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Die Abenteuer der deutschen Entdecker - Zwei Abenteuerromane in einem Band (Bundle) (Jugend, Historisch)

von Claudia Zentgraf (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Impressum

Originalausgabe November 2016

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© Originalausgabe 2016,
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

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Alle Rechte vorbehalten

Die Abenteuer der deutschen Entdecker


Zwei Abenteuerromane in einem Band

ISBN 978-3-96087-121-7

Covergestaltung: Birgit Stolze Grafikdesign

Bildnachweis: Morphart/fotolia.de, RTimages/fotolia.de; Zeichnungen von Claudia Zentgraf

Lektorat: Astrid Rahlfs

Die Abenteuer der deutschen Entdecker ist ein zusammengeführtes Werk aus den bereits bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen E-Books mit den Titeln Die Entdeckung der Neuen Welt (ISBN 978-3-945298-55-8; 2016) und Eine Reise um die Welt (ISBN 978-3-945298-55-8; 2016).

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Bei Die Entdeckung der Neuen Welt handelt es sich um einen Roman. Die meisten der dargestellten Personen haben real existiert. Die beschriebenen Handlungen lehnen sich an die Realität an und beziehen sich teilweise auf konkrete Begebenheiten, sind aber insgesamt ein Werk der Fiktion.

Die Personen in Eine Reise um die Welt sind größtenteils aus der original Musterrolle der H.M.S. Resolution und H.M.S. Adventure übernommen. Viele Ereignisse haben sich so oder so ähnlich zugetragen. Die Geschichte um Richard Loggie ist frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Über die Autorin

C.Zentgraf_ebook_ZeichnungClaudia Zentgraf, Jahrgang 1967, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Heidelberg. Noch heute denkt sie oft an die Zeit, als sie mit dem Rucksack die Welt bereiste. Mit Sicherheit ist das ein Grund, warum es in ihren Büchern immer um das Reisen geht. Ihren Job als Technische Zeichnerin tauschte sie gegen die kreative Arbeit mit Kindern in einer Schule aus. Die „Mehrzeit“ nutzt sie seitdem zum Schreiben.

Warum, fragte sie sich, wissen die Kinder so wenig von den deutschen Entdeckern und Naturforschern? Sie erlebten Abenteuer, gerieten in Gefahren, entdeckten pausenlos Neues. Jemand sollte etwas darüber schreiben. Hm, wenn das keiner macht, dann eben sie! Wenn sie sich in der Schreibphase befindet, vergisst sie alles um sich herum. Nichts kann sie mehr bremsen und leider kommen die alltäglichen Dinge, Familie und Freunde in dieser Zeit zu kurz.

Über dieses E-Book

Die Entdeckung der Neuen Welt

Es ist das Jahr 1799 und das Abenteuer ruft nach Alexander von Humboldt: Auf seiner Forschungsreise nach Amerika begleitet ihn nicht nur sein Freund Aimé Bonpland, sondern auch der 12-jährige Antonio Lopez. Auf hoher See, am Rande des Vulkans oder im tiefen Dschungel – überall gibt es auf dieser Expedition Neues zu entdecken. Alexander und Aimés unnachahmliche Erkundung und Vermessung der Natur beobachten Antonio und der Leser mit staunenden Augen …

Eine Reise um die Welt

Im Londoner Hafen wird die H.M.S. Resolution zum Auslaufen fertig gemacht. Der Kapitän dieses Schiffes ist niemand geringerer als Kapitän James Cook. Auf seiner zweiten Reise lautet sein Auftrag den Südkontinent zu finden. Es soll jedoch keine reine Entdeckungsfahrt werden. Es gilt, wissenschaftliche Beobachtungen zu machen und wer weiß, vielleicht gibt es irgendwo Edelsteine oder fruchtbares Land? Aus diesem Grund sind auch der Naturforscher Johann Forster und dessen Sohn Georg mit an Bord. Mit Georgs Unterstützung kann der Junge Henry als Leichtmatrose angeheuert werden. Kaum auf dem Schiff, wird Henrys gute Laune jedoch getrübt. Er glaubt, dass ein gesuchter Dieb unter ihnen ist. Aber können Georg und er das auch beweisen?

Sie müssen Flauten und Stürme überstehen, kämpfen mit Eingeborenen und geraten in Seenot, doch das sind fast schon Kleinigkeiten, wenn man einen Widersacher an Bord hat. Eine wahrlich aufregende Reise!

Die Entdeckung
der Neuen Welt

Drei Freunde auf Entdeckungsreise durch Amerika

Claudia Zentgraf

1
La Coruña, Juni 1799

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Noch war das Schiff mit einer Schicht von Tau bedeckt, doch die Sonne streckte bereits ihre warmen Fühler aus. Der Himmel war wolkenlos und es versprach ein wunderbarer Tag zu werden.

Doch für Antonio begann er nicht schön, so herrlich das Wetter auch sein mochte. In seinem Magen machte sich ein flaues Gefühl breit und das kam weiß Gott nicht von den schaukelnden Schiffsbewegungen der Pizarro. Nie hätte Antonio gedacht, dass er eines Tages Spanien verlassen würde. Er legte den Seesack auf den Boden. Die kleine lederne Tasche jedoch behielt er um. Sie war ein Geschenk von Señor Valdez gewesen. Nicht neu, aber für ihn trotzdem von Wert.

Lautstark ertönte vom Bootsmann der Befehl zum Ablegen. Augenblicklich eilten die Matrosen über das Deck und bezogen ihre Posten. Der Anker musste eingeholt werden und so drehten die Männer im Gleichtakt das Gangspill. Meter für Meter rollte sich die Ankerkette auf. Ein paar Atemzüge später hing das eiserne Stück wassertriefend am Bug des Schiffes. Gleichzeitig machte eine Handvoll Matrosen das erste Segel klar. Wie aufgereihte Affen hingen sie am Mast und lösten die Taue, bis sich das Segel ausstreckte. Es flatterte kurz im Wind, doch der Steuermann drehte das Ruder, ein wenig nur, und schon blähte sich das Segel zur vollen Größe auf. Allmählich fing das Segelschiff an, sich zu bewegen.

Antonio lehnte sich an die Reling und starrte wehmütig zur kleinen Hafenstadt hinüber. Bunte Fischerboote dümpelten verlassen vor sich hin, als wollten sie sich von ihrer nächtlichen Fahrt erholen. Dahinter standen, dicht gedrängt, weiß getünchte Häuser mit Dächern so rot wie Glut. In den Gassen war noch wenig los. Nur im Hafen herrschte etwas Betrieb. Seemänner aller Herren Länder, Kaufleute, Lastenträger und Reisende wuselten scheinbar ziellos umher. Eine paar Menschen standen an der Kaimauer und winkten den Schiffsreisenden zum Abschied. Manch einer schnäuzte sich die Nase oder wischte sich verstohlen eine Träne weg.

Antonios Familie befand sich nicht darunter. Sie hatten sich bereits zu Hause verabschiedet. So wäre es einfacher, dachten alle. Doch jetzt hätte er es gerne gehabt, dass auch sie ihm zuwinkten. Ein letztes Mal. Zu spät. Antonio spürte, wie sich in seinen Augen Wasser sammelte.

Nanu? War das nicht …? Für einen Moment glaubte er, ein bekanntes Gesicht in der Menschenmenge entdeckt zu haben. Antonio fuhr sich über die Augen. Sah noch mal hin. Nichts. Der Mann war fort. Oder war er gar nicht da gewesen?

Die Menschen waren bald nur noch undeutlich zu erkennen und im nächsten Augenblick waren nur noch ihre schemenhaften Umrisse zu sehen. Es hatte keinen Sinn mehr, Ausschau zu halten.

Antonio wischte sich die feuchtnassen Hände an der Hose ab, drehte sich um und entdeckte Kapitän Artajo. Ein weiteres Segel wurde gesetzt und das Schiff nahm schnell Fahrt auf. Sie passierten das Castillo de Santo Anton. Stolz und selbstbewusst stand die dicke Festung am Ausgang des runden Hafenbeckens. Spanien lag jetzt hinter ihnen. Antonio würde sein Land vermissen. Nein – mehr noch: Er vermisste schon jetzt seine Geschwister. Baby Emilia, Pamela, Jorge, Leonor und sogar den zwei Jahre jüngeren Carlo, mit dem er sich ständig gestritten hatte. Und seine Eltern. Ob sie eine Arbeit finden würden? Wenn ja, wo? Sehr wahrscheinlich konnten sie nicht auf dem Gut des Großgrundbesitzers Don Valdez bleiben.

Zum ersten Mal vermisste er die viel zu kleine Hütte, in der sie am Rande des riesigen Gutes wohnten. Antonio musste unwillkürlich lachen. Tja, und auch Paco, ihren schwarzen Hund mit dem Stummelschwanz. Paco war einem Waldarbeiter zwischen die Füße gesprungen. Der Mann konnte das herabsausende Beil zwar abwenden, doch den Schwanz hatte es erwischt.

Und natürlich die Pferde. Um die hatte er sich, seit er denken konnte, gekümmert. Und so unglaublich es auch war, er vermisste sogar den staubigen Weg von dem Gutsgelände zur Stadt, den er eigentlich hasste, weil er ihm an heißen Tagen so unendlich lang vorkam. Er konnte sich nicht daran erinnern, wie er heute nach La Coruña gekommen war.

Nur einen würde er nicht vermissen: Sergio Valdez’ Neffe Javier. Seinetwegen war er hier auf diesem Schiff. Und dafür hasste er ihn. Gedankenlos rieb er seine Brandwunde auf der rechten Hand. Was, wenn er tatsächlich Javier am Kai gesehen hatte? Vielleicht wollte er sich vergewissern, dass er abreiste. Wahrscheinlich war es gar nicht Javier gewesen, sondern nur jemand, der ihm ähnlich gesehen hatte.

Beharrlich stampfte das Schiff durch die unruhige See und das Holz knackte und knarzte zufrieden. Antonio sah zum Horizont. Er hoffte, dass die kleine Korvette schnell genug war, um im Notfall den Engländern ausweichen zu können. England befand sich mit Spanien im Krieg. Antonio hatte keine Lust, als Gefangener in einem dreckigen, englischen Verlies zu enden.

Er sah zu den zwei Matrosen, die direkt neben ihm die erste Seilsprosse der Wanten hochkletterten. Der Jüngere trug eine geflickte Hose, hatte blonde Haare und ebensolche Bartstoppeln. Der Andere war kräftig gebaut und hatte ein Gesicht so rund wie der Vollmond.

„Du Jules, ist es dir aufgefallen? Der Kapitän segelt nicht wie sonst weiter nördlich, sondern gab gleich Kurs West“, lispelte er.

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„Ja, Mann!“, brummte Jules, das Rundgesicht, ohne großartig die Lippen zu bewegen. „Ich kann dir auch sagen warum.“ Der Stoppelbart beugte sich leicht nach vorne und wisperte: „Vor ein paar Stunden ist eine englische Fregatte gesichtet worden.“

„Ja, Mann. Hab ich gehört, Roberto“, nickte Jules.

Da haben wir es schon, dachte Antonio. Er würde niemals in Venezuela ankommen. Er würde als Gefangener enden. Zwischen Halbtoten in eisernen Ketten liegen, wo Ratten ihn lebendig auffraßen. Oder er würde hier in den spanischen Gewässern auf dem Grund des Meeres vermodern, bis die Fische durch seine löchrigen Gedärme schwammen.

„Ich bete zum Allmächtigen, dass es uns nicht wie der Almeida ergeht. Die sollte letzten Monat Post nach Amerika bringen. Dann wurde sie von den englischen Hunden – verflixt noch mal – erwischt“, zischte Roberto.

„Ja, Mann. Aber wir haben mehr Glück“, brummte Jules, kramte seine Hasenpfote aus der Hosentasche hervor und küsste sie hastig.

„Dein Wort soll erhört werden“, lispelte Roberto. Plötzlich lächelte er verschmitzt.

„Weißt du noch, wie wir auf der letzten Heimfahrt von Südamerika auf die Engländer gestoßen sind? Da konnten wir ihnen gerade noch entwischen. Und das, obwohl unsere Pizarro nicht das schnellste Schiff ist. Unsere gute alte Pizarro …“, schwärmte Roberto und streichelte den Masten.

„Ja, Mann. Da!“ Jules zeigte zum Kapitän, der mit dem Fernrohr den Horizont absuchte. Als Artajo es zusammenklappte, huschte ein kaum merkliches Lächeln über das sonnengegerbte Gesicht des alten Seebären. Die Matrosen nickten zufrieden und Antonio fuhr sich erleichtert durch seine wild geschnittenen kastanienbraunen Haare. Die Luft war rein.

Erst jetzt widmete sich Antonio den Passagieren, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Viele hatten es sich auf dem Deck bequem gemacht. Ein junges Paar saß auf den Planken hinten beim Achterdeck. Liebevoll betrachtete die erschöpft wirkende Frau ihr schlafendes Baby. Es war wohl erst wenige Wochen alt. Aus der Reisetasche blitzte ein kleines Paket mit Schleife hervor. Bestimmt ein Abschiedsgeschenk. Daneben zog sich ein Mann den Strohhut ins Gesicht, kreuzte seine tätowierten Arme vor dem Bauch und ließ sich vom Schiff in den Schlaf schaukeln. Einen Wimpernschlag später ertönte sein monotones Schnarchen. Auf der gegenüberliegenden Seite hatte eine Frau die Hand ihrer Tochter fest im Griff. Ihrem fremdländischen Aussehen und den bunten Röcken nach zu urteilen, musste sie Guanchin sein. Ab und an hatte er einige kanarische Ureinwohner in La Coruña gesehen.

Nun fiel sein Blick auf zwei junge Männer, die recht nahe bei ihm standen. Der eine war hoch gewachsen, elegant gekleidet und hatte äußerst lebhafte Augen. Der andere war klein und mager. Seine große Nase und das schiefe Kinn sprangen einem sofort ins Auge.

Antonio beobachtete, wie der Große seinen dunkelgrünen Frack auszog und diesen ordentlich gefaltet auf die Reisetasche legte. Anschließend krempelte der Mann sorgfältig seine Hemdsärmel hoch, überprüfte deren Länge auf ihre Gleichheit und korrigierte die Ärmel, bis man keinen Längenunterschied mehr erkennen konnte. „Endlich, Aimé. Endlich ist es soweit“, sagte der Große. „Ist es nicht ein herrlich aufregendes Gefühl, Europa zu verlassen? Haben wir nicht ein wunderbares Glück? Ich freue mich so unbändig, ich könnte die ganze Welt umarmen!“ Der Mann breitete die Arme aus, schloss die Augen und sog die frische Seeluft ein, bis sein Brustkorb so groß war, dass er zu platzen schien.

„Oui, das ist wirklisch magnifique – großartig, Alexander“, bestätigte Aimé.

Da bemerkte Alexander Antonio. Er hielt einen Moment inne, erst dann nahm er die Arme herunter, legte die Hände auf die Reling und schaute scheinbar gleichmütig auf das Meer hinaus.

Antonio stutzte einen Sekundenbruchteil, dann blickte auch er rasch zur Seite, während er insgeheim darauf wartete, dass Aimé und Alexander ihr Gespräch fortsetzen.

„Aimé, hast du schon bemerkt, welch interessantes Völkchen sich auf dem Schiff befindet?“, fragte Alexander, ohne von seinem Blick auf das Meer abzulassen.

Aimé verstand sofort und antwortete: „Mais oui, sehr interessant. Isch finde, er ist sehr neugierig, nischt wahr? Dem Alter und der Kleidung nach zu urteilen, könnte der junge Herr ein Handwerksgeselle sein“, sagte Aimé mit französischem Akzent. Sein „ch“ klang wie ein weiches „sch“. Eben sehr französisch.

Fieberhaft suchte Antonio auf dem Deck die von Aimé beschriebene Person.

„Das glaube ich weniger, mein Freund. Dafür hat er nicht die nötige Ausrüstung dabei. Ich frage mich nur, was so ein Bursche alleine auf diesem Postschiff zu suchen hat. Am Ende hat er was auf dem Kerbholz und ist dem Gesetz entwischt?“, vermutete Alexander.

Antonio studierte jeden einzelnen Passagier, doch auf keinen passte die Beschreibung.

„Non, non. Jemand auf der Flucht hätte nischt die Zeit und Ruhe gehabt, seinen Seesack zu packen. Vielleicht sollte isch einfach mal fragen?“ Aimé sah Alexander mit hochgezogener Augenbraue an.

Ein Bursche mit Seesack! Antonio sah große und kleine Taschen, Koffer und Kisten, doch einen Seesack konnte er nirgends entdecken. Und auf Deck gab es auch keinen Burschen – außer ihm! Augenblicklich schaute er zu seinen Füßen hinunter, an denen sein Seesack lag. Er schluckte und spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Im nächsten Moment sah er, dass Alexander auf ihn zukam.

„Nun junger Mann, hast du dich erkannt?“, lachte er. „Sei nicht böse, es war nur ein kleiner Spaß.“ Alexander klopfte ihm tröstend auf die Schulter.

Antonio sah ihn mit gesenktem Kopf an und lächelte gequält.

„Wie heißt du? Bist du tatsächlich alleine unterwegs?“

„Guten Tag. Mein Name ist Antonio Lopez. Ja. Ich, ähm … ich reise zu meinem Onkel nach Venezuela. Und wer sind Sie?“

„Alexander von Humboldt, Bergbaufachmann, Geograf, Botaniker, Naturforscher und ab heute Entdecker.“ Alexander nickte Antonio kurz zu.

„Moi, je suis – also isch bin Aimé Bonpland, Arzt und ebenfalls Botaniker. Für disch einfach Aimé“, deutete der Kleinere eine knappe Verbeugung an. Er lächelte und sein Kinn wurde dabei noch schiefer.

Antonio erwiderte die Verbeugung ungelenk.

„Wir sind auf dem Weg nach Kuba, Amerika. Forschungsreise. Wir werden alles unter die Lupe nehmen. Alles. Pflanzen, Tiere, Einheimische, ja sogar die Sterne …“ Alexander machte eine ausladende Handbewegung. „Warum willst du zu deinem Onkel reisen? Hast du keine Familie mehr?“, fragte Aimé.

„Nun ja, nein. Also doch, aber …“ Antonio grub die Hände tief in die Hosentaschen. Die Freunde sahen sich irritiert an und Alexander wollte gerade etwas sagen, als Antonio fortfuhr: „Mein Onkel lebt in Venezuela. Er arbeitet dort auf einer Hato, so nennt man die großen Viehfarmen dort. Da möchte ich hin.“ Antonio lächelte, doch seine Augen blieben ernst. „Vater sagte, Hector sei ein guter Mensch …“ Er schluckte schwer. Alles war besser, als in Javiers Nähe zu sein.

„Dann wird das auch so sein“, erwiderte Aimé sanft.

„Ja“, murmelte Antonio unsicher. Eine Möwe flog mit lautem Geschrei über ihre Köpfe hinweg und ließ ihn zusammenzucken. Er sah der Möwe hinterher, die just ins Wasser hinab stieß und sich einen Fisch angelte.

Alexander räusperte sich und meinte: „Nun, es ist auch für mich ein befremdliches Gefühl, die Heimat hinter mir zu lassen. Andererseits können wir uns glücklich schätzen, fremde Länder und ihre Kulturen kennenzulernen. Gibt es denn etwas Schöneres? Dir wird es bei deinem Onkel wohlergehen, glaub mir.“

„Wenn man überlegt, dass die Reise über den Atlantik einige Wochen dauert, ist es zu den glückseligen Inseln nur ein Katzensprung, n’est pas? Nischt wahr?“, sagte Aimé.

„Glückseligen Inseln?“, fragte Antonio interessiert.

„Er meint die Kanaren“, erklärte Alexander. „Ach, ich kann es kaum erwarten über die Insel zu streifen. Wie oft hat mir mein Freund Georg schon von den Kanaren berichtet.“ Alexander zupfte einen Fussel von Antonios grobem Baumwollhemd. „Du musst wissen, Georg Forster ist ein exzellenter Naturforscher, der mit Kapitän Cook um die Welt gesegelt ist. Was für eine Ehre, nicht wahr? Und was für ein famoses Erlebnis!“ Alexander hielt einen Moment inne, schaute hinaus aufs Meer und sagte so leise, dass Antonio ihn fast nicht hören konnte: „Kaum zu glauben, dass ich mich selbst bald von der Schönheit dieser Inseln überzeugen darf. Wie die Vulkanbesteigung auf Teneriffa wohl sein wird? Ach, wären wir nur schon dort!“ Alexander raufte sich seine dunkelblonden Locken.

„Sie wollen einen Vulkan besteigen?“ Antonio bekam große Augen. Ein feuerspeiender Berg! Toni sah den riesigen Vulkan vor sich – wie der Berg glühende Steine spuckte und die heiße Lava den steilen Abhang hinunter floss. Dort oben war es heiß wie in der Hölle. Und da wollten Alexander und Aimé rauf?

„Mais oui! Ja, natürlisch! Du kannst es ruhig glauben“, schmunzelte Aimé.

„Ist das nicht gefährlich?“ Toni wurde allein von dem Gedanken an den Vulkan ganz heiß.

„Nun ja, es gehört schon etwas Geschick und Fortune dazu“, meinte Alexander und fuhr fort: „Letztes Jahr war der Pic del Teide in der Tat aktiv, doch ich bin optimistisch und gehe davon aus, dass er nicht gerade Lava spuckt, wenn wir unsere Füße auf die Insel setzen.“

„Aber eine Besteigung ist doch bestimmt verboten?“

„Nischt für uns. Wir haben eine Empfehlung des spanischen Königs in der Tasche“, erklärte Aimé.

„Aimé hat recht. Spaniens König, Roberto der Vierte selbst, hat uns eine Forschungsgenehmigung erteilt, die uns als erste Ausländer völlige Bewegungsfreiheit in allen spanischen Kolonien verschafft. Also nicht nur in Spanien, sondern auch auf den Kanaren, in Venezuela, Mexiko und Kuba. Generalkapitänen, Gouverneuren, Kommandanten, ach einfach allen, gab er in diesem Schreiben den Befehl, uns so gut es geht, zu unterstützen. Stell dir vor, noch nie zuvor wurde Reisenden mehr Freiheit bewilligt als uns! Wir können Vulkane besteigen, den Dschungel durchstreifen, Flüsse erforschen, ja selbst durch die Wüste könnten wir gehen, wenn es in diesen Gebieten eine gäbe. Uns stehen alle Türen offen!“ Mit stolzgeschwellter Brust schritt Alexander ein paar Schritte auf und ab.

So langsam ahnte Toni, was diese beiden jungen Botaniker beabsichtigten und was sie mit Hilfe dieses Passes alles erleben konnten.

„Natürlich wird unsere Reise keine Spazierfahrt werden. Wir erforschen, messen, analysieren und notieren, was uns in die Finger kommt. Wir sammeln Pflanzen und manchmal auch Tiere. Wir tun das, was ein Naturforscher eben so macht und zwar von ganzem Herzen.“ Alexander zog ein Taschentuch aus der beigefarbenen Weste und tupfte behutsam die Schweißperlen von seiner Stirn. Anschließend faltete er es akkurat zusammen und steckte es an seinen Platz zurück.

„Das klingt nach sehr viel Arbeit.“

„Da hast du vollkommen recht. Natürlich werden wir uns vor Ort Gehilfen beschaffen müssen, welche uns den Weg zeigen, uns mit Maultieren und mit Proviant versorgen und so weiter und so weiter.“ Er wedelte mit der Hand herum, als wollte er eine Mücke verscheuchen.

„Verstehe. Ich glaube, Sie haben wirklich Glück, denn bis jetzt habe ich auf den Kanaren noch nichts vor. Ich könnte Sie begleiten. Ich würde auch gerne auf … ich meine, ich kenne mich mit Tieren gut aus. Natürlich brauche ich kein eigenes Maultier. Zu Hause bin ich auch oft gelaufen. Nach La Coruña – oder Betanzos. Ich schlafe überall. Wenn Sie wollen, trage auch ihre Taschen! Und sehen Sie hier meine Hände an, ich bin harte Arbeit gewohnt und verlange als Gegenleistung nur eine Unterkunft und Essen“, sagte Antonio ohne Luft zu holen. Er rieb sich aufgeregt den Nacken.

Alexander sah den Jungen verdutzt an. „So? Also nun ja, wie gesagt benötigen wir immer wieder Assistenten …“

Gespannt beobachte Antonio, wie Alexander über das Angebot nachdachte. Warum brauchte er so lange? Nervös verlagerte Toni sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen.

„Aber wir brauchen jemanden vor Ort, Alexander. Isch meine Einheimische, die sisch auskennen. Die uns Informationen geben können und nischt noch – einen Fremden.“ Aimé vermied es, Toni anzusehen.

Oh nein. Dieser Aimé zerquetschte seinen Versuch mitzureisen, wie eine kleine Fliege. Bitte Alexander, lass dich von Aimé nicht abhalten, betete Toni. Nimm mich mit. Bitte!

„Wohl wahr, mein Freund“, nickte Alexander. „Dennoch denke ich, dass wir genug mit unseren Forschungen zu tun haben werden und wir eine helfende Hand gut gebrauchen könnten.“

Toni fiel ein Stein vom Herzen.

„Aber …“ Der Franzose riss die Augen auf.

„Aimé! Wir brauchen nicht nur an Land Hilfe. Schau doch, hier auf dem Schiff gibt es niemanden, der uns unterstützen könnte. Oder glaubst du wirklich, dass so ein tumber Matrose sich für unsere Arbeit interessiert, geschweige denn die Erlaubnis vom Kapitän bekäme?“ Alexander sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Nein, natürlich nischt“, murmelte Aimé. Was sollte er auch anderes sagen? Alexander bezahlte die Forschungsreise. Und er hatte das Glück und die Ehre gehabt, dass Alexander ihn mitgenommen hatte. Diese Ehre sollte er nun mit Toni teilen. Merde! Aimé presste seine Lippen zusammen.

„Also, willkommen bei den Naturforschern“, lächelte Alexander und wieder tupfte er seine Stirn ab.

„Danke. Oh, danke!“ Toni wäre Alexander am liebsten um den Hals gefallen.

Alexander hob beschwichtigend die Hände. „Aber es gibt noch eine Bedingung. Wir müssen uns bis zur Ankunft auf den glückseligen Inseln gut verstehen. Falls nicht, ist die Abmachung hinfällig.“

„Das werden wir! Das werden wir!“, jubelte Toni.

Aimé sah den Jungen mit zusammengekniffenen Augen an.

„Und wenn es funktioniert, Toni, verlängern wir bis nach Venezuela.“

„Toni? So nennen mich eigentlich nur meine Freunde.“

„Nun, ich denke, du bist gerade Teil unserer Forschungsgruppe geworden, also können wir uns wohl als Freunde bezeichnen, was?“

„Ja gut, warum eigentlich nicht“, überlegte Toni. Das flaue Gefühl im Magen löste sich allmählich auf.

Alexander räusperte sich und sagte schließlich: „Nun, für meine Freunde bin ich selbstverständlich – hrmhrm – Alexander.“ Alexanders Hand schoss nach vorne. Etwas irritiert nahm Toni die Geste an. Alexander lächelte, dann trat er wieder einen Schritt zurück. Die Abmachung war besiegelt.

2
Durch die Seeblockade

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Im Zwischendeck war es stickig, eng und düster. Tonis Augen brauchten einen Moment, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Er konnte noch aufrecht stehen, doch groß gewachsene Personen mussten sich hier ducken. Dicht an dicht, wie schlafende Fledermäuse, hingen die Hängematten zusammengefaltet an ihren Haken. Reisekisten, abgetretene Schuhe oder Kleidungsstücke markierten die bereits belegten Plätze. Ganz links gab es einen Vorhang. Davor standen zwei schäbige Eimer – die Toilette. Toni ging nach rechts. Nicht zu weit, denn dort wurde die Luft noch drückender. Eine Öllampe baumelte von der Decke. Ja, das war ein guter Platz, dachte er und stellte dort seinen Seesack ab.

Er spannte die geflickte Hängematte auf und ließ sich erschöpft hineinfallen. Für einen Moment schloss er die Augen. Zwei Wochen auf diesem Schiff. Dann erst erreichten sie die Kanaren. Und Venezuela? Mehrere Wochen, hatte Aimé gesagt. Wie viel war das? Sechs? Vielleicht sogar acht Wochen? Acht Wochen im Zwischendeck. Puh.

Alexander und Aimé erging es in ihrer Kabine bestimmt besser. Trotz allem konnte er zufrieden sein, denn in der kurzen Zeit an Bord hatte er schon Freunde gefunden – Einen Freund: Alexander. Bei Aimé war er sich nicht so sicher. Gut, sie waren beide schon etwas älter und offenbar ziemlich wohlhabend, aber wen scherte das? Alexander war äußerst genau und anscheinend auch sehr intelligent. Aimé konnte er schlecht beurteilen. Dem Franzosen schien es etwas auszumachen, dass er sich ihnen anschloss. Toni hoffte, dass auch sie bald Freunde werden würden. Alles in allem war es besser als mit Gaunern zu verkehren.

Unwillkürlich fiel ihm Javier, der Neffe von Señor Valdez, wieder ein. Er hatte ihn nie gemocht. Dünn und glatt wie ein Aal war er. Seine Haare waren ungepflegt und fettig. Ein Schneidezahn fehlte und die Nase sah aus, als hätte sie so manchen Schlag abbekommen. Augenblicklich schossen ihm die Bilder vom brennenden Gutshaus in den Kopf. Der Brand – das war kein Zufall gewesen. Beweisen hatte er es nicht können. Vater und Carlo hatten versucht, die Pferde zu retten. Das panische Wiehern gellte immer noch in seinem Kopf. Instinktiv fasste er sich an die Ohren. Auch er war zum Stall gerannt. Er wollte ihnen gerade helfen, als er sah, wie Señor Valdez ins brennende Haus eilte. Hinein! Nicht hinaus. Wie verrückt. Der Gutshof stand in Flammen. Starr vor Schreck wartete er darauf, dass der alte Señor wieder herauskam, während die Flammen immer mehr um sich griffen. Wo blieb er nur? Sollte er selbst hineingehen? Endlich tauchte der Señor in der Tür auf. Mitten im Rauch. Er krümmte sich, hustete. Dann ging er in die Knie. Grundgütiger! Augenblicklich tauchte Antonio sein Hemd in den Wassertrog, band es vors Gesicht und rannte zu seinem Herrn hinüber. Das Dach krachte donnernd in sich zusammen und eine Hitzewelle strömte ihm entgegen. Im Glutofen konnte es nicht heißer sein. Er versuchte Valdez wegzuziehen. Er schaffte es nicht. Von oben knisterte und knackte es gefährlich. Der Balkon! Er würde jeden Moment auf sie stürzen! Noch einmal sammelte er seine ganze Kraft, dann zog er Valdez mit sich. Torkelte vorwärts. Drei Meter, vier Meter und noch einen, dann verließen ihn seine Kräfte. Antonio fiel mit Valdez in den heißen Staub. Sand klebte an Wangen und Lippen. Mit zittriger Hand zeigte Valdez auf das Haus, dann auf Toni und schließlich noch einmal zum Haus. Was wollte er? Er konnte das Haus doch nicht retten. Im selben Moment stürzte der Balkon unter lautem Getöse wie eine riesige Feuerwalze hinter ihnen herunter. Wie Pfeile war das brennende Holz über sie hinweg geschossen. Ein Stück jedoch war bei ihm gelandet. Toni schaute auf seine Hand. Eine ewige Erinnerung.

Toni hörte ein Baby weinen. Vorsichtig stieg die junge Mutter die Stiegen hinunter. Es war dieselbe Frau, die er schon an Deck gesehen hatte. Langsam legte sie ihr Kind in die Hängematte, schaukelte es sanft und sang kaum vernehmbar ein Lied.

