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Rockstar Sommer: Gesamtausgabe (Chick-Lit, Liebesroman, Rockstar Romance)

(Die 'Rockstar Sommer'-Reihe)

von Sandra Helinski (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

„Das soll wohl ein Witz sein! Das hier ist doch keine Klinik! Eher eine Ruine!“ Anna schnappte empört nach Luft, als ihr klar wurde, dass er von ihrem Haus redete …

Eine Erbschaft lässt Annas Traum Wirklichkeit werden. Sie renoviert ein altes Haus im Brandenburger Niemandsland und kümmert sich als Verhaltenstherapeutin um schwierige Hunde. Ein Rockstar als Patient war jedoch nie vorgesehen. Schon gar nicht ihr Lieblingssänger Eddi, der in Wahrheit gar nicht so charmant ist, wie sie ihn sich immer vorgestellt hat. Doch sie wächst mit den Herausforderungen und lernt dabei, dass es die unerwarteten Dinge sind, die das Leben lebenswert machen.

Eine einfühlsam erzählte Liebesgeschichte von einer Frau, die auf eigenen Füßen steht, und einem Rockstar, der eben kein Superman ist.

Für alle mit eigenen Träumen, die nach einem stressigen Alltag einfach mal abschalten wollen.

Impressum

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Erstausgabe November 2016

Copyright © 2017 dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 978-3-96087-102-6

Covergestaltung: Antoneta Wotringer

unter Verwendung von Motiven von
© Kevin Carden/123rf.com

Lektorat: Astrid Rahlfs, RaBe Lektorat

Rockstar Sommer ist ein zusammengeführtes Werk aus den bereits bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen E-Books mit den Titeln Neuanfang mit Rockmusik (ISBN 978-3-96087-023-4), Stumme Rockstars beißen nicht (ISBN 978-3-96087-024-1), Küsse niemals einen Rockstar (ISBN 978-3-96087-025-8) und Haben Rocksongs ein Happy End? (ISBN 978-3-96087-026-5).

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse aller Werke dieser Ausgabe sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

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Teil 1 – Neuanfang mit Rockmusik

1. Kapitel

Seit mehr als zehn Minuten hatte sie nichts anderes mehr gesehen als Wälder und Wiesen. Kein Feld, kein Haus, kein Weg deuteten darauf hin, dass hier in der Nähe Menschen wohnten. Doch sie musste richtig sein. Die Wegbeschreibung, die sie in dem kleinen Dorf vor einer Viertelstunde erhalten hatte, war eindeutig gewesen. Und sie hätte sich auch gar nicht verfahren können. Bisher gab es noch keine Kreuzung, keine Querstraße, nicht einmal eine Einfahrt. Nur diese eine Straße, die sich endlos durch den Wald wand.

Und hier sollte ihre Tante irgendwo ein Haus besessen haben? Anna konnte es kaum glauben. Gut, Tante Elisa war ein Eigenbrötler gewesen. Soweit Anna wusste, ließ sie niemanden an sich heran und ging ihrer Familie weitestgehend aus dem Weg. Deswegen hatte Anna sie bisher auch nur ein einziges Mal gesehen.

Nun war Tante Elisa tot und Anna im Besitz eines Grundstücks in der Nähe von Milmersdorf. Nähe war vielleicht nicht die richtige Bezeichnung, denn Milmersdorf war der Ort, in dem sie vor einer Viertelstunde nach dem Weg gefragt hatte. Mittlerweile war sie auch erstaunt darüber, dass die alte Dame aus dem kleinen Laden ihre Tante Elisa offenbar gekannt hatte. Soweit Anna wusste, hatte Tante Elisa keinen Führerschein gehabt und sie war auch nicht mehr gut zu Fuß gewesen. Oft konnte ihre Tante nicht in Milmersdorf gewesen sein. Andererseits musste sie ja auch irgendwoher ihre Lebensmittel bekommen haben.

Anna war sehr gespannt, was sie erwartete.

Im Radio sang Eddi Markgraf von der Band Damn Silence davon, dass er sich entschieden hatte, seinen eigenen Weg zu gehen und endlich er selbst zu sein. Anna lächelte glücklich und wippte im Takt mit. Dieses Lied brachte es auf den Punkt und sprach Anna aus der Seele. Sie mochte Damn Silence und hatte einige Lieblingslieder, doch dieser Song hatte es ihr besonders angetan. Es war, als wäre er nur für sie geschrieben worden.

Außerdem hatte er ihr in den letzten Monaten nur Glück gebracht.

Als sie vor vier Monaten einen Anruf von Tante Elisas Anwalt erhalten hatte, lief der Song gerade im Radio. Ein paar Tage später, auf dem Weg zur Testamentseröffnung, lief er im CD-Player auf Dauerschleife. Und dort hatte sie dann das Unglaubliche erfahren: Sie war nun stolze Besitzerin eines eigenen Grundstücks mit mehreren Gebäuden und Tante Elisa hatte ihr noch dazu eine riesige Geldsumme hinterlassen, mit der einzigen Auflage, sich um das Grundstück zu kümmern.

Endlich konnte sie etwas an ihrem Leben ändern. Und das war auch dringend notwendig. Sie war völlig überarbeitet und hatte schon länger keine richtige Freude mehr am Leben. Irgendwie hatte sie ihre Träume aus den Augen verloren.

Doch dann kam diese grandiose Nachricht und Anna hatte nicht lange gebraucht, um zu erkennen, welche Möglichkeiten sich ihr damit boten.

Und auch heute sollte der Song Anna Glück bringen. Noch während sie die letzten Takte hörte, fuhr sie an einem verrosteten Zaun vorbei, der ein großes Stück Wald von der Straße abgrenzte. Und dort vorn war auch schon eine Einfahrt zu sehen. Oder vielmehr ein rostiges Tor, welches halb aus den Angeln hing.

Anna stellte den Wagen davor ab, um es zu öffnen. Sie hatte vom Anwalt einen großen Bund mit Schlüsseln erhalten. Wie sich herausstellte, war hier kein Schlüssel notwendig, man konnte das Tor einfach aufschieben. Da Anna das Auto nicht einfach an der Straße stehen lassen wollte, beschloss sie auf das Grundstück zu fahren. Wer wusste schon, wie weit es noch bis zum Haus war, das man von hier nicht sehen konnte. Nicht einmal der Anwalt hatte gewusst, wie groß das Grundstück war, nur dass es sehr weitläufig sein musste.

Langsam fuhr Anna den Schotterweg entlang durch den Wald und schaute dabei aufmerksam nach links und rechts. Dies alles gehörte nun ihr. Jeder einzelne dieser alten Bäume und dichten Sträucher. Es war ein komisches Gefühl, ziemlich angsteinflößend.

Nach etwa zweihundert Metern lichtete sich der Wald und Anna hielt vor einem alten Haus mit graubraunem, bröckelndem Putz. Es wirkte ziemlich groß und abweisend. Rechts davon stand noch ein weiteres Gebäude. Zwischen beiden Häusern befand sich ein schmaler Durchgang.

Sie stellte das Auto ab und atmete tief durch. Dann drehte sie sich um und blickte auf ihr Gepäck, was sich sowohl im Kofferraum als auch auf den hinteren Sitzen stapelte. Ihr ganzes bisheriges Leben war in diesem Auto. Zumindest das, was sie für Wert befunden hatte mitzunehmen. Und jetzt stand sie hier – vor ihrem neuen Zuhause. Den ganzen Weg hierher hatte sie sich Gedanken gemacht, wie das Haus wohl aussehen würde. Beim Anblick ihres Vermächtnisses war sie nun zugegebenermaßen ziemlich schockiert. Doch Umkehren war keine Option. Das hätte nicht zu ihrem Naturell gepasst, denn Anna war immer schon der zielstrebige Typ und zudem ziemlich pragmatisch. Entschlossen öffnete sie daher die Tür und stieg aus.

Sie drehte sich einmal um sich selbst, um alles in sich aufzunehmen und ging dann zielstrebig zwischen den beiden Gebäuden durch. Kurz darauf trat sie auf einen kleinen, gepflasterten Hof, der an drei Seiten von Gebäuden umgeben war. Die vierte Seite, direkt gegenüber des Wohnhauses, war offen und führte zu einer Wiese mit hohem Gras und einigen knorrigen Bäumen, die gerade in voller Blüte standen.

Dem Testament hatte ein Bild beigelegen, auf dem die drei Gebäude zu sehen waren, so wie man sie sah, wenn man hinten auf der Wiese stand. Zumindest, wenn man vor vielleicht fünfzig Jahren da gestanden hätte. Mittlerweile waren die Gebäude in einem mehr als jämmerlichen Zustand. Links schien eine Art Vorratshaus mit mehreren Türen zu sein, die teilweise schon etwas schief in ihren Angeln hingen. Rechts vom Wohnhaus befand sich ebenfalls ein Gebäude mit mehreren Türen, die allerdings in der Mitte geteilt waren. Ein Stall, so vermutete Anna. Dafür sprach jedenfalls, dass neben jeder der vier Türen ein kleiner Ring zum Anbinden der Tiere befestigt war.

Anna öffnete die obere Hälfte einer der Türen und schaute hinein. Sie hatte recht gehabt. Es handelte sich um eine Box mit Heuraufe und Wassertrog. Alles war dreckig und voller Spinnweben. Überall bröckelte der Putz von den Wänden. Im Dach waren mehrere Löcher zu erkennen und der Boden war uneben und ebenfalls löchrig. Hier hatte schon lange kein Tier mehr gestanden. Jedenfalls hoffte Anna das, es hätte ihr sonst sehr leidgetan. Sie war sehr tierlieb. Insgeheim war sie überzeugt, mit Tieren besser umgehen zu können als mit Menschen. Vor allem ihr einjähriges Praktikum im Tierheim direkt nach der Schule hatte ihr gezeigt, wo ihre Stärken lagen und ihr letztlich den Weg in ihr Biologiestudium gewiesen.

Die Türen zum Vorratshäuschen ließen sich nicht öffnen, doch dann fand Anna in ihrem Bund den richtigen Schlüssel und schloss eine davon auf. Sie quietschte widerstrebend und ließ sich nur mit einiger Mühe aufschieben. Dennoch sah es drinnen nicht ganz so schlimm aus, wie Anna auf den ersten Blick vermutet hätte, hier war wenigstens das Dach nicht undicht. Wie der Boden aussah, ließ sich nicht beurteilen, da der ganze Raum bis unter die Decke mit irgendwelchem Krempel vollgestellt war. Anna verließ der Mut. Worauf hatte sie sich hier eingelassen? Sie zog die Tür wieder zu und kratzte ihr letztes bisschen Optimismus zusammen, um sich endlich das Wohnhaus anzuschauen.

Es gab zwei Zugänge – einmal von diesem Innenhof aus und einmal von außen, wo sie ihr Auto abgestellt hatte. Der passende Schlüssel war schnell gefunden, es war der einzige, der etwas weniger verrostet war. Anna schloss die Augen und drehte ihn im Schloss. Die Tür öffnete sich leise knarrend und erstaunlich leichtgängig. Erst jetzt öffnete sie ihre Augen wieder, um das Haus zu betreten.

Während sie es sich Zimmer für Zimmer anschaute, verbannte sie jedes Gefühl und jeden Gedanken in die hinterste Ecke ihres Gehirns. Sorgen machen konnte sie sich später immer noch.

Von außen wirkte das Haus groß. Von innen wirkte es riesig und vor allem sehr verwinkelt. Durch einen Flur mit nach oben führender Treppe kam Anna in ein kleineres Zimmer voller Bücherregale. Sie strich den Staub von den Einbänden und erkannte, dass sich von Romanen über Biografien, Klassikern, Krimis und Lexika alles hier befand. Einziges Mobiliar des Raumes war ein Lehnstuhl mit abgewetztem Stoffbezug und undefinierbarer Farbe. Dieses Zimmer hatte eine zweite Tür, durch die man eine große Küche betrat.

Diese machte einen zwar alten, aber dennoch gut erhaltenen Eindruck. Die Möbel waren aus nussbraunem Holz mit Messing-Griffen. Das Wasser an der Spüle lief auch, wie Anna nach kurzer Überprüfung feststellte. Sie fand sogar einen Kühlschrank, der aber leer und ausgeschaltet war. Der Anwalt hatte erwähnt, dass die Nachlassverwalter jemanden zum Aufräumen geschickt hatten. Mitten in der Küche befand sich ein alter hölzerner Tisch mit ziemlich verkratzter Oberfläche. Um diesen standen sechs Stühle, ebenfalls aus Holz und mit deutlichen Gebrauchsspuren. Vom einzigen Fenster aus konnte Anna den Wald und ihr Auto sehen.

Die Küchenzeile wirkte etwas abstrakt, weil sie nicht durchgehend war, sondern an vier Stellen von weiteren Durchgangstüren unterbrochen wurde. Durch eine hatte Anna gerade eben den Raum betreten. An derselben Wand befand sich noch eine weitere Tür, eine Abstellkammer, wie sie nach einem kurzen Blick feststellen konnte, und an der gegenüberliegenden Wand befanden sich noch einmal zwei Türen. Eine davon führte in einen winzigen Flur mit Außentür. Anna nahm an, dass sie jetzt vor dem anderen Eingang stand, der in Richtung Wald führte.

An den Flur schloss sich ein noch winzigeres Badezimmer an. In dieses Bad waren eine Toilette, ein Waschbecken, eine Badewanne und eine Waschmaschine gestopft. Alles war so eng, dass man sich kaum umdrehen konnte. Aber gut, wenigstens war alles vorhanden. Durch die dritte Tür im Flur gelangte Anna in eine Art Esszimmer, welches ebenfalls an drei Seiten Türen hatte. Mein Gott, hat dieses Haus viele Zimmer, dachte Anna bei sich.

Vom Esszimmer aus kam man sowohl in die Küche zurück als auch in ein weiteres Zimmer mit einem geblümten und ziemlich antik aussehenden Sofa und einem Holzofen, vermutlich das Wohnzimmer.

Und es ging noch weiter. Das nächste Zimmer war ein Schlafzimmer. Es sah nicht ganz so aufgeräumt aus wie der Rest des Hauses, aber auch nicht unordentlich. Das Bett war noch bezogen und eine nachlässig hingelegte Tagesdecke lag am Fußende. Das Schlafzimmerfenster zeigte auf den Innenhof.

Sieben Räume und zwei Flure zählte sie allein im Erdgeschoss. Und es gab mindestens noch eine weitere Etage.

Diese auch noch zu erkunden, dafür fehlte Anna im Moment der Mut. Sie wollte erst einmal das, was sie schon gesehen hatte, verdauen. Also suchte sie sich einen Weg zurück in den Innenhof und setzte sich auf die Stufe vor der Eingangstür. Sie legte ihren Kopf auf die Knie und atmete erst einmal tief durch. Sie spürte, wie die Panik, die sie bisher erfolgreich in Schach gehalten hatte, langsam zurückkehrte.

Was machte sie hier? Was wollte sie sich selbst und der ganzen Welt mit dieser verrückten Idee, ihr bisheriges Leben aufzugeben, beweisen?

Sie hatte alles hinter sich gelassen. Ihre Wohnung war längst neu vermietet, die letzten Tage hatte sie bei ihrer besten Freundin Suzi gewohnt. Vorher hatte sie noch ihren Freund vor die Tür gesetzt und neben der Wohnung auch gleich ihren Job gekündigt. Seitdem war sie unendlich euphorisch gewesen und hatte das Gefühl gehabt, Bäume ausreißen zu können. Zumindest hatte sie nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass das, was sie vorhatte, vielleicht falsch sein könnte. Sie hatte ihren Neuanfang gefeiert, war mit Suzi ausgegangen. Sie waren auf Konzerten und im Kino gewesen, hatten in angesagten Clubs gefeiert und eleganten Theateraufführungen zugeschaut.

Hätte sie die Zeit besser mal darauf verwendet, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen es haben würde, nochmal neu anzufangen! Mit einem Haus, das sie noch nie gesehen hatte, mitten im Niemandsland!

Anna merkte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Sie fing an zu zittern und konnte nur mit Mühe ein Aufschluchzen unterdrücken.

Aber alle Tränen der Welt halfen ihr jetzt nicht weiter. Sie setzte sich wieder etwas aufrechter hin und wischte die Augen trocken.

Sie allein hatte diese Entscheidung getroffen und musste nun auch allein damit klarkommen. Ja, hier wartete ein Haufen Arbeit auf sie, aber war es nicht genau das, was sie immer gewollt hatte? Ein altes Bauernhaus von Grund auf zu renovieren und dann mit vielen Tieren dort zu leben? Nur hatte das Haus in ihrer Vorstellung viel weniger verwahrlost und verfallen gewirkt. In der Realität hatte sie das Gefühl, einer unlösbaren Aufgabe gegenüberzustehen.

Anna schluckte schwer und stand langsam wieder auf. Sie straffte die Schultern, atmete noch einmal tief durch und ging dann um das Haus herum zu ihrem Auto. Nur ganz kurz war sie versucht, einfach einzusteigen und zurückzufahren. Doch sie unterdrückte diesen Impuls und öffnete stattdessen die Beifahrertür.

Als Erstes suchte sie in ihrer Handtasche nach ihrem MP3-Player. Sie setzte die Kopfhörer auf und stellte das Gerät an. Augenblicklich war Eddi Markgraf bei ihr und sang sich mit seiner tiefen Stimme direkt in ihre Gedanken. Seine Worte machten ihr sofort wieder Mut. Jetzt war sie bereit, auch das obere Geschoss des Hauses zu erkunden.

Im Takt der Musik schritt sie die Treppe hoch in den ersten Stock und lief auch dort durch alle Zimmer. Es gab hier einen großen Flur, ein Badezimmer, das direkt über dem Bad im Erdgeschoss lag, aber mehr als doppelt so groß war, und weitere fünf Zimmer. Das einzig Bemerkenswerte am ersten Stock war, dass alles hier so aussah, als sei seit mehreren Jahren niemand mehr hier gewesen. Es fühlte sich etwas unheimlich an, durch diese Räume zu gehen, in denen auf den spärlichen Möbeln eine zentimeterdicke Staubschicht lag.

Doch der erste Stock war nicht alles gewesen, was das Haus zu bieten hatte. Es ging sogar noch höher hinauf bis ins Dach, dieses war jedoch, bis auf ein abgeteiltes Zimmer voller Kisten, nicht ausgebaut.

Unten angekommen, setzte sich Anna wieder auf die Treppe. Sie schloss die Augen, lauschte der Musik und ließ die Sonne auf ihr Gesicht scheinen.

Das Haus war wirklich groß. Außerdem war es mit all diesen kleinen Durchgangszimmern vollkommen verbaut. Aber dennoch würde sie hier bleiben, diese Entscheidung hatte sie längst getroffen.

Sie nutzte also die kurze Pause, um sich zu überlegen, was sie als Nächstes tun wollte. Es war schon Nachmittag und Hunger hatte sie auch. Ursprünglich wollte sie das Haus nur besichtigen und dann im Dorf irgendwo etwas essen gehen. Als sie vorhin durchgefahren war, hatte sie jedoch bis auf den kleinen Laden, in dem sie nach dem Weg gefragt hatte, weder ein Restaurant noch eine Kneipe oder etwas Ähnliches gesehen. Sie musste sich wohl selbst versorgen.

Also stand sie schließlich auf, streckte sich ausgiebig und ging dann zu ihrem Auto, um auszupacken. Sie trug ihre Koffer und Taschen nach und nach in die große Küche.

Sie hatte auch einen Schlafsack dabei. In Tante Elisas Bett wollte sie nicht schlafen, also breitete sie ihn auf dem alten Sofa aus. Als das Auto leer war, knurrte ihr Magen schon vernehmlich. Also musste sie wohl oder übel zurück ins Dorf fahren und hoffen, dass der Laden noch offen war.

2. Kapitel

Wie schön, dass Sie mich so schnell wieder besuchen kommen. Gefällt Ihnen das Haus?“

Anna hatte gerade den Laden betreten in dem sie vorher bereits nach dem Weg gefragt hatte, als die alte Dame, die vorhin schon dort gewesen war, sofort anfing zu reden. Anna brauchte einen Moment, um sich zu fassen und auf ihre Frage zu antworten.

„Äh, ja, danke. Es ist ziemlich groß.“

Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Sie konnte einer Wildfremden schließlich nicht all ihre Ängste und Sorgen offenbaren. Doch diese hatte offenbar gehört, was sie hören wollte und fuhr schon in ihrem Redeschwall fort.

„Ja, es muss riesig sein, nach allem, was man so hört. Sie hätten das Haus vor fünf, sechs Jahren sehen sollen. Damals, als es Ihrer Tante noch gut ging … Sie hatte bestimmt fünfzehn Angestellte, ein paar davon sollen sogar mit ihr in dem Haus gewohnt haben. Jedenfalls war dort immer eine Menge los. Alle, die mal da waren, haben davon geschwärmt, wie toll es dort gewesen ist. Ich selbst war ja nie da, aber die Frau Lichtenbühler, die hat für die alte Elisa immer die Wäsche gemacht, hat mir immer alles genau erzählt.“

Anna beschloss, den Redefluss der alten Dame zu unterbrechen, indem sie sie nach dem Preis für eine Packung Würstchen fragte. Doch diese ließ sich nicht so leicht unterbrechen.

„Später dann, als es ihr schlechter ging, freilich, da blieb ihr nur noch der alte Karl. Aber der hat immer zu ihr gehalten und sich um alles gekümmert – ein Euro fünfundneunzig Cent, heute im Angebot.“

Anna blickte verwundert auf. Die Dame nickte zu der Packung in Annas Hand. Ach ja, die Würstchen.

„Hat Tante Elisa auch immer bei Ihnen eingekauft?“ Anna beschloss, jetzt einfach neugierig nachzufragen. Nebenbei räumte sie ein Brot, etwas Butter, die Würstchen und eine Flasche Ketchup in ihren Einkaufskorb.

„Was? Nein. Der alte Karl hat immer für sie mit eingekauft. Wenn Sie mich fragen, war der nicht einfach ihr Stallbursche, der hat sich noch für ganz andere Dinge interessiert …“

Wieder war Anna irritiert. War dieser Karl etwa ein Dieb und hatte sich für Wertgegenstände oder so interessiert?

Doch es war etwas ganz anderes.

„Der war in Elisa verschossen, sag’ ich Ihnen.“

Theatralisch warf die Dame die Arme hoch und rollte mit den Augen. „Anders kann man das gar nicht erklären, was der alles für sie gemacht hat.“

Langsam begann Anna, sich für diesen Karl zu interessieren. Vielleicht konnte er ihr ein bisschen was über ihre Tante erzählen und lüftete sogar das Geheimnis, warum ausgerechnet sie als Erbin eingesetzt worden war.

So beiläufig wie möglich fragte sie: „Wo wohnt denn dieser Karl?“

„Wollen Sie ihn besuchen? Das ist aber lieb! Ist ganz einfach zu finden. Fahren Sie einfach bei sich die Straße weiter. Nach zwei oder drei Kilometern kommen Sie dann automatisch zu seinem Haus. Brauchen Sie eine Tüte?“

Diese abrupten Themenwechsel brachten Anna aus dem Konzept. Sie blickte auf ihren nun vollen Einkaufskorb. Mittlerweile lagen auch noch Eier, Quark und ein paar Brötchen darin. Sie packte noch eine Salami dazu und eine Packung Würfelzucker. Dann trug sie alles zur Kasse.

Während sie die Einkäufe in die erstaunlich moderne Kasse eintippte, erzählte die alte Dame weiter Geschichten von damals, als Tante Elisa noch voll da und gut zu Fuß war. Ihre Tante war wohl eine kleine Berühmtheit hier in Milmersdorf gewesen.

Anna summten die Ohren, als sie aus dem Laden in die Sonne trat, die mittlerweile schon recht tief stand. Ihr Magen grummelte immer noch recht vernehmlich. Um nicht endgültig zu verhungern, aß sie schon auf der Fahrt ein Brötchen und ein kaltes Würstchen.

Diesen Karl musste sie unbedingt einmal besuchen, um mehr herauszufinden. Aber nicht heute. Für heute hatte sie genug erlebt.

Sie schaffte die Einkäufe ins Haus und machte sich erst einmal eine Tasse Tee. Dann probierte sie, ob der Kühlschrank funktionierte. Zum Glück war das der Fall, denn sie hatte ja einige verderbliche Ware eingekauft.

Sie nahm sich noch etwas zu essen und verzog sich mit ihrer Tasse nach draußen auf die Treppe. Dies konnte ihr neuer Lieblingsplatz werden, auch wenn die Sonne mittlerweile schon so tief stand, dass sie die Stufen nicht mehr erreichte. Sie blieb einfach eine Weile dort sitzen und genoss die Stille, den wärmenden Tee in ihrer Hand und das Gefühl, endlich wieder etwas im Magen zu haben. Dann wappnete sie sich innerlich für die letzten Aufgaben des heutigen Tages: Sie musste ihre Eltern und Suzi anrufen.

Zuerst die schwierigere Aufgabe, beschloss sie für sich selbst und wählte die Nummer ihrer Eltern. Seit sie von der Erbschaft erfahren hatten, gab es Streit mit ihrem Vater. Und dass sie ihr bisheriges Leben einfach so aufgegeben hatte, konnte er überhaupt nicht verstehen. Er war so enttäuscht gewesen, als sie sich von ihrem Freund Marco getrennt hatte. Marco war in den Augen ihres Vaters der ideale Schwiegersohn gewesen. Er konnte anpacken und war handwerklich begabt. Außerdem hatte er sehr hohe materielle Ziele gehabt. Emotionen spielten hingegen nur eine untergeordnete oder gar keine Rolle. Genau das war es, was Anna an Marco so gestört hatte. Nur konnte ihr Vater dies absolut gar nicht nachvollziehen.

Zwischen ihr und ihrem Vater herrschte nun schon seit fast zwei Monaten Funkstille. Ihre Mutter hielt sich raus, fand es aber sehr schade, dass Anna sich so von ihnen entfernte, denn eigentlich hatten sie immer ein sehr gutes Verhältnis zueinander gehabt.

Es klingelte ein paar Mal, dann ging schließlich ihre Mutter an den Apparat. Anna konnte sich lebhaft vorstellen, wie es gerade bei ihren Eltern zuhause abgelaufen war. Ihr Vater war zum Telefon gegangen, da normalerweise er die Telefonate annahm, hatte gesehen, wer anrief und den Apparat an ihre Mutter weitergereicht. Sie hatten ein wenig diskutiert, dann hatte ihre Mutter schließlich abgenommen.

„Hallo Kleines, schön, dass du dich meldest!“

„Hallo Mama, ich wollte nur sagen, dass ich jetzt bei Tante Elisas Haus angekommen bin.“

Stille am anderen Ende.

Was hatte ihre Mutter erwartet? Dass sie es sich anders überlegt hatte?

Dann meldete sich ihre Mutter wieder. „Das ist schön. Und? Ist es so toll, wie alle immer sagen? Tante Elisa muss unheimlich reich gewesen sein. Da muss sie ja einen Palast besessen haben.“

Anna zog beide Augenbrauen hoch. Wie kam ihre Mutter denn darauf? Dann dachte sie an die Summe, die sich seit ein paar Wochen auf ihrem Konto befand und musste ihrer Mutter zumindest darin zustimmen, dass Tante Elisa wohl nicht arm gewesen war. Wenn man sich aber das Haus hier anschaute, hatte sie in den letzten Jahren nicht mehr viel Geld in die Instandhaltung gesteckt.

„Es ist zumindest sehr groß“, antwortete Anna zurückhaltend. Irgendwie widerstrebte es ihr, ihrer Mutter ehrlich zu sagen, wie es hier aussah. Das Thema Tante Elisa war in ihrer Familie eine Art Tabu.

Tante Elisa war die älteste Tochter ihrer Oma väterlicherseits. Die Oma hatte Elisa mit in ihre zweite Ehe gebracht, Annas Vater war also nur ein Halbbruder von Tante Elisa. Er hatte sich auch nie besonders für seine älteste Schwester interessiert. Zu groß waren der charakterliche und auch der Altersunterschied gewesen. Deshalb hatte Anna ihre Tante, soweit sie sich erinnern konnte, auch nur einmal gesehen. Annas Mutter kannte Tante Elisa gar nicht. Bei dem damaligen Familientreffen war sie krank gewesen und konnte deshalb nicht mitkommen.

Damals hatte sie nicht allzu viel Gelegenheit gehabt, sich mit Tante Elisa zu unterhalten. Aber es hatte offenbar gereicht, die alte Dame davon zu überzeugen, dass Anna die richtige Erbin für ihr Haus war.

Sie redete mit ihrer Mutter noch ein bisschen über Belanglosigkeiten, dann beendete Anna das Gespräch wieder.

Es machte sie immer etwas traurig, wenn sie mit ihrer Mutter redete. Früher waren sie so was wie die besten Freundinnen gewesen, aber da hatte Anna auch immer getan, was von ihr erwartet wurde. Seitdem sie beschlossen hatte, ihren eigenen Weg zu gehen, war sie seitens ihres Vaters auf totales Unverständnis gestoßen. Er hätte lieber einen Jungen gehabt und so musste Anna dessen handwerkliche Fähigkeiten erlernen, alles können, was ihr Vater konnte. Als sie dann anfing, selbstständiger zu entscheiden und zu handeln und sich so immer mehr von seinen Idealen entfernte, litt das Verhältnis zunehmend. Und ihre Mutter fühlte sich irgendwie gezwungen, sich auf seine Seite zu stellen. Gut, das war vielleicht sogar nachvollziehbar. Aber Anna war trotzdem enttäuscht.

Vielleicht verbessert sich unser Verhältnis ja bald wieder, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Sobald klar war, was sie mit ihrem neuen Leben anfangen wollte, würde ihr Vater einsehen müssen, dass auch ein anderer Weg als seiner richtig sein konnte.

„Hoffentlich ist bald klar, was ich mit diesem neuen Leben anfangen will“, sagte sie laut vor sich hin und erschrak vor ihrer eigenen Stimme.

Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, sich selbst damit aufzuheitern, dass sie ihre geliebte Freundin Suzi anrief. Suzi hieß mit Nachnamen Fröhlich und machte diesem Namen auch alle Ehre. Aus Spaß nannte Anna sie oft „Suzi Sonnenschein“.

Sie trank ihren letzten Schluck Tee und wählte Suzis Nummer. Ihre Freundin nahm gleich nach dem zweiten Klingeln ab.

„Hey, Anna-Schatz, endlich! Hab mir schon Sorgen gemacht! Und? Wie ist es?“

Annas Miene hellte sich sofort wieder auf, als sie Suzis Stimme hörte.

„Na ja, ziemlich verwahrlost.“

Bei ihrer Freundin konnte sie ehrlich sein.

„Aber es ist riesig und es hat echt Potenzial. Stell’ dir vor, hier gibt es sogar Ställe.“

Suzi quietschte am anderen Ende begeistert auf.

„Echt? Wahnsinn! Dann kannst du dir ja ein eigenes Pferd anschaffen. Genug Geld hast du ja jetzt. Mensch, ich beneide dich total!“ Suzi war ein echter Pferdenarr.

„Mal langsam! Das Geld ist für die Instandsetzung des Hauses vorgesehen“, versuchte Anna ihre Freundin zu bremsen. Doch da war nichts zu machen.

Sie hörte Suzi lachen. „Wer braucht denn so viel Geld für ein paar Renovierungsarbeiten? Da bleibt bestimmt noch genug für dich übrig.“

Anna musste nun auch lachen. Das war typisch Suzi. Von so viel positivem Denken würde Anna sich gern eine Scheibe abschneiden.

„Also, ich denke, mit Renovierung ist es hier nicht getan. Eher mit Grundsanierung.“

Sie verdrehte die Augen bei dem Gedanken an die viele Arbeit, die hier auf sie wartete.

Aber Suzis Optimismus war nicht zu bremsen.

„Hey, wer wird denn gleich so schwarzmalen? Da holst du dir erst mal jemanden, der vom Bauen Ahnung hat und lässt dir abschätzen, was alles gemacht werden muss. Dann hast du zumindest einen Plan. Aber mal was anderes: Lust auf ein Konzert? Ich hab’ Karten.“

Suzi hatte es mal wieder geschafft: in Nullkommanichts hatte sie Anna aufgeheitert. Ihre Vorschläge waren wirklich Gold wert. Und mit Suzi auf ein Konzert zu gehen, war ein Erlebnis, dass man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Damn Silence?“, fragte sie wider besseren Wissens hoffnungsvoll.

„Mensch Anna“, seufzte Suzi. „Du weißt doch, dass die nächsten Konzerte seit Ewigkeiten ausverkauft sind. Und die VIP-Tickets waren auch alle sofort weg. Da hatte ich keine Chance.“

Suzi arbeitete bei Universal Music und hatte so die besten Beziehungen, an Karten für alle möglichen Sänger und Bands zu kommen. Manchmal bekam sie sogar VIP-Tickets, mit denen man zu allen Bereichen, auch Backstage, Zugang hatte. Aber Damn Silence war eben sehr beliebt und Suzi betreute die Band auch nicht direkt, so dass sie praktisch keine Chance hatte, an deren begehrte VIP-Tickets zu kommen. Aber immerhin waren sie schon auf zwei Konzerten mit den normalen Tickets gewesen.

Trotzdem war Anna ein bisschen enttäuscht.

„Hey, ich hab aber auch zwei Schätze hier, fast so gut wie Damn Silence“, versuchte Suzi ihre Freundin mit ihrer Begeisterung anzustecken.

„Niemand ist so gut wie Damn Silence“, warf Anna ein.

Sie war jetzt aber doch neugierig, welches Konzert Suzi meinte. Doch die hatte beschlossen, ihre Freundin ein bisschen auf die Folter zu spannen: „Und jetzt rate!“

„Oh Suzi. Ich hasse das. Das weißt du!“, stöhnte Anna.

„Rate trotzdem!“

Anna verdrehte die Augen. Das sah Suzi natürlich nicht, also tat sie ihrer Freundin den Gefallen. Zumindest zum Schein. Sie riet die unwahrscheinlichsten Bands, die ihr einfielen, nur um Suzi ein bisschen zu ärgern.

„Die Beatles?“

„Anna! Die gibt es nicht mehr!“

Anna kicherte und machte weiter.

Bon Jovi.“

Das war Suzis Lieblingsband und ihr Traum war es, eines Tages auf ein Bon Jovi-Konzert zu gehen, was sie trotz aller Beziehungen bisher nicht geschafft hatte. Anna bekam die erhoffte Reaktion.

„Oh Anna, das war echt gemein!“

„Dann sag’ mir doch einfach, wohin du gehen willst.“

„Du meinst, wohin wir gehen wollen“, korrigierte Suzi sie. Das „Wir“ betonte sie dabei besonders.

Anna musste lachen. Ihre Freundin war wirklich unglaublich. Doch schließlich rückte Suzi mit der Sprache raus: „Ich habe Karten für Silbermond!“

Ja, da hatte Suzi wirklich zwei echte Schätze, wie sie sich selbst ausgedrückt hatte. Silbermond war Annas Lieblingsband gewesen, bevor sie Eddi in dieser Fernsehshow gesehen hatte und dadurch auf Damn Silence aufmerksam wurde.

„VIP-Tickets?“

„Leider nicht. Tut mir leid.“

Anna lächelte. „Kein Problem. Ich freue mich auf das Konzert. Wann gehen wir hin?“

„Am übernächsten Freitag. Ich dachte, du kommst schon früh zu mir und übernachtest danach auch hier. Dann machen wir beide uns mal wieder einen schönen gemeinsamen Tag.“

Sie redeten noch eine Weile über dies und das, hauptsächlich über Suzis Arbeit. Anna fand es sehr interessant, was Suzi jeden Tag erlebte.

Nachdem sie aufgelegt hatte, fühlte Anna sich so gut wie schon lange nicht mehr. Sie war plötzlich voller Tatendrang und hätte am liebsten sofort mit der Renovierung angefangen. Draußen ging die Sonne gerade unter, doch Anna nutzte das verbliebene Licht noch für eine erste Bestandsaufnahme.

Als es zu dunkel geworden war, ging sie in die Küche und holte ihren Laptop heraus. Sie wollte sich eine Liste mit Dingen machen, die zu tun und zu besorgen waren.

Sie musste auf jeden Fall jemanden finden, den sie wegen der notwendigen Baumaßnahmen am Haus fragen konnte. Und sie brauchte Internet.

Anna lebte mit der Philosophie, dass das Internet auf alle Fragen eine Antwort kannte. Das kam gleich auf die Liste: Internetanschluss besorgen. Und ein Festnetztelefon brauchte sie auch. Sie wollte sich als erstes ein Büro, das Wohnzimmer und ein Schlafzimmer herrichten. Auch die Küche musste wieder in Schuss gebracht werden, ebenso wie eines der Badezimmer.

Der Einfachheit halber und weil die Küche sowieso unten war, suchte sie sich passende Zimmer im Erdgeschoss aus. Die Entscheidung war schnell getroffen. Die Küche und das Bad standen ja sowieso fest.

