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Das fünfte Opfer (Krimi)

von Bettina Wagner (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Marlies Mittermann ist Kommissarin bei der Wiener Kriminalpolizei. Sie liebt ihren Beruf sehr und setzt ihren ganzen Ehrgeiz daran, die ihr anvertrauten Fälle zu lösen – sehr zum Leidwesen ihrs Mannes Helmut, der ebenfalls bei der Kripo arbeitet und mit der Konkurrenz im eigenen Haus nicht fertig wird. Marlies entschließt sich, die Scheidung einzureichen.

Als eine Serie von Frauenmorden Wien in Atem hält, betreut zunächst Helmut diese Fälle. Da er bei seinen Ermittlungen nicht weiterkommt, wird ihm der Fall entzogen und Marlies übergeben. Diese hat es nun nicht mehr nur mit einem rätselhaften Frauenmörder zu tun, sondern auch mit einem Ehemann, der all ihre Bemühungen sabotiert.

Über die Autorin

B.Wagner_ebookBettina Wagner, Jahrgang 1960, stammt aus Österreich. Nach einem kurzen Zwischenstopp in Wien lebt und arbeitet sie nun wieder in ihrem Heimatort Frankenburg am Hausruck, in der Nähe des Salzkammerguts. Sie ist späte Mutter von zwei Kindern. Zu ihrem Haushalt zählen neben ihrem Ehemann auch ein Meerschweinchen und zwei Ziehkatzen. Am liebsten entspannt Bettina Wagner bei Musik, die sie gerne auch selbst auf der Gitarre spielt, oder bei alten Hollywoodfilmen wie Casablanca oder Sein oder Nichtsein.

Bettina Wagner schreibt schon, solange sie denken kann. Erste Erfolge konnte sie mit den Kinderbüchern Vom kleinen Känguru, das aus dem Beutel fiel und Stanislaus und ich feiern. Ihr Kriminalroman Das fünfte Opfer erschien bereits unter dem Pseudonym Elisabeth Frank. Zudem veröffentlicht sie Kurzkrimis und Liebesgeschichten für Frauenzeitschriften.

Bei dp DIGITAL PUBLISHERS hat Bettina Wagner außerdem eine Kurzgeschichte zu Rosenliebe und gefährliches Risotto – 12 Geschichten und Rezepte beigesteuert.

Impressum

Neuausgabe September 2016

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© Originalausgabe 1994, (Droemer) Knaur

© Neuausgabe 2016, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Das fünfte Opfer


ISBN 978-3-96087-058-6

Covergestaltung: Antoneta Wotringer Grafikdesign

Bildnachweis: InspirestockInternational/123RF

Korrektorat: Johanna Stotz

Das fünfte Opfer ist unter dem Pseudonym Elisabeth Frank bereits 1994 bei (Droemer) Knaur als Taschenbuch erschienen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Das
fünfte Opfer

Bettina Wagner

1

Die Leiche sah aus wie alle anderen Leichen: nackt, blond, und ihre Kehle war von einem Ende zum anderen durchtrennt.

Trotzdem gab es nicht viel Blut.

Marlies Mittermann konnte das nur recht sein. In zwanzig Metern Höhe vertrug sie einen solchen Anblick nicht besonders gut.

Nicht schwindelfrei zu sein war die einzige Schwäche, die sie sich jemals erlaubt hatte. Ansonsten war sie immer eine perfekte Polizistin gewesen.

Die perfekte Kriminalbeamtin.

Außerdem war sie eine Frau. Damit brachte sie alle Voraussetzungen mit, auf der Beliebtheitsskala ihrer Kollegen ganz unten zu rangieren.

Frauen hatten im Kriminaldienst immer noch Seltenheitswert, egal, was Filme oder Fernsehserien zu suggerieren versuchten. Die Wirklichkeit sah anders aus.

»Wer hat die Leiche gefunden?«, fragte sie den Polier der Baustelle.

Sie standen auf einer tragenden Decke im siebten Stock eines Hochhausrohbaus am Handelskai. Es gab keine Wände. Auf der anderen Seite der Donau konnten sie die UNO-City sehen.

Um sie herum schwirrten Dutzende von Leuten: Kriminalbeamte des Kommissariats Leopoldstadt, die als Erste bei der Leiche gewesen waren, der Polizeiarzt, Fotografen, Mitarbeiter des Erkennungsdienstes; bestimmt waren auch ein paar Journalisten dabei. Ideale Bedingungen, um einen Mordfall zu klären.

»Der Ömer, der Türke, da. Er ist als Erster heraufgefahren. Und plötzlich fängt er an zu schreien wie ein Verrückter, und als wir nachgeschaut haben, haben wir das da gefunden. Uns hat es allen ganz schön den Magen umgedreht, kann ich Ihnen sagen.«

Der Polier trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Er hatte noch einen Estrich zu machen. Leichen auf der Baustelle vertrugen sich nicht mit seinem Weltbild. Und eine »Frau Inspektor«, die ihn ständig so ansah, als wäre alles seine Schuld, schon gar nicht.

Der Türke wiederholte stotternd seine Geschichte. »Bin hinaufgefahren mit Aufzug. Ich sehe schwarzen Haufen. Ich denke, hat jemand liegen lassen Mist von gestern. Ich will nehmen Sackerl und wegschmeißen, da sehe ich Haare und fällt heraus Kopf von Frau.« Er schüttelte sich.

Die Leiche der jungen Frau war in einen schwarzen Müllsack eingewickelt. Ihr Oberkörper wies mehrere Schnittwunden auf. Am schlimmsten war wie immer die Gegend um ihre Scham zugerichtet.

Marlies’ Assistent Pirker richtete sich auf. »Hier hat er sie jedenfalls nicht umgebracht«, sagte er, was angesichts der geringen Blutmenge offensichtlich war.

Marlies trat so nahe an den Rand der Decke heran, wie sie es wagte. »Wie hat er sie hier heraufgeschafft?«, fragte sie.

Sieben Stockwerke unter ihr fuhr ein Ambulanzwagen vor. Sie trat rasch einen Schritt zurück, bevor ihr schwindlig wurde.

Marlies Mittermann war 34 Jahre alt, verheiratet, kinderlos und mit ihren 1,78 Metern, den blonden Haaren und den dunklen Augen eine auffällige Erscheinung. Keine Empfehlung für den Beruf einer Polizistin. Schon gar nicht in Wien.

Als sie zur Übernahmeprüfung für den Kriminaldienst antrat, war sie gefragt worden, warum sie nicht lieber zum Fernsehen ging.

»Mit dem Aufzug«, sagte Pirker. »Damit sind wir auch raufgefahren.«

Der Bauaufzug war an der Längsseite des Gebäudes aufgestellt. Er reichte bis zum letzten Stockwerk, um Leute und Material zu transportieren.

Marlies sah den Polier an. »Wäre das möglich?«

»Bestimmt nicht. Der Strom ist über Nacht abgeschaltet. Sonst könnte ja jeder damit fahren. Da würde es schön zugehen, kann ich Ihnen sagen.«

»Dann hat er sie eben über die Stiege geschleppt«, sagte Pirker beleidigt.

»Sieben Stockwerke?«

»Kein Problem für einen kräftigen Mann.« Womit sie wieder in ihre Schranken gewiesen war.

»Wo ist der Stromverteiler?«, fragte Marlies den Polier.

»Gleich neben der Bauhütte.«

»War der Verteilerkasten abgeschlossen, als Sie den Aufzug heute früh in Betrieb genommen haben?«

»Ja, sicher. So wie immer.«

»Wer hat den Schlüssel?«

»Ich. Aber meistens hinterlege ich ihn im Gebäude. Weil ich nicht immer gleich in der Frühe auf der Baustelle bin. Wenn ich noch was besorgen muss …«

»Wer weiß davon? Wo der Schlüssel liegt?«, fragte Marlies.

»Ich. Und die meisten von den Leuten. Aber da ist bestimmt kein solcher dabei, das weiß ich genau …« »Dein Mann ist unten, Marlies«, sagte Walter Nemeth vom Erkennungsdienst.

Marlies schaute schnell nach unten. Helmut stieg eben aus seinem Wagen.

»Hat ihm denn keiner gesagt …«

Natürlich nicht. Bestimmt keiner von den Kollegen. Und Wagreiter war den ganzen Morgen im Ministerium.

»Ich fahre rasch hinunter«, sagte Marlies zu Pirker. »Sehen Sie inzwischen, ob Sie im Stiegenhaus irgendwelche Spuren finden.«

Sie schloss die Augen, als sie in den Aufzug stieg.

Sie war auch nach einem Jahr Zusammenarbeit immer noch per Sie mit Pirker. Es fiel ihr schwer, sich mit Leuten auf freundschaftlichen Fuß zu stellen, die sie so offensichtlich nicht leiden konnten. Aber Pirker bestand natürlich darauf, es ihr als Arroganz auszulegen.

Das Töchterl des Staatssekretärs im Innenministerium. Das war sie zeit ihres Lebens gewesen. Etwas Besseres als die anderen.

Auch wenn sie sich selbst nie dafür gehalten hatte. Für etwas anderes, ja. Für jemanden, der nicht genau wusste, wo er eigentlich stand. Aber so feine Unterschiede machte niemand.

Hinter jedem Erfolg, den sie hatte, wurde immer die Hand ihres Vaters vermutet. Trotzdem hatte sie manchmal das Gefühl, dass eine solche Protektion ihr noch eher verziehen wurde als die Möglichkeit, sie könnte als Frau für ihre Erfolge ganz allein verantwortlich sein. Wie immer sie es auch anstellte, sie konnte doch nicht gewinnen.

»Was ist hier los? Warum bin ich nicht verständigt worden?«, fragte Helmut, als sie aus dem Aufzug stieg.

Marlies sah ihren Mann unsicher an. Major Helmut Mittermann. Kriminalkommissar im Bundeskriminalamt der Wiener Polizeidirektion. Genau wie sie. Sie würde es ihm sagen müssen.

Bald.

Irgendwann.

»Es hat wieder eine Tote gegeben«, sagte sie laut. »Dasselbe Schema wie bei den drei anderen. Kehle durchschnitten, stark verstümmelt. Der Mord wurde irgendwo anders begangen, dann hat der Mörder die Leiche in einen Müllsack gepackt und in diesem Rohbau deponiert. Wahrscheinlich wieder eine Prostituierte. Wir prüfen das gerade nach.«

»Wir? Seit wann gehörst du zum Team? Wagreiter hat mir nichts davon erzählt.«

»Der Chef ist beim Minister. Es hat ein paar Änderungen gegeben. Der Minister will den Fall endlich geklärt haben. Deshalb …«

»Ich brauche keine Hilfe«, sagte Helmut feindselig, und Marlies verspürte wieder die alten Schuldgefühle.

