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Jördis' Briefe

booksnacks (Kurzgeschichte, Krimi)

von Monika Detering (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über die Kurzgeschichte

Meist ist ein Krimi mit dem letzten Wort zu Ende. Meist. In Monika Deterings Krimi Wer liebt, stirbt zweimal erwacht die Protagonistin Jördis erst am Ende der Geschichte aus dem Koma. Mit jedem Tag, den es ihr besser geht, versucht sie sich zu erinnern, was geschehen ist und warum ihre beste Freundin Ilka starb.

Mit Sechzehn sind Mädchenfreundschaften intensiv, sie ersetzen für eine Zeit lang Eltern und begleiten manchmal auch die erste Liebe. Nur war Jördis‘ Freund keiner, den sie hätte haben sollen, selbst Ilka hatte vor ihm gewarnt …

Um ihren Schmerz um den Verlust ihrer Freundin Ilka begreifbar zu machen, beginnt Jördis Briefe an die Tote zu schreiben.

Hier geht es zur Leseprobe von Wer liebt, stirbt zweimal.

Über die Autorin

detering fuer ebookMonika Detering wollte Schiffsjunge, Malerin oder Schriftstellerin werden. Die letzteren Wünsche waren den Eltern zu unseriös (vom ersten ahnte niemand etwas). Sie arbeitete viele Jahre als Puppenkünstlerin mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland wie Washington, Philadelphia und New York. Durch lange Aufenthalte an der Nordsee wurde das Meer ihr Sehnsuchtsort. Sie war als freie Journalistin tätig und entschied sich später für das belletristische Schreiben. Gemeinsam mit dem Autoren Horst-Dieter Radke erfand und schreibt sie die historische Krimiserie um Puff & Poggel, mit Blick in die 50er Jahre auf fiktive Ereignisse in Mülheim an der Ruhr. Als Gegenpol zum „Kriminellen“ veröffentlichen sie sommerleichte Inselromane. Neben dem gemeinsamen Schreiben publiziert jeder für sich Soloprojekte.

Monika Detering ist Mitglied bei den „Mörderischen Schwestern“ und den „42-erAutoren“.

Weiter booksnacks von Monika Detering sind 

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Non, rien de rien

Mehr zur Autorin findest du unter
www.digitalpublishers.de/autoren/monika-detering/
www.monika-detering.de
www.facebook.com/monika.detering

Impressum

Originalausgabe Oktober 2016

Copyright © 2016

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Ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Jördis’ Briefe


ISBN 978-3-96087-101-9

Titel- und Covergestaltung: Antoneta Wotringer, Özer Grafik Design

Bildnachweis: by-studio/fotolia.com, S.H.exclusiv/fotolia.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse aller Werke dieser Ausgabe sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Jördis’ Briefe



Monika Detering

Du bist nicht tot!