Das bisherige Schlafzimmer sollte auch ihr Schlafzimmer werden, dann konnte sie die beiden Durchgangszimmer davor als Wohnzimmer und Büro nutzen. Sie machte sich noch eine Liste mit Dingen, die sie für die Einrichtung dieser Zimmer brauchen würde. Eine Frage war, ob sie Tante Elisas Bett behalten sollte. Sie mochte es eigentlich nicht, in fremden Betten zu schlafen. Außerdem hatte Tante Elisa wohl eine Vorliebe für dunkelbraune und sperrige Möbel gehabt, das Bett war ein Musterbeispiel dafür.

Also schrieb sie als erstes „Bett“ in eine Liste, die „Möbelhaus“ hieß. Auch die Schränke im Schlafzimmer fand sie viel zu dunkel und klobig. Im Wohnzimmer stand eine Kommode, die zwar auch dunkelbraun war, aber ihr wirklich gefiel. Die wollte sie behalten. Ob sie das Sofa auch austauschen wollte, würde sie nach dieser Nacht entscheiden. Wenn es bequem war, behielt sie es lieber, es sah ziemlich wertvoll aus.

Die Küche konnte bleiben, wie sie war. Sie strahlte eine Gemütlichkeit aus, die alten Küchen manchmal zu eigen ist.

Zuletzt stand sie im Bad. Das gefiel ihr gar nicht, es war so klein und vollgestopft. Da konnte man sich nicht wohlfühlen. Doch sie wusste auf die Schnelle nicht, wie sie das ändern konnte. Also musste es erst einmal so bleiben.

Es war schon spät geworden, als Anna ihren Laptop zuklappte. Ihr schwirrte der Kopf, aber sie fühlte sich immer noch gut. Gut, aber total erschöpft. Also trug sie ihr Zahnputzzeug und ein Handtuch ins Bad und wusch sich notdürftig. Dann fiel sie müde auf das Sofa und wickelte sich in ihren Schlafsack.

Obwohl sie so müde war, konnte sie nicht einschlafen. Zu viele Gedanken waren in ihrem Kopf und wirbelten durcheinander. Außerdem war ihr alles fremd hier. Die fehlenden Geräusche, die fremden Gerüche und vor allem die Dunkelheit machten ihr zu schaffen. In ihrer Wohnung in Berlin hatte immer eine Straßenlaterne direkt in ihr Schlafzimmer geschienen. Außerdem tat ihr schon nach kurzer Zeit auf dem Sofa der Rücken weh. Schließlich setzte sie sich wieder auf, krabbelte aus dem Schlafsack und zog mitsamt Kissen ins Schlafzimmer um. Sie warf das alte Bettzeug auf den Boden, der Rest war ihr gerade herzlich egal. Sie wollte nur noch schlafen. Das Bett war auf jeden Fall wesentlich bequemer als das Sofa. Sie brauchte diesmal nur ein paar Minuten, bis sie im Land der Träume angekommen war.

3. Kapitel

Als Anna am nächsten Morgen die Augen aufschlug und sich aufsetzte, brauchte sie einige Zeit, um zu realisieren, wo sie war und warum. Als es ihr einfiel, legte sie sich spontan wieder hin. Sie konnte tun, was sie wollte. Niemand drängelte sie, sie hatte keine Termine. Selbst wenn sie den ganzen Tag hier im Bett bleiben würde, niemand würde sie dafür schelten.

Doch dann bleibt hier alles so, wie es ist, ermahnte sie sich selbst. Sie hatte gut geschlafen und war voller Tatendrang. Also stand sie schließlich doch auf.

Barfuß und frierend tapste sie ins Bad. Es war ziemlich kalt im Haus. Es war zwar schon Mai, aber über Nacht kühlte es doch noch stark ab. Sie musste unbedingt herausfinden, wie man die Heizung anstellen konnte.

Beim Frühstück überlegte sie, was sie als Erstes machen wollte. Dabei fiel ihr wieder ein, was die Frau aus dem kleinen Laden über diesen Stallburschen von Tante Elisa gesagt hatte. Vielleicht kannte er sich ein bisschen mit dem Haus aus und konnte ihr zumindest mit der Heizung weiterhelfen.

Also stieg sie nach dem Frühstück in ihr Auto und fuhr es auf die Straße hinaus, in der Hoffnung, diesen Karl trotz der mehr als dürftigen Wegbeschreibung zu finden. An der Straße bog sie rechts ab, links ging es zurück nach Milmersdorf. Der Weg schlängelte sich weiter durch den Wald. Nichts machte hier den Eindruck, als ob noch mehr Menschen in dieser Gegend leben würden.

Nach etwas über zwei Kilometern tauchte endlich ein Haus hinter den Bäumen auf. Anna parkte direkt am Straßenrand und suchte an der kleinen Zufahrt eine Klingel. Sie fand schließlich einen Pfosten, der fast vollständig mit Efeu zugewachsen war und sowohl den Briefkasten als auch eine Klingel beherbergte. „K. Lehmann“ stand handgeschrieben an der Klingel. Sie drückte fest und lange darauf.

Doch es tat sich nichts. Vielleicht war er nicht da. Anna überlegte, was sie jetzt tun sollte. Von ihrem Standpunkt aus konnte sie sehen, dass man links am Haus vorbei in den Garten gehen konnte. Sie beschloss, es darauf ankommen zu lassen und begab sich vorsichtig nach hinten. Dabei rief sie immer wieder nach Herrn Lehmann, um ihn nicht zu erschrecken. Er bekam hier bestimmt nicht oft Besuch.

Hinter dem Haus erstreckte sich ein kleiner, gepflasterter Innenhof, ähnlich wie bei ihrem Haus. Auf der rechten Seite war ein kleines Nebengebäude, in dem Anna es nun klappern hörte.

Sie rief noch einmal laut: „Hallo, Herr Lehmann?“

Da streckte ein alter, grauhaariger Mann den Kopf aus der halb offen stehenden Tür.

„Ja?“

Anna ging lächelnd und mit ausgestreckter Hand auf ihn zu. Nebenbei registrierte sie, dass er zwar alt, aber noch sehr vital wirkte. Er trug eine abgetragene blaue Hose und ein rostfarbenes Holzfällerhemd, beides ziemlich staubig und voller Tierhaare. Den Grund dafür hörte sie in eben diesem Moment im Nebengebäude wiehern.

Karl Lehmann kam heraus und schüttelte Anna die Hand.

„Hallo Herr Lehmann, ich bin Anna Diemer, die Nichte von Elisa Reichert.“

Er lächelte erfreut, als sie sich vorstellte.

„Ach, du bist die Anna? Elisa hat mir von dir erzählt. Wie kann ich dir helfen?“

Merkwürdig, Tante Elisa hatte diesem Mann von ihr erzählt? Sie hatte sie doch gar nicht richtig gekannt. Was konnte sie also erzählt haben? Und warum verwendete er so vertraut das Du, obwohl er sie doch noch nie im Leben gesehen hatte? Sie beschloss, trotzdem beim Sie zu bleiben.

„Eine ältere Dame in dem kleinen Laden in Milmersdorf hat mir erzählt, dass Sie bei meiner Tante gearbeitet haben und sie wohl auch ganz gut kannten.“

Der alte Mann nickte und bekam einen träumerischen Ausdruck. Dann bot er Anna erst einmal einen Kaffee an. Sie lief ihm nach ins Haus und setzte sich auf den angebotenen Stuhl.

Während er sich an der alten Kaffeemaschine zu schaffen machte, schwieg er. Erst als er sich mit zwei dampfenden Tassen in der Hand ihr gegenüber setzte, fing er an zu erzählen.

„Ja, du hast recht. Ich habe erst als Stallbursche für Elisa gearbeitet und später habe ich mich dann um alles gekümmert, was so anfiel. Weißt du, in den letzten Jahren war deine Tante nicht mehr bei so guter Gesundheit und konnte nicht mehr allzu viel selbst machen. Ich habe dann für sie ein bisschen sauber gemacht und eingekauft und mich auch um ihre Tiere gekümmert. Zum Schluss freilich konnte sie gar nichts mehr machen, da sollte ich die Tiere alle verkaufen. Nur Mona habe ich behalten.“ Wieder driftete sein Blick ein wenig in die Ferne.

Wer war Mona? Vielleicht das Pferd, das sie vorhin gehört hatte? Sie fragte nach.

Lehmann nickte. „Ja, Mona war Elisas Liebling. Sie hatte sie, seitdem sie ein Fohlen war. Jetzt ist sie auch schon alt, aber sie ist noch sehr fit. Willst du sie mal sehen?“

Anna nickte. Als der Alte gleich aufspringen wollte, hielt sie ihn mit einer kleinen Geste zurück.

„Ich dachte, Sie könnten mir vorher vielleicht etwas über meine Tante erzählen. Wissen Sie, ich habe sie nicht so gut gekannt.“

Er lächelte sie an. Dieses Lächeln vertiefte all die Falten um seinen Mund und seine Augen und ließ ihn unheimlich sympathisch wirken. Er dachte eine Weile nach, nahm einen Schluck Kaffee, dann räusperte er sich.

„Nun ja. Also, deine Tante war eine sehr schöne, gebildete Dame mit den besten Manieren. Und sie hatte ein großes Herz für alle, denen es nicht so gut ging – Menschen und Tiere. Als es ihr noch gut ging, war in ihrem Haus stets Leben, sie hatte Pflegekinder da, die in einem Heim nicht klargekommen wären. Und jedes kranke, alte oder verletzte Tier nahm sie auch noch auf. Es gab immer viel zu tun bei deiner Tante. Aber ich glaube, gerade das hat diesen Kindern auch geholfen, mit dem Leben klarzukommen. Sie hatten ihre Aufgaben und wurden behandelt wie jeder andere auch. Ohne deine Tante hätten sie es wohl nie geschafft im Leben, aber soweit ich weiß, führen alle heute ein gutes und selbstständiges Dasein abseits von Drogen und Kriminalität. Das hätte Elisa auch nie geduldet. Selbst nachdem die Kinder ausgezogen waren, besuchte sie sie regelmäßig oder lud sie zu sich ein. Und wehe dem, der nicht brav zur Arbeit ging oder seine Ausbildungsstelle besuchte. Dem las Elisa dermaßen die Leviten, dass er sich hinterher nie wieder traute, auffällig zu werden. Ja, ohne Elisa wäre die Welt ein ganzes Stückchen schlechter gewesen.“

Anna hatte erstaunt zugehört. Diese Neuigkeiten waren in ihrer Familie, in der meistens über alles und jeden getratscht wurde, nicht bekannt. Elisa hatte sich also um Kinder und Tiere, die niemand mehr haben wollte, gekümmert? Das erklärte zumindest die vielen Zimmer in ihrem Haus.

Der Kaffee war ausgetrunken und sie gingen gemeinsam nach draußen zu dem Nebengebäude, aus dem der Alte vorhin rausgekommen war. Er bat sie, ihm zu folgen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte, doch dann sah sie, dass ein Teil des Gebäudes notdürftig mit einer Stellwand abgetrennt war. Dahinter kam ein weißer Pferdekopf zum Vorschein.

„Hallo Mona, weißt du, wer uns heute besuchen kommt? Das ist Anna, die Nichte von Elisa.“ Während er sprach, kraulte der Mann die Stirn des Pferdes, welches genießerisch die Augen schloss. Dann legte es auch noch seinen Kopf auf die Schulter des Alten, der unter dem Gewicht ein Stück zusammensackte. Die beiden sahen sehr vertraut miteinander aus.

Anna ging langsam näher und streichelte vorsichtig die weiche Nase des Pferdes. Mona prustete sie an.

„Sie mag dich“, kam es jetzt unvermittelt von dem alten Mann. „Sollen wir sie mal rausholen?“

Ohne Annas Antwort abzuwarten, nahm er ein Halfter von der Wand und legte es Mona um. Dann öffnete er die Stellwand und zog das Pferd mit sich nach draußen. Er band die Stute nicht fest, aber die blieb einfach in der Sonne stehen und ließ sich bewundern. Man sah deutlich, dass sie schon älter war. Die Knochen stachen an einigen Stellen hervor und auch das weiße Fell war nicht mehr so glänzend, wie es einst gewesen sein musste. Dennoch strahlte sie eine Würde und Haltung aus, die sie um vieles jünger wirken ließen als sie sein musste.

„Ich würde sie gern einmal putzen“, rutschte es Anna heraus. Dieser Gedanke war ihr gerade durch den Kopf gegangen und sie wurde rot, als sie merkte, dass sie ihn laut ausgesprochen hatte. Das klang ja so, als fände sie, er würde die Stute nicht richtig pflegen.

Doch Karl Lehmann verstand es wohl richtig, denn seine Miene hellte sich noch weiter auf und er ging gleich noch einmal in den Schuppen, nur um dann wenige Augenblicke später mit einem Eimer voller Putzsachen herauszukommen.

„Da freut sie sich sicher. Sie liebt es, geputzt zu werden. Du kannst sie auch gern reiten, wenn du willst. Sie ist sehr brav.“

Anna freute sich über das Angebot, war aber auch verwundert. Warum bot er ihr das an? Sie nahm einen Striegel in die Hand und rieb damit in großen Kreisen über den Hals der Schimmelstute.

Anna war so versunken in die Arbeit, dass sie das Schweigen des alten Mannes erst spät bemerkte. Sie schaute zu ihm. Er sah traurig aus. Und so, als ob ihm etwas auf dem Herzen lag, aber er sich nicht traute, es zu sagen. Ihr Blick gab offenbar den Ausschlag, denn er hustete kurz und sagte dann mit leiser Stimme: „Du kannst sie gleich mitnehmen, wenn du willst.“

Anna war erstaunt. „Wen, die Stute? Warum?“

„Sie gehört dir, zusammen mit allem, was Elisa gehört hatte. Ich habe mich nur um sie gekümmert, weil Elisa es nicht mehr konnte. Ich würde mich auch gern weiter um sie kümmern, aber ich sehe ja, dass du Pferde liebst und du möchtest sie bestimmt zurückhaben, oder?“ Das letzte Wort hatte er beinahe geflüstert.

Jetzt verstand Anna. Er hatte Angst, dass sie ihm seine geliebte Mona wegnehmen könnte. Klar, es wäre super, gleich ein Pferd zu haben. Aber selbst wenn Mona rechtlich gesehen ihr gehörte, so konnte sie doch nicht den alten Mann von diesem Pferd trennen. Das würde ihm das Herz brechen, das sah Anna ein. Wahrscheinlich war Mona so etwas wie eine lebende Erinnerung an Elisa für ihn. Sie überlegte krampfhaft, wie sie ihn beruhigen könnte.

„Ähm, Herr Lehmann …“

„Nenn’ mich doch bitte Karl. Jeder hat das immer so gemacht. Herr Lehmann klingt so alt.“ Trotz seiner traurigen Stimmung musste er kurz kichern.

„Okay, also Karl.“ Sie räusperte sich kurz. „Ich … ich würde mich freuen, wenn Sie sich weiter um Mona kümmern würden.“

Er blickte sie erst ein bisschen ungläubig und dann sehr erfreut an.
„Wirklich?“

„Ja. Es stimmt schon, ich hätte gern ein Pferd.“ Sie dachte kurz über eine möglichst glaubwürdige Erklärung nach. „Aber ich bin gestern erst angekommen und im Haus ist noch so viel zu tun. Da habe ich gar keine Zeit für ein Pferd. Außerdem glaube ich, dass Mona auch gern hier bei Ihnen bleiben würde.“

Jetzt strahlte Karl über das ganze Gesicht. Dann trat er dicht an Mona heran und flüsterte ihr ins Ohr: „Siehst du, altes Mädel, du kannst doch hier bleiben. Bei mir. Freust du dich?“

Mona schnaubte zustimmend. Die beiden waren wirklich ein Traumpaar.

Während Anna weiter putzte, fragte sie Karl, ob er jemanden wusste, den sie wegen der Heizung und den notwendigen Sanierungsarbeiten im Haus fragen könnte. Sie hatte Glück.

„Ich kann meinen Sohn anrufen und ihn bitten, sich das Haus anzusehen. Er hat schon viele Häuser gebaut und kann dir sicher sagen, was getan werden muss. Außerdem kennt er das Haus. Er hat auch Elisa immer wieder bei Reparaturen geholfen.“

„Das wäre super. Ich gebe Ihnen nachher meine Handynummer. Anders bin ich zurzeit noch nicht erreichbar.“

Sie putzte schweigend weiter. Karl setzte sich auf einen Stein und schaute ihr zu. Sehr gesprächig war er ja nicht gerade, aber diesmal wirkte sein Schweigen zufrieden.

Während sie die Hufe auskratzte, fiel ihr noch etwas ein.

„Sie haben vorhin gesagt, dass Sie für meine Tante mit eingekauft haben. Sind Sie dazu immer nach Milmersdorf gefahren?“

„Was sollte ich denn da?“, fragte er erstaunt. Dann dämmerte es ihm.

„Ach, du meinst den Laden von der alten Erika? Nein, da bekommt man ja nichts. Ich war immer im Einkaufszentrum. Da gibt es einen Supermarkt und einen Baumarkt. Ist gar nicht so weit weg von hier. Du musst nur die Straße immer weiter fahren. Nach einer Viertelstunde kommt eine Kreuzung. Da biegst du links ab und dann ist der Supermarkt schon ausgeschildert.“

Seine Definition von „gar nicht so weit weg“ war sehr ungewohnt für Anna, die von Berlin kannte, dass alles, was man brauchte, zu Fuß erreichbar war. Aber es klang ganz gut. Da wollte sie nachher auf jeden Fall mal vorbeifahren. Vielleicht fand sie sogar ein Möbelgeschäft.

Sie bot Karl an, ihm etwas mitzubringen, wenn sie nachher sowieso dorthin fahren würde.

Er lächelte erfreut. „Oh, das wäre wirklich gut! Dann bräuchte ich diesen Monat nicht mehr einkaufen zu fahren. Mein Auto ist auch nicht mehr das Jüngste, über eine Pause freut es sich sicher. Elisa hat wirklich recht gehabt. Du bist die Richtige für ihr Haus!“

Der letzte Satz kam so unvermittelt, dass Anna ein paar Sekunden brauchte, um zu realisieren, was er ihr da eben gesagt hatte.

„Wie meinen Sie das? Ich meine, woher wollte sie das wissen? Wir kannten uns kaum. Wir haben uns nur einmal gesehen.“

Karl lächelte sie verschmitzt an. „Elisa war eine sehr gute Menschenkennerin. Sie hat gesagt, dass du ihr Vermächtnis weiterführen würdest, da war sie sich sicher. Außerdem bist du ein guter Mensch und tierlieb. Und sie hatte recht.“ Er schaute ihr direkt in die Augen.

Das war so lieb und rührend, dass Anna spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Schnell wandte sie den Blick ab und räumte das Putzzeug zurück in den Eimer. Das Angebot, Mona zu reiten, lehnte sie für heute ab. Sie hatte noch so viel vor.

Sie gingen zusammen ins Haus zurück, wo er ihr eine kleine Einkaufsliste schrieb. Karl brauchte nicht viel. Fast gar nichts. Dabei hatte er gesagt, dass er dann in diesem Monat nicht mehr einzukaufen brauchte. Der Monat hatte gerade eben erst angefangen …

„Wir Alten brauchen nicht mehr viel zum Leben. Außerdem habe ich eigenes Gemüse und eine große, gut gefüllte Tiefkühltruhe. Du musst dir also um mich keine Sorgen machen.“

Er bot ihr noch einen Kaffee an, den sie aber ablehnte. Sie gab ihm ihre Handynummer und verabschiedete sich dann von dem alten Mann. Er versprach ihr noch einmal, gleich seinen Sohn anzurufen.

4. Kapitel

DDer Supermarkt war wirklich leicht zu finden. Auf dem Weg dorthin hatte Anna außerdem noch diverse andere Hinweisschilder zu größeren Geschäften gesehen, unter anderem zu einem Möbelhaus. Dahin wollte sie zuerst.

Sie hatte noch nicht vor, heute dort etwas zu kaufen, aber sie wollte sich zumindest einmal umsehen. In der Bettenabteilung sah sie dann genauer hin. Wie immer, wenn Anna eigentlich nichts kaufen wollte, belehrte das Schicksal sie eines Besseren. In einem Seitengang bei den Doppelbetten stand genau das Bett, das Anna sich schon immer erträumt hatte. Die Gitterstäbe waren weiß lackiert und leicht verschnörkelt.

Anna überlegte und zögerte noch eine Weile. Doch dann fand sie auch noch ein paar passende Kommoden. Es sollte wohl so sein. Sie zuckte ergeben mit den Schultern und ging zurück zu ihrem Bett, wo sie eines der Produktkärtchen aus dem Umschlag zog.

Hoffentlich konnte es geliefert werden, denn in ihr Auto passte es sicher nicht. Noch ein letztes Mal probesitzen. Sich direkt hinzulegen traute sie sich dann doch nicht. Aber sitzen war auch okay. Ja, es war stabil und groß genug. Die Entscheidung war gefallen. Für das Bett und zwei passende Nachtschränkchen sowie eine Kommode in demselben Stil. Wenn schon Geld ausgeben dann richtig, dachte sie und lächelte in sich hinein.

An der Kasse hatte sie wieder Glück. Sämtliche ausgesuchte Möbelstücke waren auf Lager und konnten auch geliefert werden. Der Verkäufer notierte ihre Adresse und ihre Handynummer. Die Lieferung würde in drei Tagen erfolgen.

Später schlenderte sie im Baumarkt interessiert durch die Regale. Sie war gespannt, was sie von all diesen Sachen demnächst alles brauchen würde. Sie beobachtete amüsiert ein Pärchen, das vergeblich versuchte, einen Einkaufswagen durch die Gänge zu manövrieren, der bis oben hin voller Gipskartonplatten gepackt war. Ob es ihr selbst bald auch so ergehen würde?

Zum Glück gab es hier auch Telefone. Den Anschluss dafür hatte sie vorhin in einer kleinen Einkaufsstraße gegenüber des Möbelhauses besorgt. Anna entschied sich für ein Standard-Modell in Dunkelgrau und packte außerdem noch ein bisschen Blumenerde, zwei große Kästen und ein paar Blumen ein. Sie wollte die Kästen auf den Hof stellen, um ihn ein bisschen freundlicher zu gestalten.

Danach ging sie endlich in den Supermarkt. In der einen Hand hielt sie Karls Liste, in der anderen ihre eigene. Den Wagen navigierte sie mehr oder weniger mit ihrem Bauch. So war er wenigstens mal nützlich. Sonst mochte sie ihn nicht so. Sie fühlte sich immer zu dick, obwohl sie bei einem Meter neunundsechzig mit fünfundsechzig Kilogramm eigentlich Idealgewicht hatte.  

In einem Supermarkt einzukaufen, in dem man noch nie war, war immer ein Kampf. Es gab von allem unzählige Versionen, Marken und Größen und die Abteilungen waren in einem wirren Muster angeordnet. Jedenfalls kam es Anna so vor.

Sie brauchte fast zwei Stunden, bis sie alles hatte, was auf den Listen stand und noch einiges mehr. Sie war bestimmt dreimal durch den kompletten Laden gelaufen, der nicht gerade klein war. Aber jetzt war der Wagen bis oben hin voll. Dafür besaß sie bald zumindest eine Grundausstattung für die Küche und zusätzlich ein paar Küchengeräte, die sie bei Tante Elisa noch nicht gefunden hatte. Toaster, Wasserkocher und Handmixer, das musste als Erstausstattung reichen.

Nachdem sie endlich alle Einkäufe im Auto verstaut hatte, war es schon wieder Abend und sie war nahezu durchgeschwitzt. Sie hatte gefühlt zehn Tüten voller Lebensmittel gekauft. Karls Einkäufe hingegen hatten alle in eine einzige Tüte gepasst. Sie hatte diese gleich extra gepackt. Auf dem Rückweg wollte sie kurz bei ihm anhalten und ihm alles bringen.

Als sie eine Stunde später endlich zuhause war, ließ sie sich erschöpft auf die Couch fallen. Einkaufen war wirklich anstrengend.

Nach einem reichhaltigen Essen setzte sie sich, in eine dicke Jacke eingemummelt, auf die Treppe vor dem Eingang. Sie packte ihren MP3-Player aus, steckte sich die Ohrstöpsel in die Ohren und schaltete Damn Silence ein.

Ja, so ließ es sich aushalten. In ihrem eigenen Garten und Eddi Markgraf so nah. Besser ging es eigentlich nicht. Man konnte sich gut vorstellen, er würde hier vor ihr stehen und singen. Ein absurder Gedanke. Was um alles in der Welt sollte er hier im Niemandsland wollen?

Sie liebte die Musik von Damn Silence. Am meisten mochte sie jedoch die tiefe Stimme von Eddi, die ihr manchmal wie dunkler Honig vorkam. Sie mochte auch seinen Humor, den er in der Öffentlichkeit an den Tag legte. Sie hatte ihn nun schon auf zwei Konzerten live gesehen und natürlich kannte sie die Interviews und Konzertmitschnitte, die im Internet zu finden waren. Ansonsten gehörte sie nicht zu denjenigen, die ihrem Lieblingsstar irgendwo auflauern mussten, um ein Autogramm oder Foto mit ihm zu bekommen. Eigentlich fand sie es ganz gut so, dass sie ihn nicht persönlich kannte. So konnte sie sich ein eigenes Bild von ihm schaffen, welches nicht durch irgendwelche Macken oder schlechte Angewohnheiten getrübt wurde. Vielleicht war er in Wirklichkeit gar nicht so ein Sonnyboy. Vielleicht war er durch den Erfolg arrogant und zynisch geworden und konnte das bloß gut überspielen. Das wollte sie gar nicht wissen.

Am nächsten Morgen wachte sie davon auf, dass Regen an ihr Fenster klopfte. Sie schaute hinaus und sah nichts als dunkle Wolken und trübes Wetter. Ein Tag zum Drinnenbleiben. Aber sie hatte ja auch im Haus genug zu tun.

Nach einem kurzen Frühstück begann sie als Erstes die Küche sauber zu machen. Sie räumte jeden Schrank aus, wischte ihn ordentlich sauber und räumte dann nur die Sachen wieder hinein, die sie selbst gekauft hatte.

Sie brauchte bis in den Nachmittag hinein, erst dann war sie zufrieden.

Ein schneller Blick nach draußen zeigte keine Wetterbesserung. Also nahm sie sich das nächste Zimmer vor, das Esszimmer. Den Tisch und die Stühle schaffte sie in das Durchgangszimmer auf der anderen Seite der Küche. Der Tisch war ganz schön schwer und passte nicht durch die Tür.

„Wie hat Tante Elisa dich hier rein bekommen?“, überlegte sie laut. Durch das Fenster passte er definitiv auch nicht. Zum Glück war niemand hier, denn als ihr endlich die rettende Idee kam, den Tisch einfach auf die Seite zu drehen, schämte sie sich dafür, dass sie nicht gleich darauf gekommen war.

Das einzige andere Möbelstück im Esszimmer war eine große, klobige Vitrine in dunkelbraun. Ohne die anderen Möbelstücke wirkte dieses Stück noch größer und sperriger als vorher. Sie öffnete probehalber eine der Türen um zu schauen, wie sie sie abmontieren könnte und erlebte eine kleine Überraschung.

Sie hatte erwartet, dass die Vitrine leer war, doch weit gefehlt. Jede der unzähligen Türen brachte neue Schätze zutage: verschiedenste Sorten Geschirr und Gläser, teilweise noch original verpackte Tischtücher und Vasen in allen Formen und Größen füllten jeden noch so kleinen Platz. Alles war altmodisch, sah aber ziemlich wertvoll aus. Anna beschloss, ihren Fund erst einmal einzulagern. Vielleicht konnte sie später ein paar Anzeigen schalten, wenn sie wieder Internet hatte. Im Nebengebäude fanden sich noch zwei alte Wäschekörbe, die sie vollstapelte. Sie notierte sich auf ihrem Zettel „Umzugskartons“.

Erst am Abend hatte sie es endlich geschafft, die Vitrine war leer. Wie sie die jetzt aber hier herausbekommen sollte, war ihr immer noch ein Rätsel. Behalten wollte sie sie auf keinen Fall. Die war ihr viel zu klobig.

Schließlich hatte sie eine Idee: Sie würde die Vitrine erst fotografieren und dann auseinanderbauen. Das Foto konnte sie ebenfalls im Internet einstellen.

Am nächsten Morgen sah es noch genauso trüb aus wie am Vortag.

Spontan beschloss Anna, noch einmal einkaufen zu fahren.

Drei Stunden später war sie vollbepackt zurück. Es hatte mittlerweile auch aufgehört zu regnen. Sie stöpselte den MP3-Player an ihre neu erstandenen Lautsprecherboxen und schaltete Damn Silence ein. Was auch sonst?

Eddis Stimme erfüllte das ganze Haus und endlich kam sie sich nicht mehr ganz so einsam vor. Außerdem hatte sie einen Flachbildfernseher gekauft. Die Kiste war schwer, doch schließlich stand der Fernseher ausgepackt auf der kleinen Kommode im Wohnzimmer, die Anna sowieso behalten wollte. Einen Fernsehanschluss hatte sie schon gefunden. Jetzt musste er nur noch funktionieren.

Tat er natürlich nicht. Anna drückte enttäuscht auf allen Knöpfen herum. Der Bildschirm zeigte nur Schnee. Und sie hatte keine Ahnung, an was es liegen könnte.

Frustriert wandte sie sich der nun leeren Vitrine im Esszimmer zu. Sie hatte im Baumarkt auch einen kleinen Werkzeugkasten und einen Akkuschrauber gekauft. Damit wollte sie der Vitrine nun zu Leibe rücken. Doch das Ungetüm wehrte sich nach Kräften. Bis sie es geschafft hatte, die erste Tür abzuschrauben, war schon eine halbe Stunde vergangen und sie hatte Hunger. Also erst mal Mittagessen machen.

Als Nachtisch gönnte sie sich noch ein Stück Schokolade, um sich selbst aufzuheitern.

Das war auch bitter nötig, denn ihre Laune war auf dem Tiefpunkt. Sie wünschte sich schon, statt dem Akkuschrauber hätte sie sich eine große Axt gekauft. Aber es half nichts, wenn sie das Ding aus dem Zimmer haben wollte, musste sie das mit ihren eigenen Händen schaffen. Hier war niemand, der ihr helfen konnte.

Noch während sie ihren Gegner skeptisch beäugte, klingelte es plötzlich an der Tür. Anna erschrak mächtig, denn die Türklingel hatte sie noch nie gehört und auch nicht damit gerechnet.

Nun hieß es erst einmal herausfinden, an welcher Tür geklingelt worden war. Sie versuchte es zuerst an der Tür zum Hof, doch da war niemand. Also wieder durch das ganze Haus zurück zur anderen Tür. Dort stand ein kräftiger, ziemlich großer Mann in Jeans und T-Shirt. Er war so groß und breit, dass er den Türrahmen fast vollständig ausfüllte und Anna erst nach ein paar Sekunden bemerkte, dass noch jemand hinter ihm stand: Karl.

Der drängelte sich eben an dem jüngeren Mann vorbei und schüttelte ihr die Hand.

„Hallo Anna, ich dachte, ich komme gleich mal mit Thomas, meinem Sohn, hier vorbei, dann kann er sich alles anschauen.“

Anna schüttelte dann auch Thomas die ausgestreckte Hand und bat die beiden Männer herein.

Verstohlen musterte Anna ihre Gäste. Obwohl Thomas Karls Sohn war, hätte es keinen größeren Unterschied zwischen den beiden Männern geben können. Karl war klein und schmächtig, hatte weißes, dünnes Haar und viele Falten im Gesicht. Thomas war groß und breitschultrig. Seine dunklen Haare lockten sich wild und auf seinem Gesicht war ein leichter Bartschatten zu sehen. Er war nicht unattraktiv, wirkte auf Anna aber etwas grobschlächtig.

Ohne Scheu gingen Thomas und Karl durch alle Räume und Anna blieb nichts anderes zu tun, als ihnen hinterherzulaufen. Die Führung hatte Karl übernommen, er kannte sich hier offenbar bestens aus. Dann gingen die beiden Männer nach oben und Anna beschloss, unten erst einmal Kaffee für alle zu machen. Sie wurde ja im Moment nicht gebraucht. Als der Kaffee durchgelaufen war, hörte sie die beiden gerade draußen auf dem Hof über irgendetwas sprechen. Sie fand sie im Stall, beide schauten aufs Dach und diskutierten, wie man das am besten dicht bekommen könnte.

Die Einladung zum Kaffee nahmen sie gern an und folgten Anna in die Küche. Nachdem alle mit Milch und Zucker versorgt waren, bezogen Karl und sein Sohn sie endlich in ihre Überlegungen mit ein.

„Also Frau Diemer, so viel ist hier gar nicht zu tun. Zumindest, wenn Sie alles so lassen wollen, wie es ist. Die Grundsubstanz ist sehr gut, keine Feuchtigkeit, kein Schimmel.“

„Bitte nennen Sie mich Anna“, begann sie, während sie zum ersten Mal überlegte, ob sie im Haus alles so lassen wollte oder was sie eigentlich anders haben wollte.

„Ich habe noch gar nicht so genau darüber nachgedacht, ob ich alles so lassen will. Ich würde vielleicht das Bad unten vergrößern wollen, wenn das geht. Oder vielleicht die eine oder andere Wand rausreißen, um größere Zimmer zu schaffen. Und ich finde auch, dass es viel zu viele Durchgangszimmer gibt. Vielleicht gibt es dafür auch eine Lösung. Ehrlich gesagt, muss ich mir das erst einmal genau überlegen.“

Thomas schaute sie lange an. Dann lenkte er seinen Blick auf Karl, der fast unmerklich nickte. Thomas räusperte sich.

„Ich habe einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn ich mir auch Gedanken machen würde, dann könnte ich Ihnen in ein paar Tagen meine Ideen vorstellen. Dann können Sie sich in der Zwischenzeit auch überlegen, was Sie haben möchten. Vielleicht gefallen Ihnen aber auch einige meiner Ideen.“

Karl mischte sich nun ein. „Thomas hat dafür wirklich ein gutes Händchen, Anna. Du kannst ihm vertrauen. Was er sich überlegt, hat immer Hand und Fuß.“

Anna blickte von einem zum anderen und ließ sich Thomas’ Vorschlag durch den Kopf gehen. Das klang eigentlich ganz gut.

„Sind Sie Architekt?“ Die Frage war ihr so herausgerutscht und klang in Annas Ohren ziemlich direkt und unhöflich.

Als die beiden Männer ihr gegenüber nun auch noch in schallendes Gelächter ausbrachen, war Anna vollends verwirrt.

„Nein, Anna“, brachte Thomas unter Lachen hervor. „Ich bin kein Architekt. Ich bin Maurer.“

5. Kapitel

Später, als Anna wieder allein war, musste sie immer noch den Kopf über Karl und seinen seltsamen Sohn schütteln.

Nach dem Kaffee waren sie noch einmal zu dritt durch das ganze Haus gelaufen und Thomas hatte sich ein paar Notizen gemacht. Irgendwann standen sie im Esszimmer und die beiden Männer schauten fragend auf die Vitrine ohne Türen. Anna erklärte ihnen, dass sie selbige auseinanderbauen wollte, aber bisher einfach nicht weitergekommen war. Dann konnte sie nur noch wortlos zusehen, wie die beiden Männer anfingen, die Vitrine Stück für Stück und scheinbar mühelos zu zerlegen. Schon nach knapp zwei Stunden war das gute Stück im Stall eingelagert. Anna hätte dafür sicherlich Tage gebraucht. Wenn sie es überhaupt geschafft hätte. Sie war den beiden unheimlich dankbar für ihre Hilfe und wusste gar nicht, was sie sagen oder tun sollte. Doch die beiden winkten nur ab und verabschiedeten sich dann. Thomas wollte in zwei Tagen mit einem Vorschlag zum Umbau wiederkommen.

Anna stand im nun leeren Esszimmer und überlegte, wie sie dieses jetzt in ein Büro verwandeln konnte. Sie brauchte einen Schreibtisch, einen Rollcontainer, ein paar Regale und Ordner-Schränke. Aber wie wollte sie die Wände und den Boden gestalten? Die Tapeten behalten?

Und der Boden? Es war ein Dielenboden, soweit gefiel er Anna ganz gut. Nur leider sah man deutlich, wo die Vitrine gestanden hatte. Und auch der Tisch und die Stühle hatten schon einige Kratzer am Boden hinterlassen. Vielleicht konnte man den Boden abschleifen und neu lackieren. Dann müsste es eigentlich gut aussehen. Sie schrieb diese Idee gleich auf den Einkaufszettel für den Baumarkt. Dort konnte ihr sicher jemand helfen.

Nach einem kurzen Abendbrot und einem erholsamen Bad ging Anna zeitig schlafen.

