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Schicksalsschmiede

von Alexandra Scherer (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über die Kurzgeschichte

Knappe Diether vom Bergpass hat seinen Vater unter tragischen Umständen verloren und Ritter Falk hat einen Eid geleistet, Diether wohlbehalten zu dessen elterlichen Burg zu geleiten. Auf dem Weg dorthin rasten die zwei in der Schmiede von Wieland. Seltsame Dinge geschehen dort und auch auf Burg Bergpass. Ritter Falk sieht sich unversehens verwickelt in den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Werden die ritterlichen Tugenden bestehen gegen die heidnischen Kräfte, die das Land in Bann halten?

Impressum

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Erstausgabe November 2016

Copyright © 2017, booksnacks
ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-071-5

Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design
unter Verwendung von Motiven von
© Maksim Šmeljov/fotolia.com
Korrektorat: Daniela Pusch

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Schicksals-
schmiede



Alexandra Scherer

Über die Autorin

Böhm_ebookAlexandra Scherer, geboren 1962, wuchs in Wangen im Allgäu auf. 1985 zog sie mit ihrem polynesischen Ehemann in dessen Heimat Funafuti in Tuvalu. Dort las sie aus purer Langeweile eine komplette Bücherei aus: querbeet von Georgette Heyer, Terry Pratchett, Mills and Boone, Jane Austen und Thackeray hin bis zu einer Publikation über Schweinezucht in England um 1942. Daher sind ihre literarischen Vorlieben stark britisch geprägt.

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Sternenfeuer (ISBN 978-3-96087-306-8)

Mehr zur Autorin findest du unter

www.digitalpublishers.de/autoren/autor-alexandra-scherer/

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Leseprobe

9783960871255_160x256Die Wolfselbin
Susanne Ferolla
ISBN: 978-3-96087-125-5

Die Vorgeschichte – Vor siebzehn Jahren im Hügelland von Koroth

Die Warnschreie brachen abrupt ab.

Abelka verharrte wie eine Eidechse auf dem heißen Hang.

»Dan, Göttin der Fruchtbarkeit, Göttin der Schutzlosen, bitte hilf uns!«, presste sie hervor. Disteln stachen sie in den Bauchnabel, messerscharfe Kalksteinsplitter zerkratzten Knie und Oberschenkel, zwischen ihren Zähnen knirschte Sand.

Mutter Reija drückte sich an sie und krallte die Hände in die staubtrockene Erde.

Die Spelzen der bleichen Halme raschelten über ihren Köpfen, der Wind wehte die Schreie zu ihnen herüber.

Abelka verdrehte etwas ihre Hüfte, zupfte die Distel aus dem Stoff ihres Kleides und schob schützend eine Hand auf den Unterleib, in dem das Ungeborene zuckte wie ein kleiner Fisch. Seit ein paar Tagen erst spürte sie sein zaghaftes Kitzeln. Hatte Göttin Dan kein Herz? Warum nur hatte sie es zugelassen, dass Mutter Reija es sich ausgerechnet heute in den Kopf gesetzt hatte, Silberdisteln zu sammeln? Wie hatte Dan es geschafft, die Fallensteller zu überzeugen, wegen der alten Heilerin den Umweg über die Hügel zu nehmen, anstatt in der Kühle des Waldes ihrem Tagwerk nachzugehen? Und warum, um Dans willen, hatte sich Abelka breitschlagen lassen, mitzukommen?

Jähe Stille legte sich über die flirrende Luft; ein kleiner schwarzer Vogel schoss wie ein Pfeil den Hügel hinab. Die Grillen fühlten sich gestört und hörten auf zu zirpen.

Reija wimmerte und vergrub ihr Gesicht in Abelkas Seite.

»Still!«, zischte Abelka und drückte ein Ohr in den Staub. Sie hielt den Atem an und lauschte dem kaum wahrnehmbaren Kratzen und Knirschen.

Wessen Schritte waren es? Die ihres Gemahls? Näherte sich Fulko? Hakon? Oder hatte eine der Ji’harbi-Kreaturen ihre Witterung aufgenommen und spielte mit ihnen? Das in der Sommerhitze vertrocknete Gras war dicht genug, er konnte sie unmöglich sehen.

Das brauchte ein Ji’harbi auch nicht.

Selbst wenn die Männer ihm die schmutziggelben Augen ausgestochen hätten und er nur noch kriechen könnte, würde er sie finden: Schmutzhäute rochen Blut und Tod über weite Strecken. Drehte der Wind, schmeckte er ihre Angst.

Abelka biss die Kiefer zusammen. Ihr Körper spannte sich wie eine Sehne, bereit aufzuspringen, käme die Kreatur auf sie zu.

Kurze, stoßweise Atemzüge verrieten, dass sich jemand suchend umsah.

»Wo seid ihr?«

Derk! Ein leichter Schauder wogte durch Abelkas Körper, stöhnend ließ sie ihre Stirn auf den Handrücken fallen. Sie rappelte sich auf, wischte sich Tränen und Staub aus den Wimpern, stolperte den Hang hinauf – und sank in die Arme ihres Gemahls.

