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Liebe, Mia, Sevilla - Kolumne ins Glück

(Liebesroman, Chick-Lit)

von Sigrun Dahmer (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

„Die meisten Frauen schwanken in der Wahl ihres Partners zwischen zwei Polen hin und her, dem erfolgreichen, super sexy Karrieristen auf der einen und dem familienorientierten romantischem Mann auf der anderen Seite. Alpha-Softie haben Soziologen dieses widersprüchliche Modell getauft.“ (Ratgeber für Angewandte Psychologie)

Mia, 27 und Psychologin, lässt in Deutschland alles stehen und liegen als sie das Angebot bekommt, nach Spanien zurückzugehen und für die Boulevardzeitung „Los Toros“ zu schreiben. In Sevilla lebt nämlich der Mann ihrer Träume: Der Andalusier Rafa, mit dem sie damals als Au-Pair-Mädchen die beste Zeit ihres Lebens verbracht hat.

Als sie dann eines Tages tatsächlich Rafa wiedersieht, weiß Mia nicht mehr, wo ihr der Kopf steht. Soll sie die Liebesbeziehung wiederbeleben oder für immer mit der Vergangenheit abschließen? Keine leichte Entscheidung, besonders da es Mias ebenso attraktiver wie griesgrämiger Kollege Gonzalo geradewegs darauf anzulegen scheint, ihr das Leben so schwer wie möglich zu machen. Aber plötzlich kommen auch noch ganz andere Möglichkeiten mit ins Spiel ...

Impressum

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Erstausgabe August 2016

Copyright © 2017, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-046-2

Covergestaltung: Antoneta Wotringer, grafikdesign
unter Verwendung von Motiven von
© kotiskin/123rtf.com

Lektorat: Daniela Höhne

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Kapitel 1:
F wie Feiertage

Das Zitat des Tages:

„Besonders an Feiertagen, wie z.B. zu Weihnachten, am Geburtstag, aber auch an persönlichen Jahrestagen, droht Ihren Klienten emotionale Absturzgefahr.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 15f)

Geburtstage konnte ich noch nie ausstehen. Erst recht nicht, wenn sie mitten in der Woche lagen. Mein 27. Geburtstag fiel auf einen Mittwoch – mittiger ging's nicht. Da ich wusste, dass ich nach der Leitung meines Workshops „Flirten für Großstädter“ zu nichts mehr zu gebrauchen sein würde, hatte ich meinen feierwütigen Freunden schon lange im Voraus zu verstehen gegeben, dass sie sich jegliche Hoffnung auf eine wilde B-Party zu Ehren meines Wiegenfestes abschminken konnten. Für mich gab es einfach nichts zu feiern, weder im engsten Freundeskreis unterhalb der Woche, noch aufgemotzt im großen Rahmen am Wochenende. Mit meiner sorgfältig geplanten Vermeidungsstrategie hätte ich auch fast Erfolg gehabt.

Leider nur beinah, denn meiner besten Freundin Sophia konnte ich damit nicht kommen. Sophia arbeitete als Lehrerin und ließ einem Schwänzen prinzipiell nicht durchgehen. Sie war dabei nicht nur hartnäckig konsequent, sondern zudem auch noch überaus gerissen. So bestand ihr Geburtstagsgeschenk darin, mich zusammen mit ihrem, vor einem Vierteljahr frisch geehelichten Gatten, dem Langweiler Lukas, zum Essen auszuführen. Im vollen Bewusstsein, dass ich diesen flotten Dreier mit Sophia und ihrem Lebenspartner – das Wort „Ehemann“ ging mir immer noch nicht über die Lippen – anders nicht würde durchstehen können, hatte ich am Dienstag schnell noch einige Piccoloflaschen Sekt auf Vorrat gekauft.

Am Mittwochabend leerte ich allein zu Hause vorsorglich schon die ersten beiden als Vorspeise. Trinktechnisch etwas aus der Übung, hatte ich die Nebenwirkung des Alkohols auf mich vergessen: Das Wummern in meinem Hirn nahm minütlich zu, die Kopfschmerzen wurden stärker und zu allem Überfluss fingen auch noch meine Synapsen zu piepen an. Es dauerte peinlich lange, bis ich begriff, dass mein angebliches Gehirngewitter in Wirklichkeit nichts anderes als das Läuten meiner Klingelanlage war. Ich schleppte mich zur Wohnungstür und öffnete sie vorsichtig einen Spaltbreit.

„Mia, bist du taub? Wir klingeln schon seit einer Viertelstunde. Komm, Liebling.“

 Sophia schob erst Lukas in mein Apartment, bevor sie es dann selbst betrat und die Tür leise hinter sich schloss. Lukas machte ein entschuldigendes Zeichen und wurde mir dadurch für einen Augenblick fast schon sympathisch. Ihm schien der Überfall seiner Frau ähnlich unangenehm zu sein wie mir. Als Sophia vor mir stand, starrte sie mich erschrocken an.

„Mia, was hast du mit deinem Haar gemacht?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ein kleines Geburtstagsgeschenk an mich selbst.“ Ich imitierte den typischen Tonfall von Werbeclips: „Directions, die Coloration, die Sie nur beim Frisör Ihres Vertrauens erhalten.“

„Du hast so schöne lange Haare, aber warum färbst du sie dir ausgerechnet pink?“

„Midlifecrisis“, witzelte ich.

„Nee, Süße, geht gar nicht! Und überhaupt, wie siehst du aus? Die 'La Bodega' ist ein besseres Restaurant, du solltest dich dementsprechend schon etwas stylen.“

Der vorwurfsvolle Unterton war unüberhörbar. Sophia selbst nahm ihn anscheinend ebenfalls wahr, denn als sie fortfuhr, gab sie ihrer Stimme einen deutlich wärmeren Klang.

„Komm, die Zeit nehmen wir uns. Zieh dich ruhig noch einmal um!“

Sophias freundlich-verbindliches Timbre gefiel mir jedoch noch weniger. Aber, was sollte ich tun? Meine beiden Gäste ließen mir sowieso keine Wahl. Mit großer Selbstverständlichkeit hatten Lukas und Sophia sich mittlerweile einen Platz auf meinem Sofa im Wohnzimmer freigeräumt. Anschließend machten sie sich dort in demonstrativer Wartehaltung breit.

Ich floh in mein Schlafzimmer.

Kaum stand ich vor dem Kleiderschrank, schien das Kopfkissen meinen brummenden Schädel verführerisch zu sich zu rufen. Wie gerne hätte ich mein müdes, pink umrahmtes Haupt auf meinem Bett auskuriert! Doch das ließ Sophia bestimmt nicht zu. Richtig.

 Wie zu erwarten, enterte sie weniger als gefühlte zwei Minuten später mein Schlafzimmer. Furiengleich bugsierte sie Lukas und mich erst auf den Hausflur hinaus und nach kurzer Autofahrt in das teure spanische Feinkostrestaurant 'La Bodega' hinein. Auch dort hatte meine Freundin alles unter Kontrolle: Sie bestellte für uns drei ein mehrgängiges, vermutlich sehr kostspieliges Menü, erzählte geistreiche Anekdoten über die Schule im Allgemeinen und ihre Referendare im Besonderen, präsentierte sich als aufmerksame, charmante Gastgeberin, kurz, sie gab ihr Bestes, den Abend schön für mich zu gestalten. Doch leider entfalteten ihre gutgemeinten Bemühungen nicht so richtig die gewünschte Wirkung. Ich fühlte mich zunehmend unwohl, litt dabei aber gleichzeitig an Gewissensbissen Sophia gegenüber. Wäre ich aufmerksamer gewesen, hätte ich die Vorboten des Eklats bereits im Vorfeld erahnen können. Aber irgendwie hatte mich Sophia komplett überrollt und dadurch meine innere Alarmanlage ausgeschaltet. Später machte sie Lukas Vorwürfe. Aber ich fand, dass er unschuldig an unserem Streit war. Der arme Kerl hatte beim Dessert einfach nur das Thema angesprochen, das mich sowieso die ganze Zeit beschäftigte. Sein einziger Fehler, wenn überhaupt, bestand höchstens darin, dass er nicht mitbekommen hatte, wie zartfühlend meine Freundin meine ganz persönlichen Killing Fields zu umschiffen versuchte.

„Und, Mia, wenn du jetzt eine Bilanz deines bisherigen Lebens ziehen müsstest: wie fühlst du dich mit siebenundzwanzig?“

„Lukas, nicht doch. Entschuldige bitte, Mia.“

Ich konnte nicht anders und trompetete trotzig die unglücksselige Antwort heraus, die den gesamten Abend torpedierte: „Ich fühle mich nicht gut. Ehrlich gesagt geht's mir beschissen. In meinem Leben ist alles schief gelaufen. In jeglicher Hinsicht. Hat doch alles nichts gebracht.“

Stille. Treffer versenkt.

Lukas legte das Besteck zur Seite und schaute mich halb ungläubig, halb ängstlich an. Ich sah ihm an, dass es sein Weltbild erschütterte, das eine Psychologin mit abgeschlossenem Studium so depressives Zeug von sich gab. Sophia gabelte stoisch weiter. Nur ihre senkrechte Falte mitten auf der Stirn verriet sie. Plötzlich kam ich mir jämmerlich vor. König Alkohol hatte meine Selbstkontrolle vor die Hunde gehen lassen.

„Aber … doch, doch, insgesamt ist es eigentlich schon ganz okay“, ruderte ich ungeschickt zurück, versuchte den Fehler wieder gutzumachen. Lahmes Manöver gegenüber einer langjährigen Studienfreundin. Nein, das traf es nicht so ganz. Sophia war viel mehr gewesen als eine alte Bekannte. Damals an der Uni waren wir sogar so dicke miteinander, dass es uns nur im Doppelpack gab. Was unsere Kommilitonen dazu veranlasste, uns die siamesischen Zwillinge zu nennen. Mit einem Mal wurde mir ganz wehmütig zumute. Ich erinnerte mich an den Tag, an dem Sophia und ich uns kennengelernt hatten. In der Uni-Mensa. Noch genauer: Beim Warten auf den Schlag vegetarischer Bolognese in der Bio-Schlange. Wir befanden uns damals beide bereits im Hauptstudium. Einem total chaotischen Hauptstudium, denn es war die Zeit diverser Hochschulreformen und wechselnder Prüfungsordnungen. Sophia und ich hatten uns gegenseitig dabei unterstützt, dennoch die jeweils richtigen Creditpoints und Seminarscheine zusammenzukriegen, ohne bei der Zuordnung wahnsinnig zu werden. Der Kampf gegen bürokratische Windmühlen hatte uns vor allem in der Examensphase zusammengeschweißt.

Aber jetzt saßen wir hier, dinierten zu dritt in diesem Edelschuppen und schwiegen uns dabei vorwurfsvoll an. Die ganze Szene hatte etwas von einem absurden Theaterstück. Ich blickte immer wieder möglichst unauffällig zu meiner eleganten Freundin, meiner früheren Vertrauten, und musste mir eingestehen, dass sie mir ziemlich fremd geworden war. Keine Ahnung, wann genau es passiert war, doch wir hatten uns nach dem Studium wohl auseinandergelebt. Sobald der Druck von außen nachgelassen hatte, drifteten wir innerlich auseinander. Vermutlich lag es an unserem unterschiedlichen Charakter. Während ich noch nie so richtig gewusst hatte, wo ich eigentlich hinwollte, hatte Sophia ihr Leben schon von Anfang an fest im Griff gehabt. In jeglicher Hinsicht, sowohl beruflich als auch privat. Nur zu gut erinnerte ich mich an die Hochzeit, die sie und Lukas vor drei Monaten wahnsinnig aufwändig gefeiert hatten. Dass sie heiraten wollten, überraschte niemanden. Als Beamten auf Lebenszeit am selben Gymnasium tätig, saßen beide fest im Sattel. Ein fürchterliches Fest, sehr pompös mit Familie und Kollegen, und als eine Art abschreckendes Beispiel waren auch noch die paar übriggebliebenen Single-Freunde eingeladen. Trotz des grässlich steifen Ambientes kamen mir beim Überziehen des Ringes dennoch fast die Tränen. Ich hatte das gemacht, was ich immer tat, wenn es mir zu sentimental wurde: Ich suchte einen Anlass, um zu lachen. Den hatte ich schnell gefunden, denn ich fand es überaus spaßig mitanzusehen, wie ungeschickt Lukas mit aller Gewalt den Trauring über Sophias Fingerknöchel quetschte. Ich sah dem Gesicht der Braut an, dass es ihr richtiggehend wehtat. Das wäre doch einmal eine Schlagzeile für die Bild gewesen: 'Trauring verursacht Knöchelbruch: So machen Sie den Juwelier haftbar'. Ich grinste, doch als Sophia Lukas, sobald der Ring saß, glücklich küsste, drohten meine Augen schon wieder überzuschwappen. Energisch wischte ich mit Tempos dagegen an, während ich gleichzeitig „Apfelsinen“ murmelte, um meinen Sinn für Humor zu beschwören. Meine Strategie hatte zum Glück auch ein zweites Mal funktioniert. Die Tränen versiegten, das rettende Wort hatte mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert. Was wir als bessere Hälfte bezeichneten, nannte man im Spanischen mi media naranja: meine halbe Orange. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie ich damals dachte: Da stehen nun meine beiden Apfelsinen vor dem Schreibtisch des Standesbeamten und unterschreiben den Knastvertrag für die Obstkiste.

Während meiner ausschweifenden Tagträumereien hatte Lukas sich allmählich wieder gefangen. „Warum bist du denn unzufrieden?“ Seine Frage beamte mich aus der Vergangenheit hinaus und ließ mich recht unsanft wieder im Restaurant landen.

Was konnte ich zu meiner Verteidigung sagen? Ich war müde, traurig und sentimental. Und so antwortete ich das Erstbeste, was mir in den Kopf kam.

„Dieses Restaurant hier hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit einer spanischen Bodega!“

Sophia hob eine Augenbraue, Lukas wartete irritiert auf eine Erklärung.

„Warum?“, fragte er mich, als ich schwieg. Sophia rollte mit den Augen und führte ihr Glas Rotwein zum Mund. War mir egal. Ich legte los.

„So spießig akkurat, proper und … tot“, maulte ich, während ich aus den Augenwinkeln wahrnahm, wie Sophia schluckte. Doch ich war nicht zu bremsen.

„In Sevilla sitzen alle an langen Gruppentischen, teilen sich das Essen, man schwätzt miteinander und tanzt …“

Lukas murmelte etwas von Glorifizierung, aber Sophia ignorierte seinen Kommentar und schaute mich dafür so böse an, dass ich mich nicht traute, fortzufahren.

„Willst du damit sagen, dass du dich in unserer Gesellschaft unwohl fühlst?“ Huch. Sophia explodierte wie das Silvesterfeuerwerk auf den Rheinbrücken. „Weißt du, wie lange im Voraus ich unsere Plätze habe reservieren müssen?“

Plötzlich überkam mich ein schlechtes Gewissen. Sie hatte recht, ich würde mich selbst nicht gern zur Freundin haben wollen.

Ich dachte an meinen roteingebundenen Praxisratgeber für angewandte Psychologie oben rechts auf dem Bücherregal. Nun ja, seit geraumer Zeit irgendwo unter meinem Bett. Mit diesem Buch hatte es eine ganz besondere Bewandtnis: Seit Spanien kämpfte ich jeden Morgen gegen meine Unlust aufzustehen an. Ich hatte schon so einiges ausprobiert, um meinen inneren Schweinehund an die Kette zu legen. Als am erfolgreichsten hatte sich dabei letztlich ein kleines Spiel erwiesen. Es handelte sich um eine Methode, mit der ich mir eine Art persönliches Tageshoroskop selbst erfand. Noch im Bett tastete ich mit geschlossenen Augen voller Schlafsand nach meiner dicken roten Psycho-Bibel aus Studientagen und schlug sie auf einer x-beliebigen Seite auf. Und meistens eignete sich die so gefundene Überschrift zum Spruch des Tages.

 Echt verblüffend. Ich würde mal sagen, die Trefferquote konnte es locker mit der von chinesischen Glückskeks-Botschaften aufnehmen. Mindestens! Im Grunde genommen lag mir abergläubisches Denken nicht. Bei meinem Morgenritual ging es eher darum, dass der Zweck die Mittel heiligte: Meine Neugier herauszufinden, was der zufallsgenerierte Text mit dem Tag, der vor mir lag, zu tun hatte, trieb mich recht zuverlässig aus den Federn. Das war's auch schon. Mission erfüllt. Auch an meinem Geburtstagsmorgen hatte ich mich auf dieses Spielchen eingelassen und war passenderweise bei „F wie Feiertage“ gelandet. Das kam mir erst ein wenig unheimlich vor. Warnung vor dem Absturz an Geburtstagen. Aber das Zitat des Tages hatte sich leider auch diesmal wieder als zutreffend erwiesen. Ertappt. Obwohl ich studierte Psychologin war und es eigentlich besser wissen sollte, benahm ich mich an meinem Geburtstag genauso vorhersehbar undankbar und unausstehlich wie meine Klienten. Ärgerlich versuchte ich meinem Kopf zu befehlen, das lästige Pochen zu unterlassen. Ich wandte mich dem Gastgeberpaar zu, nahm meine geballte Willenskraft zusammen und versuchte zu retten, was von diesem Katastrophenabend übrigblieb.

„Quatsch“, hörte ich mein Über-Ich versöhnlich lachen. „Alles in Ordnung.“ Ich fand, dass meine Stimme sich fürchterlich unecht anhörte, viel zu laut und poltrig, aber das schien außer mir niemanden zu stören. Ganz im Gegenteil. Lukas und Sophia stimmten sofort einstimmig in meine künstliche Fröhlichkeit mit ein. Sophia nahm den alten Gesprächsfaden nonchalant, wie es so ihre Art war, wieder auf.

„Süße, das, was du eben von dem Flirt-Workshop erzählt hast, klingt wirklich gut. Ich würde dich da diesbezüglich gerne um einen Gefallen bitten.“

„Natürlich“, beeilte ich mich zu sagen. „Ich stehe wirklich in eurer Schuld. Ihr habt euch so viel Mühe heute Abend gegeben. Vielen Dank. Ich kann das wirklich wertschätzen.“

Sophia warf mir ihre Serviette entgegen und grinste. „Du musst nicht zu Kreuze kriechen. Es reicht, wenn du meine Referendarin Ana morgen mal in deinem Trainingskurs hospitieren lässt. Nur für einen Tag. Das würde ihr wirklich guttun. Weißt du, sie tut sich so schwer, Augenkontakt zu den Schülerinnen und Schülern aufzunehmen und laut und deutlich zu sprechen.“

Oh nein, auch das noch. Das war eine harte Strafe! Doch bevor ich Einspruch erheben konnte, zog Lukas die Aufmerksamkeit auf sich, indem er aufstand.

„Ihr entschuldigt mich. Bin gleich wieder zurück.“

Sophia ertränkte ihn mit einer Unmenge süßer kleiner Küsschen, gerade so, als bräche er zu einer Polarexpedition mit ungewissem Ausgang auf.