Wie hatte sie sich jemals einbilden können, mit einer Ehe ihre Probleme zu lösen? Sie hatte Helmut gegen den Widerstand aller geheiratet, ihrer Eltern, ihrer Freunde, vielleicht sogar gegen ihr eigenes besseres Wissen. Sie hatte sich eingebildet, durch die Ehe mit einem einfachen, unkomplizierten Mann auch ihrem eigenen Leben so etwas wie eine Mitte geben zu können.

Stattdessen hatte sich ihre eigene Ruhelosigkeit auf Helmut übertragen. Damals war er alles gewesen, was sie nicht war. Aus einfachen Verhältnissen stammend, Sohn eines Landgendarmen, zäh, ehrgeizig, stark in der Sicherheit seines eigenen Selbstwertgefühls.

Heute lief er ein ständiges Rennen: gegen sich selbst, gegen eine soziale Schicht, in die er nicht hineinpasste, gegen seine eigene Frau, der alles glückte, was er sich mühsam erarbeiten musste.

Er sah müde aus. Viel älter als sechsunddreißig, und Marlies verspürte ein unerwartetes Gefühl der Zärtlichkeit für ihn.

Trotzdem wusste sie, dass sie ihn verlassen würde. Und dass sie ihn gerade jetzt, in diesem Augenblick, mehr verletzen musste, als er jemals zuvor in seinem Leben verletzt worden war.

»Es geht nicht um Hilfe, Helmut. Es geht darum, dass es von heute an mein Fall ist. Die schriftliche Anweisung liegt vermutlich schon auf deinem Schreibtisch. Das Ganze war nicht meine Idee. Wagreiter denkt …«

»Das ist mein Fall«, sagte Helmut. »Du kannst ihn mir nicht einfach wegnehmen. Das kannst du nicht. Du kannst nicht alles erreichen, was du willst.«

Seine Stimme war sehr laut geworden. Marlies konnte spüren, dass sie vom siebten Stock aus genau beobachtet wurden. Helmuts Partner Plaschek tat so, als würde er zur Seite sehen, aber natürlich belauschte auch er jedes Wort.

»Was ich, oder irgendeiner von uns, will, ist doch unerheblich. Denkst du wirklich, ich habe mich um diesen Fall gerissen? Aber ich habe meine Anweisungen, genau wie du, und ich …«

»Du glaubst, du brauchst nur einfach hinzugehen, und eins, zwei, drei, ist der Fall gelöst? Das glaubst du doch? Aber manche Fälle sind nicht so einfach zu lösen. Es gibt Grenzen für jeden von uns. Auch für dich.«

»Ich würde mich freuen, wenn du mit mir zusammenarbeiten würdest«, sagte Marlies sehr ruhig. »Ich kann im Moment jede Hilfe brauchen, die ich kriege. Aber die Entscheidung liegt natürlich bei dir.«

»Wie großzügig«, höhnte Helmut. Er beugte sich zu ihr. »Steck dir deinen Fall von mir aus an den Hut!« Dann drehte er sich um, stieg in seinen Wagen und knallte die Tür zu.

Es war der letzte Schritt. Nichts, was sie jetzt noch tun konnte, würde irgendeinen Unterschied machen. Denn die Frage war natürlich, ob sie den Fall hätte ablehnen können. Und wenn ja, ob sie es getan hätte. Und die Wahrheit war, dass sie diesen Fall lösen wollte, um jeden Preis.

Sie wollte beweisen, dass sie eine gute Polizistin war.

Dass sie eine ebenso gute Polizistin war wie die Männer.

Dass sie eine bessere Polizistin war als die Männer.

Dass sie recht gehabt hatte, als sie sich entschloss, Polizistin zu werden.

Und der Preis war Helmut. Es war keine schöne Wahrheit.

Eine Hand tippte ihr auf die Schulter. »Mittermann? Sind Sie der verantwortliche Beamte? Oder Beamtin, muss ich wohl sagen. Mein Name ist Pammer, Ingenieur Pammer, vom Architekturbüro Pecher und Wegart. Sagen Sie, was hat dieser Kerl gegen mich? Mag er keine Brillenträger? Man kommt sich ja schon wie verfolgt vor.«

»Verzeihung?«, sagte Marlies verständnislos. Der Mann, der vor ihr stand, war etwa einen halben Kopf kleiner als sie, um die vierzig, mit Brille und Vollbart. Er trug einen flaschengrünen Parka und dunkle Cordhosen.

Ich muss mich zusammenreißen, sagte sich Marlies. Ich darf nicht zugeben, dass Helmut mich aus der Fassung gebracht hat.

Der Wagen ihres Mannes verließ mit quietschenden Reifen die Baustelle.

»Ingenieur Pammer. Vom Architekturbüro Pecher und Wegart. Ich bin der Bauleiter hier. Unser Büro hat dieses Gebäude geplant. Wir sind dafür verantwortlich, dass die Termine eingehalten werden und die Firmen nicht zu viel vom Geld des Bauherrn ausgeben. Und dass sich die Leichen auf der Baustelle in erträglichen Grenzen halten.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte Marlies. »Wollen Sie sagen, dass auf dieser Baustelle schon einmal ein Mord passiert ist?«

»Nicht auf dieser. Aber der letzte von diesen Prostituiertenmorden – ich glaube, die Zeitungen nennen ihn den Baustellenmörder –, die Leiche wurde auf einem anderen von meinen Bauten gefunden. Den ich betreue, meine ich. Bei Pecher und Wegart.«

»Wo war das?«

»In Kaisermühlen. Ein Bürokomplex mit Fertigungshalle für einen Computerkonzern. Sie waren das letzte Mal aber nicht dabei, oder? Daran würde ich mich erinnern.«

»Nein, ich war noch nicht dabei«, sagte Marlies.

»Wir bringen die Leiche jetzt weg. Brauchen Sie noch etwas?«, fragte der Mann von der Gerichtsmedizin. Zwei Beamte trugen den Sarg mit der Toten vorbei.

»Ich hätte den Autopsiebericht gerne so schnell wie möglich.«

»Wir tun, was wir können«, sagte der Gerichtsmediziner. »Aber Sie wissen ja, wie es bei uns zugeht. Versprechen kann ich gar nichts.«

»Schrecklich, was heutzutage alles passiert«, sagte Pammer. »Ich meine, da ist so ein Aggressionspotenzial in den Menschen, das …«

»Wie heißt die Baufirma, die hier baut?«, unterbrach Marlies ihn.

»Metabau. Eine Firma aus Niederösterreich. Nichts dagegen zu sagen. Sehr solide.«

»Und auf der anderen Baustelle? In Kaisermühlen?«

»Das ist die Firma von Dipl.-Ing. Zangerl. Ich verstehe nicht ganz, was …«

Pirker kam mit Nemeth vom Erkennungsdienst und dem Polier über die Stiege. Nemeths Blick war auf die

Betonstufen gerichtet.

»Irgendetwas gefunden?«, fragte Marlies.

Nemeth schüttelte den Kopf. »Bis jetzt nichts. Aber meine Leute suchen noch.«

»Sieben Stockwerke. Und es gibt nirgendwo einen Tropfen Blut. Keine einzige Spur, die er beim Hinaufschleppen der Leiche hinterlassen hat. Das gibt’s doch gar nicht.« Marlies sah an dem Gebäude hoch. Nackte graue Betonpfeiler schraubten sich in einen feuchtgrauen Himmel. »Wie hat er sie da hinaufgebracht?«

»Vielleicht«, sagte der Polier, »vielleicht hat der Sandler etwas gesehen.«

2

Marlies senkte abrupt den Blick. »Sandler? Was für ein Sandler?«

Sandler werden in Wien die Obdachlosen und Bettler genannt. Der Polier sah so aus, als hätte er lieber nichts gesagt. »Der Sandler, den wir heute früh hier im Gebäude gefunden haben. Er hat in einem Zimmer im zweiten Stock übernachtet. Das machen diese Typen oft, wenn sie sonst nichts finden. Dann quartieren sie sich in Rohbauten ein.«

»Und wo ist er jetzt?«

»Wir haben ihn davongejagt. Wir haben uns nichts dabei gedacht. Da wussten wir ja noch nichts von der Leiche. Glauben Sie, dass der Sandler …«

»Er könnte etwas gesehen haben«, sagte Marlies. »Oder gehört. Er muss doch etwas merken, wenn jemand eine Leiche an ihm vorbeiträgt. Wie hat er ausgesehen?«

»So wie die Kerle eben aussehen. Schmutzig, lange Haare, dunkle Jacke.«

»Das engt den Kreis der Verdächtigen von hundert auf etwa neunundneunzig ein«, bemerkte Marlies trocken.

»Er hatte eine Zipfelmütze auf. Eine rote Zipfelmütze. Die war sogar einigermaßen sauber.«

»Der Toni vom Schwedenplatz. Den kennen wir«, warf Pirker ein. »Soll ich eine Fahndung rausgeben?«

»Aber sagen Sie, sie sollen ihn nur beschatten. Nicht festnehmen. Ich will selbst mit ihm reden«, sagte Marlies. »Wenn er merkt, dass wir etwas von ihm wollen, taucht er unter, und wir kriegen ihn drei Wochen nicht mehr zu Gesicht.«

»Können wir jetzt weiterarbeiten?«, fragte Ingenieur Pammer. »Wissen Sie, jede Minute, die wir hier herumstehen, kostet den Bauherrn Geld.«

»Da müssen Sie die Spurensicherung fragen.«

»Meine Leute kämmen noch einmal den siebten Stock durch. Bei dem Durcheinander eine Spur zu finden, ist allerdings reine Glückssache«, sagte Nemeth. »Es wird nicht mehr lange dauern. Sie können inzwischen schon weitermachen.«

»Kommen Sie irgendwann im Lauf des Tages ins BK«, sagte Marlies zu Pammer und dem Polier. »Das Bundeskriminalamt am Josef-Holaubek-Platz. Sie wissen, wo das ist? Bringen Sie auch den Türken mit. Damit wir Ihre Aussagen aufnehmen können.«

Pirker kam vom Wagen zurück. »Die Fahndung ist draußen. Was machen wir jetzt?«

»Ich fahre zurück ins Büro. Nehmen Sie sich ein paar Männer und befragen Sie die Leute in den umliegenden Häusern. Vielleicht ist irgendjemand in der Nacht aufgestanden und hat zufällig aus dem Fenster gesehen. Groß ist die Chance zwar nicht, aber wenn wir Glück haben, kommt unter Umständen doch etwas dabei heraus.«

Als Marlies in ihr Büro kam, waren die Akten des Falles noch nicht da. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als das kurze Stück den Gang entlang zu Helmuts Zimmer zu gehen und sie zu holen.

Der Gang war weiß getüncht, mit einem abgetretenen Steinfußboden und weißen Milchglasscheiben auf der linken Seite. Sie klopfte kurz an Helmuts Tür und trat ohne Aufforderung ein.

