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Küss niemals einen Baseballer (Chick-Lit, Liebe, Sports-Romance)

von Saskia Louis (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Kaylie hat nur zwei Regeln.
Schlage jeden, der dich Masseuse nennt, und date niemals einen Baseballstar.
Auf Sportler kann man sich nicht verlassen. Das hat die Physiotherapeutin bereits früh gelernt und sie wird ihre Regeln nicht brechen. Schon gar nicht für einen gewissen Spieler, der sich ihr als Patient aufdrängt.

Dexter hat keine zwei Regeln. Eher Richtlinien.
Erstens: Sein Leben kann erst beginnen, wenn seine Schwester ihres auf die Reihe bekommt.
Zweitens: Er hat keine Affären.
Doch bei einer Frau wie Kaylie möchte er wirklich nicht an seine Schwester denken und eine Affäre erscheint ihm plötzlich auch immer verlockender …

Jeder Band der Reihe ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig voneinander gelesen werden.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe September 2016

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-054-8
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-546-8

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung eines Motivs von
123RF.com: © Wavebreak Media Ltd
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für meine Strühs Wiebke und Tim.

I feel fish.

Eins

Kaylie Thompson tolerierte eine Menge Dinge.

Leute, die an der Kasse Ewigkeiten brauchten, um das Kleingeld aus ihrem Portemonnaie zu kramen. Hunde, die Haargummis in ihrem Fell trugen. Menschen, die Pfefferminz-Schokolade mochten. Kühlschränke, die so laut summten, dass man eigentlich den Kammerjäger rufen müsste.

Aber es gab eines, das sie nicht akzeptierte. Eine Sache, die sie fast dazu verleiten könnte, ihre kurzgeschnittenen Fingernägel in den Rücken ihrer Patienten zu schlagen.

„Ich bin keine Masseuse!“

„Autsch! Nimm deine Nägel aus meinem Rücken!“

Okay, man musste das fast wohl streichen. „Ich nehme meine Nägel heraus, wenn du zurücknimmst, dass ich eine gute Masseuse bin.“

„Na ja, aber das, was du gerade tust, ist doch …“

Sie grub ihre Finger tiefer in die Muskeln von Jake Braker, Vollidiot und Baseman bei den Philadelphia Delphies.

„… verdammt, okay! Du bist keine gute Masseuse! Und das meine ich in diesem Moment wirklich ernst.“

Sie hob ihre Hände hoch und strich sich zufrieden die Haare aus dem Nacken. „Gut. Wir sind hier jetzt auch fertig.“

„Meine Güte!“ Jake richtete sich auf und schwang die Beine über die Liege. „Was bist du so empfindlich?“

Sie war nicht empfindlich. Sie hatte nur etwas gegen Menschen, die ihren Job nicht ernst nahmen und sie zur Masseuse degradierten. Nichts gegen Masseusen, sie waren sicherlich harte Arbeiterinnen und diejenigen, die nicht nur … Dinge massierten, die sich unterhalb der männlichen Gürtellinie befanden, hatten ihren vollsten Respekt. Nichtsdestotrotz: Sie hatte ihre Zeit nicht mit Fortbildungen, dem Studium des menschlichen Körpers und Akupressurpunkten verbracht, um von einer Physiotherapeutin zu einer Masseuse hinabgesetzt zu werden. Außerdem wäre die richtige Bezeichnung Masseurin! Jake sollte besser recherchieren, bevor er wahllos Leute als Masseuse beschimpfte.

„Jake, du musst lernen, Frauen mehr zu respektieren. Ein bisschen mehr aufpassen, was du von dir gibst. Sonst nimmt dich nie eine ernst.“

Er rieb sich den Nacken und ließ seine rechte Schulter kreisen. „Du bist die einzige Frau, die mich nicht ernst nimmt!“

Sie prustete und klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken. „Du bist süß, wenn du ahnungslos bist.“

Mit düsterem Blick stand er von der Liege auf und zog sich das Hemd über, das er über einen Stuhl in der Ecke ihres Behandlungsraumes gelegt hatte. „Bis jetzt hat noch keine Frau in meinem Bett behauptet, dass ich ahnungslos wäre.“

Das brachte Kaylie zum Lachen. „Die Frauen, mit denen du ins Bett gehst, würden auch nie auf die Idee kommen, ehrlich mit dir zu sein – nichts für ungut.“

Jake knöpfte sich das Hemd zu und hatte die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen.

Jetzt war er beleidigt. Kaylie vergaß immer, dass Männer etwas empfindlich waren, was ihre Fähigkeiten im Bett anging.

Seufzend lief sie um die Liege herum. „Sorry. Ich bin sicher, deine Bimbos sind zufrieden mit dir. Wir reden dann noch einmal, wenn du mit einer Frau schläfst, die sich nicht vorher ein Autogramm von dir auf ihre Brüste hat geben lassen.“

Jake schnaubte, grinste jetzt aber wieder. „In letzter Zeit lassen sich Frauen lieber die Innenseite ihrer Oberschenkel unterschreiben. Brüste sind gar nicht mehr so beliebt.“

Sie stöhnte laut auf und boxte ihm gegen die Schulter. „Manchmal vergesse ich, warum ich dich mag.“

Jake war jung, hatte für seine mittlerweile dreiundzwanzig Jahre einfach zu viel Geld und als Baseballspieler zu viel Ansehen, als dass sein Ego eine normale, annehmbare Größe haben könnte. Und dennoch war er innerhalb der letzten Monate zu einem guten Freund geworden. Was schon sehr ironisch war, wenn man Kaylie besser kannte.

Es gab eigentlich nur drei Dinge, die sie wirklich hasste: als Masseuse bezeichnet zu werden, die Haut auf Pudding und Baseball.

Die Welt wäre ohne dieses Spiel einfach besser dran. Na gut, ihre Welt. In dem Punkt war sie wohl etwas egoistisch. Und Jake war der Inbegriff eines Baseballspielers. Alle Klischees wurden in ihm zusammengefasst, trotzdem war er ihr ans Herz gewachsen. Er würde es nicht zugeben, doch er brauchte etwas Normalität in seinem Leben. Menschen, die sich mit ihm abgaben, weil er ein lockerer, witziger Typ war und nicht, weil er gut aussah und ein Bankkonto in der Höhe des Mount Everests besaß.

Kaylie war wohl zu diesem Menschen geworden. Was sollte sie sagen? Sie hatte eine Schwäche für Menschen, die Hilfe brauchten und Jake brauchte weiß Gott eine Menge davon! Er hatte sie letztens angerufen, um zu fragen, wie man eine Waschmaschine bediente.

„Du magst mich, weil ich dich gut bezahle und süß bin“, erklärte Jake und wieder ließ er die Schulter kreisen, bevor er tief seufzte. „Ich bin jedes Mal ein neuer Mensch, wenn ich von dieser Liege aufstehe! Ich sollte täglich kommen.“

„Solltest du, aber wer würde sich dann um deine Bimbos kümmern?“

„Hey, ich könnte dich einfach auch zu einem Bimbo machen.“

„Das wäre pädophil von mir.“ Und sie fand Jake in etwa so anziehend wie einen Pandabären: Er war total knuffig und man wollte ihn knuddeln, aber mit ins Bett würde sie ihn sicherlich nicht nehmen.

„Ich bin nur vier Jahre jünger als du!“

Kaylie schüttelte den Kopf und öffnete die Tür des Behandlungszimmers, um ihn herauszulassen. „Du vergisst, dass Frauen Männern mental um einige Jahre voraus sind. Intellektuell könntest du mein Sohn sein.“

Sie liefen den Gang zum Eingangsbereich entlang.

„Und du sagst mir immer, ich sei arrogant“, grummelte der Baseballer und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Rezeptionstresen ab, hinter dem die derzeitige Aushilfe Sarah mit leuchtenden Augen zu ihm aufsah.

„Du bist arrogant“, stellte Kaylie fest und lehnte sich über den Holztresen. „Sarah, könntest du Jakes Rezept raussuchen, damit er es unterschreiben kann?“

Das Mädchen beachtete sie gar nicht. Sie hatte das Kinn in die Hände gelegt und starrte zu dem dunkelhaarigen Mann hoch, der ihr gerade zuzwinkerte.

„Sarah!“, wiederholte Kaylie lauter und schlug mit der Hand auf das Holz.

Sie erwachte aus ihrer Starre und wandte sich verwirrt blinzelnd an ihre Mitarbeiterin. „Was?“

Kaylie unterdrückte ein Stöhnen und wiederholte ihre Bitte.

„Oh, natürlich!“, sagte Sarah mit hochrotem Kopf und tauchte Sekunden später in eine Schublade, in der sie nach dem Zettel kramte.

Wie konnte man auf einen Baseballspieler stehen?

Kaylie verstand es einfach nicht. Das war doch Herzschmerz, der darauf wartete zu passieren! Baseballspieler waren kein Material für eine ernste Beziehung. Sie waren sieben Monate im Jahr nur unterwegs und die anderen fünf spielten sie in irgendwelchen Charity-Turnieren, waren im Training und warteten darauf, endlich wieder mit einem Holzstück auf einen Ball eindreschen zu können! Und wenn sie zuhause waren, sprachen sie weiter über ihre Statistiken und die Schwächen der gegnerischen Mannschaften. Sie könnten genauso gut einen Baseball als Kopf haben.

Ja, schön. Ihre Freundin Emma war mit einem zusammen und schien glücklich. Aber sie kam auch aus Deutschland und da waren die Frauen offensichtlich verrückt.

„Sie ist süß“, murmelte Jake neben ihr. „Ist sie schon achtzehn?“

„Sie hat einen Freund.“

„Du hast meine Frage nicht beantwortet.“

Stöhnend legte sie sich eine Hand auf die Stirn. „Du bist so ein Strüh, Jake.“

„Ein was?“ Verwirrt wandte er seinen Blick von Sarahs Hinterkopf.
„Ein Strüh. Das ist ein Wort, das ich in die amerikanische Sprache einführen werde.“

„Was zum Teufel ist ein Strüh?“

„Emma hat mir von dem Wort erzählt. Sie und ihre deutschen Freunde benutzen es immer. Strüh ist multivalent einsetzbar. Es kann Idiot, Gott, liebevoller Dummbatz, verwirrtes kleines Kind und vieles mehr bedeuten. Es kommt auf die Betonung an.“

„Und was hat ‚Strüh‘ gerade bedeutet?“

Kaylie grinste breit. „Das ist ja das Tolle an dem Wort: Du wirst es nie erfahren. Ich könnte dich beleidigt oder dir ein Kompliment gemacht haben – und du kannst mich nicht darauf festnageln.“

„Aber dich versteht dann auch keiner …“

„Oh, ich glaube, du verstehst mich ganz gut … oder, du Strüh?“ Sie klimperte mit den Wimpern.

Kopfschüttelnd nahm Jake das Rezept und den Stift entgegen, den Sarah ihm jetzt reichte. „Du bist echt die durchgeknallteste platonische Freundin, die ich habe.“

„Ich bin deine einzige platonische Freundin.“

„Ja, mit mehr wäre ich wahrscheinlich auch überfordert. Es gibt überraschend wenige Frauen, mit denen ich nicht schlafen will. Du solltest dich geehrt fühlen.“ Er unterschrieb das Papier und schob es über den Tresen zu Sarah zurück, der er schon wieder zuzwinkerte.

Augenverdrehend schob Kay ihn an den Schultern zur Tür, während sie die Aushilfe darum bat, ihren nächsten Patienten schon einmal aufzurufen.

„Das du noch nicht an einer Geschlechtskrankheit verreckt bist, ist ein Wunder“, murmelte sie und ließ ihn los, bevor sie in Versuchung kam, seinen Kopf einfach gegen den Rahmen zu schlagen.

„Sind alle Frauen, die keinen Sex bekommen, so gemein? Denn dann sollte man weiblichen Präsidenten vielleicht einen Sex-Sklaven zur Verfügung stellen …“

„Halt die Klappe, bevor ich mir noch einmal überlege, ob ich Pazifistin bin.“

„Soll ich dir vielleicht auch einen Bimbo suchen? Die sind toll“, sagte Jake und tätschelte ihr den Kopf. Als wäre er derjenige, der sich um sie kümmern musste – und nicht andersherum.

„Blödmann“, murrte sie und zog seine Hand weg.

Das war unfair. Sie hatte Sex. Sie schlief mit einer Menge Männern.

Okay, das war so bitter gelogen, dass sie prompt rot wurde. Ja, sie hatte seit einiger Zeit eine Flaute – was vor allem an einer Liste oder eher einem Fragebogen lag, der an ihrem Kühlschrank hing. Aber gute Männer wuchsen nun einmal nicht auf Bäumen. Und sie würde sich ganz bestimmt nicht wieder mit jemandem zufriedengeben, der sie nicht an erste Stelle setzte. Es schien nur fast so, als würde sie dann nie einen Typen finden … aber sie mochte Hunde. Zur Not würde sie sich einfach einen besorgen und mit dem in einem Bett schlafen.

Dieser Gedanke war so deprimierend, dass sie sich hart gegen die Schläfe klopfte, um ihn wieder loszuwerden.

„Okay, wenn du dich schon selbst schlägst, wird es Zeit zu gehen“, stellte Jake fest und öffnete die Tür, durch die warme Luft hereingeweht kam. „Ach hey, kommst du heute zum Spiel?“

Sie verschränkte die Arme vorm Körper. „Dass du das immer noch fragst …“

„Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben … warum hasst du Baseball noch gleich?“

„Weil es dämlich ist!“

Jake hob skeptisch eine Augenbraue. Er wusste, dass sie log, aber wohl auch, dass sie ihm nicht den wahren Grund nennen würde. Eigentlich wunderte es Kaylie, dass er noch nicht selbst darauf gekommen war. Dass er nie die Verbindung hergestellt hatte. Aber so war es ihr ohnehin lieber.

„Schön. Ende der Woche haben wir eine Drei-Spiele-Reihe auswärts, ich werde also vollkommen fertig wiederkommen und brauche dann deine Hilfe!“

Sie nickte – immer diese armen geschundenen Männer – und stellte sich auf die Zehen, um ihn kurz zu umarmen. „Alles klar. Danke für den Haufen Geld, den du mir zahlst!“

Er lachte. „Danke dafür, dass meine Schulter nicht mehr wehtut! Du hast Wunder-Hände.“

Ja, da wollte sie nicht widersprechen. Sie liebte ihren Job. Und manchmal fragte sie sich, ob es nicht falsch von ihr war, andere dafür zu verurteilen, dass sie dasselbe taten.

„Ich dachte immer, Frauen schwitzen Regenbogen – aber das Zeug, was bei dir rauskommt, ist ja echt ekelig.“
Dexter O’Connor war ein geduldiger Mann. Seine Toleranz für Bullshit war außergewöhnlich hoch, was als Baseballspieler einfach berufsnotwendig war. Nichtsdestotrotz gab es Grenzen. „Halt die Klappe, Luke“, presste er zwischen den Zähnen hindurch, während er das Stemmeisen wieder an seine angebrachte Stelle zurückschob. „Du bist ein Pitcher – also ein fauler Sack. Du wirst nur jedes vierte Spiel oder so eingesetzt, also kein Wunder, dass du nicht weißt, was Schweiß ist.“

Er richtete sich auf und griff nach dem Handtuch, das über dem Ende der Stemmbank hing. Es war keine zwei Uhr und das Spiel heute Abend erst um sieben. Doch es war nicht unüblich, dass die Spieler bereits Stunden vor Spielbeginn im Clubhaus herumhingen.

„Ich habe eine heiße Freundin, die jede Nacht in meinem Bett wartet – ich weiß, was Schweiß ist“, grinste Luke, der träge auf dem Laufband lief.

Dex hatte so eine Ahnung, dass Luke, wenn Emma wüsste, was ihr Freund hier gerade von sich gab, einige Zeit auf schweißtreibende Aktivitäten mit ihr verzichten müsste.

„Deine Freundin – war das die, die dich letzten Monat im Fernsehen zur Schnecke gemacht hat?“, wollte Tyler Brady wissen, ein Shortstop, der vor ein paar Wochen erst zusammen mit Ryan Hale, einem Catcher, von den Houston Astros an die Delphies verkauft worden war.

Lukes Miene verdüsterte sich. „Ja ... wieso?“

Tyler warf Ryan einen Blick zu, der Dexter zum Grinsen brachte. „Wir haben das Video letzten Monat bei den Astros vor jedem Spiel angesehen. Das war äußerst motivierend.“

„Siehst du, Luke? Die Tatsache, dass du ein Waschlappen bist, ist äußerst motivierend!“, lachte Dex und stand auf. „Ich glaub’, das schreib’ ich gleich Emma, die freut sich, dass sie …“
Er kam nicht dazu weiterzusprechen, denn in diesem Moment flog die Tür zum Trainingsraum auf und schlug hart gegen die dahinterliegende Wand.

Eine brünette junge Frau baute sich im Rahmen auf und starrte wütend zu ihm herüber.

„Du!“, brüllte sie und deutete mit dem Finger auf ihn.

Verdammt!

Er hatte geglaubt, die Security des Clubhouse würde ihm seine Schwester einige Stunden vom Hals halten. Aber er vergaß immer, dass Chloe keine Skrupel hatte und zurzeit auf einer Skala von Welpe bis Furie ziemlich weit oben anzusiedeln war. Der Security-Guard hatte sie wahrscheinlich gesehen und war dann wimmernd weggelaufen.

„Wo hast du ihn?“, schrie sie weiter und beachtete die halbnackten Männer gar nicht, die sie mit offenen Mündern anstarrten. Sie stand mittlerweile vor ihm und der Schlag, den sie seiner Schulter verpasste, zog sich bis in seinen Nacken hinauf.

„Chloe, der Raum hier ist nur für Mitglieder der Delphies“, sagte er ruhig, ihre Frage ignorierend.

Sie fuhr mit ihrem Kopf herum und starrte der Reihe nach die anderen Spieler an, die aufgehört hatten zu trainieren.

„Hat irgendwer ein Problem damit, dass ich hier bin?“, fragte sie scharf.

Abrupt schüttelten alle den Kopf.

„Siehst du!“, zischte sie gezwungen lächelnd. „Alle wollen mich hier haben. Also: Wo hast du ihn versteckt?“

Er kratzte sich unangenehm berührt den Nacken. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“

„Meinen Ausweis! Wo hast du meinen Ausweis versteckt?“ Ihre Stimme hallte von den Wänden wider und erneut schlug sie auf seinen Schlagarm. Autsch. Der hatte ohnehin schon bessere Tage erlebt – und das wusste Chloe nur allzu gut!

„Du hast deinen Ausweis verloren?“, stellte er dümmlich fest und legte sich das Handtuch in den Nacken.
„Du hast ihn mir geklaut, Dexter“, knurrte sie, die Augen zu Schlitzen verengt. „Für wie dämlich hältst du mich? Du hast in meiner Handtasche gewühlt und ihn geklaut.“

Schön, ja. Er hatte ihr den Ausweis weggenommen. Aber das war anscheinend der einzige Weg, sie davon abzuhalten, jeden Abend mit ihren bescheuerten, sogenannten Freunden in eine Bar oder einen Club zu gehen, anstatt sich um ihre Zukunft zu kümmern. Was für eine Wahl hatte er also gehabt?

Außerdem hatte er ein Kondom in ihrer Tasche gefunden! Er würde sie ganz sicher nicht in die Nähe von Alkohol und diesen Vollidioten lassen, mit denen sie herumhing. Am Ende säße sie heulend und schwanger in seinem Bett und er würde wieder den Dreck hinter ihr aufsammeln müssen.

Er wusste, dass sie vierundzwanzig und erwachsen war. Aber Chloe hatte die vergangenen drei Jahre damit verbracht, ihr Leben und ihre Bildung wegzuwerfen und solange sie sich nicht endlich Gedanken darüber machte, was sie mit ihrer Zukunft anfangen wollte, würde er ihr liebend gerne jeden Tag den Ausweis klauen.

Oder noch besser: ihr Portemonnaie. Und wurden heutzutage eigentlich noch Keuschheitsgürtel verkauft? Er wusste es nicht, sollte sich deswegen aber vielleicht mal informieren.

„Dexter, du gibst mir jetzt sofort meinen Ausweis zurück oder ich schwöre dir, dass ich bei einer Zeitschrift anrufe und denen erzähle, dass ich dich jede Nacht weinend in deinem Zimmer erwische, weil keine Frau dich wirklich liebt.“

Das Problem war, dass Chloe keine leeren Drohungen aussprach. Andererseits war es ihm zutiefst egal, was die Zeitungen berichteten.

„Hast du dir die Collegebroschüren angesehen, die ich dir hingelegt habe?“

„Meinst du die, die im Müll liegen?“

„Chloe!“

„Nein, nicht Chloe.“ Ihr Zeigefinger bohrte sich in seine Brust. „Es ist meine Zukunft und wenn du mich an das Geld lassen würdest, das Mom und Dad für mich hinterlegt haben, würde ich schon längst nicht mehr bei dir wohnen! Also hör auf, mir das vorzuhalten.“

Er seufzte tief. Ja, das würde nicht passieren. „Chloe, du warst praktisch mit dem College fertig. Du müsstest nur noch …“

„Wo ist mein Ausweis, Dex?“, unterbrach sie ihn. „Ich muss zur Arbeit und ohne Ausweis kann ich keinen Alkohol ausschenken!“

Noch ein Grund, warum er ihn ihr weggenommen hatte. In dem Loch, in dem sie gerade kellnerte, sollte niemand arbeiten, geschweige denn etwas essen oder trinken.