Ich überlegte derweil fieberhaft, wie ich die schüchterne Referendarin wieder loswerden könnte. In besagtem Flirtkurs fühlte ich mich auch ohne Zaungäste schon total unwohl. An die Stelle als Fachbereichsleiterin Psychologie bei der Kölner Bildungsakademie war ich durch Sophia gekommen. Neben der Organisation und Administration gehörte es zu meinen Aufgaben, verschiedene Kurse und Workshops abzuhalten. Diese Woche hatte ich den überaus beliebten, stets überlaufenen Workshop 'Flirten für Großstädter' übernommen. Mein absoluter Hasskurs. Ich als Balztipps gebende Singletrainerin, die, so der Flyer, 'Kölner fit für die Liebe' macht. So was schafften nur die Kölner, den Bock zum Gärtner zu machen. Na ja, aber es hörte sich schlimmer an, als es war. Der theoretische Hintergrund des Kursprogramms war an und für sich gar nicht so blöd. Das Selbstbild der Kursteilnehmer mit der Fremdwahrnehmung abgleichen, in Rollenspielen den Erstkontakt einüben, Ängste ab- und Selbstbewusstsein aufbauen.

Während Sophia noch immer an Lukas herumknutschte, kam mir der Gedanke, dass meine Freundin eigentlich die perfekte Single-Trainerin abgeben würde: Charmant und selbstbewusst wie sie war, würde ihr das Flirttraining leicht von der Hand gehen. Aber dafür, typisch Deutschland, fehlten ihr meine Fakultas in Psychologie. Für mich hingegen war trotz meines theoretischen Wissens jede einzelne Kurssekunde eine Tortur. Weder verfügte ich über Sophias Strahle-Power, noch vertrat ich ihren Pragmatismus.

Wow, mittlerweile hatte Sweet Angelina ihren Darling Brad doch tatsächlich zum Klo gehen lassen. Ich holte tief Luft, stellte meine Beine fest auf den Boden und packte meine verbale Leuchtpistole aus.

„Sophia, glaubst du wirklich, deine Referendarin kann ein selbstbewusstes Auftreten an einem Tag durch Hospitieren lernen?“ Meine Freundin ließ meine Suggestivfrage an ihrem Credo zerschellen.

„Aber natürlich. Der Guten fehlt einfach nur das Werkzeug. Da sehe ich keinen Unterschied, ob in der Liebe oder im Beruf, man benötigt lediglich ein bisschen technisches Know-how, ein wenig Übung und auf in die Schlacht!“

Im Eifer ihrer Ausführungen spritzten, ohne dass sie es merkte, ein paar Tropfen Rotwein über den Rand ihres Glases hinaus und landeten schließlich plakativ auf ihrer weißen Seidenbluse. Ich machte meinen Mund auf und wieder zu. Dann hielt ich nach ihrem Gatten Ausschau.

„Dein Glück, dass Lukas nicht hier ist. Er scheint mir um einiges romantischer veranlagt zu sein als du.“

Ich kannte ihr Credo in- und auswendig. Wir hatten schon so oft darüber diskutiert. In Kurzfassung besagte es, dass sich eine Frau nicht nur in jeden Mann verlieben, sondern auch ausnahmslos alle rumkriegen konnte, solange sie wusste, welche Knöpfe sie zu drücken hatte. Ich sah das vollkommen anders. Entweder es funkte sofort zwischen mir und einem Typen, was zugegeben bisher eher selten vorgekommen war, oder wir hätten als Paar ohnehin keine Chance. Meiner Meinung nach konnte man da auch nichts herbeizaubern, egal, wie brillant die inneren Werte strahlten oder wie ausgebufft die Flirttechnik war. Wenn bei einem von beiden so gar nichts lief, war's das, doch wenn es funkte, dann verschlang mich die Leidenschaft mit Haut und Haaren. In diesem Fall hielt ich es mit Bizet: „Prends garde a toi!“ So war es zumindest bei Rafa und mir abgelaufen. Wir standen sofort aufeinander und selbst jetzt, acht Jahre später, dachte ich immer noch täglich an ihn. Auch, oder vielleicht auch gerade deswegen, weil wir uns durch ein Unglück aus den Augen verloren hatten. Jedenfalls gingen meine Lippen bei der Erinnerung an Rafas braungelocktes Haar und sein John-Travolta-Grübchen am Kinn, das so gar nicht zu seinem sonst eher kantigen Gesicht passen wollte, immer noch automatisch in ein Lächeln über.

Lukas kam zurück, wir tranken noch einen finalen Espresso und dann setzte mich das, ähm, Ehepaar zu Hause ab. Natürlich vergaß Sophia nicht, mich zum Abschied an den Besuch der rehhaften Referendarin zu erinnern.

Als ich endlich wieder alleine war, zündete ich mir, während ich meinen Laptop hochfuhr, die letzte Zigarette des Tages an. Beim Abstauben meines Glimmstängels erlitt ich einen weiteren Anfall von Weltschmerz. Ich schaffte ein wenig Ordnung in meinem Kühlschrank, indem ich die letzten beiden Piccoloflaschen leertrank und hatte plötzlich eine poetische Vision, bei der ich mich wie Charles Bukowski höchstpersönlich fühlte. Im Grunde genommen feierte ich mit meinem Geburtstag meinen Verfall. Geburtstag gleich Verfall. Ich hielt diese bahnbrechende Einsicht mit krakligen Edding-Buchstaben auf dem Sektetikett fest. Dann machte ich mich bettfertig.

Als ich auf dem Weg ins Bad war, plingte mein Laptop, offensichtlich war eine E-Mail für mich angekommen. Vielleicht sogar aus Spanien. Ein völlig unlogischer Gedanke, ermahnte ich mich, schließlich kannte Rafa meine deutsche Mail-Adresse überhaupt nicht. Dennoch hetzte ich voller Erwartungen vom Bad zum Monitor. Tatsächlich: Geburtstagswünsche aus Sevilla. Natürlich nicht von Rafa, aber von Lynn. Ich fuhr meinen Laptop wieder herunter und schwang mich ins Bett.

Oh, Lynn, du Treue!, dachte ich gerührt kurz vor dem Einschlafen. Ich hatte mit Sicherheit nicht gerade unkomplizierte Freundinnen, aber sowohl Lynn als auch Sophia hielten zu mir. Ich legte mich auf die Seite. Meine Augen wurden schwer. Morgen würde ich Lynn antworten. An Tag zwei meines neuen Lebensjahres. Donnerstag. Und was für einer: Flirtgymnastik am Neumarkt. Um neun Uhr. Plus Referendarin. Schöne Scheiße.

Kapitel 2:
S wie schüchtern

Das Zitat des Tages:

„Vor allem beim Erstkontakt mit Ihrem Klienten ist es wichtig, ihn so schnell wie möglich zu Wort kommen zu lassen und darauf zu bestehen, dass er seine Gefühle selbst formuliert.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 75)

Sophias Referendarin wartete bereits draußen auf dem Parkplatz des Bildungsinstitutes auf mich. Zu blöd, ich hätte mir gerne noch einen Kaffee und einen kleinen Frühstückssnack in der Bäckerei gekauft, bevor es losging. Dieses misslungene Geburtstagsessen mit Sophia und dem lahmen Lukas lag mir noch immer in den Knochen. Doch aus meinem kleinen, dringend benötigten, schön zuckrigem Koffein-Push würde nichts werden. Viel zu unhöflich. Ich bekam glatt ein wenig Mitleid mit Sophias Schützling, als ich mir so ansah, wie nervös sie vor dem Haupteingang auf und ab lief. Jung, konservativ gekleidet, unscheinbar. Ich dachte an meine moralische Verpflichtung Sophia gegenüber, fühlte mich wie Doktor Faustus, der diesen unglücksseligen Pakt mit Mephisto eingegangen war und gab mir einen Ruck.

„Guten Morgen. Sie warten sicherlich bereits auf mich. Fichtner, Mia Fichtner.“

„Ja, Sophia, also Frau Lehmberger hat mich geschickt.“

Schlaffer Händedruck, leise Stimme. Keine Namensnennung.

„Entschuldigung, wie war Ihr Name noch?“

„Ana. Ana López.“

Ich starrte sie an. Mein Verhalten war überaus unprofessionell. Von wegen Stigmatisierung und so, aber ich konnte einfach nicht anders.

„Oh, Ihr Name hört sich in meinen Ohren spanisch an.“

Es war das erste Mal, dass sie mir in die Augen blickte. Ihre Stimme klang deutlich kraftvoller als bei unserer Begrüßung.

„Das stimmt, meine Familie kommt von dort, aber ich bin hier geboren und aufgewachsen.“

Gastarbeiterkind zweiter Generation, ratterte es in meinem Kopf. Spanien. Ich brauchte keinen Kaffee mehr, um wach zu werden. Während wir die Treppen hochstiegen, fragte ich mich, ob Sophia mir Ana mit Absicht geschickt hatte. Zuzutrauen wäre es ihr. Andererseits duzte Sophia sich an der Schule prinzipiell sofort mit allen. Nein, nein es war gemein, Sophia unter Generalverdacht zu stellen. Sie war sicherlich unschuldig. Da Ana akzentfrei Deutsch sprach und der Vorname neutral war, hatte Sophia diesmal mit ziemlicher Sicherheit entgegen ihrer Vorliebe ausnahmsweise einmal keine pädagogischen Hintergedanken gehegt.

Die anderen Kursteilnehmer saßen bereits im Stuhlkreis. Wie auch die drei Tage zuvor, begannen wir - nach einer kurzen Vorstellungsrunde für Ana - den Workshop mit einem Stimmungs-Blitzlicht. Im nächsten Schritt zeigte ich per Beamer einen Ausschnitt aus Casablanca. Zusammen analysierten wir die Körpersprache von Humphrey und der Bergman. Anschließend bildete ich durch Spielkarten zufällige gemischtgeschlechtliche Zweierteams, die in Partnerarbeit die Filmszene nachspielen sollten. Mit Ana als Volontärin kam es genau auf. Ich selbst hätte mich eher aus dem Fenster gestürzt, als mich vor allen zum Affen zu machen, aber ich musste zugeben, dass diese kleinen improvisierten Rollenspiele den Teilnehmern tatsächlich halfen. Auf der Bühne waren sie so nervös wie im wirklichen Leben. Ich filmte sie und, wenn sie ihr Verhalten selbst sahen, waren sie meist völlig von ihrer Außenwirkung überrascht. Beim zweiten Durchlauf konnten sie sich schon besser einschätzen, hatten ihr Benehmen bereits in der von ihnen gewünschten Richtung verändert und kamen meist wesentlich besser rüber. An diesem Vormittag in etwa hatte Alexander gelernt, dass er sich bei einem Date so verhielt, als würde er Verhandlungen bei einem Geschäftsessen führen. Ein Verhalten, das ihm selbst gar nicht bewusst gewesen war. Apropos Essen. Mein Magen knurrte peinlich laut. Klar, der Bäckereibesuch war ja weggefallen. Ich zählte die Minuten und endlich war der Vormittagsblock abgefackelt.

 Ich nahm Ana in Schlepptau. Mittlerweile duzte ich sie genauso wie alle anderen Kursteilnehmer auch. Das diente zum einen der Vertrauensbildung, zum anderen mochte ich meine Klienten tatsächlich, sie konnten nichts dafür, dass ich diesen Kurs halten musste. Außerdem beabsichtigte ich, dass die Gruppe auch untereinander Kontakte aufbaute. Hungrig eilten Ana und ich die drei Etagen hinunter. Unten angekommen, bogen wir zweimal links ab und schon betraten wir mein Stammrestaurant, den chinesischen Schnellimbiss 'Shanghai'. Selbstbedienung inklusive. Natürlich hätte ich auch zur Kantine gehen können, aber mir gefiel die Snack-Bar-Anonymität. Je weniger förmlich, umso besser. Sophias schüchterne Freundin taute mit jeder Minute mehr auf und zeigte sich richtiggehend begeistert von dem Flirtseminar.

„Vielen Dank, dass du mich mitgenommen hast. Es ist echt toll!“

 Ich biss genüsslich ein Stück von der ganz besonders kross frittierten Frühlingsrolle, lecker double-fried, ab. Endlich essen. Blutzucker und Cholesterin schossen in die Höhe, meiner Laune ging es wieder besser. Ich könnte durchaus noch ein wenig mehr positives Feedback vertragen. Nicht gerade unauffällig machte ich schamlos einen auf fishing for compliments.

„Echt? Mein Seminar hat dir bis jetzt also gut gefallen?“

„Klar. Es ist wirklich beeindruckend. Ich hätte nicht erwartet, dass ich von den anderen als unsicher wahrgenommen werden würde. Doch als ich mich dann selbst sah, wusste ich, dass ich unbedingt selbstbewusster auftreten muss!“

Ich lächelte ihr mit fettigen Lippen aufmunternd zu.

„Das ist dir bereits toll gelungen. Im zweiten Anlauf hast du bereits viel deutlicher gesprochen und wirktest gleich viel präsenter.“

Die Referendarin sah mich voller Stolz an.

„Danke, ich fühlte mich auch besser. Dein Tipp, auf eine aufrechte Körperhaltung zu achten, hat mir sofort geholfen.“

Ich würzte noch etwas nach, ein bräunliches Pulver, das auf dem Tisch stand, vermutlich Glutamin in Reinform, und machte mich dann hungrig über den Eierreis mit Erbsen her.

„Du bist wirklich eine verdammt gute Psychologin.“

Ich verschluckte mich, hustete und griff automatisch zu meiner Cola. Gerade wollte ich ihr nach dem Motto „gut, dass wenigstens du das so siehst“ widersprechen. Doch das wäre völlig unprofessionell und als Rollenmodell komplett unbrauchbar gewesen. Ana bemerkte zum Glück nichts von meinen inneren Zweifeln und setzte ihre Fragerei unbefangen fort.

„Hast du auch hier in Köln studiert?“

„Ja, mit dem Schwerpunkt pädagogische Psychologie. Zwar habe ich auch ein Praktikum als Streetworkerin gemacht, doch dabei ist mir klargeworden, dass Community-Psychologie nicht so mein Ding ist. Na ja, und so bin ich hier an der Kölner Bildungsakademie gelandet.“

Meine erste Stelle in Probezeit, die Ende Januar, also in zwei Wochen, ablief. Wenn ich doch nur wüsste, ob ich den Vertrag verlängern sollte. Eigentlich gefiel mir diese Richtung auch nicht, zu viel Administration und ein für mein Empfinden zum Teil fragwürdig zeitgeistiges Kursangebot. Aber immerhin hatte ich keine finanziellen Sorgen mehr. Ich beschloss, das Thema zu wechseln.

„Und deine Eltern kommen aus Spanien?“

„Ja, aus Granada, dann hat mein Vater hier im Kölner Norden bei Ford Arbeit gefunden. Mittlerweile sind sie aber wieder zurückgegangen.“

„Nach Andalusien?“

Ich schaute auf die Uhr. Wir hatten noch Zeit.

„Nein. Meine Eltern wohnen jetzt in Katalonien, aber mein Bruder ist zurück nach Sevilla gezogen. Er arbeitet da bei der Zeitung.“

Sevilla!

Rafa!

„Cool. Ich kenne Sevilla. Nach dem Abi habe ich dort als Au-pair gejobbt. Eine tolle Stadt.“

„Así que hablas español?“

„Un poquito, ist aber schon ziemlich eingerostet. Sollen wir uns noch einen Nachtisch gönnen? Etwas Süßes? Die Bananen mit Honig sind hier fenomenal.“

Ich bemühte mich um eine spanische Aussprache, doch Ana war mit den Gedanken woanders. Sie nickte mir zu und tippte etwas in ihr Handy.

„Für mich auch.“

Als ich mit den beiden Tellern zurück an unseren Tisch kann, schob sie mir ihr Display hin. Doch mich konnte nichts von meiner warmen honigtriefenden Nervennahrung abhalten. Immerhin hatte ich noch vier lange Nachmittagsstunden vor mir. Diese einwöchigen Workshops gingen echt ans Eingemachte.

„Probier mal“, nuschelte ich glücklich mit vollem Mund. „Ist wirklich gut.“

„Schau mal“, erwiderte Ana unbeirrt. „Die letzte Mail von meinem Bruder.“

Ich wollte gar nicht schauen. Was gingen mich die Familienverhältnisse von Sophias Referendarin an? Ich wollte sie lieber ein wenig auf professioneller Distanz halten. So schüchtern schien die Kleine dann doch wirklich nicht zu sein!

„Ich glaube, wir sollten mal zahlen.“

„Lies doch mal! Wirklich witzig, dass ich gerade heute eine Psychologin kennenlerne.“

Okay, dann tat ich ihr eben den Gefallen. In vier Stunden würde sie sowieso für immer aus meinem Leben verschwinden. Als erstes las ich die Anrede: „Hola guapa“. Mir gefiel die spanische Sitte, sich sofort mit einem Kompliment zu begrüßen. Die hatten es einfach drauf, die Iberer. Dann kam etwas über die Zeitung, jemand war krank, enferma, hieß doch krank? Und zum Schluss das Kürzel bs, das kannte ich noch gut. Stand für besos, Küsse. Ach ja …

„Ja, sehr schön. Dann lass uns mal gehen.“

„Wäre das denn nichts für dich? Ich meine, du bist Psychologin und sprichst Spanisch.“

„Was?“

Ich hatte das Geld schon wie immer auf den Tisch gelegt, meinen Mantel angezogen und war gedanklich bereits lange durch die Tür. Ana tippelte hinter mir her.

„Einzuspringen für Gonzalos unbefristet krankgeschriebene Kollegin und Artikel für die Psychoseite der 'Los Toros de Sevilla' zu schreiben.“

„Was?“

Weder Ana noch ich waren beim Nachmittagsunterricht bei der Sache. Sie ging immer wieder vor die Tür, um mit ihrem Bruder zu simsen. Erst fragte sie ihn an, ob noch Bedarf wäre, dann schwärmte sie von mir und pries mich an wie das neuste Gimmick von Apple. Später schlug sie vor, dass ich ihm meine Bewerbung per Mail senden könnte. Ihr Bruder sprach dann wohl mit irgendwem Wichtigen vom Blatt. Die Chefredakteurin bestand auf spanischen Themen und einer Recherche vor Ort. Der langen Rede kurzer Sinn: Als mein Seminar um siebzehn Uhr zu Ende war, schlug mir Ana beherzt vor, am Ende des Monats nach Sevilla zu fahren und dort als Aushilfe Psychoartikel für die Tageszeitung ihres Bruders zu verfassen.

„Nein“, schrie Sophia abends in den Hörer.

„Aber in zwei Wochen läuft meine Probezeit am Bildungsinstitut doch sowieso aus. Du weißt, dass ich das Flirtseminar fürchterlich finde. So etwas wollte ich nie machen. Ich finde, der Zeitpunkt auszusteigen, ist doch gar nicht mal so schlecht gewählt. Ein wenig Abstand gewinnen. In Sevilla in Ruhe überlegen, wie alles weitergehen soll.“

„Absolut unseriös. Das machst du auf keinen Fall!“

Im Hintergrund hörte ich Lukas' zustimmendes Gemurmel. Vermutlich hatte sie mich auf laut gestellt. Wie bei so vielen anderen Pärchen war für sie Privatsphäre zu einem Fremdwort mutiert. Dann hatte ich das Gefühl, dass Sophia versuchte, den Hörer mit irgendetwas abzudecken, denn an meinem Ohr begann es ausgesprochen ungesund zu rascheln. Ich hielt das Telefon auf Abstand, befürchtete schon, einen Stromschlag zu bekommen. Dann hörte ich, wie Sophia mit verschwörerischer Stimme etwas Unverständliches nuschelte. Ich musste mich sehr konzentrieren, um sie zu verstehen.

„Du weißt doch, dass Sevilla nichts für dich ist. Da wirst du doch sofort rückfällig.“

Als ob ich ein Drogenproblem hätte. Meine Freundin hatte sie doch nicht mehr alle. Sophias Beschwörung bestätigte mich jedoch nur in meinem Beschluss.

