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Schweinerei an der Havelchaussee

(Kurzgeschichte, Krimi)

von Maryanne Becker (Autor)

2016 21 Seiten

Leseprobe

Kurz vorab

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

wie schön, dass du dich für diesen booksnack entschieden hast! Wir möchten dich auch gar nicht lange aufhalten, denn sicher hibbelst du der folgenden Kurzgeschichte schon voller Freude entgegen.

Vorab möchten wir aber ganz kurz die wichtigsten Merkmale einer Kurzgeschichte in Erinnerung rufen:

  1. Der Name ist Programm: Alle Kurzgeschichten haben ein gemeinsames Hauptmerkmal. Sie sind kurz.
  2. Kurz und knapp sind auch die Handlung und die erzählte Zeit (Zeitsprünge sind eher selten).
  3. Ganz nach dem Motto »Einleitungen werden total überbewertet« fallen Kurzgeschichten meist sofort mit der Tür ins Haus.
  4. Das zweite Motto lautet »Wer braucht schon ein Happy End?« Also bereite dich auf einen offenen Schluss und/oder eine Pointe am Ende der Geschichte vor. Das Geheimnis dahinter: Kurzgeschichten sollen dich zum Nachdenken anregen.
  5. Versuch deine Neugier zu zügeln, denn auch für die Beschreibung der Charaktere und Handlungsorte gilt »in der Kürze liegt die Würze«.
  6. Die Aussage des Textes ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Hier bist DU gefragt, um zwischen den Zeilen zu lesen und deine persönliche Botschaft aus der Geschichte zu ziehen.

Jetzt bist du gewappnet für unseren literarischen Snack. Und findest du nicht auch, dass man diesen gleich noch mehr genießen kann, wenn man weiß was drin ist?

 

Viel Spaß beim Booksnacken wünscht dir

Dein booksnack-Team

booksnacks

Über dieses E-Book

Bernd bricht zur abendlichen Gassi-Runde mit dem Hund auf. Weil er seine Ruhe haben will, darf Charlotte ihn nicht begleiten. Frustriert steigert sie sich in die Vermutung hinein, Bernd habe sich mit einer jüngeren Blondine verabredet. Sie sinnt auf Rache und ertränkt ihren Ärger in Alkohol. Am nächsten Tag ist der Hund wieder zu Hause, von Bernd fehlt aber jede Spur …

Impressum

booksnacks

Erstausgabe Januar 2017

Copyright © 2020 booksnacks, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
Made in Stuttgart with ♥
Alle Rechte vorbehalten

E-Book-ISBN: 978-3-96087-115-6

Schweinerei an der Havelchaussee ist bereits 2011 im Verlag Bod Norderstedt in der Anthologie Krimis mit Fell und Schnauze erschienen.

Covergestaltung: dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH
unter Verwendung eines Motivs von
fotolia.com: © Yuriy Seleznyov
Korrektorat: Daniela Pusch

Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.

Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

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Dass Bernd die Haustür leise ins Schloss fallen ließ, nahm Charlotte nicht mehr wahr. Wutschnaubend zog sie nach dem Streit ihren neuen Ring vom Finger und knallte ihn so heftig auf den gläsernen Beistelltisch, dass die Süßwasserperle herausbrach. Typisch, dachte sie, Perle statt Diamant, eine Perle, Symbol der Tränen. Bernd liebte sie einfach nicht! Sie vermutete, dass er sich wieder mit dieser Hexe träfe und er sich nur deshalb wieder beharrlich geweigert hatte, sie auf der abendlichen Gassirunde mit Flippi, der in jüngeren Jahren ein lebhafter und mutiger Jagdhund gewesen war, mitzunehmen. Ausgerechnet heute, dem ersten regenfreien Frühlingstag, durfte sie ihn nicht begleiten. Die Bäume trugen das erste frische Grün und die untergehende Sonne würde das Havelufer in der Abenddämmerung in sanftes Licht tauchen und eine goldene Brücke über den Fluss zeichnen. Bernd hatte keinen Sinn für Romantik.

»Ich will einfach mal meine Ruhe haben«, hatte er stoisch auf ihre

Frage geantwortet, warum er denn schon wieder alleine gehen wolle. Von wegen Ruhe! Dieses blonde Gift mit dem gestylten Pudel hatte es auf Bernd abgesehen! Und er ließ sich nur allzu gerne von ihr becircen.

Vierzig lange Jahre war sie ihm eine gute Ehefrau gewesen und hatte

seine Launen ertragen. Und zum Dank ließ er sie nun allein im Haus sitzen.

Während Bernd mit Flippi Richtung Havelchaussee marschierte, schenkte Charlotte sich ein Glas Rotwein ein, nahm ihr Strickzeug

zur Hand und sann auf Rache. Sie suchte nach Worten, mit denen sie

Bernd nach seiner Rückkehr zur Rede stellen würde. Oder sollte sie lieber zu handfesteren Maßnahmen greifen? Schließlich hatte Bernd bisher immer die Ohren auf Durchzug gestellt, wenn sie mit ihren Wünschen an ihn herangetreten war. Im Geiste sah sie Bernd mit dieser Tussi im Zwielicht hinter den Booten unten am Yachthafen verschwinden.

