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Krimis (fast) ohne Mord

7 booksnacks in einem Band – mit zwei neuen Stories exklusiv

von Thomas Kowa (Autor)

2016 65 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Ein Krimi ohne Mord? Geht das überhaupt? Ja, meint Thomas Kowa. In der momentanen Regionalkrimiflut morden sich durch jedes kleine Dörfchen drei Serientäter, ist es da nicht an der Zeit, wieder ein wenig realistischer zu werden? Sollte man als Autor nicht auch mal anderen Verbrechen eine Chance geben? Es gibt so schöne Entführungen, Heiratsschwindeleien und Raubüberfälle, bei denen kein Blut fließt und die trotzdem spannend sind. Und manchmal auch lustig. Doch keine Angst, die eine oder andere Leiche serviert uns der Autor dann doch noch …

Impressum

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Neuausgabe 2016

Copyright © 2017, booksnacks,

ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH

Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-96087-123-1

Titel- und Covergestaltung: Özer Grafik Design, Maja Schollmeyer

unter Verwendung eines Motivs von
© Bernd Libbach/fotolia.com

Korrektorat: Daniela Höhne, Daniela Pusch

Krimis (fast) ohne Mord ist ein zusammengeführtes Werk der bereits bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen booksnacks mit den Titeln Krimi ohne Mord (ISBN 978-3-96087-006-7), Triduum Sacrum (ISBN 978-3-96087-009-8), Tod auf dem Betze (ISBN 978-3-96087-008-1), Salzstangen und Cola (ISBN 978-3-96087-007-4), Im Land der Mafiosi (ISBN 978-3-96087-005-0), Der Puma mit den drei Streifen (ISBN 978-3-96087-004-3) und Chatroulette (ISBN 978-3-96087-003-6).

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.


Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Krimis (fast) ohne Mord



Thomas Kowa

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

in den mehr als zehn Jahren, in denen ich nun vorwiegend Krimis schreibe, habe ich eine Menge gemeuchelt, gemordet und gemetzelt. Als ich dann für eine Lesung zum Krimitag 2012 in Zürich eingeladen wurde, sollte das Motto jedoch wie folgt lauten: ›Krimiautoren gegen Gewalt‹.

Okay, dachte ich, das ist ja ähnlich absurd wie ›Bildzeitung gegen Rassismus‹ oder ›Rapper gegen leicht bekleidete Frauen in Musikvideos‹, aber dann dachte ich, jeder hat eine zweite Chance verdient und ließ mich zur unbedachten Äußerung hinreissen: »Dann schreibe ich eben einen Krimi ohne Mord.«

Gesagt, getan und ich habe es seitdem nicht bereut.

Denn in Zeiten, in denen jedes kleine Dörfchen literarisch fünf schwer gestörte und natürlich geschiedene Ermittler mit Alkoholproblem aufweist und mindestens drei nicht minder gestörte Serientäter, driftet die Welt in den Krimis immer weiter ab von dem, was wir so Realität nennen. Es stimmt eben nicht, dass die Welt immer brutaler wird, nein, sie wird nur immer kleiner, und so erfahren wir heute von einer Unmenge Gewalttaten, von denen wir früher ohne Zeitung, Radio, Telefon, Fernsehen, Internet und Rauchzeichen nie etwas mitbekommen hätten.

So hat in der Schweiz – in der ich wohne und schreibe – die Polizei gemäß Kriminalitätsstatistik im gesamten Jahr 2014 nur fünfzehnmal von der Schusswaffe Gebrauch gemacht – und in Norwegen sogar nur zweimal, wohl gemerkt auch hier im gesamten Jahr.

Beide Schüsse verfehlten übrigens ihr Ziel. Also hätte man sich auch diesen Schusswaffeneinsatz im Grunde sparen können. Von daher ist diese Anthologie auch ein Versuch, die Welt im Krimi wieder etwas realistischer und mit einem Augenzwinkern zu sehen.

Nun mögen manche sagen, ein Krimi ohne Mord, das ist ja wie ein halbes Hendl ohne Hendl, aber das hängt eben davon ab, was man daraus macht. Wer einmal in Indien war, der weiß, wie lecker vegetarisches Essen sein kann, wenn es nicht versucht, das (vermeintlich) Fehlende zu imitieren, sondern eigenständig komponiert wird.

Wie ich inzwischen weiß, bin ich beim Schreiben Flexitarier, das heißt, ich morde wann und wo es mir passt, aber eben nicht immer. In meinen Thrillern macht es mir nach wie vor großen Spaß, das Blut erst in Wallung zu bringen und dann fließen zu lassen. Und in den Kurzgeschichten versuche ich gewaltfrei durchzukommen. Allerdings ist bei der Zusammenstellung der Anthologie versehentlich – oder aus alter Gewohnheit – der eine oder andere Mord geschehen. Das bitte ich natürlich zu entschuldigen.

Bei der Durchsicht meiner älteren Kurzgeschichten war ich selbst überrascht, dass ich auch früher schon Krimis geschrieben habe, ohne jemanden umzubringen. Das scheint also eine Veranlagung von mir zu sein, ich vermute irgendein bei Krimiautoren selten vorkommender Gendefekt.

Ich hätte das natürlich vertuschen können und schnell noch zwei Leichen in einer Ecke platzieren, aber dann dachte ich an all die armen Figuren, denen ich eine Zukunft gegeben hatte und die ich jetzt hinterrücks und nach Jahren einfach so massakrieren sollte, und ließ alles so, wie es war.

Nun also viel Spaß mit Krimis (fast) ohne Mord. Wir beginnen natürlich gleich mit der titelgebenden Geschichte, mit der alles angefangen hat.

Krimi ohne Mord

»Fünf Tote?« Kommissar Kampen hielt sein Handy näher ans Ohr. »In einer Buchhandlung?«

»Es war während einer Lesung«, antwortete Hilfskommissar Hering. Sein Assistent war wie immer schon vor Ort, während Kampen noch versuchte, den Plan auf Google-Maps mit der Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Er war nervös.

