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Liebessehnsucht

von Monika Detering (Autor)

2016 36 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Sei es die Freude in Carls Augen, mit ihr den Tango zu tanzen, während Bäntheim die falschen Früchte der Phantasie pflückt, sei es Effy, die sich in Wünschen nach einem Kind verliert, Emmi Thulin, die auf ihren Liebsten wartet, oder eine Zehnjährige, die das erste Glück und den ersten Schmerz erfährt: In ihnen allen bleibt die Sehnsucht nach Liebe und die Traurigkeit bittersüßer Wehmut.

Impressum

booksnacks

Erstausgabe November 2016

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-122-4

Liebessehnsucht ist ein zusammengeführtes Werk aus den bereits bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen booksnacks mit den Titeln Carls Tango (ISBN: 978-3-96087-011-1; 2016), Zehn, und noch keinen Busen (ISBN: 978-3-96087-019-7; 2016), Emmi Thulin (ISBN: 978-3-96087-013-5; 2016), Effys Träume und Hühnerschenkel (ISBN: 978-3-96087-015-9; 2016) und Bäntheim hatte genug (ISBN 978-3-96087-010-4; 2016).

 

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von
fotolia.com: © Mihai Blanaru
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Carls Tango

Das Nachmittagslicht fiel durch die Glaskuppel in das Oval des Treppenhauses, auf die Holzstufen, auf das abgegriffene Geländer, auf die schwarzen und weißen Bodenfliesen. Carl Hertzsprung, Bibliothekar, Mann mit schütterem Haar um die fünfzig, keuchte, als er im fünften Stockwerk vor seiner Wohnungstür stehen blieb und wie jeden Tag mit nervöser Hektik den Schlüssel aus der Manteltasche hervorzog.

 

Er mochte keine Überraschungen. Organisierte Ordnung schuf Klarheit. Er strich über seinen Schnurrbart, der bis über die Mundwinkel wuchs und ihm einen traurigen Ausdruck verlieh. So!«, sagte er, wieder ein Tag vorbei«, und wunderte sich über die zaghafte Unruhe, die, seitdem das Wetter schön geworden war, mit einem Mal da war.

„Dem Kühlschrank entnahm er eine Packung mit eingeschweißter schweinchenrosa Wurst, schnitt sich zwei Scheiben von dem frischen Graubrot ab, aß, kaute, trank ein herbes Bier dazu und rülpste nach zehn Minuten zufrieden.

 

Vor den hohen Altbaufenstern wehten leichte, weiße Gardinen. Carl schob sie zur Seite und öffnete das Fenster. Er starrte nach unten in den Hof, hörte Musik, er sah zwei Paare tanzen und sie tanzten verdammt gut und äußerst geschmeidig, sie tanzten Tango, als wären unter ihren Schuhen keine Zementplatten, sondern ein glatter Parkettboden in einem schönen Saal.

Da breitete sich in Carls Gesicht ein Lächeln aus, das auch die Augen erfasste und ihn jünger machte. Er ging in die Mitte des Zimmers, verbeugte sich vor einer imaginären Partnerin, hielt sie locker im Arm und tanzte traumverloren zu der Musik im Hof.

 

Carl schloss das Fenster. Er reckte sich, straffte die Schultern, hatte die schmelzenden Klänge, den harten Rhythmus im Ohr, im Kopf, in den Beinen, er hüpfte die Treppen hinunter, sehr ungewöhnlich für ihn. Dabei dachte er an seine Sekretärin, die unverheiratet, gedrungen, flachbusig und zuverlässig war. In diesem Moment fand er solch stete Zuverlässigkeit außerordentlich fade. Und in diesem Moment fand er auch ihre piepsige Stimme furchtbar, grässlich, obwohl er den Piepssound bisher unter ›Frau Werner benötigt meinen Schutz‹ verbucht hatte.

 

Wenn Carl seine Gedanken an Frauen, an junge, an mittelalte, zu Ende gedacht hatte, war das Objekt seiner Fragen nicht mehr vorhanden. So kam er immer zu spät, besonders in der Liebe, so waren die Kandidatinnen seiner Wünsche vergeben oder verschwunden und deshalb lebte er mit fünfzig allein in dieser riesigen Altbauwohnung.

 

Er ging zu den Paaren im Hof. Seine schüchterne Höflichkeit, die an Stehkragen und Monokel erinnerte, hinderte ihn, zu sagen, ›Toll, ganz großartig, wie Sie das machen, ich möchte es auch können‹.

