wofür ich mehr als dankbar war. Die vielleicht achtzehnjährige Kellnerin, bei der ich ein Glas Wasser bestellte, trug ein rotes Korsett mit einem passenden Minirock, sowie zehn Zentimeter hohe Plateau–Stiefel. Kunstblut zierte ihren Hals und sollte wohl einen Vampirbiss imitieren.

Mein Blick glitt über die Köpfe der Gäste hinweg. Obwohl die meisten anscheinend Touristen waren, entdeckte ich auch einige bekannte Gesichter. Kunden, denen ich entweder schon mal die Zukunft vorausgesagt oder für die ich die Geister verstorbener Familienmitglieder herbei gerufen hatte.

Ich setzte mich an einen freien Tisch und hoffte, dass mich niemand ansprechen würde. So traurig es war: Es gab nicht eine einzige Person in diesem Raum, mit der ich gerne ein Gespräch geführt hätte. Früher, als Chris noch da gewesen war, hatten wir einige Siedlungsbewohner zu unseren Freunden gezählt. Doch in den letzten zwei Jahren war der Kontakt eingeschlafen, was zugegebenermaßen meine eigene Schuld war.

Ich nippte an meinem Wasser und behielt die Eingangstür im Blick. Kim hatte mir den Vampir genau beschrieben. Groß, dunkles, kurzes Haar und – welch Überraschung – blass. Keine besonders spezifische Beschreibung. Trotzdem: Einen Vampir würde ich ja wohl erkennen, oder? Auch ohne Darios Erkennungszeichen, das mir Kim verraten hatte: Ein Muttermal rechts über der Oberlippe.

Eine halbe Stunde später war die Sonne endlich untergegangen, zumindest wenn man sich auf die Info verlassen durfte, die ich aus dem Internet abrief. Selbst überprüfen, ob es draußen schon dunkel war, konnte ich in diesem fensterlosen Keller schließlich nicht. Mein Wasser hatte ich bereits geleert und ich spielte mit dem Gedanken, mir ein zweites zu bestellen. Oder doch lieber einen Kaffee? Wer wusste schon, wann genau dieser Vampir sich hier blicken lassen würde? Da nahm ich plötzlich eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahr. Jemand kam die Treppe der Eingangstür herunter. Gespannt lehnte ich mich vor. Der Mann, der den Singenden Zombie betrat, hatte weibliche Begleitung dabei und außerdem hellblondes Haar. Ich seufzte enttäuscht, da kam hinter dem Pärchen eine weitere Person zum Vorschein. Dieser Gast kam dem beschriebenen Vampir schon näher. Er war allein und dunkelhaarig. Allerdings sah er nicht besonders gut aus. Die Nase war zu groß, der Mund zu unsymmetrisch. Wenn das ein Vampir war, dann wusste ich wirklich nicht, wo die ganze Faszination an diesen Geschöpfen herrühren sollte. Ich wollte schon den Blick abwenden, da entdeckte ich das kleine, unauffällige Muttermal. Das war … einigermaßen unerwartet. Bisher hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie so ein echter Vampir wohl aussehen mochte, aber irgendwie hatte ich damit nicht gerechnet. Unattraktiv war ein Adjektiv, das ebenso wenig zu dem Wort Vampir passte wie vegan. Ich sollte ein Foto von diesem Dario machen und es an die Presse weiterleiten. Was die Twilight-Fans wohl dazu sagen würden?

Der Vampir schien sich seiner mäßigen Attraktivität nicht bewusst zu sein. Selbstsicher schlenderte er durch die Bar, bis er sich aufwendig an einem freien Tisch niederließ. Auch seine Kleidung war enttäuschend normal. Er trug blaue Jeans, einen grünen Pullover und gewöhnliche braune Turnschuhe. Kein altmodischer Mantel, kein Umhang, keine auffälligen Accessoires, nicht mal ein Tupfen Schwarz.

Als aber die Kellnerin an Darios Tisch trat, bekam ich die Gewissheit, dass Kim doch die Wahrheit gesagt und sich nicht nur einen Scherz mit mir erlaubt hatte. Denn der Blick, mit dem der Vampir das Mädchen musterte, war nicht derselbe, mit dem ein Mann eine Frau ansieht. Sondern eher, wie ein Mann ein saftiges Steak beäugt, bevor er sich darüber hermacht. Nachdem die Kellnerin seinen Tisch verlassen hatte, wandte sich Dario seiner Umgebung zu. Jede Frau, die sich im Singenden Zombie aufhielt, fixierte er mit dem gleichen hungrigen Blick. Ich wartete geduldig und als sich die wasserblauen Augen endlich auf mich richteten, antwortete ich mit einem schüchternen Lächeln, bevor ich den Blick scheinbar ertappt senkte. Ich zählte im Geiste bis zehn und als ich wieder hochsah, stand Dario bereits an meinem Tisch. „Würde es Sie sehr stören, wenn ich mich setzte und an Ihrer Anwesenheit erfreute?“

Ich schüttelte den Kopf und gab mir alle Mühe, aufgrund seiner gestelzten Sprache nicht das Gesicht zu verziehen.

„Sind Sie Dario?“, fragte ich, kaum dass der Vampir Platz genommen hatte.

„Sie haben also schon von mir gehört?“ Ein selbstzufriedenes Grinsen breitete sich auf seinen Lippen aus.

„Ja, allerdings bin ich keine Touristin, die eine Nacht mit einem echten Vampir verbringen will.“

Das Lächeln in Darios Gesicht erlosch.

„Ich brauche eine Information“, fuhr ich fort. „Über einen Vampir namens Lucian.“

Dario musterte mich. Dann beugte er sich mit einem falschen Lächeln vor, so dass ein willkürlicher Beobachter denken musste, dass er mir Schmeicheleien ins Ohr flüsterte. „Wer bist du?“, zischte er.

Ich versuchte, keine Miene zu verziehen, und die unwillkommene Nähe auszuhalten. „Ich bin Amelie Berger, eine Zauberin. Und ich weiß, dass Lucian auf der Suche nach jemandem wie mir ist.“

Dario zog sich ein wenig zurück. Gerade weit genug, dass er mich mit seinem bohrenden Blick betrachten konnte.

Ich wartete, hielt dem unausgesprochenen Kräftemessen stand. Wenn er mich nervös machen wollte, musste er sich schon etwas Besseres einfallen lassen.

Ich bereute den Gedanken, kaum dass ich ihn zu Ende gedacht hatte, denn plötzlich trat ein gefährliches Glitzern in Darios Augen. „Ich will wissen, woher du diese Information hast, Zauberin!“

Meine Gedanken rasten, überschlugen sich auf der Suche nach einer glaubhaften Antwort. Doch so sehr ich mir das Hirn zermarterte, mir fiel keine plausible Lüge ein. Stumm starrte ich in Darios Augen, konzentrierte mich auf die Person, auf den Untoten, der mir gegenüber saß. Genauso, wie ich es tagtäglich tat, wenn ich versuchte, ein Gefühl für die Zukunft meiner Kunden zu bekommen, sandte ich meinen Geist aus, auf der Suche nach irgendetwas, einer Ahnung, einer Information über Dario, die mir weiterhelfen könnte. Und plötzlich sah ich etwas, oder vielmehr spürte etwas. Selbstzweifel. Das Gefühl der Minderwertigkeit, das hinter einer Fassade zur Schau gestellten Selbstbewusstseins verborgen wurde. Dario war kein mächtiger Vampir. Er war schwach, viel schwächer als ich.

Ich blinzelte überrascht. Bisher war mir nicht einmal klar gewesen, dass man die Macht eines Vampirs mit der einer Zauberin vergleichen konnte. Und doch hatten mir meine Fähigkeiten, mein kurzer Blick in Darios Inneres, genau das verraten. Eine Information, die Gold wert war.

Ich hob das Kinn und bedachte Dario mit einem überheblichen Blick. „Hältst du es für klug, so mit mir zu sprechen?“

Darios Augen weiteten sich. Ich sah das Widerspiel der Emotionen in seinen Augen: Unsicherheit, Wut, Angst.

Doch ich ließ ihm keine Zeit, sich für eine davon zu entscheiden: „Lucian wird mir diese Frage selbst stellen. Dir bin ich keine Rechenschaft schuldig.“ Ich legte eine kleine Effektpause ein.

Dario beobachtete mich noch immer aufmerksam, doch machte keine Anstalten, mir zu widersprechen. Innerlich atmete ich auf. „Da wir das nun geklärt haben, lass uns nicht weiter unser beider Zeit verschwenden.“

Dario lehnte sich in seinem Stuhl zurück und faltete die Hände auf dem Tisch. „Lass mich dir sagen, dass ich in diesem Moment nichts lieber täte, als dir deinen hübschen Hals umzudrehen. Außer vielleicht, dich bis auf den letzten Tropfen leer zu saugen.“

Ich hätte etwas darauf erwidert, doch traute meiner Stimme nicht.

„Dennoch gebe ich gern zu, dass ich in der Rangordnung zu tief unter Lucian stehe, als dass ich es riskieren könnte, ihn zu verärgern.“

„Bringst du mich jetzt zu Lucian?“ In dem Moment, in dem ich die Worte aussprach, hoffte ich, dass Dario verneinen würde. Ich hatte mich noch gar nicht vorbereitet. Wenn ich Lucian so gegenüber trat, würde ich mit Sicherheit alles vermasseln und als blutleere Leiche enden.

„Ich werde Lucian dein Anliegen vortragen. Bist du ihm wirklich so viel wert, wie du sagst, wird er dich finden.“ Der Vampir erhob sich.

Ich hatte keine Zeit, mich an meiner Erleichterung zu erfreuen. Von Lucian zu irgendeiner Zeit, an irgendeinem Ort gefunden zu werden, war fast noch schlimmer, als direkt zu ihm gebracht zu werden. „Warte! Wieso sagst du mir nicht einfach, wie ich Lucian erreichen kann?“

„Leider kenne ich weder seine Nummer noch seine E-Mail-Adresse“, meinte Dario trocken.

„Aha“, machte ich nur. War das als Scherz gemeint? Selbst Vampire mussten doch irgendwie erreichbar sein. „Dann sag mir doch einfach, wo ich ihn finden kann.“

Doch Dario schüttelte nur den Kopf.

Ich seufzte innerlich. Musste ich also abermals auf dem Rangunterschied zwischen uns beiden herumreiten.

Doch bevor ich etwas sagen konnte, grinste Dario plötzlich: „Ich ahne, was du sagen willst, aber spar dir deinen Atem. Verzeih, dass ich das so unverblümt sage, aber obwohl du mächtiger sein magst als ich, so bist du doch ein hilfloser Säugling im Vergleich zu Lucian.“

Er übertrieb. Ganz sicher übertrieb er maßlos. Meine Stimme zitterte leicht, als ich fragte: „Kannst du mir dann wenigstens einen Anhaltspunkt geben, wann und wo er mich finden wird?“

„Nein.“ Damit drehte sich Dario um und ließ mich einfach stehen. Ich sah ihm nach, wie er den Singenden Zombie verließ.

Mit einer zitternden Hand griff ich nach meinem Wasserglas und führte es an die Lippen, als mir einfiel, dass es schon lange leer war. Worauf hatte ich mich hier eingelassen? Und wieso hatte ich mich nicht besser vorbereitet, bevor ich Dario getroffen hatte? Ich musste das schleunigst nachholen. Und zwar, bevor Lucian mich fand. Außerdem durfte er mich unter keinen Umständen zu Hause antreffen. Dieser Ort verriet zu viel über mich, vor allem meine Orientierung an der weißen Magie. Ein paar Minuten in meinem Haus und der Vampir wüsste, dass ich noch nie in meinem Leben auch nur daran gedacht hatte, einen Dämon zu beschwören.

Ich sprang auf. Die Pension! Ich würde mir dort ein Zimmer nehmen, bis die Sache erledigt war. Und wenn Lucian mich unbedingt finden wollte, musste er das dort tun.

Ich kramte etwas Geld aus meinem Portemonnaie, legte es auf den Tisch und stürzte hinaus auf die Straße. Ich musste nach Hause und meine Sachen packen. Und vorher abermals einen Abstecher zu Kim machen.

Als ich das Haus betrat, das ich seit meiner Kindheit bewohnte, blieb ich unschlüssig im Flur stehen. Dann ging ich auf direktem Weg die Treppe hoch und öffnete die Tür auf der rechten Seite. Die Tür, die ich seit zwei Jahren nicht mehr geöffnet hatte.