Kein Wunder, auf Sylt hatten sich Mordfälle bisher ausschließlich in irgendwelchen Regionalkrimis ereignet. Mindestens zwanzig Serien gab es, Dünen-Doppelmörder, Watt-Würger und Krabben-Killer inklusive. Doch das hatte alles nichts mit der Realität zu tun, denn die bescherte Kampen nichts als Handtaschen-, Badetaschen- und Apfeltaschen-Diebstähle.

Und jetzt gab es gleich fünf Tote auf einmal? Auf diese Chance hatte Kampen zwanzig Jahre lang gewartet. Endlich konnte er zeigen, was in ihm steckte.

Doch müsste das ausgerechnet heute sein? Seine Füße schrien nach einer Pause, sein Magen nach Abendessen und diverse andere Körperteile nach einem Feierabendbier. »Und wie sind sie gestorben?«, fragte Kampen. »Kollektiver Herzinfarkt, weil das Buch so spannend war?«

»Na ja«, brummelte Hering. »Aquaristik für Buchhalter klingt nicht gerade prickelnd, oder?«

Kommissar Kampen runzelte die Stirn. Lesungen, waren das nicht stinklangweilige Veranstaltungen auf denen jemand unmotiviert ins Mikrofon grummelte, während das Publikum krampfhaft versuchte, den Büroschlaf nachzuholen? »Was ist mit Selbstmord?«, fragte Kampen. »Kommt das in Frage?«

»Unwahrscheinlich«, antwortete Hilfskommissar Hering. »Ihre Pulsadern sind intakt, vom Stuhl ist auch keiner gesprungen, jedenfalls nicht mit einem Seil um den Hals. Und Züge, vor die man sich werfen könnte, fahren für gewöhnlich nicht durch Buchhandlungen. Die fünf sind einfach umgekippt. Einer nach dem anderen.«

Ein paar Minuten später stieg Kampen aus dem Dienstwagen und schaute auf sein Handydisplay. Und dann wieder in die echte Welt. Das Haus vor ihm sah verdächtig nach einer Buchhandlung aus. Er wählte Herings Nummer. »Ich bin jetzt da«, sagte Kampen. »Wo muss ich hin?«

»Direkt in den ersten Stock in die Krimi-Ecke.« Kampen betrat das Gebäude, spitzte die Nase, und lief schnurstracks auf die silbernen Tabletts mit der Vernissageverpflegung zu. Ohne lang nachzudenken, stopfte er eines der rosafarbenen Fischröllchen in seine Essenseingabe. »Sind die fünf Opfer verwandt, verschwägert?«, fragte er.

»Zwei Brüder und drei Schwestern«, antwortete Hering. »Von sechs verschiedenen Vätern.«

»Fünf Kinder von sechs Vätern? Wie geht das denn?««

»Schon mal was von Sandwich gehört?«, fragte Hering.

Kampen nahm noch ein weiteres Fischröllchen. »Das muss aber ein ganz schön großes Sandwich gewesen sein …«

Hering seufzte. »Betrifft natürlich nur eines der Opfer. Bei ihm läuft eine Vaterschaftsklage, stehen zwei Typen zur Auswahl. Alles völlig normale Verhältnisse.«

»Und alle von ein und derselben Mutter?«

»Hm«, antwortete Hering. »Wenn man mal von der Leihmutter absieht.«

»Leihmutter?«

»Klar«, sagte Hering. »Kennst du das nicht? Ist wie Carsharing, nur mit Schwangerschaften.«

»Klar kenn ich das.« Kampen nahm noch ein Röllchen. Er wartete schon so lange auf einen Mordfall, da kam es auf ein paar Minuten auch nicht mehr an. Die Toten würden bestimmt nicht weglaufen. »Aber warum sollte eine offensichtlich gebärfähige Mutter Carsharing machen?«

»Du meinst Leihmutterschaft«, korrigierte ihn Hilfskommissar Hering.

Kampen hasste das. Immerzu musste Hering beweisen, dass er mehr als eine abgenagte Fischgräte im Kopf hatte. »Sag ich doch«, schob er nach. »Warum hat sie das Kind nicht selbst auf die Welt gebracht?«

»Die Mutter meinte, ihr Becken wär schon dick genug und es könnten ja mal andere den Stress haben. Da hat sie ihre Gärtnerin so lange bearbeitet, bis die sich hat breitschlagen lassen, den Balg auf die Welt zu bringen.«

»Gärtnerin?«, fragte Kampen. »Hat die denn ein Alibi?«

»Nee, aber Erfahrung mit der Aufzucht von Samen.«

»Sehr witzig!« Kampen überlegte, ob er noch etwas anderes probieren sollte, blieb aber den Röllchen treu. »War die Gärtnerin auch auf der Lesung?«

»Indirekt schon«, antwortete Hering. »Sie hat das Buch geschrieben.«

»Aquaristik für Buchhalter?«, fragte Kampen. »Geschrieben von einer Gärtnerin?«

»Sie meint, sie wäre eben auch Wassergärtnerin. Schließlich sind wir hier auf Sylt.«

»Danke, dass du mich daran erinnerst«, seufzte Kampen. »Das hätte ich sonst glatt vergessen.« Dieses Mal nahm er gleich zwei Röllchen auf einmal.

»Sag mal, wo bleibst du denn eigentlich?«, fragte Hering. »Hast du dich in der Buchhandlung verlaufen?«

»Hab noch ein paar Spuren im Foyer gesichert.« Schweren Magens verließ Kampen das Buffet. »Hast du irgendeine Theorie woran die fünf gestorben sind?«

»Hab ich«, antwortete Hering. »Es lag am Kugelfischsushi.«

»Kugelfischsushi?«

»Diese kleine Häppchen da am Eingang«, sagte Hering. »Hast du die nicht gesehen?«

»Diese runden Dinger, die aussahen wie schwule Rollmöpse?«, fragte Kampen. »Fand ich total lecker …« Er stoppte mitten im Satz, in erster Linie, um Platz für den Finger im Mund zu machen. Er schaffte es exakt bis aufs Klo.

