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Spiel um deine Hand (Chick-Lit, Liebe, Sports-Romance)

von Saskia Louis (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Eigentlich sollte ein Heiratsantrag nicht so schwer sein. Das denkt sich Emma zumindest. Warum zum Teufel braucht Luke dann so lange, um ihr die eine Frage zu stellen? Den Ring hat sie doch sowieso schon gefunden.

Lukes Plan ist simpel: Er fragt Emma, ob sie seine Frau werden will, sie sagt ja. Doch er hätte ahnen sollen, dass selbst die unkompliziertesten Dinge bei einer Frau wie Emma nicht leicht sind. Und ab einem gewissen Punkt hilft auch kein Kuss unterm Mistelzweig mehr …

Jeder Band der Reihe ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig voneinander gelesen werden.

Impressum

dp Verlag

Erstausgabe Dezember 2016

Copyright © 2019 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-097-5
Taschenbuch-ISBN: 978-3-96087-549-9

Covergestaltung: Antoneta Wotringer
unter Verwendung eines Motivs von
123rf: © dolgachov
Lektorat: Astrid Rahlfs

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Für Vero, danke für Rat und Tat und Motivation!

Kapitel 1

„Luke … was machst du da?“

„Mhm?“

„Was du da machst, habe ich gefragt.“

„Was?“

Emma rieb sich schläfrig mit der Hand übers Gesicht, öffnete auch das andere Auge und betrachtete ihn stirnrunzelnd. „Lucky, ich möchte dich nicht beunruhigen, vielleicht schlafwandelst du ja, aber es ist früher Morgen und du hockst vorm Bett! Das machen normale Menschen nicht und das ist äußerst verstörend. Also: Was tust du da?“

„Ähm …“ Lukes Ohren verfärbten sich rosa und Emma richtete sich auf ihren Ellenbogen auf.

Sie war müde. Und wenn sie müde war, dann wollte sie nicht denken. Wenn sie aber aufwachte, Luke auf ihrer Seite des Bettes kauerte und aus unschuldigen Augen zu ihr aufblickte, dann musste sie denken! Und das war kein wünschenswerter Start in den Tag.

„Ja?“, hakte sie noch einmal nach, weil es nicht so aussah, als habe er vor, in näherer Zukunft weiterzusprechen.

Er räusperte sich. „Ich suche meine Ohrringe.“

Emma musste noch schlafen, denn das, was sie gerade gehört hatte, konnte einfach nur ihrer regen Fantasie entsprungen sein.

Sie gähnte herzhaft und versuchte ihre verfilzten Haarsträhnen hinter die Ohren zu stecken.

„Du hast keine Ohrlöcher, Schatz.“

„Ich meinte deine Ohrringe. Ich suche deine Ohrringe. Die verlierst du hier dauernd und ich glaube, mich hat heute Nacht einer in die Hüfte gepikst.“

„Aha.“

Emma betrachtete ihn skeptisch. Irgendetwas war hier faul. Seine Ohren wurden immer dunkler und seine Hand lag verkrampft auf seinem rechten Knie. Sie streichelte über seine Wange und küsste ihn sanft.

„Lucky, ich liebe dich, aber du benimmst dich heute sehr merkwürdig. Und vor neun kann ich mit merkwürdig nicht umgehen. Also geh‘ deine Bananen frühstücken und lass mich schlafen.“

Sie ließ sich auf das Kissen zurückfallen, schloss die Augen und zog die Decke unter ihr Kinn.

Sie spürte, wie Luke ihr sacht über die Haare fuhr, konnte ihn leise lachen, aufstehen und dann aus der Tür gehen hören.

Was für eine komische Art, in den Tag zu starten. Er hatte vor ihrem Bett gekniet, sie merkwürdig angesehen und total verkrampft gewirkt und … sie riss ihre Augen auf und saß kerzengerade im Bett.

Oh Gott! Hatte das ein Heiratsantrag werden sollen?

„Ich glaube, sie hat nichts geahnt!“

Luke ließ sich auf den Barhocker fallen und klopfte auf die Theke, um dem Barmann zu bedeuten, ihm ein Bier zu bringen.

„Nicht geahnt, dass du ein Trottel bist?“, hakte Wes interessiert nach. „Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber ich glaube, dieses Umstandes ist sie sich vollkommen bewusst.“

Luke schnaubte. Sein Agent und bester Freund war wie immer eine große Hilfe.

„Sei kein Blödmann, ich habe dir doch erzählt, dass ich ihr heute Morgen einen Antrag machen wollte, aber ich habe es mir auf halbem Weg anders überlegt.“

„Du willst ihr also doch keinen Antrag machen?“

Verärgert nahm Luke die Flasche vom Barkeeper entgegen. „Erzähl keinen Mist, natürlich will ich ihr einen Antrag machen. Allerdings erschienen mir Zeit und Ort plötzlich unpassend.“

„Ich habe dir von vornherein gesagt, dass das `ne blöde Idee war“, belehrte ihn sein bester Freund kopfschüttelnd.

„Was war eine blöde Idee?“, wollte Dexter O’Connor wissen, der sich gerade auf den Hocker neben Luke schob. „Luke die Verantwortung dafür zu geben, sich eine Bar als Treffpunkt zu überlegen? Denn da stimme ich zu. Hättest du nicht etwas kreativer sein können?“

Luke hielt die Sportbar gegenüber vom Stadion für eine gute Wahl – sie waren immer hier. Er hatte nicht lange darüber nachdenken können. Er brauchte seine Gehirnkapazitäten für andere Dinge.

„Halt die Klappe, Dex“, sagte er bestimmt und wandte sich wieder an Wes. „Warum war es eine dumme Idee?“

Sein Agent sah ihn an, als würde er das Offensichtliche übersehen. „Alter, man kann einer verschlafenen Frau keinen Antrag machen!“

„Warum nicht? Emma hasst es, morgens zu denken. Ich dachte, das nutze ich zu meinem Vorteil. Bei wichtigen Entscheidungen darf sie nicht anfangen, alles auf die Goldwaage zu legen. Das ist bei Emma essenziell.“

„Du wolltest Emma einen Antrag machen?“, fragte Dex verblüfft.

Luke nickte. „Heute Morgen. Ich hatte vor, genau in dem Moment, in dem sie die Augen aufschlägt, vor ihrem Bett zu knien …“

„Ja, das war eine dumme Idee“, stimmte Dexter Wes zu. „Ich meine, klar, du hast recht: Morgens ist man meistens dümmer – die Chance auf ein ‚Ja‘ hätte sich also erhöht. Aber Frauen sind zu früher Stunde auch verwirrt und zickig …“

Oh, richtig. Warum hatte Luke daran nicht gedacht? Gut, dass er einen Rückzieher gemacht hatte! Auch wenn ihm nicht gefiel, dass Dex implizierte, Emma wäre dumm, wenn sie seinen Antrag annehmen würde.

„Wie hast du damals deinen Antrag gemacht?“, wollte er von Wesley wissen und wandte Dex den Rücken zu.

„Mhm …“ Sein Freund verengte die Augen und dachte intensiv über diese Frage nach. Schließlich zuckte er die Schultern. „Ich habe keinen Schimmer, ich war total betrunken.“

„Und sie hat trotzdem ‚Ja‘ gesagt?“

„Sie war genauso betrunken!“, grinste Wes, bevor er hinzusetzte: „Ach übrigens … wir haben spontan geheiratet, Michelle und ich.“

Luke hob die Augenbrauen und nickte dann. „Cool.“

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Dexter.

Damit war das Thema gegessen.

„Und sie meinte, ich soll es euch schonend beibringen, weil ihr euch aufregen könntet“, sagte Wes lachend. „Als ob sich irgendwer darum kümmern würde.“

Lukes Handy vibrierte und eine Nachricht von Emma leuchtete auf.

Oh mein Gott!!!! Michelle und Wes haben geheiratet und uns nichts gesagt!? Ich freu‘ mich seit Ewigkeiten auf die Hochzeitstorte. Ich darf Michelle nicht schlagen, kannst du das dafür bei Wes übernehmen?

Klar, tippte er zurück. Ich bin total wütend.

Er sah auf.

