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Liebessehnsucht

von Monika Detering (Autor)

2016 36 Seiten

Leseprobe

Über die Kurzgeschichte

Sei es die Freude in Carls Augen, mit ihr den Tango zu tanzen, während Bäntheim die falschen Früchte der Phantasie pflückt, sei es Effy, die sich in Wünschen nach einem Kind verliert, Emmi Thulin, die auf ihren Liebsten wartet, oder eine Zehnjährige, die das erste Glück und den ersten Schmerz erfährt: In ihnen allen bleibt die Sehnsucht nach Liebe und die Traurigkeit bittersüßer Wehmut.

Über die Autorin

detering fuer ebookMonika Detering wollte Schiffsjunge, Malerin oder Schriftstellerin werden. Die letzteren Wünsche waren den Eltern zu unseriös (vom ersten ahnte niemand etwas). Sie arbeitete viele Jahre als Puppenkünstlerin mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland wie Washington, Philadelphia und New York. Durch lange Aufenthalte an der Nordsee wurde das Meer ihr Sehnsuchtsort. Sie war als freie Journalistin tätig und entschied sich später für das belletristische Schreiben. Gemeinsam mit dem Autoren Horst-Dieter Radke erfand und schreibt sie die historische Krimiserie um Puff & Poggel, mit Blick in die 50er Jahre auf fiktive Ereignisse in Mülheim an der Ruhr. Als Gegenpol zum „Kriminellen“ veröffentlichen sie sommerleichte Inselromane. Neben dem gemeinsamen Schreiben publiziert jeder für sich Soloprojekte.

Monika Detering ist Mitglied bei den „Mörderischen Schwestern“ und den „42-erAutoren“.

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Mehr zur Autorin findest du unter
www.digitalpublishers.de/autoren/monika-detering/
www.monika-detering.de
www.facebook.com/monika.detering

Impressum

Neuerscheinung 2016


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Copyright © 2016


Ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

Liebessehnsucht


ISBN 978-3-96087-122-4

Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design

Bildnachweis: Mihai Blanaru/fotolia.com

Korrektorat: Daniela Pusch

Liebessehnsucht ist ein zusammengeführtes Werk aus den bereits bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen booksnacks mit den Titeln Carls Tango (ISBN: 978-3-96087-011-1; 2016), Zehn, und noch keinen Busen (ISBN: 978-3-96087-019-7; 2016), Emmi Thulin (ISBN: 978-3-96087-013-5; 2016), Effys Träume und Hühnerschenkel (ISBN: 978-3-96087-015-9; 2016) und Bäntheim hatte genug (ISBN 978-3-96087-010-4; 2016).

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.


Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Liebessehnsucht



Monika Detering

Carls Tango

Das Nachmittagslicht fiel durch die Glaskuppel in das Oval des Treppenhauses, auf die Holzstufen, auf das abgegriffene Geländer, auf die schwarzen und weißen Bodenfliesen. Carl Hertzsprung, Bibliothekar, Mann mit schütterem Haar um die fünfzig, keuchte, als er im fünften Stockwerk vor seiner Wohnungstür stehen blieb und wie jeden Tag mit nervöser Hektik den Schlüssel aus der Manteltasche hervorzog.

Er mochte keine Überraschungen. Organisierte Ordnung schuf Klarheit. Er strich über seinen Schnurrbart, der bis über die Mundwinkel wuchs und ihm einen traurigen Ausdruck verlieh. So!«, sagte er, wieder ein Tag vorbei«, und wunderte sich über die zaghafte Unruhe, die, seitdem das Wetter schön geworden war, mit einem Mal da war.

Dem Kühlschrank entnahm er eine Packung mit eingeschweißter schweinchenrosa Wurst, schnitt sich zwei Scheiben von dem frischen Graubrot ab, aß, kaute, trank ein herbes Bier dazu und rülpste nach zehn Minuten zufrieden.

Vor den hohen Altbaufenstern wehten leichte, weiße Gardinen. Carl schob sie zur Seite und öffnete das Fenster. Er starrte nach unten in den Hof, hörte Musik, er sah zwei Paare tanzen und sie tanzten verdammt gut und äußerst geschmeidig, sie tanzten Tango, als wären unter ihren Schuhen keine Zementplatten, sondern ein glatter Parkettboden in einem schönen Saal.