Sie wurde am nächsten Morgen abrupt von der Türklingel geweckt. Was war los? Thomas wollte doch erst am nächsten Tag kommen. Sie war etwas orientierungslos und es dauerte eine kleine Weile, bis sie sich etwas übergezogen hatte und zur Tür wanken konnte. Draußen stand ein Typ von der Telekommunikationsfirma, bei der Anna ihren Anschluss beantragt hatte. Ihr Ärger über die frühe Störung flaute augenblicklich ab. Zumal ein Blick auf die Uhr ihr auch gezeigt hatte, dass es bereits nach neun war. Sie hatte schlicht und einfach verschlafen.

Der Typ wollte die Anschlüsse sehen und einen kleinen Kasten, den er im größeren Flur direkt unter der Treppe fand. Schon nach kurzer Zeit war er fertig und meldete Anna, dass Internet und Telefon nun funktionieren sollten. Die Nummer hatte sie ja schon im Geschäft bekommen. Sie wollte ihn schon verabschieden, da fiel ihr noch etwas ein. Das gehörte zwar nicht in seinen Bereich, aber – ob er ihr wohl mit dem Fernseher helfen könnte?

Er konnte. Es war auch ganz einfach. Sie musste einfach nur kurz bei der Kabelfirma anrufen, deren Telefonnummer auf der Netzsteckdose stand. Die konnten den Anschluss dann freischalten.

Anna wollte gerade aufbrechen, um zum Baumarkt zu fahren, als es schon wieder an der Tür klingelte.

Was war denn nur los? Hier, mitten im Niemandsland, bekam sie mehr Besuch als in Berlin.

Diesmal war es ihr Schlafzimmer, oder vielmehr zwei kleine, dickliche Männer in roten Anzügen, auf denen deutlich sichtbar das Logo des Möbelhauses prangte, in dem sie ihre Schlafzimmermöbel erstanden hatte. Eigentlich hatte sie noch gar nicht mit ihnen gerechnet. Sie wollte nämlich erst heute Nachmittag beginnen, das Schlafzimmer auszuräumen.

Aber gut. Was da war, war da. Und es war ja auch egal, wann sie die Möbel letztlich aufbaute. Das Angebot des Möbelhauses für die Montage der Möbel war ihr horrend hoch erschienen, da hatte sie dankend abgelehnt. Also ließ sie die Typen die Kartons bis ins Schlafzimmer beziehungsweise ins Wohnzimmer tragen.

Als die beiden Möbelpacker weg waren, stand sie vor der Entscheidung, erst in den Baumarkt zu fahren oder erst die Schlafzimmermöbel zusammenzubauen.

„Am besten erst mal Schlafzimmer ausräumen“, sagte sie schließlich laut zu sich selbst.

Dann machte sie sich zunächst daran, das Bett auseinanderzuschrauben.

Im Gegensatz zur Vitrine ging das ganz leicht. Schon nach kurzer Zeit war sie fertig.

Den ganzen restlichen Tag war sie damit beschäftigt, ihr neues Bett und die Kleinmöbel aufzubauen, doch am Abend stand schließlich alles und sie konnte sich zufrieden in ihr neues, weißes Himmelbett legen.

Sie hatte dort wunderbar geschlafen. An einen Traum konnte sie sich zwar nicht erinnern, aber wenn sie geträumt hatte, musste es ein schöner Traum gewesen sein. Sie fühlte sich jedenfalls erholt wie schon lange nicht mehr. Um das schöne Gefühl noch ein bisschen genießen zu können, blieb sie noch eine Weile im Bett liegen und überlegte, was heute zu tun war.

Thomas wollte heute kommen. Also musste sie sich vorher einmal Gedanken machen, was sie gern alles verändert hätte. Außerdem wollte sie unbedingt in den Baumarkt. Das hatte sie gestern einfach nicht mehr geschafft.

Bis Thomas kam, hatte sie gefrühstückt, war durch das ganze Haus gegangen und hatte ihre Ideen aufgeschrieben.

Bei Tee und Keksen saßen sie zusammen in der Küche und hatten einige Zettel vor sich ausgebreitet. Annas Ideen bestanden hauptsächlich darin, kleine Zimmer durch Wanddurchbrüche zu vergrößern und die beiden Flure im Obergeschoss miteinander zu verbinden. Dadurch würde auch das bisherige Durchgangszimmer geschlossen. Thomas’ Überlegungen betrafen Lichtkonzepte und Heizungspläne. Er meinte, dass man den alten Gasofen am besten durch ein neues Brennwertgerät ersetzen sollte, das deutlich effektiver arbeitete. Er erklärte ihr auch, wie sie die Heizung, die sie momentan noch hatte, bedienen konnte.

Außerdem hatte er eine Idee für ihr Bad im Erdgeschoss. Er schlug vor, die vordere Haustür, ganz zuzumauern und den Flur zum Badezimmer mit dazu zu nehmen. Dann wäre es immer noch kein riesiges Bad, aber eine schöne Badewanne und eine Dusche könnten locker hineinpassen.

Für die Waschmaschine hatte er auch eine Lösung. Er schlug vor, dass man diese in der Abstellkammer unterbringen könnte. Dort hatte sie vor ein paar Jahren nämlich schon einmal gestanden.

Anna war begeistert von diesen Vorschlägen. Thomas hatte als Maurer aus der Gegend auch noch sehr gute Kontakte zu allen möglichen Baufirmen und versprach ihr, in der nächsten Zeit Angebote für sie einzuholen. Dann könnten die Umbauarbeiten vielleicht schon sehr bald beginnen.

Voller Euphorie fuhr Anna nach dem Mittagessen zum Baumarkt.

Es dauerte ewig, bis sie Tapete, Tapetenkleister und passende Farbe zusammen hatte. Man sollte meinen, bei Raufasertapete und weißer Farbe gäbe es nicht so viel Auswahl, aber weit gefehlt. Vermutlich könnte sie all ihre Räume weiß streichen und sie trotzdem mit unterschiedlichen Tapeten-Farben-Kombinationen ausstatten.

Als Nächstes wollte sie nach einer Möglichkeit schauen, den Dielenboden abzuschleifen. Sie musste sehr hilflos gewirkt haben, als sie vor all diesen unterschiedlichen Schleifmaschinen stand, denn ein Baumarkt-Mitarbeiter fragte sie höflich, ob sie Hilfe bräuchte. Das war ihr in ihrem ganzen Leben vorher nie passiert. Normalerweise war sie erst Stunden damit beschäftigt, überhaupt einen Mitarbeiter zu finden, dann dauerte es, bis sie an einen anderen Mitarbeiter verwiesen wurde, der ihre Frage auch tatsächlich beantworten konnte und schließlich musste sie nochmals warten, weil vor ihr noch mehrere andere Kunden Fragen hatten.

Sie schilderte dem hilfsbereiten Mann ihr Vorhaben und beantwortete auch noch ein paar Fragen zur Beschaffenheit des Holzes und dem Nutzungsgrad. Ob ihre Antworten „hellbraun-graues Holz“ und „soll ein Büro werden“ dem Mann allerdings wirklich weiterhalfen, wusste sie nicht. Jedenfalls zog er nach kurzer Zeit ein ziemlich großes Gerät aus dem Regal und drückte es ihr in die Hand. Und dann hatte er noch eine positive Überraschung für sie: Er eröffnete ihr, dass man dieses Gerät auch mieten konnte und dass dies für ihr Vorhaben sicher das Beste wäre.

Anna wäre ihm vor Freude und Dankbarkeit beinahe um den Hals gefallen, konnte sich das aber gerade noch verkneifen. Er hätte sonst wahrscheinlich nie wieder jemandem von sich aus seine Hilfe angeboten.

Mit einem Leih-Gerät, passendem Lack und ihren Tapeten-Kleister-Farben-Einkäufen im Auto und Damn Silence im CD-Player fuhr sie fröhlich mitsingend zurück in ihr Haus.

6. Kapitel

Die nächsten Tage verbrachte Anna damit, ihr Büro zu renovieren. Es dauerte ewig, bis sie die alte Blümchentapete von den Wänden gekratzt hatte. Sie ließ sich nicht in großen Bahnen abreißen, sondern man erwischte immer nur winzige Fetzen, die sich auch noch hartnäckig an der Wand festklammerten. Sie riss etlichen Putz mit den Tapetenstücken ab. Auch die alten Steckdosen saßen bombenfest. Ehe sie den Trick raushatte, wie sie den Schraubenzieher ansetzen musste, um die Dosen von der Wand zu stemmen, hatte sie schon zwei Steckdosen zerbrochen. Nun musste sie also auch noch neue Steckdosen für den ganzen Raum kaufen, die alten gab es sicher schon seit einem halben Jahrhundert nicht mehr.

Als sie endlich fertig war, sah der Raum aus wie nach einer Explosion. Ein paar Tapetenreste hingen noch an der löchrigen Wand. Unten auf dem Boden lagen Staub und größere Putzbrocken herum.

Also musste sie auch noch die Wand großzügig mit Feinspachtel ausbessern, bevor sie sich endlich an die Tapezierarbeiten machen konnte. Sie war in dieser Zeit bestimmt täglich im Baumarkt, weil ihr irgendein wichtiges Werkzeug fehlte.

Die frisch gespachtelte Wand sah nicht so glatt aus, wie Anna das gern gehabt hätte. Immer wenn sie eine Schadstelle glattgezogen hatte, riss sie sich an anderer Stelle mit dem Spachtel eine neue Rille in die Wand. Es war eine undankbare Arbeit. Sie hoffte, dass das Tapezieren einfacher war. Tapeziert hatte sie schließlich schon öfter in ihrem Leben.

Zwei Tage später war sie jedoch fest davon überzeugt, dass die schrecklichste Arbeit beim Renovieren das Tapezieren war. Die eingeweichte Tapete war schwer und unhandlich und riss dauernd ein. Sie klebte grundsätzlich nur dann an der Wand, wenn sie es nicht sollte und klappte von oben wieder weg, wenn Anna gerade den unteren Teil an die Wand klebte. Mehr als einmal schon war die nasse Tapete auf ihrem Kopf gelandet, so dass sich ihre Haare mittlerweile schleimig und eklig vom ganzen Kleister anfühlten. Hoffentlich konnte man das auswaschen.

Nach einer Weile hatte sie jedoch eine gewisse Routine entwickelt und kam nun einigermaßen schnell voran. Man sah zwar recht deutlich, an welcher Stelle sie angefangen hatte, dort klafften doch ein paar Lücken zwischen den einzelnen Tapetenbahnen, doch sie hoffte, dass das nach dem Streichen nicht mehr ganz so deutlich sichtbar war. Und wenn doch, würde sie einfach ein Regal davorhängen.

Das Malern ging im Gegensatz zu den Vorarbeiten recht einfach vonstatten. Zum Glück hatte sie gute Farbe bekommen, so dass nach zwei Anstrichen das ganze Zimmer und auch Anna selbst in hellem Weiß erstrahlten. Glücklich drehte sie sich einmal um die eigene Achse und bewunderte ihre Arbeit. Es war all die Anstrengung wert gewesen, beschloss sie für sich und machte erst einmal Feierabend.

Der nächste Schock wartete gleich am folgenden Morgen.

Anna schraubte ihre neu gekauften, schneeweißen Steckdosen in die Löcher. Als sie jedoch die letzte Dose in die Hand nahm, war kein weiteres Loch in der Wand vorhanden. Hatte sie sich verzählt? Das konnte doch nicht sein!

Zum Glück hatte sie die alten Steckdosen noch. Sechs Stück und zwei Zerbrochene lagen da. Und sie war sich sicher, dass sie acht neue Dosen gekauft hatte.

Warum war nun eine übrig? Die Löcher konnten doch nicht weniger geworden sein? Doch dann kam ihr die Erkenntnis wie ein Faustschlag. Sie musste eine Dose aus Versehen zugespachtelt haben.

„Macht ja nix, dann habe ich eine Steckdose weniger“, beruhigte Anna sich selbst.

Leider machte es doch etwas aus, wie sie bemerkte, als sie probeweise ihr Ladegerät in eine der Steckdosen steckte.

Nichts passierte.

Kein Strom.

Mit einem abgrundtiefen Seufzer begann Anna, alle Stellen an der Wand abzuklopfen, die für eine Steckdose in Frage kamen. Da sie nicht einfach nur über das Loch tapeziert, sondern auch gespachtelt hatte, würde sie es lediglich an einem leicht hohlen Widerhall erkennen. Während sie wie eine Irre ihre Wand abklopfte, schüttelte sie immer wieder über sich selbst den Kopf. Nicht zum ersten Mal war sie froh, allein zu sein. Niemand war da, der ihre Unfähigkeit verspotten konnte.

Schon gar nicht ihr Vater!

Für ihn wäre es eine Katastrophe, seine Tochter, aus der er so mühevoll versucht hatte, eine Handwerkerin machen, so kläglich auf dem Fußboden herumrutschen zu sehen, um nach einer Steckdose zu fahnden, die sie eigenhändig zugekleistert hatte!

An der dritten Wand wurde sie endlich fündig. Mit dem Messer schnitt sie die Tapete an und klopfte dann mit einem Hammer ein kleines Loch in die Wand.

Da war sie ja, diese hinterlistige Steckdose. Zum Glück funktionierte nun alles, nachdem auch die letzte Dose an der Wand festgeschraubt war.

Nach den Wänden machte sie sich daran, den Boden zu schleifen. Diese Arbeit hatte sie sich auch viel leichter vorgestellt, als sie es war. Sie musste das schwere und unhandliche Schleifgerät gleichmäßig über den Boden bewegen. War sie zu schnell, kratzte das Schleifpapier lediglich ein paar Streifen in den Boden. War sie zu langsam, schliff sie zu viel weg. Außerdem atmete sie Tonnen von Staub ein.

Als sie nach zwei Tagen endlich fertig war und ihr Werk mit höllischen Rückenschmerzen betrachtete, musste sie beinahe heulen. Der ganze Raum war von bräunlichem Staub bedeckt und der Boden hatte vorher auch viel besser ausgesehen. Erschöpft und ziemlich desillusioniert schleppte sie sich nach draußen und ließ sich auf die Treppe fallen.

Warum musste das alles so schwer sein? Warum wurden ihr immer wieder Steine in den Weg gelegt? Was hatte sie verbrochen? Und warum zum Teufel wollte sie auch immer alles alleine machen?

Sie atmete mit geschlossenen Augen tief die frische Luft ein.

Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf ihr Grundstück. Und dann sah sie zum ersten Mal nicht nur all die Arbeit, die noch zu tun war, sondern sie konnte sich plötzlich lebhaft vorstellen, wie schön es einmal sein würde. Und nicht nur das, sie sah plötzlich Pferdeköpfe aus den Stalltüren schauen, Katzen, wie sie im Hof in der Sonne lagen und Hunde, die hinten über die Wiese tollten. Das alles hatte sie so lebendig vor Augen, dass sich ganz von selbst ein Lächeln auf ihr Gesicht schlich.

Eine Idee in ihren Gedanken nahm auf einmal Gestalt an: Hier und jetzt hatte sie die Möglichkeit, einen ihrer ältesten Träume zu realisieren und eine Art Therapiehof für verhaltensauffällige Hunde und Pferde zu eröffnen. Für diesen Traum hatte sie Verhaltenstherapie studiert. Dass aus diesem Traum bisher nichts geworden war, lag sicher einerseits an ihren Eltern, die das Ganze schon immer für eine Schnapsidee gehalten hatten und andererseits hatte sie es sich einfach nie leisten können.

Doch jetzt hatte sie genug Anfangskapital. Dass sie Talent für den Umgang mit schwierigen Hunden hatte, hatte sie noch vor ihrem Studium mit dem Praktikum im Tierheim mehrfach unter Beweis stellen können. Im Studium hatte sie sich dann hauptsächlich mit Pferdeverhalten beschäftigt, so dass sie sicher war, auch diesen Tieren helfen zu können. Auch wenn Anna im Moment noch keine Idee hatte, wie sie das Ganze im Detail aufziehen wollte, war sie unheimlich glücklich und traf die Entscheidung, von nun an alles dafür zu tun, ihren Traum in die Tat umzusetzen.

Mit diesen positiven Gedanken im Hinterkopf konnte sie auch in ihrem Büro weitermachen. Jetzt hatte es einen Sinn bekommen, denn von hier aus würde sie alles organisieren. Also machte sie sich ans Werk, sie staubte die Tapete sorgsam ab und saugte dann den Boden. Zum Glück ließ sich der Staub problemlos entfernen. Und nachdem sie noch zwei Schichten Lack auf den Boden aufgetragen hatte, sah das Zimmer nun auch endlich richtig gut aus. Jetzt konnte sie sich nach passenden Möbeln umschauen.

Einen weiteren Besuch im Möbelhaus später saß Anna am nächsten Nachmittag an ihrem neuen Schreibtisch und tippte ein erstes Konzept für ihren Therapiehof in ihren Laptop. Draußen schien die Sonne und sie fühlte sich pudelwohl in ihrer Haut. Sie war gerade völlig mit sich im Reinen.

Natürlich wartete noch viel Arbeit und es würde sicher noch einige Hindernisse geben, auch welche, an denen sie vielleicht fast verzweifelte. Aber das Wichtigste war getan: Sie hatte endlich ein echtes Ziel, auf das sie hinarbeiten konnte.

Am Abend packte sie noch ihre Tasche für den Besuch bei Suzi in Berlin. Sie freute sich schon auf morgen. Es war trotz allem schön, mal einen Tag lang wieder etwas anderes zu tun, als am Haus zu arbeiten oder einkaufen zu gehen.

Am nächsten Morgen stand sie schon kurz nach zehn vor Suzis Wohnung. Sie wäre noch früher dort gewesen, hätte sie nicht eine Viertelstunde nach einem freien Parkplatz suchen müssen.

Sie war früh aufgestanden, hatte kurz gefrühstückt und war dann sofort losgefahren. Es war seltsam, in Richtung Berlin zu fahren; vor genau drei Wochen war sie in umgekehrter Richtung unterwegs zu ihrem neuen Leben gewesen. Doch je näher sie Berlin kam, desto größer wurde das Gefühl der Vorfreude und auch ein Gefühl der Heimatverbundenheit machte sich breit.

„Anna-Schatz! Es ist so schön, dich zu sehen. Mir kommt es vor, als ob du schon Jahre weg wärst.“ Suzi nahm sie sofort in die Arme und drückte sie fest an sich.

„Ja, Süße. Ich freue mich auch, hier zu sein. Aber ich war doch erst drei Wochen weg“, lachte Anna.

Suzi hielt sie auf Armlänge von sich entfernt und musterte sie von oben bis unten.

„Gut siehst du aus!“, meinte sie ein bisschen verwundert.

Anna wurde rot. Mit Komplimenten konnte sie nicht gut umgehen. Es machte sie verlegen und löste in ihr ein Gefühl der Unbehaglichkeit aus.

„Du meinst wohl, der Dreck und die Farbspritzer in meinen Haaren stehen mir?“ Sie versuchte ein bisschen zu lachen, um ihre Unsicherheit zu überspielen.

„Nein, das meine ich absolut ernst.“ Suzi drehte Anna einmal im Kreis.

„Keine Farbe, kein Dreck und du siehst absolut erholt aus! Nein, das trifft es nicht. Du siehst … glücklich aus. Ja, genau! Richtig glücklich und zufrieden. Was ist passiert?“

Suzis Kompliment verwirrte Anna. Sie sah doch nicht anders aus als früher, oder doch?

Zur Sicherheit warf sie einen Blick in Suzis großen Wandspiegel. Ihr lächelte eine junge Frau in Jeans und T-Shirt mit langen, hellbraunen Haaren und ein paar vereinzelten Sommersprossen auf der Nase entgegen. Das war doch sie, so wie immer!

Aber da war etwas, was auch für Anna neu war. Die grau-grünen Augen dieser jungen Frau blitzten und lächelten mit ihrem Mund um die Wette. Der angestrengte Zug um die Augen und die kleine Denkfalte auf der Stirn waren komplett verschwunden. Diese Frau da im Spiegel sah wirklich absolut glücklich aus.

Während Suzi sie fröhlich plappernd hinter sich her in die Küche zog und Teewasser aufsetzte, überlegte Anna, woran das liegen konnte.

Klar, es war viel passiert in den letzten drei Wochen. Aber sie hätte eher gedacht, dass die ganze Arbeit und die Gedanken um ihre Zukunft einen negativen Einfluss auf ihr Aussehen haben müssten.

Andererseits hatte sie die ganze Zeit nicht einmal an die unschöne Zeit mit Marco denken müssen oder an ihre frühere Arbeit. Sie hatte nach ihrem Studium einen Platz als Projektmanagerin an einem wissenschaftlichen Institut ergattert. Sie hatte sich damals ziemlich schnell hochgearbeitet und zunehmend Verantwortung übernommen. Dies brachte jedoch auch Einschränkungen mit sich: Business-Outfit war Pflicht und sie hielt sich mehr in Meetings als an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz auf. Sie kam abends spät nach Hause und fühlte sich nur noch müde. Darunter litt ihre Beziehung zu Marco, auch wenn dieser seinen Job stets über sein Privatleben stellte. Für Sex blieb kaum Zeit, ebenso wenig fürs Ausgehen. Auch daran war letztlich alles gescheitert.

Und nun war sie so vereinnahmt von den Ereignissen der Gegenwart, dass sie all den Stress von vorher schlicht und einfach vergessen hatte.

Sie saß hier auf Suzis Küchenstuhl und grinste ihre Freundin einfach nur glücklich an. Diese redete die ganze Zeit wie ein Wasserfall und Anna bemerkte, dass sie absolut nichts davon mitbekommen hatte.

Dies war Suzi wohl auch aufgefallen, denn plötzlich fragte sie abrupt: „Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“

Immer noch glücklich lächelnd schüttelte Anna den Kopf und sah ihrer Freundin dabei direkt in die Augen.

Suzi prustete los. „Na, du bist mir ja ein Schätzchen! Wohnst du jetzt auf einem anderen Stern oder was? Muss der Rest von dir erst noch ankommen?“

Ja, so war ihre Freundin. Immer unbeschwert und fröhlich. Suzi goss das Teewasser ein und hatte dann eine interessante Neuigkeit zu berichten. „Mensch Anna, sei froh, dass wir heute Abend zu Silbermond gehen und nicht zu Damn Silence!“

„Warum das?“

Soweit Anna wusste, sollte Damn Silence heute irgendwo in Süddeutschland spielen und nicht in Berlin. Worauf wollte ihre Freundin hinaus?

Diese machte eine dramatische Pause. Dann eröffnete sie ihrer Freundin in verschwörerischem Tonfall: „Die haben das Konzert heute abgesagt, stell’ dir vor! Eine offizielle Begründung gibt es noch nicht …“

„Aber du als Universal-Mitarbeiterin weißt sicher mehr, oder?“, vollendete Anna ihren Satz.

Suzi nickte. „Ja, aber eigentlich darf ich es gar nicht wissen. Ich habe zufällig in Toms Büro gestanden, als er diesen Anruf vom Manager der Band erhalten hat. Und du weißt ja, Tom ist nicht so gut darin, Geheimnisse zu bewahren.“

Sie grinste.

„Und ich weiß auch, dass du so deine Methoden hast, ihm seine Geheimnisse zu entlocken“, fügte Anna noch hinzu.

Suzi hatte schon oft erzählt, dass Tom heimlich auf sie stand.

„Aber nun sag schon, was ist denn nun passiert? Ich glaube, sie haben noch nie ein Konzert ausfallen lassen, oder?“ Anna war jetzt wirklich neugierig.

Suzi hatte seinen Sinn für Dramatik, also trank sie erst einmal in Ruhe einen Schluck Tee, bevor sie antwortete.

„Eddi hat sich angeblich eine Lebensmittelvergiftung eingehandelt. Ha! Wenn du mich fragst, das war bestimmt eher eine Alkoholvergiftung, jedenfalls nach dem, was man so hört. Es soll so schlimm gewesen sein, dass er nun für ein paar Tage im Krankenhaus liegt.“

Anna war bestürzt. Sie hatte vor ein paar Jahren auch mal eine Lebensmittelvergiftung gehabt. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie sich stundenlang die Seele aus dem Leib gekotzt hatte. Danach war ihr noch tagelang flau gewesen. Aber wenn Eddi gleich ins Krankenhaus gekommen war, musste es bei ihm noch schlimmer gewesen sein als bei ihr damals.

„Warum hat eigentlich Tom diese Nachricht bekommen? Ich dachte, Johanna kümmert sich zurzeit um die Band?“, fragte Anna erstaunt nach.

Johanna war Suzis Erzfeindin bei Universal und der Hauptgrund dafür, dass sie so schlecht an Karten für die Band herankam.

Suzis Grinsen wurde jetzt diabolisch.

„Also, leider weiß ich nichts Genaueres, aber ich glaube ja, dass ihre Tage bei Universal gezählt sind. Zu Recht, wenn du mich fragst. Sie muss neben Damn Silence auch noch zwei andere Bands an Tom abgeben. Der hat ja selbst genug zu tun, also muss sie irgendeinen Bockmist gebaut haben. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, was es war. Entweder weiß Tom das wirklich nicht oder er hält diesmal dicht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden! Jedenfalls verspricht es gerade spannend zu werden.“

„Weil Damn Silence zum ersten Mal ein Konzert ausfallen lassen haben?“

Anna spielte an ihrer Tasse und versuchte, den erneuten Themenwechsel nicht allzu offensichtlich werden zu lassen.

„Nein, ich meine, ob Johanna gehen muss oder nicht. Und was dann passiert. Vielleicht suchen sie ja schon bald nach einem anderen Betreuer für Damn Silence. Ich würde mich jedenfalls zur Verfügung stellen. Bei der Band selbst ist alles geklärt. Soweit ich Tom verstanden habe, fällt nur das Konzert heute Abend aus. Danach hätten sie sowieso ein paar Tage frei gehabt und das nächste Konzert findet dann wieder wie geplant statt.“

Anna hätte sich über weitere interne Informationen zu ihrer Lieblingsband wirklich gefreut, aber scheinbar gab es nicht mehr zu berichten.

7. Kapitel

Das Konzert am Abend war ein voller Erfolg. Weil Suzi und Anna schon zeitig da waren, hatten sie einen guten Standort im vorderen Drittel. Sie tanzten und sangen, was das Zeug hielt. Nach dem Konzert waren die beiden Mädchen durchgeschwitzt und richtig müde.

Erst am nächsten Morgen beim Frühstück kam Anna dazu, ihrer Freundin von ihrer Idee zu berichten, einen Therapiehof zu eröffnen. Suzi war sofort begeistert und sie überlegten gemeinsam, was wichtig wäre, um dieses Projekt in die Tat umzusetzen.

„Das Wichtigste für dich ist eigentlich die Werbung. Wie wäre es, wenn du Flyer druckst und sie an verschiedenen Stellen auslegst, zum Beispiel beim Tierarzt?“ Suzi sah Anna auffordernd an, die sofort begeistert nickte. Weil sie gerade einen großen Bissen Brötchen im Mund hatte, konnte sie nicht gleich antworten, also fuhr Suzi fort: „Wenn du mir eine Vorlage schickst, kann ich die Flyer auch bei uns drucken lassen. Das merkt niemand, hier werden jede Menge Flyer gedruckt und ein Haufen Ausschuss ist auch dabei, so dass das gar nicht auffallen wird.“

Wieder nickte Anna begeistert und zwang sich, den Brötchenklumpen in ihrem Mund im Ganzen hinunterzuschlucken.

„Das wäre echt prima, Süße! Meinst du wirklich, das geht?“, fragte sie und nahm erst einmal einen großen Schluck Tee, um dem Klumpen beim Hinunterrutschen zu helfen.

„Klar, kein Problem! Schick mir einfach deinen Entwurf per Mail, dann bekommst du die fertigen Flyer schon zwei Tage später per Post.“

Anna hustete, weil sie sich jetzt an ihrem Tee verschluckt hatte. Es war aber auch zu aufregend. Ihr Traum nahm nun schon echte Gestalt an. Sie brannte förmlich darauf, nach Hause zu fahren und diese Flyer zu entwerfen.

Nach Hause, wie seltsam das klang.

So hatte sie Elisas Haus gerade zum ersten Mal genannt, wenn auch nur in Gedanken. Aber es fühlte sich gut an. Deshalb probte sie es gleich noch einmal laut: „Wenn du willst, kannst du mich ja auch mal bei mir zuhause besuchen kommen und dir alles vor Ort anschauen.“

„Gerne“, Suzi grinste sie an. „Aber nur, wenn ich nicht streichen muss oder sowas. Körperliche Arbeiten liegen mir nicht so. Ich helf’ dir aber gern beim Verteilen der Flyer. Das kann ich dafür umso besser.“

Anna schmunzelte. Sie konnte sich Suzi in dreckigen Klamotten beim Tapete abkratzen oder Bodenschleifen nur schwer vorstellen. Ihre Freundin hatte im wahrsten Sinne des Wortes zwei linke Hände, was das anging. Dafür war sie künstlerisch sehr begabt und konnte gut mit Menschen umgehen. Etwas, das Anna auch gerne gekonnt hätte. Es war ihr immer schon schwer gefallen, auf andere Menschen zuzugehen. Deshalb war Suzis Angebot umso verlockender. Die Vorstellung, fremde Leute fragen zu müssen, ob sie ihre Flyer bei ihnen auslegen durfte, behagte Anna nämlich gar nicht.

Nach dem Frühstück packte Anna ihre Sachen und verabschiedete sich von ihrer besten Freundin. Diese musste, obwohl Samstag war, heute noch arbeiten. Es hatte eben nicht nur Vorteile, wenn man bei einer großen Plattenfirma arbeitete.

Schon bald darauf ließ Anna die Großstadt hinter sich und fuhr nach Norden in Richtung Wandlitz und Schorfheide. Die knapp anderthalb Stunden im Auto verbrachte sie damit, sich erste Gedanken zu ihrem Flyer zu machen.

Als sie dann durch das Tor zu ihrem Grundstück fuhr, hatte sie schon eine ziemlich genaue Vorstellung, wie er auszusehen hatte. Sie hielt sich gar nicht groß mit Auspacken auf, sondern setzte sich sofort an ihren Laptop, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Sie war so darin vertieft, dass sie nicht bemerkte, wie die Zeit verflog. Erst, als sie das Licht ihrer neuen Schreibtischlampe einschalten musste, weil sie die Tasten auf dem Laptop fast nicht mehr erkennen konnte, schaute sie beiläufig auf die Uhr und bemerkte erstaunt, dass es schon nach neun Uhr abends war. Ihr Magen knurrte und ihre Glieder waren vom langen Sitzen ganz steif. Außerdem schmerzte ihr Rücken.

Das alles war aber nebensächlich, denn sie war unheimlich stolz auf ihren ersten Flyer-Entwurf, der jetzt fertig vor ihr auf dem Bildschirm angezeigt wurde. Sie wollte ihn am nächsten Tag noch einmal überarbeiten und würde ihn dann an Suzi schicken, die ihr Versprechen hoffentlich wahr machte. Morgen war zwar Sonntag und selbst Suzi hatte da frei, aber sie konnte die Flyer vielleicht schon am Montag drucken. Dann könnte Anna, wenn alles gut lief, ihre ersten Flyer schon am Dienstag in den Händen halten.

Am nächsten Tag setzte sie sich als Erstes an den Computer. Sie war immer noch sehr zufrieden mit ihrer Arbeit. Sie änderte noch zwei Bilder und die Schriftgröße für den Begleittext, dann schickte sie den Entwurf per Email an ihre Freundin. Sie war wirklich gespannt, wie die fertig gedruckten Flyer aussehen würden.

Um sich selbst zu belohnen, surfte sie ein wenig im Internet. Als sie den Suchbegriff „Eddi Markgraf“ eingab, wurde sie förmlich von Nachrichtenmeldungen, das ausgefallene Konzert betreffend, überschüttet.

Sämtliche Zeitungen Deutschlands schienen sich ihre eigenen Gedanken gemacht zu haben, warum das Konzert nicht stattgefunden hatte. Die jüngsten Meldungen sprachen aber schon von einer Lebensmittelvergiftung, also schien das Management jetzt eine Stellungnahme herausgegeben zu haben.

Eine Schlagzeile machte Anna dann aber doch neugierig.

„Eddi postet Bilder aus dem Krankenhaus“, stand da. Sie klickte sie an. Die Meldung bezog sich wohl auf ein Foto, das Eddi von sich selbst bei Facebook oder Instagram gepostet hatte. Also öffnete sie als Nächstes seine Facebook-Seite und fand das besagte Foto auch gleich an oberster Stelle. Es war ein Selfie von Eddi im Krankenhausbett. Er sah allerdings schon wieder ganz fit aus und grinste in die Kamera.

„Nie wieder Shrimps-Cocktail“, hatte er selbst zu dem Bild geschrieben. Unter diesem waren schon über vierhundert Kommentare, hauptsächlich Genesungswünsche, obwohl das Bild erst vor knapp drei Stunden gepostet worden war.

Anna klappte den Laptop wieder zu. Da es Eddi augenscheinlich besser ging, konnte sie sich  nun um ihre eigenen Aufgaben kümmern.

Weil sie jetzt noch keine Lust hatte, mit dem Wohnzimmer anzufangen, machte sie sich erst eine Tasse Tee und ging dann damit hinaus auf den Hof.

Es war ein wunderschöner Sonntag, der seinem Namen alle Ehre machte. Sie versuchte sich wieder vorzustellen, wie es wäre, wenn ihr aus den Stalltüren wirklich Pferde entgegenschauen würden. Doch heute sah sie nur die abblätternde Farbe an den Türen, die fleckige, graue Fassade und die Löcher im Dach, durch die die Sonne in die Boxen schien und dort den tanzenden Staub sichtbar machte. Ein Sonnenstrahl fiel zudem direkt auf ein größeres Loch im Boden, so als sollte ihr noch einmal deutlich vor Augen geführt werden, dass sie auch hier noch einiges zu tun hatte. Außerdem musste sie das Nebengebäude entrümpeln. Vielleicht konnte sie dort eine Unterkunft für andere Tiere schaffen, für Hunde vielleicht.

Sie ging weiter auf die Wiese. Hier musste dringend Gras gemäht werden. Mit dem Rasenmäher kam man wahrscheinlich schon gar nicht mehr durch. Dafür würde sie eine Sense benötigen. Dennoch war diese Wiese traumhaft. Im Moment wucherten hier Wiesenblumen in den verschiedensten Farben, die von kleinen Insekten umschwärmt wurden. Die Obstbäume, die vereinzelt auf der Wiese standen, hatten ihre Blüten teilweise schon abgeworfen und präsentierten sich jetzt in frischem Hellgrün. Anna vermutete, dass einige der Bäume Apfelbäume waren. Ganz sicher war sie sich allerdings nicht.

Zum ersten Mal sah sie auch das kleine Beet hinter dem Nebengebäude. Das war mittlerweile schon so voller Unkraut, dass sie es vorher gar nicht als solches wahrgenommen hatte. Doch jetzt erkannte sie den geraden Umriss. Hier könnte sie ein bisschen Gemüse und Kräuter pflanzen. Das musste unbedingt auf ihren Einkaufszettel.

Ach, es gab noch so viel, was man tun konnte, um hier alles schön und bewohnbar zu machen.

Anna trank entschlossen ihren Tee aus und ging zurück ins Haus. Es gab genug zu tun, deshalb wollte sie keine Zeit vertrödeln. Jetzt war erst einmal das Wohnzimmer dran. Wenn das auch fertig war, hatte sie sich eine Art „Basisstation“ mit Küche, Bad, Büro, Schlaf- und Wohnzimmer geschaffen, von der aus sie den Rest des Hauses in Angriff nehmen konnte. Hierhin konnte sie sich dann immer zurückziehen, wenn sie Kraft tanken musste oder über irgendetwas nachdenken wollte.

Sie arbeitete den ganzen Tag wie eine Besessene. Auch wenn wieder ihr Rücken schmerzte, war sie sehr zufrieden und glücklich.

Zur Belohnung setzte sie sich an den Laptop und surfte eine Weile in aller Ruhe im Internet.

Suzi hatte ihr zurückgeschrieben. Die Flyer hatten ihr sehr gut gefallen, sie schlug aber noch zwei Änderungen vor und hatte den geänderten Entwurf gleich wieder mitgeschickt. Anna öffnete das anhängende Dokument und musste zugeben, dass Suzi recht hatte. Außerdem hatte ihre Freundin angeboten, ihr die Flyer am Mittwoch persönlich vorbeizubringen, weil sie da frei hatte. Das Angebot nahm Anna natürlich gerne an und bestätigte ihrer Freundin auch die beiden Änderungen.

Ein paar Damn Silence Konzertvideos später verschwand sie unter der Dusche und dann im Bett. Keine fünf Minuten danach schlief sie schon tief und fest.

Als Anna am Montagmorgen erwachte, knurrte ihr Magen. Sie überlegte, was sie sich zum Frühstück machen konnte und schwang sich aus dem Bett. Ihr Elan wurde abrupt durch höllische Schmerzen in den Armen gebremst. Sie hatte sich einen ausgewachsenen Muskelkater zugezogen.

Ihr erstes Haustier – ein Muskelkater!

Sie grinste über ihren eigenen Witz und schleppte sich ins Bad. Auch im Po und in den Oberschenkeln schmerzte es, doch nicht so stark wie in den Armen. Das Zähneputzen wurde zur Qual. Aber der Hunger trieb sie vorwärts.

