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Rockstar-Romance

3 Rockstar E-Books in einem Band (Chick-lit, Liebe, Rockstar Romance)

von Sandra Helinski (Autor)

2016 710 Seiten

Leseprobe

Über dieses E-Book

Über Groß, blond, Rockstar! Traummann?

Für Sarah ist das Wiedersehen mit Alex ein Wechselbad der Gefühle. Sie wird einfach nicht schlau aus ihm. Mal ist er abweisend, dann wieder total nett. Kann sie ihm vertrauen und ihm ihr Geheimnis verraten? Und was sagt Lilly dazu? Lilly, die sich immer erträumt hat, James Hartfield würde einmal ihr Papa werden. Es ist nicht einfach für Sarah, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Alex traut seinen Augen kaum, als er Sarah nach all den Jahren wieder sieht. Sie war seine Traumfrau und dann sein Alptraum, weil sie ihn einfach so verlassen konnte. Aber er wird sich an Sarah rächen. Nur dumm, dass Sarah überhaupt nicht das Biest ist, für das er sie hält. Und wer ist dieses kleine Mädchen, das ihn an irgendwen erinnert?

Über Rockstar Sommer

Eine Erbschaft lässt Annas Traum Wirklichkeit werden. Sie renoviert ein altes Haus im Brandenburger Niemandsland und kümmert sich als Verhaltenstherapeutin um schwierige Hunde. Ein Rockstar als Patient war jedoch nie vorgesehen. Schon gar nicht ihr Lieblingssänger Eddi, der in Wahrheit gar nicht so charmant ist, wie sie ihn sich immer vorgestellt hat. Doch sie wächst mit den Herausforderungen und lernt dabei, dass es die unerwarteten Dinge sind, die das Leben lebenswert machen.

Über die Autorin

Helinski fuer ebookSandra Helinski lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in einem kleinen Weindorf in der Pfalz. Beruflich organisiert sie als Projektmanagerin in der Suchtforschung ihre Wissenschaftlerkollegen, zuhause ihre kleine Familie samt Katzen und Meerschweinchen. Doch abends, wenn die Kinder im Bett sind und ihr Mann sich die Fernbedienung erobert hat, taucht sie ab in ihre ganz eigene Welt am PC.

Mit 37 findet sie sich schon ein wenig zu alt, um für Rockstars zu schwärmen, also schreibt sie lieber Geschichten darüber, wie es wäre, sich in einen Rockstar zu verlieben. Und weil sie mit ihren Hauptfiguren mitfiebert und selbst wissen will, wie es weiter geht, gibt es nur noch wenige Abende, die sie nicht mit Kopfhörern auf den Ohren am PC verbringt, bis zum Happy End.

Von Sandra Helinski sind bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienen:

Groß, blond, Rockstar! Traummann?

ISBN: 978-3-94529-857-2

Zum Buch

Die Rockstar Sommer-Reihe:

Neuanfang mit Rockmusik (Teil 1)

ISBN: 978-3-96087-023-4

Zum Buch

Stumme Rockstar beißen nicht (Teil 2)

ISBN: 978-3-96087-024-1

Zum Buch

Küsse niemals einen Rockstar (Teil 3)

ISBN: 978-3-96087-025-8

Zur Leseprobe

Haben Rocksongs ein Happy End? (Teil 4)

ISBN: 978-3-96087-026-5

Mehr Infos hier

Impressum

Originalausgabe Dezember 2016


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Copyright © 2016
dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH, Stuttgart
Made in Stuttgart with ♥

Alle Rechte vorbehalten


ROCKSTAR ROMANCE


ISBN 978-3-96087-124-8

Covergestaltung: Antoneta Wotringer Grafikdesign

Bildnachweis: belchonock/123RF

Icons made by Freepik from www.flaticon.com is licensed by CC 3.0 BY

Lektorat: Daniela Höhne, Astrid Rahlfs, RaBe Lektorat

Rockstar Romance ist ein zusammengeführtes Werk aus den bereits bei dp DIGITAL PUBLISHERS erschienenen E-Books mit den Titeln Groß, blond, Rockstar! Traummann? (ISBN: 978-3-94529-857-2; 2016) Neuanfang mit Rockmusik (ISBN: 978-3-96087-023-4; 2016) und Stumme Rockstars beißen nicht (ISBN: 978-3-96087-024-1; 2016).

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse aller Werke dieser Ausgabe sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

GROSS, BLOND,
ROCKSTAR!

Traummann?

Sandra Helinski

1. Kapitel

Über dem Grand Hotel schien zum ersten Mal seit einigen Wochen die Sonne und taute die letzten Schneereste weg, als Sarah Förster aus dem Fenster ihres kleinen Büros schaute. Es wurde Zeit, sich darum zu kümmern, dass für den heutigen Tag alles vorbereitet und perfekt war. Ein letzter Blick in den Spiegel. Sie strahlte sich selbst an, um sich Mut zu machen. Dann holte sie noch einmal tief Luft und trat aus dem Büro.

Sie traf auf Bernhard, der seinerseits auf dem Weg in das Büro war. „Hallo, Sarah, viel Spaß heute! Ist ganz schön was los da unten.“ Sarah lächelte ihn an und wünschte ihm einen schönen Tag. Sie mochte Bernhard, der, obwohl er als Hotelmanager zu jeder Tageszeit voll beschäftigt war, eigentlich immer freundlich grüßte und ein paar nette Worte für sie fand.

Auf ihrem Weg nach unten ins Erdgeschoss traf sie noch einige andere Mitarbeiter des Hotels. Alle grüßten freundlich mit beinahe identischen Worten: viel los heute. Ja, das konnte man so sagen.

Das Grand Hotel hatte für die nächsten fünf Tage eine der größten Musikveranstaltungen des ganzen Landes geplant. Direkt ans Hotel angeschlossen befand sich die Musikhalle, eine der modernsten und größten Konzerthallen der Neuzeit, und hier sollte die World of Music, eine Art Musikmesse stattfinden. Einige der größten Musiker und Bands würden hier auftreten. Seit fünf Jahren gab es diese Veranstaltung nun schon und sie wurde jedes Jahr größer. Und Sarah hatte als Eventmanagerin die ehrenvolle Aufgabe, für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen. Das hieß im Vorfeld vor allem viel Planung und Organisation, aber jetzt, so kurz vor Beginn, ging es vor allem darum, die Hauptakteure zufriedenzustellen.

Da es sich ausschließlich um Musiker handelte, war das keine so leichte Aufgabe; Künstler hatten oft genug recht ausgefallene Wünsche. Außerdem verstanden viele dieser Musiker unter „zufriedenstellen“, dass sie mit ihnen ins Bett steigen sollte. Sarah war mit ihren siebenundzwanzig Jahren noch ziemlich jung und nicht unbedingt hässlich. Das reichte den meisten schon, um sie als Beute zu betrachten. Und auch, wenn bei dem einen oder anderen die Verlockung groß sein würde, musste sie auf jeden Fall widerstehen. Würde Sarah sich nur mit einem von ihnen einlassen und würde das irgendwie publik werden, könnte sie ihren Job vergessen. Sie würde fortan von allen nur noch als Freiwild betrachtet und jeder müsste sich und dem Rest der Welt beweisen, dass auch er es schaffen würde, sie ins Bett zu bekommen. An vernünftiges Arbeiten wäre nicht mehr zu denken. Außerdem war Sarah in dieser Hinsicht ein gebranntes Kind, auch wenn das zu ihrem Glück fast niemand wusste. Diese Geschichte blieb ihr Geheimnis.

Ihr Job war ihr wichtig. Es war der Ausgleich zu ihrem Privatleben mit ihrer kleinen Tochter Lilly. Sie liebte das Mädchen über alles und genoss jeden Moment mit ihr. Das konnte sie auch deshalb, weil sie neben Lilly noch ein erfülltes Arbeitsleben hatte, jenseits aller Mutterpflichten. Und natürlich spielte auch die finanzielle Seite eine Rolle.

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Vom Erdgeschoss aus fuhr sie mit dem Fahrstuhl hinunter in den Aufenthaltsraum der VIPs, auch einfach Bar genannt, denn beherrscht wurde der Raum von einer riesigen Theke, um die sternförmig mehrere gemütliche Sitzgruppen arrangiert waren. Zu dieser Zeit war hier noch nichts los. Zwei junge Männer saßen an einem Tisch in der Ecke und hatten jeweils ein Bier vor sich stehen. Toni, der Barmann, polierte Gläser. Sarah besprach kurz mit ihm, wie viele Gäste sie heute erwarteten, ob alle Getränke vorhanden waren und diverse andere Kleinigkeiten. Danach wollte sie ein letztes Mal durch die Suiten gehen, um sicher zu sein, dass alles zu ihrer Zufriedenheit vorbereitet war. Das Grand Hotel hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. Deshalb störte sich normalerweise auch niemand daran, wenn sie die Arbeit der Zimmermädchen noch einmal überprüfte. Also nahm sie wieder den Fahrstuhl nach oben zur Rezeption, um sich dort die entsprechenden Zimmerschlüssel aushändigen zu lassen.

Ein Blick zum Empfangstresen zeigte ihr, was Bernhard und die anderen gemeint hatten. Normalerweise hielten sich um diese Uhrzeit nur wenige Gäste im Bereich der Rezeption und der Lobby auf. Doch heute lungerten diverse Grüppchen von Männern und Frauen, oft mit Musikinstrumenten, auf den Sofas im Eingangsbereich oder standen vor dem Empfangstresen. Dabei war heute noch nicht mal der Hauptanreisetag. Sarah sollte sich also beeilen, wenn sie die Zimmer noch kontrollieren wollte.

Sie musste sich regelrecht bis zur Rezeption durchkämpfen, um die Schlüssel zu bekommen.

Gerade versuchte sie, möglichst unbemerkt durch eine Gruppe von Männern hindurchzuschlüpfen, als es sie plötzlich wie ein Blitz traf. Der Mann, der da lässig seine Arme auf den Empfangstresen gelegt hatte und scheinbar heftig mit Laura flirtete, kam Sarah mehr als nur bekannt vor. Seine blonden Haare waren etwas kürzer als damals, dennoch war sie sich sicher, dass sie ihn kannte.

Sarahs Herz schlug so heftig, dass sie Angst hatte, jemand könnte es hören. Schon so oft hatte sie sich eingebildet, ihn irgendwo zu sehen. Jedes Mal hatte es sich als Trugbild herausgestellt. So oft hatte sie sich überlegt, wie sie reagieren würde, wenn es dann doch einmal passierte. Doch momentan war ihr Kopf wie leergefegt. Sie konnte es Laura nicht übelnehmen, dass diese sich wie ein verliebtes Schulmädchen aufführte. Ihr war es damals nicht anders ergangen.

Plötzlich wurde Sarah bewusst, dass es besser wäre, wenn sie ihm nicht hier vor allen Leuten begegnen würde und so wich sie schnell zurück. Sie rempelte dabei ein paar Leute an, aber das war ihr egal. Wie von Furien gehetzt, rannte sie zur Treppe. Toni kam ihr entgegen. Seinen verwunderten Ausruf „Wolltest du nicht hoch zu den Zimmern?“ bekam sie nur am Rande mit. Sie murmelte etwas von „vergessen“ und rannte nach unten. Direkt hinter der Treppe gab es einen Zugang zu den Heizräumen, die nur im Notfall betreten wurden. Ein ideales Versteck, um erst mal wieder einen klaren Gedanken fassen zu können.

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Er war hier! Alexsi Nicolas Morgan, genannt Alex. Deutsche Mutter, Vater Amerikaner mit finnischen Wurzeln. Aufgewachsen in New Jersey. Schulverweis mit sechzehn, seinen Abschluss hatte er später an der Abendschule nachgeholt. Seine Karriere begann er mit fünfzehn, sie war der Grund für seinen Schulverweis, aber auch für seine Entscheidung, den Abschluss später nachzuholen. Er hätte das nicht nötig gehabt. Nach ein paar fruchtlosen Jahren war plötzlich der große Erfolg gekommen, der bis heute anhielt. Ein Ende nicht in Sicht. Vierunddreißig Jahre alt und Schwarm aller Frauen.

Sarah wusste nicht viel über ihn, nicht mehr als alle anderen, die über sein Leben in der Zeitung gelesen hatten. Sie hätte wissen müssen, dass er hier sein würde. Doch sie hatte den Namen der Band, die als Hauptact auftreten sollte, nicht mit ihm in Verbindung gebracht. Irgendwie hatte sie in den letzten Jahren erfolgreich jeden Gedanken an Alex aus ihrem Leben verdrängt. Dabei verband sie viel mit ihm.

Mehr als er selbst ahnen konnte.

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Es war jetzt ein bisschen über sechs Jahre her. Damals studierte Sarah noch und verdiente sich nebenher ein bisschen Geld, indem sie für eine an ein Hotel angegliederte Eventagentur kellnerte. Eddi, ihr damaliger Chef, merkte jedoch schnell, wie gut sie bei den Gästen ankam, vor allem bei den Prominenten. Sie erstarrte weder vor Ehrfurcht noch brach sie in wildes Kichern aus, wenn sie sie ansprachen, so wie das bei den meisten ihrer Kolleginnen der Fall war. Im Gegenteil, schlagfertig konnte sie jeder Anzüglichkeit mit einem gezielten Konter die Schärfe nehmen. Außerdem sah sie mit ihren langen braunen Locken und den grünen Augen nicht allzu schlecht aus.

Also setzte Eddi Sarah ziemlich bald als „Mädchen für alles“ bei den großen Stars ein. So bekam sie einen ersten Eindruck von dieser Welt und vor allem von den Aufgaben einer Eventagentur, die sich wirklich um alles kümmern musste. Von den besonderen Wünschen, über die Behandlung von Wehwehchen, bis hin zu beinahe magischen Fähigkeiten, wenn es darum ging, Skandale zu vermeiden, indem so wenig Informationen wie möglich über alles was im Hotel passierte, an die Öffentlichkeit gerieten. Gerade letzteres erwies sich oft als die größte Schwierigkeit, denn die Stars selbst taten alles, um ihrem guten Ruf Schaden zuzufügen.

Beinahe täglich mahnte Eddi Sarah, den privaten Kontakt zu ihnen um jeden Preis zu vermeiden. Sie sollte also die geheimsten und komischsten Wünsche erfüllen, ohne je das Gefühl aufkommen zu lassen, sie würde diese Leute kennen. Sie sollte nett sein und zuvorkommend, aber ihnen niemals zu nahe kommen. Er schärfte es ihr dermaßen ein, dass sie im Leben nie gedacht hätte, ihr könnte einmal ein solcher Fehler unterlaufen. Eigentlich hatte sie auch keine Bedenken deswegen, denn sie bekam ja Tag für Tag vor Augen geführt, was mit den Mädchen geschah, die nicht so vorsichtig waren.

Sie blieben mit gebrochenem Herzen auf der Strecke.

Manchmal hatte Sarah tagelang nur damit zu kämpfen, die sexuellen Eskapaden ihrer Gäste um jeden Preis geheim zu halten. Und das, während diese selbst mit ihren Erlebnissen prahlten und sich in aller Öffentlichkeit mit ihrem jeweiligen Betthäschen zeigten. Zum Glück beschränkten sie sich dabei meistens auf das Hotel und die nähere Umgebung.

Wenn man also die Hotelangestellten einigermaßen im Griff hatte, ließen sich Skandale weitgehend vermeiden. Ein paar Mal hatte sie versucht, die Mädchen zu warnen, aber wie sich herausstellte, wollten sie solche Warnungen gar nicht hören. Diese dummen Puten, dachte Sarah immer. Warum also sollte sie auch so sein wollen? Doch Eddi war offenbar der Meinung, man könnte Sarah gar nicht genug warnen.

Als er also eines Morgens seine typische Gardinenpredigt hielt, weil mal wieder eine Band da war, deren Frontmann wohl zu der übelsten Sorte Schürzenjäger gehörte, verdrehte Sarah nur die Augen und ließ seine Worte an sich vorbeirauschen. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass es sich bei diesen Musikern oft um ganz normale Typen mit besonders dreisten und schlechten Manieren handelte, also was sollte sie an denen finden? Außerdem hatte sie einen festen Freund. Zumindest bildete sie sich das ein, denn sie hatte Jens nun schon ein paar Mal geküsst und sie waren schon seit sechs Wochen regelmäßig ausgegangen. Die vielgerühmten Schmetterlinge fehlten zwar, aber so konnte Sarah zumindest rational und vernünftig an die Sache herangehen, wie es ihrem Naturell entsprach. Auch für diesen Abend nach der Arbeit war sie mit Jens verabredet. Sie wollten erst zum Italiener und dann ins Kino. Beschwingt von der Aussicht auf einen netten Abend stürzte Sarah sich in ihre Arbeit.

Womit sie allerdings niemals gerechnet hätte, war, dass dieser Typ, den sie heute betreuen sollte, sie so dermaßen umhauen würde. Als sie das erste Mal in seine blauen Augen blickte, durchfuhr sie sprichwörtlich ein Blitz. Ihre Atmung beschleunigte sich und überall in ihr begann es zu kribbeln, als wäre sie elektrisch aufgeladen. Das hatte sie noch nie zuvor erlebt. Es fiel ihr mehr als schwer, sich darauf zu konzentrieren, was sie sagen, was sie tun sollte. Sie zwang sich, wegzuschauen, murmelte eine knappe Entschuldigung und flüchtete beinahe ins Nebenzimmer, um erst einmal tief durchzuatmen.

Was war nur los? Vielleicht war sie krank? Es konnte unmöglich an diesem Typen liegen, den sie heute zum ersten Mal gesehen hatte. So etwas war einfach nicht ihre Art. So eine starke körperliche Reaktion hatte sie noch nie zuvor erlebt.

Sie atmete tief ein und aus und zwang sich, wieder klar zu denken und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Ein paar Minuten später hatte sie sich soweit beruhigt, dass sie einen zweiten Anlauf wagen wollte. Ein bisschen musste sie sogar über sich selbst lachen. Was hatte der Typ wohl gedacht, als sie reinkam, ihn nur anstarren konnte und dann rausgerannt war?

Na ja, vermutlich war er diese Reaktion auch gewöhnt.

Diesmal klappte es besser. Sie hielt sich einigermaßen aufrecht und brachte vernünftige Sätze zustande. Sie hatte sogar die Gelegenheit, ihn ein bisschen zu mustern, ohne gleich Gefahr zu laufen, in Ohnmacht zu fallen. Eigentlich war er nichts Besonderes. Groß, muskulöse Statur und blond. Seine Haare hingen ihm wild in die Stirn, so dass man das Bedürfnis hatte, sie ihm ein wenig zurückzustreifen. Aber all das war nichts, was sie normalerweise vom Hocker hauen konnte. Umso lächerlicher kam Sarah plötzlich ihre Reaktion vor.

Wahrscheinlich war es eher eine Art allergischer Schock gegen was auch immer. Während sie ihn in sein Zimmer begleitete, um ihm alles zu erklären und weitere Wünsche von ihm zu besprechen, ärgerte sie sich über sich selbst. Ihre Hände hatten noch immer nicht aufgehört zu zittern und auch in ihrer Stimme war noch ein leichtes Beben zu hören. Deshalb schwieg Sarah lieber und sie fuhren die vier Stockwerke nach oben; schweigend.

Anscheinend hing er seinen eigenen Gedanken nach oder er war an sich ein eher wortkarger Mensch. Das war allerdings eher untypisch für einen, der die Mädels angeblich reihenweise um den Finger wickelte.

Als sie ihm oben alles erklärte und zeigte, hatte sie das Gefühl, dass er ihr nur mit halbem Ohr zuhörte. Das fand sie ziemlich unhöflich. Zusammen mit ihrer Anspannung verursachte ihr das eine unnatürlich schlechte Laune.

Also war sie bestimmt nicht so nett und zuvorkommend wie sonst, als sie sich nach seinen Wünschen erkundigte, eher vielleicht ein bisschen pampig. Da überraschte er sie plötzlich mit einem Lächeln und einem weiteren Blick aus seinen tiefblauen Augen. Sofort wurden ihr die Knie weich und ihr versagte die Stimme. Was war nur heute los? Schnell wandte sie sich ab und sortierte die bereits akkurat platzierten Getränke neu. Erleichtert darüber, dass er keine besonderen Wünsche hatte, verließ sie den Raum so schnell es ging wieder.

Nach diesem Erlebnis war sie dermaßen angespannt, dass nichts mehr richtig klappen wollte. Sie warf eine Vase zu Boden, so dass sie in tausend Stücke zerbrach, rannte beinahe eine Gruppe älterer Frauen über den Haufen und fegte aus Versehen einen Stapel loser Blätter vom Empfangstresen. Als dann noch Eddi kam und sie bat, länger zu bleiben, wäre sie beinahe ausgerastet. Wirklich den Rest gab ihr allerdings, dass Jens auf ihre Absage sehr gelassen, fast erleichtert reagierte.

In der Pause ging Sarah erst einmal zur Bar und ließ sich einen Weißwein einschenken. Eigentlich trank sie höchstens nach der Arbeit mal einen Schluck, aber heute brauchte sie das, um ihre angespannten Nerven zu beruhigen. Nach dem ersten Glas fühlte sie sich auch schon viel besser. Zur Sicherheit ließ sie sich noch ein zweites Glas einschenken.

Plötzlich sagte eine tiefe Stimme mit leichtem Akzent direkt in Sarahs Ohr: „Ich glaube auch, jetzt ist die passende Gelegenheit, sich zu betrinken.“ Dann bestellte er sich einen Wodka auf Eis. Neben ihr auf dem Barhocker saß dieser blonde Typ von vorhin und grinste sie an. Sie wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Noch nie in ihrem ganzen Leben war ihr etwas so peinlich gewesen. Sie wollte sofort aufspringen, doch er hielt sie am Arm zurück. „Du hast vorhin gesagt, dass du dafür da bist, dich um mich zu kümmern. Und jetzt brauche ich gerade Gesellschaft.“ Erneut schenkte er ihr sein entwaffnendes Lächeln. Zusammen mit seinem undefinierbaren Akzent, der seine ohnehin sexy tiefe Stimme noch unwiderstehlicher machte, brachte sie das zum Nachgeben. Resigniert seufzte Sarah auf, nahm ihr Glas und hob es ihm hin zum Anstoßen. Der Wein hatte sie etwas lockerer gemacht, so dass sie ihn nach einer Weile fragen konnte, wo denn der Pulk an Mädchen blieb, die angeblich immer in seiner Nähe zu finden waren. Er sah sie verwundert an, anscheinend war ihm diese Information neu.

So ganz falsch konnte sie aber auch nicht liegen, denn plötzlich lachte er und sagte: „Warum? Du bist doch da!“ Sarah war sich nicht ganz sicher, ob sie das jetzt als Beleidigung auffassen sollte, doch angesichts der wirklich irren Situation entschied sie sich dagegen. Dann fing er an, sie auszufragen. Über ihre Arbeit, ihre Hobbies, ihr Privatleben und so weiter. Sie erzählte alles, ließ aber aus, dass sie sich in festen Händen befand. Falls man das überhaupt so bezeichnen konnte, nach Jens' Reaktion war sie sich da nicht mehr so sicher. Warum sie ihm nichts von ihrem Freund erzählte, wusste sie selbst nicht so genau. Genauso wenig wusste sie, warum es sie nicht störte, beinahe ihr ganzes Leben vor ihm auszubreiten, wo er doch fast nichts über sich preisgab. Sie erfuhr lediglich, dass er Alex genannt wurde, achtundzwanzig Jahre alt war und die letzten Monate seines Lebens auf Tour verbracht hatte.

Nebenher tranken sie auf alle möglichen Anlässe, so dass sein Glas mindestens noch fünfmal, Sarahs wenigstens noch ein drittes Mal nachgefüllt wurde. Sie amüsierte sich wie schon ewig nicht mehr. Ihre Unsicherheiten von vorhin waren wie weggefegt, auch wenn es nach wie vor in ihr kribbelte, wann immer er ihr in die Augen sah. Er fühlte sich vertraut an, fast wie ein bester Freund, den sie schon jahrelang kannte. Nur manchmal erwischte sie sich dabei, wie sie seine Hände, seine starken Arme oder seine Lippen begehrlich musterte.

Als Sarahs Hand zufällig seine berührte, wollte sie sie wieder wegziehen und darüber lachen, doch er hielt ihre Hand fest und zog sie zu sich. Das Lachen blieb ihr im Halse stecken, als sie sah, dass er ernst geworden war. Sein Blick war beinahe hypnotisch. Wie von selbst bewegten sie sich aufeinander zu. Der Kuss selbst überraschte sie nicht mehr. Es war sehr schön, beinahe zu schön. Für eine kurze Zeit vergaß sie alles um sich herum. Doch dann wurde sie mit einem Mal schlagartig in die Wirklichkeit zurückkatapultiert. Was machte sie hier? Das ging nicht. Sie stieß Alex beinahe grob von sich.

„Entschuldige“, stammelte Sarah.

Er zog die Augenbrauen fragend hoch. „Wofür?“

„Weil ich … du … mein Job …“ Oh Gott, was war nur mit ihr los? Sie brachte schon wieder keinen klaren Satz zustande.

„Mein Job ist es, für deine Zufriedenheit zu sorgen“, brachte sie schließlich heraus.

„Und das tust du!“, erwiderte er mit einem kleinen Lächeln.

„Aber doch nicht so!“, schrie sie fast. Dann sprang sie auf, so ruckartig, dass sie den Barhocker fast umwarf. „Ich muss los.“

Sie wollte wegstürmen, doch wie zuvor hielt er sie fest. Erst jetzt bemerkte sie, dass er noch immer ihre Hand hielt. Er räusperte sich und fuhr sich mit der anderen Hand durch die Haare, was seine an sich schon strubbelige Frisur noch etwas unordentlicher hinterließ.

„Ich möchte mich bei dir entschuldigen“, begann er mit seiner tiefen Stimme, die so sexy klang, dass Sarah die Knie weich wurden, „weil ich dich anscheinend so in Verlegenheit bringe. Das tut mir leid. Es ist auch sonst nicht meine Art, fremde Frauen an der Bar zu küssen …“ Sarah lachte auf; da hatte sie aber ganz anderes gehört.

„Aber irgendwie ist es schwer, dir zu widerstehen!“ Wieder hatte seine Stimme diesen rauen Klang. Dazu blickte er Sarah tief in die Augen, fast schon in ihre Seele. Sie schmolz buchstäblich dahin.

„Lass uns einfach weiter reden, ja?“, bat sie.

Er nickte und setzte sich demonstrativ so hin, dass er beide Arme auf die Bar legen konnte. Dann griff er nach seinem Glas, warf es aber um. Instinktiv wollte Sarah es auffangen und riss dabei ihr eigenes Glas mit, so dass sich auf der Bar vor ihnen jetzt Wodka mit Weißwein vermischte. Nachdem der Barmann alles aufgewischt hatte und neue Gläser vor ihnen standen, saßen beide schweigend vor ihrem Glas, nebeneinander an der Theke. Ihre Finger zitterten, aber auch er trommelte unruhig mit den Daumen auf der Platte herum. Dann fluchte er auf einmal. Sie drehte sich fragend zu ihm hin und gleichzeitig drehte auch er sich um. Dann ging alles ganz schnell. Er rutschte vom Barhocker herunter, nahm sie in die Arme und küsste sie erneut, diesmal intensiver. Kurz dachte Sarah an die Konsequenzen ihres Tuns, aber irgendwie wollten die Warnungen von Eddi nicht so recht in ihr Bewusstsein vordringen. Also schlug sie alle Bedenken in den Wind und gab sich voll dem Gefühl hin, dass das was sie hier tat, nur richtig sein konnte. Sie lösten sich nur kurz voneinander, um zum Aufzug zu gehen und in sein Zimmer zu fahren. Zum Glück begegneten sie unterwegs niemandem. Zumindest hoffte Sarah das, denn, um bei der Wahrheit zu bleiben, sie bekam nicht mehr viel von ihrer Umwelt mit.

Alex war ein wunderbarer Liebhaber, rücksichtsvoll aber nicht zurückhaltend. Alles fühlte sich total richtig an.

Jedenfalls bis zu dem Moment am nächsten Morgen, als Sarah neben ihm im Bett aufwachte und ihr mit voller Wucht bewusst wurde, dass sie all ihre Prinzipien verraten hatte. Jetzt fielen ihr auch wieder die Warnungen von Eddi ein und die Konsequenzen, mit denen er immer gedroht hatte. Würde sie jetzt ihren Job verlieren? Und vielleicht nie mehr in dieser Branche arbeiten können? Sie konnte nur hoffen, dass niemand etwas mitbekommen hatte. Es war ihr jedoch klar, dass zumindest Eddi sich wohl fragte, wo sie gestern geblieben war.

Schnell suchte Sarah ihre Sachen zusammen, die überall verstreut lagen und warf noch einen Blick auf den schlafenden Alex. Hoffentlich würde er nicht überall damit prahlen, sie ins Bett bekommen zu haben. Eigentlich schätzte sie ihn so nicht ein.

Und wenn doch, würde sie einfach alles abstreiten.

So leise wie möglich zog Sarah sich an. Ein letzter Blick auf Alex, der sogar im Schlaf noch unwiderstehlich aussah, dann verließ sie leise das Zimmer. Obwohl ihr auf dem Weg nach unten mehrere Hotelangestellte begegneten, sprach niemand sie an.

Sie hoffte schon, es unbehelligt nach Hause zu schaffen, als plötzlich Eddi vor ihr auftauchte. Er musterte sie wortlos von oben bis unten und schüttelte leicht den Kopf. Dabei sah er so enttäuscht aus, dass Sarah die Tränen in die Augen schossen. Ihr wurde bewusst, wie sie auf ihn wirken musste, in den Klamotten vom Vortag, total zerknittert und ungeschminkt. Ihm war sicher sofort klar, was passiert war. Seine nächsten Worte bestätigten ihre Vermutung.

„Oh Mädchen, meinst du, dass das klug war?“ Dann bugsierte er sie sanft in Richtung Ausgang. „Vielleicht wäre es besser, du nimmst dir die nächsten Tage frei.“ Mit diesen Worten schickte er sie weg.

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Und so kam es, dass sie Alex nie wieder sah.

Eine knappe Woche später war sie zurück im Hotel, aber da war Alex natürlich schon lange nicht mehr da. Anscheinend hatte er das Geschehene auch für sich behalten, denn sie hörte an keiner Stelle davon, obwohl sie sich in den nächsten Wochen jede Zeitschrift kaufte, die irgendetwas von ihm brachte. Sarah konnte hoffen, dass ihr Fauxpas unbemerkt geblieben war und keine Auswirkungen auf ihr weiteres Leben haben würde.

Knapp vier Wochen später war klar, dass sie doch nicht so ungeschoren davonkommen würde: sie war schwanger. Sie hatten zwar verhütet, aber anscheinend war keine Verhütung zu einhundert Prozent sicher.

Mit Tränen in den Augen berichtete Sarah Eddi was passiert war. Obwohl er nicht begeistert war, durfte sie weiter für ihn arbeiten, wenn auch in einem anderen Bereich ohne allzu viel Kontakt zu den Gästen.

Irgendwann kam der Tag, an dem sie nicht mehr arbeiten konnte. Sie musste eine Entscheidung treffen. Für ihr Kind hatte sie sich schon lange vorher entschieden, aber jetzt wusste sie, dass sie einen völlig anderen Weg gehen musste, als sie immer für sich geplant hatte. Sie brach ihr Studium ab, bekam Lilly und ging wieder arbeiten, sobald Lilly ein Jahr alt war. Sie hatte Glück, dass Eddi sie auch weiterhin beschäftigen wollte, diesmal allerdings als Zimmermädchen.

Lilly sah ihrem Vater ziemlich ähnlich. Sie hatte seine blonden Haare und blauen Augen geerbt. Da jedoch niemand außer Eddi einen Verdacht hatte und Sarah auch nie ein Wort darüber verlor, wusste niemand, wer Lillys Vater war. Es gab Mutmaßungen und Gerüchte, aber niemand kam auch nur in die Nähe der Wahrheit und Eddi plauderte sein Wissen nie aus.

Diese Erfahrung, wie stark eine einzige falsche Entscheidung ein ganzes Leben verändern konnte, hatte Sarah mehr als alles andere gelehrt, niemals ihre Gefühle entscheiden zu lassen, wenn es um ihren Job ging. Sie arbeitete sich hoch, absolvierte nebenher ein Fernstudium und gründete schließlich ihre eigene Eventagentur, als Eddi sich zur Ruhe setzen wollte. Ihre Welt hätte nicht schon wieder aus den Fugen geraten müssen, doch offensichtlich hatte das Schicksal andere Pläne.

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Die Frage war, ob Sarah Alex von Lilly erzählen sollte oder nicht. Doch diese Frage würde sich nicht im Heizungsraum beantworten lassen. Also fasste Sarah einen Entschluss. Sie würde sich ihm stellen und sehen, ob er es verdient hätte, die Wahrheit zu erfahren. Sie konnte ihm sowieso schlecht aus dem Weg gehen, da sie als Eventmanagerin immer Wert darauf gelegt hatte, sich persönlich von der Zufriedenheit aller wichtigen Gäste zu überzeugen. Da Sakrileg, Alex' Band, der Hauptact der Musikmesse war, konnte und wollte sie bei ihm keine Ausnahme machen.

„Vermutlich wird er mich sowieso nicht erkennen.“ Mit diesem Gedanken machte sie sich auf den Weg nach oben. Wie erwartet stand er noch immer bei Laura an der Rezeption. Diese hatte strikte Anweisungen von Sarah, niemanden in sein Zimmer zu lassen, bevor sie es nicht persönlich kontrolliert hatte. Also holte sie tief Luft und drängte sich an ein paar Jungs vorbei, bis sie direkt neben Alex am Empfangstresen stand. Seine Nähe raubte ihr fast den Verstand, sie war nicht fähig, Laura um die Zimmerschlüssel zu bitten. Doch Gott sei Dank war Laura trotz ihres Flirts mit Alex geistesgegenwärtig genug, Sarah die Schlüssel auszuhändigen.

„Warum bekommt sie ihren Schlüssel und ich nicht?“, hörte Sarah plötzlich Alex direkt neben sich fragen. Dann schien sein Blick sie förmlich zu durchbohren. Sarah schnappte sich die Schlüssel und verschwand so schnell, dass sie Lauras Antwort nicht mehr mitbekam. Sie hörte nur noch wie Alex „Moment mal“ rief, dann war sie schon außer Hörweite.

Oben überzeugte sie sich schnell davon, dass alles in Ordnung war, dann fuhr sie wieder runter. Sie holte ein paar Mal tief Luft.

Jetzt war es soweit. Sie würde sich ihm stellen. Ihre nächste Aufgabe bestand nämlich darin, die Musiker in ihre Räume zu führen und mit ihnen den Ablauf der nächsten Tage noch einmal durchzugehen. Es waren noch nicht viele ihrer Gäste da und leider war Alex' Band die erste und wichtigste, um die sie sich kümmern musste. Je schneller sie es hinter sich brachte, desto besser.

Laura hielt Alex und seine Freunde noch immer bei Laune, das hörte Sarah an ihrem lauten Lachen. Erleichtert ging sie näher und war umso überraschter über den spürbaren Stimmungsumschwung, als sie Alex' Aufmerksamkeit auf sich lenkte und ihn und seine Bandkollegen aufforderte, ihr zu folgen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass die Temperatur im Raum plötzlich um ein paar Grade sank. Er musterte sie langsam von oben bis unten. Sein Lächeln verschwand und seine Augen sahen aus wie zwei kalte Gletscherseen. War er wütend auf sie? Das konnte sie sich nicht vorstellen. Vielleicht lag hier ein Missverständnis vor.

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Wenig später standen sie gemeinsam in der für Sakrileg vorgesehenen Suite und gingen den geplanten Ablauf der nächsten Tage durch. Mehr als einmal ertappte sie sich dabei, sich darüber zu wundern, dass sie Alex blaue Augen bei ihrer letzten Begegnung für warm gehalten hatte. Vermutlich bin ich damals einem Hormonschub erlegen, dachte sie. Er war mit Sicherheit ein sehr attraktiver Mann, wahrscheinlich noch mehr als damals. Aber anders als früher spürte sie eine Art Barriere zwischen sich.

„Morgen Abend findet euer Akustikkonzert statt. Der Soundcheck dafür wird gegen Nachmittag sein. Da bringt euch jemand hin.“ Sarah las die Informationen von ihrem Notizzettel ab, obwohl sie den geplanten Ablauf schon lange auswendig kannte, doch nur so war es möglich, Alex' bohrenden Blicken auszuweichen.

Lieber schaute sie die anderen an. „Die folgenden Termine stehen in der Infomappe. Da ist auch meine Nummer. Falls euch etwas unklar ist, könnt ihr mich jederzeit erreichen.“

„Bist du sicher, dass du wirklich immer erreichbar bist?“, fragte Alex mit schneidender Stimme. Die anderen blickten ihn irritiert an.  

Sarah versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie zwang sich zu lächeln und ihn direkt anzusehen. „Ja, natürlich! Es ist mein Job, mich persönlich um meine Gäste zu kümmern.“

Bei dieser Aussage lachte Alex plötzlich zynisch auf. „Ich bin mir sicher, dass du diese Aufgabe ganz besonders ernst nimmst!“

Einer der anderen, Sarah glaubte zu wissen, dass es sich um Rick, den Gitarristen handelte, stieß seinem Freund den Ellenbogen in die Seite und sah ihn böse an. Dann wandte er sich entschuldigend an Sarah. „Das wird schon alles gut klappen. Bitte entschuldige meinen Kumpel, er hat heute wohl seine Manieren vergessen.“ Sie nickte in der Hoffnung, dass er recht hatte.

Noch nie war Sarah so erleichtert gewesen, die Infomappe übergeben und gehen zu können.

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Der restliche Tag war unheimlich anstrengend. Es gab wahnsinnig viel zu organisieren und umzuorganisieren. Erst am Morgen hatten sie einen Anruf bekommen. Eine der Bands vom letzten Tag würde nicht kommen können. Sie hatten sich wohl alle gegenseitig mit dem Norovirus angesteckt und waren im Krankenhaus. Eine andere Band steckte wegen eines Streiks am Flughafen in Rom fest ohne Aussicht, in absehbarer Zeit dort wegzukommen. Dazu schlug Sarah den ganzen Tag Alex' abwehrende Haltung auf den Magen. Nach ihrer Begegnung am Vormittag hatte sie ihn zwar nicht mehr gesehen, doch sie zerbrach sich den Kopf darüber, warum er ihr gegenüber so unfreundlich war.

Als sie spätabends nach Hause kam, fühlte sie sich wie gerädert. Wie immer sah sie zuerst nach Lilly, die bereits seit ein paar Stunden fest schlief. Die Kleine sah so friedlich aus. Jedes Mal, wenn Sarah Lilly anblickte, überkam sie ein warmes Gefühl der Liebe. Ihre süße Tochter war einfach anbetungswürdig. Jeder, der sie sah, verfiel ihrem natürlichen Charme augenblicklich. Dazu ihre hellblonden Haare und ihre wunderbaren tiefblauen Augen. Sie hatte eindeutig viel von ihrem Vater geerbt. Dennoch war Sarah stolz behaupten zu können, dass Lillys bescheidene und freundliche Art, die die meisten an ihr lobten, eher eine Erbschaft mütterlicherseits war.

Mira, ihr Au-pair-Mädchen, das sich in Sarahs Abwesenheit um Lilly kümmerte, schlief ebenfalls schon. Jedenfalls war aus ihrem Zimmer kein Laut mehr zu hören. Sarah ging leise ins Wohnzimmer, machte sich noch einen Tee, setzte sich auf ihr Sofa und schloss die Augen, um einfach die Stille zu genießen. Sie musste sich seelisch und moralisch auf die nächsten Tage vorbereiten.

