Lade Inhalt...

Mordsmäßig verstrickt - Louisa Manus zweiter Fall

(Frauenkrimi, Chick-Lit, Frauenroman)

von Saskia Louis (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Blumenladenbesitzerin Louisa Manu würde „in Mordfälle schlittern“ nicht als ihr Hobby bezeichnen. Dennoch scheint es eins zu werden. Als sie über eine mit zwei unglücklich platzierten Stricknadeln verzierte Leiche stolpert und der Sohn ihrer Angestellten als Tatverdächtiger gilt, bleibt ihr wohl nichts anderes übrig, als Kommissar Joshua Rispo wieder einmal auf die Finger zu treten. Das passt ganz gut, denn mit ihm hat sie ohnehin noch ein Hühnchen zu rupfen …

Impressum

DP_Logo_bronze_150_px

Erstausgabe September 2016

Copyright © 2016 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-960870-76-0

Covergestaltung: Christin Peulecke
unter Verwendung eines Motivs von
© Pezibear/pixabay.com
Lektorat: Janina Klinck

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Unser gesamtes Verlagsprogramm findest du hier

Website

Folge uns, um immer als Erster informiert zu sein

Newsletter

Facebook

Twitter

Buecherregal_bronze_207_px

Mordsmäßig
verstrickt

LOUISA MANUS ZWEITER FALL



Saskia Louis

Kapitel 1

Ein spitzer Schrei ließ mich zusammenfahren. Ich fiel so eilig von meinem Schreibtischstuhl auf den Boden, damit ich unter dem massiven Holztisch hindurchkrabbeln konnte, dass ich einige Blätter und meinen Taschenrechner mitriss.

Hastig rappelte ich mich wieder hoch und stieß die Tür zum Verkaufsraum auf. Mit einem lauten Krachen knallte sie gegen die dahinterliegenden Kühlschränke, in denen ich fertige Blumensträuße aufbewahrte.

„Was ist passiert? Ich bin bewaffnet!“ Meine leeren Hände straften mich Lügen, aber falls jemand Trudi, meine siebzigjährige Verkaufshilfe, angriff, wurde er zumindest abgelenkt.

Doch als ich in den Raum sah, stand da kein Mann mit schwarzer Skimaske über dem Kopf und auch kein Skinhead mit einem Klappmesser. Stattdessen beäugte mich ein junger, leicht verwirrter Paketbote, während meine kleine Schwester die Augen in meine Richtung verdrehte.

„Herrgott, Lou! Du hast uns vielleicht erschreckt.“

Ich hatte sie erschreckt? Wenn jetzt noch ein Vogel gegen die Fensterscheibe klatschte, würde ich an einem Herzinfarkt verrecken! „Emily Manu, du kannst hier nicht herumschreien, als ob der Typ aus Psycho auf dich losgehen würde!“, fuhr ich sie an. „Ich war kurz davor, die Polizei zu rufen.“

Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht einmal eine Zehntelsekunde daran gedacht, die Polizei anzurufen. Was vielleicht nicht für meinen gesunden Menschenverstand sprach, da ich gegen einen Einbrecher oder Räuber in etwa so viel hätte ausrichten können wie eine Fliege gegen eine Spinne. Eine Fruchtfliege.

Emily, körperlich zwei, seelisch zehn Jahre jünger als ich, sah mich mitleidig an. „Du bist eine solche Spielverderberin, seitdem du den Finger gefunden hast.“

„Es war ein Menschenfinger. Da habe ich wohl das Recht ...“

Meine Schwester ahmte mit ihrer Hand einen plappernden Mund nach. „Willst du das jetzt ewig als Grund dafür nehmen, dass du ein Angsthase bist?“

Ewig? „Es ist drei Monate her.“

„Du sagst es. Drei lange Monate. Wir haben ein neues Jahr. Und dieses Jahr hast du noch keinen Finger gefunden, also beruhige dich und lass dir ein paar Eierstöcke wachsen.“

Sie wandte sich von mir ab und riss dem Boten das Paket aus der Hand, der sich etwas peinlich berührt die Falten seiner ungebügelten, schwarz-gelben Uniform glatt strich. Erfolglos.

„Wo muss ich unterschreiben?“, fragte Emily und reichte das Paket an Trudi weiter, die hinter der Theke stand. Sie zog es enthusiastisch an sich und wurde vor Aufregung ganz rot.

Der junge Mann warf mir einen ängstlichen Blick zu, zeigte Emily jedoch trotz meines düsteren Blickes, wo sie die Paketannahme bestätigen sollte.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, ließ sie aber nach einigen Momenten wieder sinken. Vielleicht hatte sie ja recht. Seitdem ich vor knapp drei Monaten einen abgehackten Finger im Sperrmüll gefunden hatte und eine Woche später beinahe von einer durchgeknallten Irren mit einem Messer erstochen worden war, war ich etwas empfindlich, wenn Menschen anfingen zu schreien. Aber ... Moment.

Ich starrte auf meine Schwester und dann auf den Paketboten.

Wieso war Emilys Paket hierher geschickt worden? Pakete wurden nicht zu meinem Laden geschickt. Nur die Blumenbestellungen und ...

„Emmi, hast du wieder meinen Amazon-Account gehackt?“

Meine kleine Schwester hob eine Schulter an und gab dem Mann den Stift zurück. „Wenn du nicht willst, dass man ihn benutzt, solltest du dein Passwort in etwas anderes als 123Schokolade ändern.“

„Du bist kriminell! Darf ich dich daran erinnern, dass du im Moment überhaupt nur hier bist, weil du deine Schulden bei mir abarbeiten musst?“

„Ja – und wieso habe ich diese Schulden wohl?“

„Weil du nicht mit Geld umgehen kannst?“, schlug ich vor.

Sie verdrehte die Augen. „Nein. Weil du mir meine Bildung verwehren wolltest.“

Ich schnaubte. „Anziehsachen sind keine Bildung.“

„Da würde Karl Lagerfeld etwas anderes sagen.“

„Du bist aber nicht Karl Lagerfeld!“

„Vielleicht will ich ja Karl Lagerfeld werden! Das weißt du doch gar nicht.“

Ich warf die Hände in die Luft. „Nach drei Minuten mit einer Nähmaschine hättest du wahrscheinlich dein Ohr an einen Rock getackert!“

„Darf ich gehen?“

Abrupt sahen wir beide auf.

Der Paketbote stand immer noch in der Mitte des Raumes, das blasse Gesicht angespannt, die Schultern nach oben gezogen, sodass sein aschblondes Haar sie streifte.

Ich warf ihm einen wütenden Blick zu, was ihn dazu veranlasste, aus der Tür zu fliehen. Irgendwie hatte ich diesen Effekt auf Männer.

Emily ging um den Verkaufstresen herum und holte ein Cuttermesser aus einer der Schubladen hervor, um sich an das Paket zu machen.

„Emily“, seufzte ich und rieb mir mit der flachen Hand über die Stirn, „du kannst mich nicht dauernd bestehlen.“

„Dann ruf doch deinen Polizisten an und lass mich verhaften.“

Das würde ich ja gerne, nur … redete ich im Moment nicht mit ihm.

Ich öffnete den Mund und schloss ihn Sekunden später wieder, um ihn dann verkniffen zusammenzupressen.

Emily schnaubte. „Ich sag es dir ja nur ungern, aber gerade erinnerst du mich sehr an Mama. Wenn jetzt noch die Ader auf deiner Stirn anfängt zu pochen …“

„Ich habe dir frische Kekse auf den Schreibtisch gestellt!“, warf Trudi ein, die genau wusste, dass das Gespräch nur noch bergab gehen konnte, wenn Emily mich mit unserer Mutter verglich. „Du siehst aus, als könntest du Zucker gebrauchen. Mein Günter hat immer gesagt, dass ein Keks in jeder Lebenslage hilft.“

Und schon lief sie in mein Büro, um Hilfe zu holen.

Trudi war Witwe, unglaubliche Bäckerin und die unfähigste Angestellte, die man sich vorstellen konnte. Sie konnte Pflanzen mit nur einem Blick zum Verwelken bringen, was angesichts der Tatsache, dass ich einen Blumenladen führte, nicht immer von Vorteil war.

Sie war siebzig, vergesslich, hatte stahlgraue Locken, die bei jedem ihrer Schritte wippten, und war grundsätzlich der Meinung, dass alte Leute sagen durften, was sie wollten. Ganz einfach aus dem Grund, dass das Leben zu kurz war, um es nicht zu tun. Ich hätte sie eigentlich nie einstellen dürfen, aber … hatte ich erwähnt, dass sie eine unglaubliche Bäckerin war?

Es war wirtschaftlich gesehen vielleicht nicht ganz ratsam, Backkünste über berufliche Kompetenz zu stellen, aber falsch konnte es auch nicht sein. Nicht, wenn es bedeutete, dass ich jeden Tag die Kekse essen konnte, von denen Trudi mir gerade einen in den Mund schob.

Karamell-Nuss. Ich konnte es nicht beweisen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass diese Kekse den Weltfrieden herbeiführen könnten.

Trudi bot auch Emily ein Plätzchen an, doch die schüttelte nur den Kopf. „Nein, danke. Ich sollte auf meine Linie achten. Ich sehe ja, was sonst in zwei Jahren aus mir wird.“

Mit den Wimpern klimpernd warf sie mir einen Blick zu.

Weltfrieden vorbei.

Ich schnappte nach Luft, hatte aber leider noch Keksstückchen im Mund. Ich verschluckte mich und musste mich röchelnd über den Verkaufstresen legen, um wieder zu Atem zu kommen. Emily störte sich nicht daran, sondern schlüpfte aus ihren Winterstiefeln, um die High Heels, die aus dem Paket zum Vorschein gekommen waren, anzuprobieren. Sie waren orange – passend zu ihrer derzeitigen Haarfarbe.

„Da habe ich eine gute Investition getätigt“, sagte sie selbstzufrieden und bewunderte ihre Füße.

„Meinst du nicht eher, dass ich eine gute Investition getätigt habe?“, hustete ich.

„Oh ja. Stimmt. Danke dafür! Trudi, was sagst du? Kann ich mir so einen reichen Ehemann angeln?“

Ich stöhnte und hielt es für besser, wieder zurück in mein Büro zu gehen. Ich liebte Emily, wirklich, aber das hielt mich nicht davon ab, ihr regelmäßig mit dem Griff einer Gartenschere etwas Verantwortungsbewusstsein in den Kopf klopfen zu wollen. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren war ihr Berufswunsch immer noch Prinzessin. Wenn das mit der Prinzessin nicht klappte, hielt sie sich eine Option als It-Girl offen. Eigentlich studierte sie Ethnologie – oder tat so, als würde sie Ethnologie studieren, die Uni besuchte sie zumindest fast nie. Wirklich begabt schien sie allerdings nur darin, mich zur Weißglut zu bringen. Aber hey! Wenigstens diese Fähigkeit verfolgte sie mit regem Interesse.

Kopfschüttelnd drehte ich ihr und Trudi den Rücken zu. Meine Angestellte war gerade dabei, Emily zu erzählen, welche reichen Junggesellen Köln zu bieten hatte und das nahm ich als Anlass dazu, die Tür hinter mir zu schließen.

Mein Handy vibrierte, ich zog es aus der Hosentasche und lugte auf das Display. Eine SMS von Rispo.

Plötzlich wollte ich die Gartenschere gerne für meinen Kopf benutzen. Eine andere Lösung dafür, wie ich ihn aus meinem Kopf bekommen sollte, sah ich zurzeit nicht.

Joshua Rispo. Wenn ich seinen Namen nur las, wollte ich laut aufstöhnen. Vor Lust und vor Verärgerung.

Rispo war wie eine Schokotorte. Ich wollte ihn, wusste aber gleichzeitig, dass er schlecht für mich war und große Veränderungen meines Körpers herbeiführen könnte.

Er arbeitete bei der Kripo, hatte dunkle Augen, die nach Sünde schrien, ebenso dunkle Haare, die meine Hand in ihre Richtung zucken ließen – und ein Mundwerk, das meine Hand ebenfalls in seine Richtung lockte. Allerdings in Form einer Faust.

Seitdem ich mich vor drei Monaten in die Polizeiarbeit eingemischt hatte, beinahe von einer Verrückten getötet und von ihm mit einer Ohrfeige aus meiner Ohnmacht geweckt worden war, hatte er einen nicht unerheblichen Teil meiner Gedanken eingenommen.

Im Moment war ich auf diesen Teil jedoch ziemlich wütend.

Ich öffnete die Nachricht.

Du gehst nicht ans Telefon. Bist du sauer?

Jetzt wusste ich auch, warum er ein so guter Kommissar war. Seine Spürnase war unschlagbar.

Ich rede nicht mit dir, tippte ich zurück und drückte auf »Senden«.

Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis die Rücknachricht kam.

Warum nicht?

Aus offensichtlichen Gründen!

Frau-offensichtlich?

Offensichtlich-offensichtlich!

Aha. Und wann redest du dann wieder mit mir?

Sobald ich drüber hinweg gekommen bin, dass du ein Blödmann bist.

Kurze Stille.

Ich habe keine Ahnung, was los ist.

Ich schob das Handy in die Tasche.

Er hatte keine Ahnung, was los war! Im Duden hinter dem Wort ‚Mann‘ sollte Geschöpfe, die keine Ahnung haben, leider aber zur Erhaltung der menschlichen Rasse benötigt werden stehen.

Ich ließ mich auf die Knie sinken, krabbelte unter dem Schreibtisch durch, der zu beiden Seiten die Wand berührte, und hob meinen Taschenrechner auf. Ich würde Emilys Schulden berechnen. Wenn das so weiterging, hatte ich für den Rest meines Lebens eine kostenlose Angestellte.

Eine Stunde und tausend Keks-Kalorien später war es kurz nach eins und Emilys Schuhe schienen sich selbst abbezahlt zu haben. Wie gut, dass das Geld in meine Kasse ging.

Ihre Verkaufsstrategie war simpel: Brust raus, Hüfte geneigt, viel kichern und sehr viel mit den Wimpern klimpern. Die Männer kauften wie verrückt – solange ihre Freundin nicht neben ihnen stand. Mann, wieso hatte ich noch nie versucht, mich für meine Blumen zu prostituieren?

Aber andererseits hatte ich auch keine 90-60-90-Maße. Ich war zufrieden mit meinem Körper, obwohl Emily schon recht hatte … Trudis Kekse taten mir nicht unbedingt gut.

Ich sollte Sport machen. Morgen. Oder nächste Woche.

Sollte man mit Sport nicht immer an einem Montag anfangen? Heute war Mittwoch, das konnte nicht gut sein. Außerdem hatte ich gelesen, dass man mit drastischen lebendverändernden Maßnahmen nicht bei Vollmond anfangen sollte. Sport wäre eine drastische Veränderung und ich war mir ziemlich sicher, dass der Mond heute Abend zumindest fast voll sein würde.

Alles sprach gegen Sport und für Kekse.

Es war nicht meine Schuld! Ich hatte es wirklich versucht.

Ich nahm mir noch einen und beobachtete Emily dabei, wie sie einem Mann gerade erklärte, dass eine einzelne Rose keine Frau beeindrucken würde, sondern dass er schon mindestens ein Dutzend nehmen müsse, um nicht geizig zu wirken.

„Sie wäre erstklassig darin, einen reichen Ehemann zu finden“, bemerkte Trudi fachmännisch und ließ etwas in den Eimer Wasser mit Schnittblumen fallen.

„Sie soll aber keinen reichen Ehemann finden“, erinnerte ich sie. „Sie soll ihren Ehrgeiz und dann einen Job finden.“

„Also, für mich hat das mit dem Ehemann wunderbar funktioniert“, widersprach sie, während ich wieder hörte, wie etwas auf den Grund der Vase fiel. „Aber das Arbeitsleben ist auch ganz spannend. Obwohl mir die Beerdigungen nicht mehr so gefallen. Am Anfang war es ja noch aufregend, aber seit du mir verboten hast, darauf zu wetten, wer als erstes anfängt zu weinen, hat es seinen Reiz verloren.“

Für mich war der Reiz, Trudi auf Beerdigungen mitzunehmen, auch verloren gegangen. Zumindest seitdem sie den katholischen Pastor gefragt hatte, ob er Sex sehr vermisse oder ob er einfach nie welchen gehabt hätte. Ich war überrascht gewesen, dass sie nicht auf der Stelle von einem Blitz getroffen worden war. Wenn es einen Gott gab, dann hatte er offensichtlich Humor.

Wieder ertönte ein Ploppen und verwirrt sah ich Trudi dabei zu, wie sie erneut etwas in die Vase warf. „Trudi, was lässt du da in die Vase fallen?“

„Geld!“

Ich blinzelte. „Trudi … das ist eine Blumenvase und kein Wunschbrunnen.“

Ihre Hand hielt inne und sie sah auf. Ihr Gesicht hatte so viele Falten, dass es mich in den Fingern juckte, mit dem Bügeleisen darüberzugehen.

„Kai hat mir gezeigt, wie ich mit dem Internetz umgehen muss und Herr Google hat mir gesagt, dass Kupfermünzen dafür sorgen, dass Schnittblumen länger leben.“

Kai war ihr Sohn und Herr Google ihr neuer bester Freund. Es lohnte sich nicht, ihr zu erklären, dass Google keine Person, sondern nur eine Suchmaschine war.

„Herr Google hat keine Ahnung“, stellte ich fest, nahm die Schnittblumen aus dem Wasser und griff in die Vase, um die Münzen wieder herauszufischen. „Das ist ein Mythos. Die Münzen können gar nicht genug Kupferionen abgeben, um auch nur die geringste Wirkung zu erzielen.“ Ich selbst hatte in der dritten Klasse ein zweiwöchiges Experiment durchgeführt, das diese These bestätigte. Ich legte die Cent-Stücke wieder vor Trudi auf den Tresen. „Behalt dein hart verdientes Geld.“

Empört schüttelte Trudi den Kopf. Ihre grauen Locken wippten mit. „Ich werde eine Beschwerde bei Herrn Google einreichen, dafür, dass er falsche Informationen abgibt. Ich will Schadensersatz.“

Ich schmunzelte. Wenn das Internet Schadensersatz für falsche Informationen leisten müsste, dann wäre es längst bankrott. „Das brauchst du nicht“, erklärte ich Trudi und tätschelte ihre Schulter. „Ich bin sicher, seine Scham darüber, dass er dich verwirrt hat, ist Strafe genug.“

Sie nickte, wenn auch ein wenig nachdenklich. Doch als Sekunden später das Telefon klingelte, hatte sie ihren Enthusiasmus schon wiedergefunden.

„Ich mach das“, sagte sie stolz und hob ab. „Hallo, hier bei Louisa’s …“ Sie hielt inne.

