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Schuld zu Schuld

booksnacks (Kurzgeschichte, Liebe, Krimi)

von Monika Detering (Autor)

2016 0 Seiten

Leseprobe

Über die Kurzgeschichte

Auf dem Dresdener Striezelmarkt wartet die junge Christine auf ihren Freund Frank. Als sie in ein Gerangel von alkoholisierten Jugendliche gerät, wird sie zwischen die Räder der »Raupe« gestoßen – ihr muss das Bein abgenommen werden. Nach Jahren beginnt Christine das verdrängte Unglück zu hinterfragen. Sie will wissen, wer sie einst gestoßen hat. Dabei kommt sie auf eine Spur, die so ungeheuerlich ist, dass sie es kaum glauben mag …

Über die Autorin

detering fuer ebookMonika Detering wollte Schiffsjunge, Malerin oder Schriftstellerin werden. Die letzteren Wünsche waren den Eltern zu unseriös (vom ersten ahnte niemand etwas). Sie arbeitete viele Jahre als Puppenkünstlerin mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland wie Washington, Philadelphia und New York. Durch lange Aufenthalte an der Nordsee wurde das Meer ihr Sehnsuchtsort. Sie war als freie Journalistin tätig und entschied sich später für das belletristische Schreiben. Gemeinsam mit dem Autoren Horst-Dieter Radke erfand und schreibt sie die historische Krimiserie um Puff & Poggel, mit Blick in die 50er Jahre auf fiktive Ereignisse in Mülheim an der Ruhr. Als Gegenpol zum „Kriminellen“ veröffentlichen sie sommerleichte Inselromane. Neben dem gemeinsamen Schreiben publiziert jeder für sich Soloprojekte.

Monika Detering ist Mitglied bei den „Mörderischen Schwestern“ und den „42-erAutoren“.

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Mehr zur Autorin findest du unter
www.digitalpublishers.de/autoren/monika-detering/
www.monika-detering.de
www.facebook.com/monika.detering

Impressum

Originalausgabe Dezember 2016


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Copyright © 2016


Ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Schuld zu Schuld


ISBN 978-3-96087-105-7

Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design

Bildnachweis: Sean Gladwell/fotolia.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.


Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Schuld zu Schuld



Monika Detering

1

Glühweinduft mischte sich mit dem der Krapfen und der gebrannten Mandeln, an den Ständen wurden die traditionellen Striezel auf dem Dresdener Altmarkt angeboten. Japaner fotografierten in der Nussknackergasse, eine Drehorgel spielte, frierende Kinder aßen Zuckerwatte, und das kurzfristige Blau des Himmels versank in der Dämmerung alljährlicher Idylle.

Die Kreuzkirche lud zur Striezelmarktmusik ein. Danach würde der Lichterengel kommen. Unzählige rote und gelbe Glühbirnen machten Gesichter warm, und niemand sah heute kalt, bedrohlich oder irgendwie böse aus.

***

Christine Lehmann war neugierig. Auf den Striezelmarkt, das Leben und überhaupt. Mit sechzehn hatte sie genügend Gründe dafür. Sie freute sich auf Frank, der am Karussell auf sie warten würde. Sie schlenderte durch die Engelgasse, winkte Henrike zu, die verliebt grinsend auftauchte und wieder im Menschenmeer versank. Christine lachte geschmeichelt, als ihr ein Unbekannter eine Papierrose überreichte. ›Stille Nacht, heilige Nacht‹, sang ein Chor mit ernstblickenden Kindern neben dem Weihnachtsbaum.

Vor der ›Raupe‹, nostalgisches Lieblingskarussell in diesem Winter, blieb sie stehen. Wie eingepferchte Hengste standen junge Männer dort, starrten auf jedes einigermaßen attraktive Mädchen, pfiffen und sparten nicht mit Bemerkungen über Größe und Zustand ihrer unter dicken Jacken versteckten Brüste, gafften hungrig in alle Wagen, die bei jeder Umdrehung schneller fuhren. Einige sprangen mit absurden Verrenkungen im letzten Moment auf, ehe das Verdeck sich über sie und die Mädchen senkte.

Christine roch Schweiß und Energie, nahm rudernde Arme und muskulöse Schenkel wahr, wollte zum Kassenhäuschen, und versuchte, den Körpern auszuweichen. Da hinten musste Frank sein. So war es verabredet. Sie konnte sich nicht umdrehen, obwohl sie es versuchte, ihr Vor und Zurück wurde ein Schubsen und Tatschen. Wie ein Spielzeug flog sie von Hand zu Hand. Arme waren Tentakel, an ihr klebten tausend Finger. Schreie steckten in der Kehle, Christines zittriges: »Hilfe, helft mir doch!« animierte. Elvis Presleys: ›I want you, I need you, I love you‹, kroch in die Ohren und zwischen die Beine. Superoldies gehörten wie das tannengrüne Faltverdeck zum Karussell.