Es war nur Fritz Plaschek da. Er war Anfang dreißig, ein breiter, behäbiger Bär von einem Mann, mit rotem Gesicht und einer blonden Stichelhaarfrisur. Obwohl er eine Art zufriedener Gutmütigkeit ausstrahlte, hatte sich Marlies nie besonders mit ihm verstanden.

»Wo ist Helmut?«

»Im Vernehmungszimmer. Ein siebzehnjähriges Mädchen hat in der U-Bahn eine Pistole gezogen und einen wildfremden Mann erschossen.« Er schüttelte den Kopf. »Allmählich habe ich die Nase voll von diesem Job. Ich hätte in eine Bank gehen sollen wie mein Schwager. Das wäre ein sicherer Posten. Und Nachtarbeit gibt es dort auch keine.«

»Als ob du so was aushalten würdest«, meinte Marlies leichthin. »Ich wollte die Unterlagen über die Baustellenmorde holen.«

»Die sind nicht mehr bei uns«, sagte Plaschek.

»Bei mir sind sie aber auch nicht. Würdest du noch einmal nachsehen?«

»Wenn du meinst.« Plaschek erhob sich seufzend von seinem Drehsessel und begann mit einer umständlichen Durchsuchung aller Schreibtischschubladen. Bei Helmut wurde er schließlich fündig. »Tatsächlich. Da sind sie. Kann ich mir gar nicht vorstellen, wie die da reingekommen sind. Müssen irgendwie druntergerutscht sein.«

»Jetzt sind sie ja wieder da«, sagte Marlies. Sie wollte zur Tür gehen, als Plaschek sagte:

»Helmut hat wirklich hart an diesem Fall gearbeitet. Dass er nicht weitergekommen ist, war nicht seine Schuld. Wie willst du in einer Millionenstadt wie Wien einen einzelnen Verrückten ausfindig machen? Jeder, der dir auf der Straße begegnet, könnte der Täter sein.«

»Ich weiß. Aber es ist auch nicht meine Schuld. Niemand war überraschter als ich, als Wagreiter mich heute früh angerufen hat. So ist das Leben.«

»Es gibt solche Leben und solche Leben», meinte Plaschek.

»Und es gibt Augenblicke, wo man sich besser um seinen eigenen Kram kümmern sollte«, entgegnete Marlies. Sie machte die Tür hinter sich zu.

In welchem Marilyn-Monroe-Film kam dieses Lied vor: »When love goes wrong, nothing goes right«? Wenn es in der Liebe nicht hinhaut, klappt gar nichts mehr.

Wenn sie den Fall lösen konnte, hätte sie alle Aussicht, die meistgehasste Frau von Wien zu werden. Und wenn sie ihn nicht lösen konnte, machte sie sich selbst zur Witzfigur.

Sie erinnerte sich, wie sie ihren Eltern erzählt hatte, dass sie zur Polizei gehen wollte. Sie, die Tochter aus gutem Haus, mit einem Diplom in Kunstgeschichte und Germanistik. Es war, als hätte sie vor, nach Papua-Neuguinea auszuwandern und unter Eingeborenen zu leben.

Ihr Vater wollte ihr einen bequemen, gut bezahlten Job in einem Ministerium verschaffen.

Ihre Mutter wollte, dass sie sich standesgemäß verheiratete, Kinder zur Welt brachte und gelangweilt in ihrem gediegenen Wohnzimmer herumsaß.

Der Kontrast hätte nicht größer sein können.

Trotzdem hatte sie ihren Kopf durchgesetzt. So wie immer.

Und jetzt?

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und schlug die erste Akte auf.

Angelika Morawetz. 28 Jahre alt. Mit zerschnittener Kehle in einem Hochhausrohbau in Wien-Fünfhaus gefunden, am 5. Mai dieses Jahres.

Anita Köck, 20. Gefunden auf der Baustelle eines Einkaufszentrums in Meidling, am 17. Juni.

Yolanda Princic, 25, in einem halb fertigen Bürogebäude in Kaisermühlen. Das war Ende August.

Und jetzt, keine drei Wochen später, die vierte. Wieder eine Prostituierte. Wieder ein Rohbau.

Kein Wunder, dass die Zeitungen ihn den Baustellen-Mörder nannten.

Nur half ihr das nicht weiter. Es gab keine Spur. Keinen Anhaltspunkt. Auch die Kontakte, die die Polizei zur Unterwelt hatte, konnten ihnen nicht weiterhelfen. Das bedeutete, dass man dort ebenfalls nichts wusste. Sonst hätten sie schon einen Tipp bekommen.

Wie hat er sie in den siebten Stock hinauf gebracht?, dachte Marlies.

Diese Frage ging ihr nicht aus dem Kopf.

Für einen Mann war sie vielleicht unerheblich. Für eine Frau, die schon irgendwann in ihrem Leben drei Plastiktüten mit Lebensmitteln sieben Stockwerke hochgeschleppt hatte, weil der Lift kaputt war, nicht.

Wenn er sie getragen hatte, warum bis ganz hinauf?

Warum hatte er sie nicht irgendwo im zweiten oder dritten Stock abgelegt?

Sie blätterte in den Akten zurück. Yolanda Princic wurde im zweiten Stock gefunden. Anita Köck im Erdgeschoss. Die Leiche von Angelika Morawetz lag im sechsten Stock.

Warum einmal so hoch oben und einmal nicht? Ihre Erfahrung sagte ihr, dass Verrückte nie etwas grundlos taten.

Wie schaffte er sie hinauf?

Wie schaffte er sie hinauf, wenn der Aufzug abgeschaltet war?

In den Akten standen nur die Namen der Baufirmen. Vier verschiedene Firmen. Aber Pammer hatte sie auf eine Idee gebracht.

Sie rief die beiden Firmen an, auf deren Baustellen in Fünfhaus und Meidling die ersten zwei Leichen gefunden wurden.

Beide Bauten waren vom Architekturbüro Pecher und Wegart geplant worden.

Bei dem Einkaufszentrum in Meidling gab es keinen Aufzug. Aber in Fünfhaus war einer zum Einsatz gekommen. Der Schlüssel war wie auf der Baustelle am Handelskai versteckt hinterlegt worden.

In Kaisermühlen hatte der Polier den Aufzugschlüssel mit nach Hause genommen.

Ich muss Toni finden, dachte Marlies. Und ich muss noch einmal mit dem Polier reden.

Es war der Aufzug.

Die Lösung lag bei den Bauaufzügen.

Der Erkennungsdienst rief an, um ihr zu sagen, dass die Tote von diesem Morgen eine gewisse Martina Stoisits war. Sechsundzwanzig Jahre alt. Marlies machte eine Eingabe beim Sittenreferat, um die Akte anzufordern.

Gegen drei Uhr kam Pirker zurück. Wie erwartet, hatte die Hausbefragung nichts eingebracht. Von dem Landstreicher gab es keine Spur.

Marlies machte ihren Bericht über den Leichenfund und rapportierte bei ihrem Chef, Hofrat Wagreiter, dann fuhr sie mit Pirker in Stoisits’ Wohnung.

Sie hofften nicht wirklich darauf, etwas zu finden. Auch in den anderen drei Fällen war die Wohnungsdurchsuchung ergebnislos geblieben. Umgebracht hatte der Mörder seine Opfer irgendwo anders, vermutlich außerhalb der Stadt. Wo, konnten sie im Augenblick nicht einmal erahnen.

Sie klapperten die einschlägigen Lokale in der Linzer Straße und am Gürtel ab, wo Martina Stoisits in der Hauptsache verkehrt hatte, reichten das Foto der Toten herum und fragten ihre üblichen Informanten aus, aber keiner konnte ihnen etwas erzählen, was sie weiterbrachte.

Eine Kollegin von Stoisits gab an, sie gegen elf Uhr beim Westbahnhof gesehen zu haben. Die Frau war auf dem Heimweg von einer Feier gewesen und hatte Martina durch das Wagenfenster bemerkt. Ob irgendjemand bei ihr gewesen war, konnte die Frau allerdings nicht sagen.

Nachdem sie Pirker an der U-Bahn abgesetzt hatte, drehte Marlies noch eine Runde durch die Stadt, auf der Suche nach dem Landstreicher Toni. Es hatte zu nieseln begonnen. Der Asphalt glänzte silbrig-grau im Licht ihrer Scheinwerfer.

Die Stadt wirkte undeutlich. Unwirklich. Einzig wirklich war der schmale Lichtstreifen zwischen den dunklen Häuserzeilen. Die Bars und Nachtlokale am Gürtel warfen ihr rotes Licht über die Straße.

Marlies bog in die Lerchenfelder Straße ein, hinunter zum Ring, und fuhr über den Franz-Josefs-Kai nach Hause. Sie fand einen Parkplatz in der Nähe ihrer Wohnung, dann ging sie die zwei Straßen weiter zum Schwedenplatz, wo sich abends am Würstelstand die Obdachlosen und Betrunkenen trafen.

Der Regen hatte aufgehört, es war feucht und kühl. Sie aß ein Paar Frankfurter und hörte eine Weile zu. Aber es wurde nichts geredet, was für sie von Interesse gewesen wäre.

»Ich suche den Toni«, sagte sie zu einem, der sich selbst Professor Wilhelm nannte.

»Der kommt nicht mehr hierher, schon lange nicht mehr. Hatte Streit mit Friedrich. Keine Ahnung, worum es ging. Der Toni hat jetzt einen neuen Standplatz, am Reumannplatz. Da kannst du ihn jeden Vormittag finden.«

»Danke«, sagte Marlies. Sie schob einen Geldschein zu ihm hinüber.

Zwei der Betrunkenen sangen lauthals »Oh, mein Papa«, ein dritter hatte sich zum Schlafen mitten auf den Gehsteig gelegt. Eine ältere Dame blieb entrüstet stehen.

»Unerhört ist das! Sich so aufzuführen. Aber das sieht die Polizei nicht.«

Einer der Betrunkenen sagte zu ihr: »Liebling, lass dich von mir küssen!«, und sie rannte entsetzt davon.

Marlies schlenderte zurück zu ihrer Wohnung. Merkwürdigerweise hatte sie nie Probleme mit denen gehabt, die auf der anderen Seite des Gesetzes standen. Für einen Gauner war jeder Kriminalbeamte ein rotes Tuch, egal, ob er ein Mann oder eine Frau war. Die einen versuchten sie einzuwickeln, die anderen beschimpften sie, aber sie wusste immer, dass es nicht persönlich gemeint war.

Helmut war nicht da, als sie in die Wohnung kam. Ein paar Anzüge und Hemden fehlten; also hatte er offensichtlich auch nicht die Absicht, an diesem Abend noch aufzutauchen.

Marlies holte sich etwas zu trinken und trat ans Fenster. Die Wohnung lag im siebten Stock, sie konnte den Donaukanal von der Rossauer Lände bis zur Urania überblicken. Das Riesenrad war ein leuchtendes Halbrund über den dunklen Häuserdächern auf der anderen Seite des Kanals.