„Wes, wenn Emma fragt: Ich habe dich geschlagen, weil du das mit der Hochzeit verschwiegen hast.“

Du kannst nicht einmal über SMS lügen, kam es von seiner Freundin zurück, Ich werde das mit dem Schlagen selbst übernehmen.

Er grinste. So eine Freundin verdiente nun einmal einen hammermäßigen Antrag.

„Wie ist das denn bei dir, Dex? Denkst du schon an Heirat?“

Dexter verschluckte sich an seinem Getränk und fing an zu husten.

„Ich habe Kaylie gerade erst davon überzeugen können, meine Freundin zu sein, da werde ich sie sicherlich nicht sofort mit einem Heiratsantrag verscheuchen!“

Lukes Grinsen wurde breiter. „Aber du denkst schon daran. Du süßer Schnucki.“

„Halt einfach deine Klappe, Luke.“

Ja, darin war er nicht sonderlich begabt.

Wieder wurde ein Stuhl zurückgeschoben, diesmal der neben Dexter.

„Warst du nicht auf einem Date mit der Balletttänzerin?“, wollte der sofort von dem Neuankömmling wissen.

Luke lehnte sich zurück und erkannte Sam, den PR-Manager der Delphies.

„Auch an dich ein freundliches Hallo“, bemerkte Sam trocken.

„Sag mir nicht, dass du wieder aus einem völlig hirnrissigen Grund Schluss gemacht hast.“

Sam beugte sich nach vorne und nickte Luke und Wes zu. „Interessiert er sich auch so für euer Liebesleben oder bin ich der einzige Glückliche?“

„Ja. Er bemuttert nur dich“, stellte Luke fest und prostete ihm zu. „Luke, hatte ich dir nicht gesagt, dass du die Klappe halten sollst?“, knurrte Dexter und fragte an Sam gewandt: „Hast du jetzt wieder Schluss gemacht?“

„Nein, verdammt. Wir haben uns getroffen, aber sie muss morgen früh raus, deswegen haben wir das Treffen verkürzt. Und jetzt kümmere dich um deinen eigenen Dreck.“

„Hast du schon einmal einem Mädchen einen Antrag machen wollen?“, nutzte Luke die kurzzeitige Stille Dexters und hob fragend eine Augenbraue in Sams Richtung. Es konnte ja nicht schaden, sich Inspiration von allen Seiten zu holen.

„Ich fülle jeden Tag Anträge für euch Mädchen aus.“

Klugscheißer.

„Ich spreche von einem Heiratsantrag.“

Sam sah für einen Moment mehr als erschrocken aus.

„Was? Natürlich nicht. Wenn man ihnen einen Heiratsantrag macht, erwarten die Frauen doch, dass man sie auch heiratet.“

Allgemeines Nicken.

„So ist es der Brauch, ja“, sagte Wesley weise.

„Das hatte ich befürchtet“, bemerkte Sam und fixierte dann wieder Luke.

„Übrigens, du hast mir nicht gesagt, dass Emma eine verdammte Dampfwalze ist! Sie belästigt mich andauernd mit irgendwelchen Fragen zur Weihnachtsfeier und meint, ich müsse ihr dabei helfen, Entscheidungen zu fällen … dabei darf ich überhaupt nichts machen.“

Luke grinste. „Ja, aber Emma steht drauf so zu tun, als hättest du eine Wahl! Spiel einfach mit und gut ist.“

Er hatte Emma den Job vermittelt, die jährliche Weihnachtsfeier der Delphies zu organisieren, die in wenigen Wochen stattfinden würde und es für besser gehalten, seine Freundin bei Sam als äußerst determiniert, aber sehr kompromissfreudig zu umschreiben. Gleichwohl es für Emma der Kompromiss war, dass sie Sam überhaupt davon unterrichtete, was sie tat. Er sollte sich glücklich schätzen.

Er war sich fast sicher, dass er Sam „So ein Schoßhündchen“ murmeln hörte, entschied aber, dass er sich das eingebildet haben musste. Denn wenn dem nicht so wäre, müsste er wütend werden und darauf hatte er gerade wirklich keine Lust. Ganz zu schweigen davon, dass er zwar Profisportler war, aber in einem direkten Zweikampf gegen Sam dennoch verlieren würde. Den Geschichten nach zu urteilen, die Dexter von ihrer gemeinsamen College-Zeit erzählt hatte, hatte der PR-Manager einen mehr als treffsicheren rechten Haken.

„Um noch einmal auf den Anfang dieses Gesprächs zurückzukommen“, sagte Wes und beugte sich vor.

„Warum darf Emma denn nicht denken, wenn du ihr einen Antrag machst? Hast du wirklich Schiss, dass sie ‚Nein‘ sagt?“

Das brachte Luke zum Lachen.

Als würde Emma ‚Nein‘ sagen! Sie war verrückt nach ihm. Und diesen Gedanken fand er keineswegs arrogant. Er stand einfach nicht auf falsche Bescheidenheit. Außerdem war er ja genauso verrückt nach ihr.

Aber er wollte es besonders machen. Ihr einen Antrag machen, den sie so schnell nicht vergessen würde. Denn das hatte sie verdient. Zuerst war es ihm romantisch vorgekommen, sie mit der Frage Willst du mich heiraten zu wecken.

Aber als er da auf dem Boden gehockt hatte, war er sich auf einmal sehr schäbig vorgekommen. Bevor er hatte aufstehen können, war sie aber natürlich aufgewacht. Gott sei Dank war er geistesgegenwärtig genug gewesen, sich diese geniale Ausrede mit den Ohrringen auszudenken.

Emma tappte also noch völlig im Dunkeln.

„Ich habe höchstens Angst, dass ihr der Ring nicht gefällt“, grinste er.

Obwohl er sich auch dort ziemlich sicher war, dass er ihren Geschmack getroffen hatte. Keine falsche Bescheidenheit!

„Warum machst du es dann nicht einfach klassisch?“, fragte sein bester Freund weiter. „Bei einem Essen, Ring im Champagner.“

Luke schnaubte. Klassisch!

Klassisch war langweilig. Emma war eine Frau mit Klasse, aber keine Frau, die sich von so etwas Einfallslosem beeindrucken lassen würde.

Sie war …

Sein Handy vibrierte mit einer weiteren Nachricht.

Grace sagt, du bist Wesleys goldene Kuh.

… ein Unikat. Sie war ein Unikat. Und sie hatte es verdient, dass auch ihr Heiratsantrag ein Unikat war.

Aber jetzt gab es erst mal noch eine wichtigere Frage zu stellen. Luke hob den Blick zu seinem Freund.

„Bin ich deine goldene Kuh?“

Sein Agent wiegte den Kopf hin und her, nickte jedoch schließlich.

„Ich schätze schon. Besser eine goldene Kuh als ein goldener Esel, oder?“

Ja, theoretisch schon. Dennoch gefiel ihm der allgemeine Part nicht, in dem er als Tier mit Euter dargestellt wurde.

Lass mich goldener Stier sein und ich bin dabei, tippte er zurück.

„Also“, fragte Dex, als Luke wieder aufsah. „Wenn ihr heiratet, nimmt sie dann deinen Namen an?“

„Natürlich wird sie das.“

„Ich werde nicht seinen Namen annehmen!“

Emma schob den Einkaufswagen etwas zu energisch vor sich her und kollidierte dadurch beinahe mit einem riesigen Pfefferkuchenhaus, das die ausladende Halle des Supermarktes wohl in weihnachtliche Stimmung bringen sollte. Es war ihr erstes Weihnachten in den USA und die Fülle an Dekorationsmöglichkeiten, die dieser Laden ihr aufdrängen wollte, erschlug sie beinahe.

Wie groß musste ein Haus bitte sein, um das alles unterzubringen? Und wer wollte ein lebensgroßes Plastik-Rentier auf seinem Dach haben, dessen Nase so hektisch leuchtete, dass man sofort einen Tinnitus im Auge bekam?

„Du regst dich sehr leidenschaftlich über etwas auf, das noch gar nicht zur Debatte steht“, meinte Milla, ihre hochschwangere Schwester, die sich zwischen einer Reihe roter und grüner Luftballons tarnte. Emma fürchtete, ähnlich wie bei den Ballons, dass sie in jeder Sekunde platzen könnte.