„Ich habe keine Ahnung, wo dein Ausweis ist.“

„Ich warne dich!“ Ihre Stimme kam einem Flüstern gleich. „Ich werde dich vor den Augen deiner Teammitglieder niederringen und auf deinen schrottigen Arm schlagen, wenn du mir nicht sofort sagst, wo du ihn versteckt hast.“

Er schnaubte. „Denkst du, nur weil du Kampfsport machst, habe ich jetzt Angst, dass …“

Im nächsten Moment wurden ihm die Füße unter dem Körper weggerissen und er fiel hart auf den Rücken.

Was zum Teufel …!? Wie hatte sie das gemacht? Und warum zog sich das dumpfe Pochen, das sich die letzten Tage immer mehr in seinem rechten Arm bemerkbar gemacht hatte, nun bis zu seinen Nackenmuskeln hoch?

Chloe lächelte süßlich zu ihm hinab und ihr Fuß ragte bedrohlich über seinen bereits in Mitleidenschaft gezogenen Arm. „Den Ausweis. Oder ich trete zu.“

„In meiner Sporttasche, du Verrückte!“, stöhnte er.

Jetzt drehte sie ja völlig am Rad! Wann war seine Schwester so stark geworden? Vor fünf Jahren hatte er noch eine Hand auf ihre Stirn legen und sie mit ausgestrecktem Arm davon abhalten können, ihn auch nur zu berühren.

Sie hatte in den letzten Jahren wirklich zu viel einstecken müssen. Aber er wusste nicht mehr weiter. Er wusste nicht, wie er ihr noch helfen konnte. Alles was er sagte, traf auf Granit.

„Wer ist hier verrückt?“, fuhr sie auf und fing an, seine Tasche zu durchwühlen, während er sich langsam und ächzend wieder aufrichtete. „Du hast deine eigene Schwester bestohlen!“

Er sah es nicht als stehlen an. Eher als helfen.

Und verdammt, seine Schulter schmerzte wie Hölle. Er hatte in fünf Stunden ein Spiel!

Er rieb sich seinen Arm und beobachtete Chloe dabei, wie sie triumphierend die Hand mit dem Ausweis in die Höhe reckte. „Ha!“, machte sie und sah ihn böse an. „Finger weg von meiner Handtasche – und das Kondom will ich auch wiederhaben!“

Stöhnend legte er sich eine Hand auf die Stirn. „Ganz sicher nicht!“

„Na gut. Dann werde ich eben ohne mit dem nächsten Kerl schlafen“, sagte sie fröhlich und sah in die Runde. „Nett euch kennenzulernen, Jungs.“

Seine Mitspieler schienen allesamt einen Lachanfall zu unterdrücken. Tyler hatte einen so roten Kopf, dass es aussah, als müsse er gleich platzen und Luke gab sich nicht einmal Mühe, sein Grinsen zu unterdrücken. Na klasse. Jetzt war er der Kerl, der sich von seiner Schwester hatte verprügeln lassen … und ihr das Kondom weggenommen hatte.

Sie hob die Hand und wollte in genau dem Moment zur Tür hinaus, in dem Sam – Dex ältester, bester Freund und neuer PR-Manager der Mannschaft – hereinkam.

Chloe machte noch einmal einen Schritt nach hinten, um ihn einzulassen und ließ ihren Blick einmal von oben nach unten und zurück wandern, die Arme vorm Körper verschränkt.

Er trug wie immer Anzug und Krawatte – und aus einem Grund, den Dex nicht kannte, war Chloe nie mit ihm warmgeworden. Dabei kannten sie sich schon seit einer Ewigkeit.

„Hey Sam, wie ich sehe, trägst du den Stock in deinem Arsch immer noch mit Stolz. Ich wunder’ mich täglich, dass eine deiner Krawatten dich nicht irgendwann erstickt …“

Sam verzog keine Miene. Das war sein Ding. Emotionen zu zeigen, stand nicht weit oben auf seiner Liste. „Kann ja nicht jeder so ein lieblicher Freigeist wie du sein“, meinte er trocken. „Obwohl dir ein wenig Ordnung guttun würde. So eine Krawatte wäre vielleicht gar nicht schlecht.“

„Oh, aber ich benutze Krawatten doch! Aber eben nur für meine Handgelenke …“, lächelte sie und lief aus der Tür.

Oh Gott.

Konnte ihm bitte jemand die Ohren ausbrennen? Sofort!

Stöhnend ließ er sich auf die Stemmbank sinken, immer wieder den Kopf schüttelnd. Dieser Tag war echt für die Toilette!

„Ja, du hast recht, Dex“, grinste Luke und stieg vom Laufband. „Waschlappen zu betrachten, ist wirklich motivierend. Ich glaube, ich werde heute das beste Spiel der Saison haben.“

Dexter reckte seinen Mittelfinger in die Höhe und ließ den Kopf stöhnend auf sein Knie sinken.

„Deine Schwester ist die reinste Herzenswonne, Dex“, bemerkte Ryan. „Ich steh’ auf schlagkräftige Frauen, wo arbeitet sie noch gleich?“

„Finger weg von meiner Schwester!“ Sofort richtete er sich wieder auf. Das fehlte ihm noch, dass sie sich mit einem befreundeten Mannschaftskollegen einließ!

„Aber Dex“, schalt Luke ihn grinsend, „das passt doch super: Dann würde es in der Familie bleiben!“

„Einen Scheiß würde es!“ Schlimm genug, dass seine Schwester … Sex hatte. Wenn er auch noch wissen müsste, mit wem sie … er brauchte einen Mülleimer, um sich zu übergeben.

„Mensch O’Connor, deine Schwester ist echt heiß“, stimmte nun auch Tyler mit ein. „Und ich glaub’, sie ist nicht die Art von Frau, die sich sagen lassen würde, mit wem sie in die Kiste zu steigen hat …“

Dex sprang auf und zuckte ächzend zusammen, als erneut dieses Ziehen bis zu seinem Nacken einsetzte. „Ich sag’ es nur noch einmal und dann wird nie wieder darüber geredet: Finger weg von meiner Schwester!“

„Rastet er wieder wegen seiner Schwester aus?“

Super, das hatte ihm gerade noch gefehlt. Jake Braker, der jüngste der Spieler, aus dessen Mund der größte Blödsinn kam – was schon was hieß, wenn man mit Luke Carter in einer Mannschaft war – trat durch die Tür und blieb neben Sam stehen, der die Arme vor der Brust verschränkt hatte und konzentriert auf den Boden starrte.

„Jap“, erklärte Luke, der sich nach einer Wasserflasche gebückt hatte.

„Das wird langsam alt, Alter. Wir alle wissen, dass du jeden niederschlägst, der auch nur von ihr fantasiert.“

„Ich wollte nur sichergehen, dass unsere neuen Teammitglieder das auch wissen“, knurrte er und warf Ryan und Ty einen Blick zu.

Die hoben beide die Hände. „Sorry, Mann. Wussten nicht, dass das ein wunder Punkt ist. Wir fassen sie nicht an.“

„Gut“, seufzte er und rieb sich wieder über die Schulter.

„Was ist mit deinem Arm?“, wollte Sam prompt wissen und nickte in die gegebene Richtung.

„Bin nur falsch … gefallen“, murmelte er.

Jetzt fing der Bastard auch noch breit zu lächeln an! Sam war sehr sparsam mit Gefühlsregungen – außer mit Schadenfreude. Die verteilte er in Massen. „Chloe hat dich niedergestreckt?“

„Sie hat nur …“ Doch wenn er ehrlich war, würde nichts, was er sagte, es besser machen.

„Mann, Mann … kannst du heute spielen?“

„Natürlich kann ich spielen!“

„Gut. Es wäre echt scheiße, kaum zwei Monate hier als PR-Mann angestellt zu sein und der Presse dann erklären zu müssen, dass du nicht an einem Spiel teilnehmen kannst, weil deine Schwester dich verprügelt hat.“

„Ich kann spielen“, wiederholte Dexter düster. „Ich muss nur zum Physiotherapeuten und dann wird das.“

„Bist du sicher? Du siehst sehr leidend aus.“

„Halt die Klappe, Sam. Ich habe dir den Job besorgt!“

Sein Freund schnaubte laut und zog den Knoten seiner Krawatte enger. „Du hast einen Dreck getan. Du hast mir nicht mal gesagt, dass eine Stelle ausgeschrieben war.“

„Ja, weil wir ohnehin schon zu viel gemeinsam rumhängen. Da wollte ich deine Visage nicht auch noch bei der Arbeit sehen müssen!“

Dex war seit dem College mit Sam befreundet. Während er sich durch die Kurse geschummelt und ohnehin nur Baseball hatte spielen wollen, hatte Sam sich zu Tode geackert und ihm die Hölle heiß gemacht, als er aufgrund seiner schlechten Noten beinahe sein Stipendium verloren hatte. Dex verdankte Sam genaugenommen, dass er im Baseballteam hatte bleiben können und es so in die MLB geschafft hatte. Sam hatte summa cum laude abgeschlossen, war nach LA gegangen, um in einer der größten Marketingfirmen anzuheuern und Geld zu scheffeln, während Dex über einige Umwege zu den Delphies gekommen war, um das Gleiche zu tun. Sie hatten Kontakt gehalten – was mit niemand anderem von Dex’ alten Freunden geklappt zu haben schien – und letztes Jahr war Sam dann nach Philadelphia gezogen. Dex wusste bis heute nicht warum genau, aber das würde sein Freund ihm schon noch erzählen, wenn er soweit war.

Da Sam nicht gerne redete, war Dex mit der Einzige, der überhaupt wusste, was er in seinem Leben bereits hinter sich gelassen hatte.

Aber er war für ihn da gewesen, als vor drei Jahren die Hölle losgebrochen war – und das war es, was zählte.

„Ach, ich mag es, wenn du romantisch wirst“, grinste Sam und nickte den beiden Neuen zu. „Hale, Brady, ihr müsst mitkommen. Wir geben gleich in der Pressekonferenz bekannt, wie wunderbar ihr euch eingelebt habt und wie das Team euch mit tränennassen Wangen und offenen Armen willkommen geheißen hat.“ Mit einem Blick in Richtung Dexter sagte er: „Mach was wegen deiner Schulter, Dex! Wir haben dieses Jahr eine echte Chance, in die World Series zu kommen. Also hör auf, deine Schwester anzupissen.“

Würde er ja gerne. Aber das schien unmöglich zu sein. Chloe schien 365 Tage im Jahr ihre Tage zu haben. Und als ob er nicht wüsste, dass sie zurzeit gut im Rennen lagen.

Ty und Ryan grinsten ihm und Luke ein letztes Mal zu und verließen zusammen mit Sam den Raum, während Dexter wieder auf die Stemmbank sank und langsam seine Schulter kreisen ließ.

„Hey, wenn du Probleme mit der Schulter hast, geh zu Kaylie“, meldete sich jetzt Braker zu Wort, der sich bückte und seine Turnschuhe zuband. „Ich war gerade selbst bei ihr, eine Stunde und ich schwör’: Schmerzen sind ein Fremdwort für dich.“

Dex runzelte die Stirn. „Wer ist Kaylie?“

Er hatte geglaubt, alle Mannschaftsärzte und Physiotherapeuten zu kennen.

„Eine Krankengymnastin, die in der Praxis zwei Straßen weiter arbeitet. Emma hat sie mir mal empfohlen“, blickte er zu Luke, „und ich bin ihr bis heute dankbar. Wie dankbar ich bin, würde ich ihr ja gerne zeigen, aber unser Lucky hier ist so empfindlich, was sie betrifft.“

Luke schnaubte. „Emma würde dich in der Luft zerreißen, Kleiner.“

„Warum gehst du zu einer Physiotherapeutin außerhalb?“, wollte Dex wissen. „Dir ist schon klar, dass wir mindestens fünf eigene haben, oder?“

„Ich weiß, aber niemand ist so gut wie Kay! Wenn du einmal bei ihr warst, bezweifelst du, dass unsere Leute überhaupt eine Ausbildung haben.“

Er zuckte die Achseln. Es konnte ja nicht schaden, es mal auszuprobieren. Er hatte noch ein wenig Zeit, bis er aufs Spielfeld musste und wenn er ehrlich war, dann war er wirklich nicht sehr zufrieden mit der Arbeit der Physiotherapeuten hier. „Alles klar, gib mir die Adresse, ich fahr’ mal hin.“

Jake nickte und nannte sie ihm. „Sag, dass du zu ihr willst und dass ich dich schicke. Dann lässt sie dich bestimmt vor. Sie ist … sehr beliebt.“

Na, das dürfte kein Problem sein. Er würde sicherlich nicht Jakes Namen fallen lassen müssen.

Dexter wollte sich ja nichts darauf einbilden, aber er war nun einmal berühmt. Leute neigten dazu, in seiner Anwesenheit alles stehen und liegen zu lassen. Er bezweifelte, dass eine einfache Physiotherapeutin da eine Ausnahme sein würde.

Zwei

„Sie machen Ihre Übungen nicht, Mr. Frank.“

„Ich habe sie gemacht, aber sie haben nicht geholfen!“, beschwerte sich der ältere Herr sofort und hob leicht den Kopf von der Liege.

Kaylie schüttelte den Kopf, während sie ihre Hände weiterhin auf seinem Knie hielt. „Wie oft?“

„Bestimmt dreimal!“

Sie seufzte und schloss die Augen, während sie sich langsam an seinem Unterschenkel nach unten vorarbeitete. Dieser Mann war so dickköpfig wie eine Kindergartengruppe!

„Das ist nicht genug, um es als ‚ausprobieren‘ bezeichnen zu können.“

„Sie waren anstrengend.“

Ja, das hatten Übungen mit Menschen gemeinsam. „Sie müssen sie regelmäßig machen, damit sie helfen können, Mr. Frank. Ich kann die Arbeit nicht alleine stemmen, Sie müssen ebenfalls fleißig sein. Sonst wird Ihr Knie auf Dauer nicht besser.“

„Sie haben sehr schöne, warme Hände“, murmelte er.

Kaylie verkniff sich ein Grinsen. „Lenken Sie nicht vom Thema ab. Komplimente helfen Ihnen bei mir nicht. Ich werde Ihre Frau anrufen und sie wird mir erzählen, wie oft Sie die Übungen machen! Wenn es weniger als viermal die Woche ist, lege ich meine Hände das nächste Mal in Eiswasser, bevor ich Sie behandle.“

„Das würden Sie nicht wagen!“

„Oh doch.“

Sie hatte schon viel schlimmere Dinge getan. Es hatte einiges gebraucht, um die Aufmerksamkeit ihres Vaters auf sich zu ziehen und effektiv gegen das ständige Umziehen zu protestieren. Sie war nicht stolz darauf, aber sie war sehr kreativ darin gewesen Mist zu bauen. Angefangen mit diversen gebrochenen Schulregeln, die sie von ein paar Privatschulen hatten fliegen lassen, über illegal beschafften Alkohol, bis hin zum Modernisieren einer Frauentoilette. ‚Modernisieren‘ hieß in diesem Fall, sie pink anzustreichen und mit Federn zu schmücken.

Aber das war Ewigkeiten her. Sie hatte schon vor Jahren aufgehört, sich kategorisch gegen alles aufzulehnen. An dem Tag, als ihre Mutter die Diagnose bekommen hatte.

„Schön, ich werde die Übungen noch einmal probieren“, grummelte Mr. Frank. „Ihretwegen. Aber wenn sie nicht helfen, höre ich sofort damit auf!“

„Machen Sie sie mindestens zwei Monate, dann reden wir weiter“, murmelte sie und blickte auf, als es an der Tür klopfte.

Merkwürdig. Normalerweise befolgte Sarah ihre Anweisung, sie nicht bei der Arbeit zu stören, sehr strikt. Kaylie mochte es nicht, bei einem Patienten unterbrochen zu werden. Viele Dinge, die sie behandelte, brauchten Zeit und Konzentration und wenn sie jemand ablenkte, musste sie wieder von vorne anfangen. Deswegen hatte sie Sarah gesagt, dass sie nur bei Notfällen klopfen solle.

„Ja?“, fragte sie laut. Sofort öffnete sich die Tür und die blonde Rezeptionistin steckte den Kopf hinein.

Sie sah irgendwie … rot aus. Dunkle Flecken hatten sich auf Wange und Hals gebildet und ihre Augen waren unnatürlich groß.

„Alles okay, Sarah?“, fragte sie besorgt und ließ widerwillig Mr. Franks Bein los.

Das Mädchen nickte. „Ja, also …“, kiekste sie, bevor sie sich laut räusperte. „Also, da ist jemand, der gerne zwischen deine Patienten geschoben werden möchte und er hat darauf bestanden, dass ich bei dir nachfrage.“

„Warum kann er nicht zu Sally? Die hat doch heute noch Platz, oder?“

Sarahs Kopf wurde noch roter. „Er hat ausdrücklich nach dir gefragt und na ja, ich glaube, du solltest besser mit ihm selbst darüber reden, er …“ Sie seufzte. „Er ist sehr … sehr …“

Sarah brach ab und Kay bezweifelte, dass sie ihren Satz noch zu Ende führen würde. Warum zum Teufel war sie so aufgeregt?

„Geht es ihm sehr schlecht?“, wollte sie wissen und stand von ihrem Hocker auf.

„Ähm, das weiß ich nicht. Hat er nicht gesagt.“

„Hat er nicht gesagt?“

Warum zum Teufel hatte Sarah ihn dann als Notfall eingestuft?

„Nein, hat er nicht, er … komm am besten selbst!“, wiederholte sie und schloss die Tür hinter sich.

Schwer seufzend folgte sie ihr. „Ich bin gleich wieder da, Mr. Frank. Entspannen Sie sich einfach.“ Doch sie hätte sich nicht die Mühe machen müssen. Wenn sie richtig lag, dann war der alte Mann soeben eingeschlafen.

Leise schloss sie die Tür hinter sich, lief den steril-weißen Flur hinunter – und blieb wie angewurzelt stehen.

Jetzt wusste sie, warum Sarah um Worte verlegen gewesen war.

Der Mann, der am Tresen lehnte und auf die junge Frau hinablächelte, ließ Frauen sich an Sauerstoff verschlucken.

Er war wie aus einem Frauenroman entsprungen. Groß, breitschultrig, dunkelblonde Haare, die ihm wirr in die Stirn hingen, ein Lächeln, das dafür gemacht war, Frauen darüber nachdenken zu lassen, ihm das Höschen nachzuwerfen und ein Bankkonto, dem jedes Jahr um die 28 Millionen Dollar hinzugefügt wurden.

Jedes männliche Traum-Klischee passte auf ihn.

Sie hasste Klischees. Sie waren so wenig originell.

Es war so langweilig, wenn Männer ein markantes Kinn, große Hände und Wangenknochen, die wie von Michelangelo selbst gemeißelt aussahen, hatten. Völlig überholt dieses Modell!

Und diese kreativlose Sorte von Mann hatte auch noch das Recht, nahezu jeden Abend über den Bildschirm zu flackern.

Womit sie auch direkt zum größten Manko dieses Kerls kam: Er war Baseballspieler.

Second Baseman, wenn sie sich nicht irrte.

Sie presste die Lippen aufeinander. Dieser Patient zog bereits jetzt kräftig an ihren Nerven.

Nur weil jemand Dexter O’Connor hieß und ganz gut mit einem Stock auf einen Ball eindreschen konnte, war das noch lange kein Grund, ihn als Notfall einzustufen!

Sie atmete tief durch, versuchte schleunigst zu vergessen, dass sie schon einige Male an einem Baseballspiel im Fernsehen hängengeblieben war, weil dieser Mann gerade auf dem Schlagmal stand, und stemmte die Hände in die Hüften.

Sie verachtete Klischees und Baseball. Darauf sollte sie sich konzentrieren.

Das ist der Notfall?“, fragte sie Sarah über den Tresen hinweg. „Er kann noch geradestehen! Dafür hast du mich aus meinem Termin geholt?“

Sarahs Gesicht nahm die rosa Farbe einer Wassermelone an und jetzt wandte sich der Spieler Kaylie zu.

Er hatte grüne Augen. Das hatte man im Fernsehen nie genau erkennen können. Sehr grüne Augen.

„Die liebe Sarah hier kann nichts dafür. Ich habe sie praktisch angebettelt, Sie darum zu bitten, mich noch dazwischen zu quetschen. Ich kann sehr überzeugend sein.“ Wieder zeigte er sein charmantestes Lächeln, als müsse er ihr vorführen, warum genau das so war.

Kaylie wippte auf ihre Hacken zurück und hob unbeeindruckt eine Augenbraue. Sie war mit Kerlen seiner Sorte aufgewachsen und es so leid, dass alle Sportler und berühmte Leute dachten, sie hätten das Recht, überall eine Extrawurst zu erwarten.

„Er ist kein Notfall!“, zischte sie zu Sarah.

„Sie tuscheln nicht sehr erfolgreich, hat Ihnen das schon einmal jemand gesagt?“, fragte O’Connor.

Zuckersüß lächelnd fixierte sie ihn. „Und Sie sind nicht dazu in der Lage, das Wort ‚Notfall‘ erfolgreich zu definieren.“

„Ich bin ein Notfall.“

„Das müssen Sie mir genauer erklären, dann überlege ich es mir vielleicht.“ Oder auch nicht.

Ihr Gegenüber machte einen Schritt zurück und musterte sie. Sie konnte seinen Blick nicht ganz deuten, hätte aber auf Überraschung und Unverständnis getippt. Das schienen die Emotionen zu sein, die sie bei Männern vorwiegend hervorrief. Rein statistisch gesehen war das also wahrscheinlich.

„Nun, ich habe Probleme mit meiner Schulter und muss heute Abend spielen“, erklärte er, eine Baseballkappe in den Händen drehend.