Das hier war Chris’ Zimmer gewesen, bis er verschwunden war. Es war sein Zimmer, seit ich denken konnte. Damals, als sowohl seine als auch meine Eltern noch gelebt und gemeinsam in diesem Haus gewohnt hatten. Und auch dann wieder, als Chris und ich nach unserer erreichten Volljährigkeit zurück in das Haus unserer Kindheit gezogen waren. Nur nicht in der Zeit zwischen unserem zehnten und achtzehnten Lebensjahr. Die Zeit, die Chris und ich in einem Heim verbracht hatten, nachdem unsere Eltern bei einem Autounfall gestorben waren, eines Abends, als sie gemeinsam ausgingen und Chris und ich mit der Babysitterin zu Hause fernsahen. Unsere Eltern hatten sich schon gekannt, als sie selbst noch Kinder gewesen waren. Sie alle waren in der Schauersiedlung aufgewachsen, damals, als diese noch nicht solche Touristenattraktion war. Meine Mutter hatte ebenfalls magische Kräfte, ebenso wie Chris’ Vater. Unsere Eltern hatten großen Wert darauf gelegt, dass wir uns schon früh mit unseren Fähigkeiten beschäftigten, damit wir sie später einmal für das Gute einsetzen konnten. Das Haus hatte mein Vater von seinen Eltern geerbt und als Chris’ Familie eine vorübergehende Unterkunft gesucht hatten, weil ihr Vermieter ihr Haus zu einem Schauersiedlungs-Souvenirladen umbauen ließ, waren sie bei uns eingezogen. Damals waren Chris und ich noch so klein gewesen, dass ich mich kaum daran erinnern konnte. Das Zusammenleben hatte so gut geklappt, dass sie geblieben waren. Und obwohl Chris nicht mein Bruder war, fühlte er sich doch so an. Auch heute noch.

Für einen Moment stand ich bewegungslos im Türrahmen und ließ das Bild auf mich wirken. Alles sah genauso aus, wie ich es in Erinnerung hatte: Der vollgestellte Schreibtisch, die Regale, die sich unter der Last von CDs und Videospielen durchbogen und das stets ungemachte Bett. Nur wenn ich genau hinsah, fiel mir die dicke Staubschicht auf. Und die Tatsache, dass einige Dinge fehlten. Zum Beispiel Kleidung, allem voran das hässliche, grün-lila karierte Hemd, Chris’ Lieblingskleidungsstück. Auch in dem CD-Regal klafften ein paar Lücken. Außerdem gab es noch ein paar Kleinigkeiten, die weg waren: Portemonnaie, i-Pod, Sonnenbrille. Doch das Handy lag unberührt auf dem Schreibtisch.

Der Zustand des Zimmers bewies scheinbar, dass Chris freiwillig und geplant gegangen war. Ebenso wie das zurückgelassene Handy zeigte, dass er nicht gefunden werden wollte. Doch ich konnte das nicht glauben. Was, wenn jemand das alles absichtlich inszeniert hatte?

Meine Hand umklammerte die Türklinke so fest, dass die Knöchelchen weiß hervor traten. Übelkeit drohte, mich zu überschwemmen. Ich versuchte, sie zu unterdrücken und dann, als das nicht mehr möglich war, sie niederzukämpfen. Doch ich hatte keine Chance.

Chris und ich, wir hatten Pläne gehabt. Nachdem wir volljährig wurden, hatte sich bei uns alles um die Magie gedreht. Unsere Eltern hatten leider nicht genug Zeit gehabt, uns die vollständige Kontrolle über unsere Kräfte zu lehren, also mussten wir das selbst in die Hand nehmen. Und wir schafften es relativ schnell, die Anwendung der drei grundlegenden magischen Fähigkeiten zu erlernen: Das Illusionieren, die Heraufbeschwörung reiner Energie und den Blick in die Zukunft, was gleichzeitig einen Blick in die Seele des Gegenübers bedeutet. Wir hatten einen Zaubererzirkel gründen wollen: Eine Gemeinschaft von magisch begabten Menschen, die sich gegenseitig im Ausbau ihrer Fähigkeiten unterstützen sollten. Wir hatten am eigenen Leib erfahren, was es heißt, niemanden zu haben, der die Entwicklung der magischen Fähigkeiten fördert. Obwohl Zauberei so lange existierte, wie es Menschen gab, wusste niemand genau, was in der Magie alles möglich war. Jeder Zauberer war anders, so hieß es. Zwar gab es die drei grundlegenden Fähigkeiten, die beinahe jeder, der magische Kräfte besaß, schon sehr früh entwickelte. Einige blieben jedoch ihr Leben lang auf einem sehr rudimentären Level, während andere lernten, Illusionen zu schaffen, die ganze Menschengruppen hinters Licht führten. Immer wieder tauchten auch Gerüchte auf, dass besonders begabte Zauberer noch ganz andere Fähigkeiten entwickelten, doch bisher hatte ich nie jemanden getroffen, der das bewiesen hätte. Unser Zaubererzirkel sollte unser Verständnis, was alles mit Magie möglich war, erweitern. Vor allem für diejenigen, die wie Chris und ich keine Verwandten mehr hatten, von denen sie lernen konnten. Es sollte ein großer Zirkel sein, mit dem Hauptstandort in einer europäischen Metropole und kleineren über den ganzen Kontinent verteilt. Ja, wir hatten große Pläne.

Ich lächelte unwillkürlich, als ich mich daran erinnerte, wie Chris und ich darauf gekommen waren. Nachdem wir mit achtzehn in dieses Haus zurückgekehrt waren, ohne Familie, ohne irgendwelche Zukunftspläne oder etwas anderes, das uns in der Schauersiedlung hielt, waren wir auf Reisen gegangen. In beinahe jedem europäischen Land waren wir gewesen, hatten Zauberer getroffen, von ihnen gelernt und uns das, was wir zum Leben brauchten, mit Nebenjobs verdient. Es hatte uns so gut gefallen, dass wir entschieden, niemals mehr anders zu leben. Und so war die Idee mit den Zirkeln aufgekommen. Bevor wir sie in die Tat umsetzten, hatten wir das Haus verkaufen wollen, nur deshalb waren wir in die Schauersiedlung zurückgekehrt. Und dann war Chris plötzlich von einem auf den anderen Tag verschwunden. Und ich hatte es nicht über mich gebracht, die Siedlung wieder zu verlassen. Was, wenn er doch eines Tages zurückkehrte?

Blind vor Tränen taumelte ich in das Zimmer hinein. Ich hob Kleidungsstücke auf, nahm das Handy vom Schreibtisch und starrte auf das schwarze Display. Es schwieg und gab keinerlei Hinweise auf Chris Aufenthaltsort. Ich drehte mich um, suchte zum hundertsten Mal nach weiteren Gegenständen, die mir etwas über Chris Verschwinden verraten könnten. Da fiel mein Blick auf das Bücherregal und auf einen ganz bestimmten Buchrücken: Vampire – Ungeheuer der Nacht oder gequälte Seelen? Ein Ratgeber, der keine Fragen offen lässt.

Ich stand einen Moment bewegungslos da und konzentrierte mich auf meine Atmung. Ein, aus. Ein, aus. Es funktionierte. Als die Trauer auf ein kontrollierbares Level geschrumpft war, zog ich das Buch heraus und blies die Staubschicht weg. Hatte Chris sich mit Vampiren beschäftigt? Darüber hatte er nie ein Wort gesagt.

Meine Augen suchten die anderen Bücher ab, aber sonst war nichts über Vampire dabei. Dafür blieb ich an einem anderen Titel hängen: Beschwörungen Band 1 – So rufen Sie Dämonen für jede Gelegenheit. Wieso hatte Chris dieses Buch? Dämonen gehörten zur dunklen Magie. Weder Chris noch ich hatten uns je für diese Seite interessiert. Mein Blick flog abermals über das Regal und nahm nun noch weitere seltsame Titel wahr, die vereinzelt zwischen den anderen, ganz normalen Büchern standen: Almanach der schwarzen Magie, Magische Gegenstände und wie man den größtmöglichen Schaden mit ihnen anrichtet, Was Morddämonen wirklich können …

Was hatte das zu bedeuten? Wann hatte Chris angefangen, sich für solche Themen zu interessieren?

Ich wusste nicht, wie lang ich dastand und fassungslos auf das Regal starrte. Dann riss ich mich zusammen. Ich hatte keine Zeit dafür. Wenn alles nach Plan lief, würde ich Chris womöglich bald selbst nach diesen Büchern fragen können. Ich zog das Buch über die Dämonenbeschwörungen heraus und klemmte es mir, zusammen mit dem Vampirbuch unter den Arm. Wenn ich vorgeben sollte, eine kundige Dämonenbeschwörerin zu sein, musste ich mich auf dem Gebiet schlau machen.

Mit den beiden Büchern unter dem Arm zog ich mich zur Zimmertür zurück. Ich warf einen letzten Blick hinein, dann schloss ich die Tür.

Ich packte eilig meine Sachen und verließ schließlich mit einer großen Umhängetasche über der Schulter das Haus. Nachdem ich die Eingangstür abgeschlossen hatte, kramte ich die Utensilien aus der Tasche, die ich mir von Kim hatte geben lassen: Zwei getrocknete, verschrumpelte Krähenfüße. Ich platzierte sie je rechts und links der Eingangstür und schaute dann zweifelnd auf sie herab. Mit magischen Gegenständen hatte ich sonst selten zu tun, die fielen eher in das Gebiet von Hexen oder auch in das der dunklen Magie. Ob es funktionieren würde? Zumindest hatte Kim mir versichert, dass sie die Krähenfüße nicht aus dem Ramschladen der alten Barbara hatte, sondern von einem angeblich seriösen Internetanbieter. Aber ob sie deshalb in der Lage wären, das Haus vor Eindringlingen zu schützen?

Ich seufzte und wandte dem Haus den Rücken zu. Mir blieb wohl nicht anderes übrig, als zu hoffen.

Wie auch im Hexentreff und im Singenden Zombie waren Möbel und Accessoires in der Pension künstlich auf Mittelalter und Mystik getrimmt. Da in den Ferien Ströme von neugierigen Touristen in die Schauersiedlung kamen, verfügte die Pension über viele Zimmer. Heute war zum Glück noch etwas frei. Ich bezahlte im Voraus und machte mich auf die Suche nach dem mir zugewiesenen Zimmer mit der Nummer 29. Noch nie zuvor war ich in der Pension gewesen und wahrscheinlich würde ich auch nie wieder herkommen, wenn ich nicht unbedingt musste. Den Hexentreff mit seinen Plastiktotenköpfen und den Singende Zombie mit der Mischung aus Fetisch- und Halloween-Elementen konnte ich gerade noch ertragen. Beiden Lokalen sah man das Unechte auf den ersten Blick an. Aber in diesem Gebäude, das tatsächlich schon uralt war, fühlte ich mich wie in Draculas Schloss. In dem Gang, der zu meinem Zimmer führte, hingen schwere Kronleuchter von der Decke, die dämmriges Licht und seltsam geformte Schatten verbreiteten. Der dicke, rote Teppich, gab unter meinen Schuhen nach. Die düstere Atmosphäre, die über dem gesamten Flur lag, erschwerte mir das Atmen. Oder war es der modrige Geruch, der in der Luft schwebte?

Ich beschleunigte meine Schritte. Als ich den Schlüssel ins Schloss von Zimmer Nummer 29 steckte, bemerkte ich, dass meine Hand zitterte. Das Schloss klickte. Ich versuchte, die Tür zu öffnen, doch sie klemmte. Mit meinem ganzen Gewicht stemmte ich mich dagegen. Quietschend schwang die Tür auf. Blind tastete ich an der Wand nach dem Schalter. Ich knipste das Licht an. Und mein Herzschlag setzte aus.

Kapitel 2

Da saß jemand. Auf meinem Bett, in meinem Pensionszimmer, saß jemand! Jemand, der aussah wie ein Vampir. Schwarze schulterlange Haare, die im Nacken zu einem kurzen Zopf gebunden waren, schwarze Hose, schwarzes Hemd, leichenblass und so attraktiv, dass er locker mit jedem Romanvampir mithalten konnte.

Der Mann lächelte mich auf eine Weise an, die in mir den Wunsch weckte, umzudrehen und die Flucht zu ergreifen. „Willst du nicht hereinkommen? Schließlich hast du für das Zimmer bezahlt.“ Seine nachtblauen Augen schienen über mich zu lachen.

Vorerst blieb ich, wo ich war, noch immer den Türgriff mit einer Hand umklammert. Ich versuchte nachzudenken, doch der Anblick des Mannes lenkte mich ab. Wie er auf dem Bett saß, eine Hand hinter sich auf der Matratze abgestützt, den Oberkörper leicht zurückgelehnt, stellte er einen Blickfang im positivsten Sinne dar. Je länger ich ihn anstarrte, desto lasziver wurde sein Grinsen.

„Wie sind Sie in mein Zimmer gekommen?“, brachte ich schließlich heraus.

„Ich bin ein Vampir“, gab der Mann zurück, als wäre das Erklärung für alles, einschließlich dafür, dass sich die Erde um die Sonne drehte.

Also doch. Ich hatte es geahnt, obwohl er mit Dario so wenig gemein hatte wie ein weißer Hai mit einer Flunder. „Lucian?“

Der Vampir neigte zustimmend den Kopf.

Ich blickte ihm in die Augen, konzentrierte mich auf ihn, wie ich es heute schon bei Dario getan hatte. Tauchte mit meinem Geist in seinen ein, machte mich auf die Suche. Dann war es plötzlich zu Ende, als hätte mir jemand die Tür vor der Nase zugeschlagen. Ich blinzelte, taumelte einen Moment, bis ich mein Gleichgewicht wieder fand. Entgeistert starrte ich Lucian an. Der sah zurück und verzog keine Miene. Konnte es sein, dass der Vampir gemerkt hatte, was ich tat, und mich irgendwie abgeblockt hatte?