„… Flower Power“, half ich ihr nach und deutete auf den Schriftzug über meiner Brust.

Sie nickte. „Das wusste ich. Hier bei Louisa’s Flower Power, was kann ich für Sie tun? Oh, Kai! Ich habe gerade über dich geredet.“

Ich sollte sie wirklich dazu zwingen, das T-Shirt mit dem Logo und dem Schriftzug zu tragen. Wenn sie schon den Namen immer vergaß.

Bis jetzt schien ich allerdings die Einzige zu sein, die die Arbeitsuniform trug. Trudi „verlegte“ sie andauernd oder „wusch sie zu heiß“, während Emily mir ins Gesicht gesagt hatte, dass sie nichts tragen würde, dessen Ausschnitt bis zum Hals ging und hellgrün war. Mir war schleierhaft, wie sie Orange in ihren Haaren okay, aber Hellgrün auf der Brust verwerflich finden konnte.

Mein Handy vibrierte und als ich das Display anschaltete, war da wieder eine Nachricht von Rispo.

Weiß immer noch nicht, was los ist. Bist du jetzt absichtlich kompliziert?

Ich verdrehte die Augen, schrieb aber nicht zurück. Ich war nicht seine Freundin, somit also keineswegs dazu verpflichtet, ihm aufzuschreiben, was genau er falsch gemacht hatte.

Meine Güte, wie konnte er das nicht wissen? Er war Polizist, verdammt! Sollte er da Hinweise nicht vernünftig deuten können?

Trudi hatte aufgelegt und wischte die nassen Cent-Stücke an ihrer Kleidung ab, bevor sie mich anlächelte. „Lou, tust du einer alten Frau einen Gefallen?“

„Ich würde auch einer jungen Frau einen Gefallen tun.“
„Nun, ich sehe vielleicht noch so aus, bin aber keine junge Frau mehr.“

Ich betrachtete Trudis Haut, die schon vor sehr langer Zeit aufgehört hatte, gegen die Erdanziehungskraft anzukämpfen. Vielleicht sollte ich diese Aussage einfach unkommentiert lassen.

„Um was geht es, Trudi?“

„Würdest du zu Kai rüber in den Laden gehen und mir meine Medikamente holen?“

Verdutzt sah ich sie an. „Ich wusste nicht, dass du Medikamente nimmst.“

„Ach“, sie machte eine wegwerfende Handbewegung, „es sind nur ganz kleine Pillen für Herz, Blutdruck, Schilddrüse und Nieren. Ich würde sie ja gar nicht nehmen, wenn der Arzt nicht darauf bestehen würde. Ich brauch sie auch nur dreimal am Tag. Also kein Grund zur Sorge.“

„Trudi!“

„Also, holst du sie? Es sind nur zwanzig Minuten Fußweg. Wenn du zurückkommst, kann ich die Erdnussbutterplätzchen servieren!“

Ich sah mich im Ladenraum um und rang die Hände. Der Kontrollfreak in mir hatte ein großes Problem mit Trudis Vorschlag. „Ah, ich weiß nicht, vielleicht sollte ich lieber Emily schicken …“

Ich liebte sie beide, Trudi und Emily, war mir jedoch bewusst, dass keine von ihnen wissen würde, wie man ein Feuer löschte, aber beide sehr wohl dazu in der Lage waren, eines zu verursachen.

Trudi rümpfte die Nase und sah zur Tür, zu der gerade ein weiterer – männlicher – Kunde hereinkam.

„Hmh“, machte sie und zog die Arme in die weiten Ärmel ihrer grellgelben Tunika zurück. „Also, es ist dein Laden und du bist das Finanzgenie, aber … mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass du dir einen Batzen Geld durch die Lappen gehen lässt, wenn du Emily wegschickst.“

Leider gab mir mein gesunder Menschenverstand dieselbe Auskunft. Die Entscheidung zwischen Geld und Kontrolle war komplex, aber dennoch leicht gefällt.

„Schön“, seufzte ich und griff unter die Verkaufstheke, um meinen Wintermantel überzuwerfen. „Aber ihr zwei solltet wirklich eure T-Shirts tragen. Wenn ich gehe, sieht es nämlich so aus, als würde niemand hier arbeiten.“

„Danke! Und natürlich!“, flötete Trudi. „Ich ziehe es morgen an.“

Mhm, genau.

Es war eisig kalt draußen. In Köln schneite es nicht. Nie. Ab und an kam eine Mischung aus Smog, Eis und Regen vom Himmel und immer, wenn das passierte, brach das komplette Verkehrssystem zusammen. Heute strahlte die Sonne und ließ die Kondenswölkchen, die ich ausatmete, im Licht glitzern. Ich zog die Jacke enger um meine Schultern und lief die Prinzstraße hinunter, in Richtung des Doms.

Kai, Trudis Sohn, hatte eine Zoohandlung in der Innenstadt. Ich hatte bis jetzt nur zweimal die Ehre gehabt, ihn zu treffen, aber dabei immer denselben Eindruck bekommen: Er war der liebenswerteste Mann, den es gab. Er war Anfang vierzig, hatte bereits angegrautes Haar, also das, was davon übrig war, und trug sein Herz auf der Handfläche. Das schien er von Trudi geerbt zu haben. Ich war noch nie in seiner Zoohandlung gewesen, aber schon öfters an ihr vorbeigegangen. Ich war stolze Eigentümerin eines Katers, aber Twinkys Bedürfnisse ließen sich nicht in einer Zoohandlung stillen. Er hielt sich für einen Hund, liebte Kaffee und bräuchte eigentlich dringend einen Tierpsychologen. Aber wer hatte das Geld für so etwas? Und wer war so bescheuert?

Mein Handy klingelte und ich rechnete schon fast damit, dass es Rispo war, der wissen wollte, was los sei, doch ein Bild meiner Mutter zierte das Display.

Ich seufzte. Ich brachte meiner Mutter gemischte Gefühle entgegen. Ich bewunderte sie für ihre Direktheit und liebte sie dafür, dass sie … meine Mutter war. Es fiel mir jedoch manchmal schwer, ihre Sichtweise nachzuvollziehen. Noch schwerer fiel es mir, sie nicht täglich daran zu erinnern, dass sie mein Leben nichts anging und ich mit siebenundzwanzig noch längst keine Angst davor haben musste, mein Uterus würde in Rente gehen.

Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie dachte, ich sei wie eine Backmischung. Ganz hübsch und praktisch, aber man musste mir noch ein paar Zutaten hinzufügen, bevor man mich in den Ofen – also in ein Hochzeitskleid – stecken konnte. Was genau das für Zutaten waren, hatte sie mir noch nicht erläutert. Ich fürchtete aber, dass eine davon Disziplin und eine andere Vernunft war. Beides Eigenschaften, die ich – stolz – nicht mein Eigen nannte.

Das Telefon klingelte weiter und weil ich keine Ausrede hatte, nicht dranzugehen, hob ich ab.

„Ja?“

„Wieso meldest du dich nicht mit deinem Namen, Louisa? Woher soll ich wissen, wer am anderen Ende abhebt?“

Ich stöhnte. Da hatte ich meinen Grund. „Du hast mich doch angerufen, oder nicht? Wer sollte sonst abheben?“

„Aber ich hätte sonst wer sein können.“

„Mama, kennst du das Prinzip der Anruferkennung?“

„Du wusstest also, dass ich es bin?“

„Ja.“

Stille. Dann: „Warum hast du dich dann nicht höflicher gemeldet? Findest du nicht, dass man seiner Mutter mit ein wenig mehr Respekt begegnen sollte?“

Ich schlug mir mit der flachen Hand gegen die Stirn. Wieder wäre mir eine Gartenschere von Nutzen gewesen. Ich sollte anfangen, sie in meiner Handtasche mitzuführen. So viel effektiver als zum Beispiel Pfefferspray. Wobei es ein Hammer wahrscheinlich auch tun würde.

„Entschuldigt, Eure Mutterheit. Das nächste Mal werde ich mit meinen goldenen Handschuhen und einem abgespreizten kleinen Finger abheben und Euch mit ‚Ein herzliches Hallo, Euer Hochwohlgeboren‘ begrüßen.“

Ich hörte, wie meine Mutter pikiert hustete. „Jetzt machst du dich über mich lustig. Ich weiß auch nicht, woher du diese schlechte Angewohnheit hast, immer so sarkastisch zu sein. Das muss Franks Einfluss gewesen sein. Sarkasmus ist die unterste Schublade des Humors.“

Ja, aber ich war klein und konnte diese Schublade am einfachsten erreichen!

„Mama“, sagte ich, mich zur Ruhe zwingend, „gibt es einen Grund für deinen Anruf oder wolltest du einfach nur deine allgemeine Unzufriedenheit mit mir zum Ausdruck bringen?“

„Es gibt einen Grund. Und jetzt sei nicht so dramatisch – ich bin sogar sehr zufrieden mit dir. Du führst ein tolles Leben. Ich wünschte nur, du würdest dieses Leben endlich mit einem angemessenen Mann teilen …“

Dieser ‚angemessene Mann' war bis vor kurzem noch ein Zahnarzt namens Malte gewesen. Ich hätte es allerdings nicht übers Herz gebracht, meine Kinder Karius und Baktus zu nennen und hatte deswegen leider Schluss machen müssen.

„Ich teile eben nicht gerne“, stellte ich trocken fest. „Ich will den Keks namens Leben ganz für mich allein – und jetzt den Grund, bitte?“

„Schön.“ Meine Mutter seufzte schwer und im Hintergrund konnte ich ein schabendes Geräusch hören. So als würde jemand Stein über den Boden schleifen. Wo war meine Mutter? In einer Bergbaumine? „Ich wollte dir einen Job vermitteln. Die Tochter einer engen Freundin aus meinem Club heiratet am Samstag und ihr ist im letzten Moment die Floristin abgesprungen. Sie ist völlig aufgelöst und da habe ich dich empfohlen.“

„Oh, danke.“

Das war nett. Samstag war etwas kurzfristig und ich könnte auf keine Lieferung warten, sondern müsste selbst zum Blumenmarkt fahren, aber … Moment. Meine Überraschung darüber, dass meine Mutter mich empfohlen hatte, wurde von einer Portion Misstrauen gedämpft.

„Ich würde den Auftrag übernehmen“, erklärte ich, „wenn du mir den Haken nennst.“

„Was für einen Haken?“

„Das frage ich dich.“

Meine Mutter liebte mich, keine Frage, aber man konnte davon ausgehen, dass sie bei jeder ihrer Nettigkeiten einen kleinen Hintergedanken hatte.

Irgendetwas schepperte im Hintergrund und man konnte jemanden lachen und dann fluchen hören. Die Geräusche wurden leiser, als würde meine Mutter sich von ihnen wegbewegen, schließlich sagte sie: „Schön. Dafür, dass ich dir den Auftrag besorgt habe, hätte ich gerne, dass du mich dorthin begleitest.“

Ich runzelte die Stirn. „Das ist alles? Du willst, dass ich mit dir auf eine Hochzeit gehe?“ Das würde ich hinbekommen. Ich war andauernd auf Hochzeiten. Die Frau, die die Blumen brachte, war zwar meistens nicht eingeladen, aber das hielt mich nicht davon ab, trotzdem der Zeremonie beizuwohnen. Es war romantisch und wenn ich schon keine Zeit hatte, um Liebesromane zu lesen, dann brauchte ich wenigstens das.

„Das ist alles. Ich kenne dort kaum jemanden und möchte nicht alleine gehen.“

„Okay. Kein Problem, ich komme mit. Hast du der Braut meine Telefonnummer gegeben?“

„Nein, ich sagte, du meldest dich. Ich schicke dir ihre Nummer als SMS.“ Erneut krachte etwas. „Ich muss Schluss machen, melde dich bei ihr.“

Verwirrt blieb ich stehen. „Wo bist du, Mama?“

„Ach, nirgendwo! Wir sehen uns Samstag.“

Und schon hatte sie aufgelegt.

Äußerst ominös. Meine Mutter war eine Lady – wenn Papa es erlaubt hätte, hätte sie es auf ihr Klingelschild gedruckt – und verbrachte ihre Zeit nicht an Orten, an denen laute, dreckige Dinge geschahen.

Schön, ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, dass der Ort, an dem sie sich aufgehalten hatte, dreckig gewesen war, aber es hatte sich so angehört.

Egal – ich hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Trudis Medikamente warteten. Ich steckte das Handy weg, versuchte meine halbgefrorene Hand in meiner Tasche aufzuwärmen, und nach wenigen Minuten tauchte Kais Laden vor mir auf.

Zoo&Kunz befand sich in einer unbefahrenen Seitenstraße und lag zwischen einem Lotto-Toto-Geschäft und dem Café L’Amour, dessen Fassade ein Fuck-Cops-Graffiti zierte.

Ja, das würde ich ja gerne! Aber mein Cop war im Moment ein Blödmann. Und ich hatte es mir zur Regel gemacht, nicht mit Blödmännern zu schlafen!

Na gut: Kein zweites Mal mit Blödmännern zu schlafen.

Ich beschleunigte meinen Schritt, öffnete die Tür und trat erleichtert in die Wärme des Geschäftes.

Der Geruch von Tier, Chlor, Mist und Parfüm schlug mir entgegen. Keine angenehme Mischung. Eher der Geruch, gegen den Aspirin erfunden wurde. Das Parfüm kam bestimmt von dem jungen Mädchen mit den blondierten Haaren, das an der Kasse saß – eine riesige rosa Kaugummiblase vor ihrem Mund. Die anderen Gerüche konnte man keinem bestimmten Ursprung mehr zuordnen.

Der Ladenraum war von Tierschreien, dem elektrischen Brummen, das die Aquarien von sich gaben, und dem Surren der Neonlampen über meinem Kopf erfüllt. Überall stapelten sich Terrarien, Aquarien und Käfige. Neben dem Eingang waren Glasvitrinen aufgebaut, in denen zehntausend Zwerghamster zu schlafen schienen.

Ich drückte mich an den Glaskästen vorbei, quietschte einmal kurz auf, als mein Blick auf eine riesige weiße Schlange fiel, und lief dann zur Kasse.

Die Kassiererin ließ ihre Blase platzen und hob eine dünne nachgemalte Augenbraue. „Ja?“

Was meine Mutter wohl zu einer derartigen Begrüßung gesagt hätte?

„Hallo“, sagte ich lächelnd, denn ich war nicht meine Mutter. „Ist Kai hier irgendwo?“

Sie sah sich im Ladenraum um. „Keine Ahnung. Muss wohl.“

Was für eine nette, hilfreiche junge Dame. „Würdest du ihn vielleicht für mich ausrufen lassen?“

„Nee“, sie schüttelte den Kopf, „sowas wie eine Freisprechanlage haben wir hier nicht. Aber jetzt, wo Sie's sagen: Ich hab ihn schon länger nicht mehr gesehen. Er wird wohl hinten bei den Ladeflächen sein. Gehen Sie einfach mal geradeaus hier durch.“ Sie deutete in eine vage Richtung. „Die Tür ist nie abgeschlossen.“

Ich nickte, bedankte mich und lief dann durch den engen Gang, den sie mir angedeutet hatte.

Bartagamen, Spinnen, Schlangen – lauter Reptilien und Krabbelvieh. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Ich war wirklich kein Fan von Geschöpfen mit weniger als zwei und mehr als vier Beinen. Ich war dazu in der Lage, Spinnen zu töten, aber das auch nur, wenn ich die ganze Zeit „Oh Gott, oh Gott, oh Gott“ kiekste und danach zehnmal meine Hände wusch. Ich verstand, dass die Welt Spinnen brauchte, um sich von Mücken und anderen Plagegeistern zu säubern, begriff aber nicht, warum sie acht Augen und acht Beine haben mussten. Mir doch egal, dass das die Glückszahl in China war. Acht war einfach zu viel.

Ich erreichte die graue Tür, auf der Nur für Personal stand, ignorierte den Schriftzug und trat hindurch. Kälte schlug mir entgegen und wider Erwarten befand sich kein Zimmer hinter der Tür. Ich war in eine offene Lagerhalle, eine Art halb überdachten Hof, getreten, die an die Straße hinter den Geschäften grenzte. Straße und Halle wurden nur von einem schmiedeeisernen Tor getrennt.

Ein Laster stand vor der Rampe auf der ich mich befand und Kisten reihten sich zu meinen Seiten auf, es war jedoch kein menschliches Lebenszeichen zu entdecken.

„Hallo?“, rief ich. „Kai?“

Jemand japste und fluchte und ich folgte dem Geräusch. Es schien hinter dem Laster hervorzukommen.

„Kai?“, fragte ich unsicher und bog um die Ecke.

Nur der Umstand, dass ich zu schockiert war und meine Füße durch die Kälte am Boden festgefroren zu sein schienen, hielt mich davon ab, auf der Stelle hintenüberzukippen und in Ohnmacht zu fallen.

Ein Mann in gelb-schwarzer Uniform lag bewegungslos auf dem Boden. Er war barfuß, seine Augen starrten leer in den Himmel und sein Haar, das sicherlich mal blond gewesen war, klebte in roten verklumpten Strähnen zusammen. Eine dicke, lange pinke Nadel steckte in seinem Hals, aus dem kontinuierlich Blut pulsierte und den Boden benetzte. Doch das war nicht die einzige Nadel. Es gab noch eine zweite – und die hatte Kai in der Hand. Er hockte neben dem Mann und war weiß wie eine Wand. Seine Hände und sein helles Hemd waren blutverschmiert.

Ein dicker Kloß bildete sich in meinem Hals und ich musste würgen. Die Übelkeit, die in meinen Magen floss, ließ mich taumeln.

Kai musste mich gehört haben, denn er sah augenblicklich auf, ließ die Nadel fallen und hob beide Hände in die Höhe.

„Ich schwör, ich war's nicht.“

Kapitel 2

Atmen.

Ich musste atmen. Hilfe holen. Vielleicht wegrennen?

„Ich habe nichts getan“, stotterte Kai, richtete sich auf und wich vor dem Körper zurück.

Der Leiche. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit eine Leiche. Magensäure stieg mir in den Hals, konnte sich jedoch nicht an dem Kloß dort vorbeikämpfen, und hastig wandte ich mein Gesicht ab, um mir den Mann nicht länger ansehen zu müssen. Diese schwarz-gelbe Uniform und die aschblonden Haare … ich war mir ziemlich sicher, dass es sich bei dem Mann um den Paketboten von heute Morgen handelte.

„Verdammt, verdammt, verdammt …“, murmelte ich, gegen die Ohnmacht ankämpfend.