Meine Güte, hatte er kein T-Shirt, das etwas lockerer saß? Man sollte doch meinen, dass er es sich leisten könnte, etwas zu kaufen, dessen Ärmel nicht aussahen, als würden sie gleich gesprengt werden. Seine Haare waren noch feucht und kräuselten sich an den Seiten – für einen Fön wollte er von seinen 28 Millionen also auch nichts ausgeben? Seinem Kinn nach zu urteilen, war ihm auch ein Rasierer zu teuer.

Ein Klischee und ein Geizhals also. Nein, damit wollte sie nichts zu tun haben.

„Was spielen Sie denn?“, fragte sie absichtlich dumm nach. „Mensch ärgere dich nicht? Siedler von Catan? Wusste nicht, dass da der Schultereinsatz so gefordert wird.“

Sarah, hinter dem Tresen, lächelte in sich hinein – sie wusste sehr wohl, dass Kaylie klar war, wen sie da vor sich hatte; sie redeten alle paar Wochen über Dexter – während der Baseballspieler etwas irritiert schien. Vielleicht weil noch nie eine Frau vor ihm gestanden hatte, ohne prompt ihren BH auszuziehen.

„Ich bin Sportler.“

„Ach, richtig“, sagte sie langsam. „Ich glaube, ich kenne Sie aus dem Fernsehen … aber sind Sie für einen Basketballer nicht etwas klein?“

Er hob die Augenbrauen. „Ich bin Baseballer.“

„Oh, okay. Da muss ich was verwechselt haben. Dann ist das, denke ich, in Ordnung.“ Und wahrscheinlich wäre er mit seinen Einssechsundachtzig auch für Basketball geeignet. Peinlich für sie, dass sie sogar wusste, wieviel er wog.

„Denken Sie, ja?“, fragte er trocken nach. „Sind Sie neben Physiotherapeutin auch Sportagentin?“

„Nein, was ich bin, ist ausgebucht“, stellte sie fest. „Und Sportler haben doch alle einen privaten Physiotherapeuten. Ich sehe keinen Grund darin, für Sie meine Termine durcheinanderzubringen.“

„Dieses Spiel heute Abend ist sehr wichtig.“

„Wichtiger, als dass die neueingesetzte Hüfte einer alten Dame sich reibungslos an ihren Körper anpasst und keine Schmerzen verursacht?“

„Für Amerika? Ja!“

Sie schnaubte. „Haben Sie gerade wirklich behauptet, dass das heutige Baseballspiel von nationaler Wichtigkeit ist?“

Er hob die Hände. „Ich stelle hier nur Tatsachen klar.“

„Na, da sind wir ja auf einer Wellenlänge. Tatsache ist: Kranke alte Damen sind wichtiger als Sport.“

O’Connors Kiefer knackte laut und die nächsten Worte aus seinem Mund hörten sich an, als würden sie ihn sehr viel Mühe kosten. „Ich … Jake hat Sie mir empfohlen.“

„Jake Braker?“

„Ja, Jake Braker.“

Dieser Vollpfosten! Was fiel ihm ein, sie weiterzuempfehlen? Sie hatte ihm mehr als einmal gesagt, dass sie keine anderen Sportler hier haben wollte! Vor allem keine Baseballer. Ihn hatte sie nur angenommen, weil Emma sie darum gebeten und dann etwas auf Deutsch gesagt hatte! Das hatte ihr Angst gemacht. Sie war sich ziemlich sicher, dass Emma ihr nicht mit dem Tod gedroht hatte, aber wer konnte das bei der deutschen Sprache schon genau wissen?

Schwer seufzend strich sie sich die Haare hinters Ohr. „Schön. Wenn Jake Sie schickt …“

Jake lebte für Baseball – so wie jeder andere Spieler auch – und wenn es den Delphies helfen würde zu gewinnen … dann würde sie sich O’Connors Schulter eben ansehen. Sie war ja kein Unmensch. Außerdem bezahlten Sportler extrem gut.

„Schön“, wiederholte sie und lehnte sich über den Tresen, hinter dem Sarah auffällig stumm gesessen hatte. „Sarah, schreib ihn für gleich auf und verleg Mrs. Wooding zu Sally. Wie heißen Sie genau? Damit Sarah Sie eintragen kann.“

Ihr Gegenüber hatte nun die Augen zu Schlitzen verengt und Kaylie befürchtete schon fast, dass sie damit zu weit gegangen war, doch schließlich knirschte er: „Dexter O’Connor.“

„Dexter Olkoner?“

„O’Connor.“

„Ach so.“

Von wegen, sie war keine gute Schauspielerin! Nimm das – Theater AG!

Vielleicht war es gemein vorzugeben, ihn nicht zu kennen – aber sie fand, dass sie das Recht dazu hatte.

Dexter O’Connor war die Sorte Mann, die nur mit den Fingern schnippen musste, um zu bekommen, was sie wollte. Und da gingen bei ihr jegliche rote Fahnen hoch.

Geld und gutes Aussehen verlieh Männern Macht – und Macht war etwas, das sie nicht bereit war abzugeben.

Schön, sie hatte da ein paar Vorurteile gegenüber Baseballspielern – berechtigte, meistens wahre Vorurteile – und wäre Dexter jeder andere Mann gewesen, hätte sie möglicherweise an ihm ihren Fragebogen ausprobiert. Denn verdammt, ja, er war ein Klischee, aber sie war eine Frau und sie hatte Augen im Kopf und nun … Sie hatte nichts zu ihrer Verteidigung vorzubringen. Er war heiß und sie hatte zu lange keinen Sex mehr gehabt und … wo war sie stehengeblieben?
Ach ja: Dexter O’Connor war kein anderer Mann. Was ihr irgendwie ein wenig leidtat.

Für ihn.

Na gut, auch ein klein wenig für sie.

„Wie heißt die Mannschaft hier noch gleich?“, hakte sie nach, während Sarah O’Connors Namen eintrug. „Die Dolphins? Das hat für mich nie Sinn gemacht. Spielt ihr nur bei Regen? Oder Land unter?“

„Delphies. Die Philadelphia Delphies … und Sie sind wahrscheinlich die einzige Person in der ganzen Stadt, die das nicht weiß.“
Und er war die einzige Person, die wirklich glaubte, dass sie keine Ahnung hatte.

„Delphies? Ziemlich einfallslos, wenn Sie mich fragen. Warum nicht gleich die Philadelphia Philadelphias? Das hört sich zumindest weniger albern an.“

„Sollten Physiotherapeuten nicht mehr mit den Händen als mit dem Mund arbeiten? Ich weiß nicht, ob ich Ihren Fähigkeiten vertrauen kann, wenn Sie so viel reden.“

Reden schreckte ihn ab? Na, vielleicht wurde sie ihn dann ja doch noch los …

„Ich kann multitasken, keine Sorge! Ich könnte die ganze nächste Stunde durchreden, die Sie auf meiner Liege liegen! Ich habe Quinoa für mich entdeckt, wissen Sie? Das ist unglaublich eisenhaltig. Viel eisenhaltiger als Spinat. Popeye verbreitet übrigens Lügen, Spinat ist gar nicht …“

„Warum zum Teufel mögen Sie mich nicht?“

Verblüfft hielt sie inne. O’Connor hatte die Kappe auf den Tresen gelegt und die Arme vor der Brust verschränkt.

Die Frage, die sich alle stellten: Würde das T-Shirt halten? Kaylie war gegen das T-Shirt. Es sollte einfach aufgeben. Einsehen, dass es das Schwächere war.

„Ähm, nicht mögen?“, räusperte sie sich. „Wie kommen Sie darauf, dass ich Sie nicht mag?“

„Warum sonst sollten Sie mich mit dem bescheuerten Zeug volllabern? Und so tun, als wüssten Sie nicht, wer ich bin? Sie müssen eindeutig etwas gegen mich haben.“
Jetzt lief ihr Kopf doch leicht rosa an. Sie schwindelte sehr gerne – wurde aber nicht gerne dabei erwischt. Und es stimmte: Sie hatte etwas gegen ihn. Er war Baseballspieler. Mehr brauchte es gar nicht.

Jake war, wie gesagt, eine Ausnahme – aber das auch nur, weil er so unglaublich von sich selbst eingenommen war, dass sie es als ihre Pflicht gegenüber der Menschheit ansah, sein Ego jede Woche mindestens einmal zu verkleinern. Außerdem wüsste der arme Kerl ohne sie doch gar nicht, wie er sich in der Welt zurechtfinden sollte.

„Gut, ich weiß, wer Sie sind“, gab sie zu. „Ich lese gerne die Klatschkolumne und da stolpere ich immer über Ihre modischen Fehlgriffe.“

„Und deswegen haben Sie etwas gegen mich? Sie hassen Leute, die nicht wissen, wie sie sich anzuziehen haben?“ Sein Blick glitt über ihre Beine, die in ausgewaschene Jeans verpackt waren, und das Trägertop, das sie bereits zweimal genäht hatte. „Denn Lady, sich selbst nicht zu lieben, ist tragisch.“

Na, das musste er ja am besten wissen. Er liebte sich selbst bestimmt für fünf Menschen.

„Ja, ich habe was gegen Sie“, sagte sie langsam und trommelte mit den Fingern auf den Rezeptionstresen. „Sie machen abends immer so viel Lärm im Stadion – da kann mein Hund nicht schlafen. Und dieser Energieverbrauch der Flutlichter regt mich auch ziemlich auf.“

„Sagen Sie eigentlich auch mal die Wahrheit?“

Sie musste lachen. Meistens war die Wahrheit doch sehr langweilig. „Das werden Sie wohl nie herausfinden. Warten Sie hier, ich beende nur noch meinen Patienten, dann kümmere ich mich um Sie – und den heutigen Sieg in Siedler von Catan haben Sie sicher!“

Sie hielt die Hand über ihren Kopf und lief zurück zum Behandlungsraum.

Sie war sehr professionell. Hatte nie ein Problem damit, privat von geschäftlich zu unterscheiden und ihre Patienten als genau das anzusehen – Patienten. Doch als sie spürte, wie er ihr mit dem Blick folgte, fingen sämtlichen Nervenenden von ihr an zu vibrieren.

Sie hatte das vage Gefühl, dass O’Connor eine Herausforderung darstellen könnte.

Dexter hatte das vage Gefühl, dass seine neue Physiotherapeutin sich gerade sehr gut auf seine Kosten amüsiert hatte.

Und das überraschte ihn so dermaßen, dass er nicht einmal dazu fähig gewesen war, dieser Frau etwas entgegenzusetzen. Er hielt sich für relativ schlagfertig – aber Kaylie hatte ihn so überrumpelt, dass er zeitweilig einfach überhaupt nichts Sinnvolles hatte antworten können. Noch nie hatte eine Frau absichtlich so getan, als wüsste sie nicht, wer er war! Sie hatte ganz offensichtlich ein Problem mit berühmten Leuten – auch ein erstes Mal für ihn. Ansonsten schienen die Menschen eher scharf darauf zu sein, nach zwei Minuten so zu tun, als wäre er ihr bester Freund.

Dex hatte kein Problem damit, das war eben Teil des Jobs, aber er erwischte sich dabei, dass er es doch ein wenig schade fand, dass Kaylie, die Physiotherapeutin, etwas dagegen hatte, sich mit ihm anzufreunden.

Er wusste, warum sie so beliebt war. Und das war bestimmt nicht wegen ihrer physiotherapeutischen Fähigkeiten. Männer würden sicherlich hierher kommen, nur um von ihr angefasst zu werden. Sie hatte sehr schöne … Hände.

Er fragte sich, in welcher Beziehung Jake zu ihr stand, denn der Jungspund schaffte es seiner Meinung nach kaum, ein ganzes Spiel hindurch seine Hosen anzubehalten. Andererseits hätte er gewettet, dass Jake nicht ihr Typ war.

Er neigte den Kopf und beobachtete Kaylie dabei, wie sie mit wehendem braunem Haar hinter einer Ecke verschwand. Auch wenn sein Blick nicht auf ihr Haar gerichtet gewesen war. Dass es wehte, war eher eine Vermutung gewesen.

Er setzte seine Kappe wieder auf und richtete seinen Blick auf die schüchterne Rezeptionistin, die fast ihre Zunge verschluckt hatte, als er hereingekommen war.

Ja, so waren ihm die Frauen lieber. Da war es wenigstens einfacher sie einzuschätzen.

„Was ist ihr Problem?“, wollte er wissen und nickte seitlich in die Richtung, in der die Frau mit den schönen … Händen verschwunden war.

„Kaylies Problem?“, fragte die Rezeptionistin, sich offensichtlich unwohl fühlend.

„Ja. Warum hat sie mich angesehen, als hätte ich in ihren Kaffee gepinkelt?“

Das brachte die junge Frau zum Lachen. „Oh, nehmen Sie es nicht persönlich. Sie hat was gegen Sportler.“

Seine Augenbrauen flogen nach oben. Sie hatte was gegen Sportler? Welche Frau hatte etwas gegen Sportler? War sie in ihrer Jugend etwa vom Football Captain versetzt worden?

Er lehnte sich langsam an den Tresen und blickte wieder in den Gang.

Eine Frau, die einfach aus Prinzip etwas gegen ihn hatte. Wegen seines Jobs.

Ein Lächeln breitete sich in seinem Gesicht aus.

Es war einige Zeit her, dass er sich einer Herausforderung gestellt hatte, die nicht seine Schwester war.

Und Kaylie wollte er sicherlich nicht mit Chloe vergleichen.

Drei

Er machte sie nervös.

Er war zu groß, zu präsent und sie konnte das Testosteron, das er ausschüttete, geradezu riechen.

Herrgott, sie war besser als das! Sie wurde täglich mit gutaussehenden Männern konfrontiert.

Okay, es waren dann doch oft Männer, die vor zwanzig Jahren wohl mal gut ausgesehen hatten, aber was war der Unterschied? Offenbar ein Sixpack, feuchte Handflächen und der Wunsch, ihre Berührungen heute mal nicht ganz so professionell auszuführen.

Mist. Das hatte sie noch nie gehabt. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie einen Mann gesehen und gedacht: Will ich.

Sie war doch bis eben noch davon überzeugt gewesen, dass sie Klischees hasste! Und jetzt wurde sie selbst zu einem.

Warum hatte er sich auch nur ausziehen müssen!?

Ach ja, weil sie es ihm gesagt hatte. Dumme, dumme Kaylie! Sie war nur überrascht gewesen, dass er sofort auf sie gehört hatte. Nicht einmal ihre imaginären Hunde hörten auf sie.

„Also gut“, räusperte sie sich, den Kopf hochhaltend, damit sie in sein Gesicht und nicht auf andere Dinge sah. „Wo genau liegt der Schmerz, Mr. O’Connor?“

Sie war einfach zu klein. Ihr Blick reichte zwangsweise nur bis zu seiner Brust. Dafür konnte ihr keiner Vorwürfe machen. Mit Nackenschmerzen war nicht zu spaßen.

„Ich biete Leuten, die mich nackt sehen, immer gerne meinen Vornamen an.“

„Nun, Sie sind aber nicht nackt.“

Er grinste. „Bei deinem Blick fühle ich mich aber so.“
Blut schoss ihr in die Wangen und hastig wandte sie ihr Gesicht ab. Vielleicht sollte sie lieber zurück zur Feindseligkeit gehen, das hatte besser funktioniert.

„Mein Blick ist sehr professionell“, stellte sie grimmig fest und zog den Überzug der Liege glatt.

„Professionell, definitiv. Aber nicht als Physiotherapeutin.“

Wäre es zu auffällig, wenn sie ihren Kopf gegen die Liege schlug?

Die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, wandte sie sich ihm wieder zu. „Schön, Dexter.“ Sie gab sich Mühe dabei, seinen Namen so feindselig und hart wie möglich auszusprechen, was darin mündete, dass ihr Kiefer anfing wehzutun. „Wenn du dann mit deinem Ego-Trip fertig bist: Könntest du mir großzügigerweise sagen, wo es wehtut? Oder soll ich eine Puppe holen, an der du es zeigen kannst?“

Der Baseballspieler grinste immer noch. „Ich arbeite nicht mehr mit Puppen. Mir sind echte Frauen lieber.“

Sie würde Jake umbringen. Langsam und schmerzhaft. „Das sagen alle Männer und dann nehmen sie sich Frauen, die zu fünfzig Prozent aus Plastik bestehen.“

„Ich bin nicht alle Männer.“

Nein, Gott nein. Das war er nicht.

Kaylie schluckte und wandte ihm wieder den Rücken zu, um den gepolsterten Ring an die Liege anzubringen, in den Patienten ihren Kopf stecken konnten. Und um sich kurz zu sammeln.

Es war nur ein nackter Oberkörper! Von denen hatte sie bereits einige prachtvolle Exemplare gesehen – sie schaute schließlich Fernsehen!

Ihr Körper hatte wirklich ein unglaublich schlechtes Timing. Zwei Jahre hatte er nicht mehr wirklich auf einen Mann reagiert und dann das hier! Sie war ausgegangen, hatte ihre Liste bearbeitet, beziehungsweise den Fragebogen perfektioniert, der an ihrem Kühlschrank hing, und wusste genau, was sie suchte. Aber zu keinem einzigen Mann, mit dem sie sich getroffen hatte, hatte sie sich hingezogen gefühlt. Und ein Blick auf Dexter, den Inbegriff eines Gefühlsdesasters für sie, und ihre Eierstöcke entschieden sich plötzlich dafür, aufzuwachen?

Wenn sie zuhause war, würde sie mal ein ernstes Wort mit ihnen reden müssen. Vielleicht mit Weingummi-Entzug drohen. Nur würde sie damit auch ihrem Herzen schaden – und war ihr Herz nicht wichtiger als ihre plötzlich tanzenden Eierstöcke?

Okay, ihr ging es offensichtlich nicht gut. Wenn sie anfing, Herzen mit Eierstöcken zu vergleichen, ging irgendetwas schief.

Das Kopfteil war angebracht und sie hatte keinen Grund mehr, Dexter O’Connor nicht anzusehen. Abgesehen von den offensichtlichen Gründen, die sie ihm ganz sicher nicht auf die Nase binden würde.

Kurz durchatmend wandte sie sich wieder zu ihm um. Er hatte sich keinen Millimeter bewegt, starrte sie immer noch belustigt an, als wüsste er genau, was in ihrem Kopf vorging.

„Also, wo tut es weh?“, wiederholte sie die Frage, bemüht, ihr Gesicht neutral und über Dexters Schulterebene zu halten.

Konnte er nicht endlich aufhören, sie so anzusehen? Vielleicht konnte sie ihm einfach eine Tüte über den Kopf ziehen? Sie würde auch Löcher reinschneiden, damit er atmen konnte.

Er deutete auf seine rechte Schulter und zog mit den Fingern eine Linie von seinem Ellbogen bis zu seinem Halsansatz. „Es zieht vom Arm bis zum Hals hoch.“

Sie nickte und fühlte sich gleich etwas sicherer. Das war ihr vertrautes Terrain. „Okay“, sagte sie langsam und trat auf ihn zu, um ihre Hände auf die Stelle zu legen, die er gezeigt hatte, auch wenn Körperkontakt vielleicht nicht die beste Idee war. „Seit wann hast du Schmerzen? Schon länger?“

Sie konnte ihn schlucken hören, als sie ihre Finger in seine Schulter drückte und fragte sich, ob der Grund dafür ihre Nähe war oder weil es wehtat.

„Öfter mal nach einem Spiel und heute, nachdem ich … gefallen bin.“

Sie hob eine Augenbraue und sah zu ihm hinauf, während sie weiter seine Schulter untersuchte. „Gefallen?“

„Jap“, sagte er und jetzt lag sein Blick auf ihren Lippen. Sie konnte seinen Atem auf ihrer Wange spüren und Blut sammelte sich an den interessantesten Stellen in ihrem Körper.

Dexter schüttelte leicht den Kopf, als versuche er einen Gedanken abzuschütteln, bevor er murmelte: „Sagt dir die Floskel ‚direkte Anziehungskraft‘ etwas?“ Seine Augen wanderten wieder zu ihren hinauf – seit wann konnten Augen eine solche Hitze ausstrahlen?

Und was war aus Männern geworden, die nie etwas ansprachen? Ihr gefiel dieses neumodische Modell überhaupt nicht!

Abrupt ließ sie ihn los. Er hielt wohl nichts davon, seine Gefühle zu verbergen. Tja, Pech für ihn, denn sie war die derzeitige Weltmeisterin darin.

„Nein“, sagte sie knapp und deutete auf die Liege. „Deine Sehne ist verspannt. So wie dein gesamter Rücken. Das kann von der körperlichen Überbelastung kommen und ich würde vermuten, dass du in letzter Zeit eine Menge persönlichen Stress hattest.“

Seine Augen verengten sich und sofort wusste sie, dass sie recht hatte.

„Dachte ich es mir doch. Aber das ist kein Problem – das krieg’ ich rausmassiert. Die Verspannung. Nicht deine Probleme.“

Dexter hatte sein Lächeln zu ihrem Leidwesen nicht verloren. „Irgendwie scheinst du dich sehr unwohl in meiner Gegenwart zu fühlen.“

Sie seufzte. „Ja, ich muss immer an meine armen Hunde und ihre schlaflosen Nächte denken. Leg dich hin. Gesicht erstmal nach oben.“

„Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du eine Menge Blödsinn redest, wenn du nervös bist?“, fragte er interessiert, folgte aber ihren Anweisungen.

„Ständig. Wie gut, dass mich nicht interessiert, was andere sagen.“

Sie senkte den Kopf und fing an, seine Beine abzusuchen, bis sie bei seinen Füßen angelangt war.