Sie war allerdings intelligent genug, das nicht laut auszusprechen. Schwangere Frauen wurden gemein und blutrünstig, wenn man ihnen zu nahe trat.

„Natürlich steht es schon zur Debatte!“, widersprach sie sofort.

Milla verdrehte die Augen. „Emma, er hat dich nicht einmal gefragt, denkst du nicht, es ist zu früh, dir schon …“

„Nein!“, unterbrach Emma ihre Schwester genervt.

Es war fast eine Woche her, dass Luke ihr keinen Antrag gemacht hatte, aber er musste ihr diese Frage nicht stellen, um sie wissen zu lassen, dass auf ihr Ja-Wort eine Reihe Diskussionen folgen würden. Es war besser für Emma, sich schon vorher eine schlagkräftige Argumentation zurechtzulegen, damit Luke keine Chance gegen sie hatte.

„Er wird wollen, dass ich seinen Namen annehme, aber das kann ich nicht. Ich korrigiere die Amis doch so gerne, wenn sie das S von Sander scharf statt weich aussprechen!“

Und sie würde sich Luke nicht einfach so unterordnen! Sie würde nicht einfach hinter seinem Namen verschwinden. „Außerdem bin ich die letzte Sander, die übrig geblieben ist. Du musstest dich deinem Mann ja unbedingt komplett unterwerfen. Ronson, ich bitte dich!“, sagte sie vorwurfsvoll.

Milla zuckte nur die Schultern und watschelte weiter.

„Für Kinder ist es einfacher, wenn die Eltern den gleichen Namen haben. Außerdem haben wir noch mehrere Cousins, die den Namen Sander weitertragen können.“

Emma schnaubte und blieb bei einem Zeichen stehen, das grellen Weihnachtskitsch als Sonderangebot ausschilderte.

„Du weißt, wie unsere Cousins aussehen! Als ob die je heiraten werden.“

„Und ich dachte, Schwangere wären gemein. Aber nervöse Frauen, die auf einen Heiratsantrag warten, offenbar auch.“

Emma kaute auf ihrem Fingernagel herum.

„Was braucht er auch so lange?“

Milla hob beide Hände hoch und durchforstete dann die Weihnachtskugeln, die heruntergesetzt waren.

„Frag mich nicht, was in den Köpfen der Männer vor sich geht. Steve hat gestern ein neues Spiel erfunden, bei dem er Randy einen Froot Loop vor die Nase hält und dann vor ihm wegläuft. Er meint, er animiere ihn damit dazu, mehr und schneller zu laufen und das würde helfen, seinen Gleichgewichtssinn zu stärken. Aber bis jetzt hat es ihm nur dabei geholfen, sein Mittagessen wieder auf den Boden zu spucken. Er will nicht zugeben, dass er versucht, Randy zum Profisportler zu drillen. Aber das wird er mir schon noch sagen.“

Emma starrte ihre Schwester an und hob auffordernd eine Augenbraue. „Und?“

Milla schien verwirrt. „Und was?“

„Wie hilft das Beispiel meiner Situation?“

„Ähm … gar nicht? Sorry, ich habe heute wirklich ein Schwangerschaftsgehirn, das hat überhaupt nichts mit deiner … oh, doch!“

Ihr Gesicht erhellte sich kindlich.

„Was ich damit sagen wollte: Bei Sachen wie Hochzeit und Kindern haben Männer ihren eigenen Rhythmus. Da musst du geduldig sein.“

Emma gefiel kein einziges der Worte, die aus Millas Mund gekommen waren.

„Geduldig sein?“

„Jap, das ist meine Lösung.“

„Das ist überhaupt keine Lösung, das ist eine Zumutung!“

Emma konnte nicht geduldig sein. Das lag einfach nicht in ihrer Natur. Sie wollte den Heiratsantrag und zwar jetzt sofort.

„Hör auf, an deinen Nägeln zu kauen“, wies Milla sie zurecht, zog die Hand von ihrem Mund und schob sie weiter. „Luke braucht eben für alles etwas länger. Das wissen wir doch schon, oder? Er hat doch auch eine Ewigkeit gebraucht, um zu bemerken, dass er dich liebt.“

Ja, das half Emma nicht wirklich – und wie von Zauberhand blieb sie bei der Schokoladenabteilung stehen. Heute war eindeutig ein Schoki-Tag. Die erkannte man daran, dass es kalt war und man anfing, sich Gründe dafür auszudenken, warum heute ein Schoki-Tag war.

Sie seufzte schwer und besah sich die Regale. Aber selbst der Anblick der Schokolade konnte sie nicht glücklich machen.

„Was, wenn er es sich anders überlegt hat?“, murmelte sie. „Wenn er sich vor das Bett gekniet und plötzlich bemerkt hat, dass heiraten gar nicht das ist, was er will?“

„Das geht wirklich nicht, Emma.“

Milla hatte die Hände in die Hüften gestemmt und sah sie abschätzig an.

„Was geht nicht?“

„Ich bin schwanger. Ich darf Schwachsinn von mir geben. Du darfst das nicht. Natürlich will Luke dich heiraten! Er ist verrückt nach dir. Außerdem wäre er ein Vollidiot, wenn er dich nicht offiziell für sich beanspruchen würde.“

„Du meinst, ein Deppidiottel. Er wäre ein Deppidiottel, wenn er sich nicht …“

Milla verdrehte die Augen. „Ja, ein Deppidiottel. Und das ist er ja nicht mehr, seitdem er mit dir zusammen ist, oder?“

Emmas Mundwinkel zuckten. „Na ja, steckt nicht in jedem Mann auf immer und ewig ein kleiner Deppidiottel?“

„Dagegen kann ich nicht argumentieren“, nickte Milla, warf Schokolade in ihren gemeinsamen Einkaufswagen und stapfte weiter den Gang entlang.

Emma atmete tief durch. Wahrscheinlich hatte sie recht. Luke brauchte einfach etwas länger bei emotionalen Dingen als der normal sterbliche Deppidiottel.

Er würde sie schon noch fragen.

Er liebte sie. Und sie sollte aufhören, sich wegen unnötiger Dinge Sorgen zu machen. Sie sollte … oh!

Lametta zum halben Preis! Und goldene Weihnachtselfen, die kicherten, wenn man ihren Bauch drückte! Zugegeben: Sie waren doch sehr kitschig, aber um dreißig Prozent reduziert! Prompt landeten sie in ihrem Wagen.

Die Weihnachtszeit war offiziell eingeläutet und sie wollte die Wohnung schmücken. Sie liebte diese Zeit im Jahr – die Kekse, der Lebkuchen, die Schokolade … und wenn sie sich ein wenig anstrengte, dann würde ihr sicherlich noch ein Grund dafür einfallen, der nichts mit Essen zu tun hatte.

„Sag mal, wo wir gerade von Kindern gesprochen haben …“, meinte Milla und tätschelte ihren Bauch. „Wie sieht das denn …“

„Er hat mich nicht einmal gefragt, ob ich ihn heiraten will, Milla“, schnitt Emma ihr hastig das Wort ab. „Mal also die Kinder nicht an die Wand.“

Kapitel 2

„Bist du sicher, Luke ist damit einverstanden, dass du die Wohnung so weihnachtlich dekorierst?“

Darüber hatte Emma auch schon nachgedacht. Sie hatte da schlechte Erfahrungen gemacht. Aber damals war es noch seine Wohnung gewesen, jetzt war es auch ihre. Außerdem hatte sie ihm gesagt, dass sie den Abend nutzen wollte, um sich weihnachtlich mit Milla einzustimmen. Er würde also damit rechnen.

„Klar. Er wird nichts dagegen haben“, sagte sie deshalb mit relativer Überzeugung und schaltete versuchsweise die Lichterkette ein, die sie um den Billardtisch drapiert hatte.

Sie seufzte. Was hatten diese Lichter nur an sich, was den Menschen so faszinierte?

Vielleicht die Symbolik, die sie verkörperten oder … ach, wen interessierte es? Sie hatte heute wirklich keine Lust dazu, philosophisch zu sein.

