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Das Traummann-Projekt (Chick-Lit, Humor, Frauen, Liebe)

von Lea Musshoff (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Martin Weber, 35 Jahre, ist ein echt netter Kerl, nur leider weder Til Schweigers noch Matthias Schweighöfers Zwillingsbruder. Statt Alpha-Tier eher ein Z-Tierchen, arbeitet der schüchterne, unauffällige Dauersingle im Wortsparmodus als Ingenieur. Seine heimliche Leidenschaft ist Nina – seine Kollegin und bald auch Mitbewohnerin. Doch wie soll er ihr Herz erobern, wenn sie in ihm nur einen Freund sieht?

Kein Problem! Lea Musshoff stellt ihm einfach Gabriela an die Seite. Die sprechende Navi-App mit südamerikanischem Akzent lotst ihn sicher ins Ziel – und gibt Vollgas in Sachen Liebe …

Über die Autorin

L.Musshoff_ebookLea Musshoff hat als PR-Assistentin bereits Hängebrücken in Lappland überquert, Bilder mit Bügeleisen bemalt und Psychologie studiert, bevor sie damit begann, sich frei nach Pippi Langstrumpf, die Welt so zu schreiben, wie sie ihr gefällt. Die Ideen für ihre Geschichten kommen ihr beim Flamenco tanzen oder in der Badewanne. Ihre Bücher schreibt sie im Zuckerrausch – pro Manuskript verbraucht sie nach eigenen Angaben bis zu zehn Tafeln Zartbitterschokolade.

Impressum

Neuausgabe November 2016

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© Originalausgabe 2015, dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

© Neuausgabe 2016
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Das Traummann-Projekt


ISBN 978-3-96087-119-4

Covergestaltung: Antoneta Wotringer Grafikdesign

Bildnachweis: Filip Filipovic/123RF.com; pixabay.com

Lektorat: Daniela Höhne

Das Traumman-Projekt ist eine überarbeitete Neuauflage des bereits 2015 bei dp DIGITAL PUBLISHER erschienen Titels Die Tarzan-Therapie von Pascale Graff.

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Das Traummann-Projekt

Lea Musshoff

Kapitel 1
Am Anfang war der Apfelkuchen

I dream of when she’ll be mine, I dream of crossing that line … She don’t know me.

Bon Jovi

»Also ich glaube auf jeden Fall an die große Liebe, du etwa nicht?« Mangagroße, babyblaue Augen versenken ihren Blick in meinen. Große Liebe? Hey, ich glaube an Liebe so groß wie die Freiheitsstatue, riesig wie Amerika, gigantisch wie die Welt, galaktisch wie das Universum. Sämtliche Jubelchöre spielen zu einer großen Fanfare auf. Schon immer und ewig wusste ich, es ist nur eine Frage der Zeit, bis mich meine maßgeschneiderte große Liebe endlich finden wird. Immerhin stehe ich schon seit Jahren auf der Warteliste. Genauer gesagt seit fünf Jahren, vier Monaten und dreizehn Tagen.

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Es war mein dreißigster Geburtstag. Ein eher grauer Tag, der mich etwas deprimierte, weil mit dem Übertreten der Schwelle von zwanzig zu dreißig auf einmal der Ernst des Lebens anzufangen schien. Viele meiner Freunde hatten mittlerweile feste Beziehungen, die übrigen zumindest ein florierendes Sexualleben. Ein paar Freunde und ich hatten um Mitternacht mit Flaschenbier auf mich angestoßen, als Geschenk wurde mir eine aufblasbare Gummipuppe überreicht. Erst war es mir peinlich; später wünschte ich, sie hätten mir eine jener lebensgetreuen, anatomisch bis ins letzte Detail ausgestatteten Silikonpuppen gekauft. Am Morgen darauf trat ich, nach einem abgebrochenen Jura, IT- und schließlich abgeschlossenen Ingenieurstudium, meine erste Festanstellung in der Firma an, in der mein Vater bis zu seiner Pensionierung vor zehn Jahren gearbeitet hatte. Das erste was ich erblickte, war ein brünett gelockter Engel, der sich mir als Nina vorstellte und mich in der Firmenlobby in Empfang nahm. Sie erklärte mir die administrative Dreifaltigkeit in Form von Betriebsausweis, Formularen, Einführungsmeetings. Sie hätte von mir aus chinesische Gedichte rezitieren können, ich hörte nur sphärische Töne und verstand Bahnhof.

Als sie erfuhr, dass ich am Tag zuvor Geburtstag gehabt hatte, lächelte sie mich verheißungsvoll an. »Dann bist du Sternzeichen Krebs, genau wie Brad Pitt.« Ich wusste nicht genau, was sie mir damit sagen wollte, aber es musste etwas Gutes sein. Ich verliebte mich vom Fleck weg.

Hier und heute, geschätzte schlappe 1.825 Tage später, sitzen Nina und ich hier und es wird passieren: Beziehungsstatusänderung!

Seit fünf Jahren bin ich ihr bester Freund, was wesentliche Vorteile bietet: Unmittelbare Nähe zum angebeteten Zielobjekt! Ich bekam etliche Gelegenheiten, ihre Vorlieben, Beziehungsgewohnheiten und Eigenarten, ja sogar ihren Monatszyklus zu studieren (Exakt vier Tage vor ihrem Menstruationsbeginn bringe ich ihr immer eine Tafel Trauben-Nuss-Schokolade mit. Sie leidet schrecklich unter PMS, was sich durch den Genuss dieser speziellen Schokoladensorte beruhigen lässt.) Zugegebenermaßen barg die beste-Freund-Taktik auch einen wesentlichen Nachteil: Enthaltsamkeit! Nächtelang hatte ich wachgelegen und mir vorgestellt, wie sie irgendwann einmal statt: »Danke für die Hühnersuppe, die ist genau das, was ich jetzt brauche!«, den Mann in mir entdeckt und: »Los pack ihn schon aus und gib’s mir, das ist genau was ich jetzt brauche!« fordert, oder jedenfalls so ähnlich. Leider blieb es beim Kopfkino und in Real-Time erfuhr ich stets nur, was sie von anderen brauchte und bekam oder eben nicht.

Sparen Sie sich mitleidige Blicke und bedauernde »Ooochs«, es war meine freie Wahl. Ich wollte nur sie! Nie zuvor hatte es mich so erwischt.

Gut, meine Erfahrungen hielten sich bis auf ein paar unspektakuläre Beziehungsversuche in Grenzen. Als schüchterner Teenager auf Jugendfahrten oder ähnlichen Veranstaltungen, die mannigfaltig Gelegenheiten zu schlimmsten Demütigung boten, war ich der, dem Mädels ihr Herz ausschütten. Bei mir holten sie sich Tipps, bevor sie sich die coolen Typen angelten und Knutschflecken sammelten. Dieses No-Sex-Karma zieht sich wie ein roter Strick durch mein Leben.

Dabei war ich kein stubenhockender Eremit. Ich ging auf Partys und lernte die eine oder andere kennen, wurde nur leider in Sekundenschnelle als »bester-Freund-Typ« abgestempelt, vielleicht weil ich wenig offensiv die Signale unbeachtet, Gelegenheiten ungenutzt ließ. Man sollte meinen, dieses würde als gentlemanlike von Frauen geschätzt, doch entweder geriet ich immer an die Falschen oder weibliche Feinfühligkeit wird überbewertet. Ich war einfach nicht der schnelle, oberflächliche, coole Typ. Ich wartete sehnsüchtig, wollte inniglich vertrauen, gehören und besitzen, eben einfach die große Liebe.

Meine Geduld war endlos. Bis es soweit wäre, lebte ich in meinen Träumen und frönte meinem Hobby, welches ich wie ein kostbares Geheimnis hinter einer roten Tür im Keller verschloss. Keine Menschenseele, weder Freunde, noch mein Vater wurden dort geduldet.

Als Nina auftauchte, war für mich alles klar. Wenn sich tatsächlich mal eine andere für mich interessierte, legte ich sofort die Karten auf den Tisch und ließ sie an meinen tiefen Gefühlen teilhaben. Die eine oder andere fand das »voll süß«. Sobald sie hörten, dass das schon jahrelang ging und Nina nicht im Bilde war, geheimes Objekt meiner tiefsten Sehnsüchte zu sein, fanden sie es »voll schräg«. Als wäre ich ein Psychopath, der sich Messer zückend mit wildem Geschrei auf sie stürzen würde: »Du siehst ihr unheimlich ähnlich, du Luder du!«

Fünf Jahre warte ich und es hat sich gelohnt, denn jetzt sitzen Nina und ich hier. Selbst wenn niemand darauf gewettet hätte, das große L-Wort ist gefallen. Sie hat es ausgesprochen! Das ist mein Stichwort! Heute Abend werde ich ihr einen bedeutsamen Vorschlag machen.

»Möch … möchtest du noch was trinken?«, frage ich Nina und sie nickt fröhlich. »Na klar, ich hab es nicht eilig, nach Hause zu kommen. Mein Kühlschrank ist selbstverständlich wieder mal kaputt, wie alles in meiner Bruchbude. Und dann noch direkt unter dem Dach. Bei der Affenhitze ist das kaum auszuhalten. Du kennst ja die alte Leier.«

Es war in der Tat ein heißer Frühsommertag im wörtlichen Sinne. Und es hat bestimmt noch gut 25 Grad, obwohl die Sonne bereits untergeht. Für einen kurzen Moment erwäge ich, statt eines weiteren alkoholfreien Bieres zur Feier des Tages einen bombastischen Tropic-Cocktail. Vielleicht was mit Deko-Schirmchen und Ananas-Scheiben am Glasrand?

Spontan fällt mir aus Kindertagen die aus den Traumschiff-Episoden stammende Letzter-Tag-Gala ein, bei der als krönender Abschluss die riesige Torte samt Feuerwerk hereingetragen wird. So ähnlich würde ich mir vorkommen, wenn sich im Speisesaal sämtliche Hälse nach mir verdrehten, Seht ihr das Schirmchen-Weichei? Wie peinlich. Kurzerhand bestelle ich ein weiteres alkoholfreies Bier für mich und für Nina eine Weißweinschorle.

Sie sieht mich so süß an, mein Herz schlägt wie wild und ich nehme meinen Mut in beide Hände. Jetzt naht hoffentlich die abendliche Höhepunktfleischeinlage.

»Wirklich eine Schande, dass dein Vermieter alles so verkommen lässt. Du solltest dir das nicht gefallen lassen!«, beginne ich mit meiner suggestiven Vorlage. »Ich habe eine Idee, wie du deine Probleme auf einen Schlag los wärst …«, lege ich nach. Wäre ich der Typ dafür, trüge mein inneres Ich ein sardonisches Lächeln. Aber so bin ich nicht und deswegen grinst mein inneres Ich breitmaulig, völlig high von in Gedanken getankten Litergläsern Cocktails mit Schirmchen in allen Regenbogenfarben. Bloß die Ruhe bewahren, rufe ich mich zur Vernunft.

Elegant fächelt sie sich mit der Speisekarte Kühlung zu. Ihre blitzenden Augen, zwischen den sich schnell bewegenden Hochglanzseiten, lassen sie wie die Hauptaktrice eines bunten Schlaraffenland-Daumenkinos wirken. Dem nicht genug, tanzen mir ihre Geruchsmoleküle entgegen. Kleinste Dosen Nina-Dufts infiltrieren meine ausgehungerten Poren, Zellen, Körperöffnungen. Sie … sie duftet wie frischer Kuchen.

Schon zu Schulzeiten hatte mein Vater mir wenig subtil prophezeit, dass mich meine Vorliebe für Backwerk oder generell alle anderen Zucker-Kohlehydrat-Fett-Gemische, um eine erfolgreiche Lebensplanung bringen würde. »Futter nicht noch mehr von dem Süßkram, du bist schon mopsig genug, kein Wunder dass keiner mit dir spielen will!« Er war halt ein Mann klarer Worte und klarer Werte: Wohlstand, Frau und gut geratene Kinder. Als Ingenieur hat er sich bescheidenen Wohlstand erarbeitet, ein Haus in Bestlage gekauft, das bei stetig steigenden Mietspiegeln mittlerweile ein kleines Vermögen wert ist. Erst als das Nest gebaut war, kümmerte er sich die Familienplanung. Meine junge, schöne Mutter hatte ihm den sonst so festsitzenden Kopf verdreht, welcher sich leider rasch wieder in die Ausgangsstellung korrigierte, als ihm klar wurde, dass sie statt kochen und waschen, lieber tanzen wollte oder töpfern. Immerhin konnte sie wundervoll backen, was mir persönlich reichte. Kein Fernsehprogramm hätte so spannend sein können, wie der Moment, in dem wir darauf warteten, dass die Küchenuhr lossang und ich vorsichtig die Backofentür öffnen durfte.

Vaters anfänglicher Stolz auf ihre Schönheit und ihr Charisma, schwand stetig wie eine vom Wind abgetragene Sandburg. Wenn er von der Arbeit zurückkam und sich darüber beschwerte, dass kein Essen auf dem Tisch stand, wurde sie ganz traurig. Meine Erleuchtung: »Papa warum kochst du nicht was?« wurde mit einem exorbitant langen Monolog über »Vorteile der traditionellen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau« quittiert. Sie stritten viel, ich verstand nicht worüber, aber Mama hatte danach nicht mehr so oft getanzt und dann war sie weg. Einfach weg.

»So ist sie halt!«, lautete der knappe Kommentar meines Vaters.

Ich bin mir fast sicher, dass bei seinem ungeschickten Versuch, mir tröstend übers Haar zu streichen, sein kleiner Finger in mein Auge geriet. Es tränte den ganzen Tag wie verrückt. Am gleichen Abend erkrankte ich schlagartig an einer schweren Lungenentzündung. Erst drei Wochen später konnte ich wieder klar denken und irgendwie war meine Mutter nie wieder Thema. Als hätte es sie nie gegeben, als hätte ich sie mit meinem Fieber ausgeschwitzt. Unser Leben funktionierte fortan als reiner Männerhaushalt, völlig back- und tanzfrei. Aber wenn es heute irgendwo nach frischem Kuchen duftet, dann wird mir einen Moment lang schwindelig, meine Füße zucken als wollten sie tanzen – wahrscheinlich eine Art neurotischer Tick oder ein kleiner epileptischer Anfall.

Nina! Meine angebetete Nina. Wäre sie ein Nahrungsmittel, ein Gericht, eine Speise, dann wäre sie frisch gebackener Apfelkuchen mit dickem, verheißungsvollem Mürbeteigboden, auf dem eine satte Schicht feingewürfelter Apfelstückchen ein köstliches Bett bilden, über dem ein weiteres Teiggitter, die Decke wäre, unter der ich mit ihr verschwinden möchte, nachdem ich sie vernascht habe.

»Martin, ist alles in Ordnung mit dir? Du schaust so komisch!«, stellt sie fest und reißt mich aus meiner unanständigen Apfelkuchenmetapher wieder auf den terrakottagefliesten Boden des gemütlichen italienischen Restaurants. Gut so, denn ich habe lange genug geträumt, sage ich mir und setze an »Diese Idee, ja also …«

»Noch ein Dessert für die Dame?«, unterbricht mich der Kellner indem er Nina ihren Weißwein mit einer eleganten Bewegung kredenzt. Mein Bier wird mir auf den Tisch geknallt. Er kann offensichtlich nicht die Augen von Nina lassen. Ich kann ihm kaum böse sein. Sie ist für ihn bestimmt nicht das gleiche wie für mich, aber zweifelsohne ebenfalls eine ausgemachte Leckerei. Vielleicht ein Tiramisu?

»Jetzt denk nicht immer ans Fressen!«, weist mich in meinen Gedanken die nörgelnde Stimme meines Vaters zurecht. Ich kann sie gut ertragen, immerhin verdanke ich ihm den neuen Lebensabschnitt, der vor mir liegen mag.

Inzwischen hat Nina sich entschieden. »Nein, kein Nachtisch für mich, ich muss auf meine Figur achten!«

Der Kellner überschlägt sich fast. »Nicht doch!«

Peinlich berührt räuspere ich mich bis es kurz vor asthmatischem Level klingt und die Schmalzlocke endlich abzieht.

Nina lächelt mich auffordernd an. »Jetzt klär mich doch endlich mal über deine geniale Idee auf, die angeblich all meine Probleme lösen würde?«

Mir wird kalt und warm gleichzeitig, meine Zunge fühlt sich ein wenig taub an, aber kneifen ist keine Option. »Wie du weißt, befindet sich mein Vater seit drei Monaten in dem Pflegeheim, und er möchte definitiv dort bleiben.«

Ich berichte nicht, wie seltsam sich diese Trennung, nach fast dreißig Jahren eingeschweißter Vater-Sohn-WG für mich anfühlt. So viel er immer an mir herum gemäkelt hatte, so wenig Worte gab es beim Abschied. Es schien ihm ziemlich egal, was aus dem Haus wurde. »Für dich alleine wird es zu groß sein!«, waren Anfang und Ende unserer Diskussionen zu dem Thema.

Sein Fazit barg die unschöne Manifestation meiner unterschwelligen Einsamkeit: »Für dich alleine«. Für mich! Fünfunddreißig Jahre alt und alleine! Am nächsten Morgen erschien Nina im Besprechungsraum und überreichte mir lächelnd die Handouts einer Präsentation. Wie aus einem Urknall zeichnete sich jene Idee am Horizont ab die ich ihr nun präsentieren werde und damit unser beider Leben verändere. Gleich. Umgehend. Sofort. Sag es endlich!

»Was ist denn jetzt?«, treibt sie mich zur Eile an und ich versuche mich zu sammeln. Das passiert mir einfach immer wieder. Ich verliere mich in Gedanken und Träumereien und dann ist der Abend um. Nicht, dass es nicht einen gewissen Unterhaltungswert besäße. Allerdings sind Wunschträume auf die Dauer etwas eindimensional. Da fehlt zugegebenermaßen die Haptik und Sensorik. Verschämt wische ich meine verschwitzten Hände an der Jeans ab.

»Erde an Martin?« Ninas Lächeln hatte deutlich an Strahlkraft eingebüßt.

»Das Haus ist zu groß!« Bevor ich mich versehe, sind die Worte draußen. So ist das mit mir und den Worten. Ich bin recht knauserig damit, doch sobald ich den Hahn aufdrehe, purzeln sie unverschämt heraus, ohne sich um Reihenfolge, elegante Formulierungen von sinn- und bildhaften Inhalt zu scheren. Ich wünschte, sie ließen sich wie Buchstabensuppe wieder hinunterschlingen und ordentlich hervorspeien. Nun, da dies bekanntermaßen nicht geht, versuche ich den Schaden zu begrenzen.

Nina dreht den Stiel ihres Glases zwischen zwei Fingern und wirkt alles andere als gefesselt. She is not amused. Ich muss was tun!

»Da mein Vater sich nun eingelebt hat und es wirklich sicher ist, dass er nicht mehr zurückkommen möchte, habe ich überlegt, was ich damit mache, mit dem großen Haus …«, nehme ich den Faden wieder auf. Nina sagt noch immer keinen Ton, ihre Augen sind etwas schmaler geworden, was allerdings auch an der Müdigkeit liegen könnte.

»Man muss schon aufpassen, wen man sich als Mieter ins Haus holt. Ständig hört man von Mietnomaden, zerstörten Inneneinrichtungen, geprellten Mieten …« Ich lache verlegen und ringe um eine lockere Ausstrahlung, was in etwa so geschmeidig gelingt, wie einem Garderobenständer der Salsa tanzt.

Jeglicher Mut weicht von mir. Plötzlich unendlich durstig greife ich nach meinem alkoholfreien Bier und leere das Glas auf Ex. Ich kann das nicht. Ich traue mich nicht. Ich werde alleine in meinem Haus verrotten und Nina wird für immer unerreichbar bleiben. »Wollen wir zahlen?«, will ich fragen, doch stattdessen fabriziere ich einen welterschütternden Rülpser. Wie peinlich!

Nina greift nach meiner Hand. »Martin, ich habe eine klasse Idee!« Was käme jetzt? Schlägt sie mir vor, in der nächsten Staffel »Deutschland sucht das Supertalent« mit Tonleiter rülpsen an den Start zu gehen?

»Ich habe dir doch oft genug von meinen ständigen Problemen mit dem idiotischen Vermieter erzählt? Du und ich, wir kennen uns schon ziemlich lange. Ich meine, du kennst mich sogar sehr gut. Ehrlich gesagt, ich wäre bestimmt die perfekte Mieterin! Wir sehen uns fast jeden Tag und wir haben uns noch nie gestritten!« Ihre Augen leuchten und sie strahlt über das ganze Gesicht. Mein Herz geht auf Kolibri-Frequenz, ich könnte auf der Stelle hyperventilieren. Genau das war mein Vorschlag, den ich in petto hatte. Nina zieht bei mir ein! Sie hat meine Gedanken gelesen. Nein, wir schwingen halt einfach auf der gleichen Welle, sind total im Einklang, zwei Hälften eines Doppelkekses.