Erster Brief

Tot? Wie kann ich das glauben? Du, meine liebste, meine beste Freundin Ilka. Das bleibst du, immer und immer und immer. Seitdem ich aus dem Koma erwacht bin, fehlst du mir. Ich brauchte einige Tage, um wieder in der Welt zu landen. Das war fremd, anstrengend und verwirrend. In meinen Träumen bist du sehr lebendig, aber immer, wenn ich mit dir reden möchte, verschwindest du. Oft gucke ich zur Tür, und horche, ob du kommst. Ich kenne ja deinen eiligen Gang, meist gehst du schnell und die Absätze deiner Schuhe klacken. Muss ich sagen, du gingst schnell? Ist doch egal … Noch bist du für mich da, ich spüre dich in meiner Nähe. Ja, es sind andere Schritte, die vor dieser weißen Tür Halt machen. Die meiner Mutter und meines Vaters. Immer kommen sie mit schrecklich besorgten Mienen, sie sollen auch mal lachen oder wenigstens lächeln, sie tun, als wäre ich aus der Welt gefallen. Mir geht’s doch besser, jedenfalls eine ganze Ecke besser als noch vor ein paar Tagen. Oma besucht mich auch. Sie kommt mit dem Schiff und per Bahn, das ist umständlich, aber sie macht es. Das rechne ich ihr hoch an. Dabei hat sie ja auch eine Menge Fragen wegen ihres Hauses zu klären, der Brand, weißt du. Ach ja, du weißt es ja nicht. Als wir bewusstlos waren, hat jemand Feuer gelegt. Wer? Mama hat eine Andeutung gemacht. Erzähl ich dir später. Oma Eleonore zögert meist noch ein Weilchen, wenn sie vor der Tür zu meinem Krankenzimmer steht und die Hand zum Klopfen hebt. Klar sehe ich das nicht, aber ich spüre es. Deine Eltern besuchen mich auch. Die haben jedes Mal etwas Verhaltenes in ihren Schritten. Meist aber kommt deine Mutter. Sie sagt nie viel. Sie setzt sich auf den Stuhl, der hier steht, guckt mich forschend an und fängt oft an zu weinen. Ganz leise, als dürfe es niemand hören, außer mir. Manchmal flüstert sie in einem Atemzug: „Jördis, meine Ilka, meine Tochter, sie ist …“ Ich weiß nie, was ich dann tun soll. Es macht mich verlegen und ich fühle mich schuldig. Ich will das nicht. Ich möchte nicht, dass deine Mutter bei mir traurig ist, aber ich weiß, dass sie ihr Leben lang Grund dafür haben wird. Dein Vater, wenn er alleine kommt, fragt mich meist: „Wie geht es dir? Wann kannst du nach Hause?“ Und vorgestern schrie er mich an. „Sag endlich, was geschehen ist, verstehst du das nicht? Sag es. Du weißt es, du bist doch die einzige Zeugin … Mein Kind ist tot. Tust, als könntest du dich nicht erinnern. Jördis, sag es!“

Ich wusste einfach nicht, was ich antworten sollte. Zeugin? Ilka! Ich kann nicht mit deinem Vater reden. Er bedrängt mich, so geht das nicht. Als er ging, sagte ich leise Tschüss, aber er knallte nur die Tür hinter sich zu. Anschließend habe ich der Schwester gesagt, ich möchte nicht so viel Besuch haben. Es strengt mich an. Komisch. Bisher hat mich selten etwas angestrengt. Aber ich bekomme, wenn ich grüble, schreckliche Kopfschmerzen. Mir wird kotzübel dabei und dann denke ich, wie war das denn? Wie war das, bevor wir in das Lokal gingen? Ich weiß schon nicht mehr, wie es heißt. Ilka, hilf mir.

Einmal war Jakob da. Weißt du, was er mitbrachte? Ein Foto, von dir und mir. Er hat von den Aufnahmen erzählt, die er auf Langeoog gemacht hatte, von Alltagsdingen und er hat mich nichts gefragt. Er forderte nichts. Ich muss dann wohl eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, war er weg, und hatte mir noch eine Tafel Schokolade hingelegt, weißt du, die ganz bittere. Dass er das wusste! Ich musste wohl irgendwann, in einem anderen Leben, erzählt haben, dass ich nur die mag.

Ich müsse mich schonen, sagt mir jedes Mal bei der Visite die Ärztin. Wie denn, wenn jeder von mir Erinnerungen einfordert? Wenn ich nur an gestern denke! Eine Kommissarin Bernstiel kam von Langeoog. Sie erzählte, sie sei schon zweimal mit ihrem Kollegen bei mir gewesen. Ich konnte mich nicht daran erinnern. Peinlich, als wäre ich gaga. Selbst Oma Eleonore hat ein besseres Gedächtnis. Ich habe genau gemerkt, dass die Polizistin so etwas dachte. Sie wollte von mir wissen, wie das Unglück passiert sei und fragte auch, ob ich wüsste, wofür Oma eine Hypothek aufgenommen hat. Hypothek? „Woher soll ich das wissen?“, habe ich zurückgefragt. Dann kam Blahblubb von ihr, ich hörte nicht hin, aber dann hatte sie mich: „Erzählen Sie mir über Ihre Beziehung zu Herrn Vossmer!“ Als ich den Namen hörte, dachte ich, ich fall um. Und ehe ich mich versah, fing ich an zu heulen, ich konnte nicht mehr aufhören, es wurde schrecklich, peinlich, ich schniefte und schluchzte, ich konnte ihr keine Antwort geben. Alles war ein grässliches Durcheinander. Und die ‚Beziehung‘, wie die Kommissarin es nannte, ist doch etwas sehr Persönliches, was geht die das an. Du bist doch die einzige, die darüber Bescheid weiß. Stell dir vor, ich erzähle davon, die schreibt alles auf, dann kommt das in die Zeitung, alle wissen Bescheid und lachen sich scheckig. Dann brauche ich gar nicht mehr zur Schule gehen. Oder müsste wechseln. Überhaupt, wenn ich wieder zu Hause in Bremen bin, werden mich doch alle komisch angucken und tuscheln. Das mach ich nicht mit.