Unwillkürlich schloss Toni die Augen und wenig später schlief auch er tief und fest.

Es herrschte rauer Seegang, das Schiff schlingerte und für viele Reisende war an ein Frühstück gar nicht zu denken. Der tätowierte Mann stand mit weichen Knien und bleichem Gesicht an der Reling und übergab sich. Alexanders Instrumente befanden sich noch immer in den hölzernen Kisten. Die geplanten Messungen konnten sie heute unmöglich durchführen. Dafür war der Wind zu stark und die See zu rau. Mitleidig sah Alexander zu dem seekranken Geschöpf, dessen Gesicht ganz grün war. Er hätte nicht gedacht, dass es gerade ihm auf dem Schiff so gut ging. Alexander erinnerte sich an seine Kindheit, in der er so oft krank im Bett lag, während sein Bruder im Freien herumtobte. Schnell verwarf er den Gedanken wieder, er wollte sich nicht mit altem Ballast herumschlagen. Wie viele Jahre hatte er sehnsüchtig auf diese Reise gewartet? Jetzt endlich ging er mit gerade mal 30 Jahren auf eine wohl mehrjährige Forschungsreise! Augenblicklich schlug sein Herz höher. Er sah zu dem drei Jahr jüngeren Aimé hinüber. Sein Freund hatte es sich in einem Liegestuhl mit einem Buch bequem gemacht. Aimé kämpfte mit den flatternden Seiten.

Eine Sekunde später klappte Aimé verärgert das Buch zu und beobachtete die Matrosen, die sich um eine gebrochene Bramstange kümmerten. Das Schiff neigte sich gefährlich zur Seite und Aimé hielt sich unwillkürlich an der Armlehne fest. „Mon ami, wie sieht es aus? Sind Schiffe in Sischt?“ Aimé steckte das Buch ein.

Erstaunt drehte sich Alexander zu ihm um. „Schiffe?“

„Mais oui! Bis zu den glückseligen Inseln ist es noch weit und unsere Route ist stark befahren. Die Gefahr, dass englische Schiffe uns entdecken könnten, ist also gegeben.“

„Ich sehe nichts außer Wasser, also wozu die Besorgnis? Komm und schau dir die Weiten des Ozeans an, Aimé. Wie winzig klein und allein man sich dadurch fühlt. Wie ein Floh im Teich.“

„Besser allein, als zwischen den Engländern“, brummte Aimé. Sein Versuch aufzustehen, klappte erst beim zweiten Mal. Eine hohe Woge rollte heran. Aimé torkelte zwei Schritte nach rechts, dann nach links. Schließlich bekam er ein Tau zu fassen. Mit zusammengekniffenen Augen suchte er den unruhigen Horizont ab. Er wusste, dass die britischen Kriegsschiffe irgendwo da draußen auf sie lauerten. Er wusste es einfach.

„Aimé!“

„Quoi? – Was?“

„Ich sagte, jetzt fängt es auch noch an zu regnen! Zum Himmel noch mal, es bleibt uns nichts anderes übrig, als wieder in die Kabine zu gehen. Bedauerlich, sehr bedauerlich. Ich könnte einen Brief nach Hause schreiben. Ja, mehr bleibt mir im Moment nicht zu tun.“ Alexander stellte den Jackenkragen auf und ging auf den Niedergang zu.

Aimé sah zum Mastkorb hinauf, wo der wachhabende Matrose unermüdlich in alle Himmelsrichtungen nach feindlichen Schiffen Ausschau hielt. „Sei wachsam mein Junge“, sagte Aimé mehr zu sich selbst. Er warf einen letzten Blick über die aufgewühlte See, dann folgte er Alexander in die Kabine.

Schlecht gelaunt griff Alexander zur Feder, während Aimé auf der Bettkante saß und die nass gewordenen Schuhe aufschnürte, als es klopfte. „Das wird unser neuer Freund sein.“ Ironie lag in Aimés Stimme. Mit wenigen Schritten war er an der Tür. „Na, was habe isch gesagt?“ Aimé verzog den Mund, sodass sein Kinn noch schiefer wirkte.

„Toni! Wo warst du? Wir haben dich an Deck vermisst“, beklagte sich Alexander.

„Oh, ich wusste nicht – ich habe lange geschlafen.“ Toni hob entschuldigend die Schultern. Erst jetzt sah er die vielen Kisten und Gerätschaften, die auf dem Boden, dem Tisch, neben dem Bett, einfach überall herumstanden und die kleine Kabine enger machten, als sie sowieso schon war.

Es war eine ganz andere Welt, als er sie kannte. Bei Señor Valdez hatte er auch einmal ein Gerät gesehen. Wenn er sich recht erinnerte, musste das ein Fernrohr gewesen sein. Valdez war ein Großgrundbesitzer gewesen, kein Wissenschaftler. Ihm war es um die Ernte, das Vieh und seine Ländereien gegangen. Toni kannte nichts anderes als Señor Valdez’ Ländereien und das kleine Städtchen La Coruña. Seine Mutter half bei der Ernte, sein Vater beim Vieh. Und er war Stalljunge gewesen.

„Was … was ist das hier?“, fragte Toni neugierig.

„Wie bitte?“ Alexander legte die Schreibfeder beiseite, ging mit dem Papierroller über die noch frische Tinte und hauchte sicherheitshalber noch mal über die beschriebene Seite, bevor er das Tagebuch zuklappte.

„Was ist das?“ Sachte strich Toni über ein goldschimmerndes Instrument. Es kippelte ein wenig und ehe Toni sich versah, stand Aimé schon bei ihm. „Attention! Nischt anfassen – bitte.“

„Entschuldigung.“ Toni sah drein, als hätte man ihn auf frischer Tat beim Diebstahl erwischt.

„Was meinst du mit – das?“, fragte Alexander. „Meinst du den Gegenstand vor dir oder meinst du unsere wunderbare Ausrüstung?“ Alexander hob eine Augenbraue.

Toni schien überfordert zu sein.

Alexander seufzte und gesellte sich zu ihm. „Nun mein Freund, wir haben hier für unsere Studien und Versuche etwa fünfzig der modernsten Instrumente an Bord. Sie sind natürlich nicht alle hier in dieser Kabine – zu meinem größten Bedauern. Ein Teil davon befindet sich in Kisten oben auf Deck. Diese Korvette ist einfach zu klein.“ Wieder seufzte er. „Vielleicht hätten wir besser doch das nächste Schiff nehmen sollen, aber dann hätten wir mindestens einen Tag, höchstwahrscheinlich eine ganze Woche, auf den Beginn unserer Expedition warten müssen. Undenkbar!“

„Und diese Geräte benötigt ihr alle auf eurer Reise? Aber wofür?“

„In der Tat werden all diese Instrumente auf unserer Forschungsreise ihre Anwendung finden. Und um deine zweite Frage zu beantworten: Das hier zum Beispiel ist ein Chronometer von Monsieur Louis Berthoud, also keine gewöhnliche Uhr und ziemlich kostspielig. Mal sehen – elf Uhr neunzehn.“ Behutsam zog Alexander seine Taschenuhr aus der Weste und verglich sie mit dem Berthoud’schen Chronometer. „Achtzehn. Meiner Treu, meine Güte!“ Sein Gesichtsausdruck zeigte, dass er mit seiner Taschenuhr keineswegs zufrieden war. Er zog das winzige Rädchen der Uhr heraus und berichtigte die Zeit.

„Aber wozu brauchst du diese große Uhr, wenn du eine Taschenuhr hast?“, fragte Toni verständnislos.

„Die Zeitgenauigkeit und Präzision des Berthoud’schen Uhrwerks ist außergewöhnlich. Ich werde es unter anderem zur Bestimmung des Längengrades benutzen. Je genauer die Uhrzeit, desto exakter unsere Positionsberechnung. Ich möchte mich nicht mit dem berühmten Kapitän Cook messen, der außergewöhnlich gute Karten erstellt hat. Noch nicht. Aber wenn man Messungen unternimmt, so sollten die Ergebnisse eben exakt sein. Was hätte die wissenschaftliche Arbeit sonst für einen Sinn? Ich kann ja nicht sagen, hier ungefähr befindet sich Land – oder nein, doch etwas mehr da drüben.“ Alexander fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. „Das wäre ja, als würde ich einen Niederländer mit einem Holländer vergleichen.“

Alexander steckte die Uhr wieder ein und ging an den Tisch. „Willst du mehr wissen, ja? Das hier ist ein Sextant, also ein Messinstrument, das man vor allem bei der Seefahrt, aber auch in der Astronomie und Landvermessung benutzt. Mit ihm kann man den Winkel zu entfernten Objekten bestimmen. Da drüben stehen kleinere und größere Teleskope, die kennst du ja bestimmt. Damit kann man weit entfernte Objekte betrachten oder nach englischen Fregatten Ausschau halten.“ Alexander sah verstohlen zu Aimé.Toni nickte.

„Daneben siehst du einen Theodoliten, also ein Winkelmessinstrument, welches ebenfalls für die Landvermessung benötigt wird. Dann haben wir hier noch ein Inklinometer, auch Neigungskompass genannt. Das Zyanometer dort dient zur Messung der Himmelsbläue und das ist ein Haarhygrometer, das man zur Bestimmung der Luftfeuchtigkeit benutzt. Hier ist ein Barometer zur Bestimmung des statischen Absolut-Luftdrucks. Schließlich noch ein Thermometer. Na ja, dann steht da drüben noch ein Quadrant und …“

„Du meine Güte, Alexander! Es ist sehr interessant – wirklich, aber …“ Toni war ganz schwindlig von den vielen Fachausdrücken.

„… aber?“ Alexander zog eine Augenbraue hoch. „Tja. Nun ja, schon gut.“ Alexander streifte die Haare aus der Stirn, setzte sich auf den Stuhl und kreuzte ein Bein über das andere.

Aimé rieb sich das Kinn und schmunzelte.

Toni hatte Alexander nicht kränken wollen, also fragte er schnell: „Und wie funktioniert so ein Sektant?“

„Sextant. Wenn sich das Wetter gebessert hat, kann ich es dir zeigen. Vielleicht schon morgen. Wenn du wirklich möchtest.“ Alexander war tatsächlich gekränkt.

Am nächsten Tag trat Alexander an die Achterreling und legte seine Ladung ab. „Komm, lass uns anfangen. Aimé! Wo bleibst du denn?“ An Alexander baumelten voll gepackte, neu glänzende Ledertaschen herunter.

„Ja ja“, murmelte Aimé, der sich eine Kiste unter den linken Arm geklemmt hatte und sich mit der anderen Hand den Schlaf aus den Augen rieb.

Alexander holte das Zyanometer aus der Tasche, hielt es hoch und kniff ein Auge zu. Mehrere Male verglich er das zarte Himmelsblau mit den Blautönen der Tabelle, dann hielt er das Ergebnis in einem Notizbuch fest. „Temperatur?“, wollte er von Aimé wissen.

„Un moment. 18 °C.“ Alexander notierte.

„Guten Morgen!“

„Ah, Toni! Du bist schon auf? Prächtig. Komm, komm!“ Alexander winkte ihn herbei.

„Konnte nicht mehr schlafen. Hab Pech mit meinem Hängemattenplatz. Direkt neben mir sägt einer den Wald zu Feuerholz klein. Ist das der Sextant?“

„Exakt. Hier!“ Alexander reichte Toni das Instrument.

Vorsichtig nahm der Junge das kompliziert aussehende Gerät entgegen. „Da unten sieht man hindurch, dann kommt ein Spiegel und das Fernrohr befindet sich ganz oben. Dort …“, erklärte Alexander.

„Sieht aus wie ein Fernrohr mit Knick.“

„Ja, so könnte man es deuten“, lachte Alexander. „Das hier ist der Zeigearm. Damit wird die Messung vorgenommen.“ Alexander deutete auf den gitterartigen Metallgegenstand, der das Gerät längs zu halbieren schien. „Sieh, hier am unteren Rand des Zeigearms ist die Winkelskala angegeben. Schiebt man diese vor oder zurück, ändert sich der Gradstand. Hier in der Mitte kann die genaue Winkeleinstellung abgelesen werden.“ Alexander zeigte auf die kleine Öffnung.

„Aha.“

„Mit dem Sextanten kann ich den Höhenwinkel messen.“

Cook-Sextant

„Verstehe.“

„Dazu muss man die Sonne mit dem Horizont auf dieselbe Höhe bringen. Ich zeige es dir. So. Jetzt du. Siehst du es?“

Toni schaute durch den Sextanten hindurch. „Hmhm …“

„Zur selben Zeit halte ich mit dem Chronometer – ich nehme dazu meine Berthoud’sche Uhr – sekundengenau den Zeitpunkt der Messung fest.“

„Es ist jetzt exakt acht Uhr zweiunddreißig und einundvierzig Sekunden.“ Alexander notierte. „Das Ganze mache ich zweimal am Tag und vergleiche anschließend die Werte. Ich rechne ein wenig und das Positionsergebnis trage ich anschließend in die Seekarte ein.“

„Natürlich.“ Toni verstand rein gar nichts, aber er würde bestimmt noch sehen, was Alexander damit meinte.

„Schlussendlich vergleiche ich meine Angaben mit denen des Steuermannes. Ich könnte wetten, dass seine Messung von der meinen abweicht. Zu seinem Nachteil versteht sich.“ Alexander holte Luft und Toni sah in fragend an. „Oh. Ich meine, seine wird ungenauer sein. Das liegt doch auf der Hand.“

Toni war sprachlos. Einen Mann wie Alexander hatte er noch nie getroffen. So voller Tatendrang und Hingabe. Er sah zu Aimé hinüber, der gerade eine Wasserprobe aus dem Meer fischte. Seine Ärmel wurden nass, aber das schien er nicht zu bemerken.

Toni war beeindruckt. Er fand immer mehr Gefallen an der wissenschaftlichen Arbeit. „Darf ich noch mal?“

„Aber sicher doch.“

Toni richtete den Sextanten auf die Sonne aus, dabei machte er einen Schritt nach vorne und stolperte über eines der aufgewickelten Taue. Er geriet ins Straucheln und versuchte die Balance wiederzufinden, indem er die Arme ausbreitete.

„Obacht!“ Geistesgegenwärtig riss Alexander ihm den Sextanten aus der Hand. Im nächsten Moment fiel Toni zu Boden. Alexander drückte das Gerät an seine Brust, als wäre es sein Baby. Er tupfte sich die Stirn ab und murmelte: „Ich denke, das reicht fürs Erste.“

Toni rieb sich die schmerzenden Knie. „Ja, besser ich mache eine kleine Pause.“ Verstohlen sah er zu Aimé. Der lächelte. Natürlich hatte er den Vorfall beobachtet. Toni erkannte sehr wohl, dass Aimé es gerne sah, wenn er Fehler machte. Doch er wollte nicht zulassen, dass dieser Franzose ihm die Chance auf eine gemeinsame Reise nahm. Alexander war nett. Er konnte von ihm lernen. Doch das Wichtigste war, dass er nicht alleine reisen musste.

Den ganzen Tag verbrachten die Naturforscher mit den unterschiedlichsten Messungen. Toni schaute Alexander zu und lernte schnell. Er versuchte sich nützlich zu machen, indem er die Instrumente hielt oder die Ergebnisse in das Notizbuch eintrug. Alexander und Aimé waren so in ihre Arbeit vertieft, dass sie sogar ihr Mittagessen vergaßen und so verabschiedete sich Toni irgendwann mit knurrendem Magen, bevor er auch noch das Abendessen verpassen würde.

3
Aufregung an Bord

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Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Doch der 8. Juni 1799 sollte ihnen in Erinnerung bleiben. Die tief stehende Sonne hatte sich hinter einer dunklen Wolkenfront versteckt. Wind kam auf. Die Wellen wurden zunehmend länger und warfen weiße Schaumkronen. Das Schiff begann zu rollen und so packten Alexander, Aimé und Toni rasch ihre Utensilien zusammen.

Zur selben Zeit spähte der Matrose Jules oben im Krähennest ein zweites Mal stirnrunzelnd durch das Fernrohr. Etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Nervös schob er den Zahnstocher von einem Mundwinkel zum anderen. War es nur eine hohe Welle oder konnte es wirklich ein Schiff gewesen sein? Er kniff ein Auge zu und visierte dieselbe Stelle erneut an. Jules stellte das Fernrohr scharf, was bei dem Seegang nicht einfach war. Und dann sah er sie! Hinter einer großen Woge erhoben sich mehrere Masten mit englischen Flaggen!

„Beim Erbsen spuckenden Tintenfisch! Die Engländer!“ Jules hatte sich also nicht getäuscht.

Er spie den Zahnstocher aus, beugte sich über das Krähennest, legte seine Hände an den Mund und rief aus Leibeskräften: „Alarm! Engländer voraus! Alarm!“ Fieberhaft suchte er das Deck nach dem wachhabenden Offizier ab. Da! Offizier Casillas stand bei zwei grauhaarigen Männern am Achterdeck. „Engländer!“ Aufgeregt winkte er Casillas zu, doch der verstand partout nicht, was Jules ihm mitteilen wollte.

Casillas versuchte dem Matrosen von den Lippen abzulesen und plötzlich verstand er. Mit weit aufgerissenen Augen stürmte er zum Großmast vor, als säße ihm der Teufel im Nacken. „Engländer? Bist du sicher?“

Jules nickte eifrig. „Südost bis Ost! Mindestens fünf Schiffe, wahrscheinlich mehr!“

Casillas drehte sich auf dem Absatz um. „Torres!“ Himmel noch mal, wo steckte der Bootsmann? Dort! Beim Steuermann! Noch während Casillas auf ihn zu rannte, brüllte er: „Neuer Kurs Süd!“ In der nächsten Sekunde wandte er sich an Roberto. „He, du da! Hol’ den Kapitän! Schnell!“

„Aye, Sir!“ Roberto eilte davon, während Torres bereits seine Männer antrieb. „Brasst die Segel! Auf Jungs!“

Casillas starrte mit aufgerissenem Mund auf die See. Er hoffte bei Gott, dass die Engländer sie noch nicht gesehen hatten.

Das Schiff neigte sich auf die rechte Seite und sank ins Wellental hinunter. Einen Wimpernschlag später hob die ankommende Welle das Schiff aus dem Tal wieder empor. Das Schiff richtete sich auf, änderte die Neigung nach links und sank augenblicklich ins nächste Wellental hinab.

Gischt fegte über das Schiff. Casillas wischte sich das salzige Wasser aus dem Gesicht. „Schneller Matrosen! Schneller, sag ich!“

Die Männer rannten über das Schiff, griffen nach den Tauen und drehten die Segel.

Aimé, Alexander und Toni sahen den Matrosen verwirrt bei der Arbeit zu.

„Aus dem Weg, ihr Schafsköpfe!“, rief Roberto. Mit einem Satz sprangen die Drei zur Seite.

„Da rüber!“ Toni zeigte zum Steuerhaus.

„Sapristi! Isch wusste es. Isch wusste es! Die Engländer haben uns erwischt. Jetzt bringen sie uns zurück nach Europa. Unsere Expedition ist beendet, bevor sie überhaupt begonnen hat. Mon dieu!“ Aimé faltete die Hände und sah gen Himmel.

„Ach, hör doch auf Aimé! Was bist du nur für ein Kerl? Noch ist nichts entschieden“, rief Alexander.

Toni war weiß wie ein Segel. Würde er jetzt als Gefangener enden? Wieder neigte sich das Schiff zur Seite. Schnell suchte er Halt am Steuerhaus. Toni sah zu den Guanchen hinüber, die sich ängstlich in den Armen lagen. Daneben standen die buckligen alten Männer, die sich gegenseitig mit hässlichen Schimpftiraden auf die Engländer übertrumpften. Sie zeigten keine Spur von Seekrankheit. Nur der Tätowierte fütterte die Fische, indem er sein Frühstück ausspuckte. Bäh! Rasch sah Toni beiseite.

Kapitän Artajo stand starr wie ein Fels am Bug und spähte durch sein Fernrohr.

Casillas eilte zu ihm. „Der Konvoi hält Kurs Südost, wahrscheinlich steuern sie die Küste an, Kapitän.“

„Wahrscheinlich, Casillas. Diese verdammten Hunde“, knurrte er. Der Kapitän zögerte, dann klappte er das Fernrohr zusammen. Das Schiff lag auf neuem Kurs. Die Wellen wurden kleiner und das Rollen weniger. Er drehte sich um und warf einen Blick über Deck. Einige Matrosen hingen in den Wanten, andere standen an der Reling. Ausnahmslos alle stierten wie Wachhunde auf das Meer hinaus.

Unter den Passagieren erklang ein leises Wimmern, ein kurzes Flüstern, dann folgte eine beängstigende Stille. Keiner an Bord wagte mehr etwas zu sagen. Der Kapitän wandte sich an die Passagiere. „Wie sie bemerkt haben, sind die britischen Fregatten in Sichtweite.“

Ein Raunen und Kopfnicken ging durch die Menge.

Artajo hob beschwichtigend die Hände. „Ruhe bitte. Es besteht kein Grund zur Aufregung. Wir haben den Kurs geändert und so wie es aussieht, steuert der englische Konvoi die Küste an. Um jedoch der Gefahr, entdeckt zu werden weiterhin zu entgehen, müssen wir ab sofort besondere Vorsichtsmaßnahmen treffen. Das heißt, wir segeln von nun an in der Nacht ohne Licht. Keine Laternen an Deck und kein Licht in der großen Kabine.“

Alexander trat einen Schritt nach vorne. „Meiner Treu! Kein Licht? Aber, aber …“

Der Kapitän wollte gerade den Niedergang hinunter gehen, als Alexander ihn aufhielt. „Werter Kapitän, dass die Passagiere ohne Licht auskommen werden, ist vollkommen klar. Wozu bräuchten die schon Licht? Aber wie soll ich mich bitte schön ohne Licht meinen Studien widmen? Wir können unsere nächtlichen Forschungen an Deck nicht ohne Licht durchführen. Auf gar keinen Fall!“

„Sie müssen verstehen, dass ich die Besatzung dieses Schiffes nicht in Gefahr bringen darf. Dazu gehören, mein lieber Herr von Humboldt, auch Sie. Ich verstehe ihren Unmut, aber wenn sie nachts arbeiten wollen, dann verwenden sie Blendlaternen. Mehr kann ich nicht für Sie tun. Tut mir leid.“ Artajo zuckte mit den Schultern.

„Blendlaternen? Aber, aber …“

„Komm Alexander.“ Aimé zog seinen Freund am Ärmel beiseite.

„Blendlaternen“, nickte Artajo, während er auf die erste Stufe des Niedergangs trat. Aus den Augenwinkeln sah der Kapitän, wie weitere Reisende auf ihn zukamen. Er ahnte was nun kommen würde und murmelte ein unverständliches Schimpfwort. Hätte dieser Humboldt ihn doch nur nicht aufgehalten. Und tatsächlich: Einen Augenblick später bedrängten die verängstigten Passagiere ihn mit allen erdenklichen Fragen.

„Blendlaternen“, murmelte Alexander. „Erst schlechtes Wetter, nun kein Licht. Wie soll man da wissenschaftliche Studien durchführen? Ach, könnt’ ich nur fluchen!“ Wütend schlug er auf die Reling.

„Bitte, Alexander. Lass es uns mit der Laterne probieren. Es geht bestimmt. Und vielleicht sogar besser, als wir denken“, versuchte Aimé ihn zu beruhigen.

„Hier! Ich habe schon eine organisiert.“ Toni grinste über das ganze Gesicht, während er ihnen die Laterne mit dem beweglichen Schirm entgegenhielt.

Alexander und Aimé sahen ihn verdutzt an. Wie hatte der Junge die nur so schnell besorgen können, fragte sich Aimé. Er mochte den Jungen immer weniger.

Behutsam verschob Toni den Schutz, bis die Laterne nur noch von einer Seite Licht gab.

„Also gut.“ Alexander gab sich geschlagen. „In Gottes Namen: Starten wir einen Versuch mit der Blendlaterne.“ Er reichte Aimé das Thermometer und blätterte eine neue Seite seines Notizbuches auf. „Kannst du die Temperatur lesen?“

„Attend … Warte … Toni heb mal die Lampe etwas höher. Isch glaube, es sind 19 °C.“

„Ich glaube? Ich glaube! Ach, es ist zum Haare raufen! Warum nur müssen uns diese lästigen Engländer dazwischen kommen?“ Alexander steckte sein Notizbuch ein und Aimé schlug vor: „Besser ist, wir hören für heute auf.“

Wortlos packte Alexander seine Sachen und ging davon.

Aimé verzog den Mund. Er war derjenige, der jetzt den schlechtgelaunten Alexander in der Kabine aushalten musste.

„Ca suffit. Es reischt“, seufzte er und machte sich, ohne Toni eines Blickes zu würdigen, ebenfalls auf den Weg in die Kabine.

„Mann, oh Mann. Kein einfaches Volk, die Herren Wissenschaftler“, murmelte Toni.

Am Abend saßen die Drei an Deck und fachsimpelten über die verschiedenen Quallenarten.

Auch die anderen Passagiere hatten es sich an Bord bequem gemacht. Die Guanchen lagen auf ihrer bunt gestreiften Decke und ein alter Mann hatte sogar seine Hängematte mit herausgebracht.

„Man spürt, dass wir uns bereits viel südlicher befinden. Die Luft ist jetzt selbst in den Abendstunden angenehm warm.“ Alexander schaute zum Mond, der sich in der glatten See spiegelte. „Wie wunderbar. Er leuchtet so stark, dass sein Glanz wie reines Silber wirkt.“ Alexander holte sein Thermometer hervor. „Hab ich es mir doch gedacht: Das Licht ist so stark, dass ich die Skala sogar ohne Blendlaterne ablesen kann.“ Zufrieden steckte er das Thermometer wieder ein. „Ach übrigens, nach meiner Berechnung müssten wir in exakt drei Tagen Land sehen. Ah, da ist ja der Kapitän.“ Alexander erhob sich aus dem Liegestuhl. „Werter Kapitän, ich sagte gerade, dass wir in drei Tagen Land sehen werden. Was meinen sie dazu?“

„Ist das nicht etwas zu früh?“

„So? Sie haben wohl ein anderes Ergebnis? Lassen sie es mich wissen. Was haben sie kalkuliert?“

„Ich denke, es wird wohl noch ein oder zwei Tage länger dauern. Warten wir es ab. Meine Herren …“ Artajo tippte an seine Mütze und ging weiter.

„Habt ihr das gehört? Ein oder zwei Tage länger. Meiner Treu! Ich sage euch schon jetzt, dass ich recht haben werde.“

„Bestimmt hast du rescht“, schmunzelte Aimé und auch Toni konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Die Nacht brach herein und je dunkler es wurde, desto mehr Sterne wurden am Firmament sichtbar. Ein hell leuchtender Streifen schoss quer durch die schwarze Nacht.

„Da! Habt ihr das gesehen?“, rief Toni.

„Oui! Eine Sternschnuppe! Magnifique!“, rief Aimé. „Da! Encore une étoile filante!“

„Ja, diesmal habe ich sie auch gesehen. Wunderschön!“, freute sich Alexander. Nun begann ein wahrer Sternschnuppenregen hereinzubrechen. Auch den anderen Passagieren blieb dieses nächtliche Himmelsspektakel nicht verborgen. Immer wieder ging ein „Ah!“ und „Oh!“ durch die Menge.

Unablässig starrte Toni in den Nachthimmel, bis ihm der Nacken schmerzte. Er konnte sich an dem faszinierenden Schauspiel nicht satt sehen. Toni lehnte sich im Liegestuhl zurück und kreuzte die Arme hinter seinem Kopf. Er fühlte sich wohl hier auf dem Schiff. Es war ein guter Anfang. Das schien ein gutes Zeichen zu sein.

Doch wie würden die glückseligen Inseln sein? Er hoffte, dass sie die Inseln wohlbehalten erreichen würden. Die Engländer könnten ihnen immer noch überall auflauern. Gemeines Pack! Auf einmal fiel ihm Javier wieder ein. Hatte Javier ihm wirklich am Hafen aufgelauert oder war das nur ein Hirngespinst gewesen? Javier war unberechenbar. Würde er ihm folgen? Auf die Kanaren oder gar bis nach Südamerika? Er bekam Gänsehaut. Toni schüttelte sich. Nein, auf den Kanaren würde Javier mit Sicherheit seine Spur verlieren. Ach, wäre er doch nur schon bei Onkel Hector auf der Hato. Dann wäre alles gut. In Südamerika. Toni sah einer Sternschnuppe hinterher, schloss die Augen und wünschte sich etwas.

4
Land in Sicht!

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Es war der 16. Juni 1799 um zwei Uhr nachmittags, als der wachhabende Matrose im Ausguck die ersehnte Nachricht „Land in Sicht!“ rief. Sofort kam Bewegung an Bord. Die träge daliegenden Matrosen sprangen auf die Füße. Wie kleine Kinder hüpften sie herum und warfen ihre Mützen jubelnd in die Luft. Auch die Offiziere beglückwünschten sich und Kapitän Artajo lächelte zufrieden. Gleich darauf kamen die Passagiere wie Ameisen aus dem Niedergang herausgekrabbelt. Unter ihnen Toni und die Naturforscher.

„Hab ich es mir doch gedacht! Nun zeigt sich, wie exakt mein Chronometer funktioniert. Ah, der Kapitän. Na, was sagen Sie zu meiner Berechnung? Stimmt exakt, nicht wahr?“, bemerkte Alexander mit stolz geschwellter Brust.

„Ja ja. Einen Tag früher oder später, was macht das schon?“, knurrte Artajo im Vorbeigehen, ohne Alexander eines Blickes zu würdigen.

„Einen Tag früher oder später …?!“ Alexander sah ihm mit offenem Mund hinterher.

„Land! Wir haben tatsäschlisch die Kanaren erreischt. Merci mon dieu. Danke Gott!“, flüsterte Aimé.

Alexander drehte sich zu ihm um. „Aimé! Messen! Wir müssen messen! Die Instrumente, schnell!“ Er eilte zum Niedergang.

„Aber Alexander, wir sehen doch nur eine Wolke und einen dunklen Fleck. Warum die Eile?“, rief Aimé ihm hinterher, doch Alexander war schon verschwunden.

„Ohne Messungen kann er nicht leben, was?“, fragte Toni. „Non, das kann er wirklisch nicht.“ Aimé lächelte, wenn auch nur kurz.

Einen Moment später schritt Alexander nervös auf und ab. „Wieso kommt denn das Schiff heute nicht vorwärts?“ Alexander schaute zu den aufgeblähten Segeln hoch, betrachtete das Barometer, hob den Sextanten hoch, schaute hindurch und legte ihn wieder beiseite, ohne eine Messung vorgenommen zu haben.

„Ganz im Gegenteil Alexander, gerade heute geht es gut voran. Wir haben guten Wind. Sei nischt so ungeduldig.“ Doch Alexander war nicht zu beruhigen.

Erst am Abend konnten sie die Höhenmessung eines Berges vornehmen. „Ein Vulkan! Siehst du die aschebedeckten Abhänge?“

„Es dürften die Feuerberge von Lanzarote sein“, vermutete Aimé. „Der Vulkan brach 1730 aus. Es heißt, er rischtete damals große Verwüstungen an.“

Alexander sah auf seine Karte. „Exakt. Von den Berechnungen her gesehen trifft das zu.“

Auch die weiteren Gäste konnten sich vom Anblick der Insel nicht lösen. Die Mannschaft hingegen verhielt sich ziemlich gleichgültig. Für sie war die Aussicht auf das Meer weitaus interessanter. Noch waren sie nicht im sicheren Hafen. Und bis sie in Teneriffa ankämen, würden gewiss weitere zwei Tage verstreichen. Kapitän Artajo wusste, dass ein englischer Konvoi ihnen kurz vor dem Ziel noch auflauern und sie kapern könnte. Nun mussten sie mehr denn je ihre Pflicht tun und beharrlich nach Feinden Ausschau halten, insbesondere nachts.