Die Tagespläne sagten ihr, dass sie in dieser Zeit sehr oft auf Alex – den neuen, ablehnenden Alex – treffen würde. Da seine Band mittlerweile zu den erfolgreichsten gehörte, konnte sie ihre Aufgabe auch nicht einem ihrer Mitarbeiter zuschieben, die nebenbei gesagt genug um die Ohren hatten. Als der Tee ausgetrunken war, wusste Sarah noch immer nicht, wie sie die nächsten Tage überstehen sollte, aber zumindest war sie jetzt müde genug, um schlafen zu gehen.

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2. Kapitel

Alex

Nach so langer Zeit und völlig unerwartet hatte er sie wiedergesehen: Sarah, die Frau seiner Träume.

Und seiner Alpträume.

Dieses Mädchen mit den wunderbaren braunen, langen Haaren und ihren grünen Augen hatte ihm vor sechs Jahren dermaßen den Kopf verdreht, dass er nicht mehr klar denken konnte und völlig vor den Kopf gestoßen war, als sie morgens nicht mehr neben ihm gelegen hatte und auch nicht mehr auffindbar war. So viel hatte er damals getan, um sie zu vergessen, hatte Tränen vergossen und sich Rachepläne überlegt. Letztendlich hatte er die Hoffnung aufgegeben, sie jemals wiederzusehen und sich nur noch voll auf seine Karriere konzentriert. Mit Erfolg, wie man den Verkaufszahlen entnehmen konnte. Damals wollten viele Medien bemerkt haben, dass er erwachsener geworden war. Er selbst hätte gesagt, er sei einfach ein paar seiner Illusionen beraubt worden.

Und nun stand sie plötzlich vor ihm. Einfach so, als wäre nichts passiert. Gerade hatte er noch mit diesem süßen Mädchen an der Rezeption geflirtet und war wirklich guter Laune gewesen. Und plötzlich blickte er in ihr Gesicht, hörte die Stimme, nach der er sich so lange gesehnt und die er wirklich zu hassen begonnen hatte. Er war wie vom Donner gerührt. Alle seit Jahren vergessen geglaubten Emotionen kochten wieder hoch.

Er hasste sie aus ganzem Herzen.

Sie hatte sein Herz gebrochen und schien sich nicht einmal an ihn zu erinnern. Jedenfalls ließ sie sich kein Erkennen anmerken. Sie behandelte ihn wie einen völlig Fremden, war unverbindlich nett und zuvorkommend. Schon um nicht an seiner Wut zu ersticken, musste er sie mit ein paar bissigen Kommentaren provozieren. Weil sie nicht darauf reagierte, wurde er immer gemeiner. Er hatte die Blicke der anderen sehr wohl bemerkt. Aber er konnte einfach nicht anders, er hatte sich nicht mehr unter Kontrolle. Am liebsten hätte er auf etwas eingeschlagen. Wie sollte er nur die nächsten Tage durchstehen? Er würde ihr zwangsläufig öfter begegnen. Komisch, dass er wirklich geglaubt hatte, sie niemals wiederzusehen. Schon allein wegen ihrer Jobs war ein erneutes Aufeinandertreffen mehr als wahrscheinlich. Aber sie war damals so plötzlich verschwunden und dann wie vom Erdboden verschluckt, dass er kurz gezweifelt hatte, ob er die Begegnung mit ihr nicht nur geträumt hatte.

Er hatte fast zwei Jahre gebraucht, um über Sarah hinwegzukommen. Vor der Begegnung mit ihr hatte er viele Affären und One-Night-Stands. Damals war er sich sicher gewesen, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gar nicht geben konnte. Aber diese kurze Zeit mit ihr war wie eine Reise in eine fremde Galaxie, in der nur sie beide existierten. Und er hatte geglaubt, dass es ihr genauso gehen würde. Wie sehr er sich doch geirrt hatte.

Er hatte damals so gelitten, dass er krank geworden war, sie mussten sogar ein Konzert absagen. Das erste Mal im Laufe ihrer Karriere. Aus dieser Zeit stammten aber auch ein paar seiner besten Songs. Einige Zeit später hatte er sich wenigstens soweit im Griff, dass er arbeiten konnte. Aber das war es dann auch. Aus seiner einstigen Leidenschaft war harte Arbeit geworden. Erst viel später hatte er sich damit abgefunden, sie nie wiederzusehen und konnte sich erneut zu einhundert Prozent auf seine Musik konzentrieren.

Seit damals ging es mit ihnen steil bergauf. Auch weil ein paar der Songs aus dieser Zeit sich dann als richtige Hits entpuppten, die sie nach vorn in die erste Liga katapultierten. Ob sie wusste, dass es sich in all diesen Liedern über verlorene Liebe und Rache für gebrochene Herzen um sie drehte? Wahrscheinlich hatte sie die Lieder nie gehört, obwohl man heutzutage wirklich kaum noch daran vorbei kam.

Aber vielleicht war er für sie auch einfach nur einer von vielen. Sie sprang mit den Künstlern ins Bett, wenn es sich ergab, ließ diese mit gebrochenen Herzen zurück, ging heim und machte dort einen auf heile Familie. In seiner Fantasie war aus Sarah ein richtig berechnendes Monster geworden. Er hatte wirklich gedacht, über sie hinweg zu sein, aber als er sie vorhin gesehen hatte, war sofort wieder alles da gewesen.

Als ob sie nicht schon genug Probleme zurzeit hatten. Seit Andreas, ihr Keyboarder, ihnen eröffnet hatte, dass er aus der Band aussteigen wollte, war ihre Welt aus den Fugen geraten. Die Versuche, ihn zum Bleiben zu überreden, waren gescheitert, schnell mussten sie einsehen, dass das unmöglich war. Seine Freundin hatte vor ein paar Wochen ihr erstes Baby zur Welt gebracht und er wollte bei ihr sein. Letztendlich hatten sie ihn verstanden und seitdem suchten sie nach einem Ersatz. Bisher allerdings erfolglos.

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Alex beschloss, zur Ablenkung mit den Jungs ein paar Bierchen trinken zu gehen. Wenn man in Deutschland war, musste man einfach Bier trinken. Wie immer waren seine Freunde nicht abgeneigt und wie immer artete alles zu einer richtigen Party aus. Einer Party, auf der nur Männer erwünscht waren und bei der sich so richtig nach Herzenslust über die gemeine Frauenwelt ausgetauscht wurde. Alex schimpfte heute am lautesten und brachte seine Bandkollegen damit zum Lachen. Zum Glück hatten sie keine Ahnung, was der Grund für Alex' Stimmung war. Sie wussten zwar, dass damals etwas vorgefallen sein musste, aber da sie Sarah nie gesehen hatten und Alex auch nie etwas Genaueres erzählt hatte, brachten sie das Wiedersehen zwischen Sarah und Alex nicht mit dem Zusammenbruch ihres Leadsängers vor sechs Jahren in Verbindung.

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Frühmorgens, als er endlich in seinem Hotelbett lag, hatte Alex plötzlich eine Melodie im Kopf. Der Text dazu formte sich wie von selbst in seinen Gedanken. Er stand auf, schnappte sich seine Gitarre und fing an, die Melodie zu spielen. Dazu summte er leise die Worte mit, die er sich eben überlegt hatte:

Baby you think,
you are better than all others,
you could have every guy.
But you will see
how you feel,
if I broke your heart.
Then you will know
how it feels
to be treated like
you treat them.

In seinem Kopf nahm nicht nur der Songtext Gestalt an, es reifte auch eine Idee in ihm. Ein perfider Plan, es Sarah heimzuzahlen.

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3. Kapitel

Sarah

Am nächsten Morgen verbrachte Sarah doppelt so viel Zeit wie üblich mit der Entscheidung, was sie anziehen sollte. Sie gab sich auch mehr Mühe als sonst mit ihren Haaren und ihrem Make-up. Warum, war ihr selbst nicht richtig klar. Sie hatte definitiv Angst davor, was ihr der Tag bringen würde. Genauso definitiv gab es nur einen einzigen Grund dafür: Alex.

Andererseits verspürte sie jedoch auch eine unbändige Freude bei dem Gedanken, ihn wiederzusehen. Denn er war ihr trotz all der langen Zeit nicht egal. Er hatte nichts von seiner Ausstrahlung verloren und die Wirkung auf ihr Seelenleben war nach wie vor verheerend. Nur war sie mittlerweile älter und erfahrener geworden. Und sie trug jetzt die Verantwortung für eine Tochter. Sie fühlte sich durchaus stark genug, ihm gegenüber zu treten, wie auch immer diese Begegnung ausfallen würde.

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Auf dem Weg zum Hotel fiel ihr zum ersten Mal auf, wie weit der Frühling in diesem Jahr schon fortgeschritten war. Dabei war erst Februar. Alles wirkte irgendwie grüner und sonniger als sonst. Ihre gute Laune hielt so lange an, bis sie in die Tiefgarage des Hotels einbog. Plötzlich war sie nervös. Was würde wohl passieren?

Zuerst einmal passierte gar nichts. Sie hatte alle Hände voll zu tun, musste Neuankömmlinge begrüßen, mit Tontechnikern und Bühnenarbeitern sprechen und viele Hände schütteln. Dennoch hatte sie die ganze Zeit ein flaues Gefühl im Magen, das immer stärker wurde, je näher der entscheidende Moment kam, an dem sie Alex gegenübertreten musste. Als sie schließlich an die Tür seiner Suite klopfte, wäre sie am liebsten umgedreht. Ihr Hals war ganz trocken und ihre Handflächen nassgeschwitzt.

Sie hatte alles erwartet, aber nicht dieses absolut freundliche und zuvorkommende Verhalten, welches Alex ihr gegenüber an den Tag legte. Lächelnd öffnete er ihr die Tür und plauderte fröhlich über das Wetter und über die Musikmesse. Als sie der Band den Weg in die Konzerthalle für den heutigen Soundcheck zeigte, entschuldigte er sich sogar bei ihr für sein Benehmen vom Vortag mit der Begründung, er sei schlecht drauf gewesen. Das war zwar ziemlich fadenscheinig, aber Sarah war so froh über seinen Stimmungswandel, dass sie nicht weiter darüber nachdachte. Er grinste sie an und meinte: „Lass uns einfach den Tag gestern vergessen und noch mal von vorn anfangen. Ich bin Alex Morgan …“

„Ich weiß!“, entfuhr es Sarah unwillkürlich und wie zur Erklärung fügte sie noch hinzu, „wir haben schon mal …“ Sie brach ab. Das war ja wohl zu peinlich. Doch er lachte nur kurz auf und meinte: „Du erinnerst dich also doch noch an mich, das baut mein Selbstvertrauen wieder auf.“ Er sagte das halb im Scherz, doch Sarah sah ihn trotzdem verwundert an. Er erinnerte sich an sie. Daran hatte sie gestern kurz gezweifelt.

Beim Soundcheck spielten Sakrileg einige ihrer Songs an, die Alex mit den Worten ankündigte: „Und das ist für all die schönen Ladies hier im Raum!“ Dabei schaute er nur Sarah an, so dass ihr Herz Purzelbäume schlug und ihre Hände feucht wurden. Doch dann blickte er in die Runde und Sarah fragte sich, ob sie sich das nur eingebildet hatte.

Die Lieder gefielen ihr gut. Sie hatte zwar schon einige im Radio gehört, aber irgendwie nie Alex mit Sakrileg in Verbindung gebracht. Außerdem hatte sie es vermieden, in Zeitschriften versehentlich über Artikel über ihn zu stolpern. Sie wollte ihn einfach aus ihren Gedanken verbannen, in der Hoffnung, ihren Fehler von damals ungeschehen zu machen. Das war natürlich nicht möglich, sie hatte ja Lilly und die wollte sie auf keinen Fall ungeschehen machen. Aber so konnte sie sich zumindest selbst einreden, dass diese Episode zu ihrer Vergangenheit gehörte und dass es Alex einfach nicht mehr gab. Sie hatte zwar irgendwie gehofft, ihm zufällig zu begegnen, aber dann sollte es vom Schicksal gewollt sein. Anscheinend hatte das Schicksal entschieden, dass genau jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen war.

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Sarah wäre gern länger beim Soundcheck geblieben, doch besorgte Blicke eines ihrer Assistenten erinnerten sie daran, dass sie sich noch um die anderen Bands kümmern sollte. Außerdem musste sie Ersatz für die ausgefallene Band suchen. Die Jungs, die am Flughafen in Rom festgesessen hatten, hatten mittlerweile ihre Anreise angetreten und würden lediglich mit drei Stunden Verspätung eintreffen. Das erforderte nur wenig Organisationsaufwand. Einen Ersatz für eine ausgefallene Band so kurz vor Beginn der Show aufzutreiben, war jedoch schon bedeutend schwieriger zu bewerkstelligen.

Sarah musste all ihre Kontakte und zuletzt auch all ihren Charme spielen lassen, hatte dann aber endlich Erfolg: James Hartfield, einer der besten Sänger und Songwriter der letzten Jahre würde herkommen. Sie hatten James schon vor einigen Monaten als Hauptact für die Musikmesse angefragt, aber er spielte gerade eine Tour in Amerika und wollte den langen Weg nicht extra auf sich nehmen. Dennoch hatte Sarah jetzt versucht, ihn umzustimmen. Es brauchte lange, bis er überzeugt war, dass sich der Aufwand für ihn lohnen würde. Erst nachdem Sarah sich quasi selbst als Karte ausspielte und ihm anbot, mit ihm essen zu gehen, sagte James zu. Er würde heute Abend noch ins Flugzeug steigen und morgen hier in Berlin landen.

Sie kannten sich von früheren Begegnungen und James hatte immer versucht, bei Sarah zu landen. Unzählige Essenseinladungen und auch direktere Einladungen hatte sie schon ausgeschlagen, obwohl James ein sehr höflicher und auch ausgesprochen gutaussehender Mann war. Der Schwarm aller Mütter und Schwiegermütter. Ja, James wirkte wie ein Mann zum Heiraten und Kinder bekommen. Und er war Single. Doch Sarah hatte schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht und Eddi hatte es ihr damals richtiggehend eingebläut, sonst hätte sie mit Sicherheit schon viel eher zugestimmt, mit ihm auszugehen.

Wäre es jedoch nach ihrer Tochter gegangen, hätte sie James auch gleich heiraten können, denn Lilly stand total auf seine Musik und seit sie mitbekommen hatte, dass ihre Mutter ihren Lieblingssänger persönlich kannte, bildete sie sich ein, er könnte ihr neuer Papa werden.

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Beim Gedanken an Lilly musste Sarah lächeln. Ihre Tochter war vermutlich gerade dabei, zu Abend zu essen. Dann würde Mira sie bettfertig machen und ihr noch eine Geschichte vorlesen. Sarah hätte das alles gern selbst gemacht, aber gerade am ersten Tag der World of Music war gar nicht daran zu denken, dass sie rechtzeitig nach Hause kam, um ihre Tochter selbst ins Bett zu bringen. Zum Glück hatte sie Mira, die ein echter Goldschatz war. Und am nächsten Tag war eine Veranstaltung für Kinder auf der Musikmesse, bei der auch Lilly dabei sein durfte. So hatten sie wenigstens tagsüber etwas voneinander.

Sarah musste schon wieder lächeln bei dem Gedanken, was Lilly wohl sagen würde, wenn sie hörte, dass auch James Hartfield morgen da war. Sie würde sicher darauf bestehen, ihren „neuen Papa“ persönlich kennenzulernen. Mal sehen, vielleicht konnte Sarah etwas arrangieren, auch wenn sie Lilly bis dahin diese Papa-Geschichte unbedingt ausgeredet haben musste.

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Am Abend fand der erste Teil der Show statt, das Akustikkonzert von Sakrileg. Quasi als Einstimmung, bevor sie dann am letzten Tag als einer der beiden Hauptacts auf die Bühne gingen. Eigentlich waren sie ja der alleinige Hauptact, doch seit James zugesagt hatte, hatte Sarah zusammen mit den Sponsoren der Musikmesse ein paar Pläne umgeworfen und neu arrangiert. So würde James als Überraschungsgast direkt vor Sakrileg auftreten. Die Sponsoren erhofften sich davon eine Wahnsinnspublicity im Nachhinein, die der Musikmesse im nächsten Jahr noch größere Aufmerksamkeit bescheren sollte. Alle waren so froh, dass Sarah James organisieren konnte, dass es ihr schon fast schäbig vorkam, dass sie ihn mit einem simplen Essen abgespeist hatte.

Sarah war müde und ausgelaugt, als endlich alles für den Tag erledigt war. Sie hätte jetzt nach Hause gehen können und auch sollen, um für den nächsten Tag fit zu sein. Doch sie konnte nicht gehen. Sie wollte Alex' Auftritt unbedingt miterleben. Bis er an der Reihe war, würde sie noch mindestens eine Stunde totschlagen müssen. Arbeiten wollte sie nichts mehr, also ging sie in die Lobby, zog ihre Schuhe aus und setzte sich auf einen der gemütlichen Sessel am Fenster, die so aufgestellt waren, dass man nach draußen sehen konnte, aber sonst von niemandem gesehen wurde. Sie lehnte sich zurück, massierte ihre schmerzenden Schläfen und schloss für einen Moment die Augen.

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Als sie erwachte, war sie für einen kurzen Moment orientierungslos. Dann fiel ihr wieder ein, wo sie war und sie schaute erschrocken auf die Uhr. Sie hatte weit über eine Stunde geschlafen. Die Band musste schon lange spielen. Hoffentlich waren sie nicht schon fertig. Sarah schnappte sich ihre Schuhe und hastete in Richtung Musikhalle. Sie kannte ein paar Abkürzungen und war kurz darauf vor einem Seiteneingang. Laute Musik war zu hören.

Ja, es war eindeutig Alex, der da sang. Seine Stimme war sehr markant. Leise öffnete sie die Tür und trat ein. Sofort umfing sie eine besondere Stimmung. Die Musik gefiel ihr sehr gut. Sie schloss die Augen und ließ sich von den rockigen Melodien und Alex' tiefer, rauer Stimme davontragen.

Vor allem ein Lied berührte sie so sehr, dass ihr spontan ein paar Tränen in die Augen traten. Es ging dabei um jemanden, der seine große Liebe findet und gleich wieder verliert. Er verliert beinahe auch sich selbst auf der Suche nach ihr und wird dabei langsam erwachsen. Doch irgendwann gibt er die Suche auf und hasst sie dafür, dass sie sein Herz gebrochen hat. Am Schluss kann er ihr jedoch vergeben.

Der Song war bittersüß und mit solch einer Intensität gesungen, dass Sarah die ganze Zeit Gänsehaut hatte.

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Als das Konzert zu Ende war, ging Sarah noch kurz hinüber zum Backstage-Bereich. Sie war wirklich todmüde, aber sie wollte noch schauen, ob die Jungs alles hatten, was sie brauchten. Sie fand Alex und seine Freunde in sehr ausgelassener Stimmung vor. Eine Wodkaflasche machte die Runde. Als Mika, der Schlagzeuger, sie sah, lud er sie spontan ein mitzufeiern, was sie mit einem demonstrativen Gähnen jedoch ablehnte. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass alles vorhanden war, was die Jungs sich wünschten, wollte sie gehen, doch Alex hielt sie auf. Er hatte die Wodkaflasche in der Hand und offensichtlich auch schon einiges daraus getrunken, denn er hielt sich am Türrahmen fest. „Bleib doch!“ Er blickte ihr tief in die Augen. Der Blick fuhr ihr durch Mark und Bein. Obwohl sie so müde war, war sie kurz davor zuzustimmen, doch seine nächsten Worte wirkten wie das sprichwörtliche Eiswasser, das über ihr ausgeschüttet wurde: „Wenn du keine Lust mehr auf eine große Party hast, können wir auch eine kleine Privatparty bei mir feiern.“

Er grinste Sarah bedeutungsvoll an und hob eine Augenbraue. Ungläubiges Staunen über dieses unverschämte Angebot machte sich in ihr breit. Was dachte er denn von ihr? Sie spürte, wie sie wütend wurde. Doch sie wollte die bisher so gute Stimmung zwischen ihnen beiden nicht zerstören, indem sie ihm jetzt vor seinen Freunden die Meinung sagte. Sie tat das Einzige, was ihr einfiel und versuchte, die Situation mit einem Lachen zu entschärfen.

„Bitte sei mir nicht böse, ich möchte einfach nur ins Bett.“

Oh nein, was hatte sie gesagt? Hätte sie das nicht anders ausdrücken können? Natürlich ließ er diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen.

Mit jetzt beidseitig hochgezogenen Augenbrauen und eher an die Umstehenden gewandt, die sie mittlerweile interessiert anschauten, antwortete er: „Also ich hätte ja vorgeschlagen, dass wir erst was trinken und ein bisschen reden. Aber wenn du gleich ins Bett willst …“

Die anderen lachten. Auch wenn Sarah klar war, dass sie diesen Spruch selbst zu verantworten hatte, war sie doch sauer auf Alex, dass er sie so vorführte. Sie schubste ihn unsanft zur Seite und drängte sich an ihm vorbei zur Tür hinaus. „Bis morgen“, rief sie noch in den Raum hinein, dann machte sie sich so schnell es ging aus dem Staub.

Vom Ende einmal abgesehen, war der Tag ganz gut verlaufen. Sarah spürte, dass ihr Ärger schnell nachließ. Noch auf der Fahrt nach Hause beschloss sie, sich nun doch die eine oder andere CD von Sakrileg herunterzuladen. Die Musik hatte ihr einfach gefallen und tief in ihr etwas berührt. Zu Hause machte sie also noch den Computer an und lud sich die drei letzten CDs auf ihren MP3-Player. Mit Alex' Stimme im Ohr schlief sie schließlich ein.

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Am nächsten Tag wachte Sarah etwas zu spät auf. So wurde der ursprünglich sehr ruhig geplante Morgen mit ihrer Tochter ein wenig hektisch. Sarah war sauer auf sich selbst, weil sie endlich mal die Zeit gehabt hätte, in Ruhe mit Lilly zu frühstücken und nun mussten sie sich doch beeilen. Lilly fand das nicht so schlimm. Sie freute sich so sehr darauf, mit ihrer Mama zur Arbeit zu fahren und dort beim Zirkusprojekt mitarbeiten zu dürfen, dass sie es sowieso nicht erwarten konnte, loszufahren.

Das Zirkusprojekt sollte gegen zehn Uhr beginnen und um sechzehn Uhr mit einer großen Vorführung enden. Gegen neun Uhr waren sie am Hotel. Die Zeit bis zum Beginn des Projektes verbrachte Lilly im Büro von Bernhard und malte dort. Sarah hatte unterdessen schon wieder alle Hände voll zu tun, denn es war der Hauptanreisetag. Sie musste unzählige Zimmer überprüfen und Bands und Sänger begrüßen. Sie hoffte, sie würde nicht durcheinander kommen. Zwischendurch sah sie immer kurz nach Lilly, doch der ging es gut und bei Bernhard war sie gut aufgehoben. Kurz vor zehn brachte er Lilly höchstpersönlich in den Theatersaal, in dem das Projekt stattfinden sollte.

Sarah war sich bewusst, dass Alex ihr früher oder später über den Weg laufen würde und die Chance dann groß war, dass er Lilly zu Gesicht bekam. Doch sie wollte es einfach darauf ankommen lassen. Das Schicksal sollte entscheiden.

Doch von Alex und seinen Jungs war den ganzen Vormittag lang nichts zu sehen. Erst am Nachmittag, als sie gerade dem gefühlt hundertsten Musiker erklärte, wo der Soundcheck stattfinden würde und wie er am besten ungesehen zur Musikhalle käme, sah sie die Jungs von Sakrileg das Hotel verlassen. Anscheinend wollte das Schicksal nicht, dass Alex und Lilly aufeinandertrafen.

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4. Kapitel

Endlich kam auch James Hartfield an. Der smarte Sänger war wie immer umringt von einer Gruppe Fans und Bewunderer. Doch als er Sarah sah, ließ er alle stehen und kam sofort auf sie zu. Ihr fiel auf, wie gut er heute aussah. Er trug seine dunklen Haare etwas länger als bei ihrer letzten Begegnung, doch das stand ihm hervorragend. Sein obligatorischer Dreitagebart verlieh ihm ein verwegenes Aussehen, was noch von der dunklen Sonnenbrille unterstrichen wurde. Unter den argwöhnischen Blicken seiner Fans gab er Sarah die Hand und küsste sie dann rechts und links auf die Wange. Sarah fühlte sich plötzlich im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit und spürte, wie sie rot wurde. Sie begrüßte James ebenfalls und vergaß auch nicht, sich artig bei ihm zu bedanken, weil er so spontan einspringen wollte. Er grinste sie lausbubenhaft an.

„Mach dir keine Gedanken, es lohnt sich auf jeden Fall herzukommen, wenn du endlich mit mir essen gehen willst.“ Sarah war es peinlich, dass jetzt auch andere mitbekommen hatten, wie sie ihn rumgekriegt hatte.

James bestand darauf, dass sie ihn persönlich herumführte. Er war interessiert und sehr nett und Sarah wurde immer lockerer. Als sie an der Bar bei einem Latte macchiato saßen, erzählte sie ihm sogar von ihrer Tochter Lilly und dass sie heute hier war, um bei dem Zirkusprojekt mitzuwirken. Als sie dann etwas später am Theatersaal vorbeiliefen, bestand James darauf, Lilly kennenzulernen.

Sarah wusste nicht, was sie von James' Bitte halten sollte.

„Bist du sicher? Sie ist einer deiner größten Fans“, gab sie zu bedenken.

„Na, dann ist es umso wichtiger, dass ich sie persönlich kennenlerne“, erwiderte er mit einem Lächeln. Sarah zuckte mit den Schultern.

Wenig später betraten sie leise den Theatersaal. Anscheinend waren die älteren Kinder gerade bei ihrer Probe, denn Lilly stand mit ein paar Mädchen in ihrem Alter an der Seite und sah den Älteren gebannt zu. Doch dann entdeckte sie Sarah. Sie rief freudig „Mama!“ und kam auf sie zugerannt. Dann drückte sie sich an Sarah und begann gleich darauf übersprudelnd davon zu erzählen, was sie schon erlebt hatte. Plötzlich schien sie James entdeckt zu haben, denn sie hielt mitten im Satz inne.

„Lilly, darf ich dir James Hartfield vorstellen? James, das ist Lilly, meine Tochter“, stellte Sarah ihre Tochter voller Stolz vor.

James hockte sich hin, um auf Augenhöhe mit Lilly zu sein. „Es ist mir eine große Freude, dich kennenzulernen. Ich habe gehört, du bist ein Fan von mir?“

Lilly blickte verlegen zu Boden und lächelte schüchtern. So ein Verhalten war Sarah von ihr gar nicht gewohnt. Doch James konnte offensichtlich ganz gut mit Kindern umgehen, denn er verwickelte sie weiter in ein Gespräch und Sarah konnte beobachten, wie Lilly sekündlich auftaute und nach ein paar Minuten schon ebenso freudig von ihren Erlebnissen im Zirkusprojekt erzählte, wie sie es eben noch bei ihrer Mutter getan hatte. Sie wurde unterbrochen, als Maria, eines der Mädchen, die das Projekt leiteten, nach Lilly rief. Als Maria Sarah und James erblickte, kam sie herüber. Erst dachte Sarah, Maria wollte sie etwas fragen, aber Maria blickte nur James an.

„Hallo, ich bin Maria“, stellte sie sich selbst mit einem kecken Augenaufschlag vor. „Nachher bei der großen Vorführung gibt es einen Programmpunkt, bei dem die Väter mit ihren Kindern eine kleine Akrobatiknummer aufführen. Wir würden uns freuen, wenn Sie mitmachen könnten.“

Sarah wollte James nicht in Verlegenheit bringen und griff schnell ein. „Er ist nicht Lillys Vater, also wird es wohl kaum …“

Maria blickte nur kurz zu Sarah hinüber. James hielt ihr die Hand hin. „Guten Tag, mein Name ist James Hartfield.“

„Ich weiß“, erwiderte Maria vielsagend, „und es wäre uns wirklich eine Ehre, wenn Sie an unserem Projekt teilnehmen könnten.“

„Oh ja, bitte“, mischte Lilly sich jetzt ein. „Das wäre wirklich super. Bitte, James, mach mit!“

Noch bevor Sarah den Mund aufmachen konnte, um etwas zu entgegnen, hörte sie James schon zustimmen.

„Du musst das wirklich nicht tun“, versuchte Sarah es noch einmal.

„Ich möchte aber. Und soweit ich weiß, habe ich heute keine anderen Termine, oder?“

„Nein, aber …“

„Dann ist es also abgemacht. Was muss ich tun?“

Und schon lief James mit Maria und Lilly nach vorn zur Bühne. Sarah ließen sie einfach stehen. Sie blickte den dreien verdutzt nach. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass noch ein Haufen Arbeit auf sie wartete, zuckte mit den Schultern und ging nach draußen. Die Extrazeit, die sie jetzt hatte, war ihr sehr willkommen, denn sie wollte unbedingt pünktlich zur Aufführung des Zirkusprojektes da sein. James war ein erwachsener Mann, er musste selbst wissen, was er tun wollte und was nicht. Also stürzte Sarah sich wieder in ihre Arbeit.

Es war wirklich viel zu tun. Ein paar Jungs einer weniger bekannten Band hatten sich anscheinend auf der Straße geprügelt, waren aber wenigstens schlau genug zu verschwinden, bevor die Presse da war. Jetzt waren sie auf ihren Zimmern und ließen sich ihre Wunden vom Hotelarzt behandeln, während Sarah versuchen musste, die neugierigen Reporter abzuwimmeln. Später hatte sie noch allerhand Papierkram zu erledigen, doch sie schaffte es gerade noch pünktlich zum Zirkusprojekt.

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Der Saal war entgegen ihrer Erwartungen recht voll. Anscheinend waren nicht nur Verwandte und Freunde der Kinder gekommen, sondern auch ein paar Gäste des Hotels. Sarah stellte sich direkt an die Tür, damit sie schnell rausgehen konnte, wenn ihr Telefon klingelte. Ihre Assistenten hatten darauf bestanden, dass sie erreichbar sein musste, falls etwas passierte. Doch sie hatte Glück, das Telefon klingelte nicht und sie konnte sich voll auf die Aufführung konzentrieren. Unglaublich, was Maria und ihre Kollegen in der kurzen Zeit zustande gebracht hatten. Ein paar der gezeigten Kunststücke waren wirklich spektakulär.

Immer wenn Lilly auf der Bühne stand, klatschte Sarah so wild, dass ihr die Hände wehtaten. Die Akrobatiknummer, bei der die Väter mitwirken sollten, war wirklich klasse. James machte seine Sache gut und Lilly schien total glücklich. Sarah jubelte laut auf. Beim Schlussapplaus klatschte sie sich die Hände wund, jubelte und pfiff zusammen mit den anderen Zuschauern. Sie zuckte zusammen, als plötzlich eine Stimme ganz nah an ihrem Ohr sagte: „Ich wusste gar nicht, dass du auch für die Kinderbetreuung zuständig bist.“

Alex. Ihr Herz schlug einen Purzelbaum. Was wollte er bei dieser Aufführung? Ausgerechnet! Lilly war hier.

Jetzt war es also soweit, jetzt konnte es passieren, dass er Lilly kennenlernte. Wollte sie das wirklich? Kurz überlegte sie, ihm irgendeine Geschichte zu erzählen, aber dann entschied sie sich für die Wahrheit.

„Nein, ich bin privat hier. Meine Tochter Lilly nimmt an diesem Projekt teil.“ Sie sah ihn abwartend an.

Er wirkte ehrlich überrascht. „Du hast eine Tochter?“

Sarah konnte seinen Blick nicht deuten. Doch plötzlich fühlte sie sich trotzig und kühn.

„Ja, wenn du kurz hierbleibst, lernst du sie kennen.“

 „Welche ist es?“ Doch diese Frage beantwortete sich von selbst, als Lilly mit wehenden Haaren von der Bühne stürmte und ihrer Mutter in die Arme sprang. James kam mit einigem Abstand hinterher. Die beiden Männer musterten sich abschätzend.

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„Hartfield.“ Alex' Stimme war sehr dunkel geworden.

„Morgan.“ Auch James' Stimme hatte einen komischen Klang. Die beiden schüttelten sich förmlich die Hände. Anscheinend kannten sie sich, also musste Sarah sie schon mal nicht vorstellen. Dann drängte sich Lilly wieder in den Mittelpunkt.

„Es war so toll hier! Es hat mir riesigen Spaß gemacht. Hast du uns gesehen, als wir die Akrobatik gemacht haben? James war besser als alle anderen Väter.“

Kurz bildete Sarah sich ein, Alex überraschten Blick auf sich zu spüren, doch als sie zu ihm schaute, sah er in eine andere Richtung. Dann wandte Lilly sich Alex zu. Sie war noch ganz aufgedreht.

„Hallo, ich bin Lilly. Bist du auch ein Musiker?“

Alex lächelte sie an.

„Ja, ich bin Alex und ich spiele in einer Band.“

„Toll!“, erwiderte Lilly beeindruckt und fuhr gleich darauf fort: „Mein Lieblingssänger ist James. Wie heißt denn deine Band?“

Alex sagte es ihr, doch Lilly hatte noch nie von Sakrileg gehört. Wie auch? Die meiste Musik kannte sie von ihrer Mutter.

Als Sarah Alex und Lilly so dicht zusammen sah, zog sich ihr Herz zusammen. Vater und Tochter. Er musste es jeden Moment merken, sie war ihm so ähnlich. Doch er schien nichts zu spüren, denn er fuhr ganz normal fort zu reden.

„Du musst dir unbedingt mal die Musik von meiner Band anhören und danach kannst du entscheiden, wer dein Lieblingssänger ist.“

Lilly nickte. „Okay“, sagte sie ernst. Dann sah sie ihre Mutter fragend an. Sarah musste lächeln, weil Lilly diesen Vorschlag von Alex so ernst nahm. Sie beschloss, das Spiel mitzuspielen.

„Ja, mein Schatz, du kannst dir nachher meinen MP3-Player ausleihen und dir die Musik anhören.“ Es war ihr etwas peinlich vor Alex zuzugeben, dass sie seine Musik auf ihrem MP3-Player hatte. Doch dann sagte sie sich, dass eine Menge Leute seine Musik hörten, warum nicht auch sie.

Plötzlich räusperte sich James.

„Ich würde mich jetzt gern etwas ausruhen. Sarah, kommst du?“ Er sah Sarah fragend an und sie nickte. Lilly nahm James bei der Hand und zusammen gingen sie Richtung Ausgang. Dann drehte Lilly sich noch einmal um und winkte Alex zu. Sarah war bewusst, was Alex jetzt denken musste. Doch sie konnte im Moment nichts dagegen tun, also rief sie auch „Tschüss“ und eilte hinter James und ihrer Tochter her.

Als sie die beiden eingeholt hatte, übernahm sie die Führung und gemeinsam gingen sie den langen Gang zum Westflügel des Hotels. Die Suiten waren alle schon belegt gewesen, aber Sarah hatte es noch organisieren können, dass James eines der Zimmer im Erdgeschoss bekam. Diese Zimmer waren zwar nicht groß, doch sie waren unheimlich ruhig und alle hatten einen eigenen Zugang zum Park hinter dem Hotel. Die Terrassen waren rechts und links mit einem hohen Sichtschutz ausgestattet, so dass man wirklich seine Privatsphäre hatte. Nach vorn war jedoch der Blick frei auf einen See, der mitten im Park angelegt war. Diese Zimmer waren sehr beliebt, vor allem bei den Gästen, die häufiger kamen und schon einmal in den Genuss eines solchen Zimmers gekommen waren.

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Während Sarah mit James den Tagesablauf der nächsten Tage besprach, hüpfte Lilly auf dem breiten Bett herum. Irgendwann klingelte Sarahs Handy. Es war Mira, die an der Rezeption stand und Lilly abholen wollte.

„Lilly, komm, zieh dir die Schuhe wieder an. Wir müssen los. Mira wartet.“

Lilly hörte auf zu hüpfen. „Ich will aber noch nicht gehen, es ist so schön hier.“

Sarah sah ihre Tochter streng an. Diese zog eine Schnute, kam aber wenigstens gehorsam vom Bett runter und zog sich ihre Schuhe an.

„Was ist mit unserer Verabredung?“ James sah Sarah fragend an. „Ich habe ein bisschen Hunger. Wie sieht es mit dir aus?“

Sarah wand sich ein bisschen. „Ich kann heute nicht“, sagte sie schließlich. „Wir machen ein anderes Mal etwas aus.“

James zog eine Augenbraue hoch. „Es war eine Abmachung.“

Sarah beeilte sich zu versichern, dass sie sich auf jeden Fall an diese Abmachung halten wollte, dass es eben nur heute nicht ging, weil sie schon verabredet war.

Das stimmte nur teilweise. Nur, wenn man gelten ließ, dass sie mit ihrer Couch verabredet war. Und natürlich mit ihrer Tochter. Aber heute war voraussichtlich der einzige Abend, an dem Sarah so früh nach Hause konnte, dass sie ihre Tochter noch selbst ins Bett bringen konnte, und das wollte sie auf keinen Fall absagen.

Lilly verabschiedete sich von James und dankte ihm auch noch einmal brav, dass er beim Zirkusprojekt mitgemacht hatte. James versicherte ihr, wie gut sie das gemacht hatte und strich ihr zum Abschied über den Kopf, dann gingen Lilly und Sarah zusammen zur Rezeption. Sarah wollte sich schon von Lilly verabschieden, da erinnerte diese sie noch einmal an ihr Versprechen mit dem MP3-Player. Lilly vergaß nie etwas. Ergeben zog Sarah den MP3-Player aus ihrer Handtasche und gab ihn Lilly mit. Sie würde jetzt garantiert den ganzen Abend lang die Musik von Sakrileg hören. Sarah kannte doch ihre Tochter. Aber in drei Stunden würde sie auch Feierabend machen und selbst dafür sorgen können, dass Lilly wenigstens ohne MP3-Player einschlief.

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Auf dem Rückweg von der Rezeption begegnete ihr Alex. Er bat sie, mit ihm ein Glas Wein zu trinken und sie willigte ein. Einerseits weil es zu ihrem Job gehörte, solche Wünsche ihrer Gäste zu erfüllen, und andererseits war sie ja wirklich gern mit ihm zusammen. Außerdem war sie neugierig auf Alex und wollte gern etwas mehr über ihn erfahren.

Als sie dann jedoch mit ihm an einem der kleinen Tische im VIP-Bereich saß, bereute sie ihre spontane Zusage. Zuerst hatte er versucht herauszufinden, ob sie und James ein Paar waren, doch als sie ihm das auch nach mehrmaligem Nachhaken nicht beantworten wollte, war er in brütendes Schweigen verfallen. Er drehte nur missmutig sein Glas zwischen den Fingern. Erst hatte Sarah versucht, das Gespräch aufrechtzuerhalten. Sie hatte ihm zu dem gelungenen Akustik-Auftritt gratuliert, worauf er nur mit einem unbestimmten Brummen geantwortet hatte. Auch weitere Versuche ihrerseits, Konversation zu betreiben, erstickte er im Keim, indem er einfach gar nicht antwortete. Irgendwann gab Sarah es auf. Mittlerweile saßen sie schon mehrere Minuten schweigend nebeneinander. Sarah beschloss, ihr Glas auszutrinken und sich dann zu verabschieden.

Dann, ganz plötzlich, brach er das Schweigen. „Du hast eine hübsche Tochter.“

Plötzlich war Sarah am ganzen Körper angespannt. Hatte er doch endlich eins und eins zusammengezählt? Warum sonst kam er auf dieses Thema?