„Meine Schulter tut weh, nicht meine Füße“, bemerkte er, als sie anfing, seine Akupressurpunkte abzutasten.

„Jaja“, murmelte sie abwesend und zum ersten Mal etwas entspannter. Arbeit, sie musste sich einfach auf die Arbeit konzentrieren. „Deine Hüfte ist minimal schräg. Das müsste sich mal jemand ansehen. Könnte daran liegen, dass du sehr rechtslastig schlägst …“

„Und das weißt du von meinem großen Zeh?“

Nein. Von der Art und Weise wie seine Füße lagen. Und dass er sehr rechtslastig schlug, wusste sie … na ja, sie wollte lieber nicht sagen, warum sie das wusste. Sie wusste so einiges über ihn. Angefangen mit seinen Spielstatistiken, bis hin zu ein paar persönlichen Informationen, die nicht einmal die Presse wusste.

Sie räusperte sich. „Alles im Körper hängt zusammen. Es ist wie ein Puzzle, bei dem kein Teil alleine stehen kann. Und ja: Deine Zehen sind sehr ausdrucksstark. Man kann eine Menge an den Fußreflexzonen eines Menschen ablesen. Und die Faszien deines Oberschenkels sind verbunden mit den Faszien deines Fußballens. Vom Beckenkamm der Hüfte zieht wiederum ein Riesenmuskel zu deiner Schulter – also könnte eine Fehlstellung deiner Füße zu Rückenschmerzen und anderem führen. Fühlt sich dann genauso an wie Muskelverspannungen, obwohl es nur die Faszien sind, die verklebt sind.“

Und Dexter besaß weiß Gott eine Menge Muskeln, die sich verspannen könnten! Insgesamt schienen Muskeln sich sehr wohl an seinem Körper zu fühlen. Er behandelte sie offenbar sehr gut.

„Was zur Hölle sind Faszien?“

„Hast du schon einmal Putenfleisch geschnitten? Oder hast du dafür deine Lakaien?“

„Ich habe keine Lakaien und ich bin sehr wohl dazu in der Lage, Putenfleisch selbst zu schneiden!“, knirschte er.

„Du sollst dich entspannen, nicht aufregen! Also, diese dünnen Häute um das Muskelfleisch einer Pute, das sind die Faszien. Das ist ziemlich nützliches Gewebe, das trennt und gleichzeitig verbindet. Man könnte sie auch als Gemüsetüten bezeichnen.“

„Gemüsetüten?“

Sie nickte. „Ja, diese dünnen Tüten, die du im Supermarkt abreißen musst. So sind Faszien. Sie sind ganz dünn und umhüllen im Körper alles Mögliche. Bindegewebe, Sehnen, Gelenkkapseln. Man kann fünf Pfund Äpfel reinpacken und sie reißen trotzdem nicht.“

„Wow, du scheinst ja wirklich sehr begeistert von den Teilen zu sein.“

„Das wärst du auch, wenn du verstehen würdest, worüber ich rede. Faszien sind magisch!“

„Mhm.“

„Was?“

„Ich dachte, schwarze Magie wäre verboten.“

Sie lachte. „Es ist weiße Magie, ich schwöre es dir! Ich arbeite fürs Gute.“

Seit wann waren Hände das Heißeste an einer Frau?

Bis vor einer Stunde hätte Dexter bezweifelt, dass Hände sexy sein konnten, aber jetzt hatte er seine Meinung geändert.

Meine Güte, wenn sie mit nur einem Griff Schmerzen verschwinden lassen konnte – was konnte sie dann wohl noch alles mit ihren Händen?

Es war keine gute Idee, genauer darüber nachzudenken, denn Dexter hatte keine große Selbstbeherrschung und seine neue Physiotherapeutin könnte es falsch auffassen, wenn er ihr zusätzlich zu seiner Bezahlung einen Zungenkuss gab.

Andererseits könnte sie es auch ganz richtig auffassen: Er stellte sie sich immerhin seit neunundfünfzig Minuten nackt vor.

Nein, das war gelogen. Er stellte sie sich seit der Sekunde nackt vor, in der sie an die Rezeption getreten war. Sie mochte gesagt haben, dass sie keine Ahnung von der Floskel ‚direkte Anziehung’ hatte, aber er wusste es besser. Herrgott, sie hatte beinahe den Mund nicht mehr zubekommen, als er sein T-Shirt ausgezogen hatte! Er war nicht arrogant – na gut, manchmal vielleicht ein wenig – aber er wusste, wie Frauen auf ihn reagierten. Sie mochten ihn. Sehr. Das war eine Regel. Keine Arroganz seinerseits, einfach eine Tatsache.

Kaylie war in diesem Fall offenbar keine Ausnahme – nur dass sie die erste Frau war, die er kennengelernt hatte, die sich offensichtlich dagegen wehrte!

Es war unglaublich faszinierend, sie dabei zu beobachten, wie sie mit sich selbst rang. Sie fühlte sich so offenkundig zu ihm hingezogen, dass es absurd schien, dass sie sich immer noch Mühe gab, das zu verbergen.

Und das machte sie verdammt nochmal interessant. So interessant, dass Dexter sich nicht nur fragte, was sich hinter ihrer Kleidung verbarg, sondern auch, was in ihrem Kopf vorging.

Sie schien eine rege Unterhaltung mit sich selbst zu führen. Er hatte so ein Gefühl, dass sie es wert war, näher kennengelernt zu werden.

Dexter war kein Frauenheld. Man konnte ihn altmodisch nennen, aber er fand, dass man etwas für die Person empfinden sollte, mit der man schlief. Gut, dieses etwas war äußerst dehnbar, aber er fand, er ging da sehr moralisch vor. Vielleicht zu moralisch, wenn er daran dachte, dass er seit einem halben Jahr praktisch im Zölibat lebte.

Aber wenn er ehrlich war, dann spielte er schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken, sesshaft zu werden. Nur wusste er noch nicht ganz, wie er die Definition „sesshaft“ für sich auslegen wollte. Das war in etwa so wie die Sache mit dem ‚etwas für die Person empfinden, mit der man schlief’. Lust war schließlich auch irgendwie eine Art von Gefühl, oder?

Schön. Seine Regeln waren wohl doch etwas unscharf formuliert und vielleicht eher als Richtlinien zu bezeichnen, aber wenigstens hatte er welche!

Eine dieser war es, einer Herausforderung nie den Rücken zuzukehren. Und Kaylies gerecktes Kinn, während er sich sein T-Shirt wieder überstreifte und sie ihm etwas darüber erzählte, dass er sich besser dehnen müsse, war mehr als eine Herausforderung – das war doch praktisch ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Und er war kein Mann, der Hilfeschreie einfach so ignorierte. Das gebot einem einfach der Anstand.

„Du magst deine Arbeit sehr, oder?“

Sie nickte abwesend und stellte den Hocker, auf dem sie zeitweilig gesessen hatte, an die Wand. „Ja. Was ist mit dir? Magst du deine Arbeit?“

„Baseball zu spielen ist so ziemlich das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte“, meinte er schulterzuckend.

Ihr Mund wurde verkniffen. „Ja, so habe ich dich eingeschätzt.“

„Du sagst das so, als wäre das was Negatives.“

„Ja, ich weiß.“

Interessant.

„Würdest du nicht dasselbe über deine Arbeit sagen?“, fragte er. Sie wiegte ihren Kopf hin und her. „Doch. Es ist auch das Beste, was mir hätte passieren können.“

„Warum?“

„Ich helfe gerne Menschen.“

„… aber keinen Sportlern?“

„Sportler zählen nicht als Menschen!“

Ja, das Innere ihres Kopfes wurde immer interessanter. Aber er hatte da eine andere, dringendere Frage: „Hast du was mit Braker?“

„Was?“ Erschrocken fuhr ihr Kopf hoch und endlich hatte er ihre gesamte Aufmerksamkeit. Ihre Augen hatten die Farbe von Bernstein. Hübsch.

„Ob du was mit Braker hast“, wiederholte er und ließ den Saum seines T-Shirts fallen.

„Ich … was?“

Sprach er irgendwie undeutlich? „Jake und du – läuft da was?“

„Ich habe dich schon verstanden!“, fuhr sie ihn an. „Die Frage ist, warum zum Teufel du mich das fragst.“

Er zuckte die Schultern. Beide schmerzfrei. Unglaublich.

„Na ja, wenn du was mit Jake hättest, dann wäre es nicht okay, dich zu fragen, ob du mit mir ausgehen willst. Wenn allerdings nicht …“

Ihr klappte die Kinnlade herunter. „Du willst mit mir ausgehen?“ Sie sah ihn an, als hätte er gerade vorgeschlagen, sie sollten doch gemeinsam ein paar Kinder aus dem Krankenhaus entführen.

Nicht die Reaktion, die er sich erhofft hatte.

„Nur, wenn du nicht mit Braker zusammen bist.“

„Jake ist dreiundzwanzig!“

„Ja … das beantwortet mir nicht meine Frage.“

„Er sammelt Action-Figuren!“

Er legte den Kopf schief. „Es würde mir sehr helfen, wenn du einfach mit Ja oder Nein antworten könntest.“

Sie schnaubte laut und verschränkte die Arme vor dem Körper. „Nein! Ich bin nicht mit Jake zusammen.“

„Gut.“ Er grinste. Sehr gut. „Also, gehst du mit mir aus?“

Sie dachte nicht einmal darüber nach. „Nein.“

Das machte ihn doch tatsächlich einige Sekunden sprachlos. Diese Frau wurde immer rätselhafter. Sie gab hier eindeutig gemixte Signale.

„Nein?“, wiederholte er langsam das Wort. Er musste ihr schließlich die Chance geben, die Antwort zurückzunehmen.

„Nein. Das ist nur eine Silbe – wie kann das so schwer verständlich sein?“

Na ja, zugegeben: Er hörte dieses Wort sehr selten. Zumindest aus dem Mund einer Frau.

„Warum?“, wollte er wissen, denn ernsthaft: Warum?

Sie verdrehte die Augen und strich sich eine ihrer hellbraunen Strähnen hinters Ohr. „Zwei Gründe: Erstens bist du ein Patient von mir und zweitens bist du ein Baseballspieler.“

Nichts von dem, was sie sagte, machte einen Sinn. „Und? Du willst keinen Kerl der sportlich und reich ist?“

Sie lachte. Ein angenehmes Lachen. Dex hatte doch tatsächlich vergessen, dass Frauen ehrlich lachen konnten. „Doch, natürlich will ich den – aber Baseballspieler stehen auf meiner schwarzen Liste.“

„Du hast eine schwarze Liste von Männern?“, fragte er verdattert.

Wieder verdrehte sie die Augen, so als wäre seine Frage sehr dumm gewesen. „Natürlich! Die hat jede Frau. Bei mir ist es so …“, sie hob eine Hand und ließ sie bei jedem Wort eine Spur tiefer sinken, „… Serienkiller, Muttersöhnchen – und dann kommt auch schon der Baseballspieler. So ist die Reihenfolge.“

Dex bekam so langsam das Gefühl, dass er nicht der Einzige war, der dubiose Regeln aufstellte. „Wie kann man was gegen Baseballspieler haben? Ich meine … sieh uns an. Wir sind süß!“

Sie zuckte melodramatisch die Schultern. „Ich bin damit einfach geboren, schätze ich.“

Einen Dreck war sie.

Langsam verengte er die Augen. „Du willst also nicht mit mir ausgehen, weil ich Baseball spiele? Ist das nicht ein wenig oberflächlich von dir?“

„Du willst mit mir ausgehen, weil meine Hände magisch sind und ich eine Herausforderung bin! Wer ist hier oberflächlich?“

Er hatte wohl doch nicht so ein Pokerface, wie er geglaubt hatte. „Ist das immer noch ein Nein?“

„Ja, das ist ein Nein!“, sagte sie energisch, schritt durch den Raum und hielt ihm die Tür auf. „Du kannst dann jetzt auch gehen. Aber sei so lieb und bezahl mich vorne noch, okay?“

So charmant hatte ihn wirklich noch nie eine Frau rausgeworfen. Er war nicht zufrieden mit dieser Situation.

Er steckte die Hände in die Hosentaschen und bewegte sich kein Stück. „Kann ich wiederkommen?“

„Kommt drauf an, wieviel Trinkgeld du gibst.“

Lächelnd setzte er sich in Bewegung und lief durch die Tür. Ja, er würde wiederkommen. „Danke, Kaylie. Für meine Schulter. Du hast tatsächlich magische Hände, wie du gerade eben so bescheiden bemerkt hast.“

Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern schritt zur Rezeption, bezahlte seine Rechnung – mit einer Menge Trinkgeld – und ging aus der Tür.

Während er zurück zum Stadion lief, dachte er sich, dass es vielleicht besser war, dass sie ‚Nein‘ gesagt hatte.

Er hatte eigentlich keine Zeit für was Ernstes und Kaylie … sie sah aus wie eine Frau, die es ernst meinte. Das Sesshaftwerden würde wohl noch eine Zeit auf sich warten lassen müssen.

Er lebte gerade mit einer emotional-aggressiven Vierundzwanzigjährigen zusammen, die ihm den letzten Nerv, einen Großteil seines Geldes und seine Geduld raubte.

Ja, er wollte Familie. Eine Frau, Kinder. Hatte er immer irgendwann gewollt. Sesshaft werden war eben doch gar nicht so variabel wie gedacht.

Aber dafür hatte er in ein paar Jahren immer noch Zeit. Er war neunundzwanzig, keine vierzig.

Er wollte eine einfache Beziehung, eine süße Frau – und wenn er es sich recht überlegte, dann passte Kaylie nicht wirklich in dieses Schema. Alles an dieser Frau schrie kompliziert.

Fast schade.

Aber es lohnte sich nicht, sich jetzt schon darüber Gedanken zu machen. Er wollte nun einmal ein geordnetes Leben, bevor er sich eine vernünftige Frau suchen konnte. Und das würde er erst bekommen, wenn Chloe sich zusammenriss und endlich über den Tod ihrer Eltern hinwegkam.

Vier

„Wer hat dir denn deine Weingummis weggenommen?“

„Sehe ich so schlecht gelaunt aus?“ Seufzend ließ Kaylie sich auf die Couch neben Grace fallen, die Schuhe von ihren Füßen kickend.

„Na ja. Du siehst ein wenig so aus, als hättest du gerade herausgefunden, dass deine größte Feindin nicht dick geworden, sondern schwanger ist.“

Kaylie prustete und starrte auf das Brot in Grace’ Händen. Nutella, belegt mit Salami und Banane.

Sie kannte Grace seit sechs Jahren, wohnte seit vier mit ihr zusammen und war jeden Tag aufs Neue überrascht, dass sie nicht täglich ins Krankenhaus musste, um den Magen ausgepumpt zu bekommen. Die Blondine kombinierte Dinge, die sich nicht einmal im selben Raum befinden sollten.

„Das sieht wirklich mehr als eklig aus, Grace“, bemerkte Kaylie und verzog das Gesicht.

„Sieht es nicht. Ich bin Feinschmecker.“

„Du bist Nichts-Schmecker. Ganz offensichtlich. Sonst hingest du jetzt über der Kloschüssel.“

Grace biss genüsslich in ihr Brot und grinste sie dann breit an. „Du hast meine Frage nicht beantwortet.“

„Heute war einfach ein sehr merkwürdiger Tag“, verkündete sie und starrte auf die Baseballkappe, die sie auf den Wohnzimmertisch vor sich geworfen hatte. Oben war das Logo der Delphies und die Nummer Acht eingenäht.

Die hatte ein gewisser Patient bei ihr vergessen. Sie war sich fast sicher, dass er das mit Absicht gemacht hatte. Was für ein genaues Ziel er damit verfolgte, konnte sie nicht sagen, aber es konnte nur abgrundtief böse sein!

Wahrscheinlich würde er die blöde Kappe als Vorwand nutzen, um wiederzukommen und sie nochmals zu fragen, ob sie mit ihm ausgehen wollte.

„Ich habe heute Aktfotos von einem Paar geschossen, das schätzungsweise seit zwanzig Jahren tot sein sollte – wie merkwürdig kann dein Tag da schon gewesen sein?“

Kaylie lachte und ließ den Kopf gegen die Sofalehne sinken, die Augen geschlossen. „Du verkaufst dich unter Wert, Grace.“

„Ich weiß“, antwortete ihre Freundin mit vollem Mund, „aber niemand stellt im Moment ein.“

Von wegen. Grace war nur zu feige, um sich irgendwo anders zu bewerben. Sie war lieber ein großer Fisch in einem kleinen Teich als ein Plankton im Atlantik. Kay hatte manchmal das Gefühl, Grace glaubte einfach nicht daran, dass sie es verdient hatte erfolgreich zu sein.

Sie war nur noch nicht dahintergekommen, wieso das so war – und heute würde auch nicht der Tag sein, an dem sie eine Erkenntnis gewinnen würde.

Sie war müde. Und verwirrt. Und irgendwie wütend.

Ein wenig auf sich selbst, weil sie ihren Körper nicht unter Kontrolle hatte. Aber vor allem auf Dexter O’Connor und seine Muskeln und sein blödes Lächeln und … seine blöde Frage! Sie hatte auch keine Ahnung, warum es sie so aufregte, dass er mit ihr hatte ausgehen wollen, aber irgendwas sagte ihr, dass das äußerst falsch von ihm war, sie einfach so in Versuchung zu führen.

„Erzähl mir irgendwas Cooles, Grace“, verlangte Kaylie gähnend. Sie tat alles, um sich abzulenken.

„Ich habe heute eine kostenlose Steuerberatung bekommen.“

Unter cool verstand Kaylie etwas anderes. Dennoch öffnete sie stirnrunzelnd ein Auge. „Kostenlos?“

Grace zog eine Grimasse. „Na ja, fast kostenlos. Ich musste dem Steuerberater ein Blind Date mit dir versprechen! Heute Abend um elf, zieh dir was Hübsches an!“

Ungläubig riss sie nun auch das andere Auge auf. „Was?“

„Nun, ich dachte vielleicht an ein Kleid, oder …“

Grace! Wie kann ein fremder Typ, der mich nicht kennt, ein Blind Date mit mir haben wollen und dir dafür kostenlos die Steuern machen?“

Grace stopfte sich den Rest ihres Brotes in den Mund. „Erst wollte er mit mir ausgehen, aber als ich ihm dann ein Foto von dir gezeigt habe und meinte, dass ich mich für die Ehe aufspare …“

„Was für einen Schwachsinn redest du da?! Du sparst dich überhaupt nicht für die Ehe auf. Du bist in etwa so jungfräulich wie die Sonne kalt ist!“

„Ja, aber das wusste er doch nicht“, meinte sie verwirrt, als verstünde sie Kaylies Aussage nicht. „Du solltest dich freuen. Du bist eine Steuerberatung wert!“

Na großartig! Sie hatte auf mindestens zwei Kamele oder auch eine sehr große Ziege gehofft.

„Guck nicht so, Kay!“, lachte ihre beste Freundin und schlang ihr einen Arm um den Hals. „Er sieht gut aus, wirklich! Na ja, wenn man auf den normalen Typ steht – was du ja vorgibst zu tun. Und du wolltest, dass ich dich verkupple.“

„Ja, mit einem deiner Fotografen-Freunde. Aber doch nicht mit deinem Steuerberater!“

„Du willst mit einem Schwulen verkuppelt werden? Es steht schlimmer um dich als ich dachte.“
Stöhnend legte Kay sich die Arme über den Kopf. „Ich fasse nicht, dass du meine beste Freundin bist! Da wäre ich ja besser mit einer Schildkröte dran …“
„Ich weiß gar nicht, was du hast!“ Grace tätschelte ihren Rücken. „Er ist Steuerberater, Kaylie – langweiliger geht es doch gar nicht. Oh sorry, ich meinte natürlich normaler. Normaler geht es doch gar nicht. Und das wolltest du doch, oder?“

Da war ein herausfordernder Unterton in der Stimme ihrer Freundin und plötzlich wusste Kay, was Grace mit dem Ganzen zu bewirken versuchte.

Seit Wochen lag ihre Freundin ihr damit in den Ohren, dass ein ‚normaler‘ Freund sie unglücklich machen würde. Was immer ‚normal‘ in dem Zusammenhang auch bedeuten mochte. Grace war der Überzeugung, dass Kaylie keine Ahnung hatte, was gut für sie war. Oder besser gesagt, wer gut für sie war.

Doch ihre Freundin lag falsch. Kaylie wusste genau, was sie brauchte.

Sie wollte jemanden Einfaches, jemanden normales eben! Jemanden, der um fünf aus dem Büro kam, ihr einen Kuss auf die Wange gab und erklärte, welche Bank heute das meiste Geld verloren hatte. Jemanden Beständiges, auf den sie sich verlassen konnte. Jemanden, der nichts mit Baseball zu tun hatte. War das zu viel verlangt?

Und plötzlich hörte ein Steuerberater sich gar nicht so schlecht an.

Steuerberater hatten geregelte Arbeitszeiten. Sie waren verlässlich. Und sie konnten mit Zahlen umgehen. Das war sexy, oder?

Nein, das war nicht sexy. Aber der Mann, den Kaylie brauchte, musste auch gar nicht sexy sein. Auch wenn es sicherlich nicht schaden würde. Aber sie war da flexibel. Solange er seine beiden Vorderzähne hatte, konnte jeder Mann sexy sein.

Okay, auch darauf wollte sie sich nicht festnageln.

„Gut, ich gehe mit ihm aus“, sagte sie trotzig und tauchte wieder aus der Versenkung auf. „Er wird sicherlich … Moment, sagtest du, er will sich um elf treffen?“

Diese Zeit kam ihr doch etwas merkwürdig vor. Es war Montagabend!