„Ich habe nichts getan!“, wiederholte Kai. „Ich habe ihn gefunden und wollte die Blutung stoppen, habe aber glaub ich alles nur noch schlimmer gemacht, als ich die Nadel herausgezogen habe!“

Seine Worte waren so nah aneinandergedrängt, dass es mir schwerfiel, ihn zu verstehen. Aber ich verspürte auch nicht das Bedürfnis, vor ihm wegzulaufen. Abgesehen davon, dass meine Beine Wackelpudding waren und ich mich wunderte, dass ich noch stand: Kai war kein Mörder.

„Ist er … ist er tot?“, würgte ich hervor, eine Hand vor meine Augen schlagend. Je weniger ich sah, desto niedriger war die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich doch noch übergab.

„Er hat keinen Puls mehr.“

Das hieß dann wohl Ja. Kein Grund jetzt noch einen Krankenwagen zu rufen.

Ich tat es trotzdem.

Meine Hände zitterten so heftig, dass ich mehrere Anläufe brauchte, doch schließlich war der Wagen auf dem Weg. Ich stand immer noch mit dem Rücken zur Leiche, denn wenn ich mich jetzt noch einmal umdrehte, hätte ich den Kampf gegen meinen Magen sicher innerhalb der nächsten Sekunden verloren und würde in Ohnmacht gefallen – wahrscheinlich mitten in mein Erbrochenes. Eigentlich sollte ich stolz auf mich sein, wenn man bedachte, wie oft ich gebrochen hatte, als ich den abgetrennten Finger gefunden hatte!

„Louisa, glaubst du mir? Du musst mir glauben!“

Was ich tun musste, war die Polizei rufen.

Ich holte zitternd Luft und beugte mich nach vorne, den Kopf auf meine Knie pressend. Eigentlich war ich Fan davon, die Verantwortung zu übernehmen. Aber doch nicht bei so was! Mich schüttelnd öffnete ich die Augen, richtete mich wieder auf und wählte die nächste Nummer.

„Lou?“

„Rispo“, keuchte ich außer Atem, während kleine weiße Punkte vor meinen Augen tanzten. „Du musst kommen! Wir haben hier ... eine Situation.“

„Ich dachte, du redest nicht mehr mit mir.“

Ich gab ein hohes hysterisches Lachen von mir. „Im Moment rede ich ja auch nicht mit Josh, dem Menschen, sondern mit Rispo, dem Cop!“

„Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, dass du soeben impliziert hast, dass ich als Polizist kein Mensch bin.“

„Josh!“, schrie ich, die Panik war jetzt deutlich in meiner Stimme zu hören. „Ich stehe neben einer beschissenen Leiche, hier ist überall Blut, mein Kreislauf winkt mir zu und möchte sich verabschieden, und wenn ich Pech habe, dann hockt neben mir ein Mörder …“

„Ich habe nichts getan!“, schrie Kai.

Ich holte zitternd Luft und versuchte mich zu beruhigen.

„Josh, kannst du bitte sofort kommen?“

Der Krankenwagen erreichte uns noch vor der Polizei, doch wie ich bereits vermutet hatte, gab es nichts mehr, was man für den Paketboten hätte tun können. Kai saß auf dem Boden, starrte apathisch auf die Leiche und hatte die blutigen Hände auf seine Beine gelegt.

Mir ging es nicht viel besser, doch hingesetzt hatte ich mich nicht – aus Angst, ich könnte dann womöglich nicht mehr aufstehen. Zwei Minuten nachdem die Sanitäter uns erreicht hatten, bog ein Streifenwagen in die Einfahrt, von der ich das Tor geöffnet hatte, dicht gefolgt von einem schwarzen Audi. Rispos Wagen.

Zwei Uniformierte stiegen aus, Josh kam in Zivil. Ich war so erleichtert, ihn zu sehen, dass ich das erste Mal seit den vergangenen zehn Minuten das Gefühl hatte, mein Körper nähme tatsächlich Sauerstoff auf. Jetzt würde alles gut werden.

Er warf kurz einen Blick auf die Leiche, nickte zu dem auf dem Boden kauernden Kai, dem sich die zwei Uniformierten sofort annahmen, und schlenderte dann zu mir. Er legte mir sanft die Hände auf die Schultern, strich mit seinen Fingern über meine Wangen, über meinen Kopf, so als wolle er sichergehen, dass ich keine Beule oder sonstige Verletzungen davongetragen hatte. Schließlich seufzte er lang und leise, bevor er mir in die Augen sah. „Geht es dir gut?“

Ich sah ihn an, blinzelte – und brach in Tränen aus.

„Ah, Mist“, murmelte er und im nächsten Moment hatte er mich in seine Arme gezogen. „Alles gut, Louisa. Nichts passiert.“

Alles gut? Wie konnte er das sagen? Dem Paketboten ging es offenbar nicht gut!

„Da war so viel Blut“, flüsterte ich durch meine Tränen hindurch, die nach und nach sein Hemd durchnässten, das er unter einem offenen Parka trug. „Ich … hasse Blut.“

„Ich weiß“, murmelte er und strich mir beruhigend mit der Hand über den Rücken, meine Nase an seinem Schlüsselbein. Er roch gut. Nach Wald und Vanille und Rispo.

Was mich daran erinnerte, dass ich verdammt noch mal sauer auf ihn war – und das zu Recht.

Außerdem waren wir nicht zusammen, und überhaupt sollte ich mich mal zusammenreißen. Ich war eine starke Frau! Ich hatte mich nicht übergeben! Ich brauchte keinen Mann, der mich festhielt! Was ich wollte, stand in diesem Moment jedoch auf einer ganz anderen Karte geschrieben.

Ich schniefte ein letztes Mal, entwand mich seinem Griff und wischte mir die Tränen mit meinem Jackenärmel weg. Dann streckte ich meinen Rücken durch. „Okay. Es geht wieder. Ich hatte heute einfach noch nicht genug Kekse, um einen toten Mann zu finden.“

Ein Mundwinkel von Rispo hob sich. „Das wird es sein. Jetzt weiß ich auch, warum auf der Wache immer Kekse herumstehen.“

Ich hickste und nickte. „Ja. Die sind für die Polizisten mit schwachem Magen.“

„Rispo, willst du dir das mal ansehen?“, rief jemand hinter mir und Josh warf einen Blick über meine Schulter.

Er nahm mich bei der Hand, zog mich zu seinem Auto, setzte mich auf den Beifahrersitz und strich mir sacht mit einem Finger über die Stirn.

„Ich muss mir das kurz angucken. Bleib hier sitzen und mach die Augen zu“, sagte er vorsichtig, bevor er die Tür schloss.

Ich blieb sitzen, aber die Augen machte ich nicht zu. Es war warm im Wagen, und wenn ich mich im Sitz zurücklehnte, konnte ich die Leiche nicht sehen, aber immer noch die Uniformierten und Rispo dabei beobachten, wie sie um den Paketboten herum standen, sich hinhockten und sich unterhielten. Rispo hatte einen Block aus seiner hinteren Hosentasche gekramt und schrieb irgendetwas auf.

Ich blickte nach rechts und sah zu Kai, der auf der Rückbank des Polizeiwagens saß, die Augen aufgerissen, immer noch in Schockstarre.

Oh Gott, was würde Trudi sagen?

Ich glaubte nicht, dass Kai irgendetwas getan hatte, aber dennoch: Es gab da einige Dinge, die gegen ihn sprachen. Die Tatwaffe in seiner Hand zum Beispiel.

Fünf Minuten später fuhr der Streifenwagen ab und wurde von einem neuen Auto ersetzt. Vielleicht die Spurensicherung. Ich wusste es nicht. Ich hielt mein Handy immer noch umklammert und starrte aus der Windschutzscheibe zu Rispo, der mit den Neuankömmlingen sprach, in meine Richtung gestikulierte und schließlich auf mich zu kam, den Block zurück in seine Tasche steckend.

Jetzt musste ich doch etwas über das Armaturenbrett hinweg gucken, nur um zu sehen, was genau die Spurensicherung da tat. Doch es gab nur wenig zu erkennen. Die Leiche war zugedeckt worden, nur die nackten Füße schauten noch darunter hervor, während die Männer um sie herumhockten und … irgendetwas machten. Da waren Pinsel und Besteck und Zeug, das ich glaubte, schon einmal beim Zahnarzt gesehen zu haben …

Rispo öffnete die Fahrertür und sank hinters Steuer. Ich lehnte mich wieder zurück und schnallte mich an, doch Josh machte keine Anstalten, den Motor zu starten. Stattdessen sah er stur geradeaus, und an seinem Hals konnte ich eine Ader pochen sehen. Es sah aus, als müsse er sich zusammenreißen. Doch weswegen? Und um was genau nicht zu tun?

Nach ein paar weiteren schweigsamen Momenten schloss er die Augen, atmete tief durch und wandte sich mir zu. Wieder ganz der rationale, distanzierte Polizist.

„Was genau hast du gesehen, Lou?“, fragte er. „Als du hier angekommen bist.“

Ich erzählte es ihm, jedes Detail, an das ich mich erinnern konnte, während er aufmerksam zuhörte und nickte. Immer noch mit seinem Cop-Face.

Kühler Blick, sachliches Gesicht.

Ich hasste sein Cop-Face, denn es war größtenteils der Grund dafür, warum ich nie wusste, wie er sich fühlte.

Als ich geendet hatte, nickte er noch ein letztes Mal.

„Okay. Das wirst du gleich auf der Wache noch einmal wiederholen müssen.“

Natürlich würde ich das. Ich kannte das Prozedere vom letzten Mal.

Rispo betrachtete mein Gesicht, streckte kurz seine Hand aus, um mir eine Haarsträhne hinters Ohr zu schieben und lächelte dann grimmig. „Du musst der Mensch mit dem größten Pech sein, den ich je getroffen habe.“

Das glaubte ich so langsam auch. Ein abgeschnittener Finger und eine Leiche in ein bisschen weniger als drei Monaten. Das war kein schlechter Schnitt.

„Noch so einen Anruf von dir möchte ich definitiv nicht bekommen“, lachte er trocken und fuhr sich mit der flachen Hand über Nase und Mund. Er sah erschöpft aus. „Was soll’s“, seufzte er. „Fahren wir zur Wache. Je eher du deine Geschichte zu Protokoll gibst, desto eher kannst du nach Hause.“

Er steckte den Zündschlüssel ins Schloss und startete den Motor.

Das war es schon von ihm?

„Willst du mich gar nicht fragen, ob mir sonst noch was aufgefallen ist?“

Er schaltete den Motor wieder aus und blickte mich ernst an. So, als hätte ich vorgeschlagen, selbst einmal eine Nadel in meinen Hals zu stecken.

„Nein“, sagte er schlicht.

„Als ich den Finger gefunden habe, hast du mich gefragt, ob mir etwas aufgefallen ist.“

„Das war eine andere Situation.“

„Inwiefern anders?“

„Damals wusste ich noch nicht, dass du diese Frage mit der Aufforderung gleichsetzt, dich in polizeiliche Angelegenheiten einzumischen.“ Seine Augen verengten sich und waren jetzt schwarz wie Kohle. „Also, nein: Ich werde dich nicht fragen, ob dir etwas aufgefallen ist – damit du erst gar nicht auf die Idee kommst, dass der Fall in deiner Verantwortung liegen könnte..“

Ich räusperte mich. „Ich will ja nichts sagen, …“

„Dann lass es.“

„… aber das letzte Mal habe ich den Fall gelöst.“

Entnervt ließ Rispo die Hand vom Lenkrad sinken, und obwohl ich es nicht für möglich gehalten hätte, verfinsterte sich seine Miene noch ein wenig mehr. „Das letzte Mal wärst du auch beinahe von einer Verrückten umgelegt worden – Wunsch, das zu wiederholen?“

Also, wenn er jetzt so fragte – nein. Aber das ganze Drumherum war irgendwie schon witzig gewesen. Das Befragen, die Rätsel ...

„Lou, mach, dass dein Gesicht sofort aufhört, so auszusehen.“

Ich zuckte zusammen und kräuselte die Nase. „Vielen Dank auch.“

„Tu nicht so.“ Sein Zeigefinger war auf besagtes Gesicht gerichtet. „Du hast gerade diesen Blick bekommen. Den, den du schon hattest, als du damals in das Haus der Pfennings gekommen bist.“

Unschuldig legte ich eine Hand auf meine Brust. „Ich habe überhaupt keinen Blick“, … war aber geschmeichelt, dass Rispo dachte, er wisse noch, wie ich vor drei Monaten geguckt hatte.

„Dann sieh zu, dass das so bleibt!“, knurrte er. „Du mischst dich nicht nochmal in Polizeiarbeit ein. Ist das klar?“

Ich hielt meine Lippen geschlossen.

„Lou?“ Warnend beugte Rispo sich zu mir herunter, sein Atem warm auf meiner Haut. „Sag: Ich verspreche es.“

Ich öffnete den Mund, schloss ihn wieder und schüttelte dann den Kopf. „Josh, das ist nicht so einfach, die Sache ist ...“

„Wenn du jetzt ‚persönlich‘ sagst, lass ich dich sofort in eine Zelle sperren.“

Das konnte er nicht. Oder? „Nun ja, aber es ist persönlich. Er ist Trudis Sohn, und ich glaube, dass er unschuldig ist, und …“

Rispo sank mit dem Kopf gegen das Lenkrad. „Ich diskutier das jetzt nicht mit dir. Du hältst dich raus, fertig. Trudis Sohn wird einen guten Anwalt bekommen und …“

„Du glaubst also, dass er schuldig ist?“

Ungläubig sah er mich an. „Du hast gesehen, wie er mit der Stricknadel über der Leiche hing!“

„Es waren Stricknadeln? Woher hatte er die Stricknadeln? Das macht keinen Sinn. Nein. Er ist unschuldig!“

Davon war ich überzeugt. Und das trotz Mordwaffe in seiner Hand. Das musste doch etwas Gutes bedeuten, oder?

„Lieber Gott im Himmel, gib mir Geduld …“

„Was denn?“, verteidigte ich mich. „Du kannst nicht einfach davon ausgehen, dass er schuldig ist.“

„Doch, das kann ich. Um genau zu sein, gibt meine Jobbeschreibung an, dass ich genau das kann. Ich bin offiziell der leitende Ermittler – du hingegen bist nicht der leitende Ermittler. Du bist eine Passantin, die zur falschen Zeit am falschen Ort war. Schon wieder. Du solltest zuhause bleiben und über Blumenarrangements nachdenken und dir nicht dein hübsches Köpfchen darüber zerbrechen, warum Menschen böse sind und böse Dinge tun. Und jetzt fahren wir.“

Wieder wurde der Motor angeschmissen und Rispo fuhr rückwärts die Einfahrt hinunter. Ich kaute auf meiner Unterlippe.

„Das Opfer … es hatte keine Schuhe an.“

„Gut beobachtet.“

„Also, als ich es das letzte Mal gesehen habe, trug es noch welche.“

Rispo trat auf die Bremse und ich wurde nach hinten in meinen Sitz gepresst. Wie gut, dass wir immer noch nicht aus der Einfahrt waren und uns niemand drauffahren konnte.

„Du hast das Opfer noch lebendig gesehen?“

Überrascht hob ich die Augenbrauen. „Hatte ich das nicht erwähnt?“

„Nein.“

„Ups.“ Ich zuckte die Achseln. „Der Typ war heute Morgen bei mir im Laden. Er hat Emily ein Paket gebracht. Und da hatte er noch Schuhe an.“

„Was für Schuhe waren das?“

Puh. Das war schon zwei Stunden her. Ich kratze mich am Kopf. „Sie hatten Schnürsenkel ...“

Rispo stöhnte auf.

„Na ja, es waren keine mit Klettverschluss!“, fügte ich hinzu.

„Super, er war also kein achtjähriger Junge, danke.“

Ich verschränkte die Arme. „Ich habe das Gefühl, du nimmst mich nicht ernst.“

„Ich nehme dich sehr wohl ernst. Deine Auffassungsgabe allerdings nicht so wirklich.“

Ich verdrehte die Augen. „Er war eben die Art Mann, die man sieht und direkt wieder vergisst ... ein bisschen so wie du eben“, fügte ich mit zuckersüßer Stimme hinzu.

Rispo hob eine Augenbraue, Cop-Face wieder am angestammten Platz. „Willst du mir irgendetwas sagen, Lou?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nee, ich rede ja auch eigentlich gar nicht mit dir. Es ist nur, ich versteh nicht, wie jemand ihn umbringen konnte. Ich meine, er war Post- und Paketbote. Welche Feinde kann man sich da machen?“

„Vielleicht hat er ja eine schlechte Nachricht überbracht“, bemerkte Rispo und startete den Wagen erneut.

Meine Mundwinkel zuckten, und ich spürte wie ein Teil der Anspannung der letzten halben Stunde von mir abfiel. „Wahrscheinlich.“

Wir schwiegen eine Weile, Rispo rollte die Einfahrt hinunter, fuhr die kleine Straße hinab und fädelte sich dann in den Verkehr der Hauptstraße ein. Schließlich fragte er: „Willst du mir eigentlich noch erzählen, warum du nicht mit mir redest?“

„Nö.“

Das Polizeipräsidium war mir allzu vertraut. Vertrauter als so manchem Kleinkriminellen, könnte man meinen. Es war ein grauer Betonklotz, der deprimierender war als mein Privatleben.

Ich stieg aus dem Wagen und Rispo folgte meinem Beispiel. Er lief um die Motorhaube herum, und erst dann sah ich ihn zum ersten Mal an diesem Tag wirklich an. Ohne eine Leiche neben mir, ohne Panik, ohne Würgreflex.

Joshua Rispo. Verdammt.

Ich hatte ihn seit zwei Wochen nicht gesehen, und in der Zeit war er leider weder fett noch hässlich geworden. Zum Anbeißen wäre vielleicht der richtige Ausdruck.

Er hatte sich die letzten zwei Tage nicht rasiert und seine Haare waren wohl geschnitten worden. Jedenfalls hingen sie ihm nicht mehr in die Augen. Er hatte dieselben Muskeln, dieselben starken Arme und geschrumpft war er auch nicht. Oh Mann. Rispo brachte mich auf Ideen. Ideen, von denen ich wusste, dass er sie skandalös gut umsetzen konnte. Dieser Mistkerl.

„Willst du deine Gedanken mit mir teilen oder mich einfach nur noch ein bisschen anstarren?“

Ruckartig wandte ich ihm den Rücken zu und steuerte die breite Eingangstür der Hauptwache an. Ich sollte mich auf seine Fehler, nicht auf seine körperliche Perfektion konzentrieren. Wer wollte schon Perfektion? Langweilig.

Ich stieß die Tür zum Empfangsraum der Station auf und hob überrascht die Augenbrauen, als ich meinen Bruder erkannte, den Rücken gegen die Rezeption gelehnt.