»Wie viele Zimmer wären das denn und was würdest du an Miete nehmen?«, stürzt sich Nina auf die Details und ich muss mich schwer konzentrieren. In meinen Tagträumen küssten wir uns meist an dieser Stelle bereits. Zimmer? Miete? Meine spontane Antwort wäre: Du kannst alles haben! Jedes Zimmer, jeden Quadratzentimeter. Mi Casa es su casa. Wo du bist, will ich sein, mein Bett, mein Herd, alles will ich mit dir teilen. Kosten? Umsonst! Ein engelsgleiches Lächeln, ein kleines Streicheln genügen für den Anfang. Obwohl das ja fast klänge, als würde ich sie für eine Wohnungsprostituierte halten. Ich fahre mir über meine Haare, die vor Hitze und Aufregung mittlerweile patschnass geschwitzt sind, und mir wahrscheinlich das Flair eines frisch geduschten Frettchens geben.

Jetzt bloß nichts Falsches sagen. »An und für sich könnte ich die gesamte obere Etage vermieten. Drei Zimmer – da wären ein Schlafzimmer von knapp fünfundzwanzig Quadratmeter mit angrenzendem Bad. Dazu noch zwei kleinere Zimmer …«

»Eines könnte ich als Ankleidezimmer einrichten«, quietscht Nina mit unverhohlener Freude. »Ich habe schon immer von einem eigenen Ankleidezimmer geträumt.«

Ich nicke, bestrebt, ihrer Begeisterung weiteren Vorschub zu leisten. »Es stehen noch Möbel darin. Einiges davon könnte man behalten. Die Tapeten sind original Siebziger, das ist mittlerweile wieder richtig in!«, versuche ich mich als Inneneinrichter.

Ninas Augen verklären, wie ich sie sonst sehe, wenn sie in ihren Lieblingsmodezeitschriften blättert. »Todschick stelle ich mir das vor.«

»Es muss natürlich noch gestrichen und gewerkelt werden …«, schwitze ich hervor. Das würde ich gerne in meine Hände nehmen, wie einiges andere auch.

»Renovieren macht doch total Spaß und du bist handwerklich so begabt!«, lobt Nina mich auch prompt.

Vor meinem geistigen Auge entsteht ein Bild totaler Harmonie und Innigkeit. Schon sehe ich sie und mich gemeinsam in schönster Eintracht malern, schleifen, hobeln. Da kann ja allerhand geschehen, wenn man so renoviert, mit Farben und Pinseln und so.

»Und was ist nun mit der Miete? Ich muss doch wissen, ob es in mein Budget passt …«

Blitzschnell überschlage ich die Zahlen. Ich kenne Ninas momentane Miete. Ziemlich horrend angesichts der dauernd anfallenden Mängel. Dennoch für Großstadtverhältnisse nicht ungewöhnlich. Immerhin hat sie Marmorkacheln im Bad, wogegen ich nur mit Kacheln in Bahama-Beige aufwarten kann. Ob ich behaupten könnte, es handele sich um extra importierte Kacheln aus dem Retro-Sanitär-Handel? »Wenn du ein kleines bisschen bei den Renovierungsarbeiten mithilfst, … wie wäre es mit 700 Euro?«, schlage ich vor. »Äh … warm«, ergänze ich und merke in Gedanken noch an: … wenn wir unsere Liebe besiegelt haben, dann musst du gar nichts mehr zahlen.

Begeistert klatscht sie in ihre zarten Hände. »Das ist ja grandios, eine eigene Etage in einer echten Stadtvilla … Du bist mein Held!«

Meine sehnlichsten Träume erfüllen sich, als Nina aufspringt, um den Tisch herum kommt, mich in ihre Arme schließt, ja an ihr Herz drückt. Ach, wäre ich ein bisschen cooler, ein Quäntchen spontaner, würde ich sie jetzt küssen. Mit meiner Improvisations-Legasthenie bringe ich es nur auf den grinsenden Versuch, das Gleichgewicht zu halten. Während ich halb sitze, halb stehe, zwingt sie mich im Klammergriff zum Umarmungs-Mitwippen. Die Pärchen an den anderen Tischen beobachten uns amüsiert. Im Mittelpunkt zu stehen, wünsche ich mir mit gleicher Intensität wie einen Durchfall-Virus. Aber ich fühle eine Art Wendepunkt nahen. Die Summe der Gleichung, die mein bisheriges Nerd-Leben quittierte, könnte langsam aus den roten Zahlen in ein dickes Plus schlittern. Bisherige Gefühlsarmut, eine Portion Sehnsucht, ein weitaus größerer Klops Angst und Sicherheitsbedürfnis schwinden und eine neue Position erscheint in fetten schwarzen Buchstaben, nämlich weder Verdammnis, Verblendung oder Vergebung sondern: Verheißung.

Nina lässt mich vom Haken, nimmt wieder Platz und winkt den Kellner heran. Sie bestellt zwei Gläser Champagner und erklärt: »Wir haben was zu feiern!«

Sein ratloser Blick wandert von ihr zu mir. Wahrscheinlich denkt er am Ende noch, wir hätten uns verlobt und das passt nun wohl so gar nicht in sein Weltbild.

Ich erspare mir darauf hinzuweisen, dass ich von dem prickelnden Gesöff Sodbrennen bekomme und mir ein echtes Bier gerade viel lieber wäre. Sei es drum. Dies ist ein Abend, an dem sämtliche Unzulänglichkeiten wie weggeweht sein sollen. Ich genieße Ninas kindliche Begeisterung und komme mir tatsächlich ein bisschen vor, als hätten wir gerade unsere Verlobung beschlossen. Heißt es nicht, was lange währt …?

»Ich finde das unglaublich fantastisch! Du bist wirklich ein feiner Kerl, mein bester Freund!«, ergeht sich Nina in weiteren Nettigkeiten, die mich umschmeicheln wie ein sanfter Sommerhauch. »Ach, Matthias wird ausrasten vor Freude!«

Der schnöselige Kellner naht mit dem Champagner. Damit kann sich mein Gehirn nicht aufhalten. Es ist mit anderem beschäftigt. Irgendetwas in Ninas letzter Äußerung hat meine Aufmerksamkeit erregt oder gestört, ja ehrlich gesagt, mich enorm abgeturnt.

Unterdessen hibbelt sie weiter nervös auf ihrem Stuhl, reicht mir ein Glas und hebt das ihre, um anzustoßen.

»Wieso Matthias?«, frage ich nach gefühlten Ewigkeiten verständnislos nach.

Nina spielt mit einer ihrer wunderschönen Locken. »Na, unser Matthias! Matthias Bruckner, meine große Liebe … Das wollte ich dir vorhin eigentlich erzählen. So gut wie du mich kennst, hast du es ja wahrscheinlich sowieso schon geahnt. Prösterchen!«

Erschüttert lasse ich die letzten Wochen Revue passieren. Matthias Bruckner arbeitet im gleichen Ingenieurbüro. In der gleichen Abteilung. Er ist mein Kollege, Kantinenkumpane oder arbeitsbedingter Bekanntschaftsfreund. Wir hätten unterschiedlicher nicht sein können. Ein echter Gewinnertyp. Dominant. Schwitzt Testosteron statt Wasser. Smart aussehend, mit dem gewissen Etwas, welches neben meinem gewissen Nichts noch wächst. Schwarm sämtlicher weiblicher Mitarbeiterinnen. Gleichermaßen im Job erfolgreich, und bei männlichen Kollegen beliebt. Keiner war überraschter als ich, dass dieses Alpha-Männchen meine Nähe suchte, mit mir Essen ging oder mal ein Bier nach der Arbeit zischen wollte. Er flirtet gerne und ohne Skrupel, aber mir war beileibe nichts aufgefallen, was Nina und ihn in Verbindung gebracht hätte. Ein paar Plänkeleien vielleicht, auf keinen Fall verdächtigen Berührungen oder gar Intimitäten. Mit keinem Wort hatte Matthias etwas über Nina verlauten lassen, wobei er ansonsten über seine Eroberungen im Allgemeinen nicht gerade ein Schweigegelübde abgelegt hatte. Erstaunlicherweise hatte auch Nina ihn nie erwähnt. Immerhin gab es mannigfache Gelegenheiten. Während der Arbeit, auf dem Weg zum Kino, an den Wochenenden im Baumarkt, beim Werkeln an ihrer Toilettenspülung oder während des Lattenrost-Reparierens. Da war weit und breit kein Matthias auf dem Traumprinz-Radar aufgetaucht.

Bestimmt hatte ich etwas falsch verstanden. »A-aber wie lange geht denn das schon?«, stottere ich. Sie zwinkert mir zuckersüß zu. Der Champagner stößt mir sauer auf.

»Och, so etwa acht Wochen.« Die Welt dreht sich vor meinen Augen wie ein Kinderkreisel. Sie lehnt sich etwas vor, dabei berühren ihre perfekten Brüste die Tischkante. »Ich wollte nicht darüber sprechen, nicht mal mit dir. Versteh doch, ich musste mir erst sicher sein, dass er meine Gefühle erwidert und es nicht einfach nur eine Affäre ist. Tja, dann hat er mir tatsächlich gestanden, dass er mich liebt und ziemlich Knall und Fall vorgeschlagen, zusammenzuziehen. Matthias wohnt in einem klitzekleinen Ein-Zimmer-Appartement und in meiner Horror-Wohnung können wir unmöglich zu zweit leben. Also bleibt uns nur gemeinsam etwas Neues zu suchen. Du kennst ja die Mietspiegel. Außerdem muss Matthias sparen.«

Irritiert nehme ich einen weiteren Schluck. Matthias der erfolgreiche Hecht mit neuem Sport-Flitzer und schicken Klamotten bewohnt nur ein kleines Zimmer und ist nicht liquide? Nina zuckt mit den Schultern. »Es ist nicht so, dass er kein Geld hat. Er hat es fest angelegt und kommt da bis auf weiteres nicht dran.«

Mir fällt eine Unterhaltung am Kaffeeautomaten ein. Vor circa zwei Monaten hatte ich Matthias während einer unerwarteten Gefühlswallung über den Auszug meines Vaters berichtet. Seine interessierten Fragen hatte ich als Mitgefühl ausgelegt.

In mir steigt ein Verdacht auf. Mir wird schlecht. Ich würde gerne kotzen, die Flasche auf den Boden werfen, den Kellner verprügeln, Nina das Handy aus der Hand schlagen, Matthias hierher bestellen, mich mit ihm auf dem Parkplatz duellieren. Auf die gute alte Art Fäuste sprechen lassen: Küss den Boden, friss Dreck, du Schwein! Dummerweise bin ich so nicht. Ich brauche Zeit, muss nachdenken.

»Was meinst du, wann wir in die Wohnung können, um uns alles anzuschauen, Renovierungsarbeiten planen und so? Passt es am Wochenende?« Ich spiele Emotions-Tetris und versuche, die einzelnen Puzzleteile zu einem ganzen, situationskohärenten Gefühl zusammenzubringen. Ich kann keinen Rückzieher bringen. Wie sähe das aus? Als wäre ich ein Schwein, quasi ein Wohnungszuhälter. Jeder im Büro würde sich das Maul darüber zerreißen. Es dauert nur ein, zwei Schlucke, und ich habe die Vorfreude der letzten Tage, das Hochgefühl dieses Abends, ertränkt und verdaut.

Ich muss mit ansehen, wie Nina die Tasten ihres Handys drückt und ihrem Matthias begeistert die Neuigkeiten entgegenkreischt. »Ja tatsächlich, Schatz, es war Martins Idee! Ja, ich finde auch er ist der Größte!« Sie strahlt mich an. Meine Spiegelneuronen funken reflexartig zurück obwohl mir beileibe nicht nach Grinsen ist. Rasch stürze ich den Inhalt meines Glases herunter und bemühe mich um Resthaltung.

Keine halbe Stunde später ist es vorbei. So lang sich der Abend vorher zog, so schnell fand er sein Ende. Als hätte Nina auf ihren Einsatz gewartet- »Einziehen, ja. Wann?« Und schon konnte die Rechnung kommen, die ich selbstverständlich beglich.

»Matthias wartet noch auf mich!«, klärt sie mich auf.

»In seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung?«, hätte ein Zyniker gefragt. Ein Martin fragt: »Soll ich dich fahren?«

Aber sie hat ihr eigenes Auto dabei. Ja, das läuft auch wieder, seit ich vor zwei Wochen den Keilriemen ausgetauscht habe. Wo Matthias da wohl gewesen war? Ich wette, er spart sich seine Fingerfertigkeiten für andere schmutzige Gelegenheiten.

Wir verabschieden uns wie Freunde. Küsschen links und rechts, treffen meine Wangen wie kleine Dolchstiche. Ich winke ihr nach, bis ich ihre Rücklichter nicht mehr sehen kann und als ich endlich in meinem Auto sitze, starre ich in die Dunkelheit. Ich kann einfach nicht sofort losfahren. Sehe auch keine Veranlassung. Niemand wartet auf mich. Durch die große Glasfront des Restaurants beobachte ich, wie nach und nach die letzten Gäste aufbrechen. Schließlich bleiben nur noch Kellner, die den Speiseraum für den nächsten Tag herrichten.

Es ist eine laue Nacht. Trotzdem ist mir kalt und ich sitze stocksteif, wie ein Eskimo beim Eislochmeditieren.

Was für eine kumulative Katastrophe mit nicht absehbaren Konsequenzen war am Horizont heraufgezogen? Bei der Aussicht, schon bald in der Etage über mir meine Apfelkuchen-Nina und ihren Alpha-Matthias wohnen zu haben, wird mir wieder übel. Ich sollte in diesem Zustand bestimmt kein Auto mehr fahren … wahrscheinlich bin ich betrunken, werde den Weg nach Hause nicht finden. Vielleicht nehme ich eine falsche Ausfahrt und lande in Buxtehude, oder in Barcelona oder im Nirwana? Und wenn ich einen Unfall baue? Vielleicht wäre das überhaupt die beste Lösung! Was für einen Sinn hat denn das alles noch? Mit fahrigen Bewegungen schalte ich an meinem Handy die Navigations-App ein und befestige es im Halter. Seufzend betrachte ich den aufblinkenden Bildschirm, die Koordinaten, den Zoom, die Straßen und eingeblendete Verkehrswarnungen. Wenn mein Leben nun auch nach festen Eckpunkten eines vorbestimmten Plans läuft, der mich unaufhaltsam in eine Sackgasse führt? Oder nehme ich nur ständig die falschen Abzweigungen? Schicksal oder Bad Luck?

Die sonore Stimme der Navi-App wiederholt meine Heimatadresse. Gütersloher Straße achtundzwanzig, geschätzte Fahrtzeit vierzehn Minuten. Ob mir Nina unter Umständen wenigstens ihre Stimme für die Navi-App leihen würde? Meine Augen werden feucht.

»Heulst du etwa? Du liebes bisschen, jetzt hörrr endlich auf, dir selbst leid zu tun. Bist du ein Mann oder eine Pussi? Rrreiß dich gefälligst zusammen!«

Wie vom Donner gerührt zucke ich zusammen. Was war das? Hektisch verrenke ich mich, werfe einen Blick auf den Rücksitz. Mein instinktiver Verdacht, dort jemanden zu entdecken, der sich versteckt hat, und mir den Schreck meines Lebens verpassen oder mich enthaupten möchte, erweist sich als nicht korrekt. Fehlalarm! Ich schüttele meinen Kopf und reibe mir die Ohren. Kann alkoholfreies Bier in der Mischung mit Champagner dermaßen die Sinne benebeln? Vorsichtig zähle ich die Finger an meinen Händen. Erwartungsgemäß fünf, jeweils. Jetzt nur die Ruhe bewahren! Ich atme tief ein und aus, bis mir schwindelig wird. Bestimmt bin ich einfach nur nervlich überreizt und müde. Ich sollte mich schnellstens auf den Heimweg machen. Nervös starte ich den Motor, sachte drücke ich das Gaspedal. »Fünfzig Meter geradeaus, dann rechts abbiegen. Ich fahre rückwärts aus der Parklücke, sehe im Rückspiegel, wie die Beleuchtung des Schriftzuges just in diesem Moment abgeschaltet wird. »Schluss mit Lustig« kommt mir in den Sinn. Dieser Ort wird von meiner Liste der Lieblingsrestaurants gestrichen. Generell ist mir ist der Appetit vergangen. Bestimmt würde ich nie wieder einen Bissen hinunter bekommen.

»Hörrr auf! Es wird jetzt kein Trübsal geblasen, das hat die Tussi garrr nicht verdient!«

Ich vollführe eine quietschende Vollbremsung, stehe halb auf der Parkplatzauffahrt, halb auf dem Bürgersteig. Das war eine astreine akustische Halluzination. »Ich bin verrückt!«, rufe ich laut und will aussteigen, doch etwas zieht mich zurück. Armee der Finsternis? Ein Monster? The Fog? The Blob?

»Hallo? Du bist noch angeschnallt!«

Panisch verdopple ich meine Anstrengungen, aus dem Auto zu kommen und stranguliere mich dabei fast.

»Hallo? Du bist noch angeschnallt«, wiederholt die Stimme jovial, legt dann in etwas schärferem Ton nach. » Es besteht kein Grund, überzurrreagieren. Berrruhige dich und fahrrre langsam weiter. Ich bin auf deiner Seite. Es war wirrrklich nicht die feine Art von dieser Nina; lockt dich einfach so in die Falle. Es liegt an dir, du bist einfach zu nett.«

Ich starre mein Handy an und meine Knie zittern unkontrolliert.

»Starrr mich nicht so an, ich bin schüchterrrn!«, werde ich angemotzt. Völlig verdattert entschuldige ich mich, woraufhin schallendes Gelächter ertönt.

»Du bist süß, und so errrnst! Ich bin doch ein Gerrrät, ich kann gar nicht schüchterrrn sein, oder doch?«, fragt es mich und ich fühle mich, wie der unfreiwillige Zuschauer einer modernen Hamlet-Vorführung über Sein und Nichtsein eines Telekommunikationsgerätes. Nach zwei Minuten Stille, kann ich mich nur schwer entscheiden, ob ich mehr Angst davor habe, dass es nochmal das Wort ergreift, weil das meine Wahnvorstellung beweisen würde, oder dass es nicht mehr spricht. Bestimmt gibt es eine rationale Erklärung dafür. Ich kann das nicht so stehen lassen. »Hallo?«, frage ich höflich mit leicht bebender Stimme.

»Wenn du mich frrragst, sollten wir noch nicht nach Hause fahren! Lass uns lieberrr noch irgendwohin fahren und etwas Aufrrregendes errleben ...« Plötzlich erkenne ich einen südamerikanischen Akzent. Moment mal! Eine Latino-Navi-App?

Mir kommen sämtliche TV-Sendungen, die ich jemals gesehen habe in den Sinn, eventuell ein neues Versteckte-Kamera-Format, dessen Hauptdarsteller ich jetzt bin?

»Nein Süßerrr, das ist das wahrrre Leben, ich bin das wahrrre Leben! Immerhin könnte ich sonst ja nicht deine Gedanken lesen, stimmt’s?«

Das hinterlässt mehrere Schauer von Gänse-, Enten- und Straußenhaut auf meinem Körper. Meine Hoffnung auf eine vernünftige Erklärung für dieses Fiasko, schrumpft. Wie sollte eine versteckte Kamera meine Gedanken lesen? Es sei denn, es handelt sich um einen Mental-Magier. Irgendwo an einem geheimen Ort studiert vielleicht eine Art Uri Geller mittels einer Linse im Rückspiegel meine Augenbewegungen und liest so meine Gedanken. Das wäre doch möglich? Verzweifelt zerre ich an dem Rückspiegel.

»Du liebes bisschen, das ist ja völlig parrranoid, berrruhige dich!«

Ich lache schrill auf. »Von wegen depressiv, mein Psychologe ist da völlig auf der falschen Fährte. Paranoid oder schizoid, das ist hier die wahre Frage, ich muss ihn gleich morgen früh anrufen«, sage ich in die Dunkelheit.

»Psycho-Kacka, du bist völlig in Ordnung. Jetzt bin ich ja hierrr und werde dirrr helfen.« Es wäre Zeit für einen finalen hysterischen Anfall, doch der Tag ist in seiner unerwarteten Unerträglichkeit bereits so weit voran geschritten, dass mein Gaga-Meter ’ne Extra-Umdrehung zu viel hinter sich hat. Alles scheint möglich. Und mit gepflegten Umgangsformen kommt man weit bei mir. Ich konnte heute etwas Zuspruch gebrauchen, selbst aus unkonventioneller Quelle. Mit einem Wolf, einem Vampir oder einem Aschenbecher würde ich mich jetzt unterhalten, böte er es mir freundlich an.

»Besten Dank, ich bin weder haarig, blass, noch stinke ich nach Qualm, okay?!« Fast muss ich über den beleidigten Tonfall lächeln obwohl mir gleichzeitig mehr nach Heulen zumute ist. »Ich denke, du solltest etwas mehrrr über deine Gefühle rrreden!«, schlägt es vor. »Wäre ein belebtes Wesen nicht besser geeignet?«, formuliere ich übervorsichtig.