Er klatschte dünnen Beifall und dabei entdeckte er an der Betonwand jenes Plakat, welches für sein weiteres Leben richtungweisend wurde.

Clärchens Tanzschule am Hasensprung. Mo, Di und So auch offene Tango-Praktika für Anfänger.

Das war es! Er merkte sich Adresse und Telefonnummer, brauchte nichts notieren, er verfügte über ein ausgezeichnetes Gedächtnis.

***

Carl Hertzsprung übte mit allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen des laufenden Kurses Haltung. Schritte. Gefühl für Rhythmus. Er übte, sehr kleine, sehr große, auch runde und zarte Frauen locker im Arm zu halten, er stolperte mit der Hageren, die so streng auf ihn herabblickte, er trat der sehr viel kleineren Partnerin, die immer bedruckte glänzende Blusen trug, auf die Füße, etwas, das sie hinnahm, ihm dabei zuraunte: Wird schon. Wir können ja mal außerhalb der Stunden üben.« Carl selbst ließ sich von dem jungen argentinischen Tanzlehrer führen und allmählich begriffen seine Füße und sein Körper die Schrittfolgen.

 

Als er zur vierten Übungsstunde erschien, war Carls Schnurrbart abrasiert, seine Haltung hatte etwas Aufforderndes und die Schultern hielt er außerordentlich gerade. Als der Tanzlehrer ihn fragte: »Mit wem möchten Sie heute beginnen?«, tat er, als müsse er überlegen. Aber Carl wusste genau, mit wem er tanzen wollte. Mit »Alice«, sagte er laut und blickte zu Frau Bromberg herüber. Seit der ersten Stunde hatte sie ihm schon gefallen. Sie war jung, und Carl hatte seit dem ersten Tanz ihren Duft nicht mehr vergessen und seine Hand nicht das Wissen um ihre Biegsamkeit.

Und – sie kam immer allein, so wie er.

 

Am Ende dieser Stunde regnete es heftig. Carl rannte zu seinem Volvo, stieg ein, sah, wie das Wasser über die Scheiben rann. Er ließ den Motor an, die Wischer surrten. Es klopfte. Alice. Carl ließ die Scheibe herunter. »Ja?«

»Können Sie mich mitnehmen, bis in die Innenstadt? Ich laufe sonst immer, aber bei dem Wetter …?«

»Natürlich. Steigen Sie ein.«

Sie lächelte ihn an. »Danke.«

Während er nickte, losfuhr, sagte sie: »Ich tanze gern mit Ihnen. Sie bewegen sich gut.«

»Ich habe jahrelang nicht getanzt … Vielleicht können wir am Ende dieses Kurses zusammen tanzen. Wenn Sie mögen?«

»Wenn ich kann. Der Tango soll eine Überraschung werden.« Dann sagte sie noch etwas, aber ihre Worte wurden durch das nervende Hupen eines Lasters zerhackt, der gerade überholte.

Als das Hupen aufhörte, wiederholte Alice nicht, was sie gesagt hatte, meinte nur: »Sie kommen auf die andere Spur. Vorsicht!«

Carl blickte in den Rückspiegel und zog den Wagen auf die linke Fahrbahn, bremste verdattert, und hinter ihm hupte es erneut, ehe er auf die nächste Kreuzung zuraste. Carl schimpfte: »Deppen, können alle nicht fahren.« Lächelnd gab er Gas, übersah die rote Ampel, fuhr schneller, als er es je sonst im Stadtverkehr getan hatte, aber Alice gab ihm den notwendigen Schwung. Am liebsten hätte er voll durchgetreten, irgendwie musste er doch zeigen, welche Möglichkeiten in ihm, dem sonst so ruhigen Bibliothekar, steckten.

Er fand es angenehm, dass Alice nicht einfach so drauflosplapperte wie die ganz jungen Dinger. Er summte »Yesterday«, sah aus den Augenwinkeln, wie sich seine Begleiterin tiefer in das Polster drückte.

Carl fragte: »Soll ich Sie nach Hause fahren?“

„Halten Sie da vorne an, ich brauche nur in die U-Bahn … Wiedersehen.« Sie zögerte. Sie beugte sich vor. Sie beugte sich weiter vor und küsste ihn, während der Regen spärlicher wurde. »Fahren Sie immer so?«

***

Montags nahm Carl sich frei, ging zum Friseur, ließ sich rasieren, kaufte sich im einzigen Fachgeschäft der Stadt rehbraun-schwarz gemusterte argentinische Tangoschuhe. Anschließend fuhr er zu Clärchens Tanzschule, zog die Schuhe an und fühlte sich damit unglaublich vital.