Doch seine Gedanken gingen in eine andere Richtung. „Ist James Hartfield wirklich der Vater?“

Sarah war irritiert. Wie kam er denn auf so etwas? Dann erinnerte sie sich daran, was Lilly gesagt hatte. Man hätte wirklich darauf schließen können, dass James ihr Vater war. Jedenfalls wenn man blind war. Denn James war ein eher dunkler Typ, der Lilly so gar nicht ähnlich sah. Sarah musste spontan lachen, weil die Situation so absurd war. Da fragte Lillys Vater sie, ob ein anderer der Vater seiner Tochter war. Jeder Außenstehende hätte sofort sagen können, wer von beiden wahrscheinlicher infrage kam.

„Was ist daran so lustig?“, wollte Alex wissen. Er klang frustriert und irgendwie auch ärgerlich.

„Nein, nein“, beeilte sich Sarah zu sagen. „James ist nicht Lillys Vater. Sie haben sich heute erst kennengelernt.“

Irgendwie schien diese Aussage Alex auch nicht großartig zu gefallen. Er nickte zwar, aber sagte dann leise, wie zu sich selbst: „Na, du musst ja wissen, was du tust.“

„Wie bitte?“, hakte Sarah nach, doch Alex schüttelte nur den Kopf, trank einen großen Schluck Wein und starrte weiter grüblerisch vor sich hin. Sarah leerte ihr Glas und stand auf.

„Tut mir leid. Ich muss wieder arbeiten gehen. Vielen Dank für die Einladung und für das anregende Gespräch.“

Alex blickte sie erstaunt an. Anscheinend hatte er den Sarkasmus in ihrer Stimme nicht mal wahrgenommen. Doch Sarah kratzte ihr letztes bisschen Würde zusammen, brachte ihr Glas an die Bar und ließ Alex einfach sitzen.

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5. Kapitel

Zweieinhalb Stunden später war sie auf dem Weg nach Hause. Es war wieder ein anstrengender Tag gewesen. Diesmal vor allem nervlich, weil sowohl James als auch Alex sich total anders verhalten hatten, als sie es gedacht hatte. James hatte sie positiv überrascht, Alex eher negativ. Doch jetzt wollte sie die Arbeit hinter sich lassen und sich ganz um ihre Tochter kümmern. Wie erwartet hatte Lilly die ganze Zeit die Kopfhörer auf den Ohren gehabt.

„Nicht mal zum Abendessen konnte ich sie überreden, auf die Musik zu verzichten“, erzählte Mira, während sie den Abwasch erledigte. Das konnte sich Sarah sehr gut vorstellen. Lilly musste mittlerweile alle Alben auf dem Player mindestens zweimal gehört haben. Doch als sie Lilly bat, im Bett die Musik auszumachen, gehorchte diese überraschenderweise sofort. Sarah hatte mit einem mittleren Drama gerechnet. Vielleicht hatte ihrer Tochter die Musik doch nicht so gefallen, sonst hätte sie doch gekämpft wie ein Löwe, um mit Kopfhörern einschlafen zu dürfen. Doch Sarah hatte sich getäuscht. Sobald sie nebeneinander in Lillys Bett lagen, um noch ein wenig zu kuscheln, fing Lilly an, ihrer Mutter von Sakrileg vorzuschwärmen.

Schließlich setzte Lilly sich im Bett auf und sagte mit ernster Miene: „Mama, ich glaube, James Hartfield ist immer noch mein Lieblingssänger, aber Sakrileg ist mit Sicherheit meine neue Lieblingsband.“ Sarah musste lächeln. Sie konnte sich vorstellen, wie Lilly mit der Entscheidung zwischen den beiden gehadert hatte, so dass sie jetzt für sich diesen Kompromiss geschlossen hatte. Dann schaute Lilly ihre Mutter bittend an. „Kannst du Alex das sagen?“

Sarah zog sie wieder hinunter.

„Mache ich, aber jetzt wird geschlafen, mein Schatz.“ Sie las Lilly noch ein Kapitel aus ihrem Lieblingsbuch vor, gab ihr dann einen Gutenachtkuss und verließ das Zimmer.

Mira war immer noch dabei, die Küche fertig aufzuräumen, doch dann verabschiedete sie sich ebenfalls und ging in ihr Zimmer, so dass Sarah ganz allein mit ihren Gedanken blieb. Die Begegnung heute zwischen James, Alex und Lilly war irgendwie merkwürdig verlaufen. Sarah vermochte außerdem nicht ganz einzuschätzen, wie James und Alex zueinander standen. Sie kannten sich ganz offensichtlich. Und beide waren super nett zu Lilly gewesen, so als ob sie versuchen würden, über das Kind an sie heranzukommen … Nein! Das war unmöglich. Bei James konnte sich Sarah das zwar vorstellen, aber andererseits schätzte sie ihn nicht so berechnend ein. Aber egal, beide würden Lilly vermutlich nie wiedersehen, also brauchte sie sich jetzt auch nicht unnötig den Kopf zerbrechen.

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Sarah wollte den Abend nutzen, ihre Präsentation noch einmal zu überarbeiten und sich zu überlegen, was sie letztendlich dazu erzählen wollte. Sie würde am nächsten Tag im Rahmen der Musikmesse über Eventmanagement im Musikbusiness und über ihre Eventagentur im Speziellen berichten. Sie war froh über diese Chance, sich auch außerhalb ihres Hotels bekannt zu machen. Dennoch war sie sehr nervös beim Gedanken daran, über ihre Arbeit zu reden. Der Teil über Eventmanagement im Musikbusiness war leichter zu bewältigen, auch wenn Sarah das Gefühl hatte, sie würde hier nur über ihre eigenen Erfahrungen berichten. Aber speziell der Teil, bei der sie ihre eigene Arbeit bewerben sollte, bereitete ihr Magenschmerzen. Am liebsten hätte sie den Vortrag wieder abgesagt. Aber da er jetzt so großartig angekündigt worden war, konnte sie keinen Rückzieher mehr machen.

Bis der Computer hochgefahren war, hatte sich Sarah wieder etwas beruhigt. Sie würde einfach versuchen, ihre Sache gut zu machen und was die anderen davon hielten, war deren Sache. Mit der Präsentation an sich war sie auch ganz zufrieden. Es war unterhaltsam, vermittelte aber genug Inhalte, um nicht sinnlos zu erscheinen. Langweilige Vorträge waren in der Musikwelt verpönt, wo es als hip galt, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen. Aber wenn sich schon jemand die Mühe machen würde, ihrem Vortrag zuzuhören, sollte er auch ein paar Inhalte mitnehmen können. Soviel zur Theorie, ob sie das geschafft hatte umzusetzen, würde sich am nächsten Tag zeigen. Sie hoffte nur, sie würde nicht zu aufgeregt sein. Der Vortrag sollte nämlich auf Englisch sein, und in dieser Sprache fühlte sie sich nicht zu hundert Prozent sicher. Sie würde ihn zwar ganz gut über die Bühne bringen, war sich aber nicht sicher, ob sie auf Fragen auch komplett verständlich antworten konnte. Und wenn sie aufgeregt war, wirkte sich das irgendwie immer auf ihr Sprachzentrum aus. Dann verhaspelte sie sich oder vergaß Wörter. Und das konnte wirklich katastrophal enden.

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Das Ende ihrer Präsentation gefiel ihr noch nicht und sie wollte es noch einmal überarbeiten. Sie versuchte sich zu konzentrieren, aber immer wieder schwirrten ihre Gedanken um Alex, James und ihre Begegnung mit Lilly heute. Vor allem Alex und Lilly zusammen zu sehen, hatte sie ganz schön aus dem Konzept gebracht. Und er hatte nichts geahnt. Dabei war sich Sarah sicher, dass man eine Ähnlichkeit zwischen beiden auf den ersten Blick bemerken musste.

Sarah holte sich etwas zu trinken, setzte sich für einen Moment mit geschlossenen Augen hin und versuchte, jeden Gedanken an Alex oder James für den Moment zu verdrängen und nur an ihre Präsentation zu denken. Sie brauchte diese Vorbereitungszeit unbedingt, sonst würde morgen alles in die Hose gehen.

Einmal tief durchatmen und dann schaute sie wieder auf ihre Abschlussfolie. Doch ihr wollte einfach keine gute Idee für das Ende kommen. Also entschied sie, einen Probedurchlauf zu machen. Sie stellte auf Präsentationsmodus, stellte sich hin und fing an, zu erzählen. Sie kam sich etwas komisch dabei vor, hier so allein im Wohnzimmer zu stehen und auf Englisch über Eventmanagement zu erzählen. Hoffentlich hörte Mira sie nicht. Da ihre Gedanken schon wieder abdriften, kam sie ins Stocken. Also riss sie sich wieder zusammen, fokussierte sich auf das, was sie sagen wollte und schaffte es diesmal, bis zum Ende zu kommen, ohne zwischendurch wieder gedanklich abzuschweifen. Danach war sie so geschafft, dass sie mit Sicherheit keinen zweiten Probelauf mehr wollte. Und ein gutes Ende war ihr immer noch nicht eingefallen.

„So wird das heute nichts mehr“, sagte sie laut zu sich selbst. Dann speicherte sie die letzte Version ab, klappte den Laptop zu und setzte sich auf ihre geliebte Couch. Ein kurzer Blick in die Fernsehzeitung zeigte ihr, dass sie nichts verpasst hatte, also nahm sie sich das Buch, in dem sie in letzter Zeit ab und zu gelesen hatte und legte sich damit gemütlich hin.

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Am nächsten Morgen war Sarah zeitig wach. Sie hatte einen Alptraum gehabt, in dem sie ihre Präsentation zu Hause vergessen hatte. Also packte sie noch bevor sie sich auf den Weg ins Bad machte, ihren Laptop ein und stellte die Tasche an die Haustür. Dann ging sie Lilly wecken. Die Kleine musste gleich in den Kindergarten. Und wenn Sarah schon mal so zeitig wach war, wollte sie den Morgen auch mit ihrer Tochter verbringen.

Als Mira sah, dass Sarah schon auf dem Weg zu Lillys Zimmer war, verzog sie sich in die Küche, um Frühstück zu machen. Auch eine Eigenschaft, die Mira ausmachte und die Sarah so an ihr schätzen gelernt hatte: sie vermochte sich diskret zurückzuziehen, wenn Sarah und Lilly Zeit für sich haben wollten, aber sie war immer da, wenn sie gebraucht wurde.

Lilly freute sich sehr, als erstes ihre Mutter zu sehen. Beide kuschelten noch kurz in Lillys Bett, dann scheuchte Sarah ihre Tochter ins Bad zum Zähneputzen. Lilly liebte es, mit Sarah um die Wette Zähne zu putzen. Wer länger brauchte, hatte gewonnen und durfte sich vom anderen einen Gefallen aussuchen. Natürlich ließ Sarah Lilly immer gewinnen und tat dann so, als würde sie sich total ärgern, dass sie es wieder nicht geschafft hatte, so lange zu putzen wie Lilly. Und Lilly wünschte sich fast jedes Mal, dass Sarah ihr als Belohnung ein Kapitel aus ihrem Lieblingsbuch vorlas, während Lilly sich anzog. Also saß Sarah an diesem Morgen im Schlafanzug auf dem Bett und las aus Jenny, die Ponyflüsterin vor, während das Mädchen vor ihrem Schrank stand und sich einen passenden Pullover zu ihren Jeans aussuchte. Als das Kapitel geschafft war, ging Lilly nach unten, um zu frühstücken, während Sarah sich anzog. Mira würde Lilly gleich nach dem Frühstück zum Kindergarten schaffen. Sarah hatte noch etwas Zeit, bevor sie zur Arbeit musste, also würde sie nachher in Ruhe frühstücken und dabei mal wieder Zeitung lesen.

Als sie die Treppe hinunter kam, hörte sie ihre Tochter unten aufgeregt schnattern. Die Kleine erzählte Mira davon, dass sie James Hartfield getroffen hatte und dass dieser zusammen mit ihr eine Akrobatiknummer im Zirkusprojekt aufgeführt hatte. Mira war nur milde interessiert, also nahm Sarah an, dass Lilly dieselbe Geschichte schon am Vortag erzählt haben musste. Normalerweise interessierte sich Mira nämlich sehr für die Welt, in der Sarah arbeitete. Manchmal hatte Sarah das Gefühl, dass Mira nur deshalb bei ihr angefangen hatte, weil sie sich so eine Gelegenheit erhoffte, selbst einmal auf den einen oder anderen Star zu treffen. Mira war eben auch noch ein junges Mädchen, das von ihrem Prinz Charming träumte. Und James Hartfield war mit Sicherheit genau die Sorte Traumprinz, die Mira gefallen könnte. Sie teilte Lillys Schwärmerei für den Sänger.

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Als Sarah später im Hotel ankam, hatte sie keine Zeit mehr, an die Begegnungen gestern zu denken. Zu viel Chaos erwartete sie dort. Sie hoffte nur, dass sie später noch etwas Zeit für einen Probedurchlauf ihrer Präsentation direkt im Konferenzsaal hatte, wo sie auch den Vortrag halten sollte. Doch daran war im Moment nicht zu denken. Julia, ihre erste Assistentin, war den Tränen nahe. Jeder wollte etwas von ihr und sie brachte nichts zu Ende, weil sie immer, wenn sie auf dem Weg war, einen Auftrag zu erfüllen, von irgendwem aufgehalten wurde und einen neuen, natürlich noch wichtigeren Auftrag bekam. Sarah musste sich kurz mit ihr in die Lounge setzen und sie beruhigen.

„Am besten, du machst immer erst mal einen Auftrag fertig, bevor du mit dem nächsten beginnst, egal was die anderen von dir wollen und wie wichtig das angeblich ist.“

Julia nickte unter Schluchzern. „Auch wenn du kommst und einen neuen Auftrag für mich hast?“

Sarah musste schmunzeln. Sie wusste, dass sie mitunter selbst schuld an solchen Problemen war.

Als die Tränen bei Julia getrocknet waren, kam als nächstes Bernhard völlig aufgelöst zu Sarah und beschwerte sich über eine Band, die das Hotelzimmer völlig in Schutt und Asche gelegt hatten und jetzt keine Verantwortung dafür übernehmen wollte. Sarah versprach, sich darum zu kümmern. Sie wusste zwar auch noch nicht, was sie tun sollte, doch zumindest musste sie mal in Erfahrung bringen, um wen es sich handelte. Mit Schrecken stellte sie fest, dass Bernhard sie hoch zu den Suiten brachte. Dort oben waren die Jungs von Sakrileg. Sie hoffte, dass nicht sie es waren.

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Sie hatte Glück, es handelte sich um eine Heavy-Metal-Band, die nur ein paar Zimmer weiter logierten. Seit sie ein paar Balladen rausgebracht hatten, war ihr Erfolg sprunghaft angestiegen. Als Sarah sich die Bescherung ansah, war ihr gleich klar, was los war. Die Bandmitglieder waren noch sehr jung und hatten jetzt wohl Angst um ihren Ruf als harte Jungs. Deshalb hatten sie sich mit Tequila und teurem Whisky die Kante gegeben und waren anscheinend in Streit geraten. Soweit kein Problem, aber nun wollten sie die Verantwortung für das Chaos nicht übernehmen.

„Hey Jungs, das hier kann ja wohl nicht euer Ernst sein, oder?“ Sarah stieg vorsichtig über zerbrochene Gläser und umgefallene Stühle. Zwei der drei anwesenden jungen Männer saßen auf der Couch in der Mitte der Suite, der dritte stand vor der Minibar und kühlte sich mit einer Flasche die Stirn. Sein rechtes Auge war ganz zugeschwollen und Sarah glaubte auch, Blut zu erkennen. Den vierten im Bunde konnte sie nirgends sehen, doch dann drangen eindeutige Geräusche aus dem Badezimmer. Aha, er war also damit beschäftigt, all den Alkohol wieder aus seinem Körper zu bekommen. Gut so!

Sarah hob ein abgebrochenes Tischbein hoch und funkelte die beiden auf der Couch böse an. „Es ist ja wohl klar, dass ihr für den entstandenen Schaden aufkommen müsst!“

Jetzt kam Leben in die Band. Beinahe synchron standen beide auf und kamen auf Sarah zu. Obwohl sie stark schwankten, bekam sie es plötzlich mit der Angst zu tun.

Der Größere von beiden starrte ihr direkt in die Augen. „Kannste vergessen, Mädel!“, höhnte er.

Jetzt lachte auch der Kleinere boshaft. „Aber ich habe eine andere Idee, was wir machen könnten!“ Mit seinen abgeschorenen Haaren und den vielen Tattoos sah er zum Fürchten aus.

Sarah machte ein paar schnelle Schritte rückwärts, stolperte jedoch über irgendetwas am Boden und konnte sich gerade noch an der Wand abstützen. Der Tätowierte kam ihr mit großen Schritten nach. Ihm schien es nichts auszumachen, dass er in Scherben trat.

Angstschweiß ließ Sarahs Handflächen feucht werden, ihr Herz schlug heftig. Sie hatte keine Chance gegen die betrunkenen Männer, das war ihr klar.

Doch in diesem Moment hörte sie direkt hinter sich eine befehlsgewohnte Stimme.

„Jungs, ihr wollt doch wohl nicht eine Lady angreifen? Was ist denn das für ein Verhalten?“ James war unbemerkt aufgetaucht. Trotz der brenzligen Situation kam Sarah nicht umhin, sich kurz zu wundern, was er hier oben zu suchen hatte. Lange konnte sie aber nicht darüber nachdenken. Der Tätowierte, der sie eben noch bedroht hatte, ging stattdessen jetzt auf James los.

„Hey, Alter, was willst du hier? Misch dich nicht ein!“, zischte er böse.

„Ja, sonst siehst du schlimmer aus als das Zimmer hier.“ Die anderen beiden grölten vor Lachen. James ließ sich nicht einschüchtern, doch das schien sie nur noch mehr zu provozieren.

Sarah wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte schon alle möglichen Schreckensszenarien vor Augen. Warum musste sie auch allein versuchen, das zu regeln? Jetzt hatte James ein Problem, weil er ihr helfen wollte. Sie hätte die Security alarmieren sollen.

Das wollte sie jetzt nachholen, aber mittlerweile waren auch andere auf den Lärm aufmerksam geworden. Die Jungs von Sakrileg kamen in das Zimmer gestürmt. Sie versuchten es gar nicht erst mit Diskussion, sondern rangen die betrunkenen Halbstarken gleich nieder. Sarah war schockiert, mit welcher Kaltblütigkeit Alex und seine Jungs die anderen mit Gewalt in die Ecke drängten.

„Haltet bloß still, Jungs! Niemand will hier Ärger haben. Und ihr schon gar nicht. Es ist mit Sicherheit nicht gut für euer Image, wenn ihr euch im Hotel mit Mädchen und Schmusesängern prügelt.“

Der kleine Seitenhieb auf James entlockte diesem sogar ein Schmunzeln.

So schnell wie Alex und seine Kollegen aufgetaucht waren, verließen sie das Zimmer auch schon wieder. James klopfte Alex beim Rausgehen auf die Schultern und bedankte sich. Auch Sarah wollte sich bedanken, doch dazu hatte sie keine Chance mehr, denn Alex und die Band waren schon wieder in ihrer Suite verschwunden.

Die Jungs von der Heavy-Metal-Band waren mit einem Mal handzahm. Sie versicherten Sarah, dass sie für den entstandenen Schaden aufkommen würden. Noch immer etwas mitgenommen von den Ereignissen war Sarah etwas wackelig auf den Beinen, aber sie straffte sich und wandte sich zum Gehen. Dann bedankte sie sich noch artig bei James für sein Eingreifen.

„Keine Ursache. Du kannst dich jederzeit revanchieren, wenn du endlich dein Versprechen einlöst und mit mir essen gehst. Vielleicht heute Abend? Einer der Kellner hat mir einen guten Tipp gegeben, wohin man hier eine schöne Frau ausführen kann.“ Dabei grinste er so schelmisch, dass Sarah auch lachen musste. Ihre Anspannung löste sich. Irgendwann musste sie ja ihr Versprechen einlösen und da war heute eine genauso gute Gelegenheit wie jeder andere Tag. Also sagte sie zu. Sie würde nach ihrer Präsentation sowieso etwas Ablenkung brauchen, um nicht die ganze Zeit über ihre Patzer nachzudenken.

Sie verabredeten sich für acht Uhr an der Rezeption. Also würde sie wie so oft nicht rechtzeitig zu Hause sein um Lilly ins Bett zu bringen. Aber eigentlich hatte sie sowieso nicht damit gerechnet. Das würde sie wohl erst wieder schaffen, wenn die Musikmesse vorbei war.

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6. Kapitel

Der Rest des Tages ging einigermaßen gesittet vonstatten. Gegen Mittag kam Sarah sogar dazu, ihre Präsentation zu üben. Es war schon etwas ganz anderes, es hier im Konferenzsaal zu tun und sich vorzustellen, dass der Raum voller Leute war. Heute schaffte sie es spielend, sich zu konzentrieren. Sie brachte den Vortrag ohne Holpern zu Ende. Nur einen vernünftigen Abschluss hatte sie noch immer nicht gefunden. Notfalls würde sie halt die üblichen Dankesworte verwenden, auch wenn das mehr als langweilig war.

Kaum hatte sie die letzten Worte gesprochen, hörte sie jemanden laut klatschen. Sie hatte kurz Schwierigkeiten zu erkennen, woher das Klatschen kam. Dann sah sie die Silhouette eines großen Mannes, der in der Tür stand, das helle Licht von außen im Rücken. Doch Sarah erkannte die verwuschelten Haare sofort.

„Alex, was machst du denn hier?“

Er kam die Treppe zu ihr herunter. Bis gerade eben war Sarah sich ihrer Sache ziemlich sicher gewesen, doch plötzlich wurde sie wieder unsicher. Sie hatte gedacht, dass ihr niemand zugesehen hätte und sich deshalb nicht ständig darüber Gedanken gemacht, dass sie irgendetwas falsch machen könnte. Doch nun, als ihr klar wurde, dass Alex zumindest einen Teil ihrer Präsentation gesehen hatte, überlegte sie sich unwillkürlich, ob sie vielleicht irgendwie lächerlich gewirkt hatte. War sein Applaus ironisch gemeint? Sie versuchte, alles herunterzuspielen.

„Na, hast du alles gesehen? Wie schlecht war ich?“

Alex wirkte etwas irritiert. „Warum? Du warst doch super!“ Sarah lachte etwas schrill auf. Jetzt hatte sie die Nervosität endgültig gepackt. Ihre Stimme zitterte sogar leicht, als sie antwortete: „Vielleicht war es jetzt gut, aber nachher, wenn die Zuschauer da sind, kann ich vor Nervosität nicht mehr sprechen.“ Es war ihr etwas peinlich, dass sie das vor Alex zugegeben hatte. Doch er fand es offenbar nicht komisch, denn er nahm ihre Hand und meinte nur: „Komm, dagegen weiß ich was!“

Es fühlte sich gut an, Hand in Hand mit Alex durch die Gänge zu gehen. Er führte sie direkt zum Aufzug. Dort ließ er sie leider los. Sarahs Haut brannte an der Stelle, an der er sie berührt hatte. Er fuhr mit ihr hoch in seine Suite. Kurz dachte sie, sie wären allein, doch dann hörte sie Rick, den Gitarristen, wie er auf der Couch auf seiner Gitarre klimperte. Aus dem Badezimmer kam Mika, der Schlagzeuger, dieser verschwand aber nach einem kurzen Gruß an Alex und Sarah in einem der Schlafzimmer. Alex bot ihr einen Stuhl an der kleinen Bar an, die sich in jeder Suite befand. Dann schenkte er ihr einen Wodka ein. Für sich selbst füllte er auch ein Glas.

„Das hilft immer gegen Nervosität. Mir jedenfalls.“

Sarah konnte sich nicht vorstellen, dass auch Alex manchmal nervös war und das sagte sie ihm auch. Doch er versicherte ihr, dass er eigentlich immer nervös war, wenn irgendein größeres Ereignis bevorstand.

„Ja, und dann bringt er uns alle um den Verstand mit seiner Hysterie. Ständig malt er sich aus, was alles schiefgehen kann. Aber der Wodka hilft!“ Rick kicherte bei diesen Worten vor sich hin, dennoch war Sarah schon etwas überzeugter von Alex' Wundermittel.

Während sie das scharfe Zeug in sich hineinkippte, sprach Alex weiter. „Weißt du, ich mache Musik, die ich mag, singe Songs, die ich selbst geschrieben habe und die mein Leben und meine Gefühle widerspiegeln. Jede Kritik trifft also mich persönlich, so gut sie auch gemeint sein mag. Das kann schon sehr verletzend sein und wehtun. Wenn ich also nicht völlig überzeugt von dem wäre, was ich tue, hätte ich schon lange aufgegeben. Der Wodka macht mich lockerer, aber die eigentliche Wunderwaffe ist meine Überzeugung, dass ich das, was ich tue gern mache und auch genießen kann. Und dass ich mich selbst nicht so ernst nehme.“

Dann füllte er ihr Glas noch einmal nach und sah ihr in die Augen. „Machst du das, was du tust aus Überzeugung?“

Sie nickte etwas benommen.

„Und hast du schon etwas darin erreicht?“

Sie musste kurz überlegen. Aber dann fielen ihr gleich mehrere Dinge ein. Sie hatte sich selbstständig gemacht und verdiente genug für sich und drei Angestellte. Das war auf jeden Fall ein großer Erfolg. Also nickte sie wieder.

„Dann versuche dich und das was du da tun willst, nicht so schrecklich ernst zu nehmen, dann läuft alles wie von selbst, du wirst sehen.“

Sarah musste einmal tief Luft holen. Sie fand es unheimlich nett von Alex, dass er ihr so half. Nett und … irgendetwas anderes, was sie nicht benennen konnte. Sie fühlte sich wirklich schon viel besser und war sich nun sicher, die Präsentation, die in zwei Stunden stattfinden sollte, gut zu meistern. Sie wollte wieder gehen, doch Alex überraschte sie mit einer Frage.

„Gehst du mit mir aus, wenn nachher alles vorbei ist?“

Sarah war sprachlos. Er wollte wirklich mit ihr ausgehen? Heute Abend? Warum wollten alle ausgerechnet heute Abend mit ihr ausgehen? Sie hätte gern angenommen, doch sie hatte ja schon James zugesagt. Das wollte sie wiederum Alex nicht erzählen. Außerdem war sie nicht sicher, ob es eine gute Idee war, mit Alex auszugehen. Er hatte nach wie vor eine besondere Wirkung auf sie.

„Tut mir leid. Ich kann nicht.“

Er wirkte ehrlich verletzt, als er fragte: „Du kannst nicht oder willst nicht?“

Sarah zögerte. „Ich halte es einfach für keine gute Idee.“ Sie wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Also wandte sie sich zum Gehen. „Vielen Dank für alles! Auch vorhin, als du und deine Band oben bei den Randalierern eingegriffen habt.“

Er zuckte nur mit den Schultern. Da er keinerlei Anstalten machte, sie zurückzuhalten, verließ sie schnell den Raum. Sie hatte die Tür schon fast hinter sich zugezogen, als sie ihn hörte: „Hey!“ Sie steckte noch einmal den Kopf durch die Tür.

„Was?“

„Ich gebe nie auf, okay?“

Sie musste lächeln und zog dann endgültig die Tür zu. Dieser letzte Satz verursachte ihr solch eine unverschämt gute Laune, dass sie über sich selbst lachen musste.

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Bis zu ihrer Präsentation war noch einiges zu erledigen. Im Moment fanden viele Interviews statt. Die Reporter mussten zu den Räumen gebracht und mit zusätzlichen Informationen sowie Promotionsmaterial der Künstler versorgt werden. Die Zeit verrann dermaßen, dass Sarah erschrocken war, als Bernhard sie darum bat, langsam in den Konferenzraum zu kommen, da die Zuschauer bereits warten würden. So hatte sie das nicht geplant. Sie wollte sich eigentlich vor Beginn ihrer Präsentation noch ein paar Minuten Zeit nehmen, um sich noch einmal hübsch zu machen und sich vor allem all die Ratschläge von Alex noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, die ihr helfen sollten, die Präsentation gut zu überstehen. Und jetzt war es schon so spät, dass sie gerade noch Zeit hatte, ihre Haare zu kämmen, dann musste sie schon in den Konferenzsaal eilen. Ihre Präsentation hätte Punkt achtzehn Uhr beginnen sollen, jetzt war es bereits fünf nach.

Als sie den Saal betrat, war sie noch einmal erschrocken. Er war ziemlich gut besetzt. Viel voller, als es für ihre Nervosität gut war. Sie ging nach vorn und während sie die Reihen entlangschritt, sagte sie sich selbst immer wieder, dass sie das gut machen würde, weil sie das, was sie tat gern machte und davon überzeugt war. Sie wollte genießen, dass sie die Gelegenheit haben würde, ihre Arbeit und ihren Traum vor so vielen Leuten vorzustellen. Also ermahnte sie sich noch einmal, nicht aus Versehen die Arme zu verschränken und nicht so viel herumzuzappeln.

Sie suchte sich einen sicheren Stand, nahm den Laserpointer und steckte den Daumen der anderen Hand in ihre Hosentasche. Kurz ließ sie die Situation auf sich wirken. Sie konnte im Publikum niemanden erkennen, da sie von einem Scheinwerfer geblendet war. Aber das war gar nicht schlecht so. Dann begrüßte sie ihre Zuhörer und fing an, darüber zu erzählen, wie sie im Rahmen eines Studienpraktikums zum Eventmanagement gekommen und warum sie dabei geblieben war. Der Anfang war vielleicht noch nicht so richtig flüssig, doch mit der Zeit wurde sie immer lockerer und spürte auch, dass sie ihr Publikum mitnahm. Sie lachten an den richtigen Stellen, das war immer ein gutes Zeichen. Der Vortrag ging ihr viel leichter von der Hand, als erwartet. Zuletzt improvisierte sie sogar, so dass ihr auch das Ende, was ihr bis zum Schluss Sorgen gemacht hatte, gut gelang.

Die Menge applaudierte und Sarah strahlte. Sie war so froh, so erleichtert! Sie fühlte sich, als ob sie die ganze Welt umarmen könnte. Sie musste während der Fragerunde die ganze Zeit grinsen. Und auch, als sie sich später für ihr Abendessen mit James Hartfield fertig machte, konnte sie das Grinsen nicht aus dem Gesicht bekommen. Sie war also außergewöhnlich guter Laune, als sie ihn an der Rezeption traf. Sie konnte herzhaft über sich selbst lachen, als sie es einfach nicht schaffen wollte, ihre Jacke anzuziehen. Schließlich half James ihr und legte dann den Arm um ihre Schultern. So gingen sie hinaus.

Als sie durch die Drehtür traten, blickte Sarah kurz zurück. Sie dachte, sie hätte Alex gesehen. Und wirklich, er stand an der Lobby-Bar mit ein paar Leuten und einem Kamerateam und gab offensichtlich ein Interview. Hatte er sie gesehen? Sie wusste es nicht.

James wollte ein Taxi rufen, doch sie hielt ihn zurück und bestand darauf, zu laufen. Das Wetter war schön und es war nicht weit zu dem Italiener, zu dem sie gehen wollten.

Nach ein paar Schritten bereute sie diese Entscheidung jedoch schon wieder. Alle paar Schritte wurden sie aufgehalten und James musste Autogramme geben und mit fremden Leuten auf Fotos posieren. Auf diese Weise brauchten sie fast eine halbe Stunde für ein paar hundert Meter Weg. Als sie endlich glücklich an ihrem Tisch beim Italiener waren, fragte Sarah James ob das immer so wäre. Er grinste sie an. „Nein, eigentlich nie. Ich laufe nur nicht gern.“

Sarah war kurz irritiert, dann verstand sie, dass er einen Witz gemacht hatte und musste lachen. Blöde Frage, James Hartfield war einer der gefragtesten Künstler zurzeit und das weltweit. Sie bestellten sich einen guten Weißwein, ein paar Muscheln als Vorspeise und dann Pasta. Sarah war immer noch bester Laune und unterhielt sich prächtig. James brachte sie mit Anekdoten aus seinem Leben zum Lachen und fragte sie nach ihrem Job und vor allem danach, wie sie Arbeit und ihre Tochter unter einen Hut brachte.

„Lillys Vater kümmert sich wohl gar nicht um seine Tochter?“ Sarah war überrascht über diese Frage und nickte nur.

„So ein Mistkerl. Hat seinen Spaß, will dann aber nicht die Verantwortung tragen.“ James' Stimme war sein Ärger anzuhören.

Sarah hatte spontan das Bedürfnis, Alex zu verteidigen, doch sie wusste nicht wie, ohne zu viel zu verraten. Also wechselte sie schnell das Thema und fragte James nach seiner Amerika-Tour aus, die er ja wegen ihr unterbrochen hatte.

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Als sie einige Zeit später das Restaurant verließen, bestand Sarah nicht mehr darauf, zu laufen. Also ließen sie sich die kurze Wegstrecke im Taxi chauffieren. James wollte sie eigentlich bis nach Hause bringen, aber da Sarah noch ihr Auto in der Tiefgarage des Hotels stehen hatte und am nächsten Tag ja auch wieder zur Arbeit kommen musste, war es besser, dass sie mit zum Hotel zurückfuhr. Sie begleitete James noch bis zu seinem Zimmer, da er ihr eine signierte Ausgabe seines neuesten Albums für Lilly versprochen hatte. Sie blieb vor seiner Tür stehen, während er es kurz von drinnen holte und signierte. Statt es ihr dann gleich auszuhändigen, hielt er das Album hinter seinem Rücken.

„Du schuldest mir einen Kuss.“

Sarah musste lächeln. Sie fühlte sich geehrt, dass jemand wie James, ein absoluter Traummann, sie praktisch um einen Kuss anbettelte. Und er hatte sich diesen wirklich verdient. Er war absolut zuvorkommend und höflich gewesen, hatte sie gut unterhalten und in keiner Weise bedrängt. Schon allein dafür konnte sie sich  mit einem kleinen Kuss revanchieren. Außerdem reizte es sie auszuprobieren, was sie bei einem Kuss mit James fühlen würde. Sie hatte schon lange niemanden mehr geküsst.

Also stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf den Mund. Er hielt sie mit einer Hand am Rücken fest und sie spürte, wie er die Lippen öffnete und mit seiner Zunge ihre Lippen umspielte. Sie erwiderte den Kuss, musste aber feststellen, dass sie nichts spürte. Also schob sie ihn nach kurzer Zeit wieder sanft von sich und sagte: „Gute Nacht.“

Er wirkte etwas enttäuscht, sagte ihr dann aber auch gute Nacht und drückte ihr noch die CD in die Hände. Sie drehte sich um, lächelte ihm über die Schulter noch einmal zu und ging den Gang entlang in Richtung Rezeption.

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Alex saß dort noch immer an der Lobby-Bar. Sie hatte ihn zwar nicht gesehen, als sie vorhin angekommen waren, aber sie hatte auch nicht wirklich darauf geachtet. Als er sie sah, stand er auf und kam auf sie zu. Er schwankte ziemlich stark, es war also mit Sicherheit nicht die erste Flasche Bier, die er in den Händen hielt. Er war allein, wer wusste schon, wie lange er schon da gesessen hatte. Als er ganz nah vor ihr stehen blieb und sie zu ihm aufblicken musste, er war immerhin mehr als einen Kopf größer als sie, sah sie eine unerwartete Wut in seinen Augen, die ihr kurz Angst machte. Seine nächsten Worte ließen ihr Unbehagen noch wachsen.

„Küsst du alle Männer so freizügig?“

Hatte er den Kuss gerade eben gesehen?

„Das würde ich gern auch mal ausprobieren.“ Mit diesen Worten fasste er sie mit seiner freien Hand unter ihr Kinn, zog sie zu sich heran und küsste sie. Man konnte den Kuss nicht gerade liebevoll nennen und Sarah hatte keine Chance, sich zu wehren. Sie war sich jedoch auch nicht sicher, ob sie sich gewehrt hätte, denn im Gegensatz zu dem Kuss vorher von James, verursachte dieser Kuss von Alex ein Feuer in ihrem Inneren, an dem sie fast verbrannte.

Nach einer Weile nahm sie alle Kraft zusammen und schubste ihn von sich. Dann gab sie ihm eine schallende Ohrfeige. Sie sah sich schnell um, ob es unerwünschte Zuschauer gegeben hatte, doch außer dem Barmann war niemand zu sehen. Und Toni würde sich zu diesem Vorfall nie mehr äußern. Sein Motto war: Misch dich niemals in die Angelegenheiten anderer ein. Ein perfekter Mann für die Bar.

Überrascht hielt Alex sich seine Wange und setzte sich auf eines der Sofas. Wie er da so saß und sie von unten her ansah, wirkte er sehr verletzlich.

Sarah legte ihm die Hand auf die Schulter. „Komm Alex, geh in dein Zimmer und schlaf dich mal richtig aus, du bist ganz schön betrunken.“

„Nur wenn du mitkommst.“ Er grinste schief.

Sarah wusste genau, was Alex meinte, doch sie sah auch die Chance, ihn möglichst ohne großes Aufsehen nach oben zu bekommen. Dort hoffte sie, dass einer seiner Bandkollegen da war und ihr half. Notfalls würde sie auch allein mit ihm klarkommen. Also streckte sie ihm die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. Er nahm sie, hievte sich aber allein und ziemlich elegant für seinen Zustand aus dem Sofa. Allerdings ließ er ihre Hand nicht mehr los. Also ging sie notgedrungen händchenhaltend mit ihm zum Aufzug und hoffte die ganze Zeit, dass sie niemand gesehen hatte. Erst ein Kuss mit James Hartfield, dann mit Alex und jetzt ging sie händchenhaltend mit ihm nach oben. Ein gefundenes Fressen für die Presse.

Oben suchte Alex eine ganze Weile nach seinem Schlüssel. Erschwert wurde das, weil er sich noch immer weigerte, ihre Hand loszulassen und so musste er mit der rechten Hand auch in seiner linken Tasche kramen. Schließlich zog er das kleine Schlüsselkärtchen hervor und konnte die Tür öffnen. Zu Sarahs Leidwesen war die Suite wie ausgestorben. Wo waren die anderen nur? Nun musste sie allein mit einem betrunkenen und zu allem entschlossenen Alex fertig werden. Aber gut, würde sie das eben hier und jetzt klarstellen. Und besser machte sie das in seiner Suite als irgendwo unten in der Öffentlichkeit.

Sie baute sich vor ihm auf und schimpfte mit erhobenem Zeigefinger: „Alex, ich finde dein Verhalten gerade ziemlich unhöflich und unpassend!“

Er unterbrach sie, indem er ihren Finger umschloss und nach unten drückte.

„Können wir das später besprechen? Mir ist jetzt eher nach ein bisschen Spaß.“

„Spaß?“, fragte sie fast schon hysterisch. „Und was genau verstehst du darunter?“ Schon während sie die Frage stellte, war Sarah die Antwort klar. Er antwortete trotzdem.

„Na, was man so darunter versteht. Wir küssen uns, dann reißen wir uns die Kleider vom Leib und dann treiben wir es wie wild miteinander.“ Sarah schnappte empört nach Luft.