Jannis hatte meine Augen – oder ich wohl eher seine –, war aber ansonsten sieben Jahre älter, zehn Zentimeter größer und eine Hochzeit und zwei Kinder weiter als ich im Leben. Im Moment lächelte er so breit, dass er mich an eine seiner Töchter erinnerte, und nicht an meinen großen Bruder, der mir mit sechszehn Jahren verbot, Alkohol zu trinken.

„Na, Loubalou? Bist du mal wieder in einen Mord gestolpert? Mama wird begeistert sein. Durch dich findet sie noch zur Religion.“

Ich stöhnte. An meine Mutter hatte ich bis eben noch gar nicht gedacht. Jetzt war sie in ihrem Club-der-gelangweilten-Frauen nicht nur die Mutter der Frau, die einen Finger im Sperrmüll gefunden hatte, sondern auch die Mutter der Frau, die einen Mann gesehen hatte, aus dessen Hals eine Stricknadel ragte.

„Was tust du hier, Jannis?“

Er hob eine Schulter. „Kais erster Anruf ging an Trudi, Trudis erster Anruf ging an mich. Sie hat mich engagiert. Sie wollte eben den Besten haben.“

Jannis war Anwalt für Strafrecht und seinem Ego und dem, was man hörte, nach zu urteilen, gut in dem, was er tat. Nicht, dass ich die Qualifikation gehabt hätte, das vernünftig zu beurteilen. Für mich waren Anwälte nichts anderes als Männer im Anzug, die mit Paragraphen um sich warfen. Entschuldigung: Männer und Frauen im Anzug.

„Hey, Manu.“ Rispo war hinter mir durch die Tür getreten und reichte Jannis die Hand.

„Rispo.“ Mein Bruder erwiderte den Handschlag mit einem Lächeln.

Verblüfft blickte ich von einem zum anderen. Kannten sie sich? Waren sie sich beim letzten Mord begegnet? Ich meinte, mich daran erinnern zu können, dass sie sich jedes Mal verpasst hatten.

„Ihr kennt euch?“, fragte ich deshalb.

„Er hat letztens für mich ausgesagt“, erklärte Jannis.

„Oh.“ Ich wusste nicht, ob mir das gefiel.

Rispo schien meine Gefühlslage nicht zu interessieren.

„Du übernimmst also die Verteidigung für Kai Freimann?“, fragte er.

„Jap.“ Jannis nickte.

„Viel Spaß dabei. Die Beweislage ist eind…“

„Er ist unschuldig“, schnitt ich Rispo das Wort ab, jetzt mehr überzeugt davon denn je.

Natürlich, er hatte über der Leiche gehockt, aber er hatte panisch gewirkt, und das Blut an seiner Kleidung musste davon kommen, dass er versucht hatte, die Blutung des Paketboten zu stoppen. Kai war kein Mörder. Muttersöhnchen waren keine Mörder. Das wusste doch jeder!

„Jannis, er ist unschuldig“, wiederholte ich noch einmal, für den Fall, dass ich nicht deutlich genug gewesen war. „Du musst …“

Mein Bruder legte einen Arm um meine Schultern und presste dann von der anderen Seite die Hand auf meinem Mund.

„Du redest mir schon wieder zu viel, Loubalou. Dich befrage ich nachher noch, vielleicht solltest du dir also lieber ein paar Worte sparen. Außerdem, als ich das letzte Mal nachgeguckt habe, warst du keine Anwältin – hast also keine Ahnung davon, was ich muss.

Rispo grinste breit. „Ich mag deinen Bruder.“

Ich leckte Jannis' Hand an, wie in alten Zeiten, und er ließ sie fallen. Rispo ignorierte ich. Damit fuhr man bei ihm sowieso besser.

„Jannis, ich weiß ja, dass alle sagen, dass du gut bist“, seufzte ich, die Arme verschränkt. „Aber … bist du gut genug, um jemanden herauszuhauen, der wegen Mordes angeklagt wird?“

„Ach“, Jannis machte eine wegwerfende Handbewegung. „Kaum jemand wird wegen Mordes angeklagt. Das denken nur immer alle. Meistens wird auf Totschlag plädiert.“

„Wow“, sagte ich tonlos. „Das macht es ja viel besser.“

„Tut es“, bestätigte Jannis lächelnd. „Und jetzt reg dich ab. Das ist mein Beruf, Lou. Ich hab's drauf, und wenn Kai tatsächlich unschuldig ist, dann hat er nichts zu befürchten. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss mit meinem Klienten reden – bevor Rispo dazukommt und anfängt ihn auseinanderzunehmen.“

„Ich gebe dir fünf Minuten“, warnte Rispo ihn vor.

Jannis winkte ab und verschwand dann in einem der Gänge, von denen ich nie wusste, wo sie endeten. Einer führte sicherlich nach Narnia oder in Charlies Schokoladenfabrik. Rispo folgte ihm mit seinem Blick, und ich stieß mit der Hand gegen seine Schulter, um seine Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.

„Er ist unschuldig, Josh“, wiederholte ich fest.

Josh schnaubte. „Das kannst du nicht wissen.

„Er hatte kein Motiv!“

„Auch das kannst du nicht wissen.“

„Na ja …“ Mist. Er hatte recht. Ich konnte nichts von alledem wissen. „Ich habe das einfach im Gefühl.“

Interessiert verschränkte Rispo die Arme und lehnte sich auf seine Fersen zurück. „Lass mich raten: Er hatte eine Affäre! Ein Verbrechen aus Leidenschaft.“

Ich verdrehte die Augen. „Nein.“

„Was? Keine neue Affären-Theorie?“

„Nein. Es ist eben nur dieses Gefühl, dass …“

„Gott im Himmel! Ich habe das Gefühl, dass du mir gerade Kopfschmerzen bereitest.“

„Du arbeitest zu viel, daher müssen deine Kopfschmerzen kommen. Außerdem runzelst du zu oft die Stirn. Das kann nicht gut für den Druck sein, der auf dein Gehirn ausgeübt wird. Also, wegen der Unschuldssache …“

Rispo legte sich eine Hand über die Augen. „Was denn, hat etwas am Tatort komisch gerochen? Hat der Geruch dich an deine Schwester erinnert?“

„Nun ja, es hat komisch gerochen … aber ich meine, es ist eine Zoohandlung, natürlich …“

„Hattest du vielleicht deinen Kater dabei, der dir sagen konnte, ob der Mörder sympathisch war?“

Ich lief rosa an. Rispo spielte auf meine nicht allzu traditionelle Beweisführung vom letzten Mal an, und ich konnte ihm da leider wenig entgegensetzen. „Er ist unschuldig!“

Er schnaubte. „Jaja, komm“, dann zog er mich am Ellenbogen mit in einen der mysteriösen Gänge. „Ich bring dich erst mal zu deinem Protokollanten.“

„Aber …“

„Kein Aber. Nicht dein Job, Lou. Du hast deine Blumen, ich meine Mörder. Krieg das endlich in deinen Kopf!“

Ja, nur … warum konnte ich nicht Blumen und Mörder haben?

Kapitel 3

Als der Beamte, zu dem Rispo mich geschickt hatte, endlich damit fertig war, meine Zeugenaussage aufzunehmen, war ich erschöpft, müde und ein wenig panisch, weil ich seit mehr als zwei Stunden nicht mehr mit Emily gesprochen und sie den Laden möglicherweise bereits abgefackelt hatte.

Ich stand an der Rezeption und wollte gerade mein Handy aus der Tasche kramen, als Trudi in die Polizeiwache gestürmt kam. Sie mochte siebzig sein, aber manchmal hatte sie mehr Energie als ich und Emily zusammen.

Ohne Notiz von mir zu nehmen, lief sie schnurstracks an mir vorbei und knallte ihre Handtasche auf den Rezeptionstresen. „Ich möchte zu meinem Sohn und das sofort! Ich bin reich, Geld sollte also kein Problem sein – wen muss ich hier bestechen, um meinen Willen zu bekommen?“

Die Rezeptionistin bekam große Augen und rollte mit ihrem Stuhl einige Zentimeter von der Theke weg, so als befürchte sie, die alte Dame würde sich im nächsten Moment darüber schwingen und auf sie werfen. Es war nicht unter Trudis Würde, genau das zu tun, und ich wusste aus Erfahrung, wie es aussah, wenn sie jemanden beim Sommerschlussverkauf tackelte. Nicht schön!

Die Empfangsdame hatte also instinktiv richtig gehandelt.

 „Trudi“, sagte ich und berührte sie leicht am Arm.

Sie fuhr herum, bereit, mich ebenfalls umzuwerfen – doch dann erkannte sie mich. „Lou, Gott sei Dank! Was ist hier los? Wo ist Kai?“

„Er wird gerade befragt.“ Ich nickte in die vage Richtung, in der Jannis vorhin verschwunden war. „Aber Jannis wird sich schon darum kümmern, dass es ihm gut geht und … oh mein Gott!“ Mir fiel plötzlich etwas ein. „Deine Medikamente! Ich habe die Medikamente vergessen!“ Ich schlug mir fest mit der Faust gegen die Stirn. „Trudi, geht es dir gut? Schlägt dein Herz sehr schnell?“

„Natürlich schlägt es schnell! Meinem Sohn wird vorgeworfen, er hätte jemanden umgebracht! Mach dir keine Gedanken wegen der Medikamente. Ich fahre nachher dort vorbei und hole sie.“

„Du hast keinen Führerschein mehr, Trudi.“

Zu Recht! Sie hinter das Steuer eines Autos zu lassen, wäre mehr als fahrlässig. Sie hatte Probleme damit, den Bürgersteig von der Straße zu unterscheiden und Menschen hielt sie des Öfteren für Laternen.

Sie winkte ab. „Ich lasse mich von deiner Schwester kutschieren, sie sucht zurzeit Wege, noch etwas Geld dazu zu verdienen.“

Natürlich tat sie das. Ich bezahlte sie nicht und Marihuana war teuer.

„Emily ist beim Laden, oder? Sag mir, dass jemand beim Laden ist!“

Ich hatte genug Panik für diesen Tag. Wenn das so weiterging, wäre ich diejenige, die Medikamente für ihr Herz brauchte.

„Du machst dir zu viele Gedanken! Dem Laden und Emily geht’s gut.“

Ich machte mir nicht zu viele Gedanken! Alle anderen machten sich zu wenig Gedanken. Das war ein allgemeines Problem der Menschheit. Aber egal, es gab Wichtigeres. Trudis Sohn, der eingebuchtet werden sollte, zum Beispiel.

„Also, wegen Kai …“

„Du wirst ihm doch helfen, oder?“, unterbrach Trudi mich, bevor ich meinen Gedanken zu Ende formen konnte. Trudi war im Normalfall eine gelassene Person, aber in diesem Moment konnte ich Panik in ihrem Blick aufleuchten sehen. Panik und Sorge. Das passte gar nicht zu meiner Angestellten. „Du musst ihm einfach helfen!“

„Helfen?“

„Beweisen, dass er unschuldig ist.“

„Ich … was?“

„Na ja, es ist ja wohl klar, dass er unschuldig ist. Mein Kai kann keiner Fliege etwas zuleide tun – außer er verfüttert sie an seine Tiere. Er verliert vielleicht ab und zu mal den Kopf, … aber ansonsten ist er harmlos! Das muss die Polizei doch sehen. Man kann es in seinen Augen lesen!“

Ich fürchtete, dass die Polizei sich eher auf das Blut an Kais Fingern und seine Hand um die Tatwaffe als auf seine Augen konzentrierte.

„Ich glaube dir ja, dass er den Paketboten nicht umgebracht hat“, erklärte ich. „Aber Rispo meinte, dass die Beweislage sehr schlecht aussieht und …“

„Ja, deswegen musst du ihm ja helfen“, sagte Trudi langsam, als sei ich schwer von Begriff. „Du machst das doch! Mörder fangen.“

Na ja. Nein. Ich hatte eine Mörderin gefangen – und das war mehr Glück des Dummen als tatsächliches Können gewesen. Nicht zu vergessen, dass ich dabei beinahe draufgegangen wäre. Natürlich hatte mir das Ganze Spaß gemacht, aber … ich hing doch sehr an meinem Leben.

„Die Polizei …“

„Die Polizei kümmert sich nicht darum, die Wahrheit herauszufinden! Wenn sie erst einmal einen Täter haben, dann legen sie ihre Hände in den Schoß. Ich weiß das, ich gucke Fernsehen!“

„Trudi …“

„Er ist mein einziger Sohn, Louisa. Meine ganze Familie. Seit Günters Tod ist er alles, was ich habe, und ich werde jede Hilfe nehmen, die ich kriegen kann!“

Ihr Blick war ernst und entschlossen und ein Kloß bildete sich in meinem Hals. „Trudi“, sagte ich leise und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Ich verstehe ja, dass du dir Sorgen machst und ich halte mich selbst wirklich für halbwegs intelligent, aber ich bin keine Privatdetektivin oder Sonstiges. Ich hatte sehr viel Glück das letzte Mal und …“

„Ich gebe dir Geld!“ Ihre Miene erhellte sich, während sie ihre Hände rang. Sie hatte mir offensichtlich nicht zugehört. „Du bist ein helles Köpfchen und du strahlst Unschuld aus. Du bist quasi dafür geschaffen, den richtigen Mörder zu finden! Ich bezahle dich dafür und kümmere mich derweil um den Laden.“

Ich fühlte mich geschmeichelt, dass sie überzeugt von meinen detektivischen Fähigkeiten war, aber ich sah da doch ein Problem: Wenn ich mich einmischte und der Mörder mich nicht umbrachte – dann würde Rispo es tun. So oder so war mit meinem zeitnahen Tod zu rechnen, sollte ich mich dazu entscheiden, mir den Fall einmal anzusehen. Ach ja, und: Trudi kümmerte sich um den Laden?!

Das wäre ein Problem von ganz anderer Bandbreite. Wenn Trudi sich nicht um einen Goldfisch kümmern konnte, wer sollte ihr da glauben, dass sie dazu fähig war, ein Geschäft zu führen?

„Trudi“, seufzte ich. „Ich kann kein Geld von dir annehmen.“

„In Ordnung, dann biete ich dir eine Gegenleistung an. Ich erhöhe deine Verkaufszahlen! Ich habe einige Ideen“, sagte sie stolz. „Nicht erschlossene Zielgruppen, die es näher zu betrachten gilt.“

Ich kratzte mich am Kopf und schob Trudi etwas weiter von der Rezeption weg. Das Empfangsmädchen musste das alles wirklich nicht mit anhören. „Ich verstehe, dass du Angst hast, Trudi, aber ich glaube nicht, dass ich die richtige Wahl dafür bin, einen Mörder zu fangen.“

Obwohl ich das letzte Mal schon gut gewesen war, wenn ich so darüber nachdachte … und es hatte wirklich Spaß gemacht! Das Adrenalin. Das Puzzeln. Rispo.

„Du bist genau die richtige Wahl“, sagte sie überzeugt. „Einem Polizisten erzählt niemand etwas. Einer hübschen Blondine schon!“

Ich hielt mir eine meiner lockigen braunen Haarsträhnen vor die Augen. „Aber ich bin nicht blond.“

„Oh, richtig. Vielleicht solltest du dir davor noch einmal die Haare färben. Ich hab mal gelesen, dass Blondinen als die vertrauenswürdigsten Frauen gelten, weil alle denken, sie seien dumm.“

„Ich werde nicht meine Haare färben, Trudi!“

„Aber du wirst ihm helfen? Bitte. Ich mache mir Sorgen, Louisa. Kai würde keinen Tag im Gefängnis überleben. Er hat so schöne Haut, darauf werden sich die anderen Insassen sicher stürzen.“

„Ich …“ Dem Himmel sei Dank kam ich nicht zu einer Antwort, denn Jannis war aus einem der Gänge gekommen. Er erblickte uns und steuerte direkt auf uns zu.

Er sah nicht glücklich aus.

„Dein Sohn ist wirklich kein Heiliger, was?“, bemerkte er. „Hattest du daran gedacht, mich vielleicht vorher darüber zu informieren?“

Trudi legte ihren Kopf schief und sah so unschuldig zu ihm hinauf, dass sie auch ein Kindergartenkind hätte sein können. „Nun, ich weiß, dass er ein paar Vorstrafen hat ...“

„Fünf, Trudi! Fünf!“

Fünf Vorstrafen!? Und ich hatte bis eben geglaubt, Kai sei der netteste Typ der Weltgeschichte! Trudi hatte nie erzählt, dass er schon einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten war.

„Ach, er ist einfach nur ein Pechvogel. Immer zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Trudi sagte das versucht gelassen, doch sie trat gleichzeitig nervös von einem Bein aufs andere. „Außerdem waren das doch nur Lappalien!“

Jannis runzelte die Stirn. „Als er einem Barkeeper den Stuhl über die Rübe gezogen hat, war er da auch zur falschen Zeit am falschen Ort? War das auch eine Lappalie?“

Trudi überlegte. „Nein, da hat der Barmann sich einfach falsch verhalten. Man nimmt einem Betrunkenen nicht das letzte Bier weg.“

Jannis seufzte schwer, schloss die Augen und schüttelte – mit der Hand an seiner Stirn – den Kopf. Diese Geste benutzte er sonst nur, wenn er einer seiner Töchter zeigen wollte, dass er sehr, sehr enttäuscht von ihr war.

„Aber ein paar Vorstrafen machen einen doch nicht direkt zu einem Mörder“, bemerkte Trudi weise. Ihre Stimme war eine Oktave tiefer gerutscht. „Mein Kai hat den toten Mann entdeckt, hatte Panik und wollte ihm helfen.“

„Warum hat er dann keinen Krankenwagen gerufen?“

Trudi blinzelte. „Ich verstehe die Frage nicht. Er war in Panik, das habe ich doch gesagt.“

„Nun, Lou war auch in Panik, hat aber dennoch einen Krankenwagen gerufen.“

„Na ja, aber ich habe ja auch einen sehr kühlen Kopf“, versuchte ich Kai zu verteidigen. „Nicht jeder denkt daran, direkt den Krankenwagen zu rufen.“

Mein Bruder schnaubte laut. „Du hast einen kühlen Kopf? Vielleicht solltest du noch einmal das Wort kühl nachschlagen, Loubalou.“

„Jannis, komm schon …“

Wieder seufzte er, die Hände jetzt in den Hosentaschen. „Hört mal: Ich sage ja nicht, dass er wirklich der Mörder ist. Wenn ich ehrlich bin, dann würde ich eher einem Teletubby einen Mord zutrauen als Kai, aber das ändert nichts daran, dass es wirklich nicht gut aussieht. Er kannte den Paketboten. Er ist jede Woche in der Zoohandlung vorbeigekommen. Er hätte wegen irgendetwas wütend sein können, wegen irgendetwas ausrasten können … die Anklage wird sich etwas überlegen, das passt. Er wurde am Tatort mit der Mordwaffe in der Hand und über die Leiche gebeugt angetroffen …“

„Aber er ist unschuldig!“, sagten Trudi und ich gleichzeitig.