Zumindest vom Universum aus betrachtet.

Tatsächlich reiherte er direkt auf den Büchertisch mit den neuesten Hausfrauen-Sado-Maso-Schmonzetten aus dem Land der unbegrenzten Prüderie. Er fühlte sich wie eine halb aufgeblasene Luftmatratze und kippte in eine kunstvoll zusammengebaute Pyramide aus den letzten zwanzig Donna-Leon-Krimis.

»Ich glaube, du meinst den Hundslachs, die neueste Delikatesse aus Japan«, erklärte Hilfskommissar Hering. »Das Kugelfischsushi sah aus wie Tischtennisbälle mit Augen.«

Kampen richtete sich langsam wieder auf. »Das heißt, ich muss doch nicht sterben?«

»Irgendwann müssen wir alle sterben«, antwortete Hering. »Manche früher, manche später.«

Kampen nahm ein Schluck Wasser vom Buffet. Hoffentlich war das nicht auch vergiftet. »Gibt es eigentlich schon einen Verdächtigen?«

»Hm.«

»Und wer ist es?«, fragte Kampen.

»Das sag ich dir wenn du endlich da bist. Wie gesagt, Krimi-Ecke, erster Stock.«

Kampen schleppte sich in das Obergeschoss. Dort stand sein Hilfskommissar, so alleingelassen wie der letzte Hering einer Fischkonserve. »Wo sind denn die Leichen?«, fragte Kampen.

»Hat die Spurensicherung schon weggebracht.«

»Und die Zeugen?«

»Warten nebenan auf die Gegenüberstellung.«

Kampen zog die Augenbrauen hoch, sein Assistent schien ganze Arbeit geleistet zu haben. Dabei wollte er den Fall doch aufklären! »Und wer ist nun der Verdächtige?«

»Ist gerade angekommen.«

Kampen blickte sich um. Er und Hering waren allein im Raum. »Wo denn?«

»Welches Auto fährst du eigentlich?«, fragte Hering.

»Was? … äh … einen Fiat Multipla.«

»Der ist so hässlich, das reicht schon als Verbrechen«, antwortete Hering. »Und groß genug für fünf Fischplatten ist er auch.«

»Was?«

»Wo warst du eigentlich zur Tatzeit, vor zwei Stunden?«, fragte Hering.

Kampen blickte seinen Assistenten ungläubig an. »Willst du jetzt ein Alibi von mir?«

»Hast du eines oder nicht?«

»Ich brauch doch kein Alibi!«, antwortete Kampen. »Ich bin der Kommissar!«

»Und das schützt dich automatisch davor, kriminell zu werden?«, fragte Hering.

»Natürlich nicht. Aber ich bin ja wohl nicht verdächtig.« Kampen schaute seinen Assistenten an. Doch der nickte nicht einmal.

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet«, sagte Hering stattdessen. »Wo warst du vor zwei Stunden?«

Kampen warf Hering einen vorwurfsvollen Blick zu. »Ich hab heute frei, schon vergessen? Also ist das meine persönliche Angelegenheit.«

»Persönliche Angelegenheit?« Hering schüttelte den Kopf. »Wenn dir ein Verdächtiger damit kommt, gibst du dich einfach so zufrieden?«

»Nein, aber schließlich bin ich kein Verdächtiger, oder?«

Hering reagierte nicht.

»Oder?«, fragte Kampen erneut.

»Wenn du kein Verdächtiger bist, wie erklärst du dir dann, dass wir Spuren von dir am Tatort gefunden haben?«, sagte Hering. »Obwohl du angeblich eben erst hier angekommen bist.«

»Ich war hier bestimmt schon mal einkaufen.« Kampen winkte ab.

»Und deswegen sind deine Fingerabdrücke an jeder Leiche?«, fragte Hering. »Und an jeder Fischplatte?«

»Äh … das mit der Fischplatte kann ich erklären.«

Hering schüttelte den Kopf. »Dazu ist es jetzt ein wenig zu spät.« Bevor Kampen reagieren konnte, drehte Hering ihm die Hände auf den Rücken und legte ihm Handschellen an. »Du bist verhaftet.«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«

»Doch, wir müssen nämlich zur Gegenüberstellung«, sagte Hering. »Du wurdest von Zeugen beobachtet.«

Hilfskommissar Hering schleppte ihn zur nächsten Tür und öffnete sie. Kampen blickte in einen kleinen Saal. Seine Kollegen, die Chefin, die Spurensicherer, alle standen sie dort. Und die Jungs von der Streife, die dafür bekannt waren, Verdächtige schon mal der Bierfolter auszusetzen.

»Dort wo du jetzt hingehst, ist es nicht schön«, erklärte Hering. »Schmerzen werden dich peinigen, dein Hirn wird so unzuverlässig wie ein ICE im Winter, oder im Sommer, oder auch im Herbst, jedenfalls total schrottig, und unbegründete Ängste werden dein Leben von nun an bestimmen.«

Kampen schluckte. Die Bierfolter.

»Alles Gute zum Fünfzigsten«, rief Hering.

»Was?« Bevor Kampen etwas sagen konnte, jubelten alle. Am lautesten sein hinterhältiger Assistent, der ihn unter Vortäuschung falscher Ermordungen hierher gelotst hatte.

Auf eine Überraschungsparty. Die Jungs von der Streife reichten ihm ein Bier und stießen mit ihm an.

Kampen ging zu jedem Gast und freute sich, dass ihn niemand vergessen hatte.

Da schlich sich eine kleine Träne an und mischte sich in sein Glück. Er wischte sie beiseite. Denn er wusste, irgendwann würde auch er es schaffen, auf Sylt einen Mord aufzuklären.