Derk drückte sie fest an sein rot gesprenkeltes Hemd und griff in ihr Haar. Er roch nach Blut und Schweiß, trotzdem legte sie ihre Wange auf seine Brust, um seinen Herzschlag zu hören. Derk lebte! Das war ein Geschenk der Götter.

Reija kam erstaunlich flink auf die Beine. Ihre Augen blitzten, wütend warf sie ihren eisgrauen Zopf über die Schulter. »Pfui! Was musst du dich so anschleichen? Den Rest meines Lebens werden Ji’harbis mich in meinen Träumen bei lebendigem Leib häuten. Daran bist du schuld.« Sie schlug einen Käfer von ihrem Arm und zertrat ihn. »Du hinterhältige Wanze hast dich in meine Haut gebohrt und es ausgenutzt, dass die alte Reija es nicht einmal gewagt hat, dich zu verfluchen. Schande über dich und deine Brut!« Reijas Lippen hatten Farbe bekommen, doch ihr Zorn verebbte, so schnell er gekommen war. Noch leise vor sich hinfluchend kletterte sie den Hügel hinauf.

»Was ist mit Fulko und Hakon?«, schnaufte Reija und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Derk wich dem bohrenden Blick der Alten aus und blinzelte in die Sonne. »Was soll schon mit ihnen sein? Es waren nicht viele.«

»Gut!« knurrte Reija. »Dann verbrennt sie gleich! Faulende Ji’harbis beleidigen den Himmel!« Verächtlich spuckte sie auf den Boden.

Derk fixierte einen unsichtbaren Punkt in die Ferne und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Hakon weigert sich.«

 Reija stieß einen ungläubigen Pfiff aus, ihre Augen blitzten. »Will er warten, bis sie in der Sonne furzen? Dreimal pfui!«

Wortlos wandte sich Derk um und ließ die beiden Frauen einfach stehen.

»Was soll das heißen?«

Derk schritt unbeirrt weiter. Mit einer ungeduldigen, fast wütenden Handbewegung forderte er sie auf, ihm zu folgen.

Ihre Mutter kniff die Lippen zusammen und hakte sich bei Abelka unter. »Ich habe einen Holzbock als Schwiegersohn. Ich fasse es nicht!«

Abelka erwiderte nichts. Sie liebte den sehnigen, wortkargen Mann. Worte sind wie Schmetterlinge, kurzlebig und flatterhaft. Derk log nie. Ihr Magen zog sich zusammen, als sie Derk mit hängenden Schultern durch das Gras gehen sah. Was war vorgefallen, dass ihn der Tod von Ji’harbis betrübte?

Weitgehend verdeckt von Gestrüpp und Gras waren die vier Leichen von weitem nur als dunkle Flecken im Hügelland auszumachen. Was Derk und die anderen beiden Fallensteller so verunsichert hatte, war aus der Entfernung nicht zu erkennen, so sehr Abelka auch den Hals streckte.

Wenn ihre Augen sie nicht täuschten, hatten Fulko, Hakon und Derk die Toten sorgsam nebeneinander gelegt.

Warum?

Normalerweise wurden tote Ji’harbis wie Tierkadaver auf einen Haufen gestapelt, damit man das mit Pech bestrichene Holz besser um sie herumschichten konnte.

Im warmen Sommerwind glaubte Abelka den Geruch des Blutes zu schmecken; er klebte wie ein bitterer, metallener Belag auf ihrer Zunge.

Fulko und Hakon kauerten im Schatten einer Zwergeiche – nur wenige Schritte von den Toten entfernt, die im hüfthohen Gras kaum auszumachen waren.

Hakon brütete vor sich hin, seine sommersprossigen Wangen waren dreckverschmiert und gerötet. Er hielt seinen Bogen umklammert, der leere Köcher lag im niedergetrampelten Gras.

Fulko verschnürte sein Trinkleder und schleuderte es gegen Hakons Schienbeine. »Hysterischer Gockel!«, schnaubte er und erhob sich. In seinen braunen Augen steckte die Wut eines Stieres. Er war eine Handbreit kleiner als Derk, trotzdem baute er sich vor ihm auf. »Auf was, bitte, warten wir noch?«

Derk beachtete ihn nicht und drängte sich an ihm vorbei. Sanft, aber bestimmt zog er Abelka und die alte Heilerin aus dem Schatten. »Schaut euch an, was wir angerichtet haben!«

Abelka schob die ausgedörrten Halme zur Seite, ihre Mutter stand mit um den Leib geschlungenen Armen unmittelbar hinter ihr, als wäre ihr kalt.

Abelkas Augen weiteten sich. Betroffen starrte sie auf die vier hochgewachsenen Gestalten, in deren Bäuchen Hakons Pfeile steckten.

»Wir müssen sie begraben, oder ihre Geister suchen uns heim.« Hakon stöhnte auf und verbarg sein Gesicht hinter den Händen.

»Ji’harbis haben keine Seele, also werden sie nicht zu Geistern, du Kindskopf!«, bellte Fulko und eine Zornesader schwoll an seinem Hals.