Toni fiel auf, dass der Kapitän zwei weitere Matrosen in die Wanten hochschickte. Das blieb natürlich auch den anderen Passagieren nicht verborgen. In Tonis Magen machte sich ein flaues Gefühl breit. Ach, hätten sie Teneriffa doch nur schon erreicht!

Sie segelten an winzigen Inselchen vorbei. Und jedes Mal dachte Toni, dass sich hinter dem nächsten Küstenvorsprung ein feindliches Schiff verbergen würde. Die Anspannung war kaum auszuhalten. Toni ging in das Zwischendeck. Er legte sich in die Hängematte und versuchte ein Nickerchen zu machen. Doch es gelang ihm nicht. Seine Gedanken kreisten immer und immer wieder um die Engländer. Also ging er wieder an Deck und gesellte sich erneut zu seinen Freunden. Immerhin besaß Alexander ein Fernglas. Doch er hielt nicht nach den Engländern Ausschau, sondern nach Teneriffa. Leider bekamen sie nur einen vagen Umriss zu sehen. Sie mussten sich in Geduld üben.

„Bon! Nur noch eine Nacht auf See.“ Aimé nickte und auch Toni atmete erleichtert auf. Bald hatten sie es geschafft.

Sehnsüchtig wartete Alexander auf den nächsten Morgen, dann würde er Teneriffa in voller Pracht sehen. Doch er wurde schwer enttäuscht. Wie ein riesiger Wattebausch hüllte dichter Nebel die Insel ein und ließ die Berge von Teneriffa nur schemenhaft erkennen. „Meiner Treu, ich kann den Vulkan einfach nicht sehen. So ein Ärger! Aber es ist nichts zu machen.“ Alexander presste die Lippen zusammen und schüttelte enttäuscht den Kopf.

Toni beobachtete, wie die Matrosen das Senkblei auswarfen. „Man kann nur ein paar Kabellängen weit sehen.“ Hoffentlich rammten sie keinen Felsen – oder … Toni verwarf den Gedanken.

Behutsam dirigierte der Steuermann das Schiff der Insel entgegen. Die Gefahr, bei Nebel in den Hafen von Santa Cruz einzulaufen, war für Kapitän Artajo aber schließlich doch zu groß. Und so entschloss er sich, weiter draußen, auf der Reede, vor Anker zu gehen, bis sich der Nebel lichten würde.

„Vielleischt haben wir doch noch Glück und der Himmel reißt auf“, hoffte Aimé.

„Dein Wort in Gottes Ohr“, murmelte Alexander. Er war enttäuscht. So hatte er sich die Ankunft auf Teneriffa nicht vorgestellt.

„Lasst fallen Anker“, befahl Bootsmann Torres ungewohnt leise. Die Matrosen drehten behutsam das Gangspill. Auch sie vermieden jedes unnötige Geräusch. Einen Augenblick später durchbrach der schwere Anker mit einem leisen Klatschen die Wasseroberfläche. Der Kapitän verzichtete darauf, Salut zu schießen. Nichts wäre schlimmer, als jetzt noch von den Feinden gefangen genommen zu werden.

Währenddessen standen Alexander, Aimé und Toni vorne am Bug und starrten in die weiße undurchsichtige Masse hinein.

„Ach, könnte ich doch nur den Nebel zur Seite ziehen wie einen nutzlosen alten Vorhang“, seufzte Alexander.

Doch plötzlich lichtete sich der Nebel. Ein kleines bisschen nur, aber dennoch. Nach und nach verdrängte ihn die Sonne und schließlich sah Alexander den Vulkan: „Der Pic del Teide! Das wurde aber auch Zeit!“ Er atmete erleichtert auf. Die Morgensonne strahlte auf die Vulkanspitze und ließ sie in einem wunderschönen rötlichen Licht erscheinen, während der restliche Teil noch von einigen Nebelwolken umgeben war. „Ist es nicht herrlich, wie uns der Teide willkommen heißt? Einfach großartig!“ Alexanders Augen strahlten vor Glück.

„Oui, c’est magique. Ein magischer Moment. Es erinnert an das Alpenglühen, nischt wahr?“ Die Farbe änderte sich schnell und aus dem Rot wurde allmählich ein blendendes Weiß.

„Seht nur, er ist mit Schnee bedeckt!“ Alexander lachte überrascht auf.

„Schnee? Mon dieu, das dürfte eine schwierige Bergtour bis zum Krater werden.“ Aimé wandte sich an Toni. „Hast du schon einmal Schnee …“ Aimé, der über Tonis Schulter blickte, blieb der Satz im Halse stecken. „Merde!“, flüsterte er.

Argwöhnisch sah Toni in Aimés eingefrorenen Gesichtsausdruck. „Aimé? Was …“

Ruckartig drehte Toni sich um und da sah er, was Aimé so in Angst versetzt hatte. „Oh nein! Nicht jetzt …!“ Toni rannte zum Heck.

Aimé folgte ihm. Erst langsam, dann immer schneller.

„Wir sollten einige Messungen durchführen, meint ihr nicht auch?“ Alexander bekam keine Antwort. „Meint ihr –“ Alexander drehte sich um und erstarrte. Erst jetzt hatte auch er die Gefahr erkannt. „Grundgütiger! Ist das die Möglichkeit?“ Alexander eilte zu den anderen.

Auf dem Achterdeck hatte sich bereits eine große Menschentraube versammelt.

„Das – das sind … Wir haben sie im Nebel …“ Mit zitternder Hand deutete Aimé auf die Schiffe, die nur wenige Meter hinter ihnen lagen.

„… überholt“, ergänzte Alexander.

„Englische Fregatten!“, flüsterte Toni und rutschte vor lauter Schreck von der Reling ab. Da hatten sie die ganze Reise Glück gehabt und ausgerechnet hier, vor Santa Cruz, mussten sie ihnen auflauern. Diese Hunde! Tonis Brust bebte vor Zorn. Sollten sie doch kämpfen! Jetzt wollte er seine Freiheit nicht mehr aufgeben. Er sah zum Kapitän. Aber der sah nicht aus, als würde er kämpfen wollen. Artajo nahm seine Mütze ab und fuhr sich sorgenvoll mit dem Taschentuch über die Stirn.

Er würde nicht kämpfen. Aber warum? Toni sah zu den Fregatten. Wie Geisterschiffe schimmerten sie grau in grau durch den lichter gewordenen Nebel. Er musste zugeben, dass ihn die Kanonen beeindruckten und plötzlich war auch er sich nicht mehr sicher, ob das mit dem Kämpfen eine so gute Idee war.

Eigentlich hatte die kleine Korvette nur ein oder zwei Kanonen. Und die Mannschaft bestand nicht aus Soldaten, sondern aus einfachen Matrosen. Toni schluckte. Er schätzte den Abstand der Schiffe auf weniger als hundert Meter. Sie würden ihn gefangen nehmen! Sie würden alle gefangen nehmen! Die Reise war vorbei. Er würde noch nicht einmal einen Fuß auf Teneriffa setzen können. Südamerika ade! Heute Abend würde er bei Wasser und Brot im Bauch der englischen Fregatte hausen! Ein Schauer lief ihm über den Rücken.

„Es ist eine Hinterlist!“, „Sie werden uns gleich angreifen!“, „Womöglich warten sie auf Unterstützung?“, vernahm er Kommentare aus der Menge. Erneut verschwanden die Schiffe im Nebel.

Roberto trat zur Reling vor und blaffte: „Ihr kriegt uns nicht, ihr pockengesichtigen Schlammspringer!“

„Wir müssen im Nebel an ihnen vorbei gesegelt sein“, vermutete Alexander. Sein Blick fiel auf den Kapitän, dessen Augen von viel zu wenig Schlaf rot unterlaufen waren. Leise gab Artajo Offizier Casillas den Befehl zum Ankerlichten.

„Was hat er vor?“, wollte Toni wissen.

„Ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass der englische Konvoi nicht die Verfolgung aufnimmt.“ Alexander knetete seine Hände. Der Nebel lichtete sich etwas mehr und jetzt sahen sie die Schiffe klar und deutlich.

„Sie haben uns bestimmt entdeckt. Sie müssen uns entdeckt haben.“ Aimé betrachtete die Schiffe mit ernster Miene.

„Wir nehmen Kurs auf das Fort. Ich kann nur hoffen, dass sie uns in der Zwischenzeit nicht angreifen“, hörte Toni den Kapitän leise zu Casillas sagen. Gefangener. Toni bekam Angst, dass er als Gefangener enden würde. Einen Augenblick überlegte er, ob er hinüberschwimmen sollte. Doch die Entfernung täuschte. Zu oft waren Menschen ertrunken, weil sie die Entfernung unterschätzt hatten. Toni schaute zum Fort von Santa Cruz hinüber. Auch das Fort hatte Kanonen. Große, schwarz glänzende Kanonen. Vielleicht schafften sie es in ihren Schutz? Oh bitte! Bitte!

Bootsmann Torres erteilte die Befehle so leise, dass die Reisenden nichts verstanden. Die Matrosen verrichteten ihre Arbeit, ohne einen einzigen Mucks von sich zu geben. Lautlos glitt das Schiff Meter für Meter durch das Wasser in Richtung Hafen. Noch immer reagierten die Engländer nicht. Tonis Herz schlug ihm bis zum Hals.

Roberto wandte sich an Toni. „Hör mal Kleiner, wusstest du, dass vor zwei Jahren genau hier auf der Reede die Engländer schon einmal zu landen versuchten?“, lispelte er.

Toni schüttelte den Kopf.

„Damals schoss das Fort eine Salve Kanonenkugeln auf die Bastarde und nun stell dir vor, wen es erwischt hat: Admiral Nelson! Dem berühmten Admiral Nelson riss es hier an dieser Stelle den rechten Arm ab. Das war im Juli 1797.“

„Wirklich?“ Toni klappte der Unterkiefer herunter.

„Ja ja. Kannst es ruhig glauben“, bestätigte Roberto mit ernster Miene. Sein Freund Jules trat hinzu und meinte: „Und das sag ich dir, Junge. Diesmal wird es den schrumpfköpfigen Kerlen da drüben ähnlich ergehen, wenn sie es wagen sollten, uns anzugreifen.“ Er spuckte verächtlich in die See.

Toni hoffte es aus ganzem Herzen.

Im Schutz des Forts und nahe dem Hafen erteilte Artajo erneut den Befehl, Anker fallen zu lassen. Und als ein Boot längsseits der Pizarro kam, wusste Toni, dass sie es geschafft hatten. Erschöpft von der Anspannung ließ er sich auf die Planken fallen. Alle an Bord atmeten auf und auch das Gesicht des Kapitäns wirkte etwas gelöster.

„Der Nebel hatte diesmal wahrlich sein Gutes“, stellte Alexander trocken fest./p>

„Ja, wäre er nischt gewesen … mon dieu, bei Gott …“ Aimé schloss die Augen; er wollte erst gar nicht an die Folgen denken.

Der Bote, ein dicker, kurzatmiger Kerl, entstieg dem Boot und überbrachte vom kanarischen Generalstatthalter Don Andrès de Perlasca den Befehl, die Depeschen für die Statthalter und die Post aus Spanien an Land zu schaffen.

In knappen Sätzen berichtete der Kapitän von der eben erlebten Aufregung und der Bote nickte wissend. „Wir haben die Situation beobachtet, Kapitän. Fortuna war ihnen hold, das kann man wohl sagen“, krächzte er heiser. „Gerade gestern gab es einen weniger glücklichen Vorfall bei Gran Canaria. Dort haben englische Fregatten Jagd auf das Postschiff Alcudia gemacht.“

„Die Alcudia? Ich kenne dieses Schiff. Sie ist kurz vor uns in La Coruña ausgelaufen. Was ist passiert?“ Kapitän Artajo zog besorgt die Augenbrauen hoch.

„Die Alcudia lag im Hafen von Palmas vor Anker und sie wollten mit ihrer Schaluppe einige Passagiere hierher zu uns nach Santa Cruz bringen. Die Engländer lauerten ihnen auf und nahmen sie gefangen.“

Artajo und Casillas wechselten entsetzte Blicke. Und Toni war froh, dass er saß, sonst hätten seine Beine spätestens jetzt versagt.

„Aber schauen sie nur, sie segeln davon. Bravo!“ Der Bote zeigte auf die Engländer.

„Ja. Sie segeln davon … bravo“, wiederholte der Kapitän tonlos.

5
Teneriffa

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Die Sonne hatte den Nebel gänzlich vertrieben und sofort wurde es warm.

Alexander schenkte den englischen Schiffen keine Beachtung mehr. Stattdessen zog er es vor, sich mit dem Fernglas den Hafen von Santa Cruz genauer anzuschauen. Am Strand standen ein paar weiß getünchte Häuser mit flachen Dächern und der steinerne Hafendamm mit der dahinter liegenden Pappelreihe war recht hübsch anzusehen. Die Küste an der Ostseite war dagegen ziemlich karg.

„Wann können wir denn an Land gehen?“, fragte Toni.

„Das dürfte wohl noch etwas dauern“, erwiderte Aimé, dann zog er Alexander beiseite. „Nun? Was willst du mit dem Jungen machen?“

„Wie meinst du das, Aimé?“

„War er wirklisch so hilfreisch? Isch meine, deinen Sextanten hätte er fast ruiniert. Die Geräte – sie sind alle neu und die Gefahr bestünde, dass –“

„Genug!“ Alexander drehte sich zu Aimé um. „Hör mal. Der Junge macht seine Sache gut. Auch wenn mal was schiefläuft.“

„Das heißt –“

„Ja, das heißt, ich nehme ihn auf unsere Expedition zum Teide mit. Und wenn du es genau wissen willst, wird er uns auch bis Venezuela begleiten. Immerhin werden wir die Reise auf demselben Schiff fortsetzen. Jetzt komm Aimé, lass uns hier an Bord mit der Arbeit anfangen“, schlug Alexander vor und packte seine Instrumente aus.

„Bien. Natürlisch“, murmelte Aimé.

Alexander maß die Länge des Hafendammes und berechnete den Winkel des Vulkans. Er schaute ins Notizbuch und nickte. „Hier auf dem Hafendamm beträgt der Winkel zur Spitze des Teide 4° 36'.“

„Schaut nur, die ersten Passagiere steigen ins Boot. Wir können an Land“, rief Toni freudig.

„Bravo! Auf, auf. Lasst uns keine Zeit verlieren.“ Alexander klappte sein Buch zu.

Sie waren gerade dabei, ihre Sachen zusammenzupacken, als Kapitän Artajo Alexander kurz beiseite nahm. „Herr von Humboldt, ich kenne Ihr Schreiben vom König und weiß, dass ich so lange mit der Weiterfahrt warten soll, bis sie den Vulkan bestiegen haben. Doch die Situation ist nicht gerade günstig. Wir sind den Engländern zweimal entwischt und daher sollten wir unser Glück nicht überstrapazieren.“

„Ja ja“, nickte Alexander, während er ungeduldig zusah, wie ein Passagier nach dem anderen im Boot Platz nahm.

Der Kapitän fuhr in ernstem Ton fort: „Ich bitte Sie, Herr von Humboldt, versuchen sie in vier oder fünf Tagen mit ihrer Arbeit fertig zu sein.“

Alexander fuhr sich durch das Haar, blickte zum Pic del Teide, dann wieder zu Artajo. „Gut. Ich werde alles tun, damit wir so schnell wie möglich mit unseren Untersuchungen fertig sind. Ich gebe ihnen mein Wort.“

„Danke.“ Der Kapitän lächelte erleichtert und reichte ihm ein Schreiben. „Hier. Sie wollten doch die Adresse von Oberst Armiaga, er ist ein sehr zuvorkommender Mann. Er wird Ihnen bestimmt behilflich sein. Richten sie ihm einen schönen Gruß von mir aus.“

Alexander dankte, steckte das Schreiben in seine Jackentasche und kletterte zu den anderen ins Boot. Die Reisenden lachten und redeten in einem fort. Alle waren froh, Santa Cruz wohlbehalten erreicht zu haben. Auch Toni fieberte dem Aufenthalt entgegen. Alexander wollte einen Vulkan besteigen und er durfte mit! Zum ersten Mal in seinem Leben würde er Schnee in den Händen halten. Welch ein Abenteuer! Das musste er seiner Familie unbedingt schreiben. Prompt fühlte er einen stechenden Schmerz in seiner Brust. Seine Familie. Sie fehlte. Wie es ihnen wohl ging?

„Wir sind da. Aussteigen. Raus mit euch!“, schrie ein Matrose, während er sein Ruder an Bord zog.

„Uh! An Land ist es ja noch heißer als auf dem Schiff“, stöhnte Aimé.

„Meinst du? Das wollen wir doch gleich mal sehen.“ Sofort kramte Alexander das Thermometer hervor. „Eigentlich sind es nur 25° Grad. Die Luft – es liegt an der Luft, Aimé. Sie ist hier natürlich viel drückender als auf See.“

„Gewiss.“ Aimé knöpfte den obersten Knopf seines Hemdes auf.

Neugierig gingen sie durch die Straßen, bis sie die Plaza erreichten. Auf dem großen Platz stand die berühmte Candelaria Statue aus weißem Marmor. Besonnen schaute die Madonnenfigur von ihrem hohen Sockel auf das geschäftige Treiben des Platzes herab. Menschen, die sich wie Alexander, Aimé und Toni auf der Durchreise nach Amerika befanden oder womöglich nach Indien wollten, schoben sich über den überfüllten Platz.

Händler boten laut schreiend und wild gestikulierend ihre Ware feil. Am Gewürzstand roch es fremdländisch. Koriander, Kardamom, Safran, Pfeffer und Anis las Toni auf den kleinen hölzernen Schildchen. Auf dem großen Tisch daneben stapelten sich bunt gewobene Baumwollballen, so dass man von dem Verkäufer dahinter nur den Schopf erkennen konnte. Und am Stand gegenüber entdeckte Toni Fische, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Andere wiederum boten Ziegen, Hühner oder Schafe zum Verkauf an. Und drei Meter weiter duftete es herrlich nach frisch gebackenem Brot. Es war wunderbar!

Doch was war das? Stirnrunzelnd näherte sich Toni den zotteligen Lasttieren, die inmitten der Menschenmenge auf ihren Abmarsch warteten. „Was sind das für ulkige Tiere?“

„Kamele! Das sind Kamele, Toni. Dem Anschein nach sind sie mit Handelswaren aus Übersee beladen. Sie dürften nicht gefährlich sein.“

Toni ging auf ein kniendes Kamel zu, das mit halboffenen Augen träge auf einer Pflanze herumkaute. Just in diesem Moment streckte es seine Hinterbeine durch und erhob sich. Die Ladung machte einen Ruck nach vorne. Sie wackelte bedrohlich. Schnell sprang Toni zur Seite und prompt trat er in einen Kamelfladen hinein. „Uäh!“ Mühsam streifte Toni seinen Schuh an einem Grasbüschel ab.

Aimé konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Seht! Da drüben ist eine Kutsche. Die kann uns zu Oberst Armiaga bringen.“ Alexander drehte sich zu ihnen um. Jetzt erst bemerkte er Tonis Missgeschick und schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

„Tut mir leid.“ Toni lächelte entschuldigend.

„Du kommst nur mit blitzsauberen Schuhen in die Kutsche, hörst du?“

„Sicher“, stammelte Toni, während er mühsam den letzten Rest Kamelfladen abstreifte.

Wenig später legten sie Oberst Armiaga, Befehlshaber des Infanterieregimentes, das Empfehlungsschreiben des Madrider Hofes vor. Sogleich erhielten sie die Erlaubnis, die Insel zu bereisen. Alexander war zufrieden. Sie wollten sofort die Expedition organisieren, doch die Suche nach Führern, die ihnen beim Aufstieg helfen sollten, gestaltete sich als äußerst schwierig. „Das gibt es doch gar nicht. Keiner hier in Santa Cruz hat den Teide jemals bestiegen!“ Wütend zog Alexander den Zylinder vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Aimé ahnte Schlimmes. Wenn Alexander die Expedition nicht durchführen könnte, würde seine Laune für den Rest des Aufenthalts ungenießbar sein. „Vielleischt sollten wir es drüben an der Westküste probieren“, schlug er seinem Freund deshalb vor.

„Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Du hast Artajo gehört, wir haben maximal fünf Tage Zeit für unsere Expedition.“ Alexander setzte seinen Zylinder wieder auf, rückte in zurecht und stampfte davon, Toni und Aimé im Schlepptau.

Nachdem sie ein paar Maultiere organisiert hatten und Alexander einen Stapel Briefe an diverse Leute nach Hause geschickt hatte, machten sie sich auf den Weg nach Orotava. Sie ritten zum kleinen Örtchen La Laguna, das oberhalb des Hafens von Santa Cruz lag. Anschließend durchquerten sie das Tal Tacoronte, das sie zur anderen Seite der Insel führte.

„Hier ist es so ganz anders als auf der dürren Ostseite. Viel grüner, viel schöner“, freute sich Aimé. Er stieg ebenfalls ab, streckte sich und rieb sich den Hintern. „Ah, eine Pause tut wirklich gut.“

„Orangen!“, staunte Toni, „Die habe ich bisher nur einmal in Spanien gesehen, aber nie gegessen. Wie schmecken Orangen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, riss er eine ab. Prompt fielen zwei weitere Orangen herunter, landeten auf seinem Kopf und purzelten zu Boden.

Dieser Tollpatsch, dachte Aimé. Unwillkürlich musste er lachen. „Sie schmecken wunderbar süß. Du musst sie … écorce … schälen.“ Aimé drückte seinen Fingernagel vorsichtig in eine Orange und zog ein großes Stück Schale ab, während er sich umschaute. „Hier gibt es tatsächlich eine große Auswahl von Pflanzen: Orangenbäume, Dattelpalmen, Bananenstauden, Granatbäume, Myrten, Zypressen und Drachenbäume. Dort drüben sehe ich sogar Kokosnussbäume! Fantastique!“

Toni überlegte, ob er den Dolch zum Schälen nehmen sollte, entschied sich aber dann doch dafür, es wie Aimé mit den Fingern zu probieren. „Hm, schmeckt wirklich lecker. Ich nehme welche mit“, rief Toni und wischte sich den Saft vom Mundwinkel ab. Valdez’ Tasche war ihm von gutem Nutzen. Vorsichtig stopfte er ein paar Orangen hinein. Er musste aufpassen, dass er dabei das kleine Büchlein nicht zerdrückte. Ein tolles Geschenk von Alexander! Jetzt machte auch er sich Notizen. Die waren nicht besonders naturwissenschaftlich, aber sie enthielten Informationen über ihren Ausflug, das Wetter und welche Tiere und Pflanzen sie gesehen hatten. Er musste zugeben, dass die Zeichnungen noch nicht ganz so gut waren, aber das störte ihn nicht weiter.

„Du bist mir ein wahrer Feinschmecker“, lachte Alexander. „Stellt euch vor, morgen, spätestens übermorgen stehen wir auf dem Gipfel dieses Vulkans. Ach, wie freue ich mich darauf!“ Fasziniert betrachtete er den harmlos wirkenden Berg. „Kaum zu glauben, dass sein Ausbruch lebensgefährlich sein kann“, murmelte er.

Toni sah ihn entsetzt an.

„Kommt selten vor. Ziehen wir weiter“, ergänzte Alexander gelassen, verstaute seine Sachen und saß wieder auf.

Der steinerne Weg führte sie an einer großen Quelle entlang, die gleich mehrere Mühlen antrieb. Sie lauschten dem quirligen Plätschern und hörten den Ruf einer Gebirgsstelze mit ihrem harten, metallischem „Zitzitt“. Ab und an entdeckten sie kleine Kapellen, die wie weiße Farbtupfer aus der riesigen Grünfläche hervorblitzten. Agavenhecken oder Kakteen umrahmten die Grundstücke und immer wieder zeigte sich der Pic del Teide in einer neuen, prachtvollen Ansicht.

„Meint ihr tatsächlich, wir können den Vulkan besteigen? Ich meine, es ist doch möglich, dass er gerade, wenn wir oben sind, …“

„Sei kein Hasenfuß, Toni. Natürlich schaffen wir das. Als ob das nicht möglich wäre, ha!“, lachte Alexander selbstbewusst. „Man sagte uns doch, dass wir in Orotava von einem gewissen Alonso de Nava mehr erfahren würden.“

Toni fand nicht, er sei ein Hasenfuß, es war nur so, dass er dem Vulkan nicht traute.

Es dauerte nicht lange, da standen sie vor dem großen Palast des Marquis de Nava. Bewundernd betrachtete Toni die mächtige Holztür, die durch Schnitzereien reich verziert war. Vor den bodenlangen Fenstern waren schmiedeeiserne Balkone angebracht und hoch oben am Dach prangte zwischen zwei gedrehten Säulen das reich verzierte Familienwappen. Selbst Señor Valdez hatte nicht so ein prachtvolles Haus besessen. Es fühlte sich seltsam an, das Haus als Gast und nicht als Stallbursche zu betreten.

Der Dienstbote führte sie in den steinernen Innenhof, wo sich de Nava gerade um seine tropischen Bäume kümmerte.

„So so, Sie wollen auf den Vulkan. Und Sie sind Botaniker?“ Der Marquis sah Alexander mit seinen klaren hellblauen Augen freundlich an. Er war ein schlanker, gut aussehender Mann, mit hohen Wangenknochen und einer geraden Nase.

„In der Tat, werter Marquis. Darf ich Ihnen Aimé Bonpland vorstellen, ebenfalls Botaniker und Arzt und unseren Assistenten Antonio Lopez.“

„Willkommen in meinem Hause.“ De Nava musterte Toni ausgiebig und Toni dachte schon, er müsse das Haus zum Dienstboteneingang wieder verlassen. Doch Nava schien kein weiteres Interesse an ihm zu haben und wandte sich geradewegs Alexander zu. „Sie werden es nicht glauben, Herr von Humboldt, aber auch ich bin ein begeisterter Botaniker. In der Nähe des Hafens habe ich mittels königlicher Verordnung einen Garten angelegt, damit wir tropische Pflanzen an einen spanischen Ort anpassen und züchten können. Wäre es nicht schön, wenn wir dort unser Gespräch fortsetzen würden? Und im Anschluss stelle ich Ihnen einige interessante Personen vor, was meinen Sie? Ich glaube, ich weiß auch schon, wer Sie bei der Vulkanbesteigung begleiten könnte.“ De Nava zupfte mit seinen schlanken Fingern ein verdorrtes Blatt ab.

„Eine vorzügliche Idee“, freute sich Alexander und verbeugte sich.

Aimé gab Toni einen Schubs, damit er es ihm gleich tat.

Alexander war erstaunt, was de Nava in seinem Garten alles angepflanzt hatte. Es gediehen Zimtbäume von den Molukken, Kakaobäume aus Mittelamerika, Kaffeebäume aus Arabien, ja sogar Brotfruchtbäume aus Tahiti hatte er gepflanzt. Hinzu kamen Bananenpflanzen, Kartoffeln, Tomaten und vieles mehr. „Mein lieber Marquis de Nava, ich bin begeistert von ihrer Arbeit.“ Alexanders Augen strahlten vor Glück. De Nava lächelte stolz. „Nun, der Garten ist wirklich schön geworden, macht aber auch eine Menge Arbeit. Gehen wir zurück, meine Gäste warten schon und Sie sagten doch, dass Sie wenig Zeit hätten. Wollen Sie wirklich schon morgen zum Vulkan aufbrechen?“

„Selbstverständlich. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Gehen wir nach den Gästen schauen.“ De Nava ging mit großen Schritten voran. Alexander folgte ihm.

Nur Aimé und Toni hatten es nicht so eilig. „Isch würde viel lieber den ganzen Tag hier in der Natur verbringen als mit der feinen Gesellschaft zu plaudern“, seufzte Aimé. Das ging Toni bei weitem nicht so. Er war ziemlich gespannt auf die feinen Gäste.

Im Salon hatte sich schon eine kleine Gesellschaft versammelt, die sich angeregt über Napoleon, die Tropen oder die neuesten Entdeckungen unterhielt. Jetzt war Toni doch ziemlich nervös. Ungewollt setzte er sich so dicht neben Aimé auf das blauseidene Sofa, dass dieser ein wenig von ihm abrückte. Währenddessen schritt Alexander mit de Nava durch den Raum.

Lautlos bot ihnen ein Bediensteter Getränke an. Toni tat es Aimé nach und rührte vorsichtig die hellbraune Flüssigkeit in der goldumrandeten Porzellantasse um. „Was ist das?“

„Kakao. Es wird dir schmecken. Probiere es einfach, Toni“, flüsterte Aimé.

Zaghaft nippte Toni an der Flüssigkeit und auf der Stelle ging ein Lächeln über sein Gesicht.

„Dazu ein Törtschen?“, fragte Aimé.

Toni nickte begeistert und ließ sich eines mit reich verziertem Zuckerguss auflegen.

Unterdessen trat De Nava auf einen großen Mann zu. Er hatte einen tiefschwarzen Oberlippenbart und buschige Augenbrauen. Seine Haut war von der Sonne gebräunt. Offensichtlich hielt er sich viel an der frischen Luft auf, vermutete Alexander. De Nava drehte sich ein wenig zu ihm um und sagte: „Lieber von Humboldt, darf ich vorstellen: der französische Vizekonsul Legros. Legros war schon des Öfteren auf der Spitze des Pic del Tide, nicht wahr?“

„In der Tat, das war ich. Ich schließe daraus, dass Sie den Vulkan auch besteigen wollen?“, fragte Legros.

„Ja, das möchte ich. Leider drängt die Zeit. Kapitän Artajo gab uns nur vier bis fünf Tage. Anschließend geht unsere Reise über Venezuela weiter nach Kuba und Mexiko.“

„So so. Eine vortreffliche Route“, fand Legros. „Auch ich habe Amerika schon besucht. Damals fuhr ich mit Kapitän Baudin zu den Antillen und habe von dort einige Pflanzen mitgenommen, die nun in Paris stehen.“

„Baudin! Höchst interessant. Nun ja, eigentlich wollte ich als Naturforscher an seiner Weltumsegelung teilnehmen. Leider hat es wegen des Krieges nicht geklappt. Also entschied ich mich, über Spanien aufzubrechen – ohne Baudin. Und Sie? Sind Sie auf der Durchreise?“ Alexander nippte an seiner Schokolade, die man ihm gereicht hatte.

„Nicht mehr. Eigentlich wollte ich nach Puerto Rico, doch ein Sturm kam auf und wir mussten hier anlegen. Dieses herrliche Klima gefiel mir letztendlich so gut, dass ich spontan beschloss, hier zu bleiben.“ Legros lächelte, dass seine weißen Zähne aufblitzen.

„Und Sie würden uns die Ehre erweisen, uns bei der Gipfelbesteigung zu begleiten?“

„Sehr gerne sogar. Aber wir müssten schon im Morgengrauen los. Wenn Sie wollen, kann ich alles Nötige organisieren.“

„Das würden Sie tun?“ Alexander stellte die leere Tasse auf den braun glänzenden Tisch.

„Aber selbstverständlich“, lächelte Legros.

„Wunderbar!“ Alexander atmete tief durch. Die Expedition war also gerettet. Er warf Aimé und Toni einen zufriedenen Blick zu.

Aimé nickte kaum merklich.

Marquis de Nava trat mit einem weiteren Gast zu Alexander und Legros. Dieser hatte kurzes, rotbraunes Haar und unzählige Sommersprossen auf Stirn, Nase und Wangen. „Meine Herren, wenn ich Sie kurz unterbrechen dürfte: Ich möchte ihnen John Cologan, einen irischen Kaufmann, vorstellen. Er war ein Freund von James Cook.“

„Cook? Ja ist denn das die Möglichkeit? Mein Freund Georg Forster begleitete Kapitän James Cook auf seiner zweiten Weltumsegelung.“ Alexander schüttelte Cologan hocherfreut die Hand.