Ein paar Wochen später, Ende Januar, war es endlich soweit. Die pinken Haare waren erst der Anfang gewesen. Jetzt machte ich mir selbst noch ein weitaus größeres, zugegebenermaßen etwas verspätetes Geburtstagsgeschenk: Weniger als einen Monat nach meinem 27. Geburtstag saß ich im Flieger nach Andalusien.

Schüchtern war gestern.

Kapitel 3:
C wie Cross-Culture-Psychologie

Das Zitat des Tages:

„Cross-Culture-Psychologie beschäftigt sich mit Auswanderung und Immigration. Die erste Phase in einem fremden Land ist die sogenannte Honeymoon-Etappe, bei der alles euphorisch idealisiert wahrgenommen wird.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 6)

„Mia, Mia, hier bin ich!“

Lynn winkte erst, dann kam sie auf mich zugerannt. Sie sah toll aus. Hatte sich die Haare lang wachsen lassen und sich in einen modischen Kurzmantel geworfen. Stand ihr gut. Sie schien sich aufrichtig über unser Wiedersehen zu freuen, denn ihr Gesicht strahlte heller als die Kölner Altstadt bei Nacht. Schon damals hatte mich ihre Wärme und Offenheit für sie eingenommen. Sie sah noch immer wie früher aus, vielleicht etwas eleganter, damenhafter. Ich schlang meine Arme um sie, drückte sie an mich und wollte sie gar nicht mehr loslassen. Ihr schien es ähnlich zu ergehen und so blieben wir eine Zeit lang einfach mitten im Weg stehen und hielten einander fest, als ob wir zwei Verschollene wären, die sich entgegen aller Prognosen doch noch wiedergefunden hätten. Irgendwann löste sich Lynn grinsend von mir und deutete zwei Wangenküsschen an. Wie hatte ich dieses zärtliche spanische Begrüßungsritual mit den am Ohr gehauchten Küssen nur vergessen können?

„Seit wann hast du denn pinke Haare?“, fragte sie neugierig, während sie mir mein Handgepäck abnahm, um es selbst zu schultern.

„Finde ich ganz schön mutig, ein echtes Statement“, ergänzte sie anerkennend.

Ich zog meinen Koffer hinter mir her, der vor lauter Enthusiasmus endlich wieder auf Tour zu sein so unkontrolliert hüpfte, dass er um ein Haar in Lynns Hacken geknallt wäre. Zum Glück bekam sie das nicht mit, da sie mit ihrem Handy beschäftigt war.

„Moment.“ Ich wechselte die Hand, sodass er notfalls meine eigenen Füße lädieren würde.

„Ich dachte, ich würde in meinem grauen Leben versumpfen und da habe ich mich selbst durch den pinken Schopf wieder herausgezogen.“

„Noch immer eine Pippi Langstrumpf; meine Kölner Freundin macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Ich glaube, wir werden viel Spaß zusammen haben. Schau, da hinten steht mein Auto.“

Wir verließen Sevillas klimatisierten modernen Flughafen und wurden sofort von noch etwas kühlen, aber schon durchaus frühlingshaften Temperaturen eingelullt.

„In Köln haben wir Schneematsch, frieren und wagen uns nicht vor die Tür und hier …“

„Achtzehn Grad im Durchschnitt.“

„Frühling! Und das Ende Januar.“ Ich war euphorisch, fühlte mich wie befreit. Zurück in meinem echten Leben.

„Also, in ein paar Monaten wirst du dir die deutsche Kälte herbeiwünschen.“

Wir hatten ihren blauen Seat erreicht. Lynn zückte erneut ihr Handy, scrollte ein wenig herum, steckte es dann wieder weg und öffnete endlich den Kofferraum. Ich verstaute mein Gepäck und dann fuhren wir die etwas mehr als zwanzig Kilometer zur andalusischen Hauptstadt.

„Und“, fragte ich sie, während ich mich anschnallte, „hast du manchmal Heimweh?“

Für einen Augenblick schwieg sie, suchte einen anderen Radiosender und starrte auf die Straße.

„Manchmal schon. Aber ich glaube, es ist eher so eine Art Wunschdenken. Immer, wenn ich meine Ferien in Deutschland verbringe, sehne ich mich wieder nach Spanien zurück.“

Ich nickte und schaute aus dem Fenster. Wir fuhren durch ein hässliches Gewerbegebiet, vorbei an ziemlich heruntergekommenen Gewächshäusern, welche die Landschaft mit weißen Plastikfolien zu verhüllen trachteten. Das wäre sicherlich etwas für diesen Verhüllungskünstler. Wie hieß der noch gleich? Richtig: Christo. Ich überlegte, was wohl unter dem Meer aus Plastik angebaut wurde.

Fresas, fiel mir das spanische Wort für Erdbeeren plötzlich wieder ein.

Allmählich wurde der Verkehr dichter, wir näherten uns unserem Ziel. Ich versuchte, den Radiosprecher zu verstehen, doch es gelang mir nicht. Ich hatte schon bei der Ankunft unerwartete Schwierigkeiten gehabt, meine Mitreisenden im Flughafenbus zu verstehen und brauchte auch jetzt erschreckend lang, um mich an die paar spanischen Wörter zu erinnern, die auf den Verkehrsschildern immer wieder benutzt wurden. Acht Jahre waren eine lange Zeit. Der Moderator im Radio knallte uns seine Sätze im Turbo-Tempo um die Ohren. Ich tröstete mich damit, dass der Sender nicht gut eingestellt war. Als wir vor einer roten Ampel hielten, nutzte Lynn die Zeit, um die Nachrichten auf ihrem Handy abzurufen. Ihr Gesicht sah enttäuscht aus. Hinter uns hupte ein Autofahrer. Schuldbewusst ließ Lynn es wieder in ihrer Jackentasche verschwinden und gab Gas.

„Sevilla gefällt mir nach wie vor. Es ist die spanischste aller Städte für mich“, erklärte Lynn, bemüht, das Gespräch wieder in Schwung zu bringen.

„Aber …“, ich hörte ihrem Tonfall an, dass sie versuchte, noch etwas anderes mitzuteilen.

„Oh Mann, Mia, ich bin so happy, dass du wieder da bist.“ Sie lachte und legte ihre Hand auf mein Knie.

„Dir kann man nichts vormachen. Du kennst mich noch immer.“

Ich wartete. Mittlerweile passierten wir leerstehende Häuser, die nicht zu Ende gebaut worden waren. Sie strahlten etwas Gespenstisches aus.

„Ich bin jetzt auch oft in Madrid“, setzte Lynn vorsichtig an, ohne sich überwinden zu können, mir ihr kleines Geheimnis zu offenbaren.

„Ach ja?“

„Mhm.“

„Wie heißt er denn, der fesche Madrileño, auf dessen Anruf du wartest?“

Lynn lachte und gab meinem Bein einen kleinen Klaps.

„Und da schwärmen die Spanier immer von der höflichen Diskretion der Deutschen.“

Obwohl ich neugierig war, ließ ich das Thema ruhen.

„Lynn, täusche ich mich, oder ist Sevilla wirklich so heruntergekommen, wie es den Anschein hat?“

Ich presste meine heiße Stirn gegen die kühle Fensterscheibe der Beifahrertür und war schockiert. Ich erkannte Sevilla nicht mehr wieder. Alles war hässlich, verdreckt, heruntergekommen. Müll, Graffitis, leerstehende Bauruinen, Bettler an den Straßenecken.

„Ja, die Krise hat uns alle nicht kalt gelassen.“

In diesem Moment fuhren wir an der Plaza de España vorbei. Die im Halbkreis angeordneten Gebäude grüßten mich majestätisch und versöhnten mich. Zumindest diese Architektur hatte sich im Laufe der Jahre nicht verändert, sondern hielt weiterhin loyal zu mir. Die Schönheit der Anlage regte meine Phantasie an und umgarnte mich so verführerisch wie Don Giovanni, der für mich genauso zu Sevilla gehörte wie Rossinis Figaro.

Lynn bog in die Avenida de la República Argentina ein und mein Hochgefühl meldete sich wieder zurück, als wir den mächtigen Arm des Guadalquivir-Flusses überquerten. Die Sonne blendete und Erinnerungsfetzen brachen sich kaleidoskopisch in meinem Hirn.

„Ich wohne jetzt im Stadtteil Triana, der wird dir gefallen. Er ist nicht so touristisch wie Santa Cruz, sondern viel authentischer. Du wirst sehen.“

Lynn gefiel sich offensichtlich in der Rolle der Reiseführerin: „Die kleine Vorstadt war früher erst der Anlaufpunkt für Seefahrer, dann verkam es zu einem Industrieviertel. Doch mittlerweile hat es sich ganz schön gemausert. Aber die Mieten sind immer noch erschwinglich geblieben. Zum Glück. Viele Kunsthandwerker haben sich hier angesiedelt. Schau, da vorne ist schon die erste Töpferei!“

Ich blickte in die Richtung, in die sie gezeigt hatte, aber es war schon zu spät. Statt der Töpferei machte ich jedoch gleich zwei Flamencoschuppen aus. Auch nicht schlecht. Währenddessen erläuterte Lynn das weitere Programm.

„Auf jeden Fall werden wir gleich, wenn du dich etwas frisch gemacht hast, eine Runde Tapas essen gehen.“

„Ir de tapeo heißt das doch, oder?“

„Genau. Ich kenne da eine tolle Taberna direkt am Ufer von Triana. Von dort hat man einen wunderschönen Blick auf die andere Seite des Flusses.“

„Oh, Mann, Lynn, ich bin dir so dankbar. Wie schön, dass wir wieder zusammen sind. Und danke, dass ich erst einmal bei dir wohnen darf. Ich werde mich so schnell wie möglich nach einer eigenen Bleibe umsehen.“

„Jaja, immer langsam. Komm erst einmal richtig an!“

Kurz darauf parkte Lynn den Seat in der Calle Pelay. Weiße Häuser und von Blumen gesäumte Gässchen. Ich lächelte glücklich. Das Viertel war, wie Lynn schon angedeutet hatte, urig und wunderschön. Ich fühlte mich sofort wohl. Köln war bereits ganz weit weg.

Nachdem wir Tapas in zwei Bars zu uns genommen hatten, war ich so erschöpft, dass ich Lynn bat, nach Hause zurückzukehren. Sie schien mir etwas enttäuscht zu sein, dass ich so früh schlapp machte, hatte aber Verständnis für mich. Schließlich sollte ich mich morgen in der Redaktion der 'Toros de Sevilla' präsentieren. Als ob ich jemals etwas mit Zeitung am Hut gehabt hatte. Aber ja doch. In der Grundschule ließ mich meine Deutschlehrerin einmal die Witzseite für unsere Schülerzeitung gestalten.

Kapitel 4:
A wie Arbeitspsychologie

Das Zitat des Tages:

„Der beste Tipp, den Sie Ihren Klienten geben können ist, ungefähr eine Woche vor Arbeitsbeginn auf einer Bank gegenüber dem neuen Arbeitsplatz Stellung zu beziehen und die Menschen, die dort ein- und ausgehen gründlich zu beobachten. Dadurch erfahren sie viel über so wichtige Bereiche wie Dresscode und Tagesablauf ihrer zukünftigen Arbeitsstelle.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 4)

„Lynn“, schrie ich. „Was trägt man hier denn so? Ich habe keine Ahnung, was ich zum ersten Termin bei der Zeitung anziehen soll!“

„Woher soll ich das wissen?“, tönte es aus der Küche. Hmmm, ich roch bereits den Kaffee. „Kenne mich nur mit spanischen Gerichten und Hauptstadtmännern aus.“

Ich erinnerte mich nur vage an Lynns Liebesgeständnis gestern Abend. Nach einigen Gläsern Rotwein hatte sie mir ein wenig von ihrer Affäre mit José, einem verheirateten Staatsanwalt in Madrid erzählt. Ihren Schilderungen entnahm ich, dass ihre Beziehung sich imposanter anhörte, als sie war. Im Grunde genommen schien sie mir ziemlich unter dem Status der verleugneten Zweitfrau zu leiden. Konnte ich gut verstehen. So eine selbstzerfleischende Dreiecksbeziehung wäre auch für mich nichts. Meiner Meinung nach waren wir Menschen nicht bedürfnisfrei genug, um sicherzustellen, dass in so einer Ménage-à-trois alle Beteiligten ihr gerechtes Stück vom Kuchen abbekämen.

Lynn kam mit einem Becher dampfendem Milchkaffee in der Hand auf mich zu.

„Ich hoffe, du trinkst ihn noch immer so widerlich süß wie früher“, grinste sie verschwörerisch. „Ich habe den Zucker nämlich bereits für dich versenkt.“

Ich lachte. „Klar, unter drei Würfeln pro Tasse geht es nicht.“

Plötzlich legte sich meine Unruhe. Es rührte mich, dass Lynn sich noch immer an meine kleinen Spleens erinnerte.

„Also“, überlegte sie, „Rock und Absätze. Hast du so etwas dabei?“

Ich war sportlich schlank, Lynn designerdünn. Ein Kleidertausch war ausgeschlossen.

„Hm.

Ich öffnete seufzend den Deckel meines Koffers, damit wir dessen unordentlichen Inhalt zwischen den Hartschalen gemeinsam inspizieren konnten.

Sie nickte anerkennend. „Sogar ein weißes Blüschen.“

„Ich könnte kotzen. Lynn, ich mag mich nicht verkleiden.“ Trotzig setzte ich noch einen drauf: „Will da nicht hin.“

„Komm, komm, meine kleine pasota. Spanier mögen strebsame blonde Deutsche. Die Redaktion wird dich auf Händen tragen, wirst schon sehen.“

Die arbeitswütige Deutsche kam dann ganz undeutsch zu spät. Ich hatte mich verlaufen. Erst zehn Minuten nach Terminbeginn drückte ich die Klingel so fest, als wäre es der Knopf einer Zeitmaschine und könnte meine Verspätung rückgängig machen. Ich war gerade dabei, mir eine Entschuldigung auf Spanisch zurechtzulegen, als jemand die Haustür aufriss.

„Sind Sie Mia aus Deutschland? Was soll das? Ich wollte gerade gehen.“

Mir verschlug es die Sprache. Meine Lippen versuchten mich zu retteten, indem sie gracias murmelten. Mein schöner spanischer Entschuldigungsmonolog für die Katz.

„Wieso gracias? Sie meinen wohl perdón! Sprechen Sie überhaupt spanisch? Sonst können Sie gleich wieder gehen.“

„Doch, natürlich. Ich meine: Sí, señor!“

Hä? Was hatte Lynn nur erzählt? Spanier lieben Deutsche? Dieser hier nicht. Vielleicht war er gar kein Spanier, denn er sprach ein völlig akzentfreies Deutsch. Das konnte einen schon stutzig machen. Obwohl er perfekt deutsch sprach, sah er ausgesprochen spanisch, fast eher schon arabisch aus. Tiefschwarzes Haar, dunkelbraune Kinderaugen, die dem Gesicht einen offenen, verletzlichen Ausdruck bescherten. Der Dreitagebart versuchte den Eindruck von Weichheit zu zerstören. Doch das gelang ihm nicht. Der Gesamteindruck hätte durchaus sympathisch sein können, hätte sich der Typ sich nicht wie der letzte Soziopath aufgeführt.

„Nun gut, dann kommen Sie doch rein.“ Sein arroganter Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass Entgegenkommen ein Fremdwort für diesen Kerl war.

Wie ein Schwerverbrecher trottete ich die Treppen hinter ihm hoch. Warum, war mir nicht ersichtlich, denn bei jeder Etage kamen wir an einer Fahrstuhltür vorbei. Kleine katholische Bußaktion vermutete ich. Um das Eis zu brechen, dachte ich, wäre es vermutlich ganz schlau, sich wenigstens jetzt noch zu entschuldigen. Ein kurzatmiges Keuchen unterdrückend, setzte ich mutig auf Spanisch zu einer Erklärung an.

„Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe“, verunsichert beendete ich den Satz auf Deutsch, „aber leider habe ich das Büro nicht sofort gefunden. Habe mich verlaufen.“

„Büro? Das heißt Redaktion. Wie wollen Sie Artikel auf Spanisch schreiben, wenn Sie noch nicht einmal Ihre Muttersprache beherrschen? Außerdem hat Ana behauptet, Sie würden sich in Sevilla auskennen.“

„Doch, doch, Señor.“

Aha, dieser Charmebolzen war somit aller Wahrscheinlichkeit nach Gonzalo, Anas Bruder. Das versprach heiter zu werden. Was für eine Verschwendung von attraktiver Materie. Er hätte durchaus in mein Beuteschema fallen können, hätte ich auch nur die winzigste masochistische Veranlagung. Dumm gelaufen, somit rasselte der Typ schon am ersten Tag durchs Raster. Pobrecito. Als ich ihm endlich in seinem Büro, ähm, ich meine natürlich in seiner Redaktion gegenüber saß, bemerkte ich als erstes den Grund, warum ich normalerweise niemals weiße Blusen trug. Verräterische Schweißringe zeichneten sich ab. Ich kam mir vor wie im Dschungelcamp, hatte mich auf ganzer Linie lächerlich gemacht. Klar, dass Anas Big Brother weiter auf mir rumhackte.

„Wenn Sie zu spät kommen, warum informieren Sie mich nicht darüber? Oder gibt es in Deutschland keine Handys?“

Jetzt reichte es, allmählich war meine Schmerzgrenze erreicht. Der Typ sollte sich mal nicht so aufplustern! Ganz bewusst verließ ich meine Opferrolle.

„Wollen wir dann zum Geschäftlichen kommen?“

Leider klang meine Stimme ziemlich zittrig, ich spürte wie meine Wangen warm wurden und vermutlich gerade die Farbe eines Stierkampftuchs annahmen. Ich steuerte bewusst mit einer selbstbewussten Körperhaltung dagegen an, benutzte somit denselben Trick, den ich erst vor Kurzem seiner Schwester nahegelegt hatte: aufrichten, gerade Schultern, beide Füße stehen fest auf dem Boden. Verrückte Welt!

„Wie Sie wollen.“ Der Typ blickte mir das erste Mal überhaupt in die Augen. Ging doch.

„Sie haben Leseproben mitgebracht?“

Oder vielleicht doch nicht. Ich unterdrückte ein weiteres „Hä?“ und deutete so elegant wie möglich ein Kopfschütteln an.

„Gut, dann setzen Sie sich mal an den Konferenztisch und legen los. Thema: 'Sevilla entonces y ahora'. Schreiben Sie über Ihre ersten Eindrücke. Wie sah die Stadt früher aus, wie heute. Alles ein wenig psychologisch aufpeppen. Ein Wörterbuch finden Sie online. Achthundert bis tausend Wörter. Ich lese mir das Ganze dann in der Mittagspause durch und möchte bis dahin nicht gestört werden.“

Nee, ne? Das war ein Witz, oder? Aber der Typ ging und schloss die Tür hinter sich, ließ mich in Isolationshaft zurück. Ich saß sprachlos da, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Erst einmal tief durchatmen. Dann schaute ich mich im Raum genauer um. Großes helles Zimmer, der Schreibtisch von Big Brother stand schräg zum Fenster, ein abschreckend großer ovaler Besprechungstisch füllte den hinteren Bereich. Vorne an der Tür neben der Wand stand ein hässlicher alter Schreibtisch, der garantiert erst nachträglich dort hineingestellt worden war. Er sah aus wie ein Brett auf zwei Beinen, das frisch vom Sperrmüll kam. Ich weigerte mich, an diesem Katzentisch Platz zu nehmen und begab mich stattdessen trotzig zu Gonzalos Schreibtischstuhl. Was hatte er noch gesagt? Online-Wörterbuch? Meinte er damit, dass ich seinen Apple benutzen durfte? Vorsichtig berührte ich ganz kurz die Leertaste. Bildschirmschoner und Passwort.