Direkt nach dem Frühstück fuhr Anna schon wieder in den Baumarkt, diesmal in die Gartenabteilung. Eine Sense fand sie zwar nicht, aber einen schönen, robusten Benzinrasenmäher. Es war etwas schwierig, diesen zusammen mit ihrem Einkaufskorb durch die Gänge zu manövrieren, aber sie schaffte es tatsächlich, nirgends anzuecken.

8. Kapitel

Als am Mittwoch Suzi zu Besuch kam, hatte Anna das Wohnzimmer bereits soweit fertig, dass sie die Möbel wieder einräumen könnte.

Dazu wollte sie aber die Hilfe ihrer Freundin in Anspruch nehmen. Die würde sich zwar beschweren, aber Anna hatte mittlerweile solche Rückenschmerzen, dass sie sich nicht zutraute, das schwere Sofa noch einmal anzuheben.

Als Nächstes war das Nebengebäude an der Reihe. Sie wollte es erst einmal ausräumen und danach entscheiden, was sie damit anfangen konnte.

Als Suzi mit ihrem hellblauen Käfer durch den Wald gerollt kam, war Anna gerade dabei, die ersten Teile aus dem Nebengebäude zu schleppen. Sie ließ den Stuhl, den sie gerade getragen hatte, fallen und rannte durch den Durchgang zu ihrer Freundin. Die beiden Mädchen fielen sich quietschend um den Hals.

Dann zog Suzi aus dem Auto einen Rucksack hervor, öffnete ihn und präsentierte schließlich die ersehnten Flyer: druckfrisch und wunderbar glänzend. Stolz strich Anna mit dem Daumen über das Papier.

„Ist echt schön geworden. Hoffentlich klappt es!“, murmelte sie gedankenverloren vor sich hin.

Suzi war schon durch den schmalen Durchgang zwischen Haus und Nebengebäude verschwunden. Anna folgte ihr und fand sie dort wieder, wo sie in dem Stapel voller Krempel wühlte.

„Wow, eine alte Stehlampe … und eine Schreibmaschine. Wahnsinn! Hast du den Schaukelstuhl dahinten schon gesehen? So einen hatte mein Opa auch.“

Anna musste lachen, wie ihre Freundin ein Stück nach dem anderen zur Seite schob, um sich bis ganz nach hinten durchzukämpfen. Sie selbst hatte vorhin auch schon bemerkt, dass unter all dem Kram einige echte Schmuckstücke standen.

Anna trug einen Hocker und eine verstaubte Kiste nach draußen auf den Hof und setzte sich dann erst einmal in die Sonne, um ihren neuen Flyer noch einmal gebührend bewundern zu können.

„Sie haben Probleme mit Ihrem Hund, Pferd oder einem anderen Haustier? – Anna Diemer, diplomierte Verhaltenstherapeutin, hilft dabei, das Leben mit ihrem Liebling wieder angenehmer zu gestalten. Rufen Sie an!“, stand da in bunten, großen Buchstaben. Darunter ihre Telefonnummer und E-mail-Adresse, sowie die Anschrift ihres Hofes und noch einige Zusatzinfos zu ihrem Angebot. Ausgedruckt sah das Ganze noch schöner aus als auf dem Computer. Irgendwie sehr professionell.

Ob sie damit wirklich an Kunden kommen würde? Und wenn ja, konnte sie damit ihren Lebensunterhalt finanzieren? Im Moment hatte sie aufgrund der Erbschaft noch keine Probleme, aber das Geld würde sicher nicht ewig reichen.

Mitten in ihre Überlegungen hinein stolperte Suzi, die über und über mit Spinnenweben und Staub bedeckt war. Triumphierend hielt sie eine alte, ziemlich große Milchkanne hoch.

„Brauchst du die noch? Wenn nicht, kann ich sie haben? Die würde super in meinen Flur passen!“

Anna musste lachen. Das war typisch Suzi. Die Milchkanne würde sie ihr natürlich gerne überlassen.

„Die Spinnenweben und der Staub sind übrigens gratis. Die kannst du gern auch mitnehmen“, fügte sie gespielt ernst hinzu.

Suzi streckte ihr die Zunge heraus und schüttelte sich, so dass ein Teil des Staubes von ihr abfiel. Ihre neue Errungenschaft brachte sie gleich in ihr Auto. Wahrscheinlich, damit Anna es sich nicht doch noch anders überlegen konnte.

Eine halbe Minute später stand sie wieder vor ihrer Freundin. „Und, wann fahren wir los?“

Anna war nicht klar, was Suzi meinte.

„Na, die Flyer bringen dir hier nichts. Die müssen unter die Leute! Ich habe zuhause schon mal ein paar Adressen von Tierärzten und auch ein Tierheim rausgesucht, die hier ganz in der Nähe sind. Damit solltest du anfangen. Später kannst du dann auch in Berlin auf Kundensuche gehen.“

Anna schüttelte den Kopf über Suzis Tatendrang. Aber sie war auch froh. Sie selbst würde sicher noch Wochen brauchen, bis sie genug Mut gesammelt hatte, die Flyer auch wirklich zu verteilen.

Bevor sie allerdings losfuhren, zeigte Anna ihrer Freundin noch das ganze Haus und Suzi machte sich im Bad unten wieder sauber.

„Das Haus hat wirklich Potenzial. Ich beneide dich echt um dein Glück!“, sagte Suzi später auf der Fahrt zu Anna.

Sie waren auf dem Weg nach Gerswalde, wo Suzi die Adresse eines Tierarztes rausgesucht hatte. Dann wollten sie nach Mittenwalde weiterfahren.

Irgendwo zwischen den beiden Dörfern sollte ein Tierheim liegen und zudem gab es auch noch zwei Tierärzte.

Der erste Tierarzt war sehr einfach zu finden, er hatte seine Praxis direkt am Ortseingang. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch ging Anna hinter Suzi her zum kleinen Empfangstresen. Sie überlegte noch immer, was sie eigentlich sagen sollte, als sie Suzi schon sprechen hörte.

„Schönen guten Tag, mein Name ist Suzanne Fröhlich und das hier ist Anna Diemer, eine der besten Verhaltenstherapeutinnen Deutschlands, die jetzt kürzlich hier in die Nähe gezogen ist. Frau Diemer möchte ihre Dienste nun auch hier im Umfeld anbieten, nachdem sie in Berlin schon sehr erfolgreich war.“

Angesichts dieser schamlosen Lügen wurde Anna ganz heiß und sie fühlte, wie sie rot wurde. Das verstärkte sich noch, als die Helferin jetzt ganz interessiert zu ihr sah: „Was machen Sie denn?“

Anna überlegte, wie sie aus der Sache herauskommen konnte, ohne ihr Gesicht zu verlieren, aber ihr fiel so schnell nichts Brauchbares ein, also druckste sie etwas herum.

„Äh, ich … na ja. Also ich arbeite mit verhaltensauffälligen Tieren, hauptsächlich Hunden und Pferden.“

Als ob die ersten Worte den Bann gebrochen hatten, wusste sie plötzlich, was sie sagen wollte.

„Ich möchte, dass die Besitzer ihre Tiere besser verstehen und durch dieses Verständnis besser mit ihren Lieblingen zurechtkommen.“

Das klang sogar in Annas Ohren sehr gut.

Die Helferin zeigte sich entsprechend beeindruckt. Sie wollte noch mehr fragen, das sah man sofort, doch Suzi unterbrach sie, indem sie einen kleinen Stapel Flyer auf den Tresen legte und sagte: „Wenn bei Ihnen jemand in die Praxis kommt, der Frau Diemers Hilfe benötigt, können Sie gern ihre Kontaktdaten weitergeben. Wir können Ihnen einige Flyer dalassen, dann haben Sie gleich etwas in der Hand. Vielen Dank für Ihre Zeit. Wir müssen jetzt weiter. Frau Diemer muss gleich zu ihrem nächsten Kunden.“

Das fand Anna ziemlich dick aufgetragen, aber es wirkte. Das Mädchen nickte und wie Anna beim Rausgehen sehen konnte, hatten sie auch die Aufmerksamkeit der Wartenden auf sich gezogen, die ihr jetzt alle interessiert nachblickten.

„Suzi, du spinnst doch!“, flüsterte Anna ihrer Freundin zu, sobald sie wieder draußen waren. Die lachte nur und sagte: „Wenn du was werden willst, musst du etwas darstellen und Interesse wecken. So funktioniert es im Musikgeschäft und warum nicht hier auch?“

Sie stiegen in Annas Auto und fuhren weiter in Richtung Mittenwalde.

Kurz vor dem Ortseingang stand ein Hinweisschild zum örtlichen Tierheim. Diesem folgten sie, bis sie vor einem großen, schmiedeeisernen Tor standen.

„Tierheim Mittenwalde“ war in geschwungenen Buchstaben auf ein großes Schild über dem Tor geschrieben.

Wieder war Suzi die Erste, die hineinging.

Anna schaute sich aufmerksam um. Am liebsten hätte sie sich alles in Ruhe genauer angesehen und vor allem die Tiere besucht, doch Suzi stand schon vor einem kleinen Gebäude, an dem „Büro“ stand. Anna beeilte sich, hinterher zu kommen.

Drinnen zog Suzi dieselbe Show ab wie vorhin beim Tierarzt. Die Dame hier war aber nicht ganz so beeindruckt und lächelte nur milde.

„So, Sie sind also eine erfolgreiche Verhaltenstherapeutin? Ich hätte gleich mal einen Fall für Sie. Wir haben einen Hund, der schon seit einem halben Jahr hier lebt und nicht vermittelbar ist. Er ist aggressiv und knurrt und bellt jeden an, der auch nur in die Nähe seines Zwingers kommt. Ich muss mich sogar selbst um ihn kümmern, weil sich meine Angestellten nicht mehr in seine Nähe trauen. Haben Sie Interesse, sich unseren Pino mal anzuschauen?“

Damit hatte Anna natürlich nicht gerechnet.

Sie sah schon aus dem Augenwinkel, wie Suzi abwinken wollte, doch ihr Interesse war geweckt.

Ein erster richtiger Fall!

Das wollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Deshalb legte sie ihrer Freundin die Hand auf ihren Arm und nickte.
„Diesen Hund würde ich mir wirklich gern einmal ansehen. Können Sie mich hinführen?“

Die Frau lächelte nun deutlich freundlicher und stand auf. Dann brüllte sie erst einmal nach hinten, dass sie jemanden am Empfang brauche.

Was für eine laute Stimme! Ihre Angestellten zitterten sicher vor ihr, wenn sie sie anschrie. Sie war kräftig gebaut und ziemlich klein. Mit ihrem praktischen Kurzhaarschnitt und ihren Arbeitssachen wirkte sie sehr maskulin.

Sie schritt vor Suzi und Anna her in Richtung der Hundezwinger, ging dann aber daran vorbei und bis ganz ans Ende der Gebäudereihe.

Suzi fragte ihre Freundin leise, ob sie sich das wirklich zutraue, doch Anna zog lediglich eine Augenbraue hoch und brachte ihre Freundin damit zum Schweigen.

Als die Frau vom Tierheim die Tür zum letzten Gebäude öffnete, schallte ihnen von drinnen schon ein tiefes, böses Bellen entgegen. Suzi, die ein bisschen Angst vor Hunden hatte, blieb draußen zurück, aber Anna folgte der Frau ins Innere.

„Hier wohnen unsere hoffnungslosen Fälle“, brüllte die Frau gegen das Gebell an. Sie konnte aber von der Lautstärke her locker mit den beiden Hunden mithalten, die hier um die Wette bellten.

In dem Zwinger weiter vorn drückte sich ein magerer Schäferhund mit gesträubtem Fell ganz ans andere Ende seines kleinen Bereiches und knurrte sie argwöhnisch und mit gefletschten Zähnen an.

Im hinteren Zwinger rannte ein großer dunkler Schatten am Gitter hin und her, den man aber gar nicht so genau erkennen konnte, so wild gebärdete er sich. Auf diesen zeigte die Frau jetzt und brüllte: „Das ist Pino.“

Je näher sie dem Hund kam, desto wilder wurde er. Deshalb blieb Anna erst einmal an der Tür stehen. Der Hund hatte genügend Stress durch die Anwesenheit der Frau und auch dem anderen war es sicher lieber, wenn sie sich erst einmal zurückhielt.

Kurze Zeit später kam die Frau zurück zur Tür und winkte Anna mit sich nach draußen.

„Und, was denken Sie?“

Anna dachte kurz nach. Sie hatte beim Anblick der Hunde etwas gefühlt.

„Beide Hunde haben große Angst vor Menschen“, sagte sie dann.

Die Frau lachte auf. „Angst? Pino? Nee, der hat keine Angst. Vor was auch? Der schlägt alle in die Flucht! Rex, der Schäferhund vorn, ja, der ist ein Angstbeißer. Aber Pino? Ich glaube, der hält sich mindestens für einen Tiger.“

Anna lächelte die Frau dünn an. Dann schüttelte sie leicht den Kopf. Es würde schwierig werden, diese Frau von ihrer Meinung zu überzeugen, aber sie war sich ganz sicher.

Pino gebärdete sich deshalb so wild, weil er sich selbst schützen wollte. Sie hatte seine Angst gefühlt.

Dieses Gefühl war etwas, das sie sich selbst nicht erklären konnte. Auch damals, im Tierheim, in dem sie ihr Praktikum gemacht hatte, hatte sie öfter so ein Gefühl gehabt und immer hatte es ihr geholfen zu entscheiden, was einem Tier am besten helfen würde. Sie konnte zwar nicht erklären, woher dieses Gefühl kam, aber sie wusste, sie konnte sich darauf verlassen.

Anna war sich zwar bei Weitem nicht sicher, ob sie diesem Hund helfen konnte, aber sie entschloss sich zu einem mutigen Schritt.

Ihr Herz klopfte bis zum Hals, doch ihre Stimme klang fest, als sie sagte: „Hören Sie. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich werde eine Weile mit Pino arbeiten. Und auch mit dem Schäferhund, wenn Sie wollen. Wenn es klappt und die beiden wieder vermittelt werden können, empfehlen Sie mich dafür an ihre Kunden weiter. In Ordnung?“

„Also, wenn Sie das schaffen“, antwortete die Frau halb lachend und halb im Ernst, „dann empfehle ich Sie nicht nur an meine Kunden weiter. Dann sorge ich dafür, dass man Ihnen die Bude einrennt, das kann ich Ihnen versichern!“ Sie lachte dröhnend über ihren eigenen Witz.

Sie verabredeten, dass Anna in den nächsten Tagen immer mal wieder herkommen und mit den Hunden arbeiten würde. Sie sollte jedes Mal nur kurz im Büro Bescheid sagen.

„Damit wir Sie retten können, falls die Hunde sie anfallen“, meinte die Frau augenzwinkernd zu ihr. Anna war dennoch klar, dass das nicht als Scherz gemeint war. Doch sie fühlte sich der Herausforderung gewachsen.

Suzi war beeindruckt und wiederholte das auch mehrfach, während sie zu den beiden Tierärzten in Mittenwalde unterwegs waren. Sie konnte gar nicht genug betonen, wie professionell und mutig Anna gewirkt hatte.

„Wenn das wirklich klappen sollte, spricht sich das hier in so einem Kuhkaff bestimmt total schnell rum und du kannst dich dann wahrscheinlich wirklich nicht mehr retten vor Kunden. Die haben hier doch alle einen an der Waffel, warum sollten deren Tiere nicht alle genauso verrückt sein?“

Anna knuffte ihre Freundin freundschaftlich in die Seite und Arm in Arm fielen sie in der ersten Mittenwalder Tierarztpraxis ein. Diesmal wusste Anna ja, wie Suzi vorgehen würde und spielte brav mit. Sie ließen ihre Flyer da und waren schon wieder unterwegs zum nächsten Tierarzt. Der war leider im Urlaub, da müsste Anna dann später alleine noch einmal hin.

Zufrieden fuhren die beiden Mädchen zurück zu Annas neuem Zuhause. Suzi konnte leider nicht über Nacht bleiben, weil sie am nächsten Tag schon wieder arbeiten musste.

Sie nutzten die verbleibende Zeit, um über alles Mögliche zu reden und gemeinsam zu planen, wie Anna ihren Traum verwirklichen konnte.

Suzi half ihr außerdem, die schwere Couch ins Wohnzimmer zu tragen und das Nebengebäude fertig auszuräumen. Nicht ganz uneigennützig, wie Anna vermutete, denn als sie nach Hause fuhr, hatte Suzi außer der Milchkanne noch eine alte Kamera und eine Waage samt Gewichten im Auto, die allesamt wunderbar als Deko in ihre Wohnung passen würden, wie sie selbst behauptete.

Anna gab ihr die Sachen gern. Suzi hatte ihr schon oft und viel geholfen, nicht nur heute. Sie hatte sich alles verdient, was sie gern haben wollte.

Als ihre Freundin wieder weggefahren war, überfiel Anna auf einmal ein Gefühl der Einsamkeit. Sie wurde sich schlagartig bewusst, dass sie hier ganz allein war. Seltsam, dass ihr das bisher noch nicht aufgefallen war.

Sie war auf sich allein gestellt. Wenn etwas passieren würde, niemandem würde es auffallen und niemand könnte ihr helfen.

Woher all diese negativen Gedanken plötzlich kamen, wusste sie selbst nicht. Fast so, als wäre die ganze positive Energie des Tages mit Suzi weggefahren.

Dabei gab es gar keinen Grund, sich schlecht zu fühlen. Klar, sie war allein. Aber sie wollte sich ja möglichst bald ein paar Tiere anschaffen. Vielleicht fand sie ja in dem Tierheim, in dem sie in der nächsten Zeit mit den Hunden arbeiten wollte, ein passendes Haustier für sich.

9. Kapitel

Bereits am nächsten Vormittag fuhr Anna wieder dorthin. Sie hatte ein Würstchen in Stücke geschnitten und hoffte, dass die Hunde sich damit bestechen ließen. Im Tierheim bekamen sie so etwas sicher selten.

Sie ging kurz im Büro Bescheid sagen, dass sie jetzt da war und eine Weile mit Rex und Pino arbeiten würde. Die unbekannte junge Dame im Büro schien über sie Bescheid zu wissen, denn sie nickte nur und sagte, dass Anna sich dann bitte auch abmelden sollte, wenn sie wieder fuhr. Und wenn sie etwas brauchen würde, solle sie sich auch melden.

Im Moment brauchte Anna nichts, also ging sie bewaffnet mit einem Buch und der Tüte voller Wurststückchen nach hinten ins letzte Gebäude. Sobald sie sich der Tür näherte, begannen die beiden Hunde drinnen wieder denselben Lärm zu veranstalten wie am Tag zuvor. Also begnügte sich Anna für den Moment damit, die Tür zu öffnen und sich dann draußen hinzusetzen und zu lesen.

Es dauerte eine Weile, dann hatten die Hunde wohl verstanden, dass nichts weiter passieren würde und beruhigten sich langsam. Ab und zu hielt Anna die Hand in die Türöffnung. Vielleicht würde ihr Geruch bis zu den Hunden getragen, dann war sie nicht mehr ganz so fremd. Sie musste aber heute auf jeden Fall noch einen Schritt weiterkommen, sonst hätte sie gar nichts erreicht.

Also wechselte sie ihren Platz und rückte langsam in den Türrahmen, so dass die Hunde sie jetzt gut sehen konnten. Wie erwartet ging das Bellkonzert sofort wieder los. Sie drehte sich mit dem Rücken zu den Tieren und steckte die Nase wieder ins Buch. Bei dem Lärm war es schwer, sich auf ihr Buch zu konzentrieren, aber sie wollte jetzt ja auch eigentlich nicht lesen, sondern nur möglichst wenig bedrohlich auf die Hunde wirken.

Diesmal beruhigen sich die beiden schneller. Rex, der Schäferhund, gab etwas eher auf als Pino, doch auch der begnügte sich irgendwann mit einem leichten Knurren in unregelmäßigen Abständen. „Komm ja nicht näher“, sollte das wohl heißen.

Nach etwa einer halben Stunde, in der gar nichts weiter passierte, wagte Anna einen kurzen Blick über ihre Schultern. Der Schäferhund lag ganz hinten in seinem Zwinger und hatte die Augen halb geschlossen. Von Pino konnte sie nur das Hinterteil sehen. Er stand direkt am Gitter, den Kopf außerhalb ihres Blickfeldes. Er war ziemlich groß und muskulös mit glattem, sehr kurzem, schwarz-braunem Fell. Sie hätte seinen Kopf sehen müssen, um es genau zu wissen, aber sie tippte auf einen Rottweiler oder einen Rottweiler-Mischling.

Anna drehte sich wieder um und las weiter.

Für den Moment hatte sie erreicht, was sie wollte: die Hunde hatten ihre Anwesenheit akzeptiert. Weil sie aber nichts Wichtiges vorhatte, wollte Anna noch einen Moment länger sitzen bleiben.

Irgendwann geschah dann etwas, womit auch Anna nicht so schnell gerechnet hätte. Der Schäferhund stand auf und kam ganz langsam und vorsichtig nach vorn. Dabei hielt er die Nase in die Luft, als wollte er ihren Duft genau aufnehmen. Bestimmt hatte er die Würstchen gerochen, die in Annas Schoß in der offenen Tüte lagen.

Sie griff vorsichtig in die Tüte, doch sie konnte nicht verhindern, dass es raschelte. Rex machte sofort einen Schritt rückwärts, verschwand aber nicht mehr bis ganz hinten.

Jetzt hatte Anna ein Stück Wurst in der Hand und hielt es ihm so hin, dass er es deutlich erkennen und riechen konnte. Auch Pino musste das Stück gut sehen können, aber für den wollte sie sich noch ein bisschen mehr Zeit lassen.

Es dauerte eine Weile, bis Rex genug Mut gesammelt hatte, um wieder näherzukommen.

Doch dann sah Anna aus den Augenwinkeln, wie er bis ans Gitter heran schlich.

Schließlich stand er mit der Schnauze an die Gitterstäbe gedrückt und schaute sie an. Sein Schwanz war zwar eingeklemmt und seine Nackenhaare gesträubt, aber sein Blick war nicht aggressiv, sondern hatte einen eher bettelnden Ausdruck angenommen.

Anna warf ihm das Wurststückchen in den Zwinger. Sie war nicht die beste Werferin und deshalb froh, dass das Stück nicht außerhalb und damit unerreichbar für den Hund gelandet war.

Der stürzte sich sofort auf das begehrte Leckerli und schlang es mit einem Happs herunter. Dann kam er erneut vor ans Gitter. Anna sah, dass er seine abwehrende Haltung ein Stück weit aufgegeben hatte.

Sie warf ihm noch ein Stück Wurst in den Zwinger. Diesmal erschreckte ihn das Rascheln der Tüte nicht mehr. Auch das zweite Stück war schnell verschwunden und er stand wieder am Gitter.

„Na, mein Süßer, du brauchst keine Angst zu haben“, sagte sie mit leiser, betont tiefer Stimme. Der Hund antwortete mit einem ganz leichten, angedeuteten Schwanzwedeln. Ein riesiger Erfolg. Er hörte ihr zu.

Sie nahm das nächste Stück Wurst in die Hand und hielt es ihm diesmal ganz vorsichtig hin. Als ihre Hand seiner Schnauze näher kam, wich er erst ein Stück zurück, dann kam seine Nase aber wieder näher und schließlich nahm er es ihr vorsichtig aus der Hand.

„Brav, mein Kleiner“, lobte sie den Hund.

Sie schaute vorsichtig nach links, ob Pino sie auch schön beobachtete. In der Tat – er ließ sie nicht aus den Augen.

Jetzt konnte sie auch seinen Kopf erkennen. Er war bestimmt kein reinrassiger Rottweiler, hatte aber einen großen Anteil dieser Rasse geerbt. Sein Fell war sehr schmutzig, aber Anna hatte den Eindruck, als ob die braunen Stellen bei Sonnenlicht und ohne Schmutz eher ins Gelbliche gingen.

Ein schönes Tier. Seine Augen waren klar und seine Ohren zeigten in ihre Richtung. Er verfolgte jede ihrer Bewegungen.

Anna beschloss, ihr Glück auf die Probe zu stellen und noch einen kleinen Schritt weiterzugehen und warf auch ein Stück Wurst nach hinten Richtung Pino. Das Stück prallte allerdings am Gitter ab und blieb ein kleines Stück davor liegen. Mist! Sie hatte einen ungünstigen Winkel gehabt.

Doch Pino wusste sich zu helfen. Er steckte seine Pfote aus dem Gitter und angelte nach der Wurst. Er bekam sie tatsächlich zu packen und zog sie zu sich heran. Das Stück war schnell verputzt. Als Anna sich jetzt aber ein Stück weiter zu ihm hindrehte, stellte er sofort sein Nackenfell auf und knurrte sie mit gebleckten Zähnen an. Keine Frage, er meinte es ernst.

Also drehte Anna sich zurück und beschäftigte sich weiter mit dem Schäferhund. Der bekam noch ihre ganzen restlichen Wurststückchen. Nebenbei erzählte sie den beiden Hunden leise, was sie von ihnen wollte und dass sie für heute wieder gehen würde, aber die nächsten Tage immer mal wieder herkommen würde und auch frische Wurst mitbringen wollte. Auch wenn die Hunde sicherlich nicht verstanden, was sie ihnen sagte, so lernten sie jetzt ihre Stimme kennen.

Um die beiden nicht unnötig zu erschrecken, krabbelte sie genauso vorsichtig aus der Tür wie sie hereingekommen war. Erst draußen stand sie auf, schloss sie leise und ging dann fröhlich vor sich hin pfeifend ins Büro, um sich abzumelden. Es war dieselbe junge Frau wie vorhin, die ihr lediglich einen schönen Tag wünschte und sich dann wieder ihrem Computer widmete. Viel Interesse an Annas Arbeit schien sie nicht an den Tag zu legen.

Anna zuckte mit den Schultern. Egal, das war auch unwichtig.

Wieder zuhause fand sie in ihrem Briefkasten den ersten an sie gerichteten Brief.

Es handelte sich um ein Angebot einer Heizungsfirma für die Installation eines neuen Gasofens, einer Fußbodenheizung und allerlei Zusatzarbeiten.

Im Anschreiben stand „Wie mit Thomas Lehmann abgesprochen…“. Sie nahm also an, dass es sich bei der Firma um einen seiner Kontakte handelte. Zur Sicherheit wollte sie ihn noch einmal fragen.

Also rief sie kurzerhand die Nummer an, die er ihr bei seinem letzten Besuch hinterlassen hatte. Er ging auch sofort ans Telefon und bestätigte ihr, dass er mit eben der Firma gesprochen hatte, von der sie jetzt das Angebot vorliegen hatte. Dann musste sie ihm noch ein paar Details des Angebotes durchgeben und schließlich den angebotenen Preis sagen.

Er war zufrieden und meinte, sie könne gern annehmen. Sie hätte natürlich noch die Möglichkeit, ein Vergleichsangebot anzufordern. Das müsse sie selbst entscheiden.

Anna beschloss, dass sie Thomas vertraute und rief sofort bei der Firma an, um das Angebot zu bestätigen. Sie vereinbarten einen Besichtigungstermin für den nächsten Tag.

Es ging also voran.

Am Nachmittag fuhr sie dann zu Karl.

Sie hatte keinen besonderen Grund, außer vielleicht dass sie ihn nach einer Sense fragen wollte. Sie hatte einfach Lust, den alten Mann und sein Pferd noch mal zu besuchen. Vielleicht durfte sie Mona wieder putzen. Und, falls Karl das von sich aus noch einmal anbot, vielleicht konnte sie die Stute sogar reiten.

Karl freute sich sehr über den Besuch. Zuerst tranken sie Kaffee und aßen einen Kuchen, den er selbst gebacken hatte. Karl erzählte in dieser Zeit noch einiges über sein Leben als Stallbursche bei Tante Elisa.

Dann durfte Anna Mona putzen. Während sie die Stute bürstete, redeten sie darüber, was in den letzten Tagen bei Anna passiert war. Sie erzählte auch von ihrem Vorhaben, aus Tante Elisas Grundstück einen Therapiehof zu machen und von Pino, ihrem ersten Fall.

Karl hörte aufmerksam zu. Er fand es eine gute Idee und murmelte wieder irgendetwas von „Elisas Vermächtnis“. So ganz genau hatte Anna das aber nicht verstanden, da sie gerade unter Monas Bauch zugange war und aufpassen musste, dass die kitzlige Stute sie weder mit dem Schweif noch mit dem stetig zuckenden Hinterhuf erwischte.

Später durfte sie dann wirklich noch ausreiten. Es war einfach traumhaft. Annas Wunsch nach einem eigenen Pferd wuchs noch ein gutes Stück mehr.

Nachdem Mona etwas später in ihrem Stall glücklich eine Portion Heu mampfte, fragte Anna Karl nach einer Sense, die sie sich ausleihen könnte. Er hatte tatsächlich eine, die sie auch gleich mitnehmen konnte.

Heute hatte sie zwar nicht viel geschafft, aber sie hatte trotzdem das Gefühl, viel erreicht zu haben.

Als sie im Bett lag, ließ sich Anna den ganzen Tag noch einmal durch den Kopf gehen. Sie dachte an Pino und Rex, den Schäferhund, der am Ende ihrer kleinen Trainingseinheit schon viel zugänglicher geworden war.

Sie dachte an ihre neue Heizung, die sie vielleicht schon bald haben würde und sie dachte an ihren Ausritt mit Mona. Es war so schön, mal wieder zu reiten. Vielleicht sollte sie einmal im Internet nach Angeboten für Pferde suchen. Sie hätte so gern ein eigenes Pferd. Und Platz genug hatte sie ja jetzt. Sie müsste dafür allerdings erst einmal den Stall auf Vordermann bringen. Mit dem Gedanken an die viele Arbeit, die da noch auf sie wartete, schlief Anna ein.

10. Kapitel

Schon wieder Freitag. Vor genau vier Wochen war Anna hier mit Sack und Pack angekommen. Seitdem hatte sich schon viel verändert. Äußerlich, aber auch tief in Anna selbst. Sie war zufriedener und ausgeglichener geworden, einfach mit sich selbst im Reinen. Sie hatte ein Ziel und alles was sie tat, tat sie, um darauf hinzuarbeiten. Keine sinnfreien Aufgaben mehr, wie bei ihrem vorigen Job. Sie war so froh, dieses Kapitel ihres Lebens hinter sich gelassen zu haben.

Sie genoss es, noch ein paar Minuten in ihrem Bett liegen zu bleiben und zu überlegen, was sie heute alles unternehmen wollte.

Zunächst einmal der Wiese mit Karls Sense zu Leibe rücken. Vielleicht konnte sie aus dem Gras sogar Heu machen, dann hätte sie schon etwas für das Pferd, das sie sich hoffentlich bald kaufen konnte.

Außerdem wollte heute jemand von der Heizungsfirma herkommen, um sich alles anzuschauen und die letzten Details mit ihr abzustimmen. Und wenn sie dann noch Zeit hatte, würde sie noch ins Tierheim fahren und schauen, ob sie mit Pino weiterkam.

Nach einer erfrischenden Dusche machte sie sich ein reichhaltiges Frühstück.

Gras mit der Sense zu mähen war anstrengend. Sie hatte es zwar schon als Kind gelernt, aber wenn man das nicht häufiger tat, ging es schnell in den Rücken und die Arme. Von den Blasen an den Händen einmal ganz abgesehen. Doch davon wollte sie sich nicht schon vorab entmutigen lassen. Wenn es zu anstrengend würde, konnte sie ja eine Pause machen.

Es war anstrengend – und wie. Schon nach ein paar Minuten lief Anna der Schweiß von der Stirn. Dabei war es noch gar nicht so warm draußen. Die alte Sense war ziemlich schwer und auch ein bisschen zu groß für sie. Durch die fehlende Übung kam sie nur langsam voran. Und wenn sie die große Fläche betrachtete, die sie noch vor sich hatte, wurde ihr ganz anders. Das würde sie nie schaffen.

Unsinn, rief sie sich selbst zur Ordnung. Sie straffte ihren Rücken und holte ein weiteres Mal aus.

Viele Pausen später hatte sie endlich den Großteil der Wiese geschafft. Mittlerweile taten ihr aber nicht nur die Hände, die Arme und der Rücken weh, sondern alles. Das würde morgen einen schönen Muskelkater geben.

Der Rest der Wiese musste bis zum nächsten Tag oder im Falle von allzu schlimmem Muskelkater eben bis zum übernächsten Tag warten. Regen war nicht angesagt, also war es wohl nicht allzu schlimm, noch ein wenig zu warten.

Es war schon Nachmittag und Anna machte sich erst einmal etwas zu essen. Ihr Magen knurrte vernehmlich. Viel Zeit hatte sie allerdings nicht, für zwei Uhr war der Mann von der Heizungsfirma angekündigt. Sie hatte also gerade noch eine halbe Stunde Zeit.

Der Heizungsinstallateur stand pünktlich vor ihrer Tür. Er nahm sich viel Zeit, um alles anzuschauen. Zum Glück hatte er nicht viele Fragen. Schließlich ging es nur noch um einen Termin zum Einbau der neuen Anlage. Das war nicht ganz so einfach, denn Thomas hatte für das Obergeschoss eine Komplettausstattung mit Fußbodenheizung vorgeschlagen. Dazu musste aber überall erst einmal der Boden entfernt werden. Erst dann konnten die Fußbodenheizungsschleifen verlegt werden. Zusammen mit dem Boden sollten auch gleich einige Wände herausgebrochen werden. Für beide Arbeiten hatte Thomas ebenfalls Angebote versprochen, noch war aber nichts angekommen. Anna und der Mann von der Heizungsfirma vereinbarten, dass sie ihn anrufen würde, sobald klar war, wann die Fußbodenheizung verlegt werden konnte.

Mit dieser Lösung waren beide zufrieden und er zog glücklich von dannen.

Kurz darauf war Anna auch schon wieder auf dem Weg zum Tierheim. Erneut mit Würstchen bewaffnet, nur das Buch hatte sie diesmal zuhause gelassen.

Heute stand wieder die Frau hinterm Tresen, die ihr vor zwei Tagen das Angebot mit Pino gemacht hatte. Sie erkundigte sich freundlich, wie der gestrige Tag mit den Hunden gelaufen war, war aber von Annas Erfolgen nicht sonderlich beeindruckt. Anna erfuhr auch endlich ihren Namen: Margarete Heinz. Das passte irgendwie zu ihr. Anna beschloss in Gedanken, sie Heinz zu nennen.

Dann ging sie nach hinten zu den beiden Hunden.

Kaum hatte sie die Tür geöffnet, als das markerschütternde Gebell von drinnen erklang. Sie blieb erst einmal draußen, bis sich die Hunde wieder beruhigt hatten. Wahrscheinlich war das Türöffnen für die beiden Hunde das Signal Jetzt passiert etwas, worauf sie erst einmal mit Abwehr reagierten. Eine typische Reaktion für sehr unsichere Tiere.

Als sie wieder ruhig waren, machte sie sich klein und robbte langsam durch die Tür. Es sah bestimmt lächerlich aus, aber Eitelkeiten waren bei ihrer Arbeit fehl am Platz.

Im Gebäude bot sich ihr fast dasselbe Bild wie am Tag zuvor. Der Schäferhund, Rex, presste sich an die äußerste Ecke seines Zwingers und Pino weiter hinten tobte, dass die Wände wackelten, sobald er sie sah. Doch diesmal dauerte es nicht so lange, bis Rex vorsichtig die Nase in ihre Richtung streckte. Er erinnerte sich wohl an die Würstchen von gestern und wollte jetzt überprüfen, ob sie auch heute welche hatte.

Anna lächelte und warf ihm gleich das erste Stückchen in den Zwinger. Es landete ziemlich nah am Gitter, genauso, wie sie es beabsichtigt hatte. Rex überlegte nur kurz, dann schoss er vor und schnappte sich die Wurst. Er wich auch gleich wieder ein Stück zurück, aber nicht ganz so weit wie vorher.

Auch Pino hatte sich zwischenzeitlich beruhigt. Bei einem vorsichtigen Blick über die Schulter sah Anna, dass er sich ans Gitter gesetzt hatte. Er schaute sie zwar nicht direkt an, seine Aufmerksamkeit war jedoch vollkommen auf sie gerichtet. Er sah nicht aggressiv aus, eher interessiert. Solch ein Verhalten war er von den Menschen nicht gewohnt.

Anna beschloss spontan, ihn heute schon etwas mehr einzubeziehen. Also warf sie ihm ebenfalls ein Bröckchen hin. Diesmal traf sie besser, es landete in seinem Zwinger. Pino holte es sich nicht direkt, erst schaute er sie noch einmal an, so als wolle er abschätzen, was sie mit dieser Aktion bezwecke. Dann entschied er aber, dass für ihn keine Gefahr bestand und fraß das Würstchen. Er leckte sich über die Lefzen und schaute Anna an. Gab es noch mehr?