Natürlich bezahlte ihr Vater die Miete. Von ihren Polizistengehältern hätten Marlies und Helmut sich nie eine solche Wohnung leisten können. Marlies fand nichts dabei. Sie sah nicht ein, weshalb sie nicht gut wohnen sollten, wenn es möglich war, aber Helmut sah die Sache natürlich anders. So wie er alles anders sah als sie.

Sie hatte ihn kennengelernt, als sie noch auf die Polizeischule ging. Er war schon Kriminalbeamter und sah sehr gut aus. Groß, dunkel, ein bisschen zynisch und ein bisschen verletzbar. Sie war sehr in ihn verliebt gewesen damals, zum ersten Mal in ihrem Leben.

Es war ein großes romantisches Abenteuer, und dabei hätte sie es belassen sollen. Aber sie hatte darauf bestanden, ihn zu heiraten, und der Alltag hatte sie eingeholt.

Helmut fand sich durch seine Ehe mit ihr in einer gesellschaftlichen Schicht, von der er niemals auch nur hätte träumen können. Türen standen ihm offen. Sogar die Politik lockte.

Aber er musste auch sehr schnell feststellen, dass er nichts war ohne sie. Er blieb immer ihr Mann. Der Ehemann einer erfolgreichen Frau, die ihm auch noch beruflich den Rang abzulaufen drohte.

Er hatte angefangen zu trinken. Nicht viel, aber gerade genug, um von ihr verabscheut zu werden.

Es gab Streit. Keinen großen, aber oft genug, um ihr Zusammenleben unerträglich zu machen.

Und jetzt? Was tue ich jetzt?, fragte sich Marlies zum zweiten Mal an diesem Tag.

Wohin gehe ich von hier aus?

Aber sie fand keine Antwort.

Sie wandte sich vom Fenster ab, als ihr privates Handy läutete. Die Vorhänge sollten gewaschen werden, dachte sie im Vorbeigehen.

»Marlies? Hier ist Wiltrud Becker. Ich versuche schon seit zwei Tagen, Sie zu erreichen. Hören Sie ihre Mailbox nicht ab? Es geht um die Klage, Marlies.«

»Es tut mir leid. Ich hätte mich melden sollen. Aber ich habe im Moment sehr viel um die Ohren. Ich bin einfach nicht dazu gekommen, mich damit zu beschäftigen.«

»Das sollten Sie aber«, sagte die Rechtsanwältin. »Die Klage läuft. Sie wird Ihrem Mann morgen zugestellt.«

Marlies holte tief Luft. »Das – Sie hätten noch einmal mit mir reden müssen!«

»Das habe ich ja versucht. Als ich Sie nicht erreichen konnte, habe ich mich mit Ihrem Vater in Verbindung gesetzt. Er meinte, es wäre das Beste, die Sache so schnell wie möglich durchzuziehen.«

»Aber …«

»Sie wollen doch die Scheidung, Marlies?«, fragte Dr. Becker.

»Natürlich. Aber – ich wollte mit meinem Mann erst noch darüber sprechen …«

»Dazu hatten Sie wirklich mehr als genug Zeit. Wenn eine Aussprache einfach nicht möglich ist, bleibt Ihnen keine andere Wahl als die, über Ihren Anwalt zu verhandeln. Das haben wir doch ausführlich besprochen, Marlies. Bitte kommen Sie in den nächsten Tagen unbedingt in mein Büro. Wir haben noch viele Einzelheiten zu klären.«

»Ja, natürlich. Das werde ich«, sagte Marlies. Sie schaltete ihr Handy aus.

Wie kommt es, fragte sie sich, dass ich mich plötzlich zu nichts mehr entschließen kann? Ich habe doch auch früher immer gewusst, was ich will. Egal, ob richtig oder falsch, ich habe meinen Kopf durchgesetzt.

Sie fühlte sich todmüde, aber sie wusste, dass sie doch nicht würde schlafen können. Sie setzte sich vor den Fernseher. Im Nachtprogramm lief ein alter Film mit Marlene Dietrich. Die Dietrich spielte eine reiche Erbin, die sich unwissentlich in einen abtrünnigen Mönch verliebt, ihn heiratet und mit ihm eine Reise in die Sahara unternimmt.

Der Film war unsagbar kitschig und sterbensschön. Marlies schaute zu, bis sie darüber auf der Wohnzimmercouch einschlief.

3

Als Marlies am nächsten Morgen ins Büro kam, begegnete ihr Helmut auf dem Gang. Er war unrasiert und sah so aus, als hätte er in seinem Anzug geschlafen. In der Hand hielt er einen zerknüllten Brief. »Weißt du, was das ist?«

»Ich kann es mir denken«, sagte Marlies. »Es tut mir leid.«

»Dir tut es leid? Und was ist mit mir? Hast du jemals in deinem Leben auch nur einen Gedanken an jemand anders als an dich selbst verschwendet? Hättest du es mir nicht zumindest selbst sagen können, anstatt so einen Wisch zu schicken?«

»Ich habe jetzt keine Zeit«, sagte Marlies. »Wir reden ein andermal darüber. Ich sagte doch, dass es mir leidtut.«

»Es wird dir leidtun, allerdings.« Helmut knallte die Tür zu seinem Büro zu.

Marlies war froh, sich auf andere Dinge konzentrieren zu müssen. Der vorläufige Autopsiebericht von Martina Stoisits lag auf ihrem Schreibtisch. Obwohl die Gerichtsmedizin hoffnungslos überlastet war, hatte der Fall laut ministerieller Anweisung absoluten Vorrang.

Die Todesursache war die gleiche wie bei den drei anderen Frauen. Durchtrennung der Trachea und der Arteria carotis. Sie war verblutet. Am Körper der Toten fanden sich tiefe Stich- und Schnittwunden, mit einem breiten Messer oder einem anderen scharfen Gegenstand zugefügt.

Möglicherweise, stand im Bericht, war die Frau zum Zeitpunkt der Verletzungen noch am Leben. Schrammen und Hämatome an ihren Handgelenken wiesen darauf hin, dass sie gefesselt worden war.

Das bedeutete, dass der Mörder sie an einen Ort gebracht haben musste, wo ihre Schreie nicht gehört werden konnten.

Ein Waldstück außerhalb von Wien? Folglich musste der Täter einen Wagen haben. Das brachte möglicherweise etwas. Sie machte sich eine Notiz.

Die Gerichtsmediziner hatten außerdem Spermaspuren gefunden. Natürlich konnten sie auch von einem Kunden stammen. Ein DNA-Abgleich mit der Interpol-Datenbank hatte jedenfalls keine Übereinstimmungen ergeben.

Der Zeitpunkt des Todes wurde als zwischen Mitternacht und halb ein Uhr in der Nacht von Montag auf Dienstag angegeben. Er deckte sich mit den Aussagen von Martina Stoisits’ Freundin.

Damit war das Szenario des Mordes ziemlich klar. Alles, was noch fehlte, war der Hauptdarsteller.

Sie rief bei Walter Nemeth vom Erkennungsdienst an, aber die Spurensicherung hatte nichts ergeben. Keine Fingerabdrücke auf dem Müllsack, zu viele überall sonst. Es war anzunehmen, dass der Mörder Handschuhe trug.

Es gab keine Blutspuren am Bauaufzug.

Es gab aber auch keine Blutspuren auf der Stiege.

Als Pirker kam, fuhren sie zusammen zum Reumannplatz. Ein verwahrloster Mann mit einer roten Zipfelmütze wanderte vor den Obstständen herum und bettelte die Passanten an.

»Wie geht’s Geschäft, Toni?«, fragte Marlies. Pirker hielt ihn rasch am Arm fest, bevor er eine Bewegung machen konnte.

»Ich habe nichts getan«, sagte der Landstreicher. »Wirklich nicht, Frau Kommissar. Sie kennen mich doch.«

»Was denkst du denn, dass ich denke, dass du getan hast?«

Toni sah von ihr zu Pirker und wieder zurück. »Ich habe in der Zeitung darüber gelesen. Von der Toten in dem Hochhaus. Aber damit habe ich nichts zu tun. Ich bin doch kein Mörder.«

»Vielleicht nicht. Aber wenn du es nicht warst, musst du zumindest etwas gesehen haben«, sagte Marlies. »Von dem wirklichen Mörder.«

»Der muss doch genau vor deiner Nase vorbeimarschiert sein. Mit der Leiche.«

»Nicht vor mir. Da war gar nichts. Ich schwöre es. Ich habe niemanden gesehen.«

»Dann warst du der Einzige, der dort war«, sagte Pirker. »Du und die Leiche.«

»Hast du vielleicht irgendetwas gehört?«, fragte Marlies.

»Doch, genau. Gehört habe ich was. Jetzt, wo Sie es sagen. Da war so ein komisches Geräusch.«

»Was für ein Geräusch?«

»Es klang so – irgendwie wenn – als ob was surren würde. So ein merkwürdiges Surren.«

»Und was geschah danach? Nach dem Surren?«

»Da war es wieder still. Und dann hat es wieder gesurrt.«

»Wie lange?«

»Nicht lange – glaube ich.«

»So ein Blödsinn!«, sagte Pirker. »Surren! Was soll denn das heißen?«

»Würdest du das Geräusch – das Surren – wiedererkennen, wenn du es noch einmal hörst?«, fragte Marlies den Landstreicher.

»Ich glaube – glaube schon. Aber ich weiß nicht, was es war. Ich habe geschlafen, und plötzlich bin ich aufgewacht, und da war es.«

»Wir fahren jetzt zusammen ins Büro«, sagte Marlies. »Dort muss ich kurz telefonieren, dann machen wir einen kleinen Test. Und du wirst uns dabei helfen.«

»Was kriege ich dafür?«, fragte Toni.

»Keinen Ärger«, antwortete Pirker.

Das Telefonieren dauerte doch länger. Der Polier der Baustelle konnte alleine keine Entscheidung treffen, also musste Marlies bei der Baufirma rückfragen, um die Erlaubnis für ihr Experiment zu bekommen. Dann rief sie wieder den Polier an. Pirker und der Landstreicher warteten inzwischen im Vernehmungszimmer.

Sie fuhren mit dem Wagen zu der Baustelle am Handelskai. Bevor sie ausstiegen, verband Marlies dem Landstreicher mit einem Tuch die Augen. Dann führten sie ihn zu dem Rohbau. Obwohl da und dort Arbeiter herumstanden, war die Baustelle gespenstisch ruhig. Nirgendwo lief eine Maschine. Keiner bewegte sich.

»Jetzt«, sagte Marlies zu dem Polier.

Er setzte einen Hebel in Bewegung.