Haha, wie sollte ich am Computer ohne Passwort arbeiten? Aber der Herr durfte ja nicht gestört werden. Gut, dann eben auf die gute alte Art. Ich zog mir ein paar Blatt Papier aus dem Drucker, fischte einen Kuli mit dem Slogan 'Kampf der Magersucht', ein Werbegeschenk meiner Frauenärztin, aus meiner Handtasche und begann zu schreiben. Wenn ich ein Wort nicht wusste, rief ich Lynn per Handy an. Danke für den Tipp, Machoboss. Um dreizehn Uhr stand ich auf, suchte Big Brother, drückte ihm wortlos mein Geschreibsel in die Hand.

„Danke, habe schon eine Verabredung zum Mittagessen“, teilte ich ihm ungefragt mit.

„Um vierzehn Uhr wieder in meinem Büro“, rief er meinem Rücken hinterher. „Pünktlich!“

Ich drehte mich kurz um, klimperte mit den Augen und schenkte ihm mein süßestes Lächeln. Ohne Zweifel würde ihm die kleine Racheaktion, welche ich mit Lynns Hilfe für ihn vorbereitet hatte, den Appetit verderben.

Kapitel 5:
R wie Resilienz

Das Zitat des Tages:

„Es ist unabdingbar, immer wieder an der seelischen Widerstandskraft Ihrer Klienten zu arbeiten. Vergessen Sie nicht: Psychologische Stärke ist trainierbar.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 125)

Lynn empfing mich fröhlich kauend. Vor ihr stand ein riesiges Tablett, auf dem zahlreiche Köstlichkeiten in einzelnen Schälchen dekorativ dargeboten wurden. Stühle rücken, Begrüßungsumarmung und schon saß ich Lynn gegenüber und wir machten uns zusammen über die Tapas her. Als ich mir gerade genüsslich ein Stück gegrillte Aubergine mit Aioli in den Mund schob, brachte der Kellner mir ein Glas Rotwein.

„Keine Angst, der ist mit Zitronenlimonade gespritzt. Trinken hier alle zum Mittagessen. Man nennt es tinto de verano.“

Sommerrotwein? Und das Ende Januar? Merkwürdige Zeitrechnung. Aber von mir aus. Ich nahm probehalber einen Schluck. Erfrischend, leicht und nicht zu süß.

„Lecker“, outete ich mich. Dann fiel mir ein, dass es unter Weinkennern lieblich hieß. Aber wen wollte ich täuschen? Lynn war sowieso klar, dass ich nicht zur Sommelière taugte.

Wir stärkten uns, machten Scherze und erst, als wir beim Nachtisch angekommen waren, fragte mich Lynn, wie der Vormittag bei der 'Toros de Sevilla' gelaufen war.

„Meine Stunden sind gezählt“, fasste ich den Stand der Dinge zusammen.

„Echt? Das klang am Telefon eben aber ganz anders. Du hast doch bereits deinen ersten Artikel auf Spanisch verfasst.“

„Wenn du wüsstest. Anas Bruder ist ein richtiges Arsch…“

„Nicht so vorschnell“, unterbrach sie mich, „immerhin hat er dir die Stelle verschafft ohne dich zu kennen, nur um seiner Schwester einen Gefallen zu tun. Sieht er denn wenigstens gut aus?“

„Ja, leider. Fatale Mischung: attraktiv und abgrundtief unsympathisch. Ist aber auch egal, denn ich werde den heutigen Tag nicht überleben.“

„Ach, komm, du hast schon ganz andere Hindernisse überwunden.“

„Nee, im Ernst. Heute habe ich wirklich alles versaut. Bin zu spät gekommen, hab die Bluse durchgeschwitzt und habe meinen Chef in einem boshaften Artikel gedisst.“

„Du hast was?“

„Scheiße, ich weiß, ich weiß. Ich bin da nicht stolz drauf. Vermutlich bin ich einfach zu impulsiv, aber der Typ hat mich auch bis aufs Blut gereizt, wie er mich da in seinem Büro käfig eingesperrt hat. Stell dir das mal vor. Er hat nicht einmal die minimalsten internationalen Standards der Büroetikette eingehalten!“

„Hört sich an, als würde José eine Anklageschrift beim Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag verlesen.“

Wider meinen Willen musste ich lächeln. Richtig, Lynns Liebster arbeitete als Staatsanwalt in Madrid. Ich seufzte theatralisch und versuchte mich dann wieder in Rage zu reden.

„Also, was ich meine … Der Typ ist gar nicht erst auf die Idee gekommen, mich in der Redaktion herumzuführen oder mich den anderen Kollegen vorzustellen. Mich über den Tagesablauf in Kenntnis setzen? Weit gefehlt! Wo denkst du hin?“

Lynn ließ sich nicht ablenken.

„Mia, wie hast du deinen Chef beleidigt? Gedisst … was ist das überhaupt für ein seltsames Wort? Spricht man jetzt so in Deutschland?“

„Jugendsprache halt.“

„Wie alt warst du noch gleich? Manchmal bist du schon etwas, sagen wir mal … eigen. Also los, ich höre: Was hast du verbrochen?“

Ich trank meinen Kaffee aus und rührte sinnentleert mit dem Löffel noch ein wenig weiter in der leeren Tasse.

„Ähm, ich sollte ja diesen Probetext schreiben. Big B. gab mir so ein schwachsinniges Thema vor: Sevilla früher, also vor acht Jahren, als ich das erste Mal hier war, und heute.“

„Hört sich für mich nach einem guten Thema an, klar strukturiert.“

„Musst du immer die gerechtigkeitsliebende Juristin raushängen lassen? Wenn ich es dir doch sage! Gonzalo ist der Hinterletzte, der verdient dein Mitleid nicht!“

„Also“, unterbrach mich Lynn ungerührt. „Was war dann mit dem Artikel?“

„Na ja, das geht den doch nichts an, was zwischen dir, mir und Rafa gelaufen ist. Darüber schreibe ich doch nicht öffentlich!“

Lynn starrte mich an als wäre ich Norman Bates.

„Also habe ich den Schwerpunkt geändert.“

Lynn wartete.

„Ich habe …“ Jetzt konnte ich ein Grinsen nicht unterdrücken. „Also, ich habe in meinen Artikel geschrieben, dass Vorstellungsgespräche in Sevilla früher noch nach transparenten Regeln in einem höflichen Ton abliefen, wohingegen sich heutzutage in Spanien ein US-amerikanischer Cowboystil durchgesetzt habe.“

„Aha, darum hast du mich um all diese Westernvokabeln gebeten.“

„Nun, ich habe mein Essay so strukturiert, dass es sich wie eine Schießerei in der letzten Szene eines Western liest.“

„So, so. Hört sich abgefahren an. Und ehrlich gesagt, in meinen Ohren auch ganz schön dreist.“

„Frech meinst du? Ich würde sagen: kreativ.“

Ich wollte es nicht zugeben, aber Lynns Urteil verunsicherte mich. Ohne Erbarmen führte sie ihre Gedanken weiter aus.

„Nee, so leicht kommst du nicht davon. Anmaßend trifft es eher. Und das am ersten Tag. Nicht gerade der souveräne Umgang, den man von einer Vollblutpsychologin erwarten würde.“

„Ja, Amiga, mach mir nur Mut.“ Ich blickte auf meine Armbanduhr. „Ich muss los.“

„Der Typ wird dich vierteilen.“

„Tschüüüüs.“

Mein Herz schlug wie bekloppt, als ich die Treppen hochlief. Ich wagte nicht, den Aufzug zu nehmen. Vielleicht hatte es ja doch irgendeinen vernünftigen Grund, warum Gonzalo ihn gemieden hatte. Bevor ich die Tür zu Gonzalos Büro aufstieß, holte ich noch einmal tief Luft. Ich hatte nichts Böses getan, ich lebte nur alle gesammelten Resilienz-Theorien auf einmal aus. Ich bewältigte einen schwelenden Konflikt durch selbstbewusstes kreatives Handeln. Ich hatte mich lediglich aus der Opferrolle gelöst, Flexibilität gezeigt, hatte gestaltet, statt zu reagieren.

Mein Begrüßungshallo klang selbst in meinen Ohren zu aufgesetzt.

Gonzalo saß am Schreibtisch und musterte mich abschätzig mit seinen großen schwarzen Augen. Langsam krempelte er seine Ärmel hoch. Erst den linken, dann den rechten. Er hatte hinreißende Unterarme: Die perfekte Mischung aus Haut und Haar. Weder Gorillapelz noch Milchbubiflaum. Und das alles wurde mir auf sonnengebräuntem Teint serviert. Komplett unfair. Gerade als ich schwach wurde, polterte Big B. los.

„Was war das denn für ein Geschreibsel? Ich habe kein Wort verstanden. Fehler über Fehler. Thema verfehlt. Ist das alles, was Sie draufhaben?“

Ich hielt mein Pokerface bei. Lady Gaga wäre stolz auf mich gewesen. Um mich nicht provozieren zu lassen, kanalisierte ich meine Energie auf noch ein anderes Thema. Ich stand noch immer in diesem verfluchten Büro. Big B. bot mir noch nicht einmal einen Platz an. Sollte ich mich vielleicht einfach setzen? Tatsachen schaffen?

Während ich noch an meiner Survival-Strategie feilte, stürmte eine Frau herein.

„Gonzalo, kann ich dich mal gerade für einen Moment sprechen?“

Dann bemerkte der Lockenkopf meine Anwesenheit.

„Hallo, wie geht's?“

Die Worte waren wie Balsam auf meiner geschundenen deutschen Seele. Endlich konnte ich meinen kleinen, sorgfältig formulierten Vorstellungs-Pitch loswerden.

„Hallo, ich heiße Mia Fichtner. Ich bin eine Psychologin aus Deutschland. Ich freue mich sehr, dass ich für die 'Toros de Sevilla' schreiben darf.“

Die Frau stutzte, sah dann auffordernd zu Gonzalo hinüber.

„Also, Frau Fichtner, das ist Lidia Márquez, unsere Chefredakteurin. Lidia, das ist Frau Fichtner.“

„Herzlich willkommen, Mia. Haben Sie schon etwas geschrieben?“

Bevor ich ihn abhalten konnte, hatte ihr Gonzalo mit einem maliziösen Lächeln auf den Lippen bereits meinen Artikel angereicht.

Lidia setzte sich auf seinen Schreibtisch und begann zu lesen. Ich wäre am liebsten schreiend aus dem Gebäude gerannt. Doch dann lachte sie. An zwei Stellen ein verhaltenes Kichern und dann ein richtiger Lacher.

„Das ist ja richtig komisch.“ Sie blickte auf.

„Findest du nicht auch, Gonzalo?“

Gonzalos Lippen wurden schmal.

„Deutsche mit einem Sinn für Humor. Erstaunlich. Klar, mit dem Spanisch hapert es noch etwas, aber das lernst du sicherlich schnell. Gonzalo, du wirst sie unterstützen und ihre Artikel auf sprachliche Fehler hin gegenlesen.“

„Lidia, bei allem Respekt …“ Gonzalo plusterte sich auf, machte sich in seinem Sessel breit und groß.

„Das ist doch unmöglich, dazu völlig stümperhaft geschrieben. So etwas willst du doch nicht wirklich veröffentlichen. Denk an unsere Leser!“

Lidia hörte ihm belustigt zu.

„Unsere Anzeigenkunden.“

Lidia brachte ihn mit einer Geste ihrer Hand zum Schweigen.

„Da bringst du mich auf einen noch besseren Gedanken. Ihr schreibt eine Kolumne zusammen. So in der Art: der einheimische und der fremde Blick auf Sevilla. Mia schreibt weiter in ihrem satirischen, aggressiven Stil und du eher nüchtern bedächtig. Versteht ihr? Um den Erwartungen zu widersprechen; die pedantische Deutsche und der leidenschaftliche Spanier. Genau umgedreht. Legt mir bis morgen doch mal eine Liste mit möglichen spanisch-deutschen Themen vor, die unsere Leserschaft interessieren könnten. Natürlich schreibst du, Mia, zusätzlich auch noch auf unserer Psycho-Seite 'Sevilla auf der Couch' weiter. Lass dir von Oscar nebenan ein paar alte Exemplare geben, damit du dich etwas einlesen kannst. Gonzalo, du bist ihr Mentor und somit verantwortlich für die Sprache.“

„Aber Lidia …“

„Nichts aber. Das ist vielleicht genau der frische Wind, den wir so dringend brauchen.“

Lidia drehte sich zu mir herum.

„Noch Fragen, Mia?“

Ich schüttelte den Kopf, noch völlig unter Schock von der Ideen-Eruption der Chefredakteurin.

„Du, Gonzalo?“

Statt zu antworten, starrte Gonzalo trotzig auf den Schreibtisch.

„Dann ist ja alles klar. Ran an die Arbeit!“

Kapitel 6:
S wie Standorterkundung

Das Zitat des Tages:

„Bei einer psychologischen Standortbestimmung reicht es nicht, nur die individuellen Ressourcen Ihrer Klienten zu kennen. Sie dürfen auch die systemische Seite nicht vernachlässigen: Familie, Freunde, soziales Netz, Wohnumfeld usw.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 132)

Endlich Wochenende. Lynn hatte sich nach Madrid zu ihrem Liebsten abgesetzt, was mir die Möglichkeit verschaffte, Sevilla ohne Rücksichtnahme erkunden zu können. Doch bevor es losging, schlief ich mich genüsslich bis zum Mittag aus. Anschließend begab ich mich, noch immer recht schläfrig, vor die Tür. In dem kleinen Eckladen besorgte ich mir eine Handvoll spanischer Zeitungen, ein Baguette und Milch. Nachdem ich zurückgekehrt war, drehte ich das Radio an, verbrannte mir erst einmal ordentlich die Finger beim Anzünden von Lynns Gasherd. Ich war etwas aus der Übung, doch als der Kaffee aromatisch vor sich hin brodelte, war ich wieder versöhnt mit den Tücken der Technik. Ich bereitete mir einen Milchkaffee zu, schnitt das Baguette auf und bestrich es großzügig mit gesalzener Butter. Klang zwar nicht so, passte aber ganz wunderbar zu dem süßen Milchkaffee.

Als alles angerichtet war, setzte ich mich an den Küchentisch und blätterte, während ich mich stärkte, schon einmal durch die erste Zeitung, die seriöse 'Crónica'. Erleichtert stellte ich fest, dass ich zumindest sprachlich noch ziemlich viel verstand. Inhaltlich war ich natürlich erneut ein kulturelles Greenhorn. Spanische Politik spielte in der Kölner Presse nur ganz am Rande eine Rolle, lokale Details fielen dabei komplett unter den Tisch, besser gesagt unter den Newsdesk. Schade, ich hätte gerne meinen damaligen Expertenstand gehalten. Vor acht Jahren kannte ich mich in Sevilla deutlich besser aus als in Köln. Die Hauptstadt Andalusiens war mir schließlich zur zweiten Heimat geworden. Ich kannte so ziemlich jede In-Kneipe, wusste, wo die angesagten Filme gezeigt, die leckersten Tapas aufgetischt wurden.

Als canguru, Känguru, wie die Kindermädchen auf Spanisch sehr anschaulich genannt wurden, kannte mich so gut wie jedes Kind in unserem Wohnviertel in der Altersklasse meiner beiden Zöglinge beim Namen. Ich rechnete kurz nach, wie alt Mercedes und Juan jetzt sein dürften. Damals waren sie drei und acht Jahre alt, acht Jahre drauf machte elf und sechzehn. Hammer! Ich vermochte es einfach nicht, mir Juan als jungen Mann und die Kleine als auf dem Sprung zum Teenagerwahnsinn vorzustellen. Irgendwann würde ich meiner alten Gastfamilie einen Besuch abstatten, aber nicht gerade am ersten Wochenende.

 Jetzt war erst einmal ein wenig Touri-Sightseeing angesagt. Ich wollte Lynns Abwesenheit ausnutzen, um sentimental ein wenig auf Rafas Pfaden zu wandern. Vielleicht wohnte er ja immer noch in derselben Wohnung wie früher. Obwohl … Das war eher unwahrscheinlich, denn meine Briefe waren mit dem Vermerk 'unbekannt verzogen' zurückgekommen. Aber es sprach nichts dagegen, dort dennoch ganz unverbindlich einmal vorbeizugehen. Genau, und Lynns und meine alte Sprachschule lag dann auch noch auf dem Weg. Vielleicht erkannte mich ja noch einer der Dozenten wieder. Zum feierlichen Abschluss würde ich dann im 'Hipopotamo', der kleinen versteckten Pizzeria, in die mich Rafa oft ausgeführt hatte, einkehren. Ich trank schnell den letzten Schluck Kaffee aus, stellte den Teller in die Spüle und los ging's Richtung Altstadt.

Durch mein langes Schlafen begann ich meine Sightseeingtour ausgerechnet um ein Uhr mittags. Im Sommer hätte mich bei über vierzig Grad der Hitzschlag ereilt. Einmal war das Thermostat sogar auf fast fünfzig Grad angestiegen, sodass ganz offiziell die Alarmstufe orange ausgerufen worden war. Doch jetzt im Frühling stellte mein kleiner Nostalgie-Spaziergang auch in der Mittagszeit keine erhöhten Anforderungen an mein Herz-Kreislauf-System. Na ja, an mein Herz vielleicht dann doch.

Voller Begeisterung arbeitete ich erst einmal gewissenhaft die berühmten Plätze Sevillas ab, denn, wenn man das nicht gleich zu Anfang machte, tat man es nie. Kölns romanische Kirche hatte ich auch erst durch den Besuch ausländischer Freunde selbst kennengelernt. Wohnte man länger in einer Stadt, ließen einen die großen Monumente kalt. Auf meinem Streifzug zum Alcázar, der alten maurischen Königsburg, fielen mir als erstes die Fahrräder auf. Dauernd wurde ich aus dem Weg geklingelt. Hätte ich nicht den Giraldaturm fest im Blick gehabt, hätte ich fast meinen können, mich in Amsterdam zu befinden. Meine Füße brachten mich zu den Jardines de Murillo, die von den Gärten des Alcázar abgetrennt worden waren. Hier hatten Rafa und ich eine ganze Reihe Mittwochabende verbracht. Da ich gerade am Wochenende oft babysitten musste, hatte ich meinen freien Tag auf den Mittwoch gelegt. Wie oft hatten wir in der wenig besuchten Grünanlage geknutscht, Schinken-Käse-Brote vom Kiosk gegessen und später am Fluss beobachtet, wie die Schiffe auf dem Guadalquivir an uns vorbeifuhren? Anschließend begleitete er mich immer zu Pilar, Pablo und den Kindern zurück, wo er sich gezwungenermaßen nur mit einem keuschen Küsschen von mir verabschiedete. Wir beide wussten nämlich nur zu genau, dass es sich meine Gastmutter Pilar nicht nehmen ließ, vom Balkon aus über den guten Ruf ihres Au-pair-Mädchens zu wachen. Obwohl ich in vielerlei Hinsicht erotisch durchaus offen für Neues war, fand ich jegliche Spielform von Voyeurismus alles andere als anturnend.

Gerade als ich einer amerikanischen Touristin den Weg zur Casa de Pilatos beschrieb – sie sagte übrigens immer 'Casa de Pilates' – sah ich Rafa auf dem Fahrrad. Ich dachte, mein Herz bliebe stehen, als er direkt an mir vorbeifuhr. Doch dann funktionierte meine Motorik wieder. Ich ließ die arme Amerikanerin einfach stehen und rannte dem Radler hinterher.