Grace’ Ohren liefen pink an. „Na ja, er sagte irgendwas davon, dass er das Spiel nicht verpassen wolle …“

„Welches Spiel?“

„Ähm … das der Delphies.“
„Er ist Baseballfan? Du kennst meine schwarze Liste!“

„Ja natürlich, du hast sie an den Kühlschrank gehängt. Neben deine „Traumtyp-Liste“, die meiner Meinung nach „Langweiler-Liste“ heißen sollte. Aber wenn du Fans auch ausschließt, dann wirst du einsam sterben, Kay.“

Ach was, sie wäre nie allein. Sie würde immer Ben und Jerry haben! Wen interessierte es, dass sie Eiscreme waren?

Stöhnend legte sie eine Hand über die Augen. Ein Baseballfan. Andererseits war das besser als ein Baseballspieler. Vielleicht hatte ihre Freundin recht. Vielleicht durfte sie nicht ganz so wählerisch sein. Es gab da draußen wirklich eine Menge Baseballfans. Dennoch …

„Du bist so ein Strüh, Grace“, seufzte sie.

Die Blondine verzog das Gesicht. „Bitte, benutz heute Abend nicht dieses Wort. Niemand versteht, was du damit meinst.“

Ja, das war doch der Punkt an der Sache! „Du bist nur neidisch, weil mich dieses Wort geheimnisvoll macht.“

„Dieses Wort lässt dich verrückt, aber sicherlich nicht geheimnisvoll erscheinen!“

Kaylie sah das anders. Ihr gefiel der Gedanke, die amerikanische Sprache zu revolutionieren. Dieses Wort würde ihren Tod überstehen, dessen war sie sich sicher! Auf ihrem Grabstein würde stehen: Kaylie Thompson, Physiotherapeutin, geliebte Freundin und Strüh.

„Weißt du was? Das Wort allein hat meine Laune gehoben!“, verkündete sie. „Ich gehe mit ihm aus – aber ich nehme meinen Fragebogen mit!“

Stöhnend schlug Grace ihren Kopf auf die Knie. „Ich gebe dir eine halbe Stunde, dann hast du ihn in die Flucht geschlagen.“

Dann hätte er immer noch zwanzig Minuten länger als der Letzte durchgehalten.

Dexter tat alles weh. Bis auf seine Schulter.
Kaylie hatte wirklich verdammt gute Arbeit geleistet. Er war heute mit zwei Spielern der gegnerischen Mannschaft, einem harten Schotterboden und einem der Zäune kollidiert – kein schlechter Schnitt – und seine verspannte Sehne gab keinen Mucks von sich.

Abgesehen davon war er wirklich fertig. Nicht zuletzt, weil Chloe ihm gerade eine SMS mit den Worten BIN HEUTE IRGENDWO geschrieben hatte.

Alles, wonach er sich gerade sehnte, war in der Bar gegenüber mit den anderen Jungs zu sitzen und ein kühles Bier zu trinken. Was er auch gleich tun würde, aber zuerst hatte er noch eine männliche Pflicht zu erledigen.

Er musste seinen besten Freund dazu bewegen, die Arbeit liegen zu lassen und mit ihm auszugehen.

Wenn er das so ausdrückte, hörte sich das auf einmal gar nicht mehr so männlich an.

Sam hatte sein Büro im am Stadion angrenzenden Gebäudekomplex, in dem auch die Trainings- und Aufenthaltsräume der Delphies lagen. Es war nach zehn und sein Büro war das einzige, aus dem noch Licht kam. Die Tür war nicht geschlossen, trotzdem sah Sam erst auf, als Dex mit der Faust gegen den Rahmen schlug.

„Oh, hey“, sagte er, bevor er das Gesicht wieder auf den Bildschirm seines Computers richtete und weiterhin seine Tastatur malträtierte. Wenn er so auch Frauen behandelte, dann wäre er für immer allein.

„Schönes Spiel. Auch wenn mir deine Knie leidtun. Dir ist schon klar, dass Baseball eigentlich kein Kontaktsport ist, oder?“

Nur für diejenigen, die es nicht richtig machten.

„Meinen Knien geht es gut!“ Glaubte er zumindest. Er konnte sie nicht mehr spüren. „Ich bin auch eigentlich nicht hier vorbeigekommen, um über meinen wunderschönen Körper zu sprechen. Auch wenn mir aufgefallen ist, wie oft du Gespräche in diese Richtung lenkst. Was natürlich verständlich ist. Du hast dich eben nach ihm gesehnt.“

„Ja, meine Lenden verzehren sich nach dir, Dex“, sagte Sam trocken und schlug weiter auf seine Tastatur ein.

Er grinste. „Wusste ich es doch. Aber warum ich hier bin: Wir gehen mit ein paar Leuten aus dem Team noch was trinken und du kommst mit.“

Sam schüttelte den Kopf, den Blick stets auf den PC gerichtet. Er hatte die Krawatte abgelegt, trug aber immer noch seinen Anzug. „Keine Zeit, ich bin hier noch nicht fertig.“

„Sam, hör auf zu arbeiten und komm mit. Du musst mal anfangen, dich zu integrieren.“

Sein Gegenüber schnaubte. „Gab es Eierstöcke im Angebot oder warum redest du so?“

„Das Wort integrieren habe ich neu gelernt. Frauen benutzen es, um sozial zu wirken. Ich dachte, ich versuch’ das mal.“

„Sozial zu sein?“

Ja. Sowas Ähnliches. Außerdem schuldete er Sam etwas. Er hatte ihm schon mehr als einmal aus der Patsche geholfen und Dex sah es als seine Pflicht an, dafür zu sorgen, dass Sam einen guten Job machte. Aber das konnte er nur, wenn er das Team genauso gut kannte wie er.

„Du musst mehr ausgehen, Alter. Du versauerst hier hinter deinem Schreibtisch. Ich meine … wann hast du dich zum Beispiel das letzte Mal mit einer Frau getroffen? “

„Du reißt hier ganz schön deine Klappe auf, dafür, dass du keinen Deut besser bist. Wann hast du das letzte Mal eine Frau kennengelernt und gefragt, ob sie mit dir ausgeht?“

„Heute Morgen.“

Das sicherte ihm sofort Sams volle Aufmerksamkeit. Er blickte vom Bildschirm auf, eine Augenbraue gehoben. „Du hast dir heute Morgen ein Date klargemacht?“

„Gehen wir jetzt, oder was?“

„Sie hat ‚Nein‘ gesagt?“

Eigentlich hätte Sams Unglaube Dex schmeicheln sollen – aber das schadenfrohe Grinsen, das sich sofort auf den Zügen seines besten Freundes ausbreitete, hinderte ihn daran.

Dexter gab sich Mühe, seinen Kiefer zu entspannen, aber den hatte Kaylie heute Morgen vergessen zu behandeln.

„Ja, sie hat ‚Nein‘ gesagt“, knurrte er.

„Was für eine sympathische Frau! Ich mag sie.“

„Du weißt nicht, über wen ich rede.“

„Nein und das muss ich auch gar nicht wissen. Du siehst aus, als hätte es dich aufgeregt, dass sie ‚Nein‘ gesagt hat. Das reicht mir völlig.“

Ja, es hatte ihn aufgeregt! Er hatte schon seit längerem keine so interessante Frau mehr kennengelernt und – warum hatte sie bloß ‚Nein‘ gesagt?

Das ließ ihn alles anzweifeln, was er je über Frauen geglaubt hatte zu wissen. Wenn Frauen plötzlich nicht mehr auf Geld und gutes Aussehen standen, dann könnte er ein Problem bekommen.

„Ja, witzig, eine Frau hat ‚Nein‘ zu mir gesagt“, meinte er genervt. „Können wir dann jetzt gehen, damit auch ein paar Frauen ‚Nein‘ zu dir sagen können?“

„Das wirst du nie zu Gesicht bekommen – einerseits, weil ich hübscher bin als du und andererseits, weil ich arbeiten muss.“

„Hat da jemand Angst vor der Zurückweisung durch eine Frau?“

Sam schnaubte und lehnte sich in seinem Stuhl zurück „Nur weil du einem Ball nachrennen und es Arbeit nennen kannst, muss das nicht für andere gelten.“

„Du bist süß, wenn du neidisch bist.“

„Oh bitte. Neidisch auf einen Kerl, zu dem alle Frauen ‚Nein‘ sagen?“

„Eine! Es war eine Frau.“

„Aber offensichtlich eine Frau, die zählt. Die wird als mehrere bewertet.“

Das klang fair. Es fühlte sich auch nach mehreren an.

„Geh doch einfach vor und ich komme nach“, sagte Sam und fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht. Er sah wirklich müde aus, fiel Dex auf. Sam hatte schon im College die Angewohnheit gehabt, maximal fünf Stunden pro Nacht zu schlafen. Er fragte sich, ob sein Freund diese Zeit jetzt noch verkürzt hatte, weil der Stress von Zuhause ihn wachhielt.

Er musste wirklich mal rauskommen. „Nichts da. Dein Nachkommen kenne ich. Das hat vielleicht vor fünf Jahren bei mir funktioniert, aber jetzt falle ich nicht mehr auf deine leeren Versprechen rein.“

„Weißt du, wenn ihr euch benehmen würdet, hätte ich auch nicht so einen Stress. Ich musste heute zwei Stunden auf einen Cheerleader einreden, damit sie der InTouch nicht verrät, mit wie vielen von ihnen Jake Braker geschlafen hat! Stattdessen hat sie mir dann die Liste gegeben – mündlich. Das sind zwei Stunden meines Lebens, die ich nicht mehr zurückbekomme. Verdammt, ich wusste gar nicht, dass wir überhaupt so viele Cheerleader haben! Sie haben mit Streik und Kündigung gedroht und eine Entschädigung für emotionale Verstümmelung verlangt. Eine Entschädigung dafür, mit Jake schlafen zu müssen – okay, aber emotionale Verstümmelung?“

Dex musste lachen und wurde mit einem wütenden Blick aus Sams Richtung bedacht. „Hey, was guckst du mich an? Ich habe noch nie mit einem Cheerleader ...“

„Jaja, du bist der reinste Engel. Du bist ja kein Aufreißer, wie du nicht müde wirst zu erzählen. Aber weißt du, dafür, dass du immer schön die Klappe aufreißt und meinst, dass du was Ernstes suchst, Kinder willst und so weiter, sind deine Beziehungen doch immer etwas kurz. Wie lange hat die längste gehalten? Fünf Monate?“

Es waren vier. „Die Richtige war eben noch nicht dabei.“

„Mhm. Ich glaub’ eher, dass du deinen Affären nur den Titel ‚Freundin‘ verleihst.“

„Das ist Schwachsinn.“

Er wusste nur eben, wie richtige Liebe aussah, hatte es jahrelang vorgelebt bekommen, und würde sich nicht mit weniger zufriedengeben.

„Wenigstens suche ich. Du tust überhaupt nichts. Wann war denn das letzte Mal, dass du flachgelegt wurdest?“

„Vor zwei Wochen.“

Das war neu. „Was? Von wem? Wieso weiß ich davon nichts?“

„Weil ich dir nicht jedes Mal, nachdem ich mit einer Frau im Bett war, eine SMS schreibe.“

„Das solltest du aber! Dann mach’ ich mir weniger Sorgen um dich.“

„Ich sollte mir eher Sorgen um dich machen. Lässt dich von deiner winzigen Schwester aufs Kreuz legen.“

„Sie ist einsfünfundsiebzig! Mit ihren verdammten High Heels noch größer. Und du weißt genau, was für eine Furie sie im Moment ist. Ich sollte wahrscheinlich froh sein, dass sie mir nicht mehr angetan hat.“

„Ja, ich bemitleide dich dann, wenn ich Zeit habe. Profisportler, am Arsch! Ich könnte dich jederzeit besiegen – und ich hocke nur hinterm Schreibtisch, wie du gerade so schön bemerkt hast.“

Dex verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Türrahmen. „Du hast mir immer noch nicht gesagt, wer diese mysteriöse Frau sein soll, mit der du es getrieben hast.“

„Du wirst es auch nicht erfahren.“

„Also war es ein Cheerleader.“

Er schnaubte. „Bin ich blöd?“

„Wenn du heute Abend nicht mitkommst, ja.“

Sam seufzte schwer, schüttelte den Kopf und fuhr dann seinen Computer herunter. „Schön, ich komme mit. Sonst schreibst du nachher nicht in mein Freundschaftsbuch und erzählst mir, dass Britney-Lou jetzt deine neue beste Freundin ist. Außerdem kann ich dann Braker im Auge behalten – er ist doch da, oder?“

Natürlich war er da. Jake war dreiundzwanzig und hatte gerade erst den Alkohol für sich entdeckt.

„Wenn du Jake vor allen verbietest, je wieder einen Cheerleader anzufassen, gebe ich dir einen aus.“

„Deal.“

Fünf

Sie saß in einer Sportbar.

Sie war auf einem Date in einer Sportbar!

Sie hasste Sportbars. Größtenteils wegen des Sports. Überall waren Fernseher und jeder zweite Idiot trug irgendein Trikot. Noch schlimmer: Sie waren in einer Sportbar, direkt gegenüber vom Delphies Stadion.

Gott, sie hasste alles an diesem Ort. Kaylie war praktisch in Sportbars groß geworden. Ihre Mutter hatte es geliebt, hier ihren Vater anzufeuern und dann allen zu erzählen, dass sie die Frau des berühmten John Thompson war.

Es schien immer noch nach Rauch zu riechen – obwohl das Rauchen in Bars schon lange verboten worden war – und der Schweiß von Generationen hing in den Wänden.

Und Weingummi gab es hier auch nicht.

Dieses Date war ein Desaster, dabei hatte es erst vor zwei Minuten begonnen.

Aber jetzt war sie schon einmal hier. Da konnte sie genauso gut ihre Liste durchgehen und prüfen, ob Steuerberater Potenzial hatten. Und ihr Date sah wirklich ganz gut aus. Auf eine unscheinbare, süße Art und Weise.

Beide Vorderzähne hatte er zumindest noch. Sexy.

Sie setzte ein Lächeln auf. „Also Tom, wie ist das Leben als Steuerberater so?“

Ihr Date zwang seinen Blick vom Fernseher in der Ecke. Dabei war das Spiel gelaufen. Es gab nur noch Nachberichterstattungen und Nachberichterstattungen der Nachberichterstattungen.

„Na ja, nicht sehr aufregend.“

Punkt eins der Liste: Check. „Ich mache täglich fast das Gleiche, komme dann pünktlich nach Hause und mach’ dann, was alle so machen.“

Punkt zwei der Liste: Check. Wie gut, dass sie die Liste auf ihrem Schoß hatte und mit dem Bleistift, den sie dort positioniert hatte, Haken darauf machen konnte.

„Hört sich doch stabil an.“

Tom runzelte die Stirn. Wahrscheinlich, weil sie den letzten Satz so betont hatte, als würde sie sagen: „Du hast fünf Millionen Dollar gewonnen!“

„Ja, stabil“, nickte er und nahm sich ein paar Nüsse, die in der Schale in der Mitte des Tisches standen, bevor sein Blick wieder auf einem der Bildschirme landete.

Na prima. Wann war sie so unglaublich uninteressant geworden? Er hatte doch nach dem Blind-Date verlangt. Oder hatte er gedacht, dass sie tatsächlich blind war und nicht mitbekam, dass er mehr auf den Hintern der Baseballspieler auf dem Bildschirm, als auf ihr Gesicht sah?

„Hörst du gerne Musik?“, fragte sie weiter, da von ihm wohl nichts zu erwarten war.

Er hob beide Schultern. „Nicht sonderlich. Ich finde Musik lenkt von den wichtigen Dingen des Lebens ab, findest du nicht?“

Von welchen wichtigen Dingen?

„Ja, genau. Finde ich nicht“, sagte sie, doch Tom registrierte ihre Antwort kaum. Er hatte angefangen zu fluchen, weil auf dem Bildschirm eine Wiederholung von einer Szene gezeigt wurde, in der ein eindeutiger Strike-Ball des Delphies Pitchers Luke Carter nicht anerkannt wurde.

„Haben die keine Augen im Kopf?! Luke Carter ist der verdammt beste Pitcher der Welt! Natürlich war das ein Strike! Seine Strikeout-Statistik wird von niemand anderem übertroffen!“

Kay verdrehte die Augen. „Das ist Blödsinn. Luke ist gut, aber die beste Strikeout-Statistik hat Nolan Ryan.“ Sie kannte Luke und mochte ihn – wenn auch nur, weil er ihre Freundin Emma so glücklich machte – aber dennoch: Die Fakten mussten geradegerückt werden.

Verblüfft riss ihr Date abermals den Blick vom Fernseher. „Du kennst dich mit Baseball aus?“

Na ja, ein wenig. Unfreiwillig. Es war unmöglich, in ihrem Leben nicht einiges vom Spiel mitbekommen zu haben. Und sie hatte nun einmal ein gutes Zahlengedächtnis. Da konnte sie doch auch nichts für.

„Geht so“, meinte sie vage, die Hände auf dem Tisch verschränkt. „Wo in Philadelphia wohnst du denn genau?“, nutzte sie seine zeitweilige Aufmerksamkeit aus.

„Gar nicht weit von hier. Hab’ mir gedacht, da ich sowieso fast jeden Abend im Delphies Stadion bin, kann ich mir gleich die Fahrzeit verkürzen, oder?“

Von diesem Punkt an lohnte es sich eindeutig nicht mehr, die Liste weiterzuführen.

Es gab einen Unterschied zwischen Fan und Fanatiker. Mit einem Typen, der vielleicht gerne mal ein Spiel im Fernsehen sah und alle paar Monate ins Stadion ging, hätte sie sich anfreunden können, aber mit so einem Kerl …

Nein danke. Dann würde sie ja lieber einen nehmen, der fremde Hautschuppen in einem Album sammelte.

Obwohl – die zwei würden sich wohl ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, aber Kay war sich fast sicher, dass der Hautschuppen-Typ gewinnen würde – sollte er nichts für Baseball übrig haben.

„Hey, aber wenn du was vom Spiel verstehst, dann können wir ja mal zusammen ins Stadion gehen. Ich habe Dauerkarten.“

Kaylie beschloss, dieses Date unverzüglich abzubrechen. Zeit, ihn zu vergraulen. Wie gut, dass sie einige Übung darin hatte.

„Ja, sehr gerne“, antwortete sie lächelnd. „Davor könntest du dir ja meine Barbiepuppen-Sammlung ansehen. Ich habe 187 Stück.“

„Waren Frauen schon immer so aggressiv?“

Dex grinste. „Du warst wirklich zu lange in deinem Büro eingeschlossen.“

„Die eine sah aus, als hätte sie mich getackelt, wenn ich ihre Nummer nicht angenommen hätte!“

„Mensch, Sam. Hat deine Mutter dich etwa nicht davor gewarnt, was mit hübschen Jungs in der Großstadt passiert?“, feixte Jake und lehnte sich an den Holztresen, den Blick durch den Raum schweifen lassend.

„Hat dir deine Mutter nicht gesagt, dass man nicht mit drei Cheerleadern gleichzeitig schlafen soll?“

„Meine Mutter weiß nichts von irgendwas. Sie denkt, ich bin ein Engel.“

Dann las sie offensichtlich keine Zeitung. Seitdem Luke glücklich vergeben war, hatte die Presse sich einen anderen Lieblingsspieler der Delphies aussuchen müssen. Die Wahl war nicht allzu schwer gewesen, da Jake jung und dumm war – und mit allen Cheerleadern schlief, die sich ihm vor die Nase stellten.

Dexter war einfach nur froh, dass er nicht in Sams Position war und den ganzen Dreck wieder aufsammeln musste. Obwohl es vielleicht etwas unangebracht war, Cheerleader als Dreck zu bezeichnen.

„Dreiundzwanzig müsste man sein“, murmelte Ryan Hale, der seit der heutigen Pressekonferenz offiziell im Team aufgenommen worden war. Das war nicht einmal gelogen. Der Catcher, den eine Frau gerade als Schokoladen-Fondue bezeichnet hatte – was Ryan seinem Grinsen nach zu urteilen offenbar nicht als rassistisch aufgefasst hatte – war ein lockerer Typ, mit dem man leicht reden konnte. Und mit siebenundzwanzig kaum als alt zu bezeichnen. Selbst in der Baseball-Welt nicht.

„Na, dreiundzwanzig ist ein beschissenes Alter“, meinte Tyler Brady, der zweite Neuzugang, der bereits bei seinem vierten Bier war und noch genauso nüchtern wirkte wie während des Spiels. „Guck nur mal in Jakes Gesicht. All diese Pickel und dann dieser Flaum, den er als Bart bezeichnet. Kein Wunder, dass Frauen so auf ihn abfahren. Sie wollen ihn adoptieren.“

„Dabei ist er bestimmt nicht einmal stubenrein“, grinste Dex, prostete dem angesäuerten Jake zu und leerte sein Bier in einem Zug. Es war nun einmal eine ungeschriebene Regel, dass man dem jüngsten Spieler das Leben schwer machte – er hielt sich nur an den Kodex!

„Wo ist eigentlich Luke?“, wollte Sam wissen, der schon wieder auf sein Telefon schaute – ohne Zweifel, um selbst in seiner Freizeit zu arbeiten.

„Der ist zuhause und treibt es mit seiner Freundin“, meinte Jake.