„Außerdem sagte er, dass er die Stricknadel herausgezogen hat“, erklärte ich hastig. „Er wollte die Blutung stoppen.“

„Lou, ein Gericht wird mehr brauchen, als deinen Glauben an das Gute im Menschen. Solange es keinen anderen Verdächtigen gibt …“

„Oh, Lou wird schon einen anderen Verdächtigen finden“, sagte Trudi überzeugt, und jetzt lächelte sie sogar, wenn auch etwas wackelig. „Dann wird sich schon herausstellen, dass sich das Ganze um ein Missverständnis handelt.“

Jannis Mund öffnete sich erstaunt. „Lou wird was?“

„Ich werde gar nichts!“, beeilte ich mich zu sagen und stieß Trudi unauffällig mit meinem Fuß gegen das Schienbein.

„Warum trittst du mich?“, fragte sie verdutzt.

Meine Güte. Dafür, dass sie so viel Fernsehen guckte, hatte sie wirklich keine Ahnung.

„Lou“, sagte Jannis warnend.

„Dein Handy klingelt, du solltest abheben.“

Sein Handy klingelte tatsächlich, und mir noch einen letzten bösen Blick zuwerfend verschwand er zum Telefonieren aus der Tür.

„Trudi“, flüsterte ich eindringlich, sobald die Glastür hinter ihm in den Rahmen gefallen war. „Du kannst nicht einfach allen erzählen, dass ich ermitteln werde. Falls ich tatsächlich etwas in diesem Fall tun sollte – und ich sage nicht, dass ich das werde –, dann sollte das möglichst keiner wissen.“

„Oh, natürlich.“ Sie tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. „Weil du undercover arbeiten willst?“

Nein, weil ich von Ripso nicht umgebracht werden wollte. „Ja, genau deswegen.“

Sie schien neue Hoffnung zu schöpfen. „Okay. Dann muss ich mir ja keine Sorgen mehr machen. Das wird toll! Kai wird erleichtert sein, wenn er weiß, dass du dich darum kümmerst.“

Würde er? Meine Qualifikationen waren nämlich eher dürftig – wie Rispo nicht müde wurde mir zu erzählen. Ich hatte früher eine Menge Räuber und Gendarm gespielt, war aber immer die Erste gewesen, die gestorben war. Ich war einfach zu ungeduldig, um vorsichtig um eine Ecke zu gucken. Außerdem hatte mein Mangel an Feingefühl und Vorsicht mir vor ein paar Monaten fast das Leben gekostet. Selbstverteidigung war auch keine meiner Stärken. Ich konnte Menschen zu Boden reden, aber das war leider mehr im übertragenen als im physischen Sinne zu verstehen.

Egal, daran konnte ich arbeiten.

„Sag mal, hattest du gerade erwähnt, dass der Mann mit einer Stricknadel getötet wurde?“, fragte Trudi.

Ich nickte. „Ja. Zwei Stricknadeln in seinem Hals.“ Wenn ich nur an das Bild dachte, wurde mir wieder schwummerig.

„Mhm.“ Trudi öffnete ihre Handtasche. „Sah die Stricknadel etwa so aus?“ Sie beförderte eine spitze rosametallicfarbene Stricknadel hervor.

Ungläubig sah ich sie an. „Genau so!“

„Oh.“ Die alte Dame zuckte die Schultern. „Dann schätze ich, dass ich meine Nadeln nicht mehr zurückbekomme?“

In meinem Kopf fing alles an, sich zu drehen.

Das war nicht gut! Das war überhaupt nicht gut. Um das zu wissen, musste ich kein Anwalt sein.

„Es sind deine Nadeln?“

Und ich hatte geglaubt, dass ich heute mein mögliches Pensum an Panik erreicht hatte. Der Postbote war mit den Stricknadeln von Kais Mutter getötet worden, das brachte die Stricknadeln mit ihm in Verbindung und ließ ihn nicht gerade unschuldiger wirken.

Oh Mann, Mann, Mann.

„Es könnten meine Nadeln sein, müssen es aber nicht“, sagte Trudi langsam und völlig unbeeindruckt. „Von diesen Dingern gibt es eine Menge.“

„Trudi, steck einfach die Nadel wieder weg“, zischte ich und wedelte mit meinen Händen vor ihr herum. „Bevor du Kai in noch größere Schwierigkeiten bringst.“

Sie folgte meiner Anweisung und genau in dem Moment, in dem ihre Handtasche wieder zuschnappte, trat Rispo in den Raum. Er schien überrascht darüber, dass ich immer noch da war. Seine Augenbrauen flogen nach oben, und ich hätte gerne gesagt, dass es glückliche Augenbrauen waren, aber ich hatte mir vorgenommen, weniger zu lügen.

„Trudi“, murmelte ich. „Du gehst am besten kurz nach draußen. Ich will eben mit Josh reden.“

„Aber ich könnte ihn sicherlich davon überzeugen, dass Kai unschuldig ist.“

Ich befürchtete, dass Trudi Josh nur davon überzeugen würde, es sei eine gute Idee, seinen Kopf hart gegen die Rezeption zu schlagen. „Bitte, Trudi. Du hast selbst gesagt, dass ich die Expertin bin.“

Auch wenn diese Worte nie exakt so Trudis Mund verlassen hatten, nickte sie und verschwand aus der Tür. Ich sah ihr nach und hätte mich jetzt gerne in Embryonalhaltung auf den Boden gelegt und vor- und zurück gewiegt. Dieser Tag war einfach nur furchtbar und er schien sich mit jeder Sekunde zu verschlimmern.

„Und?“, fragte ich, bevor Josh auf die Idee kommen konnte, mich zu fragen, was ich hier noch tat. „Werdet ihr den Fall jetzt noch weiter untersuchen? Nach anderen Verdächtigen fahnden?“

Er kratzte sich am Rücken, sichtlich unzufrieden mit der ganzen Situation. Oder vielleicht war er auch einfach nur unzufrieden mit mir. „Natürlich werden wir das Ganze untersuchen.“

„Aber ihr werdet nicht nach neuen Verdächtigen fahnden?“

Rispo wich meinem Blick aus.

„Josh, sieh mich an.“ Ich griff an sein Kinn und drehte sein Gesicht gewaltsam in meine Richtung. Das hier war wichtig. „Er. Ist. Unschuldig. Ihr müsst nach jemand anderem suchen.“

Rispos Hand schloss sich wie ein Schraubstock um meinen Unterarm und zog meine Hand weg. „Hör mal, Louisa. Ich wünsche mir auch, dass er es nicht ist. Aber die Beweislast ist erdrückend.“

„Na und? Dann musst du die Beweislast eben … hochheben.“

„Lou. Er stand neben der Leiche, mit einer blutigen Stricknadel in der Hand.“

Warum mussten alle immer noch auf diesem kleinen, unbedeutenden Detail herumreiten?

„Schön, ich kann durchaus erkennen, wie das den falschen Eindruck entstehen lassen könnte, er sei irgendwie in das Geschehen involviert gewesen ...“

„Seine Fingerabdrücke sind auf beiden Nadeln und mich würde nicht wundern, wenn wir auch seine DNA noch darauf finden!“

Das war tatsächlich alles weniger gut, aber … „Na ja, natürlich“, fing ich mich schnell wieder. „Er hat ja auch zugegeben, sie aus der Wunde gezogen zu haben.“

„Die eine. Die zweite nicht.“

Wie war es möglich, dass er bei seinen Fällen so aufmerksam war, aber immer noch nicht wusste, warum ich sauer war?

Ich entwand ihm meine Hand und hielt sie abwehrend in die Luft. „Das heißt doch nichts. Er ist Trudis Sohn. Er kann unmöglich aus ihrem verwirrtem Uterus gekommen und trotzdem intelligent genug dafür gewesen sein, eine Stricknadel als tödliche Waffe einzusetzen!“

„Was zur Hölle ist ein verwirrter Uterus?“

„Sieh dir Trudi an, dann weißt du, was ich meine.“

Rispo stöhnte auf und mir wurde bewusst, dass ich wohl schon genügte, um in ihm den Wunsch zu wecken, seinen Kopf gegen irgendeinen festen Gegenstand zu schlagen.

„Lou, deine Argumente sind furchtbar.“

„Sind sie nicht!“

„Doch, sind sie!“ Diesmal war er es, der mein Gesicht fixierte, indem er seine Hände darum legte. „Das Kind eines verwirrten Uterus' zu sein, ist keine ärztlich anerkannte Krankheit, die ausschließt, dass man ein Mörder sein kann.“

Ich kaute auf meiner Unterlippe herum. Das wusste ich doch auch. Dennoch könnte er mich mal ein wenig unterstützen, fand ich. Wir hatten schließlich miteinander geschlafen! Nur einmal, aber … immerhin einmal! Ein gutes Mal. Das sollte für eine Gefängnisfreikarte reichen. Und diese Karte würde ich jetzt gerne für Kai einsetzen.

Ich sah ihm vorwurfsvoll in die dunklen Augen.

„Hör auf, mich so anzusehen.“

„Wie sehe ich dich denn an?“

„So, als sei es meine Schuld, dass Kai höchstwahrscheinlich in den Bau wandert.“

Ich schniefte ein wenig. Nicht, weil ich wirklich weinen müsste. Des Effektes wegen. „Also wird er im Gefängnis landen, wenn nicht irgendjemand einen anderen Verdächtigen findet?“

In Rispos Gesicht gingen sofort alle Alarmglocken los und er ließ seine Hände sinken. „Oh nein. Nein, nein, nein. Nicht irgendjemand. Ich! Ich bin die Polizei und natürlich werde ich mir den Fall genau ansehen. Natürlich wird ermittelt, ob es noch andere Verdächtige geben könnte. Das Motiv ist noch unklar, das werde ich noch recherchieren – aber du: Du fährst nach Hause oder in deinen Laden und wirst keine Sekunde deiner Zeit mehr darauf verwenden, über diesen Fall nachzudenken.“

Ich mochte es nicht, wenn Leute mir sagten, was ich tun sollte. Aber das laut auszusprechen, wäre äußerst dumm gewesen. Und ich mochte vielleicht unvorsichtig und inkonsequent sein – aber dumm war ich nicht.

Es gab ohnehin etwas, das ich noch nebenbei fallen lassen musste.

„Schön“, sagte ich vage, absichtlich nichts versprechend. „Jetzt mal was anderes.“ Ich räusperte mich. „Also, rein hypothetisch: Wenn ich noch Informationen hätte, die den Mord betreffen ...“

Rispos Augen verengten sich schlagartig. „Wie bitte?“

„Rein hypothetisch!“, erinnerte ich ihn. „Nehmen wir an, ich hätte eine Information zu der Mordwaffe, die Trudis Sohn möglicherweise noch mehr belasten könnte, – wie schlimm wäre es, wenn ich diese Information für mich behalte?“

„Louisa!“

Seinem Gesicht nach zu urteilen sehr schlimm. Ich winkte ab. „War ja nur rein hypothetisch.“

Er glaubte mir kein Wort. Zu Recht. „Louisa, wenn du mir irgendetwas verschweigst ...“

Unschuldig legte ich eine Hand auf meine Brust. „Ich? Aber ich habe doch überhaupt nichts mit diesem Fall zu tun, Josh. Wie sollte ich dann Informationen haben, die du nicht hast? Ich mach mich auf den Weg.“ Ich wandte mich zum Gehen, doch Rispo zog mich – nicht ganz unerwartet – an meinem Handgelenk zurück.

„Sprich“, sagte er düster.

Ich legte den Kopf schief. „Wenn ich sprechen würde, wäre das dann im Vertrauen?“

„Nein.“

„Was ist mit deiner Schweigepflicht?“

„Ich bin Polizist, kein Priester.“

Ja, das wusste ich, dass er kein Priester war. Ich sog Luft ein. „Also dann möchte ich dir das eigentlich nicht sagen. Nichts für ungut!“

„Nichts für ungut?“ An seiner Schläfe pochte eine Ader und ich wusste, dass er kurz davor war, zu explodieren.

„Es war ja nur hypothetisch!“, sagte ich, und bevor er mich noch einmal zurückhalten konnte, eilte ich aus dem Präsidium.

Kapitel 4

Ich konnte die ganze Nacht an nichts anderes denken als daran, dass Kai gerade in einer alten, vermoderten und kalten Zelle saß und nicht mehr als Brot und Wasser zu essen bekam.

Na gut, wenn ich ehrlich war, dann hatte ich wirklich keine Ahnung, wie so eine Gewahrsamszelle der deutschen Polizei heutzutage aussah. Wahrscheinlich etwas freundlicher, als ich sie mir gerade vorstellte. Außerdem war er ja im Moment nur in Untersuchungshaft.

Als ich am nächsten Morgen aufstand, konnte ich immer noch an nichts anderes denken, als an das, was passiert war. Immer und immer wieder ging ich den Moment durch, in dem ich um die Ecke des Lasters gekommen war. Immer wieder rief ich mir Kais Gesicht ins Gedächtnis, die Art und Weise, wie er über der Leiche gehockt hatte – und immer wieder kam ich zum gleichen Ergebnis: Der Mann war kurz davor gewesen, in Ohnmacht zu fallen. Mörder fielen nicht in Ohnmacht. Zumindest keine, die dazu in der Lage waren, nicht nur eine, sondern zwei Stricknadeln gewaltsam in den Hals eines Menschen zu rammen. Mir wurde ebenfalls klar, dass ich eigentlich sonst nichts über die ganze Situation wusste. Ich wusste weder, wie der Paketbote hieß, noch in welcher Beziehung er zu Kai oder der Zoohandlung stand. Und das war inakzeptabel! Das musste ich herausfinden – was nicht hieß, dass ich mich wieder einmischen wollte.

„Du willst dich also wieder einmischen?“, fragte Ariane eine Stunde später und reichte mir die Marmelade. Wir hatten uns in letzter Zeit viel zu selten gesehen und ein Notstandsfrühstück einberufen. Ich hatte dafür zwar um sechs Uhr aufstehen müssen, weil wir beide um neun unsere Läden eröffnen mussten, aber das war es wert.

„Nein, du hörst mir nicht zu! Ich sagte: Ich habe nicht vor mich einzumischen.“

„Ich habe zwischen den Zeilen gelesen und da stand eindeutig: Ich will den heißen Kommissar auf die Palme bringen, ihn dafür bestrafen, dass er sich so kacke benommen hat und meine Neugier stillen – ergo: Du wirst dich in den Mordfall stürzen.“

Wenn sie das so sagte, dann machte das irgendwie Sinn. Ich legte den Kopf schief und öffnete die Marmelade.

Wir saßen an Arianes Küchentisch – Ariane hatte eine hübsche Erdgeschosswohnung mit angrenzendem Garten, für die ich jemanden mit einer Stricknadel erstochen hätte – und ich fegte nachdenklich ein paar Krümel auf den Boden. „Findest du, ich sollte helfen?“

„Ich finde, du solltest nachher meine Küche staubsaugen.“

Ich lachte. „Sorry, aber jetzt ehrlich: Sollte ich mir den Fall genauer ansehen?“

Ari hob skeptisch eine Augenbraue. „Die Art und Weise, wie du die Frage stellst, legt mir nahe, dass es eine rhetorische ist.“

Ich starrte auf meine immer noch nicht bestrichene Brötchenhälfte. „Na ja, Trudi hat mich um Hilfe gebeten und sie ist meine Freundin … bin ich nicht verpflichtet, einer Freundin zur Seite zu stehen?“

„Natürlich“, sagte sie und prustete in ihren Kaffee. „Und der Wunsch, deine Nase in polizeiliche Angelegenheiten zu stecken, hat natürlich überhaupt nichts mit einem gewissen Kommissar zu tun, über den du dich seit Monaten beschwerst. Du würdest ja nie allein aus diesem Grund in einem Mordfall mitmischen, weil du wüsstest, dass du dem guten Herrn Kommissar dann öfter über den Weg laufen würdest, nicht wahr?“

Ariane und ich kannten uns seit der ersten Klasse, und wir erzählten uns alles – dementsprechend war es nicht verwunderlich, dass Rispo mehr als nur einmal in unsere Gespräche miteingeflossen war.

Na gut, in jedes Gespräch. Wie gesagt: Er besetzte einen nicht unbedeutenden Teil meines Gehirns.

„Es hat nichts mit ihm zu tun. Kai ist unschuldig und irgendwer sollte das beweisen“, sagte ich langsam. Doch offenbar machte mich meine übertrieben ernsthafte Stimme nicht glaubwürdiger.

„Lou, du kannst dich selbst belügen, mich aber nicht. Du fällst wieder in dein Muster zurück. Er ist dein Muster.“

„Ich habe kein Muster!“, wehrte ich mich sofort.

Sie schnaubte und stand auf, um sich Kaffee nachzuschenken. „Er ist heiß, du hast keine Ahnung, an was du bei ihm bist, er hatte eine tragische Kindheit, leidet an einem Heldenkomplex, durchlitt eine dramatische letzte Beziehung und hat seine Gefühle in irgendeinen Tresor gesperrt, von dem er höchstwahrscheinlich den Code vergessen hat. Er ist genau der Typ Mann, bei dem dein Helfersyndrom anschlägt, das dir vorgaukelt, du müsstest ihn retten.“ Ari sprach das letzte Wort aus, als wäre es das Furchtbarste, was ein Mensch je versuchen könnte. Sie seufzte schwer, setzte sich wieder und legte ihre Hand über meine. „Süße, ich hasse es, dir das sagen zu müssen, aber vielleicht wäre es besser, wenn du Rispo einfach … vergisst.“

„Vergisst?“ Hatte sie ihn gesehen?

„Ja. Lou, du warst schon einmal in einen verheirateten Mann verliebt, und weißt du noch, wie das damals ausgegangen ist?“

Ja, das war schwer zu vergessen. Ich hatte Chris meine Liebe gestanden, er hatte mich ausgelacht und ich hatte mich sechs Monate von Schokolade, Eistee und Schlagsahne ernährt. Nicht zu vergessen, dass ich zwölf Stunden am Tag geweint hatte. „Aber … Rispo ist nicht verheiratet.“

„Doch, ist er: Mit seinem Job.“

Ich starrte sie an und mein Herz sackte einige Zentimeter nach unten. Sie hatte recht. Natürlich hatte sie das. Josh lebte für seinen Job. Ich kannte ihn erst seit ein paar Monaten, von denen wir sechs Wochen nicht miteinander geredet hatten, und dennoch wusste ich eines sehr genau: Seine Arbeit stand an erster Stelle. Dann kam seine Familie – er hatte vier jüngere Brüder – und dann …? Was kam dann? Wo war da noch Platz für eine Frau? Geschweige denn für eine zugegebenermaßen etwas Durchgeknallte wie mich? Wir fauchten uns mehr an, als dass wir normal miteinander redeten.