Das durfte nicht wahr sein!

Rafa bremste vor einer roten Ampel und ich joggte zur besagten Kreuzung. Die Ampel sprang gerade wieder auf grün, als ich ankam. Doch es gelang mir dennoch, einen Blick auf das Gesicht des Radfahrers zu erhaschen. Wie peinlich! Rafa erwies sich als eine hübsche kurzhaarige Spanierin, die sich irritiert nach mir umdrehte. Dann wurde mir auch klar, wodurch es zu diesem Missverständnis gekommen war. Die Jacke. Früher hatte Rafa einmal eine ähnliche Jacke besessen. Oh Mann, das nannte man Paranoia. Gut, dass weder Lynn noch sonst wer diese Szene mitbekommen hatte, abgesehen von der kopfschüttelnden Amerikanerin, die gerade einen anderen Passanten ansprach. Nun denn, Schwamm drüber.

Ich beschloss, den paseo turístico abzuhaken und meiner Vergangenheit ins Auge zu blicken. Auf zu unserer Stamm-Pizzeria neben der Stierkampfarena. Meine Erinnerungen an die Käse-Schinken-Sandwiches im Park hatten mich spüren lassen, wie hungrig ich schon wieder war. Als ich am Eingang der Arena vorbeiging, hörte ich in meinem Kopf den Tusch des Toreadors aus Bizets Oper. Ich grinste und sendete viele Grüße an Escamillo, José und Carmen.

Direkt neben dem Plaza de Toros bog ich in eine kleine Seitenstraße ab und kam mir vor wie in einer Zeitmaschine. Alles sah unverändert, genau wie früher aus. Es duftete nach Knoblauch und frittiertem Fisch. Als ich mich im Schaufenster spiegelte, hatte ich das Gefühl, eine glückliche sonnenverbrannte Neunzehnjährige mit Pferdeschwanz würde zurücklächeln.

Doch als ich vor dem Gebäude stand, welches früher das 'Hipopotamo' beherbergt hatte, war von der romantischen Pizzeria nichts mehr zu sehen. Ganz im Gegenteil. In dem Haus herrschte reger Betrieb, aufpeitschende Latinorhythmen drangen aus den Fenstern, muskulöse Menschen bewegten sich dahinter auf und ab. Die vielen Sportstudios waren mir schon in den letzten Tagen aufgefallen und jetzt hatte es offensichtlich auch unser altes idyllisches Restaurant erwischt. Was für eine Schande! Wie bei den Hörern von WDR 4 breitete sich Nostalgie, die Sehnsucht nach den glücklichen Tagen von früher, in mir aus. Was hatten Rafa und ich hier für romantische Momente verbracht! Während ich ein wenig verloren vor dem Gebäude stand, mischte sich dieses Gefühl mit einem anderen Bedürfnis: Hunger! Mein Magen knurrte, ihm gefiel es ebenso wenig, noch länger warten zu müssen.

Trotzig machte ich mich in Richtung Sprachschule auf. Sie befand sich ein paar Blöcke weiter nördlich und trug den abschreckenden Namen 'El Matador'. Ich hatte mich damals trotz des Namens für sie entschieden, zum einen, weil sie fußläufig lag, aber vor allem, da das Gebäude so malerisch aussah. Die Akademie war in einem alten Haus, einem sogenannten placete untergebracht, verfügte über einen wunderschönen Patio mit vielen Kacheln und Blumentöpfen. Doch das Beste war die Bibliothek mit aircon im ersten Stock.

Wir benutzten sie damals nicht nur, um mit unseren Lieben in Deutschland zu skypen – in der Escuela hatten wir immer einen fantastischen Empfang – sondern vor allen Dingen um uns abzukühlen. Insbesondere während der Ferienwochen im Juli und August war dieser wohltemperierte Ort Lynns und meine Rettung. An unseren freien Tagen pflegten wir dort stundenlang herumzulungern. Tagsüber blieben die Sevillaner meist zu Hause und in den zweimonatigen Sommerferien flüchteten sich alle, die es sich leisten konnten, ans Meer. Da konnte man sich wenigstens im Wasser erfrischen. Allerdings waren solche Ausflüge ausgesprochen anstrengend. Was haben Rafa, Lynn und ich geflucht, wenn wir auf der Autobahn im Stau standen! Karawane hatte Rafa das damals scherzhaft genannt. Die Hoffnung auf Parkplätze konnte man sich ebenfalls abschminken, denn die Strände, allen voran der Matalascaña, unser Haus- und Hofstrand, platzten aus den Nähten. Und selbst dort verbrannte einem der Sand die Füße. Ohne Flipflops kamen Strandspaziergänge einem Selbstmordversuch gleich.

Und dann stand ich vor der Escuela. Tatsächlich, es gab sie noch. Die Tür war wie früher nur angelehnt und so betrat ich das alte Gebäude. Die Rezeption sah ganz anders aus als früher. Damals eine Art Theke mit Pförtner, hatte es sich zu einer Art gläsernem Großraumbüro gemausert. Auf einem schwarzen Brett waren Fotos der Dozenten angepinnt. Oh, nein. Das durfte doch nicht wahr sein! Raquel arbeitete noch immer hier. Sie hatte sich kaum verändert, nur, dass sie jetzt wohl eine Brille trug. Ich schaute neugierig durch die Glasfront in das Büro hinein und hätte fast einen Herzinfarkt bekommen. Da saß sie tatsächlich. Zufällig schaute sie gerade hoch. Ohne Nachzudenken winkte ich ihr zu. Zuerst starrte sie mich verständnislos an, dann erhob sie sich und ging zur Tür. Sie öffnete sie ungläubig, strahlte mich dann an und rannte schließlich auf mich zu. Wir umarmen uns überschwänglich und verteilten Küsschen in der Luft.

„Mia, wir haben uns ja ewig nicht gesehen! Wie geht es dir?“

„Raquel, ich freue mich riesig, dich wiederzusehen!”

„Süße, ich habe noch etwas Zeit bis zu meinem nächsten Kurs. Komm, lass uns einen Kaffee trinken gehen.“

Raquel holte noch ihre Tasche aus dem Büro und dann gingen wir Arm in Arm in die Bar um die Ecke, welche wir damals schon als Schülerinnen immer frequentiert hatten.

„Un café con leche en vaso“, bestellte ich wie früher, während wir auf den Höckern am Tresen Platz nahmen.

„Ach guapa, macht es dir etwas aus, wenn ich einen Happen esse?“

Ich schüttelte den Kopf, während sie sich ein Stück Kartoffeltortilla bestellte. Ich selbst hätte vor lauter Aufregung nichts herunterbekommen. Meine Hungergefühle von eben hatten sich in Luft aufgelöst.

„Und, wie lange bleibst du in Sevilla?“

„Weiß ich noch gar nicht.“ Ich setzte sie in Kenntnis über meine merkwürdige Zeitungsarbeit als Freie.

„Oh, meine Liebe, das ist nicht ungewöhnlich, dass es da Ärger gibt. Viele Spanier haben etwas gegen Frau Merkel. Und dass dieser Gonzalo jetzt Angst hat, dass du ihm und seinen spanischen Kollegen die Arbeit wegnimmst, ist durchaus nachvollziehbar. Weißt du, seit der Krise wird nur gespart und gekürzt.“

Sie aß einen Bissen und fuhr fort.

„Aber, hör mal, mach dich nicht verrückt, wenn deine Kollegen dich erst ein wenig besser kennenlernen und sehen, was für eine klasse Frau du bist, dann behandeln sie dich wie eine Prinzessin.“

„Ein bisschen umgänglicher und freundlicher würde mir schon reichen.“

Ich erzählte ihr von Lidias Pro&Contra-Projekt.

„Deine Chefin hört sich ja nett an. Ziemlich unorthodox. Aber pass auch ein bisschen auf. Die 'Toros de Sevilla' hat keinen allzu guten Ruf, ein ziemliches Revolverblatt. Aber, sag, wo wohnst du überhaupt?“

„Zurzeit noch bei Lynn.“

Raquel tippte sich kurz mit der Hand an die Stirn.

„Natürlich, Lynn. Ich sehe sie ab und zu in der Stadt. Sie sieht aus wie eine Sevillanerin und spricht auch genau wie wir.“

Ich spürte einen Stich Eifersucht.

„Und, wie geht es dir, Raquel? Macht dir das Unterrichten noch immer Spaß?“

„Ich habe wirklich Glück gehabt mit meinem Job. Die meisten meiner Freunde sind arbeitslos oder jobben für Halsabschneiderlöhne, nur ich habe noch regelmäßige Einkünfte. Letzten Monat wohnten sogar meine Nichten und Neffen bei mir. Da ging es bei mir zu Hause hoch her. Du weißt gar nicht, wie oft ich mich da in unser ruhiges Schulbüro abgeseilt habe. Hör mal, ich muss wieder los …“

Schnell beeilte ich mich zu sagen: „Pago yo“ und legte ein paar Euros auf den Tisch.

Raquel kramte in ihrer Tasche und gab mir ihre Visitenkarte.

„Hast du WhatsApp?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Okay, dann ruf mich an, dass wir etwas zusammen unternehmen oder komm einfach die Tage mal vorbei. Vielleicht mag Lynn auch mitkommen. Und wenn du bei irgendetwas Hilfe brauchst, gib mir Bescheid!“

Wir umarmten uns und schon war sie durch die Tür. Ich blieb noch einen Moment sitzen, um zur Ruhe zu kommen.

Der letzte Teil meines kleinen Ausflugs wühlte mich am meisten auf. Auf zur Estación de Córdoba, dem hübschen historischen Bahnhof im Mudéjarstil, der zum Einkaufszentrum umgebaut worden war. In unmittelbarer Bahnhofsnähe hatte meine Au-pair-Familie gewohnt. Auf spanischen Klingeln benutzt man Stockwerke statt Namen. Schade eigentlich, denn sonst hätte ich unauffällig nachforschen können, ob sie noch immer dort wohnten. Doch das Haus sah wie immer aus, mein Bauchgefühl sagte mir, dass meine Gastfamilie nicht umgezogen war. Schnell lief ich weiter. Nicht, dass ich ihnen noch zufällig in die Arme laufen würde. Eine Begegnung aus der Vergangenheit pro Tag reichte mir, obwohl ich unser Wiedersehen mit Raquel durchaus genossen hatte, war es auch anstrengend gewesen.

Ich überquerte die Straße und schaute mir die prächtige Fassade des Museo de Bellas Artes an, die mir nach wie vor sehr vertraut vorkam. Früher, lange vor meiner Zeit, beherbergte das Gebäude ein Kloster, heutzutage Gemälde spanischer Künstler wie El Greco. Und in der Calle de Alfonso XII, direkt hinter dem Museum, hatte Rafa gewohnt.

Dass er ganz in der Nähe von meinen Gasteltern Pilar und Pablo gewohnt hatte, war nicht zufällig. Die beiden 'P's, wie ich sie früher scherzhaft in meinen Mails abgekürzt hatte, waren mit Rafas Eltern befreundet. Rafa kannte sich mit Computern aus, hatte das wohl auch als eine Art Leistungsfach in der Schule angewählt gehabt und so wurde er immer gerufen, wenn unser Computer nicht funktionierte. Rafa war ein immer gern gesehener Gast, besonders von mir. Wer sagt schon nein zu einem attraktiven und dazu noch freundlichen, netten Mann?

Anfangs sprach ich so schlecht Spanisch, dass alle nur immer mit „Hä?“ reagierten und nach einem Vorwand suchten, um möglichst schnell das anstrengende Gespräch wieder beenden zu können. Rafa war anders. Aus welchen Gründen auch immer. Außerdem tat es gut, mal Gleichaltrige um mich herum zu haben. Tagsüber hütete ich Juan und Mercedes, nachmittags besuchte ich die Escuela, wo wir alle gebrochen Spanisch mit 1007 Akzenten sprachen, uns untereinander aber blendend verstanden. Abends war wieder babysitten angesagt und am Wochenende oder am Mittwoch Ausgehen mit Lynn oder den anderen Sprachschülern. Rafa war da eine willkommene Abwechslung. Eines Tages bat ich ihn rüberzukommen, da Pilars Bildschirm angeblich schwarz blieb, das Programm nicht startete. In Wirklichkeit hatte ich einfach den Stecker rausgezogen. Rafa checkte mit einem Blick, was los war.

„Ah, Mia, könntest du mir bitte einmal helfen?“

„Natürlich!“

Und während Pilar mit den Kindern in der Küche verschwand, schoben wir beide unter dem Schreibtisch kichernd den Stecker wieder in die Steckdose, wobei Rafa seine Hand auf meiner liegenließ, bis die Funken zwischen uns nur so sprühten. Während über uns auf der Schreibtischplatte der PC wieder hochfuhr, drehte er meinen Kopf mit dem Zeigefinger zu sich und küsste mich. Als Pilar den Startton ihres PCs hörte, stürmte sie mit Mercedes auf der Hüfte erfreut in ihr Arbeitszimmer. Ich fühlte mich ertappt, richtete mich viel zu schnell auf und stieß mir dabei ganz böse den Kopf.

Mittlerweile war ich bei dem Haus von Rafaels Eltern angekommen. Kein Wunder, dass meine Briefe zurückgekommen waren. Das Gebäude war kaum wiederzuerkennen, sah regelrecht heruntergekommen aus. Müll, ein Kinderwagen mit drei Rädern, kaputte Fahrräder und Elektroschrott. Nein, ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Jugendliebe noch immer hier wohnte. Wo versteckte er sich nur? Vielleicht kam ich zu spät. Wer garantierte mir, dass er nicht in die Staaten ausgewandert oder in ein Kloster eingetreten war?

Kapitel 7:
R wie Ritual

Das Zitat des Tages:

„Helfen Sie Ihren Klienten, den Tag zu strukturieren, denn rituelle Gewohnheiten geben vor allem in Stresszeiten ein Gefühl von Sicherheit.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 129)

Mein Wecker schellte mich aus einem latent erotischen Traum. Schlaftrunken drückte ich die Stopptaste und versuchte mich noch einmal in die warme, vielversprechende Welt, aus der ich so brutal gerissen worden war, zurückzufinden. Leider gelang es mir nicht. Es war Montag und meine zweite Woche bei den Toros stand an. Ich schlüpfte in meine Flipflops, die vor meinem Bett auf mich warteten, kuschelte mich in die dicke, graue Strickjacke, schleppte mich in die Küche und bereitete die silberne cafetera vor. Dabei knöpfte ich meine Strickjacke automatisch zu. Morgens war es noch immer empfindlich kühl. Ich hätte ein wenig Heizungswärme durchaus wertschätzen können, doch obwohl die Temperaturen im Winter tatsächlich den Gefrierpunkt erreichen konnten, verfügte so gut wie keine Wohnung in Sevilla über eine Therme oder Ähnliches. Auf dem Küchentisch hatte Lynn einen Zettel für mich hingelegt. „Bitte weck mich um 7 Uhr. Achtung, ich schlaf gerne wieder ein. Nerv mich unbedingt so lange, bis ich wirklich wach bin. Du schaffst das! ;-)“

Ich lächelte und deckte den Tisch für uns. Lynn hatte tatsächlich einen tiefen Schlaf. Meine erste Weckphase begann ich zeitig. Ich öffnete leise ihre Zimmertür und flötete zart: „Guten Morgen“. Als ich nach zehn Minuten immer noch keinerlei Anzeichen einer Duschaktivität vernehmen konnte, klopfte ich lauter an Lynns Schlafzimmertür. Keine Reaktion. Okay, du hast es so gewollt. Ich ging zu ihrem Bett und legte behutsam meine Hand auf den schlafwarmen Arm, der über der Bettdecke lag. Sie reagierte, rollte sich zur anderen Bettseite und murmelte mit rauchiger Stimme: „José, mi amor“. Mir war das Ganze peinlich und so schlich ich mich aus ihrem Zimmer. In der Küche angekommen, drehte ich das Radio volle Pulle auf. Im Türrahmen stehend, notierte ich den Erfolg meiner Bemühungen. Sie schlug die Augen auf und schrie: „Ich hasse dich.“ Dann lachte sie: „Danke.“

„Guten Morgen, Lynn, frisch aus dem Wachkoma erwacht?“

„Hmmm, riecht gut.“

„Milchkaffee macht müde Mädels munter.“

„Mach nicht so lange Sätze und schalt diese verdammte Blechkiste ab.“

Radiowerbung auf höchster Lautstärke nervte, egal in welcher Sprache. Da waren wir uns einig.

Ich tat wie befohlen und knabberte schweigend an meiner Salzbutterbaguette-Kreation. Lynn tunkte mechanisch eine Magdalena nach der anderen in ihre Kaffeetasse und trank dann den Inhalt, der mich unangenehm an eine Brühe mit Grießklößchen erinnerte, in einem Zug aus. Und dann wurde ich Zeugin einer unglaublichen Veränderung: Lynn ging als übernächtigter Zombie in das Bad hinein und kam als Model für Businessware, gutduftend und dezent, aber raffiniert geschminkt wieder heraus. Es war unheimlich, fast so wie in dem alten Horror-Science-Fiction-Streifen 'Body Snatchers' mit Donald Sutherland. Und nicht nur äußerlich hatte sie sich verändert. Auch psychologisch legte sie mal eben eine 360 Grad Drehung hin, war bester Laune, machte Witze und erkundigte sich redselig nach meinem Wochenende.

„Hast du was genommen?“, fragte ich misstrauisch.

„Klar, Manager-Ritalin. In Madrid will ich doch keine Zeit mit Schlafen oder Essen vergeuden.“

Wollte sie mich auf den Arm nehmen? Ich fühlte mich unsicher.

„Quatsch, du Schaf. Die gute alte Dusche bewirkt Wunder bei mir. Außerdem liegt ein wunderbares Wochenende hinter mir.“

Leider hatte ich keine Zeit diesem vielversprechenden Duscheffekt auf den Grund zu gehen, denn ich war schon wieder spät dran. Das war ganz schlecht, denn ich würde mich lieber von der Giralda stürzen, als Gonzalo noch einmal verspätet unter die Augen treten zu müssen.

Inspiriert von Lynns Auftritt, band ich mir meine pinken Haar zum Dutt, legte noch ein wenig Lippenstift im selben Farbton auf, strichelte mir die Wimpern schwarz und stöckelte zur Redaktion. Vor dem Gebäude stand Lidia, die gerade eine Zigarettenpause machte.

„Na, wie läuft's?“

Ich gab mir größte Mühe mit dem Smalltalk, versuchte möglichst unverkrampft und souverän rüberzukommen. Alles andere als einfach mit einem riesigen Knoten im Hals und einer übervoller Kaffeeblase.

„Gut, dass ich dich sehe. Hat Gonzalo dir schon erzählt, wie der Tag bei uns so abläuft?“

Ich wollte meinen Kollegen nicht in die Pfanne hauen, aber natürlich hatte er mir keinen Pieps gesagt, bis jetzt nur Deadlines gesetzt und an meinen beiden Artikeln für die Psychorubrik kein gutes Haar gelassen. Was hatte er noch selbstmitleidig angemerkt? Richtig, er hatte sich beklagt, wie unverschämt viele Stunden seiner wertvollen Lebenszeit ihn diese Korrektur gekostet hätte. Stundenlang hätte er stilistische, sprachliche und sogar inhaltliche Mängel redigieren müssen. „Grundschulniveau“ hieß sein abschließendes Urteil. Diese Art von Verriss kannte ich schon von Sophia. Vermutlich würden die beiden sich sogar recht gut verstehen. Hoffentlich würden sie sich nie begegnen! Doch von unserem Kleinkrieg wollte ich Lidia nichts wissen lassen und so antwortete ich so vage wie möglich.