Ich wollte etwas sagen, doch in meinem Hals hatte sich ein Kloß gebildet, der mir das Sprechen unmöglich machte. Noch nie war es vorgekommen, dass jemand seinen Geist vor mir verschloss.

Plötzlich erhob sich der Vampir mit einer katzengleichen Bewegung vom Bett.

Ich wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Na na, warum denn so schreckhaft?“ Wie ein Raubtier schritt er auf mich zu. Dann stand er auf einmal direkt vor mir.

Ich hatte keine Zeit zu reagieren. Der Vampir packte mein Handgelenk und zog mich mit einem kräftigen Ruck ins Zimmer hinein. Ich stolperte und wäre beinahe gefallen. Währenddessen griff Lucian hinter mich und schloss die Tür. „Wir wollen unser kleines Gespräch doch lieber in Ruhe führen, nicht wahr?“

Lucian stand so nah, dass kaum eine Hand zwischen unsere Körper gepasst hätte. Ich spürte die Wärme, die von ihm ausging. Wärme? Natürlich. Wieder so ein Klischee, das sich als unwahr erwies.

Ich stolperte rückwärts. Versuchte, ein bisschen Abstand zwischen uns zu bringen. Doch schon nach einem halben Schritt prallte ich mit dem Rücken gegen die Zimmertür.

Der Vampir lächelte mitleidig und rückte zu mir auf. „Kommen wir endlich zum Geschäftlichen: Du bist die Zauberin Amelie Berger? Und du willst mir helfen, den Bund zu zerstören?“

Ich zwang mich mit aller Kraft zur Ruhe. Nun konnte ich ohnehin nicht mehr fliehen.

„Die bin ich“, bestätigte ich mit einigermaßen fester Stimme. Ich reckte das Kinn und versuchte, so viel Überzeugungskraft wie möglich in meinen Blick zu legen.

„Wie erfreulich. Woher weißt du von meinen Plänen?“ Lucians Augen blitzten gefährlich auf. Gleichzeitig enthüllte er zwei spitze Eckzähne.

„Ich …“, begann ich, doch hatte keine Ahnung, was ich eigentlich sagen wollte. Lucian hatte mich einfach viel zu schnell gefunden. Ich hatte noch keine Zeit gehabt, mir eine gute Erklärung einfallen zu lassen.

Meine Augen fixierten seine Zähne. Sie waren weiß, weißer als alles, was ich jemals gesehen hatte. Und obwohl sie nicht besonders lang waren – vielleicht ein paar Millimeter länger als menschliche Eckzähne – sahen sie so scharf aus wie Rasierklingen.

„Ja?“ Der Vampir kam abermals näher, auch wenn ich nicht wusste, wie das noch möglich war. Ich war mir sicher, dass nicht mehr als ein Blatt Papier noch zwischen uns gepasst hätte, und doch berührten sich unsere Körper nicht. Seine Wärme spürte ich jedoch überdeutlich, ebenso wie eine seiner schwarzen Haarsträhnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatte und meine Wange kitzelte. Ich atmete seinen Geruch ein, eine herbe, betörende Duftnote, die ein Flattern in meiner Magengegend auslöste.

Ganz langsam streckte Lucian einen Finger aus. Er fuhr damit sanft über meine Stirn, bevor er eine meiner Haarsträhne zwirbelte.

„Es ist mir ein Rätsel, warum du so ängstlich bist“, bemerkte der Vampir mit falscher Sorge in der Stimme. „Außer … Oh nein! Bist du etwa nicht ehrlich zu dem guten Dario gewesen?“ Er hob die dunklen Augenbrauen in schlecht gespielter Ungläubigkeit.

„Ich war ehrlich.“

„Na na na“, schalt er. „Habe ich nicht erwähnt, dass ich nicht gerne angelogen werde?“ Er lächelte liebenswürdig. Im nächsten Moment packte seine Hand meine Kehle und drückte zu. Ich keuchte, röchelte, doch der Druck wurde nur noch größer.

Jetzt können wir uns richtig unterhalten, meinst du nicht?“

Meine Hände griffen nach der Hand, die mir die Luft abdrückte. Ich kratzte, schlug und zerrte, doch Lucians Griff war unnachgiebig. Schon senkte sich eine drückende Schwere auf meine Stirn. Mit letzter Kraft trat ich nach dem Vampir. Ich traf nur Luft. Sein Gesicht verschwamm vor meinen Augen. Ich hörte Geräusche … ein kehliges Wimmern, das ich erst nach ein paar Sekunden als mein eigenes erkannte.

Gleichzeitig sprach der Vampir: „Traurig. Aber was hast du erwartet, als du dich auf eine Zusammenarbeit mit dem Bund eingelassen hast? Dachtest du tatsächlich, sie hätten dich richtig auf die Begegnung mit mir vorbereitet? Da muss ich dich leider enttäuschen, kleine Zauberin. Ihre Zeit ist ihnen zu kostbar, als dass sie sie mit dir verschwenden würden. Und warum ist das so? Weil du eine Zauberin bist, für sie nicht mehr wert als meinesgleichen.“

Plötzlich war die Hand an meinem Hals verschwunden. Wie ein nasser Sack fiel ich zu Boden. Gierig sog meine Lunge den Sauerstoff ein. Es war mir egal, dass jeder Atemzug in meiner Kehle brannte. Ich brauchte Luft. Luft …

„Du solltest versuchen, deine Atmung zu kontrollieren“, empfahl der Vampir gelangweilt. „Mir scheint, du bist auf dem besten Weg zu hyperventilieren. Was unter Umständen dazu führen kann, dass du das Bewusstsein verlierst. Ich bin wirklich nicht in der Stimmung, dir noch mehr meiner kostbaren Zeit zu opfern. Also lass es bitte bleiben.“

Mir wurde schwindelig. Mein Kopf fühlte sich so groß wie ein Ballon an. Der Vampir hatte recht. Ich musste aufhören zu atmen. Doch es ging nicht. Meine Lunge verlangte nach Sauerstoff, immer und immer wieder. Bunte Punkte flimmerten vor meinen Augen. Ich musste mich zusammenzureißen. Für Chris.

Ich ballte die Hände vor Anstrengung, als ich mich zwang, langsamer zu atmen. Der Schwindel ließ nach.

Erschöpft lehnte ich meinen Kopf gegen die Wand. Doch ich durfte mich jetzt nicht ausruhen. Nur weil Lucian mich eben nicht umgebracht hatte, bedeutete das nicht, dass er es nicht noch tun würde. Warum sollte er mich laufen lassen? Er hatte mich durchschaut. Und hatte Bettina Frei nicht genau damit gerechnet? Für sie war es von vornherein ein Test gewesen, ob ich die erste Begegnung mit Lucian überlebte und dem Auftrag gewachsen war. Lucian hatte recht: Mein Leben bedeutete dem Bund gar nichts. Zorn ließ meinen Körper erbeben. Seltsamerweise richtete sich die Wut nicht gegen den Bund, sondern gegen den Vampir, der mit diesem amüsierten Lächeln auf mich herabschaute.

Noch war dieser Abend nicht vorbei. Noch war ich nicht tot. Und das konnte nur bedeuten, dass Lucian zwar vermutete, dass ich mit dem Bund zusammen arbeitete, aber nicht sicher war. Ich hatte noch eine Chance und die würde ich nutzen. Dieser Vampir würde mich nicht davon abhalten, meinen Auftrag zu erledigen und Chris zu finden. „Sie machen einen Fehler“, sagte ich. Zwar klang meine Stimme von Lucians Angriff noch heiser, aber ansonsten ruhig und fest.

Der Vampir hob die Augenbrauen, doch wirkte eher amüsiert als überrascht. „Sieh an. Da es dir augenscheinlich besser geht: Wie wäre es, wenn du mir erzählst, was genau der Bund von dir wollte? Solltest du gerade nicht dazu in Stimmung sein, könnte ich dir auch Folter anbieten.“ Er leckte sich demonstrativ über die Lippen. „Ich hoffe, du wählst Letzteres.“

„Ich weiß, dass Sie meine Magie fühlen können. Sie wissen, dass ich mächtig genug bin, um den Bund mit Ihnen zu zerstören. Sie brauchen mich.“ Wir blickten uns in die Augen. Mein Blick eindringlich, Lucians für mich unlesbar. „Und ich brauche Sie“, setzte ich noch einen oben drauf. „Ich will den Bund ebenso vernichtet sehen, wie Sie.“

„Tatsächlich?“ Lucian zog das Wort in die Länge, betonte jede einzelne Silbe. „Und wieso benötigt eine mächtige Zauberin wie du meine Hilfe? Wieso beschwörst du nicht einfach deine Morddämonen und machst dem Bund den Garaus? Wieso wendest du dich an einen Vampir wie mich, von dem du dir nicht einmal sicher sein kannst, dass er dich am Leben lässt?“

Er glaubte mir nicht, nicht einmal ansatzweise. Aber noch würde ich nicht aufgeben. Ich versuchte mir vorzustellen, ich wäre tatsächlich eine Dämonenbeschwörerin und wollte den Bund vernichten. Wozu bräuchte ich dann einen Vampir als Komplizen? „Wegen des Opfers“, sagte ich spontan. Ich hätte jedenfalls keine Lust, mich für einen Menschen zu entscheiden, der für mein Vorhaben zu sterben hatte, und diesen dann auch noch zu entführen. Vampire dürften da doch weniger Skrupel haben, oder?

„Wegen des Opfers?“, wiederholte Lucian.

„Ja, wegen des Blutes, das für die Morddämonen-Beschwörung benötigt wird. Sie wissen schon.“ Ich versuchte, überzeugend auszusehen, doch wenn ich ehrlich war, hätte nicht mal ich selbst mir geglaubt.

„Interessant“, sagte Lucian und zu meiner Überraschung wirkte er tatsächlich, als meinte er es auch so. „Für eine weiße Zauberin, die für den Bund arbeitet, weißt du außergewöhnlich viel über die Beschwörung von Morddämonen.“

„Weil ich den Bund zerstören will! Und keine weiße Zauberin bin, zumindest nicht mehr.“ Ich blickte Lucian ernst an und dachte an Chris, stellte sicher, dass der Vampir die Trauer in meinen Augen lesen konnte. „Der Bund hat jemanden getötet … jemanden, der mir nahestand. Seitdem habe ich nur das eine Ziel und habe mich Tag und Nacht mit Dämonenbeschwörungen beschäftigt. Sie finden keine bessere als mich.“

Lucian musterte mich lange. Nun lag eindeutiges Interesse in seinem Blick. „Gut, kleine Zauberin, ich gebe dir eine letzte Chance.“ Einen Wimpernschlag später stand er plötzlich wieder direkt vor mir.

Ich musste mich davon abhalten erschrocken aufzukeuchen. „Offenbare mir, wer dir von meinen Plänen erzählt hat.“

Wieder spürte ich die Körperwärme des Vampirs, wieder kitzelten seine Haare meine Stirn. Diesmal spürte ich sogar seinen Atem, der meinen Scheitel streifte und seinen Brustkorb, der sich gleichmäßig hob und senkte.

Da machte es plötzlich klick in meinem Gehirn. Der Spion! Ihn könnte ich als meinen Informanten verkaufen. Er würde mich decken, würde für mich lügen und dem Vampir erzählen, dass er mich in die Pläne eingeweiht hat! Es fehlte nur noch eine winzige Kleinigkeit: Der Name des Spions. Verdammter Bund!

Ich musste handeln, musste irgendetwas sagen. „Ich weiß es von jemandem, den Sie kennen, aber ich habe versprochen, ihn nicht zu verraten.“ Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so schlecht gelogen hatte.

„Warum solltest du mir seinen Namen nicht nennen dürfen?“

Ich fantasierte weiter: „Weil er ohne Ihr Wissen nach einer Zauberin gesucht hat und nicht sicher ist, ob Sie das gutheißen.“

Der Vampir sah mich immer noch mit diesem neugierigen Blick an. Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Dabei rammte ich ihm absichtlich die Ellenbogen in den Bauch.

Der interessierte Blick in den Augen des Vampirs wurde noch eine Spur intensiver. „Handelt es sich bei diesem Jemand zufällig um eine Vampirin namens Marcelle?“

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Glaubte er mir etwa? Oder …? Ich versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu deuten, doch vergebens. War es eine Falle? Wahrscheinlich hoffte er, dass ich behauptete, es sei diese Marcelle gewesen, damit er mich der Lüge überführen konnte. Ich schüttelte den Kopf. „Ich werde nichts verraten.“

„Also war es Marcelle.“

Ich widersprach nicht. Falle hin oder her – ich hatte keine Wahl. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass er mir glaubte.

„Gut“, sagte der Vampir mit sanfter Stimme. Dann verließen seine Augen plötzlich mein Gesicht und richteten sich auf einen Punkt weit hinter mir. Ich drehte den Kopf, doch da war nur die Tür. Lucian blickte weiterhin geradeaus, so als hätte er die Realität verlassen. Da ging etwas vor, das spürte ich. Etwas Magisches, das jedoch kein bisschen mit meiner Art der Magie zu tun hatte.