»Da!«, rief Toni. »Das ist es! Das ist das Surren, das ich gehört habe. Genau so hat es in der Nacht zum Dienstag gesurrt.«

Marlies nahm ihm die Augenbinde ab. Vor ihnen fuhr der Bauaufzug in die Höhe.

»Damit hat er also die Leiche in den siebten Stock geschafft«, sagte Marlies. »Das bedeutet, dass der Mörder gewusst haben muss, wo sich der Schlüssel für den Stromverteiler befand.«

»Oder er hat ihn zufällig gefunden«, sagte Pirker.

Der Polier schüttelte den Kopf. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich meine, da würden wir ihn ja nicht auf der Baustelle lassen, wenn er so leicht zu finden wäre. Dass dort jemand gesucht haben soll …«

»Wo liegt der Schlüssel für gewöhnlich?«, fragte Marlies.

»Kommen Sie. Ich zeige es Ihnen.«

Der Polier ging voraus in das Gebäude. Am Ende des Ganges im Erdgeschoß befanden sich die Toiletten. Einstweilen waren nur die Anschlüsse für die Spülkästen und die Wasserhähne zu sehen. Zwei schmale Fenster in Kopfhöhe spendeten Licht. Der Polier legte seine Hand auf den Fenstersims.

»Da liegt er immer. Da muss einer schon lange suchen, damit er den findet.«

»Das würde ich auch sagen«, stimmte Marlies ihm zu. »Ein Mörder mit einer Leiche im Wagen hat dafür keine Zeit. Unser Mann wusste sehr genau, wo der Schlüssel zu finden war.«

»Aber dass es einer von meinen Leuten gewesen sein soll – sicher, ich kenne nicht jeden wirklich so genau. Weil man ja nie weiß, was in einem Menschen steckt. Aber trotzdem …«

»Wer außer Ihren Leuten konnte davon wissen?«, fragte Marlies. »Wird das Architekturbüro darüber informiert, wo der Schlüssel liegt?«

»Nein, warum denn? Das geht die gar nichts an.«

»Und dass irgendjemand es zufällig beobachtet hat? Wer hätte dazu Gelegenheit gehabt? Jemand aus dem Architekturbüro?«

»Ja, sicher, das wäre schon möglich«, sagte der Polier. »Kann schon sein, dass der Pammer am Montag gesehen hat, wo ich ihn hinlege …«

»Ingenieur Pammer war am Montag auf der Baustelle? Wann?«

»Das wird so – gegen drei gewesen sein. Wir haben zusammen etwas aufgenommen, und das hat ein bisschen länger gedauert. Die anderen hatten schon Schluss gemacht, als wir fertig wurden. Wir sind zusammen mit dem Aufzug runtergefahren, ich habe den Strom abgestellt und den Schlüssel hier auf den Sims gelegt. Der Pammer hat inzwischen gewartet. Dann hat er mich bis zum Praterstem in seinem Wagen mitgenommen. Das war alles.«

»Aber dabei war er nicht, als Sie den Schlüssel auf den Sims legten?«

»Nein, er hat beim Aufzug gewartet. Ich glaube, er hat sich noch irgendwas aufgeschrieben. Und der Junge ist dann auch gleich gekommen.«

Marlies sah ihn an. »Der Junge?«

»Der war mit dabei. Das ist so ein – ich weiß nicht genau – so eine Art Lehrling bei denen. Er war schon öfter mit dem Pammer auf der Baustelle. Hilft ihm ausmessen und solche Sachen.«

»Und wo war der Junge, während Sie den Schlüssel versteckt haben?«

»Ich weiß nicht. Als ich wieder herausgekommen bin, war er nicht da. Aber er ist dann gleich hinter dem Haus hervorgekommen. Vielleicht hatte er irgendetwas vergessen oder so.«

»Ja, ich verstehe«, sagte Marlies.

»Glauben Sie …?«

»Sie haben uns sehr geholfen«, unterbrach ihn Marlies. »Vielleicht brauchen wir Sie noch einmal für eine Aussage. Dann werden wir uns bei Ihnen melden.«

»Denken Sie, dieser Pammer hat die Frauen umgebracht?«, fragte Pirker, als sie wieder im Wagen saßen.

Er zeigte zum ersten Mal so etwas wie Interesse für den Fall. In den letzten zwei Tagen hatte er sich ihr gegenüber leicht feindselig verhalten. Bewusst distanziert. Als wollte er den anderen gegenüber zum Ausdruck bringen, dass er mit der Vorgehensweise gegen ihren Mann nichts zu tun hatte.

Marlies hob die Schultern. »Ich weiß nicht. Aber es ist schon ein komischer Zufall, dass alle Leichen in Bauten des Büros Pecher und Wegart gefunden wurden. Mehr als ein Zufall.«

»Und was machen wir jetzt?«

»Wir machen einen Besuch bei Pecher und Wegart«, sagte Marlies.

Das Architekturbüro befand sich in einem der verschnörkelten Ringstraßenbauten am unteren Ende der Mariahilfer Straße. Sie wurden bereits im Vorzimmer von einer älteren Dame in einem apricotfarbenen Wollkostüm abgefangen. Marlies zeigte ihre Dienstmarke.

»Kriminalpolizei. Ich hätte gerne Herrn Pecher oder Herrn Wegart gesprochen.«

»Frau Dr. Wegart ist außer Haus. Herr Dipl.-Ing. Pecher hat zurzeit eine Besprechung. Ich werde sehen, was ich tun kann.«

Die Dame verschwand durch eine Glastür, die den Blick freigab auf einen riesigen Raum, angefüllt mit Computern und Planungsmodellen auf großen Glastischen. Alles wirkte sehr kühl und modern.

Sechs oder acht Köpfe waren über die Schreibtische gebeugt.

»Ganz schön was los bei denen, was?«, sagte Pirker. »Ich wollte mir mal von so einem Architekturbüro einen Plan zeichnen lassen, falls ich doch noch zum Hausbauen komme. Aber dann habe ich mir das Geld lieber gespart. Einstweilen wird ja doch nichts daraus.«

Die apricotfarbene Dame kam zurück. »Herr Dipl.-Ing. Pecher empfängt sie jetzt.«

Sie ging voraus in ein helles, spartanisch eingerichtetes Büro. Die Fensterfront gab den Blick auf einen begrünten Innenhof frei. An den Wänden hingen großformatige Fotos verschiedener Hochhäuser und Wohnanlagen.

»Mein Name ist Marlies Mittermann, Kriminalpolizei«, stellte sich Marlies vor. »Das ist Inspektor Pirker, mein Mitarbeiter. Es geht um die Tote, die gestern auf Ihrer Baustelle am Handelskai gefunden wurde.« Der Architekt war um die fünfzig, mit Bart und schulterlangem, grauem Haar. Er trug einen braun-grün gewürfelten Anzug, der ihm an den Schultern zu spannen schien. Während er sprach, drehte er beständig seine Halbbrille in der Hand.

»Bitte, setzen Sie sich doch, Frau – sagt man Kommissar? Sie müssen natürlich verstehen, dass das nicht im eigentlichen Sinn unsere Bauten sind. Wir überwachen nur den Fortgang der Arbeiten. Bauherr und Eigentümer ist der, der das Geld dafür zur Verfügung stellt.«

Marlies lächelte höflich. »So genau wollte ich es gar nicht wissen. Mir ist nur aufgefallen, dass alle vier toten Frauen, die wir in den letzten Wochen hier in Wien hatten, auf Ihren Baustellen gefunden wurden. Auf Baustellen, die von Pecher und Wegart betreut werden.«

»Das ist uns natürlich auch nicht entgangen. Und wir wurden dazu auch schon vernommen. Aber es kann sich wirklich nur um einen sehr makabren Zufall handeln.«

»Wer ist – oder war – der Bauleiter bei den beiden Gebäuden in Fünfhaus und Meidling?«

»Das Einkaufszentrum hat Herr Ingenieur Aicher betreut, das weiß ich auswendig. Bei der Wohnhausanlage müsste ich nachsehen.«

»Würden Sie das bitte tun?«, bat Marlies.

»Natürlich. Einen Augenblick.« Dipl.-Ing. Pecher sprach in eine kleine Gegensprechanlage auf seinem Schreibtisch. »Frau Plachowetz, könnten Sie für mich nachsehen, wer Bauleiter bei der Wohneinheit in der Goldschlagstraße ist?«

»Das ist Herr Ingenieur Zupatka. Wollen Sie ihn sprechen?«

Der Architekt sah Marlies an. Sie schüttelte den Kopf. »Im Augenblick nicht. Hatte Herr Pammer jemals etwas mit den beiden Bauten in Fünfhaus und Meidling zu tun?«

»Herr Pammer? Nein, wieso? Soviel ich weiß, hat er seit seiner Rückkehr nur die beiden Bauten in Kaisermühlen und am Handelskai übernommen …«

»Seit seiner Rückkehr? Woher?«

»Er war ein halbes Jahr in Saudi-Arabien. Wir bauen dort eine Freizeitanlage. Westliches Know-how, Sie verstehen.«

»Und wann ist er zurückgekommen?«

»Vor etwa zwei Monaten. Anfang Juli.«

»Ich verstehe«, sagte Marlies. Damit kam Pammer nicht mehr infrage. »Und der Junge?«

Jetzt war der Architekt überrascht. »Welcher Junge?«

»Der Polier vom Handelskai erzählte uns, Pammer sei am Abend vor dem Mord mit einem Mitarbeiter aus Ihrem Büro auf der Baustelle gewesen. Wer war das?«

»Mein Gott, das weiß ich doch nicht«, sagte Pecher. »Das könnte – da müsste ich Herrn Pammer fragen. Sie erlauben?«

Marlies nickte.

»Frau Plachowetz, würden Sie nachsehen, ob Herr Ingenieur Pammer in seinem Büro ist? Oder vielleicht können Sie uns auch weiterhelfen? Wissen Sie zufällig, wen der Pammer gestern auf der Baustelle am Handelskai dabeihatte?«

»Ich habe ihn mit dem jungen Horvath weggehen sehen. Ich glaube, sie wollten auf eine der Baustellen.« »Wer ist das?«, fragte Marlies.

»Ein Volontär, der seit einem Dreivierteljahr bei uns arbeitet. Ich muss ehrlich sagen, ich habe mich noch nicht sehr intensiv um ihn gekümmert. Aber was mir über ihn erzählt wurde, kein allzu fähiger Mann. Natürlich muss man den Leuten ein bisschen Zeit geben, sich einzugewöhnen …«

»Haben Sie irgendwelche Unterlagen, aus denen hervorgeht, an welchen Bauprojekten er in den letzten fünf Monaten mitgearbeitet hat?«

»Da müssten wir wieder Frau Plachowetz fragen.«

Frau Plachowetz wurde gefragt. Marlies sah über ihre apricotfarbene Schulter, als sie am Computer Stundenlisten und Kilometerabrechnungen aufrief.