Sie warf ihm noch ein Stückchen hin und drehte sich dabei etwas weiter zu ihm. Er wertete es nicht als Angriff und holte sich sofort seine Wurst.

„Na du? Du musst nicht immer auf Abwehr gehen, ich will dir nichts tun. Ich will dir helfen.“ Anna sprach wieder extra leise und mit tiefer Stimme, um ihr einen beruhigenden Klang zu geben. Pino stellte die Ohren etwas auf, mehr Reaktion zeigte er nicht. Aber zumindest auch keine Abwehrreaktion.

Anna warf die Wurststückchen abwechselnd zu Rex und Pino. Beide Hunde schienen sie nun völlig akzeptiert zu haben. Doch Anna hatte noch nichts gewonnen. Sobald sie draußen ein ungewöhnliches Geräusch hörten, reagierten beide Hunde sofort wieder mit Aufstellen des Nackenfells und Knurren. Rex eher ängstlich, Pino eher aggressiv. Es würde noch ein ganzes Stück Arbeit werden.

Die nächsten Tage fuhr Anna jeden Tag zu den Hunden. Auch wenn es sehr langsam ging, machte sie jeden Tag Fortschritte. Zwar bellten sie noch immer, sobald die Tür aufging, aber Rex wedelte mittlerweile schon, wenn er sie sah und auch Pino beruhigte sich, sobald sie ins Blickfeld kam. Er legte sich dann normalerweise hin und wartete geduldig ab, bis er an der Reihe war mit Leckerchen fressen.

Laut Heinz war das schon eine Reaktion, die noch niemand bei diesem Hund erreicht hatte. Sonst hatte er sich immer wie wild gebärdet und gar nicht erst abgewartet, was der andere von ihm wollte.

Am nächsten Donnerstag bat Anna dann darum, eine Leine und ein Halsband für Rex zu bekommen. Sie wollte einen kleinen Spaziergang mit dem Hund wagen. Erst mal nur auf dem Tierheimgelände.

Es war kein Problem, Rex das Halsband anzulegen. Sobald sie die Tür zu seinem Zwinger öffnete, drängte er zu ihr nach draußen. Sie hatte die Leckerchen-Tüte ein Stück zur Seite gelegt, um eben diese Reaktion zu verursachen. So konnte sie ihm gleich das Halsband über die Schnauze schieben. Die Leine hatte sie vorher schon daran befestigt. Die ganze Aktion wurde interessiert von Pino beobachtet. Auch er war aufgestanden, als sie die Zwingertür bei Rex geöffnet hatte.

Leine und Halsband waren für Rex offenbar nichts Bedrohliches. Die Welt da draußen allerdings schon. So lange sie sich in dem kleinen Gebäude aufhielten, war er interessiert an allem, vor allem an der Leckerchen-Tüte, die Anna aber wohlweislich gut verschlossen hatte. Sobald sie jedoch leicht an der Leine zog und mit ihm nach draußen gehen wollte, stemmte er sich dagegen.

So ging das nicht. Anna konnte nicht glauben, dass Rex generell nicht hinaus wollte. Sie hatte eher den Verdacht, dass er Angst vor den Menschen da draußen hatte.

Sie musste jetzt aufpassen, dass sie seine Furcht nicht noch unbewusst verstärkte, indem sie der Sache zu viel Bedeutung schenkte.

Also straffte sie die Schultern und zog Rex einfach mit sich nach draußen. Er war zwar stark, aber sie schaffte es, den Hund halb schliddernd über den Fliesenboden zu ziehen. Zum Glück war das Halsband eng genug. Hätte er es jetzt verloren, wäre er bestimmt wieder in seinem Zwinger verschwunden und sie hätte von vorn beginnen können.

Kurze Zeit später stand Rex tatsächlich draußen und blickte sich ängstlich um. Den Schwanz hatte er tief unter seinen Bauch geklemmt und er zitterte leicht. Was war nur mit ihm geschehen? So etwas war doch nicht normal. Bei Gelegenheit musste Anna unbedingt Heinz danach fragen.

Der Spaziergang war kurz und es sah auch nicht so aus, als ob Rex seine Freude daran hatte. Aber immerhin schien er ihr zu vertrauen, denn er orientierte sich stark an Anna und drückte sich gegen ihre Beine. Die Mitarbeiter des Tierheims hielten sich zum Glück fern.

Schon nach zehn Minuten drehte Anna um und ging mit Rex zurück. Zu ihrer Überraschung drängte er nicht zurück in seinen Zwinger. Im Gegenteil, dahin schien er nicht mehr zu wollen. Anna musste ihn quasi durch die Tür ziehen. Rex wollte lieber bei ihr bleiben, doch sie schob ihn in seinen Zwinger hinein und machte sofort die Tür zu, auch wenn ihr das innerlich sehr leidtat. Die Leine klickte sie von außen durch das Gitter ab. Das Halsband konnte er erst einmal behalten. Er bekam dann aber zur Belohnung noch eine extra Portion Würste, die er gierig verschlang.

Auf dem Rückweg dachte Anna über Rex nach. Sie konzentrierte sich im Moment eher auf ihn, schon um Pino zu zeigen, dass von ihr keine Gefahr ausging. Wenn der Rottweiler dann neugierig genug war, würde sie auch stärker mit ihm arbeiten, aber so lange er sofort auf Abwehr ging, wenn sie ihm ein Stück näher kam, beließ sie es dabei, ab und zu mit ihm zu sprechen und ihm Würstchen zuzuwerfen, damit sie ihre Anwesenheit für ihn noch positiv verstärkte.

Rex war ein ziemlich armer Kerl. Er brauchte unbedingt jemanden, an dem er sich orientieren konnte. Am besten wäre vermutlich ein anderer Hund, dem er sich anschließen konnte und von dessen Verhalten er lernen konnte. Durch seine Ängstlichkeit würde es aber schwer werden, einen anderen Hund zu finden, der nicht gleich auf ihn losging. Rex war das geborene Mobbing-Opfer.

In den vergangenen Tagen war auch bei Anna zuhause einiges passiert. Weitere Angebote waren eingetrudelt und sie hatte nun bereits einige Termine vereinbart. Schon morgen würde eine Firma kommen und oben überall den Boden und die vier markierten Wände herausreißen. Die Männer, mit denen sie telefoniert hatte, waren sich sicher, dafür nur einen Tag zu brauchen. Sie stellte das nicht weiter in Frage, sondern vereinbarte mit der Heizungsfirma gleich für Samstag, dass sie die Fußbodenheizung oben verlegen konnten.

Außerdem sollte direkt am Montag der Estrich eingebracht werden. Sie hatte alle Angebote direkt angenommen, denn glücklicherweise war Thomas in den letzten Tagen öfter mit Karl und einem seiner Freunde hier vorbeigekommen, um das Dach im Stall zu reparieren. Bei der Gelegenheit konnte sie mit ihm alle Angebote direkt durchsprechen und mit einigen wenigen von Thomas vorgeschlagenen Änderungen annehmen.

Sie war Karl und seinem Sohn so dankbar für die Hilfe, doch die beiden wollten davon nichts hören.

Am Donnerstagabend war das Dach im Stall dicht. Anna, Karl und Thomas standen feierlich darunter und schauten andächtig nach oben. Jetzt konnte das Wetter dem Stall nichts mehr anhaben und es wurde Zeit, mit den Innenarbeiten zu beginnen. Auch dafür boten Karl und Thomas ihre Hilfe an, doch sie lehnte ab. Mehr konnte sie ihnen nun wirklich nicht zumuten und die paar Ausbesserungsarbeiten würde sie auch allein schaffen.

11. Kapitel

Für den Freitag hatte Anna sich vorgenommen, im Nebengebäude weiter aufzuräumen. Und später wollte sie dann noch einmal intensiv mit Pino und Rex arbeiten. Sie war auf einem guten Weg, da war es wichtig, dranzubleiben.

Nach dem Frühstück kamen wie angekündigt ein paar kräftige junge Männer, die die Abrissarbeiten übernehmen wollten. Ihrer Sprache nach zu urteilen waren es keine Deutschen. Anna tippte auf Polen, sie verstand aber kein Wort. Es konnten auch Russen oder Tschechen sein. War ihr aber auch egal, so lange die Männer ihre Arbeit ordentlich erledigten. Davon überzeugte sie sich höchstpersönlich. Sie hatte ein bisschen Angst, dass die Männer die falschen Wände einrissen.

Doch ihre Sorgen waren unbegründet. Bei einem kleinen Rundgang durch das obere Geschoss, während die Jungs zum Mittagessen weg waren, konnte sie sich davon überzeugen, dass nur dort gearbeitet wurde, wo sie das auch wollte. Die Arbeiter waren sogar schon erstaunlich weit gekommen. Wenn sie so weitermachten, würden sie wirklich bis zum Abend fertig werden. Ansonsten, so hatte ihr einer der Männer, wahrscheinlich der Vorarbeiter, angekündigt, würden sie morgen noch einmal kommen, um ihre Arbeit zu beenden.

Anna machte sich gerade fertig, um ins Tierheim zu fahren, als ihr Telefon klingelte. Sie hatte sich noch nicht an den Klingelton gewöhnt und brauchte ein bisschen, bis sie das Geräusch ihrem Telefon zugeordnet hatte.

Suzi war am anderen Ende und klang ganz hektisch.

„Hallo, Anna-Schatz. Bitte reiß’ mir nicht gleich den Kopf ab, aber ich glaube, ich habe etwas ziemlich Dummes gemacht! Oder vielleicht auch was Gutes, kommt ganz darauf an, wie du es siehst.“

Anna war sofort alarmiert. Sie kannte Suzi und ihren Hang zu Dummheiten. Das klang ernst.

„Suzi? Was ist los?“, fragte sie leicht panisch in den Telefonhörer.

„Na ja, weißt du, ich … nein, ich fange besser von vorn an!“

Suzi druckste herum. Kein gutes Zeichen. Doch jetzt hieß es geduldig zu sein.

Anna wusste, wenn sie ihre Freundin jetzt drängte, würde sie nie erfahren, was passiert war. Also seufzte sie nur und sagte: „Das wäre wohl besser.“

Suzi schwieg ein paar Sekunden. Sie musste wohl überlegen, wie sie anfangen sollte.

„Erinnerst du dich noch, als du bei mir warst und ich dir erzählt habe, dass Damn Silence ihr Konzert abgesagt haben?“

Damn Silence, der Name verursachte bei Anna sofort Schmetterlinge im Bauch. Dass der Name irgendwie in Zusammenhang mit Suzis angeblicher Dummheit stand, war beunruhigend.

Anna riss sich zusammen und antwortete möglichst neutral mit Ja. Allerdings mit einem großen Fragezeichen dahinter.

„Jedenfalls hatten sie vorgestern wieder ein Konzert, diesmal in Leipzig. Und direkt danach ist Eddi wohl zusammengeklappt.“

Anna horchte auf.

Doch Suzi erzählte schon weiter.

„Sie haben ihn direkt ins Krankenhaus gebracht. Der Arzt hat wohl von Überbelastung oder so gesprochen. Genau weiß ich es nicht. Ich war ja nicht da. Aber Tom, und der konnte wohl auch mit dem Arzt reden. Dieser sagte ihm, dass das wohl nicht das erste Mal gewesen sei, dass Eddi zusammengeklappt wäre.“

Das fand Anna jetzt gar nicht einmal so überraschend. In letzter Zeit hatte es einige Meldungen gegeben, die auf seinen schlechten Gesundheitszustand hingedeutet hatten.

„Also war es das letzte Mal doch keine Lebensmittelvergiftung“, mutmaßte sie laut.

„Nein! Das haben sie uns damals nur weismachen wollen. Aber diesmal konnten sie es nicht vertuschen, diesmal war ja direkt jemand von Universal dabei.“

Gut, das war alles schlimm, aber was hatte Suzi damit zu tun? Und warum sollte Anna ihr den Kopf abreißen wollen?

„Suzi, jetzt sag’ schon endlich: Was hast du denn nun angestellt?“

„Warte ab, ich will es dir ja erzählen.“

Suzi holte so tief Luft, dass Anna es quasi durch das Telefon hören konnte.
„Heute Morgen waren die Jungs von Damn Silence dann hier. Es gab ein großes Meeting wegen des Vorfalles und ich durfte auch dabei sein. Sie brauchten jemanden zum Kaffeeholen und Protokollschreiben.“ Suzi kicherte leicht.

Anna hingegen schwante Schlimmes.

„Suzi, was hast du bei dem Meeting gemacht?“

„Gar nichts! Jedenfalls nicht sofort“, wiegelte Suzi ab. „Sie haben die ganze Zeit darüber geredet, was der Arzt Eddi geraten hat. Angeblich soll er sich für eine Weile von dem ganzen Rummel zurückziehen. Genauer gesagt soll er sich wohl von allem, was mit seiner Band zu tun hat, fernhalten. Keine Konzerte, keine Interviews, keine Studioarbeit und keine Autogrammstunden mehr. Unser Oberboss hat es so ausgedrückt, dass er eine Veränderung bräuchte, nur dann würde sich sein Körper erholen können und er wäre den Strapazen wieder gewachsen. Und sie brauchen ihn nun mal in gesundem Zustand.“

Als Suzi wieder schwieg, fragte Anna nach: „Alles schön und gut, aber was hat das mit dir zu tun? Hast du einem von denen Kaffee über die Klamotten geschüttet?“

„Nee, also wirklich! Als ob mir sowas passieren würde“, lachte Suzi.

Doch, genau so etwas würde ihr ähnlich sehen, dachte Anna. Aber sie schwieg, in der Hoffnung, Suzi würde endlich auf den Punkt kommen.

Endlich fuhr ihre Freundin fort: „Eddi wollte von all dem nichts wissen. Er meinte, die Band und alles, was damit zu tun hätte, wäre sein Lebenstraum. Das würde ihm keinen Stress verursachen. Er wollte einfach so weitermachen wie bisher.“ Suzi kicherte.

Anna rollte mit den Augen. Sie fand das nicht so lustig. Vor allem, weil sie noch immer nicht wusste, was Suzi denn nun angestellt hatte.

„Und was ist dann passiert?“, fragte Anna in der Hoffnung, Suzi wieder auf die richtige Spur zu bringen.

„Na ja ...“ Suzi zögerte erneut.

„Als der Oberboss erwähnt hat, dass Eddi mal etwas anderes machen sollte, musste ich irgendwie an dich denken.“

„An mich?“, fragte Anna verwundert. „Warum das denn?“

„Ganz einfach: Seitdem du dieses Haus hast und es renovierst, hast du dich total zum Positiven verändert. Du bist glücklich und wirkst so zufrieden. Du hast ein neues Ziel. Der ganze Stress der letzten Monate, den man dir auch angesehen hatte, ist jetzt irgendwie weg. Du machst eben auch was ganz anderes.“

Anna wusste nicht so ganz, worauf Suzi hinauswollte. Sie ahnte nur, dass es ihr nicht gefallen würde.

Ihre Freundin fuhr fort. „Sie haben dann darüber geredet, wohin Eddi könnte, um abzuschalten und eben was anderes zu machen. Und da ist mir wohl rausgerutscht, dass dein Hof der perfekte Ort wäre.“

„Waaas?“

Annas Gedanken rasten. Wie kam Suzi auf so etwas? Und was bedeutete das jetzt? Sie traute sich gar nicht nachzufragen. Doch das tat sie natürlich doch. Und Suzi bestätigte ihr, dass die Herren von Universal wohl ganz angetan von der Idee waren. Und als dann auch noch die anderen Jungs von der Band einverstanden waren, haben sie einfach entschieden, dass die Konzerte, die noch ausstehen, abgesagt werden und Eddi für einige Zeit abtauchen sollte.

„Und wahrscheinlich wird er das bei dir tun“, fügte Suzi noch abschließend hinzu.

Jetzt war die Katze aus dem Sack.

Anna wusste gar nicht, wie sie reagieren sollte. Sie wusste nicht, wie sie das finden sollte. So eine Aktion war typisch für Suzi, sie hatte öfter solche hirnrissigen Ideen. Sie meinte es gut und wollte allen nur helfen, aber sie dachte dabei selten nach. Und in diesem Fall hatte sie vergessen, ihre Freundin vorher zu fragen, ob diese überhaupt einverstanden war.

„Suzi“, redete Anna eindringlich auf ihre Freundin ein. „Sag denen, du hättest dich geirrt! Dass mein Haus noch gar nicht fertig ist und ich niemanden aufnehmen kann. Das stimmt ja auch.“

„Das habe ich ihnen gesagt“, rechtfertigte sich Suzi. „Sie meinten, das sei kein Problem. Außerdem ist es doch eine tolle Gelegenheit für dich, deinen Eddi endlich einmal persönlich kennenzulernen.“

Anna war fassungslos über die Sorglosigkeit, mit der Suzi jetzt wieder sprach.

„Er ist nicht mein Eddi“, antwortete sie patzig. „Wäre er woanders nicht viel besser aufgehoben? Vielleicht in Hamburg? Da sind doch seine Familie und seine Freundin. Da kann er sich sicher viel besser erholen.“ Wie zur Bestätigung ihrer eigenen Worte nickte Anna heftig, obwohl Suzi sie sowieso nicht sehen konnte.

Warum wollte sie eigentlich partout nicht, dass Eddi herkam? Es war doch wirklich so, wie Suzi gesagt hatte: eine einmalige Gelegenheit. Anna verstand sich im Moment selbst nicht. Aber ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass das alles keine gute Idee war.

„Das hat Eddi auch gesagt“, bestätigte Suzi Annas Vermutung. „Aber der Arzt meinte dann wohl, dass Eddi in Hamburg, wo ihn jeder kennt, auf keinen Fall abschalten kann.“

Anna war noch eine andere Idee gekommen. „Dann soll er doch mit seiner Freundin nochmal nach Australien fahren. Da war er doch anscheinend so glücklich.“

Doch auch darauf hatte Suzi eine Antwort: „Er war doch schon ein Vierteljahr dort. Und was hat es ihm geholfen? Nichts! Außerdem gibt es an der Charité wohl einen Spezialisten, der ihn behandeln soll und da ist es ideal, wenn er in der Nähe von Berlin ist. Nah genug, damit dieser Arzt ab und zu hinfahren und ihn behandeln kann, aber vor allem weit genug von allem weg, um nicht erkannt zu werden und eben Abstand von allem zu gewinnen.“ Suzi klang sehr überzeugt.

Aber Anna wollte noch nicht aufgeben. Einen Trumpf hatte sie noch im Ärmel.

„Und was sagt Eddi zu der Idee, diese Zeit bei einer Wildfremden zu verbringen? In einer Gegend, die er nicht kennt? In einem Haus, das er noch nie gesehen hat? Will er das? War er auch so begeistert wie alle anderen?“

Suzi antwortete nicht sofort und Anna wusste gleich, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht“, begann Suzi zögernd, um dann sofort voller Überzeugung fortzufahren: „Aber es wurde schon beschlossen und demnächst wird wohl auch jemand von Universal bei dir auftauchen, um alles mit dir zu besprechen und irgendwelche Verträge mit dir durchzugehen.“

Anna stöhnte auf. Was hatte ihr Suzi da wieder eingebrockt?

Wie sollte sie sich denn auf ihre Renovierungsarbeiten und die Therapiearbeit mit den Hunden konzentrieren, wenn die ganze Zeit Eddi Markgraf um sie herum war?

Klar wäre es irgendwie schön, wenn er wirklich hier wäre. Es war schließlich Eddi Markgraf und der hatte nicht nur eine tolle Stimme, er sah auch richtig gut aus.

Aber genau das war auch das Problem. Sie würde sich in seiner Nähe bestimmt die ganze Zeit Gedanken machen, wie sie und alles um sie herum auf ihn wirken würden und was er von ihr hielt. Dann müsste sie ständig darauf achten, wie sie aussah und dass sie ja nichts Falsches oder Dummes sagte.

Sie war natürlich auch gespannt darauf, ihren Lieblingssänger einmal persönlich kennenzulernen, aber konnte das nicht lieber auf neutralem Grund geschehen, wo sie die Möglichkeit hatte, jederzeit abzuhauen, wenn es ihr zu peinlich wurde?

Bevor Suzi auflegte, weil sie wieder arbeiten musste, versuchte sie Anna zu beruhigen: „Warte doch erst mal ab, vielleicht wird es ja gar nichts. Vielleicht befinden meine lieben Kollegen deinen Hof gar nicht als geeignet.“

Auch wenn Suzi ihre Worte sicher gut gemeint hatte, wusste Anna gar nicht, welche Möglichkeit die Schlimmere wäre: wenn ihr Hof nicht als gut genug für den wichtigen Herrn Markgraf angesehen würde oder wenn er tatsächlich herkam.

Auch ein paar Minuten nach dem Telefonat hatte sie noch keine Antwort auf diese Frage gefunden.

Mittlerweile waren die Bauarbeiter schon wieder fleißig. Der Lärm von oben war ohrenbetäubend.

Anna ging deshalb lieber hinaus und machte eine kurze Bestandsaufnahme vom Stall. Die Planungen für ihre Zukunft lenkten sie am besten ab. Außerdem könnte sie vielleicht später noch zum Baumarkt fahren und alles kaufen, was sie für die Ausbesserungsarbeiten hier benötigen würde. Und zu den Hunden wollte sie ja eigentlich auch noch.

Also stand sie mit Zettel und Stift bewaffnet in einer der drei Boxen und schrieb alles auf, was ihrer Meinung nach getan werden musste und was man dafür in welchen Mengen benötigen würde. Sie sah unter anderem auch, dass eine Wasserleitung für eine automatische Tränke fehlte, wie sie heute in den Reiterhöfen üblich war und dass sie einen Platz für Heu, Stroh und Kraftfutter sowie eine Art Sattelkammer brauchen würde.

Der Platz auf ihrem kleinen Zettel reichte bald nicht mehr aus. Alles würde sie sowieso nicht auf einmal schaffen, also beschloss sie irgendwann, sich erst einmal auf die dringendsten Arbeiten zu konzentrieren und den Rest nach und nach abzuarbeiten.

Als sie wieder auf die Uhr schaute, sah sie, dass es schon nach sechzehn Uhr war, es wurde höchste Zeit, dass sie aufbrach. Sie hatte länger gebraucht als erwartet, aber immerhin hatte sie in den letzten Stunden tatsächlich nicht weiter über das nachgedacht, was aufgrund von Suzis Engagement nun auf sie wartete.

Anna war gerade dabei, ins Auto einzusteigen, als direkt hinter ihr ein schicker kleiner, schwarzer BMW einparkte. Heute dachte das Schicksal wohl nicht daran, sie hier wegzulassen.

Das Auto sah teuer aus, ein Sportmodell scheinbar. Jedenfalls wirkte es hier, mitten im Wald und neben ihrem verdreckten alten Golf ziemlich fehl am Platz. Vielleicht waren das schon diese Leute von Universal, die Suzi ihr angekündigt hatte? Die verloren ja wirklich keine Zeit.

Aus dem Auto schälte sich jetzt mühsam eine junge Frau in einem hellgrauen Kostüm. Sie hatte ihre langen blonden Haare zu einem strengen Dutt hochgesteckt und die Augen hinter einer modischen Sonnenbrille versteckt. Sie brauchte nicht etwa so lange, aus dem Auto zu kommen, weil sie unsportlich war. Sie sah eher so aus, als ob sie ein paar Mal in der Woche diverse Fitnesskurse besuchte. Nein, sie versuchte allen Ernstes zu vermeiden, dass ihre hochhackigen Schuhe dreckig wurden. Ein Unterfangen das, wie Anna aus eigener Erfahrung wusste, einfach von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Der Waldboden hier lag komplett im Schatten und wurde deshalb nie richtig trocken. Durch die Autoreifen wurde der Schlamm zudem jedes Mal neu aufgewühlt, so dass man hier eigentlich immer dreckige Schuhe bekam.

Ihr selbst machte das nichts aus. Ihre Schuhe waren sowieso nie ganz sauber. Das ging auch gar nicht, wenn man auf einer Baustelle wohnte.

Die Dame hatte es nun endlich geschafft und stöckelte mit angewidertem Gesichtsausdruck zu Anna, die auch wieder ausgestiegen war, allerdings gänzlich ohne sich um ihre Schuhe zu sorgen.

Sie konnte sich ein schadenfrohes Grinsen nicht ganz verkneifen, hoffte aber, dass es wie ein Lächeln wirkte, als sie der Frau ihre Hand entgegenstreckte. Die blickte zwar kurz darauf, beließ es dann aber bei einem kurzen Gruß, ohne ihre Hand zu geben.

„Hallo.“

Dann schaute sie Anna abschätzig von oben bis unten an. „Sind Sie die Besitzerin hier?“

Anna nickte und wunderte sich gleichzeitig, wie jemand ihr so schnell dermaßen unsympathisch sein konnte. Jetzt hielt sie ihr auch noch ihre Visitenkarte unter die Nase.

„Ich bin Frau Schneider von Universal Music“, fuhr sie mit arroganter Stimme fort.

Hielt sie sich allen Ernstes für etwas Besseres, nur weil sie bei Universal arbeitete? Zum Glück dachten nicht alle Mitarbeiter dort so.

„Ich bin hier, um mir Ihr Anwesen anzusehen und zu entscheiden, ob es für unsere Zwecke geeignet ist.“

Was genau „unsere Zwecke“ waren, darüber ließ sie Anna im Unklaren und stöckelte einfach an ihr vorbei auf das Haus zu. Anna zuckte mit den Schultern und sah Frau Schneider zu, wie sie versuchte, die verschlossene Haustür zu öffnen. Als Einbrecherin hätte sie wohl versagt. Da sie aber auch keine Anstalten machte, Anna zu fragen, ob sie ins Haus gehen dürfte, wollte Anna es ihr auch nicht allzu leicht machen.

Und hatte sie nicht bei einem kurzen Blick auf die Visitenkarte den Namen Johanna erkannt?

Das war doch wohl nicht diese legendäre Kollegin von Suzi, die diese so sehr hasste?

Aber Suzi hatte doch erzählt, dass diese Johanna von Damn Silence abgezogen worden war. Vielleicht hatte sie sich ja verlesen. Oder es war einfach eine andere Johanna.

12. Kapitel

Während Frau Schneider an der Türklinke rüttelte, schütteten die Bauarbeiter eine Ladung Schutt aus dem Fenster in den Container. Eine riesige Staubwolke stieg sofort daraus auf und erwischte auch Frau Schneider, die aufgrund des plötzlichen Lärms zusammengezuckt war und schützend die Hand über den Kopf hielt. Als ob das noch geholfen hätte, wenn der Schutt tatsächlich direkt über ihrem Kopf ausgekippt worden wäre. Hilfe suchend blickte sie sich um, ihre Augen trafen auf Annas, die allerdings keine Anstalten machte, irgendetwas zu unternehmen.

Frau Schneider, jetzt deutlich staubiger als vorher, richtete sich wieder auf und ging dann entschlossenen Schrittes um das Haus herum. Anna lief ihr nach und sah, wie sie sich die Gebäude und den Hof genau ansah. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht schwankte dabei zwischen Unglauben und Abscheu. Anna sah sich auch selbst um.

Vor dem Nebengebäude stapelten sich die ganzen Gegenstände, die sie hinausgetragen hatte. Das Nebengebäude selbst sah auch nicht gerade einladend aus. Auch hier bröckelte der graue Putz von der Fassade. Die Fenster waren dreckig und voller Spinnweben, eine Tür hing immer noch schief in den Angeln. Da halfen auch die zwei Blumenkästen vor dem Gebäude nicht, um hier eine Landhausidylle zu schaffen.

Das Wohnhaus selbst und das Stallgebäude sahen von außen nur minimal besser aus. Zwar war die Wiese hinten zum größten Teil gemäht und damit ziemlich ordentlich, aber zwischen den Pflastersteinen auf dem Hof wucherte das Unkraut.

Anna musste zugeben, dass der Eindruck, den ihr Hof im Moment machte, nicht gerade vorteilhaft war. Auch wenn ihr diese Frau Schneider unsympathisch war, sie machte ja auch nur ihren Job. Also konnte Anna sich auch zusammenreißen und ihr behilflich sein. Und wenn sie den Hof als ungeeignet empfand, umso besser. Dann hatte Anna wenigstens in Zukunft ihre Ruhe.

Also entschloss sie sich, nett zu sein. Sie trat direkt vor Frau Schneider und hielt ihr noch einmal die Hand hin.

„Irgendwie bin ich gar nicht dazu gekommen, mich vorzustellen“, sagte sie mit fröhlichem Grinsen, während Frau Schneider jetzt doch verdattert die ihr hingehaltene Hand drückte.

„Ich bin Anna Diemer. Das Haus habe ich vor ein paar Wochen geerbt und bin jetzt dabei, alles zu renovieren und zu sanieren. Möchten Sie sich drinnen umsehen? Aber ich warne Sie, ich habe erst drei Räume wirklich fertig, beim Rest wird zum größten Teil gerade gebaut.“

Auch wenn Frau Schneider sich immer noch kein Lächeln abringen konnte, beschloss Anna, ihre gute Laune beizubehalten und ging voraus zur Haustür ohne ihre Antwort abzuwarten. Sie hörte aber, wie diese ihr hinterherstöckelte.

Zuerst führte Anna ihre Besucherin durch das Erdgeschoss. Da sie auf ihre Arbeit im Büro und im Wohnzimmer besonders stolz war, zeigte sie diese Räume zuletzt. Das Schlafzimmer ließ sie aus, das war Privatsache. Dann ging es hoch in den ersten Stock.

Anna konnte hören, wie Frau Schneider scharf die Luft einsog, als sie die herausgebrochenen Wände und den aufgestemmten Boden sah. Die Handwerker grüßten alle brav und machten dann mit ihrer Arbeit weiter. Es war zwar sehr staubig, aber Frau Schneider bestand trotzdem darauf, alles anzusehen. Besonders lange hielt sie sich in dem hinteren Zimmer auf, das direkt über Annas Schlafzimmer lag und in dem gerade eine Wand zum Nachbarzimmer herausgebrochen wurde. Dadurch wurde das Zimmer ziemlich groß und hell, denn es hatte jetzt Fenster nach zwei Seiten. Außerdem gab es einen direkten Durchgang zum neuen, größeren Badezimmer. Dieses war zwar nur schwer als solches zu erkennen, aber Frau Schneider stellte entsprechende Fragen und Anna erklärte ihr genau, wie sie was geplant hatte. Schließlich nickte sie und ging zurück in den Flur. Anna zeigte ihr noch kurz das Dachgeschoss, doch daran war sie nicht weiter interessiert.

Den angebotenen Kaffee schlug Frau Schneider aus, aber sie setzte sich noch kurz mit Anna an den Küchentisch, um ihr ihre Entscheidung mitzuteilen.

„Also Frau Diemer, das alles hier ist ja noch in katastrophalem Zustand. Unseren Informationen nach sollten sie eigentlich schon viel weiter sein.“

Da Anna wusste, wer hinter diesen Informationen steckte, war sie überrascht über diese Aussage. Suzi war doch selbst erst vor Kurzem dagewesen und hatte alles mit eigenen Augen gesehen. Aber vermutlich hatte sie alles beschönigt, wie es so ihre Art war.

So schlimm, wie Frau Schneider es allerdings darstellte, war es auch nicht. Natürlich, oben sah es nicht gerade ansprechend aus, aber hier unten war es doch alles schon ganz nett.

Die Dame unterbrach Annas Gedanken, indem sie fortfuhr: „Am geeignetsten für unsere Zwecke würde mir das Zimmer oben, das direkt ans Bad grenzt, erscheinen. Das müsste aber schon innerhalb der nächsten zwei Wochen fertiggestellt werden, ebenso wie das Badezimmer. Ansonsten können wir das Ganze sowieso vergessen. Sie bekommen dafür einen finanziellen Zuschuss von Universal, um Ihre Mehrausgaben aufgrund der Beschleunigung der Angelegenheit wieder wettzumachen.“

Anna brauchte ein paar Sekunden, um zu erfassen, was die Dame da eben in ihrer gestelzten Art gesagt hatte.

„Wie viel Geld bekomme ich denn dafür, dass das alles so schnell gehen soll?“

Frau Schneider überlegte kurz. Musste sie jetzt nachrechnen? Oder überlegte sie, ob diese Information in Annas Händen irgendwie zu viel des Guten war? Immerhin schien sie auch noch nicht für würdig befunden zu sein, endlich zu erfahren, was denn nun eigentlich das Anliegen von Universal war.

„Dreißigtausend Euro“, rückte sie schließlich mit der Sprache heraus.

Anna nickte. Das war zwar ein ganz schönes Sümmchen, würde aber vermutlich nicht ausreichen. Schon die Ausstattung für das Badezimmer oben, die sie ins Auge gefasst hatte, würde allein die dreißigtausend Euro verschlingen. Andererseits war diese Summe auch nicht zu verachten. Und sie war ja auch nur dafür gedacht, die ganze Umbauaktion zu beschleunigen. So gesehen war es wohl ein gutes Angebot. Anna hatte zwar keine Ahnung, wie sie das alles beschleunigen sollte, aber sie konnte es ja zumindest einmal versuchen.

„Okay“, stimmte sie deshalb zu. Wenn sich das Ganze als unmöglich herausstellen sollte, konnte sie ja immer noch absagen.

Mit Annas Zustimmung war der Job von Frau Schneider anscheinend erledigt, denn sie stand auf und verabschiedete sich. Dann schob sie ihr die Visitenkarte, die sie ihr vorher nur hingehalten hatte, zu.

Als die Dame gegangen war, warf Anna einen Blick darauf. Sie hieß tatsächlich Johanna mit Vornamen. Da musste sie gleich mal Suzi anrufen und nachfragen.

„Waas? Sie haben echt Johanna zu dir geschickt?“

Suzi rastete fast aus, als Anna ihr von ihrem seltsamen Besuch am Nachmittag erzählte.

„Das tut mir echt leid!“ Suzis Stimme überschlug sich fast. „Wie hat sie sich benommen? War sie genauso zickig und affig wie immer? Und hat sie gesagt, ob Eddi kommen wird?“

Anna wusste gar nicht, auf welche Frage sie jetzt zuerst antworten sollte. Als Suzi für einen Moment Luft holen musste, begann Anna, ihr den Besuch in allen Einzelheiten zu schildern. Suzi war erst entsetzt, dann prustete sie bei der Erwähnung von Johannas Schuhen im Matsch plötzlich los. Sie stöhnte, als Anna von Johannas Einschätzung des Hofes als „katastrophalem Zustand“ erzählte.

„Sie hat allerdings nicht gesagt, dass Eddi kommen wird“, schloss Anna ihre Erzählungen.

„Och, schade. Mensch, ich hätte mich so für dich gefreut. Hat sie gesagt, warum nicht?“

Anna grinste. Klar, für Suzi wäre der Aufenthalt von Eddi bei Anna auf dem Hof super gewesen. Sie wohnte ja auch nicht hier und müsste ihm jeden Tag begegnen. Für ihre Freundin war immer alles super, zumindest so lange sie selbst keinen Aufwand damit hatte. Anna beschloss, sie trotzdem nicht länger auf die Folter zu spannen.

„Na ja, sie hat eigentlich gar nicht gesagt, warum sie da war, sie hat ja immer nur von unseren Zwecken gesprochen und nie von Eddi. Aber sie hat sich schon ein Zimmer für ihn ausgesucht und das Bad oben gleich dazu. Ich soll alles so schnell wie möglich renovieren lassen und würde dafür sogar einen Zuschuss erhalten.“

Suzi war sprachlos. Anders konnte sich Anna die Stille am anderen Ende der Leitung jedenfalls nicht erklären. Irgendwann fragte sie dann aber doch:
„Und? Machst du’s?“

„Jedenfalls habe ich es vor.“

Jetzt quietschte Suzi auf. „Echt? Super! Das ist ja der Wahnsinn! Eddi Markgraf wird demnächst auf deinem Hof residieren. Dann kannst du ihn jeden Tag sehen. Live und in Farbe. Du musst mich dann jeden Tag anrufen. Oder nein, ich komme dich einfach immer nach der Arbeit besuchen. Dann habe ich vielleicht auch mal die Chance, ihn halb nackig durch dein Haus laufen zu sehen.“

Anna schüttelte amüsiert den Kopf. Was Suzi sich gleich vorstellte.
„Also erstens ist ja noch gar nicht raus, ob er kommt. Zweitens schaffst du es niemals, nach deinen Zehn-Stunden-Tagen auch noch hier rauszufahren. Aber bitte, komm’ gern! Dann bin ich nicht so allein und du kannst mir auch noch ein bisschen hier helfen. Und drittens wird Eddi bestimmt nicht halb nackt durch mein Haus laufen.“

Dennoch konnte Anna nicht vermeiden, sich eben diese Szene bildlich vorzustellen. Wenn er hier wirklich halb nackt rumlaufen würde, sie würde ihn bestimmt nicht auffordern, sich anzuziehen. Das musste er selbst wissen.

Anna erwischte sich dabei, wie sie das erste Mal nicht vollkommen negativ über die bevorstehende Zeit dachte. Falls Eddi wirklich kommen würde.