Von einem auf den anderen Moment war es wieder vorbei. Lucians Augen richteten sich wieder auf mich, als er erklärte: „Marcelle wird gleich hier sein, dann können wir sie mit deinen Vorwürfen konfrontieren.“

Ich schloss die Augen. Jetzt war es endgültig vorbei.

„Ich bin wirklich gespannt, ob du die Wahrheit sagst.“ Gutgelaunt wandte Lucian sich um und schritt quer durchs Zimmer auf das Bett zu. Ebenso elegant, wie er vorhin aufgestanden war, ließ er sich nun wieder auf die Matratze sinken. Er betrachtete mich mit halb geschlossenen Lidern, so wie man aus Langeweile ein uninteressantes Gemälde betrachtet.

Ich lehnte mich neben die Tür an die Wand. Mir kam nicht einmal der Gedanke, zu fliehen. Lucian hatte seine übernatürliche Schnelligkeit bereits bewiesen. Ich musste mir etwas anderes einfallen lassen. Jetzt ging es nur noch darum, diese Nacht zu überleben. Es musste doch einen Weg geben. Ich war schließlich nicht irgendein Mensch. Ich hatte Kräfte, ich … ich hatte eine Idee. Wenn diese Marcelle ein ähnlich schwacher Vampir war wie Dario – dann könnte ich sie benutzen. Mithilfe meiner Kräfte würde ich ihr eine Illusion aufzwingen, die sie Lucian als Feind wahrnehmen ließ. Sie würde ihn angreifen. Und ich könnte den Tumult nutzen, um zu fliehen.

Mein Blick flog zum Vampir zurück. Er beobachtete mich immer noch. Ich begann, ihn meinerseits zu mustern. Wie ein Fetzen nächtlichen Himmels zwischen weißen Wolken lag die intensiv gefärbte Iris inmitten seiner Augen. Umrahmt von langen, dunklen Wimpern, stach das Blau noch leuchtender hervor. Das pechschwarze Haar bildete einen scharfen Kontrast zu seiner elfenbeinfarbenen Haut. Die Lippen setzten sich durch starke Konturen von der umliegenden Haut ab, waren intensiver gefärbt als der Rest und weder zu schmal, noch zu voll. Die hohen Wangenknochen gaben seinem Gesicht das gewisse Etwas.

Mein Blick glitt weiter, über seine Schultern, die von einem schwarzen, offenen Hemd und dem darunter liegenden Sweatshirt verdeckt wurden. Sein schlanker Körper strahlte eine animalische Kraft aus.

„Sie kommt“, unterbrach Lucian meine Musterung.

Ich sah zur Tür – und keuchte erschrocken auf, als ich eine Frau im Zimmer stehen sah.

„Ihr habt gerufen, Meister?“ Sie bewegte sich auf Lucian zu. Der graue Rock ihres mittelalterlichen Ballkleides wippte auf und ab. Dass sie unbemerkt das Zimmer hatte betreten können, deutete darauf hin, dass sie zumindest nicht ganz so schwach wie Dario war.

„Marcelle.“ Lucian dehnte ihren Namen auf eine unschöne Art und Weise.

Marcelle schien das nicht geheuer zu sein. Sie blieb augenblicklich stehen, näherte sich ihrem Meister nicht weiter.

Die beiden Vampire starrten einander stumm an, ganz so, als hätten sie mich völlig vergessen. Das war meine Chance. Ich konzentrierte mich auf die Vampirin. Tastete ihren Geist ab, suchte nach Einlass.

„Diese kleine Zauberin behauptet, dich zu kennen“, sagte Lucian.

Ich fand Einlass und wusste sofort: Marcelle war mächtig, ungefähr so mächtig wie ich. Doch das reichte nicht. Ich musste es genau wissen. Wenn die Vampirin nur ein bisschen mächtiger war als ich, würde meine Illusion nicht lange genug wirken, um fliehen zu können.

Marcelle stand unbeweglich da, aufrecht, die Hände vor ihrem Bauch gefaltet. Auf den ersten Blick hätte man sie für eine lebensgroße Puppe halten können.

„Weiterhin behauptet sie, du hättest ihr von meinen Plänen erzählt und sie … wie soll ich sagen?“ Lucians Blick richtete sich gespielt nachdenklich gen Zimmerdecke, dann wieder zurück auf Marcelle. „Angeworben.“

Ich hatte keine Zeit mehr. Jetzt oder nie. Ich fixierte Marcelle mit meinem Blick und gleichermaßen mit meinem Geist. Ich flüsterte ihr ein, dass es nicht Lucian war, der da vor ihr stand. Sondern ich. Ich, wie ich einen Pflock aus meiner Manteltasche zog. Ich, wie ich angriff, um sie zu töten.

„Ja, Meister, das habe ich.“

Erschrocken hielt ich die Illusion zurück, die ich gerade in Marcelles Geist hatte verankern wollen. Ich starrte die Vampirin an.

Sie warf mir einen Blick zu. Ihre dunklen Augen ruhten kurz, aber nachdrücklich auf mir. Und plötzlich wusste ich, was das bedeutete: Sie war der Spion. Es gab keine andere Erklärung. Warum sonst sollte sie ihren Meister für mich anlügen?

Ich spürte, wie meine Beine vor Erleichterung zu zittern begannen. So unauffällig wie möglich stützte ich mich an der Wand ab. Ich hatte es geschafft. Ich würde überleben. Und auch mein Auftrag war noch nicht verloren.

Marcelle hatte derweil ihre Augen wieder auf Lucian gerichtet. „Verzeiht, falls ich gegen Euren Willen handelte. Ich hörte Gerüchte, dass sich in dieser Siedlung eine mächtige Zauberin aufhalten sollte. Ihr wart beschäftigt, also suchte ich sie selbst auf.“

Lucian erhob sich mit solch einer Schnelligkeit, dass sein Körper vor meinen Augen verschwamm. Im nächsten Moment stand er direkt vor Marcelle. Obwohl die Vampirin größer war als ich, überragte Lucian sie um einen ganzen Kopf. Er sagte nichts, starrte Marcelle nur mit diesem unheilvollen Lächeln auf den Lippen an.

Die Vampirin hielt demütig den Kopf gesenkt. „Verzeiht, Meister“, hauchte sie. Ihre Stimme klang gepresst, als würde sie Schmerzen leiden. Die Hände, die sie noch immer vor dem Bauch gefaltet hatte, verkrampften sich ineinander. „Ich wollte euch lediglich behilflich sein. Sie ist eine mächtige Zauberin“, ächzte Marcelle.

Lucians durchdringende Augen richteten sich auf mich.

„Da hast du allerdings recht.“ Er ließ von der Vampirin ab und bewegte sich auf mich zu. Diesmal jedoch blieb er in angemessenem Abstand zu mir stehen. „Ich danke dir für diese Kostprobe deiner Macht.“

„Ich …“

„Du hattest vor, Marcelles Geist zu manipulieren“, unterbrach mich Lucian. „Und ich vermute, dass du es auch geschafft hättest, wenn du es dir nicht im letzten Moment anders überlegt hättest.“ Seine Augen bohrten sich in meine.

„Ich wollte …“, begann ich, doch brach ab. Was hätte ich auch sagen sollen?

„Ich weiß sehr genau, warum du das tun wolltest“, ließ mich Lucian wissen und warf einen Blick hinter sich, von wo aus die Vampirin uns beobachtete. „Ich hätte mich auch nicht darauf verlassen, dass Marcelle in dieser Situation die Wahrheit sagt. Wenn ich nicht wüsste, dass sie nicht anders kann.“

„Sie kann nicht anders?“

„Marcelle ist mein Geschöpf. Ich habe sie erschaffen. Ich kann in ihren Geist eindringen, ihre Motivationen ergründen. Du siehst: Mich anzulügen ist ihr unmöglich.“

Da war wohl jemand überzeugter von sich selbst, als es gut für ihn war. Wenn der wüsste, was sein Geschöpf in Wirklichkeit im Schilde führte.

„Und mich zu hintergehen, schadet ihr am Ende stets selbst.“ Lucian warf Marcelle einen vielsagenden Blick zu, bevor er mich wieder ansah. „Da wir nun alles Wichtige geklärt haben, schlage ich vor, dass wir diesen amüsanten Abend ausklingen lassen.“ Wie, um seine Worte zu unterstreichen, wandte Lucian sich zur Tür. „Finde dich morgen nach Sonnenuntergang am Bahnhof ein.“

Erst glaubte ich, mich verhört zu haben. „Was? Was soll ich am Bahnhof?“

Lucian schenkte mir einen mitleidigen Blick. „Die Dämonenbeschwörung wird auf meinem Anwesen in Frankreich stattfinden. Wir brechen morgen Abend dorthin auf.“

„Ich … Frankreich?“

„Genug jetzt“, beugte Lucian weiteren Fragen vor. „Wenn du morgen nicht da sein solltest, ist unser Handel hinfällig. Au revoir.“ Er warf mir einen Handkuss zu.

Ich öffnete den Mund, um etwas zu sagen, zu fragen, doch da waren die beiden Vampire bereits verschwunden. Leise klickend fiel die Tür ins Schloss. Erschöpft ließ ich mich aufs Bett sinken. Ich lebte noch und der Vampir hatte mir meine Tarnung abgekauft. Alles in allem konnte ich mich glücklich schätzen.

Mit einer zitternden Hand nahm ich das Hoteltelefon und tippte Bettina Freis Nummer ein. Dachte ich zumindest, doch als das nervtötende „Diese Rufnummer ist leider nicht vergeben“ ertönte, wurde mir klar, dass meine Merkfähigkeit tatsächlich so schlecht war, wie ich befürchtet hatte. Ich tauschte die beiden letzten Ziffern miteinander, und traf diesmal zu meiner Erleichterung die richtige Nummer.

„Ja?“, fragte die mir bekannte kühle Frauenstimme.

„Lucian will, dass ich morgen zum Bahnhof komme. Er will zu seinem Anwesen nach Frankreich, um dort die Beschwörung durchzuführen.“

„Sie haben ihn also bereits getroffen?“

„Das kann man wohl sagen.“

„Fabelhaft. Und anscheinend haben Sie ihn überzeugt.“

„Ich glaube, jetzt ist der Punkt, an dem Sie mich fragen sollten, ob es mir gut geht.“

„Sie leben doch noch, oder?“, fragte Bettina Freis Stimme ungerührt. „Sie können sprechen, das Telefon halten und sind offenbar noch dazu in der Lage, sich über mich aufzuregen.“

Ich zählte im Stillen bis zehn. Dann bis zwanzig. Erst danach traute ich mir zu, das Gespräch mit ruhiger Stimme fortzusetzen. „Er wusste, dass Sie mich geschickt haben. Oder vielleicht hat er es auch nur geahnt. Sie hätten mir wenigstens einen Tipp geben können, woher ich offiziell von Lucians Plänen wissen sollte! Es kam nicht wirklich gut bei ihm an, dass ich auf diese Frage keine Antwort hatte.“

Bettina Frei schwieg.

„Zum Glück hat Marcelle für mich gelogen und gesagt, sie hätte mich für die Dämonenbeschwörung angeworben.“

„Also glaubt Lucian Ihnen jetzt?“

„Ja, aber das ist nicht der Punkt.“ Ich seufzte, aber wusste, dass es keinen Sinn machte, weiter mit ihr zu diskutieren. Ich musste jetzt nach vorne schauen, sprich, mir über den eigentlichen Auftrag Gedanken machen. Wie stellte ich es an, Lucian zu töten? Doch als ich Bettina Frei diese Frage stellte, sagte sie nur ungeduldig: „Haben Sie sich darüber etwa noch keine Gedanken gemacht?“

„Wann denn? Ich war damit beschäftigt, von Lucian nicht getötet zu werden.“ Am liebsten hätte ich einfach aufgelegt, doch in diesem Moment kam mir ein Gedanke. „Können Sie ihn nicht einfach am Bahnhof töten? Jetzt, wo Sie wissen, dass er morgen nach Sonnenuntergang dort sein wird?“, fragte ich hoffnungsvoll.

Bettina Frei schwieg lange. Dann sagte sie: „Glauben Sie denn, wenn es so einfach wäre, hätten wir uns mit Ihnen eingelassen? Lucian ist stets auf der Hut, er würde einen der Unsrigen sofort erkennen. Und selbst, wenn es wie durch ein Wunder funktionieren würde, was dann? Wir können nicht einfach in aller Öffentlichkeit Vampire töten. Das könnte alles ans Licht bringen, alle Welt könnte von Vampiren, Zauberern und uns erfahren.“

Kurz ging mir die Frage durch den Kopf, wieso es dem Bund so wichtig war, die Existenz von übernatürlichen Wesen vor der Welt geheim zu halten. Aber vielleicht fürchteten sie, dass am Ende Vampiren noch Menschenrechte zugesprochen wurden. Meiner Ansicht nach war es jedenfalls nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Regierungen die Existenz des Übernatürlichen eingestehen mussten. Es wussten bereits zu viele Menschen Bescheid. „Wie kann man Vampire eigentlich töten? Ich meine, die Methode. Pflock? Feuer? Kopf ab?“

„Je nachdem, wie viel Ihr Magen verträgt“, gab Bettina Frei trocken zurück. „Der Feuertod ist äußerst schmerzhaft für Vampire und dauert etwas länger. Den Kopf vom Körper zu trennen geht schnell, kann aber schief gehen, wenn man nicht die nötige Kraft dazu hat. Bei der Pflock-Methode wiederum verfehlen die meisten Amateure das Herz. Oder stechen nicht kräftig genug zu, so dass das Herz nur punktiert, aber nicht durchbohrt wird. Wenn Sie diesen Weg wählen, werden Sie vorher üben müssen.“

Üben? Und an wem? „Vielleicht kann ich ihn im Schlaf töten?“, schlug ich vor.