Aimé spitzte die Ohren. „Habe isch da soeben die Namen Cook und Forster vernommen? Isch muss hören, worüber die Herren sisch austauschen.“

Toni folgte ihm. Er hatte Mühe, Cologans irischen Akzent zu verstehen. Das ärgerte ihn sehr, denn die Geschichten waren äußerst spannend. Zum Glück flüsterte Aimé ihm ab und an zu, was Cologan mit diesem oder jenem Satz meinte.

Die anderen waren längst gegangen, als die Drei immer noch den fesselnden Erzählungen von John Cologan lauschten. Und da es schon spät am Abend war, lud Cologan sie liebenswürdigerweise zur Übernachtung in sein Haus ein. Sie nahmen die Einladung dankbar an.

Todmüde fiel Toni in das weiche Bett. Endlich keine Hängematte mehr! Er war so glücklich wie noch nie in seinem Leben. Nie hätte er gedacht, dass er Menschen wie Alexander, de Nava oder Cologan und sogar Aimé kennenlernen würde. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass er, der einfache Stallbursche, in so einem noblen Haus nächtigen durfte. Und morgen würde er zu seiner ersten Vulkanbesteigung aufbrechen.

Was für ein abenteuerliches Leben!

6
Am Vulkan

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Die Sonne war noch nicht aufgegangen, da saßen Aimé, Toni und Alexander schon auf ihren Maultieren. Obwohl Toni tief und fest geschlafen hatte, konnte er seine Augen kaum aufhalten. Pünktlich traf Legros mit seinen vier einheimischen Führern vor Cologans Haus ein.

Alexander war etwas verstimmt, denn er konnte nur eine kleine Auswahl seiner Instrumente mitnehmen. Er warf einen Blick auf den Vulkan. „Der Teide hüllt sich in Wolken“, bemerkte er, während er seinen Frack zuknöpfte.

„Sind alle bereit?“ Es gab keine Erwiderung, was Legros als ein einvernehmliches „Ja“ deutete. Also setzte er den Dreispitz auf sein dunkles Haar und gab das Zeichen zum Abmarsch.

Müde und äußerst wortkarg ritt die kleine Gruppe die sandige Straße hinunter. Schon bald erreichten sie einen Wald voller Edelkastanien, Wacholder- und Lorbeerbäume. Das „toc-toc-toc“ eines Spechts ertönte und für einen Augenblick sah Toni, wie ein Hase blitzschnell hinter einem Busch verschwand.

In regelmäßigen Abständen maß Alexander die Temperatur und den Luftdruck. Auch Aimé und Toni waren nicht untätig. Immer wieder entnahm Aimé Pflanzenproben. Waren die Stiele zu hartnäckig, nahm Toni einfach den Dolch von Valdez zu Hilfe. Toni freute sich, war das Geschenk doch von gutem Nutzen für ihn.

Die Guanchen verstanden nicht, warum die Wissenschaftler das Grünzeug einsammelten. Legros dagegen zeigte großes Interesse an Alexanders Messungen.

Als die Sonne den Horizont überschritt, machten sie an einer Quelle Rast. Während Alexander die Quelle untersuchte, genoss Aimé den Ausblick. „Alexander, regard! Man sieht von hier die ganze Westseite der Insel. Und schau, wie schön das dunkelblaue Meer im Sonnenschein glänzt.“ Mit freudiger Erregung dachte er daran, dass sie in wenigen Tagen die Atlantiküberquerung anstand.

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Toni, der an der Quelle die Wasserbehälter auffüllte, erspähte einen Laubfrosch mitten im Schilf. Gleichmütig stierte der Frosch ihn mit seinen Glubschaugen an, ehe er mit einem knappen „Quak“ davon hüpfte. Toni sah auf seine roten Hände. Das Wasser war eiskalt. Hastig schraubte er die Behälter zu, stellte sie beiseite und steckte die Hände zum Wärmen in die Hosentasche.

„Aimé! Wo ist dein Notizbuch? Die Quelle hat eine Temperatur von 15,4 °C.“

Aimé rührte sich nicht. „Aimé!“

„Mais oui, mon ami! Isch komme schon …“, eilte Aimé genervt herbei. „Immer diese Hektik.“

Diesmal war es Toni, der schmunzelte.

Legros drängte weiter und so saßen die drei Freunde einen Augenblick später wieder auf ihren Maultieren. Die Einheimischen hatten es nicht so eilig und so musste Legros ihnen Beine machen. Schwerfällig erhoben sich die Guanchen.

Auf kleinen, sanften Pfaden ging es weiter durch dicht bewaldete Schluchten. Doch bald schon wurde die Gegend schroffer und karger und schließlich erreichten sie eine große Ebene. Stirnrunzelnd sah Alexander zu Boden. „Äußerst interessant“, murmelte er, stieg ab und ging ein paar Schritte umher. „Sieh her Toni, das Gebiet ist mit gelbem Ginster übersät. Ein klares Zeichen dafür, dass es hier schon ewig keinen Vulkanausbruch mehr gab.“

„Heißt das, wir sind sicher?“, fragte Toni zweifelnd.

„Nischt unbedingt“, fand Aimé. „Es könnte auch sein, dass bald ein neuer Ausbruch bevorsteht.“

„Jetzt?“ Toni sah beunruhigt zum Gipfel empor. Wenn jetzt wirklich der Vulkan ausbrechen würde, wären sie auf der Stelle tot.

„Wer weiß das schon? Tout et possible. Alles ist möglisch.“ Aimé schmunzelte.

„Ach, papperlapapp! Nichts dergleichen wird passieren“, sagte Alexander überzeugt, während er den Boden befühlte und den Sand durch seine Finger rieseln ließ.

„Woher willst du das wissen? Naturellement kann es jederzeit losgehen“, entgegnete Aimé aufgebracht.

„Natürlich, aber die Wahrscheinlichkeit ist doch wohl sehr gering, oder?“

„Ist sie das?“ Aimé schaute Alexander durchdringend an.

„Was ist, wenn der Vulkan ausbrischt, wenn wir am Kraterrand stehen?“

„Jetzt ist es aber genug!“, rief Alexander energisch, stand auf und wischte sich die Hände mit seinem Taschentuch sauber. „Schluss jetzt mit dieser Schwarzmalerei! Das dulde ich nicht! Wir steigen bis zum Gipfel und treffen auch problemlos wieder in Oratava ein.“

Toni starrte Alexander wortlos an. Selbst Legros und die Guanchen hatten in ihrer Bewegung innegehalten und ihre Köpfe nach ihm umgedreht.

Unterdessen hob Aimé ein paar schwarze Steine auf. „Obsidian, vulkanisches Gestein – und zwar eine ganze Menge“, stellte er fest.

„Der Vulkan hat sie wohl beim letzten Ausbruch ausgeworfen“, stellte Alexander fest.

Aimé reichte einem dicken Guanchen einige Steine. „Hier. Bewahr sie bitte in der Tasche auf, s’il vous plait.“ Der Dicke sah ihn ausdruckslos an. „Einpacken! In Tasche!“ Aimé zeigte auf die Ledertasche. Gelangweilt nahm der Mann die Steine entgegen. Ah, er hat verstanden, dachte Aimé, atmete tief durch und schwang sich wieder auf seinen Maulesel. Aimé sah nicht, dass der Guanche hinter seinem Rücken die Steine einfach wieder auf den staubigen Boden fallen ließ.

Die Karawane überquerte das trockene Gebiet. Mit jedem Schritt wirbelten sie Sand auf, sodass sie von einer feinen Staubglocke umhüllt waren. Sie husteten und rieben sich die Augen. Bald schon hatte sich der Sand auf Haut und Kleidung abgesetzt und sie sahen aus, als hätte man sie in Mehl gewälzt. Hier, in dieser öden Gegend, sahen sie nichts außer ein paar Ziegen oder Kaninchen, denen die dürren Pflanzen als Nahrung wohl reichen mochten.

Die Dämmerung brach schon herein, als die einheimischen Führer endlich an zwei überhängenden Felsen anhielten. Die Felsen bildeten eine Art Höhle und boten so einen guten Schutz gegen den Wind. Legros kannte den Platz bereits von seiner ersten Vulkanbesteigung. Erleichtert stieg er von seinem Maulesel. „Ah ja. Hier werden wir unsere Nacht verbringen, nicht wahr?“, fragte Alexander.

Der dicke Guanche nickte und legte die schwere Tasche auf den Boden. „Ab hier geht es nur noch zu Fuß weiter.“

Legros zupfte sich die Lederhandschuhe von den Fingern, wandte sich an Alexander und flüsterte: „Das ist wohl ein Grund, warum die wenigen, die es bis hierher geschafft haben, an dieser Stelle umkehren. Manchmal wollen die Guanchen ab hier oder der Eishöhle nicht weitergehen. Ich hoffe sehr, dass unsere Leute uns morgen nicht im Stich lassen werden.“

„Das können sie nicht tun – und das werden sie nicht tun“, behauptete Alexander bestimmt, während er die Satteltaschen vom Maultier löste.

Legros hoffte, dass er recht behalten würde. Sein Blick ging zu den Guanchen, die dürre Zweige und Holz für das Lagerfeuer einsammelten.

Wenig später hatte die Nacht das Tageslicht gänzlich verdrängt. Zum Glück befand sich das Gepäck schon im Unterstand. Toni holte noch schnell die Satteldecke und setzte sich zu den Einheimischen, die gerade das Feuer entzündeten. Es knackte und knisterte, kleine Funken stoben in die Höhe und verglimmten einen Augenblick später in der Finsternis.

Legros und Aimé trugen einen dicken Baumstumpf herbei und legten ihn quer zur Feuerstelle. Auch Alexander ließ sich endlich nieder. Rote und gelbe Flammen tanzten wild über dem Holz und ließen die Gesichter unwirklich erscheinen.

Aimé rieb sich die Hände. „Es kann kalt werden heute Nacht. Vielleischt wäre ein Zelt hilfreisch gewesen.“

„Wahrhaftig Aimé, an so etwas haben wir nicht gedacht. Andererseits hätte uns das Zelt beim Aufmarsch behindert und mit diesem zusätzlichen Ballast säßen wir vielleicht jetzt noch nicht hier am wärmenden Feuer“, erläuterte Alexander.

Aimé schielte kurz zu Legros, der sich mit dem ältesten Guanchen unterhielt. Dann beugte er sich zu Alexander hinüber und flüsterte: „Wir hätten wenigstens einen Mantel für solsche Fälle mitnehmen sollen. Das war schlecht geplant.“ Alexander verzog den Mund. Er wollte sich nicht eingestehen, dass sein Freund recht hatte.

Aimé stand auf, um sich wenigstens die dünne Baumwolldecke zu holen.

Toni bemerkte, dass Alexander näher ans Feuer rutschte und legte noch einen Scheit Holz nach. Er nahm ein weiteres Holzstück, zückte den Dolch und fing zu schnitzen an. „Ich liebe so ein Lagerfeuer. Einmal im Jahr unternahm mein Vater mit mir eine große Wanderung. Am Ende des Tages übernachteten wir irgendwo im Freien. Am Feuer erzählte er mir dann alte Geschichten. Er konnte gut erzählen. Meine Aufgabe war es, das Feuer nicht ausgehen zu lassen. So lauschte ich seinen Erzählungen, legte Holz nach, gab ihm noch einen Becher Wein oder sah mir die Sterne an.“ Toni spürte, wie ihm das Wasser in die Augen stieg. Verschämt wischte er sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

„Einen Becher Wein würde mir nun auch munden“, lachte Legros und fuhr sich über die spitzen Bartenden.

„Hmhm. Auch ich habe schon hier und da in der Natur übernachtet, jedoch noch nie im Leben in solch einer Höhe“, stellte Alexander fest. Er konnte nicht ahnen, dass er bald Städte besuchen würde, die weit höher lagen als der Gipfel des Pic del Teide.

Die Einheimischen, Legros und Aimé hatten sich schon auf den Boden gelegt und bald tat es Toni ihnen nach. Nur Alexander maß ein letztes Mal die Temperatur, die trotz des Sommers in dieser Höhe bloß 5 °C betrug. Zu guter Letzt hüllte auch er sich in die viel zu dünne Baumwolldecke.

Obwohl der dicke Guanche die ganze Nacht über Holz nachlegte, froren sie erbärmlich. Und so war es für alle fast schon eine Erlösung, als sie gegen drei Uhr morgens bei trübem Fackelschein aufbrachen.

Bereits zwei Stunden später erreichten sie das kleine Plateau Alta Vista. Hier bog Legros rechts zu einer Eishöhle ab. „Das ist der Punkt, an dem die Einheimischen Schnee- und Eisladungen abfüllen“, erklärte Legros. „Die ‚Neveros’, wie sie genannt werden, tragen die schweren Eisblöcke von hier aus auf ihrem Rücken bis zu unserem Übernachtungspunkt hinunter. Erst dort können sie die Blöcke auf die Maultiere laden. Im Tal verkaufen sie das Eis dann als Kühlungsmittel.“ Legros zwirbelte mit Zeigefinger und Daumen seine Bartspitzen nach oben.

„Grandios!“, entfuhr es Alexander. Neugierig untersuchte er die Höhle.

„Eine natürlische Eisgrube! Im Winter füllt sisch die Höhle wohl mit Schnee?“, fragte Aimé.

Fasziniert tastete Toni das Eis ab.

„Eis. Das gibt es bei uns nicht.“ Toni spürte, wie der Brocken unter seiner Körperwärme schmolz.

„So ist es, Aimé. Die Sonnenstrahlen gelangen nicht hinein, so bleibt das Eis auch im Sommer bestehen. Toni, bring mir bitte mal das Thermometer“, bat Alexander. Schon eilte Toni herbei und vergaß auch Alexanders Notizbuch nicht.

Kurze Zeit später setzten sie ihre Reise fort. Allmählich wurde es hell und Aimé musste zu seinem Bedauern feststellen, dass der Blick ins Tal von einer Wolkendecke versperrt wurde. Nur die mächtigen Gipfelspitzen der Vulkane von Lanzarote, Fuerteventura und Palma ragten aus dem weiten Dunstmeer empor. „Gleich geht die Sonne auf. Meiner Treu! Das hätten wir fast verpasst. Wo ist denn das Fernrohr?“

„Hier, ich habe es!“ Toni reichte es ihm über das Maultier herüber.

„Brauchst du auch den Chronometer?“

„Ja, sicher.“ Alexander sah erstaunt zu, wie Toni die Berthoud’sche Uhr herausholte. Der Junge war schnell, dachte Aimé. Und er lernte schnell. Leider.

„Gleisch wird man den obersten Rand der Sonne sehen, was?“ Aimé trat zu ihnen.

„Ja, der Horizont ist zum Glück dunstfrei. Toni, halte den Chronometer bereit. Wenn ich ‚jetzt‘ sage, gibst du mir die genaue Uhrzeit mit Sekunden an, verstanden?“

„Verstanden.“ Voller Konzentration schaute Toni auf den Chronometer. Angespannt wartete er auf das vereinbarte Zeichen.

„Jetzt!“, rief Alexander.

„Es ist genau … 4 Uhr 48 Minuten und 55 Sekunden.“ Toni blinzelte zum Horizont, wo die orangefarbene Sonne langsam emporstieg.

„Der Bereschnung nach sehen wir den wahren Horizont auf mehr als 43 Meilen Entfernung. Unglaublisch!“, fand Aimé. „Das ist mal eine Entfernung, was Alexander?“

„In der Tat. Siehst du, wie ungemein langsam sich der untere Sonnenrand vom Horizont löst? Sonderbar, nicht?“

Legros räusperte sich. „Meine Herren, ich möchte nicht drängen, aber wir müssen weiter, wenn wir es heute wieder bis ins Tal schaffen wollen. Ab hier beginnt das Malpays, wo es nur erkaltete Lava und Asche gibt.“

„Das Malpays? So so. Lava. Aimé, wir brauchen eine Probe.“

„Ja ja. Bin schon dabei.“

Legros stöhnte. Er hatte nicht gedacht, dass es mit den Wissenschaftlern so anstrengend werden könnte.

„Gleich, Legros. Gleich haben wir es. Nur noch die Instrumente … Toni?“ Hastig machte sich Alexander Notizen und Toni kümmerte sich um die Instrumente. Legros lächelte gequält.

Doch gerade als Alexander sein Maultier vorwärts treiben wollte, setzten sich die Einheimischen wieder hin.

„Wie? Was?“, entfuhr es Alexander irritiert.

„Oh nein. Ich ahnte es“, murmelte Legros. Es war zum Haare raufen! „Was ist nun schon wieder los?“

„Wir gehen nicht weiter. Sie sehen den Gipfel. Wozu hinauf? Viel zu anstrengend. Besser wir gehen hinunter ins Tal“, sagte der alte Guanche.

„Was?!“ Alexander riss entsetzt die Augen auf. „Nein, das geht nicht. Das können Sie mit mir nicht …“ Sein Gesicht wurde rot wie eine Tomate vor Wut und er wollte schon auf den Alten losgehen, als Toni schnell dazwischen sprang. Er wandte sich an den Guanchen und sagte beschwichtigend: „Ähm, Sie müssen verstehen, wir sind den ganzen weiten Weg aus Europa hergekommen, um diesen Vulkan zu besteigen. So kurz vor unserem Ziel drehen wir nicht um. Seht her, ich habe gesunde Beine und starke Muskeln. Ich schaffe es bis zum Gipfel.“ Toni klopfte auf seine Beine. „Vielleicht liegt es daran, dass Sie zu schwach sind? Bestimmt wollen Sie deswegen nicht weitergehen?“

Legros murmelte etwas Unverständliches in seinen Bart hinein. Aimé verdrehte die Augen.

Der alte Guanche verzog keine Miene. Doch die anderen wollten sich freilich nicht als Schwächlinge abstempeln lassen. Und so gingen sie nach kurzer Beratung widerwillig weiter.

Toni grinste.

„Bravo, Junge.“ Alexander klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Doch sie hatten sich zu früh gefreut, denn so einfach war es doch wieder nicht. Von nun an setzten sich die Männer alle zehn Minuten zum Ausruhen hin, was den Rest der Gruppe ungemein ärgerte.

Nach dreistündigem Marsch lag der Gipfel direkt vor ihnen. Alexander maß die Höhe des Pics auf 1820 Toisen über dem Meer.

„Diese kleine Ebene wird La Rambleta genannt. Sehen Sie mal diese Löcher hier. Die Eingeborenen nennen sie die Nasenlöcher des Pics.“ Legros ging zu den Luftlöchern hinüber, aus denen unablässig warmer Wasserdampf emporstieg.

„Ich bringe das Thermometer“, rief Toni, noch bevor Alexander danach fragte.

Aimé seufzte. Er kam sich ziemlich unnütz vor. Gelangweilt beobachtete er, wie Toni das Thermometer in die dampfende Öffnung hineinhielt. „Es steigt auf 43,2 °C“, rief er.

Na ja, soll er doch die Arbeit machen, dachte Aimé und notierte den Wert.

„Was für eine außergewöhnliche Welt hier oben herrscht. Kommt schnell, weiter zum Gipfel“, rief Alexander.

Nun folgte der steilste und schwierigste Teil der Vulkanbesteigung. Auf der dicken Ascheschicht konnten sie kaum Tritt fassen. Die Füße sanken bis zu den Knöcheln in den dunklen Boden und ständig rutschte einer von ihnen aus.

Aimé lockerte seine Hemdschleife.

„Besser, wir gehen auf dem alten Lavastrom entlang“, schlug Legros vor. Schritt für Schritt, die Augen auf den Boden gerichtet, ging die Karawane weiter. Mühsam klammerten sie sich an die verschlackten Felswände und Toni riss sich an ihr prompt die Hand auf. Alexander reichte ihm sein weißes Spitzentaschentuch, das sich im nächsten Moment blutrot färbte. Der Kraterrand war zum Greifen nah. Schroff und wuchtig ragte er empor.

Dann, ganz plötzlich und völlig unerwartet, rannte Toni mit seinem Rucksack los und schrie: „Ich werde der Erste auf dem Pic del Teide sein! Ich bin der Erste!“

Aimé und Alexander schauten sich überrascht an, dann rief Alexander ihm lachend hinterher: „Ja, lauf nur zu, mein Junge. Ich gönn’ es dir.“

„Wir haben es tatsächlisch geschafft, mon ami!“ Aimé sah zu den Inseln Gran Canaria, Palma und La Gomera, die jetzt in voller Pracht zu sehen waren. Eindrucksvoll erhoben sie sich aus dem tiefblauen Meer. „Wie wunderschön! Die Wälder von Teneriffa und die zierlichen Dörfer am Ufer und der Hafen von Orotava mit seinen ankernden Schiffen … Sieh nur dort, die Weinberge und Gärten. Was für ein farbenprächtiger Kontrast. Magnifique“, fand Aimé.

„Wohl wahr.“ Alexander atmete tief durch. „Welch ein unbändiges Gefühl es ist, hier oben zu stehen.“ Alexander war glücklich. Das war erst der Anfang ihrer Reise. Einer langen, aufregenden, einmaligen Reise. Seine Brust bebte. Er fühlte sich so stark, dass er Bäume hätte ausreißen können.

„Oben!“ Lachend winkte Toni ihnen zu. „Ich bin – Uaaah!“ Toni ruderte mit den Armen. Der Rucksack zog ihn nach hinten. Von einer Sekunde auf die andere wurde sein Gesicht kreidebleich. „Aaah! Hilfe!“ Einen Wimpernschlag später stürzte er ab. Toni war verschwunden.

„TONI! Um Himmelswillen!“ Alexander warf sich auf den Boden und schaute über den Kraterrand.

Gleich darauf landete Aimé neben ihm. „Toni?“

Keine drei Meter tiefer lag Toni wie ein Käfer auf dem Rücken. „Alles in Ordnung“, keuchte er, „ist nur ein bisschen warm hier unten.“

Aimé atmete auf. Fast hätte die Reise einen bitteren Beigeschmack bekommen. Nein, es war nicht nur das. Wenn er ehrlich war, wäre es auch für ihn unverzeihlich gewesen, wenn Toni etwas zugestoßen wäre.

„Meiner Treu! Die Engel waren mit dir.“ Alexander stand erleichtert auf und klopfte sich gerade die Hose sauber, als ein scharfer Wind ihm den Zylinder vom Kopf blies. „Mein Hut! Haltet ihn!“ Seelenruhig schauten die Guanchen zu, wie der Hut an ihnen vorüberflog. Einer kicherte.

„So haltet ihn doch auf!“, rief Alexander ärgerlich. Zum Glück landete der Zylinder auf dem Boden. Gerade wollte Alexander nach ihm greifen, als der Hut von der nächsten Brise erfasst und durch die Luft gewirbelt wurde. „Verflixt, bleib’ doch da!“ Alexander stolperte über den Schotter. Der Zylinder war zwischen zwei Felsbrocken so gelandet, dass er beim nächsten Luftzug zwar erzitterte, aber nicht emporgehoben wurde. „Jetzt hab ich dich“, schnaufte Alexander.

„Vorsicht!“, schrie Legros, doch da blieb Alexanders Fuß bereits an einem Stein hängen. Einen Sekundenbruchteil später saß er inmitten der Felsbrocken. „Himmel nochmal!“, schimpfte er. Wütend zog er den Zylinder unter seinem Hintern hervor. Mit düsterem Blick betrachtete er das gute Stück, welches jetzt eher einer Ziehharmonika glich. Mühsam versuchte er, dem Zylinder wieder seine alte Form zu geben.

„Isch hoffe, dem Hut ist nichts passiert?“, Aimé musste sich das Lachen verkneifen.

„Pass’ lieber auf, dass dir nicht noch was passiert“, brummte Alexander.

„Übrigens hat Toni gerade noch mal Glück gehabt. Es hätte auch schlimmer ausgehen können“, meinte Legros, der an einer anderen Stelle hinter dem Kraterrand stand und hinunter zeigte. Vorsichtig trat Alexander zu ihm und augenblicklich verstand er, was Legros damit sagen wollte. Hier ging es senkrecht hinab. Von unten ragten ihm spitze steinerne Lavabrocken entgegen. Beim Aufprall hätte sich Toni die Knochen gebrochen – oder wäre sogar … weiter wollte Alexander lieber gar nicht denken.

„Wohl wahr“, antwortete er kaum hörbar und besorgt. Jäh wurde ihm bewusst, dass das bestimmt nicht die einzige Aufregung auf ihrer Reise bleiben würde. Er sah zu Toni hinüber. Sein Gesicht war dreckverschmiert und der Ärmel seines Hemdes eingerissen. Kleinigkeiten nur, dachte Alexander. Er hatte den Jungen ins Herz geschlossen. Es durfte ihm nichts passieren. Toni sollte wohlbehalten bei seinem Onkel auf der Hato ankommen. Dafür würde er sorgen.

Er räusperte sich und wandte sich wieder an Legros. „Ich denke, wir haben uns eine großzügige Pause verdient, nicht wahr? Gibt es hier irgendwo einen Platz zum Ausruhen?“

„Da drüben ist es etwas geschützter. Kommen Sie.“ Alexander schaute zu der von Legros gezeigten Stelle. Natürlich saßen die Guanchen längst schon dort.

Alle waren froh über die Pause. Hatten sie doch schon eine fünfstündige Wanderung hinter sich. Ihr Frühstück bestand aus kaltem Wasser, Brot und Früchten. Eine wahrlich spärliche Mahlzeit.

Erwartungsgemäß hielt es Alexander nicht lange auf dem Rastplatz aus. Und auch Aimé wollte mit seinen wissenschaftlichen Untersuchungen fortfahren. Folglich stand auch ihr Assistent Toni bald wieder mit den Händen in den Taschen und am Oberkörper zitternd vor Kälte am Kraterrand.

„Hier, die Wände sind abgebröckelt und bedecken das Becken mit großen Blöcken steiniger Lava. Der Boden der Caldera besitzt keine größere Öffnung. Das zeigt, dass seit Jahrtausenden kein Feuer mehr ausgebrochen ist“, stellte Aimé fest.

„Von mir aus kann er noch weiter schlafen“, bemerkte Toni, dann stockte er und stellte enttäuscht fest: „Und wisst ihr was? Er ist gar nicht mit Schnee bedeckt.“

„Ja, das stimmt“, schmunzelte Aimé.

Alexander runzelte die Stirn, dann hellte sich sein Blick plötzlich auf: „Aber natürlich! Das waren die Felsgesteine, die in der Sonne weiß erstrahlten. Wie dumm von mir.“ Alexander machte sogleich Notizen.

„Nur 2 °C“, maß Toni bibbernd. „Ich friere am Oberkörper, aber meine Füße sind mollig warm. Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nie erlebt.“ Er sah an sich hinunter zu seinen Hosenbeinen, die wie Fahnen im Wind flatterten.

„Ja, der heiße Sand versengt einem fast die Stiefel“, stellte Aimé fest. Er schaute zu Alexander herüber, der gerade eine Zeichnung des Kraterinneren anfertigte. „Die Zeischnung gelingt dir gut“, lobte er.

„Hmhm. Herzlichen Dank. Die äußeren Ränder der Caldera sind beinahe senkrecht.“ Wieder war er froh, dass Toni sich keine steile Stelle ausgesucht hatte. „So, jetzt muss ich nur noch den kreisförmigen Kamm um den Krater zeichnen. So, das muss reichen. Den Rest zeichne ich im Tal, wo es etwas wärmer ist.“ Alexander klappte den kleinen Skizzenblock zu und blies in seine eisigen Hände. Er betrachtete den Weg zurück, den sie gekommen waren. Dann stutze er. „Weißt du, was ich gerade bemerke, Aimé? Schau doch nur, wie sich die Pflanzen mit der zunehmenden Höhe verändern. Hm. Verschiedene Vegetationszonen. Ja genau, das ist es! Je nach Klima und Höhenlage ändert sich die Pflanzenwelt. Wie bei den Stockwerken eines Hauses. Zuerst kommt die tropische Zone unten am Meer. Die besteht aus Bananen, Weinreben, Datteln und Wein. Danach die Waldzone, mit Kastanien- und Lorbeerbäumen, anschließend folgen die Kiefernwälder. Gefolgt von den Malpays mit ihren Gräsern, Moosen und Flechten und zu guter Letzt bleibt nur noch Gestein übrig – unbelebtes Mineral. Fabelhaft!“ Hastig notierte Alexander seine neueste Erkenntnis. „Gut. Nun lasst uns in den Krater hinein steigen. Toni, möchtest du noch mal mit?“

„Aber sicher!“, rief Toni begeistert.

Vorsichtig stiegen sie durch eine unterbrochene Felsenstelle in den Krater hinein. Schwefeldämpfe stiegen empor und schnell hoben sie ihre Taschentücher vor Mund und Nase. Der Dampf war so scharf, dass er Löcher in die Kleider brannte. Toni rutschte in der tiefen Asche auf dem Hosenboden hinab.

„Pass auf!“, schrie Alexander, der keine Lust auf eine weitere Rettungsmaßnahme hatte.

„Bah! Was für eine Hitze. Oben bläst der kalte Wind und hier unten verglüht man fast“, meckerte Aimé.

„Und was für ein Gestank. Es stinkt nach faulen Eiern“, fand Toni.

„Die Hitze kommt aus den heißen Wasserdampfspalten mit ihrem eigentümlichen Summen. Der Gestank ist Schwefel.“

Toni steckte das Thermometer in die Spalte hinein. „Oha! Die Temperatur steigt aber schnell. 75 … Autsch!“ Toni ließ das Thermometer fallen.

„Zweifelsohne ist es da drin noch heißer, aber das wollen wir Toni nicht antun.“ Alexander schob seinen Ärmel zurück und hielt den nackten Arm über den Wasserdampf, bis dieser sich auf der Haut niederließ. Dann leckte er das Wasser ab.

Toni sah ihn überrascht an.

„Man könnte glauben, diese Dämpfe, die so stoßweise hervorkommen, enthalten Salzsäure oder Schwefelsäure, doch das ist ganz und gar nicht der Fall. Das Wasser hat keinen besonderen Geschmack.“ Alexander zuckte mit den Schultern und notierte.

„Hallooo!“ Legros stand am Kraterrand und winkte sie eifrig nach oben.

„Ja ja, wir kommen ja schon. Immer diese Hetzerei“, seufzte Alexander.

Viel zu schnell mussten sie wieder vom Pic del Teide hinunter. Alexander wäre gerne länger geblieben, aber das Schiff wartete in Santa Cruz auf sie.

In der Hafenspelunke von Santa Cruz saß ein Mann mit klobigen Stiefeln und schlürfte Kaffee. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er jeden Passanten, doch der, den er suchte, war nicht dabei. Er sah auf seine verschrammten Hände und auf die immer noch blutverkrusteten Fingerkuppen. Sein Versuch, den Tresor seines Onkels aus dem Mauerwerk zu bekommen, war fehlgeschlagen. Señor Valdez hatte gründliche Arbeiter gehabt. Und dieser kleine Stallbursche … dieser hinterlistige geldgierige Bastard … der Speichellecker hatte doch tatsächlich die Frechheit besessen, Valdez den Schlüssel abzunehmen!

Er hatte sich in der Brandnacht gerade noch retten können. Hustend hing er über dem Geländer der Freitreppe, als sein Onkel an ihm vorbei ins Haus rannte. Und dann lief der Stallbursche ihm hinterher. Wie dämlich musste man sein? Herausgeschleppt hatte er ihn, aber das Leben hatte er ihm auch nicht retten können. Unwillkürlich musste Javier lachen. Wenn er gewusst hätte, dass sich in dieser speckigen kleinen Ledertasche der Schlüssel befunden hatte, dann wäre Tonis Leben schon damals zu Ende gewesen. Hinterher hatte er das ganze Haus nach dem Schlüssel abgesucht. Das, was vom Haus noch übrig geblieben war. Alles Ramons Schuld.