Da breitete sich in Carls Gesicht ein Lächeln aus, das auch die Augen erfasste und ihn jünger machte. Er ging in die Mitte des Zimmers, verbeugte sich vor einer imaginären Partnerin, hielt sie locker im Arm und tanzte traumverloren zu der Musik im Hof.

Carl schloss das Fenster. Er reckte sich, straffte die Schultern, hatte die schmelzenden Klänge, den harten Rhythmus im Ohr, im Kopf, in den Beinen, er hüpfte die Treppen hinunter, sehr ungewöhnlich für ihn. Dabei dachte er an seine Sekretärin, die unverheiratet, gedrungen, flachbusig und zuverlässig war. In diesem Moment fand er solch stete Zuverlässigkeit außerordentlich fade. Und in diesem Moment fand er auch ihre piepsige Stimme furchtbar, grässlich, obwohl er den Piepssound bisher unter ›Frau Werner benötigt meinen Schutz‹ verbucht hatte.

Wenn Carl seine Gedanken an Frauen, an junge, an mittelalte, zu Ende gedacht hatte, war das Objekt seiner Fragen nicht mehr vorhanden. So kam er immer zu spät, besonders in der Liebe, so waren die Kandidatinnen seiner Wünsche vergeben oder verschwunden und deshalb lebte er mit fünfzig allein in dieser riesigen Altbauwohnung.

Er ging zu den Paaren im Hof. Seine schüchterne Höflichkeit, die an Stehkragen und Monokel erinnerte, hinderte ihn, zu sagen, ›Toll, ganz großartig, wie Sie das machen, ich möchte es auch können‹.

Er klatschte dünnen Beifall und dabei entdeckte er an der Betonwand jenes Plakat, welches für sein weiteres Leben richtungweisend wurde.

Clärchens Tanzschule am Hasensprung. Mo, Di und So auch offene Tango-Praktika für Anfänger.

Das war es! Er merkte sich Adresse und Telefonnummer, brauchte nichts notieren, er verfügte über ein ausgezeichnetes Gedächtnis.

***

Carl Hertzsprung übte mit allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen des laufenden Kurses Haltung. Schritte. Gefühl für Rhythmus. Er übte, sehr kleine, sehr große, auch runde und zarte Frauen locker im Arm zu halten, er stolperte mit der Hageren, die so streng auf ihn herabblickte, er trat der sehr viel kleineren Partnerin, die immer bedruckte glänzende Blusen trug, auf die Füße, etwas, das sie hinnahm, ihm dabei zuraunte: Wird schon. Wir können ja mal außerhalb der Stunden üben.« Carl selbst ließ sich von dem jungen argentinischen Tanzlehrer führen und allmählich begriffen seine Füße und sein Körper die Schrittfolgen.

Als er zur vierten Übungsstunde erschien, war Carls Schnurrbart abrasiert, seine Haltung hatte etwas Aufforderndes und die Schultern hielt er außerordentlich gerade. Als der Tanzlehrer ihn fragte: »Mit wem möchten Sie heute beginnen?«, tat er, als müsse er überlegen. Aber Carl wusste genau, mit wem er tanzen wollte. Mit »Alice«, sagte er laut und blickte zu Frau Bromberg herüber. Seit der ersten Stunde hatte sie ihm schon gefallen. Sie war jung, und Carl hatte seit dem ersten Tanz ihren Duft nicht mehr vergessen und seine Hand nicht das Wissen um ihre Biegsamkeit.

Und – sie kam immer allein, so wie er.

Am Ende dieser Stunde regnete es heftig. Carl rannte zu seinem Volvo, stieg ein, sah, wie das Wasser über die Scheiben rann. Er ließ den Motor an, die Wischer surrten. Es klopfte. Alice. Carl ließ die Scheibe herunter. »Ja?«

»Können Sie mich mitnehmen, bis in die Innenstadt? Ich laufe sonst immer, aber bei dem Wetter …?«

»Natürlich. Steigen Sie ein.«

Sie lächelte ihn an. »Danke.«

Während er nickte, losfuhr, sagte sie: »Ich tanze gern mit Ihnen. Sie bewegen sich gut.«

»Ich habe jahrelang nicht getanzt … Vielleicht können wir am Ende dieses Kurses zusammen tanzen. Wenn Sie mögen?«

»Wenn ich kann. Der Tango soll eine Überraschung werden.« Dann sagte sie noch etwas, aber ihre Worte wurden durch das nervende Hupen eines Lasters zerhackt, der gerade überholte.