„Vampire schlafen nicht.“

Auch das noch.

„Da sie keine Erfahrung im Töten von Vampiren haben, sollten sie vielleicht einen ganz anderen Weg wählen. Warum warten Sie nicht bis zur Dämonenbeschwörung und rufen dann tatsächlich einen Morddämon, der aber nicht uns angreift, sondern Lucian tötet?“

Weil ich keine Dämonen beschwören kann, wollte ich zurückgeben. Doch das stimmte so nicht. Ich hatte es noch nie versucht, aber das bedeutete nicht, dass ich es nicht konnte. Die magischen Fähigkeiten dazu hatte ich, die Basis war da. Wahrscheinlich könnte ich die Dämonenbeschwörerei durchaus lernen, wenn ich es wollte. Nur hatte ich keine Ahnung, wie lange so etwas dauerte. In wenigen Tagen zu lernen, einen Morddämon zu beschwören, der darüber hinaus auch noch einen Vampir umbringen konnte, schien mir schon sehr optimistisch. Aber hatte ich eine Wahl? „Ich werde es versuchen.“

„Ausgezeichnet. Und vergessen Sie nicht, weiter daran zu arbeiten, sein Vertrauen zu gewinnen. Nur dann können Sie sicher sein, dass er Sie tatsächlich auf sein Anwesen mitnimmt. Und eben dieses suchen wir schon seit Jahrzehnten.“

„Wenn ich Lucian töte, brauchen Sie auch das Anwesen nicht mehr, oder?“

„Und wenn nicht?“

„Wenn was nicht?“

„Angenommen, Sie versagen. Dann haben wir gar nichts.“

„Warum kann Ihnen nicht einfach Ihre Spionin verraten, wo das Anwesen ist? Marcelle wird ja schon mal dort gewesen sein, oder?“

„Marcelle ist ein Fall für sich“, beschied mich Bettina Frei knapp.

„Was soll das heißen?“

„Das heißt“, seufzte Bettina Frei hörbar genervt, „dass sie sich weigert, bestimmte Dinge für uns zu tun.“

„Wie zum Beispiel, Lucian zu töten und Ihnen den Standort des Anwesens zu verraten?“

„Sehr scharfsinnig.“

„Dann ist sie keine besonders gute Spionin, oder? Vielleicht sollten Sie sie feuern.“

„Was geht es Sie an, wen wir feuern oder nicht? Marcelle war bereits sehr nützlich. Was man von Ihnen nicht behaupten kann. Also? Bleiben Sie an Ihrem Auftrag dran?“

Die Frage war eigentlich überflüssig. Ich war schon so weit gekommen, hatte Lucian dazu gebracht, mich tatsächlich als Komplizin anzuheuern. Ich war so nah dran, endlich etwas über Chris’ Schicksal zu erfahren. „Natürlich.“

„Ausgezeichnet. Sobald Sie Lucians Anwesen erreichen, geben Sie uns den Ort durch.“

„Mache ich“, antwortete ich brav.

„Gute Reise“, wünschte mir Bettina Frei, nicht ohne einen ironischen Unterton, und legte auf.

Ich warf das Telefon zurück auf den Nachttisch. Mit zwei großen Schritten war ich bei meiner Tasche, die ich neben der Tür hatte fallen lassen. Ich zog das Buch: Vampire – Ungeheuer der Nacht oder gequälte Seelen? heraus. Es war ein großer, schwerer Wälzer, der aussah, als hätte er schon einige Besitzer überlebt. Chris hatte seinen Namen auf das erste Blatt geschrieben. Suchend fuhr ich mit dem Finger über die einzelnen Kapitelüberschriften der Inhaltsangabe:

1 – Die Anatomie des Vampirs

2 – Für Vampirjäger: Tötungsvorschläge

3 – Vampirische Eigenarten und Instinkte

4 – Wie viel Menschlichkeit bleibt nach dem Tod?

5 – Die übernatürlichen Kräfte des Vampirs

6 – Die Abhängigkeit zwischen Meister und Geschöpf

7 – Können Vampire lieben?

Als ich den Titel des letzten Kapitels las, runzelte ich ungläubig die Stirn. Was für ein Unsinn. Jeder Mensch, der blöd genug war, sich mit einem Vampir einzulassen, gehörte auf die Geschlossene. Ein Teil des Buches, den ich getrost auslassen konnte. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand und zog das Buch auf meine Knie. Dann schlug ich das erste Kapitel auf. Es gab zwei Abbildungen: Eine zeigte die Anatomie des Menschen, die andere die eines Vampirs. Außer den Eckzähnen konnte ich keine großen Unterschiede erkennen. Ungeduldig blätterte ich weiter.

Tötungsvorschläge – das klang interessanter. Der Hinweis, dass man statt eines Holzpflocks auch Eisen verwenden konnte, erschien mir nützlich. Laut des Buches sollte es mit einem eisernen Stab sogar einfacher sein, da dieser weniger leicht zerbrach. An dieser Stelle verwies das Buch außerdem auf das Anatomiekapitel, wenn man wissen wollte, wo genau das Herz lag. Ich blätterte wieder zurück. Es gab zwei Zeichnungen vom Brustkorb mit dem Herz. Einmal geöffnet, sodass das Herz zu sehen war, und einmal geschlossen. Dafür markierte in der zweiten Abbildung ein Pfeil den Punkt, auf den der Vampirjäger mit dem Pflock zielen sollte, denn es lag tiefer als beim Menschen.

Ich schlug wieder das Kapitel mit den Tötungsarten auf. Dort erfuhr ich noch, dass Vampire auch an normalen Verletzungen sterben konnten. Zum Beispiel durch Kugeln, Messerverletzungen und so weiter. Jedoch nur, wenn sie sehr geschwächt waren und lange Zeit kein Blut getrunken hatten.

Im nächsten Kapitel las ich, dass Vampire zwar essen und trinken konnten, die meisten es aber nicht taten. Außerdem kamen Vampire mehrere Wochen ohne Blut aus, wobei dann allerdings eintrat, wovon im vorherigen Kapitel die Rede gewesen war: Sie wurde schwächer und verletzlicher.

Ich überblätterte die eher langweilig klingenden Kapitel drei und vier und schlug das fünfte auf: Die übernatürlichen Kräfte des Vampirs.

Das Ganze las sich erschreckend vorhersehbar, wie in jedem x-beliebigen Kitschroman: Verbesserte Schnelligkeit, Stärke, Konzentrationsfähigkeit und natürlich die Sinne Hören, Sehen, Riechen. Dann kam ein Abschnitt über die übersinnlichen Fähigkeiten. Diese erlernten Vampire allerdings erst mit der Zeit, wobei sich das Buch nicht festlegte, wie lange genau sie dafür benötigten. Manche waren mit hundert Jahren so gut wie andere mit fünfhundert. Fest stand nur, dass ihre Macht mit dem Alter anstieg.

Dann stolperte ich plötzlich über eine interessante Info: Schon bei ganz jungen Vampiren stellte sich ein sechster Sinn ein, eine Art weiterentwickeltes Fühlen. So konnten Vampire mit ihrem Geist die Präsenz anderer übernatürlicher Wesen ertasten und unter anderem feststellen, wie mächtig diese waren. Diese Fähigkeit schien meiner, mit der ich die Stärke von Dario und Marcelle eingeschätzt hatte, sehr ähnlich.

Ich vertiefte mich wieder ins Buch und stellte mit Erleichterung fest, dass die meisten Vampire nicht mehr als die bereits beschriebenen übernatürlichen Fähigkeiten besaßen. Keine Rede von Fliegen, sich in eine Fledermaus verwandeln oder mit Wölfen kommunizieren. Jedoch erlernten einige wenige, sehr mächtige Vampire irgendwann, wie sie mit ihrem Geist Dinge bewegen oder anderen Wesen körperliche Schmerzen zufügen konnten. Auf meinen Armen bildete sich Gänsehaut, als ich an vorhin dachte, als Marcelle bei Lucians Befragung offensichtlich Schmerzen gelitten hatte. War ausgerechnet Lucian einer der wenigen Vampire, die solche übernatürliche Kräfte besaßen? Das würde mein Tötungsvorhaben deutlich erschweren.

Ich wollte das Buch schon zuklappen, da fiel mir noch ein Abschnitt ins Auge: Vampire, die einen anderen Vampir erschaffen haben, können mit diesem über Telepathie kommunizieren. Mehr dazu in Kapitel 6: Die Abhängigkeit zwischen Meister und Geschöpf.

Ich überlegte kurz, ob ich auch in dieses noch hineinschauen sollte, doch dann klappte ich entschlossen das Buch zu. Im Grunde wusste ich bereits eine ganze Menge über Vampirmeister und diejenigen, die sie geschaffen hatten. Zum Beispiel, dass die Meister glaubten, sie wüssten alles über ihre Geschöpfe. Aber es nicht einmal merkten, wenn dieses hinter ihrem Rücken zum Feind überliefen und sie verrieten. Die Information mit der Telepathie war interessant. Kein Wunder, dass Marcelle so plötzlich im Hotelzimmer aufgetaucht war. Und kein Wunder, dass sie beschlossen hatte, ihren Meister zu verraten. Es musste die Hölle sein, jemanden wie Lucian ständig im eigenen Kopf herumspuken zu haben.

Als ich später beim Zähneputzen einen Blick in den Spiegel warf, ließ ich erschrocken die Zahnbürste fallen. Dort, wo Lucian mich gewürgt hatte, prangte ein hässliches, rotes Mal. Ich starrte es einen Moment entgeistert an, dann begann meine Hand, mit der ich mich am Waschbeckenrand festhielt, zu zittern. Ich spürte wieder Lucians Finger an meinem Hals, wie sie mir die Luft abdrückten und seine Stimme, die mir sagte, wie dumm es gewesen war, mich mit dem Bund einzulassen. Ich sah seine schönen, nachtblauen Augen, wie sie mich erst unheilvoll, dann interessiert musterten. Und ein höchst unwillkommener Gedanke schlich sich in mein Bewusstsein: Lucian hatte mich nicht getötet, obwohl er Grund und Gelegenheit dazu gehabt hatte.

Ich strich mir meine langen, braunen Haare über das Würgemal und blickte mir selbst im Spiegel in die Augen. Lucian hatte mich nicht getötet, aber er würde sich schon bald wünschen, er hätte es getan.

Ich schluckte. Obwohl Lucian kein Mensch war, so war er doch ein lebendiges Wesen. Ein Wesen, dessen Leben ich beenden musste. Nicht, weil ich es wollte. Sondern weil ich keine andere Wahl hatte. Ich musste es tun. Für Chris.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen nahm ich mir als erstes das Buch über Dämonenbeschwörungen vor, das ich ihn Chris’ Zimmer gefunden hatte. Ich wollte so schnell wie möglich damit anfangen, meinen ersten Dämon zu rufen, also blätterte ich direkt zum Beschwörungsteil. Mit klopfendem Herzen überflog ich die Liste der Utensilien für eine einfache Dämonenbeschwörung. Man brauchte Kreide, ein magisches Schwert oder einen magischen Dolch, Kerzen und ein paar Räucherstäbchen. Und schwupps, hatte man einen Dämon, dem man alles Mögliche befehlen konnte, je nachdem, was für einen man sich ausgesucht hatte. Dumm war nur, dass ich keine der Utensilien bei mir hatte. Gut, Kreide, Kerzen und Räucherstäbchen waren kein Problem, aber wo sollte ich einen magischen Dolch herbekommen?

Auch Kim konnte mir diesmal nicht weiterhelfen. Im Gegenteil: Sie hielt mich eine halbe Stunde lang am Telefon auf, weil sie partout wissen wollte, wofür ich einen magischen Dolch bräuchte. Ich würde mich doch nicht etwa an dunkler Magie versuchen? Als ich sie endlich abgewimmelt hatte, war es schon nach elf. Ich packte meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg zum Zauberbedarfsladen.

Die alte Barbara, die dieses Geschäft schon leitete, seit ich denken konnte, blickte mich bekümmert an, als ich ihr mein Anliegen vortrug. „Gerade du müsstest doch wissen, dass wir so was nicht verkaufen“, flüsterte sie mir zu.

Mit so was meinte sie keineswegs Utensilien, die für dunkle Magie benutzt wurden – sondern schlichtweg echte magische Gegenstände. Das meiste, was hier angeboten wurde, war Ramsch.