„Du glaubst ernsthaft, ich würde jetzt mit dir ins Bett springen?“

„Also meinetwegen muss es nicht das Bett sein. Das Sofa ist auch sehr bequem und auf dem Boden macht es bestimmt auch Spaß.“ Er sah sich ein bisschen um. „Und diese Kommode dahinten, könnte doch auch ganz interessant sein, meinst du nicht?“ Dazu machte er ein paar eindeutige Bewegungen. Sarah konnte vor ihrem inneren Auge sehen, wie sie genau das machten, wovon er gerade redete. Unwillkürlich wurde ihr heiß. Sie wollte all das mit Alex machen. Das war ihr klar. Aber nicht so. Nicht hier und jetzt und in seinem Zustand. Nicht, wo er so wütend auf sie war. Glücklicherweise hatte er sie jetzt losgelassen. Sie wandte sich zum Gehen, bevor sie noch schwach wurde und es sich anders überlegte.

„Ich gehe jetzt nach Hause. Schlaf dich aus, dann reden wir vielleicht morgen, wenn du wieder klar denken kannst.“

Währenddessen ging sie betont langsam in Richtung Tür. Es sollte auf keinen Fall wirken als würde sie flüchten. Sie war innerlich sehr angespannt. Doch Alex machte gar keine Anstalten, sie zurückzuhalten. Er blieb mitten im Raum stehen, so dass sie schon dachte, unbehelligt gehen zu können. Doch im letzten Moment zischte er ihr voller Wut zu: „Gehst du jetzt wieder zu Hartfield ins Bett? Er kann es dir anscheinend besser besorgen als ich!“

Sarah war geschockt. Ihr traten vor Überraschung, Wut und vor Scham die Tränen in die Augen. Jetzt war es ihr egal, sie rannte aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Sie hetzte am Aufzug vorbei und die Treppe hinunter. Sie konnte jetzt nicht auf den Fahrstuhl warten, sie wollte nur noch weg von Alex und seinen ekelhaften Anschuldigungen. Sie rannte die ganzen fünf Etagen bis in die Tiefgarage hinunter.

Bei ihrem Auto musste sie kurz nach dem Schlüssel in der Handtasche suchen, aber als sie ihn endlich gefunden hatte und aufschließen konnte, setzte sie sich hinter das Lenkrad, riegelte sich ein und drehte das Radio voll auf. Dann erst ließ sie ihren Tränen freien Lauf. Sie heulte und schluchzte und es wollte gar nicht mehr aufhören. All die Anspannung des Tages, all die guten und schlechten Momente, sie alle brachen aus ihr heraus.

Als die Tränen nach langer Zeit endlich versiegten, hatten sie einem Gefühl der Taubheit Platz gemacht. Sie fühlte nun gar nichts mehr. Langsam drehte sie den Schlüssel herum und fuhr aus der Garage nach Hause. Sie war nur froh, dass sie Alex nichts von Lilly erzählt hatte. So jemand wie er hatte ihre kleine Tochter gar nicht verdient. Sie würde die nächsten Tage irgendwie überstehen und dann hoffentlich nie wieder etwas von Alex hören.

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7. Kapitel

Am nächsten Morgen spielte Sarah kurz mit dem Gedanken, sich krankzumelden. Sie fühlte sich so müde und ausgelaugt. Aber das war das Problem an der Selbstständigkeit, sie konnte nicht einfach bei so einem wichtigen Termin wie der World of Music krank werden. Wer sollte ihre Arbeit machen?

Also quälte sie sich aus dem Bett und versuchte, die Ringe unter ihren Augen mit Schminke zu überdecken. Als sie in Richtung Hotel fuhr, fühlte sie sich einer erneuten Begegnung mit Alex schon fast wieder gewachsen. Aber sie wollte ihm so gut es ging aus dem Weg gehen. Das sollte an diesem Tag kein allzu großes Problem darstellen. Soweit sie wusste, hatte er einen vollgestopften Terminkalender. Und sie auch.

Im Hotel wurde sie von vielen Leuten zu ihrer Präsentation am Vortag beglückwünscht. Sie war erstaunt über so viele positive Reaktionen. Anscheinend war die halbe Hotelbelegschaft da gewesen.

Als sie später James traf, sie sollte mit ihm zusammen zu einem kleinen Musikgeschäft in der Innenstadt fahren, bei dem er einen kleinen, kurzfristig geplanten Sonderauftritt hatte, legte er sofort den Arm um sie. Sie fand diese Vertraulichkeit etwas fehl am Platz, doch dann erinnerte sie sich an den Kuss am Abend zuvor und was er denken musste. Es war ihr unangenehm, dass sie ihn vielleicht zu etwas ermutigt hatte, was sie gar nicht wollte. Sie wollte Lilly auf keinen Fall schaden. Nein, verbesserte sie sich selbst. Lilly würde sich vermutlich eher freuen. Eigentlich wollte sie nicht, dass Alex etwas Falsches dachte.

Ausgerechnet, schalt sie sich selbst. Als ob Alex nicht sowieso schon nur das Schlimmste von ihr annahm. Und warum war ihr das überhaupt so wichtig? Wenn sie dagegen James betrachtete … Obwohl er sie offensichtlich interessant fand, machte er nie etwas, was ihr nicht gefiel oder wozu sie nicht bereit war. Sie konnte sich bei ihm wirklich sicher fühlen. Er war zwar Musiker, passte aber überhaupt nicht in dieses Klischee der unbeständigen Beziehungen. Wann immer James nach seinem Beziehungsstand gefragt wurde, sagte er, dass er sich nur dann auf eine Frau einlassen würde, wenn er sie wirklich lieben würde. Und so lange er so jemandem nicht begegnete, genügte er sich selbst. Er sagte das meist mit einem Augenzwinkern, bei dem ihm alle Herzen zuflogen. Und soweit Sarah wusste, gab es auch nie Skandale um James. Entweder war er extrem vorsichtig, oder er lebte wirklich so, wie er es jedem erzählte.

Wäre James kein Musiker, wäre er eigentlich genau der Mann, nach dem Sarah immer gesucht hatte. Jemand Verlässliches, der sie und Lilly nicht enttäuschen würde. Vielleicht sollte sie ihm eine Chance geben. Wenn er wirklich an ihr interessiert war, konnte Sarah vielleicht endlich eine komplette Familie haben, der einzige Wunsch, den sie Lilly bisher nie erfüllen konnte. Und wenn er nur deshalb mit ihr geflirtet hatte, weil sie sich so spröde zeigte und damit eine Herausforderung darstellte, würde sie das schnell merken.

Während sie über eine mögliche Zukunft mit James nachdachte, beobachtete sie ihn, wie er sich auf seinen Mini-Auftritt vorbereitete, mit einer Ernsthaftigkeit und viel Respekt den Leuten gegenüber, die sich um die technische Seite kümmerten. Er wurde nicht ungeduldig, als sein Mikro auch nach dem fünften Versuch nicht richtig funktionierte und hatte für jeden ein Lächeln übrig. Nebenbei gab er Autogramme an alle, die darum baten. Er schien wirklich eine Engelsgeduld zu haben. Und er fand zwischen all dem auch immer noch Zeit, Sarah immer wieder anzulächeln oder ihr zuzuzwinkern. Als er sein erstes Lied auch noch ihr widmete – „Für die schöne Frau, die heute an meiner Seite ist und dafür sorgt, dass hier alles reibungslos über die Bühne geht“ – war sie schon fast davon überzeugt, sich ihm gegenüber später offener zu zeigen und sich auf alles, was passieren würde, einzulassen. Sie konnte dann immer die Notbremse ziehen, wenn sie sich doch anders entscheiden würde.

Also lächelte sie zurück, wann immer er zu ihr sah und entzog sich ihm auch später nicht, als er wieder seinen Arm um sie legte. Trotzdem war sie erleichtert, dass er das kurz darauf im Hotel nicht mehr machte. Es wäre ihr irgendwie peinlich gewesen, wenn Gerüchte über sie in Umlauf wären, noch bevor sie selbst irgendwelche Entscheidungen getroffen hatte.

Sie musste weiterarbeiten, also brachte sie ihn noch zu seinem Zimmer, um sich zu verabschieden.

„Gehen wir heute Abend noch einmal essen?“

Sie war trotz allem von dieser Frage überrascht, nickte aber nach kurzem Zögern. Die Chance, dass sie Lilly noch gesehen hätte, war sowieso verschwindend gering. Also konnte sie genauso gut heute Abend damit beginnen, James noch besser kennenzulernen und ihm vielleicht noch etwas näherzukommen. Er verabschiedete sich von ihr mit einem Kuss auf die Wange. Doch plötzlich rückte er von ihr ab und sein Blick wurde ernst. Er sah jedoch nicht sie an, sondern schaute über ihren Kopf hinweg. Sarah brauchte sich nicht umzudrehen, denn James nickte plötzlich und sagte: „Morgan“. Hinter sich hörte sie Alex Stimme, die ihr sofort wieder einen Schauer über den Rücken jagte.

„Hartfield.“

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Langsam drehte Sarah sich um. Sie bemühte sich um eine ausdrucklose Miene und machte sich nicht die Mühe, Alex zu begrüßen. Sie sah ihn lediglich mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an.

Er räusperte sich. „Sarah, kann ich dich kurz sprechen? Allein?“

Sie tat, als müsste sie überlegen. Dann drehte sie sich betont langsam wieder zu James um. Ihre nächsten Worte wählte sie sehr sorgfältig.

„Entschuldige bitte, James, die Pflicht ruft. Ich nehme dein Angebot gern an. Wir sehen uns also später. Ich freue mich.“

Dann gab sie ihm noch ein Küsschen auf die Wange. James sah sie irritiert an. Ahnte er, dass sie dieses Theater für Alex inszenierte? Dann wandte sie sich wieder Alex zu und bat ihn deutlich kühler, ihr in ihr Büro zu folgen. Natürlich hätte sie auch irgendwo anders mit ihm reden können. Aber das Büro würde für eine neutrale und kühle Atmosphäre sorgen. Und was immer Alex ihr auch zu sagen hatte, sie wollte sich und ihr Herz so gut es ging schützen.

Sie schaute nicht einmal nach, ob er ihr wirklich folgte, aber sie hatte zumindest das Gefühl, dass sie im Moment Oberwasser hatte. Sie schloss die Bürotür auf und ließ ihn dann vortreten. Kurz fühlte es sich so an, als würde sie einen renitenten Mitarbeiter zu einem ernsthaften Gespräch bitten. Doch als Alex sich auf Bernhards Schreibtischstuhl gefläzt hatte und ihr nur die Wahl ließ, sich entweder auf den Mitarbeiterstuhl gegenüber vom Schreibtisch zu setzen oder stehen zu bleiben, fühlte sie sich auf einmal wie ein Schulmädchen, das zum Rektor gerufen war. Sie entschied sich stehen zu bleiben und so uninteressiert wie möglich zu wirken. Damit war sie wohl nicht sehr erfolgreich, denn sie sah ihn kurz lächeln. Dann setzte er sich gerade hin und räusperte sich.

„Ich wollte mich entschuldigen. Ich war gestern, na ja, etwas indisponiert und habe wohl nicht die richtigen Worte gefunden.“

Sarah fragte sich, ob er diese Rede wohl vorher geübt hatte, denn da Deutsch nicht seine Muttersprache war, drückte er sich normalerweise nicht so gewählt aus. Doch so leicht wollte sie ihn nicht davonkommen lassen. Sie ließ sich keine Regung anmerken und wartete einfach, ob er noch etwas sagen wollte. Ihre Reaktion schien ihn kurz aus dem Konzept zu bringen, denn er blickte kurz unsicher zu Boden. Doch gleich darauf hatte er sich wieder gefangen.

„Ich möchte dich um etwas bitten.“

Jetzt hatte er ihre volle Aufmerksamkeit. Er hatte echt den Mut, sie auch noch um etwas bitten zu wollen? Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Egal was er jetzt sagen würde, sie würde auf jeden Fall ablehnen.

„Ein Radiosender von hier hat uns gebeten, dass wir heute Nachmittag spontan in deren Sendung kommen sollen. Es geht wohl um irgendeine Art Quizshow, die hier offenbar ziemlich bekannt ist. Wir hatten eigentlich vor abzusagen, denn ich habe Angst, dass wir uns blamieren. Wir haben nämlich keine Ahnung, was wir da tun sollen. Dann ist mir aber der Gedanke gekommen, dass du uns begleiten könntest und uns diese Sendung erklärst. Du wirst sie ja sicher kennen.“

Sarah nickte unwillkürlich. Es gab nur einen Radiosender hier, der nachmittags eine Quizshow hatte. Diese Show hatte es zu einer gewissen Berühmtheit gebracht, denn es ging darum, dass Promis ohne große Vorwarnung eingeladen wurden und dann eine Reihe von Fragen beantworten mussten. Für jede Frage, die sie beantworten konnten, spendete der Radiosender einhundert Euro an ein Kinderheim in der Stadtmitte. Es waren schon viele berühmte Gäste da gewesen und natürlich war es immer sehr gut, wenn die Künstler viele Fragen beantworten konnten. Andererseits war es auch sehr peinlich, wenn sie eben nicht so viele Fragen beantworten konnten. Sarah hatte nicht oft Gelegenheit, diese Sendung zu hören, aber Lilly war leidenschaftlich dabei und erzählte Sarah dann oft, was passiert war.

Alex spielte seinen größten Trumpf aus: „Es wäre eine großartige Promotion für eure Musikmesse, denn natürlich würden wir davon ausführlich und sehr positiv berichten.“

Das konnte sie natürlich nicht ablehnen und das wusste er auch. So eine Möglichkeit durfte sie sich nicht entgehen lassen, wenn sie sich nicht den Zorn aller Kollegen hier zuziehen wollte.

Sarah versuchte, sich noch herauszureden: „Könnt ihr nicht jemand anderen mitnehmen? Diese Sendung kennt hier jeder und kann euch darauf vorbereiten, welche Art von Fragen kommen könnte. Ich habe leider keine Zeit.“

Alex Lächeln ließ ihr jedoch keinen Zweifel, dass er noch etwas in der Hinterhand hatte. Und so war es auch.

„Entweder du kommst mit oder ich sage das Ganze ab. Ich vertraue dir, du würdest alles dafür tun, dass wir so gut wie möglich da rüberkommen. Du entscheidest.“

So ein Mist. Er hatte sie in der Hand. Das passte ihr gar nicht. Sie stimmte widerstrebend zu. Als sie dann hörte, dass es praktisch sofort losgehen sollte, hätte sie am liebsten doch noch abgelehnt. Sie versuchte Zeit zu schinden.

„Ich kann hier nicht einfach alles stehen und liegen lassen, ich muss wenigstens meinen Assistenten noch ein paar Anweisungen geben.“ Er gab ihr fünf Minuten Zeit und sagte, er würde vor dem Eingang auf sie warten. Natürlich sahen ihre Assistenten diesmal keinerlei Probleme, wenn sie für die nächsten Stunden weg war. Normalerweise bekamen sie schon die Krise, wenn Sarah nur mal einen Atemzug nicht erreichbar war. Aber heute hatten sie das Gefühl, alles im Griff zu haben. Diese Ausrede blieb Sarah also schon mal nicht.

Also nahm sie ergeben ihre Jacke und ihre Handtasche und trat durch den Haupteingang nach draußen. Erst sah sie ihn nicht, doch dann stieg Alex aus einem schicken schwarzen Sportauto. Sarah hatte angenommen, sie würde mit der ganzen Band zusammen fahren, doch in dieses Auto passten sicher nicht mehr als zwei Personen. Er sah sehr cool aus, wie er da mit seiner Sonnenbrille an die offene Autotür gelehnt stand. Seine blonden Haare bildeten einen interessanten Kontrast zu den schwarzen Brillengläsern, dem schwarzen T-Shirt und dem schwarzen Sportwagen. Sarah nahm sich aber vor, nicht allzu beeindruckt zu sein und ging selbstbewusst auf das Fahrzeug zu.

Sie hatte keine Ahnung von Autos, aber das hier schien sehr teuer zu sein. Sie bekam die Tür nicht gleich geöffnet, aber da war er schon herumgekommen und hielt sie ihr auf. Sie würdigte ihn keines Blickes, als sie einstieg. Sie war ihm noch immer böse, dass er sie praktisch gezwungen hatte, mitzukommen.

Sie war sich der Blicke der Umstehenden sehr wohl bewusst. Was musste das wohl für einen Eindruck machen? Würde sie davon am nächsten Tag in der Zeitung lesen können? Zusammen mit all den unvermeidlichen Mutmaßungen?

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Sarah hatte sich noch nicht einmal angeschnallt, da fuhr er schon los.

„Wo ist der Rest der Band?“, fragte sie, ohne Alex anzusehen.

„Ich fahre allein.“

Sarah blickte ihn erstaunt an. Das war komisch. Normalerweise wurden zu dieser Quizshow immer alle Bandmitglieder eingeladen. Umso größer war die Chance, dass zumindest einer aus der Band die Antwort wusste. Und hatte er nicht vorhin von „wir“ gesprochen? Aber vielleicht wollte er sich mit dem Rest direkt vor dem Sender treffen? Egal, das würde sie dann schon sehen.

Der Verkehr wurde etwas ruhiger und Alex gab sofort Gas. Plötzlich bekam Sarah etwas Angst. War er ein guter Fahrer? Hatte er etwas getrunken? Sie hatte keine Ahnung und war einfach zu ihm ins Auto gestiegen. Wenn jetzt etwas passierte, was wurde dann aus Lilly? Alex schien zumindest zu merken, dass ihr nicht ganz wohl war, denn er grinste bei einem Seitenblick auf sie, fuhr aber tatsächlich etwas langsamer. Ansonsten sagte er nichts. Und Sarah sah auch keinen Anlass, den ersten Schritt zu tun und ein Gespräch zu beginnen. Er hatte sie mitgenommen, damit sie ihm die Sendung erklärte, dann sollte er gefälligst auch Fragen stellen.

Als er nach mehreren Minuten immer noch nichts gesagt hatte, überlegte sie, ob sie nicht doch einfach von sich aus anfangen sollte zu erzählen. Etwas schnippischer als beabsichtigt fragte sie: „Willst du nun etwas von der Radiosendung hören oder nicht?“

Er schaute sie kurz an. Dann nickte er.

„Klar, erzähl!“

Also begann sie ausführlich alles zu erzählen, was sie so wusste. Das meiste hatte sie tatsächlich von Lilly, die ihr bereits detailliert erklärt hatte, welche Fragen immer so kämen und aus welchem Grund. Lilly hatte auch ihre persönliche Meinung, wie man am besten reagierte, wenn man die Antwort nicht wusste. Auch das erzählte Sarah ihm. Nachdem sie etwa zehn Minuten ununterbrochen geredet hatte, Alex hatte sie tatsächlich kein einziges Mal unterbrochen oder etwas nachgefragt, begann Sarah zu mutmaßen, dass er ihr überhaupt nicht zuhörte. Tatsächlich wippte er im Takt der Musik aus dem Radio und schaute sich immer wieder interessiert die Umgebung an. Sarah beschloss, seine Aufmerksamkeit auf die Probe zu stellen.

„Und am Ende der Show kommt immer die Bundeskanzlerin persönlich und überreicht dem Künstler einen Scheck über eine Million Euro.“

Alex reagierte kein bisschen auf dieses Märchen. Sie hatte also recht gehabt. Er hörte ihr überhaupt nicht zu. Beleidigt schloss sie den Mund, verschränkte die Arme vor dem Körper und starrte aus dem Fenster. Wozu hatte er sie überhaupt mitgenommen? Zum ersten Mal schaute sie aus dem Fenster und registrierte verwundert, dass sie sich auf einer Landstraße irgendwo außerhalb der Stadt befanden. Links und rechts sah sie ein paar Bäume und Felder, aber es waren kaum andere Autos unterwegs. Wohin fuhren sie? Sie wusste zwar nicht genau, wo der Radiosender war, aber sie war sich sicher, dass es irgendwo in der Innenstadt sein musste, nicht hier im Niemandsland.

Und dann fiel ihr auch endlich wieder ein, warum sie schon die ganze Zeit ein schlechtes Gefühl bei der Sache hatte. Hätte er ihr nur ein paar Minuten Zeit zum Überlegen gelassen, wäre es ihr gleich aufgefallen: heute war Samstag. Die Radioquizshow zu der er angeblich eingeladen war, kam immer nur sonntags.

Er hatte sie angelogen! Sie konnte es nicht fassen. Sie fuhr hier mit dem absolut schlimmsten Idioten der Welt im Niemandsland herum, ohne Ahnung, was er vorhatte. Wenn er sie jetzt vergewaltigen wollte oder Schlimmeres, sie hätte keine Chance. Der Mann war über eins neunzig groß und kräftig.

Ihre Stimme zitterte, als sie ihn fragte: „Wohin fahren wir?“

Er schaute sie an und grinste frech. „Keine Ahnung. Ehrlich!“

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8. Kapitel

Dass er sie angelogen hatte und jetzt auch noch so frech grinste, ließ Sarah ihre Angst vergessen und sie verspürte eine Wut, die so stark war, dass sie ihn am liebsten geschlagen hätte. Sie zwang sich, ganz ruhig zu bleiben. Wenn sie ihn jetzt anschrie, war ihr auch nicht geholfen.

„Du hast mich angelogen! Es gibt heute keine Radiosendung. Wahrscheinlich bist du nie eingeladen worden, stimmt's? Du hast nur nach einem Vorwand gesucht, um …“ Ja, wofür eigentlich?

Er schüttelte leicht den Kopf. „Das stimmt nicht.“

„Was?“ Was meinte er? Es war doch offensichtlich! Wollte er ihr allen Ernstes immer noch erzählen, dass er sie mitgenommen hatte, um ihn auf eine Radioshow vorzubereiten, die es gar nicht geben würde?

Jetzt sah sie, wie sich ein leichtes Lächeln um seine Lippen schlich. Er schaute sie nicht an, als er antwortete: „Ich wurde zu dieser Sendung eingeladen. Das ist allerdings schon zwei Jahre her. Ich habe mich gut geschlagen.“

Sarah war fassungslos.

„Ich habe wirklich einen Vorwand gebraucht, um dich aus diesem verdammten Hotel zu locken und endlich mit dir zu reden. Vorhin in deinem Büro hast du mir ja keine Chance gelassen. Aber nun musst du mir zuhören.“ Jetzt endlich sah er sie an und wirkte ganz ernst.

„Ich verlange, dass du mich auf der Stelle zurückbringst!“ Sarahs Tonlage war schrill geworden. Alex blieb jedoch ganz ruhig.

„Ich werde dich wohlbehalten zurückbringen. Aber erst, wenn wir geredet haben.“

Sarah musste ein paar Mal tief durchatmen. Sie konnte nicht begreifen, was er sich dabei gedacht haben musste. Sie wartete auf eine günstige Gelegenheit. Bald fuhren sie durch einen winzigen Ort mit einer Fußgängerampel, an der tatsächlich jemand wartete. Sobald Alex angehalten hatte, schnallte sie sich blitzschnell ab und stieg aus dem Auto.

„He, Sarah, warte.“ Sie ging so schnell sie konnte und bog in den nächstbesten Feldweg ab, den sie fand. Er fuhr ihr mit dem Auto langsam hinterher, auch wenn der Weg hier nicht mehr war als eine Schotterpiste. Um ihn abzuhängen, ging sie querfeldein weiter. Als sie hörte, dass das Auto anhielt, atmete sie unwillkürlich auf. Doch dann hörte sie die Autotür. Er wollte sie zu Fuß weiter verfolgen. Als sie sich kurz vorstellte, welches Bild sie beide abgeben mussten, stahl sich ein Grinsen auf Sarahs Gesicht. Wo sollte sie überhaupt hinlaufen? Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befand oder in welche Richtung sie gehen musste. Also blieb sie stehen und drehte sich um. Kurz war sie erschreckt, denn er war schon dicht hinter ihr und wäre beinahe in sie hineingelaufen, als sie angehalten hatte.

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„Gut, rede!“ Sie funkelte ihn an. Ob das eine einschüchternde Wirkung auf ihn hatte, bezweifelte sie.

In der Nähe stand eine einsame Bank. Dort ging Sarah hin und nahm Platz. Er setzte sich neben sie und schwieg. Warum redete er jetzt nicht? Sie würde zuhören und sich dann nach Hause fahren lassen und ihn vergessen, so schnell sie konnte. Endlich räusperte er sich und fing leise an.

„Warum bist du damals so schnell verschwunden?“

Sarah war sich kurz unsicher, worüber er sprach. Er konnte aber nur ihre erste Begegnung meinen.

„Wir haben uns doch wirklich gut verstanden. Warum bist du einfach so aus meinem Bett verschwunden?“

Sarah sah ihn an. Was bezweckte er? Sie beschloss, die Wahrheit zu sagen.

„Ich hatte Angst. Wenn herausgekommen wäre, dass ich mit dir im Bett war, hätte ich meinen Job vergessen können.“

Er schaute sie ungläubig an. „Du bist gegangen, weil sie dich sonst gefeuert hätten?“

Sarah schüttelte den Kopf. „Nein, es ist etwas komplizierter.“

Dann erklärte sie ihm, welche Auswirkungen es gehabt hätte, wenn anderen Künstlern zu Ohren gekommen wäre, dass sie doch nicht immer widerstand. Sie schloss schließlich mit den Worten: „Na ja, und du bist nun mal ein Rockstar und alle wussten doch, dass du jeden Abend ein anderes Mädchen mit auf dein Zimmer nimmst.“

Er lachte laut auf. Es klang aber gar nicht fröhlich.

„Na, das hat ja alles ein perfektes Bild ergeben. Also hast du gedacht, du verlässt mich, bevor ich dich verlasse und bist zurück in deine perfekte Beziehung gegangen.“

Jetzt war es an Sarah, verwundert zu sein. Welche perfekte Beziehung meinte er? Die Sache mit Jens hatte damals an exakt diesem Abend ein Ende gefunden und seitdem hatte sie keine ernsthafte Beziehung mehr gehabt.

„Ich verstehe nicht. Wovon redest du?“

„Du brauchst nicht so zu tun, als wüsstest du nicht, wovon ich rede. Ich habe damals deinen Chef nach dir gefragt. Eddi oder so hieß er. Und er hat mir gesagt, dass ich dich in Ruhe lassen soll, weil du in einer glücklichen Beziehung leben würdest und ich diese doch nicht ernsthaft gefährden wolle.“

Sarah wusste nicht, was sie sagen sollte. So etwas sollte Eddi behauptet haben? Er wusste doch, dass es mit Jens nicht so richtig lief. Oder wusste er es nicht? Bestimmt wollte er sie beschützen. Aber viel wichtiger war das, was sie zwischen den Zeilen hörte.

Alex hatte nach ihr gefragt. Er wollte sie wiedersehen.

Es hatte ihm etwas ausgemacht, dass sie damals gegangen war. Hatte sie etwa einen Fehler gemacht? Einen Fehler, der nicht nur sie betraf, sondern auch Lilly? Nein, das konnte nicht sein.

Alex schob gedankenverloren einen Stein mit seinem Schuh zur Seite. „Und so falsch kann ich das nicht verstanden haben, schließlich hast du jetzt ein Kind. Das muss ja kurz danach entstanden sein.“

Sie ist deine Tochter, du Idiot, hätte sie fast geschrien. Konnte er wirklich so blind sein? Doch dieses Geheimnis wollte sie noch nicht lüften. Sie musste Lilly aus der Sache noch raushalten. Sie musste sich erst sicher sein, was Alex wollte. Vielleicht bestand ja der winzige Hauch einer Chance für sie beide. Aber sie war sich ja nicht mal sicher, ob sie sich selbst diesem Risiko aussetzen würde, sich das Herz brechen zu lassen.

„Auf jeden Fall scheint es viele Missverständnisse damals gegeben zu haben.“ Sie war verwundert über sich selbst, dass ihre Stimme so fest klang, obwohl sie sich fühlte, als ob sie gleich zusammenklappen würde.

Alex drehte den Kopf ein wenig, so dass er sie aus den Augenwinkeln ansehen konnte. Sein Blick ging ihr durch Mark und Bein. Ihr wurde ganz heiß.

Er hob die Stimme ein wenig. „Es tut mir ehrlich leid, was gestern passiert ist. Aber ich war so wütend. Meine Einladung zum Essen hast du abgelehnt, um gleich darauf mit Hartfield fröhlich auszugehen. Und dann kamst du später aus seinem Zimmer und hast ihn geküsst, da bin ich einfach ausgeflippt.“

Sarah sah ihn verwundert an. So hatte er das also wahrgenommen? Sie wollte es unbedingt richtig stellen: „Ich war nicht in seinem Zimmer. Er hat mir nur eine CD gegeben und wollte zum Dank einen Kuss.“

Doch Alex ließ sich nicht so leicht überzeugen. „Und vorhin warst du schon wieder mit ihm aus und hast ihn auch schon wieder geküsst. Du kannst mir doch nicht erzählen, dass da nichts zwischen euch läuft.“

„Aber da läuft wirklich nichts“, antwortete sie schon fast verzweifelt. „Ja, James ist nett, aber ich will nichts von ihm. Er ist ein Freund.“ Sarah verdrängte die Gedanken, die sie sich früher an diesem Tag gemacht hatte. Darin war James alles andere als einfach ein Freund gewesen. Jetzt, wo sie hier mit Alex auf dieser einsamen Bank mitten im Nirgendwo saß, kamen ihr diese ganzen Überlegungen, ob James vielleicht eine gute Wahl sein könnte, irgendwie unwirklich und lächerlich vor.

„Beweis es mir!“ Alex sah sie herausfordernd an.

„Wie denn?“

Statt einer Antwort beugte er sich zu ihr und küsste sie sanft. Dieser Kuss war sehr leicht, fast als würde ein Schmetterling ihre Lippen mit seinen Flügeln streifen. Doch er ging ihr durch und durch. Unwillkürlich fasste sie seinen Kopf, zog ihn näher zu sich heran und küsste ihn hungrig.

„Wow.“ Es war sein erstes Wort, nachdem sie sich minutenlang geküsst hatten. „Okay, ich glaube dir.“ Er grinste nonchalant. Dann zog er Sarah auf seinen Schoß, nahm ihr Gesicht zwischen seine beiden Hände und küsste sie noch einmal. Sie wollten beide mehr. Aber nicht hier, nicht so.

„Lass uns zurückfahren“, bat sie atemlos. Er nickte und sie gingen Hand in Hand zum Auto zurück. Bevor er sie einsteigen ließ, küsste er sie noch einmal. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen.

„Das macht direkt süchtig.“ Er grinste sie an und öffnete die Autotür für sie. Sie lächelte glücklich, als sie sich auf den Beifahrersitz sinken ließ. Er summte fröhlich vor sich hin, während er einstieg und den Wagen startete. Er drehte das Radio lauter und fing an, jeden Song laut und verdreht mitzusingen. Sarah musste lachen. Sie genoss die Fahrt diesmal sehr. Doch dann fiel ihr etwas ein.

„Ähm, Alex. Ich bin nachher mit James Hartfield zum Essen verabredet.“

Er schaute sie kurz an. „Dann sag ab!“

Sarah schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Ich habe es ihm versprochen. Außerdem schulde ich ihm noch was, weil er auf der Musikmesse so kurzfristig eingesprungen ist.“

Alex sagte eine Weile gar nichts mehr. War er sauer? Sie wollte aber unbedingt mit James reden, bevor er das mit Alex und ihr von jemand anderem mitbekam. Das wäre unfair gewesen.

Sie schaute Alex an. Er blickte starr auf die Straße. Von seiner guten Laune war nichts mehr zu spüren. Dann nickte er plötzlich, drehte sich zu ihr und grinste sie an. „Okay, aber danach hast du Zeit für mich.“

Sarah nickte glücklich. Sie würde später zu Hause anrufen um Mira Bescheid zu geben, dass sie heute nicht mehr kommen würde.

„Ich bin bestimmt gegen neun wieder da. Dann können wir noch etwas unternehmen. Oder wir bleiben auf deinem Zimmer. Was dir lieber ist.“ Sarah war schon wieder ganz ausgelassener Stimmung.

Alex grinste vielsagend.

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Als sie am Hotel ankamen, beugte Alex sich zu Sarah rüber und küsste sie. Sarah schob ihn ein Stück weg. „Nicht! Jemand könnte uns sehen!“

Er ließ sich nicht so einfach wegschieben. „Sollen sie doch.“ Er lächelte in sich hinein. Dann setzte er sich wieder auf seine Seite des Wagens, schob sich die Sonnenbrille auf die Nase und stieg aus. Sarah betete, dass gerade niemand hinsah, dann stieg sie ebenfalls aus dem Wagen und eilte ins Hotel. Sie warf Alex noch ein „Bis später“ über die Schulter zu, dann verschwand sie in ihrem Büro. Dort kicherte sie erst einmal unkontrolliert los. Als sie sich wieder einigermaßen im Griff hatte, rief sie Mira an. Sie unterhielten sich ein bisschen über Lilly, dann ließ sich Sarah Lilly noch ans Telefon holen.

„Hallo, mein Schatz. Ich muss heute leider länger bleiben, da lohnt es sich nicht, nach Hause zu fahren. Du bist also heute Nacht allein mit Mira. Mach keinen Unfug, ja?“

Lilly fand das nicht weiter schlimm. Die Abende mit Mira allein versprachen immer lustig zu werden, denn dann bestellten sie sich Pizza und schauten sich irgendwelche komischen Serien im Fernsehen an, die Sarah nicht kannte.

Alles war geklärt und Sarah konnte sich nun auf einen netten Abend freuen. Dabei dachte sie aber nicht an das Essen mit James, wie sie sich mit einem Grinsen eingestand.

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Etwas später machte sie sich auf den Weg zu James. Sie klopfte an seinem Zimmer. Er öffnete und bedeutete ihr mit der Hand einzutreten. Am Ohr hatte er sein Telefon klemmen. Dann hielt er das Telefon kurz zu und sagte ihr, dass er nur gerade noch ein Telefoninterview führte und dass sie so lange warten sollte. Also machte Sarah es sich auf dem Bett gemütlich und lauschte dem Gespräch. Zumindest James' Part. Er war wie gewohnt lustig und charmant und antwortete auf alle Fragen mit leichtem Witz. Der Mann war einfach perfekt. Nur kurz verlor er seine gute Laune und antwortete etwas genervt: „Nein, ich habe keine Frau an meiner Seite. Ich warte auf die große Liebe.“ Er verdrehte die Augen und Sarah musste lachen. Erschrocken hielt sie sich den Mund zu. Wenn der Journalist am anderen Ende der Leitung ihr Lachen gehört hatte, dachte er sich sicher seinen Teil.

Doch schon hatten sie sich wieder anderen Themen zugewandt. Anscheinend ging es jetzt um die Musikmesse, denn James erklärte geduldig, warum er seine Amerika-Tour unterbrochen hatte. „Nein, nein, auch da hatte keine Frau ihre Finger im Spiel. Es sei denn, Sie meinen Sarah Förster, meine charmante Gastgeberin. Sie hat mich nämlich überredet, hier aufzutreten. Ja, Sarah … Förster wie der Beruf, sie ist die Eventmanagerin der Musikmesse.“

Erst nach etwa zwanzig Minuten beendete James das Telefonat. Dann entschuldigte er sich erst einmal bei Sarah für die Verzögerung. Das Interview war wohl für einen früheren Zeitpunkt angesetzt gewesen, aber der Journalist hatte sich verspätet.

Sie fuhren, diesmal im Taxi, in die Innenstadt zu einem Thailänder, den Sarah sehr mochte. Sie bekamen ihren bestellten Tisch, auch wenn sie sich ein wenig verspätet hatten. James lächelte Sarah immer wieder über die Speisekarte hinweg an und Sarah fühlte sich etwas unwohl deswegen. Hoffentlich hatte sie ihm keine Hoffnungen gemacht, die sie gleich wieder enttäuschen musste. Doch James war wie immer charmant und witzig und das Gespräch plänkelte erst mal so dahin. Immer wieder hörte Sarah jedoch Andeutungen heraus, die sie wohl provozieren sollten, einen Schritt auf ihn zuzugehen. Doch sie wollte mit ihrem Geständnis noch bis wenigstens nach dem Hauptgang warten.

Das Essen war wie gewohnt lecker und eine Weile redeten beide gar nicht. James hatte ein Curry genommen und Sarah ihren Lieblingssalat mit gehackter Entenbrust. Dazu tranken sie einen leichten Weißwein.

Als die Teller abgeräumt waren und sie den Nachtisch bestellt hatten, fasste Sarah sich endlich ein Herz. Sie stellte das Glas, an dem sie sich gerade noch festgehalten hatte, ab und sah James an. „James, ich mag dich wirklich sehr. Das Zusammensein mit dir macht immer wieder Spaß und du bist so nett und witzig und …“ Er hob fragend eine Augenbraue. „Ich hoffe, du verstehst mich nicht falsch und ich hoffe, du bist mir nicht böse, denn ich mag dich wirklich sehr, aber …“

Er überraschte sie mit seiner Antwort: „Aber gegen Alex Morgan habe ich keine Chance, nicht wahr?“ Sarah verschlug es kurz die Sprache. Sie ließ die Augen durch das Restaurant schweifen, um sich wieder zu fassen. Dabei fiel ihr ein Typ auf, der allein an einem der Nachbartische saß und interessiert zu ihnen herüberblickte. Sobald sie ihn ansah, schaute er jedoch schnell weg. Sarah wandte sich wieder James zu. Sie nickte leicht. „Ja, ich weiß auch nicht warum, aber ich denke, ich mag ihn sehr.“

James sah nicht ganz so entsetzt aus, wie Sarah befürchtet hatte. Er nickte. „Das habe ich mir schon gedacht. Lilly ist seine Tochter, nicht wahr?“

Wieder verschlug es Sarah die Sprache. Sie schaute sich schnell erschrocken um, ob es jemand gehört haben könnte. Wieder fiel ihr dieser Typ auf. Lehnte er sich wirklich in ihre Richtung, als ob er so besser hören konnte? Wahrscheinlich bildete sie es sich nur ein.

„Nein. Warum denkst du das?“ Sarah entschloss sich zum Gegenangriff.

„Nun ja, sie sehen sich so unglaublich ähnlich. Und es ist nicht nur das. Sie haben beide etwas an sich, was andere sofort für sie einnimmt. So eine Aura.“

„Bitte, äußere diese Vermutung niemals gegenüber irgendjemandem!“, entfuhr es Sarah lauter als beabsichtigt. James legte beruhigend seine Hand auf ihre. Jetzt erst bemerkte sie, dass ihre Finger zitterten. Dann tat Sarah etwas, was sie eigentlich nie tun wollte, sie gab jemandem ihr größtes Geheimnis preis. „Ja, sie ist seine Tochter. Aber …“

„Aber er weiß nichts davon, nicht wahr? So wie er sich ihr gegenüber verhalten hat, hat er keine Ahnung.“

Sarah nickte unglücklich.

„Du solltest es ihm bald sagen“, riet James. „Irgendwann wird diese Ähnlichkeit den falschen Leuten auffallen und wenn er es dann von jemand anderem erfährt, ist er sicher nicht sehr glücklich.“

Sarah nickte wieder. Er hatte ja recht, sie musste es Alex sagen. Wenn sie wirklich eine Chance haben sollten, musste er die Wahrheit erfahren. Nur, ob es dann noch eine Chance für sie beide gäbe, wusste sie nicht. Davor hatte sie Angst. Sie musste ihn erst ein bisschen besser kennenlernen.

Plötzlich kicherte James. „Es wundert mich allerdings, dass er es nicht gleich selbst bemerkt hat. Er schaut doch jeden Tag in den Spiegel, da muss ihm doch die Ähnlichkeit aufgefallen sein.“

Unwillkürlich musste Sarah auch kichern. Ja, komisch, Alex hatte überhaupt keinen Verdacht geschöpft. Er ging fest davon aus, dass Lilly von ihrem damaligen Freund war. Warum waren Männer nur so unglaublich ignorant? Das Kichern entspannte Sarah wieder etwas. Auch James schien ihr nicht böse zu sein, denn er brachte sie mit irgendwelchen Anekdoten immer wieder zum Lachen.