Als das Hupen aufhörte, wiederholte Alice nicht, was sie gesagt hatte, meinte nur: »Sie kommen auf die andere Spur. Vorsicht!«

Carl blickte in den Rückspiegel und zog den Wagen auf die linke Fahrbahn, bremste verdattert, und hinter ihm hupte es erneut, ehe er auf die nächste Kreuzung zuraste. Carl schimpfte: »Deppen, können alle nicht fahren.« Lächelnd gab er Gas, übersah die rote Ampel, fuhr schneller, als er es je sonst im Stadtverkehr getan hatte, aber Alice gab ihm den notwendigen Schwung. Am liebsten hätte er voll durchgetreten, irgendwie musste er doch zeigen, welche Möglichkeiten in ihm, dem sonst so ruhigen Bibliothekar, steckten.

Er fand es angenehm, dass Alice nicht einfach so drauflosplapperte wie die ganz jungen Dinger. Er summte »Yesterday«, sah aus den Augenwinkeln, wie sich seine Begleiterin tiefer in das Polster drückte.

Carl fragte: »Soll ich Sie nach Hause fahren?«

»Halten Sie da vorne an, ich brauche nur in die U-Bahn … Wiedersehen.« Sie zögerte. Sie beugte sich vor. Sie beugte sich weiter vor und küsste ihn, während der Regen spärlicher wurde. »Fahren Sie immer so?«

***

Montags nahm Carl sich frei, ging zum Friseur, ließ sich rasieren, kaufte sich im einzigen Fachgeschäft der Stadt rehbraun-schwarz gemusterte argentinische Tangoschuhe. Anschließend fuhr er zu Clärchens Tanzschule, zog die Schuhe an und fühlte sich damit unglaublich vital.

Gelöst und eine Spur arrogant unterhielt er sich mit der Hageren, bis deren Blick aufmerksam wurde, da verließ er sie, sprach die kleine Eifrige an, die ihn daraufhin mutig fragte: »Herr Hertzsprung, haben Sie nicht Lust, bei mir – in meiner Wohnung – weiterzuüben?«

»Nennen Sie mich doch Carl, ich meine, alle reden sich hier mit Vornamen an.«

»Also, ich bin die Karin.«

Karin. Was für ein unpoetischer Name. Wie klingt Alice dagegen, wie Musik …

Carl sah dem Tanzlehrer zu, machte mit den Händen die Schritte nach, damit er nachher elegant und verführerisch zeigen konnte, welch unterschwellige Erotik in ihm schlummerte.

Und dann kam Alice. Ein wenig atemlos, aber sie war da, endlich. Carl forderte sie gleich auf, er beugte seinen Kopf über ihr Haar und hätte eine endlose Zeit mit ihr tanzen können.

Aber es wurde gewechselt. Schließlich sollte jeder Teilnehmende im wahren Leben mit jedem Tänzer zurechtkommen.

Am Ende war es Carl vergönnt, die letzten Minuten Alice Bromberg im Arm halten zu können. Mitten in sein seliges Lächeln sagte sie: »Heute muss ich schnell weg, auf Wiedersehen, bis morgen.«

Bis morgen war eine lange Zeit.

Soll ich nach Hause fahren?

Immer wieder schaute er auf die Uhr.

Er fuhr aus der Stadt heraus, drehte nach dreißig Kilometern schmerzender Unruhe um, fuhr zu seiner Wohnung und briet sich ein Kotelett. Das Fleisch verkohlte. Bis morgen, hatte Alice gesagt.

Alice kam nicht. Die Stunde wurde holpernde Qual. Carl kannte weder Alices Adresse noch ihre Telefonnummer. Bromberg. Hoffentlich gab es in der Stadt nicht zu viele mit diesem Namen. Sollte er anrufen? Er wusste doch nicht, wie sie lebte. Allein, bei den Eltern, war sie womöglich verheiratet und hatte vier Kinder? Alice, die ihn geküsst hatte?