Ramon. Er hatte ihm schon einiges Geld abgeknöpft in dieser Nacht. Doch irgendwann war er hinter seinen Trick gekommen. und wollte die Karten sehen. Aber dem hatte er gleich mal die Nase blutig geschlagen. Dumm nur, dass Ramon Kraft wie ein Ochse hatte. Und dumm nur, dass er während des Kampfes den Kerzenleuchter umgeworfen hatte. Javier nippte an seinem Kaffee.

Selbst als der ganze Raum schon lichterloh brannte, prügelten sie sich weiter. Im Flur. Im Treppenhaus. Und irgendwann war ihm schwarz vor Augen geworden. Wohl nicht lange. Die Hitze hatte ihn tatsächlich gerettet. Ramon nicht. Der lag tot unter einem heruntergekrachten Balken. Tja, so kann es gehen, dachte Javier und seufzte. Ein Halunke weniger auf der Erde. Da! Javier schoss von seinem Stuhl hoch. Nein, er hatte sich getäuscht. Wieder war es nicht Toni gewesen. Er ließ sich zurück auf den Stuhl fallen. „Geduld“, sagte er zu sich selber. Die Pizarro würde bald auslaufen. Der Kapitän wartete nur noch auf die Wissenschaftler, das hatte er schon herausgefunden. Es konnte also nicht mehr lange dauern, bis er auftauchen würde, der kleine Bastard.

Javier sah zum Nachbartisch, an dem ein dürrer Kerl mit Zigarillo im Mund Platz nahm. Aus seiner Weste blitzte ein Kartendeck hervor. Javier verzog den Mund. Er durfte sich jetzt nicht ablenken lassen. Toni, wo steckst du? Wieder sah er zu dem Dürren. Dieser nickte ihm freundlich zu. Javier spürte, wie ihm heiß wurde. Ach, verdammt, was soll’s!

Javier schob die halbzerfallenen Geldscheine zurecht. Er hatte eine Glückssträhne. Wer hätte das gedacht? Vielleicht sollte er doch etwas länger hier bleiben? Eigentlich war es ja egal, wann er mit dem Schlüssel nach Spanien zurückkehrte. Wieso also nicht gleich mit einem Batzen Geld?

„Noch ein Spiel?“, säuselte der Dürre.

„Sicher!“

Javiers Gegenspieler teilte die Karten aus. Wenig später lehnte er sich zurück und zündete zufrieden einen neuen Zigarillo an.

Javier war blass, wie ein gerupftes Huhn. Er hatte verloren. Und zwar ziemlich viel. „Noch eins!“, knurrte er. Er würde sich das Geld wiederholen. Er hatte doch eine Glückssträhne. Und tatsächlich – das Blatt war gut. Wenn er das Spiel gewinnen würde, hätte er mehr als zuvor.

Javier wollte gerade die Karte ausspielen, als er drei Personen vorbeikommen sah: Alexander, Aimé und – TONI!

„Schneller! Spiel schon!“, schrie er. Doch der Dürre witterte seine Chance und ließ ihn zappeln.

Machtlos musste Javier mit ansehen, wie die Drei an Bord gingen. Egal. Er würde einfach auch auf das Schiff gehen – nach dem Spiel. Javier legte die Karten aus – und verlor. Er hatte nicht aufgepasst. Toni hatte ihn abgelenkt. Wut stieg in ihm auf. Jetzt war er fällig! Während der Kerl sein Geld einsammelte, rannte Javier bereits zu der Pizarro.

„He! Haben sie ein Billett?“

„Was?“ Javier achtete nicht auf den Hafenvorsteher. Fieberhaft suchte er das Deck ab.

„Eine Fahrkarte.“

„Nein. Ich will nur jemanden suchen. Besuchen.“ Da! Toni stand mit bestürztem Gesicht an der Reling. Er hatte ihn gesehen. Gut so. Sollte er nur Angst haben.

„Das geht leider nicht.“

„Wie, das geht nicht?“

„Ich darf sie nicht an Bord lassen.“

„Dann kaufe ich eben so ein blödes Billett!“, schimpfte Javier. Toni stand immer noch an der Reling. Kreidebleich. „Das geht leider auch nicht.“

„Wieso?“, brüllte Javier.

„Weil wir keinen freien Platz mehr an Bord haben.“

„Anker lichten!“, hörte er den Bootsmann rufen. Das konnte doch nicht wahr sein! Er musste an Bord. Irgendwie! „Lassen sie mich durch!“, schrie Javier. Er packte den Hafenvorsteher am Kragen. Doch wie aus dem Nichts kamen ihm zwei Matrosen zu Hilfe und nahmen ihn in die Zange.

„He! Lasst los!“ Doch die Matrosen taten ihm den Gefallen nicht. Verzweifelt musste er mit ansehen, wie der Schiffssteg eingezogen wurde. Der Anker hing triefend am Bug und dann war es zu spät. Die Pizarro hatte abgelegt.

Javier schwor sich, dass ihm das nie wieder passieren würde. Beim nächsten Mal war Toni fällig!

7
Über den Atlantik

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Das Wetter war gut und eine sanfte Dünung trieb das Postschiff hinaus auf das offene Meer. Kapitän Artajo ließ Südwest segeln, Richtung Südamerika.

Alexander, Aimé und Toni standen auf dem Achterdeck und schauten zu, wie die Kanarischen Inseln kleiner und kleiner wurden und schließlich ganz am Horizont verschwanden.

„Bon, Alexander. Wir können uns gratulieren. Wir haben unsere erste Etappe wahrhaftig gut gemeistert.“

„Ja, Aimé, das haben wir. Jetzt geht es auf nach Amerika!“, rief er.

Toni reagierte nicht. Das Gesicht von Javier hatte beängstigende Züge angenommen. Er würde ihn weiter verfolgen, das war sicher. Wenn er nur wüsste, warum? Gab er ihm die Schuld am Tod von Señor Valdez? Dachte Javier etwa, er hätte das Haus in Brand gesteckt?

„Toni, alles in Ordnung mit dir? Du bist so bleich“, fragte Alexander besorgt.

„Ja. Der Abschied … Es ist …“

„Ah, das ist es. Nun, wir werden noch viele Abschiede haben. Freu dich auf das, was auf dich zukommt. Und behalte das, was du erlebt hast, in guter Erinnerung.“ Alexander klopfte ihm auf die Schulter und flanierte über das Deck.

In guter Erinnerung. Javier war keine gute Erinnerung.

Toni drehte sich um und entdeckte den alten spanischen Kommissar, der in Teneriffa mit mehreren schwarz glänzenden Sklaven an Bord gekommen war. Der Kommissar lehnte sich gelassen an die Reling, streckte seine Hakennase in die Sonne und sein schmaler Mund breitete sich zu einem Lächeln aus, bis nur noch ein schmaler Strich übrig blieb. Tonis Blick verfinsterte sich. Der Kommissar lässt sich hier von der Sonne verwöhnen, während die Sklaven die ganze Fahrt über unter Deck eingepfercht bleiben mussten. Einfach widerwärtig!

Toni ging auf Aimé zu, der bei einem gut gekleideten Kaufmann stehen geblieben war und sich anregend mit ihm unterhielt. Der Kaufmann hieß Señor Marques und wie er heraushörte, hatte er ein kleines Vermögen in Handelswaren gesteckt. Señor Marques beabsichtigte, diese in den spanischen Kolonien gewinnbringend zu veräußern. Toni hörte noch, wie Aimé von seinen Erlebnissen auf Teneriffa erzählte, dann ließ er sich auf die Planken nieder und öffnete sein Notizbuch, um die letzten Vorkommnisse einzutragen.

Die nächsten Tage verbrachten die drei Freunde mit ihrer gewohnten Arbeit. Sie vermaßen die Meeresströmung, Wasser- und Lufttemperatur. Sie angelten Fische, die zerlegt und unter dem Mikroskop betrachtet wurden. Zuweilen überarbeiteten sie auch ihre Unterlagen und vollendeten die angefangenen Skizzen.

Nach dem Abendessen versammelte sich alles auf Deck. Die Luft war warm und ein leichter Wind trieb das Schiff gefällig über den mondbeschienenen Ozean.

Toni lag auf den Planken und schaute hinauf zu den funkelnden Sternen, während eine Handvoll Matrosen leise ein Lied anstimmten. Eine ältere Frau strickte. Und der Tätowierte lehnte am Großmast und trank mit dem Sklavenhändler einen Becher Wein.

„… hast du notiert?“, fragte Alexander.

„Mai oui! Jetzt lass misch mal schauen“, drängte Aimé.

„Ich komme euch in zwei Minuten helfen …“, murmelte Toni in den Nachthimmel blinzelnd, dann fielen ihm die Augen zu.

Zwei Tage später war es Alexander, der zum Himmel empor sah. „Es ist gleich Mittag, dann werden wir es sehen Toni. Ich bin ja so gespannt. Wo steckt denn nur Aimé schon wieder?“

Toni blinzelte und schaute verwirrt nach oben, doch er konnte nichts Außergewöhnliches entdecken – außer der blendenden Sonne. Er suchte das Meer ab. Nichts. „Was meinst du, Alexander?“

„Du kannst es nur mit Hilfe der Sonne sehen“, lachte Alexander. „Heute schneiden wir den Wendekreis des Krebses, das bedeutet, wir befinden uns jetzt innerhalb dieser nördlichen und südlichen Breitengrade von jeweils 23° Grad 26' Minuten und 16' Sekunden. Toni, ich spreche von den Tropen! Warte …“ Alexander nahm Papier und Bleistift und zeichnete mit flinken Strichen die Erdkugel, fügte zwei horizontale Linien nahe dem Äquator hinzu und zeigte es seinem Freund.

„Wir befinden uns sozusagen hier.“ Alexander platzierte ein kleines Segelschiff auf die obere Linie. „Der Umstand, dass die Temperatur 28° C beträgt und wir hier eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit haben, lässt ebenfalls vermuten, dass wir uns in den Tropen befinden. Aimé! Ich habe schon auf dich gewartet. Wollen doch mal sehen … eigentlich müsste es nun möglich sein. Die Sonne steht steil im Norden, jetzt ist es Mittag.“ Alexander hielt den Kompass in der Hand und schaute in Richtung Tonis Füße. „Wie wunderbar. Schau Aimé.“

Toni sah zu seinen nackten Füßen hinunter. „Ja, nicht? Ich habe sie heute Morgen gewaschen.“

Aimé schmunzelte.

„Ach, nicht doch, Toni. Schau doch nur auf deinen Schatten. Zum ersten Mal können wir den Schatten im Süden stehen sehen. Sensationell!“ Vor lauter Freude stolperte Alexander über einen auf den Planken liegenden Matrosen. „Oh, Verzeihung.“

„Schon gut“, brummte Jules. Mit jedem Wort wippte der Zahnstocher in Jules Mundwinkel. Neben ihm lehnte Roberto mit nacktem Oberkörper an einem Fass und verknotete zwei Tampen. Er schaute zu Aimé, der eifrig Notizen machte.

„Die haben mehr zu tun als wir, was?“, lispelte Roberto.

„Das liegt nur am ‚El golfo de las damas‘“, meinte Jules.

„Ja, diese Seefahrtspassage können wahrlich vornehme Damen mit nur einer Hand am Steuer segeln“, lachte Roberto. „Einmal die Segel gestellt und der Meeresstrom führt dich ganz von alleine über den Ozean.“ Roberto löste den Knoten und probierte einen anderen aus. „Du kennst doch die Strecke Jules. Bald wird der Wind schwächer werden, dann müssen wir über jeden Windhauch dankbar sein.“ Roberto wischte sich den Schweiß von der Stirn und rutschte dem kargen Schatten hinterher.

Robertos Worte bewahrheiteten sich in den nächsten Tagen. Je mehr sie sich dem Äquator näherten, desto unbarmherziger brannte die Sonne auf das Deck. Schattenplätze wurden rar und manch einer hatte sich bereits einen Sonnenbrand geholt. Einige flüchteten in das Zwischendeck, doch auch dort war es zu stickig und zudem viel heißer, um sich dort lange aufzuhalten zu können. Kein Lüftchen wehte, die See war spiegelglatt und die Segel hingen schlaff wie nasse Laken an den Masten. Träge dümpelte die Pizarro vor sich hin.

Wenn nur etwas passieren würde, um diese eintönige Reise zu unterbrechen, dachte Toni und biss gleich zweimal von seinem Apfel ab. Am Horizont entlud sich ein Gewitter, doch der Wind, geschweige denn der abkühlende Regen, gelangte nicht bis zu ihnen herüber. Enttäuscht warf Toni seinen Apfelbutzen ins Meer und verharrte in seiner Haltung. Was ragte da aus dem Wasser? Toni kniff die Augen zusammen. Ein Monster? Nein. Aber was zum Teufel ist das? Das riesige Ding trieb träge auf ihr Schiff zu. Toni beugte sich nach vorne und hoffte dadurch etwas mehr zu erkennen. „Das … das ist unglaublich! Das muss ich Aimé und Alexander sagen!“ Toni rannte zum Niedergang.

Just in diesem Moment hatte auch Roberto das Ding entdeckt.

Toni riss die Kabinentür auf. „Ein Wrack! Ich habe ein Wrack gesehen! Ihr müsst kommen – sofort!“

„Ein … aber ist das …“ hastig schlüpfte Alexander in seine Schuhe, während Aimé bereits davoneilte. „So warte doch, Aimé!“, rief Alexander und stolperte ihm mit offenen Schuhen hinterher.

„Sapristi! Donnerwetter noch mal. Ein Wrack“, staunte Aimé.

„Großartig!“, keuchte Alexander.

Da lag es. So nah, dass man es fast hätte berühren können. Wie ein abgebrochenes Streichholz ragte der Maststumpf in die Höhe. Segel und Teile der Takelage schwammen zwischen den durchlöcherten Planken umher. Vom Bugspriet war nichts mehr zu sehen und das Steuerrad fehlte ebenfalls. Trostlos wippte das Wrack auf seiner verlorenen Reise auf und ab. Ein grüner Trauerflor aus Tang breitete sich auf dem nassen Holz aus.

„Tjaja, die Natur kann grausam sein.“ Kapitän Artajo trat zu ihnen und der Tätowierte erzählte: „Vor einigen Jahren erwischte es mich auch. Gottes Gnade schickte mir ein Schiff vorbei, das mich aufnahm. Das möchte man nicht zweimal erleben, das kann ich euch sagen.“ Der Tätowierte umkrallte die Reling, dass die Muskeln am Oberarm zuckten.

Toni lief es eiskalt den Rücken hinunter.

„Ich würde das Holz gerne untersuchen“, sagte Alexander und wandte sich an den Kapitän. „Wäre es möglich, ein Boot hinab zu lassen, um einige Proben zu entnehmen?“

„Wäre möglich – so windstill wie es ist.“

„Ausgezeichnet!“ Alexanders Augen glänzten.

„Torres!“ Artajo winkte den Bootsmann herbei und gleich darauf saßen Aimé, Alexander und Toni mit zwei Matrosen im Boot und sammelten geschäftig ein paar kleine herumschwimmende Wrackteile ein. Die komplette Besatzung verfolgte gespannt, wie die Botaniker das Schiffsgut in ihr Boot luden. Toni setzte einen Fuß auf die halb unter Wasser stehende Reling des Wracks.

„Geh bloß nicht auf das Schiff! Einen Unfall könnten wir jetzt nicht gebrauchen“, rief Artajo ihm zu.

„Er hat rescht“, riet Aimé. „Komm besser wieder rein.“

„Da! Ich sehe was“, rief Toni und beugte sich etwas weiter nach vorne. Es war nur undeutlich erkennbar, weiß, nein grau. Instinktiv tastete er nach seinem Dolch. Dieses Etwas hatte Tentakeln und bewegte sich langsam hin und her. „Iih!“ Schlagartig schnellte Toni zurück und landete unsanft im Boot. Ein Aufschrei ging durch die Menge.

„Hat er sich verletzt?“, rief Jules.

„Comment ça va? Was ist mit dir?“, fragte Aimé.

„N – nichts“, stotterte Toni, während er mit zitternder Hand seinen Hinterkopf rieb.

Aimé schielte zum Schiff hinüber, wo die Besatzung jede Bewegung von ihnen verfolgte und nickte.

„Bien, nous parlons par la suite. Später … Wir reden – später“, sagte er, drehte sich um und rief zu den anderen hinüber: „Tout et bien! Alles in Ordnung!“

„Seid nicht so faul ihr Beiden. Helft mir lieber dieses schwere Teil ins Boot zu heben.“ Alexander streckte sich nach einem besonders schönen Exemplar Treibgut aus.

„Arrête. Isch werde dir helfen.“ Vorsichtig stieg Aimé zu ihm hinüber.

Toni rappelte sich auf. Unsicher sah er zum Wrack hinüber. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. „Haben wir nicht genug an Bord? Wollen wir nicht zum Schiff zurück?“, fragte er, doch er bekam keine Antwort. Stattdessen ruderten Alexander und Aimé ein Stück weiter um das Wrack herum.

Tonis Rücken schmerzte und sein Kopf hämmerte. Er schloss die Augen und hörte, wie Alexander und Aimé die ersten Vermutungen aufstellten.

„Hm. Hier, wo es so ruhig und beständig ist, kann die Mannschaft keinen Schiffbruch erlitten haben“, überlegte Alexander und wandte sich an Aimé.

„Ich gehe davon aus, dass die Mannschaft weiter nördlich, wo es viel stürmischer ist, ein Unglück erlitten hat. Vielleicht war es sogar in einen Wirbelsturm geraten. Und anschließend wurde das Schiff dann mit der Meeresströmung in diese Gefilde hier getrieben.“ Alexander machte eine ausladende Handbewegung.

Toni, der immer noch die Augen geschlossen hatte, sah das Schiff genau vor sich. Tiefhängende Gewitterwolken, die mit rasender Geschwindigkeit direkt darauf zutrieben. Wie sich der Tag binnen Sekunden in eine stürmische Nacht verwandelte. Und plötzlich war es ihm, als wäre auch er auf diesem Schiff gewesen. Direkt über ihren Köpfen krachte der Donner wie ein Paukenschlag. Grelle Blitze durchschnitten die Dunkelheit wie göttliche Speere. Das Meer tobte, der Wind nahm zu und verwandelte sich in einen riesigen Wirbelsturm. Das Schiff tauchte in die Fluten ein und erhob sich ächzend aus dem Wellental. Fässer rollten, Segel rissen. Mühsam versuchten die Matrosen zu retten, was zu retten war. Kinder und Frauen schrien und vor ihren Augen wurde ein Mann über Bord gespült.

„Toni!“ Jemand rief nach ihm.

„Toni, hörst du misch?“

Er zuckte zusammen. „Was?“

„Ist alles in Ordnung mit dir?“

„Ähm, ja.“ Toni rieb sich die schweißnassen Hände.

Aimé musterte ihn verstohlen und sagte schließlich: „Oui, so könnte es gewesen sein, Alexander.“

Zurück in der Kabine legten sie ihre Funde aus. Alexander war damit beschäftigt, seine Eintragungen ins Notizbuch zu machen, als Aimé Toni leise fragte: „Alors, was hast du da vorhin gesehen?“

Langsam legte Toni ein Holzstück ab. „Zuerst dachte ich, es wäre eine Qualle oder irgendetwas in der Art. Doch dann sah ich, dass es, … dass es …“, Toni holte Atem, „dass es eine abgerissene Hand war.“ Er drehte sich zu Aimé um. „Es war so schrecklich!“

„Hmhm. Verstehe.“ Aimé schürzte den Mund und sagte schließlich: „Oui, das Leben kann grausam sein. Wir können nur hoffen, dass uns so etwas nischt passieren wird, n’est pas?“ Er lächelte, doch die Augen lächelten nicht mit.

Toni nickte kaum merklich. Es war wieder einer dieser Momente, in dem Aimé ihm nicht geheuer war.

Als sie den Äquator überquerten, sahen sie Sternbilder, die vollkommen fremd und exotisch für sie waren. Welch ein grandioser Moment war es für Alexander, als er das Sternbild des Schiffes Argo, die leuchtenden Magellanschen Wolken und das Kreuz des Südens erblickte. Bei dem Gedanken, dass sie bald südamerikanischen Boden betreten würden, überkam ihn eine freudige Unruhe. Wie sehr hatte er sich diese Reise herbeigesehnt.

Alexander dachte an Schloss Langweil, wie er damals ihr Schloss Tegel bei Berlin nannte. An seine strenge Mutter und den peniblen Hauslehrer, der sie stundenlang ackern ließ. Wie oft sinnierte er damals über die Geschichte des Robinson Crusoe oder die ferne Südsee. Die Entdecker und Abenteurer wirkten wie eine geheime Anziehungskraft auf ihn. In jenen Tagen wollte Alexander nur weg aus diesem tristen europäischen Leben. Er lächelte. Er konnte es noch immer nicht fassen, dass sein Traum wirklich wahr geworden war.

Schon jetzt zehrte er von seinen abenteuerlichen Erlebnissen: die englische Seeblockade, Quallen, der Garten des Marquis de Nava, die Vulkanbesteigung, das Wrack auf offener See, das Kreuz des Südens. Das Letzte, was er erlebte, war ein Schwarm fliegender Fische, die zum Teil sechs Meter hoch sprangen und auf den Planken landeten.

Aimé hatte eines dieser Exemplare zerlegt und sich über seine enorm große Schwimmblase gewundert, die mehr als die Hälfte des Körpers einnahm. Dieser Luftbehälter verlieh ihnen wohl die Leichtigkeit zum Fliegen, hatte er vermutet.

8
Gelbes Fieber

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Mittlerweile stieg die Temperatur auf unerträgliche 36° C und selbst Alexander, Aimé und Toni verfielen auf dem Sonnendeck ins müßige Nichtstun. Wie eine Horde Vieh versammelten sich die Passagiere unter einem riesigen Segeltuch, das Kapitän Artajo wie ein Dach hatte aufspannen lassen – dem einzigen Platz auf dem Schiff, der Schatten spendete. Ein kleines Lüftchen schaukelte das Schiff schlafmützig voran.

Toni hatte sich auf den Planken ausgestreckt. Sein Rücken schmerzte. Er fragte sich, wie die Matrosen tagaus tagein in der Hängematte schlafen konnten. Seine Freunde hatten es in der Kabine wesentlich besser. Sie hatten es in einigen Dingen besser als er. Alexander war wohlhabend, das hatte er schnell herausgefunden. Und Aimé? Er sah zum kleinen Franzosen, der im Sonnenstuhl lag und las. Ein Arzt war er wohl, doch seine Kleidung war nicht ganz so exklusiv wie die Alexanders. Eigentlich ergänzten sie sich gut. Alexander setzte gerne seinen Kopf durch und machte sich dadurch nicht immer Freunde. Aimé konnte ihn besänftigten, vermitteln und unterstützten.

Und was hatte er, Antonio Lopez? Er hatte nichts außer der Kleider im Seesack und den Dolch von Señor Valdez.

Den Dolch als Dank dafür, dass er ihm das Leben für zehn Minuten gerettet hatte. Toni seufzte. Ein schönes Stück war das schon, wenn auch einfach in der Anfertigung. Nicht goldverziert oder dergleichen. Mit ihm ließ sich kein Geld machen. Aber auf der Farm würde er den Dolch wohl gebrauchen können, ja. Vielleicht könnte er bei seinem Onkel tatsächlich sein Glück machen. Er konnte gut mit Tieren umgehen. Ja, vielleicht würde er irgendwann selbst eine Farm besitzen. Und dann würde er nach Spanien reisen und seine Familie nach Venezuela holen. Dann würde er in einer Kabine übernachten. Mit Bett. Allein. Nicht mit den anderen, die schnarchten, rotzten und jammerten. Unwillkürlich ging sein Blick zu seinen Schlafnachbarn. Und plötzlich wurde er einer merkwürdigen Stimmung an Deck gewahr.

„Schaut mal. Über was reden die Leute da drüben?“ Toni zeigte zu den Personen, die ihre Köpfe zusammensteckten.

„Vielleicht fragen sie sich, wann wir endlich Amerika erreichen?“, mutmaßte Alexander ohne die Augen zu öffnen.

„Non, non. Die Gesischter … Das ist etwas anderes, mon ami. Sie reden nischt …“ Aimé fuhr sich über sein schiefes Kinn. „Sie tuscheln. Seltsam. Wenn sie tuscheln, heißt das, sie wollen etwas verbergen, nischt wahr?“

Alexander öffnete gelangweilt die Augen, sah zu den Passagieren hinüber und runzelte die Stirn. „Toni, was spielt sich bei euch auf dem Zwischendeck ab? Gibt es irgendetwas, das wir wissen müssen?“

„Keine Ahnung.“ Toni zuckte mit den Schultern.

Aimé legte das Buch beiseite. „Es muss aber etwas geben, das ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Alors, streng disch an. Was könnte das sein?“

„Weiß nicht. Ach ja, ich glaube gestern ist einer krank geworden. Fieber oder so.“

„FIEBER?!“, riefen Alexander und Aimé wie aus einem Mund. Alexander setzte sich auf und betrachtete die Gruppe nun genauer. „Hm. Der eine Mann sieht in der Tat aus, als mache er sich Sorgen.“

„Ich glaube, das kranke Kind ist seines“, erklärte Toni.

„Ein krankes Kind? War der Schiffsarzt schon bei ihm? Hier gibt es doch einen Schiffsarzt, non?“

„Keine Ahnung!“, entgegnete Toni unsicher.

„Zut alors! Donnerwetter nochmal, alles was du hast, ist keine Ahnung!“, blaffte der Franzose.

„Aimé!“

„Ist doch wahr! Isch schau mir das mal an. Vielleischt kann isch helfen.“

„Ich gehe mit“, sagte Alexander entschlossen.

„Wartet!“, rief Toni.

Alexander drehte sich abrupt um.

„Nein, Toni. Du bleibst schön hier. Nicht, dass du dich noch ansteckst.“

„Aber …“

„Keine Widerrede!“

Im Zwischendeck schlug ihnen ein übler Geruch entgegen. Es roch nach Dreck und Erbrochenem. Instinktiv hielten sie sich ihre Taschentücher vor Mund und Nase.

„Da hinten.“ Aimé entdeckte das kranke Kind sofort. Das Mädchen war schweißgebadet. „Nein, nein …“, nuschelte das Kind, während es den Kopf hin- und her warf.

„Hat man dem Kind etwas gegen das Fieber gegeben?“, fragte Aimé.

Die Mutter schüttelte den Kopf und tupfte die glühende Stirn des Mädchens mit einem feuchten Tuch ab.

„Wie alt ist das Kind?“

„Elf“, flüsterte sie.

„Das sieht nischt gut aus“, murmelte Aimé und Alexander fragte: „Wird hier denn nicht geräuchert?“

Wieder schüttelte sie den Kopf.

„Aimé. Hier! Und dort!“ Alexander zeigte um sich. Die beiden stellten fest, dass noch zwei junge Spanier und Jules, der Matrose mit steigendem Fieber in ihren Kojen lagen.

„Kein Zweifel, hier herrscht das Gelbe Fieber“, flüsterte Aimé seinem Freund zu.

„Das Gelbe Fieber …“ Alexander schluckte.

„Wir müssen auf der Stelle den Kapitän fragen, welsche Maßnahmen er veranlasst hat“, sagte Aimé leise.

„Ja. Wenn sie nicht behandelt werden, wird das Fieber schon bald seinen bösartigen Charakter zeigen und sich wie der Wind auf dem Schiff ausbreiten“, murmelte Alexander. „Schnell! Zu Artajo!“ Unverzüglich kletterten sie den Niedergang hoch.

„Was ist los?“, fragte Toni, der an der Luke auf sie gewartet hatte.

Alexander und Aimé gaben ihm keine Antwort. Wortlos eilten sie zur Kapitänskajüte. Und auch diesmal musste Toni draußen bleiben.

„Warum sollte ich räuchern?“ Artajo sah die beiden Naturforscher erstaunt an.

„Warum?“ Alexander schnappte nach Luft. „Ja, waren sie denn nicht bei den Kranken unten?“, fragte er fassungslos.

„Doch doch. Ich habe dem Schiffsarzt schon Bescheid gegeben.“

„So? Und was gedenken Sie oder der Schiffsarzt zu tun?“

„Soviel ich weiß, hat er bei den Patienten einen Aderlass gemacht und Blutegel angesetzt.“

„Aderlass? Blutegel? Mon dieu!“ Aimé fuhr sich übers Gesicht. Er konnte nicht glauben, dass der Arzt mit dermaßen alten Mitteln arbeitete. „Was ist mit Chinarinde? Warum haben sie ihnen das fiebersenkende Mittel nischt gegeben?“, wollte Aimé wissen.

„Ich habe keines an Bord.“ Artajo zuckte mit den Schultern.

„Sie haben – was?“ Aimé riss die Augen auf.

„Nichts an Bord“, entgegnete der Kapitän ungerührt.

„Sie haben nischt die geringsten Vorräte an Chinarinde dabei? Nischt die kleinste Unze?“ Aimé starrte ihn ungläubig an.

Artajo fuhr sich durch den Bart, hüstelte kurz und sagte schließlich: „Nun, ich kann ihnen aus Erfahrung sagen, dass auf Postschiffen nie jemand ernstlich krank wird. Sie werden sehen, den Passagieren und dem Matrosen wird es bald wieder besser gehen.“ Er lächelte zuversichtlich.

„Sie – Sie …!“ Alexanders Gesicht lief rot an wie Klatschmohn. Er begann, seine Ärmel hoch zu rollen.

„Nicht Alexander. Lass’ uns gehen“, beschwichtigte ihn Aimé und zog ihn aus der Kabine.

„Du weißt, was das heißt, nicht wahr Aimé?“ Alexander bebte.

„Naturellement. Jetzt kann sisch das gelbe Fieber ungezügelt ausbreiten.“

Toni, der den letzten Satz gehörte hatte, wurde aschfahl. Und er musste zwischen all den Kranken im Zwischendeck schlafen. Er würde sich bestimmt anstecken. Als habe Alexander seine Gedanken gelesen, sagte er: „Du ziehst vorläufig zu uns.“

„Alexander, meinst du nischt, das geht zu weit?“, fragte Aimé vorsichtig.

„Du weißt genau wie ich, wie schnell man sich anstecken kann“, antwortete Alexander und wandte sich an Toni. „Ich bitte dich, hol deine Sachen. Jetzt!“ Alexander schaute ihn eindringlich an.

„Und wo soll ich schlafen?“

Darüber hatte Alexander nicht nachgedacht. Er sah zu den Kisten, die überall in der Kabine herumstanden. „Wir finden eine Lösung.“ Das war alles, was er dazu sagte.

Als Toni wenig später zurückkam, hatte Aimé bereits einen Strohsack auf dem Boden ausgebreitet. „Das muss dir reischen. Ist ja nur vorübergehend“, brummte er.

Toni hätte im Traum nicht gedacht, dass er so schnell in der Kabine übernachten würde.

Aimé sah zu Alexander, der mit den Fingern auf den Tisch trommelte. „Dieser Holzkopf von Kapitän! Und dieser nichtsnutzige Schiffsarzt! Man sollte beide über Bord werfen!“

Aimé holte eine Flasche Portwein hervor, füllte zwei Gläser und reichte eines davon seinem Freund. Er wusste, wie sich Alexander fühlte. Dieser Kapitän hatte keine Ahnung wie schlimm es werden könnte. Aimé nahm einen kräftigen Schluck, dann sinnierte er: „Weißt du Alexander, isch mache mir wirklisch Vorwürfe. Isch als Arzt hätte nie ohne Chinarinde abreisen dürfen. Quelle faute! Was für ein dummer Fehler. Aderlass! Blutegel! Abführmittel! Das ist doch Medizin vom allerältesten Schlag und zudem noch vollkommen nutzlos. Mehr noch – schädlisch!“ Er leerte das Glas.