Ich legte das Brötchen zurück auf den Teller. Ich hatte keinen Appetit mehr.

„Aber … ich mag ihn“, murmelte ich leise.

„Ich weiß“, sagte Ari und es lag so viel Mitgefühl in ihren Augen, dass ich sie nicht ansehen konnte. „Aber er ist Herzschmerz auf zwei Beinen.“

Das war er. Herzschmerz in einer unglaublich heißen Verpackung, die man bis zum letzten Krümel auslecken wollte. „Also sollte ich den Mord auf sich ruhen lassen“, folgerte ich kleinlaut, „Rispo aus dem Weg gehen und mir vielleicht doch lieber wieder einen … Zahnarzt suchen?“

Ari verzog verdrießlich das Gesicht. „Keine Zahnärzte mehr für dich. Das ist Zeitverschwendung. Aber das mit Rispo … ja, vielleicht. Und der Mord …“ Sie wiegte ihren Kopf hin und her. „Du solltest dich zumindest davon fernhalten, wenn es nur aus dem Grund ist, dass du ihn wiedersehen willst. Erwarte nicht zu viel von ihm.“

Seufzend ließ ich meinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Nicht zu viel erwarten! Ich hatte mich in den letzten fünf Jahren darauf konzentriert, keine Erwartungen an Männer zu haben. Wenn man keine Erwartungen hatte, dann konnte man auch nicht enttäuscht werden. Tatsache war, dass ich und die Männer eine lange, wehleidige Geschichte hatten. Die Art von Geschichte, die keiner hören wollte, weil sie einen zu sehr deprimierte. Ich neigte dazu, mich in Männer zu verlieben, die entweder emotional, körperlich oder durch einen Ehering nicht erreichbar waren. Chris war nur die Kirsche auf der Torte von zum Scheitern verurteilten Beziehungen gewesen.

„Ich überlege mir das nochmal mit dem Mord“, sagte ich dumpf in die Tischplatte hinein.

„Und mit Rispo?“

„Mit dem auch.“ Seufzend tauchte ich wieder aus der Versenkung auf. „Lass uns lieber über deinen heißen Gärtner reden und darüber, ob du ihn schon gefragt hast, ob er mit dir ausgeht.“

Seit fast einem halben Jahr hechelte Ari ihrem Gärtner hinterher. Ari war mit ihren langen glatten blonden Haaren und ihren Zwei–Meter-Beinen nicht nur wunderschön, sondern leider auch verdammt schüchtern und unsicher, was Männer anging. Das lag größtenteils daran, dass sie von ihrem Verlobten betrogen und dann abserviert worden war.

„Nein.“

„Nein, du hast ihn nicht gefragt oder nein, du willst nicht darüber reden?“

„Beides.“ Sie wandte ihren Blick ab, offenbar war auch sie mit ihrer Männersituation nicht zufrieden. „Ich habe eine bessere Idee, wie wir dieses Frühstück beenden können. Ich habe gestern neue Pralinenkreationen ausprobiert und brauche jemanden, der sie testet.“

Ich seufzte sentimental, stand auf und drückte sie fest an mich. „Ich liebe dich, Ari. Und das liegt fast nicht nur daran, dass du unendlichen Zugang zu Schokolade hast.“

Sie kicherte und drückte mich zurück. „Lass uns lesbisch und dann fett werden.“

Das brachte mich zum Lächeln.

Dann dachte ich an Rispo.

Nein. Ich war definitiv hetero.

Als ich beim Laden ankam, waren weder Trudi noch Emily anwesend. Dabei hatten eigentlich beide heute Morgen Schicht, weil ich gleich zu der notleidenden Braut – dem von meiner Mutter vermittelten Auftrag – fahren musste.

Na ja, eine Stunde hatten sie noch. Und Emily hatte gestern alleine im Laden einen wirklich guten Job gemacht. Vielleicht hielt ich sie für verantwortungsloser, als es ihr zustand.

Ich schloss auf, drehte das Schild um, sodass es nun auf »Offen« stand, und stellte die langstieligen Rosen und die Blumentöpfe, die Emily über Nacht in den Kühler gestellt hatte – Blumentöpfe hatten da eigentlich wirklich nichts zu suchen – in den Verkaufsraum.

Ich hatte bereits zwei Kunden bedient – beides Frauen, konnte deswegen nicht ausprobieren, ob ich genauso schamlos flirten konnte wie meine Schwester –, als besagte Person durch die Tür hetzte.

„Tut mir leid, ich war beschäftigt.“ Sie schlüpfte aus ihrer Jacke, schob sie unter den Verkaufstresen, wo sich die inoffizielle Garderobe des Ladens befand, und zog dann zu meiner Überraschung auch ihre Stiefel aus, um in die High Heels vom Vortag zu steigen.

„Gibt es einen neuen Dresscode, von dem ich als Inhaberin nichts weiß?“, fragte ich interessiert und lehnte mich mit der Hüfte gegen den Holztresen. „Oder gibst du dich dem Wunschdenken hin, dass wenn du hohe Schuhe trägst, mir nicht auffällt, dass du das T-Shirt schon wieder nicht trägst, das ich dir gegeben habe?“

Emily fummelte an den Riemchen ihrer Schuhe herum und kicherte. Warum kicherte sie?

„Diese Schuhe verkaufen mehr als es dein heiliges Uniform-T-Shirt tut“, bemerkte sie fröhlich und wedelte aus ihrer gebückten Haltung zu meiner Brust hoch, auf der das Logo von Louisa’s Flower Power prangte. „Du hättest BHs mit dem Logo bestellen und komplett auf das T-Shirt verzichten sollen.“

Natürlich. Und dann hätte ich eine Striptease-Stange zwischen die Tulpen bauen und jeden Tag daran tanzen sollen.

„Wo ist eigentlich meine tatsächliche Angestellte?“, fragte ich. „Hast du gestern noch ihre Medikamente geholt?“ Ich wollte mir keine unnötigen Sorgen machen, aber Trudi war nun einmal … alt.

„Aber klärchen, klärchen, klärchen habe ich das“, flötete Emily und riss abrupt ihren Kopf hoch. „Sie meinte gestern aber auch, dass sie heute Morgen unterwegs sein wird. Kunden anwerben. Sie sagte, das schulde sie dir?“

„Kunden anwerben?“ Sofort hatte ich ein Bild von Trudi im Kopf, wie sie Passanten in der Schildergasse Rosen ins Gesicht schlug und sie dazu zwang, an ihnen zu riechen.

„Ja, sie meinte irgendetwas von ‚neue Zielgruppe erschließen‘. Frag mich nicht.“ Unbeschwert ließ sich Emily auf den Hocker hinter sich kippen. „Trudi ist liebenswert, aber wirklich voll verrückt.“ Sie schien kurz über ihre eigenen Worte nachzudenken, dann nickte sie. „So richtig und echt und voll verrückt. Mehr verrückt als liebenswert, wenn du mich fragst.“

Tat ich aber nicht. Trudi war toll!

Okay. Der Part, dass sie ein wenig verrückt war, den würde ich unterschreiben. Trudis Ansichten auf das Leben waren … unkonventionell. Aber das waren Emilys auch. Sie vertrat die Auffassung, dass es Menschen erlaubt sein sollte, mindestens mit drei Leuten gleichzeitig verheiratet zu sein, denn ein einzelner Mensch könne nie alle ihre Bedürfnisse stillen. Und Emily hatte offensichtlich eine Menge Bedürfnisse.

Aber Kunden anwerben? Jetzt, wo ich darüber nachdachte … Trudi hatte gestern sowas in der Art erwähnt. Als Bezahlung dafür, dass ich Kai half. Aber welche Art von Kunden wollte sie anwerben?

Ich bekam ein mulmiges Gefühl, versuchte es aber zu ignorieren.

„Okay, wenn Trudi in einer halben Stunde nicht hier ist, musst du noch einmal alleine auf den Laden aufpassen. Schaffst du das, Emily?“

Meine Schwester rührte sich nicht, sondern starrte verträumt aus der Fensterfront. Ich wedelte mit meiner Hand vor ihrem Gesicht herum.

„Emily, hörst du mich?“ Ich schob meinen Kopf in ihr Sichtfeld und sah ihr in die Augen.

In die geröteten Augen, die fast nur aus Pupillen zu bestehen schienen.

Mir klappte die Kinnlade herunter. „Bist du stoned, Emmi?“

Sie schreckte plötzlich hoch und lehnte sich mit schuldbewusster Miene auf dem Hocker nach hinten. „Was wäre, wenn ja?“

Mein Mund öffnete sich noch eine Spur weiter. „Du kannst doch nicht bekifft zur Arbeit kommen.“

Sie blinzelte, als würde sie den Sinn hinter meinen Worten nicht ganz verstehen. „Ich bin nur ein bisschen breit. Ein ganz kleines bisschen.“ Sie ließ Zeigefinger und Daumen beinahe aufeinander treffen.

„Penis“, sagte ich.

Sie fing an zu kichern und hielt sich die Hand vor den Mund.

Na super. Test nicht bestanden!

„Es ist zehn Uhr morgens!“

„Und? Ein Joint ist kein Alkohol. Da muss man nicht bis abends warten.“

Pff, als ob sie mit dem Alkohol warten würde!

„Du kannst nicht stoned zur Arbeit kommen!“, wiederholte ich etwas lauter. Es erschien mir wichtig, diesen Punkt noch einmal zu unterstreichen.

„Warum nicht? Ich dachte, du bist ein solcher Fan von Pflanzen. Ein bisschen diskriminierend, wenn du mich fragst, Marihuana da auszuschließen!“

Meine Güte! Man konnte schon im nüchternen Zustand nicht mit Emily diskutieren, aber wenn sie völlig zu war …

Emmi legte eine Hand auf ihre Brust. „Ist es merkwürdig, dass du gerade aussiehst, als wärst du voll wütend auf mich, aber alles, woran ich denken kann, ist, dass ich dich echt liebe.“

Ich verdrehte die Augen. Na großartig. Das wurde ja immer besser. Das Einzige, was wir jetzt noch bräuchten, wäre die Polizei, die den Laden stürmte.

Die Tür öffnete sich und Rispo spazierte herein.

„Oh, shit“, kicherte Emily, die Hand vor ihrem Mund.

Nein. Den Shit hatte sie ja schon geraucht!

„Sorry, Sis', ich muss dich alleine lassen.“ Emily hechtete in mein Büro und schloss die Tür.

Rispo folgte ihr mit seinem Blick, schien sich aber nichts dabei zu denken. In seinen Augen waren die Manu-Frauen wohl einfach alle verrückt.

Ich schritt hinter die Theke, schlichtweg, weil ich mich mit einem Meter Holz zwischen uns sicherer fühlte, und legte den Kopf schief.

„Hey“, sagte er und stützte die Hände auf das Stück Tresen neben der Kasse. „Wie geht’s dir?“

Ich war überrascht, dass er seine kostbare Zeit mit einer Begrüßung verschwendete. Normalerweise kam er direkt zum Punkt. Und mein Wohlbefinden war wohl kaum der Grund für seinen Besuch.

Ich hob eine Schulter. „Ganz gut. So wie es Frauen, die eine Leiche finden, so geht.“

Das Bild des blutigen Paketboten würde ich wohl trotzdem nicht so schnell aus meinem Kopf bekommen.

„Konntest du schlafen?“ Er sah jetzt ernsthaft besorgt aus und das gefiel mir überhaupt nicht. Ich hatte doch gerade entschieden, dass ich ihn vergessen würde – da sollte er nicht so süß sein. Und in Jeans, Hemd und Parka sollte er auch nicht so gut aussehen. Ich versuchte mir vorzustellen, auf seiner Stirn würde ein riesiger Pickel sprießen. Aber das funktionierte nicht so gut, denn seine Schokoladen-Augen waren direkt darunter und mein Blick schweifte immer wieder zu ihnen ab.

„Hab ich was auf der Stirn?“ Rispo betastete seinen Kopf und ich hätte mich jetzt gerne selbst getreten.

Andererseits bekam ich schnell blaue Flecke, und außerdem hatte Rispo mich bereits als durchgeknallt abgestempelt. Wenn ich jetzt auch noch anfangen würde, mich selbst zu schlagen …

„Nein, nein“, sagte ich hastig. „Und danke, ich habe ganz gut geschlafen.“

Zumindest war meine Schlaflosigkeit nicht auf blutige Bilder zurückzuführen, die mich verfolgten, sondern vielmehr auf meine unstillbare Neugier.

„Also ist alles in Ordnung?“

„Jap.“

„Gut.“ Und schon wurde sein Gesicht zum Cop-Face. „Trudis Sohn hat durchsickern lassen, dass die Stricknadeln möglicherweise seiner Mutter gehörten. Du weißt da nicht zufällig etwas drüber?“

Ich kämpfte dagegen an, doch das Blut stieg mir trotzdem in die Wangen. „Äh … was? Welche Nadeln?“

Rispo schnaubte laut. „Okay, ich werde einfach nicht weiter nachfragen. Sonst müsste ich dir nachher tatsächlich noch Handschellen anlegen.“

Handschellen?

War es auf einmal heiß hier geworden? Gott, ich sollte aufhören, mir Rispo, Handschellen und ein Bett vorzustellen. Mein Problem war nur, dass ich eine rege Fantasie und noch allzu gut in Erinnerung hatte, wie sich seine Hände auf meinem Körper anfühlten und sein Mund …

„Der eigentliche Grund, warum ich hier bin“, redete Rispo weiter, völlig unwissend darüber, was er gerade in meinem Kopf mit mir anstellte. Es war vielleicht besser, dass ich nicht allzu viel Zeit hatte, Liebesromane zu lesen. Womöglich wäre meine Fantasie dann noch ausgeprägter.

„… werde mir die Zoohandlung und das Umfeld von Schnitzker noch einmal …“

Gott, wenn ich in einem Erotikroman leben würde, dann würde ich ihn jetzt auf den Tresen werfen und wie den Mount Everest besteigen. Es wäre mir egal, dass er absolut nicht der Richtige für mich war. Dass er mit seinem Job verheiratet war …

„… Gefühl hatte, ich sollte dir noch einmal einen Besuch abstatten, um sicher zu gehen, dass du keine Flausen im Kopf hast, wieder selbst zu ermitteln.“

„Mhm?“ Ich hatte nur mit halbem Ohr zugehört. War das eine Frage gewesen? Ich blinzelte. „Was?“

Er seufzte schwer und sah schon wieder äußerst genervt aus. „Lou!“

Ich riss mich zusammen und verlagerte meine Konzentration wieder auf sein Gesicht. „Entschuldige. Ich habe viel im Kopf.“ Sex und Handschellen und dich. „Ähm … Schnitzker? War das der Paketbote?“

Seine Miene verdüsterte sich. „Das ist das Einzige, was du mitbekommen hast?“

Nun … ja. Schon.

„Louisa.“ Seine Hand legte sich sanft um mein Kinn. „Hast du das gehört? Du wirst nicht ermitteln. Du wirst nichts tun, ist das klar? Ich werde mir den Fall ansehen, und wenn ich nichts finde, dann wird ein Gericht entscheiden, ob Kai schuldig ist, oder nicht. Aber ich werde suchen, in Ordnung? Du musst mir da vertrauen. Ich bin gut in dem, was ich tue.“

Oh Gott, ja. Das war er. So gut.

„Ich nehme meine Arbeit verdammt ernst, und ich bin niemand, der nur aus Bequemlichkeit den Falschen einbuchtet.“

Oh. Er redete von seinem Job. Schade.

„Also, versprich mir einfach, dass du die Finger von dem Fall lässt.“

Ich stieß seine Hand weg. „Ich weiß, Josh. Du bist gut in dem, was du tust“, wiederholte ich seine Worte.

Er verengte die Augen. „Du hast immer noch nichts versprochen.“

Ich lehnte mich etwas vom Tresen weg. „Ist dir aufgefallen, was?“

Er schlug mit der Faust gegen seine Stirn. „Du machst mich fertig, weißt du das? Wie kannst du so süß und unschuldig gucken, während du bereits planst, mich aufzuregen?“

„Ich würde nicht sagen, dass ich es plane … es passiert einfach. Das ist kostenlos im Louisa-Manu-Abo mit inbegriffen.“

„Kommt das Abo auch mit einer Wunsch-frei-Karte?“

„Mhm … was würdest du dir denn wünschen?“

„Dass die Seite in dir, die so talentiert Ostereier sucht, auf der Stelle verkümmert.“

Ich zog eine Grimasse. „Tut mir leid. Diese speziellen Karten sind nur für Langzeitkunden. Und du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Ich werde nichts Dummes tun.“

„Wirklich? Nur ist das, was du als dumm ansiehst, etwas ganz anderes als das, was ich als dumm ansehe.“

Die Augen verdrehend trat ich hinter dem Tresen hervor und versuchte ihn am Ellenbogen aus dem Laden zu dirigieren. „Du machst dir zu viele Gedanken. Warum sollte ich scharf darauf sein, wieder einen Mörder zu jagen? Also wirklich. Wenn das alles war, dann …“

Josh bewegte sich kein Stück. „Nein, das war nicht alles.“ Seine Hand streifte meine Taille, als er meine Finger langsam von seinem Ellenbogen schälte.

Gott, ich hätte hinter dem Tresen bleiben sollen. Warum war ich nicht hinter dem Tresen geblieben?

„Wenn ich schon einmal hier bin, was hältst du davon, mir zu erzählen, warum du nicht mehr mit mir redest?“

„Ganz wenig. Gar nichts, wenn ich genau bin.“

„Louisa …“

Seine Stimme war weich, sein Blick eindringlich und … verdammt, ich war wieder kurz davor, mich einfach in seine Arme zu werfen und mein Gesicht an seiner Halsbeuge zu vergraben.

„Ist es wegen … der einen Nacht? Ich kann mich nämlich nicht daran erinnern, dass es da irgendetwas gegeben hat, was dich hätte wütend machen können. Mir fallen da sogar drei Dinge ein, die dagegen sprechen …“ Ein arrogantes Lächeln erschien auf seinen Zügen, und sofort sprang mein kurzzeitig lustinfiltriertes Gehirn von schnurrender Katze auf wütende Bestie.