Christian Horvath hatte von März bis Juli Herrn Zupatka bei der Bauleitung des Wohnhauses in Wien-Fünfhaus assistiert.

Anfang Juni begleitete er Herrn Aicher, den Bauleiter des Einkaufszentrums, für Vermessungsarbeiten nach Meidling.

Ende Juli siedelte er in Pammers Büro über.

»Ich muss Sie um Christian Horvaths Adresse bitten«, sagte Marlies zu Pecher. »Und ich muss Sie bitten, mit niemandem über diese Unterredung zu sprechen.«

»Sie glauben doch nicht …?«

»Ich werde mich wieder melden«, sagte Marlies.

Als sie Pechers Zimmer verließen, ging eine der Bürotüren auf, und Ingenieur Pammer kam heraus.

»Frau Kommissar! Immer noch auf Mörderjagd?«

»Wir überprüfen zurzeit die Baufirmen. Ich hatte nur ein paar Routinefragen an Ihren Chef.«

Hinter Pammers Rücken konnte sie einen blassen, rothaarigen Jungen erkennen, der sie erschrocken anstarrte. Marlies sah ihn sich genau an. Sie wusste, dass sie ihren Mörder hatte.

4

Der Rest war einfach.

Marlies ließ Pirker zur Beobachtung vor dem Architekturbüro zurück, während sie selbst mit einer Streife wieder ins Büro fuhr. Aus dem Computer der Zulassungsstelle erfuhr sie, dass Christian Horvath einen alten Toyota besaß, Baujahr 2005, mit dem Wiener Kennzeichen HOVI1. Vermutlich ein Spitzname. Sie notierte auch das.

Sein Facebook Profil enthüllte, dass er ein wenig durchtrainierter Couch Potato war, der sich nichtsdestotrotz gerne in martialischen Posen mit nacktem Oberkörper präsentierte. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählten Ballerspiele à la „Battlefield“ und „Sniper Team“. Auf einem der Fotos zeigte er eine Tätowierung auf seiner Schulter, die „Murder is easy“ lautete.

Er hatte sieben Freunde, darunter ein Fitnessstudio und eine Agentur für Zeitarbeit.

Er schien keinen dieser Leute wirklich zu kennen.

Marlies schickte eine Streife zu Horvaths Adresse. Die Beamten entdeckten seinen Wagen zwei Straßen von der Wohnung entfernt. Marlies alarmierte den Erkennungsdienst.

Anschließend benachrichtigte sie Hofrat Wagreiter und rief den zuständigen Untersuchungsrichter an. In seinem Büro war er nicht zu erreichen, aber sie erwischte ihn auf dem Weg ins Landesgericht.

»Verschonen Sie mich ja mit Indizien«, sagte er, bevor sie noch dazu kam, ihm den Fall ausführlich zu schildern. »Mit Indizien kann man keinen Prozess gewinnen. Was ich brauche, ist ein Sachbeweis. Lassen Sie den Jungen beobachten, nehmen Sie sein Auto auseinander, und wenn Sie etwas herausbekommen, erlasse ich einen Haftbefehl. Aber nicht früher. Einen Augenblick, Herr Kollege!«

Er lief hinter einem vorbeieilenden Juristen her und ließ sie allein in dem hallenden Korridor des Landesgerichtes stehen.

Marlies bemühte sich, ruhig zu bleiben. Was ihr fehlte, war die abstumpfende Routine, die es ihr erlaubte, die Suche nach Massenmördern als einen Job wie jeden anderen anzusehen. Sie packte ihre Unterlagen zusammen und fuhr zurück ins Büro.

Pirker rief an, um mitzuteilen, dass Christian Horvath mit der Stadtbahn nach Hause gefahren war. Ihr Assistent wartete vor der Wohnung.

Aber für eine Observierung war es zu spät. Durch ihren Besuch im Architekturbüro war der Junge gewarnt. Wenn er klug war, brauchte er sich nur ruhig zu verhalten; dann konnten sie warten, bis sie schwarz wurden.

»Ich schicke Ihnen einen Streifenwagen«, sagte Marlies zu Pirker. »Bringen Sie den Jungen her.«

Eine halbe Stunde später war Christian Horvath im BK. Marlies ließ ihn im Vernehmungszimmer warten. Während sie einen Kaffee trank, ging sie noch einmal die Akten durch. Sie memorierte Namen und Daten. Sie wollte den Fall so fest zuschnüren, dass nicht einmal ein Entfesselungskünstler ihn mehr aufbekam.

Was sie brauchte, war ein Geständnis.

Hofrat Wagreiter steckte seinen Kopf zur Tür herein und sagte: »Ich höre, Sie haben sich den Verdächtigen kommen lassen. Denken Sie, der Bursche hat es getan?«

»Ich weiß, dass er es getan hat«, sagte Marlies.

»Gut, gut. Erstklassige Arbeit, Mittermann. Kann ich schon etwas an die Presse weitergeben?«

»Noch nicht. Aber ich hoffe, bald.«

»Ich bin auf einem Empfang im Ministerium«, erklärte ihr Chef. »Halten Sie mich auf dem Laufenden, wenn es etwas Neues gibt. Sie haben schon mit Ihrem Mann gesprochen?«

»Ja – kurz«, sagte Marlies.

»Ich bin froh, dass die Angelegenheit so einvernehmlich gelöst werden konnte. Schließlich kommt es nur auf das Ergebnis an. Das sind wir der Öffentlichkeit schuldig. Sie geben mir Bescheid wegen der Presseerklärung?«

»Ja, natürlich«, antwortete Marlies.

Sie steckte eine Packung Zigaretten ein und ging ins Vernehmungszimmer.

Christian Horvath war neunzehn Jahre alt, Handelsschulabschluss mit Ach und Krach, wegen Asthma wehruntauglich. Eigentlich gab es nichts in seinem Leben, worauf er besonders stolz sein konnte.

Aber spätestens morgen früh wirst du ein Star sein, dachte Marlies, als sie ihm gegenübersaß. Sie werden alles Mögliche aus dir machen. Vom Monster bis zum Märtyrer.

Sie wusste nicht, ob sie ihn bedauern oder beneiden sollte.

»Wir möchten Ihnen ein paar Fragen im Zusammenhang mit den Prostituiertenmorden der vergangenen Monate stellen, Herr Horvath«, sagte sie. Sie lächelte aufmunternd. »Kein Grund zur Sorge. Reine Routine.«

»Ich mach mir keine Sorgen«, sagte Christian Horvath. Er knetete nervös seine Finger. Als Marlies’ Blick darauf fiel, versteckte er seine Hände rasch unter dem Tisch. »Ich weiß gar nichts darüber. Gar nichts.«

»Vielleicht können Sie uns trotzdem weiterhelfen. Alle vier Leichen wurden auf Baustellen von Pecher und Wegart gefunden. Sie hatten auf allen diesen Baustellen zu tun.«

»Wer sagt das?«

»Das haben unsere Ermittlungen ergeben. Wollen Sie es abstreiten?«

Der Junge schaute von ihr zu Pirker, der neben der Tür stand. Sie konnte sehen, wie er fieberhaft überlegte, was weniger belastend für ihn war.

»Ich weiß gar nicht, was Sie von mir wollen«, sagte er schließlich. »Ich bin doch nicht verdächtig, oder? Ich meine, diese Morde könnte doch jeder begangen haben. Einfach jeder.«

»Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht«, sagte Marlies. »Es gibt da ein paar Schwierigkeiten.«

»Was für Schwierigkeiten?«

Marlies sah ihn an. Sein Gesicht war weich, ungeformt, verwaschen. Alles Mögliche konnte in diesem Kopf vor sich gehen. Sogar so eine verrückte Idee wie die, jemanden umzubringen. Gerade so eine verrückte Idee wie die, jemanden umzubringen.

»Es gibt einen Zeugen«, sagte sie.

Einen Augenblick kämpfte er dagegen an, seine Fassung zu verlieren, dann lachte er unsicher. »Und was hat das mit mir zu tun?«

»Wollen Sie nicht wissen, was der Zeuge gesehen hat?«

»Doch, klar. Sicher will ich wissen, was er gesehen hat.«

»Eigentlich nichts«, erklärte Marlies leichthin. »Aber er hat etwas gehört. In der Nacht, als Martina Stoisits ermordet wurde. Wussten Sie das?«

»Was?«

»Dass die Frau Martina Stoisits hieß?«

»Nein, das – nein, ich hab die Zeitung heute noch nicht gelesen«, verbesserte Christian Horvath sich rasch. »Und was hat der Zeuge gehört?«

»Er hat gehört, wie in der Nacht der Aufzug hochfuhr.«

Sie spürte seine Erleichterung und wusste, dass sie ihn fast hatte.

Der Junge hob die Schultern. »Na und? Was soll denn das schon groß beweisen?«

»Es beweist, dass der Täter wusste, wie man den Aufzug bedient. Und wo der Schlüssel dafür zu finden war. Das heißt, er musste etwas mit der Baustelle zu tun haben. Er musste etwas mit allen vier Baustellen zu tun haben. Sie verstehen?«

Der Junge schaute wieder zu Pirker. Aber Pirker rührte sich nicht. Er starrte nur ruhig zurück. Vielleicht verstand er selbst nicht ganz, worum es eigentlich ging.

Marlies beugte sich vor. »Wo waren Sie in der Nacht von Montag auf Dienstag, Christian?«

»Da – war ich zu Hause.«

»Sollen wir das nachprüfen?«

»Nein, ich – also schön, ich bin rumgefahren. Mit dem Wagen. Einfach so.«

»Und wo?«

»Keine Ahnung. Weiß ich nicht mehr. Überall.«

»In der Nähe des Westbahnhofs?«

»Kann schon sein. Ich hab doch gesagt, ich weiß es nicht mehr.«

»Haben Sie jemals eine Prostituierte in Ihrem Wagen mitgenommen, Christian?«, fragte Marlies.

Der Junge lehnte sich zurück. »Sicher. Da ist doch nichts dabei«, sagte er zu Pirker.

»Und wie war es?«, fragte Marlies.

Sein rechtes Augenlid begann zu zucken. Er starrte auf den Tisch. »Na, wie schon? Wie es eben ist.«

»Erzählen Sie mal.«

»Denken Sie, das erzähl ich Ihnen?« Er wandte sich wieder an Pirker. »Was wollen Sie eigentlich von mir? Ich hab doch gesagt, ich weiß nichts über den Mord.«

Marlies stand auf und ging zu Pirker hinüber. »Sehen Sie mal nach, was der Erkennungsdienst herausgefunden hat«, sagte sie leise. »Und lassen Sie sich Zeit.«

»Aber …«, sagte Pirker.