›Triduum Sacrum‹ (lateinisch für die heiligen drei Tage) entstand als Auftragsarbeit für den Kanton Glarus, der eine Anthologie mit Krimis herausgeben wollte, die alle im Kanton Glarus spielen sollten. Nun muss man wissen, der Glarus ist mit nur 40.000 Einwohnern einer der kleinsten Kantone der Schweiz, also im Grunde eine Kleinstadt. Und wenn da siebenundzwanzig Krimiautoren einfallen, kann es schon eng werden :-).

Wir haben wirklich alle alten Kriminalfälle und sonstigen Skandale aus dem Glarus ausgegraben und unsere Ideen vorgestellt. Ein Fall war so brisant, dass man der Autorin das vereinbarte Honorar anbot, aber nur, wenn sie ihre Geschichte gar nicht erst schreibt. Sie ist natürlich nicht darauf eingegangen und ihre Story ist dann trotzdem wie alle anderen erschienen, und zwar 2014 in der Anthologie ›Mord und andere Verbrechen‹ im Baeschlin Verlag.

Ich habe mir eine historische Geschichte über Schuld und Sühne ausgesucht, die des ewigen Lichts aus Näfels. Doch statt zu erzählen, wie das damals alles war, habe ich einfach mal geschaut, was passiert, wenn dieses ewige Licht auf einmal nicht mehr brennt.

Triduum Sacrum

»Ich hab das ewige Licht ausgeblasen!« Lisa strahlte vor Begeisterung, wie es nur Fünfjährige können.

Ich schaute sie mit großen Augen an. »Du hast was?«

»Da vorne das Licht.« Lisa deutete mit dem Finger in Richtung des Altars. »Die Frau da hat gemeint, das wäre ein ganz besonderes Licht.« Sie zeigte auf eine ältere Dame, die gerade aus der Kirche ging. »Deswegen hab ich es ausgeblasen. Weil ich hab doch heut Geburtstag.«

Ich schloss die Augen. Offensichtlich war es keine gute Idee gewesen, mit dem Kindergarten in die Kirche zu gehen. Zwanzig Fünfjährige multiplizierten sich nun einmal zu hundert Prozent Chaos, egal an welchem Ort. »Aber das ewige Licht darf man nicht ausblasen!«, sagte ich.

Lisa zuckte mit den Schultern. »Da hängt kein Schild, dass es verboten ist!«

»Aber es heißt ewiges Licht, weil es ewig brennen soll.«

»Was heißt ewig?«, fragte Lisa. »Ist das länger als bis zu den Sommerferien?«

Ich stürzte nach vorn zum Altar. Ein bauchiger, vergoldeter Kelch hing dort, kunstvoll verziert, mit Engeln, die von seinem Rand hinabblickten. Auf dem Kelch thronte ein länglicher roter Windschutz. Natürlich war er durchsichtig, so dass man das ewige Licht brennen sehen konnte.

Wenn es denn gebrannt hätte.

Mir wurde schwarz vor Augen.

Denn auch wenn ich kein regelmäßiger Kirchgänger war, wusste ich, dass das ewige Licht an diesem Ort – in Näfels im Schweizer Kanton Glarus – ein ganz besonderes war.

Ich hatte es vor dem Ausflug extra noch einmal nachgelesen: Im Jahre 1357 erschlug der Niederurner Konrad Müller den Oberurner Heinrich Stücki und verpflichtete sich als Sühne für den Unterhalt des ewigen Lichts in der Pfarrkirche Mollis aufzukommen, ewiglich.

Seitdem brannte das Licht.

Es hatte die Pest überstanden, unzählige Kriege, die Reformation. Als die Kirche in Mollis damals an die Protestanten fiel, wurde das ewige Licht mitsamt der Sühneverpflichtung nach Näfels verlegt, um in der katholischen Pfarrkirche St. Hilarius weiter zu brennen.

Jahr für Jahr war das Sühneopfer von den Besitzern zweier Parzellen bezahlt worden, erst in Form von Nussöl für den Betrieb des Lichts, dann, als auf den Parzellen keine Nussbäume mehr wuchsen in Geld, 70 Franken pro Jahr.

Bis ein Bauer sich im Jahre 2012 weigerte, den Obolus zu entrichten, weil es eine Erbschuld zwar in der Kirche, aber in keinem Gesetzbuch gäbe. Zudem sei er mit dem mutmaßlichen Mörder weder verwandt noch verschwägert und die Grundschuld auf seinen Parzellen sei ohnehin nirgends belegt.

Daraufhin stellte die Näfelser Kirchgemeinde dem Bauern eine Rechnung für die nächsten zwanzig Jahre Sühneopfer, ein durchaus angemessener Zeitraum wie sie fand, denn verglichen mit der Ewigkeit war das ja nur ein Wimpernschlag.

Der Bauer blieb uneinsichtig und so verklagte die Kirchgemeinde ihn. Der Fall schlug Wellen, die erst über Glarus hinaus im bischöfliche Chur aufklatschten, bis sogar die Frankfurter Allgemeine berichtete, die altehrwürdige BBC, und schließlich, man glaubte es kaum, sogar die Zürcher Zeitungen.

Nachdem sich das Tohuwabohu gelegt hatte, sprach das Kantonsgericht Recht und der Bauer wurde von der Zahlungspflicht befreit.

Doch das ewige Licht wäre kein gutes ewiges Licht gewesen, wäre es nun mir nichts dir nichts erloschen.

Es fanden sich nämlich so viele Gläubige, die für den Unterhalt des ewigen Lichts aufkommen wollten, dass man sogar den Freulerpalast damit hätte erleuchten können, und den halben Kanton gleich mit. Doch weil man in Glarus bescheiden ist, brannte weiterhin nur das ewige Licht von Näfels.