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Plötzlich blieb ihr allerdings das Lachen im Hals stecken, als Alex unvermittelt bei ihnen am Tisch auftauchte. Sarah sprang sofort auf. James stand ebenfalls auf. Die Männer gaben sich förmlich die Hand.

„Ich freue mich ja, dass es bei euch so lustig ist“, sagte Alex mit säuerlicher Miene. „Ich wollte auch nicht stören, ich hatte mir nur Sorgen gemacht. Sarah hat gesagt, dass sie um neun zurück ist und jetzt ist es schon fast zehn.

„Wir hatten uns verspätet und ich habe jetzt ganz die Zeit vergessen“, begann Sarah sich zu entschuldigen. James hingegen baute sich vor Alex auf. „Jetzt bleib mal auf dem Teppich, Morgan. Du bist nicht Sarahs Vater. Sie kann ausgehen, so lange sie möchte.“

Während die beiden Männer kurz vor einer Auseinandersetzung standen, fiel Sarah plötzlich auf, dass der Typ, der schon den ganzen Abend zu ihnen herübergestarrt hatte, Fotos von ihnen mit seinem Handy machte.

„Hey, Sie da. Was machen Sie da?“ Sie ging zu ihm rüber und wollte ihm das Handy abnehmen, doch er stand eilig auf und ging aus dem Restaurant. Jetzt hatten auch James und Alex gemerkt, was los war und rannten dem eilig flüchtenden Mann nach. Doch er hatte schon einen Vorsprung. Sarah war es etwas peinlich, allein in dem Restaurant zurückzubleiben, während die anderen Gäste sie anstarrten. Viel schlimmer war jedoch, sich auszumalen, dass dieser Typ ein Reporter war und was sie am nächsten Tag über sich in der Zeitung lesen konnte.

Sie bekam Kopfschmerzen und begann wütend zu werden. Wütend auf den blöden Reporter, aber auch auf Alex und James, die sich aufgeführt hatten wie zwei eifersüchtige Ehemänner und damit erst recht alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten.

Als beide zurückkamen, sie hatten den Typen natürlich nicht mehr erwischt, stand Sarah wortlos auf und zog sich an. Sie rauschte aus dem Restaurant, nachdem James gezahlt hatte. Beide Männer waren dicht hinter ihr. Ohne die beiden zu beachten, rief sie sich ein Taxi, stieg ein und ließ beide auf dem Gehweg stehen. Sie nannte dem Fahrer ihre Adresse. Ihr war die Lust auf einen gemeinsamen Abend mit Alex gerade gründlich vergangen. Sie wollte nie etwas mit diesem Medienrummel zu tun haben. Und gerade war ihr bewusst geworden, dass sie sowohl mit Alex, als auch mit James nie eine Chance haben würde, diesem Rummel auszuweichen.

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9. Kapitel

Zu Hause traf sie auf Mira, die es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatte und sie fragend ansah. „Ich dachte, du kommst heute nicht nach Hause?“

„Hab es mir eben anders überlegt. Bleib ruhig sitzen, ich gehe gleich ins Bett. Gute Nacht.“ Normalerweise fertigte sie Mira nicht so ab. Das junge Mädchen war ihr in dem halben Jahr, die sie jetzt da war, zur guten Freundin geworden. Sie verbrachten viele Abende gemeinsam. Aber heute hatte sie einfach keine Lust mehr auf Gesellschaft.

Später im Bett war Sarah viel zu aufgeregt, um einschlafen zu können. Es tat ihr nun doch ein bisschen leid, wie sie Alex und James einfach hatte stehen lassen. Die beiden würden es überleben, aber ihr Verhalten war wirklich unhöflich gewesen. Na ja, sie konnte sich ja am nächsten Tag entschuldigen. Außerdem war es vielleicht wirklich gut, wenn sie morgen ausgeruht war, denn es war der letzte Tag der Musikmesse. Der Tag, an dem sowohl James Hartfield als auch Sakrileg auftreten sollten. Und so hatte sie auch noch einen Tag Bedenkzeit, ob sie sich wirklich weiter auf Alex einlassen sollte.

Was war übermorgen? Dann würde er wieder weg sein. Würde sie dann mit gebrochenem Herzen zurück bleiben? Vorhin war ihr das egal gewesen, sie wollte nur den Augenblick genießen. Aber jetzt, mit ein bisschen Abstand und allein in ihrem Bett sah sie die möglichen negativen Auswirkungen. Natürlich gab es auch die andere Möglichkeit. Dass sie es nicht bei einem One-Night-Stand beließen, dass er weiterhin Teil ihres Lebens bleiben würde. Ein verlockender Gedanke. Doch auch ein erschreckender, denn so wurde die Wahrscheinlichkeit größer, dass er irgendwann entdeckte, dass Lilly seine Tochter war, bevor sie bereit war es ihm zu sagen. Und wenn es für James so offensichtlich war, würden vielleicht auch noch andere eins und eins zusammenzählen können, wenn sie Lilly und Alex zusammen sahen. Sie konnte nur versuchen, Lilly soweit es ging aus allem rauszuhalten. Jedenfalls so lange sie Alex noch nicht die Wahrheit gesagt hatte.

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All diese Gedanken hielten sie wach und so warf sie sich Stunde um Stunde unruhig hin und her, bis sie dann früh am Morgen in einen unruhigen Schlaf fiel. Als der Wecker klingelte, hatte sie das Gefühl, überhaupt nicht geschlafen zu haben. Ein Blick in den Spiegel bestätigte ihre Befürchtungen, dass man ihr die Nacht ansehen konnte. Da konnte auch Make-up nichts mehr ausrichten. Vielleicht würde eine Tasse Kaffee helfen.

Doch in der Küche wartete die nächste Überraschung. Mira blickte sie sorgenvoll an und Lilly zappelte unruhig auf ihrem Stuhl herum. Auf Sarahs fragenden Blick zeigte Mira auf die Zeitung, die auf dem Tisch lag und sagte: „Hab ich heute Morgen beim Bäcker gefunden.“

Ein kurzer Blick zeigte Sarah, was los war. Ein Foto zeigte sie zusammen mit James in Eintracht am Tisch sitzen und lachen. Ein weiteres Foto zeigte James und Alex, wie sie sich fast drohend gegenüberstanden und Sarah, wie sie mit erschrockenem Gesichtsausdruck am Tisch saß. Die Überschrift war: „James Hartfield und Alex Morgan von Sakrileg nicht nur auf musikalischer Ebene Konkurrenten“. Der Typ von gestern war anscheinend nicht nur ein einfacher Reporter, sondern auch noch einer von einem der übelsten Klatschblätter im ganzen Land.

Sarahs schlimmste Befürchtungen waren eingetreten.

Mit aller Macht meldeten sich ihre Kopfschmerzen zurück. Sie wollte den Text gar nicht lesen. Lilly schien das Ganze jedoch sehr aufregend zu finden. Ihre Mama zusammen mit ihrem Lieblingssänger in der Zeitung, da hatte sie sich anscheinend ihre ganz eigenen Gedanken gemacht, denn sie schmiegte sich an Sarah und flüsterte ihr ins Ohr: „Mama? Wird James mein neuer Papa? Er ist so toll und er war total nett, als er mit mir bei dem Zirkusprojekt war.“

Sarahs Kopfschmerzen wurden noch einmal stärker. Sie hatte Lilly immer aus allem heraushalten wollen und nun konnte alle Welt lesen, dass sich zwei der momentan beliebtesten Musiker für sie interessierten. Und leider war das keine Nachricht, die morgen jeder wieder vergessen hätte. Sie gab Lilly einen Kuss auf die Stirn, trank ihren Kaffee aus und zog ihren Mantel über. Es hatte keinen Sinn, es weiter hinauszuzögern. Sie würde sich der Begegnung mit James und Alex stellen. Der Tag heute musste noch klappen. Dann konnte sie sich in ihr Schneckenhaus zurückziehen.

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Im Hotel waren alle in heller Aufregung wegen des Zeitungsartikels. Die meisten fanden ihn allerdings eher lustig. Sie fragten Sarah, wie um aller Welt sie zu solchen Schlagzeilen kommen konnte. Niemand schien wirklich daran zu glauben, dass Alex und James sich wegen ihr gestritten hatten, was sie ja genau genommen auch nicht gemacht hatten.

Ein wenig erleichtert fuhr Sarah hoch zu den Suiten und klopfte bei Alex an. Mika, der Schlagzeuger, öffnete ihr die Tür. Er trat zur Seite, damit sie reinkommen konnte und rief über die Schulter: „Alex, deine Freundin ist da.“

Alex war auf der Couch mit einer Gitarre in der Hand. Neben ihm saß Rick, ebenfalls mit Gitarre. Anscheinend hatten sie gerade etwas gespielt. Alex klopfte auf den Platz neben sich. „Komm her. Jetzt, wo es offiziell ist, kannst du dich auch offiziell zu mir gesellen.“

Mika warf trocken ein: „Genau genommen ist ja nur offiziell, dass sie mit einem von euch beiden zusammen ist. Es ist noch nicht klar, ob mit James oder mit dir.“ Alle lachten grölend über diesen Witz, sogar Alex. Sarah verzog ebenfalls ihr Gesicht zu einem vorsichtigen Lächeln. Anscheinend nahm auch hier niemand diesen Zeitungsartikel wirklich tragisch. Sie setzte sich neben Alex, der gleich einen Arm um sie legte und sie ungeniert vor den anderen auf den Mund küsste.

„So Jungs, damit dürfte ja wohl klar sein, mit wem sie zusammen ist, oder?“

Die Jungs alberten noch ein wenig weiter herum. Dann verzogen sich Mika und Rick schließlich. Sie wollten noch etwas essen gehen, bevor der Soundcheck für die große Show begann. Als Sarah und Alex allein waren, legte er seine Gitarre weg und beugte sich über sie. Er sah ihr in die Augen.

„Bitte entschuldige noch einmal wegen gestern Abend. Irgendwie habe ich es nicht mehr ausgehalten ohne dich. Es war eine blöde Idee, euch nachzuspionieren. Und es tut mir auch leid, dass dieser blöde Reporter jetzt so eine Story daraus gemacht hat. Ich bin es ja gewohnt, dass mir irgendwelche Märchen angedichtet werden, aber ich wollte dich da nicht reinziehen.“

Dann küsste er sie sanft auf die Nasenspitze. Mit treuherzigem Blick fragte er, ob sie noch böse sei. Sarah verneinte lachend. Seinem Lausbubencharme konnte sie einfach nicht widerstehen. Er setzte sich wieder neben sie und nahm die Gitarre. Nach ein paar Akkorden fing er an zu singen. Seine Stimme verursachte ihr eine Gänsehaut. Er war voll in seinem Element. Die Melodie war klar, aber traurig, ebenso der Text. Es war ein Liebeslied. Eines, in dem er sich immer wieder fragte, warum seine große Liebe ihn verlassen hatte, was er falsch gemacht hatte. Sarah erkannte darin einen der größten Hits von Sakrileg, den sie schon oft im Radio gehört hatte. Allerdings hatte sie nie zuvor wirklich auf den Text geachtet. Jetzt, wo Alex vor ihr saß und sie immer wieder während der Strophen ansah, wurde ihr zum ersten Mal die Traurigkeit des Liedes bewusst. Es war wunderschön. Und diese Atmosphäre nur mit Alex und seiner Gitarre brachte die Schönheit des Liedes noch einmal besonders zur Geltung. Sie fragte sich, wer die Frau war, für die er diese Zeilen geschrieben hatte. Er musste sie sehr geliebt haben.

Als er die letzten Akkorde des Songs spielte, versuchte sie die Tränen, die ihr in die Augen gestiegen waren, wegzuwischen, bevor er es bemerkte. Vergeblich. Er legte die Gitarre zur Seite und zog stattdessen sie auf seinen Schoß.

„Hey! Was ist los? Alles okay bei dir?“, fragte er mit derselben sanften Stimme, mit der er eben noch gesungen hatte.

Sie nickte, wollte aber seinem Blick ausweichen. Doch dann sah sie auf und versank förmlich in seinen blauen Augen. Wie von selbst fanden sich ihre Lippen zu einem Kuss, erst sehr vorsichtig und dann immer fordernder. Seine Hände umfassten sie und zogen sie noch näher an ihn heran. Sie war sich seiner Nähe und seiner Berührungen überdeutlich bewusst. Die Wärme seiner Schenkel an ihren Beinen, seine Hände, die sie fast grob umklammert hielten, so als müsste er verhindern, dass sie flüchtete. Dabei war Flucht das Letzte, an das sie jetzt denken konnte, denn sie war vollkommen gefangen von ihm. Ein Schauder ging durch ihren Körper, als er mit seinen Händen unter ihr T-Shirt fasste und an ihrer Haut entlangstrich. Seine Finger tasteten über den Verschluss ihres BHs, öffneten ihn und schoben ihn zusammen mit dem T-Shirt über ihren Kopf. Sofort stellten sich ihre Brustwarzen in dem leichten Luftzug auf und ein leichter Kälteschauer durchfuhr sie.

Ihr wurde jedoch sofort wieder heiß, weil er nun mit beiden Händen ihre Brüste fest umschloss und sie erneut hungrig küsste. Alles was sie wahrnahm, waren sein Atem und ihr eigenes rauschendes Blut. Sein köstlicher Duft umfing sie, betörte ihre Sinne. Seine Hände schienen überall zu sein.

Plötzlich spürte sie, wie er sie hochhob und sie, ohne den Kuss zu unterbrechen, ins Schlafzimmer trug. Nur widerwillig löste er sich dort von ihr, um die Tür hinter ihnen abzuschließen. Selbst diese wenigen Sekunden fühlten sich wie eine Ewigkeit an, sie spürte Kälte an den Stellen, die er eben noch berührt hatte. Begierig zog sie ihn wieder zu sich heran und fing nun ihrerseits an, ihn überall zu berühren. Die störenden Klamotten riss sie ihm dabei einfach vom Leib. Seine Haut fühlte sich fiebrig an unter ihren Fingern, schien bei ihrer Berührung zu vibrieren. Ihr Blick glitt über seine starken Muskeln und den flachen Bauch. Dass ihr Tempo sein Verlangen noch weiter anfachte, war sehr deutlich zu erkennen und es verlieh ihr ein Gefühl der Macht über ihn und die Situation.

Doch dieses Gefühl währte nicht lange, denn nun ergriff er wieder die Initiative und stieß sie nach hinten auf die federnde Matratze. Gleichzeitig zog er ihr die Jeans und ihren Slip von den Hüften und drängte sich dann fast grob zwischen ihre Schenkel. Sein stoßweiser Atem kitzelte die empfindliche Haut ihrer Brüste, als er mit einem Stoß in sie eindrang.

Sie stöhnte auf und drängte sich noch ein Stück näher an ihn heran. Ihr Blick verschleierte sich, während sie ihn tief in sich aufnahm und sich seinem Rhythmus anpasste. Jeder Gedanke verschwand aus ihrem Kopf und sie überließ sich nur noch ihren Gefühlen.

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Etwas später lagen sie immer noch nackt und atemlos nebeneinander. Alex strich sich die Haare aus dem Gesicht und lächelte Sarah glücklich an. Auch sie fühlte sich wunderbar.

Jetzt ist ein guter Moment, dachte sie. „Alex, magst du eigentlich Kinder?“

Alex Blick erstarrte und nahm einen etwas panischen Ausdruck an. „Oh nein, wir haben nicht verhütet. Aber es muss doch nicht gleich etwas passiert sein, oder?“

Sarah verdrehte die Augen. „Das meine ich nicht. Ich nehme die Pille, du bist also sicher. Obwohl es wirklich schlecht war, dass wir nicht verhütet haben. Kondome verhindern ja noch andere Sachen als Babys.“

„Ich bin kerngesund, falls du das meinst.“ Er wirkte ein wenig verletzt.

„Ich meinte eigentlich generell, ob du Kinder magst. Willst du mal eigene Kinder haben?“, versuchte Sarah, auf das eigentliche Thema zurückzukommen.

„Findest du nicht, dass diese Frage im Moment noch etwas verfrüht ist?“ Alex versuchte, die Angelegenheit ins Lächerliche zu ziehen. Weil sie aber nicht darauf einging, antwortete er schließlich doch auf ihre Frage.

„Ich weiß nicht, vielleicht irgendwann. Im Moment passen Kinder überhaupt nicht in mein Leben.“

Sarah wusste auch nicht, was sie erwartet hatte. Ganz sicher keine Freudensprünge und Bekundungen, doch am besten gleich ein Kind zu machen. Oder dass er sich heimlich wünschte, ein Kind zu haben. Trotzdem war sie enttäuscht über seine Reaktion. Sie kam jedoch nicht dazu, das Thema weiter zu vertiefen, denn in diesem Moment hörten sie, wie jemand die Suite betrat.

„Alex? Der Soundcheck geht gleich los. Bist du da?“ Rick klopfte an Alex' Tür. Der hatte sich schon seine Shorts angezogen und war im Begriff zu gehen. Schnell wickelte Sarah  die Decke um sich. Als Alex die Tür aufschloss, warf Rick einen kurzen Blick hinein. Als er Sarah sah, grinste er und sie hörte wie er „endlich“ oder sowas sagte. Dann schloss Alex dankenswerterweise die Tür hinter sich und Sarah konnte sich schnell anziehen. So würdevoll wie möglich verließ sie das Schlafzimmer. Rick und auch Mika waren da und kicherten. Alex kam zu ihr und nahm sie in den Arm. Er hatte sich immer noch nicht mehr übergezogen. Doch das schien ihm nichts auszumachen. Er küsste sie schmatzend auf die Wange und zog sie herum, so dass sie Mika und Rick direkt ansehen musste.

„Hast du es endlich geschafft? Hat dieses Gejammer endlich ein Ende?“ Mika ging grinsend in Deckung, als Alex sich ein Kissen schnappte und nach ihm warf.

Rick setzte nach. „Ja, es war zeitweise wirklich nicht mit ihm auszuhalten.“

„Ja, schon fast wie damals, als …“ Mika kam nicht weiter dazu auszuführen, was damals war, weil Alex ihn unterbrach. „Leute, wir müssen dann los. Sind die Instrumente schon unten? Und wo sind Kari und Thomas?“

Sarah hatte keine Ahnung, wer Kari und Thomas waren. Das war ihr aber auch egal. Hauptsache, diese peinliche Situation hatte ein Ende. Also wand sie sich aus Alex Griff. „Ihr müsst jetzt los und auf mich wartet auch noch ein Haufen Arbeit. Also bis später.“ Sie suchte noch ihre Handtasche und wurde kurz panisch, weil sie diese nicht gleich finden konnte. Alex zog sie schließlich von der Couch und drückte sie ihr in die Hand. So schnell sie konnte verließ Sarah die Suite.

Das war wirklich peinlich gewesen.

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Es war noch etwas Zeit bis die Hauptacts auftreten sollten. Im Moment spielten ein paar unbekanntere Bands aus der lokalen Szene in den kleineren Sälen. Sarah war praktisch überall, um die letzten Änderungen vorzunehmen und Entscheidungen zu treffen. Aber sie war glücklich und trug ständig ein kleines Lächeln zur Schau. Sie wurde vereinzelt danach gefragt, wich aber einer Antwort immer geschickt aus. Da sie überall und nirgends war, erreichte sie eine entscheidende Nachricht erst ziemlich spät.

„Sarah, du musst heute James Hartfield und Sakrileg anmoderieren. Bettina ist nicht gekommen.“ Bernhard stand völlig außer Atem vor ihr. Sarah überlegte blitzschnell, ob sie aus dieser Nummer wieder rauskommen konnte. Sie hasste es, solche kurzen Ansprachen vor vielen Leuten zu machen. Bettina Holzinger, eine zurzeit sehr bekannte Talkshow-Moderatorin, hatte eigentlich zugesagt, die Moderation zu übernehmen. In den letzten Tagen waren jedoch immer wieder Gerüchte zu ihnen durchgedrungen, dass es irgendeinen Skandal um sie gegeben hatte. Und anscheinend war da was dran, wenn sie heute nicht erschienen war, denn sie hätte schon seit dem späten Vormittag da sein müssen. Bernhard hatte bestimmt alles versucht, sie zu erreichen, aber vergeblich. Und es gab niemand anderen, der ihren Job übernehmen konnte. Also hatte Sarah wohl keine Wahl. Gut, dass sie heute so blendende Laune hatte. Dann würde sie das wohl auch noch schaffen.

Sie hatte noch eine halbe Stunde, sich ein paar passende Worte zu überlegen. Also überließ sie kurzerhand Julia, ihrer Assistentin, die Verantwortung für die zu erledigenden Arbeiten und verzog sich ins Büro. Auch wenn James ein Überraschungsgast war, hatten sie natürlich wohlüberlegt einige Gerüchte über seine Anwesenheit gestreut und Informationen an passenden Stellen fallen gelassen, außerdem gab es ja jetzt auch noch diesen leidigen Zeitungsartikel mit Sarah und Alex, so dass ein Großteil der Presse informiert war und die meisten Gäste wohl auch.

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10. Kapitel

„Ladys und Gentlemen, vielen Dank für Ihr zahlreiches Erscheinen. Die World of Music ist schon fast wieder zu Ende. Umso mehr freue ich mich, dass wir Ihnen jetzt noch eine besondere Überraschung bieten können. Meine Damen und Herren, direkt von seiner Amerika-Tour ist er extra hier vorbei gekommen, um Ihnen sein neues Album vorzustellen: Mister James Hartfield.“

Frenetischer Applaus brandete auf. Das Licht im Saal ging aus und Sarah musste sich konzentrieren, damit sie im plötzlichen Dunkel nicht von der Bühne fiel. Dann begann die Lichtshow, die ersten Akkorde waren zu hören und schon strahlte der Scheinwerfer den Mann auf der Bühne an, der sofort mit einer seiner rockigsten Nummern begann. Das Publikum tobte.

Das musste man James neidlos zugestehen, er verstand sich darauf, ganz allein einen Saal auszufüllen und das Publikum mitzureißen. Die Stimmung war sofort ganz oben. Sarah mochte seine Musik auch. Sie wippte im Takt mit und dachte an Lilly, die ein großer Fan war und James' neue CD jeden Tag mehrfach hörte. Jedenfalls hatte Mira ihr das erzählt. Das konnte sie sich sehr gut vorstellen. Ja, für Lilly wäre es ein Traum, wenn James Hartfield ihr neuer Vater würde. Aber sie hatte schon einen Vater. Und Sarah war auf einem guten Weg, Lillys Vater wieder näherzukommen.

James spielte ein grandioses Konzert. Sarah war stolz, dass es letztlich ihr zu verdanken war, dass sie James als Ersatz für die ausgefallene Band bekommen hatten. Als er nach einer guten Stunde die letzte Zugabe spielte, war Sarah erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen war.

Noch eine weitere halbe Stunde Umbau, dann würde die letzte Band des Abends, die letzte Band der Musikmesse spielen: Sakrileg. Die meisten Gäste heute waren Mädchen, die nur wegen ihnen hier waren. Sarah sah es an den vielen Sakrileg T-Shirts und anderen Fanutensilien überall um sie herum. Alex hatte viele Anhänger, vor allem weibliche. Bestimmt bekam er nach jedem Konzert dutzende eindeutige Angebote und ob er diese immer ausschlug, bezweifelte Sarah. Alex' Leumund war nicht gerade der Beste. Eigentlich stand die ganze Band in dem Ruf, wilde Partys zu veranstalten und dazu öfter weibliche Fans einzuladen. Ob das wirklich stimmte, wusste Sarah nicht. Sicherlich schadete ihnen dieser Ruf nicht, sie waren schließlich eine Rockband.

Noch eine Viertelstunde. Sarah musste langsam in Richtung Bühne. Vielleicht konnte sie noch einen Blick auf Alex erhaschen, bevor es losging. Also kletterte sie an der Seite auf die Bühne, neidisch beäugt von vielen Blicken, und ging von dort aus in den Backstage-Bereich. Hier summte es wie in einem Bienenschwarm. Überall waren Techniker beschäftigt und viele andere, die Instrumente und andere technische Gegenstände durch die Gegend trugen. Von Alex oder seinen Bandkollegen keine Spur. Sie waren bestimmt in einem der hinteren Räume und bereiteten sich auf den Auftritt vor. Doch Sarah fand sie nicht. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten. Sie drehte sich gerade um, weil es Zeit wurde, auf die Bühne zu gehen und die Band anzukündigen, als ihr plötzlich eine wohlbekannte tiefe Stimme einen Schauer über den Rücken jagte. „Hey, da ist ja meine Muse.“

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Dann sah sie Alex und seine Bandkollegen einen Gang hinunter kommen. Alex hatte seine Gitarre schon um, ebenso Rick. Raffael, der Bassist, erhielt eben seinen Bass von einem Techniker. Andreas, der Keyboarder und Mika, der Schlagzeuger waren etwas weiter hinten und redeten angeregt über irgendetwas. Alex kam zu ihr. Er stellte sich genau vor sie, so dass er sie um mehr als einen Kopf überragte und lächelte sie an. „Gib mir noch einen Kuss und wünsch mir Glück, ja?“ Er wartete Sarahs Antwort gar nicht ab, sondern beugte sich zu ihr herunter und küsste sie. Der Kuss war lang und tief und Sarahs Knie wurden dabei ganz weich. Plötzlich hörte sie, wie sich neben ihr jemand räusperte. Rick.

„He, Kumpel, du musst noch singen. Der Sex muss bis nachher warten.“

Sarah war peinlich berührt von diesen derben Worten, doch Alex lachte nur und küsste sie noch einmal kurz auf den Mund. Dann hob er ihr Kinn, so dass sie ihm direkt in die Augen sehen musste. Sie dachte, er wollte etwas sagen, doch dann ließ er sie plötzlich los. Er lächelte sie noch einmal an, dann klatschte er sich mit Rick ab und sie gingen zu den anderen.

Sarah musste sich zwingen, in diese Welt zurückzukehren. Kurz wusste sie nicht, was sie hier machte und was sie als nächstes tun wollte. Doch dieser Augenblick dauerte nicht lange an. Dann fiel es ihr wieder ein und sie eilte zur Bühne.

Ein einzelner Scheinwerfer sollte sie auf hier beleuchten. Sie stellte sich wie verabredet an den Bühnenrand und gab dem Lichttechniker ein kurzes Zeichen. Dieser richtete den Spot auf sie und sie schritt im Licht zur Mitte der Bühne. Ihre Hose hatte einige Glitzersteinchen im Bereich der Taschen. Im Scheinwerferlicht funkelten diese wie Diamanten. Die Gespräche im Saal verstummten. Sie stellte sich direkt in der Mitte der Bühne an den Rand und sah auf die erwartungsvolle Menge herab. Applaus brandete auf und sie gab sich kurz dem guten Gefühl hin, welches sie dabei erfasste. Sie konnte gut nachvollziehen, warum Alex und auch James das so liebten. Es war wirklich ein einmaliges Gefühl. Das Gefühl, alles erreichen zu können, wenn man nur wollte.

„Und nun, meine Damen und Herren, habe ich die Ehre, Ihnen unseren diesjährigen Hauptact ankündigen zu dürfen. Diese Jungs blicken schon auf eine lange Karriere zurück. Und wie es scheint, hat ihr Erfolg auch kein Ende. Begrüßen Sie mit mir: Sakrileg.“ Wieder Applaus. Diesmal noch lauter. Sarah ging von der Bühne, der Scheinwerfer wurde ausgeschaltet. Die Menge tobte, kreischte und applaudierte. Man hörte die Nebelmaschine. Stroboskoplicht hüllte die Bühne ein. Man konnte nichts erkennen, aber man konnte spüren, dass etwas auf der Bühne passierte. Dann ging das Licht wieder aus. Sekundenlange Stille, nur unterbrochen von einzelnen Rufen und Klatschern. Der Applaus wurde wieder lauter, anscheinend war irgendeine Bewegung auf der Bühne wahrzunehmen. Und schon fing das Schlagzeug an. Ein Scheinwerfer brandete auf und erhellte Mika hinter dem Schlagzeug. Als nächstes setzte das Keyboard mit einem langen, klagenden Laut ein und der zweite Scheinwerfer beleuchtete Andreas. Dann Raffael mit dem Bass und Rick mit der Gitarre. Der Jubel der Menge wurde immer lauter. Endlich fing Alex, den man noch gar nicht sehen konnte, an zu singen. Und dann kam er nach vorn, die Gitarre lässig auf der Seite hängend. Er stellte sich an den Mikrofonständer und machte sein Mikro dort fest. Dann schob er die Gitarre nach vorn und begann ebenfalls zu spielen.

Sarah hatte Gänsehaut.

Sakrileg auf der Bühne zu erleben, war etwas ganz Besonderes. Sie hatten sich vor allem als Live-Band einen Namen gemacht. Viele, die mit ihren Songs im Radio nicht ganz so viel anfangen konnten, mussten aber zugeben, dass die Jungs auf der Bühne unschlagbar waren. Dort strahlten sie eine solche Lebendigkeit und Freude aus, dass man sich dieser Stimmung gar nicht entziehen konnte, selbst wenn man es gewollt hätte. Alex war wirklich voll in seinem Element. Er schaffte es, die Menge zu führen und mit in seine Emotionen hineinzuziehen. Wenn er von Herzschmerz sang, fühlte man mit ihm, wenn er eher frech wurde in seinen Liedern, tobte die Menge. Zwischen den Songs erzählte er immer kurz etwas über die Texte oder gab andere Anekdoten zum Besten. Er war wirklich in Höchstform. Sarah hatte Sakrileg ja noch nie live gesehen, aber heute wurde ihr klar, warum diese Band im Moment zu den beliebtesten Musikgruppen der Neuzeit gehörte.

Bei der ersten Zugabe hatte Alex noch eine bedeutende Neuigkeit zu verkünden. Andreas spielte ein Keyboard-Solo und wurde danach von Alex nach vorn an den Bühnenrand geholt. Alex wartete kurz ab, bis der laute Jubel etwas nachgelassen hatte, dann rief er ins Mikrofon: „Vielen Dank für alles! Ihr seid so großartig.“ Der Jubel und Applaus wurde wieder lauter. Doch dann konnte man sehen, dass Alex noch etwas sagen wollte. Alex hatte Andreas mit einer Hand an sich herangezogen, strubbelte ihm kurz durch die Haare.

„Leute, ich hasse es, euch das jetzt sagen zu müssen“, er holte tief Luft, „aber heute findet nicht nur die World of Music ein Ende, sondern auch Sakrileg muss ein wichtiges Kapitel ihrer Bandgeschichte abschließen!“ Jetzt war es unnatürlich still in der Halle. Man hörte vereinzelte Rufe und Husten. Die Atmosphäre war zum Zerreißen gespannt.

„Das heutige Konzert war zugleich das Letzte für unseren Andreas hier. Ab morgen wird er vorerst nur noch für seine zwei größten Fans spielen: seine Freundin und ihre gemeinsame Tochter. Doch ich hoffe, dass wir ihn eines Tages wieder auf einer großen Bühne sehen. Bitte verabschiedet Andreas zusammen mit uns, mit einem riesigen Applaus!“ Dann applaudierte er und alle fielen mit ein. Nachdem es bis eben so still in der Halle gewesen war, brandete nun der Lärm stärker als je zuvor auf. Andreas Augen glitzerten verdächtig, als die Kamera ihn in Großaufnahme einfing.

Auch Sarah bemerkte, dass sie Tränen in den Augen hatte. Sie empfand solche Hochachtung für Alex, solchen Stolz, sie konnte ihre Gefühle nicht in Worte fassen. Er hatte sie wirklich beeindruckt. Und zum ersten Mal war sie stolz, dass Alex Lillys Vater war.

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Nach dem Konzert trafen sich die Hotelangestellten zu einem kleinen Umtrunk in der Hotellobby. Auch Sarah und ihr Team waren dazu eingeladen. Die World of Music war offiziell zu Ende und alle, die dazu beigetragen hatten, dass es wieder ein Erfolg war, durften dies nun feiern. Vor allem die Zimmermädchen und die Putzfrauen, die Kellner und die Küchenhilfen freuten sich sehr, dass auch sie zu dieser Feier eingeladen waren, denn sie wurden sonst selten berücksichtigt. Aber diesmal ließ sich das Hotel nicht lumpen und so gab es Sekt und kleine Häppchen für jeden. Das war natürlich nichts gegen die offizielle Aftershowparty, die von den Sponsoren der Musikmesse ausgerichtet wurde und bei der Alkohol in Strömen floss und nur das feinste Essen aufgetischt wurde. Aber das störte hier niemanden. Alle waren froh, dass es diesen offiziellen Schlussakt gab und dass wirklich alle daran teilhaben durften.

Sarah stand mit einem Glas Sekt in der Hand in einer Ecke des Raumes und genoss das Treiben um sich herum. Viele hatten sie bereits beglückwünscht, denn es hatte sich herumgesprochen, dass sie dafür verantwortlich war, dass James Hartfield für die ausgefallene Band eingesprungen war. Ein paar Leute sprachen sie auch auf den Zeitungsartikel an und zogen sie nun damit auf, dass sich beide Hauptacts der World of Music anscheinend für sie interessierten. Doch da für die meisten hier klar war, dass es auch zu Sarahs Aufgaben gehörte, mit den prominenten Gästen essen zu gehen, wurde auch hier der Geschichte keine großartige Bedeutung zugemessen.

Sie sah Bernhard bei den Häppchen stehen und gesellte sich zu ihm.

„Sarah. Schön dich zu sehen. Die Musikmesse war dieses Jahr wirklich ein voller Erfolg. Und das war zum großen Teil dein Verdienst.“ Er war in den letzten Monaten fast so etwas wie ein väterlicher Freund für sie geworden. Sein Lob für ihre Arbeit bedeutete ihr sehr viel.

Sie prosteten sich zu. Dann stupste er sie leicht mit der Schulter an.

„Und jetzt sag mal, läuft da was zwischen dir und James Hartfield? Oder mit Alex Morgan? Du sorgst ja ganz schön für Schlagzeilen.“

„Ja, aber du weißt doch. Diese Klatschblätter machen aus allem eine Story, auch wenn es keine gibt.“

Bernhard nickte. „Wenn es keine Story gibt, ist es ja gut. Ich möchte nicht, dass du verletzt wirst. Und ich glaube nicht, dass du mit so einem Rockmusiker glücklich werden könntest. Du bist zu vernünftig dafür.“

Also, als vernünftig hätte Sarah ihr Verhalten in den letzten Tagen nicht unbedingt eingeschätzt. Aber die Worte von Bernhard gaben ihr zu denken.

„Hmmm, Alex ist wirklich nicht der verlässlichste Mensch auf dieser Welt. Von seinem Ruf wollen wir mal gar nicht reden. Aber James, von dem habe ich eigentlich noch nie etwas Schlechtes gehört.“

Bernhard sah sie erschrocken an. „Sarah, du denkst doch wohl nicht wirklich darüber nach, mit einem von beiden etwas anzufangen, oder?“

Sarah lächelte gezwungen und schüttelte leicht den Kopf. Sie wollte das Thema lieber wechseln. Denn sie hatte ja schon etwas mit Alex angefangen. Auch wenn sie sich gerade nicht so sicher war, ob das wirklich klug gewesen war.

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Später schaute Sarah noch auf der offiziellen Aftershowparty vorbei. Sie war auch dazu eingeladen, da sie ja die Hauptorganisatorin der Musikmesse war. Vielleicht ergab sich noch eine Gelegenheit, um mit Alex zu reden. Sie hatten noch gar nicht darüber gesprochen, ob und wie es weitergehen sollte. Sarah war sich nicht sicher, ob Alex überhaupt wollte, dass es weiterging. Er hatte ja bekommen, was er wollte. Gut, vorhin in seiner Suite hatte er vor seinen Bandkollegen gesagt, dass sie zusammen waren. Aber wer wusste schon, was das für Alex Morgan bedeutete? Zumindest wäre es schön, wenn sie irgendwie in Kontakt bleiben könnten. Aber momentan hatte sie keinerlei Kontaktdaten von ihm, weder eine Telefonnummer, noch eine E-Mailadresse. Und er auch nicht von ihr.

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Die Party war in vollem Gang, als Sarah durch die Tür trat. Laute Musik umhüllte sie und sie war für einen Moment orientierungslos, weil so viele Leute herumstanden. Wer hatte die alle eingeladen? Sie erkannte niemanden. Entschlossen drängte Sarah sich durch die Menge und sah sich nach einem bekannten Gesicht um. An einer Bar fand sie schließlich die Jungs von Sakrileg. Sie waren sehr laut und aufgedreht und hatten anscheinend dem Alkohol schon kräftig zugesprochen. Als Alex sie erblickte, kam er zu ihr und holte sie an die Bar. Dort hielt er sie so fest umklammert, dass Sarah sich fast nicht mehr rühren konnte.

„Hey, Süße, da bist du ja endlich. Hab dich vermisst.“ Damit drückte er ihr einen feuchten, nach Alkohol riechenden Kuss mitten auf den Mund. Sarah hatte das leichte Lallen in seiner Stimme sofort wahrgenommen. Wahrscheinlich hielt er sie nur deshalb so fest, damit er nicht schwankte. Na prima, soviel dazu, noch mit ihm zu reden. Sie kämpfte sich aus der Umklammerung frei, bestellte sich selbst ein Wasser und beglückwünschte die Band zu ihrem Auftritt. Rick, der auch schon nicht mehr ganz sicher stand, prostete ihr zu.

„Wir danken dir. Du hast das größte Anteil daran, dass heute alles ist so gut gelaufen.“

Sarah wunderte sich über das Kompliment. Normalerweise war den Bands die Organisation hinter solchen Veranstaltungen herzlich egal. Jedenfalls solange alles funktionierte. Wenn mal was schief ging, wussten sie natürlich sofort, wer daran die Schuld trug.

Doch das hatte Rick anscheinend auch gar nicht gemeint. Mikas nächste Worte trieben Sarah die Röte ins Gesicht: „Euer nachmittägliches Stelldichein hat Alex dermaßen entspannt, dass er auf der Bühne zur Höchstform aufgelaufen ist. Eigentlich könntest du zu jedem unserer Konzerte kommen. Dann haben wir nur noch Hammerauftritte.“ Die anderen lachten grölend. Nur Sarah konnte nicht einstimmen. Sie hatte keinerlei Lust darauf, dass hier mit allen ihr Sexleben diskutiert wurde. Sie wand sich mit einer Entschuldigung aus Alex Griff, denn er hielt sie schon wieder fest.

Das Lachen der fünf Jungs verfolgte Sarah noch weiter. Anscheinend kannten die Jungs innerhalb der Band kein Tabu. Das hatte ihr gerade noch gefehlt. Alex schien das Ganze überhaupt nicht peinlich zu sein. Er hatte schließlich am lautesten gelacht. Sarah verdrehte die Augen.

Sie wäre fast in James Hartfield reingerannt, weil sie kopflos durch den Saal stürzte. Ein wenig von ihrem Wasser landete auf seiner Lederjacke.

„Ups, das tut mir leid“, entschuldigte Sarah sich lahm.

„Kein Problem!“ Er küsste sie zur Begrüßung auf die Wange. Sie hatten seit dem Vorabend nicht mehr miteinander gesprochen und es kam Sarah vor, als sei seitdem mindestens eine Woche vergangen, so viel war in der Zwischenzeit passiert. Sie hatte mit Alex geschlafen, nicht gerade eine Glanzleistung, wenn sie an seine Reaktionen danach dachte. Die Konzerte und damit die World of Music hatten ihr Ende gefunden. Das war allerdings eine Glanzleistung, deren Erfolg Sarah auch genießen wollte. Das hatte sie verdient. Und dann war ja noch die leidige Geschichte mit diesem Zeitungsartikel. Sarah wusste gar nicht, wie James diesen aufgenommen hatte. Da er normalerweise ja so darauf bedacht war, keine Skandale zu verursachen, war ihm dieser Artikel bestimmt nicht egal.