„Ja, so ganz allgemein hat er das einmal anskizziert.“

Ich klopfte mir zu meiner Kollegialität auf die Schulter. Genauso gut hätte ich ihn auch ins Messer laufen lassen können. Ganz elegant natürlich, mit einer druckreifen klugen Bemerkung: „Aber nein, Lidia, Gonzalos Informationsfluss startet und endet im Nirwana.“ Na ja, oder so ähnlich …

„Ach ja, und Glückwunsch. Die ersten Reaktionen auf deine Rubrik waren insgesamt recht positiv. Gar nicht schlecht für einen Newcomer.“

Ich starrte sie verblüfft an, während sie den Zigarrenstummel austrat. Ich wusste gar nicht, dass bereits etwas von mir veröffentlicht worden war. Nach Gonzalos niederschmetterndem Feedback hatte ich erwartet, dass meine Werke wenn schon nicht im Fegefeuer, dann im Reißwolf oder in einem verschimmelten Archiv gelandet waren.

„Oh, danke.“ Ich hatte auch Schmacht nach einer Zigarette, wagte es aber nicht, meine Chefin anzupumpen.

„Also, jetzt zu unserem üblichen Tagesablauf. Du weißt ja, unsere Online-Chefin hat sich heute Morgen bereits einen Nachrichtenüberblick verschafft. Um dreiviertel elf nehme ich an unserer kleinen ersten inoffiziellen Konferenz teil, um die Agenturmeldungen, also die Nachrichtenlage ganz allgemein, mit den Ressortleitern schon einmal vorzusortieren. Das ist für dich aber noch nicht weiter interessant. Dein erster wichtiger Treff ist um elf Uhr bei Gonzalo. Ab dann beginnt bei uns die Recherchezeit, in der ihr beiden schon einmal an eurem ersten Pro&Kontra-Artikel schreiben solltet. Wie gesagt, du übernimmst das Meckern, Gonzalo das Positive.“

„Um mich gleich richtig beliebt zu machen …“

Lidia schaute mich irritiert an, dann lachte sie und ging auf meinen Scherz ein. „Genau das, Señora Hyde.“

Ich verstand sie erst nicht, da sie das „H“ verschluckte, doch dann fing ich auch an zu lachen. Irgendwie absurd, dieses zeitverzögerte Lachen. Hatte etwas von Stopp-Motion.

„Ich weiß, Gonzalo ist nicht immer einfach im Umgang und er hat auch ein, sagen wir mal, schwieriges Verhältnis zu Deutschen, aber dennoch ist es mir wichtig, dass ihr im Team zusammenarbeitet. Durch Reibung entstehen die besten Ideen.“

Ich sah sie an. Lidia wusste offensichtlich ganz genau, wie angespannt Gonzalos und mein Verhältnis war. Ob mich ihre Reibungstheorie überzeugte? Der Gedanke, mich an Gonzalo zu reiben, warf mein Kopfkino an. Softporno Variante mit zwei Redakteuren in einer heißen, nebeligen Duschkabine.

„Und Gonzalo ist einer unserer Besten. Von ihm kannst du viel lernen.“

Mein Erotikfilm hatte einen Riss, stattdessen meldete sich die Analytikerin in mir zu Wort: Wow, eine klassische Doublebind-Botschaft: Ja, Gonzalo ist schwierig, aber nein, du bist diejenige, die es versaut, wenn du mit ihm nicht klarkommst.

Ich schwieg und musste noch dringender als zuvor auf die Toilette. Das war der viele Milchkaffee mit Lynn, in Gesellschaft zu frühstücken machte einfach mehr Spaß und verführte zu gefährlich hohem Kaffeekonsum.

„Um zwölf Uhr ist dann unsere große Konferenz bei mir im Zimmer. Wir fangen immer mit der Blattkritik an der Ausgabe vom Vortag an und dann stellen alle ihre Themen vor. Um siebzehn Uhr sollte die erste Fassung eures ersten Pro&Kontra-Artikels auf unserer Monitorwand auftauchen mit Bild und Überschrift. Unser Team schaut darüber, während ihr noch weiter recherchiert, umschreibt und verfeinert. Um achtzehn Uhr beginnt die Schlussredaktion, ab acht Uhr geht das Baby in Druck. Zuerst die Post- dann die Hauptausgabe, das weißt du sicherlich bereits.“

Ich nicke eifrig, kurz vor dem Blasensprung. Lidia drückte schon den nächsten Stummel aus, wie ich eifersüchtig bemerkte. Sie scannte mich mit einem bohrenden Blick und ich tat so, als wäre ich tiefenentspannt. Abschließend warf sie sich dann in Chefinnen-Pose.

„Bis um dreiundzwanzig Uhr aktualisieren wir noch. So, und jetzt an die Arbeit.“

Das hatte ich doch schon letztes Mal von ihr gehört, schien ihr Lieblings-Antreiber-Satz zu sein. Zusammen mit Lidia fuhr ich elegant im Fahrstuhl nach oben. Während sie sich zur inoffiziellen Konferenz aufmachte, stürmte ich das Klo. Mein Gott, der gesamte Guadalquivir floss aus mir raus! Ich wusch mir die Hände und stellte mich mental auf den nächsten Schlagabtausch mit Gonzalo ein.

„Hola, cebolla“, grüßte er mich mit extra breitem, deutschem Kunstakzent.

Ich ignorierte ihn und kam gleich zur Sache.

„Habe gerade mit Lidia gesprochen. Wir sollen heute Nachmittag unseren ersten Beitrag einreichen.“

Er starrte mich aufgebracht an. Ich wusste nicht, ob der Gesichtsausdruck meiner Bemerkung galt oder ob er mich dafür verachtete, dass ich ihm eine schlechte Botschaft überbracht hatte. Ein Glück, dass wir nicht mehr in der Antike lebten, wo die Überbringer einer schlechten Botschaft gerne auch einmal geköpft wurden!

„Und? Themenvorschläge?“, schob er mir den Schwarzen Peter zu.

„Brainstorming?“, äffte ich seinen elliptischen Satzbau nach: Willkommen in der Comicwelt.

Gänzlich unerwartet sprang er in die Höhe und verschwand. Ziemlich irritiert von seinem Kommunikationsverhalten sah ich ihm hinterher. Minnie Mouse mit Fragezeichen in den Augen. Kurz darauf kehrte er mit einem rollbaren Whiteboard zurück. Unfassbar, er lächelte mich sogar an, als er mir einen fetten Marker in die Hand drückte. Ein ganz anderer Mann, wenn er freundlich schaute. Gefährlich anders. Ich dachte an mein Herumalbern mit Lidia. Dass sie mich zur Señora Hyde machen wollte, dagegen hatte ich nichts, aber vor Gonzalo in der Rolle des Dr. Jekyll musste ich mich ernsthaft in Acht nehmen.

„Dann leg mal los!“, schnauzte er mich an. Zum Glück hatte er mittlerweile schon wieder vergessen, wie das mit dem Lächeln ging. Aber dafür hatte er mich indirekt geduzt. Freund oder Feind? Anas Bruder entzog sich einer klaren Zuordnung. Schwierig.

„Okay, aber dann immer abwechselnd.“

Ich klatschte ein dickes: Themen in die Mitte und umkreiste es energisch. Sorgsam platzierte ich Strahlen von dem Kreis Richtung Rand. So machte man das doch bei Mind-Maps, wenn ich mich recht erinnerte. Ich kam mir vor wie zu Schulzeiten. Schon damals hatte ich diese aufgezwungenen Gruppenarbeiten gehasst. Irgendwie war es immer darauf hinausgelaufen, dass ich am Ende die meist spärlichen Ergebnisse stotternd mit hochrotem Kopf präsentieren musste.

„Du bist dran!“ Ich gab ihm den Marker und nahm erwartungsvoll Platz.

Mein Timm Thaler stand auf und schrieb an ein Astende: unterschiedliche Zeitauffassung.

„Wie heißt eigentlich Micky Mouse auf Spanisch?“, fragte ich, um ihn aus dem Konzept zu bringen und Zeit zu gewinnen. Die ganze Szene blieb lächerlich absurd, eine ungewollte Hommage an die Kinofilme von Pixar.

„Don Ratón.“

Freizeit/Hobbies/Siesta/Tageseinteilung verewigte ich gleich einen ganzen Schwall von Assoziationen. So langsam fing das Spielchen an, mir Spaß zu machen.

Leben um zu arbeiten oder arbeiten um zu leben?

Gonzalo trat belustigt und ein wenig stolz zurück. Glückwunsch, maestro, sogar einen komplett vollständigen Satz hinbekommen. Plötzlich musste ich kichern. Und auch Gonzalo grinste mich frech an. Versuchte er etwa mit mir zu flirten?

„Das ist doch schon einiges.“ Er senkte seinen Blick noch immer nicht.

„Sieht wahnsinnig kreativ aus“, stimmte ich zu, magisch angezogen von seinen dunklen Augen.

„Okay, lass uns starten, jalla, jalla. Die Zeit läuft. Mit welchem Thema legen wir los?“

Es fiel mich schwer, mich auf unsere Aufgabe zu konzentrieren. Ich nahm seine körperliche Präsenz viel zu deutlich wahr. Nervös strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Die üblichen Klischees. Ich schreibe ein Lob auf die Arbeit, du auf die Freizeit.“

„Nee, wenn's nach Lidia geht, genau umgekehrt, du findest ungezwungenes Timing toll und ich das pünktliche Einhalten einer Agenda.“

Er trat näher an mich heran.

„Wie im wirklichen Leben“, konnte ich mir nicht zu sagen verkneifen. Das hätte ich lieber gelassen, denn plötzlich schlug die Stimmung um. Gonzalo entfernte sich von mir, um sich mit verschränkten Armen vor der Tür aufzubauen. Gefährlich leise zischte er: „Ich erwarte zwanzig Zeilen in dreißig Minuten hier.“

 Dabei tippte er auf seine Armbanduhr als spräche er zu einer Taubstummen. Ich versuchte gegen meinen Tunnelblick anzugehen, meine Aggressionen zu unterdrücken. War ich ganz sicher, dass er mich provozieren wollte? Denn, wer weiß, vielleicht steckte auch etwas ganz anderes hinter der Geste? Womöglich war er einfach nur stolz auf die Marke seiner Uhr, ich kannte mich da nicht so aus … Das wäre eigentlich eine richtig gute Idee für einen Artikel. Danke für den Aufhänger mit der Rolex, Gonzalo! Triumphierend verließ ich sein Büro.

Kapitel 8:
U wie Umbrüche

Das Zitat des Tages:

„Veränderungen und Umbrüche prägen die heutige Zeit. Im privaten oder beruflichen Umfeld hilft es Ihren Klienten, den Wandel proaktiv mitzubestimmen (Vgl. auch S wie Siegfried-Syndrom).“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 199)

„Herrlich garstig.“

Lidia hielt meinen Ausdruck zwischen knallrotlackiertem Daumen und Mittelfinger. Gonzalo sah das offensichtlich anders. Verärgert murmelte er etwas vor sich hin. Lidia hatte das auch gehört und ließ es ihm nicht durchgehen.

„Wie bitte?“

„Arrogant.“

Lidia schaute ihn einige Sekunden kommentarlos an und bat ihn dann um seinen Beitrag. Während sie ihn las, versuchte ich mir über unsere Chefredakteurin klar zu werden. Zeigte sie kulturübergreifende Frauensolidarität oder war sie einfach gewiefte Geschäftsfrau, die wusste, was sich verkaufte?

Lidia schaute hoch und lobte Gonzalo enthusiastisch.

Jetzt konnte ich sie noch weniger einschätzen.

„Ganz wundervoll zusammen, das wird einschlagen.“

Geschäftsfrau.

„Mia, meine Liebe, du kannst gehen. Gonzalo, du bleibst noch und korrigierst ihre sprachlichen Fehler.“

Frauensolidarität.

„Heute Abend geht euer Baby dann in Druck.“

„Unser Baby?“, hakten Gonzalo und ich unisono nach. Lidia kicherte und verließ das Büro.

„Nun denn, vielen Dank, Gonzalo“, schloss ich mich unserer Chefredakteurin an. „Ich bin dann mal weg“, machte ich einen auf Hape Kerkeling und war, schwupps, ebenfalls durch die Tür.

Als ich Lynn nach dem langen Arbeitstag alle Erlebnisse haarklein schildern wollte, merkte ich, dass sie mir nicht so aufmerksam wie sonst zuhörte. Sie lief hin und her, verlor immer wieder den Faden. Schließlich verstummte ich. So machte das keinen Spaß. Irgendetwas schien sie zu bedrücken. Ich überlegte, wie ich sie fragen konnte ohne in mein Berufsvokabular zu verfallen.

Nach langem Nachdenken, brachte ich eine unglaublich elaboriert lockere Formulierung heraus.

„Ist etwas?“

„Hm.“

Ich schwieg und wartete. Lynn lief noch ein wenig hin und her und setzte sich mir dann gegenüber.

„José.“

Ich versuchte mich in sie hineinzudenken.

„Dein Typ in Madrid.“ Sofort vermutete ich, dass Beziehungsknatsch in der Luft lag. Wundern würde mich das nicht.

Sie nickte und begann mir die Situation zu erläutern.

„Nun, wir wechseln uns normalerweise ab. Also, letzte Woche war ich ja in Madrid im Hotel und jetzt …“

Dass ich darauf nicht von selbst gekommen war! Ich stand als unfreiwillige Gouvernante ihrer jungen Liebe im Wege. Wie peinlich!

„Ah, er kommt an diesem Wochenende zu Besuch. Da störe ich natürlich. Mach dir keine Sorgen. Ich werde verschwunden sein. Und klar, überhaupt sollte ich mir auch einmal längerfristig eine eigene Bleibe suchen …“

„Aber, wo willst du denn schlafen?“

„Unter der Alamillo-Brücke.“

Wir blödelten noch ein wenig herum, ließen den Tag Revue passieren und gingen dann schlafen.

Doch in dieser Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen. Es war wie verhext. Immer wieder ging ich meine Optionen im Kopf durch. Hotel, Raquel oder gar meine Gastfamilie? Nein, beschloss ich. Alles zu sehr Überfallkommando. Außerdem war ich keine Studentin mehr, die auf Couchsurfing stand. Obwohl, ich vielleicht doch mal „airbnb“ antesten könnte? Nee, das war mir alles zu anstrengend. Eigentlich war mir am allermeisten nach einem anonymen Hotel zumute. Privatsphäre war in den letzten Wochen Mangelware gewesen.

Da ich sowieso nicht schlafen konnte, fuhr ich meinen Laptop hoch. Eine E-Mail von Sophia. Kurz und etwas verkrampft nett. Ich verabschiedete mich von Thunderbird und begrüßte Mozilla Firefox, um billige Unterkünfte in Sevilla zu googeln. Bingo! Etwas später hatte ich eine gemütlich aussehende Pension im Zentrum mit moderaten Preisen gefunden. Ich mailte gleich eine Anfrage. Und wo ich schon dabei war, wühlte ich Raquels Visitenkarte aus der Tasche meiner weißen Leinenhose, die zum Lüften über dem Stuhl lag. Ich warf einen Blick auf meinen Kalender und notierte ein paar Terminvorschläge, die ich am nächsten Tag noch mit Lynn absprechen wollte.

Uff, es tat mir gut mich abzulenken. Von Aktionismus gepackt, schrieb ich gleich noch einige Zeilen an meine ehemalige Gastfamilie und fragte unverbindlich, ob jemand Lust hätte, mit mir Kaffeetrinken oder Tapas-Essen zu gehen. Eigentlich wollte ich die Mail in dem Ordner Entwürfe ablegen, erwischte dann aber doch den falschen Knopf und sendete die Mail bereits ab. Pilar und Pablo würden mich jetzt für einen nachtaktiven Vampir halten! Obwohl ich soeben einen Fauxpas begangen hatte und etwas vorsichtiger hätte sein sollen, befand ich mich weiterhin fest im Würgegriff meiner Orgawut. Ich surfte noch etwas im Netz, gab versuchsweise Rafas Namen in die Suchmaske ein und bekam eine zweistellige Auswahl an Männern mit dem Namen Rafael Montero angeboten. Sie wohnten zwar alle in Sevilla, waren aber nicht im Besitz seiner alten Adresse. Frustriert klickte ich mich als nächstes durch die Fotos von möblierten Apartments. Es ging mir ziemlich mies dabei. Wollte ich mich wirklich festlegen und einen Neustart in Spanien wagen? Oder sollte ich nicht doch lieber nach Deutschland zurückkehren? So wirklich willkommen fühlte ich mich in der Redaktion nun wirklich nicht, bestenfalls geduldet. Und aus dem Alter mich einem grantigen Boulevardblatt-Vorgesetzten servil zu unterwerfen war ich mittlerweile ebenfalls heraus. Schließlich hatte ich mein Unistudium mit Bestnote abgeschlossen und war kein vierzehnjähriges Girlie beim dreiwöchigen Schülerpraktikum. Nichts übereilen, rief ich mich selbst zur Räson. Jetzt hieß es erst einmal die nächsten paar Wochen zu überleben und dann konnte ich mir noch einmal bei Tageslicht im ausgeschlafenen Zustand Gedanken über meine weiteren Zukunftspläne machen.

Als ich den Laptop müde herunterfuhr, blieb mir noch eine halbe Stunde bis zum Schellen des Weckers. Der nächste Tag versprach ja wieder einmal ein Highlight zu werden. Müdigkeit gepaart mit Heimweh und drohender Obdachlosigkeit!

Kapitel 9:
N wie Netzwerken

Das Zitat des Tages:

„Über solide Netzwerke zu verfügen, vermittelt Ihren Klienten das so dringend benötigte Gefühl von Sicherheit. Andererseits ist das Netzwerken eine Kunst, die schon emotional stabilen Menschen nicht immer leicht von der Hand geht. Leiten Sie Ihre Klienten an, effiziente und nachhaltige Kontakte aufzubauen.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 119)

Im Großraumbüro der Redaktion besetzte ich gleich zu Beginn einen der begehrten frei zugänglichen Computer-Arbeitsplätze für Freie. Lidia, nicht etwa Gonzalo, war ja klar, hatte mir gezeigt, wo die Passwörter auf einem gelben Post-it an besagten Computern zu finden waren. Eine niedliche symbolische Geste an die Idee einer Datensicherung. Ähnlich abhörsicher wie Merkels Handy. Die NSA hätte ihre Freude an uns.

Mir gefiel zwar nicht die Bahnhofsatmosphäre in diesem Multifunktionszimmer, aber immerhin gewährte sie einem eine gewisse Anonymität. Ich krallte mir den nächstbesten Stuhl, vergewisserte mich per Schulterblick, dass weder Lidia noch Gonzalo in der Nähe waren und rief meine Mails ab. Ja, die preiswerte Albergue hatte mir ein Zimmer für das Wochenende reserviert. Ich müsste somit nicht unter der Puente de Triana nächtigen. Ich googelte noch einmal nach Rafa in Verbindung mit dem Schlagwort: informática, als ich dann plötzlich Gonzalos Stimme in meinem Rücken hörte. Warum weilte der Typ nicht in seinem eigenen Luxusbüro, sondern musste uns Legehennen in der Großraum-Batterie behelligen? Schnell klickte ich auf das Symbol für Zurücksetzen und wurde verräterisch rot. Es kam, wie es kommen musste: Durch mein unsicheres Verhalten hatte ich seinen Jagdinstinkt erst recht geweckt.