Hier, in dieser Kirche. Deren Pfarrer gerade auf mich zukam. Er blickte mich an, als habe ich gerade alle sieben Todsünden begangen.

Gleichzeitig.

Lag es daran, dass die Jungs den Fußboden als Startbahn für ihre Transformer-Actionfiguren missbrauchten? Oder daran, dass die Mädels die Kirchbänke umfunktioniert hatten, zu einem Catwalk für Barbie-Puppen?

Beim Anblick der kaum bekleideten Puppen rümpfte der Pfarrer so laut die Nase, dass man es wahrscheinlich noch an der Himmelspforte hören konnte.

Doch das war nichts gegen das, was mich erwartete, wenn er erst bemerkte, dass das ewige Licht erloschen war.

Dann würde ich nicht nur in Teufels Küche kommen, sondern geradewegs in seine Folterkammer.

Denn es war keine Frage, wen der Pfarrer verdächtigen würde.

Schließlich war nicht jeden Tag eine Kindergartengruppe in der Kirche.

Und schon gar nicht mit einem männlichen Kindergärtner.

Und das alles auch noch am Karfreitag! Warum speiste ich die Kleinen nicht mit Ostereiern und Schokohasen ab, wie es alle anderen auch taten? Nein, ich wollte ihnen das echte, das ursprüngliche Ostern zeigen und hatte sie mit in die Kirche genommen.

Die meisten Eltern hatten sich auf den freien Freitagnachmittag gefreut, ein Ehepaar meinte sogar, so könnten sie endlich mal wieder in Ruhe beim Après-Ski versacken. Womit nebenbei gezeigt wäre, was Eltern von Fünfjährigen unter Ruhe verstehen.

Der Pfarrer kam immer näher. Ich ging ihm rasch ein paar Schritte entgegen und stellte mich so vor ihn, dass er durch mich hätte durchschauen müssen, um das ewige Licht zu sehen.

Sein Blick war so stechend, dass ich ihm das locker zutraute.

Ich musste ihn irgendwie ablenken. »Das ist wirklich eine schöne Orgel«, sagte ich und zeigte auf die Empore hinter ihm. Zufällig wusste ich nämlich, dass dieses Instrument von einem Orgelbauer aus Näfels stammte, der so bekannt war, dass er sogar die Orgel in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan gebaut hatte.

Doch der Pfarrer schien kein Interesse an einer musikhistorischen Diskussion zu haben, ja er drehte sich nicht mal um. »Sie wissen schon, dass dies kein Spielplatz ist, sondern ein Gotteshaus?«

Ich nickte schuldbewusst. »Aber sagte Jesus nicht, du sollst glauben wie ein Kind?«

»Dabei hat er sicher nicht an Barbie-Puppen gedacht.«

In dem Punkt musste ich dem Pfarrer Recht geben. »Wir gehen bald«, sagte ich, hoffte aber insgeheim, dass stattdessen der Mann Gottes bald ging.

Als hätte sein Vorgesetzter meine Bitte erhört, seufzte der Pfarrer, drehte sich um, und ließ mich stehen.

Ich scharte die Kinder um mich. »Hat jemand Feuer?«, flüsterte ich.

Sie schauten mich mit großen Augen an. Irgendwie war ich erleichtert, dass keiner der Fünfjährigen nickte.

Als passionierter Nichtraucher hatte ich natürlich auch kein Feuer. Ich bereute augenblicklich, nie mit dem Rauchen angefangen zu haben. Was nützte es, durch gesunde Lebensweise fünf Lebensjahre zu gewinnen, wenn man dafür umso länger in der Hölle schmorte?

Der Pfarrer schien schon mein Ticket dahin klarzumachen, jedenfalls ließ er mich nicht aus den Augen. Wenn das so weiterging, war es unmöglich, das Licht heimlich wieder anzuzünden.

Ich brauchte einen Plan.

Wäre ich ein Mafiosi, ein Bankräuber oder wenigstens ein Anlageberater, wäre das alles kein Problem. Doch meine kriminelle Energie beschränkte sich darauf, in der siebten Klasse einmal bei einem Deutschaufsatz abgeschrieben zu haben.

Natürlich hatte man mich erwischt.

Seitdem war ich ein so braver Staatsbürger gewesen, wie ihn sich Politiker nicht mal in ihren feuchtesten Träumen herbeifantasierten.

Das musste sich ändern.

Doch erst einmal hatte ich andere Probleme.

Denn gerade brach ein Krieg zwischen Barbie und den Transformern aus. Im Gegensatz zu seinen Kollegen schien der Pfarrer keine Lust zu haben, die Waffen zu segnen, stattdessen schien er mich mit seinen Blicken vernichten zu wollen.

Zum Glück lebte ich nicht mehr im Mittelalter. Und war keine Frau. Sonst hätte der Pfarrer mich wahrscheinlich schon in die eiserne Jungfrau gesteckt oder als Hexe verbrannt.

Damit hatte man in Glarus ja reichlich Erfahrung, auch weit über das Mittelalter hinaus.

Doch jeder Kanton – besonders der ganz große – hatte in der Vergangenheit einige Sünden angehäuft. Weil auch ich nicht viel von Erbschuld hielt, wollte ich den Pfarrer nicht danach beurteilen, was vor seiner Zeit geschehen war.

Außerdem war er an der Situation völlig schuldlos.

Im Gegensatz zu mir.

Schließlich hatte ich die Kinder hierhergeschleppt und dann nicht auf Lisa aufgepasst, obwohl ich wusste, wie hyperaktiv sie war.

Wenn ich nicht weitere Schuld auf mich laden wollte, mussten wir sofort hier raus.

Und zwar bevor die Barbies die Peitsche auspackten.

Ich brach meine eiserne Regel und versprach den Kleinen ein Abendessen bei McDonalds. Sie folgten mir, als sei ich der Rattenfänger von Hameln.

Als wir durch die Kirchentür gingen, sah ich, dass ein großer, antiker Schlüssel darin steckte.