Sie goss sich ein zweites Glas Wein ein, ging in die Küche und zog ein Stück Paketschnur aus der Schublade hervor. Sie würde es zwischen die Pfosten vor dem Gartentor spannen, damit Bernd bei seiner Heimkehr im Dunkeln darüber stolperte und sich die Beine brach. Das würde ihm eine Lehre sein! Oder sollte sie doch lieber gleich die gusseiserne Bratpfanne bereitstellen? Ein weiteres Glas Wein würde ihr bei der Entscheidung helfen. Nachdem Charlotte eine zweite Flasche Wein aus dem Keller geholt und im Küchenschub nach dem Korkenzieher gesucht hatte, fiel ihr Blick auf das Fleischmesser, das sie mechanisch ergriff und neben die Pfanne legte. Mit der entkorkten Flasche ging sie zum Sofa und legte sich gemütlich hin. Gierig trank sie das erste Glas aus, füllte es erneut auf. Sie trank und trank, bis sie einschlief.

Aufgeschreckt durch den kreisenden Schein einer Taschenlampe am

Wohnzimmerfenster fuhr Charlotte hoch. Auf dem Fußboden standen zwei leere Flaschen, die Couch war mit Scherben übersät und ihre linke Hand blutete. Ihr Kopf dröhnte als flöge ein Tiefflieger über sie hinweg. Vergeblich versuchte sie, sich die letzten Stunden in Erinnerung zu rufen, während sie barfuß zur Haustür wankte. Im Flur vernahm sie ein Klopfen und Poltern, aufgeregte, aber unverständliche Rufe und schließlich Flippis Bellen und Winseln.

»Holen Sie endlich Ihren kläffenden Köter rein«, brüllte der Nachbar.

»Ich werde Sie anzeigen, seit Stunden geht das schon so.«

Entgeistert starrte der Mann Charlotte an. Um ihren Mund hatte sich eine breite Kruste aus getrocknetem Rotwein gebildet, mit ihren verquollenen Augen erinnerte sie ihn an die fette Kröte im Havelsumpf. Blut tropfte aus ihrer linken Hand und aus ihrer Hosentasche ragte die blutverschmierte Klinge des Fleischmessers.

»Wo ist Bernd?«, fragte Charlotte, während Flippi mit zwischen den Beinen geklemmtem Schwanz und angelegten Ohren jaulend an ihr vorbei ins Haus rannte.

»Wie sehen Sie denn aus? Was ist denn passiert?«, wollte der Nachbar wissen. »Soll ich einen Arzt rufen?«

»Der Hund, Bernd …«, stammelte Charlotte. »Nein, ich brauche keinen Arzt, ich will wissen, wo mein Mann ist. Warum starren Sie mich denn so an?«

»Nehmen Sie Ihre Töle und legen Sie sich wieder ins Bett, es ist ja erst fünf Uhr«, empfahl der Nachbar und wandte sich zum Gehen.

Ins Bett! Ohne den jaulenden Hund weiter zu beachten, schloss Charlotte die Tür. Als sie mit ihrer Linken den Treppenlauf griff, verspürte sie einen heftigen Schmerz. Aus dem blutigen Handteller ragten Glassplitter und die Fingerkuppen wiesen tiefe Schnittverletzungen auf.

Nachdem sie sich ins Bad geschleppt und die Splitter unter laufendem Wasser entfernt hatte, setzte langsam die Erinnerung an den gestrigen Streit ein. Bernd war mit dem Hund hinausgegangen und hatte sie nicht mitnehmen wollen. Sie hatte ein paar Gläser Wein getrunken. Mehr gab ihr Gedächtnis nicht her. Benommen löste sie zwei Schmerztabletten in Wasser auf, trank das Glas in einem Zug leer, verband sich notdürftig die verletzte Hand und legte sich ins Bett, nachdem sie das Messer aus der Hosentasche gezogen und auf den

Nachttisch gelegt hatte.

Es war zwei Uhr am Nachmittag, als Charlotte aus einem komaartigen Schlaf erwachte und langsam zur Besinnung kam. Der Hund, dachte sie, der Hund muss raus. Sie erschrak heftig, als sie in den Spiegel sah. Das Gesicht rötlich verschmiert, die Augen blutunterlaufen, fettige Haarsträhnen hingen in der Stirn.

Wider Erwarten saß Bernd nicht, wie um diese Zeit üblich, mit der Zeitung im Wohnzimmer. Er war also noch nicht heimgekehrt.

Nachdem sie nach langem Suchen Flippis Ersatzleine gefunden hatte, wollte sie in die Schuhe schlüpfen, um den Hund hinauszuführen. Wo waren denn ihre Schuhe? Wieso stand die Bratpfanne in der Diele? Seltsam! Sie versuchte, sich den Ablauf des gestrigen Abends ins Gedächtnis zu rufen und machte sich auf den Weg, nachdem sie ihre Pumps aus dem Schlafzimmerschrank geholt hatte.

In der Hoffnung, eine Spur von Bernd zu entdecken, humpelte sie zur Havelchaussee. Flippi zerrte wild an der Leine und versuchte, sie in das Wäldchen gegenüber dem Ufer zu ziehen. Charlottes Füße schmerzten, und in Pumps war an einen Spaziergang durch den Wald ohnehin nicht zu denken.

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    Maryanne Becker (Autor)

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