„Was machen Sie da?“ Er siezte mich wieder. Ich folgte seinem neugierigen Blick. Ganz klar, Gonzalo hatte Blut geleckt.

„Recherchieren“, gab ich schnippisch zurück.

„Und was genau?“

„Die deutsche Szene in Sevilla. Mögliche Interviewpartner. Wussten Sie, dass es hier eine Bar Helga gibt? Da finden wohl die Eltern-Stammtische der Deutschen Schule statt.“

Die Bar gab es tatsächlich, hatte ich letztes Wochenende bei meinem Streifzug durch das Barrio Santa Cruz entdeckt. Das mit den Stammtischen war aber erstunken und erlogen.

„El Colegio Alberto Durero?“

Das war eine Fangfrage, das sah ich seinem spöttischen Gesichtsausdruck an. So würde doch keine deutsche Schule heißen, klang viel zu Spanisch. Aber Fangfragen waren paradox, oft erwies sich die unwahrscheinlichste Antwort als richtig. Meine Chancen lagen bei fünfzig Prozent. Ich gab mich selbstbewusst und antwortete mit einem lässigen:„Claro que sí“. Daraufhin verließ Gonzalo unbeeindruckt den Raum. Sobald die Tür zu war, gab ich „Colegio Alberto Durero, Sevilla“ ein. Übersetzt war das die Deutsche Schule Albrecht Dürer. Tschakka! Eins zu null für mich.

Der Morgen hatte also doch noch ganz unerwartet mit einem Sieg für mich angefangen. Zum Spaß schaute ich, ob ich etwas über Gonzalo im Netz finden konnte. Viel bekam ich nicht heraus. Gonzalos allgemein zugängliche Facebookseite spuckte lediglich sein Geburtsdatum aus. Er war dreiunddreißig Jahre alt. Witzig, nur fünf Jahre Abstand zwischen uns. Ich hätte ihn älter eingeschätzt. Ferner erfuhr ich seinen Geburtsort, Gelsenkirchen, Deutschland. Statt eines Porträtfotos zeigte sein Bild einen Stift. Eine Anspielung auf Charlie Hebdo und die Pressefreiheit? Merkwürdig, denn besonders engagiert kam mir Anas Bruder nicht gerade vor. Und dann gab es noch einen Link zur 'El País', der renommiertesten spanischen Tageszeitung überhaupt. Doch gerade als ich dabei war, das weiterzuverfolgen, hörte ich erneut seine Stimme.

„Mia, über was fetzen wir uns heute?“

Oh Mann, Gonzalo stand in der Tür. Schnell verließ ich seine Seiten und fuhr den Computer herunter. Natürlich könnte er dennoch herausbekommen, was ich mir im Netz angeguckt hatte, aber es schien ihn nicht zu interessieren, denn er war schon wieder mit einem Becher Kaffee bewaffnet in seinem Büro verschwunden. Ich dackelte doch gerne zu meinem Herrchen, dem Señor Sklaventreiber.

„Und?“

„Essenszeiten und –sitten“, schlug ich vor, überzeugt, er fände es zu banal.

„Vale.“ Huch, er stimmte mir einfach so zu? Sofort ging meine Alarmanlage an.

„Wir entwerfen beide unsere Papers und dann lade ich dich zum Mittagessen ein, okay? In neunzig Minuten?“

„Okay!“ Was führte der Mistkerl im Schilde?

Das Mittagessen war ein Käsebrot in Plastikfolie. Das Restaurant, in das ich generös eingeladen wurde, die Bar um die Ecke. Und statt eines kollegialen Smalltalks unterzog der Typ mich der Inquisition.

„Mia, was für eine Ausbildung hast du eigentlich?“

Waren wir doch beim du?

„Hat Ana dir das nicht gesagt?“

Mhmmm, köstlich die Aioli auf dem Brot. Leider lief sie mir den Mundwinkel herunter.

Ich tupfte mir die weiße Knoblauchsoße mit dem spanischen Zwilling eines Küchen-Wegwerftuches ab, welches der Kellner uns großzügig gratis als Ersatz für die fehlenden Servietten dazugegeben hatte. Gourmetstern verdächtiger Service!

„Sie sagte, du hättest einen Universitätsabschluss, aber in was denn?“

Drei Mal darfst du raten, du Klugscheißer.

„In Psychologie“, schmatzte ich.

„Ich denke, man muss erst Medizin studieren, so etwas wie klinische Psychologie und dann noch einen Facharzt draufsetzen und so?“

Ich spülte meinen Bissen mit einem großzügig bemessenem Schluck Bier herunter. Big B. wollte Krieg. Konnte er haben.

„Wann hast du Deutschland verlassen?“

„Das tut doch nichts zur Sache.“

„Tut es doch. Früher gab es nur ein medizinisch orientiertes Studium, mit dessen Hilfe du kranken Menschen helfen konntest. Neuerdings gibt es aber noch eine zweite Richtung, die den Schwerpunkt auf Psychologie für gesunde Menschen legt. Meinen Master habe ich in Entwicklungspsychologie gemacht, aber anfangs habe ich hauptsächlich Community-Psychologie belegt. Meine Praktika für den Bachelor absolvierte ich dementsprechend vorwiegend im Bereich Streetwork. Mittlerweile jedoch liegt mein neuer Schwerpunkt auf schulpsychologischen Themen. Wie du durch deine Schwester weißt, habe ich in Köln in einer Bildungseinrichtung gearbeitet. Ich könnte mich aber genauso gut für Schulsozialarbeit oder ähnliches bewerben. Brauchst du Referenzen?“

„Nein, nein, ähm, das wusste ich tatsächlich nicht.“

„Und, wie war deine Ausbildung, wenn ich fragen darf?“

„Darfst du: Henri-Nannen-Schule, Hamburg, Volontariat bei der 'El País' in Madrid mit anschließender Übernahme.“

Oh, jetzt war ich mit dem Staunen dran. Das klang, sagen wir mal, solide. In Gedanken überlegte ich eine taktvolle Formulierung der Frage, wie in aller Welt er nach so einem Lebenslauf ausgerechnet bei unserem Skandalblättchen gelandet war. Er schien meine Neugier zu ahnen und bügelte sie in kluger Voraussicht sofort glatt.

„Bist du fertig, Mia? Dann lass uns gehen!“

Zehn Minuten später saßen wir erneut in seinem Büro. Was war das denn das schon wieder für ein merkwürdiges Intermezzo gewesen? Während Gonzalo meinen Artikel Korrektur las, sparte ich mir den Umweg über das Großraumbüro und rief dreist in seinem Zimmer quasi vor seinen Augen meine Mails ab. Der konnte mich mal! Ich ließ mir auch nicht alles bieten! Ah, eine Essenseinladung von meiner alten Gastfamilie. Morgen um zehn Uhr am Abend sollte ich zu ihnen zum Abendessen kommen. Cool. Ich freute mich schon auf unser Wiedersehen und fing an, meinen Besuch zu planen. Als Gastgeschenk würde ich am besten vorher noch ein paar Teilchen zum Nachtisch auftreiben.

„Und, hast du Kontakte zu dieser Bar und dem Colegio?“, unterbrach Gonzalo meine Gedankengänge.

Ich starrte ihn an. „Nein, zum Durero habe ich keine Kontakte.“ Ich überflog noch einmal Pilars E-Mail. Hatte sie nicht geschrieben, dass Mercedes und Juan auf eine deutsche Privatschule gingen? Genau, da stand es.

„Aber ich kenne die deutsche Privatschule Colegio Heidelberg“, bluffte ich kurzentschlossen. „Wieso interessiert dich das überhaupt?“, legte ich nach. Angriff ist die beste Verteidigung.

„O-Töne.“ Der Typ wollte mich festnageln.

„Interviews?“ Ich versuchte Zeit zu schinden.

„Ja, liest sich besser. Kannst morgen ja mal losziehen. Ich stell dir auch einen Fotografen zur Seite.“

Jetzt hatte er mich kalt erwischt. In der Liga spielte ich nicht und die Kontakte zum deutschen Colegio müsste ich ja auch erst noch aufbauen.

„Gute Idee, aber das braucht etwas Vorlauf.“ Zeit gewinnen.

„Erst einmal brauche ich einen roten Faden und ich würde meine Interviews auch ankündigen wollen. Wir Deutschen sind nicht so spontan.“

An und für sich vermied ich Stereotypen, hatte aber nichts gegen sie einzuwenden, wenn sie mir den Hals retteten und mich davor bewahrten, dass meine kleine Notlüge entlarvt wurde.

Ich sah Gonzalo an, dass er noch immer misstrauisch war. Wie führte man ein Interview? Nahm man das nicht auf? Musste man das nicht, wie hieß das noch, autorisieren lassen? Ich musste mich unbedingt schlau machen.

„Also“, versuchte ich die Kuh vom Eis zu kriegen, „in meinem Handbuch steht, dass es ein Fehler ist, Netzwerke erst aufzubauen, wenn man ein Problem hat oder etwas von dem anderen will.“

„Jaja, schon gut, also, wann bist du soweit?“

„Nächste Woche.“ Das war knapp. Gerade noch einmal davongekommen. Meinen Feierabend hatte ich mir an diesem Tag ganz besonders redlich verdient. Ich fühlte mich jedenfalls wie erschlagen, als ich endlich nach Hause gehen konnte.

Abends berichtete ich Lynn stolz davon, dass sie am Wochenende freie Fahrt und ich ein Pensionszimmer hätte. Wir schlugen unsere Kalender auf und einigten uns auf drei Terminvorschläge für Raquel, unsere ehemalige Sprachlehrerin. Ich machte noch eine blöde Anspielung, irgendetwas bezüglich verplanter Wochenenden mit ihrem Lover, die Lynn mir übel nahm. Ziemlich schnippisch behauptete sie, es wäre nur eine Frage der Zeit, bevor José sich von seiner Frau scheiden ließe. In ihrem Haus lebten sie angeblich schon in getrennten Bereichen und im Schlafzimmer liefe schon seit Jahren nichts mehr.

Oh Mann, da hatte ich wohl in ein Wespennest gestochen. Ich gähnte demonstrativ, duschte und ging ins Bett. Schon wieder konnte ich schlecht einschlafen. Ich dachte an Lynn, an das merkwürdige Hin und Her mit Big B. und wälzte mich im Gästebett von einer Seite zur anderen. Dann beschloss ich mich besser positiven Gedanken zuzuwenden, wie zum Beispiel der Vorfreude auf meine spanische Gastfamilie. Endlich konnte ich tatsächlich Schlaf finden.

Kapitel 10:
O wie Opposition

Das Zitat des Tages:

„Die Auseinandersetzung des Klienten mit seinen Kindheitserlebnissen wird auch Ich-und-Ich-Opposition genannt. Es ist der Persönlichkeitsentwicklung des Klienten zuträglich, wenn er erkennt, dass die Verhaltensmuster aus der Kindheit früher durchaus Sinn gemacht haben, ihn aber heutzutage möglicherweise in seiner Entfaltung blockieren.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 123)

Um zweiundzwanzig Uhr schellte ich bei meiner Gastfamilie. Sie wohnten tatsächlich noch immer in demselben Haus wie früher. In der Nähe des Museo de Bellas Artes. Nach einer ausgiebigen Begrüßung im Korridor führte Pablo mich durch die Wohnung, während Pilar in der Küche verschwand, um den Aperitif zuzubereiten.

Mit Pilar war es sofort wieder so vertraut wie immer. Rücksichtsvoll wie sie war, hatte sie genauso wenig wie Raquel meine punkige Haarfarbe kommentiert, sondern nur einmal ganz kurz eine Augenbraue erhoben und das war's. Eine echte Señora! Sie selbst sah ziemlich unverändert aus. Braune, fröhliche Augen, lebhafte Mimik, mädchenhafte Figur. Herzlich umarmte und küsste sie mich und fing gleich an, drauf los zu reden. Die Wohnung selbst hatte sich jedoch ordentlich verändert. Allein schon die Diele war so erwachsen geworden. Früher stand dort der Roller, Spielzeug lag auf dem Boden verteilt, auf der knallgelben Kommode häuften sich Stifte, Malbücher und Trinkflaschen. Ein einziges Durcheinander. Kein Vergleich zu dem heutigen modisch designten Flur, von dem viele Türen abgingen, sodass ich ihn bei Pablos Führung immer wieder von Neuem betrat: Helles Holz, luftige Regale, mit Spotlights in Szene gesetzt und vor allem viel offener Raum, Platz.

Während an Pilar die Jahre so vorbeigezogen waren, als hätte sie sie in einem futuristischen Eis-Freezing verbracht, sah ich Pablo, als ich ihn in einem unbeobachteten Moment genauer musterte, sein Alter deutlich an. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass er verlebt aussah. Fast so, als hätte er die letzten acht Jahre seine Frau gleich ganz ritterlich mit auf seine Schultern genommen. Pablo war in die Breite gegangen, kahl geworden. Sein Gesicht hatte seine attraktiven markanten Züge verloren, hatte etwas Formloses, vielleicht sogar Unsympathisches entwickelt. Auf der Straße hätte ich ihn vermutlich nicht wiedererkannt. Doch die unvermeidlich größte Veränderung hatte bei meinen Zöglingen stattgefunden. Als Juan zu uns stieß, konnte ich seine Wandlung kaum glauben. Er sah vom Typ genauso aus wie der große, schlanke Pablo von vor acht Jahren. Doch im Gegensatz zu seinem Vater damals war er fast schon hager zu nennen und trug sein leicht gewelltes Haar schulterlang. Ich ging hocherfreut auf ihn zu, wollte ihn innig umarmen, aber sein reservierter Gesichtsausdruck hielt mich ab.

„Guten Abend“, grüßte er mich höflich auf Deutsch. Um ein Haar hätte er mir die Hand entgegengestreckt, doch dann besann er sich eines Besseren und erfüllte das vorgeschriebene Wangenküsschen-Protokoll, vermied dabei aber sorgsam jeglichen Körperkontakt. Ich kam mir wie eine 105-Jährige Greisin vor. Meine Augen suchten nach Mercedes, meiner süßen kleinen Mechi, wie sie sich früher genannt hatte. Ich entdeckte sie hinter Pablo. Mechi sah zum Glück noch immer recht kindlich aus. Auch sie brauchte offensichtlich Zeit zum Warmwerden. Ich respektierte das mit schwerem Herzen, fand mich mit einem Winken aus der Ferne zur Begrüßung ab. Schade. Früher hatte ich so gerne mit ihr geschmust und dabei meine Nase in ihr volles, meist nach dem Pfirsichshampoo duftendes Haar versenkt. Meine Laune fiel wie der DAX an schlechten Tagen schnurstracks in die Tiefe. Ich wusste, wie albern ich mich aufführte, schließlich war ich nur eine in einer Reihe wechselnder cangurus und die Kinder noch sehr jung gewesen. Einen Augenblick lang hörte Pilar auf zu reden und ich fühlte mich noch intensiver wie ein Eindringling in einer mir fremd gewordenen Familie. Diesmal war es Pablo, der mir die Befangenheit nahm.

„Mia, findest du noch den Weg zum Speisezimmer?“

„Hinten, zweite Tür links, oder?“, antwortete ich ohne zu überlegen.

„Da ist sie wieder, unser vorbildliches deutsches Au-pair.“

Wir begaben uns alle zum Esszimmer. Der Tisch war derselbe wie immer. Der dicke Kratzer an meinem Platz stammte noch von Juans Wutanfall als er acht war, bei dem er zornig seine Gabel immer wieder in die Tischplatte gerammt hatte. Für den Schaden hatte er Platzdeckchen von seinem Taschengeld kaufen müssen. Ich hatte ihn zu dem kleinen chinesischen Laden die Straße hinunter begleitet, wo es allen möglichen Trödel für wenig Geld gab. Mein Gott, war Juan aufgeregt gewesen! Ich konnte mich noch immer genau daran erinnern, wie sich sein kleines feuchtes Händchen anfühlte und wie die Tränen in seine Augen traten, als er das sorgsam angesparte Taschengeld für so etwas Blödes ausgeben musste.

„Warum lachst du so?“, fragte Pilar, die bemerkte, dass ich mit den Gedanken woanders war. Ich erzählte ihr den Vorfall von früher. Alle lachten, dankbar für ein Thema beim Tischgespräch. Nur Juan selbst war die Geschichte offensichtlich peinlich. Außer mir konnte sich niemand an Details erinnern. Schon merkwürdig, ich hatte Juan mit acht und Mechi mit drei so intensiv erlebt, als wären es meine eigenen Kinder. Doch für die Familie war ich Alltag, ein Au-pair von vielen gewesen.

„Sprecht ihr denn noch immer Deutsch?“

Bevor Mercedes und Juan mir antworten konnten, kam Pilar mit der Vorspeise, einem Eintopf mit Gemüse, zu uns an den Tisch. In der Mitte eines jeden Tellers schwamm die Hälfte eines Maiskolbens.

„Hmmm, diese Suppe habe ich schon früher immer geliebt.“

Sie schmeckte noch immer so wundervoll, dass ich ein paar Minuten später den leeren Teller mit einem Stück Baguette auswischte.

„Doch, wir sprechen noch Deutsch. Mercedes und ich gehen sogar auf eine deutsche Privatschule, das Colegio Heidelberg. Komm aber bloß nicht auf die Idee, mit uns deutsch zu sprechen.“

„Mama und Papa können das nämlich nicht“, erklärte Mercedes.

„Nicht schlecht, eine Geheimsprache für euch Geschwister“, schlug ich vor. Doch die beiden gingen auf meine spielerische Idee überhaupt nicht ein. Ganz im Gegenteil, sie wechselten sofort ins Spanische zurück.

„Überhaupt nicht. Ich mag deutsch nicht und die Deutschen sind auch doof“, maulte Juan wie ein Kleinkind.

Pilar schaltete sich ein. „Hallo, was erzählst du da? Mia ist unser Gast, zeig mal ein bisschen Respekt.“

Pablo versuchte seinen Sohn in Schutz zu nehmen. „Juan fühlt sich nicht so richtig wohl auf dem Heidelberg.“ Er warf seiner Frau einen merkwürdigen Blick zu und mit einmal überstürzten sich ihre Worte.

„Also, Juan wird jetzt im Sommer für ein Jahr als Gastschüler nach Deutschland gehen. Das mit der Sprache und so bekommt er gut hin, aber könntest du ihm nicht vielleicht helfen, ihn auf die anderen Sitten und Gebräuche vorzubereiten? Die Teutonen scheinen ja schon recht anders als wir drauf zu sein, so eher seriös und verschlossen, Anwesende natürlich ausgenommen.“

„Klar, warum nicht“, bot ich mich an. Schließlich hatte ich im Magisterstudium zwei Module zu 'cross-culture-studies' absolviert, vielleicht, weil ich unbewusst schon immer mit dem Gedanken gespielt hatte, nach Spanien zurückzukehren. Wer weiß, mit etwas Glück hätte Sophia Lust darauf, Juan in Deutschland ein wenig unter ihre Fittiche zu nehmen? Ach, Unsinn, ermahnte ich mich gleich darauf selbst. Sie wird mit ihrer Ehe schon ausgelastet genug sein.