„Das sieht echt hübsch aus“, sagte Milla anerkennend. „Sehr unmännlich, aber wirklich hübsch. Warum musste das Lametta noch gleich pink sein?“

Emma grinste. Okay, das hatte sie nur gekauft, um Luke auf die Palme zu bringen.

„Luke meint immer, dass er so männlich ist, dass ihn nichts in seiner Sexualität verunsichern könne. Ich will das nur testen.“

Milla legte einen Arm um sie und drückte sie leicht ächzend an sich.

„Du wirst eine wunderbare Ehefrau sein.“

„Ja, oder?“, sagte Emma fröhlich. „Jetzt muss ich nur noch die Weihnachts-Socken aufhängen und die Wohnung ist fertig.“

„Weihnachts-Socken? Wie amerikanisch von dir“, sagte ihre Schwester lachend und ließ sich vorsichtig auf die Couch sinken. „Mann. Der letzte Teil der Schwangerschaft macht echt keinen Spaß“, jammerte sie und legte ihre Füße hoch.

„Du hast es ja bald geschafft“, sagte Emma und gab ihr einen Kuss auf den Kopf, bevor sie im Schlafzimmer verschwand, um nach den Weihnachts-Socken zu suchen, von denen Luke geredet hatte.

Sie mochte das pompöse Weihnachten der Amerikaner. Mochte den riesigen Weihnachtsbaum, der in Philadelphias LOVE Park aufgestellt wurde. Dass alles, ausnahmslos alles, einen weihnachtlichen Bezug haben musste. Liebte den ständigen Geruch von Zimt, von dem Luke behauptete, sie würde ihn sich einbilden.

Tatsächlich war das Einzige, was sie nicht mochte, die Sache mit der Bescherung. Sie sah überhaupt keinen Sinn darin, bis zum 25. Dezember zu warten, um die Geschenke aufzumachen. Wer hatte sich das ausgedacht? Buddha vielleicht?

Okay, der wahrscheinlich nicht. Das war wohl die falsche Religion. Jedenfalls irgendwer mit einer unglaublich großen Kapazität an Geduld.

Es war auch egal. Hier würde Emma der deutschen Tradition treu bleiben. Der Kultur wegen.

Sie bückte sich und zog Lukes Sockenschublade auf.

„Wo ist dein Lucky überhaupt heute Abend?“, rief Milla aus dem Wohnzimmer.

„Bei Dexter, Poker spielen“, rief sie zurück und schob Socken und Unterwäsche zurück. „Sie wollten das erst hier machen, aber ich habe ihn rausgekickt. Sie sind immer so laut und ich wollte …“ Sie stockte und starrte auf das alte Paar Socken in ihren Händen. Das sehr alte, unförmige Paar Socken.

Meine Güte. Luke musste der schlechteste Versteck-Spieler der Weltgeschichte sein.

„Oh mein Gott! Milla, komm sofort her.“

„Ich bin im achten Monat schwanger! Komm du her.“

Ein valider Punkt.

Emma zog quietschend die Socken aus der Schublade und kam sich heute wirklich sehr mädchenhaft vor. Was teilweise an dem vielen pinken Lametta liegen konnte. Oder auch an den ganzen Hochzeitsgedanken, die in ihrem Kopf herumgeisterten. Von allen Events organisierte sie Hochzeiten am wenigsten gern – was vor allem an den anstrengenden Bräuten lag. Dennoch: Als kleines Mädchen hatte sie die eine oder andere Hochzeit nachgestellt.

Sie sprang auf und sobald sie auf den Platz neben ihrer Schwester gehopst war, warf sie ihr die Socken in den Schoß.

Milla betrachtete verständnislos das Bündel.

„Meinen Füßen geht es gut. Danke.“

„Das ist der Ring, Milla“, sagte Emma atemlos. „Das ist mit Sicherheit der Ring!“

Ihre Handflächen wurden feucht, trotzdem nahm sie das von ihrer Schwester nicht richtig gewürdigte Paar Socken wieder an sich und stülpte sie kurzerhand über.

Ein kleines quadratisches, dunkelblaues Samtkästchen fiel daraus hervor.

Emmas Kehle wurde automatisch ein wenig enger. Wenn sie ehrlich war, dann hatte sie vor ein paar Jahren aufgehört, damit zu rechnen, dass sie je heiraten würde. Den Glauben hatte ihr Ex-Verlobter Stefan ihr genommen, als er per SMS mit ihr Schluss gemacht hatte. Aber das war eine andere Situation gewesen. Er hatte sie zu jemandem machen wollen, der sie nicht war. Bei ihm war sie nicht sie selbst gewesen, hatte sich einfach überrollen lassen. Bei Luke war das alles anders und sie würden heiraten und …

Oh Gott! Sie bekam eine kleine Panikattacke.

„Hyperventilierst du?“, fragte Milla besorgt.

Emma wedelte mit der Hand vor ihrem Mund hin und her und verurteilte sich selbst dafür, dass sie ihre Nerven nicht unter Kontrolle hatte, aber eine Hochzeit war für immer – oder sollte zumindest für immer sein – und wer sagte, dass Luke und sie für immer kompatibel sein würden?

Dass er nicht irgendwann aufhörte sie zu lieben?

Dass er entschied, dass ihre nervige Art und Weise nicht charmant, sondern furchtbar war?

Dass er anfangen würde zu hinterfragen, ob sie die richtige Wahl für ihn war, er sie nicht doch lieber etwas anders haben wollte und …

„Emma! Jetzt beruhige dich. Den Zusammenbruch bekommt man erst am Tag der Hochzeit, nicht bevor man überhaupt einen Antrag bekommen hat.“

„Ach ja? Wer sagt das?“

Ihre Stimme hörte sich an wie ein Hecheln.

„Ich bin ein sehr pünktlicher Mensch. Überpünktlich könnte man sagen, also … natürlich kriege ich den Anfall schon jetzt. Und … was, wenn mir der Ring nicht gefällt? Das wäre ein schlechtes Omen, oder?“

Ihre Finger krallten sich in die Box – und Milla schlug ihre Hand weg.

„Guck nicht rein.“ Ihre Schwester sah sie eindringlich an. „Wirklich, guck nicht rein.“

„Was?“

„Guck dir den Ring nicht an. Du machst es dir kaputt. Und du machst es ihm kaputt. Guck einfach ...“

Emma klappte die Schachtel auf.

„Wäre auch ein Wunder, wenn heute der Tag gewesen wäre, an dem du anfängst, auf mich zu hören.“

Emma hörte ihr nicht zu. Sie starrte mit offenem Mund den Ring an.

Er war hell Silber und in der Mitte saß ein hellblauer Diamant, der durch die raffinierte Fassung fast wie eine Schneeflocke oder ein Mandala aussah. Nicht zu groß oder protzig, aber auch nicht zu klein. Und auf der Innenseite des matten Metalls war ein einziges Wort eingraviert.

Einzigartig.

Er war …

Ihr Handy fing an zu klingeln und Emma erschreckte sich so sehr, dass ihr der Ring aus der Hand fiel.

Panisch sah sie auf das Display, auf dem Lukes Namen aufleuchtete. Du liebe Güte, sie kam sich so vor, als habe sie etwas unglaublich Verbotenes getan. Und irgendwie hatte sie das doch auch, oder?

„Was tue ich jetzt!?“, fragte sie gehetzt an Milla gewandt, während sie den Ring aufklaubte und zurück ins Kästchen stopfte.

„Wie wäre es mit drangehen?“, schlug ihre Schwester unbeeindruckt vor.

„Aber es ist Luke!“

Milla zog ihre Augenbrauen zusammen. „Du hast das Prinzip des Telefonierens schon verstanden, oder? Ich dachte, ich hätte das früher mit dir geübt. Man kann beim Telefonieren nur hören, nicht sehen.“

Ach richtig. So funktionierte das. Ihr Hirn war kurzzeitig von einem riesigen schwarzen Loch ersetzt worden.

„Stimmt, genau“, sagte Emma, wie um die Worte noch einmal für sich selbst zu bestätigen und drückte auf den grünen Hörer.

„Hey Lucky, was gibt’s?“, meldete sie sich betont locker.

„Hey Em … ist alles okay bei dir? Du hörst dich außer Atem an.“

Okay, locker klingen war offenbar keine ihrer Stärken. Sie fasste sich in die Haare und rieb nervös eine ihrer Strähnen zwischen Zeigefinger und Daumen hin und her.