Gelöst und eine Spur arrogant unterhielt er sich mit der Hageren, bis deren Blick aufmerksam wurde, da verließ er sie, sprach die kleine Eifrige an, die ihn daraufhin mutig fragte: »Herr Hertzsprung, haben Sie nicht Lust, bei mir – in meiner Wohnung – weiterzuüben?«

»Nennen Sie mich doch Carl, ich meine, alle reden sich hier mit Vornamen an.«

»Also, ich bin die Karin.“

Karin. Was für ein unpoetischer Name. Wie klingt Alice dagegen, wie Musik …

Carl sah dem Tanzlehrer zu, machte mit den Händen die Schritte nach, damit er nachher elegant und verführerisch zeigen konnte, welch unterschwellige Erotik in ihm schlummerte.

 

Und dann kam Alice. Ein wenig atemlos, aber sie war da, endlich. Carl forderte sie gleich auf, er beugte seinen Kopf über ihr Haar und hätte eine endlose Zeit mit ihr tanzen können.

Aber es wurde gewechselt. Schließlich sollte jeder Teilnehmende im wahren Leben mit jedem Tänzer zurechtkommen.

Am Ende war es Carl vergönnt, die letzten Minuten Alice Bromberg im Arm halten zu können. Mitten in sein seliges Lächeln sagte sie: »Heute muss ich schnell weg, auf Wiedersehen, bis morgen.«

 

Bis morgen war eine lange Zeit.

Soll ich nach Hause fahren?

Immer wieder schaute er auf die Uhr.

Er fuhr aus der Stadt heraus, drehte nach dreißig Kilometern schmerzender Unruhe um, fuhr zu seiner Wohnung und briet sich ein Kotelett. Das Fleisch verkohlte. Bis morgen, hatte Alice gesagt.

 

Alice kam nicht. Die Stunde wurde holpernde Qual. Carl kannte weder Alices Adresse noch ihre Telefonnummer. Bromberg. Hoffentlich gab es in der Stadt nicht zu viele mit diesem Namen. Sollte er anrufen? Er wusste doch nicht, wie sie lebte. Allein, bei den Eltern, war sie womöglich verheiratet und hatte vier Kinder? Alice, die ihn geküsst hatte?

 

Nachts schlief Carl schlecht. ›Alice‹, rief er in seinen Träumen.

Er begann wieder, länger zu arbeiten. Der Tag musste mit Arbeit zugestopft werden. In der vorletzten Stunde zog ihn Herbert, der auch immer alleine kam, der auch jedes Mal Alice bewundernd anschaute, zur Seite: »Ob sie heute kommt? Sie wird kaum Zeit haben, bei all den Vorbereitungen.«

»Vorbereitungen?«

»Sie will doch mit dem Tango ihren Zukünftigen überraschen. Sie heiratet doch in wenigen Tagen …«

Carl wurde blass.

»Wussten Sie das nicht?«

Zur letzten Stunde vor dem Abschlussfest erschien sie. Carl nickte ihr reserviert zu und tanzte mit der kleinen dicken Frau an ihr vorbei. Er dachte, sein Herz sei aus Glas und würde während dieser Stunde zerspringen.

Alice setzte ein fragendes Lächeln auf. Er senkte den Blick.

In der Pause kam sie zu ihm: »Carl …«

»Ja, Alice?« In seinem Tonfall schwang ein Hauch neuer Hoffnung.

»Warum sind Sie so abweisend?« Ihre Hand suchte seine. Er zuckte erschrocken zurück. »Warum haben Sie mir das nicht gesagt?«

»Was?«

»Die Pause ist vorbei, weitermachen!« Der Tanzlehrer klatschte in die Hände. »Alice - wieder gesund?«

Gesund, höhnte es in Carl. Wohl zu lange mit dem Bräutigam im Bett gelegen.

Carl konnte das nicht aushalten. Alices Blick, Alices Hand, er murmelte etwas, zog seine schönen neuen Schuhe aus, verstaute sie in einem Lederbeutel und ging.

Wussten Sie das nicht, ging es wie ein Mantra durch seinen Kopf und er konnte nichts dagegen tun. Alice!

Aber zum Abschlussfest des Tangokurses ging er dann doch. Schließlich habe ich dafür bezahlt!

Eine Profigruppe aus Berlin zeigte, wie es aussehen könnte, wenn die Tanzschüler den nächsten und übernächsten Kurs buchen würden.