»Ich sagte, lassen Sie sich Zeit. Ich rufe Sie schon, wenn ich Sie brauche.«

Sie wartete, bis Pirker die Tür hinter sich zugemacht hatte. Dann legte sie die Zigaretten auf den Tisch. »Wollen Sie eine?«

»Ich rauche nicht. Darf nicht. Wegen meines Asthmas.«

»Das findet man selten«, meinte Marlies. »Einen jungen Burschen, der nicht raucht. Obwohl es ja gesünder ist. Aber die meisten rauchen einfach nur, um in zu sein. Damit sie nicht schief angeschaut werden von den anderen.«

»Ja, ich weiß. Die machen sich manchmal ganz schön lustig. Da …« Er hielt inne. »Das ist manchmal ganz schön hart.«

»Wie gefällt Ihnen Ihr Job in dem Architekturbüro?«, fragte Marlies. »Ist das interessant?«

»Ach, ich weiß nicht. Ich mache nur – solche Sachen. Ausmessen und Pläne zeichnen und so. Eigentlich wollte ich das nicht wirklich machen, aber …«

»Was wollten Sie denn machen?«

Er versuchte nachzudenken und stellte fest, dass nichts in ihm war, das er hätte hervorholen können, um sie zu beeindrucken. »Ich – weiß nicht.«

»Aber irgendetwas an Ihrem Job muss es doch geben, das Ihnen gefällt?«

»Doch, ja. Ich – ich mag die hohen Gebäude. Wenn man ganz oben steht, und alles unter einem ist so klein und winzig, dann – das ist so ein Gefühl, als wäre …«

»Als wäre man der Größte?«

Er sah sie an. Dann senkte er den Kopf. »Ja«, murmelte er. »Der Größte.«

Marlies versuchte an die toten Frauen zu denken und wie sie ausgesehen hatten, aber sie konnte nicht verhindern, dass er ihr leidtat. Das Leben stellte verrückte Dinge mit den Menschen an. Und die, denen es nicht ihre gerechte Chance gab, konnte es verrückt machen.

»Deshalb haben Sie die Leichen ins oberste Stockwerk hinaufgeschafft«, sagte sie leise.

Christian Horvath antwortete nicht. Schließlich sagte er trotzig: »Sie können mir nichts beweisen. Gar nichts.«

»Doch, das können wir«, log Marlies. »Sie sind der Einzige, der infrage kommt. Der Einzige, auf den alle Indizien passen. Und der ein Motiv hatte.«

»Was für ein Motiv?«

»Ich kann es mir denken. Aber ich möchte es von Ihnen hören.«

Er lachte bellend. »Was Sie sich schon denken können!«

Marlies beugte sich vor. »Wie war das, als Sie zum ersten Mal eine Prostituierte mitgenommen haben?«, fragte sie scharf. »Das war nicht so, wie Sie es sich vorgestellt hatten, nicht wahr? Diese Mädchen von der Straße fassen einen nicht gerade mit Samthandschuhen an …«

Es war ein Schuss ins Blaue, aber er traf. Christian Horvath sah sie an, als hätte sie ihn ins Gesicht geschlagen.

»Das sind alles – alles ganz –«, er stammelte Unzusammenhängendes, »die sollte man …«

»Ja?«

»Die bilden sich ein, dass sie irgendwas Besonderes sind. Besonderes, ha! Was das schon ist!«

»Es hat nicht funktioniert, ja?«, sagte Marlies.

»Das war doch nicht meine Schuld.« Er wischte sich die Augen. »Ich habe das doch nie gemacht, und ich – sie hätte nicht lachen dürfen. Das hätte sie einfach nicht tun dürfen …«

»Nein, das hätte sie nicht tun dürfen«, sagte Marlies.

Sie stand auf und ging ans Fenster. Hinter ihr weinte Christian Horvath leise vor sich hin.

Draußen war es dunkel geworden. Ein einzelner Fußgänger huschte wie ein graues Phantom den Gehsteig entlang. Der gegenüberliegende Häuserblock lag bereits im Schatten, massiv und wuchtig vor einem blauschwarzen Himmel.

Ein Junge wird in seiner männlichen Eitelkeit gekränkt und richtet ein Blutbad an. Ein siebzehnjähriges Mädchen schießt in der U-Bahn einen Passanten nieder …

Was ist das bloß für eine Welt?, dachte Marlies.

Sie drehte sich um, als die Tür aufging. Pirker schaute herein. Sie bedeutete ihm ein »Nicht jetzt« und ging mit ihm hinaus auf den Gang.

»Das ist der Bericht vom Erkennungsdienst. Vorläufig«, sagte Pirker. Er reichte ihr eine Mappe mit ein paar losen Blättern. »Außerdem hat der Chef angerufen. Sie sollen sich auf jeden Fall noch bei ihm melden, egal, wie spät es ist. Entweder im Ministerium oder zu Hause.«

Marlies ging rasch den Bericht durch. Nemeth hatte im Reifenprofil von Christians Wagen Spuren von Wald Erde gefunden, unter dem Kotflügel klebten ein paar Tannennadeln. Im Kofferraum lag ein Paar Plastikhandschuhe, sorgfältig abgewaschen. Es gab keine Blutspuren.

Sie gab Pirker die Mappe zurück. Das reichte noch nicht. »Warten Sie im Büro«, sagte sie. »Ich rufe Sie, wenn ich Sie brauche.«

»Sollte ich nicht lieber dabei sein? Ich meine nur, weil …«

»Ich glaube, ich komme besser mit ihm zurecht, wenn wir allein sind. Es wird nicht mehr lange dauern.«

Sie wusste, dass sie die Vorschriften zurechtbog, aber sie wusste auch, dass Christian Horvath einem Mann gegenüber nie das alles zugegeben hätte. Es konnte auch von Vorteil sein, wenn man nicht für voll genommen wurde.

Christian schluckte und schluchzte trocken, als sie wieder ins Zimmer kam. Sie gab ihm ein Taschentuch. Das war auch etwas, was ein Mann nie bei sich hatte. Sie setzte sich ihm gegenüber.

»Ich kann mir denken, was jetzt in dir vorgeht«, sagte sie. »Du denkst an deine Eltern. Die Leute im Büro. Was sie sagen werden, wenn sie davon hören …«

»Müssen – müssen sie es denn erfahren? Meine Eltern …«

»Ich könnte dir helfen«, schlug Marlies vor. »Wenn du uns freiwillig alles erzählen würdest, dann brauchten wir nicht andere danach zu fragen. Die Sache würde nicht so in der Öffentlichkeit breitgetreten. Das willst du doch auch nicht, oder?«

Christian schüttelte den Kopf. »Nein. Nein, sicher nicht. Aber – ich möchte nicht mit meinen Eltern reden müssen. Versprechen Sie mir das? Ja?«

»Ja, das verspreche ich dir.«, sagte Marlies und schaltete das Aufnahmegerät ein.

Er erzählte alles.

Wie er die Mädchen aufgegabelt hatte.

Wo er mit ihnen hingefahren war (in einen kleinen Wald am Kahlenberg. Er erzählte ihnen, seine Eltern besäßen dort eine Weinkellerei, die er ihnen zeigen wollte).

Wie er sie getötet hatte (mit einem amerikanischen Army-Messer, das er aus einem Katalog bestellt hatte). Die Kleider der Toten steckte er auf dem Heimweg in irgendeine Mülltonne.

Dann schaffte er die Leichen so hoch hinauf, wie er nur konnte. Auf den Gipfel seiner Welt. Es war sein letzter und einziger Triumph.

Er erzählte unbefangen, mit akribischer Genauigkeit, als würde er einen Schülerausflug beschreiben.

Es tat ihm nicht leid.

Kein bisschen.

Nur vor den Reaktionen seiner Umwelt hatte er Angst. Aber vielleicht war diese Angst so gut wie jede andere Strafe.

5

Marlies stand vom Tisch auf. Es war weit nach Mitternacht. Sie fühlte sich erschöpft und ausgelaugt.

Der Abend schien länger gedauert zu haben als irgendein anderer Abend zuvor. Ein ganzes Leben war an ihr vorbeigezogen. Ein armseliges, unbedeutendes, kleines Leben. Aber sie war zu müde, um zu entscheiden, ob sie beim Gedanken an Christian Horvath Mitleid oder Entsetzen empfand.

»Wir werden das alles aufschreiben«, sagte sie. »Dann brauchst du es nur noch zu unterschreiben. Niemand wird dir mehr Fragen stellen. Jedenfalls nicht im Moment.«

»Und was – was geschieht mit mir?«

Er sah sie an, als wäre sie der einzige Mensch auf der Welt. Und vielleicht war sie das auch. Der einzige Mensch, der ihn noch an die Wirklichkeit band.

»Du bleibst heute Nacht hier. Du kommst in eine Zelle. Das ist nicht so ungemütlich, wie es klingt. Morgen früh wird entschieden, was weiter mit dir geschieht.«

»Werden Sie da sein?«

»Ja, natürlich«, erwiderte Marlies. »Natürlich werde ich da sein.«

Sie ging zur Tür.

»Könnte ich vielleicht etwas zu essen haben?«, fragte Christian. »Ich hatte heute noch nichts. Nur ein Wurstbrot in der Mittagspause.«

»Ich werde sehen, dass sie dir etwas bringen.«

Der Gang vor dem Vernehmungszimmer war kühl und düster. Ein Wachebeamter war auf einem unbequemen Holzsessel eingenickt. Marlies stieß ihn an.

»Passen Sie auf«, sagte sie. »Ich gehe in mein Büro.«

Die meisten anderen Büros waren schon dunkel. Nur unter Helmuts Tür brannte noch Licht. Marlies zögerte einen Moment, dann klopfte sie und ging hinein.

Es war nur Helmut da. Er stand am Fenster, mit dem Rücken zu ihr. Als er die Tür hörte, drehte er sich um.

»Du bist noch da«, sagte Marlies unnötigerweise.

So wie er dastand, in Hemdsärmeln, die Hände in den Hosentaschen, kam er ihr immer noch ungeheuer stark und solide vor. Wie der Mann, den sie vor Jahren geheiratet hatte.

Sie selbst fühlte sich aus unerfindlichen Gründen den Tränen nahe, und sie wünschte, auf ihn zugehen und sich von ihm in die Arme schließen lassen zu können. Aber dazu war es zu spät.

»Ich habe auf dich gewartet«, sagte Helmut. »Ich muss mit dir reden.«

»Ich bin wirklich sehr müde«, meinte Marlies.

Helmut machte einen Schritt auf sie zu. Sein Gesicht wirkte eingefallen, tiefe Ringe lagen unter seinen Augen.

Er war alles, was sie jemals wollte.

Der einzige Mann, den sie je geliebt hatte.

Aber Liebe war ein Märchen.

Das Leben war es nicht.