„Ich …“, sie räusperte sich, „habe gerade eine deiner Hanteln angehoben. Das war anstrengend.“

Was Ausreden anging, waren sie wirklich ein sehr talentiertes Paar.

Luke lachte. „Ah Schätzchen, du weißt doch, dass du das nur unter meiner Aufsicht tun sollst.“

Emmas Schulter sanken nach unten und ihr Herzschlag normalisierte sich.

Es war sein Lachen. Das beruhigte sie. Es war so vertraut. Seine ganze Stimme war wie eine Hand, die ihr zärtlich den Rücken tätschelte.

Er war nicht Stefan.

Er war Luke.

Er war ihr Luke.

Das würde funktionieren.

Es würde nicht immer einfach sein – war es nie, wenn zwei Menschen mit ausgeprägten Meinungen aufeinandertrafen – aber sie würden das schon schaffen. Für immer war keine so lange Zeit, wenn man sie mit diesem Mann verbringen konnte. Alles würde gut werden. Sie würden in jedem Punkt einen Kompromiss finden.

„Ich weiß“, sagte sie lächelnd und ließ von ihren Haaren ab. „Aber ich wollte gucken, ob ich einen Bizeps habe.“

„Und? Hast du?“

„Nein, aber deiner ist groß genug für uns beide.“

„Na Gott sei Dank. Hör mal, weswegen ich anrufe: Ich schaff‘ es heute nicht nach Hause. Wir sind eingeschneit und Kaylie gluckt wie eine Mutterhenne um uns herum und verbietet uns, heute noch Auto zu fahren.“

Emma legte den Kopf schief.

„Und du bist betrunken, oder?“

Kurze Stille, dann: „Wie machst du das? Ich habe extra drauf geachtet, mich ordentlich zu artikulieren.“

Er bekam zehn Gummipunkte dafür, dass er das Wort artikulieren mit viel Fantasie richtig ausgesprochen hatte.

Emma lachte leise.

„Nun, Sam und Kaylie haben mitgepokert, also bin ich davon ausgegangen, dass du verloren hast. Und du bist ein sehr schlechter Verlierer, Lucky – demnach wirst du also getrunken haben, um die Schmach zu überstehen.“

Sie hörte, wie er lang und konstant Luft ausstieß. „Ich schwöre dir, die beiden machen einem Angst. Sam hat ein natürliches Pokerface, dagegen kommt keiner an. Und Kaylie ist so ehrgeizig, dass ich Schiss hatte, sie beißt mir die Finger ab, wenn ich nicht jedes Mal mitgehe.“

„Armer Kerl. Nächstes Mal komme ich mit, um dich vor Kaylie zu schützen.“

„Ja, das wäre besser.“

„Okay, dann schlaf da. Wenn es zugeschneit ist, wird Milla wohl auch hier schlafen, ich bin also nicht alleine.“

„Gut … aber wird Milla die Dinge tun können, die ich tue?“

„Ich hoffe nicht. Das wäre wirklich beängstigend.“

Lukes Lachen kitzelte in ihrem Ohr.

„Schlaf gut, Em. Ich liebe dich.“

„Ich dich auch. Bis morgen.“

Sie legte lächelnd auf und begegnete Millas Blick.

„Was denn?“

Ihre Schwester verschränkte zufrieden die Hände auf ihrem Bauch. „Ich werde sowas von bald Tante.“

Lukes Kopf hatte bessere Tage erlebt.

Woran merkte man, dass man alt wurde? Daran, dass man plötzlich einen Kater vom Biertrinken bekam.

Meine Güte, vor fünf Jahren hatte er eine Nacht nach der anderen durchmachen können und jetzt trank er vier Bier zu viel, ging um eins schlafen und hatte das Gefühl, einen stepptanzenden Elefanten im Kopf zu haben. Wenigstens hatte Emma dieses Mal keine Chance gehabt, ein Video von ihm im betrunkenen Zustand zu machen. Sie hatte sich angewöhnt, ihn so zu filmen und am nächsten Morgen damit zu bestechen, irgendetwas für sie zu tun. Meistens den Blödsinn zu essen, den sie im überschwänglichen Kaufrausch erstanden hatte – Größtenteils Torten. Sein Zuckerkonsum war deutlich gestiegen, seit er mit ihr zusammen war.

Gott, er liebte diese Frau, aber ihre Kreativität würde ihm irgendwann noch zum Verhängnis werden.

Er gähnte und stieg in den Fahrstuhl.

Es war kurz vor neun und die Straßen waren zwar größtenteils freigeschaufelt worden, aber immer noch rutschig. Er musste Emma fragen, ob sie Winterreifen auf ihrem Wagen hatte, bevor sie losfuhr, um Klienten zu besuchen. Außerdem musste er duschen. Vorzugsweise mit ihr. Seit ein paar Wochen hatte Emma Chloe, Dexters kleine Schwester, als ihre Assistentin eingestellt und wenn er sich nicht irrte, kam sie erst um zehn. Eine gute Stunde, um Emma von ihrem Job abzulenken, hatte er also noch.

Er war oben angekommen, lief durch den Flur, öffnete die Tür – und blieb mit offenem Mund im Eingang stehen.

Er hatte Albträume gehabt, in denen es schöner ausgesehen hatte.

Ein mächtiges Déjà-vu überkam ihn. Er konnte sich vage daran erinnern, dass er vor etwas mehr als einem halben Jahr Ähnliches erlebt hatte. Nein – etwas Identisches. Nur in unweihnachtlich.

Pinkfarbenes Lametta hing von der Decke, dem Ventilator und der Sofalehne. Die ganze Billardecke schien aus Lichterketten zu bestehen. Bunten Lichterketten. Hässliche goldene Elfen-Viecher standen überall versteckt. Tannengrün zierte jede freie Fläche. Und dann war da noch der Glitzer. Er war überall.

Er hatte keine Ahnung, woher er kam, aber er wollte sofort, dass er wieder dorthin zurück verschwand.

Seine Kopfschmerzen wurden stärker.

Was zur Hölle war hier passiert?

Es sah aus, als hätte ein beschissenes Weihnachtsrentier die Wohnung zugekotzt!

Und wie zur Hölle hatte seine Freundin es geschafft, einen mannshohen Weihnachtsbaum durch die Tür zu bugsieren? Wie sie gestern bereits bemerkt hatte: Sie hatte keinen Bizeps! Und ihre hochschwangere Schwester hatte den wohl kaum gestemmt.

„Emma!“, bellte er und warf die Tür ins Schloss. „Emma!“

„Was denn?“, fragte sie und kam aus dem Schlafzimmer gehetzt. „Wieso schreist du so liebevoll meinen Namen?“

Sie trug einen Rock, der sich eng an ihre Hüften schmiegte, und eine rote Bluse, deren obere Knöpfe noch nicht geschlossen waren. Ihre Haare waren noch feucht von der Dusche, die sie genommen haben musste, und ihre Wangen gerötet.

Vielleicht sollte er ihr erst einen Begrüßungskuss geben. Er hatte sie seit mehr als fünfzehn Stunden nicht geküsst und das erschien ihm irgendwie falsch, er sollte … Konzentration, Luke!

„Was ist das hier?“, fragte er, sich zusammenreißend, und ruderte mit den Armen im Zimmer herum.

Sie hob die Augenbrauen.

„Ich habe dir gesagt, dass ich weihnachtlich schmücken will.“

„Das ist nicht weihnachtlich, das ist ekelig.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

„Dein jetziges Verhalten ist ekelig …“

Ja. Eindeutiges Déjà-vu.

„Wir hatten das doch schon einmal! Exakt das Gleiche. Wie kommst du auf die Idee, dass es jetzt plötzlich okay ist?“

„Damals war es deine Wohnung. Jetzt ist es unsere.“

„Ja, genau. Unsere. Nicht deine.“

Unschuldig schürzte sie die Lippen.