Temperamentvoll prasseln die Worte auf mich herab. » Hierrr ist gerade kein Mensch und selbst wenn, du würrrdest schweigen. Mir gefällt dieserrr verrrbitterte Zug im Gesicht garrr nicht. Du wirkst so … so verrrknotet irgendwie!«

»Verknotet?«, hake ich nach. »Du meinst wohl eher verblödet?«

»No, no!«, widerspricht es. »Verrrknotet! Zu viele Gedanken, zu viel Negativität. Du musst positiv denken. Das würrrde meine Aufgabe leichter machen!«

Neugier und Panik wechseln sich ab. »Was für eine Aufgabe?«

» Ich werde aus Dirrr einen Traummann machen! Bald schon wirrrst du diese Kleine … wie ist noch gleich ihrrr Name? Nina? Du wirrrst sie verrrgessen und an jedem Finger zehn Frrrauen haben! Ich, Gabriella, werrrde dir dabei helfen.« Unüberhörbarer Triumph schwingt in ihrer Stimme mit.

Erneut zähle ich die Finger meiner Hand. Es sind noch immer fünf, jeweils. »Ich will keine Frauenscharen an meinen Fingern!«, begehre ich auf. Das nun folgende Schweigen fühlt sich zum Schneiden dick an. Sollte ich die Gefühle meines Handys verletzt haben? Nach ein, zwei Atemzügen ertrage ich die Stille nicht mehr. »Du heißt Gabriella?«

»Hast du etwas darrran auszusetzen? Hättest du lieber eine Brunhilde, Doris oder Ljiudmilla?«

Sofort schüttele ich mit aller Entschiedenheit meinen Kopf. »Schon in Ordnung. Ehrlich gesagt, möchte ich nur noch nach Hause, geht das?«

Sie lacht, als hätte ich etwas Dummes gesagt. »Wenn du lieber nach Hause willst, und nicht errrfahren möchtest, wie du wahrrre Liebe erleben kannst …« Überflüssigerweise werde ich rot. Das hörte sich an, wie einschlägige Werbepausen gewisser Nachtprogramme.

»Ein andermal gerne, jetzt bin ich wirklich hundemüde«, versichere ich als wäre Diplomatie die Strategie der Stunde und ernte ein: » Da kannst du drrrauf wetten, dass ich darauf zurrrückkomme!«

Ich spare mir eine Erwiderung, denn hinter mir hupt es lautstark. Kein Wunder, ich blockiere die Ausfahrt. Hektisch starte ich den Motor und trete das Gaspedal. Muss ich nach rechts oder links? Hilfesuchend schaue ich auf mein Handy. Dem Fahrer hinter mir geht es wohl nicht schnell genug. Ungeduldig überholt er mich rechts und versetzt meinen Seitenspiegel in bedrohliche Schwingungen, während ich im dämmrigen Licht ausgerechnet den schmierigen Kellner von vorhin erkenne. Er hupt noch mal besonders lang und zeigt mir im Abbiegen einen Vogel, meiner Meinung nach, einen ausgewachsenen Königsadler. »Stronzo«, höre ich ihn durch das offene Fenster fluchen.

»Los ruf ihm nach! Arrrmleuchter! Selberrr Idiot!«, feuert mich Gabriella an. Doch ich schweige.

»Kann er dich hören? Kann dich, außer mir, irgendjemand hören?«, frage ich, um einen beiläufigen Ton bemüht.

»Sei unbesorgt. Ich bin exklusiv nurrr für dich da, und ich wiederhole es gerrrne noch mal. Ich mache aus dir einen rrrichtigen Mann! Einen Teufelskerrrl! Übrigens musst du jetzt rechts abbiegen!«, lenkt sie mich und ich folge wie mir aufgetragen. Befehle ausführen ist eine meiner leichtesten Übungen und in der momentanen Situation wahrscheinlich das Sicherste. Ich will nicht auch noch meinen Zigarettenanzünder oder den CD-Player provozieren. Die restliche Heimfahrt verläuft in friedvollem Schweigen. Ich will nur nach Hause, in tiefen Schlaf fallen, damit dieser Alptraum ein Ende findet. Vierzehn lange Minuten später parke ich in der Garageneinfahrt unseres Hauses. Mit spitzen Fingern nehme ich das Handy aus der Halterung, als könnte es mich beißen. » Kein Wunder, dass du keine Freundin hast, so lasch wie du anpackst!«

Entrüstet protestiere ich. »Streng genommen bist du gar keine Frau!« Den Hinweis, dass diese Aussage selbst im weitesten Sinne nicht zutreffend wäre, verkneife ich mir.

»Pah, alles Ausrrreden! Nur keine Sorge, das bekommen wirrr schon hin!« Das klingt für mich wie der schmissige Slogan eines Baumarktes. Bin ich ein defekter Bausatz, der ein bisschen Öl und Feinschliff benötigt? Es reicht! Beherzt will ich den Aus-Schalter drücken, als sie sich nochmals in einem Ton zu Wort meldet, der keinen Widerspruch duldet . »Stopp! Eines muss ich dirrr jetzt sofort noch sagen. Ganz drrringend, es kann unmöglich warten!«

Fast schon erschrocken halte ich inne.

»Wie nennt man diese Katastrrrophe auf vierrr Rädern eigentlich? Schrrrottschüssel?«

Beleidigt drücke ich den Aus-Knopf und streife mit einem Gefühl tiefer Zuneigung über den mattweißen Lack meines VW Polos, der noch aus Studentenzeiten stammt und dessen solide Bauart ich nur loben kann. Okay, nicht gerade ein Statussymbol und ein bisschen Blechbüchsen-Gefühl kommt schon beim Fahren auf. Außerdem will ich schon lange einen neuen Lack springen lassen und die türkisenen Seitenaufkleber erneuern. Mal sehen.

Auf dem Weg zur Haustür wiegt das Handy schwer in meiner Hand, dankenswerter Weise bleibt es still. Hektisch stecke ich den Schlüssel in die schwere hölzerne Haustür und öffne. Stille. Noch! In wenigen Tagen werden Nina und Matthias hier einziehen und mir wahrscheinlich nicht nur im übertragenen Sinne direkt auf dem Kopf herumtrampeln. Ich blende den Gedanken aus und versuche mir stattdessen vorzustellen, wie Gabriella wohl aussähe, besäße sie einen Körper, statt eines vollauflösenden Retina-Displays.

Kapitel 2
Die Zusatz-Garantie

Wenn man einer Frau zu lange den Hof macht, muss man ihn kehren.

Frei nach Peter Weck

»Wie, zurückgeben?« Der Verkäufer versucht nun bereits geraume Zeit weitestgehend erfolglos meinen Ausführungen zu folgen. Mein Gehirn fühlt sich nach in Milch eingeweichtem Toastbrot an. »Äh, ich habe es doch schon erklärt, etwas stimmt nicht mit dem Gerät. Ich möchte es umtauschen!«, wiederhole ich so bestimmt ich kann. Doch nicht mal ein zur Serviceorientierung verpflichteter Jungverkäufer lässt sich von meiner homöopathisch dosierten Alpha-Leistung beeindrucken. Kritisch und völlig unkooperativ nimmt er das Teufelsgerät unter die Lupe. »Sieht doch in Ordnung aus!« Er drückt erneut ein paar Knöpfe. Alle Funktionen scheinen wunschgemäß zu blinken, piepen oder antworten. Er nickt immer wieder und wirkt zufrieden. »Alles Bestens! Solange Sie mir nicht genau sagen können, welche Fehlermeldung das Gerät angezeigt hat, kann ich Ihnen leider nicht helfen.« Ich könnte ausrasten. Nie bringe ich Dinge so auf den Punkt, dass Widerspruch im Keim erstickt. Matthias würde das selbstverständlich viel besser hinbekommen, der kann ja alles und jeden weichquatschen.

In einer Aufwallung bitterer Machtlosigkeit fällt mir ein, wie er mich heute Morgen, dem »Morgen danach«, im Büro angesprochen hat. Nein, nicht am Morgen nach meiner romantischen Liebesnacht mit Nina, sondern am Morgen nach der demütigenden Erkenntnis, dass ich meine Nina eingeladen habe, mit ihrem Lover Matthias zu mir ins Haus zu ziehen und nicht mal ansatzweise die Eier in der Hose hatte, den Missstand aufzuklären. Am Morgen danach, ich nenne ihn Tag 1 n.f.e.D. (nach fataler eierlosen Demütigung) war ich mehr zur Arbeit geschlichen als gegangen, und traf natürlich innerhalb der ersten fünf Minuten auf Matthias. Wie immer holten wir uns beide einen Kaffee zum Start in den Tag. Aber heute war nicht wie immer.

»Hey Martin, altes Haus, das sind ja wirklich riesige Neuigkeiten. Wird bestimmt der absolute Hit!« Matthias hob seine Hand in einer ausholenden Bewegung und ich spürte einen leisen Lufthauch im Gesicht. Irritiert zuckte ich zurück, doch er wollte mir natürlich keine kleben, sondern zum High-Five ansetzen. Ich erkannte verbittert, dass ich derjenige war, der ihm eine kleben sollte, zumindest gerne würde. Ihn total vermöbeln, Terminator- Predator-mäßig, wenn ich nicht so ein Schisser wäre. Beleidigt ignorierte ich seine Monsterpranke und griff nach der Kaffeetasse. »Ich wusste gar nicht, dass du und Nina ein Paar seid!« Er tat es mit einer wegwerfenden Handbewegung und einem Heartbreaker-Grinsen ab. »Ich wollte das nicht so an die große Glocke hängen!« Ach, so wie die Sache mit Silvia, der Kantinenhilfe, Frau Weber aus der Controllingabteilung, oder der Verkäuferin beim Feinkost-Schwengel, dachte ich bei mir und rührte energisch mit dem Löffel im Kaffee während er weiter quatscht »Nina ist wirklich eine tolle Frau. Der ganz große Wurf! Ich sage dir, im Bett die reinste Granate! Jetzt muss ich los, Besprechung beim Chef um zehn! Wir sehen uns später!« Weg war er und hinterließ nur den durchdringenden Duft seines herben Parfums, der heute einen Brechreiz in mir auslösen wollte. Ich rührte weiter in meiner Kaffeetasse, weiter und weiter, bis Kollege Schmidt um die Ecke bog. »Iiih, was soll denn die Schweinerei?«, beschwerte er sich lautstark.

Herrje! Meine Hand hatte sich wohl irgendwie mit dem Löffel in eine Art Turborührstab verwandelt und den Kaffee zentrifugal durch die Küche geschleudert. Ich blickte in die fast leere Tasse, legte den Löffel vorsichtig beiseite, griff nach einem Stück Küchentuch und wischte die Kaffeespuren von den Wänden. »I-ich wollte, dass er abkühlt, er war zu heiß!«, entschuldigte ich meine seltsame Ausfallerscheinung und verließ die Küche, in Richtung Arbeitsplatz, wo ich mich nicht mal ansatzweise auf meine Reports konzentrieren konnte. Matthias’ Worte rumorten weiter in meinem Kopf. Im Bett eine Granate … Wie schäbig! Was für eine Riesen-Schabe!

»Was ist jetzt mit dem Telefon, hat es sich erledigt?« Die Erinnerung verblasst und lässt mich wieder ins Hier und Jetzt des überfüllten Elektromarktes fallen. Der Verkäufer mag lahm sein, immerhin ist er ist geduldig. Ich nicht. Ich will es loswerden. Gestern Nacht hatte ich es in einen Frühstücksbeutel verpackt, jenen wiederum in einer Keksdose verstaut. Erst auf dem Parkplatz vor dem Einkaufscenter wagte ich es aus seinem Gefahrengutbehälter zu nehmen. Die ersten Zahlen der Telefonnummer meines Psychotherapeuten hatte ich bereits eingetippt, doch dann mit jeder Minute die Ruhe herrsche mehr gehofft, dass ich schlichtweg übermüdet, angetrunken und emotional von der erlittenen Demütigung, in eine Art Halb-Wach, Halb-Schlaf Zustand gerutscht war.

Aber selbst wenn es bis jetzt keine neuerlichen Diskussionen mit dem Ding gegeben hatte, war es wie nach einem riesigen Kotzdrama. Wenn man sich mal so richtig den Magen verdorben hat, dann spürt man nach einer Nacht über der Kloschüssel meist auf Jahre tiefe Abscheu gegen alles, was es als letztes in & out geschafft hat. Oral gesehen, nicht Ohr-al. Jedes Ansehen oder Anfassen meines Handys hinterließ ein schales Gefühl. Nicht als könnte es mich atomisieren, oder »Ja, ja, so blau, blau, blau ist der Enzian« loskreischen, mehr als könnte es erneut einen auf Lebensberatung machen. Ich hatte das Gefühl, es war vergammelt, also gab es nur eine Lösung: Es muss weg! Leider ist die Garantie zum Umtausch seit einem Monat abgelaufen, aber es gibt ja wohl so etwas wie Kulanz und König Kunde.

»Wir können es nicht einfach so umtauschen, wenn nichts kaputt ist«, erklärt der Verkäufer stoisch.

»Es ist absolut defekt. Fehlfunktionen ohne Ende. Es schaltet sich von alleine ab und dann sind da Stimmen in der Leitung.«

»Stimmen in der Leitung?«, wiederholt er misstrauisch.

»Eine Art Rückkopplung!«, fingerfuchtelnd versuche ich ihm mein Dilemma zum tausendsten Mal, möglichst unverfänglich, deutlich zu machen ohne dass es so bescheuert klingt wie es sich anfühlt. Er braucht eine Erklärung. Ich brauche meinen Seelenfrieden.

Gemeinsam betrachten wir das Handy. Zaghaft schüttelt der Verkäufer es und ich frage mich, ob es sich wirklich um einen qualifizierten Fachberater handelt. »Es ist kaputt!«, insistiere ich, als es just in diesem Moment klingelt. Die Augen des Verkäufers bohren sich vorwurfsvoll in meine.

So schnell ich kann, reiße ich es ihm aus den Händen. Der Bildschirm füllt sich mit dem Bild von Priscilla, Calimeros kleiner Freundin im rosa Kleidchen. Das Bild habe ich für Ninas Kontakt gespeichert. Zugegeben, ein Siebzigerjahre Kindercomic scheint albern, irgendwie fand ich einfach, es passte im Hinblick auf unseren unschuldigen Beziehungsstand. Glücklicherweise habe ich den Ton nicht aufgespielt, so dass uns ein« Calimero, mit Sombrero, Hühnchen aus Palermo …« erspart bleibt. Es klingelt erneut. »Hallo?«, antworte ich und verstehe keinen Ton. In dem überfüllten Laden ist es so laut wie auf einer Landebahn. Dann erkenne ich Ninas Stimme. Sie klingt gut gelaunt, prächtig gelaunt, sprudelnd geradezu.

»Juhu Martin, na wie geht es dir?«

»Bestens!«, erwidere ich laut und schlendere weiter. Es muss doch irgendwo eine ruhige Ecke geben. Ich lausche so gut ich kann Ninas Ausführungen über einen geradezu unfassbar anstrengenden Arbeitstag. Ihre Stimme ist sprichwörtlich Musik in meinen Ohren. Gefühle sind schon seltsam. Ich hasse Matthias. Ich hasse die unselige Wohnungssache, aber ihr kann ich einfach nicht böse sein. Wie hätte sie ahnen können, dass ich sie liebe? Ich habe ja immer die Klappe gehalten!

Gebannt konzentriere ich mich auf den Inhalt von Ninas Singsang. Soweit ich verstehe, geht es um irgendein wichtiges Absatzproblem!

Die Schuhe müssen unbedingt abgeholt werden. Blöderweise hat mir mein Chef Überstunden aufgebrummt. Du bist doch gerade in der Stadt, da dachte ich, du könntest kurz beim Schuster vorbeispringen …«

Ich schweige.

»Der Laden schließt um 18 Uhr«, fügt sie noch hinzu. Hektisch blicke ich auf meine Uhr. Es ist 17:50. Und es ist sowas von nachdem ich über Matthias und sie aufgeklärt wurde. »Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.«

Nina gibt ein enttäuschtes »Och« von sich. »Es würde bestimmt nur fünf Minuten dauern.«

Meine auferlegte harte Schale bröckelt, aber ich wehre mich. Warum sollte ich springen, wenn Nina es will? Was könnte schlimmstenfalls geschehen? Sie könnte ihre Entscheidung, bei mir einzuziehen aufgeben, was unter den gegebenen Umständen genau das Richtige wäre. Mit Matthias im Umzugskarton fand ich die Idee nämlich weit weniger attraktiv. Trotzdem ist da ein kleiner Gedankenfunke, der mir Hoffnung bietet, an dem ich mich wie ein Ertrinkender festklammere. Vielleicht würde es mit den beiden ja gar nicht gut gehen, wenn sie erst mal den Alltag teilen. Wie bindungsfähig kann dieser Macho-Hengst schon sein? Nina ist auch ziemlich anspruchsvoll. Ich habe schon einige kommen und gehen sehen.

»Wie ist die Abholnummer?«, lenke ich ein und kritzle mir mit dem Kugelschreiber vom Werbestand die Informationen auf die Hand.

»Au fein! Es sind elegante schwarze Pumps, die ich heute Abend unbedingt anziehen möchte. Matthias hat mich in die Oper eingeladen. Fantastisch, nicht wahr?«

Angeekelt blicke ich auf den Kugelschreiber in meiner Hand. Ich sollte ihn mir in mein Hasenherz rammen, aber ich möchte ungern Blutflecken auf öffentlicher Auslegware hinterlassen.

»Ich muss noch etwas besorgen, es kann später werden!«, ergänze ich, weil ich dringend ein paar Integritätspunkte brauche.

»Kein Problem, die Oper beginnt erst um Neun Uhr. Ich bin nicht sicher, wie lange ich hier festsitze. Du weißt ja wo der Schlüssel liegt, stell die Schuhe einfach im Flur ab! Vielen lieben Dank noch mal!«

Nina legt auf und lässt mich alleine. In Gedanken versunken stecke ich mein Handy ein und streiche über ausgelegte DVDs im Ständer. Eine Sekunde später wird mir klar, was ich da in den Händen halte: «Willige Schenkel, Teil 1«. Peinlich berührt zucke ich zusammen. Wo bin ich denn hier gelandet? Misstrauisch blicke ich auf das Handy in meiner Hand. Ob Gabriella mich hier her gelotst hat? Ich muss dieses Ding loswerden. Erst Ninas Schuhe abholen. Hastig begebe ich mich zum Ausgang, als eine Hand mich zurückhält.

»Moment mal!«

Ich bete, dass ich nicht im Rahmen einer kurzen Bewusstseinsstörung die willigen Schenkel eingepackt habe.

Erfreulicherweise ist es nicht der Kaufhausdetektiv, lediglich der stehen gelassene Verkäufer.

»Ich habe noch mal im System nachgeschaut. Es gäbe eine Umtauschmöglichkeit. Sie würden ihr altes Handy in Zahlung geben und einen neuen Vertrag abschließen. Es wäre allerdings nicht billig.«

Unter höchster Zeitnot beschränke ich mich auf die Kern-Inhalte. »Ich komme zurück! Auto, Parken, Notfall, Schuhe abholen!« Schlussendlich ergreife ich die Flucht.

Anderthalb Stunden später finde ich mich im Treppenhaus vor Ninas Wohnungstür wieder. In der einen Hand halte ich die pinkfarbene Kastrationstüte des Schusters. Mit der anderen taste ich unauffällig den Türrahmen ab, bis ich den Ersatzschlüssel finde, den Nina dort deponiert hat. Gerade als ich aufschließen möchte, öffnet sich die Tür der Nachbarwohnung. »Ach, Martin! Wie geht es Ihnen denn?«, erkundigt sich die ältere Dame freundlich. Ich bin beileibe kein Unbekannter. War ja häufig genug vor Ort; Ninas Laminat verlegen, Regalbretter befestigen, Wände streichen. Und wo ich doch mal da war, konnte ich gleich noch bei der netten Nachbarin einen verstopften Abfluss beseitigen und etwas in der Apotheke besorgen. »Gut, dass ich Sie treffe …«, setzt sie an und ich unterbreche sie sofort, »Leider habe ich gar keine Zeit.« Mein schlechtes Gewissen hält sich heute in Grenzen, immerhin habe ich es ausnahmsweise mal eilig. Ich muss weg, bevor Nina auftaucht, am Ende noch mit Matthias im Schlepptau.

Ihre blass-grauen Augen mustern mich eindringlich. »Martin, ich sage das, weil ich finde, dass Sie es nicht verdient haben. Sie sind so ein netter Mann und so fesch.«

Verständnislos warte ich ab. Sie will mich jetzt aber nicht anmachen oder?

»Ich glaube, Ihre Freundin ist Ihnen untreu! Da ist so ein anderer Mann, den sie seit einigen Wochen mit nach Hause bringt. Ein schmieriger Typ wenn Sie mich fragen.« Beschämt senke ich den Blick. »Äh, tja, wissen Sie, genau genommen ist Nina nicht meine Freundin. Und dieser andere Typ, ja der ist tatsächlich mit ihr liiert.«

Sie wirkt einer Ohnmacht nahe. »Aha, ist das so eine neumoderne Beziehung, machen Sie da etwa solche Dreier? Oder sind Sie am Ende schwul?« Mit viel Nachdruck trete ich den Rückzug an.