„Ich hätte auch Chinarinde mitnehmen können. Zu Hause, da habe ich … Himmel noch mal!“ Alexander ballte die Hand zur Faust. „So töricht, dass wir beim Einschiffen nur unsere Instrumente im Kopf hatten! Wir machten uns mehr Sorgen um die Geräte, als um unsere Gesundheit. Das ist unverzeihlich.“

Ja, das ist unverzeihlich, dachte Aimé und schenkte ihnen ein weiteres Mal ein.

Die Nervosität an Bord wuchs noch, als am nächsten Tag bekannt wurde, dass es neue Kranke gab.

Einen älteren Matrosen und drei Sklaven hatte es erwischt. Alexander und Aimé traten zu Roberto, der die ganze Nacht bei seinem Freund Jules gewacht hatte. „Wie geht es ihm?“, fragte Aimé.

„Etwas besser. Das Fieber ist, glaube ich, gesunken“, lispelte er.

Aimé fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Wie stickig es hier ist. Hier bekommt man gar keine Luft.“

Alexander betrachtete die Hängematte, die fast unter der Decke hing. „Der arme Kerl kann sich noch nicht mal aufsetzen, wie kläglich. Und die Luft … sie zirkuliert hier gar nicht.“ Er sah um sich. Die übrigen Hängematten hingen ebenfalls so dicht unter der Decke. „Das gefällt mir nicht. Die Kranken müssen aus diesem heißen Quartier raus. Sie brauchen dringend Sauerstoff. Kommt, bringen wir sie nach oben.“

„Sollten wir nischt vorher den Kapitän um Erlaubnis fragen?“ Aimé zögerte.

„Den Kapitän fragen? Pah! Du bist Arzt, Aimé. Und Kapitän Holzkopf braucht mir nur einmal zu kommen … einmal, und …!“ Alexander ballte die Hände zu Fäusten.

„Schon gut Alexander. So beruhige disch doch!“, lenkte Aimé ein, dann wandte er sich an Roberto. „Du bist doch sein Freund: Kannst du uns behilflisch sein? Er ist an der frischen Luft besser aufgehoben.“

„Aye, Sir.“

„Toni komm, pack’ mal mit an.“

„In Ordnung. Mal sehen, wen wir noch nach oben bringen müssen.“ Alexander und Aimé gingen zum nächsten Patienten. Leider wollte keiner der Passagiere ihnen helfen. Viel zu groß war die Angst vor der Ansteckung. Der Schiffsarzt dagegen war sehr erleichtert, dass Aimé, Alexander und Toni ihn bei der Arbeit unterstützten.

An Deck ging es den Kranken allmählich besser. Jules erwachte alsbald aus seinem Fiebertraum und auch das Kind konnte gottlob wieder einen Schluck Wasser zu sich nehmen.

Völlig übermüdet gingen die Drei in ihre Kabine. Alexander wusch sich die Hände gründlich mit Seife. Dann knöpfte er das Hemd auf und schüttete sich Wasser ins Gesicht. „Hoffentlich wird keiner mehr krank. Ach, wären wir doch nur schon an Land“, seufzte er.

„Isch bete zu Gott, dass wir glimpflisch davonkommen.“ Aimé übernahm von Alexander die Seife. „Dem spanischen Passagier geht es miserabel. Er liegt im Delirium und seine Kraft lässt beständig nach. Isch glaube, er wird die nächsten Tage wohl nischt überleben.“

„Der Arme. Ich hörte, dass auch er in Kuba sein Glück machen wollte“, sagte Toni.

„Genau wie wir.“ Alexander ließ sich in die Koje fallen. Die Pizarro würde von Venezuela weiter nach Kuba fahren. Noch eine Seeetappe mit dem Holzkopf. Alexander stöhnte.

In der folgenden Nacht war das Fieber des Spaniers tatsächlich weiter gestiegen. Sein Körper glühte förmlich. Unruhig warf er sich im Fiebertraum hin und her und stammelte wirre Worte. Doch am Nachmittag des nächsten Tages wurde der Mann stiller und stiller. Dann war er tot.

Die Sonne ging gerade am Horizont auf, als ein Matrose die Totenglocke läutete. Schweigend kamen die Menschen an Deck. Toni sah in die besorgten Gesichter. Die Matrosen brachen ihre Arbeit ab und ließen sich zu einem kurzen Gebet nieder. Noch wenige Tage zuvor hatte Toni den jungen Mann lachend und gesund umhergehen sehen. Nun lag er eingewickelt in dem Stück Segeltuch auf der Planke.

Gleich darauf übergab Kapitän Artajo den Leichnam der See. Im selben Augenblick flog ein großer Vogel über das Schiff und stieß einen markerschütternden Schrei aus, als wolle er sich seiner Seele bemächtigen. Toni lief es eiskalt den Rücken hinunter.

Die Pizarro hatte ein Todesopfer zu beklagen, doch die Gefahr war vorüber.

9
Land in Sicht!

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Vier Tage später beschäftigte sich Alexander mit einem anderen Problem. Er hatte festgestellt, dass die von Artajo und dem Steuermann durchgeführten Standortberechnungen noch ungenauer waren als sonst. Sicher lag die Schuld zum Teil an den veralteten Karten, dennoch störte Alexander die schlampige Arbeit der Mannschaft gewaltig.

Der Kapitän selbst wollte es wohl nicht wahrhaben – oder es war ihm einfach egal. Und das trieb Alexander umso mehr zur Weißglut. Er konnte nicht anders, als den Holzkopf Artajo und Guilles deswegen anzusprechen. „Lieber Kapitän, werter Guilles“, Alexander verbeugte sich knapp, „nach meinen astronomischen Ortsbestimmungen, die ich täglich durchführe, weiß ich, dass wir Morgen, am 13. Juli, vor Sonnenaufgang Land sehen werden.“ Gespannt sah er die beiden an, doch sie verzogen keine Miene.

Nach ein paar Sekunden öffnete der Steuermann endlich den Mund. „Lieber Herr von Humboldt, das können sie von mir aus gerne glauben. Doch ich verlasse mich auf mein Log. Und demnach glaube ich, dass Sie mit ihrer Behauptung falsch liegen.“ Der Steuermann lächelte ruhig.

„Was heißen soll, dass wir erst in zwei oder drei Tagen Land sehen werden“, fügte Artajo mit hochmütigem Gesichtsausdruck hinzu, während er seine Jackenknöpfe polierte.

Fassungslos starrte Alexander die beiden an. Was waren das nur für Ignoranten? „Das ist nicht ihr Ernst, oder?“ Glaubte der Holzkopf tatsächlich, dass ihre Berechnungen stimmen würden? Niemals! Alexander überlegte, ob er es ihnen vorrechnen sollte, doch dann entschied er sich anders: „Ich sehe, es ist sinnlos mit Ihnen zu diskutieren. Morgen früh werden wir die Wahrheit wissen. Meine Herren …“ Alexander verbeugte sich erneut, dann verließ er schleunigst die Kapitänskajüte.

„Aimé! Stell dir vor, sie wollen es einfach nicht glauben. Diese Stümper! Ich weiß sehr genau, wo wir gerade sind und ich sage dir, wir sehen morgen Land. Ich weiß es!“ Alexander bebte.

„Naturellement. So wird es auch sein, mon ami. Mach dir nischts draus. Solschen Menschen werden wir immer wieder begegnen. Menschen, die einem nischt zuhören. Menschen, die einen nischt verstehen und Menschen, die einem nischt glauben. Isch glaube dir Alexander.“ Aimé sah zu den Vögeln, die sich in der Takelage des Schiffes ausruhten. „Vögel. Ein sicheres Zeischen für Land, nischt wahr?“ Aimé schmunzelte.

„Exakt, mein Freund. Wie kann dieser Holzkopf nur ein Schiff führen? Das ist mir unbegreiflich.“ Alexander fuhr sich mit der vor Wut zitternden Hand durch die Haare.

„Keine Ahnung, aber irgendwie schafft er das“, meinte Toni.

„Was? Irgendwie? Meiner Treu! Wo kämen wir hin, wenn ich meine Wissenschaften so irgendwie durchführen würde. Was ist das für eine gleichgültige Welt …“, verächtlich schnaubend ließ sich Alexander im Schatten nieder.

Um sechs Uhr des nächsten Morgen war es Alexander, der lächelte. Der Ruf des Matrosen hatte ihn geweckt. Es war, wie er erwartet hatte: „Land in Sicht!“

Alexander sprang aus der Koje. „Habt ihr nicht gehört? Land in Sicht! Los raus aus den Betten!“ Alexander konnte es kaum erwarten, an Deck zu kommen.

Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete er, wie sich unter einer kleinen Wolkendecke am Horizont eine blaugraue Insel hervorschälte.

„Gratulation, Alexander“, schmunzelte Aimé.

„Sagenhaft“, murmelte Toni, der von Alexanders exakter Berechnung tief beeindruckt war.

„Danke, danke! Ja, es ist tatsächlich so weit. Ich – nein wir – haben Amerika erreicht! Ich hatte ir-gend-wie recht, nicht wahr“, lachte Alexander. Sein Herz raste vor Glück.

In Windeseile füllte sich die Reling am Bug mit Reisenden. Gebannt schauten sie auf die immer größer werdende Insel. Einige bekreuzten sich, andere fielen sich glücklich um den Hals.

Doch es dauerte noch einige Stunden, bis sich vor ihnen endlich die tropische Inselwelt Tobagos ausbreitete.

„Wie schön sisch doch der weiße Strand mit seinen grünen Palmen von dem türkisblauen Meer abhebt. Magnifique! Zauberhaft“, fand Aimé. Er war froh, dass sie die lange Überfahrt hinter sich gebracht hatten.

Als das Gelbe Fieber ausgebrochen war, hatte er geglaubt, dass sie Amerika nie erreichen würden. Doch Gott hatte ein Einsehen mit ihnen gehabt und sie noch einmal verschont. Aimé bekreuzigte sich hastig. Ein kurzer Aufenthalt in Venezuela und dann sollte es weiter nach Kuba gehen. Alexander und der Holzkopf, gemeinsam auf der Pizarro. Ob das gut ging? Und ob der Kapitän in Venezuela für die Weiterfahrt Chinarinde besorgen würde? Das Fieber … Augenblicklich verkrampfte sich Aimés Magen. Wie gerne würde er das Schiff in Venezuela für immer verlassen…

„Ich habe gehört, dass die Leute nicht bis nach Kuba weiterreisen, sondern in Cumaná aussteigen. Sie wollen mit einem anderen Postschiff weiterfahren, weil sie Angst vor dem Fieber haben“, berichtete Toni.

Na, da haben wir’s, dachte Aimé. „Sollten wir das nischt auch tun, Alexander? Besser wäre es.“

„Nun, die Überlegung ist mit Sicherheit angebracht.“

„Wie lange dauert es noch, bis wir Venezuela erreichen?“, wollte Toni wissen.

„Morgen, spätestens übermorgen werden wir da sein. Du kannst es wohl kaum abwarten, was Toni?“ Alexander zwinkerte ihm zu.

Toni sagte kein Wort. Auf Onkel Hector freute er sich. Und auf die Farm. Aber wie war das Land? Wie waren die Menschen? Dort gab es nicht nur Spanier, sondern auch – Wilde. Und bestimmt gab es auch wilde Tiere. Augenblicklich fiel ihm Javier wieder ein. Würde er ihn immer noch suchen? Wenn ja, würde er ihn in dem riesigen Land finden? Alexander und Aimé reisten weiter. Forschen. Entdecken. In Kuba. Und von dort? Wie ging ihre Reise weiter? Was würden sie noch alles erleben? Bisher war es ganz schön aufregend mit ihnen gewesen.

Aimé drehte sich zu dem Jungen um. Bald waren sie wieder allein. Alexander und er. „Freust du dich nicht?“, fragte er Toni.

„Doch doch“, erwiderte er kaum hörbar.

„Isch habe schon viel von Südamerika gehört und gelesen. Es ist ein wunderbares Land und es wird dir bestimmt gut gefallen.“ Aimé sah ihn an. Hatte der Junge Angst? Vor dem Land oder seinem Onkel? Oder war er nur unsicher, was ihn erwarten würde?

„Hm, ich würde schon gerne weiter nach Kuba reisen, aber wenn das Fieber … und dieser Ignorant von …“, unterbrach Alexander Aimés Gedanken. „Aimé, was hältst du davon, wenn wir auch erst mal in Venezuela bleiben? Ein bisschen nur, nicht lange.“

„In Venezuela bleiben? Ist das wirklisch dein Ernst? Das wäre – wunderbar!“ Aimé atmete tief durch. Keine weitere Fahrt mit der Pizarro. Kein Kapitän Artajo mehr. Er sah zum Himmel und bedankte sich bei Gott dafür, dass er ihn erhört hatte.

„Und weißt du was, Aimé? Das wäre sogar sehr gut, denn so können wir sogar noch Tonis Onkel kennenlernen. Ist das nicht toll? Und anschließend kann der Junge beruhigt zur Farm weiterreisen. Was meinst du?“, wandte er sich an Toni

„Warum nicht.“ Toni zuckte mit den Schultern, dann kletterte er auf die unterste Stiege einer Want und stierte auf das Meer hinaus.

Aimé schnaufte. Onkel kennenlernen. Musste das sein?

Vorsichtig segelte der Kapitän zwischen Tobago und Trinidad hindurch. Am 14. Juli 1799 sahen sie die Insel Chacachacare und tags darauf erblickten sie gerade die hohe Küste der Insel Margarita, als der Matrose im Krähennest einige kleine Fischerboote entdeckte.

Sofort ließ Kapitän Artajo einen Kanonenschuss abfeuern, doch die Indianer ergriffen die Flucht. „Hierher! Wir tun euch nichts. So bleibt doch“, rief Artajo. Doch die Indianer konnten oder wollten ihn nicht verstehen.

Leider erschwerten nun auch noch die Untiefen des Meeres das Manövrieren und so musste Artajo zusehen, wie sich die Boote mehr und mehr entfernten.

„Also gut.“ Artajo fuhr sich nervös durch den Bart. „Wir müssen sehen, wie wir ohne die Indianer hier durchkommen.“ Er überlegte kurz, dann befahl er Steuermann Guilles: „Sie fahren mit dem Boot voraus und schauen, welcher Weg am besten ist.“

Guilles stieg gerade an der Außenwand die Stiegen zum Boot hinunter, als die zwei Pirogen abermals an der Küste auftauchten.

„Warten sie Guilles! Wir feuern erst noch einmal einen Kanonenschuss ab. Vielleicht haben wir diesmal mehr Glück. Bootsmann Torres, lassen Sie ankern“, ordnete Artajo an. Wenig später donnerte die Kanonenkugel über das Wasser, zeitgleich rasselte die Ankerkette in die Tiefe und zu guter Letzt wurde auch noch die spanische Fahne gehisst.

Die Eingeborenen schauten verunsichert herüber.

„Kommt, kommt!“ Artajo versuchte sie herbeizuwinken. Misstrauisch näherten sie sich in ihren Booten.

„Achtzehn Indianer. In der anderen Piroge sitzen sechzehn. Großartig!“, stellte Alexander begeistert fest.

„Die sind ja ganz nackt“, staunte Toni.

„Nischt ganz, immerhin tragen sie einen Gürtel“, schmunzelte Aimé.

„Seht doch nur, sie sind gar nicht so klein und schmächtig, wie man sie in den Reiseberichten beschrieben hat. Ganz im Gegenteil, sie sind geradezu groß und muskulös“, sagte Alexander, während er sein Notizbuch zückte.

Artajo rief ihnen auf Spanisch einige Begrüßungsfloskeln zu. Und tatsächlich, es wirkte. Gleich darauf kletterten die Indianer flink an Bord. Der Kapitän ging auf den Anführer zu und im nächsten Moment waren Carlos del Pion, wie sich der Indianer nannte, und der Kapitän auch schon in ein angeregtes Gespräch vertieft.

„Meiner Treu! Sie sprechen erstaunlich gut spanisch, was Aimé. Das erleichtert unsere Arbeit außerordentlich.“

„Sie haben sich anscheinend alle spanische Namen zugelegt. Très bizarre. Sehr außergewöhnlich.“

Alexander beäugte den Bootsinhalt. „Schau nur, welch Reichtümer sie in den Booten liegen haben. Hier, die großen Bananenbüschel. Eine Kalebasse. Wenn ich mich nicht irre, werden die kleinen getrockneten Kürbisse als Trinkgefäße benutzt. Sensationell!“ Alexanders Augen strahlten vor Glück. „Ich kann mich gar nicht satt sehen an der Küste, den Menschen und all den Dingen.“

Neugierig schlenderte Alexander zu Carlos, dem Indianer. Aimé folgt ihm auf dem Fuß. Aber Toni blieb sicherheitshalber auf Abstand. Ob auf der Hato auch wilde Indianer lebten?

„Du bist Carlos, nicht wahr? Ich heiße Alexander.“ Er verbeugte sich und der Indianer nickte.

„Mein Freund Aimé und ich“, er zeigte auf Aimé, der nun einen Schritt nach vorne trat, „sind Botaniker. Ähm, wir lieben die Tiere und die Pflanzen, verstehst du?“

Der Indianer nickte wieder.

„Warum seid ihr vor uns geflohen?“

„Wir dachten, ihr seid Engländer“, erklärte Carlos.

„Von welchem Stamm seid ihr?“, wollte Aimé wissen.

„Guaykari. Letzte Nacht haben wir Cumaná verlassen, um von der Insel Zedernholz zu holen.“

Jetzt trat auch Toni herbei. Er betrachtete den Indianer genauer. Seine glatten, blauschwarzen Haare waren gleichmäßig rund um den Kopf geschnitten. Die dunklen Augen strahlten eine außergewöhnliche Ruhe aus.

„Ca c’est quoi? Was ist das hier? Ist das von einem Tier?“, fragte Aimé und deutete auf ein geriffeltes Objekt.

„Ist das nicht ein Schuppenpanzer von einem Gürteltier?“

„Si, si. Cachicamo“, lächelte der Indianer.

„Sag ich doch, Gürteltier“, lachte Alexander.

„Hier. Kannst du haben.“ Carlos reichte ihnen frische Fische und Kokosnüsse.

„Wundervoll. Besten Dank, Carlos. Da, dieser fliegende Fisch, seht nur, welch schöne Farbe er hat“, rief Alexander.

Carlos öffnete eine Kokosnuss und reichte sie Toni. „Hier, trink!“

„Ähm, danke. Ist da was drin?“ Vorsichtig nippte Toni an der Kokosnuss. Augenblicklich schmeckte er die süße Flüssigkeit. Seine Augen wurden groß. Er nahm einen weiteren Schluck und einen Sekundenbruchteil später war sie leer. Toni wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab. „Mensch, ist das lecker!“

„Kann ich haben?“ Carlos nahm ihm die Nuss ab und schlug sie in zwei Teile. „Jetzt kannst du das hier essen.“

Mit Begeisterung machte sich Toni über das Kokosfleisch her. Als bekäme er nicht genug, kratzte er mit seinem Dolch auch noch das kleinste bisschen Kokos aus der Schale heraus.

Aimé staunte. Carlos stupste ihn sanft und reichte ihm mit breitem Lächeln ebenfalls eine Kokosnuss.

„Die großen Schiffe – nicht einfach zu fahren. Kann euch nach Cumaná bringen“, schlug Carlos vor. „Ich schon öfters Schiffe in den Hafen gebracht.“

„Das hast du? Warte, das muss ich dem Holzkopf sagen.“ Sofort suchte Alexander nach Artajo und fand ihn wenige Meter weiter vorne bei der Begutachtung diverser Fische. „Kapitän! Carlos bietet sich als Lotse an!“

„So?“ Neugierig trat Artajo zu ihnen. „Sie würden uns bis nach Cumaná bringen?“

Carlos nickte.

„Das ist – sehr nett. Also gut. Ich nehme dankend an. Danke. Dann segeln wir mal los, was?“ Artajo huschte ein kurzes Lächeln übers Gesicht und er gab umgehend Befehl zum Ankerlichten.

Die Sonne stand schon tief, als sie Richtung Cumaná segelten. Doch die Fahrt durch die Untiefen war mühsam und so kam Cumaná erst beim Einbruch der Nacht in Sicht.

Obwohl sie Carlos an Bord hatten, entschied der Kapitän erst im Morgengrauen, in den Hafen Cumanás einzulaufen und so ließ er auf der Reede den Anker werfen.

Die Passagiere waren freudig nervös. Keiner fand in den Schlaf. Alle wollten sie die wunderbare Luft und den Ausblick auf Cumaná genießen. Auch die drei Freunde hatten es sich gemeinsam mit Carlos auf dem Deck bequem gemacht.

„Möchtest du uns von deinem Land erzählen? Ich habe schon gesehen, dass es bei euch Gürteltiere gibt, aber was gibt es noch?“

„Hm. Bei uns gibt es Bavas und viele Schlangen.“

„Bavas?“

„Ja, sie leben am Wasser. Haben ein großes Maul mit scharfen Zähnen.“ Carlos malte in die Luft den Umriss des Tieres.

„Krokodile, es könnten Krokodile sein“, vermutete Aimé.

„Si, Señor. Krokodile. Ganz viele. Kleinere Bavas. Große starke Krokodile“, nickte er.

„Und die Schlangen?“, wollte Toni wissen.

„Si, Schlangen mit Biss.“ Carlos krümmte Zeigefinger und Mittelfinger, grub sie mit den Fingernägeln in seinen Arm und machte ein leidendes Gesicht dazu.

„Er meint Giftschlangen“, freute sich Alexander. Nun nahm Carlos ein Tauende und wickelte es um Tonis Oberkörper und Hals. „Schlange“, erklärte Carlos und zog das Tau am Hals etwas fester, so dass Toni zu Husten begann.

„Und das ist eine Würgeschlange“, rief Alexander begeistert.

„Oh, isch muss mein Notizbuch holen.“ Aimé sauste in die Kabine.

Carlos wickelte das Tau wieder ab, maß drei Schritte und bildete eine Faust. „So lang, so dick.“

„Was für ein Exemplar. Sensationell! Das muss ich sehen. Das muss ich unbedingt sehen!“

„Ich nicht.“ Toni rieb sich den roten Hals.

Die halbe Nacht lauschten sie Carlos. Er berichtete vom Temblador, dem elektrischen Aal, der mit seinen Stromschlägen ein Pferd töten konnte, Affen und Papageien. Und von Schweinen, die im Wasser lebten.

Die Urwälder mussten riesig sein, die Flüsse so breit, dass man das andere Ufer nicht sehen konnte. Reißende Wasserfälle, die Boote verschluckten und von einem Gebirge mit spürbarer Kälte. Er erzählte von bunt bemalten Menschen, die Erde aßen oder von Steinen, die sich von allein fortbewegten.

Alexander schrieb, ohne müde zu werden. Nur Aimé und Toni schliefen irgendwann völlig erschöpft in ihren Sonnenstühlen auf Deck ein.

Alexanders Herz zersprang fast vor Freude und Ungeduld. In dieser Nacht machte er kein Auge zu. Immer wieder malte er sich aus, wie sie durch die umliegenden Wälder von Cumaná zogen und sich all die wundersamen Tiere anschauten, Pflanzen sammelten und vielerlei Messungen vornahmen. Noch war ihm nicht bewusst, dass die Tiere in einem unendlich weiten Gebiet, tief im Hinterland von Cumaná lebten.

Bei Tagesanbruch stand Alexander an der Reling. Welch eine Farbenpracht erwartete ihn. Das smaragdgrüne Wasser traf auf den leuchtend weißen Strand, die Küste erstrahlte in den herrlichsten Grüntönen unter einem ausgesprochen blauen Himmel. Die langen dunkelgrünen Blätter hoher Kokospalmen wogen sachte im Wind, als winkten sie ihnen zu. Am Ufer erkannte er Flamingos, Pelikane und plumpe Albatrosse. Er entdeckte Büsche von Kassien und Kapernsträuche.

Alexander war überwältigt von der Großartigkeit der tropischen Natur. Er sah nach Cumaná mit seiner spanischen Festung hinüber. Und zu den dahinter liegenden, dicht mit Urwald bewachsenen Bergen. So früh am Morgen waren sie hier und da noch mit einem leichten Wolkenschleier bedeckt.

Nach und nach brachten die Reisenden ihr Gepäck an Deck.

Sie tuschelten aufgeregt, wie kleine Kinder an ihrem Geburtstag.

Und die wenigen Kranken schauten hoffnungsvoll auf das Land, das ihren Leiden endlich ein Ende setzen würde.

Der Kapitän ließ den Anker lichten und Segel setzen und um neun Uhr lagen sie schließlich im Hafen.

Toni kaute auf der Unterlippe. „Alexander?“

„Ja? Ah, da kommt ja Aimé, der Langschläfer“, lachte Alexander und wandte sich wieder an Toni. „Du wolltest mich was fragen?“

„Ach, nicht so wichtig“, murmelte Toni. „Es würde eh nicht funktionieren.“

Alexander zog eine Augenbraue hoch und ehe er nachhaken konnte, ertönte hinter ihm eine dunkle Stimme: „Ihre Schiffspapiere, bitte.“ Es war der Hafenbeamte. An Land. Sie durften endlich an Land gehen.

„Himmel noch mal! Unser Gepäck“, rief Alexander. „Schnell, wir müssen packen!“

Am 16. Juni 1799 betraten sie nach 22 Tagen Überfahrt südamerikanischen Boden.

10
Cumaná, Venezuela

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Kaum hatte Alexander den Strand betreten, kniete er auch schon nieder. Er klappte seine Ledertasche auf, zog das Thermometer hervor und steckte es in den weißen Sand. „Exakt 37,7 °C Bodentemperatur. Unglaublich“, notierte Alexander.

Nur ein paar Meter weiter ließ Toni den Seesack fallen und wartete darauf, dass sein Onkel Hector ihn abholen kam. Er schwitzte. Die Luft an Land war viel feuchter als auf dem Meer und der kühlende Wind fehlte. Nervös wendete er den Brief in den Händen, während er nach einer Person suchte, die seinem Vater ähnelte.

„Wenn du so weitermachst, ist der Brief bald ganz zerknittert“, bemerkte Aimé schmunzelnd.

Alexander trat zu ihnen. „Und wo ist nun dein Onkel?“

„Weiß nicht.“ Vielleicht kommt er gar nicht, dachte Toni. Und dann?

„Ist das Hector?“ Aimé zeigte auf einen großen schwarzhaarigen Mann mittleren Alters, der suchend um sich sah.

„Das glaub ich kaum. Der ist zu jung.“

Doch genau dieser Mann kam auf sie zu. „Toni?“, fragte er unsicher.

„Onkel Hector?“

„Nein nein.“ Er lachte. Seine Zähne strahlten weiß und makellos. "Ich bin Matias. Matias Yturbiri. Ich soll dich von deinem Onkel grüßen.“

„Wo ist er?“

„Hector kann dich leider nicht abholen. Er hat sich bei einem Reitunfall das Bein gebrochen. Deshalb bin ich hier. Ich bin der Besitzer der Hato.“

„Aha.“ Toni überlegte, ob er sich dem Fremden anvertrauen sollte.

„Ähm, leider können wir nicht sofort zu deinem Onkel aufbrechen. Ich muss hier noch einige Dinge erledigen. Einkaufen, Briefe abschicken, Leute besuchen. Geschäfte eben. Du verstehst? Anschließend reiten wir gemeinsam zurück, ja?“ Matias fuhr sich durch das schwarze Haar.

Toni überlegte. War er nicht zu jung, um eine Hato zu führen? Was, wenn das Gesagte gar nicht stimmte? Vielleicht hatte sich sein Onkel gar nicht verletzt, sondern dieser Kerl hatte Hector auf dem Weg nach Cumaná umgebracht? Keiner konnte das beweisen. „Na ja …“ Toni sah zu Alexander.

Dieser spürte Tonis Hilflosigkeit. „Einen Augenblick bitte. Ich habe da eine Idee.“ Alexander zog Aimé beiseite.

Toni hörte nicht, was sie redeten. Doch Aimés Gesichtsausdruck ließ ihn vermuten, dass ihm Alexanders Idee missfiel. Doch Alexander redete unverdrossen weiter. Aimés Mund war nur noch ein Strich. Sein Kinn zuckte unaufhörlich. Er warf einen kritischen Blick auf Matias und schließlich nickte er. Alexander drehte sich so abrupt um, dass ihm der Taschengurt von der Schulter rutschte. Er räusperte sich ausgiebig und lächelte Toni zu. So sag doch schon, dachte Toni, der vor Neugier fast platzte. „Nun Toni, was würdest du davon halten, wenn wir dich bis zur Hato begleiten?“

Toni klappte der Unterkiefer herunter.

„Ich dachte, ein kleiner Ausflug ins Hinterland könnte uns nicht schaden.“ Alexander sah ihn abwartend an.

„Ihr meint, ihr würdet …?“ Toni glaubte es nicht.

„Nun, die Gegend ist bestimmt einen Abstecher wert, oder etwa nicht Matias? Selbstverständlich nur, wenn Sie nichts gegen unsere Begleitung haben.“ Alexander sah ihn fragend an.

„Hm, sicher. Na ja, warum nicht.“ Matias kratzte sich am Hinterkopf. „Ja ja, das Land ist wunderbar. Gleich hinter der Stadt beginnt der Dschungel. Ihr könntet das Kloster Caripe besuchen und da gibt es noch eine riesige Höhle mit abertausenden von Vögeln. Falls euch so etwas interessiert.“ „So etwas interessiert uns enorm!“ Alexander strahlte.

„Wir haben auch wilde Tiere – Jaguare und so. Ja, es … es wäre schön, wenn ihr mitkommen würdet.“ Abermals huschte ein kurzes Lächeln über sein Gesicht.

„Das hört sich wundervoll an. Na? Einverstanden Toni?“

„Einverstanden.“ Toni fiel ein Stein vom Herzen.

Aimé fuhr sich über sein schiefes Kinn. Jetzt hatte er den Kerl immer noch am Hosenbein! Nahm das denn überhaupt kein Ende?

„Gut. Dann können wir ja jetzt gehen. Komm Toni“, sagte Matias.

Doch Toni zögerte, was Alexander abermals nicht verborgen blieb.

„Was ich noch sagen wollte, mein lieber Matias: Wir werden ebenfalls in Cumaná wohnen und noch einige Exkursionen in der Gegend machen. Es ist so: Toni hat sich mittlerweile als unser Assistent sehr bewährt und wir würden uns freuen, wenn er uns weiterhin unterstützen könnte. Sozusagen bis zur Hato. Natürlich nur, wenn er das möchte.“

„Das würde ich gerne. Wirklich. Ja, sehr gerne!“, freute sich Toni.

„Na ja, wenn Toni das möchte, habe ich nichts dagegen“, murmelte Matias.

„Danke!“ Toni fiel Alexander um den Hals.

„Oh, ähm, ist ja gut, mein Junge“, stotterte Alexander. Er tätschelte ihm kurz den Rücken, dann schob er ihn schnell von sich.

„Baron von Humboldt! Hallo …!“ Kapitän Artajo kam eilends auf die kleine Gruppe zugerannt. „Meine Herren, ich bin auf dem Weg zum spanischen Provinzgouverneur Don Vincente Emparán. Sagten Sie nicht, dass Sie sich bei ihm vorstellen müssen? Ich bringe sie hin, wenn Sie möchten.“

Was war der Holzkopf auf einmal so freundlich, staunte Alexander. „Der Provinzgouverneur? Stimmt, das hätte ich fast vergessen. Also, wenn sie den Weg kennen, kommen wir natürlich gerne gleich mit. Sehr liebenswürdig von Ihnen.“ Er wandte sich an Matias. „Tja, also …“

„Dann trennen sich wohl unsere Wege jetzt. Hier mein Junge, ich gebe dir meine Adresse, in der ich in Cumaná zu erreichen bin. So bleiben wir in Kontakt. Und ich melde mich bei Emparán, wenn ich meine Geschäfte erledigt habe. Ist das recht?“ Matias reichte ihm einen fleckigen Zettel.