„Na ja“, sagte sie mit sanfter Singsang-Stimme, von der sie wusste, dass sie ihn immer weichklopfte. „Aber ich bin ja die Frau und da dachte ich, die Dekoration unserer Wohnung würde komplett in meine Hände fallen. Außerdem habe ich mir solche Mühe gegeben, es wäre doch schade, wenn ich umsonst Zeit investiert hätte …“

Oh, er durchschaute sie. Verdammt, sie hatte genau gewusst, dass er sich aufregen würde!

„Oh nein“, sagte er mit gefasster Stimme, machte ein paar Schritte auf sie zu, umfasste ihre Schultern und küsste sie hart auf den Mund. Nur weil sie stritten, sollte er auf den Kuss nicht verzichten müssen.

„Nein, nein, nein, nein. Gleichberechtigung! Das ist es, was eine Beziehung ausmacht. Das hast du mir gesagt. Und mit Lametta in den Haaren auf einer Schicht von Glitter aufzuwachen ist keine Gleichberechtigung.“

Jetzt lächelte Emma breit.

„Es ist kein Glitter, es ist Feenstaub.“

„Ist mir egal, was das ist! Es glitzert und ist pink und ich muss davon niesen. Gleichberechtigung, Emma!“

Sie legte nachdenklich den Kopf schief.

„Gleichberechtigung? Das habe ich gesagt, ist wichtig in einer Beziehung? Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sechzig zu vierzig für die Frau ist …“

„Emma!“

„Ja, ist ja gut.“ Sie fing an zu lachen und sah zu ihm hoch, die Hände an seine Brust gelegt. „Das Lametta geht.“

„Und die gruseligen Elfen auch! Und das Glitter.“

„Feenstaub“, korrigierte sie und ließ ihre Finger zu seinen Schultern wandern.

Sie spielte nicht fair, aber das wusste er ja bereits.

„Dann geht eben der Feenstaub“, knurrte er.

„Abgemacht“, nickte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm endlich den Begrüßungskuss, den er verdiente.

„Das war sehr zivilisiert, oder?“, flüsterte sie überrascht, als sie zurück auf den Boden sank.

Luke nickte und flocht seine Arme um ihren Rücken.

„Sehr zivilisiert.“

„Wieso, glaubst du, ist es nicht so übermäßig ausgeartet? Damals haben wir mehr rumgeschrien, oder? Warum jetzt nicht?“

„Weil wir jetzt Sex haben und ich weiß, dass ich meine angestauten Aggressionen damit loswerden kann“, sagte er und im nächsten Moment hatte er sie hochgehoben und über seine Schulter geworfen.

Sie quietschte laut und er konnte ihre Fäuste seinen Rücken malträtieren spüren. Auch, wenn sie sich wirklich nicht viel Mühe gab. Andererseits konnte das auch an ihrem fehlenden Bizeps liegen.

„Luke!“, kreischte sie lachend, als er sie aufs Bett warf. „Ich muss arbeiten.“

„Nachher. Ich habe einen Kater, darum musst du dich kümmern.“

„Mit Sex?“, grinste sie, während er ihr aufs Bett folgte und seelenruhig die Knöpfe ihrer Bluse öffnete.

„Natürlich mit Sex.“

Er war sich ziemlich sicher, dass Sex das Allheilmittel für alles war.

„Luke“, lachte Emma und schlug seine Hände weg. „Chloe …“

Es klingelte an der Tür und grinsend richtete seine Freundin sich auf ihre Ellenbogen auf.

„… ist jede Sekunde hier.“

Seufzend ließ er von ihr ab und rollte sich auf den Rücken.

„So eine Spielverderberin.“

„Keine Sorge“, sagte sie und lief um das Bett herum, um ihn noch einmal zu küssen. „Wir holen das nach.“

Das wollte er doch hoffen.

„Heute Abend?“, fragte er und hielt sie mit seiner Hand in ihrem Nacken davon ab, sich wieder aufzurichten.

„Heute Abend, Mister Wichtig“, meinte sie augenverdrehend, küsste ihn ein letztes Mal und wand sich dann aus seinem Griff.

Die Tür schlug zu und er starrte an die Decke.

So. Wie wollte er ihr jetzt den Antrag machen?

Kapitel 3

„Du bist so schweigsam. Alles okay?“

Emma starrte stur durch die Windschutzscheibe auf den träge vor sich hinfließenden Verkehr.

„Mhm?“

Die junge Frau neben ihr lachte.

„Hey, ich bin die mit den Problemen! Wenn du plötzlich auch welche hast, dann weiß ich nicht, an welche Rollenverteilung wir uns halten.“

Emma seufzte schwer und wandte sich zu Chloe um. Die hellbraunen Haare ihrer zeitweiligen Assistentin fielen ihr bis zu den Schultern, ihre Augen hatten die Farbe von Moos und ihr Gesicht war frei von Make-up. Chloe war wirklich eine interessante Persönlichkeit. Sie schien sich nicht die geringsten Gedanken darum zu machen, was andere Menschen von ihr halten könnten, hatte aber gleichzeitig manchmal einen Gesichtsausdruck, als laste das Gewicht der Welt auf ihren Schultern. Dennoch schaffte sie es immer wieder, ihre Emotionen in den Hintergrund zu schieben. Vielleicht konnte sie Emma das beibringen. Darin versagte diese nämlich kläglich, wie man an Chloes Kommentar bemerkte.

„Ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen“, gab Emma zu und fädelte sich auf der linken Spur ein.

Sie waren auf dem Weg zu der Frau, die für das Catering des Weihnachtsfestes der Delphies zuständig war, um das Essen zu probieren. In den letzten Tagen hatte Emma immer, wenn sie auf Lukes Sockenschublade gesehen hatte, mit einem kleinen Kloß in ihrem Herzen zu kämpfen gehabt.

Sie war ungeduldig. Sie wollte, dass Luke sie endlich fragte. Und außerdem hatte sie das ungute Gefühl, dass Milla recht hatte. Dass sie es ihm kaputt gemacht hatte.

Klar, er wusste nicht, dass sie den Ring schon gesehen hatte, aber sie würde den Gesichtsausdruck, den sie beim ersten Blick auf ihn gehabt hatte, nie wieder so nachahmen können. Und außerdem fühlte sie sich so, als hätte sie seine Privatsphäre verletzt. Sie mochten zwar ein Paar sein und Emma hatte sich einem Menschen nie so nahe gefühlt, aber wenn Luke anfangen würde, in ihrer Unterwäsche herumzuwühlen … sie könnte sich sehr gut vorstellen, dass sie damit ein Problem haben würde.

„Wieso hast du ein schlechtes Gewissen?“, wollte Chloe wissen.

Emma legte ihre Handgelenke über das Lenkrad und schob ihre Unterlippe von der einen zur anderen Seite.

„Ich habe den Ring gefunden.“

Aus den Augenwinkeln konnte sie sehen, wie Chloes Augen groß wurden.

„Den Verlobungsring?“

Natürlich wussten all ihre Freunde, dass sie mit einem Heiratsantrag von Luke rechnete. Denn sie hatte eine große Klappe und konnte nichts für sich behalten.

„Jap“, nickte sie, „und er ist wunderschön. Und ich fühle mich schlecht, weil ich Luke nicht sage, dass ich längst weiß, dass er mir einen Antrag machen will.“

„Aber damit würdest du ihm doch auch die Überraschung kaputtmachen.“

Ja, so in etwa verlief auch ihre Argumentation, die für Schweigsamkeit sprach. Es war nur …

„Aber die Überraschung ist doch schon kaputt! Ich weiß es doch schon längst.“

„Aber er weiß nicht, dass du es weißt.“

„Ja, aber wenn ich so tue als wäre ich überrascht, dann lüge ich ihn doch quasi an, oder nicht? Genauso wie ich ihn belüge, indem ich ihm verschweige, dass ich den Ring schon gefunden habe.“

„Ich glaube, du steigerst dich da etwas rein …“, mutmaßte Chloe.

Natürlich steigerte sie sich rein! Sie war nervös und aufgeregt – und das die ganze Zeit! Immer wenn Luke sich bückte, um seine Schuhe zuzubinden, rechnete sie damit, dass er ihr endlich diese blöde Frage stellen würde. Und jedes Mal wurde sie aufs Neue panisch. Natürlich würde sie ‚Ja‘ sagen, sie liebte diesen Idioten! Aber dennoch kamen ihr immer wieder die gleichen Zweifel.

