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Die letzten Sekunden

booksnacks (Kurzgeschichte, Krimi)

von Linda Cuir (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über die Kurzgeschichte

In einer Kleinstadt gibt es seit einigen Monaten eine Mordserie an Frauen. Sarah ist zu einem Abendessen bei ihrer Freundin eingeladen und begibt sich trotz Warnung ihres Ehemannes allein auf den Weg. Sie weiß, um diese Zeit hat das Phantom noch nie zugeschlagen. Doch auch Mörder ändern Pläne.

Über die Autorin

L.Cuir_ebookLinda Cuir wurde 1944 geboren. Nach Aufgabe ihrer Berufstätigkeit im Jahr 2000 verlegte sie ihren Wohnsitz teilweise nach Andalusien. In der neuen Heimat begann sie mit Leidenschaft, Kurzgeschichten über Erlebtes und Visionäres zu schreiben. Mehrere Kurzgeschichten der Autorin wurden in Anthologien veröffentlicht. Ihr erster Roman Der Himmel über Ceylon erschien im August 2016 im Weltbild-Verlag.

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Mehr zum Autor findest du auf
www.digitalpublishers.de/autoren/linda-cuir/

www.lindacuir.de


Impressum

Originalausgabe Oktober 2016

Copyright © 2016

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Ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Die letzten Sekunden


ISBN 978-3-96087-108-8

Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design

Bildnachweis: Gina Sanders/fotolia.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse aller Werke dieser Ausgabe sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Die letzten Sekunden



Linda Cuir

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9783960875406_vorschauDer Duft von Olivenblüten
Linda Cuir
ISBN: 978-3-96087-680-9 
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-743-1

An einem Festtag im Juni ändert sich das Leben der reichen Erbin Carlota schlagartig. Die Adelige steht nicht nur vor einem Trümmerhaufen der Gefühle, sondern auch vor der größten Herausforderung ihres Lebens. Aus der luxusverwöhnten Besitzerin einer Ölmühle, einer Sherrybodega und zahlreicher Ländereien wird von einem Tag auf den anderen eine hart arbeitende Frau, die um den Erhalt ihrer Betriebe kämpft. Dabei entdeckt sie Verborgenes, erlebt Gewalt und Verrat und entgeht nur knapp einem Attentat. Doch sie erfährt ebenso Freundschaft und die Treue der Menschen, die sie auf diesem Weg quer durch Andalusien und Marokko begleiten. Kann Carlota ihre Ländereien retten und am Ende sogar die Liebe finden?

Neugierig geworden?

Wir wünschen dir viel Spaß bei der Leseprobe!

***

Schreie schreckten Carlota auf. Mit rasendem Herzschlag sprang sie aus dem Bett und eilte barfuß auf die überdachte Terrasse. Eine Möwe erhob sich kreischend von der Brüstung und flog davon. Suchend sah Carlota hinunter auf die weiten Rasenflächen ihres Grundstücks, doch sie entdeckte nichts Außergewöhnliches. Langsam normalisierte sich ihr Pulsschlag. Sie blickte über das Meer. Frachter schoben sich wie Kinderspielzeuge am Horizont entlang. Palmenblätter raschelten neben dem Balkon im Wind. Ein ebenso herrlicher Tag wie damals. Schwungvoll wandte sie sich um und kehrte in ihr Zimmer zurück. Freudig öffnete sie die Verbindungstür und betrat das Schlafzimmer ihres Mannes. Es war leer, das Bett unbenutzt. War Niklas selbst an diesem Tag in die Kanzlei gefahren? Seltsam. Wahrscheinlich hat er sich nach der durchfeierten Nacht nicht schlafen gelegt, sondern wartet unten auf mich. Carlota eilte ins Bad und öffnete das vom Vortag hochgesteckten Haar.

Unter der Dusche ließ sie ausgiebig kaltes Wasser über ihren schlanken Körper laufen und versuchte, dadurch das Hämmern in ihrem Kopf zu vertreiben. »Das war ein Gläschen zu viel Champagner, liebe Carlota«, sagte sie vergnügt.

Das grüne Satinabendkleid, das sie zum Fest getragen hatte, lag wie eine Ziehharmonika auf dem Boden ihres Ankleidezimmers. Sie nahm es auf, warf es über einen Stuhl und zog das neue Seidenkleid vom Bügel, das sie für diesen Tag in Madrid gekauft hatte. Statt der üblichen Perlenohrringe wählte sie tropfenförmige Brillanten und schminkte ihre schmalen Lippen entsprechend der Kleiderfarbe rosé. Die Schatulle mit dem Smaragdschmuck, den sie am Vorabend getragen hatte, legte sie zurück in den Safe im Wandschrank und verließ den Schlaftrakt.