»Ich bin nicht schwul! Einen schönen Abend noch!«, beende ich den Treppen-Talk abrupt und ziehe die Tür zu. Die Nachbarin hat jetzt genug Denkstoff und wird bald ihre Version von »Willige Schenkel hoch drei« im ganzen Haus zum Besten geben. Ob sie draußen lauert? Demonstrativ stecke ich den Schlüssel ins Schloss und drehe laut zweimal um, dann ziehe ich ihn ab und stecke ihn in meine Hosentasche, damit ich nicht vergesse, ihn zurückzulegen. Desillusioniert wische ich mir mit meinem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Sie dachte, ich sei Ninas fester Freund. Wie gerne wäre ich es tatsächlich. Behutsam stelle ich die rosa Plastiktüte neben dem Schuhschrank ab, wo noch andere dieser Sorte warten. Nina ist definitiv eine der besten Kundinnen beim Schuster. Ihr Schuhschrank ist mit allen Farben und Formen bis zum Bersten bestückt. Im Übrigen der Schuhschrank, den sie und ich zusammen gekauft und aufgebaut haben, nachdem Bernd mit ihr Schluss gemacht hat. Sie und ich im Möbelhaus … es gab Hackbällchen.

Eigentlich sollte ich gleich wieder gehen, aber ich traue der Nachbarin durchaus zu, dass sie mir auflauert, damit sie noch ein paar hundert Lebensweisheiten zum Besten geben kann. Daher warte ich lieber ein wenig bis die Luft rein ist, und setze meinen Rundgang durch die kleine Wohnung fort. Ihr Wohn- und Schlafzimmer, ein Badezimmer, die Küche und der Flur, mehr war da nicht. Sie würde sich mit der Etage in meinem Haus definitiv verbessern. Trübsinnig streiche ich über den bunt schimmernden Schirm der Flurlampe. Die fand Nina bei unserem Flohmarktbummel so hübsch, also habe ich sie ihr gekauft, wieder instand gesetzt und zum Geburtstag geschenkt. Das war kurz nachdem Nina mit Holger Schluss gemacht hat.

Bedächtig betrete ich ihr feminin eingerichtetes Schlafzimmer. Weiße Möbel, viel rosa Deko-Kram. Eine Wand ist komplett in Pink »Red Berry 4356« gestrichen. Hat ziemlich gedauert, bis ich ihren perfekten Wunschton gefunden habe. Ich erinnere mich genau, Jack hatte gerade mit ihr Schluss gemacht. Sehnsüchtig blicke ich zum Bett. Was würde ich dafür geben, mit ihr darin zu liegen. Ehrfurchtsvoll streiche ich über die flauschige weiße Tagesdecke. Die Haare auf meinem Körper erigieren synchron. Meine Beine werden schwach. Ich muss mich setzen. Nur einen kurzen Augenblick. War ja ganz schön strapaziös, das Gerenne im Einkaufszentrum. Nach dem Schuster bin ich in den Elektromarkt zurückgekehrt. Mr. Berater und ich sind uns einig geworden. Ich habe ein neues Handy bekommen. Zugegeben, es war ein Verlustgeschäft, weil ich mir noch eine Mehrjahres-Garantie habe aufschwatzen lassen. Es würde bis über mein natürliches Ableben hinaus umtauschberechtigt sein. Immerhin hatte der Verkäufer mir bereits meine Kontakte transferiert, ich könnte gleich hier lostelefonieren, wenn es jemanden gäbe, mit dem ich sprechen wollte. Langsam lasse ich mich auf die Decke zurücksinken. Bleierne Müdigkeit drückt auf meine Lider. Ich muss einfach meine Augen schließen. Nur ganz kurz.

Mein Traum ist ziemlich drastisch, ich versetze Matthias einen Schlag, Ruck-Zuck-Lippe-Dick, brülle ich. Mein Vater steht daneben und wedelt mir mit gestiftelten Gemüsestäbchen vor der Nase herum. »Kein Wunder, dass keine Frau dich will!« Dann ist da Nina, die mir versichert: »Du bist so nett!!!«, Matthias stimmt dicklippig mit ein: »Mumistmomett«, bis mein Kopf von ihrem hämischen Gelächter erfüllt ist.

Mit wummerndem Herzen wache ich auf. Ich bin tatsächlich auf Ninas Bett eingeratzt. Ihr zarter Duft haftet der Decke an und nun irgendwie auch an mir. So nahe war ich ihr noch nie! Aufgeregt rede ich mir ein, dass sowas doch mal passieren kann. Da ist doch nichts dabei, auf dem Bett einer Freundin einzuschlafen. Immerhin habe ich ihr die Schuhe gebracht.

Gelächter dringt an mein Ohr. Dieser Teil meines Traumes war offensichtlich realen Ursprungs. Nina ist nach Hause gekommen, wie befürchtet, mitnichten alleine. Die Wohnungstür fällt ins Schloss und Nina drängt: »Los komm, schnell, wir haben nicht so viel Zeit, ich muss noch duschen!« Matthias Lachen klingt klebrig. »Danach!« Wiederum sich ins Unendliche ausdehnende Stille. Sie knutschen, mutmaße ich verbittert, und als ich ahne, was er mit »Danach« meint, springe ich wie von der Tarantel gestochen auf.

»Ich musste den ganzen Tag daran denken, bestimmt weil es so heiß ist«, lockt Nina verführerisch. Matthias grunzt. »Unsinn, bestimmt weil ich so heiß bin!« Weiteres Geknutsche und Gestöhne in allen Höhen- und Tiefenlagen löst in mir Beklemmungen aus. Ich will mich in Luft auflösen. Bedauernd blicke ich aus dem Fenster. Dritter Stock, da müsste ich schon Spider-Man sein. Ansonsten bleibt noch der Kleiderschrank oder das Bett. Mich unter den Teppich legen? Das würde unschöne Dellen und Stolperfallen verursachen. Sämtliche dämliche Filmszenen fallen mir ein. Wie oft hat man schon im Kinosessel über den Deppen gelacht, der sich, meist nackt, im Schrank versteckt. Immerhin bin ich nicht nackt und ich bin ja auch kein Liebhaber. Ich gehe jetzt in den Flur, werde »Guten Tag« sagen, die Situation aufklären und mich verabschieden. Keine große Sache. Wir sind alle erwachsen!

Zehn Sekunden später rutsche ich auf meinem Rücken unter Ninas Bett, grazil wie ein gestrandeter Bartwal.

»Nein, im Ernst ich bin total verschwitzt, ich muss erst duschen!«, gutturales Lachen kratzt meinen Gehörgang.

»Also gut, Süße. Ich wette, du brauchst Hilfe beim Einseifen. Nina giggelt und gibt Laute des Wohlbefindens von sich.

Hilfe beim Einseifen, Einseifhilfe, die Wörter flirren in meinem Kopf. Ja gut, dann lass sie halt duschen gehen. Ich hoffe, er rutscht auf der Seife aus und bricht sich das Genick. Dann würde es sich gut treffen, dass ich unter dem Bett liege, könnte zum Beispiel beim Beseitigen der Leiche helfen. Das Wasser wird aufgedreht und ich werde Zeuge, wie die Wasserspiele eröffnet werden. Mir kommt die Badeszene aus Psycho in den Sinn. Fasziniert gerate ich ins Träumen über den Film, den ich mir in der Tat mal wieder anschauen könnte. Ich liebe Hitchcock. Wertvolle Zeit vertrödele ich so, bis ich panisch aus meinem Gefängnis robbe, doch offensichtlich ist Nina schon sauber und nass genug. Sie kommen aus dem Bad und ich rutsche zurück in mein Gefängnis. Kichernd spielen sie jetzt Fangen. Ich vermute, sie nimmt das Spiel nicht wirklich ernst. Ich hätte mich im Bad eingeschlossen, oder in der Küche. Sie macht alles falsch, rennt nicht schnell genug, lacht die ganze Zeit und läuft dann ausgerechnet zum roten Punkt mitten auf der Zielscheibe: Das Bett, wo es herzlich wenig Ausweichmöglichkeiten gibt, es sei denn, sie würde sich nun auch noch unter das Bett schlängeln und Matthias, der ihr nachkommt mit einem gezielten Tritt ins Aus befördern. Stattdessen wirft sie sich schwungvoll in die Kissen. Das Brett, welches ich unlängst benutzt habe, um ihren Lattenrost zu verstärken, knallt gnadenlos auf meine Nase. Mein unterdrückter Schmerzschrei geht unter, denn Matthias folgt Nina mit infernalischem Siegesgebrüll. Aua, nun donnert das Brett auf meine Stirn. Die zwei da oben schwimmen im Sea of Love. Ich versinke in der Unterwelt und mir kommen die Tränen. Wegen den Schmerzen selbstverständlich, nicht wegen der unermesslichen Trauer oder Scham.

Ich bete, dass der kulturelle Höhepunkt, ihr Opernbesuch nicht für andere Höhepunkte gekippt wird. Tatsächlich gibt Matthias Vollgas, wahrscheinlich hat er die Karten tatsächlich bezahlt und nicht erschnorrt. Während sie Laute des Wohlgefallens von sich gibt, wartet er auf seinen Applaus. »Alles okay?«

Nina gurrt. »Das war fan-tas-tisch, du bist der Beste!« Matthias lacht und bringt mich zum Würgen, eine zweite Runde würde ich nicht aushalten. Immerhin bekomme ich eine lebhafte Ahnung davon, wie es, mit den beiden Turteltäubchen im gleichen Haus werden könnte. Gut, ein wenig mehr Abstand ist da schon. Gerade als ich mich damit abfinden will, dass weitere Zentimeter meiner Nase geopfert werden müssen, naht Rettung in Form eines Telefonanrufes.

»Lass es klingeln!«, verlangt Matthias und will Nina anscheinend mit weiteren Küssen überzeugen, doch sie widersteht und springt aus dem Bett. »Von wegen! Ich erwarte einen dringenden Anruf von meiner Mutter. Hab ich dir doch erzählt. Ich hatte sie um eine kleine Finanzspritze für den Umzug gebeten.«

Dagegen hat ihr Romeo anscheinend nichts einzuwenden.

»Hallo Mama! Wie geht es dir?«

Es folgt eine längere Pause, in der ihre Mutter offensichtlich einen ausführlichen Befindlichkeitsreport abliefert und Nina ungeduldig mit den Füßen wippt. Sie hat wunderschöne Füße.

»Also, gibst du mir das Geld? Vielen Dank! Ich hab dich so lieb! Du bist meine allerbeste Mama! Am Wochenende komme ich vorbei und wir regeln alles. In Ordnung?«

Eine weitere, lange Pause deutet darauf hin, dass Ninas Mutter wohl einige Anliegen hat, die nicht bis zum Wochenende warten können. Und Matthias ebenso wenig. »Nina! Die Oper!«

Sogleich versucht sie, ihre Mutter abzuwürgen. »Wirklich ich muss jetzt auflegen. Matthias und ich sind auf dem Weg in die Oper!« Stolz klingt in ihrer Stimme, doch das Maß an Begeisterung, welches ihre Mutter kundtut, unterschreitet Ninas Erwartungen anscheinend bei Weitem.

»Mama, also wirklich, wieso soll ich Hannah so dringend anrufen?« Schweres Seufzen, irgendwie vielsagend.

»Meinem lieben Schwesterchen geht es doch nie gut!« Total genervtes Seufzen.

»Ja, Entschuldigung, so habe ich es nicht gemeint! Ja, ich bin dir dankbar für deine Unterstützung. Ja, ich melde mich bei Hannah! Ja, ich verspreche es dir! Tschüüüß.«

Matthias erhebt sich endlich auch von dem Bett. Meine Nase fühlt sich in etwa Zuccini-groß an.

»Was war denn los? Sie gibt dir das Geld doch?« Ich höre deutliche Besorgnis in seiner Stimme.

»Ja schon. Es ist nur wieder irgendwas mit meiner durchgeknallten Schwester. Ich soll sie anrufen, bevor ich das Geld abhole. Das ist glatte Erpressung!«

Matthias lacht. Ekelhaft! Ich spüre ein Jucken. Ob ich eine Matthias-Allergie entwickele und mich mit jedem seiner Worte dem Erstickungstod nähere? Nun, vermutlich würde man mich spätestens beim nächsten Auszug entdecken. Ich kann mir lebhaft ihre Gesichter vorstellen: »Huch, guck mal! Das ist doch der Martin? Sieht ganz schön blass aus der Gute!«

Jetzt nur nicht die Hoffnung aufgeben, die Zeit arbeitet für mich. »Süße, wirf dich ich Schale, wir müssen los«, mahnt er, woraufhin bei Nina Hektik ausbricht. Schranktüren werden geöffnet und geschlossen.

»Ich bin irgendwie ganz schlapp, ich glaube, ich brauche noch einen Kaffee!«, stellt Matthias fest und reizt Nina, so dass weitere Anzüglichkeiten nicht lange auf sich warten lassen. »Siehst gar nicht so aus!« Matthias lacht, während Nina ankündigt: »Ich springe schnell noch mal unter die Dusche, willst du mitkommen?« Füße tapsen übers Laminat und die Badtür schlägt ins Schloss, Wasser rauscht. »Abgesehen von allen anderen Unannehmlichkeiten könnte mein Handy jeden Moment klingeln. Ich habe einen Reminder für meinen Acht-Uhr-Dreißig-Termin eingetragen. Sollte mein Zeitgefühl mich nicht arg täuschen, müsste es bald soweit sein.

Panisch krieche ich unter dem Bett hervor. Im Aufstehen wird mir einen kurzen Moment schwarz vor Augen, dann stürze ich los. Im Flurspiegel blickt mir ein fremdes Gesicht entgegen. Meine Haare sind verschwitzt, mit Staubflusen versetzt und ähneln jamaikanischen Filzlocken. Die Nase ist in der Tat etwas geschwollen und ein leichter violetter Schatten auf der Stirn verleiht mir das Aussehen eines Statisten bei Aktenzeichen X-Y.

Ich greife nach dem Türgriff, als es in meiner Hosentasche vibriert, nicht erogen, rein mechanisch, Erinnerung an meinen Termin. Erleichtert will ich weg, entsetzt sehe ich Nina und Matthias aus dem Bad stürzen, ich ahne wo sie hinwollen, es fängt mit »B« an und hört mit »ett« auf.

Als sie mich entdeckt, bremst sie abrupt und schreit auf. Ich schreie auch, Matthias grunzt, wie so oft und dann stehen wir da. Nina und Matthias sind wohlgemerkt splitterfasernackt. Stur starre ich ihnen in die Augen. »Ich … ich habe geklingelt, hat keiner aufgemacht«, erfinde ich aus dem Bauch heraus, »da habe ich den Schlüssel genommen.«

»Häh, welchen Schlüssel?«, fragt Matthias, während Nina nach einem Mantel an der Garderobe greift und sich bedeckt. Matthias hat offensichtlich keinerlei Probleme mit Nacktheit. Dummer, geiler Schwanzzeiger.

»Die Schuhe!«, erinnere ich Nina und deute neben die Tür. Mein Glück, dass dort noch zwei weitere pinkfarbene Schuhtüten geparkt sind, hoffentlich hat sie nicht nachgezählt, als sie vorhin nach Hause gekommen ist. »Welcher Schlüssel?«, wiederholt Matthias. Nina kommt mir mit wenigen Schritten entgegen, bis sie direkt vor mir steht. Ich kann noch einzelne Wasserperlen sehen, die von ihren Haaren auf die Schultern getropft sind, möchte meinen Mund auf jede einzelne davon pressen, meinen unsagbaren Durst nach ihr stillen. »Wie siehst du denn aus? Hast du dich geprügelt?«, fragt sie erstaunt und Matthias kommt nun auch näher. Der soll bloß aufpassen, wo er ihn hinhängt!

»Mensch, du bist ja völlig ramponiert. Komm doch erst mal rein. Willst du Eis zum Kühlen?«

Mein Geduldsfaden reißt, »Nein, ich muss los. Termin! Wollte nur kurz deine Schuhe vorbeibringen. Den Schlüssel lege ich wieder zurück!«, versichere ich und reiße die Tür hinter mir auf, knalle sie mir in den Rücken, drängele mich dann wie ein schüchterner Teenager durch den Spalt. Umso entschlossener ziehe ich die Tür hinter mir ins Schloss. Ich atme durch und verfluche die ganze Welt. Wie versprochen verstaue ich den Schlüssel wieder am Türrahmen. Ein Rascheln von rechts lässt mich erahnen, dass die nette Nachbarin wieder ihren Wachposten bezogen hat. Ich hoffe, sie spricht Nina nicht auf mögliche Dreier-Spiele an.

Mit großen Schritten eile ich die Treppen hinunter und mein Handy vibriert erneut. Fünfzehn Minuten bis zu meinem Termin.

Ich steige in mein Auto, nachdem ich einen Strafzettel von meiner Windschutzscheibe entfernt habe. Noch könnte ich es schaffen, wenn ich einen Weg durch dieses Einbahnstraßen-Labyrinth finde. Genervt fummele ich an meinem neuen Handy herum, drücke die Tasten der Navigations-App, muss leider erst umständlich die Adresse eintragen, weil die Navi-Daten nicht übernommen wurden. Zittrig stecke ich das Gerät in die Halterung. Währenddessen verbiete ich mir jegliche Rückblenden auf die letzte Stunde. Nur, wie ignoriert man einen rosafarbenen, dicken, haarigen Elefanten mit riesigem, neongrünem Rüssel? Unglücklich lenke ich mein Auto durch die engen Straßen. Ich möchte auf keinen Fall unpünktlich sein. Ich komme nie zu spät. Immerhin ist es eine Frage des Respekts und es ist schon schlimm genug, dass ich so ungepflegt erscheine. Wie immer gehe ich in Gedanken durch, was ich meinem Psychotherapeuten erzählen würde. Nicht, dass er besonders neugierig wäre. Unsere Stunden zeichnen sich durch Routine und wenig überflüssige Worte seinerseits aus. Ob es mir hilft, kann ich nicht mal direkt beurteilen, zumindest schätze ich die Regelmäßigkeit und eine neutrale Meinung.

Als ich ihm von meinem Vorhaben berichtet hatte, Nina vorschlagen zu wollen, dass sie bei mir einzieht, fragte er, ob ich das für eine gute Idee halten würde. Ich antwortete: Ja. Er meinte, wir sollten in der nächsten Stunde weiter darüber reden. Dazu war es nicht gekommen. Mein Leben spielt sich leider nicht immer fünfzig Minuten kompatibel ab.

Seufzend fällt mein Blick in den Rückspiegel, und ich erschrecke über mein lädiertes Äußeres. Die Ampel vor mir springt auf Rot. Noch immer hallt das Gestöhne und Geächze der beiden in meinen Ohren nach. Liebesspiel, Paarungslaute … Es hatte etwas Tierisches und Rohes an sich. Bei Nina und mir würde sich das Ganze auf jeden Fall anders gestalten. Eher zart und liebevoll.

»Bäh, mirrr wird schlecht. Willst du sie flachlegen oder Schwanensee tanzen?«

Mein Entsetzen lässt sich nicht in Worte fassen.

Aus einem Reflex heraus drücke ich auf die Hupe. Eine Art Kettenreaktion tritt ein. Hinter, neben und vor mir hupt es aus allen Autos. Vor mir fuchtelt ein Autofahrer mit seinen Armen. In der internationalen Gestik-Sprache wird dies kaum eine Aufforderung zur Verbrüderung sein. Meine Verzweiflung wächst ins Bodenlose, aber ich kann nicht weg, es sei denn ich lasse mein Auto hier im Stau stehen.

»Jetzt berrruhige dich doch wieder, kein Grund hysterrrisch zu werden. Ich muss sagen, ich hatte dich fürrr emotional stabilerrr gehalten!«

Ich lasse meinen Kopf aufs Lenkrad sinken. »Das kann nicht sein. Das passiert jetzt nicht. Da ist rein gar nichts!« Ich summe los, das erste was mir einfällt. » … ja das ist mein Schatz für heute und für immer. Da ist nichts, da ist rein gar nichts«, wiederhole ich. Ein Hupkonzert lässt mich die Augen wieder öffnen. Grün! Leider säuft mir der Motor ab, weil ich das Kuppeln vergessen habe und wieder ist es Rot.

» Ich werde dirrr etwas über Frauen verrraten. Lektion Nummer eins: Bevor du nicht sicher bist, dass sie deine Gefühle errrwidern, sollten sie nicht merken, dass sie der Mittelpunkt deines Lebens sind und du alles für sie tun würrrdest, bis hin zur Nierrrentransplantation. Aber eine Frau ignorieren, ist schrrrecklich unhöflich.« Gabriella klingt angesäuert und ich wehre mich. »Das ist empirisch völlig unmöglich. Ich habe das Handy ausgetauscht. Das kann nicht sein!« Als die Ampel wieder auf Grün springt, gebe ich besser acht. Mit quietschenden Reifen biege ich ab und überfahre fast einen Bauarbeiter, der mir mit seiner Faust nachwinkt.