Ray schlug dem jungen Baseman auf den Hinterkopf. „Respekt vor Frauen, Kleiner. Das ist es, was du lernen musst.“
Er runzelte die Stirn. „Das hat mir meine Physiotherapeutin heute Morgen auch gesagt. Vielleicht ist da ja was dran.“

Was? Seine Physiotherapeutin? Kaylie? Sie hatte ihm gesagt, er müsse Frauen respektieren? Hatte er was bei ihr versucht?
„Da wir gerade dabei sind“, fuhr Jake fort, nicht bemerkend, dass Dex in anstarrte. „Wie hast du denn deine Frau davon überzeugt ausgehen zu dürfen, Ray?“

Ray war einer der ältesten Spieler des Teams und seit mehr als zehn Jahren glücklich verheiratet, gesegnet mit zwei Kindern. „Du hast wirklich keine Ahnung von einer ernsten Beziehung“, brummte er nur, bevor er aus den Mundwinkeln zu Dex flüsterte: „Hab’ ihr versprochen, die Gartenmöbel sauber zu machen.“

„Hey, ist ja witzig. Da rede ich gerade über meine Physiotherapeutin und da hinten sitzt sie!“, staunte Jake.

„Was?“ Abrupt, und vielleicht eine Spur zu auffällig, ließ Dex seinen Kopf herumfahren.

Tatsächlich.

An einem Tisch am anderen Ende des Raumes saß Kaylie. Kaylie, die ihm ohne darüber nachzudenken einen Korb gegeben hatte.

Sie trug ein blaues, tief ausgeschnittenes Oberteil, ihre braunen Haare zu einem Knoten auf dem Kopf gebunden, während einzelne Strähnen ihr Gesicht umrahmten. Sie war ganz offensichtlich bei einem Date.

Dex verengte die Augen und betrachtete den Kerl, der ihr gegenübersaß.

Also, jetzt machte sie sich über ihn lustig!

Der Mann sah aus, als gehöre er in den Duden neben die Definition von Langweiler. Zu dem sagte sie ja, während sie ihm einen Korb gab?

Ging die Welt unter oder was?

„Du hast gar nicht erzählt, ob sie gut war“, sprach Jake weiter.

Was?

Ja, er wusste ja auch nicht, ob sie gut war! So weit waren sie ja gar nicht gekommen. Sie hatte ja nicht einmal mit ihm ausgehen wollen!

„Also, war alles gut mit deiner Schulter?“

Ach, davon sprach er. „Ja, meiner Schulter ging es nie besser“, murmelte er, Kaylie nicht aus den Augen verlierend. Sie rührte in ihrem Drink herum, während der Kerl ihr gegenüber immer wieder auf einen der Fernseher sah.

Hatte er keine Augen im Kopf? Was sollte besser sein, als die Frau vor ihm?

„Ich sagte doch, dass sie brillant ist“, grinste Jake. „Hasst leider Baseball.“

„Ja, leider“, sagte Dex trocken.

„Ah, ist sie die Frau, die dir einen Korb gegeben hat?“, wollte Sam wissen, der natürlich genau diesen Moment ausgesucht hatte, um von seinem Handy aufzusehen.

„Was?“, fragte Jake sofort alarmiert und sah zu ihm herüber. „Du hast versucht Kaylie klarzumachen?“

„Na ja …“

„Alter! Mach mir das nicht kaputt.“ Jakes Gesicht war auf einmal todernst geworden. „Ich weiß, sonst bin ich der Arsch der Gruppe, aber wenn du was mit ihr anfängst, dann hast du den Titel verdient! Sie ist meine erste platonische Freundin. Sie wird mich hassen, wenn ich der Grund dafür bin, dass du sie unglücklich machst!“

„Wieso gehst du davon aus, dass ich sie unglücklich machen würde?“

„Wer hat dir einen Korb gegeben?“, wollte jetzt auch der Rest der Gruppe wissen, der nun ihren Blicken folgte.

„Niemand. Zumindest gleich nicht mehr“, sagte Dex und stellte sein Bier auf dem Tresen ab, bevor er sich aufrichtete.

„Alter, Dexter!“, beschwerte sich Jake und hielt ihn am Arm fest. „Wenn, dann sollte ich zu ihr hingehen. Ich bin mit ihr befreundet!“

„Heute Abend nicht.“

„Was soll das? Du darfst allen sagen, sie sollen die Finger von deiner Schwester lassen, aber ich darf dir nicht verbieten, meine Physiotherapeutin zu belästigen?“

„Genauso ist es, Kleiner!“, murmelte er, schob die Frau aus dem Weg, die sich gerade mit leuchtenden Augen vor ihn geschoben hatte, und lief geradewegs auf Kaylie und ihr Date zu …

Könnte ihr Date bitte aufhören, über Baseball-Statistiken zu reden? Sonst müsste sie sich den Zahnstocher ihres Martinis leider ins Auge stechen. Wie das ihren Ohren helfen sollte, wusste sie auch nicht, aber mit jeder Sekunde die verging, schien die Idee besser zu werden.

Sie stürzte den Inhalt ihres Glases hinunter und fragte sich, warum Tom immer noch da war. Sie hatte ihm von ihrer imaginären Barbie-Sammlung erzählt. Von ihrem Problem mit Nacktheit und ihrer Angst, ihr Kissen könne versuchen, sie nachts zu ersticken. Sie hatte sich die absurdesten Sachen einfallen lassen, aber ihr Gegenüber schien komplett immun zu sein! Oder ihr einfach nicht zuzuhören.

Sie sollte ihre Taktik ändern. Vielleicht einfach gehen. Im Grunde genommen war es auch feige, nicht die Wahrheit zu sagen – dass sie schlichtweg nicht mit einem Baseballfan zusammen sein konnte. Das war ja fast schon schlimmer als ein Baseballspieler selbst!

„Ich stehe auf deiner schwarzen Liste, aber er ist okay?“

Gut. Es war nicht schlimmer als ein Baseballspieler selbst. Kaylie fiel fast vom Stuhl, als sie in Dexter O’Connors Gesicht blickte, der beide Hände auf den Tisch gestemmt hatte und dezent wütend aussah.

„Das musst du mir wirklich mal erklären. Wie kann er besser sein als ich?“

Sie stöhnte und legte die Stirn in ihre Handfläche. Ein Mann mit angeknackstem Ego hatte ihr gerade noch gefehlt! Was tat er überhaupt hier?

„Du kennst Dexter O’Connor?“ Tom machte große Augen und jeglicher Fernsehbildschirm in dieser Bar schien vergessen. „Mein Gott, ich bin großer Fan!“, sagte er und stand hastig auf. „Sie waren einfach umwerfend heute Abend!“

Ihr Date war ja doch zu Komplimenten fähig! Nur wohl zu keinen, die an weibliche Wesen gerichtet waren.

„Was zum Teufel machst du hier?“, stöhnte sie. „Findest du nicht, dass es etwas zu früh ist, um mich zu verfolgen? Wir kennen uns kaum!“

„Ja, und wessen Schuld ist das?“

„Meine! Sehr gerne meine! Obwohl man über das Wort ‚Schuld‘ diskutieren könnte.“

„… und dann im vierten Inning, wo die Braves aufgeholt haben …“

Redete Tom etwa immer noch?

Dex war das wohl ebenfalls aufgefallen, denn ruckartig richtete er sich auf und lächelte ihr Date gezwungen an. „Hey, würdest du gerne die anderen Teammitglieder kennenlernen? Die stehen darauf, einfach so von fremden Leuten angequatscht zu werden. Sie stehen an der Bar. Ich würde mal rübergehen. Besonders Jake Braker liebt es, sich mit Fans zu unterhalten! Ich würde bei ihm anfangen.“

„Klar Mann!“, sagte Tom begeistert und im nächsten Moment war er in der Menge verschwunden.

Ungläubig sah Kay zu ihm auf. „Hallo, was sollte das denn?“
„Ich könnte dich das Gleiche fragen. Sowas wie er steht nicht auf deiner Liste?“

„Sag mal, was willst du mit dem Ganzen hier eigentlich bezwecken?“, fragte sie und lehnte sich mit verschränkten Armen im Stuhl zurück. „Denkst du jetzt, nach diesem Auftritt hast du bessere Karten bei mir?“

„Nein, natürlich nicht. Ist mir ehrlich gesagt auch egal. Ich bin hier nicht das Problem.“
Hatte er sie gerade als Problem betitelt?

„Warum zum Teufel bist du dann hier rübergekommen?“

„Ich möchte einen Grund haben.“

„Zum Leben? Tut mir leid, den kann ich dir nicht geben.“

„Warum du ‚Nein‘ gesagt hast. Ich möchte wissen, warum du ‚Nein‘ gesagt hast.“

Sie hob eine Schulter und blickte auf ihr leeres Martiniglas. „Ich sagte doch schon: Du bist Baseballspieler!“

„Das kann unmöglich dein einziger Grund sein! Denn das wäre schlichtweg … bescheuert.“

Jetzt war sie schon ein Problem und bescheuert? Wann waren Männer so charmant geworden?

Sie zuckte erneut die Achseln. „Ich finde dich einfach nicht attraktiv.“

Dex brach in so lautes Gelächter aus, dass Leute anfingen, zu ihnen hinüberzusehen. „Süße, ich kann Blicke sehr gut deuten. Und so, wie du mich heute Morgen angesehen hast, müsste ich dich eigentlich wegen sexueller Belästigung anzeigen.“

Sie schnappte nach Luft und sprang auf. Leider fielen ihr dabei die Liste und der Bleistift vom Schoß.

Bevor sie panisch zu Boden fallen und sie aufklauben konnte, hatte Dexter sich bereits gebückt und sie unter ihren Fingern weggerissen.
Mit gerunzelter Stirn betrachtete er den Zettel, die Augenbrauen mit jeder Sekunde tiefer in sein Gesicht ziehend.

Mein Traummann Checkpunkt Nummer eins“, las er und Kay wunderte sich, dass sie noch nicht ohnmächtig geworden war. „Was sind deine Arbeitszeiten? Ungenaue, vage Stundenanzahlen sind inakzeptabel. Checkpunkt Nummer zwei: Wie würdest du die Prioritäten deines Lebens beschreiben? a) familiär orientiert b) karrierelastig oder c) der Kunst verschrieben.“ Er ließ das Blatt sinken und hob eine Augenbraue in ihre Richtung. „Jetzt bin ich neugierig: Ist karrierelastig oder der Kunst verschrieben schlimmer? Und warum steht da nicht d) Sex? Du bist da eindeutig nicht gründlich vorgegangen.“

„Gib sie mir zurück“, knurrte sie und wollte danach greifen, doch er hielt sie einfach über ihren Kopf. Sie wollte nicht riskieren wie ein Hund auszusehen, der an seinem Herrchen hochsprang, deswegen musste sie es wohl oder übel bei einem Schlag in seine Magengegend belassen. Heiliger Strohsack – so fühlten sich Muskeln an? Wie ein Brett?
Dex zuckte nicht einmal zusammen und las einfach weiter. „Überleben Pflanzen bei dir? Wenn ja, wie lange? Warum muss dein Traummann mit Pflanzen umgehen können?“, fragte er verwirrt. „Ein Typ, der Marihuana anbaut, ist deshalb also in Ordnung, aber ein Baseballspieler nicht?“

Kay hatte mittlerweile so viel Blut im Kopf, dass es sie wunderte, wie sie ihn noch gerade halten konnte. „Es zeigt, ob jemand sich kümmern kann, du Strüh!“

„Nein, es zeigt, ob jemand eine gründliche Putzfrau hat, die über ihren Tätigkeitsbereich hinausarbeitet! Und was ist ein Strüh?“

„Du!“

Er schnaubte und sah wieder zur Liste. „Hast du Zeit zu kochen? Willst du Kinder? Würdest du dich als fürsorglich und treu beschreiben? Captain America oder Thor?“ Kopfschüttelnd sah er zu ihr hinab. „Das ist eine Fangfrage. Es ist Iron Man.“

„Die richtige Antwort ist Hawkeye und jetzt gib mir die Liste zurück!“ Sie hatte vorgehabt leise zu reden, dann aber doch irgendwie angefangen zu schreien. Das taten Strühs mit ihr.

Hawkeye?“ Er sah sie entgeistert an. „Hawkeye ist der Sidekick der Superhelden.“

„Ja“, knurrte sie, „aber er hat Zeit für eine Familie! Gib – mir – die – Liste.“

Er streckte seinen Arm noch höher. „Ich bin noch nicht fertig mit Lesen. Es wäre sehr gemein von dir, mich bei einem solchen Cliffhanger zum Aufhören zu zwingen.“

„Ich bin nun einmal gemein!“

„Ah, jetzt lügst du schon wieder. Ich glaube, du bist sogar sehr lieb. Checkpunkt Nummer acht: Wie stehst du zu Sport? Siehst du gerne Sport? Machst du gerne Sport? Würdest du dich selbst als besessen beschreiben? Magst du Baseball? Die Antwort hier muss Nein sein. Nicht verhandelbar.“ Er ließ die Hand sinken und starrte zu ihr hinab. „Okay, ich muss dich das fragen: Hat dir als Kind jemand einen Ball gegen den Kopf geworfen?“

„Das geht dich überhaupt nichts an“, zischte sie und riss ihm das Blatt Papier aus den Händen.

Dex musterte sie und fragte dann kopfschüttelnd: „Du willst wirklich nur nicht mit mir ausgehen, weil ich Baseballspieler bin?“

„Nein. Jetzt auch nicht, weil du ein Arsch bist!“

„Was ist mit der direkten Anziehung? Zählt die gar nichts?“

„Es gibt keine direkte Anziehung!“, schnaubte sie wutentbrannt. „Ich weiß nicht, was du halluzinierst, aber da ist überhaupt nichts zwischen uns, Dexter O’Blödmann!“ Und mit einem letzten Schlag gegen seine Brust wandte sie ihm den Rücken zu und flüchtete ins Bad.

Sechs

Es bestand die vage Möglichkeit, dass er sich gerade wie ein Idiot verhalten hatte.

Aber sie hatte diese Liste wirklich viel zu ernst genommen!

Wenn er das richtig verstanden hatte, dann wollte sie einen langweiligen Bürohengst, dessen Hobby es war Briefmarken zu sammeln. Wie konnte eine Frau wie Kaylie, die ihrem Geschrei nach zu urteilen offenbar eine Unmenge an Leidenschaft besaß, glauben, dass so ein Mann der Richtige für sie war?

Das wäre reine Verschwendung von ihr.
Sie brauchte jemanden komplett anderen.

So jemanden wie ihn. Zumindest sollte sie ihm eine Chance geben. Wenn schon nicht für eine ernste Beziehung, dann wenigstens für eine Nacht.

Gut, ja, er hatte keine Affären – er war nicht wie die anderen Spieler. Er verzichtete auf bedeutungslosen Sex mit namenlosen Frauen. Aber für Kaylie könnte er eine Ausnahme machen. Sie war ja nicht mehr namenlos.

Er konnte sich nicht helfen. Er sah sie an und sein Gehirn ging in Overdrive und beauftragte ein anderes, kleineres Gehirn damit, das Denken zu übernehmen.

Direkte Anziehung. Chemie.

Das, was Kaylie vorgab nicht zu spüren. Das war es! Sie hatten verdammte Körperchemie und er war in dem Schulfach zwar immer miserabel gewesen, aber er war sich sicher, dass es eine kluge Idee war, diese Chemie auszunutzen. Bevor irgendwer explodierte.

Höchstwahrscheinlich er.

Und das sagte er jetzt nicht nur, weil er mit ihr ins Bett wollte.

Doch, genau genommen sagte er das nur, weil er mit ihr ins Bett wollte. Aber mehrfach! Nicht nur einmal. Er war ja kein Playboy.

„Und – geht sie mit dir aus?“ Erwartungsvoll sah Sam ihn an, während die anderen Spieler sich immer noch mit dem Waschlappen herumschlugen, an dem Kaylie ihre Liste ausprobiert hatte.

„Nein, nicht wirklich.“

Sein bester Freund grinste. „Wie hast du es versaut?“

Er war möglicherweise in ihre Privatsphäre eingedrungen, aber … was für eine schräge Liste war das bitte? Es klang so, als wäre Kaylies Traummann eine Figur aus der Sesamstraße!

„Ich habe sie irgendwie aufgeregt.“

Sam schlug ihm fest auf die Schulter. „Hat sich nicht viel geändert seit dem College, was?“

„Wehe, du hast sie wütend gemacht!“ Jake hatte sich von Kaylies Date losgeeist und hielt ihm plötzlich einen Zeigefinger unter die Nase. „Hast du sie wütend gemacht?“

Wütend? Nein, sie war nicht wütend gewesen, es schien ihm eher, als sei sie äußerst aufgebracht gewesen.

„Alter! Was hast du gesagt? Wo ist sie?“

Er kratzte sich unangenehm berührt am Nacken. „Sie ist zu den Toiletten gerannt.“

„Alter!“

Konnte er bitte ein anderes Wort verwenden? Immer wenn Jake es benutzte, fühlte er sich so unglaublich alt. Dabei war er noch keine dreißig! Ein paar gute Monate hatte er noch.

„Dex, das ist echt nicht nett von dir!“, beschwerte sich der Baseman und er sah ehrlich verärgert aus. Die Verärgerung wunderte Dexter nicht, es war der Ehrlich-Part, den man bei Jake selten sah.

„Ich wiederhole mich“, sagte der düster, „mach mir das nicht kaputt! Kaylie ist die beste platonische Freundin, die ich je hatte und du wirst dich jetzt verdammt nochmal bei ihr entschuldigen!“

„Wofür denn?“

„Für das, was du gemacht hast!“

Ja, ihm war nur nicht ganz klar was er getan hatte. Schön, er hätte etwas sanfter vorgehen können, aber wenn man es genau nahm, hatte er ihr einen Gefallen getan. Auf idiotische Art und Weise vielleicht – aber es ging hier ums Ergebnis!

„Entschuldige dich, Dex“, wies Jake ihn an, den Kiefer angespannt. „Du hast sie offensichtlich verärgert und es ist das Richtige, sich zu entschuldigen!“
Deprimierend, wenn Jake plötzlich der Erwachsenere von ihnen war. Aber er hatte ohnehin noch einmal mit ihr sprechen wollen.

Dinge geraderücken wollen.

Es ging nicht um seine männliche Ehre oder darum, dass sein Ego angegriffen worden war. Es ging ums Prinzip! Keine Frau sollte damit durchkommen, so dreist zu lügen!

Kein Mann sollte damit durchkommen, so dreist blöd zu sein!

Ja, Kaylie wusste, dass Männer insgesamt Probleme damit hatten, ihre Blödheit in den Griff zu bekommen – auch wenn da ein wenig der Martini und ihr natürlicher Zynismus sprechen könnte – aber es gab Grenzen!

Private Grenzen.

Sie hielt ihre Handgelenke unter kaltes Wasser.

Laut vorgelesen hatte sich ihre Liste echt bescheuert angehört. Und wirklich funktioniert hatte sie bis jetzt auch noch nicht. Viele der Fragen darauf ließen sich nicht so einfach in ein Gespräch einflechten und auf den Rest hatte sie noch von niemandem befriedigende Antworten erhalten.

Grace hatte ihr den Vogel gezeigt, als sie die Liste gesehen hatte, doch grundsätzlich hielt Kay sie für eine gute Idee.

Es waren keine feststehenden Regeln – es war nicht so, dass die Liste nicht flexibel war – eher ein Leitfaden für sie selbst. Sodass sie nicht aus den Augen verlor, was für ein Typ ihr Traummann sein sollte. Denn wenn man die Muskeln von Dexter O’Connor auf Kopfhöhe hatte, dann war es schwer irgendetwas zu sehen, was dahinterlag.

Sie hob ihren Blick und sah im Spiegel, dass ihre Wangen rosa angelaufen waren.

Warum fanden Frauen Blödmänner eigentlich so anziehend? Hatte sich ein Wissenschaftsteam darüber schon mal Gedanken gemacht? Es konnte doch nicht sein, dass eine Horde Menschen nach dem Higgs-Teilchen suchte, aber diesem Mysterium niemand auf den Grund ging! Wer setzte denn da die Prioritäten?

Seufzend stellte sie das Wasser ab und schüttelte über sich selbst den Kopf. Dieser Abend war beendet.

Sie stieß die Tür der Toiletten auf und lief prompt in eine menschliche Wand. Sie öffnete den Mund um sich zu entschuldigen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken, als ihr bewusst wurde, dass Dexter ihr gegenüberstand.

Wollte er noch gucken, ob die Liste eine Rückseite hatte?

„Meine Güte“, fluchte sie und rieb sich die Stirn. Muskeln waren wirklich hart. Das war nicht gut konzipiert.

„Bist du heute nicht schon mit genug Menschen kollidiert?“

Er hob eine Augenbraue und machte einen Schritt zurück, sodass sie nicht mehr direkt vor den Toiletten herumstanden. „Du hast das Spiel also gesehen.“

„Nein, nur die Szenen, wo du die gegnerischen Spieler umgerannt hast.“

Er grinste. „Ich sagte doch: das Spiel.“

Die Augen verdrehend wollte sie an ihm vorbeilaufen, doch er streckte einen Arm aus und hielt sie zurück.

Gott, sie hatte da jetzt wirklich keinen Nerv zu!

„Was willst du von mir, Dexter?“

„Jake meint, ich soll mich bei dir entschuldigen, damit eure Freundschaft nicht leidet.“

Sie legte sich melodramatisch eine Hand auf die Brust. „Wow. Das ist die tiefgehendste, emotionalste und ehrlichste Entschuldigung, die ich je bekommen habe!“

Ihr Gegenüber lachte leise und schob sie mit dem Arm weiter nach links, sodass sie neben einem leeren Stehtisch an einer Wand standen.