Er drehte sich um. Mit unglaublicher Erleichterung entdeckte er schräg hinter sich Alice. Sie lächelte ihm aufmunternd zu. Carl setzte sich gerade hin, setzte eine unbeteiligte Miene auf, und tief innen jubelte er.

 

An diesem Abend ergab es sich, dass Carl und Alice miteinander tanzten, sie tanzten, wie sie es nie in dieser Perfektion vorher gekonnt hatten, sie sahen nicht, dass die anderen zuschauten, und beide tauchten erst wieder auf, als sie das Klatschen hörten. Alice griff nach Carls Hand und zog ihn von der Tanzfläche.

»Wann heiratest du«, flüsterte er, »warum denn nur?«, und überaus mutig geworden, sagte er auch: »Heirate mich! Bitte!«

 

Alle waren eingeladen. Carl kam wie die anderen auch. Der Brauttanz war jener gelernte Tango und eine schöne, eine geheimnisvolle Alice im meergrünen seidenen Brautkleid tanzte ihn richtig, während ihr gerade angetrauter Mann stolperte. In der letzten Drehung schaute Alice zu Carl und winkte ihm verstohlen zu.

Als sie von ihrem Mann durch den Saal geführt wurde, dieser stolz nach allen Seiten schaute, mit so einem Besitzerblick, der würdig und glücklich war, hauchte Alice einen Kuss auf ihre Finger und warf diesen Kuss, leicht wie ein Schmetterling, dem immer blasser werdenden Carl zu.

***

Carl Hertzsprung wurde achtzig Jahre alt.

Als Alice König die Todesanzeige las, erinnerte sie sich. Ich habe es dir doch vor dreißig Jahren gesagt. Und dann kam der Laster, hupte und du überhörtest mich.

Sie konnte nichts gegen die Tränen, die jetzt kamen, tun.

»Hast du etwas, Liebling?«, fragte ihr Mann.

»Nein. Ich habe nur etwas ins Herz bekommen«, flüsterte sie.

Zehn und noch keinen Busen

Ich war zehn. Ich war neugierig. Ich war ein vor Freude platzendes, hellblondes Mädchen, und wir machten Ferien drei Wochen lang an der Ostsee. Wir – das hieß meine Mutter, meine Schwester und ich.

Meine Schwester hatte einen Busen. Ich nicht. Sie trug jeden Tag einen hellblau karierten Bikini. Ich so ein olles ausgeleiertes Ding, das meine Mutter den noch guten Badeanzug nannte.

Nach vier Tagen beobachtete ich, wie meine Schwester mit einem Jungen, der älter war als sie, im Strandkorb flüsterte, gackerte und dann gar nichts mehr sagte. Ich stellte mich gegen das Korbgeflecht mit der Nummer 112. Sie konnten mich nicht sehen, ich selbst sah auch nichts, aber ich hörte, während die Nachmittagssonne brannte, meine Schultern sich röteten, Sand an meiner Niveahaut klebte, die Ostsee mit den Wellen spielte und am Himmel federleichte Wolken schwammen.

»Was machst‘n da?«

Ich zuckte zusammen, wurde rot, blickte in Milkaaugen, so braune, mit hellen Sprenkelungen, und sah dunkles nasses Haar. Meine Röte breitete sich aus, als ich ihn erkannte. Frank. Seinen Namen hatte ich in diesen Tagen oft gehört: ‚Fraaank, komm aus dem Wasser, Fraaank, wo steckst du denn …‘ Seine Mutter war eine Besorgte. Sein Vater las ständig.

»Nichts mache ich.«

»Kommst‘ mit ins Wasser?«

 

Meine Mutter döste. Und meine Schwester? Jetzt war es mir egal, was sie gerade machte.

Denn ich, ich ging in die Ostsee mit Frank und wir schwammen und tobten so lange, bis ich blau anlief, entsetzlich fror, bis Frank plötzlich sagte: »Tschüss denn, wir gehen gleich essen, bist du morgen auch wieder da?«

 

Ich war da. Um sieben, als der Sand noch wie gekämmt aussah, Sandburgen bröckelten und die Sonne sich über das Meer, den Strand und über mich ausbreitete. Ich war da, als das Licht auf die weiß gestrichenen Hotels mit den Holzveranden fiel, sie zu Palästen machte, und ich wartete. Ich wartete mit offenen Haaren, ab heute gab es keine Zöpfe mehr.