Ich blickte mich um. Der Pfarrer war gerade damit beschäftigt, die kriegsbedingten Kollateralschäden am Catwalk zu beseitigen.

Jetzt oder nie.

Ich zog den Schlüssel ab und steckte ihn in meine Hosentasche.

Ich brachte die Kinder in den McDonalds, ärgerte mich schwarz über den zum Himmel schreienden Preis für zwanzig Happy Meals und besorgte mir anschließend einen Gasanzünder. Schließlich wollte ich nicht dabei erwischt werden, wie ich auf dem Altar vergebens versuchte, das ewige Licht mit viel zu kurzen Streichhölzern wieder zu entzünden.

Mein Plan war es, im Schutz der Dunkelheit in die Kirche einzudringen, das Licht zu entfachen und so schnell wieder zu verschwinden, wie der Heilige Geist bei der Empfängnis Marias.

***

Kurz vor Mitternacht schlich ich mich aus dem Haus, schwarz gekleidet wie die Nacht. Nach wenigen Minuten kam ich an die Kirche. Auf dem Kirchplatz herrschte vollkommene Stille.

Ich huschte einmal um die Kirche herum. Im Haus, das ich für das Pfarrhaus hielt, brannte kein Licht mehr.

Es lief alles wie geplant. Trotzdem war ich nervös wie eine Nonne im Mönchskloster. Auf Zehenspitzen schlich ich mich zum Kirchenportal. Mit zittrigen Fingern holte ich den Schlüssel aus der Tasche.

Irgendwie gelang es mir, den Schlüssel ins Schloss zu stecken und herumzudrehen. Ich schob die Tür auf. Sie quietschte so laut, dass halb Näfels es gehört haben musste.

Wenn ich nicht auch noch die restliche Hälfte wecken wollte, durfte ich die Tür nicht mehr zuschieben. Ich zwängte mich durch den Türspalt in die Kirche. Schnell stellte ich fest, dass es darin ganz schön dunkel sein konnte, wenn kein Licht brannte.

Und ich Armleuchter hatte keine Taschenlampe dabei.

Und kein Nachtsichtgerät.

Ja, nicht mal einen Transformer. Für was immer so ein Ding gut war.

Ich ging ein paar Schritte und sah, dass ich nichts sah. Ich hatte keine Ahnung, wo sich der Altar befand. Wenn ich irgendwo anstieß und etwas umwarf, würde das einen Höllen-Lärm verursachen. Und das bei offener Kirchentür.

Plötzlich kam mir eine blendende Idee: Ich war ja hier, um Licht in die Sache zu bringen! Also hatte ich einen Gasanzünder dabei. Und da Gott, oder das fliegende Spaghettimonster, oder wer auch immer, es so eingerichtet hatte, dass Flammen hell leuchteten, konnte ich damit meinen Weg zum Altar finden.

Ich holte den Anzünder aus der Tasche, schnippte ihn an und sah eine Flamme im Dunkeln. Sonst nichts.

Die Flamme war viel zu klein, um mir den Weg zu erleuchten. Ich ging in die Knie und probierte es noch einmal. So konnte ich immerhin Umrisse am Boden erkennen. Also würde mir nichts anderes übrig bleiben, als auf Knien zum Altar zu robben.

Wie ein reuiger Sünder.

Was ich ja auch irgendwie war.

Mit wundgescheuerten Knien kam ich endlich an den Altar. Ich stand auf, stellte mich auf die Zehenspitzen, doch meine Hand reichte gerade mal bis zum vergoldeten Boden des ewigen Lichts.

Mir würde nichts anderes übrig bleiben, als auf den Altar zu steigen.

Bestimmt war das ein schwerwiegendes Sakrileg, knapp unter einer Todsünde. Wenigstens lautete keines der zehn Gebote: Du sollst nicht auf den Altar steigen!

Wahrscheinlich aber nur, weil selbst Moses nicht hatte ahnen können, was für Trottel ein paar tausend Jahre später die Erde bevölkern würden.

Ich kletterte auf den Altar, hoffte, dass ich darauf keine Fußspuren hinterließ und sah das ewige Licht neben meinem Kopf baumeln. Jetzt konnte ich bequem den Gasanzünder in den roten Windschutz halten. Ich führte ihn tief in die Lampe hinein und knipste ihn an.

Genau in dem Moment geschah ein Wunder, obwohl ich es gerade überhaupt nicht brauchen konnte: Das ewige Licht brannte nicht!

Was hatte Lisa mit dem Ding angestellt?

Es verhext?

Wasser reingeschüttet? Oder Sand? Das Öl abgelassen?

Ich hob das metallene Gefäß an. Er fühlte sich leer an.

Der Docht war trocken als käme er gerade aus dem Urlaub in der Sahara zurück.

Was auch immer hier geschehen war, ich musste es wieder in Ordnung bringen.

Und dazu gab es nur eine Möglichkeit.

Ich robbte wieder aus der Kirche, ließ die Tür angelehnt, rannte nach Hause, setzte mich in mein Elektroauto und düste zur nächsten Tankstelle.

Zum Erstaunen des Tankwarts kaufte ich trotz meines Gefährts einen Benzinkanister, füllte ihn, düste zurück nach Hause, nahm eine Taschenlampe und einen Lappen aus dem Auto und lief wieder zur Kirche.

Sie lag immer noch in völliger Stille da.

Ich konnte nur hoffen, dass der Pfarrer nicht hinter einem Beichtstuhl auf der Lauer lag.

Ich schaltete die Taschenlampe ein und leuchtete mir den Weg zum Altar frei.

Ich stieg wieder auf ihn drauf, in der rechten Hand den Benzinkanister, in der linken den Gasanzünder und im Mund meine Taschenlampe.