„Das ist fast drei Monate her, Josh“, sagte ich langsam, die Arme verschränkend. „Drei Monate.“

Er schien verwirrt. „Ich weiß. Ich war dabei.“

Er hatte echt keine Ahnung? Wie konnte … was … „Josh!“, presste ich zwischen den Zähnen hervor. Jetzt musste ich es ihm doch tatsächlich buchstabieren. „Du hast mit mir geschlafen, ein Notruf kam rein, du hast gesagt, du meldest dich, und dann bist du gegangen.“

„Und?“

„Du sagtest, du meldest dich!“

„Das habe ich doch.“

Ungläubig klappte meine Kinnlade herunter. „Nach vier Wochen!“

„Ich verstehe dein Problem nicht.“

„Das ist ein Monat, Josh!“

„Ich weiß. Ich war in der Grundschule.“

„Du … du bist unglaublich!“, rief ich lauter als gewollt. „Du hast angerufen, gefragt, ob ich mit dir rumhängen will, und als ich bei deinem ersten Termin nicht konnte, hast du wieder gesagt, du meldest dich … was du natürlich für zwei Wochen nicht getan hast. Und dann bist du plötzlich verwirrt, dass ich sauer bin?“

Er kratzte sich am Kopf und sah so ahnungslos aus, dass ich ihn gerne geschüttelt hätte.

„Ich war beschäftigt“, erklärte er langsam. „Und dann war Weihnachten. Die Zeit ist einfach vergangen.“

Ich ließ die Hände sinken und schüttelte fassungslos den Kopf. „Nein! Nein, nein, nein. Weißt du was?“ Ich wedelte mit meinen Händen vor seinem Gesicht herum. „Ari hatte recht.“

Verwirrt blinzelte er mich an. „Wer ist Ari?“

Ich lachte. Natürlich. Er wusste nicht einmal, wer meine beste Freundin war. Was hatte ich mir gedacht? Wir kannten uns nicht. Wir hatten ein paar heiße Küsse und eine Nacht miteinander geteilt, mehr verband uns nicht. Was hatte ich erwartet? Es war schon naiv von mir gewesen, zu denken, dass er an mehr als an meinem Körper interessiert sein könnte.

„Ist egal, Josh“, sagte ich, beide Hände in der Pose der Kapitulation erhoben. „Nicht wichtig. Wir sehen uns, wenn wir uns sehen.“

Josh starrte mich an und runzelte die Stirn. „Warum macht dich das so sauer? Dass ich mich zu spät gemeldet habe? Was hast du denn geglaubt, was … was passiert? Wir haben keine Beziehung, Lou, wir haben einmal miteinander …“

„Herrgott, ich weiß! Und wenn wir zusammen wären, dann würde ich mich jetzt auf der Stelle von dir trennen!“

Er legte den Kopf schief. „Also willst du nicht mit mir ausgehen?“

Dieser Mann hatte vielleicht einen Nerv! „Was? Nein! Damit du mich versetzen kannst? Ganz sicher nicht.“

Er sah aus, als empfände er meine Antwort als inakzeptabel. „Hab ich deine Gefühle verletzt? Wolltest du mehr?“

Gütiger Himmel, konnte er bitte aufhören zu reden? „Bitte geh einfach, okay?“

Stille.

Dann: „Kann ich wenigstens noch kurz Blumen kaufen?“

Blumen kaufen? Für eine andere Frau?

Ich musste mich beruhigen. Einen Beamten anzufallen, würde sich nicht gut in meinem Lebenslauf machen.

Ach was, wen interessierte schon mein Lebenslauf! Ich war selbstständig, es würde nie wieder jemand auf meinen Lebenslauf achten. Ich würde Rispo niederstrecken, mit seinen verdammten Handschellen in einen Keller sperren und … nein.

Ich atmete ruhig und langsam aus. Ich war besser als das. Wenn ich ihm zeigte, dass er meine Gefühle verletzt hatte, dann gewann er.

Ich ließ die Hand sinken und setzte ein verkniffenes Lächeln auf. „Natürlich kannst du das. Weißt du was?“ Ich lief durch den Verkaufsraum und fischte eine weiße Blume aus einem der mit Wasser gefüllten Töpfe. „Hier, ich schenke dir eine Lilie.“
Rispo starrte auf die Blume, die ich ihm in die Hand gedrückt hatte. „Was soll ich mit einer Lilie?“

„Die steht für Keuschheit. Ich dachte, das könntest du ja mal ausprobieren.“

Er runzelte die Stirn. „Warum willst du dir denn selbst schaden?“

Der Geist dieses Mannes war unzerstörbar. „Halt die Klappe, Rispo, und sag mir, welche Blumen du willst.“

Er suchte welche aus – Tulpen in Rosa und Weiß – und bezahlte. Ich nahm sein Geld, integrierte die Lilie in den Strauß, wickelte die Blumen ein und reichte sie ihm über die Theke. „Hier.“

Er bewegte sich nicht. Stattdessen starrte er mich an. Ungeduldig ließ ich meine Fingerkuppen auf den Tresen prasseln. „Was?“

Er sah mich unschlüssig an und runzelte die Stirn – dann beugte er sich vor, legte eine Hand um meinen Hals und küsste mich.

Es war kein spektakulärer Kuss. Seine Lippen berührten mich sanft und kurz – aber meine Nervenenden standen von meinem Körper ab, als hätte er mir gerade einen 200-Volt-Stromschlag verpasst.

Er lächelte. „Ja, so gefällt mir dein Gesicht besser.“

Er nahm die Blumen, zeigte mit dem Zeigefinger auf mich, sagte: „Nicht vergessen, Finger weg vom Fall!“, und war aus der Tür.

Ich starrte ihm hinterher. Seinen Geschmack auf meinen Lippen. Was war da gerade passiert?

In welcher Welt hatte Rispo mein Verhalten als Erlaubnis dazu deuten können, mich zu küssen?

Und warum hatte ich ihn gelassen? Und warum wollte ich jetzt, dass er sofort zurückkam?

Mist.

Ich musste wirklich an meiner Körpersprache arbeiten – nachdem ich meine Beine dazu gebracht hatte, sich wieder zu bewegen. Eines nach dem anderen.

Zumindest hatte ich eine Entscheidung gefällt. Ich würde Trudis Sohn helfen. Von Rispo würde ich mir ganz bestimmt nicht sagen lassen, was ich zu tun und zu lassen hatte.

Trudi traf eine Viertelstunde später im Laden ein. Sie wollte mir nicht sagen, wo sie gewesen war, fragte mich aber sofort, ob ich schon eine Fährte aufgenommen hätte. Ich versprach ihr, bei der Zoohandlung vorbeizufahren, um die sich Kais Mitarbeiter im Moment alleine kümmerten. Wiederum eine Viertelstunde später konnte ich mit relativ gutem Gewissen den Laden verlassen. Na ja, mit einem so guten Gewissen, wie es unter dem Umstand, dass man seine bekiffte Schwester und eine alte, verrückte Dame in der Verantwortung zurückließ, eben ging.

Die Braut stellte sich als dankbare Kundin heraus und das Gespräch, in dem nur die groben Gegebenheiten besprochen wurden, dauerte nicht lang. Ihr Motto war schlicht und elegant und sie war sehr entscheidungsfreudig – vor allem deswegen, weil die Hochzeit ja bereits in zwei Tagen sein würde. Ich versicherte ihr, dass die kurze Zeitspanne kein Problem sei und ich die Lieferung persönlich abholen würde, und fuhr gegen Mittag wieder in Richtung Laden zurück. Bevor ich jedoch meinen Kontrollzwang weiter ausleben konnte, machte ich den versprochenen Stopp bei Zoo&Kunz.

Als ich in den warmen Verkaufsraum trat und mir erneut der Geruch von Tierexkrementen, Chlor und süßlichem Parfüm entgegenschlug, wurde mir augenblicklich übel. Nicht etwa, weil der Geruch so schlimm gewesen wäre – was er war –, sondern weil ich ihn automatisch mit der Leiche verband, die sich keine zwanzig Meter Luftlinie von hier befunden hatte. Ich schauderte ein wenig, und als mein Blick auf die Vogelspinnen, Schlangen und Echsen im ersten Gang fiel, hätte ich mir am liebsten die Augen zugehalten.

Zoohandlungen waren eindeutig nicht der richtige Ort für mich. Eine Süßigkeiten-Fabrik wäre da schon eher mein Fall. Ich würde mich auch mit einer Bar zufriedengeben. Oder einem Bällebad.

Hinter der Kasse saß wieder das junge Mädchen, diesmal ohne Kaugummi, doch heute lehnte auch ein braungebrannter junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig, neben den Hamsterkäfigen. Er lachte gerade über etwas, das das Mädchen gesagt hatte. Sein grünes Polohemd wies ihn als Mitarbeiter aus.

Meine Mitarbeiter waren anscheinend die einzigen, die ein Problem mit solchen Kleidungsstücken hatten.

Ich zwängte mich an den Käfigen vorbei und glitt zur Kasse. Schön, vielleicht war zwängen nicht das richtige Wort. Die Enge war wohl eher auf einen klaustrophobischen Anfall meinerseits zurückzuführen, den ich bekam, als die Schlangen anfingen, sich zu bewegen. Tiere ohne Beine waren noch viel schlimmer als Tiere mit acht Beinen. Und es war mir egal, ob ich das weibliche Klischee schlechthin war – Spinnen und Schlangen gehörten überall hin, nur nicht in zwanzig Kilometer Reichweite zu mir.

„Hallo“, sagte ich etwas atemlos, als das ganze Getier endlich aus meiner Sichtweite war.

„Oh.“ Das Mädchen sah auf. „Sie schon wieder. Wollen Sie etwa noch eine Leiche finden?“

Diese Anschuldigung weckte sofort das Interesse des Mitarbeiters. „Sie haben Kai und den Paketboten gefunden?“, fragte er mit gehobenen Augenbrauen. „Meine Güte, wenn Sie nur ein paar Minuten eher gekommen wären, hätten Sie ihn womöglich noch davon abhalten können!“

Ich verschränkte die Arme und wippte auf meinen Stiefelabsätzen vor und zurück. „Hätte ich nicht. Kai ist nämlich unschuldig.“

Das schien den Jüngling zu überraschen. Er blies sich die blonden Surferhaare aus der Stirn. „Die Polizei war vorhin hier – die hat was anderes gesagt, oder Tanja?“

Tanja steckte sich ein Kaugummi zwischen die Zähne – es hatte dieselbe pinke Farbe wie das gestrige – und nickte. „Die waren voll überzeugt, dass sie ihren Täter schon haben.“

War das Rispo gewesen? Hatte er gesagt, dass sie den Täter schon gefasst hatten?

„Nun, ich bin es nicht“, sagte ich verkniffen lächelnd und lehnte mich an den Tresen. „Wart ihr beide gestern hier? Tanja und …“ Ich sah auf das Namensschild des Mitarbeiters. „Lars?“

Lars nickte. „Jo! Tanja, ich und Daniel. Wir sind immer zusammen hier. Wir haben meistens die Schicht morgens. Außer, wenn wir sie eben nicht haben.“

Na wunderbar. Präzise Erklärungen waren mir die liebsten.

Ich sah mich um. „Und wo ist Daniel?“

Lars nickte in eine vage Richtung. Offenbar waren die Mitarbeiter dieses Ladens zu keinen genauen Angaben fähig. „Der ist irgendwo im Lager. Also nicht das draußen – da ist noch überall Blut auf den Steinen. Ich meine im Lager von all dem Kram, der nicht frisch sein muss. Da drüben.“ Wieder nickte er irgendwo hin.

„Und ihr habt gestern nichts gehört? Obwohl ihr alle hier wart? Niemanden gesehen?“

Tanja verengte die Augen und ließ eine Blase vor meinem Gesicht platzen. „Sie kommen mir bekannt vor. Wer, haben Sie gesagt, sind Sie noch gleich? Die Polizei war schon hier. Die können Sie nicht sein! Warum stellen Sie also so viele Fragen?“

Ich hatte gar nichts gesagt. Aus gutem Grund. Unangenehm berührt räusperte ich mich. „Ich bin eine Freundin von Trudi, Kais Mutter, und sie hat mich gebeten, ein paar … Informationen einzuholen.“

Das Mädchen musterte mich und pulte sich etwas Kaugummi von den Lippen, dann erhellte sich ihre Miene schlagartig. „Ey, Lars! Das ist diese Frau mit dem Finger aus dem Sperrmüll. Sie haben letztes Jahr eine Mörderin gefangen! Es stand überall in der Zeitung. Das sind doch Sie, oder?“

Ich wurde noch röter, kam jedoch nicht dazu, zu antworten.

„Wer hat eine Mörderin gefangen?“, fragte eine Stimme hinter mir, und ein weiterer junger Mann, Daniel tippte ich, gesellte sich zu uns.

„Sie hier. Sie ist die Fingerfrau! Die aus dem Fernsehen und der Zeitung. Erinnerst du dich? Kai hatte erzählt, dass er sie kennt.“

Ihr Zeigefinger schwang immer noch in meinem Gesicht hin und her, und ich musste mich zusammenreißen, ihn nicht zu packen und Tanja daran über die Theke zu ziehen.

„Ja, das bin ich“, sagte ich seufzend. „Und könntet ihr mir nun bitte ein paar weitere kleine Fragen beantworten?“

„Aber klar“, sagte die Blondine sofort begeistert. „Sie sind voll die Berühmtheit!“

Ich befürchtete, mehrere Milliarden Menschen würden ihr da widersprechen, aber wer war ich, sie zu korrigieren? Außerdem: Wenn es sie dazu brachte, etwas Licht in den Mordfall zu bringen, konnte das Ganze ja nicht schaden.

„Was für Fragen wollen Sie denn beantwortet haben?“, fragte Daniel verwirrt. Er war einen halben Kopf kürzer als Lars – der aussah wie dem Cover eines Surfmagazins entsprungen –, seine schwarzen Haare hingen ihm wirr in die Stirn und wurden nur von einer kantigen schwarzen Brille davon abgehalten, ihm in die Augen zu fallen. Außerdem war ein Hanfblatt auf seinen Unterarm tätowiert. Emmi würde sich bestimmt blendend mit ihm verstehen.

„Sie hat gerade gefragt, ob wir gestern irgendetwas gehört oder gesehen haben“, bemerkte Lars und lächelte mich an. Seine Zähne waren im Vergleich zu seiner gebräunten Haut unnatürlich weiß. Es war Januar, Herrgott! Wo hatte er diese Bräune her? Sie sah so gleichmäßig aus. Das schafften Sonnenstudios doch sonst nie. Ich war nur einmal im Leben in einem menschlichen Toaster gewesen – vor meinem Abiball, als meine Mutter mir eingeredet hatte, dass ich keine Fotos haben wollte, bei denen alle in zwanzig Jahren fragen würden, wer denn der Käse auf dem Bild sei.

„Aber das hat die Polizei doch gerade schon gefragt“, stellte Daniel immer noch irritiert fest. „Warum wollen Sie das denn auch nochmal wissen?“

„Weil sie voll die Detektivin ist, Daniel“, erklärte Tanja neunmalklug. „Stimmt doch, oder?“

Nein. Stimmte nicht. Wenn Rispo jetzt hier wäre … ich wüsste genau, auf welche Art und Weise er sein Gesicht verziehen würde.

„Ich bin nur eine Freundin der Familie und möchte sichergehen, dass der Polizei nichts durch die Lappen geht“, sagte ich leichthin. „Also: Habt ihr jetzt was gesehen oder gehört?“

Simultan schüttelten alle den Kopf.

„Nee, ich war hier an der Kasse, wissen Sie doch. Da war niemand anderes außer Sie hier“, erklärte Tanja.

„Ich war im Lager“, sagte Daniel. „Allein.“

„Ich war im Büro, Lieferscheine ordnen“, meinte Lars und hob die Schultern.

Das waren alles wirklich keine zufriedenstellenden Antworten. „Was ist mit dem Paketboten? Kanntet ihr ihn?“

Sie nickten.

„Ja, klar. Der kam ja öfters hierher“, sagte Tanja. „Auch wenn ich gar nicht wusste, dass er zu dem Zeitpunkt seines Todes überhaupt da war. Ich hab ihn zumindest nicht hier durchlaufen sehen. War auch gar nicht sein Tag.“

„Habt ihr euch schon einmal mit ihm unterhalten? Hat Kai sich mit ihm unterhalten?“

Jetzt zuckten alle die Schultern.

„Keine Ahnung“, meinte Daniel. „Wir arbeiten alle hier, also natürlich haben wir auch mit dem Paketboten geredet. Er kam mindestens einmal die Woche vorbei. Die Lieferungen und Pakete angenommen hat allerdings meistens Kai. Ich weiß nicht, ob sie sich besser kannten. Aber mussten sie ja wohl – sonst hätte er ihn ja nicht umgebracht.“

„Er hat ihn nicht umgebracht“, sagte ich verkniffen. Mir tat der Kiefer weh, weil ich den ganzen Tag lang immer wieder meine Zähne aufeinanderpresste.

Die drei wechselten einen Blick, der mich dezent aggressiv machte, weil er mich an Rispos Gesichtsausdruck erinnerte, immer wenn er dachte, dass ich mich mit dem, was ich tun wollte, übernahm.

„Alles klar, wenn Sie das sagen“, sagte Lars betont nachsichtig.

Ich seufzte. „Ja, das sage ich. Fällt euch sonst noch etwas ein, was wichtig sein könnte?“

Alle schüttelten den Kopf.

„Alles klar. Trotzdem danke. Wenn ihr euch doch noch an etwas erinnert“, ich kramte eine meiner Visitenkarten aus meiner Handtasche und drückte sie Tanja in die Hand, „dann könnt ihr mich ja anrufen.“

Das war ja mal ein Schuss in den Ofen gewesen.

Ich wandte mich zum Gehen, erinnerte mich aber daran, dass ich noch eine Frage vergessen hatte. Hastig drehte ich mich noch einmal um und erwischte Lars, der in einem Gang hatte verschwinden wollen, am Ellenbogen.

„Wo hast du die Bräune her? Und wie komme ich da hin?“

Verdutzt sah er mich an. „Äh … Australien. Ich würde ein Flugzeug vorschlagen?“

Mist. Australien war nicht in meinem Budget. Ich seufzte. „Danke.“

Das war anders verlaufen, als ich es mir erhofft hatte. Irgendwie hatte ich fest damit gerechnet, dass einer der Mitarbeiter im Gebüsch gesessen und mit seinem Handy rein zufällig ein Foto von der Mordtat geschossen hatte.

Ach, das war doch alles blöd. Ich hatte einfach zu wenige Informationen. Ich wusste nicht, in welcher Verbindung der Paketbote mit der Zoohandlung oder mit Kai oder irgendwem stand.

Ich trat aus dem Laden und ging im Kopf noch einmal die Mitarbeiter durch.

Lars, Daniel und Tanja.

Rein logisch betrachtet, standen sie auf der Liste der Verdächtigen. Sie waren alle in Reichweite gewesen und hatten leichten Zugang zum Hinterhof. Andererseits war die Tür nicht verschlossen gewesen und Tanja konnte man nicht gerade als konzentrierte Kassiererin bezeichnen. Sie hatte die Aufmerksamkeitsspanne eines Goldfisches. Es hätte sich leicht jemand in den Laden stehlen, zum Hinterhof vorschleichen und dann wieder abhauen können.