»Können wir es nicht noch einmal zusammen versuchen?«, fragte Helmut. »Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe. Aber das hast du auch. Wir sind beide nicht schuldlos daran. Wenn …«

»Es geht nicht«, sagte Marlies. »Es geht einfach nicht mehr. Siehst du das nicht ein? Der einzige wirkliche Fehler, den wir gemacht haben, war der, zu heiraten. Und den will ich jetzt rückgängig machen. Für uns beide.«

»Was steckt wirklich dahinter? Der einzige Fehler, den wir gemacht haben, war der, zu heiraten. Das ist doch nur eine alberne, hohle Phrase. Was soll das schon heißen? Ich will jetzt endlich den wahren Grund erfahren. Darauf habe ich ein Anrecht, findest du nicht? Also, was ist es? Ein anderer Mann? Ist es das? Ein anderer Mann?«

»Es ist kein anderer Mann«, sagte Marlies.

»Was dann? Na schön, wir haben gestritten. Das tun andere auch. Denkst du, wir sind die Einzigen, bei denen es Schwierigkeiten gibt? Aber man kann doch …«

»Es ist vorbei, Helmut. Begreif das doch endlich! Es ist vorbei. Ich – liebe dich nicht mehr.«

Es fiel ihr schwerer als irgendetwas sonst, das zu sagen. Und sie war sich nicht einmal sicher, ob es überhaupt stimmte. Aber Liebe hatte nicht wirklich etwas damit zu tun.

Die Liebe, die sie für ihn empfand, war ein plötzliches Gefühl, das sie überkam, wenn sie den Eindruck hatte, einen anderen Menschen zu brauchen. Sie hielt einfach nicht an. Nicht all die langen Tage und Nächte, auf der Straße, in den Vernehmungszimmern, im alltäglichen Trott.

Es war ihre eigene Unzulänglichkeit, die eine Ehe unmöglich machte.

Aber wie sollte sie ihm das begreiflich machen?

»Du hast immer alles erreicht, was du wolltest, nicht wahr?«, sagte Helmut, und ein Schatten von Bitterkeit huschte über sein Gesicht. Eine Resignation, die sie an ihm nicht kannte. »Du wolltest meinen Job, du wolltest mich, aber das ist dir nicht mehr genug …«

»Helmut, bitte …«

»Du hast mir alles genommen, was ich hatte. Meine Arbeit, meine Position, musst du mir auch noch mein Leben nehmen?«

»Helmut …«

»Ich höre, du hast den Fall gelöst. Ist es dieser Junge, den Pirker heute hergebracht hat? Willst du dem die Morde in die Schuhe schieben? Das sollte doch sogar für dich zu billig sein. Der arme Kerl kann dir doch nicht das Wasser reichen.«

»Er hat immerhin vier Morde begangen.«

»Bist du dir da ganz sicher? Oder willst du nicht eher deinen Ehrgeiz befriedigen? Die beste Polizistin der Stadt, die ihre Fälle in neuer Rekordzeit löst! Egal, wer dafür büßen muss …«

»Was willst du damit sagen?«

Er sah sie mit einem merkwürdigen Ausdruck an. Sie dachte, dass er sie hassen musste, aber das war es nicht, was sie in seinen Augen las. Er schien sie abzuschätzen, so wie ein Langstreckenläufer seine Konkurrenten abschätzt, um herauszufinden, wie stark sie sind.

»Diesem Jungen ein Geständnis zu entlocken ist keine große Kunst. Warum suchst du dir nicht einen Gegner, der dir gewachsen ist? Jemanden von deiner Statur. An dem du vielleicht zerbrechen könntest. Das ist wahres Risiko, Marlies. Erst daran zeigt sich, wer der Beste ist.«

»Ich tue meine Arbeit«, sagte Marlies. »Und ich tue sie gut. Ich brauche deine Belehrungen nicht.«

Sie wollte zur Tür gehen, aber dann drehte sie sich noch einmal um. »Müssen wir denn wirklich so auseinandergehen? Könnten wir nicht – Freunde bleiben?«

»Freunde? Ich finde, du verlangst ein bisschen viel. Schließlich wollen wir uns scheiden lassen. Du willst dich scheiden lassen. Ich kenne nicht einmal den Grund dafür.«

Sie waren wieder am Anfang des Gesprächs angelangt. Marlies seufzte. »Ich muss meinen Bericht schreiben.«

Aber Helmut machte einen raschen Schritt nach vorn und versperrte ihr den Weg. »Du willst deine Lorbeeren einsammeln? Dann pass gut auf! Ich habe ein Abschiedsgeschenk für dich.«

Er holte unvermittelt aus und schlug ihr ins Gesicht. Hart und wuchtig.

»Jetzt«, sagte er, »hast du zumindest einen Scheidungsgrund.«

Dann wandte er sich ab und ging zurück ans Fenster. Marlies stand einen Augenblick stockstill. Der Schlag brannte auf ihrer Wange.

Das war alles, was nach sieben Jahren übrig war. Die letzte Gemeinsamkeit.

Sie drehte sich langsam um und verließ das Zimmer. Vor ihrer eigenen Bürotür blieb sie einen Moment stehen, um wieder zu Atem zu kommen und sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen, damit Pirker nichts merkte.

»Er hat alles zugegeben«, sagte sie, als sie die Tür öffnete.

Pirker sprang von seinem Schreibtisch auf. »Ehrlich? Ist ja toll!«

Marlies hatte schon zum Telefon gegriffen. »Ich verständige den Untersuchungsrichter. Dann lassen wir ihn das Geständnis unterschreiben. Sorgen Sie dafür, dass er in der Zwischenzeit etwas zu essen bekommt.«

»Was ist mit Ihrem Gesicht passiert?«, fragte Pirker. »Sie sind ganz rot …«

»Tun Sie jetzt, was ich gesagt habe!«, unterbrach Marlies ihn unwirsch. »Ich will nicht die ganze Nacht hier herumsitzen.«

Es war ihr egal, wie spät es war und wie ärgerlich der Untersuchungsrichter klang, als sie ihn aus dem Bett holte. Eine kleine Genugtuung hatte sie sich verdient.

»Der Junge, von dem ich Ihnen heute Morgen erzählt habe – pardon, gestern Morgen – er hat ein volles Geständnis abgelegt. Sie brauchen ihn nur noch abzuholen.«

»Wollen wir hoffen, dass er es nicht widerruft«, sagte der Untersuchungsrichter und legte auf.

Marlies verließ das Gebäude des Bundeskriminalamts gegen vier Uhr früh. Es war noch dunkel. Ein früher Reif lag auf dem Stiegen-Geländer, das zum Eingang führte. Auf der Straße war keine Menschenseele zu sehen.

Sie hatte mit Hofrat Wagreiter telefoniert und Christian Horvaths Geständnis auf seinen Schreibtisch gelegt. Das Vernehmungsprotokoll war von ihr und Pirker unterzeichnet.

Sie hatte es ihrem Assistenten vorgelegt, und er hatte anstandslos seinen Namen daruntergesetzt. Er wusste offenbar nicht, dass er damit eigentlich eine strafbare Handlung beging, und Marlies hütete sich davor, es ihm zu sagen.

Damit war der Fall für sie erledigt. Was von jetzt an mit dem Jungen geschah, ging sie nichts mehr an.

Darüber sollte sie eigentlich froh sein. Trotzdem verspürte sie ein vages Gefühl der Verantwortung. Wem gegenüber, konnte sie allerdings nicht sagen. Vielleicht war es auch die Auseinandersetzung mit Helmut, die ihr zusetzte.

Ich bin müde, sagte sie sich selbst. Ich muss mich einmal richtig ausschlafen, bevor ich umkippe.

Unter dem üblichen Berg von Postwurfsendungen, der hinter ihrer Wohnungstür lag, befand sich auch ein Brief ihrer Mutter. Sie erkannte sofort die altmodische, extrem kleine Handschrift, die fast nicht zu entziffern war.

»Liebe Marlies, ich schreibe Dir, weil ich Dich telefonisch einfach nicht erreichen kann, und im Büro will ich Dich nicht anrufen, das weißt Du ja. Bist Du denn nie zu Hause, Liebes? Ich glaube, Du arbeitest zu viel. Warum kommst Du nicht wieder einmal vorbei? Einfach nur so, zum Plaudern. Aber wenn Dir das nicht ausgeht, vielleicht hast Du am fünfundzwanzigsten Zeit? Wir, das heißt Dein Vater hat ein paar Gäste eingeladen, die Treudls und die Ritters, Du kennst sie alle. Komm doch auch, Liebes. Wir würden uns so freuen. In Liebe, Deine Mutter.«

Es sah ihrer Mutter ähnlich, einen Brief zu schreiben. Immer die Form wahren. Mailboxen und Anrufbeantworter waren ihr zu gewöhnlich.

Marlies konnte sie vor sich sehen, wie sie sich mit der Abfassung des Schreibens abplagte, um die passende Formulierung rang.

Ich muss sie anrufen, dachte Marlies.

Aber nicht jetzt.

Nicht heute.

Irgendwann.

Sie stellte den Wecker auf sieben Uhr und schlief sofort ein.

Am Donnerstag kam der Untersuchungsrichter, stellte Christian Horvath noch einmal dieselben Fragen, brachte noch einmal dieselben Beschuldigungen vor.

Der Junge hatte mittlerweile einen Anwalt, seine Eltern waren verständigt worden, alle redeten gleichzeitig auf ihn ein, wo er doch in Wahrheit nur seine Ruhe haben wollte, und Marlies konnte sehen, wie er immer verschreckter und verwirrter wurde.

Er redete nicht viel, nickte nur zu allem, was man ihn fragte, oder murmelte Unverständliches.

Als Marlies das Zimmer verließ, warf Christian Horvath ihr einen Blick zu. Sie wusste, was er dachte. Davon hatte sie ihm nichts gesagt.

Vielleicht war das die eigentliche Strafe: die Zeit von der Verhaftung bis zur rechtskräftigen Verurteilung.

Das war die Hölle.

Wagreiter berief eine Pressekonferenz ein und präsentierte den Journalisten seinen Mörder. Marlies musste über ihre Untersuchung sprechen, über die Hinweise, die sie schließlich auf die Spur des Täters gebracht hatten. Natürlich kam auch zur Sprache, dass sie den Fall von ihrem eigenen Ehemann übernommen hatte. Ein gefundenes Fressen für die Journalisten.

Pirker rutschte in einem neuen Anzug auf seinem Sessel herum und bemühte sich, lässig auszusehen.

Für den Montag wurde ein Lokalaugenschein angesetzt. Mit Pressebeteiligung.

Anschließend wurden Marlies und Pirker ins Innenministerium gefahren und offiziell vom Minister belobigt. Sie hätten dem Wohl der Allgemeinheit einen großen Dienst erwiesen und von seinen eigenen, ganz persönlichen Schultern eine große Last genommen.

Und dann war endlich alles vorbei.

Wagreiter entließ sie großzügig schon am Donnerstagabend ins Wochenende.

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    Bettina Wagner (Autor)

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Titel: Das fünfte Opfer (Krimi)