„Es tut mir leid wegen gestern. Alles.“ Sarah sah ihn prüfend an. Wie würde er reagieren.

Er lächelte sie an.

„Warum solltest du dich entschuldigen? Oder hast du diesen Artikel in Auftrag gegeben?“

Sarah schüttelte vehement den Kopf. Wie kam er denn auf sowas?

Doch James lachte. „Das weiß ich doch. War nur ein Scherz. Nein, du bist doch nicht verantwortlich, wenn sich irgendwelche Idioten Geschichten ausdenken müssen. Es tut eher mir leid, dass du in diesen Rummel mit hereingezogen wurdest. Ich habe schon verstanden, warum du sauer warst. Mir schadet so etwas nicht und Morgan ist bestimmt froh, dass sein Ruf als Schürzenjäger nun erst mal wieder nicht infrage gestellt wird. Nur, was ist mit dir? Hat es irgendwelche negativen Konsequenzen für dich? Ich meine für deine Agentur? Oder für deine Tochter?“

Sarah musste über seinen Kommentar zu Alex' Ruf lachen. Und sie war froh, dass James nicht sauer war. Sie versicherte ihm, dass sie mit so einem Artikel gut leben konnte, dass so etwas aufgrund ihrer Arbeit ab und zu mal vorkam.

„Sarah, ich muss bald wieder los.“ James sah sie eindringlich an. „Mein Flug zurück nach Amerika geht in vier Stunden. Ich bin so froh, dass ich dich noch einmal gesehen habe, denn ich wollte dir unbedingt noch etwas sagen. Können wir uns vielleicht irgendwo unterhalten, wo wir nicht die ganze Zeit beobachtet werden?“

Sarah sah sich erstaunt um. Wer sollte sie hier beobachten. Doch dann blickte sie direkt in Alex' blaue Augen. Gerade wirkte er ziemlich ernüchtert. Er stand an eine Tür gelehnt, eine Flasche Bier in der Hand und blickte die ganze Zeit zu ihnen herüber. Sein Gesichtsausdruck war finster, anscheinend passte es ihm nicht, dass sie hier mit James redete. Sarah war versucht, zu ihm zu gehen und ihn zu fragen, was los war. Aber sie verwarf den Gedanken gleich wieder. Sollte er sich doch denken, was er wollte. Sie war ihm schließlich keine Rechenschaft schuldig.

Sie nahm James bei der Hand und zog ihn mit sich. Im hinteren Teil des Saales, dort wo die Musiktechnik aufgebaut war, gab es einen Notausgang. Zu diesem wollte Sarah, denn dort konnte sie ungestört mit James reden. Es interessierte sie, was er ihr zu sagen hatte. Mit Alex konnte sie später noch sprechen. Der hatte jetzt einen kleinen Denkzettel verdient.

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Sie setzten sich gemeinsam auf die Treppe hinter dem Notausgang. Das Treppenhaus war leer, so dass sie sich in Ruhe unterhalten konnten. Sarah hatte ihr Wasser mitgenommen und bot James einen Schluck an. Er nahm das Glas, hielt es aber nur in den Händen.

„Sarah, ich muss leider wieder nach Amerika zurück und werde dort bestimmt auch noch die nächsten Monate bleiben. Aber ich möchte, dass du weißt, dass du auf mich zählen kannst, wenn du Hilfe brauchst. Ich werde für dich da sein.“ Sarah wollte ihn unterbrechen, aber er hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. „Nein, ich weiß, was du sagen willst. Du hast dich für Morgan entschieden. Das ist mir klar und wegen deiner Tochter ja auch einigermaßen verständlich. Ansonsten kann ich natürlich nicht verstehen, was du von diesem Kindskopf willst.“ Er grinste sie an und auch sie musste lachen.

„Aber ich möchte sicher sein, dass es dir gut geht. Bitte bleib mit mir in Kontakt. Ruf mich an, wann immer du Hilfe brauchst. Und vielleicht auch einfach, wenn du jemanden zum Reden suchst. Am liebsten wäre es mir, du würdest jeden Tag anrufen.“ Er grinste wieder, so dass Sarah nicht sicher war, ob er gerade Scherze machte. Doch dann wurde er wieder ernst, kramte einen Zettel aus seiner Jacke und legte ihn ihr in die Hand. Sie sah, dass eine Nummer darauf stand und ein Wort: „Jederzeit“.

Seine Telefonnummer. Er hatte ihr seine Telefonnummer gegeben. Das war wirklich süß. Auch sein Angebot, dass er für sie da sein wollte. Das war so lieb. Eigentlich viel zu lieb. Das hatte Sarah gar nicht verdient. Ihr stiegen Tränen in die Augen. Warum war James so lieb und Alex so ein Arschloch? Warum konnte sie nicht einfach James lieben? Warum musste alles immer so verdammt kompliziert sein?

James reichte ihr ein Taschentuch. Sie wischte sich die Tränen ab und putzte sich die Nase. Dann umarmte sie James einfach. Sie hätte sowieso nicht gewusst, wie sie ihm danken sollte.

Sie saßen noch ein paar Minuten schweigend nebeneinander auf der Treppe und teilten sich Sarahs Wasser. Dann wurde es Zeit für James aufzubrechen. Glücklicherweise wusste Sarah, wie man von der Treppe über ein paar Seitengänge zurück in die Hotellobby kam, ohne noch einmal durch den Saal laufen zu müssen. Sie brachte James noch bis zu seinem Zimmer. Sein Gepäck war schon gepackt und ein Page war dabei, es zur Rezeption zu bringen. Sie umarmten sich noch einmal und Sarah versprach, sich bei ihm zu melden.

Sie winkte ihm nach, als er mit dem Taxi in Richtung Flughafen fuhr. Plötzlich fröstelte sie. Es war zwar Frühling, aber die Nächte waren noch immer kalt und sie hatte keine richtige Jacke an. Schnell eilte Sarah zurück ins Hotel. Sollte sie zur Party zurückkehren und versuchen mit Alex zu reden? Nein, das hatte keinen Sinn, so viel wie er getrunken hatte. Und wahrscheinlich war er jetzt auch noch sauer, weil sie mit James abgehauen war. In so einer Stimmung wollte sie ihm lieber nicht begegnen. Außerdem hatte sie extra nachgeschaut, wie lange er noch hier sein würde und wusste, dass Sakrileg erst am nächsten Mittag abreisen wollten. Dann würde sie einfach morgen, wenn er wieder nüchtern war, mit ihm sprechen.

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11. Kapitel

Sarah war hundemüde und erleichtert als sie endlich wieder zu Hause war. Da die World of Music vorbei war, musste sie am nächsten Tag auch nicht so zeitig im Hotel sein. Sie wollte zwar unbedingt noch mit Alex sprechen, aber der würde wohl kaum vor elf aus dem Bett kommen. Sie würde also gegen zehn ins Hotel fahren, die letzten Aufräumarbeiten überwachen, mit Alex sprechen und dann so schnell wie möglich wieder nach Hause fahren. Danach hatte sie erst einmal zwei Tage frei. Und die wollte sie mit Lilly zusammen genießen. Sie hatte die Kleine dafür extra vom Kindergarten befreit. Das würde nicht mehr gehen, wenn Lilly dann ab Herbst in die Schule kommen würde.

Kaum hatte ihr Kopf ihr Kissen berührt, schlief sie auch schon tief und traumlos.

Sie erwachte davon, dass die Sonne auf ihr Gesicht schien. Ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es kurz vor neun war, ideal um aufzustehen. Sie hatte zwar Lilly heute Morgen verpasst, aber sie würde sie nachher eher vom Kindergarten abholen, da konnte sie das wieder wettmachen. Mira war unterwegs. Einkaufen oder sonst was. Also hatte Sarah die ganze Wohnung für sich und machte sich erst einmal eine Tasse Kaffee und einen Marmeladentoast. Für die Terrasse war es noch zu kalt, aber sie öffnete das Fenster ganz weit, als sie sich mit dem Frühstück an den Tisch setzte. Die klare Morgenluft weckte ihre Lebensgeister. Schon sah sie alles nicht mehr ganz so schwarz wie am Abend zuvor. Klar hatte Alex zusammen mit seiner Band diesen Auftritt feiern müssen. Und die Kommentare der anderen waren ja auch nicht so schlimm gewesen. Sie bereute es nicht, mit Alex geschlafen zu haben. Es war schön gewesen, also was sollte sie bereuen? Sie hatte niemanden betrogen und war niemandem Rechenschaft schuldig.

Wenn sie allerdings an das Gespräch heute dachte, wurde ihr doch etwas flau im Magen. Heute würde sich zeigen, ob sie und Alex eine Chance auf eine gemeinsame Zukunft hatten. Plante auch er ein Wiedersehen? Oder war es für ihn eine einmalige Sache? Sie hatte zwar aufgrund seiner Äußerungen vom Vortag Hoffnung geschöpft, aber sicher war sie sich beileibe nicht. Und was wollte sie selbst eigentlich?

„Erst mal abwarten, ob er überhaupt mit mir in Kontakt bleiben möchte“, sagte sie laut in die Stille hinein. Wenn er sie auch weiterhin sehen wollte, würde sie versuchen, Lilly von Alex möglichst fernzuhalten, jedenfalls am Anfang. Und wenn sich dann herausgestellt hatte, dass Alex es wirklich ernst meinte, dann konnte sie ihm von Lilly erzählen. Auf jeden Fall nicht vorher, denn sobald er erfuhr, dass Lilly seine Tochter war, würde eine Verbindung zwischen ihnen bestehen, auf die sie keinerlei Einfluss mehr hatten. Und nichts wollte Sarah weniger, als Alex dazu zu zwingen, mit ihr in Kontakt zu bleiben.

Sie gab sich noch kurz ihren Tagträumen hin, in denen Lilly an ihrem Einschulungstag von Mama und Papa begleitet wurde, dann musste sie sich langsam für ihre Arbeit fertig machen.

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Im Hotel angekommen musste Sarah feststellen, dass die Jungs von Sakrileg keinesfalls noch in den Betten lagen. Im Gegenteil, sie waren schon fleißig dabei, ihre Instrumente raus in den Busanhänger zu schleppen. Sarah fragte Raffael nach Alex.

„Alex? Der musste doch heute schon ganz früh nach Wien fliegen. Hat schon wieder irgendeinen Interview-Termin. Ich denke ja, er legt sich diese Termine extra so, dass wir auf der ganzen Arbeit sitzen bleiben. Aber er hatte einen ganz schönen Kater heute Morgen, also ist das wohl Strafe genug.“ Er kicherte und ließ Sarah mit offenem Mund stehen.

Hatte sie richtig gehört? Alex war nicht mehr da? Sie wollte doch mit ihm reden. Sie musste mit ihm reden. Und jetzt war er weg. Sie konnte das gar nicht fassen. Hatte sich denn alles gegen sie verschworen?

Die nächsten drei Stunden sah man Sarah zwar überall nach dem Rechten sehen, aber in Wirklichkeit war sie überhaupt nicht bei der Sache. Sie überlegte, wie es nun weitergehen sollte. Sie hatte nichts mit Alex klären können und auch keine Kontaktdaten ausgetauscht. Nun musste sie warten, bis der Zufall sie mal wieder zusammen brachte? Nein, Quatsch. Im Zeitalter von Facebook und Google sollte es doch kein Problem sein, die Kontaktdaten von jemandem zu bekommen. Dieser Gedanke beruhigte sie ungemein. Wenn Alex wollte, würde er sie anrufen können oder ihr eine E-Mail schreiben. Oder sie über Facebook kontaktieren, oder sonst was. Er hatte auf jeden Fall mehrere Möglichkeiten. Und sie fand, dass es auf jeden Fall seine Aufgabe war, sich zuerst bei ihr zu melden.

Soweit beruhigt, packte Sarah ihre Sachen zusammen, verabschiedete sich noch kurz von Bernhard und fuhr dann nach Hause für ihren Kurzurlaub. Unterwegs holte sie noch Lilly vom Kindergarten ab. Die nächsten Tage würden nur ihrer Tochter gehören. Sie konnten ins Kino gehen oder in den Zoo. Sie konnten die Spiele spielen, für die Sarah sonst nur wenig Zeit hatte. Sie konnten es sich einfach so richtig gut gehen lassen. Und alles Weitere würde sich schon ergeben.

Lilly war begeistert von Sarahs Ideen. Zusammen überlegten sie, was sie wann machen wollten. Die zweieinhalb Tage waren schnell verplant, so dass Sarah nicht viel Zeit hatte, über etwas anderes nachzudenken.

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Die Tage vergingen, Sarah war wieder im Hotelalltag angekommen. Von Alex war nichts gekommen. Klar hörte man von ihm. Hier ein Radiointerview, da ein Zeitungsartikel. Aber er meldete sich nicht bei ihr. Langsam begann Sarah, an ihrer eigenen Überzeugung, dass er sich zuerst melden musste, zu zweifeln. Vielleicht wartete er darauf, dass sie sich meldete?

Tagelang schob sie die Entscheidung, ob sie sich melden sollte, vor sich her. Sie war auch oft in Versuchung James anzurufen und ihn um Rat zu bitten, aber das fand sie dann doch zu armselig und ließ es bleiben. Sie hatte bestimmt schon dreimal angefangen, Alex über Facebook eine Nachricht zu schreiben, löschte sie dann aber doch immer wieder, ohne sie abzuschicken.

Eines Tages überraschte Lilly Sarah mit den Worten: „Mama, hast du schon das Neueste von Alex gehört?“ Sarah sah überrascht auf. Es gab Neuigkeiten von Alex? Hatte er sich gemeldet?

 „Sie bringen ein neues Album raus. Sakrileg meine ich. Und sie haben schon eine neue Single veröffentlicht.“ Ach so. Sarah war ein bisschen enttäuscht. Deshalb bekam sie auch nicht gleich mit, was Lilly sie fragte. Diese hopste vor Aufregung auf und ab. „Mama? Was ist nun? Willst du sie hören oder nicht? Mira hat sie mir vorhin runtergeladen.“

Automatisch nickte Sarah. Also setzte Lilly sich an den Laptop und rief das Musikprogramm auf. Sarah wunderte sich wie immer, wie selbstverständlich ihre kleine Tochter mit dieser Technik umging. Ein neues Album? Das konnte der Grund dafür sein, dass Alex sich so lange nicht gemeldet hatte. Er hatte einfach keine Zeit gehabt.

Schon erklangen die ersten Töne und Alex' Stimme verursachte kleine Gänsehautschauer auf Sarahs Rücken. Sie gab sich diesem Gefühl eine Weile hin, dann begann sie auf den Text zu hören. Moment mal! Das konnte doch nicht sein, oder?

Sie musste sich verhört haben.

 „Lilly, kann ich den Song bitte noch mal hören?“, fragte Sarah, als der Song zu Ende war. Lilly nickte freudig. Diesmal konzentrierte Sarah sich von Anfang an auf den Text.

There is this girl
I want her so much.
But she goes away
Every time I beg for love.

Baby you think,
You are better than all others,
You could have every guy.
But you will see
How you feel,
If I broke your heart.
Then you will know
How it feels
To be treated like
you treat them.

I met her before
Her sex was so good.
But then she left me
And my heart broke in two.

Baby you think,
You are better than all others,
You could have every guy.
But you will see
How you feel,
If I broke your heart.
Then you will know
How it feels
To be treated like
you treat me.

I will make you love me
I will make you cry
I will play the lover boy
I will break your heart
And go away
When you beg for love.

Lilly tanzte glücklich zu dem Song. Sie verstand den Text ja nicht. Selbst wenn sie ihn verstanden hätte, hätte er für sie keine tiefere Bedeutung.

Sarah hingegen verstand sehr genau.

Endlich hatte sie die Erklärung, warum Alex sich nie mehr gemeldet hatte. Er hatte ja erreicht, was er wollte. Er hatte sich nur an ihr rächen wollen. Für seinen verletzten Stolz, weil sie ihn damals vor sieben Jahren verlassen hatte. Aber sie hatte ihm doch erklärt, warum sie das getan hatte. Und er hatte es verstanden und ihr verziehen. Oder zumindest hatte er ihr das vorgespielt.

So ein Arschloch. So ein Idiot! Und sie war so naiv gewesen. Sie hatte echt geglaubt, er wäre nicht so, wie alle von ihm dachten. Wie blöd war sie eigentlich? Er hatte ihr die ganze Zeit etwas vorgespielt. Deshalb war er plötzlich so nett gewesen. Er hatte sie von vorne bis hinten verarscht. Und um dem Ganzen dann noch die Krone aufzusetzen, erzählte er jedem diese Geschichte jetzt auch noch im Radio. Als öffentlicher Hohn für sie sozusagen.

Aber in einem hatte er versagt. Er hatte nicht ihr Herz gebrochen. Denn sie hatte ihm nie so weit vertraut, dass sie ihm ihr Herz geschenkt hätte. Sie war vielleicht kurz davor gewesen, sich auf ihn einzulassen, aber ihr Herz war vor ihm sicher. Auch wenn es jetzt verdammt wehtat.

Oh, sie war so wütend! Die nächsten Tage kochte sie vor Zorn. Wann immer sie den Song im Radio hörte, und offensichtlich liebten die Radiomoderatoren das Lied, schaltete sie wütend den Sender weg. Bei Lilly konnte sie das natürlich nicht machen. Ihre kleine Tochter wunderte sich schon, dass Sarah so ungehalten reagierte, wann immer sie den Song laut drehte. Dabei war Break your heart schon nach kurzer Zeit in allen Charts ganz oben.

Nur auf ihrer Arbeit schaffte Sarah es, sich soweit abzulenken, dass sie nicht ständig daran dachte, wie sie betrogen worden war. Am Anfang war es schwer gewesen, alles hier hatte sie an Alex erinnert. Aber mittlerweile war wieder so viel anderes passiert, dass diese Erinnerungen verblasst waren.

Es gab nur einen Menschen, mit dem sie über ihre Gefühle reden konnte und das war ausgerechnet James. Am Tag nachdem sie den Song das erste Mal gehört hatte, hatte sie den verknitterten Zettel aus ihrer Handtasche gefischt, zum Telefonhörer gegriffen und James angerufen. Er war nicht überrascht, von ihr zu hören. Und er hatte auch sofort erkannt, von wem Alex da sang.

„Du Arme. Er ist wirklich ein Arschloch. Das hätte ich ihm nie zugetraut.“ James verstand sie und er hielt zu ihr. Seitdem hatten sie fast jeden Abend miteinander telefoniert. Nur wegen dieser Telefonate schaffte Sarah es, nicht durchzudrehen und ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Sie fasste sich langsam wieder und kehrte in ihren Alltag zurück. Sie war mittlerweile mehr als dankbar, dass sie Alex nie von Lilly erzählt hatte.

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Eine Woche später klingelte Sarahs Handy. Eine unbekannte Nummer.

„Ja?“

„Sarah? Ich bin es, Alex.“ Sarah erstarrte mit dem Handy in der Hand. Dann drückte sie den Anrufer weg. Zitternd steckte sie das Handy wieder in ihre Hosentasche. Warum hatte er angerufen? Das würde sie jetzt natürlich nicht mehr erfahren. Aber das machte gar keinen Sinn.

Das Telefon klingelte wieder. Dieselbe Nummer. Sarah ließ es klingeln. Sie wollte auf keinen Fall mit Alex reden. Dann meldete sich ihr Nachrichtenprogramm.

Sarah, bitte geh ran!, schrieb Alex.

Sarah schaltete ihr Handy aus. Was wollte der Idiot nur von ihr? Sie war zwar neugierig, aber sie würde nicht mit ihm sprechen. Sollte er ihr doch schreiben, was er wollte. Dann konnte sie immer noch entscheiden, wie sie damit umging.

Am nächsten Morgen musste Sarah ihr Handy wieder anschalten. Sie brauchte es für die Arbeit. Der Mailservice meldete fünf Anrufe in Abwesenheit, alle von derselben Nummer. Geschrieben hatte er nicht noch einmal. Kaum hatte sie das Handy angeschaltet, klingelte es schon wieder. Diesmal ging Sarah gleich beim ersten Klingeln dran.

„Arschloch! Was willst du denn noch?“

„Sarah?“ Sie zuckte zusammen. Es war James. Kurz schloss sie die Augen. „Entschuldige bitte, ich habe dich für jemand anderen gehalten.“

„Für Alex?“ Sarah hörte ein Grinsen in James Stimme. Sie nickte. Dann erinnerte sie sich, dass er sie nicht sehen konnte.

„Ja, genau.“

„Dann hat er also schon angerufen. Ich wollte dich eigentlich vorwarnen. Hast du mit ihm geredet?“

Sarah wurde hellhörig. Warum wusste James, dass Alex bei ihr angerufen hatte?

„Ich will nicht mit ihm reden. Hast du ihm meine Nummer gegeben?“ Sarah sprach das erste aus, was ihr in den Sinn gekommen war. James antwortete nicht sofort, sie hatte wohl ins Schwarze getroffen. Hatten sich denn alle hier gegen sie verschworen?

„Warum hast du das gemacht, James? Du weißt doch, was er getan hat.“

„Ich weiß, Sarah. Aber er hat es mir erklärt. Sarah, das ist alles ein großes Missverständnis. Du musst ihn nur erklären lassen.“

Sarahs Stimme wurde eisig. „Ach, und das hast du ihm geglaubt? Ein schöner Freund bist du.“ Damit legte sie auf. Sie konnte nicht glauben, dass James nun zu Alex hielt, nur weil der ihm irgendeine Story aufgetischt hatte. James war ihr Freund. Zumindest hatte sie das gedacht.

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12. Kapitel

Alex

Wo war das verdammte Handy nur? Seit Tagen behielt Alex es praktisch in der Hand, damit er nicht verpasste, wenn sie endlich zurückrief. Und nun, als es endlich klingelte, fand er es nicht. Er wühlte sich durch sämtliche Taschen seiner Jacken an der Garderobe. Irgendwo hier musste es doch sein. Hoffentlich gab sie nicht auf, weil sie dachte, er wollte nicht rangehen.

Da, endlich! Als er die Lederjacke ein Stück zur Seite schob, um an die darunter hängende Jacke zu kommen, sah er sein Handy. Es lag auf dem Schuhschrank. Die Jacke hatte es verdeckt.

„Ja?“

„Morgan? Endlich, ich dachte schon, du schläfst noch.“

Hartfield. Der hatte ihm gerade noch gefehlt.

„Ich bin schon ewig wach“, knurrte Alex nicht ganz wahrheitsgemäß ins Telefon.

„Hast du schon mit Sarah gesprochen?“

„Nein, hab sie noch nicht erreicht.“ Mehr musste Hartfield nicht wissen. Dass sie bei seinem ersten Versuch einfach aufgelegt hatte und seitdem nicht mehr ans Telefon ging.

„Kein Wunder. Ich denke nicht, dass sie überhaupt mit dir sprechen will. Ich habe gerade mit ihr geredet und, oh Mann, sie ist jetzt auch noch sauer auf mich. Weil ich dir ihre Telefonnummer gegeben habe.“

„Na und? Was kann ich dafür?“

Alex hörte James am anderen Ende der Leitung wütend schnauben. Okay. Das war vielleicht nicht ganz fair. Schließlich hatte er den Sänger praktisch angefleht, ihm Sarahs Nummer zu geben.

„Was du dafür kannst? Eine ganze Menge, mein Junge.“

Alex hasste es, wenn James heraushängen ließ, dass er ein paar Jahre älter war. Deswegen hatte er die Weisheit noch lange nicht gepachtet. Und dass Sarah sauer auf ihn war, war ihm klar. Leider hatte sie auch allen Grund, auch wenn er nun wirklich nichts dafür konnte, dass ausgerechnet dieser Song bei allen so beliebt war. Als er ihn damals den Jungs vorgespielt hatte, waren die so begeistert gewesen, dass sie gleich eine Demo aufnehmen wollten. Ihr Produzent hatte sofort entschieden, dass dieser Song noch mit auf das fast fertig gestellte neue Album musste. Tja, auch die Plattenfirma war begeistert gewesen und wollte dieses Lied unbedingt als erste Single rausbringen. Gut, vielleicht hätte er es verhindern können, wenn er gewollt hätte. Aber in dem Moment war er einfach so froh gewesen, dass alle so begeistert waren und hatte sich anstecken lassen. Dass Sarah diesen Song in den falschen Hals bekommen würde, daran hatte er in dem Moment einfach nicht gedacht.

„Morgan? Bist du noch da?“, fragte James am anderen Ende der Leitung.

„Jaja. Was kann ich denn dafür, dass die Leute unseren neuen Song so sehr mögen und er überall rauf und runter gespielt wird?“

James lachte auf. „Es war ja wohl klar, dass der einschlägt wie eine Bombe. Endlich mal nicht das übliche Geschnulze, was sonst den ganzen Tag im Radio hoch und runter gespielt wird …“

Es war Alex ja auch klar, warum der Song so beliebt war. Da brauchte er keine Belehrungen von jemandem, dessen letzte Songs allesamt Schnulzen waren. Alex musste grinsen. Das konnte er Hartfield jetzt noch eine Weile unter die Nase reiben. Dessen aktueller Song, die bisherige Nummer eins, war von Break your heart nämlich kurzerhand vom Thron gestoßen worden.

„Und was soll ich jetzt deiner Meinung nach machen? Wenn sie nicht mit mir sprechen will, kann ich sie ja schlecht dazu zwingen, oder?“

„Mensch Morgan, wie kann man so auf dem Schlauch stehen? Klar kannst du sie zwingen zuzuhören. Vielleicht nicht am Telefon, aber wenn du direkt vor ihr stehst …“

Hm, stimmte eigentlich. Warum war er da nicht selbst drauf gekommen? Er würde einfach hinfahren, mit ihr reden und das Missverständnis aus dem Weg räumen. Und dann konnten sie zum gemütlichen Teil übergehen. Beim Gedanken daran wurde ihm ganz warm und er grinste in sich hinein.

„Du hast nicht zufällig ihre Adresse?“, fragte er James.

Der Mann am anderen Ende der Leitung lachte laut und herzlich. Alex schüttelte den Kopf, murmelte eine kurze Verabschiedung und legte auf. Eigentlich konnte er den Kerl ja ganz gut leiden, aber manchmal ging er ihm echt auf die Nerven.

Jetzt musste er nur noch Sarahs Adresse rausbekommen und sie dann besuchen. Er würde ihr schon erklären, dass der Song nicht seine Absichten in Bezug auf sie ausdrückte. Jedenfalls jetzt nicht mehr. Klar, am Anfang war es durchaus seine Absicht gewesen, sie in sich verliebt zu machen und sie dann eiskalt abzuservieren. Aber dann tauchte Hartfield auf der Bildfläche auf und machte seinen Plan zunichte. Sie hatte sich so gut mit Hartfield verstanden, ihn angehimmelt und mit ihm auf Teufel-komm-raus geflirtet. Erst wusste Alex selbst nicht, warum ihn das so gestört hatte. Er hatte es auf seinen verletzten Stolz, sein angeknackstes Selbstbewusstsein geschoben, weil sie James Hartfield offensichtlich vorzog.

Aber dann war ihm irgendwann klar geworden, dass er eifersüchtig auf James Hartfield war. Eifersüchtig, weil Sarah ihm eben doch immer noch mehr bedeutete, als er selbst wahrhaben wollte. Und als sie ihm dann gesagt hatte, warum sie damals abgehauen war … Nein, verstanden hatte er es nicht wirklich, aber zumindest hatte sie einen Grund gehabt. Einen anderen als den, dass sie das einfach immer so machte. Sie hatte Angst gehabt. Das hatte er auch gehabt. Diese Erklärung konnte er verstehen und an dieser hielt er sich fest. Und daran, dass die Gefühle zwischen ihnen nach wie vor da waren. Dieses Knistern, das ihn fast wahnsinnig machte, wann immer er sie sah oder auch nur an sie dachte. Und er war sich sicher, dass es ihr genauso ging. Also musste er es nur schaffen, ihr das mit dem Song plausibel zu erklären, dann konnten sie sich auf andere Dinge konzentrieren. Schöne Dinge.

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Es war wirklich schwer, Sarahs Adresse herauszubekommen. Erst ein paar Tage später hatte Alex Glück. Er war schon früh auf die Idee gekommen, ihre Adresse im Grand Hotel zu erfragen, aber bisher hatte er immer die Auskunft bekommen, dass diese Adressdaten aus Datenschutzgründen nicht herausgegeben wurden. Er hatte alles versucht. Er hatte den Promibonus eingesetzt, hatte geflirtet was das Zeug hielt, wenn am anderen Ende der Leitung eine Frau saß, aber es hatte nichts genutzt. Irgendwann war er der Dame am Empfang wohl auf die Nerven gegangen, denn sie verband ihn plötzlich mit Bernhard, dem Hotelmanager. Er hatte Bernhard bei seinem Besuch im Grand Hotel kennengelernt und er wusste auch, dass Bernhard und Sarah gut befreundet waren. Also hatte er Bernhard erklärt, dass er sich unbedingt bei Sarah entschuldigen und warum er sie dazu sehen musste. Bernhard war ein harter Brocken gewesen, das musste man ihm lassen. Aber irgendwann schaffte Alex es, ihn zu erweichen und ihm eine Straße, die Hausnummer und den Ort, wo Sarah wohnte, zu entlocken.

Als er nun mit seinem Sportwagen zu der angegebenen Adresse fuhr, sah er, dass es sich doch eher um ein Dorf als eine Stadt handelte. Komisch, er hatte immer gedacht, Sarah würde in einer schicken Wohnung in der Innenstadt leben. Stattdessen fuhr er hinter einem Traktor her durch ein Dorf, das vermutlich nicht einmal tausend Einwohner zählte.

Um die angegebene Adresse zu erreichen, musste er kurz vor Dorfausgang in eine kleine Nebenstraße einbiegen und hielt schließlich vor einem kleinen, gemütlichen Häuschen mit Garten. Überall stapelte sich Holz, entweder sie heizte das Haus damit oder sie hatte einen Kamin. Alex hoffte auf letzteres, er fand den Gedanken an Sex vor dem Kamin sehr verlockend. Als er ausstieg, fühlte er sich mit seinem schicken, schwarzglänzenden Sportwagen und seinen Designerklamotten fehl am Platz hier zwischen lauter Familienautos und Kleinwagen älterer Modelle. Ob eines dieser Autos Sarah gehörte?

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Aus dem Garten war ein lautes Kinderlachen zu hören. Ach ja, Sarah hatte ja eine Tochter. Wie hieß die noch gleich? Sie hatte es ihm gesagt, aber er hatte es vergessen.

Der kleine Blondschopf tauchte auch schon am Zaun auf.

„Hi, Alex, euer neuer Song ist echt cool.“

Alex verwuschelte der Kleinen die Haare. Soso, sie fand den Song also „cool“. Na, ihre Mutter sah das wohl etwas anders.

„Hi, Kleine, ist deine Mama da?“

Das Mädchen rannte in den hinteren Teil des Gartens, den man vom Zaun aus nicht sehen konnte, weil er vom Haus verdeckt war. Dann kam sie mit einem etwa zwanzigjährigen Mädchen an der Hand zurück. Eindeutig nicht Sarah.

„Schau Mira, Alex Morgan ist hier! Sie hat mir nicht geglaubt“, fügte die Kleine erklärend an Alex gewandt hinzu. Mira kam auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. Sie öffnete aber nicht das Gartentor für ihn.

„Kann ich reinkommen?“, fragte er deshalb.

„Sarah ist nicht da“, antwortete Mira.

Mist. Aber so schnell wollte Alex nicht aufgeben.

„Kann ich dann vielleicht hier auf sie warten?“ Er lächelte sie nett an und hoffte, dass sie ihn endlich hereinbitten würde. Er konnte die Blicke der Nachbarn förmlich in seinem Nacken spüren. Und wer war diese Mira überhaupt? Noch eine Tochter von Sarah? Aber so alt war Sarah ja noch nicht. Außerdem sahen sie sich überhaupt nicht ähnlich.

„Sie können warten, ja. Aber draußen!“ Alex glaubte, sich verhört zu haben. Dieses Miststück ließ ihn einfach stehen und ging wieder zurück in den Teil des Gartens, den er nicht einsehen konnte. Sie hatte auch mit keinem Wort verlauten lassen, wo Sarah war oder wann sie zurückkommen wollte. Schöne Bescherung. Da stand er nun und wusste nicht, was er machen sollte. Wenn er jetzt wegfuhr und später noch mal wieder kam, könnte er Sarah verpassen. Und wenn sie dann erfuhr, dass er da gewesen war … Er traute ihr durchaus zu, dass sie dann ihre Familie packte und weit weg fuhr, nur um ihm nicht zu begegnen. Nein, er musste jetzt auf sie warten.

Er wollte aber nicht hier rumstehen. Es war peinlich, dass er nicht wenigstens drinnen warten durfte. Also setzte er sich in sein Auto und beobachtete Sarahs Haus. Er sah Sarahs Tochter im Garten herumtoben. Von dem anderen Mädchen, dieser Mira, war nichts zu sehen.

Er lehnte sich im Sitz zurück und schloss kurz die Augen. Plötzlich klopfte es am Seitenfenster. Er öffnete die Augen wieder und blickte direkt in das Gesicht von Sarahs Tochter. Er ließ die Scheibe runter fahren.

„Jaaa?“, fragte er gedehnt.

„Kommst du mitspielen?“

Die Kleine war wirklich süß, wie sie ihn mit ihren großen blauen Augen ansah. Ihre Frisur sah schon reichlich zerzaust aus und ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie erinnerte ihn an irgendjemanden, aber an wen?

„Was spielst du denn?“

„Lilly!“, rief da plötzlich Mira aus dem Garten.

Ach ja, Lilly hieß sie.

„Komme gleich“, brüllte die Kleine zurück und wandte sich dann wieder an Alex: „Ich will Fußball spielen, aber Mira hat keine Lust. Sie muss lernen! Sie studiert nämlich. Das ist wichtiger als Fußball spielen, sagt sie. Und Männer mögen doch Fußball, sagt jedenfalls meine Mama immer.“

Alex lachte. Soso, da konnte sie recht haben. Aber nicht unbedingt mit kleinen blonden Mädchen. Egal, besser als gar nichts. Er schwang seine langen Beine aus dem niedrigen Wagen und hievte sich hoch.

„Lilly? Wer ist eigentlich diese Mira? Ist das deine Schwester?“, fragte er wider besseren Wissens. Die Kleine schüttelte den Kopf und kicherte.

„Nein, Mira ist da um mit mir zu spielen.“

Aha, eine Spielkameradin von der Kleinen. Der Altersunterschied überraschte ihn zwar, aber vielleicht war das bei Mädchen ja nicht so ausschlaggebend. Auf jeden Fall war sie nicht verwandt und hatte damit auch gar keine Berechtigung, ihm irgendetwas zu verbieten. Also ging er wie selbstverständlich mit Lilly zusammen in den Garten. Sie führte ihn nach hinten, in den Teil, den er vorhin nicht hatte einsehen können. Dort saß Mira an einem kleinen Gartentisch und hatte tatsächlich ein paar Bücher vor sich liegen. Als sie ihn hinter Lilly erblickte, kniff sie ärgerlich die Augen zusammen, sagte aber nichts weiter dazu, sondern schaute demonstrativ weiter in ihre Bücher.

Lilly holte ihren Ball, der erfreulicherweise nicht rosa war, aus der Garage und deklarierte den ganzen hinteren Teil des Gartens als Spielfeld und den Zwischenraum zwischen einem Apfelbaum und einer Hecke als Tor. Nach ein paar Minuten nahm Alex Lilly erst einmal zur Seite und erklärte ihr ein paar simple Regeln und gab ihr ein paar Tipps, wie sie den Ball besser treffen könnte. Sie gab sich wirklich Mühe, aber man konnte schnell erkennen, dass sie keinerlei Ballgefühl hatte und es in dieser Sportart wohl nicht allzu weit bringen würde.

Doch sie hatte Spaß, sie kreischte und jubelte, wann immer sie den Ball überhaupt mal traf. Alex musste unwillkürlich mitlachen. Die Kleine war wirklich in Ordnung. Später saßen sie zusammen auf dem Rasen und spielten zusammen Memory. Hier war Lilly nun wieder sehr gut und Alex hatte es schwer, mitzuhalten. Er hatte das auch schon ewig nicht mehr gespielt, aber Lilly schien wirklich hellseherische Fähigkeiten zu haben, was diese Kärtchen anging. Er wusste nicht, wie lange er jetzt schon hier war und mit Lilly spielte, aber irgendwann stand plötzlich Sarah hinter ihm. Zuerst nahm er ihren Schatten wahr, dann ihr Räuspern. Er stand auf. Sie funkelte ihn wütend an.

„Was willst du denn hier? Raus aus meinem Grundstück!“

Aus den Augenwinkeln sah Alex, dass Mira zu Lilly geeilt war und sie jetzt mit ins Haus nahm. Aha, die Kleine sollte wohl nicht mitbekommen, was Sarah ihm zu sagen hatte.

Im Moment hatte sie ihm allerdings nicht viel zu sagen. Sie zeigte nur stumm auf den Ausgang und funkelte ihn noch immer wütend an. Sie sah so süß aus, wenn sie wütend war. Gefährlich und süß. Eine erregende Mischung. Am liebsten hätte Alex sie gepackt, ins Gras geworfen und ihr dann gezeigt, dass sie ihn eigentlich gar nicht rauswerfen wollte.

Dann erinnerte er sich daran, warum er eigentlich hier war. Er wollte sie nicht flachlegen, sondern sich entschuldigen. Und wenn Versöhnungssex drin war, würde er den bestimmt nicht ablehnen. Unwillkürlich musste er grinsen, verkniff es sich jedoch sofort wieder und bemühte sich um einen ernsten Tonfall.

„Sarah“, begann er. „Du hast das alles missverstanden …“

„Da konnte man nichts falsch verstehen. Und jetzt raus hier! Du hattest doch was du wolltest, was willst du jetzt noch?“

Das klang ernst. Und überhaupt nicht danach, dass sie gewillt war, ihm irgendetwas zu verzeihen. Er verschränkte die Arme und stellte sich noch fester hin. Nein, gehen würde er jetzt auf keinen Fall. Sie sollte ihm wenigstens die Chance lassen zu erklären.

„Können wir irgendwo was trinken gehen, dann erkläre ich dir alles.“

Sie schüttelte vehement den Kopf und verschränkte ebenfalls die Arme. Sie standen sich nun gegenüber und starrten sich wütend in die Augen. Na das war anscheinend doch nicht so einfach, wie Alex sich das vorgestellt hatte. Gut, dann musste er es ihr eben hier erklären.

„Ich habe dich vermisst, seit der Musikmesse …“

„Das habe ich gemerkt, so oft, wie du dich gemeldet hast!“, unterbrach sie ihn sarkastisch.

„Wir hatten viel mit dem Album zu tun und …“

„Und mit eurem tollen neuen Hit. Schön, dass jetzt jeder weiß, wie du mich verarscht hast!“

Oje, Sarah war wirklich sauer wegen dem Lied. Das war vielleicht auch nicht ganz unberechtigt. Alex wusste kurz nicht, wie er weitermachen sollte. Dafür war Sarah jetzt richtig in Fahrt.

„Du hast das Lied doch auf der Musikmesse geschrieben, oder?“ Sie sah ihn abwartend mit zusammen gekniffenen Augen an.