„Aber ich weiß auch, dass du einiges unter der Hand anbietest“, flüsterte ich zurück. „Sachen, die du hinten aufbewahrst, für … spezielle Kunden.“

„Aber nicht so etwas.“

„Komm schon, es ist wirklich wichtig“, bettelte ich und spielte schließlich meine Trumpfkarte: Mitleid. „Es geht um Chris. Ich habe eine Spur, aber dafür brauche ich unbedingt einen magischen Dolch.“

Barbara sah mich an und ihr Widerstand bröckelte sichtlich. „Also gut. Aber nur, weil eure Eltern immer gute Kunden waren.“

„Danke.“

Sie kritzelte etwas auf einen Zettel und schob mir das Papierstückchen dann entgegen. „Ich habe leider wirklich nichts in der Art da. Aber dort“, sie zeigte auf den Zettel, „findest du einen … nun ja, einen meiner Lieferanten. Für die … außergewöhnlichen Dinge, du verstehst?“

Also für alles, was mit dunkler Magie zusammenhing. Ich studierte die Adresse. Das war mindestens eine Stunde von der Schauersiedlung entfernt!

Ich ließ mir von Barbara noch Kreide, Kerzen und Räucherstäbchen, sowie Streichhölzer geben, dann eilte ich zum Busbahnhof.

Irgendwie schaffte ich es, dem zwielichtigen Typ, den Barbara als ihren Lieferanten bezeichnete, ohne größere Probleme einen magischen Dolch abzukaufen. So hatte ich endlich alle Utensilien für meine erste Dämonenbeschwörung zusammen – allerdings keine Zeit mehr, sie auch durchzuführen. Ich musste mit dem nächsten Bus direkt zum Bahnhof, wenn ich Lucian nicht verpassen wollte.

Als ich ausstieg fand ich mich inmitten einer vorwärts strömenden Menschenmasse wieder. Ich mischte mich unter sie und hielt Ausschau nach meiner Begleitung. Die Sonne war bereits verschwunden, eigentlich konnten die Vampire langsam aus ihren Särgen gekrochen kommen. Natürlich wusste ich aus meinem Buch, in welchem ich während der langen Busfahrten noch ein wenig geblättert hatte, dass Vampire sich nicht in Särgen aufzuhalten pflegten. Machte ja auch irgendwie keinen Sinn, da sie nicht schliefen. Trotzdem gefiel mir die Vorstellung, dass Lucian gerade in diesem Moment aus seinem Sarg kletterte – und sich den Kopf am Deckel stieß.

Kaum hatte ich den Haupteingang passiert und war bei den Gleisen angekommen, legte sich der Menschenstrom etwas. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und versuchte, inmitten der vielen Köpfe das blasse Gesicht und die schwarzen Haare auszumachen. Fehlanzeige. Kein Vampir weit und breit. Dafür begann in diesem Moment mein Magen zu knurren. Ich steuerte auf einen Bäcker zu. Dort konnte ich meinen Hunger stillen und hatte gleichzeitig die Gleise im Blick.

Während ich Kaffee schlürfte und Streuselkuchen aß, nahm ich den Blick keine Sekunde lang von den an den Gleisen vorbeiziehenden Reisenden.

Trotzdem sah ich ihn nicht kommen. Plötzlich stand er neben mir, wie aus dem Nichts gewachsen und lächelte auf mich herab. Mit dem langen, etwas altmodischen Mantel, der makellosen Haut und den viel zu weißen Zähnen sah er aus wie … nun ja, wie ein Vampir. Zugegebenermaßen wie ein überaus gutaussehender Vampir. Auch heute trug er das schwarze Haar zurückgebunden und die dunkelblauen Augen sahen mich mit einem Blick an, der für meinen Geschmack etwas zu intensiv war. Mein Herzschlag beschleunigte sich. In den bewundernden Blicken der anderen Bäckereikunden, die uns in diesem Moment ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkten, las ich, dass sie ihn wohl für einen Schauspieler oder Sänger halten mussten. So ein exzentrisches Äußeres fand man schließlich nur im Showbusiness.

So schnell wie meine Augen zu ihm geflogen waren, richtete ich sie jetzt wieder auf meinen Kaffeebecher. Der Vampir bekam zweifellos schon mehr Aufmerksamkeit, als gut für sein solide gefülltes Ego war. Ich spürte seinen Blick auf mir, als ich die Tasse zum Mund hob und hoffte, dass er das leichte Zittern meiner Hand nicht bemerkte. „Es stört dich doch nicht, wenn ich noch schnell fertig esse, oder?“ Ich war schließlich eine mächtige Zauberin, eine Dämonenbeschwörerin, und seine gleichberechtigte Komplizin im Kampf gegen den Bund. Und genau so musste ich mich von jetzt an auch verhalten. Angefangen damit, dass ich ihn nicht mehr siezte und mich nicht beim Essen hetzen ließ.

Als Lucian nicht antwortete, stellte ich den Kaffeebecher ab und griff nach der Gabel, um das letzte Stück Kuchen zu essen.

Ich rechnete damit, dass der Vampir meine Ignoranz nicht so einfach hinnehmen würde. Ich erwartete, dass er mir drohen oder mich sogar vom Stuhl zerren würde. Doch was er letztendlich tat, damit rechnete ich nicht. Ich hatte mir gerade das letzte Stück Kuchen in den Mund geschoben und die Gabel auf meinen leeren Teller gelegt, da ergriff Lucian plötzlich meine Hand. Vor Schreck verschluckte ich mich am Kuchen und begann, zu husten. Als ich ihn geschockt anstarrte, zwinkerte er mir nur zu. Im nächsten Moment hob er meine Hand mit einer theatralischen Geste an seine Lippen. „Eile dich, Liebste, der Zug steht bereit!“

Ich hustete noch heftiger. Aber wenigsten gelang es mir, meine Hand aus Lucians Griff zu befreien. Ausnahmslos alle Bäckereikunden sahen zu uns herüber. Selbst die Bedienung hinter der Theke hatte aufgehört Kaffee aufzubrühen. Was wollte Lucian mit dieser Showeinlage erreichen? Mich in Verlegenheit bringen?

„Liebste! Ich weiß, es ist schwer für dich, aber du musst deine Vergangenheit hinter dir lassen. Folge mir in ein neues, besseres Leben!“

Ich blickte sprachlos in Lucians vor Spott funkelnde Augen und plötzlich begriff ich: Er wollte mich tatsächlich in Verlegenheit bringen! Schon hörte ich einige der Anwesenden kichern. Selbst draußen auf dem Bahnsteig waren ein paar Schaulustige stehen geblieben und lugten neugierig zu uns herein.

Ich spürte, wie sich Hitze in meinen Wangen ausbreitete und das ärgerte mich am meisten. Eine mächtige Dämonenbeschwörerin, die den Tod von unzähligen Bundmitgliedern plante, durfte sich so etwas nicht gefallen lassen. Und noch viel weniger dufte sie interessieren, was irgendwelche Fremden von ihr dachten.

Ich stand auf, reckte das Kinn und begegnete Lucians Blick. Na warte, was er konnte, konnte ich schon lange. „Wieder deine Medikamente abgesetzt?“, nuschelte ich und floh aus der Bäckerei.

Fabelhaft. Jetzt hatte ich es ihm aber gegeben. Die Hitze in meinem Gesicht erreichte eine unerträgliche Intensität. Ich musste unbedingt an meiner Deckidentität arbeiten, wenn ich nicht noch vor der Beschwörung auffliegen wollte. Denn Lucians Verhalten zeigte mir eben dies: Dass er mir nicht vertraute. Warum sonst versuchte er, mich zu provozieren?

Ich lief suchend die Gleise entlang, nach einem Zug nach Frankreich Ausschau haltend, dankbar für einen Moment ohne den Vampir, in dem sich meine Wangen etwas abkühlen konnten. Auf einem der Bahnsteige entdeckte ich Marcelle. Beinahe hätte ich sie nicht erkannt, denn heute sah sie nicht wie eine mittelalterliche Prinzessin, sondern wie eine normale, moderne Frau aus. Nun gut, eine sehr hübsche Frau, die sich vielleicht einen Tick zu sexy für die lange Zugfahrt angezogen hatte. Sie trug ein schwarz-weiß kariertes, enganliegendes, ziemlich kurzes Kleid, darunter eine schwarze Strumpfhose und gleichfarbige Highheels, die die schlanken, langen Beine noch schlanker und länger machten. Die dunklen Locken hatte sie kunstvoll zurückgesteckt.

Ich bog zu dem Gleis ab, auf dessen Bahnsteig Marcelle stand. Je näher ich kam, desto seltsamer wirkte das Bild, das sich mir bot.

Denn … da stand jemand neben der Vampirin. Eine zierliche, rothaarige Frau, ungefähr in meinem Alter. War es Zufall? Nein, die beiden gehörten eindeutig zusammen. Sie redeten miteinander, schienen sogar in eine Art Streitgespräch verwickelt zu sein.

Was sollte das? Etwa noch eine Vampirin?

Langsam näherte ich mich den beiden und hörte, wie die fremde Frau rief: „Das ist Wahnsinn! Was denkt er sich dabei?“ Dann folgte sie Marcelles Blick, der sich auf mich gerichtet hatte. „Ist sie das?“ Als die Vampirin nickte, drehte sich die Fremde um und kam mir entgegen. Sie lächelte.

Ich streckte meine geistigen Fühler nach ihr aus. Diese Frau besaß eindeutig Macht und wenn mich nicht alles täuschte, war sie keine Vampirin.

Da stand die Frau bereits vor mir, streckte mir die Hand entgegen und sagte: „Ich bin Serena, die andere Zauberin. Und du musst Amelie sein.“ Sie lächelte ein freundliches, ehrliches Lächeln.

Ich konnte sie nur anstarren. „Was hat das zu bedeuten? Ich weiß von keiner anderen Zauberin.“

Serena zog ihre Hand zurück, das Lächeln verschwand.

„Lucian hat dir nicht gesagt, dass wir die Beschwörung zusammen durchführen?“

Ich schüttelte benommen den Kopf. Nicht nur, dass ich nichts von einer zweiten Zauberin wusste. Auch der Bund schien dieses winzige Detail nicht zu kennen, oder vielmehr: Marcelle schien es ihm gegenüber nicht erwähnt zu haben. Ich warf der Vampirin einen durchdringenden Blick zu, doch sie sah starr in eine andere Richtung. Was ging hier vor?

„Lucian wusste von Anfang an, dass ich ihn in seinem Plan, den Bund zu vernichten, unterstützen würde.“ Serena lehnte sich näher zu mir. Ich atmete ihren Geruch ein, eine Mischung aus Vanille und Weihrauch. „Aber Lucian will sich nicht auf mich allein verlassen. Ich kenne mich mit Dämonenbeschwörungen aus, aber um ehrlich zu sein habe ich noch nie einen Morddämon gerufen. Schon gar nicht mit Vampirblut.“ Sie sah mich an, wartete offensichtlich auf eine Reaktion von mir.

„Ja …“, krächzte ich. Ich räusperte mich und wiederholte mit klarerer Stimme: „Ja, das mit dem Vampirblut … das habe ich auch noch nicht allzu oft gemacht.“ Eine Dämonenbeschwörung mit Vampirblut? Von so etwas hatte ich noch nie gehört. Was bedeutete das? Inwiefern wirkte sich das auf die Dämonen aus? Und wer würde als Opfer herhalten? Etwa Marcelle?

Serena nickte. „Insofern hat Lucian wahrscheinlich recht, mit einer zweiten Zauberin auf der sicheren Seite zu sein. Mit vereinter Macht wird es uns nicht allzu schwer fallen, auch solch mächtige Dämonen zu kontrollieren.“

„Ja, sicher“, antwortete ich abwesend. Meine Gedanken rasten. Der ganze Plan war soeben in sich zusammen gefallen. Wie sollte ich einen Morddämon beschwören und diesen auf Lucian hetzen, wenn Serena und ich die Beschwörung zusammen vornehmen sollten? Ich spürte, wie meine Hände feucht wurden. Ich musste so bald wie möglich den Bund kontaktieren. Wir mussten uns etwas Neues einfallen lassen.

„Ah, was für ein bezauberndes Bild“, erklang in diesem Moment Lucians Stimme hinter mir.

Ich bemühte mich, meine Angst und meine Sorgen aus meinem Gesicht zu verbannen und setzte stattdessen eine neutrale Miene auf, bevor ich mich umdrehte.

Lucians Blick ruhte wohlwollend auf mir und Serena. „Meine beiden Lieblingszauberinnen so eng beieinander. Da läuft mir das Wasser im Munde zusammen.“

Starr vor Fassungslosigkeit sah ich in die belustigt funkelnden blauen Augen. Auch das würde sich die mächtige Dämonenbeschwörerin, die ich vorgab zu sein, nie und nimmer gefallen lassen. Ich durchforstete meinen Kopf nach einer schlagfertigen Antwort, doch wurde durch den Anblick von Lucians Lippen abgelenkt. Sie kräuselten sich anzüglich und obwohl ich wollte, konnte ich meine Augen nicht abwenden. In meinem Bauch begann es zu kribbeln.