» Jetzt reg dich ab und komm rrrunter. Ich bin auf deiner Seite. Ich bin für dich da, das habe ich dir doch schon errrzählt. Glaube mir, ich kann dirrr helfen!«

Ich lache verbittert auf. »Na warte, ich habe gleich eine Stunde bei meinem Therapeuten. Mal sehen, was der von dir hält!«, drohe ich ihr.

» Na, jetzt habe ich Angst. Ich hätte dich für intelligenter gehalten. Denk mal nach, was glaubst du passierrrt, wenn du deinem Seelenklempner von mir erzählst? Wird er aufstehen und mit dir Rrrumba tanzen vorrr Freude? Er wird dir Tabletten verschrrreiben oder dich in die Klapsmühle einweisen.«

Ich ahne, dass eine Antwort fatale Folgen haben wird, bedeutet es doch, sie als einen Kommunikationspartner, in Form dessen, was immer sie auch sein mag, anzuerkennen. Vielleicht würde das weitere Manifestationen erst möglich machen. Allerdings ist dies ja wohl eine Ausnahmesituation und deswegen pfeife ich auf Pro- und Kontralisten. »Die Therapie ist hilfreich, es tut gut sich die Sache von der Seele zu reden!«, verteidige ich Dr. von Hohenfels trotzig. Verzweifelt kurbele ich das Seitenfenster runter. Es wird mir unerträglich eng mit diesem Ding und einer defekten Klimaanlage.

»Hilfreich? Dein Vater ist ausgezogen, die große Frrreiheit winkt und du lädst deine Kollegin ein, mit ihrem Freund bei dirrr zu wohnen?«

»Das war so nicht geplant und verdammt – Ich liebe sie!«, brülle ich los. Der Fahrer im Wagen nebenan winkt mir freundlich zu. »Ich liebe Sie auch!« Peinlich berührt starre ich geradeaus. »Das ist alles lächerlich, komplett lächerlich!«, maule ich, sämtliche Baustellen der Stadt verfluchend. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass ich mich tatsächlich hoffnungslos verspäten werde. »Nichts läuft so, wie ich es will. Das hat doch alles keinen Sinn mehr!«, murmele ich vor mich hin.

» Pst, es macht sehr viel Sinn, du wirst sehen. Lass es mich erklären! Gib mir fünf Minuten. Fahrrr uns irgendwohin wo wir ungestört sind. Ich kann dirrr helfen!«

Ich glaube, ich bin doch ein Schwan. Meine Männlichkeit ist in der Hitze der muffigen Autositze verdunstet, übrig bleibt ein Häufchen nasses Elend.

»In dir steckt ein richtiger Mann, ein Mars, Kriegsgott, und Verführrrer!«, lockt sie weiter.

»Du bist ein Handy! Ich bringe dich zurück! Ich habe eine Garantie! Lebenslang! Ich werde dich umtauschen, zweimal, dreimal, hundertmal, so lange bis du die Klappe hältst!«

Ich hoffte, diese Ansage würde ihr das nicht vorhandene Mundwerk stopfen. Doch just als ich dachte, dass sie aufgegeben hat, erklingt wieder ihre dunkle Stimme. »Die Garantie kannst du dir in den Popo stecken, dein Kopf steckt ja schon drrrinnen! Es gibt keine Garrrantie! Das Leben ist ein Fluss mit vielen Mündungen und Strrrömungen. Jeden Moment kann sich etwas ändern. Lerrrn Schwimmen und Tauchen, sei spontan, dirrr stehen alle Möglichkeiten offen!«

Vielleicht liegt es an der absurden Entwicklung meines Lebens in den letzten vierundzwanzig Stunden. Vielleicht ist das Gummiband, welches mein Weltbild hält, nicht nur ausgeleiert, sondern porös und unter Umständen ist es mir vorhin unter dem Bett ins Gesicht geknallt. Vielleicht bin ich deswegen bereit zu glauben, dass es einfach nicht schlimmer werden kann und dass selbst eine Entführung durch Außerirdische eine signifikante Verbesserung darstellen würde. Vielleicht liegt es einfach an ihrem brasilianischen Akzent. Es ist mir letztendlich auch egal.

»Guten Abend, Herr Doktor. Ich schaffe es nicht zum Termin. Ich, äh, sitze noch im Büro fest. Überstunden, ganz überraschend! Es tut mir leid, dass ich nicht früher Bescheid geben konnte. Es ist heute alles sehr chaotisch, die Arbeit … und ich habe auch ein Problem mit meinem Handy!« Ich lasse ein paar Sekunden verstreichen, hoffe, dass er meine Not erkennt und nachfragt, was mein Handyproblem mit meinem Nichterscheinen zu tun hat. Würde er mich überreden, mir befehlen, sofort in die Praxis zu kommen? Es bleibt still. Ich kann den exklusiven Zimmerbrunnen im Hintergrund plätschern hören, während er in seinem riesigen schwarzen Ledersessel sitzt und im Kalender nach einem neuen Termin sucht. Die für mich reservierte Seite, auf der er sich immer Notizen zu unseren Gesprächen macht, wird heute leer bleiben. Seit einem halben Jahr bin ich bei ihm in therapeutischer Behandlung. Mein Hausarzt hatte ihn mir wegen starker Schlafprobleme empfohlen, da Schlaflabor und Blutkontrolle ergebnislos blieben. Zunächst habe ich mich geweigert. Ich zum Psychologen? Sollte mein Hausarzt doch mal lieber selbst in Therapie. Sein ständiges Geräusper erschien mir auch nicht ganz normal. Klar, was verstand ein Bauingenieur von der Macht des Unbewussten? Nachdem ich mehrmals auf der Arbeit vor meinem Bildschirm in einen sabbernden Sekundenschlaf gefallen war, hatte ich einen Termin vereinbart.

Von Hohenfels’ sanfte Stimme reißt mich aus meinem kleinen Meditationsmoment, indem sie verkündet, dass er leider keinen Ausweichtermin mehr frei hat. Sonst nichts. Keine Frage: »Alles in Ordnung?«, »Überstunden? Was für eine lahme Ausrede!«, »Halten Sie es bis nächste Woche aus?« oder »Planen Sie einen Amoklauf?« Es bleibt bei einem: »Dann also bis nächste Woche!« und ich verabschiede mich seltsam enttäuscht. Was kümmert es ihn wie es mir geht? Erschöpft schaue auf mein Handy und frage mich wie es wäre, wenn ich tatsächlich eine automatische Live-Lebensberatungs-App hätte? Darf man wählerisch sein, wenn einem uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Fürsorge angeboten wird? Ich schlucke den Kloß in meinem Hals runter, lenke mein Auto wie ferngesteuert durch den Feierabendverkehr, bis es ruhiger wird. Die Straßenleeren sich und ich parke in der letzten Reihe des großen Discounter-Parkplatzes. In weiter Entfernung parken zwei Wagen. In einem davon küsst sich ein Pärchen hungrig. Ich lege den Kopf auf mein Lenkrad und gebe mir selbst das Versprechen: Ich werde mich über nichts mehr wundern, solange nur mein Leben wieder in geordneten Bahnen verläuft. Gabriella schnurrt los. »Ich werrrde dich nicht enttäuschen! Drrrei Dinge vorweg. Du hörst zu und unterbrrrichst mich nicht. Alles was ich will ist, dass du glücklich wirrrst. Also brrrav sein! Versprochen? Das Wort brav bringt mich zum Lächeln, ich stelle mir mein Handy in schwarzer Latexhülle vor.

»Ich warrrte!« Irritiert sehe ich es an.

»Du musst es versprechen, und zwar laut!«, fordert meine kleine technische Domina und ich tue, was ich am besten kann: Nachgeben. » Ich verspreche es!«

***

Notiz: 11.Juni, Patient 287 – Weber – Diagnose F43.2. Anpassungsstörung

Patient nicht erschienen, Termin kurzfristig abgesagt. Wirkt sehr unsicher. Grund (Überstunden) kam mir etwas fadenscheinig vor. Nächste Stunde nachhaken!

Eine gepflegte Hand mit edlem Füllfederhalter sinkt auf die nicht weniger edle Lederschreibtischunterlage, auf die erlesene Schreibtischplatte. Was nicht notiert, sondern nur zögernd eingestanden wird, sind weitere, nagende Fragen: Liegt es an ihm? Merken seine Patienten, dass er ausgebrannt ist wie eine alte Kerze? Wird Herr Weber die Therapie abbrechen? Werden weitere Patienten folgen? Wie soll er ihnen glaubhaft verkaufen, dass sie ihr Leben in den Griff bekommen, wenn er selbst nicht mal seine Frau zum ehelichen Beischlaf überreden kann? Das Plätschern des teuren Zimmerbrunnens geht ihm auf die Nerven. Was für ein Affenzirkus!

Kapitel 3
Ein-Raum-Lösung

Zwischen Männern und Frauen ist keine Freundschaft möglich. Da gibt es nur Leidenschaften: Feindschaft, Anbetung, Liebe – aber keine Freundschaft.

Oscar Wilde

Wie schon in den letzten Tagen, schäle ich mich eine halbe Stunde früher als üblich aus dem Bett. Es ist weniger Disziplin, als pure Angst, Gabriella könnte mir weiteren Überzeugungs- oder Gehirnwäscheversuche angedeihen lassen. Punkt 1 ihres Parkplatz-Coachings hallt noch in meinen Ohren. » Alles gaaanz harrrmlos. Änderung beginnt von innen nach außen, funktioniert aber gleichzeitig von außen nach innen. Ein bisschen Sport hier, ein bisschen Typverbesserung da …«

Todmüde stehe ich wenig später im Flur. Die Jogginghose aus postpubertären Zeiten hat auch schon bessere Tage gesehen. Immerhin trage ich ein paar neue Sportschuhe, die ich mir für den letzten Teamevent besorgt habe. Eine Radtour durch den Stadtwald mit anschließendem Grillen. Nina half beim Würstchenbraten. Wenn ich länger nachdenke, trübt sich die schöne Erinnerung. Matthias hatte das Siegerteam angeführt und von Nina eine Flasche Sekt überreicht bekommen. Habe wohl den Wald vor lauter Würstchen nicht gesehen.

Seufzend trete vor die Haustür. Jeder weiß, dass gründliches Aufwärmen der Grundstein für ein erfolgreiches Sportprogramm ist. Gabriella wusste es, genau wie sie Ausdauertraining am Morgen und Muskeltraining am Abend empfahl. Umständlich stelle ich mein rechtes Bein auf die Treppenstufe und mache eine Kniebeuge. Als ich wieder in die Senkrechte komme, zittert mein Bein. Bestimmt ein gutes Zeichen: der Muskel arbeitet! Motiviert dehne ich nun meine Arme. Bizeps, Trizeps, das wird schon, sporne ich mich an, sehe aus dem Augenwinkel, wie mein Nachbar aus dem Haus gegenüber auf die Straße tritt. Ich kenne ihn nur vom Grüßen. Wir wohnen in derselben Straße, nicht im gleichen Universum. Er kommt aus der Gewinnergalaxie. Dort sehen alle Kerle aus wie Brad Pitt, verfügen über das Gehalt von Bill Gates und den Witz von Will Smith. Mein Nachbar nickt mir zu und ich komme mir nicht mehr ganz so professionell vor. Ihm offensichtlich schon.

»Guten Morgen, Herr Weber! Ich wusste gar nicht, dass Sie auch joggen!« Ich versuche auszublenden, welch bleichgesichtiges Bild der Armseligkeit ich in meinem alten schwarzen T-Shirt mit Metallica-Aufdruck abgeben muss. Das Schweißband, welches meine Lockenpracht bändigen soll ist eventuell doch etwas zu sehr Achtziger und gleicht wohl kaum die hochgerutschten Gummibündchen, der vom jahrelangen Waschen eingelaufenen Jogginghose aus. Gleich nach der Arbeit werde ich mir ein neues Jogging-Outfit kaufen und dann morgen früh einen weiteren Versuch starten. Ich muss jetzt nur irgendwie ins Haus zurückkommen.

Mein Bein zittert munter weiter, also stütze ich es auf das Gartenmäuerchen und stemme meinen Arm in die Hüfte. »Äh, also ich dachte, es ist ja gesund und warum nicht? In den letzten Tagen habe ich es langsam angehen lassen. Nur mal kurz um den Block. Aber morgen! Ich meine morgen fange ich damit an.« Ich hoffe, das klingt nach:»Zisch ab und lass mich in Ruhe abtreten.« Im Alpha-Universum scheinen Worte jedoch eine andere Bedeutung zu haben, in etwa: »Kannst du bitte mein Personal Trainer werden?« Plötzlich befinde ich mich in einem Vortrag über Eiweißdrinks, Trainingszeiten, Herzfrequenzmessung und so weiter. Die Aussicht auf Croissant-mampfen, untermalt vom leisen Rascheln des Sportseitenblätterns, bemächtigt sich meiner Gedanken, als hätte ich eine spirituelle Erleuchtung.

»Wollen wir los?«, fragt er. Meine kalorische Sehnsuchtstraumblase zerplatzt. Wo ist das Nein, wenn man es braucht? Es klingt feige, aber das Zeitfenster, für stilvolles Abgehen ist irgendwie verpufft. Ich werde in sein Universum gesogen. Mein: »Nein, ich will nicht«, wird auf einmal ein: »Ja, okay«. Wir laufen. Stolze fünf Minuten. Vorbei an zwei Vorgärten. Wir überqueren die kleine Straße, bis wir den Park erreichen. Mich auf meine Luftzufuhr konzentrierend, beschleichen mich Zweifel, ob sich mein Laufpartner zurückhält, oder ob mein Tempo ihm ganz gut passt. Es ist mir schleierhaft, wie ein normaler Mensch in Bewegung so viel reden kann. Ich erfahre alles. Von seinem Job als Investmentbanker, anstehenden Beförderungen, oder Problemen mit der Inneneinrichtung und dem Zweitwagen. Es fehlt nur noch, dass er losrappt. Notgedrungen schweige ich, denn da wäre ein wachsendes Sauerstoffproblemchen. Unvermindert anhaltendes, sich stetig steigerndes Zucken meines Unterschenkels stimmt mich auch nicht fröhlicher. Der einzige Grund, warum ich weiterwanke ist der, dass ich nicht genug Luft habe, ihm klar zu machen dass er den Rest alleine bewältigen muss. Adrenalin der Verzweiflung treibt mich weiter. Ich werde mich da durchbeißen. Bin ich Mann oder Maus?

Nach dem kurz aufflackernden Gedanken, ob für heute eine Sonnenfinsternis angekündigt war, umfängt mich gnädige Dunkelheit.

»Hallo? Hallo, Herr Weber! Geht’s wieder? Na, Sie sind bestimmt nüchtern losgejoggt, stimmt’s?«

Ich öffne die Augen und sehe über mir sein unverschämt attraktives, gebräuntes Gesicht, frisch wie der junge Frühling, keine einzelne Schweißperle in Sicht. E.T.s haben keine Poren.

»Soll ich einen Arzt rufen?«

Mühsam rappele ich mich hoch, und bekämpfe tief ein- und aus atmend das lästige Schwindelgefühl.

»Nein, keinen Arzt, danke. Ich habe tatsächlich noch nicht gefrühstückt. Oder ich bekomme eine Erkältung!«, füge ich hinzu, dann habe ich gleich eine Entschuldigung für die nächsten Tage. Vorsichtshalber bleibe ich in der Hocke. Meinem Nachbar, selbst wenn er mir sein ganzes Leben anvertraut hat, wird wohl gerade klar, dass sich für heute unsere Wege trennen.

»Ich werde zurückgehen!«, verkünde ich.

»Soll ich lieber mitkommen, falls Ihnen noch mal schlecht wird?«

Ich schüttele mit so viel käsiger Bestimmtheit wie es mir möglich ist, den Kopf. »Wirklich nicht nötig, Laufen Sie ruhig weiter!« Frustriert will ich mich abwenden, als seine Hand mich aufhält. »Ich heiße übrigens Robert!« Soll ich ihm gratulieren? Dann nehmen meine grauen Zellen wieder ihre Arbeit auf. »Martin!«, erwidere ich und schüttele seine Hand. Echte Kerle eben!

»Wir sehen uns!« Mit einem lässigen Winken setzt er sich wieder in Bewegung und ich sehe ihm neidvoll nach. Er könnte in einer Deo-Werbung auftreten. Er repräsentiert den Gewinner-Typ, wie Matthias. Schlagartig stelle ich zwei Dinge fest: Ich würde niemals so werden. Ich bin eher der unsportliche Typ, nicht fett, eher N-D, non-definition. Und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werde ich keine zehn bis fünfzehn Zentimeter mehr wachsen. Gabriellas Plan mag ambitioniert und nett sein, aber schlichtweg undurchführbar. Ich schlurfe heim, wo ich als Erstes meine Pseudo-Sportkluft mit Todesverachtung in die Schmutzwäsche pfeffere.

Weitere dreißig Minuten später befinde ich mich frisch geduscht und deprimiert auf dem Weg zur Arbeit.

»Du kannst unmöglich jetzt schon aufgeben!«, mahnt Gabriella mit kämpferischem Ton in der Stimme. Sie ist ja auch nicht mit drohendem Kreislaufversagen umgekippt und hat wie ein nasser Putzlappen auf dem dreckigen Straßenboden gelegen. »Ich kann das nicht. Aus mir wird niemals so ein Muskel-Hengst! Egal was du sagst!«

Gabriella ändert ihre Strategie, spart sich Überredungsversuche sondern taktiert, typisch weiblich. Sie sind alle gleich! »Ach, du musst ja nicht unbedingt joggen. Es gibt noch andere Sporrrtarten. Wie wäre es mit Schwimmen? Schont die Gelenke und macht schöne, breite Schulterrrn.« Ich fühle mich geschwächt und nicht in der Verfassung für lange Diskussionen mit meinem intuitiven, elektronisch-übernatürlichen Personality-Trainer. »Schwimmen?« Der zweifelnde Ton in meiner Stimme spricht wohl Bände. Gabriella schmeichelt weiter: »Du hast ein kräftiges Krrreuz. Ich bin mir sicher, du wirst ein herrrvoragender Schwimmer, ein Poseidon, mit ganz sanft modellierten Muskeln und strrraffem … Sie zögert kurz … wenn das nicht klappt, nimmt du Gitarrenunterricht. Einer neuen Studie zufolge stehen Frrrauen auf Männerrr, die Gitarrre spielen.« Nicht wirklich überzeugt lenke ich den Wagen auf den Firmenparkplatz. Ich bin viel zu spät dran. Immerhin habe ich eine maskulinere Erklärung als Gitarrenunterricht.

»Du bist tatsächlich gejoggt?« Ninas Miene nach, hätte ich ebensogut behaupten können mit Heidi Klum gekuschelt zu haben. »Ich möchte ein bisschen auf meine Gesundheit achten!«, erwidere ich beleidigt und trinke meine zweite Cola an diesem Vormittag.

»Klar, und superpraktisch, Matthias joggt jeden Morgen acht Kilometer. Bestimmt könnt ihr zusammen eure Runden drehen, wenn wir eingezogen sind«, schmiedet Nina Pläne. Statt einer Antwort nehme ich einen weiteren Schluck. Bilder von Robert und Matthias, zwei braun gebrannte, durchtrainierte Adonisse, joggend mit mir in der Mitte, ein Kopf kleiner, bleichgesichtig mit leichtem Bauchansatz. Zoom auf mich: Wabbel-Moves in Slow-Motion. Dazu wird es nicht kommen, obwohl ich ihr ja nicht unbedingt sofort erzählen muss, dass ich heute nicht nur zum ersten, sondern wahrscheinlich auch zum letzten Mal gejoggt bin. »Hast du eigentlich schon Hannah angerufen?«, lenke ich Nina ab, bevor sie sich weiter über gemeinsame Freizeitaktivitäten mit mir und ihrem Liebhaber auslassen möchte.

Ihre Augen weiten sich erstaunt. »Wie kommst du denn jetzt darauf? Woher weißt du überhaupt …?«

Mist! Ich kann ihr schwerlich verkünden, dass ich unter ihrem Bett gelegen habe, während sie mit ihrer Mutter am Telefon über Hannah gesprochen, kurz nachdem sie mit Matthias gevögelt hat.

»Du hast da neulich was erwähnt!«, presse ich heraus und fummele an meinem Computer herum.

»Tatsächlich?«, fragt sie irritiert.

»Klar, gestern hast du mir von der Oper erzählt und von dem Anruf!«, erwidere ich. Das Telefon klingelt, ich greife danach, als wäre es mein Rettungsanker. Nina bleibt stehen, bis ich das leider nur kurze Telefonat beendet habe. »Wir kommen dann am Sonntag um zehn Uhr zur Wohnungsbesichtigung. Ist das okay?«

Entschieden nicke ich, völlig okay; gleichzeitig nehme ich mir vor es morgen tatsächlich mal im Schwimmbad zu versuchen. Wer weiß, vielleicht hatte Gabriella recht und ich sollte nicht so schnell aufgeben. Nina steht vor meinem Schreibtisch und sieht mich unverwandt an. »Ist noch was?«, frage ich, in Gedanken folgende Themen vorschlagend: Ich liebe dich! Oder: Matthias ist ein Idiot.