„Okay, hör mal: Es tut mir leid, dass ich dein Date gestört habe – auch wenn es ehrlich gesagt nicht so aussah, als würdest du sehr darum trauern. Aber besonders tut es mir leid, dass du diese Liste besitzt.“

Also, wenn er sie für sich erwärmen wollte, dann stellte er das eindeutig falsch an.

Langsam verengte sie die Augen. „Es tut dir nicht leid, dass du dich über mich lustig gemacht hast?“ Sie wollte sichergehen, ob er wirklich ein solcher Idiot war.

Er schien kurz zu überlegen und schüttelte dann den Kopf. „Nein, denn diese Liste ist lächerlich.“

„Ist sie nicht! Ich habe sie über die Jahre hinweg perfektioniert!“

„Okay, die Liste ist traurig und lächerlich. Den Mann, den du darauf beschreibst, den kannst du unmöglich wollen.“

„Wie bitte? Entschuldige, aber wie lange kennst du mich? Seit heute Morgen! Wir haben etwas mehr als eine Stunde Zeit miteinander verbracht und jetzt weißt du bereits, was ich will? Du bist also Baseballspieler, Hellseher und Psychologe? Ist das überhaupt legal?“

Der Blödmann hatte den Schneid, noch breiter zu grinsen. „Meine Liebe, du besitzt Leidenschaft. Ich muss dich nicht kennen, um das zu wissen. Man sieht es auf dem ersten Blick. Ein Mann, der mit dieser Leidenschaft nicht umgehen kann, wird dich nie glücklich machen.“

Was erlaubte der Typ sich eigentlich? Er wusste weder, was für ein Mensch sie war, noch woher sie kam, noch wie sie sich fühlte! Und auch nichts davon, was für eine Leidenschaft sie in welchen Mengen besaß. Herrgott, sie hatte mit dieser Einschätzung selbst noch ihre Probleme. Und jetzt kam ein Baseballspieler an und meinte, er wisse genau, was sie brauchte, um eine erfolgreiche Beziehung zu führen?

Sie hätte seine Schulter nicht verbessern, sie hätte sie zerstören sollen! Mit einem Hammer. Einem Vorschlaghammer. Einem sehr großen Vorschlaghammer!

„Woher nimmst du deine Weisheiten, oh großer Dexter O’Allwissend? Kannst du mir aus den Stirnfalten meine Leidenschaft ablesen? Meine Gedanken aus meinen Ohren schweben sehen?“

„Du hast wirklich zu viel Fantasie“, stellte er kopfschüttelnd fest. „Du liebst deinen Job leidenschaftlich und verteidigst deine Liste – unrechtmäßig, aber ebenfalls leidenschaftlich. Daraus habe ich meine Schlüsse gezogen.“

„Einen Dreck hast du gezogen!“

„Also, deine Leidenschaft als Dreck zu bezeichnen, geht etwas zu weit, finde ich. Meiner Meinung nach ist Leidenschaft eine der besten Eigenschaften, die eine Frau besitzen kann – umso tragischer ist es, wenn sie bei dem falschen Mann verkümmert.“

Sie legte sich melancholisch seufzend auch die zweite Hand auf die Brust. „Ist es das bei dir? Hat der falsche Mann deine Leidenschaft verkümmern lassen? Dexter, es ist noch nicht zu spät für dich! Der richtige Mann ist noch da draußen!“ Sie richtete ihren Arm auf die Tür. „Wenn du jetzt sofort gehst, erwischst du ihn vielleicht noch.“

Er lachte leise und schüttelte den Kopf. „Du lenkst von deinem Problem ab.“

„Wenn man bedenkt, dass du gerade mein Problem bist, richte ich sogar die ganze Aufmerksamkeit darauf!“

„Ich kann mich nur wiederholen. Der Traumlappen von deiner Liste ist nicht der Richtige für dich.“

Die nüchterne Art und Weise wie er das sagte, regte sie nur noch mehr auf.

„Weißt du“, sagte sie zuckersüß, „so spannend und aufregend es auch ist, mir von einem komplett fremden und durchweg arroganten Mann die Meinung zu meinem Liebesleben anzuhören – ich würde dann jetzt doch gerne gehen. An irgendeinen Platz, der schöner ist als hier. Vielleicht Guantanamo.“

Sie wollte sich an ihm vorbeidrängen, doch er war groß und dann waren da schon wieder diese Muskeln – die schienen überall zu sein – und er ließ sie nicht durch.

„Siehst du“, murmelte er leise, sodass sie ihn über die laute Country-Musik hinweg fast nicht verstehen konnte, „Leidenschaft.“

„Wenn ich dich anschreie und beleidige, dann ist das keine Leidenschaft“, presste sie hervor, „dann ist das die natürliche Reaktion einer Frau auf dich!“

„Das würde mich jetzt sehr verletzen, wenn ich nicht wüsste, dass das Schwachsinn ist“, murmelte er und sie merkte plötzlich die kalte, raue Wand in ihrem Rücken.

Wie hatte er sie zurückgedrängt, ohne dass sie das gemerkt hatte?

Er senkte seinen Kopf zu ihr hinunter, sodass sie ihm nun direkt in die grünen Augen sehen konnte und … verdammt, wenn ihr Herz da nicht einen verräterischen Sprung machte.

Sie schluckte und hoffte sehr, dass das Licht zu gedämpft war, um ihren roten Kopf allzu deutlich erkennen zu können.

„Was tust du da, Dexter?“, fragte sie, als seine Finger leicht über ihren Handrücken strichen.

„Weißt du, die Sache mit der direkten Anziehungskraft ist … man sollte sie nicht zu lange unterdrücken“, flüsterte er, seinen Atem auf ihrer Wange. „Das ist gesundheitsschädlich und könnte einen in den Wahnsinn treiben.“

Sie stieß ein hohes, leicht panisches Lachen aus. „Ach ja? Ich habe eher das Gefühl, dass es andersherum ist. Dass man dem Wahnsinn verfällt, wenn man ihr nachgibt.“

„Du gibst also zu, dass es die Anziehung gibt.“

Mist.

„Ich gebe überhaupt nichts zu.“

Er nahm ihr die Luft zum Atmen. Sein Gesicht war jetzt so nah an ihrem, dass sie das Gefühl hatte, er sauge ihr den Sauerstoff direkt aus den Lungen.

„Ich … wir … also hör mal“, stammelte sie, ihre Arme an die Wand hinter sich legend, damit sie nicht in Versuchung kamen, irgendwo anders hinzuwandern. Zum Beispiel um seinen Hals. „Ich fühle mich ja geschmeichelt, dass du glaubst, wir hätten Chemie, wirklich – aber das bildest du dir ein! Diese direkte Anziehungskraft existiert nicht. Die wurde von Liebesroman-Autoren erfunden. Ich zumindest sehe dich an und spüre nichts.“ Sie würde für diese Äußerung in die Hölle kommen.

Einer von Dex’ Mundwinkeln zuckte. „Das hättest du wirklich nicht sagen dürfen“, murmelte er, bevor er die letzten Zentimeter überbrückte und seine Lippen ihre fanden.

Die Unterarme neben ihren Kopf gelegt, nahm sein Mund von ihrem Besitz und sie vergaß vollkommen, warum Sauerstoff wichtig für den Körper sein sollte. Wer brauchte Luft, wenn man stattdessen Dexter O’Connors Lippen haben konnte?

Jetzt vergaßen auch ihre Arme, dass sie eigentlich an der Wand bleiben sollten, glitten um seinen Hals, während ihre Hände sich in seinen Haaren vergruben.

Hitze breitete sich in ihr aus, floss in Poren, von denen sie nicht gewusst hatte, dass sie existierten, während Dex’ eine Hand sich um ihren Hals legte und sein Daumen über ihre Wange strich. Ihr brach spontan eine Ganzkörpergänsehaut aus. Sie wollte aufhören, wollte, dass der Moment nie aufhörte, wollte mehr, wollte weniger, wollte sich besinnen, wollte die Besinnung verlieren …

„Und das“, flüsterte er, während er sich langsam von ihr löste, „ist direkte Anziehungskraft, Süße.“

Und mit einem letzten Lächeln verschwand er in der Menge.

Grace schlief schon, als Kay zurück in die Wohnung kam. Das war vielleicht besser so, sonst hätte sie sie vermutlich gefragt, warum ihre Hände zitterten. Immer noch.

Sie seufzte schwer und ließ ihre Schlüssel in eine Schale auf der Garderobe des Flurs gleiten.

Vielleicht lag es daran, dass sie seit Ewigkeiten nicht mehr geküsst worden war, vielleicht aber auch einfach an diesem Mann an und für sich. Sie wusste es nicht und was es auch war, sie würde es ignorieren!

Das mochte nicht erwachsen sein, aber effektiv.

Sie lief ins Wohnzimmer, griff die Kappe, die immer noch auf dem Tisch lag, ging zum Mülleimer und … ach nein. Die könnte sie noch bei Ebay verkaufen.

Sie ließ die Kappe wieder sinken und hängte sie auf dem Weg zu ihrem Zimmer an die Garderobe. Es war nur eine Kappe.

Sie zog sich aus und ließ sich schließlich gähnend aufs Bett fallen. Sie griff nach dem Foto auf ihrem Nachttisch und legte es in ihren Schoß.

„Na, Mama? War das der Grund, warum du Papa geheiratet hast? Weil Baseballspieler offensichtlich besser küssen können als der Durchschnittsmann?“

Sie strich über den Rahmen und war einfach nur erleichtert, dass ihre Brust nicht mehr ganz so eng war wie noch vor ein paar Jahren. Zeit heilte die Wunden nicht. Aber sie machte sie erträglicher.

„Ich vermisse dich“, flüsterte sie, „du hättest gewusst, was für einen Mann ich brauche. Obwohl, nein … du hättest mir zu einem Baseballspieler geraten, weil das das Aufregendste wäre, was einem im Leben passieren kann.“ Kay lachte leise und stellte das Foto zurück. Ihre Mutter wäre von Dexter O’Connor entzückt gewesen. So wie 160 Millionen Einwohner dieses Landes.

Sie kramte ihr Handy aus der Handtasche hervor, um ihren Wecker einzustellen und stellte überrascht fest, dass ihr Vater angerufen hatte.

Das war neu. Sie sprachen eigentlich nur dreimal im Jahr miteinander. Zu ihren Geburtstagen und zu Weihnachten.

Sie rief ihre Mailbox an und hielt den Hörer ans Ohr.

„Hey Kaylie, hier ist dein Vater. Könntest du morgen in deiner Mittagspause bei meiner Arbeit vorbeischauen? Ich würde gerne mit dir über etwas reden.“

Das war alles.

Sie ließ den Hörer sinken und fiel seufzend in die Kissen.

Ihr Leben wurde immer interessanter.

Dexter konnte nicht schlafen. Er wälzte sich von der einen auf die andere Seite und lauschte in die Nacht hinein.

Chloe lag nicht in ihrem Bett.

Er dachte an den Kuss. Er dachte an seine Eltern. Er dachte daran, wie hoch die Chance war, dass sie dieses Jahr an den World Series teilnahmen. Er dachte an den Kuss.

Es war eine dumme Idee gewesen. Er hatte doch gewusst, dass ein Kuss nicht genug sein würde.

Dex schlief nicht, bis er die Tür seines Penthouse’ aufgehen, seine Schwester auf leisen Sohlen die Treppe hinauf und in ihr Zimmer schleichen hörte.

Es war fünf Uhr dreißig.

Wenigstens war sie allein.

Das Portemonnaie würde er morgen wohl trotzdem mitgehen lassen müssen. Sonst würde er ja nie Schlaf finden!

Sieben

„Du siehst scheiße aus, O’Connor.“

„An meinem schlimmsten Tag sehe ich immer noch besser aus als du, Luke.“

„Diesen Kommentar verzeihe ich dir ausnahmsweise mal, weil ich gestern mit einer heißen Frau im Bett war und du offensichtlich nicht.“

Dexter konnte dagegen nicht einmal etwas sagen. Sie standen auf dem Spielfeld und dehnten sich fürs Schlagtraining, was gleich folgen würde, und alle Teammitglieder, die gerade um ihn herumstanden, wussten, dass er alleine nach Hause gegangen war. Wenigstens hatte Jake keinen Schimmer davon, dass er Kay geküsst hatte. Der junge Spieler schien das Wohl seiner Physiotherapeutin sehr ernst zu nehmen, was Dex ritterlich gefunden hätte – würde er solche Worte in den Mund nehmen.

„Weißt du, du brauchst eine Freundin“, meinte Luke, der offensichtlich schon mit dem Dehnen fertig war. Jedenfalls stand er vor ihm und tat nichts, außer ihn anzustarren.

„Woher kommt denn jetzt der Mist?“

„Ich zitiere hier nur Emma, die mir damit seit Wochen in den Ohren liegt. Aber ich stimme ihr zu. Deine Laune könnte nur eine niedliche, einfühlsame Frau heben.“

„Du bist seit gefühlten dreißig Sekunden in einer festen Beziehung und plötzlich bist du der Experte, oder was? Das ist die erste Freundin, die du überhaupt hast, Luke! Wieso scheinst du das immer wieder zu vergessen?“

„Ich bin in einer Beziehung mit Emma. Da zählen drei Tage schon für drei Jahre. Sie ist anspruchsvoll.“

„Ja, was der Grund ist, warum ich bis heute nicht verstehen kann, warum sie sich mit dir abgibt.“

Luke grinste. „Ich auch nicht. Ich bin wirklich ein ziemlich glücklicher Typ.“

Ja, das war er. Dex hatte versucht, Emma auszureden, sich in Luke zu verlieben, aber dass Frauen nicht auf ihn hörten, wurde offenbar zur Tradition bei ihm.

Erst seine Schwester, dann Emma und dann Kaylie. Da mischte doch irgendwer etwas ins Wasser in Philadelphia …

„Also, mit wem soll Emma dich denn verkuppeln? Sie hat mir eine Liste gemacht, aber ich hab’ sie irgendwo liegen lassen.“
„Du machst Witze, oder?“

Lukes Grinsen wurde breiter. „Aber Dexter, bei so wichtigen Sachen wie der Liebe mache ich doch keine Witze. Emma schon gar nicht. Sie kann sehr bestimmend sein, wenn sie sich etwas in den Kopf setzt.“

Grundgütiger! Das wäre ja noch schöner, wenn Emma jetzt anfing, ihm irgendwelche Frauen vorzustellen.

Er wusste schon, wen er haben wollte! Und das sagte er ihm auch.

Unglücklicherweise hatte er nicht leise genug gesprochen.

„Alter! Du redest doch nicht von Kaylie, oder?“ Jake klang alarmiert und Dex fand es beruhigend, an dem jungen Kerl auch einmal eine Seite zu sehen, die nicht mies war. Auch wenn ihm diese bestimmte Seite gerade wirklich nicht in den Kram passte.

„Kümmere dich um deinen eigenen Mist, Jake.“

„Das tue ich. Kaylie ist mein Mist! Sie hat mir letztens erklärt, wie man eine Waschmaschine benutzt. Das verbindet, okay?“

„Wer ist Kaylie? Ist sie heiß? Ich glaub’, den Namen hab’ ich schon einmal gehört. Ist das die Physiotherapeutin? Ey, ich glaub’, Emma kennt sie.“

Stöhnend legte Dexter sich eine Hand über die Augen. „Wann haben Kerle angefangen, in den Liebesleben anderer Kerle herumzupfuschen? Das war doch so nicht vorgesehen. Warum sich dann überhaupt die Mühe machen und die Frauen erfinden?“

„Da ist aber jemand zart besaitet“, stellte Luke fest.

„Das ist, weil er eine Abfuhr von ihr bekommen hat“, erklärte Jake. „Hast du doch, oder?“

Das alle darauf herumreiten mussten.

„Ja, verdammt! Ich hab’ eine Abfuhr bekommen.“ Zwei, wenn man es genau nehmen wollte.

„… und warum steht Kaylie dann da vorne?“

Sein Kopf fuhr herum und schon wieder hatte Jake recht. Dort hinten, am Feldrand bei den Spielerboxen, stand Kaylie. Die Arme vorm Körper in einer passiven Pose verschränkt, den Blick stur geradeaus gerichtet.

Soweit er das erkennen konnte, sah sie nicht glücklich aus.

Sie redete mit dem Rücken von jemandem, der sich jetzt umdrehte.

Was hatte Kaylie denn mit Coach Thompson am Hut?

„Dad, ich habe wirklich nicht den ganzen Tag Zeit. Um was geht es?“

Kaylie war müde, gestresst und stand in einem Baseballstadion. Das alles reichte, um ihrer Laune einen Dämpfer zu versetzen. Und dann war da ja noch ihr Vater. Sie hatte ihn das letzte Mal vor drei Monaten gesprochen, als er sich zu ihrem Geburtstag gemeldet hatte. Wenn man sagte, dass sie und John Thompson eine entfremdete Beziehung hatten, dann war das eine Untertreibung.

Doch Kaylie hatte auch nie den Wunsch verspürt, das zu ändern. Es war zu viel passiert. Zu viel Zeit vergangen. Zu viel böses Blut geflossen.

Manchmal dachte sie, dass es gut gewesen war, dass ihr Vater ein solcher Feigling war. Denn das hatte sie dazu gezwungen, erwachsen zu werden. Mit ihren Kindereien und ihrem Fehlverhalten in der Schule aufzuhören und sich auf die wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren.

Doch andere Male dachte sie, dass niemand so schnell hätte aufwachsen sollen. Dass sie gut und gerne darauf verzichtet hätte, von einem Tag auf den nächsten die Kontrolle übernehmen zu müssen, nur weil ihre Mutter krank geworden war und John Thompson seine Karriere wichtiger gewesen war, als sich um sie zu kümmern. Die Karriere, von der er mit seinen damals achtunddreißig Jahren mit Leichtigkeit in den Ruhestand hätte treten können. Eigentlich schon im Ruhestand hätte sein müssen.

Der altbekannte Kloß aus Wut, Verachtung und Trauer kroch ihren Hals hinauf, doch sie schluckte ihn hinunter. Darin war sie außergewöhnlich gut geworden.

Endlich ließ ihr Vater von den Schlägern ab, die er versucht hatte in ein Netz zu stopfen, und wandte sich zu ihr um.
John Thompson war schon immer ein gutaussehender Mann gewesen – wie ihre Mutter nicht müde geworden war, ihm zu erzählen. Mit fünfzig war er immer noch relativ durchtrainiert, so als lägen seine Tage als professioneller Baseballspieler nicht schon Jahre zurück. Seine Augen hatten einen hellen Braunton, so wie ihre, doch da hörten die Ähnlichkeiten auch auf.

„Schön, dass du es geschafft hast, Kaylie.“ John lächelte, doch sie gab sich nicht die Mühe, es zu erwidern.

„Es hat sich dringend angehört“, sagte sie und zog die Arme enger um ihren Körper. Als könne sie sich so vor zu vielen Gefühlen schützen.

Die Zuneigungsbekundungen ihres Vaters waren so sprunghaft wie Grace’ kulinarische Vorlieben und Kaylie hatte irgendwann aufgehört, ihnen Bedeutung beizumessen.

„Ja, das ist es tatsächlich. Bei den Delphies hat letzte Woche plötzlich ein Physiotherapeut gekündigt und jetzt suchen wir Ersatz. Ich hatte an dich gedacht.“

Überrascht machte sie einen Schritt nach hinten. „Du … bietest mir einen Job an?“

„Genaugenommen bitte ich dich um einen Gefallen. Wir sind ab übermorgen auf einer Auswärtsspiel-Reihe und wir können unmöglich so schnell einen guten Ersatz finden. Es wäre also nur für den Übergang, bis das Management jemanden Guten gefunden hat, der die freie Stelle besetzen kann.“

Kaylie wusste wirklich nicht, was sie davon halten sollte. „Du bist Coach. Du bist für die Schlagaufstellung und Strategie zuständig. Es ist doch nicht deine Aufgabe, dich um einen neuen Physiotherapeuten zu kümmern.“

John nickte. „Nein, natürlich nicht. Aber ich habe gehört, dass sie jemanden suchen und ich weiß, dass du gut bist, da habe ich dich vorgeschlagen.“

Er wusste, dass sie gut war? Woher?

„Ich dachte, das wäre eine Möglichkeit für dich, dein Wissen auszubauen und dein Feld zu erweitern. Sportler zu behandeln ist eine Erfahrung wert. Außerdem bezahlen sie wirklich gut – nicht dass du das Geld nötig hättest.“

Nein, hatte sie theoretisch gesehen nicht. Wenn ihr Vater sich auch nicht emotional oder mit seiner Anwesenheit um sie gekümmert hatte, so hatte er ihr doch wenigstens finanziell einen mehr als großen Batzen auf der Bank hinterlegt.

Kaylie hatte keinen einzigen Penny angerührt. Sie wusste jedoch nicht, ob ihrem Vater das bewusst war.

Sie hob ihren Blick und kniff die Augen vor der Sonne zusammen, die auf sie hinabschien.

Ihr Vater hatte nicht ganz Unrecht. Mit Sportlern zusammenzuarbeiten würde ihr beruflich durchaus weiterhelfen. Sie wollte nicht ewig in der Praxis arbeiten. Und wenn sie weiterhin vorhatte, kein Geld, das ihr Vater für sie angelegt hatte zu verwenden, dann wäre eine bessere Bezahlung auch nicht zu verachten. Und wenn es nur vorübergehend wäre …

„Ab wann würde ich anfangen?“

„Ab sofort. Wie ich gerade sagte: Besonders für die Auswärtsspiele wäre es wichtig. Du wärst natürlich dementsprechend viel unterwegs – aber das kennst du ja.“

Ja, das tat sie. Ihre Mutter hatte ihren Spaß daran gehabt, sie zu fast jedem Auswärtsspiel ihres Vaters mitzuschleppen. Schulbildung war da eher zweitrangig gewesen. Damals war Kaylie davon begeistert gewesen. Keine Schule, dafür lange Abende mit berühmten Sportlern in einer Bar. Wer wollte das nicht?