»Es sind Wolfselben! Hör endlich mit deinem idiotischen Geschwätz auf! Ich kann nicht mehr!«

»Wolfselben oder Ji’harbis – ich wüsste nicht, wo da der Unterschied liegt. Sie haben keine Seele, sag ich dir!«

Abelka beugte sich über die Leichen. Die verengten Pupillen hatten ihren Glanz verloren und drohten mit dem hellen Bernsteinbraun der Iris zu verschwimmen.

Wolfsaugen. So nah, dachte Abelka. Seltsamerweise fühlte sie sich in keiner Weise von ihnen abgestoßen. Nach einigen Atemzügen erkannte sie, warum sie so erschreckend menschlich schienen. Sie beugte sich tiefer, sodass sie die Restwärme spürte, die von den Toten ausging, aber wahrscheinlich bildete sie sich das nur ein. Ihre zitternde Hand schwebte knapp über den hellen, langen Wimpern. Sie widerstand dem Drang, sie zu berühren.

Die Gesichter mit den hohen Wangenknochen und der flachen Nase sprangen wie die der Ji’harbis leicht hervor; doch im Gegensatz zu diesen Kreaturen war ihre Haut hell wie die der Kinder des Mondes. Ji’harbis hingegen waren schmutzigbraun; lagen sie in Menschenkleidern auf der Lauer, verwechselte sie so mancher Reisender, der nach Sonnenuntergang noch im Wald herumirrte, mit Waldmenschen.

Das eigentümliche Haar, dessen Farbe an helle Weidenrinde erinnerte, schlang sich um ihre blutigen Hälse und klebte an ihren Wangen. Mit dem Leben war auch der Glanz daraus verschwunden.

Abelka legte eine Hand auf ihr Herz, als wollte sie es vor dem erdrückenden Gefühl, das sie plötzlich überkam, schützen. Warum bedauerte sie die Toten? Im Tod sahen selbst Ji’harbis friedlich aus. Und gewiss gab es auch unter ihnen Individuen mit langen Wimpern. Nur hatte sie bisher nie das Bedürfnis verspürt, einem Ji’harbi in die Augen zu schauen. Und verrieten nicht die spitz zulaufenden Ohren und die scharfen Zähne, die unter den Lippen hervorragten, dass sie vieles mit den Ji’harbis gemein hatten? Abelka holte tief Luft. Vergeblich verdrängte sie den Gedanken, den sie niemals laut auszusprechen wagte. Ji’harbis haben auch viel mit uns Menschen gemein.

Abelka kniete sich nieder. Sie berührte zaghaft den nachtblauen Überwurf eines Toten, rieb den Stoff zwischen Daumen und Zeigefinger. Ihr war, als steckte das eingefangene Licht der Sterne darin.

Langsam zog Abelka ihre Hand zurück. Ein leichtes Schwindelgefühl ergriff sie, als sie sich erhob. Geduldig wartete sie ab, bis das leise Pfeifen in ihren Ohren nachließ. »Sie haben euch angegriffen?« Skeptisch blickte sie die Männer an, ihre Stimme hörte sich an wie in Watte gepackt.

Fulko rollte mit den Augen, als hätte sie etwas Dummes gefragt und drehte ihr den Rücken zu. Seit sie mit Derk vermählt war, sah er sie kaum mehr an.

»Fulko ist schuld!« Hakons Brust hob und senkte sich erregt. »Er ist wie ein Tollwütiger auf sie zugerannt. Mir blieb keine andere Wahl, sonst hätten sie ihn womöglich getötet.«

»Sie hatten Pferde, wir nicht!«, blaffte Fulko ihn an.

»Seit wann können Ji’harbis reiten? Und seit wann trauen sie sich vor Sonnenuntergang aus ihren Verstecken?«

Fulko winkte ab. »Fangen wir die Pferde ein, bevor sie über alle Berge sind. Die stehen uns zu.«

Betretene Stille breitete sich aus. Als sich niemand rührte, packte er Derk an den Schultern. »Sieh dir die Brut doch an! Wolfselben benehmen sich nicht anders als Ji’harbis. Sie haben einem Händler im Wald aufgelauert und ihn ausgeraubt. Was sonst?«

Derk stand reglos wie ein Baumstamm und ließ Fulko um sich herumtanzen.

»Vergiss es!« Verächtlich stieß Fulko Derk vor die Brust und schritt auf die Toten zu. Er bückte sich über einen von ihnen und riss ihm seine Silberkette vom Hals, an der ein Amulett mit einem blauen Stein hing. »Ich wette mit euch, dass ihm das hier nicht gehört«, zischte er und ließ das Amulett hastig in seinem am Gürtel befestigten Lederbeutel verschwinden.

»Hör auf damit!«, fuhr Derk ihn an.

Fulko ließ sich nicht beirren, rücksichtslos versuchte er, einen Goldring vom Mittelfinger eines Toten zu ziehen.

Als er sein Messer zückte, weil der Ring festsaß, war Derk nach wenigen Schritten bei ihm und schlug es ihm aus der Hand.

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    Alexandra Scherer (Autor)

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