„Ja, aber …“

„Und in dem Lied geht es ja wohl eindeutig um mich.“ Auch diese Feststellung konnte er schlecht leugnen. Himmel, das wurde ja immer verfahrener. Sie wollte ihn anscheinend auch nicht zu Wort kommen lassen.

„Alexsi Nicolas Morgan, für mich stellt sich die ganze Sache glasklar dar: du wolltest dich an mir rächen, weil ich damals deinen Stolz verletzt habe, als ich einfach gegangen bin. Also warst du nett zu mir und hast alles dafür getan, dass ich mich in dich verliebe, damit du mir dann das Herz brechen kannst, indem du einfach auf Nimmerwiedersehen verschwindest. Ich will dir mal was sagen, mein Lieber: es tut mir leid, das ist dir nicht gelungen! Ich liebe dich nicht, du kannst mir also gar nicht das Herz brechen.“ Beim letzten Satz brach sich Sarahs Stimme etwas, hatte aber nichts von ihrer Wut verloren. Sie drehte sich um und ging ins Haus. Ihn ließ sie einfach so stehen, sprachlos und verwirrt. Er war zu keinem klaren Gedanken fähig.

Langsam ging er aus dem Garten, schloss sorgfältig das Tor hinter sich und lief zu seinem Wagen. Er brauchte ein paar Minuten, um sich zu sammeln, dann startete er das Auto und fuhr in die Stadt. Er hatte sich dort ein Hotelzimmer gebucht, hatte aber nicht ernsthaft damit gerechnet, dass er dort schlafen würde. Jedenfalls nicht allein.

Sie hatte es deutlich gesagt: sie liebte ihn nicht. Das traf ihn mehr als alles andere. Aber warum? Er liebte sie doch auch nicht, oder? Ihr Bild erschien vor seinem inneren Auge. Wie sie lachend die Haare zurückwarf, wie sie ihn mit ihren wunderschönen grünen Augen wütend anfunkelte und wie sich ihr Blick verschleiert hatte, als sie sich geliebt hatten. Sein ganzer Körper verlangte nach ihr. Aber sein Kopf? War er verliebt? Er hatte Herzklopfen, wenn er an sie dachte und er dachte eigentlich ständig an sie.

Mitten in seine Überlegungen hinein klingelte sein Handy. Geistesabwesend ging er ran.

„Ja?“

„Hartfield?“ Der schon wieder. Alex verdrehte die Augen.

„Hast du schon mit Sarah gesprochen?“ Alex war verblüfft. Woher wusste dieser Typ das?

„Jaaa“, Alex formulierte das eher als Frage.

„Und?“

„Na ja. Sie ist immer noch sauer.“

Am anderen Ende der Leitung lachte James kurz und hart auf.

„Morgan, ich wollte dich nur vorwarnen. Der Fairness halber. Wenn du das versaust mit Sarah, schnapp ich sie mir.“ Damit legte er auf.

Alex schüttelte den Kopf. „Das glaubst aber nur du“, murmelte er leise zum Telefon hin.

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13. Kapitel

Sarah

So ein Idiot. Was wollte er hier? Sarah war richtig wütend. Erst dieser Song und jetzt tauchte er einfach vor ihrer Tür auf? Nein, schlimmer noch, er spielte einfach ohne Erlaubnis mit ihrer Tochter Memory. Gut, es war auch seine Tochter, gab sie sich selbst zu bedenken. Das wusste er aber nicht, er hatte kein Recht, mit ihr zu spielen. Sie war froh, ihn rausgeworfen zu haben. Sie wusste zwar immer noch nicht, was er eigentlich von ihr gewollt hatte, aber das interessierte sie auch nicht. Wie er da vorhin gestanden und selbstgefällig gegrinst hatte, das hatte die Wut in ihr zum Überkochen gebracht. Dieses Grinsen hatte sie ihm aus dem Gesicht gewischt und zum Schluss sah er doch sehr mitgenommen aus. Aber das geschah ihm ganz recht. Hoffentlich hatte er verstanden und sie würde ihn nie wiedersehen.

Auf dem Weg zu Lilly kam ihr Mira entgegen.

„Ich habe ihm nicht erlaubt, reinzukommen. Lilly hat ihn aufgefordert, mit ihr zu spielen.“

Sarah nickte. „Ich mache dir keinen Vorwurf.“

„Es tut mir leid, dass das passiert ist.“ Damit ging Mira in die Küche.

Sarah hatte Mira erzählt, was passiert war. Natürlich nicht alle Einzelheiten. Und Mira wusste auch nicht, dass Alex Lillys Vater war. Aber zumindest wusste sie, dass Alex sie nach Strich und Faden verarscht und dann die ganze Geschichte, sozusagen als Krönung, auch noch als Song veröffentlicht hatte. Ein Nummer-eins-Hit selbstverständlich. Auch wenn Mira total auf Sakrileg stand, fand sie dieses Verhalten auch ziemlich mies und war ganz auf Sarahs Seite.

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Sarah fand Lilly in ihrem Zimmer. Sie saß an ihrem Schreibtisch, hatte die Kopfhörer des MP3-Players auf den Ohren und malte. Als sie Sarah bemerkte, schaltete sie ihre Musik aus und zeigte Sarah aufgeregt das Bild, das sie gerade fertiggestellt hatte. Sarah konnte kaum etwas darauf erkennen. Eine große Künstlerin war Lilly nicht gerade. Aber sie malte mit Leidenschaft und das war alles, was für Sarah zählte. Also bewunderte sie Lillys Kunstwerk ausgiebig und fragte sie dann nach ihrem Tag im Kindergarten.

Sie waren wieder in der Schule gewesen. Lilly liebte diese Ausflüge und freute sich schon wie verrückt auf die Zeit nach den Sommerferien, wenn sie selbst ein Schulkind sein würde. Lange war es ja nicht mehr hin. Während Lilly ihr ausführlich von ihren Erlebnissen in der Schule erzählte, ordnete Sarah Lillys Pullover im Schrank. Lilly zog immer irgendeinen aus dem Stapel, so dass der Pulloverstapel aussah, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

„Mama, vorhin war doch Alex da.“ Sarah horchte auf.

„Ich habe gesehen, dass du mit ihm gestritten hast. Tut mir leid, dass ich mit ihm gespielt habe, obwohl Mira verboten hatte, dass er mit reinkommt. Aber wir waren nur im Garten, ehrlich. Und Mira wollte kein Fußball spielen und da hab ich gedacht …“ Sie schaute ihre Mutter mit bittenden Augen an.

Sarah strich ihrer Tochter beruhigend über den Kopf. „Kein Problem, meine Kleine. Ich habe mich nicht deswegen mit ihm gestritten. Mach dir keine Gedanken.“

„Warum habt ihr euch gestritten?“ Die Frage wurde mit solch kindlicher, unschuldiger Neugier gestellt, dass Sarah schlucken musste. Was sollte sie ihrer Tochter erzählen?

„Weißt du, Lilly-Maus. Erwachsene streiten manchmal, wenn einer etwas Böses sagt oder macht. Und Alex hat etwas getan, was mich sehr böse gemacht hat.“

„Er war doch hier um Entschuldigung zu sagen, nicht wahr?“

Sarah musste über die Logik ihrer kleinen Tochter lachen. Sie nahm sie in den Arm. Lilly quiekte, weil Sarah aus Versehen ihre Haare eingeklemmt hatte.

„Vertragt ihr euch wieder?“, fragte Lilly an Sarahs Bauch.

„Warum ist dir das so wichtig?“

Lilly überlegte nicht lange. „Ich mag ihn. Und ich mag seine Musik. Er spielt auch ganz gut Fußball, nur in Memory ist er echt eine Niete.“

Sarah musste lachen. Sie strich Lilly noch einmal über den Kopf, murmelte: „Mal sehen“, und ging wieder raus.

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Am nächsten Nachmittag, als Sarah von der Arbeit nach Hause kam, stand Alex schon wieder vor ihrem Gartentor. Vielmehr saß er auf der Bordsteinkante. Er hatte eine Gitarre auf dem Schoß und klimperte damit herum. Und auf dem Zaunpfosten saß Lilly. Sie schien sich angeregt mit Alex zu unterhalten. Sarah parkte ihren Wagen auf der Straße, nahm ihre Handtasche vom Beifahrersitz und stieg aus. Was machte der Kerl schon wieder hier?

„Hallo, Mama.“ Lilly kletterte auf dieser Seite des Zaunes schnell herunter und kam auf sie zugerannt. Sie fiel ihr um den Hals.

„Heute haben wir Alex nicht reingelassen, damit du nicht wieder schimpfen musst“, vertraute ihr Lilly mit leiser Stimme an. Und lauter sagte sie: „Aber er ist echt nett. Er hat mir gezeigt, wie man Gitarre spielt. Mama, ich will auch eine Gitarre haben.“

Sarah nahm Lilly an der Hand und ging mit ihr entschlossen zu ihrem Tor. Sie ignorierte sowohl Lilly als auch Alex und ging gleich ins Haus, natürlich nicht, ohne die Gartentür ausdrücklich zu schließen. Lilly protestierte.

„He, er wollte mir gerade ein neues Lied vorspielen.“

Sarah kniete sich im Haus vor ihre Tochter, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein.

„Mäuschen, tust du mir bitte den Gefallen und gehst in deinem Zimmer weiter spielen? Ich möchte mit Alex reden.“

Lilly nickte und zog ihre Schuhe und Jacke aus. Dann ging sie gehorsam die Treppe zu ihrem Zimmer hoch. Sie beugte sich noch einmal kurz über das Geländer und rief Sarah zu: „Aber nicht wieder nur schimpfen!“ Dann endlich verschwand sie in ihrem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Sarah lächelte. Sie würde nicht mit Alex schimpfen. Sie hatte nämlich gar nicht die Absicht mit ihm zu reden. Sollte er da draußen doch verrotten.

Mira stand in der Küche und bereitete das Abendessen vor. Sie informierte Sarah kurz, dass Alex schon seit fast zwei Stunden da war. Ansonsten mieden die beiden Frauen das Thema. Sarah schielte ab und zu durch das Küchenfenster nach draußen, allerdings konnte sie von hier aus nicht erkennen, ob er immer noch auf der Bordsteinkante vor ihrem Tor saß.

Als Lilly im Bett war, ging Mira nach draußen, um Holz zu holen. Als sie wiederkam, berichtete sie Sarah, dass sie Alex nicht mehr gesehen hätte. Sein Auto stand allerdings noch da.

Die beiden Frauen machten es sich auf dem Sofa gemütlich. Heute sollte eine Quizshow kommen, die beide sehr gern sahen. Gegen neun klingelte es an der Tür. Die beiden sahen sich an. „Alex.“

Mira ging zur Tür. Doch als sie dann nach Sarah rief, sah diese, dass nicht Alex vor der Tür stand, sondern Herr Fritz, ihr Nachbar. Herr Fritz war schon etwas älter und eigentlich sehr nett. Im Moment wirkte er aber ziemlich verärgert.

„Frau Förster? Gehört der Mann in dem schwarzen Auto zu Ihnen? Er parkt direkt vor unserer Einfahrt und als ich ihn gebeten habe, dort wegzufahren hat er so getan, als würde er mich nicht verstehen.“

Sarah nickte. „Ja, er ist Amerikaner.“

Warum verteidigte sie ihn eigentlich? Er hatte Herrn Fritz sicher sehr gut verstanden, schließlich sprach er ausgezeichnet Deutsch. Und jetzt hatte sie auch noch zugegeben, dass sie ihn kannte. Nun erwartete der alte Herr natürlich von ihr, dass sie mit rauskam und Alex bat, wegzufahren.

„Wissen Sie, meine Frau ist krank und da kann es jederzeit passieren, dass wir zum Doktor fahren müssen“, erklärte ihr Nachbar entschuldigend, während sie zusammen zu Alex' Auto gingen. Ihr Nachbar stellte sich mit etwas Abstand vor das Auto und beobachtete, wie Sarah an die Scheibe klopfte. Alex saß drinnen und grinste sie an, als er sie sah. Er ließ die Scheibe runterfahren und wollte gerade ansetzen zu fragen, als Sarah ihn kurzerhand zum Schweigen brachte.

„Could you please go away with your car? You're blocking the entry to my neighbor's house.”

Er schaute sie verwundert an. “Why are we talking in English?”

Zum Glück hatte er wenigstens auf Englisch geantwortet. Sie beugte sich etwas tiefer zu Alex und zischte ihm zu: „Weil mein Nachbar denkt, dass du ihn nicht verstanden hast, weil du Amerikaner bist.“

Alex grinste immer breiter. Dann setzte er sich demonstrativ noch bequemer hin.

„I will go away, if I can come in and we talk.“

Na toll. Was sollte sie jetzt machen? Herr Fritz schaute schon etwas ungeduldig zu ihr rüber. Sie hatte ja praktisch keine Wahl. Zähneknirschend bat sie Alex noch einmal auf Englisch, wegzufahren. Sie würde dann auch mit ihm reden. Er lachte laut, startete aber bereitwillig den Wagen und fuhr ein paar Meter weiter, so dass er niemanden mehr störte. Dann stieg er fröhlich aus und ging vor Sarah in Richtung ihres Hauses. Kurz vor dem Tor drehte er sich dann aber noch einmal zu Herrn Fritz um, der immer noch kopfschüttelnd auf der Straße stand, und wünschte ihm einen guten Abend. Auf Deutsch!

Sarah zog ihn so schnell es ging ins Haus.

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Als Mira sah, wen Sarah da im Schlepptau hatte, verabschiedete sie sich zügig und ging in ihr Zimmer. Sie würde sich zweifellos nahe der Tür aufhalten, damit sie auch ja nichts verpasste, aber sie gab Sarah und Alex so wenigstens die Illusion, ungestört zu sein. Alex sah sich bewundernd im Haus um. Direkt vom Flur trat man in die große offene Küche mit Kücheninsel und amerikanischem Kühlschrank. Direkt hinter der Küche stand ein großer Esstisch für sechs Personen. Im Moment lag dieser Tisch voller Krempel, da Sarah mal wieder keine Lust hatte aufzuräumen und auch Miras Stärke nicht gerade im Sauberhalten lag. Der Wohnzimmer-Küchenbereich war L-förmig, ganz hinten befand sich eine gemütliche Sitzecke mit Bücherregalen, einem Fernsehschrank mit großem Flachbildfernseher und einem Kamin. In diesem flackerte ein gemütliches Feuer, welches wohlige Wärme verbreitete. Auf dem kleinen Couchtisch standen eine Flasche Rotwein und zwei Gläser. Die beiden Frauen waren noch nicht dazu gekommen, die Flasche zu öffnen. Das übernahm Alex einfach ungefragt und goss den Wein in die zwei Gläser. Eines davon reichte er Sarah, dann ließ er sich auf das Sofa fallen und streckte seine langen Beine von sich. Wie er da so saß, hatte Sarah kurz das Gefühl, er würde dort hingehören und sie wäre nur der Gast hier. Diesen Eindruck verstärkte er noch, indem er mit einer Hand einladend auf den Platz neben sich klopfte.

Sarah setzte sich demonstrativ in den Sessel ihm gegenüber. Sie nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas und lehnte sich im Sessel zurück. Sie würde das Gespräch bestimmt nicht eröffnen. Er wollte reden, also sollte er reden. Doch im Moment sah es nicht danach aus, als ob er mit ihr reden wollte. Er seufzte nur voller Behagen und schaute ins Feuer. „Es ist doch etwas kalt geworden da draußen. Ich weiß nicht, wie lange ich es noch ausgehalten hätte.“

„Du meinst, wenn Herr Fritz nicht gekommen wäre, wärst du irgendwann von selbst verschwunden?“ Sarah ärgerte sich kurz über ihren Nachbarn. Wäre er nicht gewesen, wäre ihr diese Farce erspart geblieben. Doch Alex schüttelte den Kopf.

„Ich hatte vor, die ganze Nacht dazubleiben. Und notfalls wäre ich einfach morgen wiedergekommen und übermorgen und überübermorgen.“

„Ja, schon gut, ich habe es verstanden.“

Dann verfielen sie wieder in brütendes Schweigen. Alex trank sein Glas in zwei Zügen leer und schenkte sich nach. Sarah hoffte, dass er sich nicht betrinken würde. Schließlich musste er noch Auto fahren. Irgendwann hielt sie sein Schweigen nicht mehr aus.

„Du wolltest reden? Dann rede.“

„Du klingst verärgert.“

Das war ja wohl die Höhe.

„Natürlich bin ich verärgert. Ich habe keine Ahnung, was du noch von mir willst, aber du kommst dauernd hierher und stellst mein Leben auf den Kopf und gibst den Nachbarn Stoff für Klatsch und Tratsch für die nächsten zehn Jahre.“

„Sarah, ich komme hierher, um dir zu erklären, was ich noch von dir will, wie du es so schön ausdrückst. Aber du lässt mir ja keine Gelegenheit zu erklären.“

„Du hast gerade die Gelegenheit, aber erklärt hast du noch gar nichts!“, schnappte sie.

„Sarah, ich weiß nicht, wie ich anfangen soll.“

„Das hättest du dir in all der Zeit ja schon mal überlegen können“, murmelte Sarah halblaut vor sich hin. Alex grinste sie an. Für ihn war das hier anscheinend immer noch ein großer Spaß. Dann wurde er wieder ernst.

„Bitte, hör mir jetzt einfach nur zu, okay? Dann erkläre ich es dir von Anfang an. Und dann kannst du entscheiden, was du daraus machst.“ Er sah sie fragend an.

Sie nickte. Was hatte sie schon für eine Wahl? Wenn sie ihn jetzt nicht erklären ließ, würde er sich vermutlich noch viel mehr einfallen lassen, um sie zum Zuhören zu bewegen. Also lehnte sie sich zurück und gab ihm ein Zeichen anzufangen.

Er räusperte sich und begann mit ruhiger Stimme zu sprechen. „Als ich dich im Hotel wiedergesehen habe, nach so vielen Jahren, da habe ich dich gehasst. Aus tiefstem Herzen. Und du warst so locker, ich war mir nicht mal sicher, ob du mich überhaupt erkennst.“ Sarah machte den Mund auf um etwas zu sagen, wurde aber von Alex' erhobener Hand zum Schweigen gebracht.

Seine ruhige Stimme stand im Gegensatz zu seinen Worten. „Ich wollte dir einfach nur wehtun, so wie du mir wehgetan hast. Ich wollte mich rächen, das stimmt schon. An diesem ersten Abend habe ich Break your heart geschrieben. Das Lied beschreibt, was ich vorhatte.“

Sarah schluckte. Sie hatte recht gehabt.

„Aber es beschreibt nicht, was dann passiert ist.“ Jetzt wurde seine Stimme eindringlicher. „Denn alles lief ganz anders, als ich es geplant hatte. Du hast dich überhaupt nicht auf mich eingelassen. Und noch schlimmer war, wie du mit Hartfield umgegangen bist. Als wäre er so viel besser als ich.“ Sarah wollte wieder unterbrechen und wieder wurde sie von Alex gestoppt.

„Ich weiß jetzt, dass du ihn nicht liebst.“ Er sah sie kurz an, gab ihr die Gelegenheit, ihn zu berichtigen. Weil sie nicht reagierte, fuhr er mit aufgebrachter Stimme fort: „Aber es hat mich wahnsinnig gemacht, dass du mit ihm so viel Spaß haben konntest und zu mir immer so distanziert warst. Ja, ich weiß, das habe ich mir selbst zuzuschreiben. Und dann war ich endlich am Ziel und du hast dich mir gegenüber ein bisschen geöffnet. Ich war so glücklich. Ich hätte die ganze Welt umarmen können. Ich hatte mich noch nie so gut gefühlt und alles wegen dir. Und dann warst du auf der Aftershowparty auf einmal weg. Bist mit Hartfield verschwunden. Da war ich verletzt und habe nicht mal versucht, dir zu folgen. Hätte ich damals gewusst, dass es das letzte Mal ist, das wir uns sehen, ich wäre dir gefolgt, das kannst du wissen. So aber warst du verschwunden und niemand wusste, wo du warst. Fast wie damals. Und dann musste ich so zeitig aufbrechen.“ Alex nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. Er sah sie kurz an und blickte dann auf den Boden. „Ich habe mir die ganze Zeit vorgenommen, mich bei dir zu melden. Ich wusste nur nicht, was ich sagen sollte.“ Jetzt suchte er wieder den Augenkontakt. Sarah sah, dass sich eine kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen gebildet hatte. Er war wütend. „Warum bist du zum Schluss wieder mit Hartfield abgezogen? Ich meine, nach allem, was wir vorher zusammen erlebt haben?“

Sarah musste erst einmal verdauen, was sie da gehört hatte. Es klang alles so plausibel, was er gesagt hatte. Sie wusste nicht, ob sie ihm glauben konnte. Außerdem hatte sie das Gefühl, dass er zum Schluss vom Thema ablenken wollte. Deshalb ging sie vorerst nicht auf seine Frage ein, sondern fragte stattdessen, warum er ausgerechnet diesen Song als Single hatte rausbringen müssen. Es musste ihm doch klar sein, dass sie das falsch verstehen würde.

Wieder blickte er auf den Boden. Eben noch so aufgebracht, war seine Stimme jetzt fast tonlos. „Ja, das war mir klar. Aber ich konnte es irgendwie nicht verhindern.“ Er blickte auf und sah sie eindringlich an. „Der Song hat echtes Hitpotenzial. Du musst verstehen, dass die Band und auch die Plattenfirma sich diese Chance nicht entgehen lassen konnten.“

Sarah nickte leicht. Dass der Song Hitpotenzial hatte, hatte er ja inzwischen schon vielfach bewiesen. Das konnte sie also nachvollziehen. Sie dachte über alles nach, was Alex erzählt hatte und blieb an einem Detail hängen, das sie nicht verstand.

„Alex, warum hast du mich am Anfang so gehasst? Was hatte ich dir getan?“

Er lachte kurz und hart auf.

„Hast du dir je unsere Songs angehört? Die aus der Anfangszeit? So ein bis zwei Jahre nachdem wir uns kennengelernt hatten? Diese Songs handeln alle von dir. Sie werden dir diese Frage beantworten.“ Sie wartete eine Weile, doch er sagte nichts weiter dazu.

Sarah musste zugeben, dass sie so genau nie auf die Lieder geachtet hatte. Schon gar nicht auf den Text. Das würde sie aber nachholen, wenn es die einzige Möglichkeit war, Alex' Beweggründe nachzuvollziehen. Auch wenn das eventuell unschöne Wahrheiten ans Licht bringen würde. Für den Moment schloss sie das Thema ab und wandte sich einer anderen Frage zu.

„Du bist immer noch eifersüchtig auf James Hartfield?“ fragte sie mit einer gewissen Genugtuung in der Stimme. „Obwohl ich dir gesagt habe, dass ich ihn nicht liebe?“

Alex goss sich das mittlerweile dritte Glas Wein ein, bevor er antwortete. „Muss ich denn eifersüchtig sein?“

Sein Augenaufschlag war für Sarah wie ein Schlag in den Magen. Alles in ihr spielte plötzlich verrückt. Wie er da saß, etwas vornüber gebeugt, die Arme auf die Knie gestützt, sein Glas hielt er mit beiden Händen, und sie von schräg unten ansah, bekam sie weiche Knie und heftiges Herzklopfen. Da war es wieder, dieses Knistern, das sie nur bei ihm spürte. Was hatte der Mann, dass er sie dermaßen umhauen konnte? Nein, sie war nicht mehr wütend auf ihn. Im Gegenteil. Sie musste sich zwingen, sitzen zu bleiben und ruhig zu atmen. Ihr ganzer Körper war in Aufruhr und zitterte verräterisch. Sie hielt ihr Glas so fest umklammert, dass sie Angst hatte, es kaputt zu machen. Schnell nahm sie einen kräftigen Schluck und verschluckte sich prompt. Die Tränen stiegen ihr in die Augen, als sie hustend nach Luft schnappte. Alex sprang sofort auf und klopfte ihr auf den Rücken.

„Geht es wieder?“

Sie fühlte, dass sie puterrot geworden war, aber immerhin bekam sie wieder Luft, also nickte sie. Alex saß immer noch auf der Armlehne des Sessels und hatte eine Hand auf ihrem Rücken. Jeder Nerv in ihrem Körper nahm seine Nähe tausendfach verstärkt wahr. So musste es sich anfühlen, wenn man in eine Steckdose fasste, nur dass diese Steckdose im Moment in ihrem Rücken steckte. Keiner von beiden bewegte sich, so als wollten sie diesen Moment so lange wie möglich auskosten. Würde er sie jetzt küssen? Sarah wünschte es sich so sehr. Gleichzeitig hatte sie Angst davor. Sie mussten noch so viel klären. Sie spürte seinen Blick, traute sich aber nicht, ihn anzusehen.

Irgendwann wagte Sarah einen kleinen Seitenblick. Alex schaute sie die ganze Zeit an. Eine Haarsträhne hing ihm mitten in die Stirn. Der Drang, diese Strähne zurückzustreichen wurde übermächtig. Sie hob langsam die Hand. Doch kurz bevor sie seine Stirn erreicht hatte, hielt er ihre Hand fest, zog sie an sich und küsste sie endlich. Sein Kuss war sanft aber auch leidenschaftlich. Er rutschte von der Sessellehne herunter und kniete nun vor ihr auf dem Boden. Hungrig erwiderte sie den Kuss. Ihr ganzer Körper stand in Flammen. Doch dann löste er sich von ihr und rückte ein Stück weg.

„Sarah, ich werde jetzt wieder gehen.“

Was? Das fühlte sich an, als ob jemand einen Eimer Eiswasser über Sarah ausgekippt hätte. Sie glaubte, sich verhört zu haben. Er wollte jetzt gehen? Warum? Das machte doch keinen Sinn. Erst veranstaltete er so einen Aufstand, damit sie ihm zuhörte und verzeihen konnte und jetzt, wo er sie soweit hatte, machte er einen Rückzieher? Hatte sie irgendetwas falsch gemacht? War sie vielleicht zu forsch gewesen? Hätte sie den Kuss nicht erwidern sollen? Panisch suchte sie nach einer Möglichkeit, ihn zum Bleiben zu bewegen. Doch ihr fiel nichts ein und er stand schon auf.

Er strich ihr mit der Hand über ihr Kinn und hob es leicht an. „Ich bin noch bis morgen Abend im Hilton Hotel. Zimmer 953. Denk über alles in Ruhe nach und wenn du möchtest, kannst du gern zu mir kommen.“

Mit diesen Worten verschwand er zur Tür hinaus und ließ Sarah verdattert stehen. Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, ging auch schon Miras Tür auf. Das war ja klar. Sie hatte die ganze Zeit gelauscht.

„Sarah, er ist wirklich ein echter Gentleman. Wenn du mich fragst, du solltest machen, was er dir geraten hat und dann entscheiden.“

Sarah war irritiert. Was meinte Mira?

„Ich soll über alles nachdenken?“

Mira lachte. „Nein, das meine ich nicht. Ich meine, dass du dir seine Songs von damals anhören sollst, damit du seine Beweggründe verstehst.“

Das ergab Sinn. Ja, das würde sie tun. Vielleicht konnte sie danach wirklich verstehen, warum er sie gehasst hatte. Obwohl sie gerade so verwirrt war, dass sie nicht wusste, ob sie überhaupt in der Lage war, die Texte zu verstehen. Mira umarmte Sarah und verzog sich wieder in ihr Zimmer. Sarah sah ihr nach und war in diesem Moment froh, Mira als Freundin gewonnen zu haben.

Auf dem Weg nach oben sah sie noch einmal nach der schlafenden Lilly. Wieder einmal fiel ihr die Ähnlichkeit mit Alex auf. Und sie dachte mit Schrecken daran, dass Alex das mit Lilly ja auch noch erfahren musste. Egal, wie sie sich entscheiden würde, er hatte ein Recht, es zu wissen. Hoffentlich zerstört das nicht alles, meldete sich eine leise innere Stimme.

Doch zuerst einmal wollte Sarah in die Vergangenheit eintauchen. Sie schnappte sich den MP3-Player von Lillys Schreibtisch, ging noch einmal ins Bad zum Zähneputzen und legte sich dann, die Kopfhörer auf den Ohren, ins Bett.

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14. Kapitel

Zwei Stunden später lag sie immer noch wach in ihrem Bett, mittlerweile war sie total verheult. Sie hatte sich alle Lieder angehört, manche mehrfach und sie konnte immer noch nicht fassen, was sie daraus zu verstehen glaubte. Viele der Songs erzählten davon, wie verletzt er war, nachdem ihn seine große Liebe einfach verlassen hatte. Am deutlichsten aber war der Song, den sie schon damals bei dem Akustik-Konzert auf der Musikmesse so schön gefunden hatte. Darin erzählte er eine ganze Geschichte. Wie er eine Liebe gefunden und gleich wieder verloren hatte und nicht verstehen konnte, warum er sie verloren hatte. Wie er um sie gekämpft und verloren hatte und sie dann begann zu hassen. Am Ende des Songs sang er von Verzeihen, doch wenn es in diesem Lied wirklich um sie ging, hatte er ihr nie verziehen.

Sollte es wirklich so gewesen sein? War es für ihn damals nicht einfach ein One-Night-Stand, wie sie immer geglaubt hatte? Konnte es sein, dass er sich bei dieser Begegnung in sie verliebt hatte? Wenn das wirklich wahr war, wie wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie damals nicht gegangen wäre? Oder wenn sie nicht auf Eddi gehört hätte und wieder zur Arbeit gekommen wäre? Dann hätte Lilly vielleicht einen Vater gehabt. Schon wieder schossen Sarah die Tränen in die Augen. Aber wenn er sich wirklich in sie verliebt hatte, warum hatte er dann nie wieder den Kontakt zu ihr gesucht?

Er sang zwar in seinen Liedern davon, dass er um sie gekämpft hätte, aber davon hatte sie nichts mitbekommen. Was war da passiert? Diese Frage blieb noch offen und nur er konnte sie ihr beantworten. Aber das war auch nicht so wichtig. Wichtiger war, dass sie ihm offenbar mehr bedeutete, zumindest bedeutet hatte, als sie geahnt hatte.

Und wie stand es mit ihr? Was fühlte sie für Alex? Sarah versuchte, in sich hineinzuhorchen. Es war nicht zu leugnen, dass er eine unbeschreibliche Wirkung auf sie hatte. Eine körperliche Anziehung war auf jeden Fall da. Und alles andere? Sie wusste so wenig von ihm, kannte ihn gar nicht richtig. Die Begegnungen zwischen ihnen waren meist alles andere als harmonisch verlaufen. Und wenn doch, dann waren sie miteinander im Bett gelandet. Kennenlernen, so richtig, konnte man sich dabei nicht. Aber konnte sie ihm genug vertrauen, um sich auf ihn einzulassen? Um ihn kennenzulernen? Und dann war ja auch noch diese Sache mit Lilly, die noch immer zwischen ihnen stand. Davon ahnte er nichts. Würde er sich freuen, plötzlich eine fast sechsjährige Tochter zu haben? Ein Kind bedeutete Verantwortung. War er überhaupt bereit, sich solch einer Verantwortung zu stellen? Sie wusste es nicht.

Unruhig wälzte sie sich hin und her.

Wenn sie morgen nicht zu ihm gehen würde, wäre das das Ende einer Beziehung, die noch nicht einmal angefangen hatte. Und wenn sie hinging, machte sie sich Alex gegenüber sehr verletzlich, denn sie würde ganz deutlich zeigen, dass sie bereit war, sich auf ihn einzulassen.

Plötzlich kam ihr ein ganz anderer Gedanke. Was, wenn sie alles falsch verstanden hatte? Vielleicht waren seine Absichten gar nicht so ehrenhaft, wie sie ihm unterstellte. Vielleicht wollte er auch einfach nur noch einmal mit ihr ins Bett. Und wenn sie zu ihm kam, hatte er gewonnen.

Ja, es war wirklich eine Frage des Vertrauens.

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Am nächsten Morgen, Sarah hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und sah entsprechend wenig erholt aus, hatte sie zumindest einen Entschluss gefasst. Sie würde es wagen, würde zu ihm fahren und sehen, was passierte. Vielleicht ergab sich auch eine Gelegenheit, ihm von Lilly zu erzählen, denn das war sie ihrer Tochter schuldig. Und wenn er wirklich nur mit ihr ins Bett wollte, dann konnte sie auch wieder gehen.

Vorher musste sie allerdings noch arbeiten. Sie konnte ja schließlich nicht einfach Urlaub machen. Also verabschiedete sie sich von der noch frühstückenden Lilly und fuhr in Richtung Grand Hotel.

Es war ein sonniger und warmer Morgen. Die Sonnenstrahlen und der Kaffee, den Sarah sich für unterwegs mitgenommen hatte, weckten ihre Lebensgeister. Dennoch erntete sie von ihren Assistenten einige witzig gemeinte Kommentare bezüglich ihres mitgenommenen Aussehens.

„Oh, wer war denn der Glückliche, der die Nacht auf dem Gewissen hat?“ – „Habe ich gestern eine Party verpasst?“ – „Du hast auch schon mal besser ausgesehen!“

Sarah überging alle Bemerkungen und machte sich an die Arbeit, wobei sie sich aber sehr schlecht konzentrieren konnte. Ob es daran lag, dass sie nicht geschlafen hatte, oder daran, was sie noch vorhatte, konnte sie nicht sagen. Doch es war mit Sicherheit nicht ihr produktivster Tag. Sie machte zeitig Feierabend, damit sie Alex nicht noch verpasste. Es war dem Schicksal durchaus zuzutrauen, dass es ihr mal wieder einen Strich durch die Rechnung machte.

Aber sie hatte Glück. Als sie wenig später in der Lobby des Hiltons stand und nach Alex Morgan in Zimmer 953 fragte, wurde sie von der freundlichen Dame am Empfang in Richtung Aufzüge verwiesen. Er hatte also offensichtlich noch nicht ausgecheckt.

Im Aufzug auf dem Weg nach oben fragte sie sich, wie Alex wohl reagieren würde, wenn sie vor der Tür stand. Würde er sich freuen? Würde er überhaupt mit ihr rechnen? Wahrscheinlich schon. Hoffentlich würde er sie wegen ihrer Naivität nicht einfach auslachen und ihr die Tür vor der Nase zuschlagen. Sie wurde immer aufgeregter, je weiter sie nach oben fuhr. Ihre Handflächen waren schon ganz feucht und sie zappelte unruhig auf der Stelle herum. Andauernd hielt der blöde Aufzug, weil irgendjemand einsteigen wollte. Was machten die denn alle da oben?

Sie war dann aber doch die einzige, die im neunten Stockwerk ausstieg. Sie brauchte eine Weile, bis sie das richtige Zimmer gefunden hatte, weil sie vor Aufregung erst einmal in die falsche Richtung gelaufen war. Und dann stand sie vor seiner Tür. Ein letzter Blick auf die Nummer: 953. Das musste es sein. Falls sie sich die Zahl richtig gemerkt hatte. Sie hob die Hand um anzuklopfen, ließ sie dann aber doch wieder sinken. Sie kam sich reichlich blöd vor, wie sie hier vor der Tür stand und sich nicht einmal traute anzuklopfen. Also holte sie tief Luft, schloss die Augen und klopfte. Sie erschrak vor ihrem eigenen Klopfgeräusch.

Keine zwei Sekunden später wurde die Tür aufgerissen und Alex stand vor ihr.

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Ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte Alex sie hochgehoben und wirbelte sie herum. Dann stellte er sie wieder auf den Boden und hielt sie ein Stück von sich weg.

„Du bist wirklich gekommen. Das bedeutet mir so viel.“ Er schaute sie plötzlich mit zusammengekniffenen Augen an. „Du bist aber nicht nur gekommen, um mir zu sagen, dass es nichts mit uns beiden wird, oder?“

Sarah war so erleichtert über seine Reaktion, so glücklich, dass sie in der Stimmung war, ihn ein wenig zu necken. Sie setzte eine ernste Miene auf.

„Doch, Alex Morgan. Ich bin extra hergekommen um dir persönlich zu sagen, dass ich dich nie wieder sehen will.“ Sie war überzeugt davon, dass er ihr Spiel sofort durchschaute, aber er wirkte einen Moment lang ehrlich enttäuscht. Deshalb küsste sie ihn schnell auf den Mund, was gar nicht so einfach war, weil er so groß war und weil er sie immer noch festhielt. Sofort breitete sich wieder ein breites Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Du nimmst mich auf den Arm, das verdient eine Strafe“, sagte er gespielt vorwurfsvoll und hob sie hoch, um sie quietschend ins Innere seines Zimmers zu tragen und auf dem breiten Bett abzusetzen. Doch statt sie zu küssen, wie sie es eigentlich erwartet hatte, begann er damit, sie durchzukitzeln, bis sie vor lauter Lachen kaum noch Luft bekam.

„Aufhören, bitte“, japste sie lachend. Tatsächlich hörte er auf und ließ sich neben sie auf das Bett plumpsen. Seine Haare standen nach allen Seiten ab und er war ebenfalls außer Atem. Dann drehte er sich zu ihr um, den Kopf auf seinen angewinkelten Arm gestützt.

„Sarah Förster, du bringst mich um den Verstand! Warum hast du mich heute so lange warten lassen? Ich habe ehrlich schon nicht mehr damit gerechnet, dass du noch kommst.“

„Weißt du, Alex, es gibt Menschen, die müssen arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.“

„Ich arbeite auch hart“, verteidigte er sich.

Sarah sah sich demonstrativ um. Auf dem kleinen Tisch stand eine halbleere Weinflasche. „Das sehe ich.“

„Die brauchte ich, um meine Nerven zu beruhigen.“

Oh, er war sich seiner also doch nicht so sicher gewesen, wie es den Anschein gehabt hatte. Das freute Sarah innerlich sehr.

„Jetzt bin ich ja hier. Und was jetzt?“

Alex rollte sich auf sie und küsste sie sanft. Zwischendurch hauchte er „das hier“. Seine Küsse ließen Sarah erschauern. Sie wollte mehr, hier und jetzt. Doch da hatte er offensichtlich andere Pläne. Auf einmal rollte er sich nämlich wieder von ihr runter und stand vom Bett auf. Dann hielt er ihr die Hand hin, um ihr ebenfalls aufzuhelfen.

„Wir haben jetzt genug Zeit, wir müssen es also nicht übereilen.“ Damit grinste er so schelmisch, dass Sarah sich fragte, was er jetzt schon wieder vorhatte. Sie musste seinen Eifer allerdings ein wenig bremsen.

„Alex, ich habe leider nicht so lange Zeit. Ich muss nach Hause. Lilly wartet auf mich.“

Er sah sie kurz an und zuckte mit den Schultern.

„Kein Problem. Ich komme mit. Das Zimmer hatte ich sowieso nur bis heute Abend gebucht.“

„Und dann? Was hattest du dann vor?“, fragte Sarah neugierig.

„Weiß nicht. Hab gehofft, bis dahin wäre mit uns alles geklärt.“

Sarah verstand immer noch nicht, was er sich nun vorstellte. Wollte er gleich bei ihr einziehen?

Ups, die Frage hatte sie laut gestellt.

„Nein, nein. Das nicht. Obwohl, klingt eigentlich nicht nach einem schlechten Angebot.“ Sarah schaute erschrocken auf, doch sie merkte an seinem Grinsen, dass er es nicht ganz ernst meinen konnte. Sie schüttelte den Kopf über ihn und seinen seltsamen Humor. Alex schien nichts richtig ernst zu nehmen. Ihm war aber anscheinend ernst damit, mit ihr mitzukommen, denn er war gerade dabei, seine Sachen, die überall im Hotelzimmer verstreut waren, einzusammeln und in eine Reisetasche zu werfen.