Ich hänge an ihren Lippen, die sich langsam öffnen, fast so wie in einer dieser Werbungen für Eiscreme. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. »Wegen meiner Schwester Hannah wollte ich dich eigentlich eine Kleinigkeit fragen …«

Bisher hatte sie nur wenig über ihre Schwester verlauten lassen. Ich erinnere mich, dass Nina die vier Minuten Jüngere des Zwillingspärchens ist und Hannah seit der Krabbelstube immer nur Ärger macht. Diese spärlichen Andeutungen haben nicht gerade Lust auf mehr gemacht. Nina wirkt, als wäre ihr etwas unangenehm, aber wie aus dem Nichts ändert sich ihr Ausdruck und ein Strahlen gleitet über ihr Gesicht. »Du, da hinten ist Matthias. Ich muss dringend etwas mit ihm besprechen. Wir sehen uns später garantiert noch, ja?«

Ich blicke ihr hinterher, die Sehnsucht in mir niederdrückend. Sehe sie Seite an Seite mit Matthias in Richtung Kaffeeküche verschwinden und drehe mich abrupt weg. Mein Bildschirm gibt mir jedenfalls nicht die Antworten, die ich brauche. Es zieht schmerzhaft im Schulterbereich. Ich denke über die Dehnbarkeit des Begriffs Garantie nach.

***

Nina steht ganz nah bei mir. Gemeinsam betrachten wir den sich vom Schlafzimmer bietenden Ausblick ins Grüne. »So ein schöner Garten, da können wir fantastische Partys veranstalten!« Sie greift nach meinem Ellbogen. »Es ist einfach himmlisch!«

Ich bin glücklich.

»Nicht wahr, Matthias, du findest es auch himmlisch oder?«

Ich bin untröstlich. Meine Hochstimmung, dieser kleine Funken Intimität hat sich in Nichts aufgelöst. Mein Kollege und Rivale hält sich mit Begeisterungsbekundungen zurück. »Nicht schlecht. Natürlich muss alles gestrichen werden und die Möbel müssen raus«, stellt er fest, während er mit spitzen Fingern über die solide Kommode in Nussbaum fährt.

Widerwillig erkläre ich: »Wir haben im Souterrain noch Platz, dort können wir einiges zwischenlagern. Manches werde ich wohl einfach auf den Sperrmüll geben.«

Matthias mustert den Lichtschalter. »Ob die Elektroinstallationen noch in Ordnung sind? Kommt mir etwas verkommen vor das Ganze.«

In meinen Gedanken testet er die Stromversorgung mit seinem Finger in der Steckdose. Nina gibt sich immerhin peinlich berührt. »Hey, alles nicht so schlimm. Wenn etwas kaputt ist, kann man es doch bestimmt reparieren.« Sie geht weiter zum angrenzenden Bad. »Sieh doch mal, wir haben eine Badewanne.« So gut ich kann, ignoriere ich Matthias’ anzüglichen Blick.

»Da finde es nicht schlimm, dass wir uns eine Küche teilen. Ehrlich gesagt bin ich keine große Köchin!« Matthias greift meiner Nina an ihren Hintern. »Du hast halt andere Qualitäten!« Ich könnte ihm eine scheuern.

Nina kichert. »Außerdem kann man dann vielleicht ein bisschen an der Miete drehen, ein bisschen runtergehen?« Kokett blinzelt sie mir zu. Ich schmelze. Alles würde ich ihr geben. Doch in diesem Moment kommen mir Gabriellas goldene Parkplatz-Coaching-Regeln Nummer 2, 4 und 6 wieder in den Sinn. » Gib ihr kein Geld und keinerrrlei finanzielle Vergünstigungen mehr. Sie kann dich nicht rrrespektieren, wenn du immer nachgibst« Gabriella hatte mir sogar einen Vorwand mit auf den Weg gegeben, den ich nun anführe. »Äh, mein Vater hat die Miete festgelegt. Er wird auch den Mietvertrag unterzeichnen. Am Preis lässt sich also leider nichts mehr machen.«

Sofort rudert Nina zurück. »Ach, das ist schon in Ordnung. Dafür haben wir ja wirklich viel Platz, nicht wahr Matthias? Komm, lass uns den Rest des Hauses anschauen!« Matthias sieht nicht aus, als wäre das sein Lieblingsprogrammpunkt.

Vergnügt läuft Nina zur Treppe und ich folge ihr. Selbstverständlich habe ich darauf geachtet, die ehemaligen zwei Zimmer meines Vaters und das Wohnzimmer im Erdgeschoss einigermaßen ansprechend zu präsentieren. Sogar die etwas muffig wirkende Polstergarnitur habe ich geschrubbt und die elende Häkeldecke vom Glascouchtisch genommen. Mein Zimmer, von der offiziellen Besichtigung ausgeschlossen, kann man durch einen Flur vom Wohnzimmer aus erreichen und bietet ebenfalls einen wunderschönen Blick in den Garten. Außerdem befindet es sich tatsächlich genau unter dem zukünftigen Schlafzimmer von Nina und Matthias. Daran will ich jetzt nicht denken! »Das Wohnzimmer und die Zimmer meines Vaters sind unverändert. »Ich hatte irgendwie noch keine Zeit. Ich meine, ich habe es nicht unbedingt eilig mit renovieren und so.«

Nina und Matthias Blicke sprechen Bände. »Wenn das alles unser wäre …«

Mir egal. Ich habe auch meine Blicke, die ich vor ihnen verberge: »Wenn sie mein wäre …«

Wieder ist es Nina, die Tempo aufnimmt. »Sagtest du nicht etwas von einem Zimmer im Souterrain?« Beunruhigt nicke ich und suche nach etwas, womit ich sie ablenken könnte. In meinem ursprünglichen Plan hätte ich Nina nach ungefähr einem halben Jahr mein geheimes Keller-Refugium gezeigt, sie langsam an mein Hobby herangeführt. Ich bin mir sicher, dann hätte sie es begriffen. Jetzt liegen die Dinge anders. Mit Matthias im Hause fühle ich mich nicht mehr mit meinem Geheimnis sicher. Ich muss es verteidigen. Ich möchte mir nicht mal ansatzweise vorstellen, wie Matthias und Nina reagieren würden wenn sie wüssten!

»Was ist denn nun, gehen wir runter?«, bohrt Nina nach.

Mit unbestimmter Geste winke ich ab. »Da unten ist es ziemlich staubig und unaufgeräumt.«

»Ich würde es mir trotzdem gerne ansehen«, beharrt Nina.

»Wozu? Das ist wirklich uninteressant. Waschmaschine und Trockner stehen in der Küche. Habe ich schon die überdachte Veranda erwähnt? Zum Wäschetrocknen perfekt geeignet!«, plappere ich drauflos.

Matthias spürt mein Zögern. »Hast du etwa ein paar Leichen im Keller?«

Weiteres Sträuben würde nur Misstrauen hervorrufen. Die Tür ist ja ohnehin abgeschlossen. Nur ich weiß, wo der Schlüssel steckt. Mühsam beruhige ich mich. »Wenn ihr unbedingt wollt!«, gebe ich nach und führe die beiden die enge Holzwendeltreppe hinunter. Mit angehaltenem Atem passiere ich die rote Tür. Nina duckt sich angeekelt vor jeder Spinnwebe. »Wo ist denn nun das freie Zimmer?«, erkundigt sie sich mit nachlassender Begeisterung. Rasch führe ich sie weiter in ein kleines Eckzimmer, relativ hell, knapp unter der Decke liegende, schmale Fenster zum Garten lassen genügend Licht herein. Neugierig deutet Nina auf die angrenzende Tür. »Ein eigenes Bad?«

Ich nicke und öffne. Es ist im Gegensatz zum Zimmer topmodern ausgestattet. Mein kleiner Luxus. So nahe an meinem geheimen Raum spart es wertvolle Zeit und nicht selten kann ich hier Flecken und Spuren abwaschen, ohne dass ich alles über den empfindlichen Dielenboden nach oben zu verteilen drohe. Nina mustert die Armaturen mit augenscheinlichem Wohlwollen. »Das ist einfach perfekt!« Irritiert sehe ich sie an. »Wieso perfekt, wofür?«

Sie verschränkt die Hände hinter ihrem Rücken, wie ein kleines Mädchen, das etwas ausgefressen hat.

»Hast du mal hier gehaust, oder warum ist das Bad so neu gemacht?«, mischt sich Matthias wieder ein. Ich ignoriere seine Fragen, mache mir klar, dass er was von mir will und nicht ich von ihm. Nina ergreift das Wort und rettet mich vor weiteren Erklärungsverlegenheiten.

»Es ist wegen meiner Schwester Hannah. Wisst ihr, ich habe mit ihr telefoniert und sie spinnt mal wieder rum!« Matthias und ich warten auf die Fortsetzung der Geschichte. Sichtlich nervös kratzt Nina mit einem Fingernagel am blätternden Lack des Türrahmens. »Meine Schwester ist völlig neurotisch. Ständig gerät sie in dumme Situationen. Das absolut schwarze Schaf der Familie. Wir haben seit der Schulzeit nicht mehr Kontakt als nötig. Jetzt hat meine Mutter mich darum gebeten, ihr ein bisschen unter die Arme zu greifen. Irgendwas ist da wohl mit ihrem Ex-Freund passiert. Sie hatten Streit, er hat sie schlecht behandelt oder so ähnlich. Jedenfalls erlitt sie einen Nervenzusammenbruch, wurde krankgeschrieben und nun auch noch gekündigt.«

»Was arbeitet sie denn?«, frage ich interessiert. Nina verdreht genervt ihre Augen. »Zuletzt hat sie in einer Videothek gejobbt, obwohl sie eigentlich studierte Germanistin ist. Sie bekommt nie etwas auf die Reihe!« Ich wundere mich, wie abwertend Nina klingt. Man sagt Zwillingen doch meistens eine enge Bindung nach. Wahrscheinlich kann sie es nicht zu nah an sich heranlassen, weil sie sonst tierisch leiden würde.

Matthias räuspert sich. »Sieht sie dir sehr ähnlich?«, fragt er und ich könnte wetten, dass er perverse Ideen ausbrütet, in denen Zwillinge und Badewannen eine Rolle spielen.

Nina lacht auf. »Hannah ist völlig anders als ich. Eine absolut graue Maus und grübelt ständig!« Mit Schwung stößt sie sich vom Türrahmen ab und kommt einen Schritt näher.

»Sie braucht vorübergehend eine Unterkunft!«, lässt sie die Bombe fallen und ich frage mich, ob ich das jetzt richtig verstehe.

»Was soll das heißen? Was haben wir damit zu tun?« Unmut schwingt in Matthias Stimme mit, was ich kaum fasse. Immerhin ist es nicht deren Wohnung – noch nicht. Nina verteidigt sich. »Das ist der Notfallplan. Es wäre bestimmt nicht für lange. Dieses Zimmer würde mein Problem lösen. »Könnte sie hier nicht bitte ein paar Wochen unterkommen?« Es verschlägt mir weiterhin die Stimme. Matthias antwortet an meiner Stelle. »Lass sie doch in deiner oder meiner alten Wohnung wohnen!« Nina widerspricht sofort. »Sie ist pleite, völlig unselbstständig und braucht sofort eine Bleibe, zumindest bis klar wird, ob sie noch mal in die Klapse kommt. Und ich habe es meiner Mutter versprochen.«

Matthias und ich wissen, was sie damit meint: Dafür bekomme ich das Geld für den Umzug und wir ein paar neue Möbel. Wir schweigen kollektiv. Nina macht einen weiteren Schritt auf mich zu. Sie berührt meine Hand. Meine Stromversorgung funktioniert bestens. »Martin, bitte. Das wäre ehrlich eine gute Tat!« Ich nehme an, auch diese Bitte könnte unter die von Gabriella mit einem strikten Verbot verhängte Regel: » Gib ihr kein Geld und lass ihr keinerlei finanzielle Vergünstigungen anheim werden« sortiert werden. Aber man ist nun mal wie man ist. Ninas Berührung, ihre Nähe, ihr Geruch, sind einfach unwiderstehlich. »Gut, für ein paar Wochen wird es gehen. Ist ja schließlich ein Notfall.«

Jauchzend fällt sie mir um den Hals und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Ich bin der glücklichste Mann der Welt. Bis sie sich von mir löst, Matthias umarmt und er seine Zunge in sie hineinsteckt.

Glück ist so relativ wie es Garantien sind. Ich möchte sofort weg von hier. »Da vorne befinden sich noch ein Abstellraum und eine Vorratskammer«, sage ich lauter als nötig. Es funktioniert. Aus einem werden wieder zwei, die mir durch den spärlich beleuchteten Keller folgen, den ich eilig durchquere. Kurz bevor wir die rettende Treppe erreichen, zieht zu meinem Leidwesen die rot lackierte Tür doch noch Ninas Aufmerksamkeit auf sich. »Was ist denn da drinnen?«, will sie wissen und mein Herz setzt einen Moment aus. »Nichts, ich meine ein altes Archiv meines Vaters, alles total zugestellt und chaotisch. Er hängt halt sehr daran. Ich soll es so lassen wie es ist.«

»Spannend. Vielleicht verbergen sich da irgendwelche Schätze? Können wir mal reinschauen?«, bittet Nina.

»Ich konnte den Schlüssel nicht finden«, entschuldige ich betont gelangweilt und hoffe dass sie es schlucken. Matthias reagiert ungeduldig. »Gehen wir jetzt endlich wieder hoch?« Ein Geräusch lässt uns zusammenfahren.

»Was war das?« Ninas Augen sind angstvoll aufgerissen. Ich streiche ihr beruhigend über die Schulter. »Wahrscheinlich nur eine Maus!« Mit einem Aufschrei rast sie die Treppe hoch, während Matthias und ich in würdevollerem Tempo folgen. Schade, dass ich nicht an diese offensichtliche Variante gedacht habe. Ich hätte behaupten sollen, dass hinter der roten Tür eine Vogelspinnenzucht beheimatet liegt. Mein Geheimnis wäre auf ewig sicher gewesen.

Oben in der großen Küche, die mit ihren hellen Bodenfliesen trotz Gelsenkirchener Retrostyle-Einrichtung, inklusive Essecke, noch geringe Kritik einsteckt, stoßen wir mit naturtrüben Bio-Apfelsaft an.

Nina baut Wohntraumschlösser. »Ich finde die gemusterte Tapete im Schlafzimmer klasse, sieht richtig edel aus.« Matthias bemerkt skeptisch: »Zumindest die Decke muss gestrichen werden, und die zwei kleineren Zimmer!«

»Eines davon wird mein Ankleidezimmer!« Ninas Verzückung steckt an. Matthias lenkt ein. »In Ordnung. Das zweite Zimmer brauche ich als Arbeitszimmer. Und ins Schlafzimmer kommt ein großer Fernseher!«, bestimmt er. Ich stelle fest, dass Menschen an ihren Aufgaben wachsen. Es ist nicht mehr so, als würde ein Messer mein Herz in zwei Hälften teilen. Es fühlt sich mehr wie ein gigantischer Splitter an, den man sich unter dem Fingernagel eingefangen hat und der sich gelegentlich, beim Drüberstreichen, pochend in Erinnerung ruft.

»Martin, hilfst du uns beim Streichen? Du bist doch so geschickt. Für das Ankleidezimmer hätte ich gerne den Farbton aus meiner alten Wohnung, Beere oder so ähnlich.«

Der Splitter pocht. »Red Berry 4356«, antworte ich mechanisch.

Mein Therapeut würde mich sicherlich fragen: »Was glauben Sie, warum Sie das mitmachen?« Ich könnte nur aus der Tiefe meines Herzens antworten: »Weil ich liebe!«

Gabriella hat das verstanden. Sie pocht zwar auf die Importanz der von ihr aufgestellten Regeln, gleichzeitig hat sie erwähnt, dass ich jede Gelegenheit nutzen soll, die mich Nina irgendwie näher bringen könnte. Diese auf den ersten bis zwölften Blick verfahren wirkende Situation würde eventuell perfekte Interventions-Möglichkeiten bieten. Notfalls auch trotz Matthias, und mit Malerpinsel und Farbroller. Ich weiß, dass Nina und ich füreinander bestimmt sind. Ich werde sie bekommen, selbst wenn ich dafür einen Pakt mit dem Telekommunikationsteufel eingehen muss.

Kapitel 4
Pantoffel-Exorzismus

Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Karl Lagerfeld

»Du gehst da jetzt rrrein!«

»Nein!«

»Du musst! Du hast es verrrsprochen.«

»Ich habe lediglich gesagt, ich würde es mir überlegen.«

»Dann überleg schneller, der Laden hat nicht ewig geöffnet und wirrr stehen hier schon eine halbe Stunde!«

Ich verfluche die Erfindung des Mobiltelefons. Mehr als die Umzugsarie mit Nina und meinem Rivalen nervt mich in diesem Moment Gabriella. Ich habe mir extra den Nachmittag freigenommen, weil ich in einem kleinen Spezialgeschäft etwas besorgen möchte. Ich muss endlich wieder meiner geheimen Leidenschaft im Keller nachgeben. Es fehlt mir!

Doch mitten auf dem Weg zum Laden hat Gabriella mich auf einen anderen Weg gelotst und unablässig weichgekocht, bis ich mich in der Einkaufszone unserer Stadt wiederfand. Jetzt faselt sie ständig von ihrer ersten goldenen Regel, Veränderungen, Typberatung … Der reinste elektronische Sprachwasserfall. Wir parken seit fünfzehn Minuten am Straßenrand, direkt vor einem exklusiven Friseur- und Kosmetiksalon. Wirkt zugegebenermaßen ziemlich bedrohlich auf mich.

»Gut, du bist kein Supersporrrtler, deine Muskeln sind, sagen wirrr mal, noch im Aufbau. Das wird etwas dauerrrn. Wir brauchen einen schnellen Errrfolg. Denk daran, was ich gesagt habe. Verrränderung funktionierrrt auch von außen nach innen. Ein Umstyling geht schnell und wird dirrr helfen, gibt Enerrrgie für weiterrre Modifikationen.«

»Das wird alles nur schrecklich peinlich. Bestimmt lachen sich alle über mich tot und wollen wissen, was ich da drinnen überhaupt suche!«

Gabriella blockt jeden Widerstand ab. »Unsinn! Du sagst ihnen einfach, du möchtest deinen Typ ein bisschen verrrändern. Hier arbeiten keine Pfuscherrr, sondern die besten Stylisten der Stadt. Danach frrragst du sie nach der Telefonnummerrr eines Personal Shoppers, derrr dir beim Einkaufen hilft. Das bieten die hierrr an.«

»Seit meinem einundzwanzigsten Lebensjahr kaufe ich meine Klamotten alleine«, brüskiere ich mich.

»Das sieht man!«, kontert sie.

Beleidigt spare ich mir meine Antwort. Was weiß sie schon? Ich sehe so aus, wie ich eben aussehe und tief in meinem Inneren würde ich auch gerne so geliebt werden!

Gabriella kennt keine Gnade. »Nina sieht in dir einen Brrruder. Wir müssen es schaffen, dass sie einen neuen Martin, den Mann in dirrr wahrnimmt. Und sei ehrrrlich, du magst Ninas hübsche Kleiderrr und ihre schönen Haarrre, wenn sie frisch geduscht und zurecht gemacht ist, doch auch lieberrr!«

Gerne würde ich protestieren. Erstens dusche ich täglich! Zweitens bin ich eigentlich davon überzeugt, Nina auch mit ungewaschenem Haar und in ausgeleiertem T-Shirt zu begehren. Zugegebenermaßen ist sie hübsch angezogen und geschminkt, eine besondere Augenweide.

Gabriella bekommt Oberwasser. »Ein Mann muss Selbstbewusstsein und Ausstrrrahlung besitzen. Ein Mann muss nicht schön sein, aber er sollte gepflegt aussehen und was fürs Auge bieten. Die Vorteile betonen, du verstehst?«

Ich unterbreche: »Dazu muss ich mich doch nicht wie ein Lackaffe ausstaffieren!«

Mit offensichtlicher Ungeduld seufzt sie. »Nein, aber eine moderne Jeans wärrre schön, damit man deinen durrrchaus sehenswerten Hinterrrn erkennen kann.«

»Du kannst überhaupt nichts sehen!«, ätze ich sie an.

Eine kleine Pause, die sich ausdehnt. Sollte ich tatsächlich einmal das letzte Wort bei ihr gehabt haben? Gerade will ich den Motor anlassen, als Gabriella den Faden wieder aufnimmt. » Hattest du nicht gesagt, du würdest alles tun, um Ninas Herrrz zu gewinnen? Jetzt willst du dir noch nicht mal deine Haarrre schneiden lassen oderrr eine neue Hose kaufen?«

»So war das nicht gemeint«, winde ich mich, ziemlich erfolglos. Da sie im Guten nicht bekommt was sie will, fährt Gabriella jetzt stärkere Geschütze auf.