„Perfekt, danke.“

„Also dann, hasta pronto. Bis bald“, verabschiedete er sich, drehte sich um und zog mit seinen beiden Maultieren davon.

Toni atmete erleichtert auf. Die Zeit für den befürchteten Abschied war demnach noch nicht gekommen. Er freute sich sehr, dass er noch etwas bei seinen Freunden verweilen konnte. Toni nahm den Seesack, warf ihn über die Schulter und folgte Kapitän Artajo, Alexander und Aimé auf den Weg in die Vorstadt von Cumaná.

Schneller als ihm lieb war, hatten sie das Haus des Gouverneurs Emparán erreicht.

Selbst bei dieser Hitze trug Emparán eine weiße Perücke. Vielleicht auch nur, um seine Gäste zu beeindrucken, vermutete Aimé. Die Perücke betonte seine hohe Stirn und ließ sein Gesicht noch länger wirken als es war. Emparáns Augen waren tiefblau wie ein See und die Augenbrauen verrieten, dass sich unter der Perücke braune Haare verbargen.

Don Vincente Emparán staunte nicht schlecht, als er Alexanders Papiere las. Eine Sondergenehmigung des spanischen Königs erlaubte dem Barón Federico Alejandro de Humboldt, einer ausländischen Privatperson, in die spanischen Kolonien zu reisen – und zu forschen? So eine Genehmigung hatte Emparán in seinem ganzen Leben noch nie gesehen. Er versprach ihnen, dass er all ihre Wege in seinem Land für sie ebnen würde. Das ist doch mal ein guter Start, dachte Alexander.

Erstaunlicherweise kannte sich Emparán im Naturreich auch ein wenig aus. Nach einem kurzen, aber anregenden Gespräch über den südlichen Sternenhimmel nahm Alexander die Adresse und die Schlüssel ihres Hauses entgegen.

Es war ein sehr geräumiges Haus am zentralen Platz der Stadt und ideal, um ungestört arbeiten zu können.

Alexander öffnete die Fensterläden. Licht durchflutete den Raum. Augenblicklich sog er die laue Luft ein. „Ah, wunderbar. Jetzt am Abend weht endlich ein kühler Seewind.“

„Ja, endlisch.“ Aimé öffnete das völlig verschwitzte Hemd. „Sieh nur, die Fenster haben überhaupt keine Scheiben. Noch nischt einmal Papier wird hier aufgespannt. Bizarr“, wunderte er sich.

„Bei der Hitze ist das auch gar nicht nötig.“ Alexander holte den Chronometer hervor. „Die anderen Instrumente müssten bald eintreffen. Hoffentlich ist keines kaputt. Nun, bis die Sachen kommen, kann ich die Zeit nutzen, um Briefe zu schreiben.“

Briefe. Für einen Brief benötigte Alexander gleich mehrere Blätter. Was schrieb er da nur alles hinein, fragte sich Toni. Und an wen gingen die? Hatte er so viele Freunde? Das wüsste er gerne. Doch jedes Mal wenn er ihn fragen wollte, war sein Freund so ins Schreiben vertieft, dass er sich nicht zu unterbrechen traute. Und anschließend hatte er es wieder vergessen.

Toni legte seine Tasche ab und sah sich um. Das Zimmer war nur spärlich eingerichtet. Es bestand nur aus Tischen, Stühlen und Schränken. Gedankenlos strich Toni mit dem Finger über die eingestaubte Kommode. Dann ging er ins andere Zimmer hinüber, in dem sich ein großes Himmelbett mit gedrehten Säulen befand. Zudem noch ein Schrank und ein kleiner Frisiertisch mit Hocker, mehr nicht. So viel Platz – nur für sie. Er musste an die kleine Hütte denken, in der sie zu acht gehaust hatten. In dem sich drei Kinder ein schmales Bett teilten. Im nächsten Schlafzimmer standen zwei Betten, der Rest war ähnlich. Keine Hängematte. Ein Bett für ihn ganz allein!

„Ah, da kommt ja meine Sammlung“, hörte er Alexander sagen. „Ja, dorthin bitte. Bravo.“

Schwere Schritte waren zu hören. Dann wurde etwas über den Boden geschoben. Toni betrat den Raum: „Die Instrumente?“

„Ja. Wollen doch mal sehen, ob alles da ist …“

Zuerst überprüfte Alexander die Geräte, erst danach kümmerte er sich um seine Kleider.

Es war schon später Nachmittag, als er den Schrank öffnete. Wie dunkel und leer, dachte er und erinnerte sich auf der Stelle an die qualvolle Zeit auf Schloss Langweil. Sein großer Bruder Wilhelm hatte sich einen Spaß daraus gemacht, ihn in den Schrank zu sperren. Nicht für einen kurzen Moment, sondern für den ganzen Tag. Keiner war da, der ihn befreien konnte. Auch seine Mutter nicht. Alexander warf die Türen zu und beschloss, die Kleider später einzuräumen.

Emparán hatte ihnen nicht nur ein Haus, sondern zugleich eine Haushälterin vermittelt. Die Drei hatten nicht bemerkt, dass Maria in der Küche hantierte. Erst als der Duft durch das Haus zog und die kleine dunkelhäutige Frau kurz darauf mit dem Tablett voller Essen erschien war, wurden sie ihnen gewahr. Marias Essen schmeckte köstlich und sie schlugen zu, als hätten sie eine Woche lang hungern müssen.

Keine halbe Stunde später hingen sie mit vollen Bäuchen und schläfrigen Augen auf den Stühlen. Jetzt machte sich der Schlafmangel der letzten Tage bemerkbar. Alexander gähnte. „Wir sollten uns ausruhen. Morgen würde ich gerne einen Rundgang durch die Stadt machen. Vielleicht können wir auch einen kurzen Blick in den Dschungel werfen.“

„Rundgang, Dschungel – gut“, antwortete Aimé apathisch.

„Bin dabei“, murmelte Toni, während er sich die Augen rieb und schon fast eingeschlafen war.

11
Auf Erkundungstour

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In der Frühe wurde Aimé von einem seltsam fremden Gesang geweckt. Er schlug die Decke zurück und ging auf leisen Sohlen zum Fenster. Im Baum gegenüber entdeckte er einen kleinen Vogel mit scharlachrotem Federkleid und Federhaube. Er fragte sich, was das Vögelchen mit seinen abwechselnden Pfeif- und Flötentönen wohl bezweckte. Bestimmt wollte er einem Weibchen imponieren. Vorsichtig streckte er seinen Kopf noch etwas weiter hinaus und prompt stieg ihm ein atemberaubender Blütenduft in die Nase. Da! Das Weibchen. Er hatte es gewusst. Im nächsten Augenblick flatterten sie davon. Ob er sie erschreckt hatte oder ob sie wegen der laut kreischenden Papageien die Flucht ergriffen hatten, konnte er nicht sagen. Aimé fühlte sich wie im Paradies.

Er sah zu Alexander und Toni, die noch immer tief und fest schlummerten. Die letzten Tage waren anstrengend gewesen. Aimé gönnte ihnen den Schlaf und so war der Morgen schon halb vorüber, als sie endlich zu ihrem Ausflug aufbrachen.

„Ich bin gespannt, was wir heute alles entdecken werden. Habt ihr auch alles eingepackt? Thermometer, Chronometer, Notizbuch, Lupe und –“

„Mais oui, Alexander. Viens! Komm endlisch. Lass uns gehen.“ Ungeduldig überholte Aimé seinen Freund, doch gleich darauf blieb er wie angewurzelt stehen. Auf dem gegenüberliegenden Platz hatten sich etliche Menschen versammelt. Männer in feinen Anzügen und sommerlichen Hüten liefen geschäftig umher. Hier und da wurden sie von ihren Frauen begleitet.

„Oh, es scheint Markt zu sein“, stellte Toni fest.

„Oui, aber ein Markt der anderen Art. Sieh nur, der Sklave dort kam auch mit der Pizarro hier an.“ Aimé zeigte auf den muskulösen Afrikaner, dessen Haut tiefbraun schimmerte. Ein Mann im beigefarbenen Anzug und Spazierstock trat auf den Afrikaner zu, riss ihm den Mund auf und betrachtete fachmännisch dessen Zähne. Anschließend musterte er Hände, Arme und Beine. Barfuß und mit betrübtem Gesicht ließ der Sklave die ausführlichen Musterungen über sich ergehen. Zwei Frauen mit spitzenbesetzten Sonnenschirmen beobachteten die Situation äußerst amüsiert.

„Ein Sklavenmarkt! Direkt vor unserer Haustür? Das ist ja – widerlich!“ Entsetzt sah Alexander zu den hochnäsigen Käufern, dann zu den Sklaven, die allesamt nach Kokosöl dufteten. Manche von ihnen waren gerade mal so alt wie Toni. Keiner jedoch war älter als zwanzig. Alexander seufzte. „Eigentlich dachte ich, dass die Zeiten des Sklavenhandels längst vorbei sind. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – der Wahlspruch der Französischen Revolution ist bei den Kolonialherren hier anscheinend immer noch nicht angekommen.“ Ein dicker Herr mit Zigarre im Mundwinkel drehte sich zu ihm um.

„Scht, Alexander. Nischt so laut“, versuchte Aimé ihn zu beruhigen.

„Nein Aimé, das bin ich nicht! Mit dem feinen Pinkel da nehme ich es allemal auf!“ Der Dicke sah ihn feindselig an.

„C’est sufffit, Alexander. Genug!“ Aimé zog seinen Freund weiter, denn der Dicke war ihnen schon bedrohlich nahe gekommen.

„Eine Schande ist das!“, rief Alexander.

„Was ist hier eine Schande?“, knurrte der Dicke, der mittlerweile bei ihnen angekommen war und mit seinen Wurstfingern auf sie zeigte.

„Sklaven zu halten, das ist eine Schande! Sie, Sie … Sklavenhändler, Sie!“, polterte Alexander.

Aimé rollte mit den Augen.

Das Gesicht des Dicken nahm eine rote Farbe an und dann schlug er auch schon zu.

„Alexander!“, riefen Toni und Aimé wie aus einem Mund.

Er taumelte nach hinten. Der Schlag hatte gesessen. Aimé zog seinen Freund schnell weiter.

„Er hat mich getroffen!“, schnaubte Alexander.

„Sehr gut sogar“, sagte Aimé.

„Los, weiter", drängelte Toni, der keine Lust auf Streitereien hatte.

Er wusste, dass die Stimmung schnell kippen konnte. Auf dem Markt in La Coruña hatten sich mal zwei Händler in die Haare bekommen und kurz darauf kämpfte jeder gegen jeden. Frauen hatten sich gegenseitig an den Haaren gezogen und auch er hatte – warum auch immer – einen Schlag an der Backe abbekommen. Hinterher wusste niemand mehr, worum es in dem Streit überhaupt gegangen war. Und Toni hatte keine Lust auf eine Wiederholung. Er sah sich nach dem Dicken um, der immer noch seine Finger knetete und ihnen grimmig hinterher schaute. Sie legten einen Zahn zu.

„Wie auf einem Viehmarkt ist das …“, blaffte Alexander, doch das hörte der Dicke zum Glück nicht mehr.

Alexanders Auge war ziemlich geschwollen und es zeichnete sich ab, dass es in Kürze blau sein würde. Nichtsdestotrotz verflog seine schlechte Laune sofort, als er die beeindruckenden Bauten von Cumaná betrachtete. Erstaunt stellte er fest, dass es zwar zwei Kirchen und zwei Klöster gab, jedoch keinen einzigen dazugehörigen Glockenturm, geschweige denn irgendeine Kuppel.

Das Schauspielhaus überraschte ihn noch mehr, denn es hatte noch nicht einmal ein Dach. Was Aimé zu der Annahme veranlasste, dass es im Glanze des Sternenhimmels bestimmt eine atemberaubende Atmosphäre ergäbe.

Das von Carlos erwähnte Erdbeben hatte selbstverständlich auch in der Innenstadt gewütet. Überall sahen sie neu erbaute Steinhäuser, die von jungen Kokosnusspalmen und Tamarindenbäumen gesäumt waren. Und wieder einmal erreichten sie das Ufer des Rio Manzanares.

Südlich der Brücke entdeckten sie einige Melkereien, die von grünem Weideland umgeben waren. Weiter abseits des Flusses jedoch, war es schnell staubig und karg.

Unterwegs trafen sie auf ein paar Truthahngeier und Kolibris. Toni fand, dass die Geier mit ihrem kahlen, roten Köpfen ziemlich hässlich aussahen. Die kleinen, farbenprächtigen Kolibris waren da schon eher etwas fürs Auge. Aimé zeichnete sie alle, ob hübsch oder hässlich.

„Unser nächstes Ziel ist das Fort San Antonio. Ich habe gehört, es habe eine sternförmige Wehrkonstruktion. Bestimmt sehr eindrucksvoll. Und bestimmt entdecken wir auf dem Weg dorthin noch einige Pflanzen und Tiere. Lasst uns keine Zeit verlieren, los.“

Toni sah Alexander hinterher. Er bewunderte ihn für seine Ausdauer und seinen Willen. Noch nie hatte er jemanden kennengelernt, der so darauf brannte, die Natur zu erforschen.

Nach der Besichtigung des Forts ging es umgehend hinab zu den Ruinen des alten Schlosses Santa Maria. Tonis Beine schmerzten, er war müde, also forderte er eine Pause ein.

„Was?“ Alexander drehte sich abrupt zu ihm um.

„Pause. Bitte! Ich brauche eine Pause. Außerdem hat man von hier einen guten Ausblick. Schau doch!“ Toni lächelte matt.

Alexander ließ sein Blick über die Stadt, den Fluss und das Meer schweifen. Die tief stehende Sonne färbte den Abendhimmel rot. In weiter Ferne hoben sich die hohen Berggipfel der Insel Margarita dunkel über der Felsenküste von Araya ab und ein kühler Wind streifte vom Meer zu ihnen herüber. „Nun, in der Tat hat man von hier einen herrlichen Ausblick. Na ja, also gut. Machen wir eine Pause.“

„Ah, ca c’est bon. Das tut gut!“ Aimé setzte sich auf den großen Felsen.

Erleichtert ließ sich Toni unterhalb von Aimé im dürren Gras nieder. Aimé holte eine Trinkflasche hervor, nahm zwei große Schlucke und reichte sie Toni.

„Hmmm! Danke.“ Toni streckte seine Beine aus. Er fragte sich, wie es wohl Onkel Hectors Bein ging. Ob es im Hinterland überhaupt einen guten Arzt gab? Was, wenn nicht?

„Bleib ganz ruhig, wir werden dir helfen“, flüsterte Alexander.

„Was?“ Konnte Alexander Gedanken lesen? Erstaunt sah Toni seinen Freund an.

Der jedoch sah nicht ihn an, sondern starrte völlig gebannt auf Tonis Füße. Zugleich tastete er nach einem langen Stock neben ihm.

Im selben Moment ertönte ein feines Rasseln und auf Tonis linkem Fuß spürte er eine Bewegung. Er schluckte.

„Nischt bewegen“, flüsterte Aimé.

Toni spürte, wie etwas langsam auf sein Hosenbein kroch und unvermittelt innehielt. Besser er sah nicht hin. Wieder ertönte das Rasseln. „Bitte, helft mir“, wisperte Toni, während er mit zusammengekniffenen Augen nach seinem Dolch tastete. Sollte er ihn herausnehmen? Nein, er durfte sich nicht bewegen.

„Ganz ruhig, Toni. Ich versuche die Schlange wegzuschleudern.“

„Schlange??!!“

„Scht! Du musst stillhalten. Wenn du dich bewegst, schlägt sie zu“, raunte Alexander, während er im Zeitlupentempo einen Schritt näher kam und den Stock auf das Bein des Jungen legte.

Auf Tonis Stirn sammelten sich Schweißtropfen, seine Hände waren feucht und er musste aufpassen, dass er nicht zu Zittern anfing. Er spürte, wie die Schlange ihre Reise ein klein wenig fortsetzte. Er hoffte inständig, dass sie über Alexanders Stock kroch. Noch immer wagte er es nicht hinzusehen. Toni presste den Mund zusammen.

„Jetzt“, flüsterte Aimé und umgehend schleuderte Alexander die Schlange im hohen Bogen davon.

„Bravo!“ Aimé klatschte vor Begeisterung in die Hände, während Toni wie ein Häufchen Elend da saß, unfähig sich zu bewegen. „Danke“, keuchte er.

Alexander lächelte. Er warf den Stock ins Gebüsch, streckte seinen Rücken durch und rieb sich zufrieden die Hände. „Nichts zu danken. Nur schade drum. Es war ein wunderschönes Exemplar. Jetzt ist sie weg.“

„Ja, schade drum“, wiederholte Toni gequält.

„Komm, mein Junge“, Alexander reichte Toni die Hand. „Besser du stehst auf, bevor dich die nächste Schlange besucht.“

„Nächste Schlange?“

„Natürlich. Das scheint eine beliebte Stelle für Schlangen zu sein. Schau, hier kriecht eine Korallenschlange unter dem Felsen hervor. Ich schätze, sie ist einen Meter lang. Sie hat übrigens auch gute Giftzähne und ein wirklich bezauberndes Muster.“ Alexander öffnete das Notizbuch.

„Wenn du meinst …“ Toni konnte Alexanders Begeisterung nicht ganz so euphorisch teilen. Aus sicherem Abstand betrachtete er das schwarzrot gestreifte Tier, denn auf eine weitere Bekanntschaft konnte er gut verzichten.

„Kein Wunder, dass die Schlangen jetzt rauskommen Alexander, die Dämmerung zieht auf. Wir sollten besser zurückgehen, bevor es ganz dunkel ist“, schlug Aimé vor.

Tatsächlich konnte man kaum noch die Hand vor Augen sehen und Toni war froh, dass der heutige Ausflug hiermit für beendet erklärt wurde.

In der Nacht träumte Toni von Schlangen – und Javier. Mit einer Peitsche trieb der Neffe ihn in einen abgestandenen Tümpel. Das Wasser war trübe, mehrmals rutschte er aus, sodass sein Kopf unter Wasser kam. In seinen Kleidern und Haaren hingen schleimgrüne Algen und plötzlich spürte er, wie etwas Glattes und Langes seinen Oberkörper umschlang. Auf einmal konnte er seine Hände nicht mehr bewegen. Eine riesige Schlange hatte ihn gefangen! Seine Brust schmerzte, als stünde ein Pferd auf ihm. Nun hatte die Schlange seinen Hals erreicht. Er wollte die Arme befreien, doch die Schlange drückte noch fester zu. Vom Ufer ertönte das höhnische Lachen von Javier. Er konnte ihn nicht sehen. Überall um ihn herum war Wasser. Die Brust – sie schmerzte so sehr. Wieder drückte die Schlange zu, dann wurde es schwarz vor seinen Augen. Er rang nach Luft. Schlagartig schoss er in die Höhe. Sein Hemd und die Haare waren schweißnass. Benommen sah Toni sich um. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass es nur ein Traum gewesen war. Javier war nur ein Traum …

Hibuskus

12
Abreise

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In den folgenden Tagen unternahmen die Drei noch einige Ausflüge in die Umgebung, doch dann erhielten sie endlich die Nachricht von Matias, dass er nun bereit für die Rückreise sei.

Toni schaute auf die Zeichnung. Die Geier waren ihm schon recht gut gelungen. Bei der Schlange hingegen hatte er kein Detail ausarbeiten können. Er hatte ja nicht viel gesehen. Na ja, besser eine schlechte Zeichnung als ein Schlangenbiss, dachte er und steckte das Buch in die kleine Ledertasche, dann schnürte er den Seesack zu. Er dachte an den Traum mit den Schlangen und Javier. Während ihrer letzten Unternehmungen hatte er sich sehr unwohl gefühlt. Hinter jeder Häuserecke, hinter jedem Baum, hatte er Javier vermutet. Er war froh, dass sie Cumaná verließen.

Bald schon würde er Matias und Hector auf der Hato unterstützen. Und Alexander? Aimé? Wie würde ihre Reise weitergehen? Kuba war ihr nächstes Ziel. Wieder eine Fahrt mit dem Schiff. Aber diese würde bestimmt besser werden als die Fahrt mit der Pizarro, vermutete er. Aimé ist sicherlich froh, wenn ich nicht mehr dabei bin, dachte Toni, während er den Seesack festzurrte und hinaus zu den anderen ging.

Es war noch angenehm kühl, als sie um fünf Uhr in der Früh mit ihren Pferden, zwei Maultieren, die mit den Instrumenten bepackt waren, einigen einheimischen Begleitern und Matias aufbrachen. Der Weg, der nicht mehr als ein Fußpfad war, führte sie auf den Hügel von San Francisco. Von hier aus reichte ihr Blick über die goldgelb blühende Ebene, gefolgt von der Bergkette mit dessen höchstem Berg, dem Brigantin und dem Meer.

Der Weg führte sie zunächst durch einen baumlosen Landstrich. Aber nach zwei Stunden hatten sie den Fuß der Bergkette erreicht. Bäume von riesiger Höhe, mit Schlingpflanzen bestückt, stiegen aus den tiefen Schluchten empor. Und immer wieder durchzogen Wasserläufe wie Schlangen den Waldboden. Das Plätschern des Wassers und ungewohnte tierische Laute umgaben sie auf Schritt und Tritt.

Welch üppige Pflanzenwelt! Alexander konnte sich an der einzigartigen Fülle des Waldes gar nicht satt sehen. Für einen Atemzug schloss er die Augen. Er war so glücklich in diesem Land. Dieser Moment würde ihm für ewig in Erinnerung bleiben. Alexander wischte sich verstohlen eine Träne weg, bevor er sich zu Aimé gesellte und sagte: „Schau dir nur diesen Baum mit seinen riesigen Blättern und den duftenden Blüten an. Und hier – sieh nur diese roten und violetten Trompetenblüten.“ Alexander pflückte eine Pflanze, schon hatte er die zweite ergriffen – dann die nächste.

„Oui mon ami.“ Auch Aimés Augen strahlten vor Glück. „Wenn das so weitergeht, werde isch noch verrückt. So viele Kostbarkeiten gibt es hier auf Mutter Erde. Es ist unmöglisch, sie alle zu erfassen, n’est pas? Nischt wahr?“ Aimé sah nach Alexander, doch der stand schon bei seinem Maultier. „Die Herbarien. Wir müssen die Pflanzen pressen. Himmel noch mal, wo stecken die Bücher nur?“

Von nun an sammelten die Botaniker unentwegt Blätter, Blüten und Früchte ein. Selbstverständlich half Toni ihnen bei der Arbeit, wo es nur ging. Die Einheimischen verfolgten das Ganze mit unverständlichen Blicken. Warum musste man die Blüten und Blätter in Bücher legen?

Selbst Toni gefiel es hier im Wald viel besser als im staubigen Cumaná. Die Lianen faszinierten ihn besonders. Wie lange Würste hingen sie von den Baumwipfeln herunter. Ein Holzbrett, zwei Lianen und man hätte eine Schaukel, dachte er. Vorsichtig zog er an einem Exemplar. „Sie wirken schwer und stabil, wie feste Seile“, sagte er mehr zu sich selbst. Im nächsten Moment umschloss er die Liane mit beiden Händen, hängte sich daran und fing an zu schaukeln.

„Pass auf Toni, du bist zu schwer. Nicht! Sie hängen nur locker an den Ästen, du kannst dich nicht auf sie verlassen“, rief Matias, aber es war bereits zu spät. Die Liane riss. Schreiend stürzte Toni ins Pflanzendickicht hinab.

Aimé schüttelte den Kopf. „Was hat er jetzt schon wieder angestellt? Irgendwann brischt er sisch noch mal das Genick.“

Er sah immer noch auf die Stelle, an der Toni abgestürzt war, doch dort bewegte sich nichts. Hatte er sich wirklich das Genick gebrochen?

„Toni! Ist alles in Ordnung mit dir?“, rief Matias, zückte seine Machete und schlug sich durch das Dickicht zu ihm durch.

Keine Antwort.

Aimé klappte das Herbarium zu und wollte ihm gerade folgen, als er eine Stimme vernahm.

„All… in best… Ord…ung“, kam es leise aus dem Unterholz.

Aras

Aimé blieb stehen. Toni lebte.

„Wo bist du?“, rief Matias.

„Hier!“ Im selben Moment schoss eine Hand aus dem grünen Pflanzenteppich hervor.

Mit großen Schritten kämpfte sich Matias zu ihm durch.

„Gib mir die Hand. Hau-ruck!“

„Danke“, sagte Toni etwas mitgenommen. Er lächelte, aber nur kurz, denn direkt vor seiner Nase ließ sich eine riesige schwarze Spinne herab. „Uah!“ Erschrocken stolperte er nach hinten und landete erneut auf dem Boden. „Mist, verdammter!“, schimpfte er.

„Das war doch nur eine Spinne. Komm schon raus“, lachte Matias. Wieder reichte er ihm die Hand: „Fall jetzt bloß nicht noch mal hin, ja?“

„Ich versuche es.“ Auch Toni musste lachen und stellte fest, dass Matias eigentlich gar kein übler Kerl war.

„Was macht ihr beiden denn dort drüben?“, wunderte sich Alexander, der von einer ganz anderen Ecke auf sie zukam.

„Wir erforschen die Natur“, log Matias, während er Toni zuzwinkerte.

„Erforschen?“, staunte Alexander. Nun ja, anscheinend färbt meine Arbeitsweise ab, dachte er, zuckte mit den Schultern und belud die Maultiere mit seiner erbeuteten Pflanzensammlung.

Sie ritten an Bächen entlang, durchquerten Schluchten, waren auf schmalen Pfaden mit steilen Abhängen unterwegs, auf denen ihre Lasttiere kaum Tritt fanden. Sie überquerten kleinere Flüsse und kamen an Indianerhütten mit ihren bepflanzten Grundstücken vorbei, bis sie schließlich die Hochebene Quetepe erreichten. Kurz vor Sonnenuntergang kamen sie am Militärposten am Berg Imposible an. Dort fielen sie völlig erschöpft in ihre Betten.

Die nächsten Tage waren allesamt gleich – gleich anstrengend, gleich aufregend.

Die Schwüle nahm zu und obwohl sie nur leichte Kleidung trugen, war diese innerhalb kürzester Zeit vom Schweiß durchnässt.

Sie arbeiteten ununterbrochen. Alexander beschäftigte sich mit Ortsbestimmungen und Messungen, Aimé sammelte Pflanzen und presste sie, während Toni überall einsprang, wo er gerade gebraucht wurde und sich sonst im Skizzieren übte.

Von den Baumkronen drang das Geschrei brüllender Affen oder Papageien zu ihnen herunter, während unter ihren Füßen Krokodile und Klapperschlangen ihren Weg kreuzten. Einmal entdeckten sie ein frisch gerissenes Stachelschwein und daneben eindeutige Spuren eines Jaguars. Ängstlich schaute Toni um sich. Hatte er da nicht ein Paar gelbe Augen gesehen? Mit Herzklopfen stieß er seinem Pferd die Schenkel in die Flanken, damit es schnell ging.

Selbst im Boden gedieh das Leben prächtig und Aimé machte sich gerne einen Spaß daraus, Toni ein paar Würmer oder Insekten unter die Nase zu halten. Einmal fing Aimé einen fetten, braunschwarzen Tausendfüßler, der gut einen halben Meter maß. Toni bestaunte ihn in gebührendem Abstand.

Es ging immer tiefer in den Urwald hinein. Das Pflanzenreich wurde immer dichter und immer öfter schlugen die Einheimischen mit ihren Macheten den Weg frei. Es war ein mühseliges und schweißtreibendes Vorwärtskommen. Tagelang waren sie unterwegs. Wenn sie Glück hatten, konnten sie in einer Missionsstation übernachten, wie die der Kapuzinermönche in San Fernando. Wenn nicht, mussten sie ihr Lager unter freiem Himmel aufschlagen. Nicht im Traum hätte sich Toni die letzte Reise so abenteuerlich vorgestellt.

13
Hato

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Endlich kamen sie auf einer kleinen Hochebene an. Im Gegensatz zum Urwald war es hier ziemlich öde. So weit das Auge reichte, sah man nichts als eine gottverlassene Savanne. Zwischen dem Gras wuchsen nur vereinzelt Bäume und einige Sträucher.

„Da sind wir. Das Haus dahinten ist unser Hato.“ Matias war froh, wieder zu Hause zu sein.

Toni ließ seinen Blick über die Ebene wandern. Hier war nichts. Mutterseelenallein stand der Viehhof auf dem Plateau.

Das war es also. Hier soll ich für immer bleiben. Toni schluckte. Für immer, hallte es in seinem Kopf.

„Dein Onkel wird sich freuen, dass du endlich gekommen bist. Er lag mir monatelang in den Ohren damit“, lachte Matias. Ein einheimischer Helfer, der bei den Kühen stand, wurde auf sie aufmerksam und kam herbei gerannt.

„Don Matias! Hector …!“, rief er schon von weitem.

„Pedro? Was ist passiert?“ Matias ritt ihm entgegen und als er ihn erreicht hatte, stieg er ab.

Pedro sah über Matias’ Schulter zu Alexander, Aimé und Toni. Dann wandte er sich wieder an Matias und flüsterte: „Es … das Bein, es hatte sich entzündet. Er …“ Pedro brach ab. Bedrückt blickte er zu Boden.

„Pedro. Sprich!“, forderte Matias ihn auf.

„Wir haben ihn vor drei Tagen begraben.“ Pedro drehte nervös seinen Hut in den Händen. „Es tut mir leid Señor, wir haben wirklich alles versucht.“ Tränen standen in seinen Augen.

„Schon gut. Schon gut Pedro.“ Matias klopfte ihm auf die Schulter. „Hier, nimm mein Pferd. Und das der anderen auch. Ich muss es ihnen sagen. Toni …“, seufzte er.

Pedro nickte.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte Alexander.

Matias schluckte. „Toni, es – es tut mir leid.“

Es dauerte einen Augenblick, bis sie begriffen.

Tonis Gesicht wurde aschfahl. „Ist mein Onkel … ist Hector …?“

„Ja Toni. Das Bein hatte sich entzündet“, sagte Matias leise. „Aber – lasst uns erst mal hineingehen, kommt.“

Sprachlos folgten sie Matias. In der Tür erwartete sie eine dicke Frau, die sich die Hände an der Schürze abwischte. Matias ging voran in den Salon. Die dicke Frau kam gleich darauf mit einem Tablett herein. „Darf ich vorstellen? Das ist die gute Seele des Hauses: Mamita.“ Matias zeigte auf Mamita, die ihnen ein Glas Limonade reichte.

Alexander und Aimé nickten ihr höflich zu, während sich

Toni einfach in den Sessel fallen ließ. Alles vorbei! Die ganze Reise war umsonst gewesen…

„Er hatte Fieberträume …“, sagte Mamita. „Seine Sachen … was …?“

Matias schüttelte den Kopf. Mamita begriff und ging hinaus.

Tonis Gedanken wirbelten durcheinander. Sein Vater, die Briefe, die Kanaren, die Überfahrt nach Südamerika. Jetzt war er hier, bei dem einzigen Verwandten, den er in der fremden Welt gehabt hätte. Und nun? Was sollte aus ihm werden? Auf einmal brachen die ganzen Emotionen, die er die lange Reise über mit sich getragen hatte, aus ihm heraus. Er weinte hemmungslos, bis er schließlich völlig übermüdet einschlief.

Das Erste, was Toni am nächsten Morgen vernahm, war das Läuten der Kuhglocken. Irgendjemand hatte ihn auf das Canapé gelegt und zugedeckt. Er hörte Schritte. Mamita tauchte auf und zog die schweren Vorhänge zurück. Er wartete, bis sie gegangen war, dann setzte er sich auf. Erneut stiegen Tränen in ihm hoch.