Lucians Lächeln weitete sich zu einem wissenden Grinsen. Er stolzierte an mir und Serena vorbei und schlenderte am Gleis entlang. Marcelle wartete, bis ihr Meister an ihr vorbei war und folgte ihm dann mit ein paar Schritten Abstand.

Zitternd vor unterdrückter Wut, vor allem auf mich selbst, starrte ich ihm nach.

„Mach dir nichts draus. Er will nur provozieren. Er wird dich nicht gegen deinen Willen beißen“, versicherte Serena.

„Ja, sicher. Und als nächstes erzählst du mir, dass er ein guter Vampir ist, vollkommen missverstanden, und sowieso keiner Fliege etwas zuleide tun kann.“

„Das nun nicht gerade.“

Ich sah der Zauberin prüfend in die hellen Augen. Da war noch mehr, das spürte ich. Etwas, das sie nicht aussprach.

Doch da plapperte sie schon weiter: „Willst du dir vor der Abfahrt noch was kaufen? Essen, Trinken, eine Zeitschrift? Der Zug fährt erst in einer Viertelstunde ab.“

Ich hob meinen Kopf, um selbst auf die Anzeigetafel zu sehen. Serena hatte Recht, was die Zeit anging. Viel interessanter war allerdings, dass ich das erste Mal das Ziel des Zuges las: Paris. „Lucian wohnt in Paris?“

„Lucian wohnt an vielen Orten“, lachte die Zauberin. „Er besitzt mehrere Anwesen, jedes in einem anderen Land. Ich glaube, wenn man so alt ist wie er, langweilt man sich schnell. Aber nein, Lucians französisches Anwesen ist nicht in Paris. Es liegt weit abgeschieden von jeglicher Stadt. Aber weil dort kein Zug hinfährt, müssen wir erst zur Hauptstadt. Von da geht es dann weiter.“

„Wie lange wird die Reise dauern?“

„Wenn alles so läuft, wie es soll, werden wir morgen Abend ankommen.“

„Was sollte denn nicht so laufen?“

Serena lächelte unverbindlich. „Na ja, du weißt schon … wenn man uns findet. Aber ach, darüber sollten wir uns nicht den Kopf zerbrechen. Wollen wir einsteigen?“

Ich musterte die Zauberin von oben bis unten. Sie sah richtig niedlich aus mit ihren roten Locken, den Sommersprossen und den hellgrünen Augen. Ihre Kleidung wirkte wie aus einer Zirkuskiste zusammengestellt. Der Rock war grün, der Pulli rot, das Halstuch blau. Alles in allem wirkte sie wie eine etwas naive, aber durchaus sympathische Person, nicht gerade wie eine Dämonenbeschwörerin. Wie kam so jemand nur dazu, zusammen mit einem Vampir einen Haufen Menschen ermorden zu wollen?

„Klar, lass uns einsteigen.“ Ich gab mir Mühe, ein überzeugendes Lächeln zustande zu bringen, doch im Stillen wünschte ich die Zauberin zur Hölle. Musste sie so nett sein? Warum konnte sie nicht arrogant wie Lucian sein und es mir damit wenigstens ein bisschen leichter machen, sie als eine von denen zu sehen?

Wir liefen am Zug entlang, als mich ein plötzliches Gefühl des Beobachtetwerdens den Kopf drehen ließ. Durch das dicke Fensterglas des Zuges blitzten mir zwei provozierende blaue Augen entgegen. Ich starrte zurück, bis Serena und ich am Fenster vorbei waren.

Ich stieg, mit Serena auf den Fersen, in den Zug ein und ging den Gang in die Richtung zurück, in der ich Lucian durchs Fenster gesehen hatte. Ob ich mir von dem Vampir meine Zugfahrkarte aushändigen lassen sollte, damit ich mich von ihm wegsetzten konnte?

„Du bist mächtig.“

Ich wandte mich zu Serena um. Ihr Gesicht strahlte geradezu vor Bewunderung.

„Ja“, sagte ich, weil es die Wahrheit war und weil eine Dämonenbeschwörerin sicherlich stolz auf ihre Macht wäre und sie gerne zur Schau stellte. Vorhin hatte ich nicht genug Zeit gehabt, um Serena Macht einzuschätzen, doch das holte ich nun nach.

„Ja, ich weiß“, sagte sie, im selben Moment, als ich mein Ergebnis hatte. „Ich bin von Natur aus leider eher mit mittelmäßiger Macht gesegnet. Aber ich habe mich mein ganzes Leben lang mit Magie beschäftigt. Glaub mir, ich stehe stärkeren Zauberern in nichts nach, vor allem was Dämonenbeschwörungen angeht.“

„Das glaube ich dir gern. Begabung ist eine Sache, aber wie hart man an ihr arbeitet, kann den entscheidenden Unterschied machen.“

Serena lächelte dankbar. „Kannst du eigentlich etwas … na ja, Ungewöhnliches? Ich habe ein Gerücht gehört, dass besonders starke Zauberer Dinge allein mit ihrem Geist festhalten und bewegen können.“ Ihre Augen leuchteten begeistert.

„Nein, aber ich kann ziemlich starke Illusionen erschaffen.“

„Das glaube ich dir sofort! Und bestimmt hast du auch nahezu unerschöpfliche Energiereserven, die du freisetzen und gegen andere richten kannst!“

Ich nickte nur. Mit ihren Lobeshymnen machte sie mich ganz verlegen, aber das durfte ich mir auf keinen Fall anmerken lassen.

„Sind beide deiner Eltern Zauberer? Ich habe gehört, dass das Kind dann besonders mächtig wird.“

Jetzt wurde es langsam unangenehm. Kurz erwog ich, einfach ihre Frage zu bejahen, doch entschloss mich dann dagegen. Besser so oft wie möglich bei der Wahrheit bleiben. „Nein, nur meine Mutter war eine Zauberin.“ Bevor Serena nachfragen konnte, wieso ich in der Vergangenheitsform von ihr sprach, gab ich von selbst Auskunft: „Meine Eltern sind gestorben als ich zehn war. Daher kann ich nicht mal sagen, ob meine Mutter besonders mächtig war oder nicht.“

„Oh“, machte Serena und starrte mich bestürzt an. „Es tut mir so leid, Amelie. Hätte ich das gewusst …“

„Schon gut.“ Ich wollte mich umdrehen und den Gang weiter gehen, doch Serenas Stimme hielt mich zurück: „Es tut mir leid, dass ich so taktlos war, wirklich. Lass es mich wieder gut machen. Ich lade dich zu einem Kaffee im Speisewagen ein, was sagst du? Dann können wir uns auch ein bisschen besser kennenlernen.“

Ich biss mir auf die Unterlippe. Eigentlich wollte ich mit dieser Frau nichts zu tun haben. So nett und aufgeschlossen sie auch wirkte – sie arbeitete mit Lucian zusammen. Sie kannte sich mit Dämonenbeschwörungen, der dunklen Seiten der Zauberei, aus. Sie hatte vor, ihre Kräfte einzusetzen, um Menschen zu töten. Nur konnte ich ihr all das schlecht vorhalten. Und andererseits war Serenas Gesellschaft trotz allem der Gesellschaft der beiden Vampire vorzuziehen. Also nickte ich.

Serena behielt die Herzlichkeit, die sie bereits am Bahnhof gezeigt hatte, bei. Während wir Kaffee tranken und uns über Magie austauschten war ich beinahe versucht zu vergessen, wer sie war. Ich fand heraus, dass Serena achtundzwanzig Jahre alt war, was mich einigermaßen überraschte. Das machte sie drei Jahre älter als mich. Ich hätte sie eher jünger eingeschätzt.

Sie plapperte über dieses und jenes, erzählte von ihrem Vater, der ein Zauberer war und wie schwer es ihrer Mutter manchmal gefallen war, damit umzugehen.

Worüber ich wirklich gerne mit Serena gesprochen hätte, war die Sache mit dem Vampirblut. Aber jeder schien davon auszugehen, dass ich darüber Bescheid wusste, also musste ich einen subtileren Weg finden, diesbezüglich an Informationen zu kommen.

Während ich größtenteils meinen eigenen Gedanken nachhing, berichtete Serena von ihrer Schulzeit, einem Freund, der ebenfalls magische Fähigkeiten hatte und wie sie sich nicht hatte entscheiden können, was für einen Beruf sie ergreifen wollte. „Ich habe dann Kunst studiert“, teilte sie mir mit. „Ich habe immer viel gemalt und sogar einige Bilder verkauft. Aber mittlerweile mache ich nichts mehr in der Richtung.“ Dann sprang sie wieder zurück zu ihrer Kindheit und ließ sich darüber aus, wie sie sich immer ein Geschwisterchen gewünscht hatte, aber ihre Mutter meinte, sie käme ja schon kaum mit zwei Zauberern in der Familie zurecht. Über Lucian, Marcelle oder den Bund verlor sie kein einziges Wort. Überhaupt sprach sie über kein Thema, das näher an der Gegenwart lag als ihre Studienzeit.

Als ich irgendwann aufstand, weil ich nach der zweiten Tasse Kaffee die Toilette aufsuchen musste, erhob sich Serena ebenfalls.

„Ich setze mich zu Lucian und Marcelle ins Abteil. Das ist dahinten, im übernächsten Waggon. Kommst du dann auch da hin?“

„Oh, okay.“ Irgendwie hatte ich gehofft, die gesamte Fahrt einfach mit Serena im Speisewagen verbringen zu können. Die Erinnerung an den Vorfall in der Bäckerei trieb mir auch jetzt noch eine verräterische Röte ins Gesicht. Aber früher oder später musste ich Lucian wieder unter die Augen treten.

Ich verließ die Zugtoilette und kämpfte mich durch den mit Gepäck vollgestellten Gang eines Großraumwagens, passierte eine Tür und blieb überrascht stehen.

Nur ein paar Meter weiter, wo eine Tür zum nächsten Großraumwagen führte, stand jemand. Der Gang machte an dieser Stelle einen Knick und die Person war halb hinter der Wand verborgen. Trotzdem erkannte ich eindeutig den langen Mantel und das schwarze Haar. Was machte Lucian da? Mir kam ein schrecklicher Verdacht. Ob er … Durst hatte?

Doch als ich um die Ecke spähte, bemerkte ich, dass er gar nicht in den Großraumwagen lugte. Stattdessen starrte er durch das Fenster in der Zugtür nach draußen.

„Dein Puls rast, als ob du neben dem Zug herlaufen würdest, statt in ihm zu fahren. Oder als ob du Angst hättest.“ Langsam drehte Lucian den Kopf, wandte sich mir zu.

Wieder ließ dieser intensive Blick meine Magengegend flattern. Was war nur los mit mir?

„Ich muss zugeben, dass das Geräusch, wie dein Blut durch deine Adern strömt, einen gewissen Reiz für mich besitzt.“

Ich unterdrückte den Impuls, zurückzuweichen. „Damit kann ich leben.“

„Ist das so?“ Sein Blick bohrte sich in meinen.

„Natürlich“, gab ich zurück und war stolz darauf, wie selbstsicher meine Stimme klang. „Das muss ich ja wohl, wenn ich mich entschließe, mit einem Vampir zusammenzuarbeiten, oder?“ In Wahrheit war ich mir sicher, dass auch in Zukunft mein Herz vor Angst jedes Mal einen Hüpfer machen würde, wenn Lucian meinte, Kommentare über mein Blut machen zu müssen. „Allerdings habe ich da eine kleine Frage, wenn es dich nicht stört.“

„Ich brenne vor Neugierde.“

„Also …“ Ich räusperte mich. Diese Situation war mehr als nur ein bisschen unangenehm, aber ich musste Klarheit haben. „Du hast nicht vor, einen der Fahrgäste zu beißen, oder?“

Lucian lächelte nur.

Ich hielt seinem Blick stand, doch irgendwann ertrug ich das Warten auf seine Antwort nicht mehr. „Oder?“, hakte ich nach.

Und endlich ließ sich der Vampir zu einer Antwort herab. „Wieso sollte ich? Ich habe alles dabei, was ich brauche.“ „Was soll das heißen: Du hast alles dabei?“

„Was glaubst du, was ich damit meine?“

Es war sinnlos. Ich würde einfach Serena danach fragen. Ohne den Vampir noch eines Blickes zu würdigen, ging ich an ihm vorbei und machte mich auf den Weg zu unserem Abteil. Ich hörte Lucian zwar nicht, aber ich wusste, dass er da war. Lautlos wie ein Schatten folgte er mir durch den Gang des nächsten Großraumwagens und den Flur vor den Abteilen entlang. Endlich erspähte ich Marcelle und Serena und öffnete erleichtert die Abteiltür. Nur nicht mehr mit Lucian allein sein.

Serena saß am Fenster, Marcelle neben ihr. Ich rutschte auf den zweiten Fensterplatz, doch bereute die Entscheidung augenblicklich, als Lucian den Platz neben mir einnahm. Obwohl er nicht näher bei mir saß, als jeder gewöhnliche Reisende neben seinem Sitznachbarn, spürte ich seine Anwesenheit überdeutlich.

„Mir scheint, unsere neue Zauberin hat eine Frage“, warf Lucian in diesem Moment in den Raum.