Bevor die Frau Bernstiel ging, sagte sie: „Wir brauchen dich dringend als Zeugin. Wenn es dir hilft, mach dir Notizen. Die helfen dem Gedächtnis! Und nächste Woche wollen wir eine Gegenüberstellung machen. Deine Ärztin hat die Erlaubnis dazu gegeben. Du wirst von uns abgeholt und wieder hergebracht. Keine Sorge, du fährst gemütlich mit mir oder einer Kollegin im Zivilauto.“

Ganz doof habe ich gefragt: „Gegenüberstellung mit wem?“

Die Bernstiel seufzte und sagte mit einem forschen Lächeln: „Du musst bestätigen, dass es Herr Vossmer war, der euch an jenem Abend auf Langeoog begleitet hat.“

„Hat er“, habe ich hastig erwidert. „Das unterschreibe ich Ihnen, ich muss ihn doch nicht noch einmal sehen. Das kann ich nicht! Das halte ich nicht aus!“

„Hast du Angst vor ihm?“

Ich dachte kurz darüber nach und bekam ein heftiges Ziehen im Magen und Herzklopfen, als wäre ich gerannt … Schon wieder soll ich als Zeugin aussagen. Dein Vater will es, die Polizei will es und niemand fragt mich, ob ich es will. Ich muss mit dir sprechen, mit wem kann ich es denn sonst tun? Mit ihm bestimmt nicht. Und ich kann es auch nicht mit meinen Eltern. Die sind doch schon Fünfzig, die haben keine Ahnung von Liebe, Begehren, von dem Drang, ständig nur noch an einen zu denken, ihn überall zu suchen und verrückt vor Sehnsuchtsdurcheinander zu werden, wenn man bei ihm ist. Ich fürchte, sie denken noch immer, ich sei ein Kind, das sie bevormunden müssten. ‚Jördis, hast du, Jördis, mach dies, mach das‘. Alles Quatsch. Ich glaube, ich ziehe aus. Mama kann sich auch nicht vorstellen, dass ich dir schreibe, die würde wahrscheinlich sofort daraus ein psychisches Problem konstruieren. Ich hab sie ja lieb, natürlich meinen Vater auch, aber es sind eben Eltern.

Übrigens, Mama sagte es mir ganz behutsam. Sie hatte sich Zeit genommen und gewartet, bis sie glaubte, dass diese grauenvolle Nachricht bei mir angekommen war. Irgendwann an jenem Tag befiel mich das Gefühl, alles in mir sei schwarz geworden. Ich befand mich wie in einem dunklen Gewässer und konnte trotzdem meine Füße erkennen, zwischen den Zehen schwammen sehr grüne Algen und rosafarbene Muscheln. Ich glaubte, ein verhaltenes Lachen zu hören und da roch ich dich, wie du riechst, wenn du aus dem Wasser kamst, nach Sonnencreme, nach Sand und Tang, nach wasweißich und dann war alles weg. Ich saß auf dem Bett, mein Kopf pochte wie verrückt, ich starrte meine Mutter an und wiederholte dümmlich das, was sie mir gesagt hatte. Dass du … ich kann es nicht denken und auch schreiben … Ilka!

Sag mir, dass ich mich in einem grässlichen Albtraum befinde. Und doch. Vor zwei Tagen war deine Beerdigung. Ich sollte noch nicht wegen meiner Kopfverletzung dabei sein. Die Ärztin hat mir dringend davon abgeraten. Oma hat am Telefon gesagt, es wäre eine fremde Frau in der Nähe des Grabes gewesen, so mit Sonnenbrille bei gedecktem Wetter, ob das wohl seine Frau war?