Ein paar Minuten später beendeten sie das Telefonat, weil Suzi schon wieder zu irgendeinem Meeting gerufen wurde.

Sie setzte sich zuerst einmal nach draußen in die Nachmittagssonne. Von oben war immer noch Lärm zu hören. Sie hatte jetzt aber keine Lust nachzusehen, wie weit die Arbeiter gekommen waren. Sie musste nachdenken. Außerdem wollte sie heute noch die Wiese fertig mähen. Zu den Hunden würde sie wohl nicht mehr kommen, dafür hatte sie gerade auch gar keine Nerven mehr. Dafür brauchte man Geduld. Der Besuch von Johanna Schneider heute hatte Anna aber dermaßen aufgewühlt, dass sie nun ganz unruhig war. Ein wenig körperliche, anstrengende Arbeit wie das Mähen wäre da genau das Richtige.

Vorher wollte sie aber überlegen, wie sie die Bauarbeiten am Obergeschoss beschleunigen konnte.

Sie kam zu keinem Ergebnis und beschloss, Thomas anzurufen und zu fragen.

Er ging erst nach dem dritten Klingeln ans Telefon und klang ganz abgehetzt.

„Lehmann?“

„Hallo Thomas, ich bin es, Anna Diemer.“

„Oh, hallo Anna, schön, dass du anrufst. Womit kann ich dir helfen?“

Sein Lächeln war sogar in seiner Stimme zu hören. Er schien sich aufrichtig zu freuen.

Deshalb fiel es Anna auch nicht schwer, ihm von ihren Plänen zu erzählen, das Zimmer und das Bad oben als Erstes und so schnell wie möglich fertig zu bekommen. Den Grund dafür ließ sie unerwähnt. Sie wusste auch nicht, inwieweit sie diese Informationen an die Öffentlichkeit tragen durfte. Zumal sie ja offiziell selbst nicht wusste, was passieren sollte.

Thomas erklärte sich sofort bereit, ihr zu helfen und wollte auch gleich die betreffenden Handwerker kontaktieren und bitten, früher mit ihrer Arbeit zu beginnen.

Außerdem plante er am Samstag zu ihr zu kommen und mit ihr zusammen durchzugehen, wie genau die beiden Räume gestaltet werden sollten.

Dann fing er plötzlich an herumzudrucksen. „Äh, Anna, was ich noch fragen wollte …“

„Ja?“, fragte Anna verwundert nach. Eben hatte er doch noch ganz geschäftsmäßig geklungen.

„Nun, … also ich … würdest du … möchtest du vielleicht danach mit mir essen gehen?“, fragte er dann leise.

Das hatte sie nun so überhaupt nicht erwartet. Thomas war ein Mann von vielleicht Mitte Vierzig. Sie hatte immer angenommen, dass er verheiratet war und Familie hatte. Und nun so etwas. Vor Schreck vergaß sie zu antworten.

„Na ja, also wenn du nicht möchtest …“

„Doch“, beeilte sie sich zu sagen. Sie wusste zwar nicht, ob sie das wirklich wollte, aber vielleicht war das ja gar kein Annäherungsversuch. Vielleicht wollte er sie einfach privat noch ein bisschen kennenlernen. Und es wäre auch für sie nicht schlecht, hier ein paar Freunde zu haben.

Thomas schien erleichtert. „Schön! Dann würde ich so gegen vier zu dir kommen? Dann haben wir genügend Zeit, um alles zu besprechen. Und danach können wir in die Stadt fahren und etwas Schönes essen.“ Jetzt klang er wieder ganz normal.

Anna war sich nun beinahe sicher, dass die Einladung zum Essen keinerlei Hintergedanken hatte. Er war einfach nur unsicher gewesen.

Doch als Anna später mit schmerzenden Händen und Oberarmen auf der Wiese stand und die letzten Meter abmähte, war sie sich wieder unsicher. Wie sollte sie reagieren, wenn Thomas tatsächlich mehr von ihr wollte? Er war so gar nicht ihr Typ. Und nach ihren letzten Erfahrungen mit Männern oder vielmehr mit einem Mann, nämlich Marco, hatte sie die Nase von der Liebe erst einmal gestrichen voll.

Endlich war es geschafft, der letzte Grashalm lag ergeben auf dem Boden und konnte nun in der Sonne trocknen. In ein paar Tagen würde sie das trocknende Gras auflockern und vielleicht umdrehen müssen. Aber für den Moment konnte die Natur ihr Werk tun und das Gras in Heu verwandeln. Glücklich über die geschaffte Arbeit legte Anna sich auf die frisch gemähte Wiese. Sie nahm einen der abgemähten Halme in die Hand und ließ ihn geistesabwesend zwischen Finger und Daumen hin und her rollen. Die Augen hielt sie geschlossen, so dass die letzten Sonnenstrahlen ihr Gesicht wärmen konnten. Ihre Gedanken ließ sie einfach treiben.

Sie erwachte frierend und mit schmerzendem Hinterteil. Abrupt setzte sie sich auf. Es war mittlerweile schon fast dunkel. Sie war tatsächlich hier draußen eingeschlafen. Zitternd packte sie die Sense und ging eilig zurück zum Haus.

Sie war trotz ihres außerplanmäßigen Mittagschlafes ziemlich müde, also ging sie nach ihrem Abendbrot gleich ins Bett, obwohl es eigentlich noch gar nicht so spät war.

Der Tag war dermaßen ereignisreich gewesen, dass sie jetzt sowieso keine Informationen mehr hätte aufnehmen können. Und die nächsten Tage würden vermutlich mindestens ebenso anstrengend werden.

13. Kapitel

Annas Handy riss sie unsanft aus dem Schlaf. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihr zwar, dass es schon nach acht war, aber sie war trotzdem wütend. Es war schließlich Samstag.

Am anderen Ende war ein Mann von der Heizungsfirma. Er wollte wissen, ob sie jetzt wirklich heute schon die Fußbodenheizung verlegen könnten. Dann würden sie nämlich in der nächsten halben Stunde bei ihr auftauchen.

Anna schleppte sich ergeben aus dem Bett, obwohl ihr immer noch alles wehtat. Sie hatte keine Ahnung, ob die Arbeiter gestern alles geschafft hatten. Nach ihrem unfreiwilligen Schläfchen draußen auf der Wiese hatte sie nicht mehr die Kraft aufgebracht, nach oben zu gehen.

Als sie jetzt die Tür zum oberen Flur öffnete, erlebte sie eine kleine Überraschung.

Es war nicht nur alles geschafft, es war auch richtig sauber. Die Arbeiter hatten tatsächlich jeden Krümel Schutt nach draußen geschafft. Die Schutt-Rutsche und der LKW mit dem Container waren auch weg. Da hatten sie ja ganze Arbeit geleistet.

Also gab sie dem Heizungsinstallateur am Telefon das Okay für die Verlegung der Fußbodenheizung.

Jetzt war sie einmal wach, da konnte sie auch wach bleiben, beschloss Anna. Eine kurze Dusche erweckte ihre Lebensgeister. Als sie aus der Badewanne stieg, seufzte sie kurz auf und dachte an ihre komfortable Dusche in ihrer Wohnung in Berlin. Aber hier würde sie demnächst auch wieder eine richtige Dusche haben und nicht in der Badewanne duschen müssen.

Noch während sie sich Frühstück machte, hörte sie draußen das Handwerker-Kommando anrollen. Sie öffnete ihnen die Tür, den Rest schafften die drei Jungs alleine.

Also konnte sie unten in Ruhe ihr Frühstück beenden.

Für diesen Tag hatte sie geplant, erst zu den Hunden und dann auf dem Rückweg zum Baumarkt zu fahren. Und später wollte dann ja auch Thomas vorbeikommen. Wieder wurde ihr etwas mulmig bei dem Gedanken daran, dass er mit ihr essen gehen wollte. Sie fürchtete sich am meisten vor der Situation, ihm sagen zu müssen, dass sie nichts für ihn empfand. So etwas konnte man einfach nicht diplomatisch ausdrücken. Es verletzte den anderen zwangsläufig. Warum hatte sie seinem Vorhaben nur zugestimmt?

Auf dem Weg zu den Hunden wurden diese Gedanken von einer ganz anderen Sorge verdrängt. Würden die Leute von Universal Music wirklich den Sänger von Damn Silence zu ihr schicken? Sie sollte zwar die Zimmer oben fertig machen, aber das hieß ja noch gar nichts. Schließlich war diese Johanna ganz sicher nicht in der Position, irgendetwas zu entscheiden. Aber was wäre, wenn dann tatsächlich Eddi Markgraf vor ihr stehen würde? Irgendwie war das viel zu unreal, als dass Anna sich das wirklich hätte vorstellen können.

Würde sie überhaupt ein Wort herausbringen? Er war dafür bekannt, sehr offen und direkt zu sein. Würde sie damit überhaupt umgehen können? Sie würde sich sicher bis auf die Knochen blamieren, noch bevor sie überhaupt ein Wort gesagt hatte.

Anna wurde immer aufgeregter, je näher sie dem Tierheim kam. Dabei war ja noch gar nicht raus, ob Eddi wirklich kommen würde. Und hier würde sie ihm ganz sicher nicht begegnen.

Sie versuchte, ruhig durchzuatmen. Es war gar nicht so einfach. Ihr Herz klopfte wie wild und ihre Handflächen waren schon ganz feucht vom Schweiß. Wenn sie schon bei der bloßen Vorstellung ihren Lieblingssänger vor sich zu sehen so reagierte, wie würde es dann erst sein, wenn es wirklich soweit war?

Stopp! Keine Panik mehr verbreiten! Sie rief sich selbst zur Ordnung. Am besten gar nicht mehr daran denken. Es würde ja doch nichts ändern.

Natürlich konnte sie ihre Gedanken nicht so einfach abschalten. Sie dachte immer noch darüber nach, als sie in Richtung des hintersten Gebäudes ging. Deshalb bekam sie auch erst gar nicht mit, dass sich etwas Grundlegendes geändert hatte, als sie die Tür zum Hundehaus öffnete. Diesmal hatte sie nicht gewartet, bis die Hunde ruhig waren und war dann erst eingetreten. Ganz in ihre Gedanken versunken, war sie einfach hineingegangen. Erst ein paar Sekunden später bemerkte sie, dass die Hunde gar kein Theater machten. Sie schauten sie nur beide aus ihren jeweiligen Zwingern interessiert an.

Hatten sie überhaupt gebellt? Anna wusste es gar nicht.

„Hallo, ihr beiden Süßen“, begrüßte sie sie nun freundlich.

War das tatsächlich so etwas wie ein leichtes Wedeln, was sie eben bei Pino gesehen hatte? Kaum war sie mal einen Tag nicht hier gewesen, hatten beide einen riesigen Sprung nach vorn gemacht. Anna machte probehalber einen Schritt auf Pino zu. Sofort wich dieser zurück und stellte die Nackenhaare auf.

Es hatte sich doch nicht alles geändert. Immerhin knurrte er nicht.

Sie wandte sich wieder Rex zu. Der wich gar nicht mehr zurück und wedelte sogar deutlich, als sie ihn anschaute.

Kurz überlegte Anna, wie sie hier weiter vorgehen wollte.

Sie musste unbedingt anfangen, stärker mit Pino zu arbeiten. Und bei Rex war jetzt wichtig, ihn an Ausflüge und generell an neue Situationen zu gewöhnen und vor allem ein wenig Gehorsamkeitstraining mit ihm zu machen. Für ängstliche Hunde waren Regeln und Grenzen unheimlich wichtig. Daran konnten sie sich festhalten, wenn sie unsicher waren. Derjenige, der die Regeln machte, war der Chef. Und da es immer der Chef ist, der alle Konflikte löst, kann sich ein unsicherer und ängstlicher Hund an ihm orientieren und durch ihn Sicherheit erlangen.

Zuerst setzte sich Anna heute ganz in die Nähe von Pinos Zwinger. Er protestierte zwar kurz, als sie ihm so nahe kam, beruhigte sich aber auch schnell wieder. Kaum war er einigermaßen entspannt, begann Anna mit ihm zu reden. Wann immer er zu ihr schaute, warf sie ihm ein Bröckchen Wurst hin, als direkte Belohnung für erwünschtes Verhalten. Verhielt er sich abwehrend, reagierte sie gar nicht.

Erst nach ungefähr einer halben Stunde ließ sie es gut sein. Pino hatte die Erfahrungen gemacht, die sie beabsichtigt hatte. Er hatte sich gut darauf eingelassen und sie wollte ihren Erfolg jetzt nicht dadurch gefährden, dass sie es übertrieb.

Also stand sie langsam wieder auf und ging zu Rex hinüber. Der hatte sich, als er bemerkte, dass es nicht um ihn ging, hingelegt und döste nun mit halb geschlossenen Augen. Als Anna zu seinem Zwinger kam, sprang er aber sofort auf. Man sah ihm an, dass er kurz mit sich kämpfte. Sollte er zu ihr kommen oder weglaufen?

Er entschied sich näherzukommen, lief aber ziemlich geduckt. Zur Belohnung bekam er ein Stückchen Wurst. Die Leine war schnell angebracht und Anna bugsierte den sich wehrenden Hund nach draußen. Zum Glück ließ er sich heute etwas schneller davon überzeugen, dass hier draußen keine hundefressenden Ungeheuer lauerten.

Sie blieb mit ihm im hinteren Bereich, da sich vorn einige Besucher tummelten und sie ihn nicht überfordern wollte. Sobald er sich ein bisschen entspannte, übte sie einfache Kommandos mit ihm: „Sitz“, „Platz“ und „Komm“. Er kannte die Signale und war ziemlich eifrig dabei, sie auszuführen.

Gut, das war also kein Problem. „Fuß“ kannte er auch. Da er so konzentriert war, verlor sich sogar ein Stück weit seine Angst. So ließ er sich auch nicht davon ablenken, dass einer der vorbeilaufenden Tierpfleger stehengeblieben war, um ihnen zuzuschauen. Irgendwann ging er dann weg, kam aber gleich darauf mit Heinz wieder. Als Anna in ihre Richtung blickte, hob sie kurz den Daumen. Sogar die Andeutung eines Lächelns war zu sehen.

Sie hatte auch noch eine Weile weiter mit Rex gearbeitet, nachdem Heinz ihren Mitarbeiter zurück an die Arbeit gescheucht hatte und auch selbst wieder gegangen war.

Er machte wirklich enorme Fortschritte. Er würde zwar nie ein einfacher Hund werden, aber jemand mit Hundeerfahrung sollte eigentlich gut mit ihm zurechtkommen.

Auf dem Weg zum Baumarkt überlegte sie, wie sie mit Pino weitermachen wollte. Er war definitiv die härtere Nuss. Mit Rex würde sie die nächsten Tage ein bisschen weiter trainieren und vor allem viel rausgehen, dann könnte Heinz ihn eigentlich auch schon in die Vermittlung geben. Vielleicht sollte sie in den nächsten Tagen einmal mit ihr darüber sprechen.

Wenig später im Baumarkt war sie dann damit beschäftigt, die passenden Werkzeuge und Materialien für die geplanten Stallausbesserungsarbeiten zusammenzusuchen. Es war ein beträchtlicher Haufen, der sich kurz darauf in ihrem Einkaufswagen stapelte. Wenn sie das alles verarbeitet hatte, wäre es kein Stall mehr, sondern ein Vier-Sterne-Hotel für Pferde, da war sie sich sicher.

Thomas stand pünktlich vor Annas Tür. Sie war gerade damit fertig geworden, ihr Auto auszuräumen und hatte jetzt überhaupt keine Lust mehr, irgendetwas mit Thomas zu besprechen oder zu unternehmen. Lieber hätte sie sich gleich an die Arbeiten im Stall gemacht. Aber nun war Thomas da und wegschicken wollte sie ihn natürlich nicht wieder.

Also gingen sie gemeinsam durch die beiden oberen Räume, die für Eddi bestimmt waren. Die Heizungsmechaniker waren schon wieder weg und auf dem gesamten Boden im Obergeschoss schlängelten sich nun dicht an dicht die Heizungsschläuche für die Fußbodenheizung. Da konnte am Montag direkt der Estrich aufgetragen werden.

Im Badezimmer begann dann die eigentliche Planungsarbeit. Wollte Anna eine Badewanne hier oben haben? Und eine Dusche? Natürlich. Am besten ebenerdig. Wie viele Waschbecken würden benötigt?

Thomas schrieb alles genau auf und versprach, einen Installateur zu finden, der das alles so schnell wie möglich umsetzen konnte.

Irgendwann war es dann soweit und sie fuhren zusammen in Richtung Mittenwalde, wo Thomas einen Italiener kannte, bei dem er einen Tisch für sie beide reserviert hatte. Die Reservierung war auch nötig, denn der Italiener war bis auf den letzten Platz besetzt. Das war ein gutes Zeichen. Aber vielleicht war es ja auch das einzige Restaurant im Umkreis von einhundert Kilometern und die Menschen hier hatten einfach keine andere Möglichkeit auszugehen.

Thomas lachte über ihre Vermutung. „Nein, keine Angst. Restaurants gibt es hier genug. Aber La Traviata ist wirklich das beste italienische Restaurant in ganzen Umkreis. Es gibt noch einen guten Griechen in Gerswalde, den Rest kann man aber getrost vergessen.“

Das Essen war wirklich gut und Anna konnte den Abend mit Thomas genießen. Sie war überrascht, als sie erfuhr, dass er gar nicht Karls leiblicher Sohn war. Er hatte als Kind bei Tante Elisa auf dem Hof gelebt und war schließlich von Karl adoptiert worden. Er verdankte ihrer Tante sehr viel.

Das erklärte natürlich einiges, vor allem warum Karl und er so unterschiedlich aussahen.

Er war ein guter Gesprächspartner und machte zum Glück während des ganzen Abends keinerlei Annäherungsversuche. Dennoch vermied Anna sicherheitshalber alle Signale, die er vielleicht falsch hätte verstehen können. Sie schaute ihm nicht in die Augen wenn sie lachte, sie achtete auf ihre Gesten und machte auch keine zweideutigen Bemerkungen.

Hätte sie sich in dieser Richtung noch mehr entspannen können, wäre der Abend wirklich perfekt gewesen. Aber auch so verabschiedete sie sich später vor ihrem Haus sehr freundlich von ihm und umarmte ihn sogar spontan. Sie war einfach nur erleichtert, dass er so zurückhaltend gewesen war.

Hoffentlich versteht er die Umarmung nicht falsch, dachte sie, als sie ihm hinterherwinkte.

14. Kapitel

Am Sonntag wachte Anna gut gelaunt auf. Ihre Befürchtungen, was den Abend gestern mit Thomas anging, waren nicht eingetreten und sie kam mit ihrer Arbeit im Haus und auf dem Hof gut voran. Heute wollte sie sich den ganzen Tag dem Stall widmen, damit sie endlich ihren Traum verwirklichen konnte, einmal Pferde hier zu haben.

Gleich nach dem Frühstück stand Anna im Stall und atmete die frische Morgenluft ein. Sie sah sich um und träumte ein wenig davon, wie es hier einmal aussehen könnte. Schließlich gab sie sich einen Ruck und begann, mit einem Hammer den losen Putz von den Wänden zu klopfen. Die entstandenen Löcher würde sie mit Putzmörtel füllen und später alles überstreichen. Mit demselben Mörtel könnte sie auch versuchen, das Loch im Boden zu füllen.

Es war eine ziemlich dreckige und staubige Arbeit, doch bis zum Mittag hatte sie alle losen Stellen entfernt. Zumindest im Innenraum. Um die Außenwand wollte sie sich später kümmern.

Nach einem kurzen, improvisierten Mittagessen machte sie sich daran, den Putzmörtel anzurühren. Auch das ging vergleichsweise einfach und ließ sich auch einigermaßen gut verarbeiten. Allerdings klebte der Mörtel nicht nur auf der Wand gut. Auch ihre Hose und ihr T-Shirt bekamen einiges ab. Den Rest der Masse füllte sie in das Loch im Boden. Jetzt musste alles ein bisschen trocknen, bis die Farbe aufgetragen werden konnte.

In der Zwischenzeit nahm sich Anna die maroden Heuraufen vor. Sie wollte ein paar lose Bretter befestigen und einige besonders marode Teile auch durch neue Bretter ersetzen, die sie extra zu diesem Zweck im Baumarkt besorgt hatte.

Anna war gerade dabei, die Bretter an der Heuraufe in der ersten Box wieder festzunageln, als sie ein Auto den Waldweg hinauf kommen hörte. Es war ziemlich schnell unterwegs, jedenfalls hörte es sich so an. Weil sie plötzlich das Schlimmste befürchtete, rannte sie nach draußen durch den Durchgang zu ihrem Auto, das auf dem Waldweg geparkt war. Doch zum Glück schaffte es das andere Auto noch, kurz vorher abzubremsen. Der Schlamm spritzte nur so nach hinten weg.

Es war ein schwarzer Sportwagen. Was wollte diese Johanna denn schon wieder hier?

Auf den zweiten Blick erkannte Anna jedoch, dass es ein anderes Auto war. Zwar ein ähnlicher Typ, aber größer.

Es saßen zwei Personen darin. Eben öffneten sie die Türen und stiegen aus.

Anna blieb fast das Herz stehen, als sie den Fahrer erkannte.

Zwar hatte er eine dunkle Sonnenbrille auf, aber seine Statur, er war über einen Meter neunzig groß und sehr gut gebaut, und die blonden, verwuschelten Haare waren einfach unverkennbar: Eddi Markgraf stand tatsächlich da, mitten auf ihrem Waldweg und musterte zuerst das Haus, dann ihr Auto. Er sah gut aus mit seinem schwarzen Shirt und den verwaschenen Jeans. Mit der Hand fuhr er sich durch die Haare und brachte seine ohnehin kaum vorhandene Frisur noch weiter in Unordnung. Schließlich blickte er in ihre Richtung.

Schlagartig wurde sie sich ihres Aussehens bewusst. Ihre Haare hatten sich zum größten Teil aus dem Zopf gelöst und hingen ihr nun wirr um das Gesicht herum. Ihre Hände waren schmutzig und sie war sich nicht sicher, ob sie sich mit ihnen nicht mal in das Gesicht gefasst hatte. Hoffentlich hatte es keine Schmutzstreifen. Wobei das sicher nicht groß auffallen würde, weil ihre Hose und ihr T-Shirt mittlerweile nicht nur staubig waren, sondern auch viele Mörtelflecken aufwiesen.

Ihr Puls erhöhte sich schlagartig, als Eddi mit ausgestreckter Hand auf sie zukam.

„Hi, ich bin Eddi Markgraf“, stellte er sich vor. Dann schüttelte er ihr ohne zu Zögern die dreckige Hand. Sein Händedruck war fest und warm. „Arbeitest du hier?“

Ohne ihre Antwort auch nur abzuwarten, drehte er sich jetzt zu dem anderen Mann um, den Anna bisher nicht einmal richtig wahrgenommen hatte und rief ihm zu: „Das soll wohl ein Witz sein! Das hier ist doch keine Klinik! Eher eine Ruine! Genau wie Johanna gesagt hat.“

Anna schnappte empört nach Luft, als ihr klar wurde, dass er von ihrem Haus redete. Wie konnte jemand ihr so nett die Hand geben, trotz all des Drecks und dann einen Augenblick später so über ihr Haus reden?

Der andere Mann war mittlerweile nähergekommen und gab Anna ebenfalls die Hand. Er war mittelgroß und ziemlich schlank, sah aber sonst trotz seines gut geschnittenen, dunkelgrauen Anzugs ziemlich durchschnittlich aus. Er lächelte sie freundlich an. Eddis Einwurf ignorierte er einfach.

„Guten Tag. Sind Sie Anna Diemer?“, fragte er freundlich. Nach ihrem Nicken ließ er ihre Hand wieder los und fuhr fort.

„Entschuldigen Sie bitte, dass wir Sie hier unangekündigt an einem Sonntag überfallen. Mein Name ist Stefan Brandt. Ich arbeite bei Universal Music und bin hier, weil wir mit Ihnen noch einige Verträge und Formalitäten durchgehen müssen. Und unser Eddi hier …“

Er schaute sich suchend um. Anna ebenfalls. Doch von Eddi war keine Spur mehr zu sehen. Er war wahrscheinlich schon in den Hof gegangen.

Stefan Brandt lachte etwas gezwungen und fuhr dann fort: „Also, Eddi wollte sich das Haus einfach schon mal anschauen. Hören Sie nicht darauf, was er sagt. Er hat heute ziemlich schlechte Laune.“

Anna zog die Augenbrauen hoch. Schlechte Laune entschuldigte aber kein unhöfliches Benehmen. Und als solches erachtete sie es, wenn man ungefragt in die Grundstücke anderer Leute eindrang, selbst wenn es Eddi Markgraf war.

Schlimmer noch, als sie ihm in den Hof gefolgt waren, war von Eddi noch immer nichts zu sehen. Dafür stand die Haustür offen. Der Gute war also schon im Haus auf Entdeckungstour gegangen. Ganz allein und ohne auf eine Einladung zu warten. Na, der würde oben eine Überraschung erleben, wenn er schon von außen gedacht hatte, das Haus wäre eine Ruine.

Er war tatsächlich schon oben. Sie hörten ihn irgendetwas sagen, es klang nicht nett. Dann stürmte er die Treppe wieder hinunter, vorbei an Anna und seinem Begleiter und nach draußen. Er hatte sein Handy am Ohr und redete aufgebracht auf sein Gegenüber ein. Stefan Brandt zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Wollen wir vielleicht reingehen? Dann kann ich Ihnen die Verträge zeigen.“

Dabei tippte er auf die Aktentasche, die er unter den Arm geklemmt hatte. Anna war zwar alles andere als angetan, doch ihre gute Erziehung siegte.

„Möchten Sie vielleicht einen Tee oder Kaffee?“

„Kaffee wäre toll“, lächelte er sie an.

Dann brüllte er nach draußen zu Eddi: „Kaffee?“

Der winkte nur ab und redete weiter ins Telefon.

Stefan Brandt folgte Anna in die Küche. Die Tür zu ihrem Büro stand offen.

Er machte einen Schritt in diese Richtung und fragte dann: „Darf ich?“

Anna nickte. Wenigstens einer, der es nicht als selbstverständlich ansah, sich hier ungefragt umzusehen.

Er ging in das Büro und schaute von dort aus auch ins Wohnzimmer. Dann kam er wieder zurück in die Küche, wo Anna schon das Kaffeepulver in die Maschine füllte.

„Nett haben Sie es hier.“

Anna lachte auf. „So? Das sieht ihr Begleiter aber anders.“

„Sie müssen ihn entschuldigen. Eddi ist sonst ganz anders. Ach, da fällt mir ein, wissen Sie überhaupt, wer Eddi Markgraf ist?“, fragte er und fuhr fort, als Anna nickte.

„Zurzeit ist er ziemlich verärgert, weil wir ein paar seiner Konzerte absagen müssen aus … äh … gesundheitlichen Gründen.“

„Sie können es ruhig beim Namen nennen. Ich weiß, dass er schon zwei Zusammenbrüche hatte.“

Stefan Brandt sah sie verwundert an.

„So?“, fragte er nur, beließ es dann aber dabei.

Anna versuchte sich zu erinnern, ob diese Information öffentlich war oder ob sie das nur von Suzi wusste. Sie wollte ihrer Freundin keinen Ärger bereiten. Und den Leuten von Universal war sicher klar, woher sie interne Informationen bekommen haben könnte.

Während der Kaffee durch die Maschine lief, breitete Stefan Brandt einige Unterlagen auf dem Küchentisch aus.

„Was sind das für Verträge?“, fragte Anna, während sie Tassen aus dem Schrank holte und zusammen mit Zucker und Milch auf den Tisch stellte.

Er zeigte auf einen Zettel.

„Nun, hier geht es zum Beispiel um die dreißigtausend Euro, die Sie von uns für die Renovierung bekommen. Wir bräuchten noch Ihre Bankverbindung und Ihre Unterschrift, damit wir das Geld überweisen können. Und hier drüben“, er holte einen anderen Stapel Papier hervor, „haben wir die Vereinbarung zur Unterbringung. Sie stellen ein Zimmer und ein Bad zur Verfügung und sorgen für die Verpflegung, dafür erhalten Sie eine wöchentliche Aufwandsentschädigung in Höhe von siebenhundert Euro.“

„Ich soll für ihn kochen?“, fragte Anna entgeistert dazwischen. Ihre Stimme klang etwas panisch, das fand sie selbst. Stefan Brandt lächelte ihr zu.

„Nur wenn Sie möchten. Sie können auch einen lokalen Caterer beauftragen. Falls die Aufwandsentschädigung dafür zu niedrig ist, sagen Sie einfach kurz Bescheid, dann stocken wir die Summe entsprechend auf.“

Anna musste erst einmal durchatmen. Das war plötzlich alles so real. Sie saß hier und redete darüber, wieviel Geld sie dafür erhalten würde, dass sie Eddi Markgraf bei sich aufnahm. Wenn sie jedoch an den unhöflichen Kerl da draußen dachte, war die Aufwandsentschädigung wirklich gerechtfertigt.

Doch Stefan Brandt redete schon weiter.

„Etwa zweimal die Woche wird ein Arzt aus Berlin herkommen und Eddi behandeln. Es war wirklich ein Glücksgriff für uns, dass Sie uns hier eine Unterbringung anbieten konnten. Es ist so nah an Berlin und trotzdem im absoluten Niemandsland.“

Das klang nicht gerade wie ein Kompliment, obwohl er es wahrscheinlich so gemeint hatte. Aber Anna war der Meinung, dass sie als Einzige das Recht hätte, diese Gegend hier als Niemandsland zu bezeichnen.

Und was sollte eigentlich dieses „dass Sie uns eine Unterbringung anbieten konnten“? Von Anbieten konnte hier kaum die Rede sein. Sie fühlte sich eher wie unabsichtlich ins Kreuzfeuer geraten. Um ihren aufkommenden Ärger hinunterzuschlucken und vom Thema abzulenken, fragte sie, um was für einen Arzt es sich handelte.

„Professor Laikkonen ist ein anerkannter Spezialist der Psychosomatik. Er ist auf solche Fälle wie den von Eddi spezialisiert. Er arbeitet an der Charité, ist aber bereit, zweimal die Woche hierher zu fahren, um Eddi die Fahrt in die Stadt zu ersparen. Es ist nämlich absolut wichtig für ihn, dass er keinerlei Stress ausgesetzt ist. In einer Großstadt, in der er alle paar Meter erkannt und um Autogramme und Fotos angebettelt wird, hat er auf jeden Fall zu viel Stress. Aber hier? Ich glaube kaum, dass die Eichhörnchen und Rehe auf Autogramme von ihm aus sind.“ Er lachte über seinen eigenen Witz.

„Auch wenn Sie es kaum für möglich halten“, meinte Anna nun etwas schärfer als beabsichtigt, „auch hier im Niemandsland leben Menschen, die Eddi erkennen könnten.“

„Womit wir auch gleich beim nächsten Thema wären“, antwortete Stefan Brandt geschäftsmäßig und zog den größten Packen Zettel aus dem Stapel hervor.

„Die Verschwiegenheitserklärung.“

Er knallte den Packen vor Anna auf den Tisch. Unbeeindruckt stand sie erst einmal auf, um den Kaffee einzuschenken.

„Milch? Zucker?“

„Beides bitte.“

Sie bereitete in aller Ruhe den Kaffee zu und setzte sich dann wieder hin. Ohne den Stapel vor sich zu beachten, sah sie Stefan Brandt abwartend in die Augen.

Offenbar verstand er ihre unausgesprochene Frage.

„Wenn Sie die Erklärung unterschreiben, verpflichten Sie sich damit, niemandem etwas von Eddis Aufenthalt bei Ihnen zu erzählen. Keinem Nachbarn, keiner Freundin und ganz besonders nicht der Presse.“

„Und wenn ich nicht unterschreibe?“, fragte sie herausfordernd.

„Dann kommt unsere Vereinbarung nicht zustande und wir müssen einen anderen Platz für Eddi suchen.“

Er sagte das so kalt und geschäftsmäßig, dass Anna unwillkürlich ein Schauer den Rücken hinunterlief. Kurz hatte sie das Gefühl, Eddi sei kein Mensch, sondern ein Hund, für den ein neuer Platz gesucht wurde. Und wenn sich kein Platz fand, würde er im Tierheim landen.

Eddi war natürlich kein Hund und würde auch nicht im Tierheim landen. Aber es klang trotzdem nicht sehr menschlich, was die Plattenfirma da vorhatte.

Anna blätterte etwas in dem Stapel vor sich.

„Sie müssen sich natürlich nicht sofort entscheiden“, fuhr Stefan Brandt mit deutlich milderer Stimme fort.

„Lassen Sie sich alles durch den Kopf gehen und lesen sie sich die Verträge in aller Ruhe durch. Wenn Sie mit allem einverstanden sind, unterschreiben Sie und schicken alles zu mir. Wenn nicht, zerreißen Sie es und es ist, als wären wir nie hier gewesen.“

Während seiner Rede hatte er ihr seine Visitenkarte über den Tisch geschoben.

„Angenommen ich unterschreibe, wann würde das alles losgehen?“, fragte Anna vorsichtig nach.

„Das kann ich Ihnen im Moment noch nicht genau sagen. Wir müssen erst noch ein paar Termine checken. Aber seien Sie versichert, sobald Eddi hier bei Ihnen auftaucht, wird das Geld auf Ihrem Konto sein.“

Das war es zwar nicht, was sie interessiert hatte, war aber auch eine wertvolle Information.

Während sie ihren Kaffee austranken, fragte Stefan Brandt Anna regelrecht aus.

Wie sie zu dem Haus gekommen sei und was sie vorhatte. Was sie vorher beruflich getan hatte, was ihre Hobbies waren, welche Bücher sie las und was sie für Musik hörte.

Anna antwortete wahrheitsgemäß, nur dass sie ein großer Damn Silence Fan war, ließ sie aus. Sie wusste selbst nicht genau, warum sie das verschwieg, aber irgendwo im Hinterkopf befürchtete sie, dass diese Tatsache Eddis Aufenthalt hier im Weg stehen könnte.

Er schien mit ihren Antworten zufrieden zu sein, denn er nickte und lächelte immer mal wieder. Sobald er allerdings den letzten Schluck Kaffee ausgetrunken hatte, stand er sofort auf.

„Gut, Frau Diemer. Vielen Dank für Ihre Gastfreundschaft. Ich muss mich jetzt wieder verabschieden, es ist schließlich Sonntag und meine Familie will auch noch was von mir haben.“

Er lachte kurz auf, es klang aber nicht sehr fröhlich. Vermutlich sah er seine Familie nicht allzu oft. Wie die Arbeitszeiten bei Universal waren, das wusste Anna ja schon von Suzi.

Sie begleitete ihn bis zum Auto, in dem Eddi schon saß und auf seinem Handy herumtippte. Er schaute nicht einmal auf, als Stefan Brandt einstieg. Sobald dieser die Tür zugeschlagen hatte, startete Eddi den Motor und fuhr mit einem Affenzahn rückwärts den Waldweg hinunter.

Kein Blick zurück, kein Lächeln oder Winken. Eine ordentliche Verabschiedung hatte Anna ja gar nicht mehr erwartet. Aber mit so einem unfreundlichen Verhalten hatte sie auch nicht gerechnet. Dagegen war diese Johanna ja die Freundlichkeit in Persona gewesen.

Das sollte ihr Eddi Markgraf gewesen sein?

Der Mann, dessen Stimme für sie die Welt verzaubern konnte?

Der tausende von Menschen auf seinen Konzerten in seinen Bann schlagen konnte und mit seinen Späßen alle zum Lachen brachte?

Anna stand noch lange da und starrte in die Richtung, in der das Auto verschwunden war. Ihr Kopf war wie leer gefegt. Sie verspürte keinerlei Emotionen, nur einen leichten Unglauben, dass das gerade eben wirklich passiert war.

Als sie nach fast einer Viertelstunde zurück in die Küche kam, sah sie dort die benutzte Tasse von Stefan Brandt und all seine Unterlagen, die er ihr zum Lesen und Unterschreiben dagelassen hatte. Sie hatte sich all das nicht eingebildet.

15. Kapitel

Das war sie also gewesen, ihre erste Begegnung mit Eddi Markgraf von Damn Silence. Anna traten plötzlich Tränen in die Augen. Es war genauso gewesen, wie sie immer befürchtet hatte. All dieser jungenhafte Charme, seine offene und freundliche Art gegenüber den Fans, sein Wortwitz in den Interviews, alles, was ihn so sympathisch gemacht hatte, alles war nur Show. Perfekt inszeniert, damit die Platten gekauft wurden. In Wirklichkeit war er nur ein egozentrischer, unhöflicher Kerl.

Tränenblind stolperte Anna zurück in ihren Hof und ließ sich auf die Treppe zur Eingangstür sinken. Sie begann zu schluchzen. Sie war so maßlos enttäuscht. Hatte sie bisher nur befürchtet, dass der echte Eddi ihrem Wunschbild rein gar nicht entsprach, so hatte sie jetzt Gewissheit. Sie fühlte sich, als wäre ihr jemand entrissen worden, der ihr sehr nahegestanden hatte. Den Eddi aus ihrer Vorstellung gab es nicht mehr. Früher war er einfach nur weit weg gewesen. Jetzt existierte er nicht mehr.