Meine Schwester kam. »Spinnst du, vor dem Frühstück? Mama schimpft.«

Ich lief weg, ich war schneller als sie. Ich rannte durch die Brandung, meine Hose und Sandalen waren klatschnass, als ich zurückkam, Hunger hatte, meine Mutter erschien und mir eine knallte.

Da kam Frank.

 

Nur weil er mir vorsichtig zuzwinkerte, ertrug ich diese Demütigung und rief lässig: »Komme gleich wieder.«

Ab diesem Tag verbündeten wir uns gegen Mütter, gegen meine Schwester, lauerten ihr auf, lachten wie blöd, wenn wir mehr beobachteten. Wie dieser Mann die Hand meiner Schwester hielt, wie er sie hinter Fichten und Wacholderbüschen küsste.

In diesem Augenblick sahen wir uns an, senkten unsere Blicke und dann – wollte ich das auch. Geküsst werden. Von Frank. Aber der sagte nur: »Wer ist zuerst im Wasser? Was man nicht alles macht. Also rannte ich in der Hitze, er war zuerst da und lachte.

 ***

Nie im Leben bin ich in diesen Tagen so viel geschwommen, bis hin zur Erschöpfung, nie im Leben bin ich so oft mit Frank um die Wette gerannt. Wir haben uns jedes Mal in den Sand geworfen und nach Luft gejapst. Wir wurden braun, er mehr als ich, weil er dunklere Haut hatte, und unsere Mütter verschmierten pfundweise Nivea. Franks Vater lächelte freundlich, die Mütter nickten einander zu: »Kinder!«

Meine Schwester machte lange Spaziergänge mit ihrem Werner, sie kamen mit Federn aus dem Wald zurück. Er sagte, er wolle Förster werden. »Und du die Försterin?«, fragten wir, der Frank und ich.

Ihr versteht noch nichts, geht spielen.«

Abends, während die Sonne ausglühte, das Licht weicher wurde, der Sand nachwärmte, setzten wir uns in eine Mulde und ich roch Frank. Er duftete nach Nüssen, nach Salz und Meer.

Schulter an Schulter saßen wir. Manchmal redeten wir über unsere Stadt. Welch ein Zufall, dass wir aus derselben kamen, dass seine Schule und sein Zuhause nur einen Stadtteil entfernt von unserem war.

 

Er sagte, dass sie ein paar Tage eher als wir abreisen würden.

Am letzten Abend brauchten wir nirgends zum Abendbrot erscheinen. Wir liefen zum Eisstand und Frank spendierte mir eine Riesenwaffel mit Erdbeereis, während er in schmelzende Schokolade wie in einen Apfel biss. So um neun gab er mir einen Schokoladenkuss auf die Wange, und noch einen. »Wir fahren ganz früh, wir sehen uns dann nicht mehr.«

 

»Aber zu Hause?«

Als ich das ausgesprochen hatte, war er schon weg.

 

In den letzten Ferientagen änderte sich das Wetter, es regnete, und in mir wuchs ein Schmerz, den ich nicht deuten konnte.

»Du wirst doch wohl nicht krank?«, fragte meine Mutter.

***

„Zu Hause fand ich schnell heraus, in welcher Straße, in welchem Haus Frank wohnte. Ein altes Gebäude mit vier Stockwerken, mit steinernen Engeln an Vorsprüngen, mit Balkonen, die Blumenranken aus Schmiedeeisen hatten.

Überraschen wollte ich ihn. Muscheln hatte ich mitgebracht und in mir war ein Drängen, dass ich einfach zu ihm kommen musste.

Ich klingelte.

Niemand öffnete. Ich setzte mich auf einen Findling, der in dieser Straße mit den vielen Kastanienbäumen lag.

Am nächsten Tag ging ich wieder dahin. Irgendwann musste Frank doch zu sehen sein, musste er aus dem Fenster gucken, auf den Balkon treten, er musste doch spüren, dass ich es war, die da unten mit Muscheln auf ihn wartete.

Am dritten Tag traute ich mich, wieder zu klingeln. Im vierten Stock wurde ein Fenster geöffnet.

Frank.

»Was ist?«, rief er.

»Komm runter, ich hab dir was mitgebracht.«

»Geht nicht. Gehe Fußballspielen.“

***

In jenen Tagen trieb mich eine seltsame, unbekannte, eine ziehende Sehnsucht wie verrückt zu diesem Haus. Nichts konnte ich dagegen tun. Irgendwann warf ich die Muscheln in den Briefkasten. ›Dierksen‹, stand da drauf. Der Nachname machte Frank fremd.