Ich nahm den Docht aus dem Licht, hob den Benzinkanister an den Windschutz und goss langsam das Benzin in die Lampe. Da ich motorisch eher im hinteren Drittel der Menschheit positioniert bin und den Fünf-Liter-Kanister randvoll gemacht hatte, rechnete ich mit größeren Überschwemmungen.

Doch irgendwie ging es gut. Ich stellte den Kanister ab, legte den Docht wieder in die Lampe, hielt den Gasanzünder in den Windschutz und drückte auf den Anzünder.

Er entflammte und mit ihm auch das ewige Licht.

Ich atmete so erleichtert auf, dass ich es beinah wieder ausgeblasen hätte.

Mit dem Tuch beseitigte ich meine Spuren auf dem Altar, dann schob ich die quietschende Eingangstür zu und verschwand im Dunkel der Nacht.

***

Am nächsten Abend tat ich etwas, das ich noch nie zuvor in meinem Leben getan hatte: Ich ging in die Osternachtmesse. Ich musste mich überzeugen, dass alles glatt gelaufen war. Ich nahm meinen Schwiegervater mit, einen renommierten Anwalt. Ich wusste zwar nicht, ob mir das beim Jüngsten Gericht was nützen würde, aber er war auch Fachmann für Kirchenrecht.

Gegen ihren Willen schleppte ich auch Lisa mit. Schließlich hatte sie mir das Ganze eingebrockt.

Wir setzen uns in eine der vorderen Reihen. Es roch leicht nach Benzin, aber ich ließ mir nichts anmerken. Ich zeigte auf das ewige Licht. »Sag mal, wie hast du das eigentlich ausblasen können?«, fragte ich Lisa. »So klein wie du bist?«

»Das Licht da hab ich gar nicht ausgeblasen.« Sie deutete auf ein Gestell mit Opferkerzen rechts vom Altar. »Die da hab ich ausgeblasen.«

»Aber das ewige Licht hat doch gestern nicht gebrannt!«, widersprach ich. »Du musst es ausgeblasen haben!«

»Muss sie nicht«, mischte sich mein Schwiegervater ein. »Oder hast du noch nichts von Triduum Sacrum gehört.«

»Was?«

»Die heiligen drei Tage, die Zeit zwischen Karfreitag und der Osternacht.« Er warf mir einen belehrenden Blick zu. »Da ist das ewige Licht immer erloschen. Denn es dient dazu, die ständige Gegenwart Gottes zu symbolisieren. Also wird es an Gründonnerstag gelöscht, nach dem letzten Abendmahl, und es wird erst wieder entzündet, wenn Jesus auferstanden ist. Also jetzt, in der Osternacht.«

»Oh Shit!«

»Bitte?«

»Äh, nichts.«

Und dann geschah es. Der Pfarrer trat durch die Pforte in die Kirche und ging gemessenen Schrittes zum Altar. Dort blieb er stehen, ungläubig, obwohl er ein Mann des Glaubens war. Er deutete auf das ewige Licht.

»Ein Wunder ist geschehen!«, rief er. »Das ewige Licht! Es brennt! Gott hat uns ein Zeichen gesendet!«

***

Dieses Mal kamen die Reporter der großen Medienanstalten alle persönlich in Näfels vorbei. Die von CNN, die der BBC und selbst ein Zürcher Journalist ließ sich blicken, versteckte den Artikel dann aber zwischen irgendwelchen Cervelatpromi-Geschichten und den neuesten Goldküstengerüchten.

Trotzdem, man konnte es drehen und wenden, wie man wollte: Es war ein Wunder geschehen.

Weil das Licht immer noch brannte.

Weil niemand das Benzin gerochen hatte.

Und weil ich schwieg.

Und ich würde es tun, solange das Licht brannte.

Ewiglich.

›Tod auf dem Betze‹ war die allererste Kurzgeschichte, die ich je geschrieben habe, im Januar 2007. Der Anlass war ein Schreibwettbewerb der Ludwigshafener Tageszeitung Rheinpfalz, den ich selbstverständlich nicht gewonnen habe.

Die Geschichte spielt in meiner damaligen Heimatstadt Ludwigshafen und basiert auf einem Pokalspiel aus dem Jahr 1978, bei dem mein Heimatverein, der SV Südwest Ludwigshafen, den damals noch großen FCK besiegt hatte. Und ich stand als kleiner Junge im Publikum, mit 18.000 anderen Zuschauern. Unvergessen blieben, neben dem 2:1 Siegtreffer durch Willi »Salto-Kiefer«, auch der in der letzten Minute des Spiels von Schiedsrichter Schütte gegebene Elfmeter, den Südwest Torwart Herrmann hielt.

Leider erinnert sich daran niemand mehr, das wird sich jetzt mit Erscheinen der Anthologie natürlich auch nicht ändern, aber ich wollte die Geschichte trotzdem dabei haben.

Meine eigenen sportlichen Erfolge beschränken sich übrigens auf die Mitgliedschaft im ruhmreichen FC Criminale, mit dem wir 2016 in Marburg nach unzähligen vergeblichen Anläufen endlich unseren ersten Sieg feiern konnten. Okay es war gegen eine Blindenauswahl, aber das war endlich ein Gegner, mit dem wir uns auf Augenhöhe … okay, lassen wir das.

Ach ja, 2007 dachte ich noch, ein Toter gehört unbedingt in einen Krimi, daher gibt es hier ausnahmsweise einen zu lesen.

Tod auf dem Betze

Die Adventszeit, eine Zeit der Liebe, der Besinnlichkeit und der Fußballsensationen. Schließlich findet das Achtelfinale des DFB-Pokals traditionell in der Adventszeit statt. Und DFB-Pokal, das heißt Amateure gegen Profis, David gegen Goliath, Favoritensterben und Heldengeburt in derselben Sekunde.

Manchmal jedenfalls.

Dieses Jahr, ein paar Tage vor dem vierten Advent, kam es zu einem Duell, das die Welt sogar schon einmal gesehen hatte. Der kleine SV Südwest Ludwigshafen gegen den großen FCK!