Sie war schon einmal verlobt gewesen und die Verlobung hatte sie verändert. Sie hatte zunehmend versucht, es Stefan recht zu machen, seinen Arbeitskollegen, seiner Familie zu gefallen, sich widerstandslos dazu bereit erklärt, seinen Namen zu übernehmen und … sie hatte sich selbst verloren, ohne es zu merken.

Wer versprach ihr, dass das nicht wieder passieren würde?

„Emma, hör auf, das Lenkrad zu misshandeln“, sagte Chloe mit überraschend weicher Stimme und tätschelte ihre Hände, die sich um das Leder gekrampft hatten. Die Autos vor ihnen fuhren immer noch nicht weiter und für den Moment war das vielleicht besser so.

„Tut mir leid, ich … Gedanken an Hochzeit machen mich merkwürdig“, stellte sie wahrheitsgemäß fest. „Lenk mich ab. Wie gehst du mit einem schlechten Gewissen um?“

Chloe kaute auf ihrer Unterlippe herum und Emma hatte die leise Ahnung, dass ihre Assistentin mit dem Gefühl Erfahrung hatte.

„Ich ignoriere es“, sagte sie schließlich. „Es zieht einen nur herunter.“

Womit sie recht hatte. Aber Emma konnte ignorieren genauso schlecht wie geduldig zu sein.

„Aber Luke und ich sind immer ehrlich zueinander und ich würde sein Vertrauen missbrauchen, wenn ich es ihm nicht erzähle, oder?“

Chloe lächelte matt. „Du hast ein zu gutes Herz, Emma. Du bist ihm nicht fremdgegangen. Du hast den Ring gefunden! Und es war Zufall. Wenn ich da an die Dinge denke, die ich getan habe …“

Sie stieß zischend Luft aus und schüttelte dann den Kopf. „Nein, mach dir nicht so viele Gedanken.“

Emma starrte sie an. „Du bist so gemein. Du weißt, dass ich jetzt genau wissen will, welche Dinge das sind und ich wette, du wirst sie mir nicht verraten!“

Chloe grinste sie kurz an. „Es ist zu deinem Besten. Ich schütze dich nur davor, dass mein Bruder dich umbringt.“

Das glaubte Emma ihr nicht.

„Schön“, seufzte sie dennoch. „Ignorieren ist also dein Rat für ein schlechtes Gewissen?“

Sie nickte. „Jap. Ich mach‘ das seit sechs Jahren. Funktioniert super.“

Und auch das glaubte Emma ihr nicht.

Die nächste Woche rauschte in einem weihnachtlichen Rot und Grün an Emma vorbei. Die Weihnachtsfeier der Delphies hatte ein Zwanziger Jahre-Motto und demnach musste Emma dafür sorgen, dass die Band in den richtigen Klamotten auftrat, der Raum passend geschmückt war und sie selbst ein themengetreues Kleid fand. Sie vergaß fast, dass Luke nur auf den richtigen Moment wartete, um ihr einen Antrag zu machen.

Okay, das war natürlich gelogen. Sie vergaß das zu keiner Sekunde und der Deppidiottel kam einfach nicht zu Potte. Worauf wartete er? Emma brauchte kein großes Tamtam. Es ging ihr doch sowieso nur um ihn!

Ja, wenn es halbwegs romantisch wäre, dann wäre das schön, aber sie würde Schnelligkeit einer Blaskapelle vorziehen. Er konnte ja einfach eine rote Kerze halten, wenn er sie fragte. Das war süß, oder?

Und er musste auch nicht auf die Knie gehen. So amerikanisiert war sie auch nicht. Außerdem mochte sie, dass er so viel größer war als sie. Und Luke würde sich idiotisch dabei vorkommen. Und sie wollte nicht, dass er dieses Gefühl mit ihrem Heiratsantrag verband.

Gott sei Dank hatte sie gerade ein Stück Muffin im Mund, sonst würde sie jetzt mit Sicherheit hyperventilieren.

„Du weißt schon, dass es Essen auf der Party gibt, oder?“, fragte Luke lächelnd und küsste ihr etwas Schokolade vom Mundwinkel, als sie das letzte Stück des kleinen Kuchens in ihrem Mund verschwinden ließ. „Du hast doch letztens noch davon geschwärmt, wie gut das Essen dieses Catering-Services ist.“

Sie nickte und lief zur Spüle, um sich die Hände zu waschen. „Ja, aber gerade weil ich es organisiere, werde ich heute wahrscheinlich gar keine Zeit zum Essen finden.“

Außerdem war sie Stressesserin. Sie hatte sich in ein goldenes Kleid geworfen, Luke sah natürlich umwerfend aus in einem Retro-Smoking und … wenn er sie heute Abend auf der Weihnachtsfeier nicht fragte, wann denn dann?!

„Und es kann so viel schiefgehen. Die Technik könnte ausfallen, jemand könnte sich beim Tanzen das Bein brechen und …“

Lukes Arme schlossen sich von hinten um ihre Hüften und er zog sie an seine Brust, bevor er sacht ihre Schläfe küsste. „Entspann dich, Em. Du hast schon viel größere Partys organisiert und bist auf jedes Problem vorbereitet. Du hast absolut keinen Grund nervös zu sein.“

Für einen Moment schloss sie die Augen und atmete einfach nur seinen Geruch ein. Seine Arme waren der beste und wärmste Ort, an dem sie je gewesen war.

„Habe ich dir schon gesagt, dass du heute Abend wunderschön aussiehst?“, murmelte er und küsste die Stelle unter ihrem Ohr.

Hatte er. Dreimal.

„Dabei hast du meine Unterwäsche noch gar nicht gesehen“, bemerkte sie und neigte den Kopf zur Seite, damit er auch ihre Schulter küssen konnte.

„Das sollten wir ändern. Ich kann dich erst aus dem Haus lassen, wenn ich sicher bin, dass die Unterwäsche zum Kleid passt. Du weißt, wie speziell ich da bin. Wenn die Farben sich beißen, kann ich den ganzen Abend nicht genießen.“

Oh ja. Luke war Mode sehr wichtig.

Seine Hände drangen an nicht jugendfreie Orte vor und Emma drehte sich in seinen Armen.

„Aber wenn ich dir meine Unterwäsche zeige, wird das meine Frisur kaputtmachen“, sah sie seufzend voraus. „Und außerdem müssen wir in zehn Minuten in der Limousine sitzen.“

Luke sah auf seine silberne Armbanduhr.

„Zehn Minuten reichen mir.“

Sie lachte und schlug ihm gegen die Brust.

„Mir aber nicht!“

Er sah sie ernst an und umfasste ihr Gesicht mit den Händen. „Wenn wir uns beide Mühe geben, dann schaffen wir das!“

Es war ja wirklich verlockend, aber das war ein großes Event und sie wollte auf jeden Fall früher da sein und ihre Haare sahen gerade so gut aus …

„Deine Mutter hat angerufen“, sagte sie.

Abrupt ließ er die Hände fallen.

„Hast du gerade absichtlich die Stimmung zerstört?“

Sie lächelte ein kleines, unschuldiges Lächeln.

„Nein, es kam mir gerade nur so in den Sinn.“

Sein Schnauben strafte sie Lügen.

„Was hat sie gesagt?“

„Ich weiß nicht, sie hat auf den Anrufbeantworter gesprochen. Ich dachte, du kannst es abhören, bevor wir fahren.“

Luke sah äußerst unzufrieden aus, küsste sie aber trotzdem noch einmal, bevor er zwei Schritte zum Sofa machte, neben dem der Anrufbeantworter stand.

„Da stellst du deinen Job über Sex …“, murmelte er kopfschüttelnd, während er zwei Tasten betätigte. „Und ich dachte, ich hätte dir beigebracht, deine Prioritäten richtig zu setzen.“

Sie musste lachen und schlüpfte in ihre Schuhe – goldene Peep-Toes, Luke würde sie heute Abend wohl nach Hause tragen müssen – während der Anrufbeantworter eine neue Nachricht ankündigte.