***

Mit schrillem Ton brach die Musik ab. Zwischen Blut und Stoff lag eine Papierrose. Letzte Schneeflocken wirbelten im Regen.

2

Sie saß am Tisch, nippte am Kaffee und beobachtete an diesem Nachmittag Franks Verwandtschaft, die im Wohnzimmer saß. Nicht einmal die Hitze, die durch weit offene Fenster hereingezogen und sich ausgebreitet hatte, machte ihr heute etwas aus.

Tante Hedwigs Lippen und das weiche Doppelkinn glänzten von Kirschkuchenkrümeln und Sahne. Ihre Lider hingen entspannt über großen braunen Augen. Gefaltete Hände lagen lose auf dem Bauch. Tante Hedwig wog gut einhundert Kilo. Klara saß aufrecht auf einem Küchenstuhl, spitzte ihren Mund und ließ weder Hedwig, noch Christine oder Frank aus den Augen. Bestimmt zum fünfzigsten Mal hatten beide den Neffen und Bruder dafür gelobt, dass er die Wohnung hier am Torgauer Marktplatz im dritten Stock gekauft habe. Sie mahnten Christine, nicht wegen des fehlenden Aufzugs herumzukritteln. Die aber kratzte hektisch und unbeherrscht an ihrem rechten Bein. Klara schaute aufmerksam zu, während ein kleines Lächeln um ihren Mund zuckte.

»Was habt ihr es gut!«, sagte Tante Hedwig. »Ich habe mich im Seniorenheim angemeldet. Lieber wäre mir natürlich eine Wohnung mit Erker auf Schloss Hartenfels gewesen. Ist aber wohl zu viel verlangt. Und dem Frank will ich nicht lästig werden. Ein Mann kann sowas nicht, pflegen, kümmern, all das. Die Klara wohnt einfach zu weit ab.« Dabei schaute sie Christine fest an. »Du weißt schon, was ich meine.«

Es war Christine egal, was die Tante meinte.

Die Frauen redeten und redeten. Die dürre Klara mit den ebenmäßigen Gesichtszügen hatte wie so oft jeglichen Frohsinn aus ihrem Gesicht geknipst. Christine setzte einen aufmerksamen Gesichtsausdruck auf, um ihre Abwehr zu kaschieren.

Denn sie hatte Wahrheiten entdeckt, die sie verstörten, entsetzten, über die sie mit niemandem sprach. Vor Erbitterung und Zorn hatte sie gekocht, aber bis heute instinktiv den Mund gehalten.

***

Christine stand auf, ging zum Wintergarten mit den putzigen Türmchen, schaute auf das Brauereimuseum, das Rathaus und den Marktplatz, während hinter ihr die Verwandtschaft einschläfernd summte. »Am liebsten möchte ich dieses Haus ans Flussufer versetzen und dort von meinem Schreibtisch aus hinsehen können.«

Christine arbeitete als Übersetzerin. Das konnte sie auch mit einem künstlichen Unterschenkel. Frank verkaufte Immobilien und sorgte sich neuerdings um seine Gesundheit.

Auf der Fensterbank stand ihr Hochzeitsbild. Flüchtig warf sie einen Blick darauf. Frank, die Liebe in ihrem Leben. Natürlich hatte sie auch bis zu ihrem erneuten Kennenlernen die Folgen des Unfalls längst nicht überwunden. Der abgetrennte Fuß, die Prothese, das nie-mehr-wie-früher Laufen-, Gehen-, Tanzen- und Rennenkönnen. All das hatte nun eine neue Dimension bekommen. Bilder tauchten auf, in ungeahnter Schärfe und Deutlichkeit. Die Erinnerung war über sie hergefallen, hatte Puzzleteile in ihr Gehirn gestreut, die sich täglich mehr und mehr zusammenfügten. Sie vergaß ihre Abhängigkeit von Franks Geduld, seiner Zuneigung und auch ihren gemeinsamen sexuellen Fantasien. Denn sie war schön, sie war schlank und hatte eine herausfordernde Figur, die Frank jedes Mal, wenn sie nackt mit dieser Unterschenkelprothese in der Wohnung herumlief, auf Touren brachte. In den letzten Wochen hatte sie viele Gefühle zu Frank abgeschüttelt.

In ihren Träumen schrie, flehte und weinte sie.

***

Details

Seiten
0
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783960871057
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v342829
Schlagworte
E-Book Ebook Belletristik modern zeitgenössisch Erzählung Erzählungen Kurzgeschichte Kurzgeschichten Short Story Short Stories Anthologie booksnack

Autor

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