„Du bist schon auf? Wie geht es dir?“ Alexander trat ein und setzte sich zu ihm.

„Wären wir nur früher gekommen. Dann …“ Wut stieg in ihm auf. Wäre er doch gleich nach der Ankunft zur Hato weitergereist.

„Nein Toni, mach dir bitte keine Vorwürfe“, sagte Aimé. Toni hatte nicht mitbekommen, dass auch er das Zimmer betreten hatte. Aimé versuchte zu lächeln. „Du hättest nischts ändern können, er hatte einen offenen Bruch. Isch weiß, dass ein Arzt in so einer Situation oft machtlos ist.“

Ja, dass Aimé ihn nicht hätte retten können, das war ihm klar. Der war doch mehr Botaniker als Arzt, dachte Toni. Er drehte sich von ihnen weg.

„Das Frühstück ist fertig.“ Mamita stand in der Tür.

„Lass uns frühstücken“, sagte Alexander sanft. Doch Toni reagierte nicht. Alexander und Aimé warfen sich vielsagende Blicke zu, dann verließen sie wortlos den Raum.

Matias, Alexander und Aimé waren mit dem Frühstück fast fertig, als Toni sich zu ihnen setzte. Der Hunger hatte gesiegt. Der Tisch war reich gedeckt. Und obwohl sie sich über den Hof, die Baumwollpflanzen, Zuckerrohr, Kaffeebäume, das gute Fleisch und die viele Milch der Kühe unterhielten, blieb die Stimmung gedrückt.

Toni stierte auf den leeren Teller.

Schließlich tupfte Alexander sich mit der Serviette den Mund ab und legte sie beiseite: „Toni, ich möchte dir nochmals sagen, wie leid es mir tut, dass dein Onkel gestorben ist.“ Er machte eine kurze Pause. „Du könntest deinen Platz hier auf dem Hof haben, das wissen wir. Es ist aber auch so – wie soll ich sagen … Wir haben bis jetzt eine wunderbare gemeinsame Zeit gehabt, viel erlebt und du bist uns sehr ans Herz gewachsen, nicht wahr Aimé?“

Aimés Mund wurde trocken. Das letzte Stückchen Brot schien nicht durch den Hals rutschen zu wollen. Alexander hatte doch nicht vor, dem Jungen ein Angebot zu machen? Augenblicklich musste er husten. Aimé griff nach dem Wasserglas und spülte den trockenen Brocken mit der gesamten Wasserladung hinunter.

„Nun ja, wir wissen nicht, wie unsere Reise weitergeht und was wir noch alles erleben werden“, fuhr Alexander fort, „es ist gut möglich, dass wir das eine oder andere Mal in eine gefährliche Situation geraten werden und über die weitere Reiseroute – außer Kuba – habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Also, was ich sagen möchte, ist, wenn du Lust hast –“

Tatsächlich! Er machte Toni ein Angebot. Wut stieg in Aimé auf. Vielleicht sollte er stattdessen auf der Hato bleiben? Aimé stellte sich vor, wie er in matschigen Stiefeln die Kühe vor sich her trieb. Non! Auf keinen Fall! Er sah zu Toni, der Alexanders Rede gespannt verfolgte.

Alexander fuhr sich durch die Haare. „Du bist ja nun nicht mehr gebunden – dann könntest du uns noch eine Weile begleiten.“

Toni schaute Alexander mit großen Augen an.

„Ich meine, natürlich werden wir wieder nach Europa zurückkehren. Du kannst frei entscheiden, ob du mit möchtest. Aber vielleicht ist dein Platz auf der Welt ein anderer? Es liegt ganz an dir …“

Aimé schenkte sich Wasser nach und stürzte es in einem Zug herunter. Wenn er nur etwas sagen könnte! Aber er war an Alexander gebunden. Und er wollte die Expedition zu Ende führen. Und wenn es eben sein musste, in Gottes Namen mit diesem Toni. Er atmete tief durch. Irgendwann würde er ihn bestimmt los sein.

Jetzt meldete sich Matias zu Wort. „Mein lieber Junge. Du weißt, dass du hier auf meinem Hof herzlich willkommen bist. Hector und ich haben sehr oft an dich gedacht und deiner Ankunft entgegengefiebert. Du bist ein netter Kerl und deine Hilfe könnten wir hier gut gebrauchen. Aber auch ich sehe, wie sehr du an deinen Freunden hängst und das Land hier oben ist nicht jedermanns Sache. Wenn du also gehen möchtest, dann werde ich dir nicht im Wege stehen – aber wenn du bleiben möchtest, würde ich mich sehr darüber freuen“, schloss er mit einem Augenzwinkern.

In Tonis Kopf schwirrten die Gedanken wie aufgebrachte Bienen umher. Es war einfach zu viel. Alles war zu viel. Und er musste zugeben, dass er von Alexanders und Matias’ Worten schwer beeindruckt war. Was sollte er tun?

Wenn er ehrlich war, wollte er nicht hier in der Einöde bleiben, geschweige denn Viehzüchter werden. Auch wenn das mit seinem Vater abgemacht war. Aber nun war sein Onkel tot.

Alles war wieder offen. Er könnte sogar zurück nach Spanien reisen. Nein, das könnte er nicht. Sein Vater hoffte, dass er hier sein Glück machte. Aber was war Glück? Der Erste auf dem Vulkan zu sein, dabei hatte er Glück verspürt. Als er das Wrack entdeckt hatte und es gemeinsam mit Alexander und Aimé untersuchen konnte, auch das war Glück, denn kein anderer Reisender an Bord hatte diese Chance erhalten. Das mit der Hand hätte natürlich nicht sein müssen, aber selbst das hatte etwas von – Abenteuer!

Das Arbeiten mit dem Sextanten, dem Hydrometer und all dem anderen Kram – wer bekam schon so eine Chance? Wie viel Alexander und Aimé wohl noch erforschen, entdecken und erleben werden?

„Tu das, was dir dein Herz sagt“, hörte er Alexander sagen.

Mein Herz, dachte Toni. Für einen Augenblick presste er den Mund zusammen, dann wandte er sich an Matias und sagte: „Nun, ich könnte mich bestimmt hier einleben. Doch es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich die Reise mit Alexander und Aimé nicht gern fortsetzen würde.“ Toni lächelte, dann sah er zu Alexander. „Und wenn ich ehrlich bin, war es, seit ich euch an Bord der Pizarro getroffen habe, mein sehnlichster Wunsch, euch zu begleiten. Die Art wie ihr an die Arbeit geht, ja wie ihr eure Arbeit lebt, ist einfach unglaublich. Nie hätte ich gedacht, dass mir das Botanisieren und Messen so viel Freude bereiten würde.“

Er wandte sich an Matias. „Es tut mir leid, Matias, aber dieses Angebot kann ich einfach nicht ablehnen.“

„Da wärst du auch wirklich ein Dummkopf“, lachte Matias.

Toni stand auf und fiel Alexander um den Hals. „Danke – danke!“ Dann ging er zu Aimé und reichte ihm die Hand. „Danke Aimé.“

„Ja ja. Tout et bien. Alles ist gut“, murmelte Aimé gequält.

Toni war erleichtert und erst jetzt sah er all das gute Essen auf dem Tisch. „Ich habe einen Bärenhunger“, rief er und griff nach einer dicken Scheibe Brot und Käse.

Sie blieben noch einige Tage auf der Hato. Oft saßen sie in den ruhigen Abendstunden unter dem großen Baum auf der Bank und sahen über das weite Land. Matias erzählte von dem Leben hier und ab und zu auch von Hector. Wenn es dunkel wurde, bewunderten sie die funkelnden Sternbilder – inmitten Alexanders Lieblingskonstellation, dem Kreuz des Südens.

Doch dann kam die Zeit des Abschieds. Alexander wollte nicht denselben Weg zurücknehmen, sondern bei den von Matias erwähnten Höhlen vorbeischauen. Sie umarmten sich herzlich, dann stiegen sie auf ihre Maultiere. Noch einige Male blickten sie zu Matias zurück, der auf der Hato hoch oben in dieser wilden Schönheit und Stille ohne Nachbarschaft sein Glück gefunden hatte.

Das Glockengeläut der Kühe hallte noch lange nach, bis es irgendwann ganz verstummte.

14
Unter Missionaren

Schmetterling_ebook

Ohne Vorankündigung brach die Regenzeit an. Es goss in Strömen, während sie durch den dichten Wald zur Mission San Antonio hinunter ritten. Das Regenwasser lief ihnen in den Nacken und die Kleider klebten an ihren Körpern.

Alexander machte sich Sorgen um ihre Sammlung, denn der andauernde Regen erschwerte das Trocknen und Aufbewahren ihrer gesammelten Pflanzen.

Die Kirche von San Antonio war aus kleinen Backsteinen gebaut. Und mit ihren zwei Türmen und dorischen Säulen war sie hübsch anzusehen. Doch schon nach einer kurzen Pause setzten sie ihren Weg fort und erreichten erst am Abend völlig durchnässt und müde die Mission Guanaguana. Die Gärten der Familien lagen außerhalb des Dorfes und auch hier standen die Hütten der Indianer um die Kirche herum. Toni fand, dass die Wände dünn und ziemlich unstabil aussahen.

Er betrachtete die herumspringenden Indianerkinder. Schon den Kleinen hatte man ein dünnes Holzstäbchen durch die Nase und den Mundwinkeln gezogen. Er fragte sich, wie man mit so einem Stäbchen essen konnte. Ihre Ohren waren mit gelben oder roten Federn geschmückt und als wäre das nicht genug, verzierten braune Linien oder Tupfen zusätzlich ihr Gesicht. Der Haarschnitt war bei allen gleich und ähnelte dem von Carlos aus Cumaná. Um den Hals hingen bunte Perlenketten, ansonsten hatten sie reichlich wenig an.

Eigentlich ganz praktisch, dachte Toni. Bei Hitze klebten die schweißgetränkten Kleider nicht am Körper und bei Regen wurden die Kleider nicht nass.

Erleichtert betraten sie die Missionsstation. Rücken und Gesäß schmerzten vom Reiten und noch nie hatten sie sich über eine trockene Unterkunft so gefreut wie in diesem Augenblick. Der alte Ordensmann nahm sie gerne auf.

Nach ein paar Tagen Erholung und Erkundung ging es zum Kloster Caripe weiter, dem Hauptort der Chaymas Missionen. Alexander fand den Anblick der alten kränkelnden Mönche, die auf ihren Bänken rings um das Kloster saßen und stoisch ihren Rosenkranz beteten, fast schon Mitleid erregend.

Der Missionsvorsteher war sehr um seine Gäste bemüht und als er hörte, dass sie Naturforscher waren, organisierte er umgehend für den nächsten Tag einen Ausflug zu den bekannten Höhlen des Guacharovogels, die nur drei Meilen entfernt lagen.

In Begleitung der Indianer und einiger Ordensmänner marschierten sie am frühen Morgen los. Unermüdlich schlugen die Indianer mit ihren Macheten das dichte Blattwerk beiseite und machten so den Weg für die nachfolgende Expeditionsgruppe frei. Toni dachte an seinen Dolch. Mit dem kleinen Ding käme er hier nicht weit. Vielleicht sollte er sich auch eine Machete zulegen. Aber die Dinger waren scharf. Höllisch scharf.

Die Indianer überquerten mal links, mal rechts die Bäche. Schlugen abrupt eine andere Richtung ein, tasteten sich an einer riesigen Felswand entlang oder stiegen über gewaltige vermooste Felsbrocken.

Für Toni sah es aus, als würden sie planlos durch das Dickicht laufen und er zweifelte sehr daran, dass sie ihr Ziel erreichen würden.

Sie waren schon nass vom Schweiß und schließlich auch vom Regen, als die Indianer plötzlich ohne Vorwarnung stehen blieben. Toni wäre fast in Aimés Rücken gestolpert. Direkt vor ihnen öffnete sich der Blättervorhang des Dschungels und sie starrten auf ein gigantisches Felsentor.

„Meiner Treu! Ist das zu fassen? Unglaublich! Dieses Felsentor muss über zwanzig Meter hoch sein.“ Alexander blickte staunend nach oben, bis ihm der Nacken schmerzte.

„Incroyable! Welsch ein felsiger Schlund“, staunte Aimé. Der Fels war von allen Seiten mit Pflanzen umgeben. Schlingpflanzen drangen wie riesige Tentakelarme weit in die dunkle Höhle ein. Und auch Toni war hingerissen von dem mächtigen Tor.

„Ich habe nicht zu viel versprochen, was? Gehen wir doch hinein. Die Vögel werden ihnen gefallen“, prophezeite der Missionar, während die Indianer bereits ihre Fackeln auspackten.

Alexander schloss sich den Indianern als Erster an. Gleich darauf wurde er in der Höhle von dem ohrenbetäubenden Geschrei unzähliger Vögel empfangen. „Faszinierend. Bekommt man die auch näher zu sehen?“, fragte Alexander. Keine Sekunde später flog ein Guacharovogel so tief über seinen Kopf hinweg, dass er dessen Lufthauch spürte. „Oh ja. Bestimmt können wir ein Exemplar fangen, was? Wo sitzen sie? Ich sehe sie gar nicht.“

Jetzt verlängerten die Indianer die Fackeln mit Stöcken und hoben sie zur Decke hoch, damit sie die Nester besser sehen konnten. Das gefiel den Vögeln natürlich überhaupt nicht. Kreischend flatterten sie umher.

„Ah, so sehen sie also aus. Wo ist mein Notizbuch und mein Bleistift?“ Alexander durchsuchte seine Tasche.

„So ähnlich wie ein Huhn, oder?“, fand Toni. „Und fliegen tun sie wie Tauben.“

„Sie scheinen nischt gut zu sehen“, vermutete Aimé. Der Missionar nickte zustimmend. „Ja, die Vögel sind fast blind. Sie ernähren sich von Samen, die sie nachts vom Waldboden aufpicken. Und tagsüber ruhen sie sich in der Höhle aus. Die Ureinwohner fangen sie wegen der dicken Fettschicht am Bauch. Wir haben das übernommen und nehmen dieses Fett in unserer Küche zum Dünsten und Braten. Wenn Sie möchten, können die Indianer ihnen ein paar Exemplare mit Pfeilen herunterschießen“, schlug der Missionar vor.

„Aber natürlich möchte ich das“, rief Alexander begeistert.

„Darf isch auch mal?“, fragte Aimé und zielte auch schon auf ein Guacharo.

„Isch hab einen!“ Aimé hob triumphierend den Vogel in die Höhe. „Sieh nur, die Büschel um den gekrümmten Schnabel, das sieht rescht komisch aus, was? Und er ist wirklisch sehr fett“, lachte Aimé.

Alexander blätterte eifrig in einem Buch herum. „Bestens. Er ist nicht in Linnés Liste eingetragen. Ich kann ihm also einen Namen geben, wie wunderbar! Also, mal sehen. Hm. Ich glaube, ich nenne diesen Vogel Steatornis caripensis von Humboldt. Ja, so soll es sein“, erklärte Alexander feierlich.

Toni lachte ein sich hinein. Dieser plumpe Vogel ein von Humboldt?

„Nun wollen wir uns aber mal der Höhle widmen. Toni, könntest du mal leuchten?“ Alexander legte Linnés Liste beiseite und begann zu messen. „Bis hierhin sind es 472 Meter und noch immer sieht man den Eingang“, stellte er fest, während Toni ihm mit einer Fackel Licht gab.

„Von hier steigt der Boden an und da hinten – sensationell – stürzt der Bach in einen kleinen Wasserfall ab. Gehen wir weiter. Die Höhle scheint noch einige Kilometer tief zu sein.“

Toni zögerte. Das flackernde Licht ließ die Schatten der blassen Pflanzen, die aus dem Boden sprossen, an der Wand tanzen. Riesige schwarze Arme zuckten an der Wand und Toni wurde plötzlich ganz mulmig zumute.

„Toni, wo bleibst du?“, rief Alexander.

„Nicht weitergehen!“ Die tiefe Stimme eines Indianers ließ Toni zusammenzucken.

„Wo bleibst du?“, wiederholte Alexander.

„No! No! No! Nicht gehen!“, winkte der Indianer ängstlich.

„Besser, wir hören auf den Indianer. Lass uns umkehren, Alexander.“ Wer weiß, was es da hinten noch gibt, fügte Toni in Gedanken hinzu.

„Umkehren? Jetzt?“ Alexander sah in die Finsternis, dann zu dem Indianer, dessen Gesichtszüge wie versteinert waren. Alexander wollte die komplette Höhle mineralisch-geologisch untersuchen. Für was sonst hatte er an der berühmten Bergakademie in Freiberg studiert? Er dachte an den Inspektor und Lehrer Abraham Gottlob Werner, der ihn seinerzeit die Beschaffenheit der Erde lehrte. Hätte Gottlob geglaubt, dass er mal so weit weg von zu Hause Forschungen unternehmen würde? „Nein, das geht nicht“, murmelte Alexander und setzte seine Erkundung einfach fort.

Toni wollte ihm gerade folgen, als der Indianer erneut hinter ihnen herrief. Unschlüssig blieb Toni stehen. „Hör’ doch, er will nicht, dass wir – Alexander?“ Toni hielt die Fackel etwas höher, doch Alexander war im Dunkel verschwunden. Da war etwas! Toni schwenkte das Licht in die andere Richtung. Irgendetwas huschte über seinen Kopf hinweg. Automatisch zog er den Kopf ein. War das ein Vogel gewesen? So weit hinten? „Alexander?“ Er wollte rufen, doch es kam nur ein jämmerliches Flüstern heraus. Die Fackel in seiner Hand zitterte. Er versuchte sie mit der zweiten Hand zu stabilisieren, aber auch das half nicht viel.

„Ihr solltet nicht hier sein“, ertönte unvermittelt eine Stimme hinter ihm.

„Aah!“ Toni zuckte fürchterlich zusammen, und ließ dabei fast die Fackel fallen.

„Ihr dürft nicht weiter in die Höhle gehen“, meinte der Missionar.

„W-warum n-nicht?“, stammelte Toni.

„Die Indianer sagen, hier wohnen die Geister ihrer Vorfahren. Ivorokiamo, der Oberste Häuptling aller indianischen Geister, kann ganz schön böse werden.“

„Böse …“, wiederholte Toni leise. Krampfhaft hielt er die Fackel umklammert.

„Ja. Es sind wohl schon einige nicht mehr aus dieser Höhle zurück gekommen.“

Wo war Alexander? Wie konnte Alexander ohne Licht weiterlaufen? Ihm musste etwas zugestoßen sein. Der Geist … Toni bekam eine Gänsehaut. „Alexander!“, schrie er aus vollem Hals. „Komm’ zurück!“ Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hatte Angst.

„Ist er denn nicht bei dir?“, fragte der Missionar.

Welch eine dumme Frage, dachte Toni. Ob er wollte oder nicht – er musste ihn suchen. Vorsichtig ging Toni weiter in die tiefschwarze Höhle hinein. Wieder sah er im Augenwinkel einen Schatten. Geister! Er riss die Fackel herum. Nichts. Wo steckte er nur?

„Ich hoffe nicht, dass dein Freund …“

„Sch …!“ Toni wollte keinen Ton mehr hören.

„Ihr seid schon Plagegeister“, kam es wie aus dem Nichts von der rechten Seite.

„Alexander!“ Toni atmete erleichtert auf. „Wie konntest du nur … hier gibt es Geister!“

„Plagegeister – ja“, seufzte er.

„Nein. Echte!“ Toni erzählte von Ivorokiamo.

„Wir sollten besser zurückgehen. Hier finden Sie doch sowieso nichts mehr“, schlug der Missionar vor.

Das sah Alexander anders. Er sah in Tonis angsterfülltes Gesicht und wusste, dass der Junge keinen Schritt weitergehen wollte. Warum musste dieser Tölpel von Missionar dem Jungen auch von den Geistern erzählen? Alexander seufzte. „Also gut, meinetwegen. Dann kehren wir eben in Gottes Namen um.“ Das nächste Mal würde er einfach alleine herkommen. Alexander ging zurück, aber nicht ohne ein paar Gesteinsproben einzustecken. Toni atmete erleichtert auf.

Einige Tage später ritten sie über die Missionsstation Catuaro hinunter zum Hafen von Cariaco. Immer wieder fiel ihnen auf, dass unzählige Einheimische an der Fieberkrankheit Malaria litten und Alexander bemerkte, dass es mehr Erkrankte gab, je näher sie am Sumpfgebiet wohnten. Auch diese Feststellung hielt er in seinem Tagebuch akribisch fest.

Als sie die Küste erreichten, nahmen sie ein kleines Segelboot nach Cumaná. Es war eng auf dem Boot, denn außer ihnen befanden sich achtzehn Passagiere und etliche Ladungen Bananen, Kokosnüsse und Zucker an Bord. Nur mit Mühe konnte Alexander Platz für seine Instrumentenkisten und Sammlungen finden. Dann hatte Cumaná sie wieder.

Toni öffnete die Tür ihres Hauses, trat ein und sah sich um. „Wer hätte gedacht, dass ich noch mal einen Fuß in dieses Haus setzen würde?“, lachte er, eilte in sein Zimmer hinüber und ließ sich auf das Bett fallen. Er sah zur Decke und dachte an Onkel Hector. Schade, dass ich ihn nicht mehr gesehen habe.

„Toni? Vielleicht wärst du so nett und könntest uns mal beim Ausladen helfen?“, bat Alexander.

Ausladen. Ja, klar. „Ich komme.“

Im Salon sah es ziemlich wüst aus. Aimé hatte die Herbarien ausgepackt und Alexander hob die präparierten Insekten vorsichtig aus den Kisten heraus.

Toni schob gerade die offene Kiste mit dem Theodolit aus dem Weg, als Maria eintrat und Alexander einen Brief reichte. „Hier mein Herr, der Brief kam gestern für Sie an.“ Sie wartete kurz und fügte dann hinzu: „Schön, dass Sie wieder da sind.“ Maria lächelte, so dass ihre weißen Zähne zu sehen waren.

„Danke. Wir freuen uns auch, wieder hier zu sein.“

„Ein Brief?“ Aimé und Toni hielten in ihrer Arbeit inne und warteten gespannt, dass Alexander ihnen mitteilte, was darin stand. „Nun?“, fragte Aimé schließlich.

Alexander sah hoch. „Emparán hat erfahren, dass wir auf dem Rückweg nach Cumaná sind und er gibt uns zu Ehren eine kleine Gesellschaft. Heute Abend sind wir sein Gast.“

„Toll! Ein netter Mann dieser Emparán“, freute sich Toni, der schon vor seinem geistigen Auge sah, wie eine Fülle von köstlichen Speisen vor ihnen stand.

„Das heißt, wir präsentieren uns von unserer besten Seite. Der Dschungeldreck muss runter und für Emparán ziehen wir natürlich unsere beste Kleidung an. Fangt ruhig schon mal an. Ich werde in der Zwischenzeit noch ein oder zwei Briefe schreiben“, sagte Alexander.

Es waren mehr als zwei Briefe, die Alexander am Ende geschrieben hatte.

Auch Toni beschloss, einen Brief an seine Eltern zu schreiben. Morgen. Er würde aber nicht alles erwähnen, sonst bekämen sie noch Angst um ihn. Aber wenn er genau darüber nachdachte, bliebe dann von seinen Erzählungen nicht mehr viel übrig, denn das Tollste waren ja die Abenteuer, die er mit Alexander und Aimé erlebte. Egal. Jetzt ging er erst mal gut essen. Um den Brief würde er sich morgen Gedanken machen. „An wen schreibst du eigentlich immer?“, fragte er Alexander.

„An wen? Selbstverständlich an meinen Bruder Wilhelm, an meinen ehemaligen Lehrer, an Staatsmänner und Gelehrte und an Dichter und Wissenschaftler. Es gibt so viele, denen ich über die Natur berichten muss.“

Toni staunte. Alexander hatte wirklich Großes im Sinn, das wurde ihm nun klar. Er war in der Tat etwas ganz Besonderes.

Frisch gewaschen und adrett gekleidet verließen sie das Haus. Ohne weiter nachzudenken, hatte Toni wie immer seine kleine Tasche mit dem Dolch umgehängt. Man wusste ja nie, was man finden würde und ob man den Dolch gebrauchen könnte.

„Kakao! Ich freue mich am meisten auf den Kakao“, rief Toni voller Vorfreude. „Und auf eine gute Hühnerbrühe.“ Toni hüpfte wie ein junger Hund um die beiden herum, so dass Aimé ganz schwindlig wurde.

Alexander lachte. „Du bist ein echter Nimmersatt! Ich muss mir doch überlegen, ob ich dich weiter mitnehme, denn das könnte teuer werden.“

Entsetzt riss Toni die Augen auf.

Wenn er das nur Mal wahr machen würde, dachte Aimé.

„War nur ein Spaß“, grinste Alexander.

„Wusste isch’s doch“, knurrte Aimé verbittert.

Das Haus von Emparán war schon in Sichtweite, als plötzlich ein hoch gewachsener Mann Kopf voran auf sie zustolperte. Erst dachten sie, ihm ginge es nicht gut. Oder hatte er getrunken? Nur Toni kam die Gestalt mit seinen fettigen dunklen Haaren irgendwie bekannt vor. Als er vor ihm haltmachte, seinen Kopf hob und ihn niederträchtig angrinste, gefror ihm das Blut in den Adern. Vor ihm stand niemand anderes als Javier Valdez!

Fassungslos machte Toni einen Satz nach hinten. Schnell, der Dolch! Doch im nächsten Augenblick hatte Javier die Tasche an sich gerissen.

„He! Was fällt ihnen ein!“, rief Alexander erbost.

„Gib meine Tasche her!“, schrie Toni.

„Die gehört dir nicht. Es ist mein Erbe!“, spuckte Javier. Sein Atem roch nach Schnaps.

„Nein, Señor Valdez hat sie mir geschenkt.“ Toni versuchte die Tasche an sich zu reißen. Prompt spürte er einen Stich und einen Sekundenbruchteil später rann etwas Warmes an seinem Arm herunter. Blut.

„Merde alors!“ Wie eine Furie schoss Aimé nach vorne.

„Tu conard! Voilà tu ganache!“ Aimé versetzte Javier einen ordentlichen Kinnhaken. Benommen torkelte Javier zur Seite, das Messer glitt ihm aus der Hand. „Fumier! Salaud!“, schrie Aimé, während er Javiers Brust und Bauch mit seinen Fäusten traktierte.

„Grundgütiger, Aimé! Genug!“ Alexander versuchte sich zwischen die beiden zu drängen, doch es war unmöglich. Aimé verpasste Javier erneut einen Kinnhaken und einen Schlag auf die Nase. Javier ging zu Boden. „Dégage de là, bâtard!“, schrie Aimé.

„Aus!“ Alexander schlug Aimé auf die Backe.

Erstaunt sah Aimé ihn an.

„Aus!“, wiederholte Alexander. Aimé schluckte.

Mit zitternden Knien stand Toni vor Javier. Wie ein Häufchen Elend lag Valdez Neffe am Boden. Aus seiner Nase tropfte Blut und das Gesicht war so ziemlich an allen Stellen geschwollen. Toni wandte seinen Blick zu Aimé. So hatte er den Franzosen noch nie erlebt. Was war nur in ihm vorgegangen? Hatte er sich wirklich für ihn eingesetzt? „Aimé?“ Er trat auf ihn zu. „Aimé …“

Aimé sah ihn nicht an.

„Aimé – danke.“

„Pah“, machte dieser und drehte sich weg.

Toni war verwirrt. Was wollte Aimé denn eigentlich?

„Du hast den armen Kerl fast getötet, Aimé!“, fuhr Alexander ihn vorwurfsvoll an.

„Isch hätte es gekonnt, aber … non.“ Aimé glättete sein Hemd und verteilte etwas Spucke auf die lädierten Handknöchel.

„Ach Kinder, nun seht euch die Sauerei an.“ Alexander rollte mit den Augen.

Toni sah an sich herunter. Der Ärmel seines Hemdes war eingerissen und blutverschmiert. Aimés Kragen stand an einer Seite ab.

„Mais, ziehen wir uns noch mal um“, schlug Aimé vor, während er versuchte, seine zerzausten Haare zu glätten.

„Nein, dafür haben wir keine Zeit. Ich muss mir eine Geschichte einfallen lassen“, sagte er, während er Toni sein Stofftaschentuch um den Arm band. Er nickte zu Javier. „Was machen wir nur mit ihm?“

„Rien. Nischts. Er hat ein paar Prellungen, c’est tout. Das ist alles. Da drüben ist eine Bank. Setzten wir ihn darauf“, schlug Aimé vor.

Alexander schien zu überlegen.

„Prellungen sind nicht lebensbedrohlich“, erklärte Aimé.

„Also in Gottes Namen, setzen wir ihn dort hin“, seufzte Alexander.

Als sie eintraten, sah Emparán sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. Und bevor er noch den Mund aufmachen konnte, erzählte Alexander ihm, dass sie einen kleinen Umweg zum Rio Manzanares gemacht hatten und dort mit einem Krokodil bei näherer Beobachtung leider eine etwas unerfreuliche Bekanntschaft gemacht hatten. So etwas komme bei Naturforschern schon mal vor.

Toni hatte die kleinen Bavas vor Augen und wunderte sich, dass Emparán nicht nachfragte. Besser er sagte nichts und so setzte er sein schönstes Lächeln auf. Augenblicklich fiel ihm Javier wieder ein. Warum wollte er diese blöde Tasche?

Emparán trat zögernd auf sie zu und Toni dachte schon, er würde ihnen die Geschichte nicht abkaufen und sie umgehend wieder nach Hause schicken, doch dem war zum Glück nicht so – im Gegenteil. An diesem Abend waren sie die Magneten der Gesellschaft. Die Krokodilgeschichte war nur der Anfang. Schnell lenkte Alexander die Aufmerksamkeit der Gäste auf ihre wahren Abenteuer, die sie im Hinterland erlebt hatten.

Aimé unterstützte ihn dabei, Toni jedoch widmete sich ausschließlich der kalten Vorspeise, der Suppe, der warmen Vorspeise, dem Fischgericht, dem warmen und kalten Zwischengericht, dem Braten und Salat, dem Gemüse und – nicht zu vergessen – der köstlichen warmen und kalten Süßspeise.

Selbst für Gedanken an Javier hatte er in diesen Stunden keine Zeit.

Glücklich und zufrieden lehnte er sich im Stuhl zurück, als Juan Gonzales, der ihm gegenübersaß, zu Alexander sagte: „Für mich wäre so eine Missionsstation nichts. Wussten Sie, dass die entlegenste Station etliche Tagesreisen von hier entfernt liegt? Sie heißt Esmeralda. Allein durch die endlose Steppenlandschaft, den Llanos zu reiten, wäre für mich die größte Qual.“

„Wenn ich an die exotischen Pflanzen und Tiere denke, dann spielt das für mich keine Rolle“, erwiderte Alexander. „Etwas Neues zu entdecken, finde ich immer wieder aufregend und für die Menschheit sehr bereichernd.“

„So? Vielleicht entdecken Sie ja dann auch die ominöse Flussverbindung?“

„Welche ominöse Flussverbindung?“ In Alexanders Augen lag plötzlich ein ganz besonderer Glanz.

„Zwei riesige Ströme, Flüsse mit den Namen Rio Negro und Orinoko sollen miteinander verbunden sein. So sagt man zumindest.“

„Tatsächlich? In Europa galt bisher die Meinung, dass jeder Fluss sein eigenes Flusssystem haben muss.“ Alexander verharrte in seiner Bewegung und stierte auf das halbleere Weinglas.

Aimé kannte diesen Gesichtsausdruck und legte sein Besteck beiseite. Er ahnte, was folgen würde.

„Was hat er vor?“, fragte Toni.

Autor

  • Claudia Zentgraf (Autor)

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Titel: Die Abenteuer der deutschen Entdecker - Zwei Abenteuerromane in einem Band (Bundle) (Jugend, Historisch)