„Hey mein Schatz, ich weiß, ich und Gunnar hatten überlegt, morgen zu euch hochzufliegen und über Weihnachten zu bleiben, aber seine Tochter könnte jeden Moment das Kind bekommen und das will er natürlich nicht verpassen. Ich hoffe, es ist okay, dass wir so kurzfristig absagen. Aber euch ein schönes Fest! Wir telefonieren. Ich hab‘ dich lieb, liebe Grüße an Emma!“ Piep.

Emma seufzte. Gunnar war der neue Freund seiner Mutter und Luke war nicht dafür bekannt, die neuen Lebensgefährten seiner Eltern mit offenen Armen aufzunehmen.

„Tut mir leid“, flüsterte sie und strich über seine Schulter. „Ich weiß, dass du dich auf sie gefreut hast.“

Er nickte abwesend und eine Hand verschwand in seinem Haaransatz.

„Ist schon in Ordnung. Ich hatte fast damit gerechnet. Ihr Gunni ist auch nicht besonders scharf aufs Fliegen.“

„Du bist sauer auf sie.“

„Ich habe doch gerade gesagt, dass es in Ordnung ist“, sagte er verwirrt.

„Ja, aber du hast nicht so ausgesehen“, flüsterte sie und legte ihre Arme um seine Mitte. „Lass uns Silvester hinfliegen.“

„Wohin?“

„Nach Deutschland. Wir besuchen deine Mutter und wir besuchen meine Eltern, okay? Und dann darfst du so lange wie du willst über den Freund deiner Mutter herziehen. Und ich werde total unvernünftig sein und dir bei all deinen heillosen Anschuldigungen einfach zustimmen.“

Er schloss die Augen, lächelte dann und nickte.

„Okay.“

Er drückte sie an sich und sie sah ihm ins Gesicht und …

„Ach, zur Hölle damit“, fluchte sie und kickte die Schuhe von ihren Füßen, bevor sie ihn an der Hand ins Schlafzimmer zog. „Zehn Minuten, Luke! Und lass deine Finger aus meinen Haaren. Die sind sowieso wie Beton vom vielen Haarspray.“

„Hast du jetzt Mitleidssex mit mir?“, fragte er etwas verblüfft, auch wenn er schon aus dem Sakko geschlüpft und dabei war, sich das Hemd über den Kopf zu ziehen.

Wütend stemmte sie die Hände in die Seiten.

„Natürlich habe ich jetzt Mitleidssex mit dir! Hast du dir mal ins Gesicht gesehen?!“

„Ich weiß, mein Gesicht ist wirklich schön“, grinste er, bevor seine Lippen über ihre glitten und seine Hände da weitermachten, wo sie in der Küche aufgehört hatten.

Es waren natürlich nicht nur zehn Minuten. Und natürlich waren ihre Haare am Ende vollkommen zerstört und natürlich brauchte sie zwanzig Minuten, um sie zurück in Form zu meißeln.

Sie würde zu spät kommen.

Sie, Emma Deutsch Sander, würde zu einer Feier zu spät kommen, die sie selbst organisierte – und es war ihr egal.

Am liebsten hätte sie auf die ganze Feier verzichtet. Am liebsten hätte sie einfach den Rest des Abends mit Luke im Bett verbracht.

Aber das konnte sie natürlich nicht.

Sie saßen in der Limousine, Emma an seine Seite gelehnt, ihre Hand mit seiner verschränkt.

Sie hob das Kinn, blickte über seinen weißen Hemdkragen, seinen gebräunten Hals hinauf, über die dunklen Haare, die sich in seinem Nacken kräuselten und schließlich in seine blauen Augen, die auf sie hinablächelten. Sie würde nie müde werden, ihn anzusehen. Nie müde werden zu hören, wie er ihren Namen sagte. Nie müde, von ihm berührt zu werden.

Und ihr Herz war voll. Ihr Herz war so unglaublich voll und warm und bevor sie wusste, was ihr Mund da eigentlich tat, sagte sie: „Luke, willst du mich heiraten?“

Kapitel 4

„Was?“

Luke starrte sie an und er war sich sicher, dass er sich verhört haben musste.

„Ich habe gefragt, ob du mich heiraten willst“, sagte sie lächelnd und eine Spur Unsicherheit blitzte in ihrer Iris auf.

Er starrte sie weiter an.

Das konnte nicht ihr Ernst sein. Er hatte alles so schön geplant, sie konnte nicht … was ging denn jetzt ab?

„Was?“, wiederholte er.

Sie räusperte sich. „Ich wollte wissen, ob …“

„Ich habe dich schon verstanden! Aber wie kommst du darauf, mich sowas zu fragen?“, fragte er und seine Stimme klang gepresster als ihm lieb war.

Emma richtete sich im Sitz auf, sodass ihre Seite nicht mehr an seine gepresst war und er konnte sehen, wie Röte ihren Hals hinaufkroch. Er wollte wirklich nicht, dass sie sich unwohl fühlte, aber … nein, das war falsch! So ging das nicht.

„Na ja, ich liebe dich und … will dich gerne heiraten. Deswegen habe ich gefragt“, sagte sie in einer allzu sachlichen Stimme.

„Aber du bist die Frau“, stellte er überflüssigerweise fest. „Du bist die Frau und ich bin der Mann. Und ich sollte dir die Frage stellen!“

Emma seufzte schwer. „Könntest du den Chauvinisten in dir vielleicht kurz beiseiteschieben und meine Frage beantworten?“

Zum Teufel, nein!

Er wusste ja, dass Emma ein Kontrollfreak war und alles und jeder nach ihrer Pfeife tanzen musste. Und er liebte es, dass sie so eine starke Persönlichkeit war – aber das ging zu weit! Er machte sich nicht seit drei Wochen Gedanken um den Heiratsantrag, um sich das jetzt von ihr kaputtmachen zu lassen!

Er sah sie ausdruckslos an, die Lippen fest aufeinandergepresst. Er würde nicht antworten.

Emma betrachtete ihn einige Sekunden lang erwartungsvoll und stieß dann einen erneuten Seufzer aus, als sie seine Absicht zu schweigen endlich verstand.

„Okay, ich muss dir was sagen“, erklärte sie langsam. „Ich weiß, dass du mir ohnehin einen Antrag machen wolltest und … du weißt, wie ungeduldig ich bin, Lucky.“

Ungläubig sah er sie an. Das wurde ja immer besser!

„Du wusstest, dass ich dir einen Antrag machen wollte?“

„Na ja, zu meiner Verteidigung: Du bist wirklich nicht sehr erfolgreich geheimnisvoll. Und die Ausrede mit dem Ohrring, den du gesucht hast …“

Gerade war er noch in einem wunderbaren Sex-Koma gewesen und jetzt sowas! Das konnte sie ihm doch nicht antun. Er brauchte ein paar Minuten, um sich zu fangen.

Er blinzelte, ließ ihre Hand los und verengte dann die Augen, bevor seine Stimme eine Oktave tiefer rutschte und er gezwungen ruhig fragte: „Du wusstest es und hast ihn mir trotzdem weggenommen?“

Ihre Kinnlade klappte hinunter. „Weggenommen? Ist der Heiratsantrag dein Eigentum?“

„Ja, verdammt! Das war er zumindest. Gott, du kannst einfach nicht mit Grenzen umgehen! Es ist mein verdammtes Recht, dir diese Frage zu stellen!“

Sie verdrehte die Augen. „Du reagierst komplett über. Wir sind eine moderne Gesellschaft, also frage ich dich: Willst du mich heiraten?“

„Nein.“

Sie rieb sich mit dem Zeigefinger über ihre Schläfe und er konnte sehen, dass sie mit diesem Wort nicht umgehen konnte. „Nein, wir sind keine moderne Gesellschaft oder nein, du willst mich nicht heiraten?“

Sein Kiefer knackte, als er seine Zähne auseinanderriss. „Das war ein Nein, das reißt du nicht unter deine Kontrolle-Nein.“

„Aber …“

„Oh nein. Nein, nein, nein …“

Er wedelte mit dem Zeigefinger vor ihrem Gesicht hin und her und versuchte sich zu beruhigen, aber er konnte nicht.

Wieso hatte sie nicht einfach warten können?

„Nein. Nein. Nein“, wiederholte er.

Autor

  • Saskia Louis (Autor)

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Titel: Spiel um deine Hand (Chick-Lit, Liebe, Sports-Romance)