In jenen Tagen ging ich früh ins Bett, viel zu früh für mich, und meine Mutter begann, sich Sorgen zu machen. Ich holte mir sein Bild, das ich in meiner Erinnerung aufbewahrte, hervor, machte dies so lange, bis es verblasste. Immer noch dachte ich, er würde sich für die Muscheln bedanken. Und ich entschuldigte ihn, weil er vielleicht nicht mehr wusste, in welcher Straße ich wohnte.

Als meine Unruhe weniger wurde, dieser seltsame Schmerz in der Herz- und Magengegend nachließ, sah ich ihn in der Stadt. Frank kam mit einer Horde Jungen, die sich gegenseitig schubsten, und Frank grüßte mich nicht. Aber ich meine, er ist, als wir aneinander vorbeigingen, ein klein wenig rot geworden. Ich traute mich nicht, Hallo Frank, wollen wir ein Schokoladeneis essen, zu sagen.

Meine Schwester bekam drei Mal in der Woche Briefe von ihrem Förster. Ich vermutete, dass es an ihrem Bikini und ihrem Busen lag. Da ich ihr den Busen nicht abschneiden konnte, zerschnitt ich den Bikini.

Ich war zehn. Am Ende dieses Sommers glaubte ich fest daran, dass Frank im nächsten Jahr in den Ferien wieder an die Ostsee fahren würde. Bis dahin würde ich einen hellblau karierten Bikini haben. Und ich wäre erwachsen. Ganz sicher.

Emmi Thulin

Als es dämmerte, verließ Emmi Thulin das Haus, mit einem leichten, beschwingten, mit einem aufrechten und stolzen Gang. Energie ging von ihr aus und Kraft, all das hüllte sie wie ein wehender Mantel ein. Sie trug ein dünnes, wadenlanges Kleid, eins in der Art, wie sie heute nicht mehr modern sind. Es ließ ihre Schultern frei und Emmis Haut war hell und schimmerte, sie war nicht braun wie die vielen anderen in der Stadt, obwohl es schon lange ein warmer Sommer war und man sich am Fluss großartig bräunen konnte. Ihre moccafarbenen Riemchensandalen hatten einen kleinen Absatz, geschwungen, sie waren einmal in Mailand gefertigt worden. Der Leisten hatte den richtigen Schwung, um gut darauf gehen zu können. Ihre Haarfarbe war nicht sichtbar, ihr Haar war unter einem pompösen Strohhut versteckt, der Hut trug Blumen und Trauben, Blätter und obendrauf wippte beim Gehen ein knallbunter Kolibri.

Emmis Augen waren hinter dunklem Glas, Emmi trug die große Sonnenbrille und auch die war schon lange aus der Mode.

 

Sie fiel auf. Leute sahen ihr nach, aber sie lächelten dabei, denn Emmi sah fantastisch aus, war wie eine Erinnerung an die Vergangenheit, sie war ein Bild, eine Szene aus einem der altmodischen französischen Filme, die wieder neu entdeckt werden.

 

Emmi Thulin brauchte die Dämmerung, um zu sehen, sie brauchte die blaue Stunde des Sommerabends, um zum Fluss zu gehen, immer ging sie allein, immer trug sie dasselbe und es sah jedes Mal aus wie neu.

 

An der Stelle, wo der Fluss eine Biegung macht, ist eine Brücke und an dem Brückengeländer steht Emmi jeden Tag. Im Sommer. Im letzten, vorletzten und viele Jahre davor, ganz genau kann man nicht sagen, wie viele Sommer Emmi Thulin hier jeden Abend steht, sich über das Geländer beugt, ganz leicht, nein, nicht wie die Selbstmörder, sondern gelassen, entspannt, und schaut zu der Biegung da hinten am Fluss. Wenn die Schatten länger werden und die Luft sich von Lärm, Schmutz, Worten und Seufzern und Gelächter gereinigt hat, lässt sie das Geländer los, geht, bis sie zu einer Treppe kommt, die nach unten, zum Ufer führt. Dort ist ein schmaler Weg, der von wucherndem Grünzeug fast verdeckt ist, hier kann man bis hinter die Biegung gehen. Wenn Schwalben über ihr gleiten, geht Emmi mit ihrem wippenden Kolibri diesen Weg. Niemand hält sie auf, niemand belästigt sie, sie ist ein Bild aus einem Bild.

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    Monika Detering (Autor)

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