Genau aus diesem Grund hatte sie immer Angst gehabt, ihm einmal zu begegnen, die reale Person Eddi Markgraf kennenzulernen.

Im Fernsehen und auf YouTube, in den Interviews im Radio und in seinem Blog – und vor allem in seinen Songs – sie hatte geglaubt, dass er wirklich etwas von sich preisgab, sie hatte geglaubt, ihn ein wenig zu kennen. Es wirkte alles so echt. Aber war nicht genau das die Aufgabe eines guten Marketings? Es echt wirken zu lassen?

Das hatte sie jetzt davon. Sie hatte all das geglaubt, was sie glauben sollte und jetzt war sie enttäuscht worden.

Anna weinte, bis sie keine Tränen mehr hatte. Ihr Hals schmerzte und sie zitterte am ganzen Körper.

Doch irgendwann war es vorbei und sie empfand nichts als eine angenehme Taubheit. Sie ging ins Haus, vorbei an dem großen Tisch in der Küche, auf dem die Dokumente noch immer lagen und sie scheinbar verhöhnten. Sie ignorierte sie und ging weiter ins Bad, wo sie sich gründlich mit kaltem Wasser das Gesicht wusch.

Dann setzte sie sich erst einmal auf den Badewannenrand und überlegte, was sie mit dem Rest des Nachmittags noch anfangen wollte. Im Stall wartete noch ein Haufen Arbeit auf sie, aber irgendwie hatte sie jetzt das Bedürfnis, mit jemandem zu reden. Suzi kam dafür leider nicht in Frage, die steckte selbst zu tief in der Situation. Anna musste erst einmal einen klaren Kopf bekommen und die Dinge für sich selbst sortieren. Dann würde sie mit Suzi sprechen.

Eine halbe Stunde später saß sie im Tierheim vor Rex’ Zwinger, mit dem Blick Richtung Pino und schüttete den beiden Hunden ihr Herz aus. Sie hatte spontan beschlossen, hierher zu fahren. Hunde waren sehr gute Zuhörer, die einem nicht ihre eigene Meinung aufdrängten. Hier konnte sie ihre Gedanken in Ruhe ordnen.

Heinz war zwar etwas verwundert gewesen, sie heute noch hier zu sehen, zumal es schon ziemlich spät war, hatte aber nichts weiter gesagt. Und jetzt saß sie hier und schimpfte leise auf Eddi und sein Verhalten. Am meisten ärgerte sie sich darüber, dass er nicht einmal den Anstand besessen hatte, sich von ihr zu verabschieden. Sie war schließlich die Besitzerin des Hauses, in der er einige Zeit wohnen sollte. Die Begrüßung war schon sehr unhöflich gewesen, aber der Abschied schoss wirklich den Vogel ab.

Die beiden Hunde lagen ruhig in ihren Zwingern, hatten ihre Köpfe auf die Pfoten gelegt und dösten vor sich hin. An Annas Anwesenheit waren sie mittlerweile längst gewöhnt. Sie bellten auch kaum noch, wenn Anna kam. Sobald sie sie erkannten, verstummten sie sofort. Und jetzt, nach zehn Minuten, die Anna schon hier saß, bot sich ein Bild des vollkommenen Friedens. Wäre sie nicht so aufgebracht gewesen, hätte sie sicher gemerkt, welche Ruhe und Gelassenheit beide Hunde ausstrahlten.

Irgendwann ging Anna dazu über, auf sich selbst zu schimpfen:

„Ich bin doch so eine dumme Kuh! Ich hätte ihm die Meinung sagen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte. Und was habe ich überhaupt erwartet? Dass er mich sieht, sich in mich verliebt und mir einen Heiratsantrag macht?“ Sie lachte hart und trocken auf.

Pino hob den Kopf und schaute sie interessiert an. Was Rex machte, sah Anna nicht, aber sie hörte auch in seinem Zwinger Bewegung.

Nein, so etwas hatte sie sicher nicht erwartet, aber vielleicht wenigstens, dass er sie nicht so dermaßen ignorieren würde.

Dass er ein klein wenig mehr Interesse gezeigt hätte.

Sie hatte wirklich erwartet, dass jemand wie Eddi Markgraf sie interessant finden könnte. Sie musste über sich selbst den Kopf schütteln.

„Vielleicht waren meine Erwartungen doch etwas überzogen? Was meint ihr? Hm?“

Wieder hob Pino den Kopf. Anna musste wider Willen etwas lachen, als sie den Rottweiler-Mischling so sah. Er sah so weise und klug aus, wie er sie anschaute. Als hätte er die Antwort auf all ihre Fragen und das Einzige, was ihn daran hinderte sie auszusprechen, war seine Kehlkopfkonstruktion, die Hunde eben allgemein daran hindert, mit Menschen zu sprechen.

„Das kannst du nicht verstehen, was? Wie Menschen so dumm sein können. Sowas ist euch Hunden fremd.“

Anna schüttelte ihr rechtes Bein etwas aus, weil es anfing, wie wild zu prickeln. Sie stand mühsam auf und hopste ein wenig auf und ab, um die Durchblutung wieder anzukurbeln. Beide Hunde standen nun auch auf, fast synchron. Als wären sie ein Rudel und Anna hätte als Anführerin den Startschuss gegeben.

„Tut mir leid euch enttäuschen zu müssen, Jungs. Ich gehe jetzt und ihr müsst leider hierbleiben. Aber danke fürs Zuhören! Ihr habt was gut bei mir.“

Sie hob kurz die Hand zum Abschied, als würde sie sich in der Kneipe von ihren Saufkumpanen verabschieden und humpelte mit ihrem noch immer schmerzenden Bein nach draußen.

Es war jetzt schon Abend und wurde merklich kühler draußen. Anna verschränkte die Arme wärmend vor dem Körper, als sie zum Bürogebäude lief, um sich abzumelden. An eine Jacke hatte sie bei ihrem überstürzten Aufbruch vorhin natürlich nicht gedacht.

Heinz saß hinter dem kleinen Tresen und sortierte irgendwelche Zettel. Anna steckte nur schnell den Kopf in die Tür und rief: „Tschüss, schönen Sonntag noch.“ Heinz rief sie jedoch zurück.

„Warten Sie, Frau Diemer!“

Anna nickte ergeben und betrat das Büro erneut.

„Ich wollte Ihnen noch erzählen, dass heute ein junges Paar da war, denen ich Rex gezeigt habe. Erst hat er sich zwar wie immer gesträubt, als ich ihn aus dem Zwinger geholt habe, aber dann habe ich den Leuten draußen gezeigt, wie gut er gehorcht. Sie haben dann ein bisschen Apportieren mit ihm geübt.“

Anna war erfreut und überrascht zugleich. Erfreut, weil sich zumindest einmal jemand für den Schäferhund interessiert hat und überrascht, weil Heinz ihr das jetzt unbedingt erzählen musste.

„Ich wollte Ihnen noch Danke sagen“, fügte Heinz mit weicher Stimme hinzu.

„Wofür?“, fragte Anna verdutzt nach. „Sie haben ihn ja offensichtlich nicht mitgenommen.“

Heinz lächelte sie an. Dieses Lächeln verwandelte ihr mürrisches Gesicht nahezu vollkommen.

„Aber ohne Sie wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass Rex vielleicht doch nicht so unvermittelbar ist, wie ich dachte. Hätten Sie mir letztens nicht gezeigt, dass dieser Hund draußen über Kommandos sehr gut ansprechbar und lenkbar ist, dass er dann sogar wie ausgewechselt ist, ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihn jemandem vorzuführen. Und wer weiß, vielleicht überlegen die beiden es sich und kommen wieder …“

Anna lächelte jetzt zurück. Es war sehr nett von Heinz gewesen, das zu sagen.

Später, als Anna nach Hause fuhr, lächelte sie immer noch. Sie freute sich für Rex und für Heinz, aber am meisten freute sie sich darüber, dass ihre Arbeit zum ersten Mal wirklich wertgeschätzt wurde. Außerdem hatte ihr das Gespräch mit den Hunden geholfen, ihre Sichtweise auf die Ereignisse heute Nachmittag etwas zurechtzurücken. Sie hatte einfach zu viel erwartet. Diesen Erwartungen hätte Eddi nie gerecht werden können.

Ja, sein Verhalten war unhöflich gewesen, aber wahrscheinlich war er wirklich sehr gestresst und wütend, weil seine Plattenfirma einfach für ihn entscheiden wollte.

Am Montag wurde im Obergeschoss der Estrich ausgebracht. Anna stand im Stall und wollte anfangen, die Wände zu streichen, als das Telefon klingelte.

„Hi, Anna-Schatz. Ich bin es, Suzi. Ich wollte eigentlich nur mal fragen, ob es bei dir schon Neuigkeiten gibt bezüglich Eddi Markgraf? Mir sagt hier nämlich niemand was. Eine Frechheit ist das!“

Anna musste lachen. Sie konnte sich bildhaft vorstellen, wie Suzi praktisch bei Tom auf dem Schoß saß, um ihm irgendwelche Neuigkeiten zu entlocken. Offensichtlich ohne Erfolg.

„Vielleicht steht Tom nicht mehr auf dich?“, mutmaßte Anna breit grinsend.

„Tom? Der weiß einfach nur nix. Der konnte mir noch nie widerstehen“, behauptete Suzi nun voller Ernst.

„Gibt es nun was Neues oder nicht?“, versuchte sie auf ihre ursprüngliche Frage zurück zu kommen.

„Ja, Süße, gibt es.“ Anna lächelte in sich hinein. „Ich habe die Verträge unterschrieben und zurückgeschickt.“

„Echt? Du hast die Verträge schon bekommen? War irgendjemand bei dir?“

„Ja, und zwar Eddi Markgraf persönlich! Zusammen mit einem gewissen Stefan Brandt von Universal. Kennst du den?“

Suzi ignorierte die Frage und quietschte stattdessen auf.

„Was? Eddi war bei dir? Echt? Und, wie war er?“

Anna überlegte kurz. „Also, er hätte es ja fast geschafft, mich davon zu überzeugen, die Verträge zu zerreißen.“

Jetzt wollte Suzi natürlich alles wissen. Und so schilderte Anna ihr den unerwarteten Besuch vom Sonntag in allen Einzelheiten. Suzi unterbrach sie entgegen ihrer Gewohnheit kein einziges Mal. Sie keuchte ab und zu überrascht auf und schnappte nach Luft, als Anna ihr die Konditionen für Eddis Aufenthalt im Detail erzählte.

Sie ließ auch nicht aus, wie sie sich nach dem Besuch gefühlt hatte und dass sie eigentlich nie und nimmer unterschreiben wollte. Dann berichtete sie von dem Besuch im Tierheim und wie ihr das geholfen hatte, ihre Gedanken zu sortieren und das Ganze wieder etwas objektiver zu betrachten.

„Na ja, zuhause habe ich erstmal beschlossen, die Entscheidung auf heute zu vertagen. Aber dann habe ich im Bett gelegen und konnte einfach nicht einschlafen. Also bin ich eben spontan wieder aufgestanden und habe mir die ganzen Verträge von vorne bis hinten durchgelesen.“

„Und dann hast du einfach so unterschrieben?“, war das Erste, was Suzi von sich gab. Sie klang ungläubig, aber das konnte Anna nachvollziehen.

„Na ja, ich habe gedacht, dass es ja nicht darum geht, dass ich ihn heiraten soll. Er soll lediglich eine Weile hier wohnen. Und das Geld, was sie mir dafür bezahlen, ist eben auch nicht ohne. So ein Haus zu renovieren, ist erheblich teurer als ich gedacht habe. Und außerdem gibt es eine Ausstiegsklausel.“

„Eine was?“

„Eine Ausstiegsklausel“, wiederholte Anna. „Die besagt, wenn die Zusammenarbeit nicht klappt, dass beide Seiten ohne nähere Angabe von Gründen den Vertrag sofort kündigen können. Witzigerweise sind mit ‚beiden Seiten‘ ich und Universal Music gemeint. Eddi selbst hat offenbar nicht das Recht, aus dem Vertrag auszusteigen. Viel zu sagen hat der bei euch ja nicht, oder?“

„Eigentlich schon“, meinte Suzi nachdenklich.

„Jedenfalls habe ich die Verträge noch nachts unterschrieben und heute Morgen habe ich sie gleich zum Briefkasten gefahren. Sie müssten also spätestens morgen bei euch eintrudeln.“

Nach einer Weile, die Suzi nur zusammenhangloses Zeug stammelte, weil sie von den Geschehnissen bei Anna noch sprachlos war, quatschten die beiden Mädchen wieder ganz normal über die anderen Dinge in ihrem Leben. Anna erfuhr noch, dass Stefan Brandt ein ganz großes Tier bei Universal Music war und sich eigentlich sehr gut mit Eddi Markgraf verstand. Ansonsten ließen sie das Thema erst einmal beiseite. Anna vermutete, dass Suzi, ebenso wie sie selbst gestern, erst einmal über alles nachdenken musste. Es würde bestimmt nicht das letzte Mal sein, dass Suzi über Eddis Besuch bei Anna sprechen wollte.

Etwas später am Tag fuhr Anna wieder ins Tierheim. Heinz winkte ihr schon von Weitem, sie war gerade dabei, draußen vor dem Tor Unkraut zu zupfen. Also beschloss Anna, dass sie es sich leisten konnte, sich nicht nochmal extra im Büro anzumelden. Irgendwie fühlte sie sich hier schon richtig zugehörig. Die meisten Mitarbeiter kannte sie jetzt zumindest vom Sehen. Und sie begrüßte auch die ganzen Hunde, an deren Zwingern sie immer vorbeilief, wie alte Freunde.

Als sie ins letzte Gebäude trat, erwartete sie eine Überraschung. Es war nichts Großes und Spektakuläres, aber es bedeutete Anna sehr viel: Pino stand an seinem Gitter und wedelte, als er sie sah. Kein Bellen, kein Knurren oder angedeutetes Hochziehen der Lefzen. Nein, heute drückte sein ganzer Körper nur eines aus: „Schön, dich zu sehen!“

Auch Rex wedelte leicht, aber bei ihm war es nicht ganz so ein großer Schritt gewesen wie für Pino. Nachdem Anna die halbe Wurst verfüttert hatte, die sie auch diesmal nicht vergessen hatte, beschloss sie spontan, heute mal mit Pino hinauszugehen.

Heinz schaute zwar sehr skeptisch, als Anna sie um Pinos Halsband und Leine bat, gab ihr dann aber beides ohne weiteren Kommentar. Und wieder wedelte der Hund, als Anna das Gebäude betrat. Also ging sie ohne großes Aufheben zu seinem Zwinger, öffnete den Riegel und schob die Tür ein wenig auf.

Pino steckte wie erwartet den Kopf durch die Tür, so dass Anna ihm einfach das Halsband über die Schnauze schieben konnte. Der Gang nach draußen war mit Pino ein Kinderspiel. Man sah ihm richtig an, dass er es genoss, mal etwas anderes zu sehen zu bekommen.

Es war auch keinerlei Aggressivität an ihm zu bemerken. Anna konnte mit ihm an den anderen Hunden vorbei bis zu der kleinen Wiese gehen, die die Tierheimmitarbeiter manchmal für Vorführungen der Hunde nutzten. Heute war hier niemand, also wollte Anna dort einmal schauen, was Pino so konnte.

Kurzum, er konnte gar nichts. Kein Sitz, kein Platz, nichts.

Auch auf Englisch verstand er die Kommandos nicht und die Handzeichen sagten ihm auch nichts. Dieser Hund hatte einfach noch keinerlei Erziehung erfahren. Er sah sie nur verständnislos an.

Plötzlich veränderte sich seine gesamte Körperhaltung. Er stellte die Nackenhaare auf, machte sich groß und hielt seinen Schwanz kerzengerade in die Höhe. Dazu fixierte er wie gebannt einen Fleck am Katzenhaus.

Erst einige Augenblicke später sah Anna dort jemanden stehen. Der Mann interessierte sich überhaupt nicht für sie. Er schaute gerade in das Katzengehege, dennoch tat Pino so, als sei er in akuter Lebensgefahr. Was war nur mit dem Hund früher passiert, dass er jetzt so auf fremde Menschen reagierte? Anna hatte er ja offenbar akzeptiert.

Dann geschah noch etwas, was Anna sehr aufschlussreich erschien. Sie selbst hatte sich Pinos Verhalten zwar aufmerksam angesehen, war aber nicht gestresst oder angespannt. Warum auch, der Mann machte ja keine Anstalten näherzukommen?

Nach einigen Sekunden schaute Pino zu ihr und entspannte sich dann sofort wieder. Er hatte ihre Ruhe wahrgenommen und deshalb für sich selbst entschieden, dass wohl keine Gefahr bestand. Er hatte sich an ihr orientiert. Ein riesiger Erfolg.

Diesen wollte Anna nun nicht gefährden, also brach sie das Experiment Pino in Freiheit bald darauf ab und brachte ihn zurück in das letzte Gebäude. Während er bereitwillig durch die Gittertür in seinen Zwinger ging, klickte sie die Leine ab. Sofort ging er zu seinem Napf und trank ausgiebig.

Anna sah ihm lächelnd zu. Sie war optimistisch.

Sie arbeitete auch noch eine Viertelstunde mit Rex, dann fuhr sie wieder nach Hause.

16. Kapitel

Annas Optimismus hielt noch genau bis zum Abendessen.

Während sie sich ein Butterbrot schmierte, weil sie keine Lust mehr auf aufwändige Vorbereitungen hatte, dachte sie wieder darüber nach, dass jetzt bald Eddi Markgraf hier wohnen würde. Und ob der sich mit einem Butterbrot zufriedengeben würde, wagte sie stark zu bezweifeln.

Ob es wirklich so eine gute Idee gewesen war, diese Verträge zu unterschreiben?

Anna konnte es sich praktisch bildlich vorstellen, wie er telefonierend hier am Tisch saß und angewidert die Nase rümpfte, wenn sie ihm ein Butterbrot anbot.

Vielleicht war er ja auch gar nicht so schlimm wie sie im Moment dachte.

Eine winzige Hoffnung bestand, dass sie ihr erster Eindruck getäuscht hatte. An diese Hoffnung hatte sie sich geklammert, als sie ihre Unterschrift unter all diese Dokumente gesetzt hatte.

Um nicht weiter über alles nachzudenken, was in nächster Zeit auf sie zukommen würde, schaltete Anna nach dem Abendessen den Fernseher ein. Sie zappte sich ein wenig durch die Kanäle und blieb schließlich an einer Dokumentation über Vulkane hängen, die sie aber auch nicht genug fesselte. Also schweiften ihre Gedanken wieder ab.

Während im Fernseher riesige Vulkane Feuer und Rauch spuckten, überlegte sie, wie es wohl für Eddi war, wenn einfach jemand bestimmte, dass man das, was man gern machte, eine Weile nicht tun durfte.

Und dann wurde man irgendwo ins Niemandsland abgeschoben, wahrscheinlich mit dem vagen Versprechen, dass es sich um eine echte Reha-Klinik handelte.

Hatte er nicht so etwas in der Art gesagt?

„Das ist keine Klinik“, hatte er gesagt, da war sie sich sicher. Und deshalb hatte er bestimmt auch gefragt, ob sie dort arbeitete. Er war gar nicht auf die Idee gekommen, dass sie die Besitzerin sein könnte. Das war ja auch kein Wunder bei dem Aufzug, mit dem sie ihn empfangen hatte.

Andererseits hatte Stefan Brandt sie auch sofort als Anna Diemer, die Besitzerin erkannt. Aber Stefan Brandt wusste bestimmt auch, dass es sich bei Annas Hof nicht um eine Klinik handelte und dass die einzige menschliche Person, die er dort antraf, höchstwahrscheinlich die Besitzerin sein musste.

Natürlich konnte alles auch ganz anders gewesen sein, aber zumindest erschien ihr diese Variante wahrscheinlich und würde vieles auch logisch erklären.

Sie schaltete den Fernseher ab und ging ins Bett. Heute würde sie sowieso keine Antwort auf ihre Fragen bekommen.

Am Dienstagmorgen ging Anna als Erstes nach oben, um den Estrich zu bewundern, der nach Aussage der Arbeiter heute trocken sein sollte. Mit einem festen Boden sahen die Zimmer schon wieder viel wohnlicher aus als nur mit den Heizungsschläuchen.

Jetzt konnte sie sich den fertigen Zustand schon richtig vorstellen. Bald waren die Zimmer fertig und konnten eingerichtet werden.

Ja, und dann konnte Eddi Markgraf eigentlich kommen.

Das Telefon klingelte, als sie gerade zur Haustür hinausgehen wollte. Da sie noch dringend auf den Rückruf der Maler wartete, hechtete sie wieder hinein und suchte den Hörer. Sie wurde schließlich unter ihrer Jacke fündig, die sie vorhin achtlos auf den Tisch geworfen hatte.

„Diemer?“, meldete sie sich hastig. Hoffentlich war der Anrufer noch dran.

„Mensch Anna, endlich! Ich dachte schon, du bist nicht da.“ Es war Suzi.

Anna lächelte und setzte sich auf einen der Stühle. Das konnte ein wenig dauern. Suzi war nicht gerade für ihre kurzen Telefonate bekannt.

„Süße, ich hab’ schlechte Nachrichten!“, begann Suzi das Gespräch.

Sie klang wirklich sehr bedauernd. Ihr üblicher augenzwinkernder Humor, der Anna verraten hätte, dass es sich um einen Scherz handelte, war nicht zu bemerken.

„Was ist los?“, fragte Anna besorgt.

„Eddi kommt doch nicht zu dir“, ließ Suzi die Bombe ohne weitere Umschweife platzen. „Heute gab es ein Meeting dazu mit allen wichtigen Bossen von Universal und der ganzen Band.“

„Was ist passiert?“, unterbrach Anna ihre Freundin, ehe die jetzt wieder anfing aufzuzählen, wer genau aus welchem Grund bei diesem Meeting war. Solche Kleinigkeiten waren für Suzi immer wichtig, dabei kannte Anna diese Leute gar nicht.

„So genau weiß ich es auch nicht, ich war ja nicht dabei. Aber Tom war da und der hat es mir gerade erzählt.“ Suzi machte eine bedeutungsschwangere Pause.

„Also, offensichtlich hat Eddi Universal unter Druck gesetzt. Er hat gedroht, aus der Band auszusteigen, wenn er nicht mehr selber bestimmen dürfte, ob er eine Auszeit nimmt oder nicht.“

„Was?“, schrie Anna erschrocken ins Telefon, „Warum?“

„Keine Ahnung. Tom denkt, dass er die angesetzten Konzerte unbedingt durchziehen will. Notfalls auch auf Kosten seiner Gesundheit.“

„Ja, aber warum will er gleich aus der Band aussteigen? Die anderen waren doch auch da. Haben die nur zugesehen?“ Annas Stimme überschlug sich fast.

„Das war ja das Beste daran. Die haben sofort versichert, dann ebenfalls auszusteigen und zusammen eine neue Band zu gründen.“ Suzi kicherte, doch Anna fand das alles gar nicht so lustig. Auch wenn Eddi sich in der Realität nicht als der Mann entpuppt hatte, den sie erwartet hatte, so war es doch Damn Silence, von denen sie da sprachen. Ihre Lieblingsband.

„Geht das denn? Dürfen die sowas?“, hakte sie fast panisch nach.

„Klar“, bestätigte Suzi. „Die Verträge bei Universal sind zwar ziemlich wasserdicht, aber diese Lücke gibt es und das weiß auch jeder. Wenn du deinen Vertrag vorzeitig auflösen willst, zahlst du entweder eine enorme Vertragsstrafe oder du gibst alle Rechte an deinem Namen auf. Und das geht eben, indem sie aus Damn Silence aussteigen und eine neue Band gründen“, erklärte Suzi den Sachverhalt.

„Und wie ging es weiter?“, hakte Anna ungeduldig nach.

„Dann haben unsere Leute natürlich nachgegeben. Was nützt ihnen Damn Silence ohne ihre Mitglieder? Sie haben natürlich versucht ihn umzustimmen. Laut Tom haben sie alle Argumente der Ärzte nochmal gebracht und noch weiter ausgeführt: Er würde seine Gesundheit ruinieren und dann vielleicht nie wieder auftreten können.

Es hat ihn wohl nicht überzeugt. Jedenfalls wurde entschieden, dass er die Konzerte alle wie geplant spielt und erst danach eine längere Auszeit nimmt, um sich zu erholen. Soweit ich das verstanden habe, will er dazu aber ins Ausland.“

Anna war sprachlos. Dass Eddi nun nicht zu ihr kommen würde, hatte sie zwar am Rande registriert, verdrängte diesen Gedanken aber vorerst. Damit würde sie sich gleich beschäftigen. Im Moment musste sie erst das Gehörte verdauen. Sie hätte nie gedacht, dass so etwas passieren könnte, dass es Damn Silence vielleicht eines Tages nicht mehr geben könnte. An so eine Möglichkeit hatte sie noch nie gedacht.

Weil Suzi ihrer Freundin keine sinnvollen Sätze mehr entlocken konnte, beendete sie das Gespräch. Sie hatten nicht mal geklärt, was jetzt mit dem Geld war, das Anna für die Renovierung der oberen Räume bekommen sollte. Aber das war jetzt auch nicht so wichtig.

Anna blieb auch nach dem Ende des Gespräches noch lange in der Küche sitzen und dachte nach.

Sie konnte Eddis Haltung sehr gut verstehen und nachvollziehen. Dieser Schritt zeigte eigentlich ziemlich deutlich, dass er seine Arbeit und die Musik liebte. Dass er sich nicht damit abfinden wollte, dass seine Konzerte einfach abgesagt wurden, machte ihn in ihren Augen gleich wieder viel sympathischer. Und dass seine Bandkollegen so zu ihm gehalten hatten, fand sie sehr loyal von ihnen. Schließlich bedeutete die Band auch deren Lebensunterhalt. Und soweit sie wusste, hatten wenigstens ein paar von ihnen auch schon eine eigene Familie. Da konnte man kein so großes Risiko eingehen.

Dennoch, wenn Anna in sich selbst hineinhorchte, war sie traurig darüber, dass Eddi nun doch nicht zu ihr kommen würde.

Sicher, sie war von ihm enttäuscht gewesen und sie hatte gezweifelt, ob es so eine gute Idee gewesen war, die Verträge zu unterschreiben. Aber jetzt hatte sie sich irgendwie doch auf ihn gefreut.

Er war schließlich Eddi Markgraf.

Ihr Lieblingssänger und der Traummann vieler Frauen.

Vielleicht, wenn sie sich ein wenig besser kennengelernt hätten, wären sie doch noch ganz gut miteinander klargekommen.

Irgendwie hatte sie gehofft, dass sich ihr erster Eindruck ins Gegenteil verkehren könnte, wenn er erst einmal hier war.

Doch all das würde sie jetzt nie erfahren. Alles würde hier genauso weitergehen wie bisher. War vielleicht auch ganz gut so, versuchte sie sich selbst einzureden.

„Dann kommt er eben nicht.“ Anna straffte die Schultern und stand auf. Sie musste sich jetzt ablenken. Aber allein im Stall zu arbeiten war sicher nicht die beste Idee.

Also wieder ins Tierheim zu Rex und Pino. Die beiden würden sie ablenken. Ablenken von der Einsamkeit, die sie gerade heimtückisch und völlig unerwartet überfiel, als sie durch ihr Haus und ihren Hof zum Auto ging.

Im Auto hörte sie zum ersten Mal seit Sonntag Damn Silence. Die letzten Tage hatte sie Eddis Stimme nicht hören wollen. Aber jetzt, da er wieder genauso weit weg war wie vor Suzis hirnrissiger Idee, war es für sie die einzige Möglichkeit, ihm nahe zu sein. All ihr Ärger über sein Verhalten erschien Anna nun lächerlich. Vielleicht wäre er ja gekommen, wenn sie sich netter ihm gegenüber verhalten hätte? Nein, Unsinn, schalt sie sich selbst. Sie hatte ja gar keine Gelegenheit bekommen, netter zu sein. Und er hatte sich ja nicht wirklich gegen sie, sondern für seine Fans und seine Musik entschieden. Das konnte sie durchaus gelten lassen.

Im Tierheim erwartete sie gleich die nächste Überraschung. Als sie sich im Büro anmeldete, winkte Heinz sie herein. Sie strahlte Anna an.

„Wir haben heute für Rex ein neues Zuhause gefunden“, verkündete ihr Heinz sofort die gute Nachricht. „Er wurde vorhin abgeholt.“

„Das junge Pärchen, das neulich schon da war?“, wollte Anna wissen. Heinz nickte glücklich.

„Und das ist ganz allein Ihr Verdienst! Ich bin Ihnen so dankbar! Ich hatte den Hund schon aufgegeben, da haben Sie mir gezeigt, dass noch nicht alle Hoffnung verloren ist. Sie haben Ihre Sache wirklich gut gemacht. Danke!“

Heinz hielt Anna ihre Hand hin und Anna drückte sie. Dann zog Heinz sie plötzlich ganz nah heran und umarmte sie fest. Anna war überrumpelt, sie stand einfach nur da und ließ die Umarmung geschehen. Nach einem etwas schmerzhaften Klopfen auf die Schulter entließ Heinz sie wieder aus ihrer Umarmung. Sie strahlte noch immer wie ein Honigkuchenpferd.

Anna freute sich zwar für Rex, sie selbst war aber traurig. Sie hatte den Schäferhund lieb gewonnen und schon überlegt, ob sie ihn vielleicht mit nach Hause nehmen sollte.

Es hatte nicht sein sollen. Ob Pino auch traurig war, dass sein Zwingergenosse weg war?

Anna verabschiedete sich von Heinz und ging nach hinten ins letzte Gebäude. Pino begrüßte sie wie immer mit einem kurzen Bellen, dieses hatte aber nicht mehr den aggressiven Unterton vom Anfang. Es war mehr eine Art Hallo.

Der Zwinger von Rex stand offen. Anna sah, dass er schon gesäubert war. Die Näpfe und die Decke waren verschwunden.

„Na, du Armer?“, wandte sie sich an Pino. „Jetzt bist du ganz allein, nicht wahr? Ich kann dir das gerade sehr gut nachfühlen, ich bin ja auch allein zuhause. Allerdings ist es bei mir etwas schöner als bei dir“, fügte sie nach einem kurzen Blick in Pinos Zwinger mit einem leicht ironischen Grinsen hinzu.

Sie schnappte sich Pinos Leine, öffnete seine Tür und klickte die Leine ans Halsband. Sie hatte keine Angst mehr vor dem massigen Hund, dessen Schwanz jetzt gerade glücklich wedelte, weil es wieder nach draußen ging.

Heute wollte sie testen, wie er sich außerhalb des Geländes verhalten würde. Also ging sie zielstrebig zum Tor und von dort aus in den Wald. Zum Glück war wenig los. Die einzigen Menschen, die sie sahen, waren weit weg und Pino beachtete sie nicht weiter. Es war, als würde Annas Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Hund auf diesen abfärben. Darüber war sie sehr glücklich. Es war ein gutes Zeichen, dass Pino eben doch nicht so unvermittelbar sein würde, wie Heinz dachte. Genauso wie Rex.

Schon wieder gingen Annas Gedanken mit ihr durch, denn plötzlich stellte sie sich vor, eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft nach hinten ins letzte Gebäude zu kommen und auch Pinos Zwinger wäre so leer und sauber wie Rex’ Zwinger vorhin. Dieser Gedanke machte sie unheimlich traurig. Ungleich trauriger sogar als bei Rex. Dann wären beide Hunde weg. Sicher, sie hätte dann ihre Aufgabe erfolgreich erfüllt, aber sie hatte Pino in den vergangenen Tagen unheimlich lieb gewonnen. Der Hund war in gewisser Weise der Gegenpol zu all den verwirrenden Ereignissen in den letzten Tagen bei ihr zuhause.

Bei Pino wusste sie, was das Problem war und was sie dagegen tun konnte. Bei sich zuhause hatte sie das Gefühl, dass die Ereignisse sich überschlugen und sie überhaupt keinen Einfluss darauf hatte.

In ihr formte sich langsam ein Gedanke.

17. Kapitel

Die nächsten Tage konzentrierte sich Anna stark auf die Arbeit mit Pino. Einerseits, um nicht an das Debakel mit Eddis Fast-Aufenthalt denken zu müssen und andererseits, weil sie einen Entschluss gefasst hatte. Sie hatte auch schon mit Heinz darüber geredet. Die war zwar erst skeptisch, aber nachdem sie sich selbst ein Bild von Pinos Fortschritten machen konnte, war sie dann doch einverstanden gewesen.

Heute, am Samstag war es endlich soweit: Sie würde den Hund zu sich nach Hause holen.

Sie hatten schon ein paar Mal Autofahren geübt. Außerdem waren sie oft spazieren gewesen, auch in Bereichen, wo sich mehr Menschen aufhielten. Pino hatte sich meistens tadellos benommen. Nur wenn jemand Anna zu nahe kam, ging er in Abwehrhaltung. Meist beruhigte er sich aber gleich wieder, weil Anna sich selbst auch nicht aufregte. Er hatte sie als ranghöher akzeptiert und somit als Entscheidende im Rudel. Wenn Anna beschloss, eine Situation sei nicht bedrohlich, dann war sie auch nicht bedrohlich für ihn.

Sein Vertrauen ging sogar so weit, dass Heinz gestern den Tierarzt rufen konnte, der Pino eingehend untersuchte und ihm die notwendigen Impfungen verpasste. Selbst der Tierarzt war beeindruckt, denn er hatte Pino schon kennengelernt und war bei seinen früheren Besuchen nie näher als einen Meter an den tobenden Hund herangekommen.

Zum Glück war alles in Ordnung. Anna erfuhr vom Tierarzt, dass Pino höchstens drei Jahre alt sein konnte. Heinz wusste nichts Genaueres über ihn, da sie ihn aus schlechter Haltung befreit hatten und der Vorbesitzer nicht gerade gesprächig gewesen war. Pino war in seinem ehemaligen Leben wohl an kurzer Kette gehalten worden und musste auch misshandelt worden sein, was sein Misstrauen gegenüber Menschen erklärte.

Und nun hielt sie den Impfausweis, eine Besitzurkunde und Pinos Leine in den Händen und war auf dem Weg zum letzten Gebäude. Heinz begleitete sie ein Stück, sie hatten aber vereinbart, dass Anna die letzten Meter allein ging, um die Aufregung für Pino möglichst gering zu halten.

„Wissen Sie, Frau Diemer, ich hätte es ja nie für möglich gehalten, aber Sie haben es wirklich geschafft. Rex wurde vermittelt und jetzt nehmen Sie Pino sogar selbst auf. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich bin. Sie können sicher sein, dass ich auf Sie zukommen werde, wenn wir mal wieder so ein Problemtier haben. Und ich werde Sie auf jeden Fall weiterempfehlen.“

So ging es in einer Tour, seitdem Anna heute Vormittag im Tierheim angekommen war. Heinz war dankbar und brachte es auch in einem schier endlosen Wortschwall zum Ausdruck.

Anna war fast froh, als sie die Hundezwinger passiert hatten und Heinz zurückblieb. Ihr war ganz feierlich zumute, als sie das letzte Gebäude betrat.

Pino begrüßte sie wie immer, für ihn war es ja nichts Besonderes mehr, dass Anna mit einer Leine zu ihm kam. Woher sollte er auch wissen, dass sich sein Leben heute ändern würde?

„Hallo, mein Süßer. Du gehörst ab heute mir. Gefällt dir das?“

Anna redete die ganze Zeit mit Pino, während sie ihm die Leine anlegte.

Sie gingen gemeinsam in Richtung Tür, erlebten dort aber noch einen kurzen Schreckmoment.

Pino war als Erster hindurchgetreten, weil er es wie immer nicht abwarten konnte, hinauszukommen. Er blieb jedoch abrupt stehen, so dass Anna beinahe auf seine Hinterpfote getreten wäre. Dann stellte sich sein Nackenfell auf, der ganze Hund wurde steif und fing böse an zu knurren. Jetzt war Anna an seiner Seite und sah sofort was los war.

Heinz war, entgegen ihrer Abmachung, nun doch nähergekommen und Pino betrachtete sie natürlich als Bedrohung, zumal sie ihn frontal anstarrte.

Anna versuchte, den aufgebrachten Hund zu beruhigen.

„Ruhig, Süßer! Das ist doch nur Heinz … äh … Frau Heinz. Sie will dir nichts Böses. Sie freut sich mit dir, dass du nun ein neues Zuhause gefunden hast. Alles ist in Ordnung.“

Langsam entspannte Pino sich wieder. Er machte sich aber weiterhin ganz groß, als er zusammen mit Anna in großzügigem Bogen um Heinz herumlief und zum Ausgang strebte. Anna winkte Heinz noch einmal über die Schulter zu, dann lief sie eilig zu ihrem Auto.