Ilka, du bist so nah, wenn ich mit dir spreche oder meine Gedanken an dich aufschreibe. Auf Papier! Stell dir das vor! Ich sehe dein Grinsen, du würdest jetzt sagen, warum nicht auf WhatsApp? Wenn ich auf Papier schreibe, kann ich anders denken, bei WhatsApp habe ich immer das Gefühl, es müsse ganz schnell gehen. Übrigens, deine Mutter will deinen Facebook-Account schließen. Ich habe sie gebeten, es nicht zu tun. Der Zugang kann ja krass reduziert werden. Aber jetzt schon – warum sollst du auf ewig gelöscht werden?

Stell Dir vor, eine Schwester oder wer auch immer, ich habs ja nicht gesehen, hat mir am Hinterkopf die Haare abgeschnitten. Abrasiert. Meine schönen Haare! Hoffentlich wächst diese Stelle schnell nach, ich kämme immer alles drüber und wenn ich weiß, dass jemand kommt, setze ich die schwarze Strickmütze auf. Die von dir. Du hattest sie ewig gesucht und sie war in meinen Sachen zu Hause. Du hast sie mal liegengelassen. Mama hat sie mitgebracht. Und die weißen Sneakers mit den grünen Streifen, die ich unbedingt vor unserer Reise haben wollte und die ich nicht bekam. Morgen will die Kommissarin Bernstiel wieder kommen. Was soll ich ihr sagen? Nicht, wie alles angefangen hat. Nicht, wie und wo wir uns getroffen haben, wie ich mich lächerlich gemacht habe … Das erzähle ich dir beim nächsten Mal. Denn das weißt du auch nicht, der Tag war einfach grottig blamabel.

Eben bin ich im Zimmer herumgewandert, und musste mich an den Wänden festhalten. Schwindel und mistig fühlen, mehr kann ich wohl nicht. Dann habe ich aus dem Fenster geschaut, mich gekniffen, damit ich mich spüre. Die Kopfschmerzen kamen wieder. Das ist das einzige, was ich richtig spüre. Ich bin so schnell müde und dann rutschen mir alle Gedanken fort.

Heute früh kam Oma. Ich habe sie gefragt wegen der Hypothek. Mich hatte das ja auch neugierig gemacht. Sie wurde regelrecht verlegen. „Diese Polizisten wollen das wissen, ganz besonders hat ständig der Gerrit Blau gefragt. Bisher konnte ich ausweichen, die haben ja genug anderes zu klären, wegen dem heiligen Vossmer, diesem komischen Guru. ‚Also, Jördis, es ist so‘, sagte Oma und lächelte ganz lieb dabei, ein Teil war für diverse Reparaturen am Haus gedacht und der Rest, der soll für dich sein. Das bleibt auch so. Für dein Studium, die erste Wohnung, was so ein junges Mädchen einmal braucht. So viel haben deine Eltern nicht gespart und letztendlich denke ich daran, wer weiß schon, ob sie zusammenbleiben, so etwas weiß man nie, dann musst du nicht um Geld fragen, wenn du soweit bist und das Abitur hast.“ Nach einer Pause fragte sie: „Jördis, sag mal, hast du was mit diesem Vossmer gehabt? Das kann doch nicht sein … Lass man, du brauchst mir nicht zu antworten …“

Ilka, weißt du noch, als ich von ihm die Bücher bekam, als er mir die Gedichtbände schenkte? Wie er mit mir über Literatur sprach und ich dumm dastand, weil ich von nix eine Ahnung hatte? Wie er sich so verständnisvoll zeigte, er ist ja nun mal eine Ecke älter, wie er … Jörg. Endlich kann ich seinen Namen schreiben. Jörg Vossmer. Ein Mörder? Ein Irrtum? Aber meine Mutter hat es mir so gesagt. Jetzt weiß ich auch, warum dein Vater so mit mir spricht. Aber muss ich das glauben?

Wo du auch bist, bleib in meiner Nähe.

Details

Seiten
0
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960871019
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v341025
Schlagworte
E-Book Ebook Belletristik modern zeitgenössisch Erzählung Erzählungen Kurzgeschichte Kurzgeschichten Short Story Short Stories Anthologie booksnack booksnacks

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