Nachts schlief Carl schlecht. ›Alice‹, rief er in seinen Träumen.

Er begann wieder, länger zu arbeiten. Der Tag musste mit Arbeit zugestopft werden. In der vorletzten Stunde zog ihn Herbert, der auch immer alleine kam, der auch jedes Mal Alice bewundernd anschaute, zur Seite: »Ob sie heute kommt? Sie wird kaum Zeit haben, bei all den Vorbereitungen.«

»Vorbereitungen?«

»Sie will doch mit dem Tango ihren Zukünftigen überraschen. Sie heiratet doch in wenigen Tagen …«

Carl wurde blass.

»Wussten Sie das nicht?«

Zur letzten Stunde vor dem Abschlussfest erschien sie. Carl nickte ihr reserviert zu und tanzte mit der kleinen dicken Frau an ihr vorbei. Er dachte, sein Herz sei aus Glas und würde während dieser Stunde zerspringen.

Alice setzte ein fragendes Lächeln auf. Er senkte den Blick.

In der Pause kam sie zu ihm: »Carl …«

»Ja, Alice?« In seinem Tonfall schwang ein Hauch neuer Hoffnung.

»Warum sind Sie so abweisend?« Ihre Hand suchte seine. Er zuckte erschrocken zurück. »Warum haben Sie mir das nicht gesagt?«

»Was?«

»Die Pause ist vorbei, weitermachen!« Der Tanzlehrer klatschte in die Hände. »Alice - wieder gesund?«

Gesund, höhnte es in Carl. Wohl zu lange mit dem Bräutigam im Bett gelegen.

Carl konnte das nicht aushalten. Alices Blick, Alices Hand, er murmelte etwas, zog seine schönen neuen Schuhe aus, verstaute sie in einem Lederbeutel und ging.

Wussten Sie das nicht, ging es wie ein Mantra durch seinen Kopf und er konnte nichts dagegen tun. Alice!

Aber zum Abschlussfest des Tangokurses ging er dann doch. Schließlich habe ich dafür bezahlt!

Eine Profigruppe aus Berlin zeigte, wie es aussehen könnte, wenn die Tanzschüler den nächsten und übernächsten Kurs buchen würden.

Er drehte sich um. Mit unglaublicher Erleichterung entdeckte er schräg hinter sich Alice. Sie lächelte ihm aufmunternd zu. Carl setzte sich gerade hin, setzte eine unbeteiligte Miene auf, und tief innen jubelte er.

An diesem Abend ergab es sich, dass Carl und Alice miteinander tanzten, sie tanzten, wie sie es nie in dieser Perfektion vorher gekonnt hatten, sie sahen nicht, dass die anderen zuschauten, und beide tauchten erst wieder auf, als sie das Klatschen hörten. Alice griff nach Carls Hand und zog ihn von der Tanzfläche.

»Wann heiratest du«, flüsterte er, »warum denn nur?«, und überaus mutig geworden, sagte er auch: »Heirate mich! Bitte!«

Alle waren eingeladen. Carl kam wie die anderen auch. Der Brauttanz war jener gelernte Tango und eine schöne, eine geheimnisvolle Alice im meergrünen seidenen Brautkleid tanzte ihn richtig, während ihr gerade angetrauter Mann stolperte. In der letzten Drehung schaute Alice zu Carl und winkte ihm verstohlen zu.

Als sie von ihrem Mann durch den Saal geführt wurde, dieser stolz nach allen Seiten schaute, mit so einem Besitzerblick, der würdig und glücklich war, hauchte Alice einen Kuss auf ihre Finger und warf diesen Kuss, leicht wie ein Schmetterling, dem immer blasser werdenden Carl zu.

***

Carl Hertzsprung wurde achtzig Jahre alt.

Als Alice König die Todesanzeige las, erinnerte sie sich. Ich habe es dir doch vor dreißig Jahren gesagt. Und dann kam der Laster, hupte und du überhörtest mich.

Sie konnte nichts gegen die Tränen, die jetzt kamen, tun.

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    Monika Detering (Autor)

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