Sie hatte gesehen, dass gerade ein Auto mit Kindern auf dem Rücksitz auf den Parkplatz gebogen war und diese Begegnung wollte sie sowohl Pino als auch der Familie ersparen.

Doch es ging alles gut. Pino sprang ohne zu Zögern auf den Rücksitz, auf den Anna extra eine Decke gelegt hatte. Die Familie stieg erst aus dem Auto, als die Tür hinter Pino ordentlich verschlossen war.

Anna drehte sich noch einmal zum Tierheim um. Wer wusste schon, wann sie mal wieder herkommen würde? In letzter Zeit war sie so oft hier gewesen, dass sie sich schon fast heimisch gefühlt hatte.

Aber jetzt war sie ja zuhause auch nicht mehr allein. Auf dem Rücksitz ihres Wagens saß ihr neuer Mitbewohner und hechelte vor Aufregung. Vielleicht spürte er jetzt doch, dass heute etwas anders war als sonst.

Definitiv bewusst was sie getan hatte, wurde Anna sich erst, als sie vor ihrem Haus anhielt und Pino samt Leine aus dem Auto holte. Der Hund war sichtlich froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und musste erst einmal ausgiebig alles beschnuppern. Von der Leine lassen konnte sie ihn noch nicht. Dafür musste sie erst einmal überprüfen, ob das ganze Grundstück auch umzäunt war. Bis gerade eben hatte sie an so etwas noch gar nicht gedacht.

Zuerst einmal hatte sie aber alle Hände voll zu tun, diesen Koloss von Hund von den interessanten Bäumen weg durch den Durchgang in ihren Hof zu ziehen. Sobald sie allerdings dort angelangt waren, fand er es dort auch unwahrscheinlich interessant und zog Anna nun hinter sich her in alle Ecken und Winkel, um auch dort alles zu erkunden. Schließlich schaffte sie es aber doch, den Hund bis ins Haus zu ziehen und die Tür hinter sich zu schließen. Jetzt konnte sie ihn auch endlich von der Leine lassen.

Man sah Pino an, dass er noch nicht so oft in seinem Leben in einem Haus gewesen sein konnte. Er wirkte plötzlich sehr unsicher und orientierte sich durch dauerndes Hochschauen stark an Anna. Er lief ihr in sehr engem Abstand hinterher, als sie in die Küche ging und hielt möglichst die ganze Zeit Körperkontakt. Sie musste ein wenig über ihn lächeln. Draußen hielt er alle auf Abstand, indem er sich als stärksten und mutigsten Hund darstellte und hier drinnen wirkte er wie ein verängstigtes Kleinkind, das darauf wartet, dass ein Monster aus einem der Schränke kommt, um es zu erschrecken.

Doch da konnte sie ihm nicht helfen. Er musste selbst die Erfahrung machen, dass ihm hier nichts passieren würde. Sie holte erst einmal eine Schüssel aus dem Schrank, füllte sie mit Wasser und stellte sie vor den Hund. Er zögerte ein bisschen, trank dann aber doch ein paar Schlucke.

Anna lief einmal durch alle Räume, um dem Hund alles zu zeigen.

In den letzten Tagen war oben noch einmal viel passiert. Die Elektrik war fertig installiert, alle überschüssigen Heizkörper entfernt. Die neuen Wände standen und seitdem gestern die Maler fertig geworden waren, konnte man nicht mehr erkennen, wie es hier früher ausgesehen hatte. Die Räume waren größer und heller. Es war wirklich schnell gegangen mit der Fertigstellung hier oben, dafür hatte Anna aber auch einiges an Aufschlägen zahlen müssen.

Zum Glück hatte Suzi ihr noch die Nachricht geschickt, dass sie den Renovierungszuschuss von Universal wohl nicht zurückgeben musste. Die dreißigtausend Euro waren aufgrund der Aufschläge sowieso schon fast aufgebraucht. Das Zimmer, das Eddi hätte bekommen sollen, war jetzt großzügig und hell. Anna wollte es als Gästezimmer für Suzi nutzen, wenn die mal wieder zu Besuch kommen wollte. Oder für ihre Eltern, falls die es auch mal schaffen würden, sie zu besuchen. Eine Grundausstattung an Möbeln war vorhanden. Nur ein paar Accessoires fehlten noch, die dem Raum eine persönliche Note geben würden. Außerdem waren die Wandfliesen zum Bad noch nicht angebracht. Diese waren zu dem Zeitpunkt, als der Fliesenleger da war, noch nicht geliefert worden und so hatte Anna entschieden, die Naturstein-Wandfliesen selbst anzubringen. Jetzt hatte sie ja wieder alle Zeit der Welt.

Als sie mit Pino das gesamte Obergeschoss erkundet hatte und auch einmal kurz im Dachgeschoss war, ging sie zurück nach unten in ihr Büro und setzte sich an ihren Laptop. Pino sollte erst einmal zur Ruhe kommen. Später würde sie dann wieder mit ihm hinausgehen und einmal den Zaun entlang laufen.

Ihr erster Suchbegriff bei Google lautete „Damn Silence“, wie eigentlich immer. Gestern hatte das Erste der eigentlich abgesagten Konzerte stattgefunden und Anna wollte wissen, ob etwas Besonderes vorgefallen war. Tatsächlich fanden sich bei YouTube schon einige Videomitschnitte des Konzertes. Es war aber nichts Auffälliges zu finden. Eddi wirkte ganz normal. Jedenfalls so, wie sie ihn von anderen Konzerten her kannte.

Dann fand sie auch noch einen kurzen Artikel einer Lokalzeitung, doch auch darin wurde von keinen besonderen Vorkommnissen berichtet. Es schien also alles in Ordnung gewesen zu sein.

Ihr Blick fiel auf Pino. Dieser lag, ziemlich mit sich und der Welt zufrieden, auf einem kleinen Läufer neben ihr und schnarchte leise vor sich hin. Anna lächelte bei seinem Anblick.

Es war eine gute Entscheidung gewesen, den Hund zu sich zu nehmen. So war ihnen beiden geholfen. Der Hund hatte ein gutes Zuhause und sie war nicht mehr so einsam.

Pino schlief offenbar nicht so tief, wie sie angenommen hatte, denn sobald sie aufstand, öffnete er die Augen und sprang ebenfalls auf. Nun gut, dann konnte sie jetzt auch gleich mit ihm hinausgehen.

Die Leine lag auf der Treppe, wo sie sie vorhin fallengelassen hatte. Pino machte keine Probleme, als sie ihm die Leine anlegte und drängte sofort nach draußen, kaum dass sie die Tür aufgemacht hatte.

Zusammen liefen sie bis zum Tor und von dort aus rechts herum den ganzen Zaun entlang, um zu prüfen, ob irgendwo Löcher oder andere Möglichkeiten für Pino vorhanden waren, um wegzulaufen. Anna wollte kein Risiko eingehen. Der Hund hatte schließlich Probleme mit fremden Menschen und er wirkte auch nicht gerade klein und niedlich. Ein aggressiver Hund und ein ängstlicher Mensch waren eine eher schlechte Kombination.

Das Tor selbst musste sie unbedingt sicherer machen. Im Moment stand es einfach offen, so dass eventuelle Besucher gleich hineinfahren konnten. Der Schließmechanismus funktionierte gar nicht mehr.

Hier draußen gab es keine Klingel und Anna würde gar nicht merken, wenn jemand vor ihrem Tor stünde. Also musste auch eine Klingel her.

Dafür war der Zaun noch in einem recht brauchbaren Zustand. Nur an einer Stelle war ein Baum umgeknickt und hatte ihn unter sich begraben. Diese Stelle musste sie noch ausbessern, danach war wieder alles dicht.

Bei ihrem Rundgang hatte Anna außerdem noch eine kleine Tür im Zaun gefunden, die in den Wald führte. Die Tür war verschlossen, doch sie erinnerte sich, im Nebengebäude einen kleinen Schlüsselschrank gesehen zu haben. Vielleicht war der passende Schlüssel dabei.

Als sie zusammen mit Pino wieder in ihrem Hof stand, wurde ihr ein weiteres Problem bewusst. Sie musste unbedingt in den Baumarkt fahren und ein Stück Maschendrahtzaun kaufen, um die defekte Stelle im Zaun auszubessern.

In dieser Zeit konnte sie Pino unmöglich hier allein lassen. Ihn draußen zu lassen ging nicht, weil der Zaun ja nicht dicht war. Und irgendwo einsperren mochte sie den Hund auch nicht. Wer wusste schon, was er dann anstellte.

Also musste Pino mit. Ein menschenscheuer Hund im Baumarkt – na, das konnte ja was geben. Hoffentlich reagierte Pino nicht mit Aggressivität. Allerdings befürchtete Anna genau das. Sie hatte ja im Tierheim oft genug gesehen, was passiert war, wenn Pino auf Menschen getroffen war. Es gab nur eine Lösung, wenn es auch keine schöne war: Sie brauchte einen Maulkorb.

Zum Glück gab es einen Laden für Tierbedarf, der nicht allzu weit weg war. Sie musste nur an der großen Kreuzung nicht nach links zum Einkaufszentrum, sondern nach rechts fahren. Dann würde nach einigen Kilometern ein Laden für Tierbedarf kommen.

Sie lud Pino ins Auto und machte sich auf ins Abenteuer.

Der Laden war leicht zu finden und auch ziemlich groß. Hier gab es garantiert alles, was sie brauchte. Anna entschloss sich, Pino im Auto zu lassen. Es würde nicht so lange dauern wie im Baumarkt und schließlich musste sie den Maulkorb auch erst einmal kaufen.

Also schloss sie die Tür nachdrücklich vor Pinos Nase und ging entschlossen in den Laden. Drinnen war niemand. Nicht einmal ein Angestellter ließ sich blicken, obwohl sie laut Hallo rief. Hier hätte sie Pino ohne Probleme mit hinein nehmen können.

Anna wusste sich nicht anders zu helfen, sie warf mit großem Getöse einen Stapel Katzenklos um. Es schepperte gewaltig und Anna rief noch extra laut „Ups!“

Ihr Manöver hatte gewirkt, ein kleiner, dicker Mann schoss aus dem Raum hinter der Kasse zu ihr. Als er sah, was passiert war, grinste er sie an und half ihr, die Klos wieder aufzustapeln.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er dann mit sonderbar piepsiger Stimme. Irgendwie passte die Stimme aber, denn das ganze Männlein kam Anna vor wie ein überdimensionaler Hamster. Anna fragte nach den Maulkörben.

„Für was für eine Art Hund brauchen Sie den Maulkorb denn und soll er eher stabil oder flexibel sein? Wir haben hier verschiedene Ausführungen …“

Er war schon unterwegs in Richtung Wand, an der allerlei Leinen und Halsbänder, aber auch Maulkörbe und anderes Hundezubehör hingen. Ehe sie das lange mit ihm ausdiskutierte, zog Anna den Mann kurz am Ärmel und bat ihn, ihr zu folgen. Sie blieb in der offenen Tür stehen und zeigte auf ihr Auto. Wie erwartet tobte Pino darin, als wollte er den Mann mit Haut und Haaren auffressen. Er sah wirklich zum Fürchten aus.
„Für den Hund da. Ich denke, ein stabileres Stück wäre angebracht?“, fügte sie mit süffisantem Grinsen hinzu.

Das Männlein nickte eifrig, eilte zum Regal zurück und griff zielgerichtet nach ganz unten. Schon hielt er ihr ein wahres Folterinstrument an Maulkorb vor die Nase. Das Teil war groß und aus stabilem Metall. Es wurde mit breiten Lederbändern umgeschnallt. Wenn man nicht gerade den Fehler machte, seinen Finger zwischen die engen Streben zu zwängen, sollte es mit diesem Teil unmöglich für den Hund sein, jemanden zu beißen.

Allerdings konnte sich Anna vorstellen, dass Pino mit diesem Ding erst recht wie ein Schwerverbrecher und Menschenmörder aussah. Das wollte sie eigentlich vermeiden. Deshalb entschloss sie sich dann doch lieber für ein etwas geschmeidigeres Modell aus schwarzem Leder. Das Männlein zuckte mit den Schultern ging ohne weiteren Kommentar in Richtung Kasse.

„Moment“, hielt Anna ihn zurück. „Ich brauche auch noch Futter.“ Kopfschüttelnd über seinen mangelnden Enthusiasmus folgte sie dem Hamster bis zu dem Regal mit den Futtermitteln für Hunde.

Als sie schließlich mit ihrem vollgeladenen Einkaufswagen wieder an ihrem Auto stand, hatte sie neben dem Maulkorb und zwei riesigen Säcken mit Hunde-Trockenfutter noch zwei silberne Näpfe, ein neues Halsband mit passender Leine, einen Klicker, einen Futterbeutel, einen Wurfball und zwei feste Seile gekauft.

Pino hatte sich mittlerweile wieder beruhigt. Zum Glück stand sie allein auf dem Parkplatz. Allzu viel Umsatz schien dieser Laden hier nicht zu machen. Na, für heute hatte sie den Besitzer jedenfalls vor der Pleite bewahrt.

18. Kapitel

Da auf dem Parkplatz des Futtermittelhändlers gerade nicht viel los war, entschied Anna, den neuen Maulkorb schon gleich hier anzulegen. Sie wollte das mit möglichst wenigen Zuschauern über die Bühne bringen. Normalerweise würde Anna einen Hund in sehr kleinen Schritten über einen langen Zeitraum hinweg sanft an den Maulkorb gewöhnen, doch dies hier war einfach eine Ausnahmesituation. Da musste Pino eben ins kalte Wasser geworfen werden.

Anna packte einen Beutel mit Leckerli aus, die sie in letzter Sekunde noch in den Einkaufswagen geworfen hatte und hielt Pino eines vor die Nase. Er schnappte sofort danach. Am liebsten hätte Anna die Hand weggezogen, doch sie zwang sich, still zu halten, als die Hundenase pfeilschnell auf ihre Handfläche zugeschossen kam. Letztlich war Pino dann doch sehr sanft und nahm das Futterstück vorsichtig mit den Lippen auf. Dann schaute er sie an und wedelte kurz. Gab es noch mehr?

Jetzt hielt Anna den Maulkorb hoch, so dass er ihn gut sehen konnte. Pino schaute interessiert, war aber nicht beunruhigt. Sehr gut, er hatte noch keine schlechten Erfahrungen damit gesammelt. Das hätte sonst ziemliche Probleme bereitet.

Nach dem nächsten Leckerli hielt Anna Pino den Maulkorb hin. Er schnupperte kurz daran und suchte dann lieber in Annas Hand nach weiteren Leckerlis.

Dann war es soweit. Mit wenigen Handgriffen hatte Anna Pino den Maulkorb übergestreift und hielt ihn mit einer Hand locker am Hinterkopf des Hundes zusammen. Mit der anderen bot sie ihm ein weiteres Leckerli an. Der Maulkorb war so gestaltet, dass Pino das Leckerli ohne Probleme zu fassen bekam, wenn sie es ihm an zwei Fingern hinhielt. Für den Maulkorb interessierte er sich nicht weiter. Also schnallte Anna diesen fest und fütterte Pino dann noch einmal. So konnte er eine positive Verbindung zum Maulkorb entwickeln.

Erst als kein weiteres Leckerchen mehr in Annas Hand auftauchte, beschäftigte Pino sich mit dem störenden Ding um sein Maul. Er versuchte, es mit der Pfote wegzukratzen, ohne Erfolg. Dann rieb er seinen Kopf am Rückenteil des Autositzes, doch auch damit gelang es ihm nicht, das lästige Ding abzustreifen. Sobald er seine Versuche kurz aufgab, hielt Anna ihm wieder ein Leckerli hin.

Eines musste sie diesem Hund lassen: Er war schnell von Begriff. Er verstand ganz schnell, dass er mit Leckerli belohnt wurde, wenn er das Ding um sein Maul duldete. Also gab er seine Versuche, es abzustreifen, ziemlich schnell auf.

Anna wollte es nun wagen und startete das Auto. Nebenbei hielt sie Pino immer mal wieder ein Leckerli hin.

Es klappte erstaunlich gut. Ohne Zwischenfälle bog sie kurz darauf in den Parkplatz beim Baumarkt ein. Doch beim Anblick der vielen Menschen um sie herum stieg Pinos Aufregung schlagartig an. Er begann zu hecheln, wobei der Maulkorb ein wenig störte. Anna stellte sich in Gedanken darauf ein, dass er gleich völlig ausrasten würde, wenn sie ausstiegen.

Dieser Menge an Menschen fühlte sich der Hund offenbar nicht gewachsen. Seine Erregung war zwar deutlich spürbar, aber er zeigte keinerlei Aggression und drückte sich nur  dicht an Annas Beine, als sie es endlich geschafft hatte, ihn aus dem Wagen zu bugsieren. Sie hielt ihn an der kurzen Leine, falls er auf die Idee kommen sollte plötzlich loszurennen.

Sein Gewicht, mit dem Pino sich an sie drückte, brachte sie mehr als einmal zum Straucheln, doch schließlich hatten sie sich arrangiert. Jetzt musste Anna es nur noch schaffen, auch noch einen Einkaufswagen zu holen und durch den Markt zu manövrieren.

Sie hatte dermaßen mit Einkaufswagen und Hund zu tun, dass sie ein anderes Phänomen erst spät bemerkte: Die Leute machten alle einen riesigen Bogen um sie. Es war, als hätten alle Menschen ganz plötzlich in der anderen Ecke des Ladens etwas zu tun, wenn sie in ihre Richtung kamen. Die Leute flohen förmlich, wenn sie einen Gang betrat.

Ihre Sorge, jemand könnte nah genug an den Hund herankommen, um von ihm gebissen zu werden, erwies sich als völlig unbegründet. Niemand wagte sich auch nur auf fünf Meter heran. So konnte Anna relativ unbehelligt einkaufen gehen. Die Hoffnung, heute einen Mitarbeiter zu finden, der ihr bezüglich der Türklingel weiterhalf, hatte sie allerdings sofort aufgegeben. Dann musste sie es eben allein schaffen.

Der Gang durch die engen Kassen wurde dann noch einmal zur Herausforderung, allerdings eher für die Kassiererinnen, die leider gezwungen waren, an ihren Plätzen zu verharren. Für Anna war es eher ein Spaziergang, denn die zwei Männer vor ihr an der Kasse waren so nett, sie vorzulassen. Es war ihnen wohl nicht geheuer, ein laut hechelndes und sabberndes Ungeheuer hinter sich zu wissen.

Pino hielt sich tapfer, obwohl er sich sichtlich unwohl fühlte. Als kurze Zeit später Hund und Einkäufe sicher im Auto verstaut waren, verspürte Anna ein richtiges Triumphgefühl. Sie hatte es geschafft. Vielleicht sollte sie Pino immer mitnehmen? Der Einkauf lief mit ihm viel reibungsloser.

Zurück zuhause sah Anna, dass sie sechs Anrufe in Abwesenheit hatte, alles unbekannte Nummern. Ein Anrufer hatte sogar mehrfach versucht, sie zu erreichen. Anna gab Pino etwas Futter und setzte sich dann an den Küchentisch. Sie wählte die Nummer des besonders ungeduldig wirkenden Anrufers. Hoffentlich waren es keine schlechten Nachrichten von den Fliesen für oben, die Anfang nächster Woche geliefert werden sollten.

Es war aber keine Firma am Apparat, sondern eine Frauenstimme meldete sich: „Schmidt.“

„Guten Tag, Frau Schmidt. Mein Name ist Anna Diemer. Sie haben heute mehrfach versucht, mich anzurufen?“

„Oh ja!“, bestätigte die Dame enthusiastisch. „Schön, dass Sie zurückrufen. Es geht um meinen Hund, den Pauli. Frau Heinz vom Tierheim Mittenwalde hat mir Ihre Nummer gegeben und gesagt, dass Sie mir vielleicht helfen können. Weil Sie doch so eine erfolgreiche Tier-Therapeutin sind.“

Aha, sie war also eine erfolgreiche Tier-Therapeutin. Wenn ihr das noch lange eingeredet wurde, würde sie es am Ende noch selbst glauben.

Ihre erste Kundin! Anna konnte es kaum fassen. Heinz hatte Wort gehalten und sie weiterempfohlen.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie in geschäftsmäßigem Tonfall.

Die Dame seufzte.

„Hach, so ganz genau weiß ich das auch nicht. Es ist so: Der Pauli ist ziemlich wild. Eigentlich ist er ja ein ganz Lieber, aber wenn er draußen im Garten ist oder wenn ich mit ihm unterwegs bin, bellt er alles an, was sich bewegt. Mir wäre es ja egal, aber die Nachbarn beschweren sich so langsam.“

„Aha. Pauli bellt also zu viel. Und das wollen Sie abstellen?“

„Wenn das geht?“, fragte die Dame hoffnungsvoll.

„Sicher“, bestätigte Anna. „Dazu müsste ich aber wissen, was genau Paulis Problem ist, wann er bellt und bei welchen Reizen und wie sein Umfeld ist. Ich würde ihn mir gern mal anschauen, wenn es Ihnen recht ist.“

„Gern!“, antwortete die Dame hocherfreut. Offenbar hatte sie genau mit diesem Ergebnis gerechnet. „Wann können Sie denn kommen?“

„Haben Sie am Montag gleich Zeit?“, fragte Anna nach kurzem Überlegen. Morgen war Sonntag, den hatte sie schon für den Zaun reserviert. Außerdem wollte sie mal wieder bei Karl vorbei. Dort war sie schon lange nicht mehr gewesen und sie musste ihm noch seine Sense zurückbringen. Aber der Montag wäre ideal.

Die Dame stimmte zu. Sie vereinbarten eine Uhrzeit, dann legte Anna mit glücklichem Lächeln auf. Ihre erste richtige Kundin. Na ja, zumindest wenn sie ins Geschäft kamen und Anna wirklich der Meinung war, Pauli oder eher seiner Besitzerin helfen zu können.

Nach diesem anstrengenden Tag schlief Anna erschöpft ein. Vorher hatte sie noch eine Weile überlegt, wo Pino schlafen könnte. Doch der hatte schon eine eigene Idee. Er hatte es sich nämlich auf dem kleinen Teppich vor Annas Sofa im Wohnzimmer bequem gemacht und rührte sich dort auch nicht weg, als Anna schließlich ins Bett ging. Sie ließ die Tür zum Schlafzimmer auf, damit sie mitbekam, falls etwas war.

Vermutlich hätte Pino in der Nacht die komplette Inneneinrichtung dem Erdboden gleichmachen können, ohne dass Anna davon etwas mitbekommen hätte, denn sie schlief tief und traumlos. Sie merkte nicht, dass er irgendwann in der Nacht vor ihrem Bett stand, den Kopf auf die Matratze legte und sie anschaute. Sie merkte auch nicht, dass er es sich dann direkt vor ihrem Bett auf dem Boden bequem machte.

Erst als sie früh wieder die Augen aufschlug, sah sie Pino, der sich sofort erhoben hatte und sie nun mit schräggelegtem Kopf und klaren Augen aufmerksam musterte.

„Na, du Süßer, gut geschlafen?“,

Sie streichelte Pino sanft über den Kopf, zum ersten Mal. Er schloss genießerisch die Augen, also machte sie weiter. „Du weißt ja: was man in der ersten Nacht im neuen Heim träumt, wird wahr!“

Was habe ich eigentlich in meiner ersten Nacht hier geträumt, fragte sie sich.

Nach einem ausgiebigen Frühstück nahm Anna Pino wieder an die Leine und ging mit ihm hinaus in die Morgenluft. Sie wollte heute unbedingt den Zaun schaffen, da hatte sie viel zu tun. Vor allem, wenn sie am Nachmittag wirklich noch zu Karl wollte.

Sie schleppte ihre Einkäufe von gestern in den Hof und breitete sie erst einmal aus. Dann sortierte sie das, was sie sofort brauchte, auf die Seite und brachte den Rest ins Nebengebäude. In eine Hand nahm sie ihren Werkzeugkoffer, in die Andere ein Stück Maschendrahtzaun. Pinos Leine hatte sie sich der Einfachheit halber um den Bauch gewickelt.

Zuerst musste sie das eingedrückte Stück Zaun entfernen. Sie holte sich eine Zange aus dem Koffer und fing an, die dünnen Drähte durchzuschneiden. Es war unpraktisch, Pinos Leine um den Bauch zu haben, also band sie ihn an einen Baum in der Nähe. So lange sie an einer Stelle stehen blieb, ging das auch gut. Aber sobald sie den Zaun auf der anderen Seite der eingedrückten Stelle abschneiden musste, wurde Pino unruhig. Er mochte es gar nicht, angebunden zu sein. Das war deutlich zu erkennen. War auch verständlich, wenn er früher wirklich ein Kettenhund war. Also gab Anna sich geschlagen und löste die Leine vom Baum. Sie ließ sie einfach auf dem Boden liegen. Pino wollte sowieso nur in ihrer Nähe bleiben. Sobald er merkte, dass er nicht mehr festgebunden war, beruhigte er sich wieder und legte sich hin. Er ließ sie zwar die ganze Zeit nicht aus den Augen, aber er wirkte wesentlich entspannter als vorhin.

Anna kam gut voran.

Sie drehte gerade die letzten Drähte fest, als Pino plötzlich knurrend aufsprang und mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit durch den Wald in Richtung Haus rannte. Anna kam nicht einmal dazu, nach ihm zu rufen, so schnell war er weg. Schon hörte sie ihn bellen. Und diesmal klang es wirklich aggressiv. Wer oder was immer ihn so aufregte, Anna hoffte, dass derjenige sich irgendwie in Sicherheit bringen konnte.

Sie ließ alles fallen und rannte, so schnell sie konnte, hinter Pino her. Durch die Bäume sah sie ein fremdes Auto hinter ihrem eigenen parken. Als sie näher kam, erkannte sie das Auto und auch den Fahrer.

Da saß eindeutig Eddi Markgraf im Auto. Er starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Fenster an der Fahrerseite, vor dem Pino gefährlich bellend mit gebleckten Zähnen auf und absprang und dabei immer wieder mit den Pfoten am Fenster kratzte.

Oje, der Lack! Das war alles, was Anna in dem Moment denken konnte.

Dann kehrte ihr logischer Verstand zum Glück zurück. Wenn sie jetzt auch panisch wurde, würde sich Pino nur noch mehr aufregen. Also hielt Anna mitten im Lauf inne und ging betont langsam und gelassen auf das Auto zu.

Eddi hatte sie jetzt auch gesehen und beobachtete jede ihrer Bewegungen. Sie wusste, wie das auf ihn wirken musste. Als ob sie die Szene genießen würde und so lange es ging auskosten wollte. Aber so war es ja ganz und gar nicht.

Als sie direkt hinter dem immer noch tobenden Pino stand, befahl sie kurz mit strenger Stimme „Nein!“ und „Platz!“. Zu ihrer eigenen Überraschung gehorchte Pino. Er hielt schlagartig inne und setzte sich hin. Gut, es war kein wirkliches „Platz“, das mussten sie noch üben.

Endlich bekam sie auch seine Leine zu fassen und zog ihn noch ein Stück weiter nach hinten.

Den Hund neben sich wartete sie, bis Eddi die Tür geöffnet hatte und sich langsam aus dem Wagen schälte. Dann stand er in seiner ganzen Größe vor ihr, genau wie vor ein paar Tagen. Er machte einen Schritt auf sie zu, um ihr die Hand zu geben, wurde jedoch von Pinos Knurren zurückgehalten. Eddi hielt mitten im Schritt inne und hob nur kurz die Hand zum Gruß. Er hatte bisher noch keinen Ton gesagt.

Weiß er jetzt nicht, wie er sich entschuldigen soll wegen seinem Auftritt vom letzten Mal? Anna wusste selbst nicht, was sie über sein plötzliches Auftauchen denken sollte. Sie war erstaunt, verwirrt und ziemlich sprachlos.

Ihm schien es nicht anders zu gehen.

Um es ihm ein wenig einfacher zu machen, brach sie als Erste das Schweigen.

„Hi, ich bin Anna Diemer. Willkommen auf meinem Hof.“

Jetzt musste er wissen, mit wem er es zu tun hatte.

Doch er antwortete noch immer nicht. Stattdessen strich er sich eine vorwitzige Haarsträhne, die in seine Augen gefallen war, nach hinten und kramte umständlich in seinen Taschen herum. Als er schließlich ein Handy hervorzog und wie wild darauf zu tippen begann, platzte Anna der Kragen.

Er würde doch wohl jetzt nicht die Frechheit besitzen, hier irgendwelche Nachrichten zu schreiben und sie vollkommen zu ignorieren? Sie atmete tief durch, um nicht laut aufzuschreien. Das war wirklich der Gipfel der Unhöflichkeit, was sie hier präsentiert bekam, Eddi Markgraf hin oder her. Wer glaubte er eigentlich, wer er war?

Kurz bevor Anna ihrem Unmut laut Luft machen konnte, hielt er plötzlich das Handy vor ihr Gesicht. Sie war verwirrt und wusste nicht, was das sollte, dann erkannte sie jedoch, dass da etwas geschrieben stand. Er hatte ein Notizprogramm geöffnet und etwas hingeschrieben. Sie nahm das Handy aus seiner Hand und las.

„Ich kann momentan nicht sprechen. Meine Stimme ist weg. Sorry.” Und mit einem kleinen Abstand stand dann noch da: „Hallo. Ich bin Eddi Markgraf.“

Anna starrte ihn an. Sie wusste, dass sie starrte, aber sie konnte nicht anders. Er grinste etwas schief.

„Hallo, ich bin Anna Diemer“, wiederholte Anna nur wenig hilfreich ihre Worte von vorhin. Sie war total durcheinander und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Eddi Markgraf stand hier vor ihr und eröffnete ihr, dass er nicht sprechen konnte. Das erklärte zumindest sein unhöfliches Schweigen. Aber was machte er hier? Ihr schwirrten noch eine Menge anderer Fragen im Kopf herum. Leider würde er ihr die nicht so leicht beantworten können, wenn er nicht sprechen konnte.

Sie musterte ihn, wie er da so stand. Er sah nicht gut aus. Nicht im eigentlichen Sinne, aber er wirkte irgendwie schmal und hatte eine ungesunde Hautfarbe.

Sie gab ihm sein Handy zurück und überlegte.

Er konnte zwar nicht sprechen, aber Nicken und Kopfschütteln war sicher drin. Sie musste nur die Fragen entsprechend stellen.

„Okay. Du hast irgendwie deine Stimme verloren und darfst jetzt nichts mehr sagen, um nichts zu riskieren, richtig?“, fasste sie sein Problem zusammen. Sie beschloss jetzt einfach, ihn zu duzen. Alles andere wäre ihr unnatürlich vorgekommen, schließlich hatte sie das Gefühl, ihn schon ewig zu kennen.

Er nickte und sah sie abwartend an. Er wartete wohl auf weitere Fragen.

„Und jetzt bist du hier, um wieder gesund zu werden?”

Eddi nickte wieder.

„Haben dich diese Leute von Universal hergeschickt?” Aus irgendeinem Grund war ihr genau diese Frage wichtig.

Diesmal schüttelte er den Kopf und zeigte auf sich.

„Du?“, fragte sie nach. „Du hast selbst entschieden, zu kommen?“

Er nickte und jetzt sah Anna ihn das erste Mal richtig lächeln. Ihr Magen schlug sofort Purzelbäume. Dieses Lächeln hatte sie schon unzählige Male auf Fotos, im Fernsehen und im Internet gesehen. Und jetzt stand er hier vor ihr und lächelte nur für sie. Anna, konzentrier’ dich, ermahnte sie sich selbst.

Eine Frage fiel ihr noch ein: „Wissen die … wissen sie, dass du hier bist?“

Eddis Lächeln erlosch, doch er nickte leicht.

Fürs Erste hatte Anna genug gefragt.

„Okay. Dann komm mal mit!“

Sie wollte schon vorgehen, als sie seinen zögernden Blick in Richtung Pino bemerkte. Anna verdrehte die Augen. Hatte er Angst, Pino würde ihn anfallen, wenn er ins Haus ging?

„Ich werde ihm sagen, dass er dich nicht fressen darf“, sagte sie mit ironischem Tonfall und fügte in Gedanken hinzu: Aber nur, wenn du dich benimmst ...

Teil 2 – Stumme Rockstars beißen nicht

1. Kapitel

Anna ging mit Pino voran in den Hof, zur Eingangstür hinein und die Treppe hoch. Eddi folgte ihr schweigend. Irgendwie fühlte es sich merkwürdig an, nicht miteinander zu sprechen. Sie hatte das dringende Bedürfnis, irgendetwas zu sagen. Sie war froh, als sie bei dem für Eddi bestimmten Raum angekommen waren.

„Voilà! Hier ist dein Zimmer. Das Bad ist hier drüben, gleich hinter dieser Tür.“

Sie war nahe der Tür im Zimmer stehengeblieben.

Eddi ging mit so viel Sicherheitsabstand zu Pino wie möglich an ihr vorbei in den Raum hinein und schaute sich um.

Auf dem Bett lag kein Bettzeug und auch sonst sah hier alles noch ziemlich kahl aus. Kein Wunder, es hätte ihr ja wenigstens jemand ankündigen können, dass der werte Herr Markgraf doch noch kommen würde. Jetzt musste er eben damit leben wie es war. Das Bettzeug würde sie ihm nachher noch hochbringen, zum Glück hatte sie eine zweite Garnitur da.

Bevor Eddi durch die Tür ins angrenzende Bad ging, musterte er erst die noch nicht geflieste Wand und schaute dann fragend zu Anna. Es sah zum Anbeißen aus, wie er da stand, mit hochgezogenen Augenbrauen und aufforderndem Blick.

Sollte sie sich dummstellen? Nur, um ihn ein bisschen zu ärgern?

Nein, dazu kannten sie sich noch viel zu wenig. Also beantwortete sie ihm seine unausgesprochene Frage und erklärte, dass sie die Wand noch nicht fertig hatte, weil die Fliesen noch nicht da waren. Diese Erklärung schien ihn zufriedenzustellen, denn er ging weiter ins Bad. Anna folgte in einigem Abstand. Pino hatte sich im Flur auf den Boden gelegt. Ihm schien die Fußbodenheizung zu behagen.

Anna war froh, dass das Bad bis auf besagte Wand schon fertig war. Es sah einfach traumhaft aus. Die dunklen Bodenfliesen bildeten einen herrlichen Kontrast zu den fast weißen Wandfliesen, der Eckbadewanne und den anderen Badmöbeln, die ebenfalls in Weiß gehalten waren. Eine Truhe aus hellgrauem Holz und ein Regal aus demselben Material gaben dem Ganzen einen gewissen Chic. Eigentlich fand Anna es schade, dieses Bad nicht selbst nutzen zu können. Jetzt durfte Eddi Markgraf es einweihen. Na ja, vielleicht konnte sie das irgendwann einmal vermarkten: Schauen Sie sich dieses Bad an, Eddi Markgraf hat es als Erster benutzt!

Eddi sah sich auch hier um, dann nickte er anerkennend.

Er öffnete die zweite Tür des Badezimmers, die auf den Flur hinausführte, erschreckte kurz beim Anblick von Pino, ging dann aber zielgerichtet zur Treppe.

Wo wollte er denn jetzt hin?
„Hey!“, versuchte Anna ihn auf sich aufmerksam zu machen. Das funktionierte, nicht nur bei ihm. Auch Pino stand sofort neben ihr und schaute zu ihr hoch. Eddi war immerhin stehen- geblieben und sah sie fragend an.

„Wohin gehst du?“

Er versuchte es mit Gesten, doch sie hatte keine Ahnung, was er meinte. Dann hatte er eine Idee. Er zückte wieder sein Handy und schrieb es ihr auf. Sie musste unbedingt daran denken, ihm einen Block und einen Stift zu geben, nicht dass er sich mal seinen Finger brach bei der wilden Tipperei. Und sie schätzte, dass ihm sein Finger wichtig war als Gitarrist, vor allem jetzt, wo er als Sänger gerade unbrauchbar war.

Als er fertig war, kam er ein paar Schritte auf sie zu und hielt ihr das Handy vor die Nase.

„Ich will zum Auto und meine Sachen holen. Falls das okay ist.“

Der Mann war ja geradezu kommunikativ, zumindest schriftlich. Zwei Sätze! Das war mehr, als er zu ihr gesagt hatte, als er noch sprechen konnte.

Sie nickte nur. Sie hatte immerhin einen gewaltigen Wortvorsprung, da musste er erst mal aufholen. Fragte sich nur wann und wie, immerhin durfte er nicht sprechen. Ob er im Moment überhaupt sprechen konnte und wie lange er den Mund halten musste, wusste Anna natürlich nicht. Und überhaupt, wie sollte das jetzt ablaufen? Alles so, wie es ursprünglich geplant war? In der Zwischenzeit war so viel passiert. Vielleicht gab es eine Planänderung. Sie musste unbedingt mehr erfahren.

Autor

  • Sandra Helinski (Autor)

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Titel: Rockstar Sommer: Gesamtausgabe (Chick-Lit, Liebesroman, Rockstar Romance)