„Du kannst mir ruhig helfen, wenn du nichts Besseres zu tun hast.“ Er blickte sie über seine Schulter hinweg an, während er seine Gitarre in ihrer Kiste verstaute. Sie schaute sich um, zuckte mit den Schultern und ging ins Bad, um seine Sachen dort in eine kleine schwarze Tasche zu verstauen, die sie ebenfalls dort fand. Rasierzeug, Zahnbürste, Zahnpasta, Duschbad, Shampoo, Deo, Haargel. Viel hatte er ja nicht, der Herr Morgan. Es war schon ungerecht, dass er nichts weiter für sein Aussehen tun musste, während sie jeden Morgen beinahe zwanzig Minuten im Bad verbrachte. Die Tasche über ihrer Schulter baumelnd, kam sie aus dem Bad.

„Ich bin fertig, wie weit bist du?“ Sie musste grinsen, denn er kämpfte gerade mit dem Reißverschluss seiner Reisetasche. Doch dann hatte er es geschafft, grinste sie triumphierend an und sagte: „Fertig!“

Gemeinsam trugen sie die Sachen in den Fahrstuhl und dann in die Lobby. Alex checkte noch aus, dann holte er das Auto an den Eingang und lud alles ein. Sarah wunderte sich, dass er die ganzen Sachen, vor allem die sperrige Gitarre in dem winzigen Kofferraum des Sportwagens unterbrachte. Auf eine entsprechende Bemerkung von ihrer Seite meinte er nur halb ernst: „Hab das Auto erst gemietet, nachdem ich getestet hatte, dass die Gitarre reinpasst." Während er den Rest verstaute, holte Sarah ihr eigenes Auto, welches sie in der Nähe geparkt hatte.

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Lilly ließ sich keine Überraschung anmerken, als Sarah mit Alex im Schlepptau nach Hause kam. Sie begrüßte ihre Mama so herzlich wie immer und umarmte dann auch Alex, der davon aber sichtlich überrascht war.

„Kommst du mit hoch in mein Zimmer? Ich habe ein Geschenk für dich.“ Lilly zog den verdatterten Alex mit sich die Treppe hoch. Ja, so konnte ihre Tochter sein. Ganz unkompliziert, als ob es nichts Besonderes wäre, dass ihre Mutter mit einem Mann  nach Hause kam. Hoffentlich dachte Alex jetzt nicht, dass das andauernd passierte. Denn bisher hatte Sarah noch nie jemanden mit nach Hause gebracht.

Sie informierte Mira, die in der Küche werkelte, kurz über den ungeplanten Besuch. Mira lächelte sie nur an und legte wortlos ein weiteres Gedeck auf. Dann rief sie Lilly zum Essen. Diese kam die Treppe heruntergepoltert, gefolgt von langsameren, schwereren Schritten. Dann fegte der kleine Wirbelwind auch schon in die Küche.

„Mama, schau, was ich Alex gebastelt habe. Jetzt kann er jeden Tag üben.“

Alex, der ein paar Sekunden nach Lilly die Küche betrat, zeigte ihr ein paar Zettelfetzen. Sarah konnte sich nicht ganz erklären, was das sein sollte, wurde aber umgehend von ihrer Tochter aufgeklärt.

„Ich habe ihm sein eigenes Memory gemacht.“

Sarah musste lachen. Alex grinste etwas schief und hielt die Zettel in seiner Hand, als wären sie giftig. Er wusste anscheinend nicht, wie er auf das Geschenk angemessen reagieren sollte. Sarah strich ihrer Tochter über den Kopf.

„Das hast du toll gemacht, mein Herz. Jetzt komm, wasch dir die Hände, es gibt Abendessen.“

Alex sah dem davoneilenden Mädchen hinterher und murmelte: „Muss mir auch … Hände waschen.“ Dann folgte er ihr in Richtung Badezimmer. Sarah hörte ihn irgendetwas zu Lilly sagen, verstand aber nicht was. Anscheinend hatte es Lilly aber gefallen, denn als sie beide zurückkamen, strahlte ihre Tochter über das ganze Gesicht und „erlaubte“ Alex, neben ihr zu sitzen. Das war in Lillys Augen wirklich eine sehr große Ehre, da dies sonst der angestammte Platz ihrer Mama war. Während des Essens plapperte Lilly die ganze Zeit mit Alex, so dass Sarah in Ruhe die ganze Situation in sich aufnehmen konnte. Sie sah, dass Mira, die Alex und Lilly gegenüber saß, immer wieder irritiert zwischen den beiden hin und her sah, sie sagte aber nichts. Offensichtlich war auch ihr die Ähnlichkeit zwischen beiden aufgefallen.

Nach dem Abendessen scheuchte Mira Lilly nach oben, bevor diese wieder Alex in Beschlag nehmen konnte, um noch eine Runde mit ihr zu spielen. Sarah und Alex blieben allein unten zurück. Um die komische Situation zu entschärfen, begann Sarah, den Tisch abzuräumen. Alex stand ebenfalls auf und half ihr, die Teller bis in die Küche zu tragen. Sarah, die ihm dem Rücken zugedreht hatte, spürte plötzlich, wie er direkt hinter ihr stand. Langsam drehte sie sich um. Er packte sie an den Hüften und hob sie auf die Arbeitsplatte. Dann küsste er sie.

Er war unglaublich zärtlich. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände und schlang ihre Beine um seine Hüften. Immer noch küssend hob er sie hoch und ging mit ihr ins Wohnzimmer, wo er sich mit ihr auf dem Schoß auf das Sofa setzte. Sarahs Hände fuhren unter sein T-Shirt und strichen über seinen straffen Bauch. Sie fühlte sich völlig entrückt von der Welt. Ein lautes Lachen von Lilly brachte sie jedoch augenblicklich in die Wirklichkeit zurück und sie kletterte eilig von Alex runter. Sie fühlte sich erhitzt, bestimmt war sie rot wie eine Tomate. Und sie wurde noch roter, als sie daran dachte, dass Lilly sie hätte sehen können. Sie hatte zwar schon angefangen, ihre Tochter aufzuklären, aber ein paar brisante Details hatte sie dann doch noch ausgelassen. Und sie hatte wirklich keine Lust, das heute mit Anschauungsunterricht nachzuholen.

Sie nutzte den großen Fernsehbildschirm als Spiegel um sich schnell wieder herzurichten. Dann hauchte sie Alex, der noch immer auf dem Sofa saß und anscheinend nicht ganz wusste, was los war, einen Kuss auf den Mund.

„Später.“

Er hielt sie fest und küsste sie richtig. Dann grinste er sie an. „Das war, damit ich es bis dahin nicht vergesse.“

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Dann schwang er sich vom Sofa hoch. Obwohl er so groß war, sah das wirklich elegant aus. Er folgte ihr in die Küche, um ihr beim weiteren Aufräumen zu helfen. Eine große Hilfe war er aber nicht wirklich, da er anscheinend nur darauf bedacht war, sie möglichst oft zu berühren. Auch sie genoss diese Nähe sehr, sie konnte alles um sich herum ausblenden und konzentrierte sich nur auf ihn. Deshalb zuckte sie auch erschrocken zusammen, als plötzlich Lilly und Mira die Küche betraten. Lilly sprang auf Alex zu, um ihm eine gute Nacht zu wünschen. Dann schmiegte sie sich an Sarah.

„Bitte, Mama, liest du mir heute Abend vor? Ich bin schon gewaschen und Zähne habe ich auch geputzt, hier.“ Stolz präsentierte sie ihre blitzenden Zähne. An der Stelle, an der die Schneidezähne sein sollten, prangte eine große Lücke, aber die neuen Zähne sah man auch schon. Ja, die Schule war nicht mehr weit. Sarah sah entschuldigend zu Alex und scheuchte dann ihre Tochter aus der Küche. Alex war ja nicht allein. Mira würde ihm Gesellschaft leisten, bis sie zurück war.

Natürlich war wieder Jenny, die Ponyflüsterin dran. Weil Sarah ein paar Kapitel verpasst hatte, beschrieb Lilly ihr kurz was geschehen war. Sarah bewunderte dabei wieder mal, welche Details für Lilly wichtig waren, während der Haupthandlungsstrang von ihr in einem kurzen Satz wiedergegeben wurde. Dann kuschelten sie sich aneinander und Sarah schlug die Seite in dem Buch auf, die Mira mit einem kleinen Band als Lesezeichen gekennzeichnet hatte. Noch während sie las, merkte Sarah, dass Lilly immer ruhiger wurde. Sie war zwar noch wach, als Sarah das Buch wieder zuschlug, ihre Augen waren aber schon ganz klein und sie kuschelte sich in ihre Decke. Sarah gab ihr noch einen Gutenachtkuss und ging dann leise aus dem Zimmer. Unten fand sie Mira und Alex in ein angeregtes Gespräch über Basketball vertieft. Mira war ein großer Basketballfan und Alex hatte offensichtlich in seiner Schulzeit in den USA selbst Basketball gespielt. Sarah setzte sich neben Alex auf das Sofa. Irgendwann schien Mira zu merken, dass Sarah Alex lieber für sich allein hätte und verabschiedete sich von beiden. Sie wollte noch zu einer Freundin, die sie über eine Kindergartenfreundin von Lilly kennengelernt hatte. Vorher schaute sie noch nach Lilly und gab Sarah kurz Bescheid, dass die Kleine tief und fest schlief.

Kaum hatte Mira die Haustür hinter sich zugezogen, nahm Alex Sarahs Hand und zog sie auf seinen Schoß. Er lächelte sie an und begann, mit seinen Händen ihren Körper zu erkunden. Geschickt hakte er den BH unter ihrem T-Shirt auf und zog dann beides zusammen über ihren Kopf. Während er sich ihrem Dekolleté und ihren Brüsten widmete, fuhr sie mit ihrem Finger seine starken Oberarme entlang. Dann zog auch sie ihm sein T-Shirt über den Kopf. Er half ihr, dann küsste er sie lang und innig. Durch ihre Jeans merkte sie, dass ihr Liebesspiel ihn absolut nicht kalt ließ. Seine Hände wurden immer fordernder und schließlich öffnete er ihre Hose und schob sie ihr von den Hüften. Ihren Slip hatte er dabei gleich mit erwischt. Dann packte er sie und legte sie auf das Sofa. Mit einer Hand öffnete er seine Jeans und zog sie sich aus. Mit der anderen Hand hörte er nicht auf, sie zu liebkosen. Dann waren sie endlich beide nackt und konnten sich geben, worauf sie schon beide so sehnsüchtig gewartet hatten.

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15. Kapitel

Später lagen sie zusammen auf dem Sofa. Sie hatten den Kamin angemacht und redeten. Es war das erste Mal, dass Alex etwas über sich erzählte und Sarah traute sich nicht, ihn dabei zu unterbrechen, obwohl sie wahnsinnigen Durst hatte. Er erzählte von seinen Eltern und dass sie wegen dem Job seines Vaters so oft umziehen mussten. Dass es ihm deswegen immer schwer gefallen war, Freunde zu finden und er die Erfahrung gemacht hatte, dass es als Spaßvogel einfacher ist. Und dann erzählte er davon, dass er irgendwann die Liebe zur Musik entdeckt hatte. Die Gitarre, die seine Mutter ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, wurde seine beste Freundin. Er konnte sie bei jedem Umzug mitnehmen. Er hatte gespielt, wann immer er Zeit dazu hatte und darüber seine schulischen Leistungen vernachlässigt. Letztlich war er dann von der Schule geflogen, hatte es aber auch nicht so schlimm genommen, weil er zu diesem Zeitpunkt schon seine Band hatte.

Sarah hielt es irgendwann nicht mehr aus und berührte ihn leicht am Arm.

„Ähm, Alex, können wir uns vielleicht was zu trinken holen?“

„Was? Na klar.“ Er sprang auf, zog sich schnell noch seine Jeans über die Shorts, die er schon wieder anhatte und ging in die Küche an den Kühlschrank. Wie er da so stand, mit nacktem Oberkörper und nackten Füßen, nur in seiner Jeans, sah er zum Anbeißen auf. Deshalb reagierte Sarah auch erst nicht, als er sie ansprach.

„Erde an Sarah! Bist du noch da?“ Er lachte.

„Ja?“

„Was möchtest du trinken? Hier drin sind Wasser, Cola und Weißwein.“

„Ein Wasser bitte.“

Er nahm die Wasserflasche und brachte noch zwei Gläser mit. Dann kam dieser unverschämt gut aussehende Mann zu Sarah zurück zur Couch. Sarah wurde schon wieder total heiß und das lag nicht nur am Kamin. Schnell griff sie nach dem Wasser, um den ausgetrockneten Mund etwas zu befeuchten. Auch Alex trank sein Glas in einem Zug leer. Dann stellte er es ab und kam wieder zu ihr.

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Der nächste Tag war ein Samstag und Sarah hatte frei. Sie lag in ihrem Bett und hielt die Hand dieses absolut anbetungswürdigen Mannes und war einfach nur glücklich. Draußen lachte die Sonne, unten hörte sie Lilly und Mira über irgendetwas lachen. Mira hatte es geschafft, Lilly zu überzeugen, Sarah heute mal nicht zu wecken. So konnte Sarah diesen Moment noch ein wenig genießen, ehe sie sich wieder dem Alltag stellen musste. Am Samstag gingen sie normalerweise alle zusammen im Ort einkaufen. Jedenfalls immer dann, wenn Sarah mal frei hatte. Als hätte Alex ihre Gedanken gelesen, fragte er sie plötzlich: „Guten Morgen, meine Süße, was hast du denn für heute geplant?“

Sie drehte sich zu ihm um. Er sah noch ganz verschlafen aus, ganz verstrubbelt und verknittert. Total süß. Obwohl „süß“ bestimmt nicht zu den Attributen zählte, die er gern in Zusammenhang mit seiner Person hören wollte.

„Keine Ahnung. Vielleicht gehen wir nachher einkaufen. Was du möchtest.“

„Heute kannst du über meine Zeit bestimmen.“

Er küsste sie mitten auf den Mund. Dann schwang er sich aus dem Bett.

„Gibt es hier irgendwo einen Kaffee? Ohne Kaffee bin ich nur ein halber Mann.“

„Wirklich? Kann ich mal nachschauen?“ Sarah musste kichern, als Alex sich sofort zurück aufs Bett rollte, um ihr zu zeigen, dass er wahrlich nicht nur ein halber Mann war.

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Später saßen sie dann alle zusammen am Frühstückstisch bei Kaffee und frischen Brötchen, die Lilly und Mira vorher vom Bäcker geholt hatten. Es war ein bisschen ungewohnt, zu viert am Tisch zu sitzen, vor allem weil Alex niemand war, den man so leicht übersehen konnte. Er alberte mit Lilly herum, lachte mit Mira über deren Anspielung, ob sie denn für seinen Appetit überhaupt genug zu essen im Haus hatten und berührte Sarah, die neben ihm saß, immer wieder. Ob versehentlich oder voller Absicht, wusste sie nicht. Es war ihr aber auch egal, sie genoss es einfach. Dann fragte Alex erneut, was sie an diesem Tag noch vorhatten.

„Wir gehen am Samstag immer einkaufen“, antwortete Lilly sofort. „Das ist lustig, kommst du mit?“

Sarah und Mira schauten sich an, als Alex sofort begeistert zustimmte. Mira schüttelte leicht den Kopf. Sarah seufzte. „Alex, ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee wäre.“

„Warum denn nicht?“, fragten Lilly und Alex fast gleichzeitig.

„Weißt du, hier ist ein kleines Dorf und Neuigkeiten sprechen sich schnell herum“, begann Mira.

„Und du bist bekannt wie ein bunter Hund. Hier würden schneller irgendwelche Pressefritzen auftauchen, als uns lieb sein kann“, versuchte Sarah, ihre Bedenken weiter zu erklären.

Alex schaute von einer zur anderen.

„Mädels, ich glaub, ich weiß da was.“ Mit diesen Worten verschwand er vom Tisch und kurz darauf hörte Sarah die Haustür. Was wollte er draußen?

Die Antwort auf ihre Frage bekam sie keine zwei Minuten später, als Alex wieder zur Tür hereinkam. Er hatte sich ein dunkelblaues Sweatshirt mit Kapuze übergezogen, eine verspiegelte riesige Sonnenbrille auf die Nase gesetzt, eine Baseballkappe auf dem Kopf und darüber hatte er noch die Kapuze des Sweatshirts gezogen.

„Hallo, ich bin Anton“, sagte er mit verstellter Stimme. Lilly kicherte, als sie ihn sah.

„So erkennt dich echt niemand. Ich hätte ich dich auch fast nicht erkannt.“ Sarah schaute Alex von allen Seiten an. Ja, so konnte es gehen.

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Zusammen gingen sie wenig später los. Lilly hopste vor ihnen her, dann folgte Mira und ganz hinten gingen Sarah und der vermummte Alex Hand in Hand. Sie liefen in Richtung Dorfmitte, wo sich ein paar Geschäfte befanden. Unterwegs erzählte Sarah ihm, wie sie vor ein paar Jahren, Lilly war noch nicht mal ein Jahr alt geworden, hierher gezogen war. Eddi hatte ihr damals den Tipp gegeben, dass hier ein Haus zu verkaufen war. Seine Schwester wohnte auch im Dorf, so liefen sie sich ab und zu über den Weg und hatten über all die Jahre ihre Freundschaft erhalten.

Sonst kannte sie niemanden, doch alle hatten sie sehr freundlich in die Dorfgemeinschaft aufgenommen. Das lag bestimmt auch daran, dass sie an allen Veranstaltungen im Dorf teilnahm und sich immer wieder erboten hatte zu helfen, was gern angenommen wurde.

Einen kleinen Vorgeschmack auf das Leben in einem Dorf bekam Alex, als sie beim Gemüsehändler waren. Der Laden wurde von Gerda, einer winzigen alten Dame betrieben. Sie grüßte Sarah und Mira sehr herzlich und schenkte Lilly sofort ein Stück Gurke. „Selbst gezogen, die schmeckt auch noch nach Gurke.“

Dann besah sie sich den fremden jungen Mann, der mit in den Laden gekommen war. Sarah stellte ihn vor.

„Gerda, das ist A… Anton. Er ist zu Besuch.“

Die alte Frau kam noch näher und baute sich vor Alex auf, dem sie gerade einmal bis knapp über den Bauchnabel reichte.

„Junger Mann, ich hoffe, sie behandeln Sarah gut! Sie hat viel mitgemacht und niemand hier möchte, dass sie verletzt wird.“

„Gerda“, versuchte Sarah die alte Dame aufzuhalten. Doch die hatte offensichtlich noch mehr zu sagen. Alex bemühte sich, ernst zu bleiben, während er auf die aufgebrachte alte Dame herunterschaute. Sie fuchtelte mittlerweile mit einer Zucchini herum, als wollte sie Alex damit schlagen.

„Sarah ist ein liebes Mädchen. Sie ist eine gute Mutter und sehr beliebt bei allen. Als sie damals hier aufgetaucht ist mit der kleinen Lilly im Kinderwagen, da haben wir beschlossen, ihr zu helfen und sie zu beschützen. Wir warten alle darauf, dass der Mann, der sie damals mit dem Kind hat sitzen lassen, einmal hier auftaucht. Der kann was erleben, sage ich Ihnen. Der wird sich nie wieder auch nur in die Nähe trauen, das können Sie glauben.“

Alex nickte mit komischem Gesichtsausdruck. Anscheinend konnte er sich das Lachen gerade so verkneifen. Sarah suchte sich schnell ein paar Tomaten, Zucchinis und Gurken aus und bezahlte mit hochrotem Kopf. Es war zu peinlich. Dann bugsierte sie Alex nach draußen, verabschiedete sich noch bei Gerda und bedankte sich für Lillys Gurke, obwohl diese das vorhin auch schon gemacht hatte. Hastig schloss sie die Tür hinter sich. Im letzten Moment, denn schon brach Mira in lautes Kichern aus. Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Alex grinste ebenfalls breit. Lilly kicherte auch, aber wahrscheinlich nur, weil Mira so heiter war. Sarah war das alles total peinlich.

In den anderen Geschäften waren auch alle sehr an Alex interessiert, obwohl ihm zum Glück niemand mehr einen Vortrag hielt. Noch nie war Sarah so schnell mit ihren Einkäufen fertig gewesen. Sie war ganz verschwitzt, als sie endlich mit allen Einkaufstüten zu Hause ankamen. Das war ja ein Spießrutenlauf gewesen. Nicht auszudenken, wenn jemand Alex erkannt hätte. Das war aber offenbar nicht passiert. Jeder hatte ihn anstandslos als Anton akzeptiert. Alex stellte die Tüten, die er getragen hatte, auf die Anrichte in der Küche.

„Kümmert sich Lillys Vater eigentlich gar nicht um seine Tochter?“

Sarah erstarrte mitten in der Bewegung. Dieselbe Frage hatte James vor ein paar Wochen gestellt und dann die Verbindung zwischen Alex und Lilly hergestellt. Alex' Gedanken gingen aber offenbar in eine andere Richtung.

„Jedenfalls scheint er noch nie hier aufgetaucht zu sein, oder? Bekommst du wenigstens Geld von ihm?“

Sarah schüttelte den Kopf und gab vor, mit dem Verstauen der Lebensmittel vollauf beschäftigt zu sein. Sie wollte nicht mit Alex über Lillys Vater reden. Klar, irgendwann musste sie es ihm sowieso sagen, aber jetzt war mit Sicherheit keine passende Gelegenheit.

„Was ist das denn für ein verantwortungsloses Schwein?“ Alex wollte das Thema einfach nicht ruhen lassen. Sarah erwiderte nichts und auch Alex sagte eine Weile nichts mehr dazu. Doch dann fragte er wie aus heiterem Himmel: „Sag mal, weiß Lillys Vater überhaupt von ihr?“

Sarah hätte beinahe die Milchflasche fallen gelassen, die sie gerade in den Kühlschrank stellen wollte. Ahnte er etwas und wollte ihr jetzt eine Falle stellen? Vorsichtig stellte Sarah die Flasche in den Kühlschrank und drehte sich langsam zu Alex um. Fast erwartete sie, seine blauen Augen würden sie mit wissenden Blicken durchbohren. Doch sie hatte sich getäuscht. Er schaute sie gar nicht an, sondern räumte in aller Ruhe das Gemüse in den bereitgestellten Korb. Er ahnte gar nichts, hatte nur versehentlich ins Schwarze getroffen. Interessanterweise schien er gar keine Antwort von Sarah zu erwarten, denn er redete schon weiter.

„Also wenn ich mir vorstelle, eine meiner Verflossenen hätte ein Kind von mir und würde das vor mir verheimlichen … nicht das das passieren könnte. Ich bin schließlich immer vorsichtig gewesen. Außerdem ließe sich so etwas ja wohl kaum geheim halten. Jedenfalls, ich wäre ganz schön sauer. Auch wenn ich nicht mehr mit ihr zusammen wäre, es wäre ja schließlich mein Kind. Na ja, aber es ist ja müßig, darüber zu spekulieren. Es gibt ja auch genug verantwortungslose Männer, die zwar ihren Spaß wollen, aber wenn dann ein Kind kommt, weisen sie alle Verantwortung von sich und sind auf Nimmerwiedersehen verschwunden.“

Sarah konnte Alex nur mit offenem Mund zuhören. Während er gesprochen hatte, war ihr abwechselnd heiß und kalt geworden und zwischendurch hätte sie am liebsten laut aufgelacht. Von wegen, ihm konnte das ja nicht passieren und das könnte man auch nicht verheimlichen. Aber sie riss sich zusammen.

„Sarah, du musst wenigstens versuchen, dem Typ ein bisschen Geld abzuknöpfen. Wenigstens das schuldet er dir. Ich verstehe ja, wenn du mit so jemandem nichts mehr zu tun haben möchtest.“

„Das geht nicht“, entfuhr es Sarah. Schnell hielt sie sich den Mund zu. Zu spät. Sie hatte es gesagt und damit erst recht Alex' Interesse geweckt. Warum konnte er das Thema nicht einfach fallen lassen?

„Warum nicht?“

„Weil … es geht eben nicht.“

Alex kam zu Sarah und nahm sie in den Arm. Dann hielt er sie ein Stück weg und sah sie ernst an.

„Sarah, es gibt immer einen Weg. Wenn du mir seinen Namen sagst, nehmen wir einen Anwalt und der …“

„Es geht nicht, weil“, sie überlegte fieberhaft, „er tot ist.“

Sarah hätte sich die Zunge abbeißen können. Was erzählte sie da? Das war ihr einfach so rausgerutscht. Alex sah sie betroffen an. Dann drückte er Sarah wieder an sich. Er streichelte ihr sanft den Rücken.

„Mein Liebling. Das tut mir so leid. Das wusste ich nicht. Tut mir leid, dass ich ihn so beleidigt habe.“

Sarah wäre am liebsten selbst tot. Oder zumindest unsichtbar. Jetzt kam sie auch noch in den Genuss von Alex' Mitleid und das nur, weil sie keinen anderen Ausweg gefunden hatte, als ihm so eine Lüge aufzutischen. Wie sollte sie aus dieser Geschichte je wieder rauskommen?

Irgendwann ließ Alex sie wieder los und sie räumten schweigend die restlichen Einkäufe weg. Er kam nicht mehr auf das Thema zu sprechen, sie bemerkte aber sehr wohl seine Blicke auf sich, wann immer er glaubte, dass sie nicht hinsah. Bestimmt dachte er jetzt, dass das Thema für sie zu schmerzhaft wäre und sie deshalb nicht darüber reden wollte.

„Woran ist er denn gestorben?“ Okay, er dachte nicht, dass sie nicht darüber reden wollte.

„Alex, ich möchte nicht darüber sprechen.“ Musste sie noch deutlicher werden?

„Oh Mann, und dann hast du ständig seine Tochter um dich, die dich praktisch jeden Tag an ihn erinnert … Das muss die Hölle sein.“

Sarah dachte angestrengt nach. Wie konnte sie ihn jetzt auf ein anderes Thema bringen? Sie blickte sich in der Küche um, in der Hoffnung, dass sie irgendetwas fand, womit sie ihn ablenken konnte. Dann hatte sie eine Idee. Sie umarmte ihn und zog seinen Kopf etwas herunter, damit sie ihn küssen konnte.

„Alex, es ist in Ordnung. Wir waren schon nicht mehr zusammen, als er … gestorben ist. Ich bin darüber hinweg und jetzt habe ich sowie eher Lust auf etwas anderes. Mit dir.“

Dann küsste sie ihn und er erwiderte den Kuss. Er hob sie hoch und trug sie hinüber zum Sofa. Dort setzte er sich mit ihr auf dem Schoß hin und fing an sie zu streicheln. Offensichtlich war ihr plumpes Ablenkungsmanöver geglückt. Weit kamen sie allerdings nicht, denn plötzlich ging die Tür auf und Lilly stürmte herein.

„Mama, wo bist du denn?“

Schnell zog Sarah ihr T-Shirt, dass Alex ihr bereits hochgezogen hatte, wieder zurecht und stand auf.

„Hier bin ich, mein Liebling. Was ist denn?“

„Mira will jetzt das Mittagessen machen. Gehst du mit mir auf den Spielplatz?“ Und mit einem Seitenblick auf Alex fügte Lilly noch hinzu: „Er kann ja auch mitkommen.“

Sarah sah Alex an, der zuckte mit den Schultern und stand auf.

„Okay, ein bisschen Bewegung tut mir bestimmt gut.“

Sarah sah Alex erstaunt an. Meinte er das ernst? Vorsichtig wandte sie ein: „Das ist ein Spielplatz für Kinder.“ Sie betonte das letzte Wort besonders. Er grinste nur und ging in den Flur, um sich seine Schuhe anzuziehen. Auch Lilly zog sich schon ihre Schuhe an. Also war das wohl entschieden.

Sarah sah erleichtert, dass Alex auch jetzt wieder daran dachte, sich mit Sonnenbrille und Basecap unkenntlich zu machen. Diesmal verzichtete er allerdings auf das Sweatshirt mit der Kapuze, da die Sonne mittlerweile schon mit ganzer Kraft schien. Trotzdem war es noch nicht so warm, dass Sarah Lilly erlauben konnte, ohne Jacke rauszugehen. Es gab ein kurzes Wortgefecht, doch dann fügte sich Lilly schmollend und ging hinaus.

Draußen hatte sie schon wieder gute Laune. Sarah musste lachen, weil Alex und Lilly auf dem Weg zum Spielplatz Fangen spielten. So war Lilly schon außer Atem, als sie am Spielplatz ankamen. Das hielt sie aber nicht davon ab, dort sofort weiter zu toben. Und Alex machte seine Ankündigung tatsächlich wahr.

Sarah glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als er hinter Lilly das Klettergerüst hochkletterte. Die Kleine quietschte, als er ihren Fuß erwischte und kletterte noch schneller weiter. Sarah hoffte nur, dass sie nicht runterfiel. Dann suchte sie sich eine Bank in der Sonne und schloss genießerisch die Augen. Mit Alex und Lillys Kichern im Hintergrund und den warmen Sonnenstrahlen im Gesicht begann sie sich zu entspannen. So sehr, dass sie tatsächlich kurz einschlief. Sie schreckte jedenfalls mächtig auf, als Alex sich plötzlich neben sie auf die Bank fallen ließ. Er seufzte übertrieben laut auf und streckte seine langen Beine von sich. Dann legte er einen Arm um Sarah und zog sie etwas zu sich rüber.

„Schade, dass ich morgen schon wieder los muss. Ich könnte noch ewig Zeit mit dir verbringen. Aber die Arbeit ruft.“

Sarah sah ihn an. Morgen schon? Sie hatte eigentlich gehofft, dass er noch ein paar Tage bleiben konnte. Irgendwie hatte sie vollkommen verdrängt, was und wer er eigentlich war. Ihre gute Laune war augenblicklich dahin.

Sie blieben auch nicht mehr lange. Alex hatte ein paar Mal versucht, sie aufzuheitern und ihm zuliebe hatte sie so getan, als ob sie so fröhlich wäre wie vorher. Doch sie konnte nicht anders, als sich jetzt ständig die Frage zu stellen, wie sie sich eine Zukunft mit ihm eigentlich vorgestellt hatte. Er war Musiker mit Leib und Seele, noch dazu sehr erfolgreich. Als Musiker war er ständig unterwegs, hatte praktisch nie Urlaub. An ein normales Familienleben war einfach nicht zu denken. Und sie? Sie hatte ihren Job und Lilly. Sie hatte ihr Haus. Sie war sesshaft und es gefiel ihr.

Zu Hause aßen sie zu Mittag, dann ging Mira mit Lilly in die Stadt ins Kino. Sarah war ihr dankbar, dass sie auf diese Weise noch ein paar Stunden mit Alex allein hatte. Sie wollte diese verbleibende Zeit auf jeden Fall genießen.

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Kaum waren Mira und Lilly aus dem Haus, zog Alex Sarah ins Wohnzimmer, setzte sich ihr gegenüber auf den Sessel und sah sie erwartungsvoll an.

„Sarah, was ist los?“

Sarah konnte ihn nicht ansehen. Was sollte sie sagen? Entschuldige, ich komme nicht mit deinem Leben zurecht! Wohl kaum.

„Ich bin traurig, weil du morgen schon wieder weg musst.“ Das stimmte auf jeden Fall.

Er kam zu ihr und kniete sich vor sie. Dann nahm er ihre Hände in seine.

„Süße, ich habe nur ein paar Termine, in knapp zwei Wochen kann ich schon wieder hier sein. Dann haben wir wieder drei Tage. Gut, danach bin ich etwas länger unterwegs, aber ich kann dich bestimmt zwischendurch immer mal wieder besuchen. Oder ihr kommt mal zu mir. Das wird bestimmt lustig.“

Sarah sah ihm an, wie begeistert er davon war. Klar, sie würde sich freuen, wenn er herkommen konnte. Und sie würde bestimmt auch mal mit Lilly zusammen zu einem seiner Konzerte fahren. Aber war ihr das genug? Andererseits kannten sie sich ja noch kaum. Da konnte sie ja schlecht erwarten, dass er gleich sein ganzes Leben für sie auf den Kopf stellte. Und sie selbst war ja schließlich auch noch nicht bereit für irgendwelche Kompromisse. Also würde sie erst einmal sehen, wie sich alles entwickelte. Sie blickte in Alex' erwartungsvolle Augen. Dann nickte sie und küsste ihn sanft.

Er lächelte und stand auf. Dabei zog er sie mit sich hoch.

„Lass uns jetzt die Zeit genießen, die wir haben. Ich denke, ich habe auch schon eine Idee.“

Noch bevor sie groß überlegen konnte, was er eigentlich meinte, hatte er sie plötzlich hochgehoben und trug sie die Treppe hoch in ihr Schlafzimmer. Okay, dann war ja wohl klar, was er meinte.

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Abends saßen sie auf der Terrasse. Sarah hatte eine dicke Decke um ihre Beine gewickelt und diese auf die Bank ihr gegenüber gelegt. Alex lungerte lässig auf einem Lehnstuhl. Ihm war offensichtlich nie kalt, denn er trug lediglich den Kapuzenpullover vom Morgen. Sie redeten über alles Mögliche. Über sein Leben als Berühmtheit und über ihr Leben als alleinerziehende, berufstätige Mutter. Beide waren sehr gelöst und lachten sehr viel. Aber sie vermieden ein Thema: die Zukunft.

Irgendwann wurde es Sarah trotz der Decke draußen zu kalt, also gingen sie rein und schalteten den Fernseher an. Während Alex im Kühlschrank etwas zu trinken suchte, schaltete Sarah ein bisschen herum und fand schließlich eine Sendung, in der auch über Sakrileg berichtet wurde.

„Musst du das schauen?“, fragte Alex aus der Küche, als er seine eigene Musik hörte. Dann kam er zu ihr und küsste sie sanft. Er nahm ihr die Fernbedienung aus der Hand und schaltete den Fernseher stumm.

„Das klingt live viel besser.“ Dann fing er an, mit seiner dunklen Stimme das Lied, das sie gerade im Fernsehen gehört hatten zu singen und kletterte dabei über sie. Sie küssten sich wieder und zogen sich dabei gegenseitig langsam aus.

Später war Alex wieder draußen mit seiner Gitarre. Er hatte gesagt, dass ihm irgendeine Idee für ein neues Lied gekommen wäre und Sarah konnte ihre Fernsehsendung weiter schauen. Sie hörte leise Gitarrenklänge von draußen und fühlte sich rundum wohl. Als zu den Gitarrenklängen auch noch Alex' Stimme erklang, musste Sarah unwillkürlich den Fernseher ausstellen. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen. Hoffentlich fanden die Nachbarn Alex' Musik auch gut, denn hier war alles sehr dicht bebaut. Sie würden sein Privatkonzert also wohl oder übel mithören müssen. Doch darüber wollte sie sich jetzt keine Gedanken machen. Sie wollte einfach den Augenblick genießen.

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16. Kapitel

Zu schnell war die Zeit des Abschieds auch schon wieder gekommen. Gleich nach dem Frühstück musste Alex wieder los. Er hatte sich ganz lieb von Mira und vor allem von Lilly verabschiedet. Von Sarah hatte er sich bereits die ganze Nacht auf das Liebevollste verabschiedet. Leider hatte der Schlaf etwas darunter gelitten. Aber Sarah war nicht müde. Im Gegenteil, sie war richtig aufgekratzt. Sie war verliebt und tanzte durch die Wohnung. Lilly machte sofort begeistert mit und auch Mira alberte mit ihnen herum. Für einen Moment konnte Sarah alle Sorgen vergessen. Sie dachte einfach nur daran, wie schön es mit Alex gewesen war und sie freute sich auch schon darauf, ihn in neun Tagen wiederzusehen. Das hatte er nämlich versprochen. Neun Tage, das würde schnell vorbei gehen.

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Doch je mehr Zeit vorüberstrich, desto größer wurde Sarahs Unsicherheit, ob das mit Alex und ihr wirklich gut lief. Vor allem in Anbetracht dieser Lüge über Lillys Vater. Sie hatten nicht mehr darüber gesprochen, aber das mussten sie irgendwann tun. Und nun wusste sie gar nicht mehr, wie sie Alex beibringen sollte, dass er Lillys Vater war. Sie musste mit irgendjemandem darüber reden. Aber mit wem? Mira kam nicht infrage. Sie verstand sich zwar sehr gut mit ihrem Au-Pair-Mädchen, ihre Freundschaft ging schon lange über ein Chef-Angestellten-Verhältnis hinaus, aber dann hätte sie Mira verraten müssen, dass Alex Lillys Vater war und das wollte sie nicht, noch nicht. Es durften nicht noch mehr Leute erfahren als es ohnehin schon wussten, bevor sie mit Alex gesprochen hatte.

Also blieb nur noch eine Person, allerdings war derjenige auch nicht gerade gut geeignet, um mit ihm über ihre Beziehung zu Alex zu sprechen. Es half nichts, sie hatte jetzt tagelang gegrübelt, wie sie sich aus der Geschichte, in die sie sich selbst manövriert hatte, wieder rausretten sollte und war zu keinem Ergebnis gekommen. Sie musste mit jemandem reden, eine andere Meinung, einen anderen Blickwinkel hören. Also nahm sie eines Abends den Telefonhörer in die Hand und wählte die Nummer, die mittlerweile eingespeichert war.

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Bei James war es erst Nachmittag, sie hoffte, dass er überhaupt Zeit für sie hatte. Nachmittags standen meistens irgendwelche Interviews oder Soundchecks auf dem Programm. Es klingelte sehr lang und Sarah wollte gerade wieder auflegen, als James plötzlich dran war. Er klang etwas abgehetzt und müde, war aber sehr erfreut, ihre Stimme zu hören. Sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. Dieses änderte sich jedoch schlagartig, als sie ihm erzählte, was sie gemacht hatte.

„Du hast was?! Mädchen, bist du von allen guten Geistern verlassen?“

Sarah schlug beschämt die Augen nieder.

„Ich weiß, dass es blöd war. Aber ich wusste nicht mehr, wie ich ihn von der Idee abbringen sollte, Lillys Vater mithilfe eines Anwaltes zur Rechenschaft zu ziehen. Was hättest du denn gesagt?“, verteidigte Sarah sich sofort.

James lachte kurz auf.

„Na, jedenfalls nicht, dass er tot ist. Sarah, Alex ist nicht tot. Er wird also auf jeden Fall erfahren, dass du ihn belogen hast. Dann hast du ihm nicht nur verschwiegen, dass Lilly seine Tochter ist, du hast ihn zudem auch noch belogen. Er wird nicht begeistert sein. Ich wäre es nicht.“

„Ich weiß“, gab Sarah zerknirscht zu. Genau das war ja ihr Problem. Dafür hätte sie James nicht anrufen müssen. Sie wusste selbst, welchen Mist sie gebaut hatte. Sie brauchte eine Lösung. Das sagte sie James auch.

„Tut mir leid! Da weiß ich auch nicht weiter. Obwohl. Eigentlich gibt es nur eine Lösung. Sprich mit ihm und versuch es ihm zu erklären und zwar so schnell wie möglich. Vielleicht ist er dann sauer, aber eine andere Lösung gibt es nicht, wenn du ihn nicht ganz verlieren willst.“

Sarah nickte, obwohl James es nicht sehen konnte. Aber er interpretierte ihr Schweigen offenbar als Zustimmung, denn er fügte noch ein: „Du schaffst das schon“ hinzu. Dann wurde James gerufen und er musste das Telefonat beenden. Sarah starrte auf den Telefonhörer in ihrer Hand. Es Alex einfach sagen? Wie sollte sie das machen? Wie sollte sie so etwas anfangen? Er würde in zwei Tagen wieder vor ihrer Tür stehen. Was sollte sie machen?

Autor

  • Sandra Helinski (Autor)

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Titel: Rockstar-Romance