Es war jedoch schwer gewesen, Freundschaften aufrecht zu erhalten. Ein normales Leben zu führen. Und dann kamen noch die Umzüge dazu. Jedes Mal, wenn ihr Vater verkauft worden war, hatten sie die Stadt gewechselt.

Ab einem gewissen Zeitpunkt hatte sie sich einfach geweigert zu gehen. Zumindest zu den Spielen. Eine Nanny hatte auf sie achtgegeben – bis ihre Mutter selbst nicht mehr dazu in der Lage gewesen war so viel zu reisen.

Seufzend wandte sie ihr Gesicht wieder von der Sonne ab. „Ich weiß nicht, ich müsste das mit der Praxis absprechen und … ich weiß nicht …“

„Sag nicht wegen mir Nein.“

Verblüfft blinzelte sie und bemerkte erst jetzt, dass das Lächeln vom Gesicht ihres Vaters gewichen war. Er hatte die Stirn in Falten gelegt und sah sie ernst an.

„Es ist eine Chance, Kaylie. Verpasse sie nicht, weil ich ein schlechter Vater war.“

Sie schlang ihre Arme noch enger um sich, wie einen Schutzschild, bis sie sich mit ihrer eigenen Kraft beinahe die Luft abschnürte. „Du kennst mich wirklich nicht, wenn du denkst, dass ich irgendeine meiner Entscheidungen darauf begründen würde, was für ein Vater du warst.“

John Thompson nickte steif, sich mit der Hand über die Schläfe reibend. „Ich weiß, du bist stark und ich weiß, es kommt vielleicht zu spät, aber … ich möchte das ändern, Kay.“

Sie lachte bitter auf, konnte gar nicht anders. „Du möchtest ändern, was für ein Vater du warst? Ich glaube, dazu, die Vergangenheit zu manipulieren, ist nicht einmal der große John Thompson in der Lage.“

„Kay, es tut mir leid.“ Der ernste Blick ihres Vaters blieb. „Ich habe in mehr als einer Linie versagt, eine Menge verpasst, damit muss ich leben …“

„Nein, damit muss ich leben!“, fuhr sie ihn an. Ihre Haut schien vor Wut zu glühen. „Du denkst, du hast es schwer, weil du mit deinen Schuldgefühlen klarkommen musst? Du hast keine Ahnung davon, was schwer ist! Du hast nicht eine Nacht an ihrem Bett gesessen, sie nicht zu den Chemos gefahren, ihr nicht dabei zugehört, wie sie auch noch Entschuldigungen für dich gesucht hat! Du hast nicht den geringsten Schimmer, wofür du dich überhaupt schlecht fühlen musst – denn du hast nur ein Viertel von dem erlebt, das jetzt auf deinen Schultern lasten sollte! Du … du …“ Der Kloß war zurück, schien auf ihre Stimmbänder zu drücken und krampfhaft versuchte sie ihre Hände vom Zittern abzuhalten.

„Kaylie, ich konnte es nicht ertragen. Nicht sehen, wie die Liebe meines Lebens langsam zu Grunde geht.“
Die Tränen brannten in ihren Augen und jetzt ballte sie die Hände zu Fäusten. „Aber du konntest mit ansehen, wie deine einzige Tochter die Scherben aufsammeln musste? Wie ich versucht hab’, für sie zu kämpfen, weil sie – weil ihr beide – nicht stark genug dafür wart? Du sagst immer, dass du Mama geliebt hast, aber wenn das Liebe ist, dann möchte ich davon nichts wissen! Wenn Liebe bedeutet, dass man es nicht aushält, den anderen leiden zu sehen und ihn deshalb lieber alleine lässt – dann möchte ich damit wirklich nichts zu tun haben!“

Ihr Vater hatte den Kopf gesenkt und war ungewöhnlich bleich geworden. „Ich will es wiedergutmachen, Kay. Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, aber ich will mehr an deinem Leben teilhaben. So wie es ein Vater tun sollte.“

„Es gibt nichts wiedergutzumachen. Du schuldest nicht nur mir eine Entschuldigung. Du schuldest sie ihr. Doch dafür ist es wohl zu spät, oder? Ich sollte wahrscheinlich überrascht sein, dass du bei ihrer Beerdigung warst.“

„Kaylie …“

Doch sie schüttelte den Kopf und hielt die Hand hoch. Sie wollte nicht ein Wort mehr aus seinem Mund hören.

Aus dem Mund des Mannes, der von der Nation als Held gefeiert worden war, aber nichts weiter als ein Feigling war, der sich in seine Arbeit flüchtete, sobald das Leben schwer wurde. Sobald das Leben nicht mehr nur aus Schlägern und Baseballs und kreischenden Fans bestand.

„Weißt du Dad, ich mach’ es“, sagte sie gezwungen ruhig. „Ich arbeite für euch. Aber nur wegen des Geldes und wegen der Erfahrung. Ganz sicher nicht für dich.“

Sie war bis zur Tür gekommen, die zu den Umkleiden führte, als ihr die erste Träne die Wange hinunterlief. Fahrig wischte sie sie mit ihrer Hand weg, den Rücken durchgestreckt.

Das Ganze war es nicht wert. Sie hatte schon so unendlich viele Tränen vergossen, jede einzelne davon nötig – aber das hier … das war es nicht wert.

Schön für ihren Vater, dass er herausgefunden hatte, dass das was sie hatten, kaum als Beziehung zu bezeichnen war. Sehr schön für ihren Vater, dass er eingesehen hatte, Fehler gemacht zu haben – und davon eine Menge. Aber das änderte nichts. Er konnte nicht einfach sagen, er wolle mehr an ihrem Leben teilhaben und dann erwarten, dass sie lächelte und sagte: Ja, das wäre toll. Lass uns Freunde sein und zusammen campen gehen.

Er konnte die letzten zehn Jahre nicht einfach ausradieren. Ihre Mutter hatte ihn bis zum Schluss auf ein Podest gestellt. Gemeint, dass er genau das Richtige tat. Dass er wegen so etwas Unwichtigem wie Lungenkrebs doch nicht seine so unglaublich wichtige Karriere torpedieren könne.

Aber Kaylie hatte es besser gewusst. Baseballspieler wussten nicht, wie sie ihre Prioritäten richtig setzten. Und ihr Vater war einfach zu feige gewesen, um sich dem Ernst des Lebens zu stellen.

Auch wenn Kaylies Liste albern war – zumindest schützte sie sie davor, sich mit jemandem einzulassen, der sie nie an erste Stelle setzen würde. Auf den sie sich nicht verlassen konnte.

Energisch und die neu aufkeimenden Tränen hinunterschluckend, riss sie die Tür auf und wollte sie zurück ins Schloss ziehen, als sie auf einen Widerstand traf.

Sie wandte den Kopf, um zu sehen, was die Tür offenhielt und blickte geradewegs in das Gesicht von Dexter O’Connor.

Das fehlte noch!

Noch ein Baseballspieler, der ihr den letzten Nerv raubte – und sie dazu noch in ihren Träumen heimsuchte. Sie hätte gerne gesagt, dass es Albträume waren, aber sie hatte sich vorgenommen, sich weniger selbst zu belügen.

„Na, O’Connor? Ist dein neues Hobby jetzt in Türen herumzulungern?“

„Mit irgendetwas muss ich meine Zeit ja füllen.“

Sie schnaubte und lief einfach weiter, in den sterilen Gang hinein, an den Umkleiden vorbei, ihr Gesicht von ihm abgewandt.

Leider hatte sie keine Zwei-Meter-Beine, so wie der Mann neben ihr, der mit Leichtigkeit Schritt hielt.

„Hey, alles okay?“

Ihre Augen brannten immer noch und ihre Lippen hatte sie fest aufeinandergepresst. Sie würde diesem Idioten sicherlich nicht zeigen, wie wenig okay sie gerade war.

„Klar, alles okay“, sagte sie und beschleunigte ihren Schritt.

Dex berührte sie an der Schulter. „Kaylie …“

Ruckartig blieb sie stehen und wandte sich zu ihm um. „Was zur Hölle willst du von mir? Und warum tauchst du plötzlich überall auf, wo ich bin?“

Dex hob eine Augenbraue. „Na ja. Ich arbeite hier.“

Arbeiten! Dass sie nicht lachte. „Soweit ich weiß, ist es aber nicht deine Aufgabe, mir nachzurennen.“

Er lächelte nicht. Sein Blick war ernst und fast ein wenig besorgt.

Das beunruhigte sie zutiefst. Mit einem lockeren Dexter O’Connor, der sich über sie lustig machte und das Leben so ernst nahm wie Nieselregen, kam sie zurecht. Mit einem besorgten Dexter, auf dessen Stirn sich eine Falte gebildet hatte – nicht so wirklich.

„Geht es dir wirklich gut?“, fragte er leise. „Du siehst … aufgewühlt aus.“

Ja, sie war aufgewühlt! Und dass er ihr jetzt gegenüberstand und diese Fragen stellte, half ihr nicht dabei, gegen das Gefühl anzukämpfen.

„Weißt du, was mein Spitzname ist?“, fragte sie, einen Schritt nach hinten machend. Die Hitze, die er ausstrahlte war einfach zu viel.

„Kay?“, riet er.

„Ja, genau. Kay. Und das nicht wegen meines Namens! Sondern weil bei mir immer alles okay ist. Beantwortet dir das deine Frage?“

„Nein.“

„Ich bin okay, Dexter! Spiel Ritter in der goldenen Rüstung für jemand anderen.“ Sie wollte sich wieder abwenden, doch abermals brauchte er sie nur leicht an der Schulter zu berühren, um sie davon abzuhalten.

„Was hast du mit dem Coach am Hut? Und warum darfst du ihn anschreien, wenn es uns Spielern verboten ist?“

„Ich habe ihn nicht angeschrien.“

„Angebrüllt dann?“

Ihre Mundwinkel zuckten und sie senkte den Blick, damit er es nicht sehen konnte.

„Er …“ Sie hielt inne. Aber was sollte es? Wenn sie hier tatsächlich für die nächsten Wochen arbeitete, dann würden die Spieler es ohnehin herausfinden.

„Coach Thompson ist mein Vater.“

Dex ließ abrupt seine Hand sinken, die immer noch auf ihrer Schulter gelegen hatte. „Nein!“

„Ja, ich bin auch nicht glücklich darüber, aber so ist es.“

„Aber … mit der Tochter des Coachs kann ich doch nicht schlafen!“

Jetzt verloren ihre Mundwinkel den Kampf und sie lächelte breit. „Wenn es dir irgendwie hilft: Ich hätte ohnehin nicht mit dir geschlafen.“

„Da hat mir der Kuss gestern aber was anderes gesagt.“

Ihr auch.

„Du hast eine rege Fantasie.“

„Dafür, dass du so viel lügst, bist du wirklich schlecht darin.“

Sie zuckte die Achseln.

„Der Coach ist dein Vater“, wiederholte Dexter erneut und fuhr sich mit der flachen Hand übers Gesicht. „Oh Gott, das macht das mit uns natürlich kompliziert …“

Sie schnaubte laut. „Mit uns? Wovon redest du? Wir sind kein Uns. Wir kennen uns kaum. Du tust so, als wären wir dabei, etwas anzufangen.“
Er hob eine Schulter. „Na ja, wenn es nach mir ginge, wären wir das.“

„Nun, es geht aber nicht nach dir“, sagte sie knapp. „Und Vater hin oder her: Zwischen uns wäre nie etwas passiert!“ Sie wedelte mit ihren Händen zwischen Dexter und ihr hin und her und schüttelte dabei ausdrucksstark den Kopf. Vielleicht verstand er es ja so, wo doch sein Gehirn zeitweilig taub zu sein schien.

Dexter lehnte sich auf seinen Fußballen zurück und verschränkte die Arme. „Wegen deiner Liste.“

„Und deiner Persönlichkeit.“

Er grinste. „Jetzt fängst du schon wieder an zu lügen. Aber das ist in Ordnung. Du bist süß, wenn du lügst. Dann werden deine Augen ganz groß und du fängst an, deine Hände zu kneten.“

Abrupt ließ sie ihre Hände fallen. „Du … du …“

Mensch, war sie heute wieder schlagfertig.

Dexters Lächeln wurde nur noch breiter. „Ich mag dich, Kaylie. Und ich hätte mich gestern nicht über die Liste lustig machen sollen, auch wenn …“

„Auch wenn sie es herausgefordert hat?“, half sie ihm auf die Sprünge.

Konnte er bitte aufhören, so zu lächeln? Immer wenn er das tat, wurde ihr Herz faul und vergaß, seine Arbeit zu verrichten.

„Ja, auch wenn sie es herausgefordert hat“, stellte er fest, eine Hand im Nacken. „Was den Kuss angeht …“

„Reden wir nicht drüber“, sagte sie hastig. „Dein Hirn hatte einen Totalausfall“, ihres auch, „schon verstanden. Wir brauchen das nicht weiter zu erörtern.“

„Wirklich? Ich dachte Frauen wären so scharf darauf zu reden.“

Wenn Kaylie ehrlich war, dann war sie gerade nur scharf darauf, dieses Stadion endlich weit hinter sich zu lassen.

Sie seufzte schwer. „Dex, ich wurde soeben offiziell als zeitweilige Aushilfs-Physiotherapeutin eingestellt. Ich werde dir wohl zwangsweise noch öfter über den Weg laufen. Aber ich glaube, es wäre das Beste für alle, wenn wir den Kuss einfach vergessen.“

„Ich glaube nicht, dass es das Beste für mich wäre. Es war ein verdammt guter Kuss.“

„Darum geht es nicht.“ Sie straffte ihre Schultern und zwang sich dazu, ihm in die Augen zu sehen. „Ich möchte nicht mit einem Baseballspieler zusammen sein und ich möchte ebenso wenig eine Affäre haben …“

„Ich habe keine Affären“, unterbrach er sie. „Ich bin kein Aufreißer.“
Sie glaubte ihm kein Wort. „Das ist ja schön für dein Gewissen, ändert aber nichts an der Tatsache, dass du ein Baseballspieler bist. Du musst nicht verstehen, warum ich diese Liste habe und du kannst dich so sehr über sie lustig machen wie du willst. Du musst einfach nur akzeptieren, dass ich absolut nichts mit dir anfangen werde.“

„Wegen deines Vaters? Weil dein Vater …“

„Auf Wiedersehen, Dex“, sagte sie fest und wandte ihm abrupt den Rücken zu, bevor ihr noch einmal Tränen kamen.

Seit wann zog sich bei dem Wort ‚Vater‘ alles in ihr zusammen? Das war inakzeptabel. Und daran würde sie arbeiten.

Genau wie sie daran arbeiten würde, sich Dexter nicht immer wieder nackt vorzustellen. Aber ein Problem nach dem anderen.

Erst als sie wieder unter freiem Himmel stand, konnte Kaylie frei atmen.

Auf was hatte sie sich da eingelassen?

Noch hatte sie nichts unterschrieben. Sie könnte es sich noch anders überlegen.

Aber das würde sie nicht. Es war eine unglaublich große Chance, ihr Wissen zu erweitern und eine Zeit lang bei den Delphies zu arbeiten, konnte ihrem Lebenslauf auch nicht schaden. Sie würde es als Herausforderung ansehen. Die Herausforderung, in den kommenden Wochen nicht ihren Nerv, Verstand oder Kopf zu verlieren.

Seufzend strich sie sich die Haare aus der Stirn und band sie auf dem Kopf zusammen, während sie über die Straße zum Parkplatz des Stadions lief. Sie würde kurz nach Hause fahren, sich sammeln und dann mit ihrem Arbeitgeber reden müssen. Aber da dürfte sie kein Problem haben. Eine Angestellte zu haben, die zeitweilig für die Delphies arbeitete, wäre eine unglaublich gute Publicity.

Nach rechts und links sehend, weil sie sich partout nicht daran erinnern konnte, wo genau sie geparkt hatte, lief sie durch die Autoreihen und blieb überrascht stehen, als sie eine junge Frau an einem alten Ford lehnen sah. Sie hatte den Kopf in den Nacken gelegt und wischte sich mit den Fingern Tränen unter den Augen weg. Doch immer neue kamen nach, bis die junge Frau schließlich aufgab und die Hände sinken ließ.

Unschlüssig sah Kaylie zu ihr hinüber.

Fremde Leute wurden meistens nicht gerne beim Weinen gestört, aber die Frau erinnerte sie zu sehr an sich selbst vor fünf Minuten, als dass sie einfach so an ihr hätte vorbeigehen können.

Kaylie bog nach rechts, fischte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und hielt es der Fremden wortlos unter die Nase.

Die Dunkelhaarige, die sie um einen Kopf überragte, zuckte so heftig zusammen, dass ihre Handtasche scheppernd gegen das Auto schlug.

Verwirrt blickte sie vom Taschentuch in Kaylies Gesicht. Ein unsicheres Lächeln glitt über ihre Züge, dann nahm sie es entgegen.

„Danke“, murmelte sie mit belegter Stimme, während sie sich ihre Augen abtupfte und die Nase schnäuzte. „Wirklich: danke.“

„Kein Problem.“

Kaylie hätte sie auf ihr eigenes Alter, vielleicht ein bis zwei Jahre jünger, geschätzt. Sie war hübsch, auf eine unscheinbare Art und Weise. So, als versuche sie es nicht wirklich. Sie trug Jeans und ein ausgewaschenes graues T-Shirt. Das einzig Auffällige an ihr waren ihre Schuhe. Rote, geschlossene High Heels, die so gar nicht zur Aufmachung passen sollten – es aber irgendwie taten.

Das erste Taschentuch war nun komplett durchnässt und Kaylie reichte ihr ein Neues. „Geht es Ihnen gut?“

Ihr Gegenüber lachte, nahm auch das zweite Taschentuch entgegen und ließ sich wieder gegen das Auto sinken.

„Es gab bessere Tage. Jahre, um genau zu sein. Aber danke … machen Sie das öfter? Auf Parkplätzen herumlungern und Frauen in Not Taschentücher anbieten?“

„Ich tue, was ich kann. In der Hoffnung, dass mir der Gefallen irgendwann erwidert wird.“

Die junge Frau lachte erneut und wischte sich die letzte Träne weg.

„Gott, Sie müssen mich für wirklich bemitleidenswert halten, dass Sie anhalten und mich fragen, ob alles okay ist. Früher haben sich Frauen zum Weinen wenigstens noch unter ihrer Decke versteckt. Und jetzt tun sie es schon auf öffentlichen Parkplätzen.“

„Ich habe vor zehn Minuten selbst noch geheult – ich urteile also ganz sicher nicht.“

„Sagen Sie das nur, damit ich mich besser fühle?“, fragte die Frau skeptisch.

Kaylie schüttelte den Kopf und deutete auf ihre Augen. „Nein. Wenn Sie sich Mühe geben, können Sie bestimmt noch verwischte Mascara entdecken.“

Ihr Gegenüber beugte sich nach vorne, um ihre Wimpern zu begutachten.

„Tatsächlich“, meinte sie überrascht. „Na dann – willkommen im Club. Ich bin Chloe.“

Sie strecke ihre Hand aus und Kaylie schüttelte sie.
„Kaylie … du bist aber kein Cheerleader, mit dem Jake geschlafen hat, oder?“

Chloe lachte laut auf und sah sie an, als hätte sie zu viel geraucht. „Gott, nein! Auch, wenn das definitiv ein Grund zum Heulen wäre. Jake ist ja niedlich, aber wer sich mit ihm einlässt, ist selbst schuld.“

Da war definitiv etwas Wahres dran. Daran würde sie mit Jake noch arbeiten müssen. Er verkaufte sich unter Wert.
„Willst du … darüber reden?“, fragte Kaylie vorsichtig. „Über dein Problem? Mir hilft das immer.“
Chloe legte eine Hand über die Augen und seufzte schwer. „Versteh mich nicht falsch, du wirkst sehr vertrauenswürdig, aber mein Problem kann man nicht in einem Satz zusammenfassen. Es ist eher ein ganzer, trauriger Roman, den niemand lesen möchte. Aber danke. Das ist sehr lieb von dir. Und wie gesagt: Für eine fremde Frau wirkst du sehr vertrauenswürdig. Ich würde dir sofort erzählen, wenn ich beispielsweise gerade mit meinem Freund Schluss gemacht hätte oder so.“

„Ja, ich habe eins dieser Gesichter.“

„Definitiv“, lächelte ihr Gegenüber matt und ließ die Hand wieder sinken. „Es ist einfach zu viel im Moment. Ich denke immer, es wird besser – muss besser werden – aber … ich glaube, das bilde ich mir nur ein. Es gibt also eigentlich keinen bestimmten Grund, warum ich gerade geweint habe. Es erschien mir nur irgendwie passend.“

„Es wird besser werden“, murmelte Kaylie und dachte an ihre Mutter.

Dann dachte sie an ihren Vater – und seufzte schwer.

„Na ja, zumindest gibt es immer einen Teil im Leben, der besser wird. Das ist Grundgesetz. Auf einen Fall folgt ein Aufstieg.“

Chloe sah sie mit schräg gelegtem Kopf an. „Das klingt sehr weise, fällt mir aber im Moment etwas schwer zu glauben.“

„Es wird besser“, wiederholte Kaylie mit fester Stimme. „Ich weiß nicht, was bei dir los ist, aber ich denke, ich bin älter als du, also musst du mir glauben.“

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

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Titel: Küss niemals einen Baseballer (Chick-Lit, Liebe, Sports-Romance)