»Suerte que es tener …« Spanische Klänge füllen den Innenraum meines Autos in voller Lautstärke. »Aufhören!« Schmalzmusik bringt mein eher Alternative-Music schätzendes Gehirn zum Platzen. »Nicht so laut!« Gabriella röhrt unverdrossen weiter. »Contigo, mi vida …«

Ich kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Der Ausschalter des Handys funktioniert nicht. Wütend schreie ich los: »Ich lasse dich im Gully verschwinden!«

Unbeeindruckt erwidert sie: »Überleg dirrr das gut! Vielleicht bin ich es dann, die sich ein neues Outfit zulegt. Ein scharrrfer Computer, ein Laptop, ein Rrradio …!«

Verschreckt gebe ich nach. Ich öffne die Autotür und im gleichen Moment verstummt der Radau. Für jedermann gut in der Halterung sichtbar, lasse ich das Handy im Wagen. Vielleicht erbarmt sich ein Kleinkrimineller. Sorgfältig stecke ich mein Portemonnaie in die Hosentasche, sehe mich gehetzt um. Ich könnte jetzt einfach weggehen die Straßenbahn zum Laden für Fachzubehör nehmen. Ein paar Schritte sind es nur bis zur Haltestelle. Ein, zwei Minuten zögere ich, bevor ich mich aufwallender Resignation hingebe. Will ich wirklich an jeder Supermarktkasse, an jedem Fahrkartenautomaten ungebetene Ratschläge oder Opernarien von Gabriella empfangen? Und wie lange will ich Nina noch heimlich anhimmeln? Bis sie mit Vierlingen schwanger von Matthias ist und mich die beiden höflich fragen, ob ich nicht ausziehen möchte?

Zaghaft bewege ich mich auf das ultramoderne Haarstudio zu. Es sieht wahnsinnig hell und trendy aus. Normalerweise würden mich wirklich keine zehn Pferde da hinein bringen. Mir persönlich reichte bisher stets der fünfzehn Euro Friseur im Großmarkt. Bei meinen krausen Haaren war ohnehin alles vergebene Liebesmühe. Immerhin habe ich glücklicherweise noch keine Probleme mit Haarausfall, tröste ich mich sofort. Wie Gabriella rät: das Positive betonen.

Die Reflexion in der Fensterscheibe zeigt mir eine leicht verschwommene Version meiner Selbst. Vielleicht würde mir eine Generalüberholung tatsächlich ganz gut tun, nur, muss es jetzt und hier sein?

Ich überwinde meinen Fluchtreflex, straffe die Schultern und betrete den Laden. Auf der Stelle wenden sich mir die Blicke der fünf anwesenden Friseurinnen, allesamt ausnehmende Schönheiten, zu. Die Attraktivste, mit hüftlangem schwarzen Haar und Augen so groß wie Sterne, nähert sich. Bestimmt wirft sie mich gleich höflich aus dem schicken Salon. Weit gefehlt! Sie lächelt mit ihren wundervoll rot geschminkten Lippen. »Guten Abend. Was kann ich für Sie tun?«

Ich druckse herum. »Äh, vielleicht Haare schneiden? Ich habe allerdings keinen Termin.« Was für eine intelligente Antwort. Vielleicht Haare schneiden? Was sonst? Eine Knie-OP? Unsicher erwarte ich, dass sie verächtlich den Kopf schüttelt und mich auf nächsten Monat vertröstet.

Keineswegs! Drei Minuten später sitze ich in einem Ledersessel, der in fünf verschiedenen Stufen vibriert, während Lucia mir die Haare wäscht. Dabei massiert sie mit ihren geübten Fingern meine Kopfhaut und ich frage mich, ob das schon in den Bereich Erotikmassage fällt. »Gut so?«, fragt Lucia. Ich muss mich zusammenreißen, damit ich mit »Ja« antworte, und nicht vor Wohlbehagen stöhne.

»Zufällig hat gerade vorhin ein Kunde abgesagt. Normalerweise muss man Termine bei uns Wochen im Voraus buchen. Da haben Sie wirklich Glück gehabt!« Ich war mir nicht sicher, ob das wirklich Glück war, oder vielleicht doch Schicksalella?

Nach einem ausgiebigen Wasch- und Spülungsritual übernimmt Lucias Kollegin Serafina. Bin ich schon im Himmel? Ich ergebe mich endgültig, schließe auf ihr Anraten meine Augen und entspanne, während das Klackern der Scherenblätter nicht enden will und mich langsam beunruhigt. Machen sich die beiden einen Spaß und verpassen mir einen polierten Eierkopf? Dennoch lasse ich meine Augen geschlossen. Das fühlt sich so gut an!

Eine Stunde später stehe ich an der Kasse der Men’s Fashion Abteilung im größten Kaufhaus der Stadt und bezahle Unmengen neues Textil. Gleichzeitig kann ich den Blick nicht von den überall angebrachten Spiegeln lösen. Bin ich das wirklich?

Meine Haare sind noch vorhanden, insgesamt viel kürzer, gestuft und in einem satteren Braunton getönt, der mich irgendwie markanter wirken lässt. Einige Strähnen sind fransig in die Stirn gezupft worden, was angeblich gerade total angesagt ist. Und das ist noch nicht alles. Meine Augenbrauen sind in Form gebracht, sogar meine Ohr- und Nasenhaare rasiert worden. Gut, ich bin kein Model, aber zweifellos wirke ich jetzt mehr dem Trend der Zeit angemessen. Das Ergebnis übertrifft meine Erwartungen, die mich vor zwei Stunden hierher getrieben haben, bei Weitem.

Nach meiner Kopfrestauration konnte ich mich einfach nicht überwinden, die Beautys aus der Beautylounge um einen spontanen und wahrscheinlich utopisch teuren Termin mit einer Personal Shopperin zu bitten. Stattdessen war ich schnurstracks auf eigene Faust ins große Kaufhaus gefahren und hatte mich mit suchendem Blick an einen T-Shirt Ständer gestellt. Es dauerte nur ein paar Minuten und die erfahrene Verkäuferin, Beate, wie ich sie jetzt nennen darf, nahm mich unter ihre Fittiche, als wäre ich die langersehnte Anziehpuppe ihrer Träume. Erste Versuche waren etwas befremdlich. »Hier dieses Violett ist die neue Trendfarbe!« Ich war kurz davor abzubrechen. Vorsichtiger werdend, fragte sie danach erst einmal nach meinen Lieblingsfarben. Ich wurde sogleich aufgeklärt, das Schwarz und Weiß streng genommen keine Farben sind. Beate lief zu wahrer Höchstform auf und rief noch weitere Kolleginnen herbei. Da kompletter Männlichkeitsverlust drohte, spaltete ich an diesem Punkt einen Teil meiner Persönlichkeit ab und parkte sie vor dem Kinderfernseher. Die grelle Folge SpongeBob Schwammkopf erschien mir kaum unrealistischer als mein bisheriges Nachmittagsprogramm. Allerdings geschah nach etwa eine Stunde, einer sehr langen Stunde, das Unfassbare. Ich war gerade in eine »flotte Freizeitkombination« gesteckt worden und trat heraus, als nicht nur Beate, sondern auch die anderen Verkaufsbienchen Beifall klatschten und ich es genoss. Prüfend schaute ich in den Spiegel und sah mich mit neuen Augen. Martin reloaded! Zu dem hipperen Haarschnitt passten die enger geschnittenen dunklen Jeans, auch wenn ich echte Probleme hatte, sie endgültig über die Fersen zu ziehen. Ob ich die ohne Schere wieder ausziehen könnte? Moderne Sneakers haben meine ausgelatschten schwarzen Turnschuhe abgelöst. Das hellblaue T-Shirt mit spitzem Halsausschnitt, unterstrich den Farbton meine Augen und kaschierte meine kleine Knautschzone. »Jetzt zu den Jacken«, befahl Beate, offensichtlich beflügelt von den ersten Erfolgen.

Nachdem ich endlich bezahlt hatte und mit Tüten, in denen meine alten Klamotten und ein paar neue Schätze untergebracht sind, zum Auto wanke, fühle ich mich wie nach fünf Tagen Bundeswehr-Überlebenstraining. Wie können Frauen das nur ständig machen? Des reinen Vergnügens willen wohlgemerkt, nicht etwa weil sie müssten. Ich klappe die Sonnenblende herunter und begrüße mein Upgrade. Ein lang gezogener Pfiff erfüllt den Innenraum. »Herrrvoragend! Muy bien! Du siehst fantastisch aus!«

Verlegen drehe ich den Autoschlüssel in meinen Händen, bevor ich den Motor starte. »Übertreibe mal nicht! Es sind nur eine neue Frisur und ein paar neue Klamotten«, wiegele ich ab. Ich kann mit Komplimenten wohl nicht besonders gut umgehen. Trotzdem, mein neues Outfit finde ich cool und ich brenne auf Ninas Reaktion. Sie wollte eigentlich heute Abend schon ein paar Dinge für die Wohnung vorbeibringen, das wäre die perfekte Gelegenheit.

»Hat es dirrr gefallen?«, erkundigt sich Gabriella.

Ich brumme vor mich hin. »Geht so. War schweineteuer!« Das ist sogar noch untertrieben, selbst wenn ich versuche es auf Monate umzulegen. In aller Regel kaufe ich so gut wie nie Freizeitklamotten. Ihr rassiges Lachen klingt hoch erfreut. In ihrer Welt ist schweineteuer wohl positiv besetzt. Unsicherheit und Vorfreude bilden in meinem Magen einen seltsamen Mischmasch. Mein Wohlbefinden, es hängt einzig und allein von einer bestimmten Variablen ab: Was wird Nina wohl sagen wenn sie mich so sieht?

Als ich nach einer Autofahrt gespickt mit weiteren Ratschlag-Attacken endlich daheim ankomme, plane ich ungeduldig die nächsten Schritte. Für die coole neue Lederjacke ist es eigentlich zu warm und wenn, hat man sie ja schwerlich in der Wohnung an. Ich werde also in der Küche Stellung beziehen und wenn Nina endlich eintrudelt, so tun, als wäre ich kurz zuvor selbst zur Tür hereingekommen und noch nicht zum Jacke ausziehen gekommen, weil ich erst in der Küche einen Tee – Halt! Ein kaltes Bier holen wollte – klingt männlicher, ist es auch glaubwürdig? Egal, Hauptsache, sie sieht mich in voller neuer Pracht.

Eine halbe Stunde später ist das Bier schal und ich tupfe mir erste Schweißperlen von der Stirn. Der Bund der Jeans im Skinny-Look schneidet etwas ein und die Jacke wärmt ausgezeichnet. Immer sehnlicher wünsche ich mir eine Dusche und anschließend einen letzten Abend mit meiner Gammeljogginghose. Gabriella hat mir auf der Rückfahrt eindringlich versichert, dass Männer mit Jogginghosen ganz unten auf der Beliebtheitsliste rangieren. Gleich morgen würde ich mir ein paar Alternativen besorgen müssen. Nur was? Kurze Hosen? Jeans? Flanell? Meine Gammeljogginghose und ich hatten eine längere Beziehung hinter uns, als die meisten Paare vorweisen konnten. Andererseits zieht sie in direkter Konkurrenz mit Nina ganz klar den Kürzeren. Nach weiteren zehn Minuten kribbeln meine Füße als wäre ich in einen Ameisenhaufen getreten. Die neuen Schuhe sind noch nicht richtig eingelaufen. Ich brauche keine Gabriella, um mir die Unmöglichkeit von Cord-Pantoffeln mitzuteilen, welche mich seit ewigen Zeiten begleiten. Beim besten Willen kann ich mich nicht mehr erinnern, wo sie hergekommen sind. Ob mein Vater sie gekauft hat? Oder gibt es ein Wurmloch im Raum-Zeit-Kontinuum, aus dem diese hässlichen Teile in die Männer-Haushalte gestreut werden? Keiner kauft sie, aber alle haben sie? Auch hier gilt für mich schweren Herzens, lieber barfuß über Glasscherben laufen, als ohne Nina auf Rosenblättern!

Durchdringendes Klingeln an der Tür durchfährt mich wie ein Stromstoß, Ich schnelle kerzengerade vom Stuhl auf. Vor lauter Hektik wird mir ganz schwindelig. Ich sprinte durch den Flur, sehe durch den Türspion und erkenne Ninas Umrisse. Sie ist alleine! Ich jubele und bete. Heute scheint alles möglich. Mach, dass Matthias sie verlassen hat. Frohgemut öffne ich die Tür und setze ein, wie ich hoffe, lässiges Grinsen auf. »Immer herein in die gute Stube!«

Es dauert einen Moment bis sich mein Blick scharf stellt. Mein Gehirn arbeitet nach dem Schema: »Finde den Fehler«.

Das Fehlerbild beginnt zu sprechen. »Hallo, ich bin Hannah!«

Zehn Minuten später bin ich wesentlich weniger enthusiastisch, als jemals zuvor. Ninas Schwester hat es sich nach meiner Einladung in der Küche bequem gemacht oder etwas was dem nahe kommt. Ihre Jacke will sie nicht ausziehen, meine Small Talk Kompetenzen können nicht überzeugen und verebben. Folglich sitzen wir bald einfach nur so da in unseren Jacken, als wäre das halt üblich im Sommer. Während ich weiter schwitze und meine Vorfreude langsam verdunstet, schweigt Hannah sich ausgiebig aus. Wie in Trance dreht sie immerzu das volle Apfelsaftglas zwischen ihren Handflächen. Ich lasse mich von der Monotonie des Momentes anstecken, verfalle in eine Art Meditationszustand und beginne zu glauben, dass Ninas Einschätzung bezüglich des Geisteszustandes ihrer Zwillingsschwester nicht ganz so verkehrt ist. »Die spinnt doch eh irgendwie!«, kommt mir jetzt eher untertrieben vor. Zaghaft mustere ich sie und vergleiche. Im ersten Moment fühle ich meine »Nina-Saite« anschlagen, denn da ist viel, was die beiden gemeinsam haben. Hannah wirkt eher wie eine Negativ-Zeichnung ihrer Schwester. Obwohl sie sogar einen ähnlichen Haarschnitt trägt, wirkt ihr Haar stumpf, im Vergleich zu Ninas glänzender Prachtmähne. Insgesamt macht sie einen etwas ungepflegten Eindruck. Oder besser gesagt, lieblos. Sie müffelt nicht, doch der Nagellack ist abgeblättert und ich entdecke keine Spur von Make-up auf ihrem Gesicht. Was, wie ich bezeugen kann, nichts bedeuten mag. Von Nina weiß ich beispielsweise, dass es sie morgens rund dreißig Minuten kostet, so ungeschminkt geschminkt zu wirken. Sie hat es mir gezeigt, als ich sie mal abholen wollte und sie noch müde vom vorabendlichen Date im Bett lag. Erst war ich traurig, dann war ich verzückt. Der Typ war ja schon weg, ich war es, der in ihrem Bad neben ihr stehen durfte, während sie sich berührte, ihr Make-up auftrug, mit dem Bürstchen über die perfekten Augenbrauen fuhr, Wimperntusche so fein auftrug, das jede einzelne Wimper vortrefflich betont wurde. Ein Klecks pinkes Lipgloss, verteilt auf Lippen und Wangen, verlieh ihr zarte Apfelbäckchen-Röte.

Dieser intime Moment bedeutete mir so viel. Ich sehnte mich nach Fortsetzungen. Wie würde das erste Mal duschen mit ihr sein? Ihr zuzusehen, wie sie sich die Waden rasiert, oder eine Creme-Maske aufträgt? Ich war verliebt in jede Faser von ihr. Wo andere Angst vor Nähe und Routine beklagen, geht es mir anders: Ich kann einen Alltag mit ihr kaum abwarten. Ein leises Scharren beendet meine romantische Introspektion. Hannah sieht genervt aus. Für einen Moment liegt mir die Empfehlung eines hervorragenden Friseurstudios für eine Rundumerneuerung auf der Zunge.

»Ist was?«, fährt sie mich an und ich verwerfe jegliche kosmetischen Verbesserungsvorschläge. Mein Handy auf dem Tisch gibt ein Geräusch von sich, zur Abwechslung ein reales Klingeln, und enthebt mich einer Antwort. Aus meinen Gedanken gerissen melde ich mich atemlos. »Hallo?«

»Ich bin’s. Nina! Hör mal, meine Schwester kommt heute Abend vorbei und möchte sich das Zimmer anschauen, nur damit du Bescheid weißt!« Zögernd antworte ich: »Ich weiß Bescheid, sie ist schon da!« Die Stille am anderen Ende bildet einen passenden Stimmungshintergrund für den Stummfilm der hier läuft, deutet das Unheil an, welches in meiner Küche sitzt wie ein schwarzes Loch. »Ich kann ihr ja schon mal das Zimmer zeigen?«, biete ich eilfertig an. In Gedanken veranschlage ich fünf Minuten. Beim Kellerrundgang werde ich sie auf alle Mäuselöcher, Rattenbedrohungen, Spinnennester und eventuell noch einen Hausgeist hinweisen. Sie wird dankend ablehnen und schon wären Nina und ich die Problem-Schwester los.

»Nein, warte bitte auf uns. Wir sind in zwanzig Minuten da!«, enttäuscht Nina mich. »Wir« ist ein unstetes Pronomen. Nina und ich wären ein wundervolles »Wir«. Nina und Matthias sind ein feindseliges, ätzendes »Wir«. Hannah und ich bilden ein armseliges »Wir«. Natürlich merkt Nina nichts von alledem. Sie verwendet es momentan inflationär. Wie Verliebte es wohl gerne tun, gibt es kein Ich mehr. Stattdessen lautet die Devise: Verschmelzen auch auf grammatikalischer Ebene. »Wir« mögen Wein, »Wir« haben keinen Hunger, oder wie Nina mir gerade so freudig erklärt: »»Wir« waren im Möbelhaus. »Wir« haben uns soeben ein Bett ausgesucht.«

»Gut, wir warten. Bis gleich dann!«, erwidere ich. Herzliche Glückwünsche zum Bettenkauf empfinde ich als nicht angemessen und für Sarkasmus reicht meine Energie nicht mehr. Nicht heute. Sie haben ein neues Bett, ich eine neue Frisur und eine überteuerte Herrenausstattung. Hilflos lege ich das Handy auf den Tisch und seufze tief, bevor mir wieder einfällt, dass ich nicht alleine bin. Hannah war so still, dass sie fast zu einem Teil der blau-weiß kariert bezogenen Sitzecke wurde. Ich hätte sie für Wochen vergessen können. Dementsprechend erschreckt mich ihre Stimme, als würde plötzlich einer meiner Küchenstühle mit mir parlieren. »Kann ich jetzt das Zimmer sehen?« Ich könnte beim Besten willen nicht sagen, ob es ihr gut oder schlecht geht, ob sie ungeduldig ist, oder sie die Aussicht auf eine Unterkunft glücklicher macht. Offensichtlich leidet sie nicht unter akutem Blinddarmdurchbruch, oder Nierenkoliken. Dennoch scheint da was unterschwellig im Argen, verströmt sie doch eine gewisse Leere, wie ein kalter, toter Fisch. Zu Schade. Das hier wäre eine hervorragende Gelegenheit, ein bisschen über Nina und ihre Kindheit zu erfahren. Wertvolle, kostbare Informationen, die meinen intern angelegten Nina-Star-Schnitt vervollständigen könnten. Mein Instinkt rät, eine Fragestunde mit dem toten Fisch über ihre perfekte Zwillingsschwester wäre jetzt unangebracht. »Möchtest du etwas essen?«, frage ich stattdessen. Ich will immer essen wenn es mir schlecht geht. Vielleicht würde das helfen? Sie wendet ihren stechenden Blick vom Apfelsaftglas und richtet ihn nun auf mich, als hätte ich ihr einen Strick oder Arsen angeboten. Sie wartet so lange mit der Antwort, dass es definitiv zwischen unhöflich und echt unheimlich wirkt.

»Wieso lässt du Nina mit ihrem Freund bei dir wohnen? Stehst du auf offene Beziehungen?« Fassungslos schnappe ich nach Luft. Der Fisch hat sich als Piranha entpuppt und wird gemein.

»Quatsch, es hat sich halt so ergeben!«, stottere ich vor mich her und erzähle ihr von meinem Vater. Erst, um mich zu rechtfertigen, dann, um etwas Sicherheit zurückzugewinnen. Denn ich frage mich sofort, wieso sie oder ältliche Nachbarinnen auf so komische Ideen kommen. Wieso ich Nina hier wohnen lasse? Überall wohnen Menschen. Irgendwo muss man ja schließlich wohnen. Irgendjemand muss vermieten. An meiner Ehre gepackt, erläutere ich ihr haarklein, wie mein Vater in die betreute Wohneinrichtung übersiedeln wollte.