„Also, wir bezahlen dir das natürlich auch. Weil, wir hätten schon gerne, dass du wöchentlich kommst. Schließlich bist du Psychologin und bist auch vom Fach, was Gesprächsführung, Rollenspiele und das alles angeht.“

Pilar und Pablo schauten sich kurz verschwörerisch an. Ich fand, dass sich ihre Vorstellungen ziemlich diffus anhörten, irgendwie vorgeschoben, so als ob da noch etwas anderes unter ihren Bemühungen läge, eine Art geheimer Plan B. Ging es um Sprachunterricht, um psychologisches Coaching oder schlicht und einfach um die administrative Organisation des Austauschjahres? Ich rang mich zu einer Blankozusage durch, obwohl ich dabei ein mulmiges Gefühl hatte. Aber Pablo und Pilar waren schließlich meine spanischen Gasteltern.

„Natürlich unterstütze ich Juan gerne mit Privatstunden.“

„Immer dienstags gegen neunzehn Uhr wäre gut, so bis zwanzig Uhr“, klopfte Pilar den Termin fest. So resolut hatte ich sie gar nicht mehr in Erinnerung.

„Vamos a ver“, versuchte ich Pilars Übereifer zu bremsen. Juan war ganz meiner Meinung.

„Mamá, überfall sie doch nicht gleich so!“

Erstaunlicherweise schaltete sich erneut der ruhige Pablo mit entschlossener Stimme ein, um seine Frau zu unterstützen.

„Basta. Dienstags passt am besten in deinen Stundenplan, montags und mittwochs hast du Training, donnerstags und freitags lange Schule. Wäre das denn okay für dich, Mia?“

„Ja, sicher.“ Ein wenig Taschengeld wäre nicht das Schlechteste, außerdem würde ich durch Juan auf dem Laufenden gehalten werden, was gerade in Sevilla so angesagt war. Außerdem gefiel mir die Vorstellung, an die alten Zeiten anzuknüpfen, indem ich erneut für Pilar und Pablo jobbte. Jetzt fehlte nur noch Rafa und es wäre fast wieder so wie früher.

„Um eure Kinder kümmere ich mich doch immer wieder gerne.“

„Du kannst stolz sein, Juan“, machte Pilar mit. „Du bist mit Sicherheit der einzige Junge in deinem Alter, der noch ein canguru, ein Au-pair-Mädchen hat.“

Wie zu erwarten war, fand Juan diese Bemerkung alles andere als lustig.

Bei der Paella marinera stieg die allgemeine Stimmung wieder. Alle genossen das lecker gewürzte Festessen, dessen Zubereitung, wie ich aus eigener Erfahrung wusste, wirklich aufwändig war.

„Ich liebe die Scampis, total lecker. Du bist eine tolle Köchin“, lobte ich Pilar.

„Nein, die Paella geht auf Pablos Kappe.“

„Pablo, está buenisima. Wirklich ganz köstlich.“

„Magst du noch etwas Wein?“

„Eigentlich gerne.“ Ich hielt ihm mein Glas hin.

„Papa sagt immer, dann schwimmt der Fisch besser.“ Merchi schaute mich altklug an.

Ich lachte höflich und zwinkerte Pilar zu. Sie schenkte mir ein breites Lächeln und erkundigte sich interessiert nach meinem Leben.

„Und, du wohnst jetzt wieder in Sevilla?“

„Ja, und zwar bei meiner alten Freundin Lynn. Erinnert ihr euch an sie? Sie war früher ab und zu hier zu Besuch. Obwohl Lynn wie ich aus Deutschland kommt, ist sie aber mittlerweile schon spanischer, als die Spanierinnen hier. Sie war in den letzten acht Jahren höchstens drei Male in den Ferien in Deutschland.“

„So eine Brünette?“

„Ja, genau. Früher trug sie meistens eine Brille, jetzt benutzt sie Kontaktlinsen.“

„Kann ich gehen?“, fragte Juan, den unser Gespräch sichtlich langweilte.

„Nein“, wies Pablo ihn scharf zurecht.

„Schatz, es gibt gleich noch Nachtisch“, vermittelte Pilar.

Früher waren mir die Spannungen in der Familie gar nicht so bewusst gewesen. Als Abiturientin war ich vermutlich auch weniger empfänglich für latente Botschaften. Ohnehin hatte ich damals hauptsächlich mit Pilar zu tun gehabt, denn Pablo kam erst spät von der Arbeit wieder nach Hause und zog sich dann meist sofort in sein Arbeitszimmer zurück.

Pilar verschwand mit Mercedes in der Küche und erschien kurz darauf mit meinen hübsch auf einer Etagère dargebotenen Teilchen wieder im Esszimmer.

„Ihr kennt nicht zufällig jemanden, der mir eine Wohnung vermieten möchte?“

Alle kauten genüsslich, ich versuchte unauffällig einen Zuckerschnäuzer über meiner Oberlippe zu beseitigen.

„Juan, wie heißt denn noch dieser Pressesprecher vom Heidelberg? Der kennt doch diesen Schulmakler, der immer Wohnungen an die neu eingestellten deutschen Lehrer vermittelt.“

Juan puhlte genervt Rosinen aus seinem Gebäck.

„Tut mir leid, Mia, ich mag Rosinen nicht so gern.“

„Kein Problem.“

Juan hatte mit seinen sechzehn Jahren schon eine richtig tiefe Männerstimme.

„Der heißt Klein Fernández, glaube ich. So ein deutsch-spanischer Mischname.“ Juan wurde rot. Seltsam.

„Fernández?“, schaltete sich Pablo ein. „Stimmt, so heißt er. Ein umgänglicher Mann. Deutsch, aber verheiratet mit einer Spanierin. Mittlerweile leben seine Frau und er aber, soweit ich weiß, getrennt. Vielleicht könntest du den ja mal für die 'Crónica' interviewen.“

„Ja, genau, Maximilian heißt er. Maximilian Fernández“, fiel es auch Pilar wieder ein.

„Ähm, leider arbeite ich nicht für die 'Crónica', sondern lediglich für die 'Toros de Sevilla'“, gestand ich meiner Gastfamilie. „Glaubt ihr, der würde der auch ein Interview geben?“

 „Aber sicher. Wenn er Zicken macht, dann bestell ihm viele Grüße von uns. Moment mal, ich habe doch irgendwo seine Visitenkarte.“ Pablo stand auf, verschwand in der 'Schöner Wohnen'-Diele und kam kurz danach wieder zurück.

Angesichts meiner Streitigkeiten mit Gonzalo kam mir diese Visitenkarte wie gerufen. Sofort fing ich an, mir mögliche Fragen für diesen PR-Fritzen zu überlegen. Die restliche Abendunterhaltung ging spurlos an mir vorbei. Ich hoffte, ich konnte zumindest den äußeren Anschein von Höflichkeit wahren. Die Kinder verabschiedeten sich. Wenig später drangen verräterische Computerspieltöne aus ihren Kinder-, ähm, ihren Jugendzimmern.

Pilar und Pablo verabschiedeten mich bald herzlich an der Wohnungstür.

„Dann also bis nächsten Dienstag.“

„Sehr gerne und danke für das fantastische Abendessen.“

Zu Hause, also bei Lynn, bat ich diesen PR-Fritzen als erstes per E-Mail um einen Gesprächstermin. Gonzalo würde Augen machen, freute ich mich schadenfroh schon im Voraus. Dann köpfte ich zusammen mit Lynn eine weitere Flasche von unserem Lieblingsrotwein.

Das Telefon läutete. Es war José. Während Lynn mit ihrem Staatsanwalt turtelte, ging ich zum Rauchen auf ihren kleinen Balkon. Munter blies ich Wölkchen und ließ den Tag recht zufrieden mit mir und der Welt ausklingen. Als ich auf die Uhr schaute, war es bereits weit nach Mitternacht. So langsam sollte ich mir wirklich in die Horizontale begeben. Ich ging in die Küche zurück und fand eine selig lächelnde Freundin am Tisch sitzend vor.

„Und, wie war es mit deinem Liebsten?“

„Das Telefonat war sehr nett. Und was das Wochenende angeht. Nun ja, ich sag mal so, viel geschlafen haben wir nicht.“

Wir grinsten uns an.

„Und das Essen bei deiner Gastfamilie? War Pilar noch immer so freundlich wie früher?“

„Ja, die waren beide nett wie immer, obwohl Pablo schon ganz schön alt aussah. Aber die Kinder haben sich überhaupt nicht mehr an mich erinnert. Egal, war dennoch schön. Allerdings schien der Haussegen etwas schief zu hängen. War irgendwie komisch.“

„Vielleicht betrügt Pilar ihn mit einem jüngeren Lover, einem verbotenen Mann?“

„Nein. Niemals, die haben doch Kinder. Außerdem ist Pilar viel zu anständig dafür.“

Mit einmal sah Lynn müde und traurig aus. Sie tat mir leid und ich bemühte mich, meinen Fehler schnell wieder gut zu machen.

„Ich werde sie jetzt übrigens wieder regelmäßig besuchen. Ich gebe Juan Privatunterricht. Ach, egal, das erzähle ich dir alles morgen. Ich befürchte, ich muss jetzt ganz schnell ins Bett.“

„Und ich erst einmal“, warf Lynn kokett ein. Erleichtert, die Stimmung noch gerade gerettet zu haben, verzog ich mich in ihr Gästezimmer. Als letzte Amtshandlung fuhr ich noch einmal mein Mail-Programm hoch. Und tatsächlich wartete da schon eine Mail von der Privatschule Heidelberg auf mich. Machten die Leute dort denn nie Feierabend? Na ja, ich hing ja auch noch vor der Maschine.

„Danke für Ihre Anfrage. Ich erwarte Sie morgen um sechzehn Uhr in meinem Büro in dem Colegio Heidelberg.“ Adresse folgte. Oh, Mann. Höchste Zeit für meinen Schönheitsschlaf. Morgen würde das erste Presse-Interview meines Lebens stattfinden.

Kapitel 11:
S wie Stress

Das Zitat des Tages:

„Machen Sie Ihren Klienten klar, dass Stress zum Leben dazu gehört. Der positive Eustress etwa sorgt dafür, dass wir uns stark und leistungsfähig fühlen. Nur der negative Dysstress muss im Auge behalten werden. Wenn der über einen längeren Zeitraum hindurch nicht abgebaut wird, kann das zu schwerwiegenden Konsequenzen führen.“

(Ratgeber für angewandte Psychologie, S. 143)

Mein Schönheitsschlaf war diesmal so tief, dass weder Lynn noch ich den Wecker hörten und wir beide verschliefen. Kein Wunder. Mein normaler deutscher Tages-Nacht-Rhythmus war durch das späte Abendessen bei meiner Gastfamilie völlig außer Rand und Band geraten. So kam ich natürlich wieder einmal zu spät. Ich konnte da nichts für: Die spanische Kultur war schuld! Während ich mit Bürorock und Stöckelschuhen durch den Flur trippelte, mochte ich gar nicht daran denken, welche Form Gonzalos Begeisterung für meine lässige spanische Zeitauffassung diesmal annehmen mochte.

Big B. ließ mich Platz nehmen. Ich versuchte unauffällig mein stoßartiges Atmen unter Kontrolle zu bringen. Die letzten drei Blöcke hatte ich im verkappten Dauerlauf hinter mich gebracht. Ich kam mir vor wie in 'Ewig grüßt das Murmeltier'. Genauso hatte ich hier am ersten Tag gesessen. Gab es da nicht diese buddhistische Vorstellung, dass sich einem ein altes Problem so lange immer wieder in den Weg stellt, bis man es endlich schaffte, es zu lösen? Ich hatte da auch schon eine Idee.

„Ein Fahrrad.“

„Wie bitte?“

Peinlich, ich hatte laut gesprochen.

Gonzalo schüttelte irritiert den Kopf. Seine Stirn legte sich in Falten und er sah sehr männlich aus. Unverschämt sexy. Aber auch ein wenig unentspannt. Ich konnte ebenfalls arrogant sein: Ob ich ihn auf die ersten Anzeichen einer Burn-Out-Gefahr ansprechen sollte? Wetten, dass er mich dann sofort aus dem Fenster werfen würde? Ich grinste in mich hinein und kam mir ziemlich cool vor.

„Wie weit sind Sie mit dem deutschen Colegio?“

Verwirrt schaute ich ihn an. Waren wir nicht mittlerweile beim Du gelandet? Das schien bei ihm immer wieder wild durcheinander zu geraten. Sei's drum, endlich hatte ich in meiner neuen Berufsrolle auch etwas vorzuweisen. Siegessicher legte ich los.

„Gerade gestern erst habe ich mit meinen … Kontaktpersonen gesprochen.“

Nannte man das so unter Journalisten? Hörte sich etwas billig, so nach Krimi an. Nein, jetzt fiel es mir ein: Quellen war der Fachbegriff. Klang aber auch bescheuert. Pilar und Pablo waren doch keine Quellen.

„Also, fahren Sie heute dorthin und sammeln ein paar O-Stimmen?“

„Zu welchem Thema?“

„So ein Potpourri, für alle möglichen Artikel, die ganze Latte an Klischees.“

„Wieso Klischees?“

Er reagierte nicht, sondern widmete sich stattdessen irgendwelchen Eingaben in den Computer. Gerade so, als ob er alleine im Zimmer wäre. Ich hasste es, wenn man mich ignorierte!

„Wieso Klischees?“, wiederholte ich stur wie ein Kleinkind, das gerade die W-Fragen für sich entdeckt hatte.

„Ach, Lidias ganze Idee ist so schwachsinnig.“

Ich versuchte, seine schlechte Laune an mir abprallen zu lassen und gab mich so geschäftsmäßig wie ich nur konnte.

„Okay, dann legen wir den Schwerpunkt einfach auf die Cross-Culture-Studies. Ich werde herausfinden, in welcher Phase der Assimilation sich meine Interviewpartner befinden. Gibt's hier so was wie Aufnahmegeräte?“

Wortlos zog Gonzalo eine Schublade auf und nahm eine Art übergroßes Handy heraus.

„Versuchen Sie auch den Pressesprecher des Colegios auf unsere Seite zu ziehen. Der macht immer Ärger. Aber vielleicht steht er ja auf Pinkhaarige.“

Das konnte ich ihm nicht durchgehen lassen. Die Zeichen standen auf Rache. Rache mit den Waffen einer Frau! Ich tat so, als ob ich ganz locker wäre und strich mir lasziv langsam das Haar aus meinem Gesicht, fühlte mich wie die deutsche Kim Basinger. An seiner Körpersprache konnte ich ablesen, dass ihn meine kleine Schauspielimprovisation nicht kalt ließ. Die Atmosphäre zwischen uns war aufgeladen. Ich legte ein Bein über das andere, sodass der Saum meines Bürorocks gefährlich hoch rutschte. Seine Augen hüpften an besagte Stelle und sofort wieder zurück.

„Haben Sie auch vor langer Zeit in Deutschland schon einmal den Spruch gehört: Freundlichkeit siegt?“

Breites Grinsen meinerseits, Pokerface seinerseits. Die Spannungen zwischen uns waren unerträglich und es passierte … nichts. Gonzalo schwieg, setzte sich auf seinen Schreibtischstuhl und schaute aus dem Fenster. Nach einigen Minuten hob er zu sprechen an. Seine Stimme triefte vor Professionalität.

„Hier das Aufnahmegerät. Lassen Sie sich nicht täuschen: Auch, wenn Sie vergessen haben sollten, die Aufnahmetaste zu drücken, der Pegelanzeiger schlägt dennoch aus und wiegt Sie in falscher Sicherheit.“

„Alles klar, ich mache mich dann mal auf den Weg zum Colegio.“

Als ich Gonzalos Büro mit einem sanften Hüftschwung verließ, fühlte ich körperlich, wie er mir nachschaute. Vor dem Redaktionsgebäude steckte ich mir erst einmal eine Zigarette an. Ich ließ mir mein Gesicht von der Sonne wärmen und wartete, bis sich meine Nervosität etwas gelegt hatte. Dann ging ich in Gedanken noch einmal die vier Phasen der Anpassung durch:

Erstens, die totale Begeisterung für die neue Kultur: Honeymoon-Phase.

Zweitens, die In-Between-Etappe. Man mag das Neue, vermisst aber auch die Heimat.

Drittens, Rejection: Die neue Kultur nervt, die eigene Kultur wird idealisiert.

Zum Schluss viertens, die gelungene Assimilation: In der vierten Phase kann man das Beste aus beiden Kulturen wertschätzen.

Ich drückte meine Zigarette aus und trank einen Kaffee in der Eckkneipe, in die Gonzalo mich einmal zum Mittagessen ausgeführt hatte. Der Typ mit seinen wechselnden Launen regte mich auf, machte mich wahnsinnig. Zu blöd, dass mein Körper so stark auf ihn reagierte. Diese biologischen Instinkte waren überaus hinderlich. Doch ich konnte ebenso professionell wie Big B. handeln. Ich zwang mich, analytisch zu denken und das Cross-Culture-Modell auf mich selbst anzuwenden. Selbstkritisch musste ich zugeben, dass ich mich in Phase drei befand. Ich konnte nur hoffen, dass die Interviews mir die gewünschte Anerkennung als Selfmadejournalistin verschaffen würden und mich direkt in die vierte Phase, dem Paradies der Cross-Culture-Theorie schießen würden.

 Eigentlich hatte ich vor, in der Bar das Aufnahmegerät erst einmal ohne Zeugen ganz alleine auszuprobieren und mir dann ein paar kluge Fragen aufzuschreiben. Außerdem beabsichtigte ich, den Zwitter-Namen von diesem Pressesprecher zu googlen. Doch ich war zu aufgeregt für langatmige Recherchen und wollte einfach nur anfangen. Klappe. Action. Und so legte ich das Geld auf den Tresen. Der Kellner zeigte mir beim Verlassen der Bar noch den Weg zur Bushaltestelle. Der Bus kam zum Glück sofort. Mit Herzklopfen stieg ich ein und löste eine Fahrkarte zum Colegio. Ich bat den Busfahrer, mir Bescheid zu sagen, wann ich aussteigen müsste.

Ich starrte konzentriert aus dem Fenster und fragte mich plötzlich, wonach ich eigentlich so eifrig Ausschau hielt. Die ehrliche Antwort ernüchterte mich. Rafa. Ich wusste selbst, dass mein Verhalten grenzwertig war. Der Busfahrer erlöste mich von meinen Selbstzweifeln, indem er blinkte und dann auf einer Autobahn durch ein hässliches Gewerbegebiet raste. Sehr, sehr lange fuhren wir durch dieses unwirtliche Gelände. Nach einer Weile zeigte mir ein Blick auf mein Handy, dass wir schon länger als eine Dreiviertelstunde unterwegs waren. Hatte der Kellner nicht etwas von einer guten halben Stunde Fahrzeit gesagt?

Mit einem unguten Gefühl lief ich breitbeinig zu dem Fahrer hin. Als er mich sah, schlug er mit der Hand gegen die Stirn.

„Ich, nein, Madre mía, ich habe dich ganz vergessen. Wir sind leider schon längst an dem Colegio Heidelberg vorbei.“

 Er bremste abrupt in der nächsten Haltebucht und ließ mich aussteigen. Zum Glück fuhr gerade ein Taxi in der entgegengesetzten Richtung auf uns zu. Ohne groß nachzudenken, wirbelte ich meine Arme auf und ab. Im Land von Don Quijote verstand der Taxifahrer meine Geste ganz richtig als Mitfahrwunsch. Er ließ seine Lichtanlage so hell wie die Cranger Kirmes blinken und wartete auf mich. Dankend ließ ich mich auf dem Beifahrersitz plumpsen, befestigte ängstlich den Gurt und gab dem Taxista atemlos mein Ziel an.

Autor

  • Sigrun Dahmer (Autor)

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Titel: Liebe, Mia, Sevilla - Kolumne ins Glück