Alle Augen richteten sich auf mich. Ich sah zu Serena, die mich ermutigend anlächelte. Ach, was soll’s, das hier war ein Abteil voller Vampire und Zauberer, wenn man irgendwo so eine Frage stellen konnte, dann ja wohl hier. „Lucian erwähnte, er bräuchte keine Mitreisenden zu beißen, da er alles, was er braucht, bei sich hätte …“

Ich konnte zusehen, wie das Blut aus Serenas Gesicht wich, bis sie fast so weiß war wie Marcelle. Ihre großen Augen flogen zu Lucian, so dass auch ich ihn fragend ansah.

Doch er ignorierte meinen Blick. Ich schaute zwischen Serena und dem Vampir hin und her. Offensichtlich verpasste ich hier etwas Grundlegendes.

Ich sah hilfesuchend zu Marcelle und das erste Mal, seit ich sie kannte, sah ich sie grinsen. Mir wurde schlagartig klar, was hier los war. „Du … lässt ihn von dir trinken?“, fragte ich Serena fassungslos. Mir war schlecht. Ganz sicher würde ich mich übergeben, wenn ich noch länger in diesem Abteil blieb. Doch zuerst brauchte ich Gewissheit.

In diesem Moment löste Serena den Blick von Lucian und sah zu Boden. Da hatte ich meine Bestätigung.

„Warum?“, flüsterte ich.

Die Zauberin schwieg.

„Blut für Blut.“

Ich sah Lucian unfreundlich an. „Was soll das heißen?“

„Ihr Blut, um mich bis zur Beschwörung bei Kräften zu halten. Mein Blut für die Dämonen. Das ist der Handel zwischen Serena und mir.“

Ich spürte, wie ich ihn fassungslos anstarrte und wandte schnell meinen Blick ab. Sein Blut für die Dämonen? Lucian würde das Opfer sein? Dafür brauchte Serena Lucian also. Jetzt machte alles Sinn. Als Lucian mich bei unserer ersten Begegnung gefragt hatte, wieso eine mächtige Zauberin wie ich ihn brauchte, um den Bund zu zerstören, hatte ich in meiner Hilflosigkeit die Sache mit dem Opfer als Grund genannt. Er musste angenommen haben, ich meinte damit ihn selbst, sein Blut. Deswegen waren alle davon ausgegangen, ich wüsste über die Sache mit dem Vampirblut Bescheid.

Meine Gedanken rasten. Serena, die aus irgendeinem Grund den Bund zerstören wollte, und dafür Blut brauchte. Vielleicht machte Vampirblut die Morddämonen noch stärker? Und mit Sicherheit musste ein Vampir bei einer solchen Beschwörung auch nicht wie ein menschliches Opfer sein Leben lassen. Serena bekam also ihr Vampirblut, Lucian die Zerstörung des Bundes. Und zusätzlich Serenas Blut. Ein nicht ganz fairer Handel.

„Warum hast du dich darauf eingelassen?“, fragte ich bestürzt und musste dem Impuls widerstehen, Serenas Hand zu nehmen. Sie wirkte so unschuldig und zerbrechlich, wie sie nun mit ihren hellen Augen zu mir hochsah und ein Lächeln versuchte, das ihr nicht so ganz gelingen wollte. „Hättest du nicht einen anderen Vampir finden können? Einen, der nicht dein Blut verlangt?“

„Lucian ist einer der mächtigsten. Dir muss doch auch klar sein, was das für ein Vorteil ist. Während andere Vampire Wochen brauchen würden, um den Blutverlust bei der Beschwörung wieder auszugleichen, können wir mit Lucian alle paar Tage eine neue Beschwörung durchführen. Wir werden nicht nur einen Morddämon haben, sondern mehrere, die ihrerseits vier, fünf, sechs Mordaufträge annehmen können. Der Bund wird keine Chance haben.“

Das war es also. Vier, fünf, sechs Mordaufträge. Deswegen das Vampirblut. Nicht nur, dass ein Vampir die Beschwörung überlebte, anscheinend bannte ihr Blut die Dämonen auch länger an unsere Welt und sorgte dafür, dass sie mehr als nur einen Auftrag übernehmen konnten, bevor sie in ihre eigene Welt zurückkehren mussten.

„Du hättest dich trotzdem nicht auf diesen Handel einlassen müssen“, sagte ich zu Serena. „Du hättest Nein sagen können. Von mir bekommt er doch auch kein Blut.“

„Er weiß eben, von wem er wie viel verlangen kann“, murmelte die Zauberin so leise, dass ich sie beinahe nicht verstanden hätte.

„Na na“, rügte Lucian. „Da sagt aber jemand nicht die ganze Wahrheit, oder?“ Er musterte Serena tadelnd. „Ist es denn nicht wahr, dass du es wolltest?“

Die Zauberin nickte zögernd.

„Du wolltest es und das spürte ich. Du wolltest wissen, ob es ebenso sein könnte wie früher. Nur deshalb erlege ich dir diese Bedingung auf.“

Sprachlos beobachtete ich den Wortwechsel zwischen den beiden.

„Du hast recht“, bestätigte die Zauberin. Ihre Stimme war wieder fest und auch ihr Gesicht hatte sich entspannt. Doch als sie Lucian ansah, lag in ihren Augen ein unlesbarer Ausdruck. „Ich wollte wissen, ob es mit jedem Vampir gleich ist. Du wusstest, dass es nicht so sein würde. Trotzdem hast du es von mir verlangt. Ich nehme es dir nicht übel, denn es ist eure Art, zuerst an euch und nicht an andere zu denken.“

Lucian erwiderte nichts.

„Amelie“, flüsterte Serena und beugte sich zu mir. „Ich würde es dir gerne erklären. Damit du verstehst.“

„Das musst du nicht“, versicherte ich ihr. „Das ist ganz allein deine Sache.“ Doch eigentlich interessierte mich die Geschichte schon. Was brachte jemanden dazu, einen Vampir freiwillig sein Blut trinken zu lassen?

„Aber ich möchte es“, sagte Serena mit entschlossenem Blick. „Wenn du es hören willst.“

Ich nickte.

„Mein Freund war ein Vampir.“

Das war zumindest etwas, das ich nicht erwartet hatte. Ich musste an das letzte Kapitel in meinem Vampirbuch denken. Können Vampire lieben?

Ob Serena einfach ein Faible für Untoten hatte? Konnte das auch der Grund sein, warum sie den Bund vernichten wollte? Weil ihr nicht gefiel, wie dieser einen Vampir nach dem anderen abschlachtete? „Okay“, sagte ich nur, in der Hoffnung, es würde sie zum Weiterreden animieren.

Und ich hatte Glück. „Versteh mich nicht falsch: Ben war noch kein Vampir, als wir uns kennen lernten.“ Ein trauriges Lächeln breitete sich auf Serenas Gesicht aus. „Aber dann hatte er diesen Unfall, er wäre fast gestorben. Sein späterer Meister hat ihn dann verwandelt, warum weiß ich selbst nicht genau. Aber vielleicht hatte er einfach Mitleid mit uns. Er war … gut. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Und nachdem er Ben verwandelt hatte, erlaubte er ihm sogar, weiterhin mit mir zu leben. Anfangs wusste ich nicht, wie ich damit umgehen sollte, dass mein Freund nun tagsüber draußen nichts mehr mit mir unternehmen konnte und sich von Blut ernährte. Aber ich versuchte, ihm beizustehen und auch zu verstehen. Und irgendwann ließ ich ihn zum ersten Mal von meinem Blut trinken.“ Serena schüttelte gedankenverloren den Kopf. „Vorher hätte ich auch nicht gedacht, dass ich so etwas jemals tun könnte, aber in jener Zeit habe ich viel über Vampire gelernt. Weißt du, es ist nicht so, dass sie von irgendjemandem trinken. Zumindest nicht, wenn sie die Wahl haben. Sie suchen sich einen Menschen, mit dem sie eine Bindung aufbauen und von dem sie über Monate hinweg trinken. Manchmal auch Jahre oder ein ganzes Menschenleben lang. Für Vampire ist der Akt des Trinkens etwas sehr Intimes. Ich wollte nicht, dass Ben das mit einer anderen Person tut.“ Sie lächelte gedankenverloren. „Es ist auch für den Mensch etwas ganz Besonderes, zumindest wenn man Gefühle für den Vampir hat. Wenn nicht … “ Sie ließ den Satz offen, warf aber Lucian einen bedeutungsschweren Blick zu.

Der Vampir lächelte ungerührt.

Serena seufzte. „Es gibt Schlimmeres.“

„Und dein Freund Ben … was ist aus ihm geworden?“

„Er ist tot.“

Eine Woge ehrlichen Mitgefühls überkam mich. Es war schrecklich, jemanden zu verlieren, den man liebte. „Wie ist das passiert?“

Sie zuckte mit den Achseln, ihr Gesicht überschattet von nicht überwundener Trauer. „Der Bund.“

Ich sah den Schmerz in den grünen Augen und begriff, dass das der Grund war, aus dem Serena den Bund zerstören wollte.

„Was ist mit dir?“, erklang plötzlich Lucians seidige Stimme.

Es dauerte einen Moment, bis ich verstand, dass er mit mir sprach. Ich hob fragend die Augenbrauen.

„Was für ein Motiv hast du, den Bund zerstören zu wollen?“ Aus den blauen Augen sprühte pure Belustigung. „Oh, warte, sag nichts. Ich erinnere mich, dass du ebenfalls etwas von einer dir nahestehenden Person sagtest, die du an den Bund verloren hast.“

Ich sah, wie Serena Marcelle einen Blick zuwarf, den ich nicht deuten konnte.

„Ja, das stimmt.“ Ich begann mit dem wahren Teil der Geschichte. „Sein Name ist Chris. Wir sind zusammen aufgewachsen. Er war … die Person, die mir in meinem ganzen Leben am nächsten stand. Wir hatten so viele Pläne …“ Ich stockte, weil meine Gefühle mich zu übermannen drohten. Ich holte tief Atem und setzte die Lüge obendrauf. „Er wurde vom Bund getötet.“ Ob ein Teil davon vielleicht gar keine Lüge war? Ob Chris vielleicht tatsächlich nicht mehr lebte? Ich versuchte, den Gedanken zu verdrängen, doch es klappte nicht. Tränen brannten hinter meinen Augen. Ich blickte aus dem Fenster, starrte so lange durch das Glas, ohne wirklich etwas zu sehen, bis ich mich wieder im Griff hatte.

Erst jetzt fiel mir das Schweigen auf, das meiner Erzählung folgte. Niemand hatte meine Geschichte kommentiert. Nicht mal der Vampir.

Ich warf Lucian einen Blick zu, forschte in seiner Miene nach einem Hinweis, ob meine Lüge glaubwürdig gewesen war. Doch wie so oft gab sein Gesichtsausdruck rein gar nichts preis. Er erwiderte einen Moment lang meinen Blick, dann wandte er sich ab. Perplex starrte ich sein Profil an. Sonst genoss er es doch, mich mit seinen Blicken in Verlegenheit zu bringen. Hatte ich etwas Falsches gesagt? Mich verraten? Ich ging meine Geschichte noch mal im Geiste durch, als plötzlich Serena meine Hand nahm. „Ich verstehe dich sehr gut“, sagte sie mitfühlend. „Jemanden zu verlieren, den man liebt – unter welchen Umständen auch immer – verändert uns. Manchmal werden wir dadurch zu Taten getrieben, zu denen wir sonst nie fähig gewesen wären.“

Ich nickte nur. Sprechen konnte ich nicht. Serenas Mitgefühl, Lucians seltsames Verhalten … Um meine Gedanken zu ordnen und einen Moment für mich zu haben, schaute ich aus dem Fenster. Durch die Spiegelung bemerkte ich, wie der Vampir in diesem Moment wieder den Kopf drehte und mich ansah. Ich wandte mich ihm ebenfalls zu und fing seinen Blick auf. Einen langen Moment sahen wir uns in die Augen. Dann drehte Lucian sich weg.

In diesem Moment ertönte eine Durchsage, die die baldige Ankunft in Paris ankündigte.

Ich wartete darauf, dass die Vampire und Serena aufstanden, doch keiner rührte sich.

Schon spürte ich, wie der Zug langsamer wurde und schließlich hielt. Einen Moment später, wie auf ein geheimes Zeichen hin, erhoben sich Lucian und Marcelle synchron und schritten zur Tür. Ohne einen Blick zurückzuwerfen verließen sie das Abteil. Fragend sah ich Serena an. Die zuckte lächelnd mit den Achseln. „Gewöhn dich dran. Es geht nach Lucians Willen, immer und überall.“

Die Uhr am Gleis zeigte halb zehn. Da der Zug bereits vor einer Weile gehalten hatte, war nicht mehr allzu viel auf dem Bahnsteig los. Auch von Lucian und Marcelle keine Spur.

„Komm“, sagte Serena und zeigte auf die Rolltreppe.

„Wo sind die beiden?“

„Wahrscheinlich dort, wo die Taxen halten. Unser Hotel liegt etwas außerhalb. Es ist ein ganzes Stück bis dorthin.“

Autor

  • Fiona Winter (Autor)

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Titel: Vampirjägerin inkognito (Chick-lit, Liebesroman, Romantasy)