Singend sprang Carlota die Stufen der ausladenden Treppe hinunter und durchquerte die säulengetragene Halle. Im Vorübergehen blickte sie hinaus in den Patio. Keinerlei Spuren von den fast hundert Gästen am Vorabend waren mehr zu entdecken. Sie betrat das Esszimmer. Eine leichte Brise vom Meer wehte durch die geöffneten Terrassentüren herein und blähte die Seidengardinen auf.

»Buenas tardes, Doña Carlota.«

»Hola, Maria, ich bin überrascht. Die letzten Gäste sind doch erst gegen sieben Uhr gegangen und alles ist sauber und aufgeräumt. Habt ihr nicht geschlafen?« Maria schüttelte den Kopf. »Und richte bitte allen meinen herzlichen Dank aus, falls ich ihnen heute nicht begegne. Ihr wart die letzten Tage und während der Feier so engagiert und aufmerksam. Danke vor allem deinem José und den beiden Mädchen. Eine großartige Idee von euch, die Rasenflächen in ein Lichtermeer zu verwandeln. Das war eine gelungene Überraschung und Freude für uns.«

»Haben wir gern getan«, antwortete Maria erfreut.

»Danke, Maria. Stell dir vor, heute bin ich fast so aufgeregt wie vor zehn Jahren«, sagte Carlota, lachte und sah die rundliche Haushälterin liebevoll an. Maria hatte bereits lange Zeit vor ihrer Geburt bei der Familie gearbeitet und war für sie die zweite Mutter. Wie schön Maria den Tisch mit dem alten Meißner Porzellan gedeckt und mit einem Rosenbouquet vom Vorabend geschmückt hat. Genauso wie es Mutter früher zu Festtagen angeordnet hatte. Bei dem Gedanken an ihre verstorbenen Eltern spürte sie einen Hauch von Wehmut. Schade, dass beide diesen Tag nicht mehr erleben durften.

»Sitzt mein Mann auf der Terrasse oder ist er am Strand?«

Maria wandte sich ihr zu und sah sie skeptisch an, zögerte – und verließ wortlos den Raum.

Verwundert schüttelte Carlota den Kopf und ging auf den gedeckten Tisch zu. Kein verräterisches Päckchen lag dort. Hatte Niklas diesen Tag vergessen? Erst jetzt entdeckte sie den Briefumschlag, der verborgen durch den Blumenschmuck an einem der Gläser vor ihrem Gedeck lehnte. Sie griff danach. Erwartungsvoll betrachtete sie den Brief von allen Seiten und rätselte, was sich Niklas Besonderes hatte einfallen lassen. Ihr Herz schlug schneller. Sie sah sich um. Wo blieb er? Wollte er nicht zusehen, wie sie sich freute? Sie stellte das Kuvert zurück. Das Öffnen konnte warten. Obwohl Niklas selten Freude zeigte, bedeutete es für sie ein Glücksgefühl, sein überraschtes Gesicht zu sehen, sobald er sein Geschenk aus der Schatulle befreite. Sie sah auf ihre Armbanduhr und ging hinaus auf die Terrasse. Doch weder dort noch im Garten oder an dem menschenleeren Strand entdeckte sie Niklas. Betrübt kehrte sie in den Raum zurück und stellte das liebevoll verpackte Kästchen mit dem Schlüssel für einen Oldtimer neben seinen Teller. Für dieses seltene Stück war sie extra nach Amsterdam geflogen. Das Auto war erst am Vortag mit dem Schiff in Málaga eingetroffen. Sie blickte erneut auf die Uhr. Zwanzig nach zwei. Erst wenige Minuten waren verstrichen. Carlota zögerte. Sollte sie weiter auf ihn warten? Doch ihre Neugier überwog. Sie riss das Kuvert auf, zog den Briefbogen heraus und faltete ihn auseinander. Kein Geschenk. Lediglich drei Worte, hingekritzelt mit schwarzer Tinte auf dem Briefpapier seiner Kanzlei. Carlota las ein weiteres Mal. Sie hielt den Briefbogen mit beiden Händen und starrte auf die Worte, als könnte sie diese vertreiben. Tränen füllten ihre Augen. Tropfen fielen auf das Blatt. Die Buchstaben zerflossen. Graue Schleier blieben zurück. Sie ließ das Papier zu Boden gleiten. Ein Windhauch trieb es wie ein welkes Blatt vor sich her. Taumelnd verließ sie das Esszimmer und betrat erneut die Terrasse. Ihre Hände zitterten. Die Kraft ihrer Beine schwand. Mit Mühe erreichte sie das schmiedeeiserne Geländer, klammerte sich daran und ließ sich auf den von der Sonne gewärmten Boden gleiten. Sie kauerte sich an das warme Eisen und schloss die Augen. Ihre stillen Tränen gingen in einen Weinkrampf über.