»Für mich alleine ist das Haus einfach zu groß«, komme ich umständlich zum Ende meiner Ausführungen. Vor weiteren Peinlichkeiten flüchtend, erhebe ich mich und krame im Kühlschrank. »Ich hätte noch Fischstäbchen!«, vermelde ich, ziehe die verdammte Jacke aus und donnere eine Pfanne auf den Herd. Hannah lacht auf. »Du bist also Single? Lebst fünfunddreißig Jahre alleine mit deinem Vater und jetzt, wo er weg ist holst du dir meine Schwester, samt ihrem neuen Lover zu dir, weil das Haus einfach zu groß ist?« Während ich Öl in der Pfanne erhitze, glühen meine Wangen solidarisch mit. Ich hoffe, sie nimmt das Zimmer nicht. Sie ist ohne Zweifel die unsympathischste Person, die mir jemals begegnet ist. »Was ist mit dir, was machst du eigentlich so?«, wage ich einen Gegenangriff. Ich weiß von Hannah ja sozusagen gar nichts. Eine spinnende Schwester kann alles sein. Von Mörderin bis Klosterschwester. Meine Frage verhallt unbeantwortet und ich entlasse die Fischstäbchen ins siedende Ölbad. Brutzelnd findet das Schweigen der Fische sein Ende.

»Ich mache nichts. Ich mache rein gar nichts. Streng genommen existiere ich noch nicht mal!« erklärt sie in einem Ton, als würde sie über das Wetter reden.

Ich werfe ihr einen prüfenden Blick zu und zum ersten Mal heute Abend, erkenne ich den Anflug eines zufriedenen Lächelns auf ihrem Gesicht. »Ich spinne, bin komplett durchgeknallt! Das hat Nina doch bestimmt über mich erzählt oder nicht?«, stellt sie mehr fest, als dass sie es fragt. Ich kann mich nicht an eine derart seltsame erste Begegnung der dritten Art erinnern. Ihre Kälte steht der meines Kühlschranks in nichts nach. Was soll ich auf ihre Frage antworten? Alles von »Ja«, bis »Ach, iwo«, wäre möglich. Vor allem möchte ich Nina nicht in Schwierigkeiten bringen, das Verhältnis zwischen beiden ist ja ohnehin schon vorbelastet wie verstrahlter Salat. Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Bestimmt wäre Nina mir dankbar, wenn ich irgendwie den familiären Zwist beseitigen würde? Die Fische zischen empört in der Pfanne, Hannah wartet auf ihre Antwort und ich auf eine Einfügung.

Das Geräusch von Schlüsseln in der Tür erlöst mich aus meiner vermietenden Höflichkeitshölle. »Hallo zusammen!«

Erleichtert drehe ich mich um. Meine echte Nina steht endlich in der Küche und die Sonne geht auf. Matthias tritt hinter ihr in die Stube und trübt die Lichtverhältnisse ein wenig. Nina geht zu ihrer Schwester, macht keine Anstalten, sie in den Arm nehmen oder auf die Wangen küssen zu wollen, wie sie es üblicherweise bei ihren Freundinnen macht. »Hallo Hannah, wie geht es dir? Lange nicht gesehen!«

Hannahs Reaktion auf diese einfache Begrüßungsfloskel wirkt feindselig. »Nicht lange genug für deinen Geschmack, stimmt’s?«

Matthias versucht es mit jungenhaft charmantem Grinsen, dem normalerweise kein weibliches Erdenwesen widerstehen kann. »Guten Abend, Hannah. Ich freue mich, dich endlich kennenzulernen.« Seine tiefe Stimme wirkt sogar auf mich beruhigend. Samten wie Honig fließen die Worte aus ihm heraus, prallen allerdings vor Hannahs unsichtbarem Nettigkeitsfilter ab. Sie zeigt sich so wenig von ihm beeindruckt, dass ich ihr einen Pluspunkt gebe.

»Ich warte hier schon seit einer Stunde mit diesem Kauz. Können wir jetzt endlich das Zimmer ansehen, damit ich wieder gehen kann?« Während ich noch den Kauz verdaue, lächelt Matthias unvermindert weiter, als hätte sie etwas besonders Nettes von sich gegeben. Ninas Stimmung schlägt jedoch komplett um. »Na, dann ist ja alles wie immer! Willkommen in Hannahs schräger Welt, in der nur sie zählt!«, kommentiert sie schnippisch. Den Tonfall habe ich an ihr noch nie gehört. Matthias vielleicht auch nicht. Nina bemerkt die Wirkung ihrer Worte und ist sofort wieder die Alte. Sie lächelt süß und macht eine beschwichtigende Geste.

»Egal. Du wirst deine Gründe haben. Lass uns jetzt runter gehen.« Ein lautes Zischen alarmiert mich, frustriert stelle ich den Herd aus. Jetzt ist kulinarisch alles im Eimer. Ninas Aufmerksamkeit konzentriert sich für einen Moment auf mich, offensichtlich das erste Mal heute Abend. »Martin?« Ihr musternder Blick wandert an mir hoch und runter. »Warst du beim Friseur? Du siehst irgendwie anders aus!« Ich stochere verlegen in der Pfanne. Kein Moment könnte unpassender für eine Begutachtung meines Makeovers sein. Nina, meine süße Nina, scheint ehrlich begeistert. »Das Outfit ist doch auch neu? Steht dir prima! Schau mal Matthias, steht ihm prima oder?« Matthias verzieht hämisch seine Mundwinkel. Ich wende mich ab. Das ist mir too much! Gedemütigt hole ich die Fischstäbe aus der Pfanne und pfeffere sie schwungvoll in den Müll, wo sie mich nun vorwurfsvoll anklagen. Was hast du uns angetan?

Haltet jetzt die Klappe ! Von euch wird keine Laufstegpräsentation oder ein zuversichtlich-selbstbewusstes Grinsen mit neuem, coolem Haupthaarschnitt erwartet, während eine hasserfüllte Schwester und ein testosteronsatter Lover die Herzensdame säumen.

»Nur ein paar neue Klamotten!«, beende ich das Thema, portioniere mein Leiden und verfluche, jetzt nicht mit Nina alleine sein zu können.

Mir fallen Gabriellas Worte ein, mit denen sie unsere heutige Aktion abgeschlossen und mich in die freie Wildbahn entlassen hatte. »Es wird nicht gleich auf einen Schlag alles anders werden. Aber warte ab, es ist ein weiterer Schritt!« Ich drehe mich wieder zu der obskuren Abendgesellschaft: »Gehen wir nach unten.«

***

Es ging unglaublich schnell. Nur zwei Tage nachdem Nina und Matthias mit dem Kleintransporter voller Möbel und Kartons unser Schicksal besiegelt hatten und der Einzug endgültig über die Bühne gelaufen war, steht Hannah mit zwei Umzugskartons vor der Tür und hievt diese stöhnend an mir vorbei. Mein Hilfsangebot verhallt unbeantwortet und sie würdigt mein gut gemeintes »Willkommen« keines Wortes. Dem nicht genug, begegne ich auf dem Weg zum Briefkasten auch noch Sport-Robert. »Guten Morgen, Nachbar!«, ruft er mir zu und bleibt stehen, obwohl ich mir wünsche, er würde mit Überschallgeschwindigkeit weiter laufen, rennen, sprinten, wegbeamen, was auch immer. Nun, das Leben ist bekanntlich kein Wunschkonzert.

»Kommst du mit Laufen? Hab dich morgens gar nicht mehr gesehen.« Schwer zu sagen, ob ein ironischer Unterton in seiner Stimme mitschwingt oder ob ich mir selbst das Schwert des schlechten Gewissens ins schwache Bindegewebe treibe. »Nein, ich äh, hab was mit dem Rücken, da soll Schwimmen besser sein …!«, halte ich mich vage bedeckt, woraufhin er mir die Leidensgeschichte eines Kollegen mit künstlicher Hüfte anvertraut. Schweigend lausche ich und täusche Betroffenheit vor. Hätte ich bloß nicht zurückgegrüßt. Gerade bin ich mir sicher, er wird nie, nie mehr aufhören, da unterbricht Robert seinen Redestrom und kneift unvermittelt die Augen zusammen. »Warst du beim Friseur? Sieht gut aus!« Ich verzichte auf ein Dankeschön, käme mir irgendwie blöd vor unter Kerlen. Sein Wissensdurst ist unglücklicherweise noch nicht gestillt. »Sagtest du nicht, du lebst alleine?« Was für ein Waschweib doch in diesem männlich gestählten Kerl steckt. Mir ist selbstverständlich klar, dass ich um eine Antwort nicht herumkomme. Warum auch, früher oder später …

»Ich vermiete einige Zimmer. Ein Pärchen ist am Wochenende eingezogen. Arbeitskollegen«, stelle ich klar.

In diesem Moment läuft Hannah an uns vorbei.

»Ich brauche die Schlüssel!«, stellt sie fest, würdigt den schönen Robert keines Blickes. Der lässt sich natürlich nicht durch Unhöflichkeit beeindrucken. »Guten Tag, ich bin Ihr Nachbar, Robert …«, beginnt er den Satz, doch Hannah sieht ihn an, als würde er nach faulen Eiern stinken und richtet ihre Aufmerksamkeit wieder unverwandt auf mich. »Schlüssel?«

»Liegen auf dem Küchentisch! Du musst erst den Mietvertrag unter …« Sie dreht sich um und marschiert wieder ins Haus. »… zeichnen«, beende ich aus purer Prinzipientreue meinen Satz. Mein Nachbar bemerkt verwirrt: »Geht es ihr nicht gut? Hat sie Streit mit ihrem Freund?«

»Sie ist nicht diejenige. Sie ist die Schwester, die Zwillingsschwester, meiner Arbeitskollegin, die mit ihrem Freund bei mir eingezogen ist«, kläre ich ihn umständlich auf.

Er zieht seine Augenbrauche hoch. »Du lebst ja interessant. Sicher, dass du keine Runde drehen willst?« Nie war ich sicherer!

»Guten Morgen!« Innerlich stöhne ich laut, sehr, sehr laut auf. Neu-Bewohner Matthias hüpft gut gelaunt wie eine junge Dohle auf der Fußmatte herum. Er trägt enge Laufshorts die, neben seinem grellen Funktions-Shirt, keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass Sport für ihn kein Fremdwort ist.

»Guten Morgen. Ich heiße Robert Mehrdorf und wohne in Nummer vierzehn. Sie laufen auch? Wollen wir zusammen eine Runde drehen?«, stellt sich mein Nachbar, die Jogging-Hure, vor. Gefangen in meiner wahrgewordenen Alptraumvision schütteln sich Robert und Matthias kernig die Hände. Ich stehe wie ein Gummibärchen, gefühlt schwammig und klein zwischen ihnen. »Na klar, gute Idee, da sehe ich doch gleich ein bisschen was von der Gegend! Kommst du mit Martin?«, Matthias Stimme trieft frecherweise vor Ironie.

»Ich muss leider noch was erledigen! Viel Spaß!«, entschuldige ich mich und trete den geordneten Rückzug an. Durch den Türspion sehe den beiden nach. Typisch Matthias, dem fliegen ja immer alle Herzen zu. Ich hätte mitjoggen sollen. Aus Prinzip! Mein schlechtes Gewissen legt sich fast augenblicklich, denn es war nicht gelogen, ich habe tatsächlich etwas vor. Der nächste Termin bei meinem Psychologen steht an. Zwei Mal hatte ich die Sitzung ausfallen lassen, danach war die Praxis drei Wochen geschlossen. Inzwischen hatte ich mir manches Mal die Frage gestellt, was von Hohenfels zu den neuen Entwicklungen in meinem Leben sagen würde. Er verhielt sich während unserer Stunden stets höflich und professionell, folglich würde er mir kaum einen Vogel zeigen, oder sich vor Lachen ausschütten. Doch davon abgesehen, war mir noch nicht ganz klar, wie viel genau ich ihm mitteilen wollte. War er Feind oder Freund? Sollte ich ihm offenbaren, dass mein Handy brasilianische Wesenszüge zeigt und Kummerkastentante spielt?

***

»Wie ist es Ihnen ergangen?«

So beginnt jede unserer Stunden und trotzdem erwischt es mich auf dem falschen Fuß. Wie soll ich anfangen? Da ist so viel … »Nina ist bei mir eingezogen. Nina und Matthias sind bei mir eingezogen. Matthias ist mein Kollege, unser Kollege, ihr Geliebter. Hannah, Ninas Schwester, Zwillingsschwester, ist auch eingezogen!«, falle ich schließlich mit der Tür ins Haus. In sein Haus, nicht in meins.

»Eingezogen? Das ist ja sehr schnell gegangen, wollten Sie sich das nicht noch mal überlegen? Wir hatten doch mehrmals darüber gesprochen?«, hakt Dr. von Hohenfels unerschüttert nach, ohne auf die noch nie erwähnte Zwillingsschwester oder andere Details einzugehen. Verwundert stelle ich fest, dass er irgendwie missmutig wirkt, was mich unter Druck setzt, weil ich nicht der Grund für seine Verstimmtheit sein möchte.

»Es hat sich plötzlich so ergeben. Ich konnte keinen Rückzieher mehr machen!«, rechtfertige ich mich mit hastigen Worten.

Mein Therapeut rutscht auf seinem braunen schweren Ledersessel hin und her. »Was glauben Sie wäre passiert, wenn Sie ihr erklärt hätten, dass Sie es sich anders überlegt haben?«

Ich zögere und Worte kitzeln meine Zunge bis die Antwort schmerzlich klar ist. Ich will Nina nicht verlieren. Ich darf nichts tun, was sie verletzen oder verärgern, oder auch nur ihre Stimmung trüben würde. Ich mustere meinen Therapeuten, der distinguiert wie immer über den Dingen steht. Niemals würde er verstehen, wie sehr ich Nina brauche. Verlegen räuspere ich mich und versuche auf seine im Raum schwebende Frage eine passende, annähernd logische Antwort zu finden. »Was passieren würde? Nichts! Ich … glaube … ich wollte halt einfach unbedingt, dass sie einzieht, und dann hatte ich mich ja schon darauf eingestellt und jetzt soll sie bleiben.« Gabriellas Strategie fällt mir ein und es fühlt sich komisch an. Ich sitze beim Therapeuten, doch um nichts in der Welt könnte ich ihm jetzt von meiner bemerkenswerten brasilianischen Beraterin, quasi einer Kollegin von ihm, erzählen. Um gerade Haltung bemüht, erkläre ich mit so viel Nachdruck wie möglich: »Nina ist zwar mit ihrem Freund eingezogen, was von mir so nicht geplant war, trotzdem hoffe ich ehrlich gesagt, dass die beiden feststellen, dass es doch nicht klappt mit ihnen. Dann wird Nina sich mir zuwenden. Sowas kommt ständig vor!«

»Wie lange lieben sie Nina schon?«, will er auch noch wissen, obwohl ich es ihm schon oft genug erzählt habe. Möchte er mich fertig machen?

»Fünf Jahre«, gebe ich widerwillig zu.

Er nickt und wiederholt. »Fünf Jahre, mit etlichen Gelegenheiten, ihre Gefühle anzusprechen, wenn Sie das gewollt hätten. Glauben Sie nicht, dass es langsam an der Zeit ist darüber hinwegzukommen? Loszulassen? Erinnern Sie sich noch an unsere lange Unterhaltung über ihre Mutter?«

Urplötzlich werde ich wütend. Bingo, das hatten wir besprochen. Und? Die Dinge sind halt etwas entglitten. Wo war er denn an dem Abend im Restaurant? Wenn alles so einfach für mich wäre, dann bräuchte ich ja wahrscheinlich keinen Psychotherapeuten. Und überhaupt, was will er mit meiner Mutter, was soll die jetzt wieder damit zu tun haben? Eine Migräne klopft an, lässt mich frösteln.

»Wie schlafen Sie denn?«, wechselt er das Thema.

»Besser!«, antworte ich der Wahrheit entsprechend und wundere mich. Erst wo er es anspricht, fällt mir auf, dass sich die Schlafprobleme seit Längerem, genauer gesagt so ziemlich seit Gabriellas Auftauchen, verflüchtigt haben. Zufrieden lächele ich. Von Hohenfels mustert mich schweigend und ich fühle mich wie eine Ameise unter der Becherlupe.

»Das ist höchst erfreulich! Haben Sie es mit den warmen Bädern, dem Einschlafritual und Baldriantee versucht?«

Mein Widerwillen flammt erneut auf. Nein, ich war kein braver Patient. Ich habe weder gebadet, noch Teebeutel versenkt, noch meditiert. Ich habe mit meinem Handy geschwatzt.

»Es ist einfach besser geworden. Auch ohne Badewanne und Schäfchen zählen, halt einfach so«, druckse ich, meine Wut unterdrückend. Wieder werde ich kritisch beäugt.

»Sie sehen auch viel besser aus, wenn ich das so sagen darf. Waren Sie beim Friseur?« Ich nicke. »Eine spontane Idee, wollte mich ein bisschen verändern.« Sein Schweigen zieht sich für mein Empfinden unnatürlich lang. Merkt er, dass ich ihm Gabriella verschweige? Meine Handflächen werden feucht.

»Sie möchten mir also sagen, dass Sie mit Ihrer neuen Wohnsituation im Großen und Ganzen zufrieden sind?«, beginnt er zu meinem Leidwesen nun wieder auf dem Thema herumzureiten.

Sorgfältig wäge ich meine Worte ab. »Zufrieden noch nicht. Immerhin ist es schön, Nina in meiner Nähe zu haben.«

»Tut es Ihnen nicht weh, wenn Sie Nina ganz verliebt mit ihrem Freund sehen, obwohl Sie eigentlich an seiner Stelle sein wollen? Glauben Sie, dass Ihnen das langfristig gut tut?«

Von Minute zu Minute fühle ich mich wieder schlechter. Was will er von mir? Das ich bekenne, ein kompletter Idiot zu sein? Weil ich liebe und hoffe?

Unmittelbar lässt er mich von der Angel. »Wie läuft es auf der Arbeit? Noch immer so viele Überstunden?« Erleichtert berichte ich ausführlich von unserem Team, den Besprechungen, in denen die Projekte des kommenden Quartals diskutiert werden. Ich schildere ihm meine Unsicherheit, nein geradezu Unfähigkeit auf mich und meine Fähigkeiten aufmerksam zu machen. Seit Längerem dümpele ich auf meinem Gehaltsband. Seit ich selbst von einigen Trainees überholt worden bin und Kollegen, die später als ich im Unternehmen angefangen haben, befördert wurden, wächst meine Unzufriedenheit im gleichen Maße wie Frustration über meine Unsichtbarkeit. Ich rede und rede, bis er das Übliche: »Unsere Zeit ist fast um, liegt Ihnen noch etwas auf dem Herzen?« ausspricht. Das ruft mir wieder ins Gedächtnis, dass es hier um Anteilnahme auf Honorarbasis geht. Was ich zwar weiß, dennoch irgendwie betrauere. Also jetzt oder nie! Sollte ich eventuell doch noch das heikle Thema »Wahnvorstellungen« ansprechen? Nervös fahre ich mir durch die Haare. Ja? Nein? Ein Wimpernschlag später ist der Augenblick vergangen. Es wäre zu riskant. Ich will nicht zwangseingewiesen werden. Auch wenn ihre dominante Art durchaus nervt und bisweilen angsteinflößend ist, hat Gabriella durchaus ihre Vorteile. Wer weiß, vielleicht hat sie auch meine Schlafprobleme beseitigt und Nina ist zumindest in meiner Nähe, genau wie die Hoffnung dass ihr Idioten-Freund in naher Zukunft verschwindet. »Alles in Ordnung!«, lüge ich und beende die Sitzung.

Notiz:28. Juli, Patient 287 – Weber – Diagnose F43.2 Anpassungsstörung

Aufgehellte Stimmung, emotional verändert, Wohngemeinschaft gegründet? Legt mehr Wert auf Äußeres (Neue Frisur, neue Kleidung), Antrieb gesteigert, leicht manische Episode? Leitsymptom Schlaflosigkeit nach eigener Aussage verschwunden, ohne sich an Therapieplan zur Schlafhygiene gehalten zu haben.

Während er diese Zeilen schreibt, merkt er, wie verärgert er ist. In letzter Zeit zeigt seine professionelle Haut mehr und mehr Risse. Er sollte sich freuen, dass es einem Patienten besser geht. Aber die Besserung scheint nicht mit der Therapie zusammenzuhängen. Wozu ist er überhaupt noch da? Seine Frau will ihn nicht mehr. Anders als früher würdigen ihn die jungen, hübschen, frischen Mädchen keines Blickes. Ausgebrannt, Glut verloschen. Kein Feuer mehr? Es ist zum Haare raufen, oder wäre, wenn es da noch was zu raufen gäbe. Er stöhnt und ächzt wie ein altes Auto – alles schwächelt und es ist weit mehr, als nur der Lack, der ab ist. Wütend schluckt er eine seiner Vitamintabletten. Wieso geht es Herrn Weber plötzlich besser?

***

Autor

  • Lea Musshoff (Autor)

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Titel: Das Traummann-Projekt (Chick-Lit, Humor, Frauen, Liebe)