Vierzig Jahre hatte Jens Flor darauf gewartet, vierzig lange Jahre, in denen seine Freunde stets behauptet hatten, so eine Sensation wie damals würde es nie wieder geben.

Doch jetzt, da das Spiel tatsächlich stattfand, wusste Jens Flor nicht, ob er es noch erleben würde. Denn er stand auf dem Dach des Fritz-Walter-Stadions und blickte in den Lauf einer Pistole.

Der eisige Wind zerrte an ihm, als läge Kaiserslautern nicht in der Pfalz, sondern mitten in Sibirien.

Flors Knie zitterten vor Angst und Kälte. Doch wenn er eine Chance haben wollte, musste er ruhig bleiben. Vielleicht half es, wenn er sich an damals erinnerte?

Es war wie jetzt mitten im Advent gewesen, alle hatten nur von Weihnachten geredet, doch das war noch unendlich weit entfernt gewesen, jedenfalls für einen Sechsjährigen. Denn er hatte nur an das Pokalspiel denken können. Ort und Datum wusste er noch genau, 12. Dezember 1978, Südweststadion Ludwigshafen. Er hatte in der Kurve der Ludwigshafener mitgeschrien als sei er schon ein ganz Großer. Der Tabellenführer der Bundesliga, der 1. FC Kaiserslautern gegen den Oberligisten SV Südwest Ludwigshafen. Die meisten der 18.000 Zuschauer drückten dem Underdog aus der Chemiestadt die Daumen. Lautern in Bestbesetzung: Hellström, Melzer, Briegel, Neues, Bongartz, Geye, Toppmüller. 1:0 nach sechzig Sekunden, wie vom Fachmann erwartet, nur andersherum: Südwest führte durch ein Tor von Oberligabomber Becker. Zwei Platzverweise und einen Ausgleich später traf Willi Kiefer für die Heimmannschaft und sprang den Salto, den selbst die Tagesschau nicht übergehen konnte.

90. Minute, es stand immer noch 2:1 für den SVS. Wie aus dem Nichts schüttete der Unparteiische namens Füllhorn das selbige aus und schenkte den Gästen einen Elfmeter. Torschützenkönig Toppmüller gegen Oberligatorwart Hermann. Toppmüller legte sich den Ball zurecht, lief lässig an und schoss.

Als wäre es gestern gewesen, konnte Flor sich noch an diesen Moment zwischen Hoffnung und Verzweiflung erinnern, wie er da auf der Tribüne im Nacken des Onkels saß und sich kaum traute, auf den Platz zu schauen.

Zum ersten Mal war ihm bewusst geworden, dass sein Glück nicht nur in den eigenen Händen lag. Wie oft hatte es sich später ohne sein Zutun gegen ihn gewendet?

Damals jedoch geschah das Unmögliche: Hermann hielt!

Der Ruhm kam wie ein Torpedo und als er ging, ließ er nicht viel mehr als ein paar Trümmer zurück. Die Kinder waren wie immer die ehrlichsten Botschafter: Am Morgen nach dem Triumph wollten sie beim Kicken nicht mehr Toppmüller, Beckenbauer oder Meier sein, sondern Kiefer, Becker und Hermann. Dieser Zustand hielt sogar eine Zeit lang an, Ulm wurde in zwei Spielen niedergerungen, doch nach dem 0:2 beim Club in Nürnberg gerieten die neuen Helden wieder in Vergessenheit.

Nur er, der kleine Sechskäsehoch war auf dem Bolzplatz immer Salto-Kiefer geblieben, selbst Jahre später noch, als ein Blaubach-Diedelköpfer Kopfballwunder polnischer Provenienz dem Salto erst in Lautern und dann bei der Deutschen Fußballnationalmannschaft zu neuer Popularität verholfen hatte und es bis zum Weltmeister und WM-Rekordtorschützen gebracht hatte.

Flor schaute hinab auf den Rasen. Wer hätte gedacht, dass er, der erfolglose Amateur, sein Endspiel ausgerechnet auf dem Betze erleben würde? Doch das war nicht das Spielfeld auf dem er sich auskannte, das war nicht Elf gegen Elf, sondern das harte unerbittliche Leben! Angepfiffen vom obersten Schiedsrichter, der ihm schon einige gelbe Karten gezeigt hatte.

Was würde von ihm bleiben?

War alles, was er hinterließ eine kleine, schwarzumrandete Anzeige in der Rheinpfalz?

Jens Flor blickte wieder in den Lauf der Pistole. Er wusste, er hatte nur eine Chance, das Stadion nicht im Leichenwagen zu verlassen. Sein Gegner spannte den Finger am Abzug. Der Sturm blies, als wäre er dessen Gehilfe.

Flor flüchtete sich erneut zurück in die Erinnerung. 76. Minute, 1:1, Lautern drückend überlegen, dann ein Konter, Querpass Becker und plötzlich hatte Kiefer die Kugel. Er stand allein vor dem schwedischen Nationalkeeper Ronnie Hellström. Es blieb keine Zeit zu überlegen. Schuss, Treffer, Salto.

Im Fallen drehte Flor sich, fühlte sich leicht und erlöst. Fast glaubte er, von Respekt erfüllten Abschiedsapplaus zu hören.

***

In seinem Büro im Ludwigshafener Polizeipräsidium hatte Kommissar Kahn uneingeschränkt das Sagen, fand er jedenfalls. Momentan jedoch kam er kaum zu Wort. Nur ab und an brummelte er ein ›Ja‹, ›Nein‹ und ›Das gibt’s doch nicht!‹ in sein Handy, das er zwischen Doppelkinn und Schulter geparkt hatte. Schließlich schüttelte er den Kopf und legte auf. »Mehmet, stell dir vor, es ist jemand vom Dach des Betze gesprungen!«

Autor

  • Thomas Kowa (Autor)

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Titel: Krimis (fast) ohne Mord