Kam das Rauschen vom Meer, das derart laut in ihrem Kopf dröhnte? Schlief sie und träumte? Carlota öffnete die Augen. Nein, der Brief war Realität. Lediglich drei hingekritzelte Worte - Ich verlasse dich - standen dort, keine Begründung.

Ein Gefühl der Ohnmacht breitete sich in ihr aus. Nach und nach versiegten die Tränen, als fehlte ihr die Kraft. Ihr Körper fühlte sich an wie eine leblose Hülle. Ihr Blick fiel auf den Ring an ihrem Finger. Der Brillant funkelte im Sonnenlicht. Seit zehn Jahren trug sie ihn. Hatte es Warnzeichen gegeben, die sie nie bemerkt oder ignoriert hatte, genau wie am Vorabend, als sie das ungute Gefühl beiseitegeschoben hatte? Eigentlich war es nie Niklas’ Art gewesen, Mandanten nach Hause einzuladen. Und gewiss nicht zu dieser privaten Feier, die lange geplant und vorbereitet worden war. Weshalb war sie nicht stutzig geworden? Niklas war derart spät erschienen, dass er sich dem Anlass entsprechend nicht mehr hatte umziehen können. Hatte er das Fest vergessen? Unsinn. Sie schüttelte den Kopf. Vermutlich erschien er gleich und überraschte sie mit einem ausgefallenen Geschenk und erklärte ihr, dass dieser Brief ein Scherz gewesen sei. Manchmal konnte Niklas skurril sein. Nein, er verließ keine Frau, die ihn trotz des Widerstandes ihrer Eltern geheiratet hatte. Und mit Sicherheit wäre ihr aufgefallen, wenn er dazu Vorbereitungen getroffen hätte.

Seit ihrer Heirat hatte er nie Koffer gepackt. Das war Marias Aufgabe. Carlota stand auf und lehnte sich mit dem Rücken an das Geländer. Aus dem Esszimmer kam leises Geschirrgeklapper. Weshalb räumt Maria ab? Sobald Niklas kommt, essen wir. Kopfschüttelnd ging sie ins Haus zurück und betrat den Salon. Egal, sollte sich die alte Frau beschäftigen. Vermutlich war Maria traurig, dass das von ihr liebevoll zubereitete Festessen verbrutzelte. Carlota warf sich rücklings auf das Ledersofa. Sie starrte zur Decke und zählte die Gardinenringe an den Messingstangen. Aber es half nichts. Wieder tauchten die Gedanken an den Festabend auf. Niklas war nicht nur verspätet erschienen, sondern während des Festes kaum fröhlich gewesen und hatte sich mehr um seine Gäste als um ihre gemeinsamen Freunde gekümmert. Immerhin war er während des Feuerwerks am Strand vor ihrem Grundstück an ihrer Seite gewesen. Gemeinsam hatten sie den Sternenregen bestaunt, der vom Nachthimmel fiel und im silbrig glitzernden Meer versank. In immer kürzeren Abständen sah Carlota auf ihre Armbanduhr und lauschte auf jedes Geräusch. Niklas erschien nicht. Die Sonne stand bereits tief im Westen. Vereinzelte Strahlen zwängten sich durch das Blattwerk der mächtigen Gummibäume, und die Palmen warfen lange Schatten auf die Rasenfläche.

Maria betrat den Salon und unterbrach sie bei der Grübelei. »Doña Carlota, im Esszimmer habe ich kaltes Roastbeef mit Remoulade, das Sie so gerne essen, und den restlichen Hummer vom Fest vorbereitet. Oder soll ich es Ihnen hier servieren?«

Carlota schüttelte den Kopf. »Nein danke, Maria, im Moment habe ich keinen Appetit. Bitte räume alles ab.«

Autor

  • Linda Cuir (Autor)

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Titel: Die letzten Sekunden