Wo ich gerade darüber nachdachte … was hatte der Paketbote dahinten eigentlich verloren? Das Tor zum Hinterhof war verschlossen gewesen. Er musste durch den Laden gekommen sein, oder? Aber Tanja hatte gemeint, ihn nicht gesehen zu haben. Das hieß entweder, dass sie gerade mit ihrem Handy beschäftigt gewesen war, oder dass jemand ihm das Tor aufgemacht und es dann wieder verschlossen hatte. Was wieder auf einen Mitarbeiter als Verdächtigen schließen ließ.

Das half mir jedoch alles nicht, solange ich keine weiteren Informationen hatte. Was ich brauchte, war ein Überblick über die gesamte Lebenssituation des Opfers. Bankdaten, Namen und Lebenslauf wären ganz nett. Am besten auf einem Silbertablett serviert, damit das Zusammensuchen der Informationen nicht so anstrengend war. So wie letztes Mal eben …

Doch die Polizei ein zweites Mal in einem Leben dazu zu bestechen, Einblick in ihre Akten zu erhalten, würde meine Chance darauf, in den Himmel zu kommen, wohl beträchtlich schmälern. Nicht zu vergessen, dass es schon beim ersten Mal ein Wunder gewesen war, dass der Polizeichef mir nicht den Vogel gezeigt hatte.

Nein.

Ich musste anders vorgehen. Und ich wusste auch schon wie. Nur, um eine Bestechung würde ich trotzdem nicht herumkommen.

Kapitel 5

Ich rief beim Laden durch, um zu checken, ob alle noch lebten. Ich bekam eine kleine Panikattacke, als Emily berichtete, Trudi sei noch einmal Kunden anwerben gegangen. Allerdings wurde ich von ihr beruhigt: Sie sei schon wieder nüchtern und wolle deshalb noch heute Abend das Geld von ihrem Dealer zurückverlangen. „Wer weiß, mit was der das Zeug gestreckt hat! So schnell war ich noch nie wieder klar im Kopf.“

Mir fiel es schwer, das richtige Maß an Mitgefühl für sie aufzubringen. Am liebsten hätte ich ihr eine fleischfressende Pflanze vor die Nase gehalten, damit diese einmal ordentlich zubiss.

Ich hatte gerade aufgelegt und wollte die nächste Nummer wählen, als meine Mutter anrief.

Mein Blick blieb auf dem Display hängen und augenblicklich traten mir Schweißperlen auf die Stirn. Ich wollte da wirklich nicht drangehen. Mit meiner Mutter zu diskutieren war, wie gegen eine Wand zu rennen. Schmerzhaft und irgendwie … dumm.

Vor allem, weil ich ahnte, über was sie mit mir reden wollte. Mittlerweile musste auch zu ihr durchgesickert sein, dass ich über eine Leiche gestolpert war. Ich wusste noch nicht wie, aber sie würde mir die Schuld für diesen blöden Zufall geben.

Nun – irgendwann würde ich mit ihr reden müssen. Spätestens Sonntag beim Brunch. Und war es da nicht besser, über das Telefon, statt persönlich angeschrien zu werden?

Ich hob ab und hielt das Handy vorsorglich etwas von meinem Ohr weg. „Ein herzliches Hallo, Euer Hochwohlgeboren.“

„Zwei Tote innerhalb von zwei Monaten! Zwei Tote, Louisa, innerhalb von zwei Monaten!“ Das zweite Mal sprach sie die Worte ganz langsam aus, so als fürchte sie, dass mir die vielen Toten auf die Ohren oder aufs Gehirn geschlagen waren.

„Innerhalb von drei Monaten, und das erste Mal habe ich nur den Finger gefunden“, verteidigte ich mich automatisch. Merkwürdigerweise hatte ich mich beim Finger zu Tode erbrochen, während die Leiche mich nicht so stark berührt hatte. Natürlich, mir war schlecht gewesen, und auch die Ohnmacht war für einen Moment eine recht starke Option gewesen, aber dennoch: Die Leiche hatte einfach so … unecht ausgesehen. Wie eine Statue im Wachsmuseum. Ich meine, der Körper des Mannes war komplett unversehrt gewesen – also, bis auf die Stricknadel, die aus seinem Hals geragt hatte. Und das Blut.

Wenn ich so genau drüber nachdachte, dann war der Mann alles andere als unversehrt gewesen.

„Und schon wieder warst du in der Zeitung. Wir sind heute beim Meeting nicht dazu gekommen, über die Benefizveranstaltung zu sprechen, weil mich alle mit Fragen und mitleidigen Blicken gelöchert haben.“

„Ich stand nicht in der Zeitung! Also … zumindest wurde ich nicht namentlich erwähnt.“

„Aber trotzdem wussten alle, dass du es warst! ‚Eine vom Pech verfolgte Blumenladenverkäuferin‘.

„Blumenladeninhaberin“, korrigierte ich und stützte mich mit einem Arm auf meinem Auto ab. „Und deine Freundinnen sollen sich ihre eigenen Leichen zum Drüberreden besorgen. Du kannst ihnen ja sagen, dass sie mir meine lassen sollen.“

„Louisa Josephine Manu! Wann hörst du endlich auf, über so schreckliche Sachen Witze zu machen?“

„Das weiß ich noch nicht so genau. Mit fünfzig vielleicht?“ Wenn ich mir meine Mutter ansah, dann war das offenbar das Alter, in dem man seinen Humor verlor.

„Du brauchst unbedingt einen Mann.“

Überrascht starrte ich den Hörer an. Das war selbst für meine Mutter ein ziemlich weit gespannter Bogen.

„Was hat denn ein Mann mit dem Ganzen zu tun? Selbst mit Freund hätte ich die Leiche gefunden.“

Meine Mutter hüstelte pikiert. „Nein, mit Freund hättest du Besseres zu tun, als in fremden Hinterhöfen herumzuschnüffeln.“

Ich verdrehte die Augen. Nur meine Mutter konnte alle Tatsachen so drehen, dass sie meinem Singledasein die Schuld für ihre soziale Schmach in die Schuhe schieben konnte. „Weißt du, Mama, ich hatte überlegt, einfach ewig allein zu bleiben. Ich bin eine tolle Tante – wer braucht schon mehr! Also, so wie es aussiehst, wirst du wohl noch von einigen Leichen hören. Wo ich die doch als Single magnetisch anziehe.“

„Lou, hör auf, dich lustig zu machen.“

Ich versuchte es ja, aber meine Zunge war mir wie immer mehrere Schritte voraus!

Ich konnte meine Mutter schnauben und irgendetwas Unverständliches murmeln hören. Wahrscheinlich war dieses Gespräch nicht gut für ihren Blutdruck – ich sollte besser auflegen. Um ihrer Gesundheit willen.

„Mama, ich muss los. Ich versichere dir, dass ich den Leichen in nächster Zeit aus dem Weg gehen werde – und wenn ich doch noch eine finde, komm ich bei deinem Club vorbei und beantworte die Fragen höchstpersönlich, in Ordnung?“

An ihrem Nach-Luft-Schnappen konnte ich deutlich hören, dass nichts in Ordnung war, doch bevor sie anfangen konnte, weiterzureden, verabschiedete ich mich eilig. Sobald ich aufgelegt hatte, wählte ich schnell die nächste Nummer. So würde meine Mutter mich nicht erreichen, sollte sie es sofort noch einmal versuchen.

Ich lehnte mich gegen den Wagen, lauschte dem Freizeichen und musste breit lächeln, als jemand abhob.

„Huhuuu, ich bin hier und wer ist da?“

„Hey, Lara, hier ist Tante Lou … warum hast du das Handy von deinem Papa?“

„Ich durfte heute Morgen kein Schokomüsli essen“, erklärte sie langsam, als würde das alles erklären. „Da war ich sehr traurig. Weil, Isa durfte Müsli essen und ich nicht, und Papa meinte, das wäre so, weil ich gestern wegen dem Zähneputzen gelogen hätte. Dabei hab ich gar nicht gelogen. Ich hab nur auch nicht die Wahrheit gesagt. Aber in der Schule habe ich dann eine Schokomilch bekommen. Das war auch in Ordnung. Und wir haben noch einen Buchstaben gelernt. Wir haben jetzt fast alle …“

Ich musste breit lächeln und mir tat es wirklich leid, sie unterbrechen zu müssen, aber wenn ich sie jetzt nicht stoppte, würde ich drei Stunden am Telefon festhängen. Lara hatte die Fähigkeit, einen dreckigen Esel zu einem schillernden Einhorn zu machen, und dann alle hunderttausend bunten Facetten seines Schweifes zu beschreiben. Ohne Punkt und Komma.

„Schätzchen, behalt das mit dem Buchstaben im Kopf, ich möchte Sonntag alles darüber erfahren, aber kannst du mir vielleicht deinen Papa geben?“

Klickgeräusche drangen durch den Hörer, so als würde Lara mit ihren Fingernägeln gegen das Mundstück des Telefons klopfen. „Der ist gar nicht hier. Der ist auf der Arbeit. Das Handy hat er liegen lassen. Mama hat es gesehen, ihm aber nichts gesagt, weil, er muss selbst aus seinen Fehlern lernen.“

Ach, ich liebte Steffi. Die Frau meines Bruders war eine der besten Personen, die ich kannte. Nicht weil sie Jannis ab und zu quälte … auch wenn das ein ausschlaggebender Faktor war. Nein. Sie war einfach eine Frau, die nach Prinzipien lebte.

Selbst geschriebenen, sich täglich verändernden Prinzipien.

„Das ist sehr weise von deiner Mama, Lara. Dein Papa hat eine Menge Fehler, er kann also noch eine Menge lernen. Ist Mama denn da?“

„Jaaa …“, flötete sie, bevor ihre Stimme im nächsten Moment zu einem Brüllen heranreifte. „Mama! Tante Lou findet dich weise und möchte dich sprechen!“

Ich konnte einiges Stimmengewirr hören, dann ein Geräusch, so als sei Lara das Telefon kurz aus der Hand gefallen, und schließlich war Steffi am Apparat.

„Hey, Lou. Alles in Ordnung? Hab das mit der Leiche gehört. Geht es dir gut?“

Ich seufzte. Alle hatten von der Leiche gehört.

„Ja, alles in Ordnung. Menschen sterben. Passiert.“ Nur meistens ohne Stricknadel und das viele Blut. Und meistens nicht in meiner Gegenwart. „Aber danke der Nachfrage.“

„Du hast aber auch wirklich Pech. Deine Mutter wird sich freuen!“

„Das tut sie bereits, und ich fürchte, dass ihre Freude noch anhalten wird. Aber ich werde Sonntag einfach Lara dazu auffordern, ihr von dem heutigen tragischen Morgen zu berichten, an dem sie kein Schokomüsli haben durfte. Dann sind zwei Stunden rum und ich kann gehen.“

Steffi lachte. „Hat sie dir auch schon von dem neuen Buchstaben berichtet, den sie heute gelernt hat?“

„Das wird sie Sonntag nachholen, aber eigentlich wollte ich nur mit Jannis sprechen. Hast du eine Ahnung, wo er ist?“

„Oh ja. Er ist auf dem Präsidium. Wollte sich den Papierkram für irgendeinen neuen Fall abholen. Wieso?“

Warum interessierten sich alle Leute nur immer für meine Handlungshintergründe? Sie sollten das bisschen Mystik, das ich ihnen bot, willkommen heißen.

„Nur so“, meinte ich vage. „Ich will ein kleines Pläuschchen mit ihm führen.“

Steffi lachte wieder. „Er hat mein Mitgefühl. Er wird auf der Hauptwache sein. Sei lieb zu ihm. Ich muss nämlich mit ihm wohnen!“

„Wann war ich nicht lieb zu Jannis?“

„Als du Tee auf seinem Bett verschüttet hast und ihm weismachen wolltest, er hätte in sein Bett gepinkelt?“

Das war lustig gewesen.

„Damals war ich sieben.“

„Als du den Ausfluss deiner Mutter verstopft hast, als du Blumen umtopfen wolltest, und ihr erzählt hast, Jannis hätte Indisch gegessen und es nicht mehr rechtzeitig zum Klo geschafft?“

„Hey. Damals war ich … fünfundzwanzig!“

Steffi schnaubte. „Deine Mutter hat dir geglaubt.“

Ja, das hatte sie. Ach, die guten alten Zeiten.

„Oder weißt du noch damals, als du ihm die Pille ins Essen gemischt hast, um zu sehen, ob er dann auch seine Menstruation bekommt?“

Okay, ich sollte wahrscheinlich besser auflegen.

Ich fuhr zur Wache und fragte mich, ob Rispo gerade dort war. Nicht dass mir das etwas ausgemacht hätte, es war nur immer besser, so etwas vorher zu wissen. Damit ich mich mental darauf vorbereiten konnte. Mental und körperlich – denn bei ihm war eher mein Körper das Problem.

An der Rezeption der Polizeiwache saß wieder das Mädchen von gestern, das mich bereits kennen müsste. In letzter Zeit hatte ich sehr viel Zeit hier verbracht.

„Hallo“, sagte ich freundlich. „Ist Jannis Manu hier? Anwalt für Strafrecht im Schnitzker-Fall? Ich bin seine Schwester und müsste ihn dringend sprechen.“

Sie verengte die Augen. Ihre glatten braunen Haare fielen ihr bis zur Taille und … wie schafften Frauen es nur, dass ihre Haare so glänzten? Mit wem musste ich schlafen, damit meine Haare auch so aussahen?

„Ja, er ist hier …“, sagte sie langsam. „Aber ich weiß wirklich nicht, ob Sie ihn stören sollten.“

Ich legte mir eine Hand auf die Brust. „Ich bin seine Schwester – genetisch dazu veranlagt, ihn zu stören.“

Das brachte sie zum Lächeln. „Okay, er ist im Büro bei unserem Recherchisten. Ich denke, das sollte in Ordnung sein.“

„Danke. Den Raum finde ich.“

Der Recherchist des Hauses war Marvin. Er hatte keinen offiziellen Titel, nannte sich jedoch ‚Recherchist‘, weil er nicht als ‚Mädchen für alles‘ bezeichnet werden wollte. Marvin war ein lieber Kerl und wirklich nett zu mir gewesen, als ich mich das letzte Mal in einen Fall eingemischt hatte. Er war der Typ Mann, den man sofort in die Kumpel-Kategorie einordnete und der sicherlich wusste, wie man sich Zöpfe flocht und die Füße massierte.

Ich lief nach rechts in einen Gang und nahm die dritte Tür links. Ich merkte erst, dass ich vergessen hatte, anzuklopfen, als ich bereits im Raum stand.

Gott sei Dank war er bis auf einen Schreibtisch, einem traurigen Ficus und Jannis, der über einer Akte hockte, leer. Mein Bruder schreckte auf, und als er mich erblickte, runzelte er überrascht die Stirn. Es war nicht die gute Art von Stirnrunzeln.

„Lou, was tust du hier?“

Ich hielt es für besser, erst einmal etwas Smalltalk zu führen. „Wie geht’s dir?“

Skeptisch hob er eine Augenbraue. „Gut. Bis auf einen traumatischen Schokomüsli-Vorfall heute Morgen.“

„Ja, davon habe ich schon gehört“, sagte ich amüsiert und schloss die Tür hinter mir. Dann nickte ich zum Schreibtisch. „Bekommst du keine Kopie?“

„Doch, bekomme ich. Der Recherchist fertigt mir gerade eine an. Ich dachte, ich nutze die Zeit und diese Kopie“, er hob die Akte hoch, „um mich bereits etwas einzulesen.“

„Fleißig.“

„Mhm … also, was tust du hier?“

Gut. Smalltalk vorbei.

Ich faltete die Hände zusammen. „Na ja, eigentlich wollte ich dich um einen Gefallen bitten.“

Alarmiert richtete er sich im Stuhl auf. „Oh Gott, nein.“

„Du weißt doch noch gar nicht, um was ich dich bitten will.“

Er deutete mit dem Zeigefinger auf mich. „Das letzte Mal, als ich dir einen Gefallen tun sollte, musste ich den Polizeipräsidenten erpressen, damit du deinen Willen bekamst und dein tiefer Wunsch, einem Mörder hinterherzujagen, erfüllt werden konnte!“

Ich verdrehte die Augen. Was für eine Drama-Queen! Ich hätte ihm ein Snickers mitbringen sollen.

„Du musstest ihn nicht erpressen. Du hast ihm nur einen kleinen Anreiz gegeben, deine Bitte noch einmal genauer zu überdenken.“

Er schnaubte. „Bitte sag mir einfach, dass dein Gefallen nichts mit diesem Fall zu tun hat.“

Ich schwieg.

„Lou, das kann unmöglich dein Ernst sein!“

„Ich will nur ein paar klitzekleine Informationen. Keine große Sache!“

Er glaubte mir kein Wort, das konnte ich in jeder seiner Falten erkennen, die sich um seine verengten Augen gebildet hatten. „Bei dir ist immer alles eine große Sache. Du machst keine kleinen, halben Sachen. Das war der Grund, warum Mama dich nie aufs Klettergerüst gelassen hat. Weil sie wusste, du würdest versuchen, bis auf die oberste Spitze zu kommen, um darauf auf einem Bein zu balancieren.“

„Das ist Schwachsinn! Mama hat mir verboten, aufs Klettergerüst zu gehen, weil sie nicht wollte, dass ich mich dreckig mache.“

Er schüttelte den Kopf. „Das habe ich anders in Erinnerung.“

Ich löste meine Hände und seufzte. „Ist auch egal, darum geht es jetzt gar nicht. Ich verlange überhaupt nichts Außergewöhnliches von dir – nur ein paar allgemeine Kleinigkeiten.“ Am besten jedoch die ganze Akte.

Schnaubend schlug er besagte Akte zu. „Ja, das Ding ist nur, dass dich weder eine Kleinigkeit noch etwas Großes auch nur das Geringste angeht.“

Das sah ich auch wieder anders. Und ich hatte mir schon früh beigebracht, meine Sichtweise als die richtige zu erachten. „Komm schon, Jannis!“ Ich schob meine Unterlippe vor. „Nur ein paar Dinge, die ich Trudi erzählen kann, damit sie sich beruhigt. Keine Einzelheiten. Ein Name wäre ganz cool, und dann hätte ich noch einige Fragen …“

Er blieb hart.

„Nein. Ich werde dir wirklich nicht dabei helfen, deine Nase wieder in Rispos Angelegenheiten zu stecken. Der Typ weiß, wie man Menschen tötet, Lou.“

„Jeder weiß, wie man Menschen tötet, denn jeder guckt Fernsehen.“

„Aber er weiß, wie er damit durchkommen würde“, meinte er ernst.

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Mordsmäßig verstrickt - Louisa Manus zweiter Fall